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Aus: Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt

Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr. Wolfgang Scholz

Der Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover

Die Partnerschaft der Bismarckschule und des V.Liceum ist mehr als ein Schüleraustausch zwischen deutschen und polnischen Schü­lern.

Sie ist einbezogen in die Städtepartnerschaft der beiden Messe­städte Hannover und Poznan. Übrigens ist die Städtepartnerschaft entstanden aus dem Kontakt hannoverscher Besucher (Aussteller, Vertreter der Stadtverwaltung und des Rates sowie insbesondere des Ober­bürgermeisters) in Posen und der entsprechenden polnischen Gäs­te in Hannover. Aus geschäftlichen wurden freundschaftliche Kon­takte. Der Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970 wurde da­mit durch Bürger der Städte Hannover und Poznan umgesetzt und ein wich­tiges Stück Aussöhnung und Normalisierung praktiziert.

Zum entscheidenden Faktor wurde dann der Abschluß des Part­ner­schaftsvertrages zwischen Hannover und Poznan sowie auch die Grün­dung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Hannover, der mehrere Kolleginnen und Kollegen der Bismarckschule angehören. Es ist jetzt müßig, all die Bemühungen und Ansätze nachzuzeichnen, die dann zum Abschluß des Partnerschaftsvertrages der beiden Schu­len führten. Wesentlich aber war - und dies ist ein immer wieder zu beob­achtender Faktor in der Zusammenarbeit mit einem sozialisti­schen und in hohem Maße bürokratisierten Land - ein außergewöhn­liches Maß an Durchsetzungsvermögen und Hartnäckigkeit anderer­seits.

Die bestehenden Hemmnisse waren im wesentlichen politischer Art. Es waren sowohl innen- als auch außenpolitische Gründe, die die pol­nischen Behörden bewegten, äußerst zurückhaltend in Fragen ei­nes Schüleraustausches zu sein. In den siebziger Jahren hatte es be­reits einige wenige Ansätze ge­geben, so daß auch polnische Schüler­grup­pen die Bundesrepublik besucht hatten. Zumeist handelte es sich aber um einmalige Angele­genheiten.

in wei­teres Hindernis war der offenkundige Druck auf das pol­nische Volks­ministerium sowie das Außenministerium, der durch die DDR aus­geübt wurde.

In der polnischen Staats- und Parteiführung dominierten damals die sogenannten „Betonköpfe“, die keinerlei Interesse an den Kon­tak­ten Jugendlicher mit der Bundesrepublik hatten. Sie fürchteten si­cher­lich um ihren Einfluß, ja Machterhalt; die Bestätigungen haben sich in den vergangenen Jahren ergeben. Die Denkkategorien des „Kal­ten Krieges“ dominierten noch.

Andererseits gab es in Polen Kräfte, die, als Fachleute hochquali­fi­ziert, aus unterschiedlichen Motiven heraus eine Hinwendung zum Wes­ten als notwendig erachteten. Es waren Technologen, Íkono­men, Geisteswissenschaftler, Journalisten - vor allem diejenigen, die an Reformentwürfen arbeiteten. Sie hatten die Reformdiskussionen in der Bundesrepublik studiert und erkannt, daß nur durch qualitative Re­formen eine positive Entwicklung möglich sei. Der persönliche Kon­takt zu diesen Fachleuten, die an wichtigen Entscheidungspro­zes­sen mitwirkten, entwickelte sich sehr kollegial und zum Teil auch pri­vat sehr herzlich. Gleiches ist zum Beispiel auch von den Teil­neh­mern der Schulbuchkonferenzen zu sagen.

Da sämtliche uns betreffenden Entscheidungen aber auf höchste Ebene fielen, das heißt auf Politbüro und Parteispitze, konnten sich die zuständigen Fachleute in den Ministerien und weiteren nach­ge­ordneten Behörden der Schulbürokratie nicht durchsetzen.

Es war für uns ein glücklicher Umstand, daß 1979 nach Abschluß des Partnerschaftsvertrages Hannover-Poznan ein Austausch- und ge­meinsames Arbeitsprogramm der beiden Städte beschlossen wurde. In dieses erste Programm wurde nun der Schüleraustausch der Bis­marckschule mit dem V.Liceum einbezogen. Dies geschah durch die be­sondere Unterstützung von Oberbürgermeister Schmalstieg (Han­no­ver) und des Stadtspräsidenten Sleboda in Poznan. Vorausge­gan­gen waren direkte Gespräche des Schulleiters der Bismarckschule Han­nover mit dem Leiter der Partnerschule und dem dortigen Kura­tor (Oberschulrat) sowie dem Vizepräsidenten der Stadtverwaltung in Poznan.

Ein gravierendes Problem war dir Unterbringung. Es wurde ver­einbart, daß die Gruppen jeweils in einer Jugendherberge oder einem Ju­gend­heim wohnen sollten. Dies war damals unumgänglich, da die Un­terbringung der deutschen Schüler von der polnischen Seite als schwie­rig angesehen wurde aufgrund der oft zu kleinen Wohnungen. Der eigentliche Grund waren aber die starken grundsätzlichen Vor­be­hal­te einiger Kreise in Polen, die durch die Unterbringung im Ju­gend­heim beschwichtigt wurden. Unser Ziel war aber von Anfang an der echte Austausch, das heißt: auch das Wohnen in den Familien der gast­gebenden Schule.

Da dies vorerst nicht möglich war, reservierten wir in Hannover in einem Jugendheim, in dem auch eine Beköstigung erfolgen konnte, die entsprechende Anzahl Zimmer für den vorgesehenen Zeitraum im Juni 1981. Ein Plan für den zwölftägigen Aufenthalt wurde erstellt. Wir gingen dabei von folgenden Gesichtspunkten aus:

1. Die polnischen Schüler sollten so oft wie möglich am Unter­richt in der Bismarckschule teilnehmen.

Diese Schüler, die Deutsch als zweite Fremdsprache mit sechs Wochen­stunden erlernen, sollten natürlich in erster Linie Deutsch sprechen und hören. Dies war der primäre Wunsch der polnischen Leh­rer. Diesem Wunsch konnte aber nur durch Teilnahme auch an al­len Fächern der Aufgabenfelder B und C entsprochen werden. Ge­rade die sogenannten Sachfächer eignen sich aufgrund ihrer in hohem Maße beschreibenden Sprache sowie der Verwendung der - bekann­ten - Symbolsprachen sehr gut. Da in Polen Russisch erste Pflicht­fremd­sprache ist und diese Sprache auch an der Bismarckschule als zwei­te Pflichtfremdsprache unterrichtet wird, wurde auch dieser Un­ter­richt (und teilweise auch der Englischunterricht) besucht. Die pol­ni­schen Schüler nahmen dann an fast allen Unterrichtsfächern teil.

2. Es sollte ein Programm erstellt werden, um nach landeskundli­chen Kriterien Hannover und seine Umgebung kennenzulernen. Wir ent­schieden uns für die Besichtigung eines Industriebetriebes (VW-Werk), den Besuch einiger Stadtteile sowie einen Ausflug in die Nach­barstadt Hildesheim.

Ein Empfang beim Oberbürgermeister und ein Gespräch über die Kom­munalpolitik wurden ebenfalls eingeplant.

3. In weiteren Veranstaltungsbesuchen sollten die Gäste Hanno­vers vielfältiges Kulturprogramm kennenlernen.

4. Es sollte - trotz der organisatorischen Hemmnisse - ein intensi­ver Kontakt der Gäste mit den Schülerinnen und Schülern der Bis­marck­schule und ihren Familien möglich sein.

Zu diesem Zweck erklärten sich interessierte Schülerinnen und Schü­ler der Bismarckschule bereit, die Betreuung von jeweils einem pol­nischen Schüler bzw. Schülerin zu übernehmen. Dies bedeutete, daß alle außerschulischen Aktivitäten und Programmpunkte mit der pol­nischen Gruppe und einigen Hannoverschen Schülern gemeinsam ab­liefen. Daneben gab es ausreichend Freizeit, bei der die Schülerin­nen und Schüler nach eigenem Ermessen ein Programm erstellten, die Stadt besuchten oder die Gäste einzeln oder in kleinen Gruppen pri­vat einluden.

Letztere Aussagen beziehen sich aber noch nicht auf das Jahr 1981. Nachdem nämlich im April 1981 bei einem Besuch in Poznan zu­gesichert worden war, daß die Gruppe im Juni kommen könne, er­folg­te wenige Wochen vor dem Termin die Absage. Die Krise hatte sich in Polen verschärft, und die mündlich zugesagten Genehmigun­gen wurden in Warschau zurückgezogen.

Die Ausrufung des Kriegszustandes am 13. Dezember 1981 hieß für uns zunächst einmal, die Hoffnung aufgeben, in absehbarer Zeit den Schüleraustausch zustande zu bringen. Nach wenigen Mo­naten er­gaben sich aber schon wieder einige Kontakte. Die Drähte zwi­schen den beiden Stadtverwaltungen waren ohnehin nicht abge­rissen son­dern durch das Kappen der Telefonleitungen nur erschwert. Auch der Kontakt zur polnischen Botschaft in Köln war für die Han­no­ve­ra­ner weiterhin sehr gut. Es sei an dieser Stelle die sehr kolle­giale Zu­sam­menarbeit mit der Botschaft der Volksrepublik Polen her­vor­ge­hoben. Man bemühte sich dort in außerordentlicher Weise, den ein­ge­schlagenen Weg der Normalisierung fortzuführen, und tat für uns al­les, was im Rahmen der Situation möglich war.

Im April 1982 bekamen wir bereits die Nachricht, daß der 1981 um ein Jahr verschobene Schüleraustausch auch im Juni 1982 statt­fin­den könne. Die polnischen Schülerinnen und Schüler würden kom­men. Trotz gewisser Skepsis liefen alle Vorbereitungen an. Lei­der er­folg­te wieder eine Absage, deren Begründung mit den Schwie­rig­kei­ten der gegebenen Situation von uns nachvollzogen werden konnte.

Während die Bedingungen des Kriegszustandes nach und nach ge­lockert wurden - bis zur endgültigen Suspendierung am 22. Juli 1983 - nun polnischerseits die Voraussetzungen wieder gegeben wa­ren, ver­schlechterten sich jedoch die deutsch-polnischen Beziehun­gen im Lau­fe des Jahres 1983. Die Kontakte der beiden Partnerstädte und der beiden Partnerschulen blieben davon unberührt. In mehreren Ge­sprächen wurde ein Vertrag zwischen den beiden Schulen ge­schlos­sen. Der Vertrag sieht dabei einen Austausch von Schülern und Leh­rern vor, aber auch die kontinuierliche Förderung des Deutsch­un­ter­richts in Poznan durch Lehrmittel und Medien, die aus einem So­zial­fond des Fördervereins der Elternschaft der Bismarckschule fi­nan­ziert werden. Außerdem sollte die Lehrerausbildung an beiden Schu­len mit einbezogen werden.

Auch der Kontakt der Lehrer und Lehrerinnen von Hannover und Poznan hat sich als sehr fruchtbar erwiesen.

Zunächst waren die Deutschlehrerinnen aus Poznan beteiligt, dann aber auch die Fachlehrer für die Fremdsprachen Russisch, Englisch und Französisch. Den Fremdsprachenlehrerinnen ging es vor allem um die modernen Methodiken im Unterricht der deutschen Schulen. Aber auch andere Fachlehrer aus Poznan haben von der Begegnung mit der Bismarckschule profitiert. Andererseits haben gleich viele Kol­leginnen und Kollegen der Bismarckschule das V.Liceum besucht und ihrerseits vom Meinungsaustausch hohen Gewinn gehabt. Zur Zeit unterrichtet erstmalig an einer polnischen Schule eine Lehrerin aus der BRD durch unsere Vermittlung an der Partnerschule in Poz­nan für mindestens zwei Jahre als „Assistent Teacher“ das Fach Deutsch. Auch die Seite der UNESCO-Arbeit ist wesentlich und muß her­vor­gehoben werden.

Eine weitere Ergänzung erfuhr die Schulpartnerschaft zwischen dem Seminar für Deutsche Literatur und Sprache der Universität Han­nover und dem Institut für Germanische Philologie der Adam-Mickiewicz-Universität (UAM) in Poznan. Dies war vor allem für die polnischen Partner wichtig, da die Lehrerausbildung dort in der zwei­ten Phase im Kontakt zwischen der Ausbildungsschule und der Uni­versität erfolgt.

Beim Zustandekommen des Austausches 1983 waren die Germa­nis­ten der UAM sehr behilflich. Insbesondere der damalige Instituts­di­rektor, Professor Orlowski, hat sich in entscheidender Weise einge­setzt und organisatorisch geholfen.

Im September 1983 reiste nun eine Schülergruppe für zwölf Tage nach Poznan. Die Unterbringung erfolgte im Studentenheim, die Be­kös­tigung aber in der Schule. Alles war kompliziert und für unsere Ver­hältnisse mühevoll. Teilweise wurde es mit Humor, teilweise aber auch mit Beklemmung aufgenommen - lernten wir doch, in Ansätzen zu­mindest, den polnischen Alltag kennen.

Die Zielsetzungen der polnischen Kollegen waren nicht dec­kungs­gleich mit unseren. Beides stand aber in gewisser Beziehung zu­ein­an­der! Die polnischen Gastgeber stellten uns eine gut funktio­nierende Schule vor. Daß der Unterricht dort in der Regel in zwei Schichten ab­läuft, sei nur am Rande erwähnt. Schulraumknappheit wegen des star­ken Bevölkerungswachstums erzwingt dies.

Wie üblich wurde uns die ganze Schule gezeigt, auch das Zahn­arzt­zimmer, um dessen Tür die polnischen Schülerinnen und Schüler im­mer einen großen Bogen machten. Die Schule ist für polnische Ver­hältnisse modern ausgestattet und bietet auch für die Freizeitge­stal­tung sehr viel. Uns wurde nichts vorenthalten und wir nahmen je­weils in kleinen Gruppen am Unterricht teil. Nachmittags war dann ein umfangreiches Besuchsprogramm vorgesehen, das auch bei bes­ter physischer Konstitution nicht durchgehalten werden konnte. Hin­zu kamen nämlich die Einladungen am Abend. Die Gast­geber ris­sen sich geradezu darum, die deutschen Gäste, jeweils in kleinen Grup­pen, privat einzuladen. Auch in diesem Zusammenhang ergaben sich eine Fülle von Eindrücken und Erfahrungen. Näheres dazu ist einer ge­sonderten Darstellung vorbehalten. Posen wurde uns als Stadt der Kul­tur vorgestellt und als eine Stätte, die zusammen mit Gnesen bis zu den historischen Wurzeln des polnischen Staates zu­rückzuführen ist. Der gesamte Aufenthalt war einschließlich seiner Vor- und Nach­be­reitung für Schüler und Lehrer die praktische Um­setzung und Er­fül­lung des UNESCO-Gedankens.

Zur Problematik und Auswertung des Austausches

Es lassen sich verschiedene Problemebenen herausarbeiten und zum Teil weiter untergliedern. Da sind zunächst einmal die politischen Rahmenbedingungen, die bis dato eine wesentliche Rolle spielten und deshalb auch zu Beginn der Skizzierung des Zustandekommens die­ser Partnerschaft erwähnt wurden. Für uns war es dabei ein we­sent­liches Ziel, die Schüler zur Wahrnehmung solcher politischer Zu­sam­menhänge und ihrer sozialen Auswirkungen zu sensibilisieren. An­satzpunkte ergaben sich genügend und sind mit Sicherheit auch in Zu­kunft zu erwarten, wenn auch mit gewissen Verlagerungen.

Es ergibt sich die Konfrontation mit der DDR, da sie im Transit mit der Eisenbahn durchfahren werden muß. Die sich ergebenden Fragen kön­nen aber nur skizziert werden. Gleichwohl war und ist es die Auf­gabe des Lehrers, dann beim Geschehen sozusagen vor Ort Erklärun­gen zu geben oder Problematisierungen vorzunehmen.

Grenzkontrollen, Visa, die Spannungen angesichts der „Kon­troll­organe der DDR“, die damals zwar korrekt auftraten, aber noch un­an­genehm wirkten. Man kann davon ausgehen, daß die Tran­sit­rei­sen­den alle schon diese Erfahrungen gemacht haben. Inter­essant waren trotzdem die Fragen der „Kontrollorgane“, warum man denn nach Polen fahre. Im Tonfall schwang unverkennbar eine ge­wisse Herab­lassung mit. Durchfahrt durch Berlin mit langem Warten und Blick auf die Mauer und die weiteren Grenzanlagen. Dann in Frank­furt/Oder wieder die bewachte Grenze seitens der DDR.

In Polen ergaben sich Berührungspunkte zur Politik in geringem Maße. Man muß aber sagen, daß in diesem Zusammenhang die Sen­sibilisierung eine wesentliche Rolle spielt.

Die polnischen Schüler informierten uns natürlich über die damals verbotene Solidarnosc und den wenige Monate zuvor erfolgten Papst­besuch: ein Politikum ersten Ranges - gewollt und auch ver­standen.

Die Versorgungsmängel ergaben zwangsläufig Diskussionen über die Wirtschaft beider Länder. Die oft neidlose Anerkennung und Be­wun­derung durch junge Polen kann Beklemmungen hervorrufen und muß in intensiven Gesprächen durch den Lehrer aufgefangen werden.

Die politischen und sozio- ökonomischen Gesichtspunkte sollten auf keinen Fall in der Erwartung des Lehrers überbewertet werden. Bei allen Begegnungen stellt sich nämlich heraus, daß es sich bei den Schü­lern und Schülerinnen dieser beiden Länder um Jugendliche han­delt, die völlig identische Probleme, Wünsche, Sorgen und Wert­vor­stellungen haben. Dieser Gesichtspunkt aber, bei dem am Ende der Begegnung die Erkenntnis der „Normalität“ steht und der indivi­duel­len Sympathie oder auch Antipathie, ist doch das, was wir mit dem UNESCO-Gedanken als Allererstes erreichen wollen. Der Ver­such, politisch zu diskutieren, sollte von begleitenden Lehrern sehr be­hutsam und zurückhaltend umgesetzt werden. Auf der anderen Sei­te ergeben sich nämlich eine Fülle von Individualerfahrungen, die ihrerseits durchaus gesellschaftspolitisch interpretiert werden können. Es genügt dabei, die Summe der Schülererfragungen zu sammeln und in Ruhe zu besprechen.

Die polnischen Schüler diskutierten nicht über die Sowjetunion. Auf dieses brisante Thema ging man nur mit abfälligen Witzen, ag­gres­siven Bemerkungen ein oder man schwieg bewußt.

Über die innerpolnischen Probleme wurden aber ungeniert die Mei­nungen ausgetauscht, und man erzählte ohne jegliche Hemmun­gen. Ein Politikum erfuhren unsere Schüler über das Verhältnis der pol­nischen Jugend zur Kirche. Eine Reflexion würde jetzt den Rah­men sprengen. Es ist aber völlig anders als das oberflächliche oder kri­tisch-distanzierte Verhältnis der großen Mehrheit unserer Schüler zu den Kirchen.

Ein wichtiges Politikum ist die Begegnung mit der Geschichte, und zwar mit der eigenen, deutsch-polnischen Vergangenheit.

Es sind zwei Epochen der gemeinsamen Geschichte, die von we­sent­licher Bedeutung sind: Die Zeit der Teilungen, also der Nicht­exis­tenz des polnischen Staates von 1795 bis 1919, und die Zeit der Ok­kupation von 1939 bis 1945. Beide stehen in einem inneren Zu­sam­menhang, bedeuteten sie doch den Abwehrkampf der Polen um die Exi­stenz ihres Staates und ihrer Nation.

Es ist nun unbedingt nötig, in einer Vorbereitungsphase die Rolle und Praxis der preußisch-deutschen Politik, vor allem nach der Reichsgründung 1871, zu klären.

Es sei hier erinnert an die Germanisierungspolitik unter Bismarck, die Ansiedlung und Privilegierung von Deutschen und die Unter­drük­kungsmaßnahmen gegenüber den Polen in ihrer eigenen Heimat.

All diese Dinge sind den polnischen Schülern sehr wohl bekannt. Sie reagieren mit völligem Unverständnis, wenn sich in Gesprächen auch historische Bezüge im Spannungsfeld zwischen Polen und Deutschen ergeben und manche unserer Schüler kaum wissen, wer Fried­rich der Große war, oder wenn sie die ehemaligen preußischen Pro­vin­zen mangels ausreichender Kenntnisse nicht bezüglich dieses deutsch-polnischen Problems sehen.

Zeugen des Abwehrkampfes des polnischen Bürgertums gegen­über Preußen kann man in Posen ausreichend finden: Das kleine, da­mals polnische Theater in der Nähe des größeren, ehemals deut­schen The­aters; die Raczynski-Bibliothek, ein schöner, im klassizi­stischen Stil errichteter Bau; dann die Cegielski-Werke, die von dem da­ma­li­gen Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein Cegielski als Kon­kur­renz zu den deutschen und jüdischen Firmen gegründet wor­den wa­ren; ferner das frühere Palais des Kronprinzen und dann die vielen Vil­len und zum Teil protzigen Häuser aus der preußischen Zeit.

Neben diesem Abwehrkampf, der zur Jahreswende 1918/19 zum so­genannten „Großpolnischen Aufstand“ führte, ist der Wi­der­stands­kampf während der Okkupationszeit hervorzuheben. Es war ein Kampf ge­gen die physische und psychische Vernichtung des pol­ni­schen Vol­kes. Leider sind die Kenntnisse unserer Schüler über den be­gonnenen polnischen „Holocaust“ zumeist sehr gering.

In jeder Stadt gibt es Gedenktafeln für ermordete Bürger und Wi­der­standskämpfer. Man muß die Schüler unbedingt auf diese Dinge vor­bereiten. Sie müssen vorher Zeit haben, über die Begriffe Schuld, Ver­antwortung und Versöhnung nachzudenken und zu sprechen. Die ge­samte Problematik kann unseren Schülern erst bewußt werden, wenn sie in Posen auf dem Gelände der ehemaligen Festung stehen und von den Tausenden Gefallenen erfahren und die Grabrei­hen se­hen.

Diese schockartige Konfrontation mit der Geschichte ist zugleich, so makaber es klingt, ein didaktisch sinnvoller Ansatz, über die Pro­ble­matik der Geschichte und auch über Geschichtsbewußtsein zu spre­chen. Zusammen mit der Nachbereitung ergeben sich dann erst die tiefergehenden Eindrücke und der Lernerfolg.

Wir haben bezüglich der Begegnung mit der Geschichte die gün­sti­ge Möglichkeit, weite Bereiche der deutschen und polnischen Ge­schich­te deutlich zu machen. Gleichzeitig ergibt sich aber auch die zwin­gende Notwendigkeit zur intensiven Vor- und Nachbereitung.

Es wären nicht nur vertane Chancen: es wäre eine Brüskierung von Gastgebern, mit unvorbereiteten Jugendgruppen nach Polen zu rei­sen.

Gerade in den Berührungspunkten zur Geschichte wird deutlich, daß die UNESCO nach dem Kriege gegründet wurde, um im inter­na­tio­nalen Erziehungsprozeß der Jugend mit Hilfe von Begegnungen die Probleme der Völkervernichtung und des Hasses zu bewältigen und die Weichen für die Zukunft eines friedlichen Miteinanders zu stel­len. Diesem zentralen Anliegen der UNESCO kann in Polen vor al­lem auch für uns Deutsche wie kaum in einem anderen Lande, viel­leicht mit Ausnahme noch von Israel und der Sowjetunion, Rech­nung ge­tragen werden.

Die pädagogische Situation in polnischen Schulen

Die pädagogischen Probleme, die im Bereich einer polnischen Schu­le sichtbar werden, sollen nur kurz angesprochen werden. Das Schü­ler-Lehrer-Verhältnis ist eher als traditionell anzusehen. Direk­tor, Lehrer und Lehrerinnen gelten als Respektspersonen und werden auch mit „Herr Direktor“ oder „Frau Professor“ angeredet. Der Unter­richt läuft in hohem Maße als Frontalunterricht ab. Ansätze zu einer Mit­beteiligung der Schüler an der Unterrichtsplanung und -gestaltung gibt es kaum. Die Reformdiskussion der 60er und 70er Jahre in West­europa sind an der Schulwirklichkeit in Polen spurlos vorüber­ge­gan­gen, und es hat keine Versuche zu einer entsprechenden Re­form ge­ge­ben. Gleichwohl wurden alle Reformen von Expertengremi­en be­ob­achtet und ausgewertet. Das Problem der Nichtumsetzung lag in der Starrheit des bürokratischen Systems, des politischen Dogmatis­mus bzw. der eindeutigen Reformunfähigkeit des realen Sozialismus. Al­le wesentlichen politischen und sozialen Reformen in Polen muß­ten ertrotzt werden, und das gelang nur in Schwächephasen des Staa­tes.

Andererseits muß man die ungeheuer schwierigen Aufbauphasen nach dem Kriege sehen. Polen hatte das Problem, überhaupt ein lei­stungs­fähiges Bildungssystem zu entwickeln, und das ist im wesent­lichen gelungen! Die Fragen nach Reformen werden dann auch nicht als so gravierend angesehen.

Hinzu kommt, daß die einzige wesentliche oppositionelle Kraft, die Katholische Kirche, in ihrem Wesen als stockkonservativ gilt und un­ter allen Katholischen Kirchen in Europa wohl eher als reform­feind­lich einzustufen ist. Aber auch dieses hat wiederum Gründe, die aus der spezifischen Geschichte des Landes abzuleiten sind.

Bei aller berechtigten Kritik muß man in Polen mit Werturteilen sehr vorsichtig sein, die wesentliche Maßstäbe zum Vergleich anle­gen! Aber auch dies gehört zu den Erfahrungen, die in Polen gemacht wer­den. Das bedeutet bei Schülerreisen nach Polen für den beglei­ten­den Lehrer ein hohes Maß an Aufnahmebereitschaft und sehr viel Ge­schick, die Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren.

Man sollte das intensive Gespräch mit polnischen Kolleginnen und Kollegen suchen. Übrigens unterrichten kaum Männer in den Schu­len. Bei den Gesprächen sind die gegenseitigen Erwartungen und Wünsche nicht deckungsgleich. Für die polnischen Lehrerinnen und Lehrer steht die Information im Vordergrund. Sie möchten von der modernen Methodik und den Erfahrungen in unseren Schulen pro­fitieren. Dem sollte man unbedingt durch Bücher über Didaktik und Methodik der einzelnen Unterrichtsfächer als mitzubringende Ge­schenke Rechnung tragen. Für uns bundesdeutsche Lehrer steht dann oft die Diskussion über eine bestimmte uns sichtbare Proble­ma­tik im Vordergrund. Dieser Ansatz zu einer kritischen Reflexion hat aber in der Ausbildung und Praxis des Lehrerberufes in Polen nicht den gleichen Stellenwert wie bei uns. Konkret: Über die An­weisung des Herrn Direktors wird nicht diskutiert, sondern im Lehrer­zimmer ge­schimpft. Einen Personalrat gibt es natürlich auch nicht.

In den Jahren 1980/81 hatte die Solidarnoscgruppe einer Schule eine gewisse Kontrollfunktion wahrgenommen. Nach Zerschlagung die­ser unabhängigen Gewerkschaft blieb alles wieder beim alten. Es ist ungeheuerlich, welche Chancen das kommunistische System stali­nis­tischer Prägung in diesem Zusammenhang nicht nur vertan, son­dern sogar zerschlagen hat. Diese Zerstörung einer politischen Kultur die in der Zeit der Aufklärung begann und neu in den sozialen und po­li­tischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts weiterentwik­kelt wurde, wird erst jetzt wieder durch Basisbewegungen reaktiviert. Die Chancen, die der reale Sozialismus gehabt hat, sind auf Ge­ne­ra­tio­nen vertan.

Dies muß man wissen, um Reaktionen von Lehrern und Schülern, Mei­nungsänderungen etc. richtig verstehen zu können. In diesem Zu­sam­menhang steht auch die geradezu verklärte Betrachtung des Wes­tens und die totale Verdammung alles Eigenen. Jahrelange, zum Teil pri­mitive Propaganda hat das genaue Gegenteil dessen bewirkt, was sie eigentlich hat erreichen wollen. Dies führte aber nicht nur zu ei­ner Nicht­reflexion, sondern sogar zu einer Ablehnung all dessen, was ir­gend­wie mit dem Staat und dem politischen System zusammen­hängt. Das hat zur Konsequenz, daß auch unbestritten positive Lei­stungen, die Aufbauleistungen in diesem am schwersten durch den Krieg be­trof­fe­nen Land, von den Bürgern nicht mehr wahrgenommen oder gar „in Grund und Boden verdammt“ werden. All diese Irratio­na­li­tä­ten sind Ausdruck und Mitverursacher der Sozialpathologie. Die Ver­fahren­heit der gesamten Situation, die nach ökonomischen Kriterien to­tale Hoffnungslosigkeit und andererseits die gegenwärtig völlig ir­ra­tio­nale Euphorie machen dieses Land immer wieder inter­essant.

Es ist zu empfehlen, in Auswertungsgesprächen die Schüler län­ge­re Phasen erzählen zu lassen. Nicht nur, um manche Sachverhalte zu klä­ren, sondern auch, um den Hang unserer Schüler zur Überheb­lich­keit - ein seit Jahren sich entwickelndes bundesdeutsches Phäno­men - ein­zudämmen. Die Überheblichkeit aufgrund der westdeut­schen öko­no­mischen Stärke erscheint uns zusammen mit der neuen Re­pro­duk­tion klassischer deutscher Vorurteile gegenüber Polen das ent­schei­dende Problem der gegenwärtigen jungen Generation im Zu­sam­men­hang mit den östlichen Nachbarländern der BRD, vor allem Polen, zu sein. Übrigens gibt es bei Jugendlichen aus der DDR ge­genüber Po­len ähnliche Erscheinungen. Wir können jedoch aufgrund unserer lang­jährigen Erfahrung in diesen skizzierten Problemberei­chen von po­sitiven Ergebnissen sprechen - aber: die Problematik muß uns Leh­rern bewußt sein.

Der Gegenbesuch der polnischen Schüler

Nun zum Gegenbesuch der polnischen Schüler: Vorab müssen wir fest­halten, daß uns ein riesengroßer Stein vom Herzen fiel, als wir han­noverschen Kollegen die polnischen Schüler und Lehrer und den Herrn Direktor am Bahnhof in Helmstedt in Empfang nahmen, um ge­meinsam mit dem Bus nach Hannover zu fahren.

Die polnischen Gäste konnten nämlich nicht, wie geplant und ab­ge­sprochen, ein Jahr später - im September 1984 - nach Hannover kom­men! Zunächst schlug die sogenannte „Wende“ in Bonn auf­grund gewisser Sonntagsreden voll durch. Die politischen Fronten ver­härteten sich, obgleich die innenpolitischen Voraussetzungen in Po­len durch den zunehmenden Liberalisierungs- und Demokratisie­rungsprozeß an sich sehr positiv waren für unsere ge­meinsame UNESCO-Arbeit.

Die vorläufig zugesagten Genehmigungen wurden in Warschau zu­rückgezogen, obwohl das Volksministerium sich für die Fahrt aus­ge­sprochen hatte; dort saßen viele Reformer, die die gemeinsame Ar­beit weiterhin selbstverständlich unterstützen wollten. Im Außenmi­nis­terium gab es eine positiv eingestellte, starke Fraktion, vor allem im Bereich der Westexperten. Verhindert hat dann die Fortführung des Schüleraustausches das sogenannte Administrationsministerium, das während des Kriegszustandes gebildet worden war und in dem die „Betonfraktion“ dominierte.

Ab 1985 haben dann alle am Zustandekommen Beteiligten poli­tisch gekämpft, um diesen Schüleraustausch nicht durch das unver­ant­wortliche Gerede gewisser Sonntagspolitiker in der Bundesrepu­blik und der Betonfraktion in Warschau kaputtgehen zu lassen.

Politische Amts- und Funktionsträger, vor allem in der Sozialde­mo­kratischen Partei und der F.D.P., setzten sich für uns ein. Auf pol­ni­scher Seite verdanken wir eine wichtige Unterstützung dem dama­li­gen stellvertretenden Ministerpräsidenten Rakowski. Der Oberbür­ger­meister von Hannover und der Stadtpräsident von Poznan setzten sich ebenfalls nachdrücklich ein. Die Botschaft der Volksrepublik Po­len hat unser Bemühen ebenfalls sehr wohlwollend unterstützt. Den entscheidenden Durchbruch hat dann aber eine Intervention des ehe­maligen Bremer Bürgermeisters Hans Koschnik als Vorsitzender des interfraktionellen Polenausschusses im Bundestag beim ZK-Se­kre­tär für Auswärtiges im Politbüro im Dezember 1985 während der Brandt-Reise nach Warschau zu unseren Gunsten verursacht.

Mit zwei Jahren Verspätung - das deutsch-polnische Verhältnis hat­te sich nach der Rede des Bundespräsidenten zum Gedenktag des 8. Mai 1945 und dank der Bemühungen des deutschen Außenminis­ters und jetzt auch aller im Bundestag vertretenen Parteien merk­lich ent­spannt - konnten wir die polnischen Gäste im September 1986 em­pfan­gen. Kleinere Pannen bei der Vorbereitung gehören zum pol­ni­schen Alltag und sollten nicht extra erwähnt werden.

Die politische Hintergrundproblematik wurde aber skizziert, um deut­lich zu machen, daß fruchtbare UNESCO-Arbeit in diesem euro­pä­ischen Entspannungsprozeß mit deutschen und polnischen Jugend­li­chen nur innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen ablaufen kann. Man muß aber sagen, daß alle anstehenden Probleme einver­nehm­lich in sinnvollen Kompromissen geklärt werden konnten.

Der Schüleraustausch von 1986 nur kann kurz skizziert werden: An mehreren Tagen erfolgte vormittags gemeinsamer Unterricht in der Bismarckschule. Daneben wurde ein gemeinsames Besichti­gungs­programm abgewickelt. Zum offiziellen Teil gehörte auch ein Em­pfang beim Oberbürgermeister, der unsere gemeinsame Arbeit wür­digte. Die Kultur kam ebenfalls nicht zu kurz, und außerdem gab es intensive persönliche Kontakte. Am Abschluß der zwölf Tage wa­ren alle Beteiligten erschöpft aber glücklich. Wir hatten die Hoff­nung, den Besuch 1987 ohne Probleme erwidern zu können. Plötz­lich kam aber von polnischer Seite der Vorschlag, aus dem Schüler­aus­tausch eine gemeinsame Ferienaktion deutscher und polnischer Schü­ler an der Ostsee zu machen. Offensichtlich hatten die gemein­samen Geg­ner in der polnischen Politik wieder den Versuch gestartet, uns aus der Schule herauszudrängen und damit die langjährige Arbeit zu blockieren. Wir sahen es so! Gemeinsam mit den polnischen Part­nern fan­den wir einen sinnvollen Kompromiß: Wir vereinbarten, daß der Schüleraustausch fortan themenorientiert ablaufen sollte, und zwar bei Besuch und Gegenbesuch. Die Details des Gegenbesuchs sind noch nicht konzipiert. An dieser Stelle sei auch die hohe Unter­stüt­zung durch die Stadt Hannover erwähnt, ohne die unter den gege­be­nen Umständen der Schüleraustausch nicht hätte durchgeführt wer­den können. Dank gebührt insbesondere dem Oberbürgermeister und den Kollegen im Kulturamt der Stadt Hannover, das für die Kon­takte mit Poznan zuständig ist.

Außerdem haben wir wesentliche Hilfe und Unterstützung vom Deut­schen Polen-Institut in Darmstadt erhalten: Herr Dedecius hat sich persönlich dafür eingesetzt, daß wir aus dem Fond des Herrn Bun­despräsidenten von Weizsäcker erhebliche Mittel für Ausflüge, Kon­zerte und Lehrmaterial als Starthilfe zur Verfügung gestellt be­ka­men.

Nachbemerkungen für begleitende Lehrkräfte

Man sollte möglichst jede nach Polen reisende Jugendgruppe gut vor­bereiten; für Schüleraustauschgruppen ist dies aber unabdingbar. Nähere Ausführungen dazu sind in einem Aufsatz von meiner Kolle­gin Eva Helms und mir enthalten. Wesentliche Punkte sind die Sen­si­bi­lisierung für das Alltägliche sowie die Bewußtmachung des „bei uns“ Selbstverständlichen. Es ist wichtig, bekanntes Wissen über Po­len aus dem Geschichts- und Erdkundeunterricht zu wiederholen. Wei­terhin muß vorher und nachher über die Problematik des vorur­teils­besetzten Wissens gesprochen werden. Da in Polen „alles anders ist als in der DDR“, sollte man versuchen, die Schüler zur Aufnahme des Neuen aufzuschließen bzw. spontane Schüleräußerungen wäh­rend des Aufenthalts zu sammeln und möglichst darüber zu spre­chen.

Ein delikates Problem sind die Fragen nach den Gastgeschenken. Schü­ler weigern sich oft, Schokolade und Kaffee mitzunehmen, da sie nicht „Weihnachtsmann“ spielen wollen. Man muß ihnen dann sa­gen, daß jemand sich riesig und auch echt über ein solches Mit­bring­sel freut, weil er es sich gegen Landeswäh­rung nicht kaufen kann und ge­gen US-Dollar nur zu horrenden Prei­sen! Wenn dem­nächst alle Wa­ren, abgesehen von den allernötigsten Grundnah­rungsmitteln, nicht mehr subventioniert werden und der Verkauf auch in der Lan­deswährung möglich ist, dann werden mit Sicherheit alle Preise über dem bundesdeutschen Niveau liegen. Auch an diesen Beispielen kann man die Bitternis des völlig abge­sunkenen Lebens­standards deut­lich machen.

Beim Besuch polnischer Jugendlicher sollte man versuchen, z.B. im Rahmen einer alternativen Stadtführung wie in Hannover, bei der auch die Stätten der KZ und die Gräber ermordeter polnischer und rus­sischer Zwangsarbeiter besucht werden, oder auch durch eine ge­mein­same Fahrt zur Gedenkstätte Bergen-Belsen, eine spezifische Form der Betroffenheit der Teilnahme von Angehörigen der Opfer­na­tion zu erreichen. Wir haben z.B. 1986 zusammen mit den pol­nischen Aus­tauschschülern und gleichzeitig anwesenden amerikani­schen Aus­tauschschülern Bergen-Belsen besucht; eine vollständige Dar­stel­lung und Auswertung kann jetzt nicht vorgenommen werden. Nur eines: Wir waren am Ende des Rundganges, als wir uns vor der Ge­denk­stätte trafen, völlig unfähig, Worte für die Eindrücke und Ge­dan­ken zu finden. Wir haben geschwiegen. Hier mußte dann der Leh­rer das Schweigen angemessen durch wenige Sätze beenden. Ich muß sa­gen, daß ich selten unter einer solchen Spannung schweigend ver­harrt habe.

Ein Anfangsproblem sollte noch erwähnt werden: Für die pol­ni­schen Schüler bedeutet es eine hohe Auszeichnung, in die Bundes­re­pu­blik fahren zu dürfen. Die Auswahl stellt in der Regel eine Be­loh­nung für sehr gute Leistungen dar. Alle Schülerinnen und Schüler wer­den aber vorher eindrücklich ermahnt, ihre Schule, ihre Stadt und ihr Land würdevoll zu vertreten. Die polnischen Lehrerinnen legen dann - zumindest solange man sich noch nicht so gut kennt - sehr viel Wert auf vorbildliches und diszipliniertes Verhalten ihrer „Zöglinge“. Man sollte also bei gemeinsamen Veranstaltungen, bei denen es da­rum geht, gemeinsame Regeln aufzustellen und einzuhalten oder auch das Ende einer abendlichen Veranstaltung festzulegen, recht be­hut­sam umgehen. Wir hannoverschen Lehrer haben in solchen Fällen vor­gelebt, wie wir kollegiale Entscheidungsprozesse, auch zu­sam­men mit dem Schulleiter, durchführen und umsetzen. Hier hat sich aber inzwischen ein völlig problemloses kollegiales Miteinander und Ler­nen voneinander ergeben.

Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt ist der Konsens im eigenen Kol­le­gium. Ein Schüleraustausch, vor allem in diesem sensiblen Be­reich, ist nur möglich, wenn er von einer breiten Mehrheit des Kolle­giums und auch der Elternschaft getragen wird. Außerdem gibt es an der Bis­marckschule den Konsens, den Schüleraustausch auf mög­lichst vie­le „Schultern“ zu verteilen. Bisher sind jeweils andere Kol­le­gin­nen und ein anderer Kollege zur Begleitung mitgefahren. Glei­ches gilt für den parallel ablaufenden Lehreraustausch, durch den pro Jahr eine kleine Delegation von Lehrerinnen und Lehrern fährt oder bei uns zu Gast ist. Diese wenige Tage dauernden Besuche dienen außer­dem jeweils der Vorbereitung des dann folgenden Besuches mit der Schü­lergruppe.1

L.N.

Der Austausch zwischen unseren beiden Schulen besteht schon seit fast zehn Jahren - auch wenn er durch die Verhängung des Kriegs­rechts zeitweilig unterbrochen war. Seit 1987 versuchen wir den Aus­tausch unter einen themenbezogenen Schwerpunkt zu stellen. Aus­gang war wohl der Wunsch von polnischer Seite, die Schüler aus-serhalb der Schulzeit in einem Ferienlager unterzubringen (geringere Un­terbringungs- und Verpflegungsprobleme, keine Belastung des Schul­alltags?). Da das überhaupt nicht unseren Vorstellungen ent­sprach, schlugen wir eine sinnvolle Verknüpfung gemeinsamer Akti­vi­täten in den Ferien mit einem mehrtägigen Schulbesuch vor. Ange­rei­chert werden sollte die Fahrt durch kulturelle und touristische Pro­gram­me und die Möglichkeit zu vielfältigen persönlichen Begegnun­gen.

Langfristig sollen die Schwerpunkte der gemeinsamen Aktivitäten ver­schiedenen Unterrichtsfächern im weiteren Sinne zugeordnet wer­den. Dadurch können u.a.:

  • Schule und Freizeit in unterschiedlichen Bereichen, Möglichkeiten und Arbeitsweisen erlebt werden;

  • Schüler und Lehrer mit unterschiedlichen Schwerpunkten in den Austausch einbezogen werden.

Bisher wurde jeweils ein Besuch bei der Partnerschule unter dem Schwer­punkt Sport durchgeführt. In diesem und dem nächsten Jahr wer­den geographische Themen behandelt, für die Zukunft bieten sich Biologie/Chemie/Íkologie und Geschichte an.

In organisatorischer Hinsicht lassen sich stichwortartig folgende Er­fah­rungen nach den ersten beiden Begegnungen festhalten: der Vor­lauf bei der Terminabsprache war sehr langwierig; In­formationsfluß ist schwierig (3-4 Wochen); oft Telefonate und Te­le­gram­me (teil­wei­se entstellt) zusätzlich nötig; eigene Planung muß früh­zeitig einsetzen (z.B. Pässe einsammeln - führt teilweise zu Über­schneidun­gen in der Ur­laubszeit - wenn nötig Zweitpaß aus­stel­len lassen); finanziel­le Ab­wicklung frühzeitig planen und Zuschüsse bean­tragen (s.a. unter 4.1.); Unterbringung klären - privat oder in JH o.ä.; Be­suchs­pro­gram­me erstellen, gern besuchte Firmen wie VW sehr früh an­schreiben; während der Schulzeit sollten möglichst viele Schü­ler als Betreuer frei­gestellt werden (Klausurpläne, Arbeiten); für das ge­meinsame Pro­gramm reichen vier Tage, Besuch in der Schule mit weiteren Ver­an­staltungen 5 bis 6 Tage.

Hin­sichtlich der inhaltlichen Beobachtungen können ebenfalls nur die beiden letzten Besuche mit dem Schwerpunkt Sport herangezo­gen werden, sie lassen sich aber wohl verallgemeinern: wegen der ein­fachen Ausstattung der Schulen und der geringen Erfahrungen bei außerschulischen Aktivitäten (Ausnahme die Ferienmaßnahmen) blei­ben die Möglichkeiten für die Durchführung außerunterrichtlicher Maß­nahmen, wie Exkursionen, Besichtigungen Projekte u.ä. deutlich ein­geschränkt beim Sportlager hieße das konkret: es bestand nur ein An­gebotscharakter für die unterschiedlichen Wassersportgeräte, die z.T. in schlechtem Zustand waren, das Lagerleben hingegen war straff organisiert; die Interessenlage der Schüler wird durch vorgege­be­ne Themen nicht immer getroffen; Auswahlkriterien für die Schü­ler in Polen sind z.B. gute Leistungen allgemein oder im Fach Deutsch; von polnischer Seite bestehen teilweise Probleme bei der For­mulierung von Inhalten und Arbeitsmöglichkeiten; Hilfestellun­gen sind möglich, z.B. bei der Bereitstellungen von Arbeitsmateria­lien, die von hier aus mitgenommen werden.

Für die weitere Planungen läßt sich aus unserer Sicht festhalten:

  • bei Austausch von mehr als sechs Tagen sollte ein zusätzlicher Schwerpunkt enthalten sein;

  • diese zusätzlichen Aktivitäten sollten zu Beginn des Aufenthalts stehen und wenn möglich außerhalb der Heimatstadt stattfinden;

  • alle Vorstellungen und Planungen müssen sehr deutlich formuliert werden;

  • Hilfsmittel sollten möglichst frühzeitig angeboten und bereit­gestellt werden;

  • Lehrer und Schüler sollten nicht als ganze Gruppe wechseln, son­dern jeweils immer nur zur Hälfte pro Austausch, dadurch können Er­fahrungen besser weitergegeben werden und die „Warmlaufzeit“ verringert sich.

G.F.

In Fortsetzung eines seit 1983 initiierten Austausches zwischen dem V.Liceum in Poznan und der Bismarckschule Hannover reiste eine Grup­pe von 16 Schülern und zwei begleitenden Lehrern vom 11.-22.09.89 nach Polen.

Bei unseren Schülern handelte es sich um eine jahrgangsübergrei­fen­de Gruppe, die SchülerInnen der Klassenstufen 9-13 umfaßte, zu einem kleinen Teil auch solche, die schon früher an einer Aus­tausch­ak­tion beteiligt waren.

Eine völlig neue Qualität hatte der Austausch für diesmal dadurch ge­won­nen, daß mit den polnischen Gastgebern eine private Unter­brin­gung hatte vereinbart werden können. Uns war bewußt, daß dies an­gesichts der wirtschaftlichen bzw. versorgungsmäßigen Probleme ein großherziges Angebot war, und so haben wir versucht, unsere Schü­ler vorab auf mögliche sensible Situationen, gerade vor dem Hin­tergrund unserer früheren Erfahrungen mit einer überwältigenden pol­nischen Gastfreundschaft, einzustimmen.

Nicht ganz einfach einzuschätzen war, auch im Nachhinein gesehen, die Frage unserer Gastgeschenke bzw Mitbringsel. Da die in­dividu­ellen Lebensbedingungen der gastgebenden Familien natür­lich nicht vorab bekannt waren, kam es durchaus vor, daß Mitbring­sel einer be­stimmten Kategorie hier gern gesehen wurden, dort eher Be­fremden, in einer bestimmten Familie gar leichtes Mißfallen aus­lös­ten. Diese Klippe dürfte allenfalls durch phantasievolle Vielfalt um­schifft wer­den können. Das Problem wird sich vor dem Hinter­grund der jetzt rapide verschärften Wirtschaftslage in Polen auf ab­seh­bare Zeit nicht kleiner gestalten.

Auf jeden Fall war das neue Modell einer privaten Unterbringung der Austauschgruppe ein von allen Teilnehmern unterstrichener Er­folg.

Einer unserer Schüler schrieb uns auf:

Um 9.15 Uhr erreichten wir Hannover, müde und geschafft, aber mit der Gewißheit, eine wohl einmalige Erfahrung gemacht zu haben. Die Chance, so intensiv mit polnischen Menschen in Kontakt zu kom­men und so die Lebensweise, Kultur und Probleme der Men­schen ken­nenzulernen ist sicher nur innerhalb eines Schüleraustau­sches ge­geben. In diesem Sinne hoffe ich, daß dieser Dialog weiter­hin be­ste­hen bleibt!“ (B.Kiersch)

Jedenfalls finden wir, daß es kein schlechter Zufall ist, wenn unsere Be­gegnung in das Jahr eines allgemeinen europäischen Aufbruchs fiel.

W.S.

1 Der vorliegende Aufsatz ist eine Kurzfassung aus G.Voigt/L.Nettelmann, Die Arbeit einer UNESCO-Schule, Oldenburg 1990 (Oldenburger Vor-Drucke; Heft 98/90)

Inhaltsverzeichnis

Herbert Schmalstieg: Vorwort

Zeitgeschichtliche Notiz 1990

Lothar Nettelmann: Einleitung: Schüleraustausch - warum mit Polen?1

Zur Konzeption

Lothar Nettelmann: Einleitung 1993. Zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutsch-polnischer Jugendarbeit als Folge des politischen Paradigmenwechsels in Polen und ihrer Bedeutung für die Träger politischer Bildung in Deutschland

Lothar Nettelmann: Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 - die Mahnung des 1. September 19392

Ulrich Bauermeister: Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen und Polen als Auftrag der UNESCO (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen der Bismarckschule Hannover - Modellbeispiele und Alternativen (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen in Zeiten der gesellschaftlichen Krise [Didaktische Konzeption, Reiseroute, Reiseziele] (1993)

Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr.Wolfgang Scholz: Der Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover3

Wolfgang Jordan, Lothar Kutsch: Ein Schulchor, eine Theatergruppe und ein Leistungskurs fahren... (1989)

Siegfried Riedel: Schüleraustausch im Geist der Ökumene (1989/1993)

Michael Droldner, Matthias Bömeke: Ein Schüleraustausch zwischen katholischer Schule und Pfarrgemeinde (1989)

Werner Fink, Ursula Ruehr: Gedanken zu einem Arbeitsbesuch mit Schülern im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof (1989)

Dr. Olgierd Lissowski, Poznań: Jugendaustausch und Politik (1989)

Piotr Korek, Poznań: Ein Schüler- oder Schulenaustausch? (1989)

Joachim Dallwig: Polenkontakte heute (1989)

Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991)

Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992)

Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993)

Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991)

Elisabeth Goldmann: Bericht über den ersten Besuch einer Gruppe von 20 Schülern der Realschule I, Burgdorf (1993)

Lothar Nettelmann: Thesen zu den veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Polen und ihre Bedeutung für die deutsch-polnische Jugendarbeit (1993)

Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990

Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924

Anhang: Autorenverzeichnis

Impressum für diese Publikation

Herausgeber: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt

Redaktion Gerda Heinemann Lothar Nettelmann Gerhard Voigt Armin Walthemate

Herausgegeben für die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Hannover e.V. und den UNESCO-Club der Bismarckschule Hannover e.V.

Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienrei­sen. Hrsgg. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt - Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. (An der Bis­marckschule 5, Hannover) und Deutsch-Pol­nische Gesellschaft Hannover e.V., 1990.

Satz und Layout: Ritterdesign, Laatzen

Printed in Germany

(Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Masch­see, Bis­marckschule Hannover, e.V.) 1. Auflage 300

Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis.

Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009

Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de

http://www.unesco-club-hannover.de

Vgl. dazu Impressum

Überarbeitet August 2009

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Bearbeitungsstand: 10. August 2009

URL: http://www.polen-didaktik.de

Verantwortlich: Gerhard Voigt, vgl. Impressum

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de