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Henryk Wolkonskis
Ist der Weg deutsch-polnischer
Verständigung am Ziel? Drei Grundüberlegungen kennzeichnen den deutsch-polnischen Normalisierungsprozeß seit Ende der sechziger Jahre: 1. Moralische Gesichtspunkte:
Es handelt sich um den aus ethischer und
moralischer Verantwortung entstandene Versuch – geprägt durch den
christlichen Versöhnungsgedanken – Ostmitteleuropa aus dem Kalten Krieg vom
Abgrund totaler Konfrontation hinwegzuführen zum gemeinsamen Miteinander in
Europa. Sinngebung durch Herbeiführen des Friedens. Das Ziel dieses Weges, der
markiert wurde durch die Verleihung der Friedensnobelpreise an Willy
Brandt, Lech Wa 2. Die wirtschaftliche Phase: Der Weg zum normalisierten miteinander Leben in Europa konnte nur beschritten werden durch die ökonomisch-technologische Hilfeleistung westlicher Industrieländer auf der Basis der grundsätzlichen Bereitschaft im Osten zu Reformen. Zugleich mit der Geburt dieser Übereinkunft sind zwei unlösbare Probleme gelegt: Erstens: Die nur ansatzweise vorhandene Bereitschaft und Fähigkeit zu Reformen im Sozialismus, verbunden mit der Verhinderung grundsätzlicher Umwälzungen durch die jeweiligen Machteliten. Das ökonomische System wollte man gestützt wissen, nicht dagegen sein dem Westen unterlegenes Strukturprinzip vollständig ersetzen. Soziale Reformen wurden nach und nach den Regierenden abgetrotzt. Echte politische Reformen erfolgten bis zuletzt kaum. Erst nach dem Systemzusammenbruch, der durch den Kriegszustand zunächst hinausgezögert wurde und dann in Polen zu den mindestens „acht verlorenen Jahren“ führte, kam der Erdrutsch wie von selbst. Zweitens: Die Erneuerungen unter Gierek: Sie lassen sich im wesentlichen reduzieren auf das Kernproblem westlicher Technologieimporte, nämlich das Ziel, den ständig wachsenden Niveauunterschied auszugleichen sowie die Bezahlung mit qualitätsminderen Exportgütern. Es mußte fehlgehen! Aufgrund der Probleme der ökonomischen Beziehungen der Industrieländer zu den Entwicklungsländern zu dem Zeitpunkt, an dem die Kredite nach Polen flossen und Technologiekäufe getätigt wurden, also in der ersten Hälfte der siebziger Jahre, waren diese Zusammenhänge in der Wissenschaft längst bekannt. Trotzdem flossen Kredite, wurden Investitionsgüter „bewährter“ und damit angesichts sich beschleunigender Innovationsprozesse in den hochkapitalisierten Ländern auch zugleich veraltender Technologien geliefert. Der Nutzen war für die Volkswirtschaften des Westens eindeutig gegeben. Für die des Ostens bedeutete er kaum mehr als ein Stück Hoffnung. Damit setzte eine Entwicklung ein, die zu unlösbarer Verschlingung führte. Das Hauptziel, Prosperität in einer gesunden Volkswirtschaft zu erlangen, wurde verfehlt. Noch mehr: Geradezu in tragischer Weise wurden durch die sich selbst verstärkende Kreditschlinge neue Abhängigkeiten geschaffen, die positive Entwicklungen auf der Basis dazu nötiger Investitionen nahezu unmöglich machten. Unter den Gesichtspunkten der frühen siebziger Jahre bestanden aber weder für die westlichen noch die Östlichen Partner Entscheidungsalternativen! Der ökonomische Zusammenbruch der RGW-Länder war langfristig durch den sich ständig vergrößernden ökonomischen und technologischen Abstand vorprogrammiert. War er seitens des Westens nicht auch gewollt? Ob das Ziel nur die Liquidierung des Stalinismus resp. des Realsozialismus war, ist in diesem Zusammenhang unerheblich. Schon Ende der siebziger Jahre waren aber die Anzeichen sichtbar. Bisher ist diese Negativentwicklung nicht zum Stillstand gekommen; 1990 hat sie sich beschleunigt und für 1991 waren die Prognosen zunächst nicht gut. Die Spätfolgen aller Wirtschaftsabkommen, die Auslandsschulden, die sich allein durch Nichttilgung und Nichtzahlung der Zinsen demnächst auf 45, dann 55 Milliarden US-$ aufsummieren, bleiben. Der vereinbarte Schuldenerlaß verspricht zwar Linderung, hebt aber die prinzipielle Problematik nicht auf. Grundlegende Verbesserungen können aber nur riesige Ümwälzungen von Kreditkapitalien bewirken, deren Dimensionen und Konsequenzen gegenwärtig unvorstellbar sind. Es gilt weiterhin: Kreditverträge sind zu halten – aber um jeden Preis? Konzepte, die dem Anspruch einer wirklichen ökonomischen und sozialen Problemlösung gerecht werden, sind nicht in Sicht. Realistische mittelfristige Perspektiven gibt es nach gegenwärtiger Erkenntnis nur begrenzt. Lösungen, die Besitzverhältnisse im Westen tangieren, sind dort praktisch nicht durchsetzbar. Die nüchterne Realität bleibt: Alle Daten und Entwicklungen, von denen die polnische Volkswirtschaft gegenwärtig betroffen ist, lassen nur eine langfristige Hoffnung zu. Renovierungen der Läden, Reparatur der Fußwege, die Nutzung der Straßenbahn als Werbeträger für die `Lila Kuh' vermitteln nur dem oberflächlichen Betrachter eine verschönerte Fassade, wenngleich eine wichtige psychologische Wirkung damit verbunden ist. Nur eine Verbesserung der Produktion in Qualität und Quantität kann die entscheidende Lösung darstellen. Andererseits setzen Fähigkeit und Notwendigkeit zur Improvisation ungeahnte Kräfte frei auf einem Markt, der ökonomischen Zwang und Reiz zugleich darstellt. 3. Die politischen Ansätze: Sind die Visionen der Entspannungspolitik umsetzbar? Die politische Notwendigkeit der sechziger Jahre, zur politischen Entspannung und Normalisierung in Europa zu gelangen, ist erfüllt. Vollständig? Mitnichten! Die Vision des Abgrunds und die daraus resultierende Notwendigkeit, die Konfrontation zu beenden, sicherlich! Aber Normalisierung aller politischen, wirtschaftlichen und menschlichen Beziehungen bedeutet an Inhalt und Umfang viel mehr! Die Gegenwartsprobleme in allen ehemals realsozialistischen Ländern zeigen es uns täglich. Gibt es eine Lösung, die in der Selbstbesinnung auf polnische Werte besteht? Die Frage steht unter der Prämisse der Rückbesinnung einer Nation auf ihre spezifischen Werte. Hierzu ist es notwendig, die ritualisierende Reproduktion und partielle Mystifizierung der Polonitas in nüchterne Reflexionen überzuleiten und auf die ökonomisch-rationalen Ansätze in der Geschichte dieser Nation zu rekurrieren. Erst nach deren Bewußtwerdung kann eine Umsetzung in die Postmoderne stattfinden, die Erfolg und Prosperität in der hochentwickelten Industriegesellschaft ermöglicht. Zwei Wahlrunden sind Ende 1990 abgeschlossen. Der Volkstribun wurde von einem Drittel der Wahlberechtigten gewählt. Das sind immerhin mehr als in Amerika, wo in der Regel kaum mehr als ein Viertel der Wahlberechtigten den Präsidenten küren. Das Phänomen Tyminski hat sich erledigt – es bleibt die Beklemmung. Auch darüber, daß Besonnenheit und Kompetenz eines Politikers sowie internationale Reputation unter den gegebenen Vorzeichen nicht honoriert werden können. Sie werden auf den dritten Platz verwiesen. Andererseits kann der Zwang zum Optimismus eine positive Wirkung haben in Hinblick auf die Konzentration der Kräfte zum Zwecke konstruktiver Zusammenarbeit. Welche Werte lassen sich reaktivieren? Leidensfähigkeit, Heldenmut, Durchhaltevermögen, Improvisationsgabe und uneingeschränktes Vertrauen in die gerechte Sache? Wie es das Recht einer jeden Nation auf eigene, das heißt historisch gewachsene Überlebensstrategien gibt und damit die Herausbildung einer entsprechenden nationalen Überlebensgemeinschaft, so bilden sich auch Wertesysteme heraus, die diese kollektiven Sozialerfahrungen manifestieren. Auch der reichhaltige Mystizismus ist Bestandteil dieser nationalen und individuell verinnerlichten Inwertsetzung. Die Situation in Europa ist aber nicht so, daß sie Zeit und Raum gibt für die Reproduktion der in nationalen Abwehrkämpfen entstandenen Mechanismen. Die Voraussetzungen zur erneuten Anwendung erworbener Stärke sind gegenwärtig nicht gegeben. Die Politische Kultur Polens kann in EG-Europa nicht nur einen begrenzten Raum eigener spezifischer Entfaltung finden. Sie unterliegt dem Diktat der Einbindung in die industriegesellschaftlichen Realitäten des ausgehenden Zwanzigsten Jahrhunderts. Dies hat die Notwendigkeit eines tiefgreifenden Paradigmenwechsels sozialer Werte und politischer Prämissen zur Folge, einer Situation, wie sie in diesem Jahrhundert für Polen vielleicht mit der des Jahres 1919 vergleichbar ist. Damals war Raum geschaffen worden von siegenden Mächten für diese alte Macht, die wieder neu entstehen durfte. Zumindest empfand sie es so. Sie konnte aber an das Denken des neunzehnten Jahrhunderts anknüpfen. Fast sechs Jahre Besetzung, Zerteilung und der vergebliche Versuch einer Auslöschung durch den westlichen Nachbarn konnte man ebenfalls mit dem auf tiefer Überzeugung beruhenden nationalen Abwehrkampf durchstehen. Das dann folgende Zwangssystem wurde mit Hilfe alter Werte erduldet, gemildert und schließlich abgeworfen. Einen westlichen Bruder, der monatlich Milliarden für Reparaturen, Neuinvestitionen und Wohlstandsanhebung bereitstellt, hat Polen nicht. Prioritäten für eine Rangfolge zur sozialen und wirtschaftlichen Hilfe in Europa kann es nicht beanspruchen. Rumänien und Bulgarien sind viel schlechter dran und die zerbrechende Sowjetunion erzwingt vorrangiges Handeln des Westens. Kommt Polen schon zu spät, wenn es darum geht, die notwendigen Investivmilliarden ins Land fließen zu lassen? Jüngste Beispiele lassen vermuten, daß Ungarn und Tschechen schneller waren. Auch klüger und geschickter? Es drängt sich die Frage auf, warum Polen in der Endphase des realsozialistischen Staates nicht in der Lage war, den Sympathievorsprung gegenüber den ehemaligen Bruderländern – jetzt Konkurrenten – zu nutzen. Es war eine Zeit, in der die übrigen Voraussetzungen: Reisefreiheit, begrenzter Kapitaltransfer, die Existenz starker politischer und sozialer Gegenmacht im eigenen Lande und vor allem Interesse und Bereitschaft gerade deutscher Investoren, ausdrücklich gegeben war! Worin liegt die Ursache begründet für die mannigfache Verkennung der Situation, die unzureichende Wahrnehmung der Chancen, die Ansätze kollektiver Fehleinschschätzungen und Selbstüberschätzung, weil verklärter Betrachtung der eigenen Rolle in Europa? Ist die Lösung der Frage in der Mentalität des polnischen Volkes zu suchen? Wie kann es Westeuropa erreichen, daß dieses Land, das die Anerkennung seiner Grenzen erreicht, auch klug erkämpft hat, nunmehr ohne Ängste das Regelsystem der modernen Industrieregion, die die EG darstellt, auch für sich annimmt? Neben einer Angleichung der rechtlichen und sozialen Systeme sind die Möglichkeit des Erwerbs von Grundstücken und die Kompetenzabgabe an die Gemeinschaft erforderlich. In einem langwierigen Prozeß scheinen die rechtlichen Voraussetzungen nun vollständig geschaffen zu sein. Investivkapital fließt nur dann, wenn Grundstücke und Produktionsgebäude beleihbar sind und die Entscheidung über die Produktion und Einsatz der Arbeitskräfte sich primär in der Hand des Kapitaleigners befinden. Zur Lösung dieses Problems wird sich sicherlich eine den Interessen der Nation entsprechende Lösung finden. Es bleibt die Hoffnung, daß sich die politischen Verhältnisse so stabilisieren, daß die Talsohle in der Entwickung des wirtschaftlichen und sozialen Systems bald erreicht wird. Hierzu kann und muß die innergesellschaftliche Konsolidierung beitragen. Schmerz und Ungerechtigkeiten müssen verarbeitet werden. Dazu ist kühle Rationalität unabdingbar. Die Tragik der Vergangenheit kann nicht durch Kriminalisierung bewältigt werden! Möge in der Besinnung auf die demokratischen Ansätze der zweihundertjährigen Verfassung eine Öffnung nationaler Mentalität in Richtung auf die modernen Bedingungen nach sich ziehen. Letztere können wohl beeinflußt, nicht aber im Grundsatz geändert werden. Der Weg der europäischen Normalisierung muß fortgesetzt werden – vor allem in Hinblick auf das Europajahr 1993. [5/91, Übersetzung: J. Aus: »politik unterricht aktuell«, 3/92, S. 2-4, Verband der Politiklehrer e.V., Hannover]
Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991) Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992) Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993) Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991) Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990 Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924
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Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
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Bearbeitungsstand: 10. August 2009 URL: http://www.polen-didaktik.de Verantwortlich: Gerhard Voigt, vgl. Impressum eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de |