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Schüleraustausch im Geist der Ökumene Am 7. Oktober 1988 traf eine evangelisch-katholische Schülergruppe aus Gehrden (bei Hannover) mit dem Krakauer Diözesanbischof Kazimierz Nycz im Erzbischöflichen Palais zu einem Gespräch zusammen. Wir berichteten: in unserer kleinen Stadt sind die evangelische und die katholische Gemeinde durch gemeinsame ökumenische Praxis vielfältig verbunden, z.B. Gebetsgottesdienste, Gemeindeseminare, Tagesfahrten, Taizé-Andachten, ökumenische Hilfe Zimbabwe e.V. und anderes. Und wir fragten den Bischof: Würden Sie der kath. Gemeinde der Marienkirche erlauben, in vergleichbarer Weise zusammenzuarbeiten, mit der evangelisch lutherischen Gemeinde, deren Kirche wenige hundert Meter entfernt steht? Nycz antwortete, er bekenne sich im weltweiten Horizont zur Íkumenischen Bewegung und bejahe grundsätzlich in der Praxis eine Zusammenarbeit konfessionsverschiedener Gemeinden, während für alle theologischen Fragen die Experten zuständig seien. Als wir die Frage konkret für die Stadtmitte Krakaus wiederholten, vermied der Bischof eine klare Antwort. Diese doppelbödige Antwort scheint mir symptomatisch zu sein für die ökumenische Konstellation der Kirchen in Polen - Katholische Kirche (etwa 90% der Gesamtbevölkerung von 37,5 Millionen) und andere Konfessionen (etwa 3%) entwickeln sich im wesentlichen beziehungslos. Jüngste Impulse aus beiden Feldern kirchlichen Lebens seien deshalb zunächst gesondert skizziert. 1. Impulse aus der Römisch-Katholischen Kirche Seit dem Mord an dem Warschauer Vikar Jerzy Popieluszko am 19.10.1984 kam es zu einer neuen Welle der Konfrontation zwischen Staat und Kirche. Bischöfe und Priester wurden am Rande des Thorner Prozesses rechtswidriger Aktivitäten beschuldigt; der Kirche wurde ein Rückfall in den alten Klerikalismus vorgeworfen, und es wurde von ihr Selbstbeschränkung auf ihre religiösen Aufgaben verlangt. Demgegenüber verteidigte die 207. Plenarkonferenz der Bischöfe das Recht der Priester, moralische Meinungen zu politischen Fragen zu äußern, und protestierte gegen die Verschärfung des Strafrechts. Kardinalprimas Glemp zeigte sich in der Praxis jedoch bereit zum Einlenken gegenüber dem Staat, indem er z.B. einen religiös-national aufflammenden Popieluszko-Kult ablehnte und angesichts des „stabilen Gegensatzes“ von Staat und Kirche den aktuellen Kurs der Kirche dahin abwandelte: Rückzug aus der Politik und Konzentration auf die kirchliche Bildungsarbeit als wichtigste Aufgabe. Auf dieser Linie legte der Bischof von Przemysl, Ignacy Tokarczuk, 1987 ein intensives und konkretes Seelsorgeprogramm vor, das den Weg der Kirche bis zum großen Jubiläum 2000 vorrangig charakterisieren sollte. Summarisch läßt sich sagen: das dominierende Modell der Römisch-Katholischen Kirche Polens bleibt die Volkskirche, wobei der Akzent mehr auf der nationalen als auf der sozialen Bedeutung dieses Begriffes liegt. Bemerkenswert bleibt eine Episode zum polnischen Gedenken „40 Jahre nach Kriegsende“. Am 23.06.1985 feierte in Stettin unter Teilnahme aller Bischöfe die Katholische Kirche in Polen ihre „Rückkehr“ in die Oder-Neiße-Gebiete vor 40 Jahren. Gegen den Triumphalismus des polnischen Episkopats wandten sich die Apostolischen Visitatoren der Katholiken im Erzbistum Breslau mit einer Erklärung, in der sie es begrüßten, daß kein deutscher Bischof der Einladung nach Stettin gefolgt war. Jüngstes Anzeichen eines solchen Triumphalismus ist das Tauziehen um den - ökumenisch gesonnenen - Oppelner Bischof Nossol, der Bundeskanzler Kohl im Rahmen seiner Polenreise 1989 auf den Annaberg einlud. Vor seiner Einladung war er vom polnischen Primas dem Vatikan als Kandidat für den Kardinalshut präsentiert worden. Die Ausladung Kohls vom Annaberg ging vom polnischen Episkopat aus, der sich einer offiziellen Zulassung deutschsprachiger Messen für die deutschstämmigen Oberschlesier widersetzte. Danach wurde Nossols Kandidatur suspendiert. Die hier skizzierten jüngsten Impulse aus der Römisch-Katholischen Kirche Polens sind m.E. einzubeziehen in die tiefergehende Emotion, die das katholische Polen erfaßte, als der Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla am 16.10.1978 zum Papst gewählt wurde. An diesem Tage begrüßte Stefan Kardinal Wyszynski Papst Johannes Paul II. in Rom mit den glühenden Worten: „...Mutter der polnischen Erde, freue Dich, Du hast der Kirche ihren besten Sohn gegeben, geprägt und gehärtet in den Schlachten und Leiden der Nation.“ Für die Gläubigen der Römisch-Katholischen Weltkirche ist das Anlaß genug, nach dem Wesen des polnischen Katholizismus zu fragen. Dieselbe Frage stellt sich auch für Nichtkatholiken, jedoch mit dem spezifischen Interesse zu erkunden, ob der polnische Katholizismus auf eine weltoffene Ökumenizität geschichtlich vorbereitet ist. Hat er die Ökumenische Bewegung, die seit 1910 die nichtpolnische Welt anspricht, wahrgenommen? Ich verhehle nicht meine persönliche Skepsis in Richtung dieser Frage. Sie sei hier in einer knappen geistesgeschichtlichen Perspektive artikuliert. Aleksander Swietochowski, führender Publizist (1849 - 1939), faßte polnische Selbstkritik in den Aphorismus: „Im Erguß der Gefühle sind wir die Meister, im Handeln des Verstandes schwach. Deshalb haben wir hervorragende Poeten, aber überhaupt keine Philosophen und nur wenige Genies der Wissenschaft.“ Eine Generation später klagte Waclaw Berent, Warschauer Naturwissenschaftler und Romanschriftsteller (1873 - 1940): „Die für alle Völker kostbarste und für Polen seltenste Gabe ist das Organisationstalent.“ 1973 schrieb der Chefredakteur der Wochenzeitung Tygodnik Powszechny des Erzbistums Krakau, Jerzy Turowiczu: „Der Durchschnittspole empfindet Treue und Bindung an die Kirche und Glauben sehr tief, in einer traditionalistischen und gefühlsbetonten Weise. Unglücklicherweise haben wir keinen rationaleren Zugang zu unserem Glauben entwickelt. Mit wenigen Ausnahmen hatten wir in Polen nie große Theologen, weder in der Vergangenheit noch in neuerer Zeit.“ Auch das Urteil eines Widersachers, des marxistischen Ministers für die Glaubensgemeinschaften Kakol, sei hier nicht unbeachtet, 1976 ausgesprochen: „Im Gegensatz zu den westlichen Ländern gibt es in Polen keine Krise der religiösen Praxis. Die Gläubigen gehen zur Kirche. Aber ist das denn ein Zeichen der Stärke der Katholischen Kirche? Keineswegs! Die Tatsache, daß die Kirche in Polen keine Krisen erlebt, die den Westen erschüttern, bezeugt gerade ihre Schwäche. Die Frömmigkeit der polnischen Katholiken ist oberflächlich und emotional. Ohne eine Krise durchzumachen, ist die Kirche in Polen dabei, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzt. Die polnischen Katholiken sind dogmatisch unwissend: sie wissen weder etwas von der Erbsünde noch etwas von der Schöpfung. Das interessiert sie einfach nicht.“ Am eingehendsten hat der französische Kirchenhistoriker Georges Castellan die „Geschichte des polnischen Katholizismus 1795 - 1982“ dargestellt. Er dokumentiert die Haltung des polnischen Episkopats unmittelbar nach der Ausrufung des Kriegsrechts am 13.12.1981 wie folgt: „Wieder einmal in der polnischen Geschichte Polens erhebt sich die Kirche Polens als 'eherne Festung' inmitten eines verwüsteten öffentlichen Lebens, bereit, die Nation zu verkörpern. So stark ist der historische Mythos von der Gleichsetzung des 'Polonismus' mit dem Katholizismus.“ 2. Impulse aus dem Polnisch-Ökumenischen Rat der Kirchen In ihm sind zusammengeschlossen die Evangelisch-Augsburgische Kirche (etwa 80000 Mitglieder), die Evangelisch-Reformierte Kirche (etwa 5000 Mitglieder), die orthodoxe Kirche (etwa 320000 Mitglieder) sowie mehrere sehr kleine Freikirchen. Der PÍR führt seine Tagungen in Warschau durch, zumeist in den Räumen der Christlich-Theologischen Akademie, die den Pfarrernachwuchs der lutherischen Kirche Polens heranbildet. Deren Bischof, Janusz Narzynski, tritt in der Íffentlichkeit zumeist als Wortführer des PÍR auf. Die folgende Skizze muß sich auf Impulse aus der Evangelisch-Augsburgischen Kirche beschränken, weil allein sie ökumenisch aktiv geworden ist, während alle anderen Kirchen und Freikirchen Polens in den Zustand eine Ghetto-Mentalität zu geraten und Minderheiten- und Minderwertigkeitskomplexe zu entwickeln drohen. Zumeist fällt dem Besucher Evangelisch-Augsburger Gemeinden in Polen auf, daß in den achtziger Jahren ein Netz von Gemeindepartnerschaften entstanden ist. Heute pflegt jede lutherische Gemeinde Polens die Beziehung zu einer evangelischen Gemeinde im Ausland, zumeist in der Bundesrepublik. Solche Beziehungen sind dort aus vier Gründen wichtig: die Auswirkungen einer jahrzehntelangen politischen Abriegelung zu überwinden - die Mitgliedschaft im Lutherischen Weltbund durch Gemeindepartnerschaften zu einem erprobbaren Rückhalt im Glauben werden zu lassen - Anschauung über fruchtbare Íkumene-Praxis für die polnische Situation zu gewinnen - materielle Unterstützung für ihre fortlaufende Arbeit zu erlangen. Charakteristisch für die Evangelisch-Augsburgische Kirche Polens ist sodann die Pflege der Kirchenmusik. 1985 fanden in den lutherischen Schwerpunkten Warschau und Teschen zum Gedenken an den 300. Geburtstag Johann Sebastian Bachs und Georg Friedrich Händels Musiktage statt. Nachdem durch westliche Spenden eine neue Orgel für die bis 1945 evangelische, seitdem katholische Marienkirche in Danzig finanziert wurde, erstrebt jetzt die evangelisch-augsburgische Gemeinde in Warschau eine neue Orgel für ihre Trinitatiskirche. Hierfür werden zur Zeit Spenden in der Bundesrepublik gesammelt. Jerzy Toeplitz, Mitglied des Oberkirchenrats in Warschau, belegt bei Vortragsreisen in der Bundesrepublik eindrücklich die Anziehungskraft, die die Orgelkonzerte der Trinitatiskirche seit langem auf die polnische Metropole ausübt. Im Mai 1985 trat die 8. Synode der Evangelisch-Augsburgischen Kirche zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen, konzentriert auf die Losung des Lutherischen Weltbundes von Budapest von 1984: „Seid immer bereit zum Zeugnis der Hoffnung, die über Euch ist.“ In seinem Grundsatzreferat beleuchtete Bischof Janusz Narzynski die aktuelle Lage seiner Kirche wie folgt: Die Verbindungen zum Lutherischen Weltbund seien erfreulich, Ökumenische Kontakte zu Kirchen im Ausland seien ergiebig, seine Kirche erlebe eine „Renaissance des Glaubens“, die Zahl der Gemeindemitglieder sei im Wachsen, Neubauprojekte für Kirchen, Kapellen und Katechesezentren seien sichtbarer Ausdruck einer Aufwärtsentwicklung; mit Evangelisationen und Zeltlagern habe man sich besonders an die junge Generation gewandt. Während die Stimme der Evangelisch-Augsburgischen Kirche Polens im Rahmen internationaler kirchlicher Verbände geschätzt werde, sei der Ökumenische Dialog mit der Römisch-Katholischen Kirche Polens bedauerlicherweise weitgehend auf dem Papier geblieben. Den letzten Hinweis des Bischofs greife ich kritisch kommentierend auf. Sein Amtssitz und das Palais des polnischen Primas stehen Hauswand an Hauswand. Lange Jahre hindurch wurde nachbarschaftlich kein Gruß getauscht. Erst als die gemeinsame Dachrinne einen Defekt hatte, kam es zum ersten „Ökumenischen Dialog“ zwischen Angestellten beider Häuser betreffend Schadensregulierung. Diese Episode wirft ein Schlaglicht auf die tatsächliche Vereisung, die das katholisch-lutherische Verhältnis seit langem charakterisiert und die durch diplomatische Floskeln nach außen beiderseits nur schlecht kaschiert wird. Ihre Entstehungsursache hat diese Vereisung hauptsächlich in der gegensätzlichen Positionsbestimmung beider Seiten im Verhältnis von Staat und Kirche. Die Katholische Kirche, Anwalt der Volksmassen, kämpfte jahrzehntelang gegen den Atheismus im Lande und das leninistische Herrschaftssystem. Wenngleich in den achtziger Jahren viele Intellektuelle, kritische Künstler, Wissenschaftler und Journalisten in der Solidarnosc mitarbeiteten, schreibt die katholische Masse des Volkes doch die Ablösung des kommunistischen Regimes 1989 hauptsächlich der Standhaftigkeit ihrer Kirche zu. Demgemäß wurde auch ein praktizierender Katholik erster Ministerpräsident einer nichtkommunistischen Regierung. Im Unterschied hierzu wurde dem im PÍR tonangebenden Bischof Narzynski bei zahlreichen Anlässen bis 1989 attestiert, daß seine allzu demonstrativ bekundete Staatsfrömmigkeit bei der Masse der polnischen, d.h. katholischen Bevölkerung die Evangelisch-Augsburgische Kirche immer mehr in Miskredit bringe. Der kirchenpolitische Kurs Narzynskis versetzte zudem seine Pfarrer und Gemeinden in einen anhaltenden Gewissens- und Loyalitätskonflikt. Meines Erachtens ist diese Problemlage maßgebend dafür, daß es zu einer konstruktiven ökumenischen Beziehung zwischen der Römisch-Katholischen und der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen noch nicht kommen konnte. 3. Ausblick Am 15.10.1986 traf eine andere Gehrdener Schülergruppe zu einem Gespräch mit dem Krakauer Kardinal Franciszek Macharski zusammen. Eine der an ihn gerichtete Fragen bezog sich auf seine Beurteilung der ökumenischen Beziehungen zwischen den Kirchen Polens. Damals antwortete er uns: „Eine meiner wichtigsten Aufgaben sehe ich darin, meine Kirche auf eine fruchtbare ökumenische Zusammenarbeit mit allen kleineren Kirchen unseres Landes vorbereiten zu helfen. Das wird uns noch viel Geduld abverlangen.“ Die polnische Umwälzung 1989 hat rascher, als wir damals ahnen konnten, eine der belastenden Barrieren fortgeräumt. Diese Umwälzung konfrontiert alle Kirchen Polens mit ganz neuartigen Herausforderungen, sie hat aber auch die Perspektive des Kardinals freigesetzt.
Nachtrag 1993. Polnische Wende 1994: Von 1986 bis1989 engagierten sich ökumenische Schülergruppen des Matthias-Claudius-Gymnasiums Gehrden beim Aufbau einer Partnerschaft mit Jugendlichen der kleinen evangelischen Kirchengemeinde Krakau und mit den etwa 80 Schülern der franziskanischen Klosterschule in Kalwaria Zebrzydowska, dem zweitgrößten polnischen Wallfahrtsort nahe Krakau. Je zwei 14-tägige Besuche dort und hier hatten zu Briefwechsel und zu persönlichen Einzelbegegnungen zwischenzeitlich geführt, und die polnische Wende 1989 hatte begonnen, die Phantasie beider Partner zu beflügeln.
Der Sommer 1989 veränderte dann die Ausgangslage
dieses Brückenbaus grundlegend. Zu den frühesten Regierungsentscheidungen des
Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki gehörte es, eine
langjährige Forderung der Solidarnosc zu erfüllen: der polnische Staat gab den
Kirchen des Landes mehrere hundert Gebäude zurück, die das
marxistisch-leninistische Regime nach 1945 beschlagnahmt hatte, darunter auch
einen grösseren Gebäudekomplex in Łódź, der bis 1939 eine leistungsstarke
franziskanische Ordensschule beherbergt hatte. Ohne Zögern ordnete der
franziskanische Provinzialrat an, diese Gebäude zu sanieren, in a. Da uns in Gehrden zwei Partnerschaften nach Südpolen und Zentralpolen überfordern würden, gaben wir die Klosterschule Łódź auf, nicht zuletzt auch deshalb, weil das Gehrdener Gymnasium inzwischen in mehreren anderen Osteuropäischen Ländern aktiv geworden war und ein gesondertes Interesse an Polen zurücktrat. b. Die kleine evangelische Gemeinde in Krakau, nach 1989 einem unerwarteten Schrumpfungsprozeß ausgesetzt, zog sich auf die Pflege einer seit zehn Jahren anhaltenden Beziehung zu einer holländischen Gemeinde zurück und bat um Verständnis: „Es fehlen uns die Kräfte, die zweite Partnerschaft mit Gehrdener Jugendlichen fortzusetzen.“ c. In Kalwaria hingegen erklärte der neue Direktor des Priesterseminars, Dr. Edmund Swierczek, Studenten und Dozenten seien interessiert, eine ökumenische Partnerschaft mit Gehrden zu pflegen. Daraufhin erklärten die Verantwortlichen der evangelischen und der katholischen Kirchengemeinden in Gehrden, der weitere deutsch-polnische Brückenbau sei erwachsenen Gemeindemitgliedern anzuvertrauen. So kam es im Herbst 1991 zum V. Brückenschlag: Zwölf Gehrdener besuchten das Priesterseminar Kalwaria und hatten für gemeinsame Gesprächsrunden insbesondere drei Themen vorbereitet, die aus polnischer Sicht vordringlich seien: 1. Deutscher, russischer und polnischer Antisemitismus im 20. Jahrhundert und die Chancen eines christlich-jüdischen Dialogs – 2. Ökumenische Zusammenarbeit – wie kann sie vor Ort gestaltet werden? 3. Was kann in einem demokratischen Staat der einzelne Bürger tun, um Gottes Schöpfung zu bewahren? Im Kloster wurden wir, franziskanischer Gastlichkeit gemäß, freundlich aufgenommen und im Refektorium feierlich empfangen von den versammelten Studenten und Dozenten. Entscheidend sollten die Rundgespräche zu den drei vereinbarten Themen werden. Drei Termine wurden verabredet. Das erste Thema führte uns zu einer ergiebigen Diskussion. Zum zweiten Thema erschienen die Studenten nicht – der Pater Magister, der nachmittags das Kommando führt, hatte sie zum Apfelpflücken geschickt. Einer der Professoren – er lehrt u.a. „Ökumenismus“ – stellt seine zwei Kollegstunden am nächsten Vormittag zur Verfügung. Der dritte Termin platzte völlig. Auf solche Art sahen wir uns einem heftigen Konflikt ausgeliefert, der die Patres und Dozenten des Klosters entzweit hatte. Abt und Seminardirektor entschuldigten sich und gaben uns Einblick in die brisanten Fragen, deren Beantwortungsversuche zur Zeit nicht nur den Klosterkonvent, sondern die gesamte Katholische Kirche Polens bis hin zum Episkopat in Spannung versetzen und eine tiefgreifende Orientierungskrise des Katholizismus nach der Wende 1989 anzeigen. Nachstehend eine Auswahl aktueller Streitfragen: a. Wer hat den unblutigen Kampf gegen das atheistische Regime gewonnen – katholische Frömmigkeit oder polnischer Nationalismus in katholischem Gewande? b. Ist die Gleichung „Polonismus = Katholizismus“, die sich in den Bedrängnissen der Teilungszeit verfestigt hatte, für die Zukunft eines demokratischen Polens noch tragfähig? c. In welchem Maße wurden die Kirche bei ihrem Befreiungskampf instrumentalisiert und in welchem Maße jetzt vernachlässigt, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan hat? d. Erklärter Wille der polnischen Gesellschaft ist es, über Demokratie und Marktwirtschaft den Weg „zurück nach Europa“ zu beschreiten – welche Rolle spielt hierbei die Kirche? e. Die Zwei-Stockwerke-Theorie prägte den Abwehrkampf der Kirche gegen den leninistischen Totalitarismus: „Für das ewige Heil ist exklusiv die Kirche, für Politik und Wirtschaft exklusiv der Staat verantwortlich“. Erkennt die Kirche ihre aktuelle Verantwortung, dem Volk mit einer christlichen Sozialethik und Soziallehre zu helfen? f. War für den Volkskatholizismus der Atheismus ein Feindbild, das den Zusammenhalt der Kirche förderte? Wenn ja, muß jetzt ein neues Feindbild her, z.B. der materialistische, säkularisierte Westen? g. Hat der lange Kampf um Religionsfreiheit in der Praxis zum Siege geführt (jeder Bürger darf Konfession und kirchliche Praxis frei wählen), wie verhält sich dann die Kirche zur negativen Religionsfreiheit unter dem Vorzeichen der Demokratie (jedermann kann Konfession und kirchliche Praxis abwählen)? h. Ist Meinungsfreiheit auch als Kirchenkritik ernstzunehmen oder versteift sich die Kirche auf neue Bevormundung der Bürger? i. Ist die Ökumenische Bewegung christlicher Kirchen seit 1910 ein verpflichtender Impuls jetzt auch für die katholische Kirche Polens oder ist in einem geschlossenen Konfessionalismus die Zukunft der Kirche zu artikulieren? Das Schlußgespräch mit Abt und Seminardirektor in Kalwaria war versöhnlich. Wir sprachen die Einladung an Studenten und Dozenten aus, im Sommer 1992 in Gehrden zu sein. Doch im Januar 1992 erreicht uns ein betrübter Brief des Seminardirektors: der Provinzialrat habe ohne Angabe von Gründen sämtliche Auslandsreisen der Studenten unbefristet untersagt. Polnische Wende 1989 – ein Rückschlag für ökumenische deutsch-polnische Partnerschaft? Nach unserer Erfahrung zu urteilen: zunächst ja. Doch wir wollen mit Geduld abwarten, wie sich die polnischen Entscheidungen entwickeln. Literatur Georges Castellan, Gott schütze Polen! Geschichte des polnischen Katholizismus 1795 - 1982, 1983 ed. Karl Dedecius, Die Dichter Polens, Polnische Bibliothek I, 1982 ed. Peter Hauptmann, Kirche im Osten, Studien zur Osteuropäischen Kirchengeschichte und Kirchenkunde, Band 30/1987. Band 31/1988 Janusz Marianski, Die Katholische Kirche in der polnischen Gesellschaft, Vortrag 1988 (Hektografie) Janusz Marianski, Die Kontinuität der Religiosität in der polnischen Gesellschaft, Vortrag 1988 (Hektografie) Siegfried Riedel, Dokumentation eines Brückenschlags, I/1986, II/1988 (Hektografien)
Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991) Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992) Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993) Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991) Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990 Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis. Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
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Bearbeitungsstand: 10. August 2009 URL: http://www.polen-didaktik.de Verantwortlich: Gerhard Voigt, vgl. Impressum eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de |