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Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen und Polen als Auftrag der UNESCO Am Vorabend der 50. Wiederkehr des Tages, an dem mit dem deutschen Angriff auf Polen der 2. Weltkrieg eingeleitet wurde, fand im ZDF eine Fernsehdiskussion statt, an der neben Historikern, Politikern und Studentinnen aus der Bundesrepublik und Polen auch der Vorsitzende der CSU in München und Bundesfinanzminister in Bonn teilnahm. Herr Waigel hatte mit Bemerkungen über die Westgrenze Polens auf dem Schlesiertreffen in Hannover erneut für Irritationen in Polen gesorgt und eine Debatte um die Dauerhaftigkeit von Grenzen in Europa ausgelöst. Als Finanzminister und starker Mann in der Regierung Kohl hängt wesentlich auch von ihm ab, wie großzügig und umfassend die Dollarhilfe für die Erneuerung und den Umbau der polnischen Wirtschaft und des Handels ausfällt. Nach längeren kontroversen Ausführungen der Geprächsteilnehmer fragte der Moderator Herrn Waigel, ob er schon einmal in Polen gewesen sei; Antwort: „Nein, ich war noch nicht in Polen, habe aber schon mit Menschen aus Polen gesprochen.“ Jetzt wurde mir schlagartig deutlich, warum er so ein distanziertes und fast buchhalterisches Verhältnis zu diesen eminent wichtigen Problemen für das zukünftige Zusammenleben der europäischen Nationen offenbarte. Man kann über Polen weder angemessen reden, noch tragfähige Lösungen für die Ausgestaltung unserer gegenseitigen Beziehungen in der Zukunft erarbeiten, wenn man das Land nicht kennengelernt und die Menschen nicht schätzen gelernt hat. Achtung vor der Kultur anderer Völker, Respekt vor den wissenschaftlichen und technischen Leistungen anderer Gesellschaften und Kenntnis von dem historischen Werdegang anderer Staaten sind kein Ergebnis von Buchwissen, sondern entstehen nur bei Reisen in diesen Ländern und bei menschlichen Begegnungen in den Familien und mit den Bürgern dieser Völker. Private Freundschaften überdauern in Polen - mehr als anderswo - Raum und Zeit. Was erfahren junge Deutsche, wenn sie an einem Schüleraustausch teilnehmen? „Denk ich an Polen in der Nacht...“ hat Heinrich Heine nicht gesagt, aber „Wenn Vaterland das erste Wort des Polen ist, so ist Freiheit auch das zweite. Ein schönes Wort!“ Und dieses schöne Wort gilt auch heute noch, denn der Patriotismus ist aus dem Kampf um Selbständigkeit, aus historischer Erinnerung und aus dem Unglück seit den Tagen Kosciuszkos entsprungen. Und nicht erst seit dem Hitler-Stalin-Pakt nennt man Polen im Westen den Osten, und im Osten den Westen; es ist also ein Stück Mitteleuropa: kommunistisch und katholisch, Industrienation und Bauernstaat, sowohl souverän als auch noch paktgebunden. Dieses „märchenhafte, wehrlose Land, von dem sich die schwarzen Adler, die hungrigen Kaiser, das Dritte Reich und das Dritte Rom ernähren“ (Adam Zagajewski) ist erneut auf der Suche nach seiner politischen Identität. Wenn man als aufmerksamer Deutscher Polen begegnet, kann man dies alles kennenlernen, ohne es sogleich zu verstehen. Der UNESCO-Auftrag zum interkulturellen Lernen findet im Schüleraustausch einen zentralen Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit, weil Schulpartnerschaften und Jugendaustausch die Erziehung zu internationaler Verständigung und Zusammenarbeit auf intensive Weise fördern und das Bild vom anderen prägen. Noch im Jahre 1970 ergab eine Untersuchung über das Polen-Bild deutscher Schulkinder: „Die Polen sind primitiv und brutal, hinterlistig und kalt, unfreundlich, unberechenbar und jähzornig“. Studienfahrten und Schüleraustausch sind ein wesentlicher Faktor beim Abbau von Vorurteilen und beim Zerstören von Feindbildern! Der Auftrag der UNESCO lautet: „ Da Kriege im Geiste der Menschen entstehen, müssen auch die Bollwerke des Friedens im Geiste der Menschen errichtet werden.“ Gesicherte und endgültige Grenzen ohne Gebietsansprüche sind ebenfalls ein Bollwerk des Friedens. Darum ist die Unterschrift des Jahres 1970 (siehe Karikatur) ein Friedensakt, den a l l e Menschen durch ihr Reden und Handeln immer wieder erneuern sollten. „Wie durch den Angriff auf Polen vor einem halben Jahrhundert Europa in einen mörderischen Krieg gestürzt wurde, so können heute Polen und Deutsche mit ihrer Verständigung das ganze Europa einer freien und friedlichen Zukunft maßgeblich näherbringen“ (Richard von Weizsäcker). Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen und Polen ist ein Stück Friedenserziehung. Würde Herr Waigel aus München von Bonn nach Warschau fahren, so könnte er heute erleben, was andere schon seit 30 Jahren erfahren haben: „Hoffnung, Resignation und wieder Hoffnung... verwirrende Impressionen... Vieles ist Übergang, Tasten nach neuen Wegen. Dabei wird die wirtschaftliche Misere noch lange das Grundproblem bleiben... Die Sehnsucht nach Europa, nicht nach einem westlichen oder östlichen, sondern nach dem Ganzen, ist in Polen tief verwurzelt“ (Arbeit im Geiste der UNESCO heißt auch „Brücken bauen“: über die Vergangenheit hinweg in die Zukunft hinein, über die Grenzen hinweg, in andere Länder hinein, über den Kopf bis in die Herzen; und transportiert werden sollte über diese Brücken Verständnis für einander, Toleranz, Demokratie und Humanität. In diesen Tagen zwischen dem 1. und 17. September gilt in Erinnerung an diese Daten vor 50 Jahren: Nicht nur deutsche und polnische Jugendliche müssen sich offenen Auges die Hand reichen, sondern auch polnische und russische sowie russische und deutsche müssen miteinander reden und Pläne entwerfen für ein vereintes Europa in sicheren Grenzen vom Atlantik bis zum Ural.
Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991) Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992) Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993) Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991) Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990 Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis. Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
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Bearbeitungsstand: 10. August 2009 URL: http://www.polen-didaktik.de Verantwortlich: Gerhard Voigt, vgl. Impressum eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de |