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Jugendaustausch und Politik 1. Was man unter dem Begriff „Jugendaustausch“ versteht, ist eine große, politisch inspirierte und kontrollierte Aktion. Es ist sicherlich gut, wenn sich junge Leute verschiedener Länder treffen und kennenlernen können. Es ist noch besser, wenn zumindest erste Kontakte von kompetenten Organisationen vorbereitet werden. In Polen ist man allerdings gegenüber der Politik mißtrauisch, und dies nicht ohne Gründe. Lange Zeit wurde in den sozialistischen Ländern der Jugendaustausch von lizensierten, staatstreuen Jugendorganisationen, geführt. Diese Organisationen waren zwar „für die Jugend“, doch gehörten nicht „der Jugend“. Jetzt hat sich die Situation wesentlich geändert. Es gibt mehrere Jugendorganisationen und die meisten sind demokratisch. Der Staat mischt sich im Prinzip nicht in ihre Angelegenheiten ein. So kann jetzt der deutsch-polnische Jungendaustausch eine pluralistische und weniger politisierte Organisationsstruktur entwickeln. Das ist gut so. Politik kann zwar auch gute Ziele verfolgen , aber je höher die Entscheidungsebene ist, desto größer ist die Gefahr, daß schöne pädagogische Ideale für starke bürokratische Interessen instrumentalisiert werden können. Ich persönlich habe es gelernt, in dem deutsch-polnischen Dialog die Initiativen der kleinen Organisationen und die Inspiration der konkreten, individuellen Menschen zu schätzen. 2. Der Ost-Westjugendaustausch wird sich jetzt wahrscheinlich langsam in Richtung einer normalen Touristik entwickeln. Die Eigenart dieses Austausches liegt in zwei Problemen: Ost-West Konfrontation der zwei Systeme und das traurige Erbe des 2. Weltkrieges. Der Krieg und die daraus resultierende Spaltung Europas produzierten Antagonismen, die man mit Mitteln wie Jungendaustausch mildern wollte. Jetzt existiert „der eiserne Vorhang“ nicht mehr, und seit dem Krieg sind schon fünfundvierzig Jahre vergangen. Hoffentlich werden in dem neuen Europa politische und ideologische Hetzer nicht mehr eine so große Rolle spielen und die Konflikte nicht mehr in den institutionellen Systemen vorprogrammiert. Die Folgen der Vergan genheit sind allerdings geblieben. Der Krieg und der „reale Sozialismus“ haben die ökonomische und zivilisatorische Entwicklung der Länder des „Ostblocks“ für Jahrzehnte gebremst. Die ökonomischen Entwicklungsunterschiede schaffen jetzt einen neuen Konfliktstoff zwischen Ost und West. Nazistische und stalinistische Gesellschaftssysteme haben die politische Moral der breiten sozialen Schichten unterminiert. Viele der nationalistischen Exzesse, die wir jetzt in Europa beobachten, haben ihre Wurzeln in der nazistischen bzw. stalinistischen Politik. 3. Der Íkonomische Status der Jugend im Osten und im Westen ist sehr unterschiedlich. Als Reisebegleiter habe ich oft beobachtet, welche Rolle (man kann sogar sagen, in steigendem Maße) das Geld im Verhalten der Jugendgruppen spielt. In Polen bekommt ein deutscher Tourist für DM 60,- den Monatsverdienst eines Polen. Junge Touristen aus dem Westen können sich daher oft in Ost-Europa wie Könige fühlen und benehmen. Manche tun es auch. Die Pädagogen und Organisatoren des Jugendaustausches können ökonomische Unterschiede nicht aus der Welt schaffen. Sie können höchstens die Verhaltensweisen der Jugendlichen beeinflussen. Die Aufgabe ist allerdings nicht leicht, weil für die Jugendlichen - ebenso wie für viele Erwachsene - das Geld prestigegebend ist. Jeder junge Mensch möchte in der Gruppe Prestige erlangen. 4. Die junge Generation der Deutschen und Polen sind nicht mehr durch den Krieg antagonisiert wie die Generationen der direkten Kriegserzeuger. Trotzdem, wenn die Beziehungen wirklich normalisiert und die tragische Vergangenheit wirklich überwunden werden soll, dann müssen die Deutschen und die Polen über den Krieg offen sprechen und daraus lernen können. Zur Zeit wollen viele Deutsche über den Krieg überhaupt nicht sprechen. Als Folge wissen viele junge Deutsche wenig von der realen Geschichte des 2. Weltkrieges. Dagegen kann und will man in Osteuropa die Naziverbrechen nicht vergessen. Vielmehr wird das Verhältnis der Deutschen zu dieser Vergangenheit als ein wichtiges Kriterium der Intentionen der Nachbarn für die Zukunft betrachtet. Leider ist auch in Osteuropa das Geschichtsbewußtsein der jungen Generation mangelhaft. Das Bild des 2. Weltkrieges, das die offizielle Propaganda vermittelte, war eher selektiv als objektiv. Nicht selten mythologisierte man die Geschichte des Leidens und des Sieges. Es wäre gut, wenn sich in den pädagogischen Programmen des deutsch-polnischen Jugendaustausches auch ein angemessener Platz für gemeinsames Studieren der tragischen Vergangenheit finden könnte. Es gibt Organisationen, die in dieser Hinsicht viele gute Erfahrungen gesammelt haben. Eine objektive Auschwitz-Geschichtspädagogik ist nicht einfach. Oft gibt es unterschiedliche Informationen und Interpretationen. Es gibt einflußreiche Interessen, die dahinterstehen. In dem realistischen Bild des nazistischen Völkermordes gibt es wenig Platz für Optimismus. Eine wahre Geschichte von Auschwitz kann Apathie und Zynismus wecken. Sie hat kein Happy-End. Trotzdem: Ein realistisches Geschichtsbewußtsein schafft bessere Grundlagen für die deutsch-polnische Verständigung als organisierte Geschichtsignoranz oder Kriegsmythologie.
Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991) Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992) Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993) Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991) Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990 Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis. Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
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Bearbeitungsstand: 10. August 2009 URL: http://www.polen-didaktik.de Verantwortlich: Gerhard Voigt, vgl. Impressum eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de |