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Gerhard Voigt:
Polen und Deutsche –
Eine schwierige Nachbarschaft?*
Wandel und Wahrnehmung
1. Determinanten des Wandels
In Polen wie in Deutschland korrespondiert der
sozioökonomische Wandel der „Wendezeit“ mit einem tiefgreifenden Wandel der
politischen Kultur und des politischen Bewusstseins. Es wäre zu einfach, hierin
nur eine „Widerspiegelung“
der ökonomischen und sozialen Krisenerfahrungen zu sehen; tatsächlich
korrespondiert der Wandel der politischen Kultur mit der globalen Durchsetzung
neuer Realitätsdefinitionen. Vordergründig hängt dies mit der Universalisierung
einer „Informations- und Mediengesellschaft“ zusammen,
eher aber spiegelt sich auch in diesen Universalisierungstendenzen
grundlegende Unsicherheiten über Zustand und Zukunft der „Weltgesellschaft“, in
der wir noch vor wenigen Jahren die – einzige – Hoffnung für eine friedliche
Entwicklung aller Völker sahen und in die wir unsere Konzepte der
transnationalen Nachbarschaften und der Konzepte einer neuen interkulturellen
Bildung einfügen wollten.
Anstelle dessen eine wachsende Zahl von Kriegen,
Bürgerkriegen, Sozialkatastrophen und globaler krimineller Netzwerke: Angst
bestimmt weithin das heutige Bild von der Zukunft. In den „reichen
Industriestaaten“ bedeutet das die Politik der Eindämmung und Abschottung, der
„Festung Europa“, bei der wohl auch die Randstaaten wie Polen, Ungarn oder die
Türkei trotz aller Abhängigkeiten als befreundete Grenzstaaten außerhalb des
„neuen Limes“
bleiben müssen, mit dem sich Mitteleuropa seinen Wohlstand wie seine
demokratische Lebensform schützen will, und gegen den sich auf der anderen
Seite der Welt die Ideologien der grundsätzlichen Ablehnung und Feindschaft
etablieren, die auf Kontakt oder gar Frieden und Freundschaft, die sie als
verlogen zurückweisen, nicht den geringsten Wert mehr legen.
Können wir hier in Mitteleuropa, die wir noch für
den Weltfrieden, Gerechtigkeit und interkulturelle Toleranz eintreten wollen,
die naheliegende Resignation überwinden? Können wir in unserem begrenzten
Arbeitsbereich, konzentriert auf die Veränderung der gesellschaftlichen
Situation in unseren eigenen Ländern und auf Kontakte und Ausgleich mit
unseren europäischen Nachbarn, in unserem Falle konzentriert auf das
Verhältnis zwischen Polen und Deutschland, oder in einem anderen Arbeitsfeld des
Autors konzentriert auf das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland,
etwas bewegen, verändern, zum Besseren wenden?
Das Deutsch-Polnische Verhältnis hat in diesem
Rahmen verschiedene Dimensionen: historisch-zeitgeschichtliche Lasten und
Chancen, Auseinandersetzung mit dem sozioökonomischen Wandel und der eigenen
Krisenerfahrung, Chancen des interkulturellen gegenseitigen Lernens: in der
Unterschiedlichkeit der Wahrnehmungen die Gemeinsamkeiten menschlicher Existenz
zu entdecken, die Rolle eines sich einenden Europas in der Welt neu zu
überdenken...
2. Wo liegt Polen?
Der Geograph wird beim Thema Polen zunächst
zwei auffällige Charakteristiken wahrnehmen: die zumindest im Westen und im
Osten wenig einleuchtende staatliche Grenzziehung und im polnischen Gebiet
selbst die auffällige regionale Disparität. Wirtschaftsstruktur,
Bevölkerungsverteilung und Qualität des ökonomischen Wandels zeigen deutliche
Süd-Nord-, West-Ost- und zentral-periphere Gefälle.
Die Erklärung dieser Phänomene ist keineswegs
durch die reine Raumanalyse und erst recht nicht durch die Bewertung der
naturgeographischen Geofaktoren zufriedenstellend zu erhalten. Andererseits
dürften beide Beobachtungen in ihrer Entstehung miteinander verknüpft sein:
durch die Besonderheiten und Brüche der Geschichte des polnischen Staates.
Notwendig ist schon zum Verständnis der geographischen Großstrukturen der
historisch- geographische und damit tendenziell interdisziplinäre Ansatz. Die
Grenzziehungen reflektieren die wechselvolle staatliche Geschichte Polens von
den Polnischen Teilungen, dem Wiedererstehen Polens nach dem ersten Weltkrieg,
der deutschen Okkupation 1939 und der Neubestimmung des polnischen Territoriums
durch den Potsdamer Vertrag und die Verträge, die jetzt zur mitteleuropäischen
Friedensregelung geführt haben.
Alte Grenzen im heutigen polnischen Territorium
sind noch als strukturelle Bruch- und Schwächezonen im Wirtschaftsraum wie vor
allem in der infrastrukturellen Ausstattung, alte räumliche Einheiten, die
über die heutigen Grenzen hinausreichen, als periphere Ausrichtungen der
wirtschaftlichen Aktivitäten zu erkennen. Als Beispiel sei hier die mangelnde
Kapazität der Süd-Nord-Magistrale vom Oberschlesischen Industrierevier (GOP) zu
den Ostseehäfen der »Dreistadt« (Danzig, Zopot, Gdingen) zu nennen, die das
wirtschaftliche Wachstum behindert und in der Streikzeit um 1980 Angelpunkt
von Protestaktionen war, die mit minimalen Mitteln das Funktionieren der
polnischen Volkswirtschaft kurzfristig lahmlegen konnte. In diesem Zusammenhang
können im Unterricht nicht nur Kenntnisse über die spezifische Situation in
Polen, sondern vielmehr auch allgemeine Einsichten über den
historische-geographischen Zusammenhang von staatlichen Veränderungen,
Raumstrukturen und Problemen der ökonomischen Integration eines Raumes über
alte trennende Strukturen hinweg vermittelt werden. Die Übertragbarkeit dieses
Ansatzes z.B. auf die Situation in vielen, willkürlich aus Kolonialinteressen
heraus zugeschnittenen Staaten in der Dritten Welt und ihren daraus
resultierenden politischen und sozioökonomischen Konflikten ist offensichtlich.
In einem weiteren Schritt der didaktischen Sachanalyse wird der augenblickliche
Wandel in Polen zu thematisieren sein.
An dieser Stelle seien einige Grundzüge der
heutigen polnischen Situation charakterisiert. Die ökonomische Krise in Polen
kündigte sich schon seit längerem an. Die auf Wachstum des Lebensstandards und
der Konsumgüterproduktion gerichtete Wirtschaftspolitik der Ära Gierek führte zu
einer nicht rückzahlbaren Staatsverschuldung und zum Ende beinahe jeder
notwendigen Kapitalerhaltungs- oder gar Zukunftsinvestition, wodurch die
polnische Volkswirtschaft den technologischen Anschluss an die internationale
Entwicklung in den meisten Sektoren verlor – was eine heutige Modernisierung
der Wirtschaft umso teurer und schwieriger macht.
Gründe liegen sowohl in der Zinsentwicklung auf den internationalen
Kapitalmärkten und der internationalen Nachfrage- und in Teilen der
Schwerindustrie Überangebotskrise, die Polen nicht zu vertreten hat, wie
andererseits in system- und politikbedingten Fehlentwicklungen im Lande selbst,
die sich mit Planungschaos, mangelnden Reinvestitionsquoten, im
sozialistischen Planungssystem verwurzelter Vernachlässigung der Entwicklung
rohstoff- und energiesparender Technologien und Defiziten im Ausbau einer
modernen Infra- und Versorgungsstruktur beschreiben lassen. Das legt es nahe,
sich grundsätzlicher und kritischer mit dem Begriff der „Krise“ zu
beschäftigen. Eine differenzierte Analyse zeigt, dass gerade im Bereich der
ehemaligen sozialistischen Planwirtschaften deutlich zwischen
Transformationskrisen, Strukturkrisen und Systemkrisen zu unterscheiden ist.
Transformationskrisen im Übergang zur Marktwirtschaft sind vorübergehende
Umstellungs- und Koordinationsprobleme, partielle Ungleichzeitigkeiten und
Dissynchronisationen zwischen den Wirtschaftssektoren, den Wirtschaftsräumen
und den gesellschaftlichen Formationen (Staat, Unternehmungen, Verbände), wie
wir sie weiter unter mit Daten genauer erläutern werden. Doch legt die Analyse
von Transformationskrisen die Prognose nahe, dass hier vor allem die
Selbstregelungskräfte des Marktes und die Entscheidungswege des politischen
Systems mittelfristig wieder zu einem stabilen Zustand führen werden. Anders
sieht es bei einer Diagnose als „Strukturkrise“ aus. Zunächst sind damit die
räumlichen und sektoralen Disparitäten gemeint, von denen wir oben mit Bezug auf
die polnische Geschichte gesprochen haben.
Aus der historischen Geographie wissen wir um die
große Persistenz räumlich verfestigter Strukturen sogar über einen mehrfachen
Funktionswechsel hinweg. Was im Kleinen im Bereich der Stadtgeographie – z.B.
in der Erhaltung und neuen Nutzung historischer Stadtkerne oder alter
Befestigungsanlagen, die gerade deshalb auch in Polen eine identitätsstiftende
Rolle für die Bevölkerung spielen – selbstverständlich ist, kann in den
wirtschaftsräumlichen Strukturen ebenfalls beobachtet werden, wobei hier die
Erhaltung von wertvollen vernetzten Infrastrukturen, Basisinvestitionen und
der Entwicklung von wirtschaftlichen Agglomerationsvorteilen die wesentlichen
strukturkonservierenden Faktoren sind.
In Zeiten der ökonomischen Krise verstärken sich
in vielen Fällen die regionalen Disparitäten und die Vorteile der
hochagglomerierten Wirtschaftsräume (über alle Auffälligkeiten dezentraler
Neuinvestitionen hinweg). Diese Strukturkrise verlangt daher ein bewusst
zukunftsgerichtetes Planungskonzept; das „freie Spiel der Marktkräfte“ führt
im Gegensatz zur Transformationskrise nicht zur Lösung sondern gerade zur
Verstärkung von Strukturkrisen. In Polen ist dies vor allem an der Karte der
wirtschaftsräumlichen Differenzierung der Entwicklungschancen deutlich zu
erkennen: Kapital zieht Kapital, Wachstum zieht Wachstum an. Systemkrisen
schließlich sind grundlegende Probleme in der Steuerung und Anpassung
gesellschaftlicher Strukturen, die nur in Teilbereichen deckungsgleich sind mit
den Krisen im politisch- staatlichen oder ökonomischen Steuerungssystem
(Planwirtschaft, Marktwirtschaft: vgl. die „Transformationskrisen“!), in einem
tieferen Sinne aber auf Grundstrukturen der Politischen Kultur eines Landes bzw.
einer Gesellschaft zurückzuführen sind und damit die Krisenlösungskompetenz und
das Alltagsverhalten gegenüber Konflikten und Problemen meint.
Gerade hier leistet das Thema Polen einen
bedeutenden Erkenntniszuwachs, wenn die historisch-gesellschaftlichen
Bedingungen der Politischen Kultur thematisiert oder in eine komparative
Unterrichtsstrategie einbezogen werden. Es sei hier kurz der grundlegende,
vergleichende Ansatz charakterisiert, um zu verdeutlichen, wie hier das Thema
Polen einen Beitrag zur interdisziplinären thematischen Arbeit leisten kann.
Unterrichtlicher Ausgangspunkt ist die entweder in Polen selbst gemachte oder
aus geeigneten Quellen
erarbeitete Beobachtung, dass gewisse Züge des Alltagsverhaltens, z.B. im
Umgang mit lokalen Problemen oder in der Kommunalpolitik, aber auch im
gesellschaftlichen Umgang miteinander, aus deutscher Perspektive überraschend
erscheinen und nicht immer sofort nachvollziehbar sind. Drei solche Beispiele
sind im Abschnitt 4. vorgestellt und interpretiert.
3. Näherungen an die politische Alltagskultur
Polens
Die politische Alltagskultur eines Landes steht im
Spannungsfeld der aktuellen Konfliktwahrnehmung, der Bewertung und Deutung
dieser Realitäten vor dem Hintergrund der durch den Sozialisations- und
Enkulturationsprozess verinnerlichten Urteilsfähigkeit bzw. der verfestigten
ideologischen und stereotypen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, und der
„Politischen Kultur“ eines Landes bzw. einer Gesellschaft, in der sich die
kollektiven historischen Erfahrungen widerspiegeln und die Spannweite der
Reaktions- und Wahrnehmungsmöglichkeiten der gesellschaftlichen und
zeitgeschichtlichen Alltagskonflikte und Realitäten markieren. Durch
Herrschafts- und Machtverhältnisse, die „Öffentliche bzw. veröffentlichte
Meinung“ der Medien und der herrschenden Schichten durchgesetzte
Situationsdefinitionen bestimmen dann innerhalb des skizzierten
Spannungsrahmens das konkrete gesellschaftliche Verhalten der Gesellschaft.
Dieses ist vorberechenbarer Determination ebenso weit entfernt wie
individualistischer Zufälligkeit.
Ohne hier eine ausführlichere
gesellschaftswissenschaftliche Begründung ausführen zu können,
fallen folgende, pauschalisiert formulierte Charakterzüge polnischen
Alltagsverhaltens auf: Staats- (und Institutions-)ferne und Staatsskepsis,
Ablehnung einer abstrakten Staatsraison oder eines allgemein formulierten
Allgemeinwohles, Alltagsanarchismus und Widerstandsbereitschaft, positive
Bewertung „subversiver“ Interessendurchsetzungen, Gruppen- und
Familiensolidarität, Gastfreundschaft und ritualisiertes Höflichkeitsverhalten.
In drei Schritten einer historischen Analyse können diese Züge der Politischen
Kultur Polens als sinnvoller kollektiver Erfahrungsschatz des polnischen Volkes
und als historisch begründete Überlebensstrategien herausgearbeitet werden:
1. In der Neuzeit und im 20. Jahrhundert erlebte
Polen staatliche Herrschaft vor allem als Oktroy, Okkupation und
Fremdherrschaft (Polnische Teilungen, Naziokkupation und Ausrottungsversuch
der polnischen Kultur und Identität, Volksrepublik in Abhängigkeit von der
sowjetischen Hegemonialmacht) oder als halbherzige und schwache Versuche,
polnische Interessen durchzusetzen (Polen nach dem Ersten Weltkrieg,
Reformbestrebungen der Volksrepublik jeweils nach Unruhen und Aufständen). Der
Staat wird grundsätzlich als Gegner oder bestenfalls als notwendiges Übel
erlebt; Gegenstrategien zu entfalten erscheint und ist sinnvoll und für das
Überleben erfolgsversprechend.
2. In der Adelsrepublik der Szlachta-Gesellschaft
mit ihrem Wahlkönigtum herrschte eine bizarre Melange anachronistischer
Freiheitsvorstellungen aus dem freibäuerlichen Mittelalter,
der Macht feudaler Magnatenfamilien vor allem im litauischen Landesteil und
moderner liberaler Gesellschaftsideen, die auf die französische Revolution
befruchtend einwirkten und zum Schreckensbild der absolutistischen und
restaurativen Monarchien West- und Mitteleuropas und Russlands wurden. An diesen
inneren Anachronismen und Spannungen zerbrach schließlich das polnische
Staatswesen.
In der Politischen Kultur blieb als gemeinsamer Nenner der gesellschaftlichen
Fraktionierungen die Idee der persönlichen Freiheit und Integrität und die
Ablehnung der Zumutungen einer Staatsraison erhalten.
3. Noch weiter zurück führt die historische
Analyse in die Gründungsphase des Piastenstaates, die im deutlichen Gegensatz zu
der lokal kaum gebundenen germanischen Kriegerstamm-Gesellschaft zum Ausgang
der Völkerwanderungszeit steht, aus der sich, mit Einbeziehung römischer
Imperiumsideen, schließlich das römisch-deutsche Frankenreich mit seiner allein
militärische Interessen repräsentierenden fränkischen Grafschaftsordnung
entwickelt. In Polen bleiben aber am Ende der Völkerwanderungszeit die freien,
grundgebundenen und ökonomisch in Subsistenzwirtschaft weitgehend autarken
Bauernfamilien gesellschaftsbestimmend. Es ist hier von einer
nicht-etatistischen Vergesellschaftung zu sprechen. Die innergesellschaftliche
Befriedungsfunktion vollzieht sich über die frühslawische
Bruderschaftsideologie, in die später christliche Wertvorstellungen einfließen,
und den darauf aufbauenden Konsens über Gleichwertigkeit und Integrität der
Bauernfamilien, die damit zur Grundlage eines Bauernadels werde, der Szlachta,
die noch in der Neuzeit zeitweise über 30 % der Gesamtbevölkerung ausmacht und
die ihre Interessen in der Adelsversammlung, dem Sejm, unter Gleichen
aushandelt. Der Frieden im täglichen Umgang wird durch einen ausgeprägten
Ehrenkodex gesichert, der sich in Höflichkeit und Gastfreundschaft ausdrückt.
Es ist für weiterführende Vergleiche interessant,
dass eigentlich in allen Gesellschaften, in denen sich starke staatliche
Zentralgewalten nicht herausgebildet haben oder diese nur oktroyiert waren,
ähnliche gesellschaftliche Umgangsstile und Freiheitsideen, aber auch die
Betonung der Schutzfunktion von Familie, Gentes, Clan oder Klientel entwickeln
konnten, so z.B. im Nahen Osten, der dabei erstaunliche Parallelen zur
Politischen Kultur Polens aufweist.
Erst als der mittelalterliche Grundkonsens des gegenseitigen Respekts
verloren geht, wird das liberum veto zu einem politischen Destruktionsmittel,
das schließlich die gesellschaftliche Einheit zersprengt.
Gerade in Polen sind die Formen des Umgangs mit
der Krise, sind aber auch überraschend positive Erfolge der heutigen
Reformpolitik nur dann angemessen zu verstehen, wenn der historische
Hintergrund mit berücksichtigt wird. Gleichzeitig ist für ein Engagement der
deutschen Wirtschaft in Polen, das von beiden Staaten durchaus gewünscht und
gefördert wird, nur dann erfolgversprechend, wenn die polnische
zeitgeschichtliche Erfahrung bekannt und berücksichtigt ist, da diese auch das
Wirtschaftsverhalten sowohl der Arbeiter wie der polnischen Unternehmer prägt.
Darüber hinaus liegt das Potential der unterrichtlichen Beschäftigung mit Polen
in der Möglichkeit der Verallgemeinerung der Krisenanalyse, die Vergleiche mit
anderen ehemaligen RWG-Staaten und mit den Krisenerscheinungen im Gebiet der
ehemaligen DDR sinnvoll erscheinen lässt, und in einer interdisziplinären
Behandlung der allgemeinen Probleme der Politischen Kultur und der
Krisenlösungskompetenz einer Gesellschaft, was wiederum den Vergleich mit
Deutschland heraus fordert (wobei Deutschland sicherlich nicht immer als
überlegen erscheinen wird!) – es ist also für den Schüler von Polen für die
eigene Lebenssituation zu lernen.
4. Beispiele für polnisches Alltagsverhalten
Nehmen wir als ersten Interpretationsanlass
zunächst ein Beispiel aus dem Wohnungsbau in Danzig. Im Danziger Vorort Oliwa
befindet sich eine der größten Plattenbau-Wohnanlagen Nordpolens, in der vor
allem Werftarbeiter der Danziger Werft, ehemals Lenin-Werft,
untergebracht sind. Auch Lech Walesa lebte
hier mit seiner Familie jahrelang. Dieses Neubauviertel mit durchaus
unterschiedlichen Wohneinheiten galt zunächst – ähnlich wie das Märkische
Viertel in Westberlin oder Bijlmermeer bei Amsterdam – als besonders
fortschrittliches architektonisches Konzept des sozialen Wohnungsbau und einer
neuen, preiswerten Wohnkultur. Dass sich hier, auch in Oliwa, seither die
Beurteilungen, Maßstäbe und Wertungen geändert haben, ist allgemein bekannt.
Doch nicht das ist unser Thema. Verwunderlich erscheint es dem fachlich
interessierten Besucher, daß in den Bauplänen einige Hausblöcke an anderer
Stelle gezeichnet und geplant wurden, als sie tatsächlich gebaut worden sind,
und dass genau bei diesen Blocks die Straßenverkehrsführung einige
umständliche Umwege aufweist. Nun wäre es zu einfach, das Schlagwort der
„polnischen Wirtschaft“ hier anzuwenden. Die Gründe liegen woanders: In der
ursprünglichen Planung gab es Probleme mit dem Anschluss der Fernheizung; einige
Heißwassertrassen waren einfach zu lang bzw. in ungünstiger Lage, so das
große Wärmeverluste zu erwarten waren. Auf der Baustelle wurde dann diese
Planung unmittelbar vor Ort korrigiert; die befürchteten Mängel konnten durch
eine veränderte Anordnung der Wohnblocks vermieden werden; doch der Straßenbau
wurde bei dieser Korrektur nicht hinreichend informiert, so dass in einer
späteren Ausbauphase in der Trassenführung improvisiert werden musste. Wo
liegt jetzt das der Politischen Kultur entsprechende „typisch Polnische“ in
diesem Beispiel? Sicher nicht in den erkannten Planungsmängeln und auch nicht
in dem Versuch, diese möglichst sinnvoll zu korrigieren. Typisch und von
üblichen Lösungen in Deutschland abweichend war es jedoch, das die zentrale
Planungsbehörde, die Genehmigungsbehörde – also der Staat –, nicht informiert
und in die Korrektur nicht mit einbezogen wurde. Ich interpretiere dies mit
dem, meist durchaus berechtigten Misstrauen der fachlich kompetenten Bauleiter
vor Ort, ob die Veränderungsvorschläge in der Planungsbürokratie überhaupt
verstanden, sinnvoll umgesetzt und jemals rechtzeitig an die Baustellen
zurück gegeben worden wären. Kennzeichen des polnischen Verhaltens: Mut zur
eigenen Initiative, Improvisationstalent und Ablehnung bürokratischer
Genehmigungsverfahren. Problem dieses Vorgehens: nicht beteiligte
Interessen, wie der Straßenbau, die durchaus auch Aspekte des Gemeinwohls
repräsentieren, werden nicht beteiligt und in der nächsten Handlungsrunde
selbst wieder zur Improvisation gezwungen. Das Endergebnis wirtschaftlichen
und planerischen Vorgehens ist in Polen, verallgemeinert man dieses
Beispiel, weitaus weniger vorhersehbar als in Deutschland; merkwürdigerweise
funktioniert es aber doch, oft besser als Großprojekte bei uns.
Ein negativeres Beispiel soll diese
Grundeinstellung noch verdeutlichen. In Gdynia (Gdingen) befand sich
jahrelang ein staatliches Betonplattenwerk mitten in einer neu gebauten
Wohnsiedlung und störte die Wohnqualität durch Emissionen und Lärm ganz
erheblich, vor allem da die Straßen nicht für die schweren LKW ausgebaut waren.
Ursprünglich war dieser Standort wegen der kurzen Wege zu den Baustellen
durchaus sinnvoll; später stellte der Staat einen Ersatzstandort bereit und
verfügte den Umzug. Nichts geschah. Der angestellte Direktor verweigerte einfach
die Kooperation. Das hatte sicher auch Gründe im politischen Machtkampf in der
PVAP in Gdingen, in der der Direktor zur privilegierten Nomenklatura zählte
und zur Kooperation mit übergeordneten Stellen in der staatlichen Hierarchie
in Warschau nur gegen weitere Einflusskonzessionen bereit war. Wichtigere
Begründung war jedoch, dass er die Produktionsunterbrechung während des
Umzuges nicht für wirtschaftlich tragbar hielt. Damit hatte er die
Unterstützung der übrigen Beschäftigten. Interpretation: die lokalen
Machthaber und Honoratioren haben eine sichere Hausmacht und dadurch größeren
Einfluss als zentralstaatliche Institutionen, die sich oft nicht gegen sie
durchsetzen können. Loyalität gegenüber dem Staat und einem wie auch immer
definierten abstrakten Gemeinwohl wird weder erwartet noch gewährt. Respekt
genießt derjenige, der sich gegen den Staat durchsetzt, selbst wenn er formal
selbst Staatsbeamter ist.
Ein drittes Beispiel, wieder aus Gdingen: die
längst notwendige Hafenerweiterung konnte über Jahrzehnte nicht durchgeführt
werden, obwohl die Planungen abgeschlossen, die notwendigen Grundstücke im
Besitz des Staates und sogar schon Überquerungsbrücken für Straße und Eisenbahn
über das noch nicht gebaute neue Hafenbecken hinweg fertig und im Betrieb
waren. Grund: auf dem staatlichen Grund und Boden hatten sich ohne Rechtstitel
seit Jahren Besitzer von in Eigenarbeit erstellten Einfamilienhäusern
angesiedelt. Die Sympathie der Bevölkerung lag eindeutig auf der Seite der
Häuslebauer. Einen drastischen politischen Konflikt, den eine Zwangsräumung
verursacht hätte, konnte und wollte der Staat nicht riskieren; die Tradition
der Aufstände und Unruhen und ihre Konsequenzen wie Regierungssturz und
Legitimationsverlust des Systems ist allen Regierenden nur allzu gut im
Bewusstsein. Nun wird von der Stadt mit hohem finanziellen Aufwand Haus für
Haus abgekauft und neuer Wohnraum bereit gestellt. Der Hafenausbau hat
begonnen.
Nun könnte – sicher zu recht – eingewendet werden,
dass es sich hier um drei Beispiele aus der Zeit der Volksrepublik Polen
handelt, folglich um Beispiele „sozialistischer Korruption und
Planwirtschaft“. Dies trifft aber nicht den Kern des Sachverhaltes. Einerseits
sind bei genauem Hinschauen die repräsentierten Verhaltensformen durchaus nicht
typisch für die Fehlentwicklungen des ehedem „real existierenden“ Sozialismus
(vielleicht bis auf das zweite Beispiel aus Kreisen der „Nomenklatura“),
sondern sie zeigen gerade das Gegenteil: individuelle Zivilcourage und
Staatsferne; und sie zeigen, daß der polnische Staat – gezwungenermaßen? oder
aus eigener Überzeugung? – diese Verhaltensformen einnahm und als
selbstverständlich akzeptierte. Andererseits finden sich in Polen
vergleichbare Verhaltensweisen in der Zeit der polnischen Teilungen oder im
existenzbedrohten politischen Untergrund in der Okkupationszeit ebenfalls. Die
Beispiele zeigen daher nicht in Polen aktuell entwickelte Verhaltensweisen
gegenüber der ungeliebten Volksrepublik, sondern historisch verwurzelte
Verhaltensweisen gegenüber dem Staat als solchem. Und das unterscheidet die
polnische politische Alltagskultur deutlich von den etatistisch
vergesellschafteten mitteleuropäischen Staatsnationen.
5. Sozioökonomische und politische Krise: Eine
Begriffskritik
Es ist allgemein üblich, nicht nur die Situation
in den ehemaligen RGW-Staaten, sondern den Zustand der Weltwirtschaft insgesamt
mit dem Begriff der „Krise“ zu kennzeichnen. Der analytische Wert dieser
Charakterisierung ist jedoch gering und trägt wenig zum Verständnis der Ursachen
und zum Abschätzen möglicher „Krisenlösungswege“ bei. Die verkürzte
volkswirtschaftliche Sicht gesellschaftlicher Wandlungsprozesse lässt sich
noch am ehesten mit dem Schlagwort von Joan Robinson als „Krise der ökonomischen
Theorie“
bezeichnen. So ist es sinnvoll, an dieser Stelle noch einmal unter ökonomischen
Vorzeichen auf eine kritische Diskussion des Krisenbegriffes zurück zu kommen
und diese am polnischen Beispiel mit Daten zu belegen.
Die Fixierung auf ökonomische Globaldaten führt im
konkreten Beispiel zu verzerrten und unpolitischen Beurteilungen einer
konkreten Situation. Das kann am Beispiel Pollens deutlich gemacht werden. Die
Rahmendaten der volkswirtschaftlichen Entwicklung erscheinen zunächst positiv:
Nach den Jahren der Krise:
Veränderung p.a. in
% 1990 1991 1992 1993 1994 1995*
BIP
-11,6 -7,6 +1,0 +3,8 +5,0 +6,5
Industrieumsatz
-24,2 -11,9 +4,2
Idustrieproduktion
+3,7 +8,3 +8,5 +7,0
Landwirtschaft
-2,2 -1,6 -11,9 +2,0 +2,0 +2,0
Realeinkommen
-24,4 -0,3 -3,6 +1,3 +5,4 +4,0
Daten für die Jahre
1990 1991 1992 1993 1994 1995*
Inflation
(% gegenüber Vorjahr)
586 70 45,0 35,3 32,2 ~30
Arbeitslosenquote (%)**
5,2 10,7 13,6 15,7 16,1 >16
Haushaltsdefizit
(Bln Zl)
+2,4 -31,0 -69,3 . .
.
- (Mrd. neue Zl)
5,9
Außenhandelsbilanz
(Mio $)
+2214 +51 +734 . -8 36
.
Anteil der
Beschäftigten
(%) im privaten Sektor
(ohne Landwirtschaft
33,6 40,3 44,4 >55 >60 >60
* = Prognose, Schätzung
** = 1994: 2.972.800 Arbeitslose, davon 70 % mehr
als 6 Monate arbeitslos! In Nordpolen (Koszalin, Suwalki) Arbeitslosenquoten von
über 30 %
Die Daten weisen aus, dass Polen die „ökonomische
Krise“ – besser als andere ehemalige RGW-Staaten, vergleichbar eventuell noch
mit Ungarn und der Tschechischen Republik – im Großen und Ganzen gut gemeistert
hat, wie die Entwicklung des BSP, der Abbau der Staatsverschuldung und der
Inflationsrate und der Industrieumsatz zeigen. Dass diese Daten dennoch
interpretationsbedürftig sind, wird deutlich durch methodische Einreden.
Prozentuale Veränderungen müssen an den absoluten Ausgangswerten gemessen
werden, wobei der Zusammenbruch der Produktion 1989/90 eine positive
statistische Trendwende nicht nur leicht macht sondern nahezu unvermeidlich
erscheinen lässt. Darüber hinaus sind bei näherer Untersuchung der
Ausgangsdaten einige Fragezeichen an der Gültigkeit und Vergleichbarkeit zu
setzen, da sich durch die grundlegende Veränderung des Planungssystems und der
Steuergesetze die Datenerhebung selbst im Umbruch befindet.
Noch nicht hinreichend betont sind auch die
hervorstechenden negativen Daten bei den Angaben zu Arbeitslosigkeit und zur
landwirtschaftlichen Produktion, die für die polnische Gesellschaft und die
Legitimität des politischen Wandels von besonderer Bedeutung sind, prägen sie
doch den Alltag jedes einzelnen. Dabei ist bei den Arbeitslosenzahlen sowohl von
einer noch größeren Zahl nicht erfasster, weil nicht gemeldeter Arbeitsloser –
worin sich wohl vor allem auch eine wachsende Frauenarbeitslosigkeit versteckt
–, als auch von einer erheblichen „verdeckten Arbeitslosigkeit“ in
unproduktiven Beschäftigungsverhältnissen und in eigentlich konkursreifen
Großbetrieben der Grundstoff- und Schwerindustrie (Huta Katowice, Nowa Huta,
Großwerften)
auszugehen.
So sind zwei Seiten dieser „materiellen Krise“
gegenüber zu stellen: die Systemkrise des ökonomischen Systems der
Volksrepublik, die zu einer Transformationskrise des heutigen Polens geworden
ist und die sowohl durch die marktwirtschaftliche Eigendynamik als auch durch
die – wenn auch wechselnde und in ihren Zielen nicht durchweg konsistente –
Wirtschaftspolitik überwunden werden kann und schon überwunden wird, und die
soziale Krise des Erlebens täglicher Probleme und mangelnder
Zukunftsperspektiven für die „Verlierer des sozioökonomischen Wandels“.
Der umfassende Begriff „Krise“ greift zu kurz und
differenziert die gesellschaftliche Situation zu wenig. Es sind zu
unterscheiden: Transformationskrisen: Krisenerscheinungen, die sich aus
der instabilen Lage beim Übergang von einer zu einer anderen Wirtschafts- und
Staatsordnung ergeben; Systemkrisen: Krisenerscheinungen, die sich aus
„Fehlern“ im Steuerungsmodell eines Wirtschafts- oder Staatssystemes ergeben
(rechtliche und ökonomische Unvereinbarkeiten, Kommunikationsbarrieren,
konkurrierende Eliten: solche Systemkrisen treten regelmäßig in allen
Gesellschaftsordnungen auf); Strukturkrisen: Deformationen,
Disproportionen und Brüche in der räumlichen und sozialen Struktur einer
Gesellschaft, die die Brüche und Krisen der erlebten und erlittenen
Geschichte widerspiegeln.
Wirtschafts- und sozialgeographisch treten in
Polen diese Strukturdisparitäten sehr deutlich in den Vordergrund und spiegeln
in gewisser Weise die polnische Geschichte, die Teilungszeiten und die
Grenzverschiebungen im 20. Jh. In der Arbeitslosigkeit ist ein deutliches
Süd-Nord-Gefälle vom Oberschlesischen Industrierevier (GOP) zur Ostseeküste, im
marktwirtschaftlichen und infrastrukturellen Entwicklungsstand dagegen ein
West-Ost-Gefälle und damit zusammengefasst in der Beurteilung der ökonomischen
Perspektiven der einzelnen Wojwodschaften ein Südwest-Nordostgefälle zu
erkennen, das von den üblichen zentral-peripheren Disparitäten der städtischen
und ländlichen Regionen überlagert wird. Polen erlitt im Laufe seiner
Geschichte mehrfach fundamentale räumliche Verschiebungen nach Osten bzw.
nach Westen. Dabei war Ostverschiebung meist mit einer politischen Option für
die westlichen Kontakte, Westverschiebung mit der Option für östliche politische
Integration verbunden (nach Jerzykiewicz-Jagemann: „Jagiellonische
vs. Piastische Staatskonzeption“). Die räumlichen Verschiebungen drücken sich
in strukturellen Deformationen und Disparitäten aus, die unmittelbar hemmenden
Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung haben (defizitäre
Infrastruktur, labile außenwirtschaftliche Verflechtungen). Eine Wirtschafts-
und Sozialanalyse darf somit nicht auf den Daten für Gesamtpolen stehen bleiben,
sondern muss feiner differenzieren und regionalisieren und kann dann erst
konkretere Perspektiven für die Entwicklung Polens erarbeiten.
Hier bietet sich ein erster Vergleich der
Wandlungsprozesse in Polen und in den neuen Bundesländern in der
Bundesrepublik Deutschland an. Die Transformationsaufgabe ist in Polen um ein
vielfaches schwieriger und problematischer, da einerseits die massive
materielle Hilfe aus Bundeshaushalt und EU-Fonds fehlt – wobei hier das Problem
der sozialen und politischen Vereinnahmung als Hauptelement der subjektiven
Krisenwahrnehmung noch ausgeklammert bleiben soll – und andererseits im
Gegensatz zu Deutschland die Republik Polen ihre gesamte ökonomische und
politische Stellung in Europa neu definieren, alle zwischenstaatlichen Verträge
und die Rechtswirksamkeit der Grenzen zu den Nachbarn neu aushandeln muss: ist
doch kein unmittelbarer Nachbar Polens völkerrechtlich bzw. in seinem
politisch-gesellschaftlichen Grundsystem identisch geblieben [Russland,
Litauen, Weißrussland, Ukraine, Slowakei, Tschechin und die Bundesrepublik
Deutschland sind die neuen Nachbarn Polens].
So müssen auch alle Wirtschaftsbeziehungen neu
definiert werden. Das betrifft sowohl technische Normen, Produktionsstandards
und Produktpaletten wie Handels-, Zoll- und Steuergesetze, die in neuen
Verträgen zu verhandeln und anzugleichen sind. Der Wechsel in der Reihenfolge
der wichtigsten Handelspartner Polens in der Zeit der politischen Wende zeigt
diese Problematik und Aufgabe für die polnische Politik nur zu deutlich:
Polens Partner im Außenhandel, geordnet nach
der Rangfolge der Export-/Import-Anteile
Export (%)
Import (%)
1989
1990 1991 1992
1989 1990 1991
1992
SU
20,8 BRD 25,1 BRD -29,4 BRD 27,3 SU 18,1 BRD 20,1
BRD 28,5 BRD 23,7
BRD 14,2
SU 15,3 SU 11,0 A *) BRD
15,7 SU 19,8 SU 14,1 A *)
GB
6,5 GB 7,1 GB 7,1 NL
*) A 5,0 I 7,5 A
6,3 GB *)
NL *) GB *)
NL 7,0
CS *) I *)
RU 5,3
RU 5,1
*) Daten nicht verfügbar, Rangplatz jedoch korrekt
Gerade beim Versuch, den polnischen
Transformationsprozess von Deutschland aus zu beobachten, zu beurteilen und
gegebenenfalls mit der innerdeutschen Transformation zu vergleichen, macht es
notwendig, die qualitativen Unterschiede in der Gewichtigkeit der
politisch-sozialen Anpassungsforderungen in den beiden Ländern zu
berücksichtigen, um nicht aus unvermeidbaren Übergangsschwierigkeiten auf
Unfähigkeiten zu schließen und daraus u.U. wieder antipolnische Vorurteile zu
verfestigen.
Von sozialwissenschaftlicher Seite her ist dabei
die Beobachtung relevant, daß weniger die objektivierbaren ökonomischen
Probleme selbst die Krisenerwartung und Krisenwahrnehmung in der Bevölkerung
evozieren, sondern ihre Bewertung in Hinblick auf eine subjektivierte
Zukunftserwartung und Problemfurcht. Dieser sozialpsychologische
Wahrnehmungsprozess, der letztlich über den gesellschaftlichen Charakter und die
politische Funktion der „Krise“ entscheidet, ist als kollektiver
gesellschaftlicher Prozess zu interpretieren, in den einerseits die – politisch
in gewissen Maße verfügbare – veröffentliche Meinung
und andererseits der Erfahrungsschatz der Politischen Kultur mit seinen
Wertungs- und Handlungsoptionen und Realitätsdeutungsangeboten eingeht.
6. Die Krisenlösungspotentiale Polens
Das Verhältnis der polnischen Gesellschaft
einschließlich ihrer politischen Eliten zur kommunistischen Regierung nach dem
zweiten Weltkrieg war immer problematisch und vielschichtig; das
Regierungssystem war niemals so einfach als „Gewaltherrschaft“ zu
beschreiben, wie es für die Nachbarstaaten DDR und CSSR heute oft üblich
geworden ist. In Dezennien aufeinander folgende Unruhen und – letztlich
gescheiterte – Reformansätze kennzeichnen die polnische
Nachkriegsgeschichte. Damit wurde Polen – neben Ungarn – seit der Gründung
der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc und den „Danziger
Verträgen“ von 1980, aber unterbrochen von der Zeit des Kriegsrechts unter
Jaruzelski 1981 - 1989, zu einem wichtigen Faktor in dem Prozess der
sozioökonomischen und politischen Umgestaltung Ost- und Südosteuropas.
Die besondere Krisendynamik, die sich in Polen
beobachten lässt – Verelendungsprozesse, mangelnde Staatsakzeptanz, Zerfall
staatlicher Institutionen, Entwicklung eines mafiösen Untergrundes – und
die „typisch polnischen Reaktionen“ auf die Krise lassen sich nur vor dem
Hintergrund der besonderen polnischen Gesellschaftsform verstehen, die
Produkt der wechselvollen und von den westeuropäischen Nationen abweichenden
Nationalgeschichte Polens ist.
In Polen hat sich eine besondere Politische Kultur
entwickelt, die sich in der individuellen wie der gesellschaftlichen Reaktion
auf Krisen und Konfliktlagen ablesen lässt. Vor allem die Rolle des Staates
und seiner Institutionen ist in Polen anders zu bewerten als in Westeuropa,
was spezifisch polnische Wege der Krisenbewältigung notwendig macht.
Der polnische Staat ist traditionell schwach; die
nationalstaatliche Identifikation mit zentralen Staatsinstitutionen hat
sich in Polen nicht in dem Maße herausbilden können, wie in den Gebieten
Westeuropas, deren politische Geschichte sich seit dem Mittelalter auf
Staatskonsolidierung und militärische Staatsraison konzentriert hatte
(fränkische Grafschaftsordnung, imperiale Reichsidee, später Absolutismus und
bürgerlicher Nationalstaat). In Polen erfolgte eine nichtetatistische
Gesellschaftsentwicklung vom freien Bauerntum über das Wahlkönigtum und die
Szlachtagesellschaft (Adelsrepublik) mit ihren Freiheitsrechten des
liberum veto und des Konföderationsrechtes.
Die sich daraus entwickelnde Politische Kultur
Polens steht jeder staatlichen Machtfülle skeptisch bis ablehnend gegenüber
(„Alltagsanarchismus“), was sich in der Identifikation mit Gegenmacht
repräsentierenden Gruppen ausdrückt (Kirche, Familie, Klientel). Staatsgewalt
wird in der neueren Geschichte vor allem als Oktroy fremder Interessen erlebt
(Polnische Teilungen, preußische Polenpolitik, russische Unterdrückung,
nazideutsche Okkupation, stalinistische Abhängigkeit der Volksrepublik von
der Sowjetunion); das bestätigt und verfestigt die ohnehin vorhandene
Staatsferne der Politischen Kultur.
Die aktuelle Krise unterscheidet sich für Polen
von früheren sozioökonomischen Krisen dadurch, daß die traditionellen
Krisenlösungskonzepte sich plötzlich als ungeeignet zur Krisenlösung
erweisen und Verarmung, Verelendung und Machtlosigkeit nicht abwenden; die
traditionellen Verhaltensweisen sind gekennzeichnet durch das Unterlaufen
staatlicher Maßnahmen, privatistische Überlebensstrategien, Verhalten im
Untergrund, Basisloyalitäten. Die daraus folgende subjektive
Perspektivlosigkeit ist eine neue Erfahrung für Polen, die zu Resignation
oder Aggression führt. Eine Entfremdung von der eigenen Geschichte wird als
Orientierungslosigkeit erlebt, was gemeinsame staatliche Krisenlösungen
noch erschwert.
So erlebt der kritische Beobachter der polnischen
Entwicklung immer wieder Überraschungen, wenn er – in nahezu aussichtsloser
Krisensituation – auf originäre Krisenlösungspotentiale stößt, die kaum in den
staatlich-institutionellen Instanzen Polens zu sehen sind, desto deutlicher aber
im unmittelbaren persönlichen Lebensumfeld der von der Krise betroffenen
Menschen.
Diese Krisenlösungsmuster, in einer leidvollen
Geschichte entwickelt und bestätigt, spiegeln eine von der deutschen Gewohnheit
abweichende Realitätsdefinition innerhalb der politischen Alltagskultur wider,
vor allem aber ein anderes, individualistischeres und weniger subalternes
Verhältnis zu Staat und Obrigkeit. Davon können wir Deutschen sicherlich
einiges lernen, wenn uns auch – gerade im intensiven persönlichen Kontakt in
Polen – Grenzen und Probleme dieser Kultur deutlich werden. Ein weltoffenes
Europa und eine weltoffene deutsch-polnische Nachbarschaft wird den Abbau von
Stereotypen intellektuell durch Verständnis des „So-Seins“ aus der
geschichtlichen Erfahrung und des „Anders-Seins“ als Ermutigung für die eigene
Entwicklung vollziehen und emotional durch gegenseitige Empathie und intensives
Miteinanderleben ausgestalten
Literatur zum Thema Polen:
Deutsch-Polnische Schulbuchkommission:
Empfehlungen für Schulbücher der Geschichte und Geographie in der Bundesrepublik
Deutschland und in der Volksrepublik Polen. Schriftenreihe des
Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung 22. Band.
Braunschweig 1977.
Marek Dutkowski und Gerhard Voigt:
Werftkrise: Krisendynamik und Raumwirksamkeit. Zeitschrift für
Wirtschaftsgeographie. 33. Jg., H.3, 1989. S.136-150.
Norbert Elias: Über den Prozeß der
Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2. Bd.
Frankfurt/M. 1976 {1936} (suhkamp taschenbuch wissenschaft).
Feo Jernsson: Polen. Gesellschaft,
Wirtschaft und Staat im Wandel. Geschichte und Staat Band 156. München 1971 (Olzog).
– derselbe: Polen im Widerspruch. Eine
geistig-politische Landschaftsbeschreibung. München 1987 (Olzog).
F.E.O. Jerzykiewicz-Jagemann: Der Untergang
Polens und seine Erneuerung. Studien zum Geschichtsbild, Heft 22. Göttingen
1967 (Ranke-Gesellschaft).
Jörg K. Hoensch: Geschichte Polens.
Stuttgart 1983 (UTB).
Hans G. Kippenberg: Jeder Tag ‘Ashura,
jedes Grab Kerbala. Zur Ritualisierung der Straßenkämpfe im Iran. In:
Religion und Politik im Iran. mardom nameh – Jahrbuch zur Geschichte und
Gesellschaft des Mittleren Orients. Frankfurt/M. 1971 (Syndikat).
Ewa Kobylinska, Andreas Lawaty und
Rüdiger Stephan, Hrsg.: Deutsche und Polen. 100 Schlüsselbegriffe.
München 1992 (Serie Piper 1538) [Sehr empfehlenswerte Essays gerade zur
Geschichts- und Gesellschaftsphilosophie und der Politischen Kultur Polens
und Deutschlands!].
Bronislaw Kortus: Wirtschaftlich-räumliche
Wandlungsprozesse in Polen. Politik Unterricht Aktuell [Verband der
Politiklehrer Hannover], Heft 1/93, S. 11-16.
Ekkehart Krippendorff: Staat und Krieg. Die
historische Logik politischer Unvernunft. Frankfurt/M. 1985 (edition suhrkamp
1305).
Enno Meyer: Grundzüge der Geschichte
Polens. Darmstadt 19903 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Walter Mertineit: Bericht über die
deutsch-polnischen Schulbuchkonferenzen. Aus Politik und Zeitgeschichte, B
47/77, 1977. S.23-41.
Lothar Nettelmann: Zu den
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutsch-polnischer Jugendarbeit als Folge
des politischen Paradigmenwechsels in Polen und ihrer Bedeutung für die Träger
politischer Bildung in Deutschland. In: Junge Deutsche und Polen begegnen
sich. Schüleraustausch und Studienreisen. [Schriftenreihe des UNESCO-Clubs
für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.]. Hannover
1983. S. 9-26.
Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt:
Polen – Nation ohne Ausweg? Eine Einführung in Politik, Gesellschaft,
Wirtschaft, Kultur und Umwelt. Geschichte und Staat Band 274. München 1986 (Olzog).
Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt:
Internationale Herausforderungen. Die Bismarckschule Hannover stellt ihre
UNESCO-Arbeit vor. [Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am
Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.]. Hannover 1992.
– dieselben: Junge Deutsche und Polen
begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Schriftenreihe des
UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.,
Hannover 1990.
Gotthold Rhode: Geschichte Polens – Ein
Überblick. Darmstadt 1983 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Hans Roos: Geschichte der polnischen Nation
1918-1985. Stuttgart 1986 (Klett).
J.J. Smolicz: Verinnerlichte Werte und
kulturelle Identität. In: Volker Nitzschke, Hg., Multikulturelle Gesellschaft –
multikulturelle Erziehung? Stuttgart 1982 (Metzler).
Gerhard Voigt: Tradition oder Umbruch?
Erlebnisse im Nahen Osten. [Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.]. Hannover 1989.
Gerhard Voigt und Marek Dutkowski:
Die Danziger Werft: Symbol der Krise und der Erneuerung. Praxis Geographie Jg.
22, H.4, 1992. S.26-31.
Gerhard Voigt: Zur Analyse der aktuellen
Krisen in Osteuropa und in der Dritten Welt – Möglichkeiten und Grenzen
geographischer und politologischer Entwicklungsmodelle. Oldenburger
Vor-Drucke Heft 167/92. Zentrum für pädagogische Berufspraxis der Carl
v.Ossietzky-Universität Oldenburg 1992.
Gerhard Voigt: Interkulturelle Erziehung im
Geographieunterricht und in der politischen Bildung. Zeitschrift für den
Erdkundeunterricht. 1993[1].
Gerhard Voigt: Polenreisen in Zeiten der
gesellschaftlichen Krise. In: Junge Deutsche und Polen begegnen sich.
Schüleraustausch und Studienreisen. [Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.]. Hannover (2. Aufl.)
1993[2]. S.39-76 .
Weitere grundlegende Literatur vgl. Praxis
Geographie, Themenheft Polen, 4/92 (Westermann) und.
„Politik Unterricht Aktuell“, 1/93, Die
Wandlungsprozesse in Osteuropa am Beispiel Polens [Verband der Politiklehrer,
Hannover]
Top.
Inhalt
1. Determinanten des Wandels
2. Wo liegt Polen?
3. Näherungen an die politische Alltagskultur
Polens
4. Beispiele für polnisches Alltagsverhalten
5. Sozioökonomische und politische Krise: Eine
Begriffskritik
Nach den Jahren der Krise
(Tabelle)
Polens Partner im Außenhandel, geordnet nach
der Rangfolge der Export-/Import-Anteile
(Tabelle)
6. Die Krisenlösungspotentiale Polens
Literatur zum Thema Polen
Anmerkungen
Top
Impressum für diese Seite:
Ursprungsfassung: Vortrag am 1.11.94 für die
»Stiftung Runder Tisch, Sächsisches Bildungswerk« im Polnischen Zentrum Leipzig.
– Erweiterte Fassung zur Veröffentlichung von Prof. Schneider, Leipzig,
Rosa-Luxemburg-Verein.
Überarbeitung 2007:
Impressum für die Printausgabe von Dariusz Adamcyk, Lothar
Nettelmann, Gerhard Voigt (Hrsg.):
Façetten - Polen allein in Europa?
Polnische Selbstbehauptung im Netz internationaler
Konflikte und Interessen – Aspekte in Geschichte und Gegenwart
Hannover 2007
politik unterricht aktuell Sonderheft S 07/1
Herausgegeben vom
Verband der Politiklehrer e.V.
Herausgegeben von Gerhard Voigt
Im Vertrieb der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.
Internetpublikation auf
http://www.polen-didaktik.de August 2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de
Überarbeitet Juli 2009 / durchgesehen 22.02.2011
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