|
http://www.Polen-Didaktik.de |
|
Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 - die Mahnung des 1. September 1939 Die Fertigstellung der Manuskripte erfolgte zumeist in der Zeit, in der sich das schicksalträchtige Datum des 1. September zum fünfzigsten Male jährte. Dies gibt Anlaß zu einem historischen Rückblick und zum Nachdenken über die aus der jüngsten Geschichte wachsenden Verpflichtungen. Der 1. September 1939 kann - aus der historischen Perspektive betrachtet - als das Datum dieses Jahrhunderts begriffen werden, das in der ganzen Welt, insbesondere in Europa, und hier vor allem in Deutschland, Polen und der Sowjetunion und außerdem in Israel größte Trauer hervorruft und gerade für uns Deutsche Anlaß gibt zu tiefem Gedenken - auch zu schamhaftem Schweigen. Dieser Tag hat eine andere Qualität als der 1. August 1914, an dem der I. Weltkrieg begann. Der II. Weltkrieg wurde auf Befehl Hitlers durch den Überfall auf Polen entfesselt. Erklärtes Ziel dieses Nazi-Deutschlands war die Gewinnung des „Raumes im Osten“. Dieses hieß aber: Sowjetunion. Doch der Weg dorthin führte durch Polen und mußte zwangsläufig über den Krieg mit Frankreich und England und weitere Umwege geführt werden. Deprimierend an diesem Krieg ist bereits die Inszenierung seines Beginns. Wenige Tage nach einer zwischen Hitler und Stalin im geheimen beschlossenen Aufteilung Polens wurde dieses Land von deutschen Truppen überfallen. Der 1934 mit Polen auf die Dauer von zehn Jahren abgeschlossene Gewaltverzichtsvertrag zur Herstellung „gutnachbarlicher Verhältnisse“ war im Juli 1938 noch durch einen Wirtschaftsvertrag scheinbar festgeschrieben worden. Es würde jetzt zu weit führen, die einzelnen Schritte der Organisation dieser Kriegsvorbereitung nachzuzeichnen, die bereits im Jahre der sogenannten „Machtergreifung“ 1933 begannen. Wir müssen uns deshalb auf wenige Aspekte beschränken. Auf Befehl Heydrichs besetzten polnisch sprechende SD-Angehörige den unmittelbar an der Grenze in Oberschlesien befindlichen Sender Gleiwitz und hielten eine polnische Ansprache. Gleichzeitig überfielen als polnische Soldaten verkleidete SS-Männer die Grenzstation Hohenlinden. Mit Blut beschmierte Leichen - es handelte sich um ermordete KZ-Häftlinge, die ebenfalls polnische Uniformen trugen - hatte man als „Beweismittel“ gleich mitgebracht und am Tatort hinterlassen. Diese an der Grenze gefallenen Schüsse waren der Hintergrund für die Worte Hitlers, „seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen“. Die weiteren besonders hervorzuhebenden Schüsse fielen in der Danziger Bucht. Dort war ein deutsches Kriegsschiff zu einem Freundschaftsbesuch eingelaufen, wie es unter vielen Marinen in der Welt Brauch ist. Daß das Schulschiff „Schleswig-Holstein“ mit seinen größeren Geschützen einlief anstelle eines vorgesehenen kleineren Schiffes, sei nur am Rande erwähnt. Wie unter Marinesoldaten und Matrosen üblich, feierte man bis in die Nacht und schloß Freundschaften. Einige als Freunde neu gewonnene polnischen Offizierskameraden verließen erst spät in der Nacht das Schiff, sicherlich nicht ohne genügend auf die Freundschaft und Kameradschaft angestoßen zu haben. Der Kommandant des Schiffes wußte bereits zu diesem Zeitpunkt, daß die Mannschaft im Morgengrauen auf Gefechtsstation befohlen werden mußte, um mit den Geschützen der „Schleswig-Holstein“ das Feuer auf die „Westerplatte“, ein polnisches Munitionsdepot auf dem Gebiet des damaligen Freistaates Danzig, zu eröffnen. Es ist müßig, den Propagandarummel nachzuzeichnen, der in den deutschen und polnischen Medien vor diesen ersten Schüssen ablief. Auch die Auseinandersetzungen um die Korridorfrage waren diplomatisches Geplänkel. Das letzte „Verhandlungsangebot“ Hitlers war mit Sicherheit ein bloßer Kriegsvorwand. Zur Mahnung bleibt die Tatsache, daß der Krieg mit diesem Überfall begann, und die perfide Art und Weise, wie er begann! Unser Augenmerk sollten wir weiterhin richten auf die Frage, warum dieses militärisch weitaus schwächere Land gegenüber der damals stärksten Militärmacht Europas so heldenhaft gekämpft hat. Ein wesentlicher Grund war die Hoffnung auf einen Kriegseintritts der westlichen Verbündeten Frankreich und England. Trotz Kriegseintritt dieser Garantiemächte fand der Krieg im Westen zunächst nicht statt. Der polnische Dichter und Nobelpreisträger Ceslaw Milosz, der die Katastrophe als Soldat erlebt hat, schreibt dazu: „Eine der polnischen Eigenheiten ist die tiefe Überzeugung, Gott würde persönlich in die Angelegenheiten der Geschichte eingreifen und sich auf die Seite der Gerechten stellen. Aufgrund dieser Überzeugung haben sich die Bewohner dieses Landes so manches Mal in hoffnungslose Kämpfe gestürzt, und später waren sie erstaunt, daß Gott ihnen nicht geholfen hatte.“ „Nie war Polen so gottverlassen, wie in jenem blutigen September. Zwar hat die legendäre Attacke polnischer Ulanen gegen deutsche Panzer in Wirklichkeit wohl nicht stattgefunden, doch sie symbolisiert treffend die Mentalität, mit der Polen dem deutschen Angriff begegnete. Niemand hatte eine Vorstellung von der vernichtenden Feuerwalze einer mechanisierten Armee, von der demoralisierenden Wirkung von Flächenbombardements und Tieffliegerangriffen - obwohl der polnische Generalstab genaue Kenntnis von Hitlers Wehrmacht besaß, obwohl jedermann in Warschau die Wochenschauen aus Spanien gesehen hatte, wo Hitler seine neuen Sturzkampfbomber erprobte.“ (H. Jaenecke, S.92) Am 17. September, als sowjetische Truppen in Ostpolen einmarschierten, verschwand die Hoffnung. Wenige Tage später kapitulierten die Reste der Polnischen Armee. Trotz gegenteiliger Propaganda war der Krieg kein „Spaziergang“ für die Wehrmacht. 10.500 Gefallene und 30.000 Verwundete gab es auf deutscher Seite. Die Materialverluste und -schäden waren so hoch, daß der Krieg im Westen nicht wie vorgesehen im November weitergeführt werden konnte. Dies ist aber reine Kriegsgeschichte. Worüber sollten wir aber nachdenken? Vielleicht darüber, daß die Bomber, die ihre tödliche Last nach Warschau brachten, auch in Wunstorf bei Hannover aufgestiegen sind? Oder darüber, daß die Bombadierung Warschaus der britischen Führung Anlaß gab, die Aufstellung großer Bomberverbände zu planen, die wiederum für Hamburg, Bremen und Hannover bestimmt waren? Den Bombenkrieg hat die deutsche Bevölkerung bald, den Einbruch der modernen militärischen Phalanx erst gegen Ende des Krieges erfahren, dann aber in der apokalyptischen Totalität. Die Weichen für dieses sechsjährige grauenvolle Geschehen wurden aber an diesem 1. September 1939 gestellt. Polen wurde nach der Kapitulation seiner Truppen nicht in gleicher Weise besetzt, wie z.B. Frankreich oder Holland. Dort respektierte man den Fortbestand des Staates. Der jeweilige Verwaltungsapparat unterstand der deutschen Kontrolle und handelte nach entsprechenden Weisungen. In Frankreich existierte in Vichy eine abhängige Regierung, die aber noch bis 1942 die Befehlsgewalt über die in Nordafrika stationierte französische Armee und die Flotte hatte. In Norwegen gab es die Quislingregierung. Der sich in den westlichen Ländern herausbildende Widerstand, die Résistance, stand in keinem Verhältnis zur zumeist willfährig mit den deutschen Behörden paktierenden bzw. kollaborierenden Verwaltung und Polizei. Selbst der als „Schlächter von Lyon“ bezeichnete Gestapochef Barby konnte seine Mordbefehle nur mit Hilfe französischer Kollaborateure umsetzen. In Polen war alles anders. Ziel Hitlers war (zitiert nach dem Gedächtnisprotokoll des Generalobersten Halder vom 22.8.39): „die Vernichtung Polens - Beseitigung seiner lebendigen Kraft. Es handelt sich nicht um die Erreichung einer bestimmten Linie oder einer neuen Grenze, sondern um Vernichtung des Feindes, die auf immer neuen Wegen angestellt werden muß.“ Keiner der an diesem Tage auf dem Obersalzberg anwesenden höchsten Generale hat sich angesichts des Wissens um den zwingend folgenden Krieg gegen England und Frankreich geweigert mitzumachen. Sie, die sie alle im preußischen Geiste erzogen waren, haben eben nicht um ihre Entlassung gebeten, die sie wohl ihren Posten, nicht aber ihren Kopf gekostet hätte. Im Urteil des Internationalen Gerichtshofes vom 1.10.46 heißt es über die Angehörigen der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Elite Deutschlands, die diesen Krieg erst ermöglicht hat und zumeist nicht aus fanatischen Nationalsozialisten bestand: „Hitler benötigte die Mitarbeit von Staatsmännern, militärischen Führern, Diplomaten und Geschäftsleuten. Daß ihnen ihre Aufgaben von einem Diktator zugewiesen wurden, spricht sie von der Verantwortlichkeit für ihre Handlungen nicht frei.“ Verantwortung - wessen? Gar Schuld? Mahnung an die Nachfolgenden? Wir sollten über all diese Begriffe nachdenken! Im veröffentlichten Befehl Hitlers an die Truppe vom 9.9.39 hieß es: „Diese Operationen gegen das polnische Heer sind mit so starken Kräften so lange fortzuführen, bis die Gewähr gegeben ist, daß den Polen der Aufbau einer zusammenhängenden, deutsche Kräfte fesselnden Front nicht mehr gelingen kann.“ Diese wie für einen typischen konventionellen Krieg klingenden Formulierungen könnten auch von einem Befehl von Moltkes (1870) oder von Ludendorffs des Jahres 1915 stammen. Die Worte Hitlers sollten offenkundig über die wahren Ziele und das einsetzende Geschehen hinwegtäuschen. Die von der Propaganda ausgestreute Saat des Hasses und Unheils ging schnell auf. Eine Augenzeugin, Jüdin aus Lodz, schreibt am 8.9.39, dem Tag des Einmarsches der deutschen Truppen: „Diese sogenannte 'unterdrückte Minderheit' ist jetzt plötzlich aufgetaucht und füllt die Straßen mit hallenden 'Heil'-Rufen.“ Am Tag danach schreibt sie: „'Jude'! Wir hören diese wilden Schreie aus dem Mund deutscher Einwohner, die bis gestern unsere Nachbarn waren. Der Wolf hat sein Lammfell abgestreift, seine Zähne hungern nach Beute. Die deutschen Jugendlichen liegen im Hinterhalt und warten auf vorbeigehende Juden. Sie greifen sie erbarmungslos an und ziehen sie an den Bärten und reißen sie an den Haaren, bis das Blut fließt, glühend vor sadistischer Freude über ihren wilden Sport. Das ist zu ihrer 'nationalen Mission' geworden, und sie führen sie mit sprichwörtlicher deutscher Gründlichkeit aus.“ Das Leiden der Menschen in diesem Lande, der Polen und Juden, und heute muß man auch sagen, der Roma und Sinti, begann. Es ist andererseits wichtig zu wissen, daß seit dem Aufbau dieser in Mittelpolen gelegenen Stadt, Lodz, Polen, Deutsche und Juden friedlich und zumeist gutnachbarlich nebeneinander gelebt haben. Auch diejenigen Deutschen, die zum Teil seit mehreren Generationen in diesem Polen - zumeist in den ehemaligen preußischen Provinzen - gelebt haben, beteiligten sich nicht an Exzessen. Sie pflegten - soweit möglich - ein normales Verhältnis zu ihren Nachbarn. Kurze Zeit nach der polnischen Kapitulation schreibt Lily Jungblut, die Frau eines Gutsbesitzers im Kreis Hohensalza, an Göring: „...sind Tausende und Abertausende unschuldige... Menschen erschossen worden: sämtliche Lehrer und Lehrerinnen, ─rzte und ─rztinnen, Rechtsanwälte und Notare, Richter und Staatsanwälte, Großkaufleute und Gutsbesitzer - soweit sie noch lebten - sind zu Tausenden aus den Schulen vor den Augen der Kinder, aus den Stellen, in die die Wehrmacht sie wieder eingesetzt hatte, aus der Praxis, aus den Kliniken, aus den Gütern, wo sie gingen und standen, von der Danziger Gestapo verhaftet und in Zuchthäuser und Gefängnisse gesperrt worden. Heute beginnt die gleiche Tragödie mit Kleinbauern und Arbeitern..... Welchen Ruhm erwerben sich Volksdeutsche und Treuhänder, wenn sie fast sämtliche Marienkreuze an den Wegen absägen und zerschlagen lassen, in die Häuser der Arbeiter eindringen und heilige Bilder von den Wänden reißen und mit den Füßen zertreten...“ Auch die Ereignisse in Bromberg (polnisch: Bydgoszcz) sollten nicht unerwähnt bleiben. Sicher ist, daß eine polnische Artillerieeinheit, die am Sonntag, dem 3.9., die Stadt passierte, als deutsche Truppen noch nicht das Umland erreicht hatten, die Stadt aber schon von deutschen Flugzeugen bombardiert wurde, aus einigen Häusern heraus von sogenannten Heckenschützen beschossen wurde. Die polnischen Soldaten schossen zurück und töteten jeden, bei dem sie eine Waffe fanden. Als deutsche Truppen dann am 7.9. in die Stadt einmarschierten, richteten sie ein Blutbad an (so eine englische Augenzeugin). Zur Vertuschung wurden polnische Leichen entstellt und als deutsche Tote fotografiert und diese Bilder veröffentlicht. Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken zwischen 3000 und 5000. Die deutsche Propaganda sprach dann ab 1940 von mindestens 50.000 Ermordeten an dem von ihr so bezeichneten „Blutsonntag“. Es ist nicht auszuschließen, daß deutsche und polnische Zivilisten aufeinander schossen und sich umgebracht haben. Wesentlich ist aber, daß nach dem Weiterziehen der Wehrmacht die Einsatzgruppen der SS und die Gestapo sofort zum systematischen Terror wie Geiselerschießungen übergingen. Die Toten von Bromberg sollten zur Rechtfertigung dienen. Es stellt sich immer wieder die Frage, ob es sich um atypische Verkettungen unglücklicher Umstände handelt. Wir müssen aber feststellen, daß neben den militärischen Aktionen ein systematischer Feldzug gegen die Menschen in diesem Lande, gegen Polen und Juden einsetzte. Im Erlaß Hitlers vom 7.10.39 ist die Rede von der „Ausschaltung des schädlichen Einflusses von solchen volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuten.“ Was das bedeutete, hatte Hitler bereits am 12.9. seinen Generälen mitgeteilt. In jedem militärischen Bezirk sollte nämlich der Posten eines zivilen Bevollmächtigten geschaffen werden, der dann mit der Volksausrottung betraut werden sollte. Diese als „politische Flurbereinigung“ bezeichnete Maßnahme sollte praktisch der Liquidierung der gesamten politischen und kulturellen Führungskräfte dienen. In einer Denkschrift des Rassenpolitischen Amtes der Reichsleitung der NSDAP vom 25.11.39 über die „Behandlung der Bevölkerung der ehemaligen polnischen Gebiete nach rassenpolitischen Gesichtspunkten“ ist dies im einzelnen dargelegt: „Unter den Begriff der polnischen Intelligenz fallen in erster Linie polnische Geistliche, Lehrer, Hochschullehrer, Ärzte, Offiziere, höhere Beamte, Großkaufleute, Großgrundbesitzer, Schriftsteller, Redakteure sowie sämtliche Personen, die eine mittlere oder höhere Schulbildung erhalten haben.“ Die einzelnen Phasen des Krieges haben verhindert, daß die Pläne vollständig umgesetzt wurden. Insgesamt verlor Polen ca. sechs Millionen Menschen, darunter drei Millionen Juden. Hinzu kommt eine große Zahl Menschen, die aus den von der Sowjetunion besetzten Gebieten Ostpolens verschleppt worden sind. In Polen spricht man heute ebenfalls von einer Million Menschen, von denen nur ein kleinerer Teil zurückgekommen ist. Die anderen wurden ermordet oder sind umgekommen. Es ist zu hoffen, daß durch Glasnost auch in diesem Zusammenhang die historische Forschung ermöglicht wird. Angesichts der grauenvollen Zahlen, die sich auf den ganzen Krieg beziehen, fällt es schwer, eine detaillierte Aufschlüsselung vorzunehmen. Sofort nach Ende der Kampfhandlungen im Oktober 1939 wurde mit einer Aufteilung des polnischen Staatsgebietes begonnen. Vorher hatte es wohl mehrfache Überlegungen, aber keine detaillierte und vor allem zusammenhängende Planung gegeben. Aber auch diese Kompetenzüberschreitungen, das Neben- und Durcheinander waren typisch für das Nazi-Deutschland. War es doch eine Herrschaftsmethode, die sich im Verlaufe des Krieges ausweitete! Für Polen bedeutete es, daß sofort im Oktober die ehemaligen preußischen Provinzen Posen und Westpolen etwas vergrößert als die Reichsgaue „Danzig-Westpreußen“ und „Wartheland“ dem Reich zugeschlagen wurden. Die polnische Bevölkerung dieser neuen Reichsgaue wurde nach und nach vertrieben, und zwar in das sogenannte Generalgouvernement. Zum Gouverneur wurde bereits am 12.10.39 Dr. Hans Frank, zuvor Reichsjustizminister, ernannt. In einem Gebiet von ca. 100.000 km und einer Bevölkerung von mindestens 15 Millionen Menschen entstand - eine Verwaltung war natürlich noch nicht aufgebaut! - (nach Kuby:) „ein chaotischer Zustand, der den Mörderbanden der SS und der politischen Polizei die Ausführungen ihres blutigen Handwerks außerordentlich erleichterte.“ Die Wehrmacht war nämlich bereits am 26.10.39 von ihren Verwaltungs- und Ordnungsaufgaben befreit worden und weitgehend nach Westen abtransportiert worden. Am 15.11. wurden alle Gymnasien und Universitäten geschlossen. Erlaubt war im Generalgouvernement für polnische Kinder nur der Besuch von Grund- und Berufsschulen mit begrenztem Unterrichtsprogramm. Ab dem 1.12. mußten Juden den Davidsstern tragen. Straßenbahnen waren ihnen verboten. In den eingegliederten Gebieten wurden sämtliche polnische Schulen geschlossen. Die Benutzung der polnischen Sprache war in der Öffentlichkeit verboten. In den Großstädten Posen und Łodź gab es kein polnisches Theater oder Kino mehr. Polen erhielten geringere Lebensmittelrationen und Löhne; Vermögen wurden beschlagnahmt, Firmen enteignet. Im Generalgouvernement gab es - bei allem Elend - noch die polnische Kirche, polnische Krankenhäuser, Firmen und eine Złoty-Währung. In Krakau hatte man am Ende Oktober die Professoren zu einer Sitzung eingeladen, auf der über die Wiedereröffnung des Lehrbetriebes gesprochen werden sollte; alle wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht: Dachau, Sachsenhausen; dann Groß Rosen und Stutthof. Letzteres KZ war 1937 bereits auf dem Gebiet des damaligen Freistaates Danzig geplant und gebaut worden. Es war vorgesehen für die polnische Intelligenz! Auschwitz, eine ehemalige Kaserne aus k.u.k. Zeiten, wurde ab 1941 als KZ benutzt. Physischer und psychischer Terror, Mord, Hunger und Infektionen waren die Methoden, das polnische Volk als politisches Subjekt, als Staatsvolk und als Kulturnation zu vernichten. Nach Himmler sollten die Polen nur einfaches Rechnen und den Namen schreiben lernen und im wesentlichen für die Deutschen arbeiten und ihre Kultur bewundern. Von den Goralen z.B. sollte in fünfundzwanzig Jahren niemand mehr etwas wissen. Es ist unfaßbar, daß Menschen, die vorgeben, einer höherstehenden Kultur anzugehören, zum Zerstörer wesentlicher Teile der europäischen Kultur werden konnten. 1941 wurde der sogenannte „Generalplan Ost“ entwickelt. Er sah im wesentlichen eine weitere Besiedlung des Ostens vor (gemeint ist hier der Westteil der Sowjetunion) durch Deutsche, verbunden mit Umsiedlungsaktionen der einheimischen Bevölkerung. Die Pläne waren an sich völlig irrsinnig. Gleichwohl wurde begonnen, sie umzusetzen! Ansätze waren in der Schaffung der sogenannten Volkslisten zu sehen, die bei einer Einteilung in vier Kategorien den Zweck hatten, fremde Bürger nach und nach zu Reichsdeutschen zu machen. Eine besonders üble Methode war der Raub von Kindern. Sie wurden nach vorgeblich rassischen Gesichtspunkten untersucht und ihren Eltern geraubt. Anschließend bekamen sie neue Papiere und wurden Adoptiveltern überstellt. Viele Schicksale konnten nach dem Kriege aufgeklärt werden; es gelang aber nicht immer, da die Originalpapiere vernichtet worden waren. Es gibt noch heute Männer und Frauen in Deutschland, die eine dunkle Ahnung davon haben, daß sie damals als Kinder verschleppt worden sind. Im Januar '42 ist dann in der Wannsee-Konferenz die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen worden. Die hierzu nötige Tötungsmaschinerie wurde ausschließlich auf polnischem Boden installiert: Die Vernichtungslager Birkenau (Auschwitz II), Majdanek, Treblinka, Sobibor und Belzec. Der Widerstand begann in Polen sofort, nachdem die polnische Armee kapituliert hatte. Symbol für das „Kämpfende Polen“ (Polska walczaca), wie es sich nannte, war das „P“ über einem „W“, das an ein urchristliches Symbol erinnert. Eine wesentliche Wurzel der Motivation zum Widerstand liegt in dem, was in unserer heutigen Welt als Mangel beklagt wird: im Geschichtsbewußtsein. Dieses ist im wesentlichen zurückzuführen auf den Kampf um die eigene Identität in der polnischen Geschichte. Die polnische Nation war am Ende des 18. Jahrhunderts unfähig und ohnmächtig, sich der Zerteilung und der territorialen Zuordnung zu den Teilungsmächten Rußland, Preußen und Ísterreich zu widersetzen. Daran änderte auch der verzweifelte Aufstand unter General Kosciuszko - eines Teilnehmers am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nichts. Polen verschwand 1795 von der Landkarte. Das Motiv, kämpfend Widerstand zu leisten, steht in der Tradition aller Aufstände, zumeist gegen die russische Teilungsmacht. Die Gefallenen der Aufstände, die Opfer der Deportationen wurden und werden auf dem Warschauer Heldenfriedhof (Powazki) geehrt. Dort gibt es auch Gräber von Kindern, Zehn- bis Vierzehnjährigen, die als Melder am Warschauer Aufstand 1944 beteiligt waren und fielen. Der gesamte Krieg wird damit einbezogen in den historischen Kampf um die Existenz der Nation und des Staates. Die Polen haben im Land und an fremden Fronten gekämpft. Polnische Marineeinheiten, die 1939 nach England haben entweichen können, nahmen am Kampf im Atlantik teil, polnische Piloten an der Luftschlacht um England. Polnische Soldaten kämpften in Narvik im April 1940, an der französischen Ostfront (1940) sowie 1944 in der Normandie. Aus Überlebenden von in die Sowjetunion Deportierten wurde 1942 die polnische Armee unter General Anders gebildet, die an der Seite der Engländer in Nordafrika und Italien kämpfte. Es waren überwiegend Polen, die bei Monte Cassino gegen SS-Einheiten - man kann hier den Soldatenausdruck benutzen: - „verheizt“ wurden. Sie gaben ihr Leben in der Hoffnung auf ein freies und unabhängiges Polen, das eben mit Beginn dieses 1. September 1939 zerstört und ausgelöscht werden sollte. Ich muß erinnern an das Lied polnischer Soldaten, die unter Napoleon für eine trügerische Hoffnung auf ein unabhängiges Polen kämpften. In Italien sangen sie damals:
„Noch ist Polen nicht verloren, solange wir
leben, Mit dieser Nationalhymne auf den Lippen starben Menschen vor den Erschießungskommandos der SS in Auschwitz an der Todeswand, auf Marktplätzen oder in den Wäldern bei Warschau. Der Kampf eines Volkes, dem nach dem Willen Hitlers, Himmlers oder anderer Machthaber dieses Nazideutschlands die Existenzberechtigung genommen werden sollte, fand während des ganzen Krieges statt. Er verstärkte sich mit den zunehmenden Repressionen. Nur in Deutschland wußte man von all diesen Dingen zumeist wenig oder nichts. Die Wehrmacht wurde weitgehend abgezogen, SS, SD und Gestapo hatten die Gewalt und übten den Terror aus. Die jüdische Bevölkerung wurde in Ghettos zusammengepfercht und wartete auf den Abtransport in die Vernichtungslager. Nachdem aus dem Warschauer Ghetto bereits 300.000 Menschen nach Treblinka abtransportiert worden waren, wollten die restlichen 60.000, das Schicksal klar vor Augen, ihr Leben teuer verkaufen. Ihr Aufstand dauerte vier Wochen, vom 19.4. bis zum 16.5.1943. Es gab eine Handvoll Überlebender; der Ort wurde völlig zerstört und später eingeebnet. Heute stehen dort Wohnblocks. Vor diesen befindet sich das Denkmal zum Andenken an die jüdischen Opfer. Dies ist das Denkmal, vor dem Bundeskanzler Brandt 1970 kniete. Das Warschauer Ghetto und Auschwitz-Birkenau, das von Papst Johannes Paul II. als das „Golgatha unserer Zeit“ bezeichnet wurde, sind die Symbole für diesen gegen Millionen Menschen gerichteten Vernichtungskrieg in Europa. Dieser Krieg begann vor fünfzig Jahren! Als Folge des bereits genannten „Generalplans Ost“ begann man im östlichen Teil des Generalgouvernements mit Aussiedlungsaktionen. Ziel war es, einen zunächst 60 bis 70 km breiten Streifen in diesem Teil des heutigen Ostpolens „polenfrei“ zu machen. In den geräumten Dörfern und Städtchen sollten Deutsche angesiedelt werden. Man wollte eine Siedlungsbrücke zwischen den Wohngebieten Deutscher im Südosten (Galizien und Rumänien) bis zum Baltikum schaffen. Die Menschen sollten aus ihren Dörfern „rausgeschmissen“ werden und möglichst „verschwinden“. In diesem Bereich wurden 1942/43 auch in hohem Maße die Kinderverschleppungsaktionen durchgeführt. Eine bekannte Stadt in dieser Region, Zamosc, in der es heute noch im Stadtzentrum wunderschöne Häuser gibt, die im Renaissancestil von italienischen Baumeistern errichtet worden sind, hatte sich Himmler persönlich vorbehalten: Sie sollte in „Himmlerstadt“ umbenannt werden. Dazu ist es aber verwaltungsrechtlich nicht mehr gekommen. Es sei in diesem Zusammenhang an die Nazinamen „Gotenhafen“ für Gdingen (polnisch: Gdynia) und „Litzmannstadt“ für Lodsch (Lodz) erinnert. Die Aussiedlungsaktionen wurden 1943 gestoppt; inzwischen hatte es bereits die Niederlagen bei Stalingrad und in Italien gegeben. Andererseits waren sie aber für viele Männer Anlaß gewesen, sich der polnischen Untergrundarmee anzuschließen und in die Wälder zu gehen. Im Sommer 1944 zog man in den Wäldern um Warschau ca. 300.000 Mann dieser „Heimatarmee“ (polnisch „Armia Krajowa“, AK) zusammen. Sie stand übrigens unter dem Befehl der nach der polnischen Verfassung legitimen Exilregierung in London. Die Alliierten standen bereits in der Normandie. Die Rote Armee war bereits in Ostpolen eingedrungen - zusammen mit einer aufgestellten polnischen Armee, die den Namen Kosciuszkos trug. Sie hatten am östlichen Ufer der Weichsel angehalten und die Warschauer Vorstadt Praga besetzt. Am 1.8.44 brach der Warschauer Aufstand los, getragen von den Soldaten der Heimatarmee. Sie wollten ihre Hauptstadt befreien, um die Unabhängigkeit Polens sicherzustellen. Stalin ließ seine Truppen aber auf dem östlichen Weichselufer halten und wartete, bis deutsche Truppen (Wehrmacht, SS und Polizei) den Aufstand niederschlugen. Den polnischen Truppen auf dem Ostufer wurden Entsatzangriffe untersagt. Mit der Vernichtung dieser Heimatarmee hatte Stalin zugleich das nichtkommunistische Machtzentrum vernichten lassen. Reste der Heimatarmee wurden von Stalin deportiert, Offiziere zum Teil erschossen. Den Überlebenden des Warschauer Aufstandes wurde deutscherseits der Kombattandenstatus zuerkannt; sie gingen in deutsche Kriegsgefangenschaft. Das nahezu menschenleere Warschau wurde von deutschen Truppen durch Sprengungen vollständig zerstört. Neben dem opfervollen physischen Widerstandskampf gab es den geistigen: Zeitungen wurden im Untergrund hergestellt und verteilt. Bücher in polnischer Sprache, die vor der Vernichtung durch deutsche Dienststellen gerettet wurden, las und verlieh man im geheimen. Auf diese Weise wurden polnische Geschichte und Literatur weitervermittelt. Schulen und Universitäten existierten im Untergrund. Es fanden sogar Doktorprüfungen statt. All dies geschah unter der ständigen Angst, entdeckt und ins KZ gebracht zu werden. Es ist eines besonderen Hinweises wert, daß und wie Menschen für ihre Existenz in Polen gekämpft haben. Alle für den Verlauf des Krieges und das Nachkriegseuropa wichtigen Entscheidungen wurden aber über ihre Köpfe hinweg gefällt und durchgeführt. Angesichts der sich durch den II. Weltkrieg herausbildenden Machtkonstellation: USA - Sowjetunion und Großbritannien war Polen zu schwach, um eine angemessene Mitentscheidung durchzusetzen, ja, sich gar Gehör zu verschaffen. Bis heute leidet man unter den deprimierenden Erkenntnissen, opfervoll gekämpft zu haben, aber ohnmächtig zu sein, wenn es um die Bestimmung der Geschicke des eigenen Landes geht. Es sind die traumatischen Erlebnisse der jüngsten Geschichte, die das Bestreben nach dem Selbstverständlichen deutlich machen: als Gesprächs-, Verhandlungs- und Vertragspartner ernstgenommen und als vollwertige europäische Nation akzeptiert zu werden. Das, was am 1.9.1939 begann, endete für Polen und Deutsche tragisch. Dem östlichen und südlichen Mitteleuropa wurden Regierungen und Systeme aufgezwungen, die sie nicht wollten. All die sich im sofort anschließenden Kalten Krieg ungelösten Probleme führen heute zum Teil noch zu Streit. Der 1. September mahnt aber, alle Probleme in Europa mit den Mitteln des Friedens zu lösen. In der jüngsten Zeit hat sich die Hoffnung ergeben, daß wir von einem gemeinsamen Haus Europa sprechen können. Dies bedeutet aber nicht nur eine gemeinsame Verantwortung, sondern auch für alle, die in den Zimmern dieses Hauses leben, eine Garantie für stabile und unumstößliche Wände. Angesichts Millionen Toter, Geschädigter, Gedemütigter und Geschundener bleibt uns die Verpflichtung, an diesem Haus sinnvoll und friedlich zu bauen. Aber gibt es auch Hoffnungen angesichts der Armut und Depression bei den östlichen Nachbarn dieser reichen Bundesrepublik? Ich meine, auch diese Frage ist aus der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Nachkriegseuropas und der Bundesrepublik Deutschland zu beantworten. Das deutsche Volk hat mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland vor vierzig Jahren durch sein frei gewähltes Parlament, den Deutschen Bundestag, und seine demokratisch legitimierte Regierung ein eindeutiges Bekenntnis abgelegt, alle politischen Probleme in Europa nur mit friedlichen Mitteln regeln zu wollen. Ausdrücklich sei die Charta der Vertriebenen erwähnt, in der 1952 ebenfalls das Bekenntnis zum Gewaltverzicht erhalten ist. Die politischen Spannungen in Europa dauerten über Stalins Tod (1953) hinaus an. Die Abkommen der Siegermächte hatten nicht zu eindeutigen Ergebnissen geführt und wurden vielfach in Frage gestellt. Eine echte Ostpolitik fand deutscherseits in der Ära Adenauer kaum statt. Das große innenpolitische Verdienst Adenauers, die Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen, wurde ergänzt durch die Aussöhnung im Westen mit diesen ehemaligen Kriegsgegnern. Am Ende der fünfziger Jahre begannen die politischen und wirtschaftlichen Kontakte unserer westlichen Partnerländer mit den Ländern Osteuropas. Sie eröffneten Botschaften und schufen Fakten durch steigenden Warenaustausch und geschäftliche Abschlüsse. Die ersten Fühler deutscher Politiker gab es dann bereits unter Adenauer, als offizielle Kontakte im Namen der Hallsteindoktrin an sich noch tabu waren: Ich nenne die Namen Ludwig Erhard und Gerhard Schröder. Sie waren es, die dann nach Abschluß der Ära Adenauer (1963) auch offiziell die Fühler nach Osten ausstreckten. Die deutsche Wirtschaft hatte längst - ihren westlichen Partnern folgend - Osteuropa als Markt und Handelspartner entdeckt. Neben den genannten christdemokratischen Politikern war es Willy Brandt, der als Regierender Bürgermeister von Berlin Verständigung mit dem Osten forderte. In den außenpolitischen Dokumenten der frühen sechziger Jahre ist schon so manches enthalten, was über die öffentlich verkündeten Maximen der deutschen Politik hinausging und von der Presse auch nur begrenzt wahrgenommen wurde. Im Jahre 1965 entfachte dann die Denkschrift der EKD harte kontroverse Diskussionen, als die evangelischen Christen feststellten, daß eine Versöhnung mit Polen nunmehr notwendig sei und nach einer Entwicklung von zwanzig Jahren der Rechtsstandpunkt nicht mehr starr zu vertreten sei. In der theologischen Sprache der damaligen Zeit war die Aussage eindeutig. Die katholischen Christen folgten mit der Erklärung von Bensberg (1968) mit ähnlichen Aussagen. Zur Zeit der großen Koalition wurden die Vorstufen der Normalisierung mit Polen erreicht. Handelsmissionen wurden in Warschau und Köln errichtet, mit den übrigen osteuropäischen Staaten wurden Botschafter ausgetauscht. Die Bundesrepublik war ihren Partnerländern politisch gefolgt. Man kann aber auch feststellen, daß ein gewichtiges Argument der sich entwickelnde Osthandel war, an dem man angemessen partizipieren wollte. Der Forderung Polens und den mit ihre verbündeten Ländern nach Garantie aller Grenzen in Europa mußte deshalb in entsprechender Weise im Sinne einer positiven Entwicklung Rechnung getragen werden. Ein entscheidender Schritt erfolgte unter der sozialliberalen Koalition. Nach Abschluß des Moskauer Vertrages als Vorstufe wurde am 7.12.1970 der Vertrag zu Warschau abgeschlossen, in dem die Bundesrepublik Deutschland die bestehende polnische Westgrenze als westliche Staatsgrenze feststellt und die Unverletzlichkeit der Grenze garantiert. In Polen wird dieser Vertrag als der wichtigste außenpolitische Vertrag angesehen. Der polnischen Nation wurde endlich vertraglich das garantiert, was sie 123 Jahre, bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, nicht hatte und was man ihr vor jetzt genau fünfzig Jahren wieder rauben wollte: den eigenen Lebensraum, die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen. In dem langen Prozeß der Versöhnung zwischen den Völkern gebührt ein hohes Maß an Dank den Christen in beiden Ländern, die die Mahnung des 1. September 1939 umgesetzt haben in verantwortliches Handeln in Europa - jeweils in Zeiten, als die verantwortlichen Politiker aufgrund komplexer Zusammenhänge oder Hemmnisse nicht oder nur teilweise dazu in der Lage waren. Ich möchte an dieser Stelle noch an das Wort der polnischen Bischöfe erinnern, das sie bereits im Jahre 1957 an ihre westdeutschen Amtsbrüder gerichtet haben: „Wir bitten um Vergebung und wir gewähren Vergebung“. Dieses Wort wurde von den damals Regierenden in Polen nicht verstanden. An einem solchen Tage wie dem 1. September 1989 sollte verstärkt darüber nachgedacht werden, ob wir nicht eine gemeinsame Verpflichtung in Europa haben. Die Leiden der Menschen vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte mahnen, die Besinnung auf jahrhundertelanges gemeinsames friedliches Zusammenleben in Europa kann ermutigen. Aber auch Skepsis ist angebracht. Es stimmt traurig, wenn - wie in der ZEIT vom 25.08.1989 erwähnt - ein christdemokratischer Oberbürgermeister seine Mühen, eine Partnerschaft mit einer polnischen Stadt durchzusetzen, mit den Worten schildert: „Die Deutschen fühlen sich eben doch zu oft als die Herren und betrachten die Polen insgeheim als ihr Dienervolk“. Dies ist zweifellos kein repräsentatives oder gar parteipolitisches Phänomen. Wenn Peter Sattler in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ in seinem Abschlußbericht zur allgemein sehr positiv aufgenommenen Informationsreise der niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion 1985 nach Polen einen Abgeordneten mit den Worten zitiert: „Das, was in Polen alles geschah, das haben wir ja gar nicht gewußt!“, so wird hier - stellvertretend für viele Bürger in unserem Lande - ein großes Defizit im Wissen um unsere jüngste Geschichte deutlich. Wenn fünfzig Jahre nach Kriegsbeginn, der Bundesjustizminister beklagt, daß eine Bewältigung der Rolle der Justiz eben nur biologisch erfolge, dann ist dies mehr als ein enttäuschendes Eingeständnis. Zur Erinnerung: Dr. Hans Frank, der Mord und Terror in Polen maßgeblich zu verantworten hatte, war bis zu seiner Ernennung zum Generalgouverneur oberster Repräsentant der deutschen Nazi-Justiz. Heute darf und muß man aber auch sagen, daß es in der für unser Land verantwortlichen Politik einen breiten Konsens gibt. Ich zitiere den Bundesaußenminister: „Bei meinem Besuch in Warschau im Januar 1988 hat Staatspräsident Jaruzelski den Willen Polens zur Eröffnung eines neuen Kapitels in den deutsch-polnischen Beziehungen zum Ausdruck gebracht und damit auch zur Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen. Das entspricht auch unserem Willen und unseren Vorstellungen. ... Die Bundesrepublik Deutschland wird zum Erfolg der Reformpolitik durch wirtschaftliche Zusammenarbeit wesentliches beitragen. ...Sie wird es tun in der historischen und moralischen Dimension des deutsch-polnischen Verhältnisses, sie wird es tun in der Verantwortung für die Entwicklung in Europa...“ Ich meine, wir haben die Pflicht, das gemeinsame Haus Europa in Ordnung zu bringen, in dem Sinne, wie es kürzlich Staatspräsident Gorbatschow und Bundeskanzler Kohl bekräftigt haben. Die gewaltigen Probleme wie die Verschmutzung der europäischen Flüsse, die Vergiftung der Ostsee und der Atemluft müssen angefaßt werden. Die wirtschaftlich gesunden und reichen Brüder müssen es zusammen mit den wirtschaftlich kranken und bitter armen schaffen. Erst wenn alle gesund und friedlich leben wollen und können, dann können und müssen die Grenzen fallen, und dann wird niemals wieder ein Panzer darüber hinwegrollen. Neal Acherson: Der Traum vom freien Vaterland. Köln 1987 Martin Broszat: Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik. Frankfurt 1972 Martin Broszat: Nationalsozialistische Polenpolitik. Stuttgart 1961 Heinrich Jaenecke: Polen - Träumer, Helden, Opfer. Hamburg 1981 Erich Kuby: Als Polen deutsch war. 1939-1945. München 1986 Jörg Hoensch: Geschichte Polens. Stuttgart 1983 Wladyslaw Bartoszewski: Aus der Geschichte lernen? München 1986 DIALOG - Magazin für Deutsch-Polnische Verständigung, 3/4, Sept. 1989
Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991) Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992) Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993) Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991) Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990 Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis. Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
bismarckschule.voigt@gmx.de http://www.unesco-club-hannover.de Vgl. dazu Impressum Überarbeitet August 2009 |
|
Bearbeitungsstand: 10. August 2009 URL: http://www.polen-didaktik.de Verantwortlich: Gerhard Voigt, vgl. Impressum eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de |