|
http://www.Polen-Didaktik.de |
|
Lothar Nettelmann Thesen zu den veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Polen und ihre Bedeutung für die deutsch-polnische Jugendarbeit 1. Durch den Wegfall der bisherigen politischen und sozialen Zwänge in Polen und der bisher erkennbaren Verhaltensänderungen seitens der polnischen Schüler und Schülerinnen ergeben sich neue pädagogische und schulorganisatorische Freiräume. Dieser Öffnungsprozeß in Richtung auf ein westlich liberales System wird begleitet durch das rückstandslose Wegfallen der bisher oktroyierten politischen Ideologie, die vor allem in Polen als mit dem Katholizismus konkurrierende Doktrin gekennzeichnet werden konnte. Zumindest wurde sie in der Bevölkerung gefühlsmäßig als fremde Konkurrenz zur eigenen Glaubensdoktrin aufgenommen. 2. Für die Jugendlichen resultiert daraus eine Diskrepanz zwischen den bisherigen in der gegen den Kommunismus gerichteten sozialen und politischen Kampfphase entwickelten Aspirationen bezüglich Freizeitverhalten und individueller Lebensgestaltung einerseits sowie den gegenwärtigen Alltagserfahrungen in der Übergangsphase zum Pluralismus andererseits. Dieser Prozeß ist gekennzeichnet durch Undefiniertheit der Ausgangssituationen, der Unsicherheit in der Beurteilung und Einordnung der jeweils individuell erfahrenen Übergangssituation einschließlich ihrer kurzschrittigen Veränderungen. Polen befindet sich in einem Übergang von einem spät- zum postkommunistischen System, das in dieser Phase nicht genau beschrieben werden kann. Der den westlichen Industriegesellschaften entsprechende Begriff des Pluralismus trifft auf Polen nur begrenzt zu. 3. Der Pluralismus wird in Polen noch nicht in seiner Zuordnung zu den entsprechenden Werte-, Ideologem- oder Gruppenebenen und in wesentlichem Maße als Chance und 'per se' anzustrebender Wert verstanden. Der Begriff dient gegenwärtig eher dazu, die gesellschaftlichen und politischen Machtkämpfe und Stabilisierungsprozesse zu verschleiern bzw. zu umschreiben. Es gibt gegenwärtig auch noch keinen Konsens in der Setzung eigener Maßstäbe und Akzente in der Ausfüllung individueller Freiräume. Es fehlen noch die Voraussetzungen, zu der Erkenntnis zu gelangen, durch eigenverantwortliches Handeln Grenzen zu setzen! Die Möglichkeiten, im Pluralismus Konformität durch eine freie individuelle wie kollektive Entwicklung zu ersetzen, sind noch nicht in nennenswertem Maße erkannt worden. In diesem Zusammenhang steht auch die gesellschaftliche Neubestimmung von Loyalitäten. 4. Die sich verändernden Rahmenbedingungen erfahren eine Auswirkung und Anwendung im gesamten Bildungssystem, insbesondere in der Schule. An die Stelle einer homogenen Ideologie, deren Anspruch auf Gehorsam ohnehin in Polen – historisch bedingt – durchweg auf Akzeptanz- und Wirksamkeitsbarrieren stieß, ist die Rivalität zwischen gesellschaftlichen Gruppen getreten sowie partikularisierte Konkurrenz zwischen Ideologemen. Diese finden u.a. Ausdruck in der innerkirchlichen Auseinandersetzung zwischen Fundamentalisten bzw. Dogmatikern und denen, die eine mit Westeuropa vergleichbare Entwicklung zumindest hinnehmen möchten und darin auch einen neuen Ansatz von Zukunftsperspektiven sehen1. 5. Die Konkurenz der Zielbestimmungen bezieht sich auf die rechtliche Garantie der freien Entfaltung der Persönlichkeit, Möglichkeiten einer Selbstentfaltung einschließlich individualistischer Ausprägungen sowie Liberalität und Toleranz. Die Phase der Neubestimmung erfaßt die gesamte polnische Gesellschaft in ihrer Mehrfachdifferenzierung, die Institution der katholischen Kirche, ihre praktizierenden wie auch die formalen Mitglieder. Gegenwärtig bilden sich neue Machtstrukturen heraus. Das Land befindet sich im Prozeß der Einstellung neuer Machtbalancen in Staat und Gesellschaft. 6. Die Schule ist Objekt von Instrumentalisierungsprozessen und zugleich selbst Subjekt der in ihr ablaufenden und sie selbst betreffenden Prozesse und Zwänge. Die polnischen Schüler und Schülerinnen stehen als Objekte im Spannungsfeld dieser Prozesse. Sie haben zugleich nur begrenzte Möglichkeiten, sich selbst als Subjekt dieser Entwicklung zu begreifen. Sie werden dabei beeinflußt durch soziale Spannungen und sind damit die Leidtragenden des Zusammenbruchs des Bildungssystems in Osteuropa. Andererseits gibt es auf privater Ebene gegenläufige Tendenzen z.B. durch Herausbildung eines privaten Sektors im Bildungssystem. Dieses fördert aber Diversifizierungsprozesse und in deren Folge die Zunahme von sozialer Ungleichheit. Daraus resultiert wiederum eine weitere Dehnung des innergesellschaftlichen Spannungsrahmens. 7. Folgende Beobachtungen, zumeist mit im Westen zu beobachtenden Prozessen vergleichbar, sind zu machen:
8. In Westdeutschland wird `burn-out-', `Überlastungs'- bzw. `Keine-Zeit'-Syndrom, kritisch wahrgenommen als Apathie, Resignation und Bruch individueller und sozialer Perspektiven, was sich in der Abnahme von politischem und sozialem Engagement ausdrückt. Dies wird auch im Zusammenhang mit materieller Saturierung, Überinformation durch die Massenmedien sowie extensivem Freizeitverhalten gesehen. In Polen gibt es vergleichbare Erscheinungen. Dort stellen sie aber im Zusammenhang mit der Veränderung der sozialen und ökonomischen Lage! 9. Für polnische Lehrer und Lehrerinnen ist festzustellen: Durch Wegfallen der genannten Zwänge ist eine Leere entstanden, die nur sehr langsam und zögerlich ausgefüllt werden kann. Es gibt keine verbindlichen Orientierungen mehr mit Anspruch auf Umsetzung. Neue haben sich noch nicht herausgebildet bzw. gefestigt. Man hat den Wegfall von Autoritäten noch nicht verarbeitet und bewältigt und muß entsprechende Eigenkräfte erst entwickeln. Das Problem der Arbeitsplatzunsicherheit der Lehrer und Lehrerinnen einschließlich der Schulleiter und Schulleiterinnen ist noch nicht endgültig gelöst. Viele Betroffene haben nur vorläufige oder befristete Verträge erhalten. 10. In Polen wird zunehmend die Forderungen an das polnische Bildungssystem – also auch an die Schulen und Hochschulen – erhoben, Tabubereichen offenzulegen und an einer Enttabuisierung aller gesellschaftlicher Bereiche teilzunehmen. Ziel ist dabei auch die bessere Qualifizierung der Bildungsträger entsprechend den neuen modernen Anforderungen. 11. Positive Konsequenzen bei eigenen Gruppen ist jedoch die Neugier und Offenheit, neue Orientierungen auch über die nationalen Grenzen hinaus zu suchen. Dies deutet auf eine z.T. spontane Freisetzung individueller Kräfte hin. Es kann sich dabei um das Durchbrechen bisheriger Einengungen und administrativer wie systembedingter Hemmnisse handeln. Als sehr erfreulich zu werten ist der zunehmende Wunsch sowohl der polnischen Schüler und Schülerinnen und auch der Lehrer und Lehrerinnen nach Kontakten mit deutschen Schulen2. Dies gilt inzwischen auch für Grundschule [bis einschließlich der Klassenstufe 8] und ebenfalls für berufsbildende Schulen. 12. Rückmeldungen von relativ kurzfristig und oft spontan zustandegekommen neuen Schulpartnerschaften, sind sehr ermutigend. Erfreulich ist dabei vor allem die die in jüngster Zeit zu beobachtende ausgezeichnete Zusammenarbeit mit engagierten polnischen Eltern und ehrenamtlich Tätigen. Das Überwinden organisatorischer Probleme sowie das Unterlaufen administrativer Zwänge und bürokratischer Hürden durch die hoch motivierten Beteiligten drücken dabei die andere Seite gesellschaftlicher Erscheinungen aus. Dazu gehört das Engagement in der deutschpolnischen Zusammenarbeit. Die neuen Ansätze nähren Hoffnungen und helfen, negative Erscheinungen zu überwinden. Dies alles dient den Intentionen von UNESCO und Deutsch-Polnischem Jugendwerk. Damit darf und soll auch auf dieser Ebene das zusammenwachsen, was zusammengehört. 1 vgl. die Aufsätze von Siegfried Riedel zum Themenbereich Ökumene, S. 99-104. 2 z.B. Die Deutsch-Polnischen Gesellschaften erreichten 1991 und 1992 eine sehr hohe Zahl von Anfragen betr. der Aufnahmen von Schulkontakten. Leider betrafen diese Wünsche ausschließlich die alten Bundesländer.
Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991) Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992) Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993) Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991) Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990 Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis. Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
bismarckschule.voigt@gmx.de http://www.unesco-club-hannover.de Vgl. dazu Impressum Überarbeitet August 2009 |
|
Bearbeitungsstand: 10. August 2009 URL: http://www.polen-didaktik.de Verantwortlich: Gerhard Voigt, vgl. Impressum eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de |