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Gerhard Voigt Polenreisen in Zeiten der gesellschaftlichen Krise (Fassung 1993) 1. Die politischen Rahmenbedingungen 1993 „Das Dorf Großschönau bei Zittau will eine eigene Bürgerwehr auf stellen. Großschönau liegt unmittelbar an der tschechischen Grenze, und seine Bewohner fühlen sich bedroht von ihren Nachbarn, den Tschechen, und von den Polen, die auch nicht weit weg sind. Sie würden stehlen wie die Raben, heißt es, seitdem die Grenze so löchrig geworden ist. Eine Stimmung, die überall vorherrscht in Zittau und Umgebung. Man selbst nutzt den kleinen Grenzverkehr nach Kräften aus: kauft preiswert ein, tankt das Auto voll und sich selber, denn in den Restaurants auf der anderen Seite ist alles spottbillig. Und die Frauen lassen sich von polnischen Friseurinnen ihre Dauerwellen legen. Die Nachbarn von jenseits der Grenze sollen zwar kommen, um ihr Geld auszugeben – dann aber schnellstens wieder verschwinden. Am liebsten wäre es vielen, wenn sie dabei auch noch unsichtbar blieben, »diese Polacken«.“ Diese bedrückende Momentaufnahme aus Zittau schildert Heiko GEBHARDT in seinem Artikel »Zittau im Wunderland« im STERN 19/93, S.78, und wirft damit ein bezeichnendes Schlaglicht auf die veränderte (oder im Grunde: nie geänderte?) politische Stimmungslage in vereinten Deutschland, in der Ängste, Vorurteile und Stereotypen wieder auftauchen, von denen man meinte und hoffte, daß sie in der (sozial)demokratischen Ära seit den ausgehenden sechziger Jahren aufgearbeitet und überwunden worden wären. Eine trügerische Hoffnung. Das Beispiel Zittau steht hier nicht allein für die »neuen Bundesländer«, über deren Sozialpathologie und ihre zeitgeschichtlichen Hintergründe vieles geschrieben wurde und noch viel mehr bedacht werden muß, es steht für die politische Krise in ganz Deutschland, in der sich ein Stück weit die globalen Krisen widerspiegeln. Daß, wie Heiko GEBHARDT schreibt, der Versuch des sächsischen Innenministers Heinz Eggert – selbst als evangelischer Pastor ehemaliges STASI-Opfer und Symbolfigur für die positiven Seiten des Vereinigungsprozesses –, für Vernunft und über die Grenzen hinausreichende (christliche) Mitmenschlichkeit und für einen selbstkritischen Blick auf die eigene Befindlichkeit zu werben, als Angriff auf die wiederentdeckte, aggressiv verteidigte »Ostidentität« verstanden wird – „Schöne Scheiße. Jetzt redet der auch schon wie ein Wessi“ –, ist bezeichnend dafür, daß der alte Mechanismus, in einer Situation der Schwäche, Zukunftsangst und Orientierungsunsicherheit eigene Identität und sozialpsychologische Sicherheit in der Eigengruppe durch aggressive Feindbildprojektionen zu erzeugen, in unserer Gesellschaft zum virulenten Verhaltens- und Konfliktlösungspotential der eigenen politischen Kultur gehört und wirksam geblieben ist. Orientiert an der tiefenpsychologischen Begründung der »F-Skala« (von »Faschismus-Skala«) von Theodor ADORNO (Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt 1973, S. 46 ff.) verbietet es sich, stellt man überrascht die sozialpsychologischen Parallelen zwischen den Nazi-Tätern und –Mitläufern und der heutigen dumpfen Aggressivität breiter Bevölkerungsschichten nicht nur aus der Neonazi-Szene fest, noch immer verharmlosend davon zu sprechen, daß Bonn nicht Weimar wäre und daß Deutschland aus seiner Geschichte gelernt hätte: für große Teile der politischen Elite, für die Intelligenzschichten trifft das ohne Zweifel zu, nicht aber für die Gesellschaft als Ganzes, deren politische Kultur nur unwesentlich von Aufklärung und kritischen Geschichtsbewußtsein durchdrungen ist. Darüber ist im Folgenden im Vergleich zur Situation in Polen sicher noch einiges auszuführen, um einen realistischen Hintergrund für die Begründung und Gestaltung einer politisch und gesellschaftlich bewußten Polenarbeit zeichnen zu können. Unsere Gesellschaft ist gespalten und zutiefst verunsichert. Vernunft und wertorientierte Lebensentwürfe haben als Leitbilder nur noch geringe Chancen, der Rückgriff auf obsolete und anachronistische Verhaltensmuster zeigt, daß die politische Bildung ihre Ziele nicht erreicht hat, vielleicht auch gegen das Beharrungsvermögen der Institutionen und die mit der Schule konkurrierenden Sozialisationsinstanzen in der internationalisierten Massenmedienkultur keine Chance haben konnte. Für die Ziele unserer Polenarbeit: interkulturelles Lernen, Friedensaktivitäten und Gerechtigkeitsvorstellungen vor dem Hintergrund eines verantwortungsorientierten Geschichtsbewußtseins haben sich die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen in gleicher Weise dramatisch verschlechtert wie die äußeren organisatorischen und politischen Barrieren und Hindernisse im geeinten Europa verschwunden sind. So stellt sich für manch einen tatsächlich die Frage, ob in der neuen politischen Situation – mit dem Wunsch Polens nach EG- und NATO-Mitgliedschaft – nicht die politische Ziele der Ost-West-Auseinandersetzung erreicht sind und inhaltlich strukturierte Polenprogramme mit Städte- und Schulpartnerschaften, Schüleraustausch und Studienreisen als »Nostalgieveranstaltungen frustrierter Sozialdemokraten« zu werten seien. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die verfestigten staatlich-politischen Konfrontationen sind zerfallen; ein Abarbeiten der pädagogischen Energien an institutionalisierten Konfliktbarrieren und organisatorischen Hemmnissen von der Visumspflicht bis zur Devisenerklärung ist nicht mehr notwendig – dies ist der erfreuliche Aspekt der politischen Entwicklung. Doch sind diese pädagogischen Energien dringend benötigt für neue oder wieder virulent gewordene Aufgaben im Bereich des interkulturellen Lernens und des internationalen sozialen und kulturellen Konfliktabbaues. Jetzt ist es unsere Aufgabe, sensibel und zukunftsorientiert die gesellschaftliche Krisensituation in Europa im Rahmen der globalen Konfliktstrukturen zu erkennen und ihre gefährlichen Dimensionen – Gewaltbereitschaft, Zivilisationsverluste, Neonazismus und Nationalismus, neuer Rassismus bis hin zu Kriegen um „ethnische Säuberungen“ – als pädagogische Herausforderungen zu begreifen. [Vgl. Gerhard VOIGT, Neonazismus und Ausländerinnen und Ausländer im Unterricht. Hamburg 1993.] Mit unseren Nachbarn und von unseren Nachbarn zu lernen und sich gemeinsam der geschichtlichen Erfahrung zu stellen, ist eine der wenigen Auswege aus der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krise. Wenn kürzlich in einer mahnenden Resolution von hundert Nobelpreisträgern festgestellt wurde, daß ohne eine neue politische Ethik und neues politisches Verhalten vor allem auch der Großmächte und der ökonomischen Führungsmächte, zu denen nicht nur Staaten sondern auch internationale wirtschaftliche Institutionen (IWF, OECD) und Firmen („Multis“) gehören, die manche Staaten an Macht und Einfluß längst übertreffen, die Welt binnen knapp zwanzig Jahren durch Kriege, Sozialzusammenbrüche und ökologische Katastrophen irreversibel zu Grunde gerichtet sein wird, so bestätigt das die hellsichtigen Schlagworte Gorbatschows von der Notwendigkeit des »neuen Denkens« und »neuen Handelns« und sein schon sprichwörtliches Résumé, daß das Leben den bestraft, der zu spät kommt, was nicht dadurch an Aktualität eingebüßt hat, daß Gorbatschow selbst in seinem eigenen Lande zu spät gekommen und in gewisser Weise gescheitert ist. Neues Denken bedeutet für uns vor allem, eine neuen, unbefangenen Blick auf die gesellschaftliche und historische Realität zu werfen, festzustellen, daß nicht intellektuelle und analytische Defizite für unsere prekäre politische Situation verantwortlich sind, sondern daß die Ursachen in einem strukturellen Vermittlungs- und Verständigungsdefizit begründet liegen, welches durch dominierende Konfliktbewertungen im Rahmen einer nicht reflektierten Politischen Kultur, in deren Umsetzung in verfestigten Institutionen und in der konfliktlösungsungeeigneten Interessendefinition der gesellschaftlichen Subsysteme (Politik, Wirtschaft, Recht u.a.) verfestigt und perpetuiert wird. Dies ist ein Problem der gesellschaftlichen Kommunikation, und das bedeutet, daß der Ansatz des interkulturellen Lernens im Bereich der Kommunikationserziehung liegen muß. [Vgl. Niklas LUHMANN, Ökologische Kommunikation, Opladen 1986.] Unsere Gesellschaft hat die Aufgabe, neue und geeignetere Kommunikationsformen zu entwickeln (trotz der resignativen Analyse des Strukturalismus LUHMANNS, daß dies nicht möglich sei), und die Schule muß im Bereich der politischen Bildung die Grundlage für eine geänderte Kommunikationskompetenz legen. TREUHEIT und OTTEN [Akkulturation junger Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland. Opladen 1986] sehen in einer auf kritischer Kommunikation und Metakommunikation gründenden Pädagogik die Voraussetzung, daß in die schulischen Enkulturationsstrategien auch die Akkulturationsaufgaben bei der Einbeziehung von Schülerinnen und Schülern fremder kultureller Herkunft einbezogen werden können, was in ihrer Sicht an die Stelle der traditionellen Ausländerpädagogik treten muß. Auf der Grundlage der bald zum Normalfall gewordenen mehrkulturellen Lerngruppen haben sich daher auch die Konzepte des interkulturellen Lernens in der Schule zu entwickeln. Das verändert die ehdem eher »naiven« Grundlagen der schulischen Polenaktivitäten ganz beträchtlich, die sich Anfangs aus der aktuellen politischen Situation einer neuen Ostpolitik der BRD und Paritätsvorstellungen im Vergleich zu den Jugendprogrammen mit unseren westlichen Nachbarn heraus entwickelt hatten. So hatten Polenreisen ebenso wie die Schulpartnerschaften mit Polen zunächst eher den Charakter wichtiger Zusatzveranstaltungen zum »normalen« Unterricht, in manchen Schule sogar mit dem Charakter einer »Belohnung« für besonders gute und fleißige Schülerinnen und Schüler. Das hat sich geändert und mußte sich ändern. Interkulturelles Lernen rückt zusehendst in das Zentrum der Unterrichtslegitimation nahezu aller Fächer; gemischtkulturelle Lerngruppen machen interkulturelles Lernen nicht nur zur pädagogischen Aufgabe sonder zunehmend auch zur unterrichtsmethodischen Voraussetzung, um fachliche Lernprozesse begründen und einleiten zu können. In diesem Rahmen haben internationale Programme einen Stellenwert erhalten, der sie tendenziell über die fachlichen Vermittlungsansprüche der Schule hinaushebt. Politische Bildung muß sich daher heute als Teil des interkulturellen Lernens in erster Linie als Kommunikationserziehung verstehen Dazu gehört vor allem der rationale und angstmindernde Umgang mit der Fremdheit und dem Befremdlichen in und um uns, wobei Bedrohungsgefühle und aggressive Abwehraffekte durch Neugier, Verständnis und Erweiterung der Sozialkompetenz aufgehoben werden sollen. Dabei ist es Ziel, eine Einheit der affektiven Zuwendung und des rationalen Verstehens zu erreichen, was im Sinne der Tiefenpsychologie ein Konzept der »Ich-Stärkung« beinhaltet. Dies ist der gesellschaftliche und pädagogische Ort, von dem aus eine neue, erweiterte Grundlegung der Polenaktivitäten im Rahmen des interkulturellen Lernens erfolgen muß – im Bewußtsein der heutigen Krisensituation unserer eigenen Politischen Kultur und mit Blick darauf, daß diese Krise nicht nur unsere Krise ist, sondern mit der gesellschaftlichen Krise in unseren Nachbarländern korrespondiert. Diese Krise läßt sich sowohl durch die objektiven materiellen Daten der Arbeitslosigkeit und Verarmung, wie dadurch kennzeichnen, daß traditionelle politische Lösungsstrategien nicht mehr greifen: die geschichtliche Erfahrung versagt. 2. Reisen, Begegnen, Wahrnehmen Eine zentrale Frage unserer Polenarbeit ist es, wie eine strikte Gegenseitigkeit des Kontaktes und des Lernens miteinander und aneinander zu erreichen ist, der mit dem Begriff der »Begegnung« belegt werden kann. Nur diese gleichberechtigte Begegnung kann verhindern, daß die gegenseitig gespiegelte sozioökonomische Krise als Konfrontation verstanden und funktionalisiert wird, wie es sich im eingangs zitierten Beispiel aus Zittau ablesen läßt. Begegnung ist ein komplexer, vielschichtiger Prozeß, in dem sich die eigene psychische Struktur – Motivation, Einstellung, Kommunikationsfähigkeit – mit den Bedingungen der Begegnungen und den Erwartungen und Voraussetzungen des Partners unlösbar verschränkt. Die Fähigkeit zur Begegnung ist die Voraussetzung friedlichen Zusammenlebens in der anonymisierten Massengesellschaft und über die Grenzen hinaus Grundlage für die Bereitschaft der Völker, vorbehaltsfrei und friedlich miteinander umgehen zu können. Die weltweiten gegenseitigen Abhängigkeiten, globalen Gefahren – die nur im Zusammenwirken gebannt werden können –, ökonomischen Verflechtungen fordern eine neue internationale Ethik, die an die Stelle der nationalen Konkurrenzen das Postulat der Zusammenarbeit und Gleichberechtigung – auch im ökonomischen Bereich – setzt. Das bedeutet von den Reichen und Mächtigen unabdingbar Machtverzicht und ökonomische Umverteilung. Die nationale Großmannssucht, die im vereinigten Deutschland wieder Raum greift in europäischer Wagenburgmentalität, Abwehr von sozialer und politischer Verantwortung gegenüber dem Heer der existenziell gefährdeten Migranten [mit denen möglichst das »sichere Drittland« Polen fertig werden soll] bei gleichzeitiger Fixierung auf militaristische „out of area“-Einsätze der Bundeswehr, die in bester Orwellscher »Neusprache« als „friedenssichernde und friedensschaffende“ Einsätze deklariert werden [ungeachtet der zusätzlichen Toten und der Perpetuierung militärischer Konfliktlösungsvorstellungen], ist zutiefst anachronistischen Nationalstaatsvorstellungen entsprungen und zeigt umso deutlicher, daß Konzepte wie nationale, unbedingte Souveränität, Staatsraison [deren historische Hintergründe KRIPPENDORFF, 1985, aufgedeckt hat] und das Konkurrenzprinzip der Mächte der geforderten neuen Ethik zutiefst zuwider laufen. Die offensichtlichen Schwierigkeiten in der eigenen Gesellschaft, soziale Solidarität, ökonomischen Ausgleich und vorurteilsfreien, friedlichen Umgang miteinander durchzusetzen – wobei mit Fug bezweifelt werden kann, ob die derzeit herrschende Elite »in diesem unseren Lande« überhaupt daran interessiert ist, eine solche gesellschaftliche Entspannung zu fördern –, lassen die Schwierigkeiten erahnen, vor denen erst recht neue internationale Zusammenlebenskonzepte stehen, die das Ziel und das Motiv der internationalen Begegnung sind. Internationale Begegnung hat mehrere Dimensionen oder, aus einer anderen Perspektive heraus gesehen, mehrere, aufeinander aufbauende Ebenen. Die Motivation der Begegnung wurzelt in der eigenen Enkulturation und ist damit schon in der eigenen gesellschaftlichen und schulischen Umwelt mit dem Konzept des interkulturellen Lernens zu bewegen. bevorzugter Rahmen interkulturellen Lernens ist dabei die Begegnung mit dem »Ausländer« in der eigenen Gesellschaft. Dabei ist die Kennzeichnung als »Ausländer« selbst schon problematisch und Ergebnis eines gesellschaftlichen Definitions- und Zuschreibungsprozesses. Für die internationale Begegnung erscheint es vor allem für die Organisatoren von Schüleraustausch und internationalen Begegnungen, für die Multiplikatoren des interkulturellen Lernens sinnvoll, vorab in der eigenen Gesellschaft die Bedingungen interkulturellen Lernens und der Definitionsprozesse des »Fremden« oder »Ausländischen« zu erfahren und aufzuarbeiten, ehe die Unbefangenheit entsteht, sich der ausländischen Realität offen und kritisch zu stellen und Schülerinnen und Schüler in diese andere kulturelle Umwelt einzuführen. Der Verfasser hat kürzlich in der »Zeitschrift für den Erdkundeunterricht« einige grundsätzliche Ausführungen zu diesem Thema gemacht [Interkulturelle Erziehung im Erdkundeunterricht und in der Politischen Bildung, 1993], deren Tenor im folgenden kurz wiedergegeben werden soll. Eine Vielzahl von Wahrnehmungs- und Definitionsprozessen bestimmt das Verhalten und die gegensätzlichen Einschätzungen zwischen Einheimischen und »Ausländern«. [Zum soziologischen Begriff der »Situationsdefinition« vgl. G.FALK und H.STEINERT, Über den Soziologen als Konstrukteur von Wirklichkeit. In: STEINERT, Hg., Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart 1973, S. 13-44, H.POPITZ, Prozesse der Machtbildung, Tübingen 1968, S. 35 ff.] Daß dieser Unterschied überhaupt als wahrnehmbar erscheint und als Realität wahrgenommen wird, ist keineswegs so selbstverständlich, wie es dem Alltagsbewußtsein erscheinen mag, sondern erklärungsbedürftig. Die Dichotomie »Ausländer / Deutscher«, die Aussonderung und Bestimmung des »Fremden« ist das Ergebnis eines gesellschaftlichen Definitionsprozesses. Paß und Staatsangehörigkeit sagen oft etwas ganz anderes aus als die gesellschaftliche Zuweisung nach dem »binären Code« Volkszugehörigkeit: »Deutscher« oder »Ausländer« [vgl. Niklas LUHMANN, a.a.O., S. 75-100]. Das Instrumentarium zur Untersuchung der schulischen Prozesse, um die es hier geht, stellen die Soziologie und die Sozialpsychologie zur Verfügung, deren Bedeutung für die allgemeine Pädagogik neben den individualpsychologischen Begründungszusammenhängen in der BRD lange unterschätzt wurde. Die Einordnung der Schülerinnen und Schüler in eine Kategorie »Ausländer« erfolgt zunächst schon in der Lehrererwartung, wenn er zum ersten Mal vor die Klasse tritt, und diese Einordnung bestimmt dann in gewisser Weise sein Verhalten gegenüber dieser Schülerin bzw. diesem Schüler, aber auch gegenüber der übrigen Lerngruppe, die er nicht als »Ausländer« klassifiziert hat. Dieses Lehrerverhalten muß nun keineswegs benachteiligend oder abweisend sein, es kann im Gegenteil pädagogisch fördernd und sympathiegetragen sein – es ist auf jeden Fall auch unterscheidend und damit im Wortsinne »diskriminierend«. Welche Erwartungen drücken sich im Lehrerverhalten üblicherweise aus? Lehrererwartung ist fast immer Problemerwartung und steht in der Defizitperspektive: beim Schüler »Defizite« zu erkennen und als pädagogische Aufgabe zu verstehen ist schließlich das berufliche Selbstverständnis der Lehrerschaft, Selbstverständnis der Pädagogik überhaupt. Die grundsätzliche Überlegung, Schüler nicht als »defizitäre Wesen« wahrzunehmen, und die eigene Rolle damit als »minder defizitär« abzuheben, wirft Fragen auf, die schulische Erziehung in der Konsequenz fragwürdig machen kann und in dieser Perspektive hier nicht diskutiert werden soll. Ivan ILLICH hat diese Frage gestellt und dafür an die Grundlagen des pädagogischen Selbstverständnisses rührende Antworten gegeben [Entschulung der Gesellschaft, München 1971 – Vgl. auch: Hartmut von HENTIG, Cuernavaca oder: Alternativen zur Schule? Stuttgart/München 1971]. Doch sind Überlegungen in dieser Richtung für die interkulturelle Erziehung von großer Bedeutung. In der Bismarckschule Hannover, auf die der Verfasser die vorliegenden Ausführungen bezieht, ist die Frage nach der Bedeutung des Begriffes »Ausländer« besonders auch dadurch virulent, als diejenige Schülergruppe, die aus Lehrersicht vor allem als »ausländisch« und gleichermaßen »defizitär« wahrgenommen wird, die Gruppe der Aussiedler aus Rußland und Polen ist, die sich an dieser Schule wegen das Angebotes von Russischunterricht sammelt und in der Oberstufe schon einen Anteil von rund einem Viertel der Schülerinnen und Schüler ausmacht. Diese Gruppe ist zwar recht heterogen, empfindet die Akkulturationsproblematik aber besonders scharf, da sie „von Amts wegen“ aber auch auf dem Hintergrund ihrer eigenen Erziehung und ihrer Selbstdefinition Deutsche sind und z.T. sogar deutschnationalistische Haltungen und Feindbilder mitbringen. Diese Schülerinnen und Schüler sind keineswegs unproblematisch für den Arbeitsschwerpunkt „Polen“ der Bismarckschule, und es bedarf einfühlsamer pädagogischer Bemühungen, sie nicht wieder auszugrenzen und sie in ihrer gestörten Suche nach der eigenen Identität so zu unterstützen, daß sie ihrer polnischen oder russischen Herkunftsumgebung unbefangener und angstfrei gegenüber treten können. Genau diese Aufgabe macht aber die Weiterführung unseres Schüleraustausches mit dem heutigen Polen und das regelmäßige Angebot von Begegnungen in Polen und ggf. auch in Rußland durch Reisen und Studienfahrten so wichtig. Die lange Tradition unserer Polenkontakte und die vielen guten Freunde im polnischen Schulwesen, in den polnischen Universitäten und im Bereich der Publizistik und der akademischen Berufe, die wir im Laufe der letzten fünfzehn Jahre gewonnen haben, erleichtern ein solches intensives Polenprogramm und ermöglichen Informationen und Einblicke in die polnische Realität und den polnischen Alltag, die im üblichen Polentourismus nicht vermittelt werden können. Damit stoßen wir wieder auf die zentrale Bedeutung der Alltagserfahrung, der Politischen Kultur, für die sinnvolle Gestaltung der internationalen Begegnungen. Die Doppelfunktion der Politischen Kultur – notwendige Identifikationsmuster für den Alltag in der Gesellschaft bereitzustellen und gleichzeitig Distinktion, Abwehr und Ausgrenzung des »Fremden« als dem »Bedrohlichen« zu bewirken – ist damit zentrales Problem der interkulturellen Erziehung und berührt auch die eigene biographische Konzeption und Selbstsicherheit der Lehrer. Die Politische Kultur stellt so die Muster, nach denen die Unterscheidungs- und Ausgrenzungsprozesse gegenüber der Gruppe der »Ausländer« in der Gesamtgruppe der Schüler verlaufen; sie ist die Grundlage der gesellschaftlichen Stigmatisierung. [E.LIEBOW, Tally's Corner. Boston 1967] Die internationale Begegnung, unsere Polenaktivitäten also, in einen übergeordneten, begründeten Zusammenhang zu stellen, verlangt von uns also die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Politischen Kultur bzw. der Alltagskultur und seine vergleichende Anwendung sowohl auf die eigene Situation, um die eigenen Rezeptionsbedingungen zu überprüfen, als auch auf die Situation des besuchten Landes und unserer Begegnungspartner in Polen, um diese aus ihren eigenen historischen und gesellschaftlichen Bedingungen heraus verstehen und akzeptieren zu lernen. Erst diese Dialektik der Begegnung ist in der Lage, konkret zum Abbau von Stereotypien und Vorurteilen abzubauen – was auch wieder im Prozeß der Begegnung ein beidseitiger Prozeß sein wird: Begegnung ist vertrauensvolle Kommunikation und schließlich Interaktion. Das »naive Reisen« leistet dies nicht. Sehen ohne zu Wissen führt nicht zum Verstehen: Begegnung verlangt bei aller affektiver Besetzung und Motivation die rationale Fundierung des Verständigungsprozesses. So sehr die innergesellschaftlichen Bedingungen – Entfremdung, Monotonie, Institutionalisierung und Arbeitsstreß – Reisen zu Erholungszwecken, auch mit einer gehörigen Prise »Exotikmotivation« und Abenteuerlust gepaart, verständlich und vielleicht auch für den Reisenden selbst als notwendig erscheinen lassen – es liegt mir fern, diese Dimension zu verachten und hier zu verurteilen aus der privilegierten Position des gesicherten Lehrers und Beamten heraus –, so muß doch sehr deutlich festgestellt werden, daß dieses Reisen in keiner Weise zum interkulturellen Verständnis beiträgt, sondern Stereotypien und Vorurteile tendenziell verstärkt und innergesellschaftlichen Ausländerfeindlichkeit keineswegs entgegensteht! Dies haben vor allem Untersuchungen zu Fernreisen in die »Dritte Welt« erwiesen. [Vgl. z.B. die Unterrichtseinheit »Eine neue Form der Unterentwicklung: Tourismus – am Beispiel Kenias« in Wulf D. SCHMIDT-WULFFEN, Entwicklung Europas – Unterentwicklung Afrikas. Kassel 1981; oder »Arbeitswut und Müßiggang« in FOHRBECK/WIESAND, »Wir Eingeborenen« – Zivilisierte Wilde und exotische Europäer. Reinbek 1983.] Mit anderer inhaltlicher Konkretisierung lassen sich die kritischen Perspektiven dieser Untersuchungen ohne weiteres auch auf die Begegnung mit Polen übertragen. Daß sogar Polenreisen von der »Exotikmotivation« profitiert habe, zeigt die überraschende und, vor dem Hintergrund unserer grundsätzlichen Ausführungen bedrückende, Erfahrung, daß die Attraktivität von Polenreisen gerade bei Schülern mit der Erleichterung der Reisebedingungen, mit dem innergesellschaftlichen Wandel in Polen dramatisch abnimmt: was beweist, daß viele jugendliche Polenreisende der letzten Jahrzehnte wohl eher den Nervenkitzel der innerlich gefürchteten und dämonisierten »Ostblockambiente« als die Begegnung mit der Realität unseres Nachbarn Polen gesucht haben, wobei die »aufregenden« Reise durch die DDR wohl noch eine zusätzliche Abenteuerdimension hinzufügte. Doch war hier zumindest eine Klientel, die angesprochen und behutsam auf die eigentlichen Ziele der Begegnung hingeführt werden konnte. Heute ist schon oft die Reiseplanung resonanzlos, sicher auch bedingt durch die Abnahme der Glaubwürdigkeit und Attraktivität schulischer Angebote generell mit bedingt. Die Zusammenstellung von Reisegruppen erweist heute eher eine Option für die Person des Reiseleiters oder die Attraktivität der Reisegruppe als solcher. Dies ist bei der Planung unbedingt zu berücksichtigen. Eine [intrinsische] Primärmotivation für das interkulturelle Lernen ist bei Schülerinnen und Schülern nur in den seltensten Fällen zu erwarten und entspricht der durch die gesellschaftliche Stimmungslage bedingten Geringschätzung internationaler Kontakte, die wir schon erörtert haben. Eigene Initiativen für Polenkontakte sind selten und kommen von Schülerinnen und Schülern, die in ihrer Bewußtseinsentwicklung auf dem Weg des interkulturellen Lernens schon weiter vorangeschritten sind [und eigentlich unserer Angebote am wenigsten bedürfen, was übrigens auch in der Struktur von Reisegruppen Erwachsener sichtbar wird, wo, wie z.B. bei Angeboten der Landeszentralen für Politische Bildung oder der Deutsch-Polnischen Gesellschaften, die „Polenspezialisten“ eindeutig dominieren]; dennoch sollten solche Interessen dankbar aufgegriffen und als Nucleï weiterer Polenaktivitäten genutzt werden. 3. Politische Kultur und Alltagserfahrung Die zentrale Bedeutung der Politischen Kultur für die Konzeption des interkulturellen Lernens und der Grundlegung der Polenkontakte und Polenreisen wurde schon dargelegt. Hier möchte ich noch einen Schritt weiter gehen und die Politische Kultur beider Länder – Polens und Deutschlands – zum zentralen Gegenstand des Lernens im Rahmen der Begegnung mit Polen und der Vorbereitung von Schüleraustausch und Polenreisen gemacht sehen. Das bedeutet eine rationale und kognitiv begründete Auseinandersetzung mit den Lebensformen, den Alltagsverhaltensweisen und dem sozialen und politischen Konfliktverhalten in beiden Länder, und es bedeutet, einen nicht wertenden, aber in gegenseitiger Perspektive kritischen Vergleich zu wagen. Verständnis bedeutet hier die Frage nach den Gründen und den Ursachen von Verschiedenheiten, von überraschenden und befremdlichen Wahrnehmungen beim Nachbarn. Damit wird die Wahrnehmungsfähigkeit und die Sensibilität für die Beobachtung alltäglicher Verhaltensweisen geschärft. Sinnvoll ist dieses Vorgehen jedoch nur, wenn ein tieferes Verständnis nicht nur in einem aktualistischen Vergleich sondern im Eindringen in die geschichtlichen Hintergründe des Verhaltens gesucht wird. Historische Studien zeigen, daß heutige Verhaltensformen und Wertungen, ohne daß sie von der Gesellschaft noch inhaltlich oder funktional verstanden werden, die historische Erfahrung einer Gesellschaft tradieren und widerspiegeln, d.h.: daß sie rational erklärbar sind, wenn genügend Wissen um die historischen Zusammenhänge vorhanden ist. Am Beispiel der Mitteleuropäischen Gesellschaft, vor allem im Vergleich von Deutschland und Frankreich, hat Norbert ELIAS dieses Erklärungskonzept überzeugend entwickelt und schon in den dreißiger Jahren, bei damals geringer Resonanz in der Fachwissenschaft, in seinen Studien in detaillierter Quellenarbeit belegt. Seine Zivilisationstheorie kann heute einen Ausweg aus dem Verlust an Erklärungskompetenz der Sozialwissenschaften weisen, die gerade im Zusammenhang mit den nicht vorausgesehenen Umbrüchen in Europa offensichtlich geworden ist. Für Osteuropa und damit für Polen fehlen Untersuchungen in diesem theoretischen Bezugsrahmen noch völlig; sie widersprachen zu sehr den starren realsozialistischen Erklärungsmustern für die gesellschaftlichen Transformationsprozesse, die allein den Aspekt der Klassenanalyse für relevant und erklärungsmächtig deklarierten. Ein Bezug auf die Bewußtseinsinhalte und die gesellschaftliche Wahrnehmung, die die Frage nach der Objektivität des eigenen Gesellschaftsbildes der Wirkungsmächtigkeit der subjektiv und als sinnerfüllt erlebten Geschichtserfahrung nachordnet, widerlegt damit durchaus nicht eine kritische Klassenanalyse [gerade ELIAS stellt sich der Frage nach der Durchsetzung herrschender Realitätsdefinitionen]. Doch wird der Alltag der Menschen, ihr Denken und ihre Sozialkompetenz, ihre Wertung ihrer eigenen Situation als gesellschaftliches Agens erkannt und in ihrer Geschichtsmächtigkeit beschrieben. Da die Gegenwart durch die kollektiven Erfahrungen der Vergangenheit strukturiert und definiert wird, weil sich Menschen so verhalten, wie sie es für angemessen halten und die Maßstäbe für die Angemessenheit im Enkulturationsprozeß von der Gesellschaft vermittelt und in der öffentlichen Kommunikation als Verhaltensmuster angeboten werden, gibt es keine Existenz außerhalb der Geschichte der eigenen Gesellschaft. Akkulturation bedeutet damit, im Wechsel der gesellschaftlichen Zuordnung zur eigenen gesellschaftlichen Geschichte eine weitere kollektiv vermittelte Geschichtsdimension hinzuzugewinnen. Das zeigt auch, wie unsinnig die konservative Forderung ist, Ausländern das »Deutschsein« als neue, ausschließliche Existenzform im Sinne einer vollständigen kulturellen Integration anbieten zu wollen. Im Gegenteil: Gesellschaftlich notwendig ist es, Deutschen durch interkulturelles Lernen zur eigenen Enkulturation Ansätze einer Akkulturation im eigenen Lande anzubieten, ihr »Deutschsein« zu erweitern und zu relativieren, um einen kritischen und aktiv gestaltenden Blick auf die eigene hergekommene Existenz und Identität möglich zu machen. Polenkontakte, Begegnungen mit Polen, sind daher ein dialektischer Prozeß: Durch das Erkennen des Unterschiedlichen, durch das Verstehen der Diskrepanzen, affektive Dissonanzen und Befremdlichkeiten zu überwinden und in einer Erweiterung des Selbstverständnisses die Gemeinsamkeiten intensiver denn je erfahren zu können. Polenarbeit in der Schule, Organisation von Polenreisen mit Schülerinnen und Schülern, muß die Revision der eigenen politischen Sozialisation zum Ziel haben. Es ist an der Zeit, in ein paar knappen Ausführungen die allgemeinen Begründungen am Beispiel Polens zu konkretisieren, um damit zentrale Unterrichts- und Reisevorbereitungsschwerpunkte anzudeuten und mit ein paar exemplarischen Überlegungen zu vertiefen. Zur Situation in Polen heute und in Hinblick auch auf ihre zeitgeschichtliche Bedeutung und Dimension hat Lothar NETTELMANN in seinen Aufsätzen in diesem Heft einiges Grundsätzliches ausgeführt, das hier nicht wiederholt zu werden braucht. In Hinblick auf die Situation in den achtziger Jahren in der Zeit der Solidarnosc und des Kriegsrechtes haben NETTELMANN und VOIGT [Polen – Nation ohne Ausweg? München 1986] versucht, Erklärungsansätze einer gewissen historisch fundierten Allgemeingültigkeit zu entwickeln, die auch heute noch eine Geschichtsanalyse des polnischen Alltages maßgeblich bestimmen können (Identitätsprobleme, Anachronismen und Strukturdeformationen). Geschichtsphilosophisch knüpft dies an die Überlegungen von Feo JERNSSON [Polen. München 1971] an, die sich wiederfinden bei F.E.O. JERZYKIEWICZ-JAGEMANN [„Polonitas“, in: Politik Unterricht Aktuell 1/93, Hannover/Verband der Politiklehrer]. Hier werden die Ursprünge der polnischen Kultur und des polnischen Selbstverständnisses, der „Polonitas“, die deutlich von den staatlich verfestigten Nationalvorstellungen Westeuropas abweicht, zurückverfolgt auf die Freiheitsideologie der polnischen Adelsrepublik in der Zeit des Wahlkönigtums der Jagiellonen, und noch weiter auf die bäuerliche Staatskonzeption des mittelalterlichen Piastenstaates. Schon in diesen kurzen Stichworten ergeben sich auffällige Abweichungen von der germanisch-fränkischen Adelstradition West- und Westmittel-Europas, die noch verschärft herausgearbeitet werden können, wenn die historische, der Zivilisationstheorie von ELIAS verpflichtete Analyse von Ekkehart KRIPPENDORFF [Staat und Krieg. Die historische Logik der politischen Unvernunft. Frankfurt 1985] gegengehalten wird. Zentrale Unterschiede liegen dabei in der militärisch-kriegerischen („ritterlichen“) Tradition der germanisch-fränkischen Landnahme und Staatengründung im frühen Mittelalter, die sich in der Werte-Tradition des europäischen Hochadels tradiert und die Grundlage für die spätere Ideologie der »Staatsraison« wird, der im westslawischen Bereich die Tradition des wirtschaftlich-politisch weitgehend in autonomen Familienclans lebenden freien Bauerntums entgegensteht, das eine ausgeprägte individuelle Freiheitsideologie entwickelt, die ausgehend von der vergleichenden Analyse von J.J.SMOLICZ [Verinnerlichte Werte und kulturelle Identität, in: NITZSCHKE, Multikulturelle Gesellschaft – multikulturelle Erziehung. Stuttgart 1982] der Terminologie von KRIPPENDORFF folgend als „nichtetatistische Vergesellschaftung“ charakterisiert werden kann. Daraus resultiert schon in der Staatenbildungsphase ein grundlegender Unterschied, der sich in Verhalten und in Wertungen ausdrückt: in Staatsferne und Partikularismus in Polen, in Institutionalisierungen und Hierarchisierungen in Westeuropa, in Skepsis und Mißtrauen gegenüber zentralen staatlichen Herrschaftsinstanzen in Polen und Unterordnung und Loyalität gegenüber Herrschaft und später Staatsraison in Westeuropa, schließlich in dem auf sich selbst gestellte Sein in Polen, das auch als Alltagsanarchismus bezeichnet und von außen mangels Verständnis als Chaos und „Polnische Wirtschaft“ wahrgenommen worden ist, gegenüber der positiven Bewertung von Ordnung und Herrschaftssicherheit, die letztlich zum preußischen Beamtenstaat und in den Sozialisationsstrukturen zum autoritären Charakter führten. Polen und Preußen sind in dieser historischen Perspektive nicht nur machtpolitische Gegner gewesen, sondern sie repräsentieren kontroverse Entwürfe des Zivilisationsprozesses. Dabei ist deutlich zu machen, daß die Völker diese historischen Wege nicht frei und willkürlich gewählt haben, erst recht nicht durch irgend eine metaphysische »Veranlagung« dazu getrieben wurden, sondern daß die ökonomischen und politischen Bedingungen der Staatengründungsphase die entscheidenden Weichen gestellt haben: als Ergebnis der Ereignisse der Völkerwanderung, zum Teil auch noch in einer noch älteren Tradition der spätantiken Zeit, in der sich das Germanentum ebenso wie die Kelten kriegerisch mit dem römischen Imperium messen und an ihm messen lassen mußte, ehe diese kulturell und sozioökonomisch weniger differenzierten Volksgruppen das Erbe Roms antraten – mit den Mitteln der Stammeskriegertradition und des Eroberungs- und Selbstbehauptungswillens –, und in der sich auf der anderen Seite das Westslawentum auf die agrarische Landnahme konzentrierte, eine ältere mythologisch auszudeutende Bruderschaftsideologie, deren Ursprünge noch genauer untersucht werden müßten, zur Grundlage des Nachbarschaftsrechtes machend. Nun ist eine solche historische Weichenstellung für die weitere Entwicklung zwar prägend, aber nicht als Determination oder als unabänderliches Fatum zu verstehen. Historische Erfahrung einer Gesellschaft wird permanent an ihrer Bewährung in der Gegenwart gemessen, in ihrer Anwendung modifiziert und weiter entwickelt, und schließlich aufs Neue bestätigt und verfestigt oder als untauglich und anachronistisch überwunden und abgeschlossen. Doch bleibt auch die als überwunden geglaubte Vergangenheit als Teil der Überlieferung in Alltagswertungen, Mythologien, in Literatur und Trivialüberlieferung bis hin zum erzählten Witz noch viel länger gesellschaftlich verfügbar und virulent und damit – bewußt oder unbewußt – in neuen gesellschaftlichen Krisen- und Konfliktsituationen wiederbelebbar oder funktionalisierbar; gerade eine interessengeleitete Machtpropaganda bemüht gerne und erfolgreich solche obsolet gewordenen historischen Wertungen, wie die Funktionalisierung des serbischen Nationalismus seit den zelebrierten Feierlichkeiten zum Jubiläumstag auf dem Amselfeld für heutige Machtrivalitäten im zerfallenden Jugoslawien drastisch und blutig zeigt. Polen ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich gesellschaftliche Verhaltensmuster in der Geschichte immer wieder – aus der Perspektive Polens heraus gesehen – bestätigt und damit verfestigt haben. Nehmen wir hier als zentrales Verhaltenssyndrom die Staatsferne und die Alltagssubversivität. In der bäuerlichen Agrargesellschaft als Rechtsschutz der Familien und Gentes entstanden, formalisierte sich die Freiheitsideologie in der sich entwickelnden Szlachta-Gesellschaft zum liberum veto im Sejm, dem polnischen Adelsparlament, und in dem sogenannten Konföderationsrecht, das Verhaltensweisen ausdrücklich bestätigte, die in Westeuropa als fundamentaler Loyalitätsbruch und Landesverrat verstanden worden wären. Bei der inhaltlichen Entleerung der frühslawischen und mittelalterlichen Brüderlichkeitsvorstellungen, die vordem eine Interessenbalance und eine Vorstellung von der gemeinsamen Wertbasis garantierte, mußte nun der polnische Staat – wenn auch von den Nachbarstaaten darin kräftig unterstützt – an seinen inneren Widersprüchen zerbrechen; die mittelalterliche Freiheitsvorstellung war obsolet und anachronistisch, für die aktuellen politischen Konflikte ungeeignet geworden. Poniatowski hatte das klar erkannt und versuchte den Polnischen Staat zu modernisieren und eine Phase der Reformen einzuleiten, scheiterte aber letztlich an den Widersprüchen der polnischen Staatstradition: In den Polnischen Teilungen erwiesen die nationalstaatlich organisierten – in ihrer inneren Struktur illiberalen und absolutistischen – Nachbarstaaten ihre machtpolitische Überlegenheit. Unter den Bedingungen der neuzeitlichen Gesellschaftsentwicklung hat sich der (pars pro toto) »preußische Verwaltungs- und Nationalstaat« gegenüber dem polnischen Freiheitsentwurf durchgesetzt. Geschichte ist widersprüchlich und voller seltsamer Volten. Wäre es jetzt zu erwarten gewesen, daß das Verschwinden des polnischen Staates in der historische Erfahrung als Widerlegung der alten Gesellschaftskonzeption verstanden worden wäre, daß also eine Wiedergeburt Polens wenn überhaupt dem neuen Nationalstaatenkonzept folgen mußte, geht die Politische Kultur Polens einen anderen Weg. Äußerlich zwar wird nach dem ersten Weltkrieg Polen als Nationalstaat wieder etabliert. Auch die Volksrepublik Polen nach dem zweiten Weltkrieg folgt dem üblichen internationalen Staatenmuster. Doch die polnische Gesellschaft ist seit den Teilungen mit einer anderen historischen Erfahrung konfrontiert gewesen: Staat, wo immer er auftritt, ist der oktroyierte, der feindliche, der zu bekämpfende Staat. Individuelles Überleben ist nur in der Solidarität der Gruppe gegen den Staat denkbar und erfolgreich. Das Syndrom der Staatsferne und des Alltagswiderstandes überträgt sich aufgrund neuer historischer Erfahrungen aus der Szlachtazeit auf die neue politische Situation und erweist für den Einzelnen und die Gruppe seinen biographischen Erfolg für das Überleben unter der Fremdherrschaft. So wird die Freiheitsideologie nicht in ihrem Versagen im Prozeß der Polnischen Teilungen sondern als Überlebenshilfe in der Zeit der oktroyierten Herrschaft verstanden. Die kurze Zeit von 1919 bis 1939 genügt nicht zu einer grundlegenden Umorientierung der Politischen Kultur; zu schwach und gefährdet, zu wenig auch innenpolitisch erfolgreich ist dieser neue Staat, der in der deutschen Okkupation 1939 verloren ist. Auch dieses Ereignis bestärkt die Identifikation von Staat und Fremdherrschaft, verstärkt die Ideologie der historischen Opferrolle, die in Parallele zu christlichen Vorstellungsinhalten als Opfer für die Freiheit und Opfer für die Welt, als stellvertretendes Leiden überhöht und irrationalisiert wird, wozu die geistesgeschichtliche Dimension des »Messianismus« in der Literatur des 19. Jahrhunderts die verfügbaren Bilder und Stereotypen bereit stellt. Individuelles Überleben ist jetzt wieder, in brutaler Realität, nur in der Subversion, im Untergrund möglich. Drastisch wird Hitler-Deutschland als Erbe Preußens, wie es in der brutalen Germanisierungspolitik Bismarcks im Kontext des preußischen »Kulturkampfes« in der Teilungszeit erlebt worden war, verstanden und als Gegenentwurf zur eigenen Politischen Kultur wahrgenommen. Die Phase der Volksrepublik kann das grundlegende Staats- und Weltbild nicht revidieren; zu sehr wird der neue polnische Staat als abhängig, von fremden, sowjetische Interessen gesteuert erlebt; die Gefahr auf der anderen Seite wird durch die revisionistischen Bestrebungen konservativer Kreise und Vertriebenenverbände in der BRD als auch nicht geringer geworden wahrgenommen: letztlich eine umfassende neue historische Bestätigung und Bewährung des antistaatlichen Syndroms in der politischen Alltagskultur Polens. Diese Überlegungen bewegen sich bislang auf der gesamtgesellschaftlichen und staatlichen Ebene. In der Tradition ELIAS fehlen jedoch die Belege aus dem tatsächlichen Alltagsverhalten, aus den alltäglichen Konfliktlösungen und dem alltäglichen Umgang mit dem Staat. Gerade hier finden sich didaktisch überaus fruchtbare Ansätze, sich mit Verständnis der Vorstellungswelt unseres Nachbarn zu nähern und das vielleicht Befremdliche als das in historischer Perspektive Sinnvolle zu akzeptieren. Für die ältere Geschichte fehlen noch die systematischen Untersuchungen der Quellen zum Alltagsverhalten. Die deutsche Polonistik hat sich diesen Aufgaben noch nicht gestellt, die Forschungsdefizite in Polen selbst wurden schon weiter oben begründet. Doch werden sich gerade auch in der polnischen Trivialliteratur des letzten Jahrhunderts interessante und ergiebige Belege finden. Für die Zeit der Adelsrepublik und die noch älteren Zeiten wird dies auch aus Mangel an Überlieferungen schwer sein, doch sollte ein Versuch lohnen. Hier kann daher nur aus der unmittelbaren Gegenwart einiges angedeutet werden, das einen zweiten, genaueren Blick begründen kann; sicher kann dieser Aufsatz eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Politischen Alltagskultur Polens nicht leisten, noch nicht einmal in den Fragestellungen hinreichend begründen. Das soll jedoch nicht hindern, einige aus der Sicht des deutschen Besuchers zunächst befremdliche Fallbeispiele aus den vergangenen beiden Jahrzehnten anzureißen und auf Möglichkeiten einer rationalen Erklärung hinzuweisen. Bei Schülerinnen und Schülern können damit „Aha“-Effekte provoziert werden, die zu sinnvollen Diskussionen und zum aufmerksamen Weiterfragen führen können. Nehmen wir als ersten Interpretationsanlaß zunächst ein Beispiel aus dem Wohnungsbau in Danzig. Im Danziger Vorort Oliwa befindet sich eine der größten Plattenbau-Wohnanlagen Nordpolens, in der vor allem Werftarbeiter der Danziger Werft, ehemals Lenin-Werft, untergebracht sind. Auch Lech Walesa lebte hier mit seiner Familie jahrelang. Dieses Neubauviertel mit durchaus unterschiedlichen Wohneinheiten galt zunächst – ähnlich wie das Märkische Viertel in Westberlin oder Bijlmermeer bei Amsterdam – als besonders fortschrittliches architektonisches Konzept des sozialen Wohnungsbau und einer neuen, preiswerten Wohnkultur. Daß sich hier, auch in Oliwa, seither die Beurteilungen, Maßstäbe und Wertungen geändert haben, ist allgemein bekannt. Doch nicht das ist unser Thema. Verwunderlich erscheint es dem fachlich interessierten Besucher, daß in den Bauplänen einige Hausblöcke an anderer Stelle gezeichnet und geplant wurden, als sie tatsächlich gebaut worden sind, und daß genau bei diesen Blocks die Straßenverkehrsführung einige umständliche Umwege aufweist. Nun wäre es zu einfach, das Schlagwort der „polnischen Wirtschaft“ hier anzuwenden. Die Gründe liegen woanders: In der ursprünglichen Planung gab es Probleme mit dem Anschluß der Fernheizung; einige Heißwassertrassen waren einfach zu lang bzw. in ungünstiger Lage, so daß große Wärmeverluste zu erwarten waren. Auf der Baustelle wurde dann diese Planung unmittelbar vor Ort korrigiert; die befürchteten Mängel konnten durch eine veränderte Anordnung der Wohnblocks vermieden werden; doch der Straßenbau wurde bei dieser Korrektur nicht hinreichend informiert, so daß in einer späteren Ausbauphase in der Trassenführung improvisiert werden mußte. Wo liegt jetzt das der Politischen Kultur entsprechende »typisch Polnische« in diesem Beispiel? Sicher nicht in den erkannten Planungsmängeln und auch nicht in dem Versuch, diese möglichst sinnvoll zu korrigieren. Typisch und von üblichen Lösungen in Deutschland abweichend war es jedoch, daß die zentrale Planungsbehörde, die Genehmigungsbehörde – also der Staat –, nicht informiert und in die Korrektur nicht mit einbezogen wurde. Ich interpretiere dies mit dem, meist durchaus berechtigten Mißtrauen der fachlich kompetenten Bauleiter vor Ort, ob die Veränderungsvorschläge in der Planungsbürokratie überhaupt verstanden, sinnvoll umgesetzt und jemals rechtzeitig an die Baustellen zurück gegeben worden wären. Kennzeichen des polnischen Verhaltens: Mut zur eigenen Initiative, Improvisationstalent und Ablehnung bürokratischer Genehmigungsverfahren. Problem dieses Vorgehens: nicht beteiligte Interessen, wie der Straßenbau, die durchaus auch Aspekte des Gemeinwohls repräsentieren, werden nicht beteiligt und in der nächsten Handlungsrunde selbst wieder zur Improvisation gezwungen. Das Endergebnis wirtschaftlichen und planerischen Vorgehens ist in Polen, verallgemeinert man dieses Beispiel, weitaus weniger vorhersehbar als in Deutschland; merkwürdigerweise funktioniert es aber doch, oft besser als Großprojekte bei uns. Ein negativeres Beispiel soll diese Grundeinstellung noch verdeutlichen. In Gdynia (Gdingen) befand sich jahrelang ein staatliches Betonplattenwerk mitten in einer neu gebauten Wohnsiedlung und störte die Wohnqualität durch Emmissionen und Lärm ganz erheblich, vor allem da die Straßen nicht für die schweren LKW ausgebaut waren. Ursprünglich war dieser Standort wegen der kurzen Wege zu den Baustellen durchaus sinnvoll; später stellte der Staat einen Ersatzstandort bereit und verfügte den Umzug. Nichts geschah. Der angestellte Direktor verweigerte einfach die Kooperation. Das hatte sicher auch Gründe im politischen Machtkampf in der PVAP in Gdingen, in der der Direktor zur privilegierten Nomenklatura zählte und zur Kooperation mit übergeordneten Stellen in der staatlichen Hierarchie in Warschau nur gegen weitere Einflußkonzessionen bereit war. Wichtigere Begründung war jedoch, daß er die Produktionsunterbrechung während des Umzuges nicht für wirtschaftlich tragbar hielt. Damit hatte er die Unterstützung der übrigen Beschäftigten. Interpretation: die lokalen Machthaber und Honoratioren haben eine sichere Hausmacht und dadurch größeren Einfluß als zentralstaatliche Institutionen, die sich oft nicht gegen sie durchsetzen können. Loyalität gegenüber dem Staat und einem wie auch immer definierten abstrakten Gemeinwohl wird weder erwartet noch gewährt. Respekt genießt derjenige, der sich gegen den Staat durchsetzt, selbst wenn er formal selbst Staatsbeamter ist. Ein drittes Beispiel, wieder aus Gdingen: die längst notwendige Hafenerweiterung konnte über Jahrzehnte nicht durchgeführt werden, obwohl die Planungen abgeschlossen, die notwendigen Grundstücke im Besitz des Staates und sogar schon Überquerungsbrücken für Straße und Eisenbahn über das noch nicht gebaute neue Hafenbecken hinweg fertig und im Betrieb waren. Grund: auf dem staatlichen Grund und Boden hatten sich ohne Rechtstitel seit Jahren Besitzer von in Eigenarbeit erstellten Einfamilienhäusern angesiedelt. Die Sympathie der Bevölkerung lag eindeutig auf der Seite der Häuslebauer. Einen drastischen politischen Konflikt, den eine Zwangsräumung verursacht hätte, konnte und wollte der Staat nicht riskieren; die Tradition der Aufstände und Unruhen und ihre Konsequenzen wie Regierungssturz und Legitimationsverlust des Systems ist allen Regierenden nur allzu gut im Bewußtsein. Nun wird von der Stadt mit hohem finanziellen Aufwand Haus für Haus abgekauft und neuer Wohnraum bereit gestellt. Der Hafenausbau hat begonnen. Die Interpretation der Machtverhältnisse auf dem Hintergrund der polnischen Politischen Kultur braucht hier wohl nicht noch eigens angeführt werden. Eine Bestätigung für die Ressentiments vieler Polen und der polnischen Öffentlichkeit gegenüber Vertretern des Staates zeigt auch der merkwürdige Stimmungswandel gegenüber dem Arbeiterführer und heutigen Staatspräsidenten Lech Walesa, der als Vertreter der Solidarnosc im Kampf gegen den Staat nahezu uneingeschränkte Unterstützung und Bewunderung erfuhr, mit seinem Aufstieg in das höchste Staatsamt jedoch fast durchweg Ziel beißenden Spotts und oft peinlicher Witze und Herabsetzungen geworden ist. Dabei spielt die Frage nach seiner tatsächlichen persönlichen Qualifikation für unsere Interpretation nur eine geringe Rolle (die Reihe unserer eher zweifelhaft begabter Spitzenpolitiker ist auch lang); interessant ist nur der abrupte Stimmungsumschwung, sobald Walesa „die Seiten gewechselt hatte“. Es gilt nicht als Ehre und Verdienst, im Staat hohe Stellungen zu erreichen, sonder viel eher, spektakuläre Erfolge gegen den Staat erzielt zu haben. Was das für die Chancen der Überwindung der heutigen sozioökonomischen und politischen Krise in Polen bedeuten wird, ist ein interessanter und längst nicht ausgeschöpfter Diskussionspunkt, der auch im Zusammenhang mit der inhaltlichen Strukturierung von Polenreisen eine gewichtige Rolle spielen sollte, wenn die notwendige Offenheit und Ambivalenz der Beurteilungskriterien gewahrt bleibt. Letztes Beispiel soll die sich wandelnde gesellschaftliche Rolle der katholischen Kirche in Polen sein. Über Polentum und Katholizismus hat Lothar NETTELMANN, u.a. bezogen auf MECHTENBERG [z.B. in „Aktuelle Ostinformation“ 3/4-90, 3/4-91], Kritisches ausgeführt [S. 18 f.]. Hier genügt der Hinweis auf den überraschenden Stimmungsumschwung zumindest im städtischen Bürgertum gegenüber der Kirche – unabhängig von den persönlichen Glaubensüberzeugungen. War die Kirche in der Zeit vor der politischen Wende auch hier wie im ganzen Lande unbestrittener und angese- hener Garant des Widerstandes gegenüber staatlichen Machtansprüchen, Schutz- und Aktionsraum zugleich, so überwiegt hier neuerdings heftige Kritik an Kirche und Klerus, und zwar vom Augenblick an, als die Kirche in der neuen polnischen Republik selbst Gestaltungsansprüche anmeldete und als Konsequenz aus dem erfolgreichen gemeinsamen Kampf gegen die Volksrepublik Machtteilhabe einforderte. Diese Auseinandersetzungen sind noch nicht abgeschlossen; möglich ist es, daß sie letztlich zu einem neuen Form des Katholizismus in Polen führen müssen, gerade auch gegen die Optionen des polnischen Papstes Johannes Paul II., dem vielleicht gerade mit dem »Sieg« der Kirche in Polen seine eigene Machtbasis entzogen wurde. Aber das wird die Zukunft zeigen. Festzuhalten gilt, daß diese – scheinbare – Widersprüchlichkeit zum Kernbestand der polnischen Überlebensstrategien zählt und Ergebnis des kollektiven Erfahrungsschatzes aus der Geschichte ist. Lassen wir doch deutsche Schülerinnen und Schüler, denen diese Seite Polens nahe gebracht worden ist, einmal darüber reflektieren, wie sich deutsches Alltagsverhalten und staatliches Auftreten aus dem Erfahrungsschatz der deutschen Geschichte herleiten läßt und was somit die Charakteristiken der politischen Alltagskultur in Deutschland sind! Fahren wir nun mit einer Schülergruppe nach Polen, werden wir im Kontakt mit polnischen Gesprächspartnern und in polnischen Familien mit einem weiteren Zug des polnischen Alltags konfrontiert, der fast allen Reiseteilnehmern sofort auffällt und der dennoch erklärungs- und interpretationsbedürftig ist: die oft als unmäßig empfundene polnische Gastfreundschaft. Ausgedehnte Begrüßungsrituale, trotz vielen Küssen und Körperberührungen durchaus nicht intim sondern von einer formelhaften Herzlichkeit, die von Deutschen leicht mißverstanden werden kann; Handkuß für die Damen, umständliche und indirekte Ausdrucksweisen, eingekleidet in hunderte von Höflichkeitsfloskeln [die ohne polnische Sprachkenntnisse kaum zu verfolgen sind und im Versuch, sie ins Deutsche zu übertragen, umständlich und unfreiwillig komisch bis peinlich wirken], ausgiebiges bis übermäßiges Essen und Trinken: was verbirgt sich dahinter? Wichtig ist es, daß wir in Deutschland z.B. mit Küssen und Körperkontakten eine Stufe familiärer oder sexueller Intimität andeuten, die von den polnischen Begrüßungsritualen nicht gemeint ist. Sensibilität und Dezenz des eigenen Verhaltens in dieser Situation sind für deutsche Besucher notwendig. Daß vor dem Hintergrund unseres Verständnisses dieser Körpersprache in letzter Zeit auch in Deutschland Teile der sich exzentrisch gebenden jugendlichen »Softie-Kultur« ein öffentliches Küßchen- und Schmuseritual zelebrieren, führt hierzulande nur zu Mißverständnissen und Irritationen, die dem gemeinsamen öffentlichen Sinnverständnis zuwider laufen. Hier zeigt es sich, wie wichtig für ein konfliktfreies gesellschaftliches miteinander Umgehen die Beherrschung der Semantik der nonverbalen Kommunikation ist, die nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte, auch wenn ihre Kontingenz und historische Bedingtheit offensichtlich ist und auch erkannt werden soll. Die höhere Ritualisierung des polnischen Alltagsverhaltens ist die dialektische Kehrseite des Mangels an institutioneller Alltagssicherheit, die sich in der polnischen Geschichte durch die abweichende Form der Vergesellschaftung und die nur – aus unserer Sicht – defizitär entwickelten staatlichen Metastrukturen der Gesellschaft herausgebildet hat. Andere Beispiele, wie der islamische Orient, bestätigen die grundlegende Einsicht, daß gering entwickelte staatliche Sicherheit und Festigkeit notwendig eine aufwendigere Symbolsprache zwischen den Kommunikationspartnern selbst erforderlich macht, um die Friedlichkeit der Begegnungssituation zu garantieren und ein Grundvertrauen für den weiteren Verlauf der Kommunikation, des Handels oder der Interaktion aufzubauen. Auch diese Alltagsrituale sind in Polen bis auf das piastische Mittelalter zurück zu verfolgen. Ein gemeinsames Essen und ein gemeinsames Besäufnis (dem sich die Schülerinnen und Schüler aber tunlichst nicht unterziehen sollten) stiftet dauerhafteren Frieden als lange Erklärungen. Aber auch in Deutschland lassen sich Relikte solcher friedenssichernden Alltagsrituale nachweisen, die in ihrer Bedeutung heute nicht mehr verstanden werden, z.T. aber gerade in die „ritterliche“ Vergangenheit zurückweisen, wie z.B. das Händegeben bei der Begrüßung: Sicherheit davor, während der Begrüßung mit der rechten Schwerthand heimtückisch zur Waffe zu greifen. Je länger der Händedruck, desto größer das Mißtrauen gegen den Partner! Fassen wir unsere Überlegungen bis hierher knapp zusammen: Polenreisen sind in der kritischen politischen und sozialen Gegenwartssituation notwendiger denn je zuvor; der Zusammenbruch der kommunistischen Regierungssysteme hat mitnichten das „Ende der Geschichte“ herbeigeführt, mit dem wir uns befriedigt zurücklehnen können, sondern im Gegenteil neue Konflikte und Probleme aufgeworfen, gesellschaftliche Konventionen und Legitimationen infrage gestellt und alte anachronistische Situationsdefinitionen und Stereotypen wieder virulent werden lassen, so daß unsere internationale Situation und Aktivität neu überdacht und begründet werden muß. Ansätze dazu finden sich im Konzept des interkulturellen Lernens, das sich auf eine primär kommunikationsorientierte Didaktik stützt und inhaltlich an den Konzepten der Politischen Kultur orientiert ist. Das ist auch ein Versuch, aus der Legitimationskrise einer engen Fachdidaktik hinauszukommen und interdisziplinäre, an einer kritischen Realitätssicht zu messende pädagogische Inhalte und Methoden zu entwickeln, die der internationalen Begegnung und der Kommunikation über die Stukturen und geschichtlichen Hintergründe der Politischen Kultur eine zentrale Stellung einräumen muß. Im letzten Teil unserer Überlegungen muß aber auch die materielle Erfahrbarkeit Polens, das was tatsächlich zu sehen und zu erleben ist, in einigen Reisebeispielen reflektiert und vorgestellt werden. Das kann und darf sicher keine Reiseführer ersetzen. Ausgewählt wurden Orte und Stätten – die auch mit Bildern repräsentiert werden – an denen sich die Besonderheiten der polnischen Geschichte besonders gut erfahren und erleben lassen und wo sich ein Einblick in die „Polonitas“ anbietet. Sicherlich hat eine solche Auswahl ihre subjektiven Seiten. Die inneren Auswahlkriterien lassen sich in den bisherigen Ausführungen ablesen, als äußeres Ordnungsprinzip kommt die regionale Anordnung hinzu, die sich aus dem Vorschlag für drei – erprobte und bewährte – Reiserouten durch Polen ergeben. Zu kurz kommt in diesem Zusammenhang, in dem wir vor allem historisch-politisch argumentiert haben, auch der geographische Erklärungsansatz, der vor dem Hintergrund der vielfachen Grenzziehungen im Gebiet des heutigen Polens und der daraus historisch-geographisch herleitbaren Disparitäten und Strukturdeformationen wesentliche Erklärungsansätze zur heutigen Krisensituation in Polen anbietet. In der Konzeption der vorgestellten Reisen spielte auch dieser Aspekt eine Wichtige Rolle. Doch genügt es hier, darauf hinzuweisen, daß gerade dieses Thema bei NETTELMANN/VOIGT [Polen – Nation ohne Ausweg. München 1986] einen Schwerpunkt der Darstellung ausmacht und daß aktuelle Informationen dazu nachgelesen werden können bei Bronislaw KORTUS [Wirtschafts-räumliche Wandlungsprozesse in Polen, in: Politik Unterricht Aktuell 1/93. Hannover/Verband der Politiklehrer]. 4. Polenreisen der Bismarckschule Hannover Die Polenkontakte der Bismarckschule Hannover haben eine lange Tradition. Die Bismarckschule war eine der ersten bundesdeutschen Schulen, der eine offizielle Partnerschaft gelungen ist. Dazu waren viele bürokratische Hindernisse und politische Widerstände in der BRD wie in der VR Polen zu überwinden. Doch die Einbindung in die Städtepartnerschaft zwischen Hannover und Poznan, die Zusammenarbeit mit der aktiven und politisch renommierten Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. und das intensive Engagement des Schulleiters wie vieler Kollegen hat dann schließlich auch einen offiziellen beidseitigen Schüleraustausch ermöglicht. Darüber wird an anderer Stelle in diesem Heft ausführlicher berichtet. Die Kontakte wurden dadurch erleichtert, daß seit Beginn unserer Bemühungen vor etwa zehn Jahren regelmäßig Ferienreisen mit Schülern unter der Leitung von Lothar Nettelmann, der auch Vorstandsmitglied der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover, e.V., ist, und von Gerhard Voigt (Vorsitzender des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover) durchgeführt worden sind und auch für die Zukunft wieder geplant werden. Beide haben ihre langjährigen Polenerfahrungen in einer gemeinsamen Monographie über „Polen – Nation ohne Ausweg?“ 1986 beim Olzog-Verlag in München niedergelegt. Was sind die inhaltlichen Zielsetzungen von Polen reisen mit Schülern? Eine Studienfahrt nach Polen mit einer altersmäßig heterogenen Gruppe muß an die unterschiedlichen Erfahrungs- und Lebenssituationen anknüpfen. Während Schüler vor allem durch eine an schulischen Vermittlungsformen orientierten inhaltlichen Vorbereitung durch die Einbindung der Reisevorbereitung in einen übergreifenden Arbeitsschwerpunkt „Polen“ der Schule motiviert werden können, müssen die übrigen Reiseteilnehmer, Eltern, Kollegen, ehemalige Schüler – und wir legen Wert auf die Einbeziehung dieser Gruppen in die Poleninitiativen! – vor allem durch den persönlichen sozialen Kontakt in das Reisegeschehen integriert werden. So entsteht ein vielfältiges inhaltliches Programm mit historischen, zeitgeschichtlichen, geographischen, politischen und kulturellen Aspekten. Neben dem Schüleraustausch mit dem V. Liceum in Poznan wurden von der Bismarckschule Hannover verschiedene Studienfahrtprogramme in Polen erprobt. An dieser Stelle wird von drei „exemplarischen Reisen“ berichtet, die jeweils in den Osterferien der Jahre 1983, 1985 und 1987 stattfanden. Als Organisationsform wurde die Busreise für ca. 30 Teilnehmer mit Hotelübernachtung (Kat. II) und Halbpension (gebucht bei JUVENTUR, Warszawa) gewählt. Bei einer Reisedauer von ca. 10 Tagen entstanden so pro Teilnehmer Reisekosten von ca. 600,- DM, wobei ein Reisekostenzuschuß der Landeszentrale für politische Bildung von 100,- DM pro Teilnehmer noch hinzugerechnet werden muß. Leider haben sich die Preise in den letzten Jahren so erhöht, daß reine Schülerreise in dieser Organisationsform kaum mehr möglich sind. So muß entweder ein Träger der Reise gefunden werden, der eine eigene zahlungskräftigere Klientel ansprechen kann, aus der heraus die Schüler sozial alimentiert werden können, oder es müssen durch Familienunterbringung, Kombination mit dem Schüleraustausch oder Unterbringung in billigeren Herbergen erhebliche Kosteneinsparungen vorgenommen werden. Über die Möglichkeiten einer Zelttour und über Arbeitseinsätze im Rahmen gemeinnütziger Organisationen wie der Aktion Sühnezeichen wird an anderer Stelle diese Heftes berichtet. Die Programmvorbereitung konnte auf die vielfältigen persönlichen Kontakte der Bismarckschule Hannover ebenso zurückgreifen wie auf die Unterstützung durch die Deutsch-Polnische Gesellschaft Hannover e.V. Seit 1987 wird die Organisation dieser Polenreisen noch stärker in den Arbeitsschwerpunkt der UNESCO-Projekt-Schulen, zu denen die Bismarckschule Hannover gehört, hineingestellt, was bedeutet, daß pädagogische Konzepte der interkulturellen Erziehungen bewußt mit berücksichtigt werden. Als Träger der Vorbereitung (nicht aber als Reiseveranstalter) tritt seither der UNESCO Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., auf. Die Betreuung der drei hier vorgestellten Reisen übernahm OStR Gerhard Voigt, Politik- und Geographielehrer an der Bismarckschule Hannover. Auf diesem breiten Fundament der inhaltlichen Konzeption und Vorbereitung war es dann auch möglich, das Reiseangebot über die zunächst angesprochenen Schülerinnen und Schüler der Bismarckschule Hannover hinaus für Kollegen, auch von anderen Schulen, ehemalige Bismarckschüler und Eltern und Freunde der heutigen Schüler zu öffnen. Wichtig war es uns jedoch, nicht im Sinne eines „Reiseveranstalters“ öffentlich anzubieten (was auch rechtlich problematisch gewesen wäre), sondern eine Gruppe zusammenzustellen, die durch persönliche Bekanntschaft und Beziehungen eine eigene inhaltliche Reisemotivation entwickeln konnte, die sich in Vor- und Nachbereitungsseminaren und der gemeinsamen Veröffentlichung eines Reiseberichtes doch wesentlich anders und gehaltvoller ausdrückte als es bei üblichen kommerziellen Polenreisen üblich ist. So stand immer das inhaltliche Vermittlungsangebot im Vordergrund der Reiseplanungen. Dem Thema Polen kann man sich in unterschiedlicher Weise nähern. Ausgehend von der aktuellen Krise sollte vor allem im Rahmen einer materiellen Analyse der sozioökonomische Aspekt in den Vordergrund gestellt werden, der sich in der unmittelbaren Beobachtung im Stadt- und Wirtschaftsraum verifizieren läßt. Weiter in die Tiefe gehende fachliche Gespräche, auf die wir bei unseren Polenkontakten großen Wert legen, vermitteln unterschiedliche Deutungsmuster für die polnische Entwicklung und die historisch-kulturelle Identität dieses Landes. Sehr überraschend ist es für die Teilnehmer zu beobachten, in wie starkem Maße in Polen geschichtliche Erfahrung präsent ist und heutiges politisches Verhalten prägt. Wie das aus der historischen Erfahrung heraus zu begründen ist, wurde in den vorangegangenen Abschnitten aufgezeigt. Das gilt schließlich in besonderem Maße für die belasteten deutsch-polnischen Beziehungen, denen wir uns immer wie der an den Zeugnissen des Naziterrors in Polen und an den Mahnmalen der Okkupationszeit stellen müssen, um auch selbst einen neuen Zugang zu unserer eigenen Geschichte zu erlangen. In die Zukunft weist der Kontakt mit den Jugendlichen unserer Partnerschule, dem V. Liceum in Poznan. Viele Freundschaften und persönliche, überdauernde Kontakte konnten während der Besuche in unserer Partnerschaft geknüpft werden, die immer wieder unter neuen fachlichen Schwerpunkten stehen – Sport, Geographie etc. – und von einer Vielzahl von Kollegen, darunter unserem Schulleiter Herrn Bauermeister begleitet wurden. Unsere Polenkontakte sind ein Hoffnungsträger der UNESCO-Arbeit! Die drei hier vorgestellten Polenreisen sind insofern typisch und maßstabsetzend, da sie drei unterschiedliche Routen durch Polen mit einem jeweils dazu spezifisch entwickelten inhaltlichen Informationsprogramm darstellen: - die „Nordroute“ (Szczecin, Gdansk, Warszawa, Poznan),
- die „Südroute“ (Wroc
- das „Profil“ (Poznan, Gdansk, Warszawa, Kraków,
Wroc Die Intensität der Begegnung mit den einzelnen Städten und Regionen ist natürlich durch die jeweiligen inhaltlichen Programmschwerpunkte bedingt; für die Bismarckschule Hannover ist der Besuch in Posen (Poznan) durch die Schulpartnerschaft mit dem dortigen V. Liceum natürlich für jede Reiseplanung eine besondere Attraktion und die Chance für die Schüler zur persönlichen Begegnung mit Gleichaltrigen. Hier berühren sich Schulpartnerschaftsarbeit und Reiseprogramm unserer Schule, die sich beide gegenseitig stützen und intensivieren – auch eine Aufgabe der bewußten UNESCO-Projektschul-Arbeit! In den knappen Anmerkungen zu den drei Reisen soll, durch Fotos unterstützt, ein erster Eindruck von Routen- und Programmplanung und der inneren „Dramaturgie“ einer jeden solchen Reise vermittelt werden. Erläuterungen zur Konzeption der „Nordroute“ Erläuterungen zur Konzeption der „Nordroute“ Die „Nordroute“ führt durch die strukturschwächeren Regionen Polens, in denen durch das ehemalige Vorherrschen des Großbauerntums ebenso wie durch die geographischen Lagenachteile die industrielle Entwicklung zurückgeblieben ist. Polens Entwicklung wird vor allem von den Industriegebieten des Südens gesteuert. Eher isoliert, aber dafür modellhaft für eine ganze Skala polnischer Probleme, sticht daher der Agglomerationsraum der „Dreistadt“ Gdansk-Sopot-Gdynia heraus. Eine Route, die zunächst über Szczecin durch die pommerschen Moränen- und Dünengebiete führt und dabei der wechselvollen Geschichte dieses deutsch-polnischen Durchdringungsraumes nachgeht, findet dann in Danzig einen inhaltlichen Schwerpunkt, der in seiner Spannweite ausgereizt werden kann. Geschichtliche Tiefe (Langer Markt, Marienkirche, Krantor), zeitgeschichtliche Problemlagen (Polnischer Korridor, Freie Stadt Danzig, Gründung von Gdingen), der brutale Einschnitt von Okkupation und Krieg (Westerplatte, Stutthof) und Brennpunkte der Nachkriegsentwicklung (Wiederaufbau, Unruhen 1970/71, Nucleus der Solidarnosc-Bewegung) geben dieser alten Stadt Aktualität und exemplarische Bedeutung. Dies kann am Beispiel der Arbeiterdenkmäler erläutert werden: Polen lebt mit seinen Widersprüchen. Die von der Solidarnosc errichteten Denkmäler in Posen - in Erinnerung an die Aufstände vn 1956 - und in Danzig - in Erinnerung an die Unruhen von 1970/71, Ereignissen, die jedesmal Todesopfer forderten und dabei zu Ablösungen in der Staats- und Parteispitze führten - überdauerten Kriegsrecht und Verbot und haben im Bewußtsein dieser Städte „offiziösen“ Charakter angenommen. Sie sind Anlaß, sich mit dem Problem des Konfliktes um Staatsloyalität und Gruppenidentität, mit der grundsätzlich anderen (vielleicht auch positiv zu wertenden?), skeptischen Haltung der polnischen Bevölkerung zur Staatsautorität zu beshäftigen. Hier lernt der Schüler, vielleicht anwendbar, was Zivilcourage bedeutet, ganz im Gegensatz zu den heute wieder bevorzugten affirmativen Gesellschaftsbildern. Warschau als zweiter Großstadt (nach einem Besuch von Malbork auf dem Wege) führt dann wieder in die großstädtisch-metropolitane Realität der Gegenwart und kann Ort für vorbereitete Gespräche und Kontakte sein, die zu einer ersten Sichtung und Klärung der eigenen Eindrücke beitragen. Der Besuch in Posen zum Abschluß der Reise vertieft diese persönliche Besinnung und ist Atemholen wie Abrundung der Polenerfahrungen. An einigen Fotos sollen die Erfahrungsmöglichkeiten verdeutlicht werden: Gdansk (1) Blick von der Marienkirche auf die Altstadt. Danzig ist in mehrfacher Hinsicht ein lohnendes und aufschlußreiches Reiseziel. Stellt sich doch hier sehr intensiv, wenn man die historischen materiellen Zeugnisse zu sehen und zu deuten weiß - was, übrigens, einiger vorheriger historischer Information und Einstimmung bedarf -, die Frage nach den deutsch-polnischen Beziehungen, nach der Geschichte des Zusammenlebens, nach Kulturkontakt und auch, tragischerweise, Konflikt, Krieg und Okkupation! Gdansk (2) Langer Markt. Die Restaurationsbemühungen und - erfolge, die Polen in den kriegszerstörten Städten gezeigt hat, bewahren gesamteuropäisches Erbe der polnischen wie der deutschen Geschichte - ein notwendiger Akt der Selbstfindung und Selbstbehauptung nach dem Versuch der deutschen Okkupationsmacht, die polnische historische Identität zu vernichten. Gdansk (3) Vortreppen der Mariengasse (Mariacka) im Schnee. Die Funktion der Altstadtgassen hat sich nach dem Wiederaufbau geändert. (3a) Jetzt finden sich hier, tourismusorientiert, Schmuckhändler, Kunsthandwerker u.ä. Gdansk (4) Krantor, alter Hafen. Das alte Symbol dieser Stadt wird bald wieder in eine mittelalterlich wirkende „Speicherfront“ einbezogen sein. Der Übergang von Restauration und Nostalgie ist fließend. Die sozialen Probleme der Großstadt müssen anders und anderswo gelöst werden. Eine Fahrt in die Wohnsiedlungen um Danzig herum, im Stadtteil Oliwa - mit dem längsten Hochhaus Polens -, in die wilden Laubensiedlungen um Gdynia herum, die sogar schon eine Hafenbeckenerweiterung verhindert haben, in die Arbeitersiedlungen am Hafen rückt die Nostalgie wieder auf den gebührenden Platz. Besucher müssen beide Seiten des heutigen Polens sehen: das ingenieuse Kulturland in seinem Geschichtsbewußtsein und seinem nationalen Zusammenhalt und das wirtschaftlich ausgepowerte, von sozialen Krisen bedrohte Staatswesen, das nun seit Jahrzehnten verbissen aber recht erfolglos um eine grundsätzliche Reform von Staat und Gesellschaft ringt. Beides ist für die Zukunftsperspektive gleich wichtig. Nur deutschtümelnde Reminiszenzen und besserwisserische Einmischungen von deutscher Seite her sind unerwünscht und deplaziert. Gdansk (5) (Foto: Wehking) Orgel im Dom von Oliwa. In der historischen Abteikirche Kirche, in der 1660 der Frieden von Oliwa geschlossen wurde, der die langjährigen Schwedischen Kriege beendete, finden auf der barocken Monumentalorgel regelmäßig Orgeldemonstrationen statt - ein beeindruckendes Klangerlebnis. Gdansk (6) Arbeiterdenkmal vor der Leninwerft. - Polen lebt mit seinen Widersprüchen. Von der Solidarnosc illegal errichtet, wurde dies Denkmal erst zu einer Sehenswürdigkeit und dann zum Kristallisationspunkt eines neuen Staatsverständnisses. Poznan (7) Bus vor dem V. Liceum, der Partnerschule der Bismarckschule Hannover. Für die „Dramaturgie“ einer Polenreise hat es sich als sehr vorteilhaft herausgestellt, einen „festen Anlaufpunkt“, in unserem Falle unsere Partnerschule in Posen zu haben, wo durch langjährige Kontakte und gegenseitige Besuche schon Vertrauen und Vertrautheit und das Angebot persönlicher Beziehungen existieren, die auch den polenunerfahrenen Schüler einbinden und einbeziehen. Doch sollte diese „Fermate“ einer Reise nicht gleich am Anfang stehen, um das „Ertasten und Beobachten“ der polnischen Realität durch jeden einzelnen Reiseteilnehmer nicht zu behindern. Poznan (8) Rathaus bei Nacht, Flutlicht (Foto: Wehking) - Reiseästhetik und „Genuß und Geschmack“ können trotz der Gefahr, manipulierend zu wirken und Vorurteile zu bestätigen, eingebunden in eine auf inhaltliche Vermittlung angelegte „Reisedramaturgie“ ein Ferment der Zuneigung und der emotionalen Verankerung des Polenbildes werden. Eine Polenreise im „Nord-Süd-Profil“ Diese Route ist wegen ihrer Länge und Vielfältigkeit eher problematisch und verlangt besonders motivierte Teilnehmer der Reisegruppe. In Teilstücken folgt sie den beiden anderen Routen, doch setzt sie weniger deutliche städtische Schwerpunkt, ist dynamischer im Ablauf und gewinnt ihren Reiz vor allem aus der Abwechslung und dem Vergleich, der zwischen Nord- und Südpolen gezogen und durchaus gehaltvoll ausgewertet werden kann. An die Reiseleitung sind recht hohe Anforderungen gestellt, wobei sich eine geographische Schwerpunktsetzung anbietet. Positiv hat es sich hier ausgewirkt, wenn wir die Reise verankern mit einer ersten etwas intensiveren Beschäftigung mit der zentralen und eher mitteleuropäisch wirkenden Landschaft Wielkopolskas um Posen und Gnesen. Diese beiden historischen Städte lenken das Interesse auf die Piastenzeit, die Geburtsstunde Polens. Eine Reihe von Museen und historischen Grabungsgeländen (Biskupin) machen diese Beschäftigung anregend und spannend. Neben diesem kleinräumigen Einstieg wird der Blick auf die Größe Polens im Profil von Danzig über Warschau bis Krakau umso überzeugender. Danzig und Krakau müssen exemplarischer und geraffter besichtigt werden als bei den beiden anderen Routen; Städtebau, Stadtgeschichte, Stadtsanierung und heutige sozi-ökonomische Probleme können hier im Vordergrund stehen. Dabei sollte man sich der Unterstützung durch örtliche Fachleute versichern. Der urbane Mittelpunkt der Reise, Gegenstück zu Posen am Anfang, ist dann Warschau, wo diesmal die historische und aktuell-politische Schwerpunktsetzung des Fahrtablaufes erfolgt. Um das ganze Gewicht der Zeitgeschichte zu erleben, sollte jedoch unmittelbar vor dem Warschauaufenthalt auf einen Besuch in der KZ-Gedenkstätte Stutthof bei Danzig nicht verzichtet werden. Bei einer Umkehrung der Route sollte entsprechend die Gedenkstätte Auschwitz im Programm auftauchen. Krakau und das oberschlesische Industrierevier ermöglichen dann noch einmal industriegeschichtliche Besichtigungen und, wenn entsprechend vorbereitet, Besuche in polnischen Industriebetrieben, bei denen vor allem Gespräche mit Betriebsleitung und Gewerkschaftsvertretern interessant sind. Wieweit die Zeit zu einem abschließenden „Atemholen“ in Breslau noch reicht, hängt dann von der individuellen Reiseplanung der Gruppe ab; für uns war die Zeit von 11 Tagen für das Gesamtprogramm eher zu kurz. Auch diese Reise soll durch einige Fotos dokumentiert werden. Warszawa (9) Popieluszko-Grab Das Thema Polen und der Katholizismus kann hier nicht vertieft werden. Es wird sicher ein wichtiger Punkt jeder Reisevorbereitung, der Gespräche in Polen und der eigenen Beobachtungen sein. Die emotionale Macht der Kirche wird in der Verehrung des von staatlichen Sicherheitsorganen ermordeten Pater Popieluszko deutlich. Der überreiche Blumenschmuck, der jetzt seit Jahren sein Grab ziert, und die regelmäßige „Messe für das Vaterland“, die hier aus der Kirche durch Lautsprecher einer tausendköpfigen Menge übertragen wird, sprechen beredt Zeugnis... Warszawa (10) Ghettodenkmal Das Ghetto wurde von deutschen Soldaten nach dem blutig niedergeschlagenen Ghettoaufstand dem Erdboden gleichgemacht. Das berühmte Denkmal ist Erinnerung an dieses Geschehen und Mahnung zugleich. Willy Brandt hat das richtig gespürt, als er hier in Ehrfurcht vor den Opfern niederkniete und damit ein neues Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen möglich machte. Diese Bezüge, Kontinuitäten und historischen Verankerungen der Gegenwart deutlich und bewußt zu machen, ist Aufgabe einer Polenreise mit Schülern. Warszawa (11) Altstadtmarkt Ganz Warschau wurde nach dem Warschauer Aufstand von deutschen Truppen dem Erdboden gleichgemacht. Es war eine schier unmögliche und von Polen doch bewältigte Leistung, die alte Stadt wiederaufzubauen und dazu ein modernes Warschau zu entwickeln. Nicht alles ist zuende geführt. Wo in den letzten Jahren sogar das Schloß wieder erstanden ist, setzen die zunächst rekonstruierten Häuser am Altstadtmarkt selbst schon wieder Patina an; auch Zeitgeschichte ist Geschichte, die Spuren hinterläßt. Wir lernen in Polen mehrschichtig denken. Warszawa (12) „Fliegender Händler und Drehorgelspieler“ auf dem Altstadtmarkt. Eine folkloristische Szene für Touristen. Anmerkungen zur „Südroute“: Bei der Südroute - Einreise über Wroclaw/Breslau - ist Kraków Zentrum und Angelpunkt, ähnlich wie bei der Nordroute Danzig. So ist die „Dramaturgie“ dieser beiden Reisen sehr ähnlich, auch was den abschließenden Besuch in Posen angeht (aus bestimmten äußeren Umständen mußte unsere letzte Reise in den Süden hier Abstriche machen; doch bleibt unsere Empfehlung für einen Aufbau der Südroute wie im Folgenden beschrieben bestehen). Breslau führt, auch im Blick auf die noch deutlich sichtbaren „Narben“ aus der Kriegszeit, als ein Wahnsinnsbefehl der deutschen Führung Breslau zur „Festung“ machte und damit ihre völlige Zerstörung geradezu provozierte, tief in die wechselvolle Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen hinein. Der Weg nach Krakau führt dann auch bald zum unbegreiflichen Schreckensort Auschwitz. In Krakau selbst bietet sich eine solche Vielfalt thematischer Schwerpunktsetzungen an (Industrie/Nowa Huta, Städtebau/Stadtsanierung, Geschichte der Jagiellonen, Bergbau von Wieliczka bis Tarnowskie Gory, Kultur, Buchläden, Kunstgallerien und vieles andere), daß hier darauf nicht weiter eingegangen werden kann. In Krakau lohnen sich auch individuelle „Streifzüge“ der Fahrtteilnehmer. Warschau als zweiter Schwerpunkt - u.U. nach einem Besuch in Czestochowa - tritt dann wieder, ebenso wie abschließend Posen, in gleicher Funktion auf wie bei der Nordroute. Wenn die Zeit reicht kann bei den Routen ein Tagesaufenthalt in L¾dz noch erheblichen thematischen Gewinn bringen. Gerade nach den industriegeographischen Themen des Südens - Bergbau und Metallverhüttung - bietet die manufakturell verwurzelte Textilindustrie noch eine zusätzliche Perspektive zur Beurteilung der Wirtschaftsgeschichte Polens und Osteuropas. Zu den zeitgeschichtlichen Aspekten eines Aufenthalts in L¾dz finden sich nachfolgend Anmerkungen bei den Fotos. Łódź (13) Textilindustriemuseum Łódź wird (als „graue Industriestadt“) von Touristen nur wenig besucht. Doch gerade hier lassen sich wertvolle Eindrücke aus der polnischen Geschichte und Gegenwart - die auch eine Geschichte der Erneuerungsbestrebungen und des Kampfes um Modernität war und ist - gewinnen. Das Textilindustriemuseum mit seiner sehenswerten Sammlung historischer Textilmaschinen zeigt die ökonomische Wurzel des Aufstiegs dieser zentralpolnischen Stadt zu einem Handelsknotenpunkt zwischen Ost und West, aber auch die tragisch beendete Geschichte des polnischen Judentums, das sich hier, in der Textilindustrie erstmals eine solide eigene wirtschaftliche Existenz schaffen konnte und eine Brücke der Modernisierung zwischen assimiliertem mitteleuropäischem und traditionellem Ostjudentum schuf. Łódź (14) Gedenkstätte Radogoszcz. In der alten Textilfabrik errichtete die GESTAPO während der Okkupationsjahre, als Łódź demonstrativ „Litzmannstadt“ genannt wurde, ihr Polizeigefängnis Radegast. Hier in den Ruinen der heutigen antifaschistischen Gedenkstätte liegen die Gebeine von rund zweitausend Häftlingen, die verbrannten, als, zwei Tage vor der Befreiung durch die Sowjettruppen (hier ist diese Bezeichnung sicher einmal adäquat! Auch die GESTAPO-Wärter unmittelbar vor ihrer Flucht das Gefängnis verrammelten, Benzin in das Kellergeschoß leiteten und die Insassen lebendig verbrannten. Fluchtversuche durch einen Sprung aus den Fenstern des vierten Stocks brachten den Bewachern lebende „bewegliche Ziele“, auf die um die Wette Schießübungen gemacht wurden. Fotos, die die „Kameraden“ davon als „Andenken“ machten, sind erhalten, im anschließenden Dokumentationsraum ausgestellt und beweisen das grausige Treiben...
Łódź (15) Mahnmal auf dem Gelände des ehemaligen Kinder-Konzentrationslager Nur wenige Reste sind erhalten von einer weiteren schrecklichen Einrichtung der Nazi-Okkupanten in Łódź: dem Kinder-KZ, in dem Kinder und Jugendliche verhafteter oder ermordeter Eltern aus dem ganzen Reich zusammengetrieben wurden zur „Selektion“ und zu einem großen Teil zur Ermordung in Auschwitz oder Treblinka... Kraków (16) (Foto: D.Voigt) Sanierungsgebiet Uliza Kanonicza Krakau ist die alte Königstadt, vom Schloß auf dem Wawel beherrscht und von einem fast südländischen Reiz der Altstadt. Vieles ist hier tatsächlich noch alt und nicht wie in den völlig zerstörten nördlicheren Städten nach dem Krieg erst wieder rekonstruiert worden. Doch das bringt umso brutaler die Schwierigkeiten vor allem finanzieller Art zum Vorschein, ein solch großes bauliches Erbe zu erhalten und zu bewahren. Nur in diesem Sinne kann auch der Gang durch die verfallenden Sanierungsgebiete zu einem positiven Erlebnis werden und Polen als alte Kulturnation ebenso wie als Gesellschaft mit großen heutigen ökonomischen Problemen im Bewußtsein halten. Kraków (17) (Foto: Schultz) Sanierungsgebiet Krakau beherbergt neben seiner traditionsreichen Universität eine Vielzahl von Gruppen („Bürger initiativen“), die sich um ökologische, stadtökologische und stadtplanerische Probleme kümmern. Hier Gesprächskontakte aufzunehmen, ist sehr lohnend. Tarnowskie Góry (18) Grubenfahrt im Silberbergwerk-Museum Industriegeschichte ist spannend, wenn sie hautnah vermittelt wird im Gang durch die nur 1.60 m hohen Stollen des alten Silberbergwerkes am Nordrand des Oberschlesischen Industrierevieres (GOP) oder bei der Fahrt in einem schmalen Kahn auf einem unterirdischen Kanal: der einzigen Erleichterung, die den Bergleuten bei ihrer schweren und langdauernden Einfahrt gewährt wurde. Auschwitz (19) (Foto: Dallwig) Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers bei der südpolnischen Industriestadt Oswiecim: von erschütterten Besuchern mit Blumen geschmückte Verbrennungsöfen. Auschwitz (20) (Foto: Dallwig) Gedenkstätte Eingangsgebäude zum Vernichtungslager Birkenau, mit er berüchtigten „Rampe“, dem Bahnanschluß, zu dem die Reichsbahn nach einem speziellen Sonderfahrplan regelmäßig aus allen besetzen Gebieten und aus „dem Reich“ Häftlingszüge zur „Selektion“ und zur „Vernichtung“ in den Gaskammern und Krematorien von Birkenau fahren ließ. Tips für Polenreisen (Veränderte Fassung 1993) Der zeitgeschichtliche Hintergrund (Nazi-Okkupation) macht für uns Deutsche ein zurückhaltendes, sensibles Verhalten selbstverständlich; treffen wir doch Tag für Tag auf Menschen, die bis 1945 in Gefängnissen und im KZ festgehalten und gequält worden sind oder während dieser Zeit enge Angehörige durch die deutsche Besatzungsmacht verloren haben. `Deutschnationale Attitüden' oder selbstgerechtes Auftreten sind fehl am Platz. Daß deutsche Besucher dennoch fast immer herzlich und gastfreundlich aufgenommen werden, ist eine bewundernswerte Leistung der polnischen Kultur und kann von uns sicher nicht erwartet oder gar eingefordert werden. Offenheit, Kontaktbereitschaft und Freundlichkeit werden auch von uns erwartet. Symbolen und Erinnerungen aus der nationalen Geschichte des Landes und zeitgeschichtlichen Mahnmalen und Gedenkstätten aus der Okkupationszeit ist mit Respekt und dem notwendigen Ernst zu begegnen (Flagge, Wappen, Gedenktafeln, Denkmäler, Museen der Zeitgeschichte etc.). Ein Besuch zeitgeschichtlicher Gedenkstätten (KZ-Gedenkstätte Auschwitz oder Stutthof; Ghettodenkmal in Warschau; Polizeigefängnis Radogoszcz und Gedenkstätte für das Kinder-KZ in Lódz und viele andere mehr) gehört zu einem Besuch in Polen notwendig dazu und vermittelt eine wesentliche Verständnisdimension für das Bewußtsein des heutigen Polens wie für die zeitgeschichtliche Situation in Mitteleuropa wie im Verhältnis zwischen Polen und Deutschland. Die polnischen Änderungen der letzten Zeit ändern an diesen Ratschlägen nichts, im Gegenteil, der deutsch-deutsche Einigungsprozeß weckt in Polen eher neue Besorgnisse! Nach unseren Erfahrungen empfiehlt es sich, ein polnisches Reisebüro für die Vorbereitung einer Gruppenreise zu beauftragen. Wir arbeiten zusammen mit dem Jugendreisebüro: JUVENTUR, 01-633 Warszawa, Gdanska 27 Tel. 33-04-45 Der Flexibilität, mit der dieses Reisebüro auf alle Programmwünsche eingeht, und den relativ günstigen Preisen steht eine nicht allzu entwickelte organisatorische Sorgfalt und Kompetenz gegenüber. Als zuverlässige Partner für allgemeine Gruppenreisen können nach bisherigen Erfahrungen u.a. empfohlen werden:
IDEAL-REISEN, Volgersweg 58, D 30175 Hannover POLORBIS, Hohenzollernring 99-101, D 50672 Köln 1 Tel. 0221-521185-9 Den Bustransport haben wir immer selbst organisiert. Hier haben die örtlichen Reisebusunternehmen vielfältige und differenzierte Angebote, die wohl am besten durch eine Ausschreibung erfahren werden können. Für den Raum Hannover empfehlen wir das in Polenreisen erfahrene und im Preis für Schülerreisen angemessene Unternehmen: Lehrter Omnibusbetrieb Albert Grund OHG, Everner Str. 8-10, D 31275 Lehrte, Tel. 05132-2833,
das seit langem eng mit der Deutsch-polnischen
Gesellschaft Hannover e.V. zusammenarbeitet. Wir buchen grundsätzlich
Halbpension, da die zusätzliche warme Mahlzeit in Polen zu geringen Kosten und
zeitlich unabhängiger an Ort und Stelle zu bestellen und in Z Ein Hinweis für die Reiseleiter von Schülerreisen: Informieren Sie sich über die Rechtslage! Nach meiner Erfahrung ist es empfehlenswert, sich von den Reiseteilnehmern (bei Jugendlichen von den Erziehungsberechtigten) schriftlich und rechtsverbindlich bestätigen zu lassen, daß Sie nicht als Reiseveranstalter auftreten, sondern daß das beauftragte Reisebüro der Veranstalter ist, und daß Sie für die Reisedurchführung keine Haftung übernehmen. Lassen Sie nicht den Eindruck entstehen, daß Sie finanziellen oder sonstigen geldeswerten Gewinn aus der Reise ziehen würden oder daß Sie die Reisedurchführung in irgend einer Form gewerblich und regelmäßig übernehmen würden. Sie könnten sonst Schwierigkeiten mit dem deutschen Reiserecht bekommen. Bei privat organisierten Ferienreisen mit Schülern, die von Lehrkräften begleitet werden, ist zusätzlich der Hinweis aufzunehmen, daß es sich um keine Schulveranstaltung im Sinne des Gesetzes handelt und daß eine Diensthaftung ausgeschlossen ist. Denken Sie aber daran, daß Ihnen dennoch nach dem Dienstrecht auch in den Ferien gegenüber Schülern erweiterte Aufsichts- und Fürsorgepflichten zufallen, die bei Mißachtung u.U. zu Rechts- und Disziplinarfolgen führen können. Grundsätzlich bestehen Rechtsunsicherheiten, die eine besondere Sorgfalt der Reisevorbereitung und Reisebetreuung wichtig erscheinen lassen! Bei Studienreisen in der Schulzeit gelten in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Genehmigungsvoraussetzungen. In Niedersachsen z.B. ist nach der Genehmigung der Fahrt durch Schulleitung und Gesamtkonferenz ein rechtzeitiger Genehmigungsantrag bei der zuständigen Bezirksregierung einzureichen (etwa sechs Monate vor dem geplanten Reisetermin), der die organisatorischen Daten, einen Kostenvoranschlag (auch auf den einzelnen Schüler umgerechnet) und die pädagogische Begründung der Fahrt enthält (Erlaß MK vom 17.07.1979-304-32.021). Vor der Genehmigung dürfen keine Kostenverpflichtungen eingegangen werden. (Auf Anfrage können wir gerne weitere Auskünfte geben und Musterreisebedingungen und Mustergenehmigungsanträge zur Verfügung stellen.) 5. Camping in Polen von Gerda Heinemann und Armin Walthemate In Polen gibt es sehr viel mehr Campingplätze, als im ADAC-Führer stehen, nämlich rund 170 Plätze, die in drei Kategorien eingeteilt sind. Generelle Öffnungszeit ist 15. Juni bis 31. August, in großen Städten und in einigen touristisch attraktiven Orten sind die Campingplätze – in der Regel der ersten Kategorie – ab Mitte Mai bis Ende September geöffnet. Auf den Plätzen der ersten Kategorie stehen Cabanen (Bungalows) zur Verfügung. Außerhalb der polnischen Sommerferien (Juli/August) sind sie in jedem Fall zu mieten. Auf unseren Reisen sind wir niemals auf einen überfüllten Campingplatz gestoßen. Vorbestellung ist nicht möglich, aber auch nicht notwendig. Die Ausstattung der sanitären Anlagen entspricht zwar nicht gerade der 5-Sterne-Ideologie des ADAC, die Anlagen sind aber durchaus ohne Einschränkung zu benutzen. Die Übernachtungskosten betragen pro Person umgerechnet etwa DM 3,- bis DM 6,- pro Nacht. Ein wesentlicher Vorteil dieser Reiseart gegenüber den herkömmlichen Studienreisen für Schüler liegt in der Flexibilität, mit der die Organisatoren planen können.
Dadurch ist es möglich, eine Gruppe polnischer Schüler zur Fahrt einzuladen. Da die Teilnahme unserer Schüler am polnischen Unterricht wegen Unkenntnis der polnischen Sprache unergiebig ist und da nicht in jeder polnischen Familie die Möglichkeiten für die Unterbringung eines Gastschülers über längere Zeit gegeben sind, ermöglicht diese gemeinsame Fahrt ohne finanzielle und organisatorische Hindernisse das Zusammenkommen deutscher und polnischer Schüler in Polen. Nach unseren Erfahrungen gibt es keine Vorbehalte von Seiten der polnischen Familien, unsere Schüler ein bis zwei Tage zu Beginn, bzw. am Ende der Reise zu beherbergen.
Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991) Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992) Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993) Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991) Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990 Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924
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Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
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Bearbeitungsstand: 10. August 2009 URL: http://www.polen-didaktik.de Verantwortlich: Gerhard Voigt, vgl. Impressum eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de |