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Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr. Wolfgang Scholz Der Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover Die Partnerschaft der Bismarckschule und des V.Liceum ist mehr als ein Schüleraustausch zwischen deutschen und polnischen Schülern. Sie ist einbezogen in die Städtepartnerschaft der beiden Messestädte Hannover und Poznan. Übrigens ist die Städtepartnerschaft entstanden aus dem Kontakt hannoverscher Besucher (Aussteller, Vertreter der Stadtverwaltung und des Rates sowie insbesondere des Oberbürgermeisters) in Posen und der entsprechenden polnischen Gäste in Hannover. Aus geschäftlichen wurden freundschaftliche Kontakte. Der Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970 wurde damit durch Bürger der Städte Hannover und Poznan umgesetzt und ein wichtiges Stück Aussöhnung und Normalisierung praktiziert. Zum entscheidenden Faktor wurde dann der Abschluß des Partnerschaftsvertrages zwischen Hannover und Poznan sowie auch die Gründung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Hannover, der mehrere Kolleginnen und Kollegen der Bismarckschule angehören. Es ist jetzt müßig, all die Bemühungen und Ansätze nachzuzeichnen, die dann zum Abschluß des Partnerschaftsvertrages der beiden Schulen führten. Wesentlich aber war - und dies ist ein immer wieder zu beobachtender Faktor in der Zusammenarbeit mit einem sozialistischen und in hohem Maße bürokratisierten Land - ein außergewöhnliches Maß an Durchsetzungsvermögen und Hartnäckigkeit andererseits. Die bestehenden Hemmnisse waren im wesentlichen politischer Art. Es waren sowohl innen- als auch außenpolitische Gründe, die die polnischen Behörden bewegten, äußerst zurückhaltend in Fragen eines Schüleraustausches zu sein. In den siebziger Jahren hatte es bereits einige wenige Ansätze gegeben, so daß auch polnische Schülergruppen die Bundesrepublik besucht hatten. Zumeist handelte es sich aber um einmalige Angelegenheiten. in weiteres Hindernis war der offenkundige Druck auf das polnische Volksministerium sowie das Außenministerium, der durch die DDR ausgeübt wurde. In der polnischen Staats- und Parteiführung dominierten damals die sogenannten „Betonköpfe“, die keinerlei Interesse an den Kontakten Jugendlicher mit der Bundesrepublik hatten. Sie fürchteten sicherlich um ihren Einfluß, ja Machterhalt; die Bestätigungen haben sich in den vergangenen Jahren ergeben. Die Denkkategorien des „Kalten Krieges“ dominierten noch. Andererseits gab es in Polen Kräfte, die, als Fachleute hochqualifiziert, aus unterschiedlichen Motiven heraus eine Hinwendung zum Westen als notwendig erachteten. Es waren Technologen, Íkonomen, Geisteswissenschaftler, Journalisten - vor allem diejenigen, die an Reformentwürfen arbeiteten. Sie hatten die Reformdiskussionen in der Bundesrepublik studiert und erkannt, daß nur durch qualitative Reformen eine positive Entwicklung möglich sei. Der persönliche Kontakt zu diesen Fachleuten, die an wichtigen Entscheidungsprozessen mitwirkten, entwickelte sich sehr kollegial und zum Teil auch privat sehr herzlich. Gleiches ist zum Beispiel auch von den Teilnehmern der Schulbuchkonferenzen zu sagen. Da sämtliche uns betreffenden Entscheidungen aber auf höchste Ebene fielen, das heißt auf Politbüro und Parteispitze, konnten sich die zuständigen Fachleute in den Ministerien und weiteren nachgeordneten Behörden der Schulbürokratie nicht durchsetzen. Es war für uns ein glücklicher Umstand, daß 1979 nach Abschluß des Partnerschaftsvertrages Hannover-Poznan ein Austausch- und gemeinsames Arbeitsprogramm der beiden Städte beschlossen wurde. In dieses erste Programm wurde nun der Schüleraustausch der Bismarckschule mit dem V.Liceum einbezogen. Dies geschah durch die besondere Unterstützung von Oberbürgermeister Schmalstieg (Hannover) und des Stadtspräsidenten Sleboda in Poznan. Vorausgegangen waren direkte Gespräche des Schulleiters der Bismarckschule Hannover mit dem Leiter der Partnerschule und dem dortigen Kurator (Oberschulrat) sowie dem Vizepräsidenten der Stadtverwaltung in Poznan. Ein gravierendes Problem war dir Unterbringung. Es wurde vereinbart, daß die Gruppen jeweils in einer Jugendherberge oder einem Jugendheim wohnen sollten. Dies war damals unumgänglich, da die Unterbringung der deutschen Schüler von der polnischen Seite als schwierig angesehen wurde aufgrund der oft zu kleinen Wohnungen. Der eigentliche Grund waren aber die starken grundsätzlichen Vorbehalte einiger Kreise in Polen, die durch die Unterbringung im Jugendheim beschwichtigt wurden. Unser Ziel war aber von Anfang an der echte Austausch, das heißt: auch das Wohnen in den Familien der gastgebenden Schule. Da dies vorerst nicht möglich war, reservierten wir in Hannover in einem Jugendheim, in dem auch eine Beköstigung erfolgen konnte, die entsprechende Anzahl Zimmer für den vorgesehenen Zeitraum im Juni 1981. Ein Plan für den zwölftägigen Aufenthalt wurde erstellt. Wir gingen dabei von folgenden Gesichtspunkten aus: 1. Die polnischen Schüler sollten so oft wie möglich am Unterricht in der Bismarckschule teilnehmen. Diese Schüler, die Deutsch als zweite Fremdsprache mit sechs Wochenstunden erlernen, sollten natürlich in erster Linie Deutsch sprechen und hören. Dies war der primäre Wunsch der polnischen Lehrer. Diesem Wunsch konnte aber nur durch Teilnahme auch an allen Fächern der Aufgabenfelder B und C entsprochen werden. Gerade die sogenannten Sachfächer eignen sich aufgrund ihrer in hohem Maße beschreibenden Sprache sowie der Verwendung der - bekannten - Symbolsprachen sehr gut. Da in Polen Russisch erste Pflichtfremdsprache ist und diese Sprache auch an der Bismarckschule als zweite Pflichtfremdsprache unterrichtet wird, wurde auch dieser Unterricht (und teilweise auch der Englischunterricht) besucht. Die polnischen Schüler nahmen dann an fast allen Unterrichtsfächern teil. 2. Es sollte ein Programm erstellt werden, um nach landeskundlichen Kriterien Hannover und seine Umgebung kennenzulernen. Wir entschieden uns für die Besichtigung eines Industriebetriebes (VW-Werk), den Besuch einiger Stadtteile sowie einen Ausflug in die Nachbarstadt Hildesheim. Ein Empfang beim Oberbürgermeister und ein Gespräch über die Kommunalpolitik wurden ebenfalls eingeplant. 3. In weiteren Veranstaltungsbesuchen sollten die Gäste Hannovers vielfältiges Kulturprogramm kennenlernen. 4. Es sollte - trotz der organisatorischen Hemmnisse - ein intensiver Kontakt der Gäste mit den Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule und ihren Familien möglich sein. Zu diesem Zweck erklärten sich interessierte Schülerinnen und Schüler der Bismarckschule bereit, die Betreuung von jeweils einem polnischen Schüler bzw. Schülerin zu übernehmen. Dies bedeutete, daß alle außerschulischen Aktivitäten und Programmpunkte mit der polnischen Gruppe und einigen Hannoverschen Schülern gemeinsam abliefen. Daneben gab es ausreichend Freizeit, bei der die Schülerinnen und Schüler nach eigenem Ermessen ein Programm erstellten, die Stadt besuchten oder die Gäste einzeln oder in kleinen Gruppen privat einluden. Letztere Aussagen beziehen sich aber noch nicht auf das Jahr 1981. Nachdem nämlich im April 1981 bei einem Besuch in Poznan zugesichert worden war, daß die Gruppe im Juni kommen könne, erfolgte wenige Wochen vor dem Termin die Absage. Die Krise hatte sich in Polen verschärft, und die mündlich zugesagten Genehmigungen wurden in Warschau zurückgezogen. Die Ausrufung des Kriegszustandes am 13. Dezember 1981 hieß für uns zunächst einmal, die Hoffnung aufgeben, in absehbarer Zeit den Schüleraustausch zustande zu bringen. Nach wenigen Monaten ergaben sich aber schon wieder einige Kontakte. Die Drähte zwischen den beiden Stadtverwaltungen waren ohnehin nicht abgerissen sondern durch das Kappen der Telefonleitungen nur erschwert. Auch der Kontakt zur polnischen Botschaft in Köln war für die Hannoveraner weiterhin sehr gut. Es sei an dieser Stelle die sehr kollegiale Zusammenarbeit mit der Botschaft der Volksrepublik Polen hervorgehoben. Man bemühte sich dort in außerordentlicher Weise, den eingeschlagenen Weg der Normalisierung fortzuführen, und tat für uns alles, was im Rahmen der Situation möglich war. Im April 1982 bekamen wir bereits die Nachricht, daß der 1981 um ein Jahr verschobene Schüleraustausch auch im Juni 1982 stattfinden könne. Die polnischen Schülerinnen und Schüler würden kommen. Trotz gewisser Skepsis liefen alle Vorbereitungen an. Leider erfolgte wieder eine Absage, deren Begründung mit den Schwierigkeiten der gegebenen Situation von uns nachvollzogen werden konnte. Während die Bedingungen des Kriegszustandes nach und nach gelockert wurden - bis zur endgültigen Suspendierung am 22. Juli 1983 - nun polnischerseits die Voraussetzungen wieder gegeben waren, verschlechterten sich jedoch die deutsch-polnischen Beziehungen im Laufe des Jahres 1983. Die Kontakte der beiden Partnerstädte und der beiden Partnerschulen blieben davon unberührt. In mehreren Gesprächen wurde ein Vertrag zwischen den beiden Schulen geschlossen. Der Vertrag sieht dabei einen Austausch von Schülern und Lehrern vor, aber auch die kontinuierliche Förderung des Deutschunterrichts in Poznan durch Lehrmittel und Medien, die aus einem Sozialfond des Fördervereins der Elternschaft der Bismarckschule finanziert werden. Außerdem sollte die Lehrerausbildung an beiden Schulen mit einbezogen werden. Auch der Kontakt der Lehrer und Lehrerinnen von Hannover und Poznan hat sich als sehr fruchtbar erwiesen. Zunächst waren die Deutschlehrerinnen aus Poznan beteiligt, dann aber auch die Fachlehrer für die Fremdsprachen Russisch, Englisch und Französisch. Den Fremdsprachenlehrerinnen ging es vor allem um die modernen Methodiken im Unterricht der deutschen Schulen. Aber auch andere Fachlehrer aus Poznan haben von der Begegnung mit der Bismarckschule profitiert. Andererseits haben gleich viele Kolleginnen und Kollegen der Bismarckschule das V.Liceum besucht und ihrerseits vom Meinungsaustausch hohen Gewinn gehabt. Zur Zeit unterrichtet erstmalig an einer polnischen Schule eine Lehrerin aus der BRD durch unsere Vermittlung an der Partnerschule in Poznan für mindestens zwei Jahre als „Assistent Teacher“ das Fach Deutsch. Auch die Seite der UNESCO-Arbeit ist wesentlich und muß hervorgehoben werden. Eine weitere Ergänzung erfuhr die Schulpartnerschaft zwischen dem Seminar für Deutsche Literatur und Sprache der Universität Hannover und dem Institut für Germanische Philologie der Adam-Mickiewicz-Universität (UAM) in Poznan. Dies war vor allem für die polnischen Partner wichtig, da die Lehrerausbildung dort in der zweiten Phase im Kontakt zwischen der Ausbildungsschule und der Universität erfolgt. Beim Zustandekommen des Austausches 1983 waren die Germanisten der UAM sehr behilflich. Insbesondere der damalige Institutsdirektor, Professor Orlowski, hat sich in entscheidender Weise eingesetzt und organisatorisch geholfen. Im September 1983 reiste nun eine Schülergruppe für zwölf Tage nach Poznan. Die Unterbringung erfolgte im Studentenheim, die Beköstigung aber in der Schule. Alles war kompliziert und für unsere Verhältnisse mühevoll. Teilweise wurde es mit Humor, teilweise aber auch mit Beklemmung aufgenommen - lernten wir doch, in Ansätzen zumindest, den polnischen Alltag kennen. Die Zielsetzungen der polnischen Kollegen waren nicht deckungsgleich mit unseren. Beides stand aber in gewisser Beziehung zueinander! Die polnischen Gastgeber stellten uns eine gut funktionierende Schule vor. Daß der Unterricht dort in der Regel in zwei Schichten abläuft, sei nur am Rande erwähnt. Schulraumknappheit wegen des starken Bevölkerungswachstums erzwingt dies. Wie üblich wurde uns die ganze Schule gezeigt, auch das Zahnarztzimmer, um dessen Tür die polnischen Schülerinnen und Schüler immer einen großen Bogen machten. Die Schule ist für polnische Verhältnisse modern ausgestattet und bietet auch für die Freizeitgestaltung sehr viel. Uns wurde nichts vorenthalten und wir nahmen jeweils in kleinen Gruppen am Unterricht teil. Nachmittags war dann ein umfangreiches Besuchsprogramm vorgesehen, das auch bei bester physischer Konstitution nicht durchgehalten werden konnte. Hinzu kamen nämlich die Einladungen am Abend. Die Gastgeber rissen sich geradezu darum, die deutschen Gäste, jeweils in kleinen Gruppen, privat einzuladen. Auch in diesem Zusammenhang ergaben sich eine Fülle von Eindrücken und Erfahrungen. Näheres dazu ist einer gesonderten Darstellung vorbehalten. Posen wurde uns als Stadt der Kultur vorgestellt und als eine Stätte, die zusammen mit Gnesen bis zu den historischen Wurzeln des polnischen Staates zurückzuführen ist. Der gesamte Aufenthalt war einschließlich seiner Vor- und Nachbereitung für Schüler und Lehrer die praktische Umsetzung und Erfüllung des UNESCO-Gedankens. Zur Problematik und Auswertung des Austausches Es lassen sich verschiedene Problemebenen herausarbeiten und zum Teil weiter untergliedern. Da sind zunächst einmal die politischen Rahmenbedingungen, die bis dato eine wesentliche Rolle spielten und deshalb auch zu Beginn der Skizzierung des Zustandekommens dieser Partnerschaft erwähnt wurden. Für uns war es dabei ein wesentliches Ziel, die Schüler zur Wahrnehmung solcher politischer Zusammenhänge und ihrer sozialen Auswirkungen zu sensibilisieren. Ansatzpunkte ergaben sich genügend und sind mit Sicherheit auch in Zukunft zu erwarten, wenn auch mit gewissen Verlagerungen. Es ergibt sich die Konfrontation mit der DDR, da sie im Transit mit der Eisenbahn durchfahren werden muß. Die sich ergebenden Fragen können aber nur skizziert werden. Gleichwohl war und ist es die Aufgabe des Lehrers, dann beim Geschehen sozusagen vor Ort Erklärungen zu geben oder Problematisierungen vorzunehmen. Grenzkontrollen, Visa, die Spannungen angesichts der „Kontrollorgane der DDR“, die damals zwar korrekt auftraten, aber noch unangenehm wirkten. Man kann davon ausgehen, daß die Transitreisenden alle schon diese Erfahrungen gemacht haben. Interessant waren trotzdem die Fragen der „Kontrollorgane“, warum man denn nach Polen fahre. Im Tonfall schwang unverkennbar eine gewisse Herablassung mit. Durchfahrt durch Berlin mit langem Warten und Blick auf die Mauer und die weiteren Grenzanlagen. Dann in Frankfurt/Oder wieder die bewachte Grenze seitens der DDR. In Polen ergaben sich Berührungspunkte zur Politik in geringem Maße. Man muß aber sagen, daß in diesem Zusammenhang die Sensibilisierung eine wesentliche Rolle spielt. Die polnischen Schüler informierten uns natürlich über die damals verbotene Solidarnosc und den wenige Monate zuvor erfolgten Papstbesuch: ein Politikum ersten Ranges - gewollt und auch verstanden. Die Versorgungsmängel ergaben zwangsläufig Diskussionen über die Wirtschaft beider Länder. Die oft neidlose Anerkennung und Bewunderung durch junge Polen kann Beklemmungen hervorrufen und muß in intensiven Gesprächen durch den Lehrer aufgefangen werden. Die politischen und sozio- ökonomischen Gesichtspunkte sollten auf keinen Fall in der Erwartung des Lehrers überbewertet werden. Bei allen Begegnungen stellt sich nämlich heraus, daß es sich bei den Schülern und Schülerinnen dieser beiden Länder um Jugendliche handelt, die völlig identische Probleme, Wünsche, Sorgen und Wertvorstellungen haben. Dieser Gesichtspunkt aber, bei dem am Ende der Begegnung die Erkenntnis der „Normalität“ steht und der individuellen Sympathie oder auch Antipathie, ist doch das, was wir mit dem UNESCO-Gedanken als Allererstes erreichen wollen. Der Versuch, politisch zu diskutieren, sollte von begleitenden Lehrern sehr behutsam und zurückhaltend umgesetzt werden. Auf der anderen Seite ergeben sich nämlich eine Fülle von Individualerfahrungen, die ihrerseits durchaus gesellschaftspolitisch interpretiert werden können. Es genügt dabei, die Summe der Schülererfragungen zu sammeln und in Ruhe zu besprechen. Die polnischen Schüler diskutierten nicht über die Sowjetunion. Auf dieses brisante Thema ging man nur mit abfälligen Witzen, aggressiven Bemerkungen ein oder man schwieg bewußt. Über die innerpolnischen Probleme wurden aber ungeniert die Meinungen ausgetauscht, und man erzählte ohne jegliche Hemmungen. Ein Politikum erfuhren unsere Schüler über das Verhältnis der polnischen Jugend zur Kirche. Eine Reflexion würde jetzt den Rahmen sprengen. Es ist aber völlig anders als das oberflächliche oder kritisch-distanzierte Verhältnis der großen Mehrheit unserer Schüler zu den Kirchen. Ein wichtiges Politikum ist die Begegnung mit der Geschichte, und zwar mit der eigenen, deutsch-polnischen Vergangenheit. Es sind zwei Epochen der gemeinsamen Geschichte, die von wesentlicher Bedeutung sind: Die Zeit der Teilungen, also der Nichtexistenz des polnischen Staates von 1795 bis 1919, und die Zeit der Okkupation von 1939 bis 1945. Beide stehen in einem inneren Zusammenhang, bedeuteten sie doch den Abwehrkampf der Polen um die Existenz ihres Staates und ihrer Nation. Es ist nun unbedingt nötig, in einer Vorbereitungsphase die Rolle und Praxis der preußisch-deutschen Politik, vor allem nach der Reichsgründung 1871, zu klären. Es sei hier erinnert an die Germanisierungspolitik unter Bismarck, die Ansiedlung und Privilegierung von Deutschen und die Unterdrükkungsmaßnahmen gegenüber den Polen in ihrer eigenen Heimat. All diese Dinge sind den polnischen Schülern sehr wohl bekannt. Sie reagieren mit völligem Unverständnis, wenn sich in Gesprächen auch historische Bezüge im Spannungsfeld zwischen Polen und Deutschen ergeben und manche unserer Schüler kaum wissen, wer Friedrich der Große war, oder wenn sie die ehemaligen preußischen Provinzen mangels ausreichender Kenntnisse nicht bezüglich dieses deutsch-polnischen Problems sehen. Zeugen des Abwehrkampfes des polnischen Bürgertums gegenüber Preußen kann man in Posen ausreichend finden: Das kleine, damals polnische Theater in der Nähe des größeren, ehemals deutschen Theaters; die Raczynski-Bibliothek, ein schöner, im klassizistischen Stil errichteter Bau; dann die Cegielski-Werke, die von dem damaligen Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein Cegielski als Konkurrenz zu den deutschen und jüdischen Firmen gegründet worden waren; ferner das frühere Palais des Kronprinzen und dann die vielen Villen und zum Teil protzigen Häuser aus der preußischen Zeit. Neben diesem Abwehrkampf, der zur Jahreswende 1918/19 zum sogenannten „Großpolnischen Aufstand“ führte, ist der Widerstandskampf während der Okkupationszeit hervorzuheben. Es war ein Kampf gegen die physische und psychische Vernichtung des polnischen Volkes. Leider sind die Kenntnisse unserer Schüler über den begonnenen polnischen „Holocaust“ zumeist sehr gering. In jeder Stadt gibt es Gedenktafeln für ermordete Bürger und Widerstandskämpfer. Man muß die Schüler unbedingt auf diese Dinge vorbereiten. Sie müssen vorher Zeit haben, über die Begriffe Schuld, Verantwortung und Versöhnung nachzudenken und zu sprechen. Die gesamte Problematik kann unseren Schülern erst bewußt werden, wenn sie in Posen auf dem Gelände der ehemaligen Festung stehen und von den Tausenden Gefallenen erfahren und die Grabreihen sehen. Diese schockartige Konfrontation mit der Geschichte ist zugleich, so makaber es klingt, ein didaktisch sinnvoller Ansatz, über die Problematik der Geschichte und auch über Geschichtsbewußtsein zu sprechen. Zusammen mit der Nachbereitung ergeben sich dann erst die tiefergehenden Eindrücke und der Lernerfolg. Wir haben bezüglich der Begegnung mit der Geschichte die günstige Möglichkeit, weite Bereiche der deutschen und polnischen Geschichte deutlich zu machen. Gleichzeitig ergibt sich aber auch die zwingende Notwendigkeit zur intensiven Vor- und Nachbereitung. Es wären nicht nur vertane Chancen: es wäre eine Brüskierung von Gastgebern, mit unvorbereiteten Jugendgruppen nach Polen zu reisen. Gerade in den Berührungspunkten zur Geschichte wird deutlich, daß die UNESCO nach dem Kriege gegründet wurde, um im internationalen Erziehungsprozeß der Jugend mit Hilfe von Begegnungen die Probleme der Völkervernichtung und des Hasses zu bewältigen und die Weichen für die Zukunft eines friedlichen Miteinanders zu stellen. Diesem zentralen Anliegen der UNESCO kann in Polen vor allem auch für uns Deutsche wie kaum in einem anderen Lande, vielleicht mit Ausnahme noch von Israel und der Sowjetunion, Rechnung getragen werden. Die pädagogische Situation in polnischen Schulen Die pädagogischen Probleme, die im Bereich einer polnischen Schule sichtbar werden, sollen nur kurz angesprochen werden. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis ist eher als traditionell anzusehen. Direktor, Lehrer und Lehrerinnen gelten als Respektspersonen und werden auch mit „Herr Direktor“ oder „Frau Professor“ angeredet. Der Unterricht läuft in hohem Maße als Frontalunterricht ab. Ansätze zu einer Mitbeteiligung der Schüler an der Unterrichtsplanung und -gestaltung gibt es kaum. Die Reformdiskussion der 60er und 70er Jahre in Westeuropa sind an der Schulwirklichkeit in Polen spurlos vorübergegangen, und es hat keine Versuche zu einer entsprechenden Reform gegeben. Gleichwohl wurden alle Reformen von Expertengremien beobachtet und ausgewertet. Das Problem der Nichtumsetzung lag in der Starrheit des bürokratischen Systems, des politischen Dogmatismus bzw. der eindeutigen Reformunfähigkeit des realen Sozialismus. Alle wesentlichen politischen und sozialen Reformen in Polen mußten ertrotzt werden, und das gelang nur in Schwächephasen des Staates. Andererseits muß man die ungeheuer schwierigen Aufbauphasen nach dem Kriege sehen. Polen hatte das Problem, überhaupt ein leistungsfähiges Bildungssystem zu entwickeln, und das ist im wesentlichen gelungen! Die Fragen nach Reformen werden dann auch nicht als so gravierend angesehen. Hinzu kommt, daß die einzige wesentliche oppositionelle Kraft, die Katholische Kirche, in ihrem Wesen als stockkonservativ gilt und unter allen Katholischen Kirchen in Europa wohl eher als reformfeindlich einzustufen ist. Aber auch dieses hat wiederum Gründe, die aus der spezifischen Geschichte des Landes abzuleiten sind. Bei aller berechtigten Kritik muß man in Polen mit Werturteilen sehr vorsichtig sein, die wesentliche Maßstäbe zum Vergleich anlegen! Aber auch dies gehört zu den Erfahrungen, die in Polen gemacht werden. Das bedeutet bei Schülerreisen nach Polen für den begleitenden Lehrer ein hohes Maß an Aufnahmebereitschaft und sehr viel Geschick, die Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren. Man sollte das intensive Gespräch mit polnischen Kolleginnen und Kollegen suchen. Übrigens unterrichten kaum Männer in den Schulen. Bei den Gesprächen sind die gegenseitigen Erwartungen und Wünsche nicht deckungsgleich. Für die polnischen Lehrerinnen und Lehrer steht die Information im Vordergrund. Sie möchten von der modernen Methodik und den Erfahrungen in unseren Schulen profitieren. Dem sollte man unbedingt durch Bücher über Didaktik und Methodik der einzelnen Unterrichtsfächer als mitzubringende Geschenke Rechnung tragen. Für uns bundesdeutsche Lehrer steht dann oft die Diskussion über eine bestimmte uns sichtbare Problematik im Vordergrund. Dieser Ansatz zu einer kritischen Reflexion hat aber in der Ausbildung und Praxis des Lehrerberufes in Polen nicht den gleichen Stellenwert wie bei uns. Konkret: Über die Anweisung des Herrn Direktors wird nicht diskutiert, sondern im Lehrerzimmer geschimpft. Einen Personalrat gibt es natürlich auch nicht. In den Jahren 1980/81 hatte die Solidarnoscgruppe einer Schule eine gewisse Kontrollfunktion wahrgenommen. Nach Zerschlagung dieser unabhängigen Gewerkschaft blieb alles wieder beim alten. Es ist ungeheuerlich, welche Chancen das kommunistische System stalinistischer Prägung in diesem Zusammenhang nicht nur vertan, sondern sogar zerschlagen hat. Diese Zerstörung einer politischen Kultur die in der Zeit der Aufklärung begann und neu in den sozialen und politischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts weiterentwikkelt wurde, wird erst jetzt wieder durch Basisbewegungen reaktiviert. Die Chancen, die der reale Sozialismus gehabt hat, sind auf Generationen vertan. Dies muß man wissen, um Reaktionen von Lehrern und Schülern, Meinungsänderungen etc. richtig verstehen zu können. In diesem Zusammenhang steht auch die geradezu verklärte Betrachtung des Westens und die totale Verdammung alles Eigenen. Jahrelange, zum Teil primitive Propaganda hat das genaue Gegenteil dessen bewirkt, was sie eigentlich hat erreichen wollen. Dies führte aber nicht nur zu einer Nichtreflexion, sondern sogar zu einer Ablehnung all dessen, was irgendwie mit dem Staat und dem politischen System zusammenhängt. Das hat zur Konsequenz, daß auch unbestritten positive Leistungen, die Aufbauleistungen in diesem am schwersten durch den Krieg betroffenen Land, von den Bürgern nicht mehr wahrgenommen oder gar „in Grund und Boden verdammt“ werden. All diese Irrationalitäten sind Ausdruck und Mitverursacher der Sozialpathologie. Die Verfahrenheit der gesamten Situation, die nach ökonomischen Kriterien totale Hoffnungslosigkeit und andererseits die gegenwärtig völlig irrationale Euphorie machen dieses Land immer wieder interessant. Es ist zu empfehlen, in Auswertungsgesprächen die Schüler längere Phasen erzählen zu lassen. Nicht nur, um manche Sachverhalte zu klären, sondern auch, um den Hang unserer Schüler zur Überheblichkeit - ein seit Jahren sich entwickelndes bundesdeutsches Phänomen - einzudämmen. Die Überheblichkeit aufgrund der westdeutschen ökonomischen Stärke erscheint uns zusammen mit der neuen Reproduktion klassischer deutscher Vorurteile gegenüber Polen das entscheidende Problem der gegenwärtigen jungen Generation im Zusammenhang mit den östlichen Nachbarländern der BRD, vor allem Polen, zu sein. Übrigens gibt es bei Jugendlichen aus der DDR gegenüber Polen ähnliche Erscheinungen. Wir können jedoch aufgrund unserer langjährigen Erfahrung in diesen skizzierten Problembereichen von positiven Ergebnissen sprechen - aber: die Problematik muß uns Lehrern bewußt sein. Der Gegenbesuch der polnischen Schüler Nun zum Gegenbesuch der polnischen Schüler: Vorab müssen wir festhalten, daß uns ein riesengroßer Stein vom Herzen fiel, als wir hannoverschen Kollegen die polnischen Schüler und Lehrer und den Herrn Direktor am Bahnhof in Helmstedt in Empfang nahmen, um gemeinsam mit dem Bus nach Hannover zu fahren. Die polnischen Gäste konnten nämlich nicht, wie geplant und abgesprochen, ein Jahr später - im September 1984 - nach Hannover kommen! Zunächst schlug die sogenannte „Wende“ in Bonn aufgrund gewisser Sonntagsreden voll durch. Die politischen Fronten verhärteten sich, obgleich die innenpolitischen Voraussetzungen in Polen durch den zunehmenden Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozeß an sich sehr positiv waren für unsere gemeinsame UNESCO-Arbeit. Die vorläufig zugesagten Genehmigungen wurden in Warschau zurückgezogen, obwohl das Volksministerium sich für die Fahrt ausgesprochen hatte; dort saßen viele Reformer, die die gemeinsame Arbeit weiterhin selbstverständlich unterstützen wollten. Im Außenministerium gab es eine positiv eingestellte, starke Fraktion, vor allem im Bereich der Westexperten. Verhindert hat dann die Fortführung des Schüleraustausches das sogenannte Administrationsministerium, das während des Kriegszustandes gebildet worden war und in dem die „Betonfraktion“ dominierte. Ab 1985 haben dann alle am Zustandekommen Beteiligten politisch gekämpft, um diesen Schüleraustausch nicht durch das unverantwortliche Gerede gewisser Sonntagspolitiker in der Bundesrepublik und der Betonfraktion in Warschau kaputtgehen zu lassen. Politische Amts- und Funktionsträger, vor allem in der Sozialdemokratischen Partei und der F.D.P., setzten sich für uns ein. Auf polnischer Seite verdanken wir eine wichtige Unterstützung dem damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Rakowski. Der Oberbürgermeister von Hannover und der Stadtpräsident von Poznan setzten sich ebenfalls nachdrücklich ein. Die Botschaft der Volksrepublik Polen hat unser Bemühen ebenfalls sehr wohlwollend unterstützt. Den entscheidenden Durchbruch hat dann aber eine Intervention des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Hans Koschnik als Vorsitzender des interfraktionellen Polenausschusses im Bundestag beim ZK-Sekretär für Auswärtiges im Politbüro im Dezember 1985 während der Brandt-Reise nach Warschau zu unseren Gunsten verursacht. Mit zwei Jahren Verspätung - das deutsch-polnische Verhältnis hatte sich nach der Rede des Bundespräsidenten zum Gedenktag des 8. Mai 1945 und dank der Bemühungen des deutschen Außenministers und jetzt auch aller im Bundestag vertretenen Parteien merklich entspannt - konnten wir die polnischen Gäste im September 1986 empfangen. Kleinere Pannen bei der Vorbereitung gehören zum polnischen Alltag und sollten nicht extra erwähnt werden. Die politische Hintergrundproblematik wurde aber skizziert, um deutlich zu machen, daß fruchtbare UNESCO-Arbeit in diesem europäischen Entspannungsprozeß mit deutschen und polnischen Jugendlichen nur innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen ablaufen kann. Man muß aber sagen, daß alle anstehenden Probleme einvernehmlich in sinnvollen Kompromissen geklärt werden konnten. Der Schüleraustausch von 1986 nur kann kurz skizziert werden: An mehreren Tagen erfolgte vormittags gemeinsamer Unterricht in der Bismarckschule. Daneben wurde ein gemeinsames Besichtigungsprogramm abgewickelt. Zum offiziellen Teil gehörte auch ein Empfang beim Oberbürgermeister, der unsere gemeinsame Arbeit würdigte. Die Kultur kam ebenfalls nicht zu kurz, und außerdem gab es intensive persönliche Kontakte. Am Abschluß der zwölf Tage waren alle Beteiligten erschöpft aber glücklich. Wir hatten die Hoffnung, den Besuch 1987 ohne Probleme erwidern zu können. Plötzlich kam aber von polnischer Seite der Vorschlag, aus dem Schüleraustausch eine gemeinsame Ferienaktion deutscher und polnischer Schüler an der Ostsee zu machen. Offensichtlich hatten die gemeinsamen Gegner in der polnischen Politik wieder den Versuch gestartet, uns aus der Schule herauszudrängen und damit die langjährige Arbeit zu blockieren. Wir sahen es so! Gemeinsam mit den polnischen Partnern fanden wir einen sinnvollen Kompromiß: Wir vereinbarten, daß der Schüleraustausch fortan themenorientiert ablaufen sollte, und zwar bei Besuch und Gegenbesuch. Die Details des Gegenbesuchs sind noch nicht konzipiert. An dieser Stelle sei auch die hohe Unterstützung durch die Stadt Hannover erwähnt, ohne die unter den gegebenen Umständen der Schüleraustausch nicht hätte durchgeführt werden können. Dank gebührt insbesondere dem Oberbürgermeister und den Kollegen im Kulturamt der Stadt Hannover, das für die Kontakte mit Poznan zuständig ist. Außerdem haben wir wesentliche Hilfe und Unterstützung vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt erhalten: Herr Dedecius hat sich persönlich dafür eingesetzt, daß wir aus dem Fond des Herrn Bundespräsidenten von Weizsäcker erhebliche Mittel für Ausflüge, Konzerte und Lehrmaterial als Starthilfe zur Verfügung gestellt bekamen. Nachbemerkungen für begleitende Lehrkräfte Man sollte möglichst jede nach Polen reisende Jugendgruppe gut vorbereiten; für Schüleraustauschgruppen ist dies aber unabdingbar. Nähere Ausführungen dazu sind in einem Aufsatz von meiner Kollegin Eva Helms und mir enthalten. Wesentliche Punkte sind die Sensibilisierung für das Alltägliche sowie die Bewußtmachung des „bei uns“ Selbstverständlichen. Es ist wichtig, bekanntes Wissen über Polen aus dem Geschichts- und Erdkundeunterricht zu wiederholen. Weiterhin muß vorher und nachher über die Problematik des vorurteilsbesetzten Wissens gesprochen werden. Da in Polen „alles anders ist als in der DDR“, sollte man versuchen, die Schüler zur Aufnahme des Neuen aufzuschließen bzw. spontane Schüleräußerungen während des Aufenthalts zu sammeln und möglichst darüber zu sprechen. Ein delikates Problem sind die Fragen nach den Gastgeschenken. Schüler weigern sich oft, Schokolade und Kaffee mitzunehmen, da sie nicht „Weihnachtsmann“ spielen wollen. Man muß ihnen dann sagen, daß jemand sich riesig und auch echt über ein solches Mitbringsel freut, weil er es sich gegen Landeswährung nicht kaufen kann und gegen US-Dollar nur zu horrenden Preisen! Wenn demnächst alle Waren, abgesehen von den allernötigsten Grundnahrungsmitteln, nicht mehr subventioniert werden und der Verkauf auch in der Landeswährung möglich ist, dann werden mit Sicherheit alle Preise über dem bundesdeutschen Niveau liegen. Auch an diesen Beispielen kann man die Bitternis des völlig abgesunkenen Lebensstandards deutlich machen. Beim Besuch polnischer Jugendlicher sollte man versuchen, z.B. im Rahmen einer alternativen Stadtführung wie in Hannover, bei der auch die Stätten der KZ und die Gräber ermordeter polnischer und russischer Zwangsarbeiter besucht werden, oder auch durch eine gemeinsame Fahrt zur Gedenkstätte Bergen-Belsen, eine spezifische Form der Betroffenheit der Teilnahme von Angehörigen der Opfernation zu erreichen. Wir haben z.B. 1986 zusammen mit den polnischen Austauschschülern und gleichzeitig anwesenden amerikanischen Austauschschülern Bergen-Belsen besucht; eine vollständige Darstellung und Auswertung kann jetzt nicht vorgenommen werden. Nur eines: Wir waren am Ende des Rundganges, als wir uns vor der Gedenkstätte trafen, völlig unfähig, Worte für die Eindrücke und Gedanken zu finden. Wir haben geschwiegen. Hier mußte dann der Lehrer das Schweigen angemessen durch wenige Sätze beenden. Ich muß sagen, daß ich selten unter einer solchen Spannung schweigend verharrt habe. Ein Anfangsproblem sollte noch erwähnt werden: Für die polnischen Schüler bedeutet es eine hohe Auszeichnung, in die Bundesrepublik fahren zu dürfen. Die Auswahl stellt in der Regel eine Belohnung für sehr gute Leistungen dar. Alle Schülerinnen und Schüler werden aber vorher eindrücklich ermahnt, ihre Schule, ihre Stadt und ihr Land würdevoll zu vertreten. Die polnischen Lehrerinnen legen dann - zumindest solange man sich noch nicht so gut kennt - sehr viel Wert auf vorbildliches und diszipliniertes Verhalten ihrer „Zöglinge“. Man sollte also bei gemeinsamen Veranstaltungen, bei denen es darum geht, gemeinsame Regeln aufzustellen und einzuhalten oder auch das Ende einer abendlichen Veranstaltung festzulegen, recht behutsam umgehen. Wir hannoverschen Lehrer haben in solchen Fällen vorgelebt, wie wir kollegiale Entscheidungsprozesse, auch zusammen mit dem Schulleiter, durchführen und umsetzen. Hier hat sich aber inzwischen ein völlig problemloses kollegiales Miteinander und Lernen voneinander ergeben. Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt ist der Konsens im eigenen Kollegium. Ein Schüleraustausch, vor allem in diesem sensiblen Bereich, ist nur möglich, wenn er von einer breiten Mehrheit des Kollegiums und auch der Elternschaft getragen wird. Außerdem gibt es an der Bismarckschule den Konsens, den Schüleraustausch auf möglichst viele „Schultern“ zu verteilen. Bisher sind jeweils andere Kolleginnen und ein anderer Kollege zur Begleitung mitgefahren. Gleiches gilt für den parallel ablaufenden Lehreraustausch, durch den pro Jahr eine kleine Delegation von Lehrerinnen und Lehrern fährt oder bei uns zu Gast ist. Diese wenige Tage dauernden Besuche dienen außerdem jeweils der Vorbereitung des dann folgenden Besuches mit der Schülergruppe.1 L.N. Der Austausch zwischen unseren beiden Schulen besteht schon seit fast zehn Jahren - auch wenn er durch die Verhängung des Kriegsrechts zeitweilig unterbrochen war. Seit 1987 versuchen wir den Austausch unter einen themenbezogenen Schwerpunkt zu stellen. Ausgang war wohl der Wunsch von polnischer Seite, die Schüler aus-serhalb der Schulzeit in einem Ferienlager unterzubringen (geringere Unterbringungs- und Verpflegungsprobleme, keine Belastung des Schulalltags?). Da das überhaupt nicht unseren Vorstellungen entsprach, schlugen wir eine sinnvolle Verknüpfung gemeinsamer Aktivitäten in den Ferien mit einem mehrtägigen Schulbesuch vor. Angereichert werden sollte die Fahrt durch kulturelle und touristische Programme und die Möglichkeit zu vielfältigen persönlichen Begegnungen. Langfristig sollen die Schwerpunkte der gemeinsamen Aktivitäten verschiedenen Unterrichtsfächern im weiteren Sinne zugeordnet werden. Dadurch können u.a.:
Bisher wurde jeweils ein Besuch bei der Partnerschule unter dem Schwerpunkt Sport durchgeführt. In diesem und dem nächsten Jahr werden geographische Themen behandelt, für die Zukunft bieten sich Biologie/Chemie/Íkologie und Geschichte an. In organisatorischer Hinsicht lassen sich stichwortartig folgende Erfahrungen nach den ersten beiden Begegnungen festhalten: der Vorlauf bei der Terminabsprache war sehr langwierig; Informationsfluß ist schwierig (3-4 Wochen); oft Telefonate und Telegramme (teilweise entstellt) zusätzlich nötig; eigene Planung muß frühzeitig einsetzen (z.B. Pässe einsammeln - führt teilweise zu Überschneidungen in der Urlaubszeit - wenn nötig Zweitpaß ausstellen lassen); finanzielle Abwicklung frühzeitig planen und Zuschüsse beantragen (s.a. unter 4.1.); Unterbringung klären - privat oder in JH o.ä.; Besuchsprogramme erstellen, gern besuchte Firmen wie VW sehr früh anschreiben; während der Schulzeit sollten möglichst viele Schüler als Betreuer freigestellt werden (Klausurpläne, Arbeiten); für das gemeinsame Programm reichen vier Tage, Besuch in der Schule mit weiteren Veranstaltungen 5 bis 6 Tage. Hinsichtlich der inhaltlichen Beobachtungen können ebenfalls nur die beiden letzten Besuche mit dem Schwerpunkt Sport herangezogen werden, sie lassen sich aber wohl verallgemeinern: wegen der einfachen Ausstattung der Schulen und der geringen Erfahrungen bei außerschulischen Aktivitäten (Ausnahme die Ferienmaßnahmen) bleiben die Möglichkeiten für die Durchführung außerunterrichtlicher Maßnahmen, wie Exkursionen, Besichtigungen Projekte u.ä. deutlich eingeschränkt beim Sportlager hieße das konkret: es bestand nur ein Angebotscharakter für die unterschiedlichen Wassersportgeräte, die z.T. in schlechtem Zustand waren, das Lagerleben hingegen war straff organisiert; die Interessenlage der Schüler wird durch vorgegebene Themen nicht immer getroffen; Auswahlkriterien für die Schüler in Polen sind z.B. gute Leistungen allgemein oder im Fach Deutsch; von polnischer Seite bestehen teilweise Probleme bei der Formulierung von Inhalten und Arbeitsmöglichkeiten; Hilfestellungen sind möglich, z.B. bei der Bereitstellungen von Arbeitsmaterialien, die von hier aus mitgenommen werden. Für die weitere Planungen läßt sich aus unserer Sicht festhalten:
G.F. In Fortsetzung eines seit 1983 initiierten Austausches zwischen dem V.Liceum in Poznan und der Bismarckschule Hannover reiste eine Gruppe von 16 Schülern und zwei begleitenden Lehrern vom 11.-22.09.89 nach Polen. Bei unseren Schülern handelte es sich um eine jahrgangsübergreifende Gruppe, die SchülerInnen der Klassenstufen 9-13 umfaßte, zu einem kleinen Teil auch solche, die schon früher an einer Austauschaktion beteiligt waren. Eine völlig neue Qualität hatte der Austausch für diesmal dadurch gewonnen, daß mit den polnischen Gastgebern eine private Unterbringung hatte vereinbart werden können. Uns war bewußt, daß dies angesichts der wirtschaftlichen bzw. versorgungsmäßigen Probleme ein großherziges Angebot war, und so haben wir versucht, unsere Schüler vorab auf mögliche sensible Situationen, gerade vor dem Hintergrund unserer früheren Erfahrungen mit einer überwältigenden polnischen Gastfreundschaft, einzustimmen. Nicht ganz einfach einzuschätzen war, auch im Nachhinein gesehen, die Frage unserer Gastgeschenke bzw Mitbringsel. Da die individuellen Lebensbedingungen der gastgebenden Familien natürlich nicht vorab bekannt waren, kam es durchaus vor, daß Mitbringsel einer bestimmten Kategorie hier gern gesehen wurden, dort eher Befremden, in einer bestimmten Familie gar leichtes Mißfallen auslösten. Diese Klippe dürfte allenfalls durch phantasievolle Vielfalt umschifft werden können. Das Problem wird sich vor dem Hintergrund der jetzt rapide verschärften Wirtschaftslage in Polen auf absehbare Zeit nicht kleiner gestalten. Auf jeden Fall war das neue Modell einer privaten Unterbringung der Austauschgruppe ein von allen Teilnehmern unterstrichener Erfolg. Einer unserer Schüler schrieb uns auf: „Um 9.15 Uhr erreichten wir Hannover, müde und geschafft, aber mit der Gewißheit, eine wohl einmalige Erfahrung gemacht zu haben. Die Chance, so intensiv mit polnischen Menschen in Kontakt zu kommen und so die Lebensweise, Kultur und Probleme der Menschen kennenzulernen ist sicher nur innerhalb eines Schüleraustausches gegeben. In diesem Sinne hoffe ich, daß dieser Dialog weiterhin bestehen bleibt!“ (B.Kiersch) Jedenfalls finden wir, daß es kein schlechter Zufall ist, wenn unsere Begegnung in das Jahr eines allgemeinen europäischen Aufbruchs fiel. W.S. 1 Der vorliegende Aufsatz ist eine Kurzfassung aus G.Voigt/L.Nettelmann, Die Arbeit einer UNESCO-Schule, Oldenburg 1990 (Oldenburger Vor-Drucke; Heft 98/90)
Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991) Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992) Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993) Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991) Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990 Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924
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Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
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