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Abstract

Vita Lothar Nettelmann

Lothar Nettelmann

Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81
(Dissertation 1996)

Vorwort

Im Jahre 1975 habe ich das erste Mal Polen auf einer Studienreise besucht. Interessiert hatte mich bereits in den sechziger Jahren die damals so definierte ›Reformpolitik‹ in Ungarn, sowie der ›Prager Frühling‹. Die Situation 1968 in Polen, die Aktionen der Studenten in Warschau, ihre gewaltsame Unterdrückung, wie auch die antisemitischen Erscheinungen in diesem Jahr, wurden in West­deutsch­land kaum wahrge­nom­men. Die Ereignisse gegen Ende des Jahres 1970 in Danzig und Gdingen, die Ablösung Gomul­kas, verbun­den mit der Machtreduktion des nationalkommunistischen Flügels, der Beginn der Ära Gierek, all dieses wurde nicht als Beginn einer Vorphase entscheidender Ver­änderungen begriffen.

In der deutschen Sicht dominierte die Ostpolitik in ihrer innen- und gesell­schafts­poli­ti­sch­en Wirkung. Die westdeutsche Gesellschaft erfuhr ihre vorerst letzte große politische Ausein­ander­­setzung. Sie endete mit dem ›Rentenabkommen‹ 1976. Die Kontakte zwischen Helmut Schmidt und Edward Gierek hatten in der Presse ein gutes Echo. Der zunehmende Osthandel stabilisierte die Konjunktur in der Bundesrepublik.

Nach 1975 verlief die eigene Entwicklung zunächst ungesteuert und intuitiv, aber mit bewusster Orientierung. Es folgten Studien­­­fahrten 1977 und 1979. Im April 1979 wurde die Deutsch-Polnische Gesellschaft Hannover gegründet. Sie ist seitdem die entscheidende organisato­rische Basis für mein nach Polen hin orientiertes gesell­schaft­liches Engagement und meine ehrenamtliche Tätigkeit.

Die Verarbeitung der eigenen Wahrnehmungen riefen das Bedürfnis hervor nach per­manenter Ergänzung und Vertiefung des Wissens um unseren östlichen Nachbarn, dem in deutschem Namen großes Leid zugefügt worden ist und mit dem uns Deutsche unendlich viel verbindet. Ich habe das Land kein einziges Mal besucht, ohne feststellen zu müssen, dass sich nicht jedes Mal qualitativ neue Ein­drücke und ergänzende Erkenntnisse ergaben. Das Wissen um dieses Land und seine Menschen wurde stets nicht nur größer und differen­zier­ter, es eröffneten sich jeweils unerwartet neue Perspek­tiven. Die Frage, wie wir Deutsche, insbesondere die Nachkriegsgeneration, ›Normalisierung‹ herbei­füh­ren und ›Aussöhnung‹ praktizieren könnten, um damit im Sinne des Europa­gedan­kens zur Völker­verständigung beizutragen, gab die Ebenen der Beschäftigung vor.

Im Sinne der kulturellen Betätigung boten sich Ausstellungen polnischer Künstler sowie Kon­zerte an. Bildungs­spezifisch ergaben sich Vorträge polnischer und deutscher Experten sowie weitere Studienreisen. Die Vorbereitung der Teilnehmer, bald auch anderer Gruppen, die das ›erste Mal‹ fahren wollten, erforderte die zunehmende Beschäftigung mit der Geschichte und Lebensweise der Menschen, mit Wirtschaft und Geographie und nach und nach auch mit der polnischen Literatur. Damit verbunden ergab sich eine zuneh­mende fach­didaktische Tätigkeit.

Die Durchführung eines Schüleraustausches begann mit ersten Kontaktaufnahmen in der Phase von 1977, als die polni­schen Gesprächs­partner noch sehr positive Bilder ihrer wirt­­schaft­lichen und gesell­schaft­lichen Situation zeichneten.

Es folgte das deutliche Sicht­barwerden der Anzei­chen der Krise in der polnischen Volks­wirtschaft im Jahre 1979. Sehr bald wurde die Krise der gesamten Gesellschaft offenbar. Sie mündete in die Dynamik der Ereig­nisse der Jahre 1980/81. Mit der Gründung der ersten freien und unab­hän­gigen Gewerkschaft in einem kom­mu­nis­tisch regierten Land - der ›Solidarnosc‹ - begann der Weg in eine völlig neue Epoche. Er war für alle Menschen verbunden mit einer als völlig neu empfundenen Situation. Neben der Euphorie stand die Bedrohung durch das Unge­wisse. Die Ausrufung des Kriegs­­zustandes am 13. Dezember 1981 führte zu einer bedrückenden Zwischenphase. Sie zwang viele Men­schen - in Polen wie auch in Deutschland - zu Gewissens­ent­schei­dungen.

Das karitative Engagement vieler Menschen in der Bundesrepublik hatte im Verlauf des Jahres 1981 begonnen nach Bekanntwerden erheblicher gravierender Versorgungsmängel, insbesondere im medizinischen Sektor. Es milderte den Zusammenbruch der Wirtschaft im äußerst schwierigen Jahr 1982. Die Menschen in Polen erinnerten sich an das Sprichwort: »Freunde erkennt man in der Not«.

Nach Suspendierung des Kriegs­zustandes 1983, durften die Schülerinnen und Schüler des V. Lyzeums in Poznan endlich nach Hannover kommen. Die Entscheidung darüber war zu einem Politikum gewor­den.1 In dieser Zeit entstanden die ersten eigenen Publikationen. Alles war gekennzeichnet von einer freundschaftlichen und kollegialen Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen. Basis war dabei die enge kollegiale Arbeit in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hanno­ver und der UNESCO-Projekt-Schule am Maschsee, der Bismarck­schule, sowie mit den im Laufe der Jahre gewonnenen polnischen Kollegen und Freunden.

Persönlich möchte ich an dieser Stelle unter meinen deutschen Freunden insbesondere dem Historiker und Publizisten F.E.O. Jagemann-Jerzykiewicz danken, der wissen­schaft­liche Distanz mit einem hohen Engagement verbindet und eine binationale deutsch-polnische Identität verkörpert sowie Gerhard Voigt, mit dem mich seit den siebziger Jahren ebenfalls eine enge kollegiale Zusam­men­­arbeit auf fachdidaktische und wissenschaftlicher Basis verbindet.

Stellvertretend für die vielen polnischen Freunden, die mit fundiertem, engagiertem sowie kritischem Rat zur Seite standen, möchte ich nennen: Jerzy Cent­kowski, Marek Dutkowski und Bronislaw Kortus. Mitarbeiter des ›Instytut Zachodni‹, Poznan, haben mein Wissen über Politik und Gesellschaft Polens vertieft. Die Einschätzung der polnischen Volks­­wirtschaft wurde durch Jerzy Kleer und Jerzy Toeplitz beeinflusst. Die polnischen Wissenschaftler gaben trotz ihrer spezifischen Involviertheit seit den siebziger Jahren Beispiel für Wissen­­schaft­lich­keit und koope­ratives Verhalten. Für mühevolles Dolmet­schen und Über­setzen danke ich neben vielen polnischen Freunden vor allem Maja Kempa und Barbara Kortus.

Nachdem der Schwerpunkt der eigenen Tätigkeit bis zum Ende der achtziger Jahre überwiegend in den Bereichen der Politik­wissen­schaft, Geschichte und Ökonomie lag, ver­la­gerte sich für mich Dank der Anregung von Peter R. Gleichmann der eigene Ansatz in das soziolo­gische Denken, ins­beson­dere in die gesellschaftshistorische Dimension. Zivili­sa­tions-  und macht­­theoretische Betrach­tun­gen flossen zuneh­mend ein. Sie ergänzten und über­lagerten das bisherige Denken und stellten dabei ver­traute Denkweisen in Frage. Das an Reformen orientierte politische Denken, das durch Stich­worte wie ›gesell­schaftlicher Ausgleich‹ und ›Staatsintervention‹ verbunden mit ›ökonomischer Ratio­­na­li­­tät‹ gekenn­zeichnet werden kann, verlagerte sich in die Deskription der Wahrneh­mun­gen von Gegen­warts­­erscheinungen sowie zur Zuordnung historisch ableitbarer Interde­pen­den­zen und Synthese­bildungen. Die Reflexion der eigenen Invol­viert­heit wie auch die Bewusst­­wer­dung der Distanz war verbunden mit der Beschäf­tigung mit den Schriften von Norbert Elias. Im Nach­hinein werden zunehmend die Schübe der eigenen Entwicklung transparent.

Ermutigend wirkten am Anfang die begleitenden Gespräche mit Władysław Markie­wicz. Sie wurden ergänzt durch Gespräche mit Wissenschaftlern in Posen, Danzig, War­schau und Krakau. Münd­liche Diskurse nahmen - der Tradition polnischer Intellektueller entsprechend - einen hohen Raum ein und erwiesen sich als Voraussetzungen für Reflexionen. Kritische Distanz bis hin zu intellektueller Gegnerschaft begünstigten die Darstellung und Analyse der Zusammen­hänge wie auch die Synthesebildung.

Als sehr fruchtbar haben sich seit dem Ende der siebziger Jahre Abendgespräche nach Diskus­sions­­veranstaltungen erwiesen, z.B. nach Veranstaltungen der Deutsch-Polnischen Gesell­schaft Hannover, aber auch in Bildungs­­einrichtungen wie Vlotho, Hustedt oder Sonnenberg. Diese Gespräche in intellek­tuel­lem wie allgemein interessiertem Milieu sowie auch die vielen Diskussionen in Privat­wohnungen in Polen oder Deutschland zeichneten sich durch ausgesprochene Offen­heit, Freund­schaft­lichkeit, Herz­lichkeit und Kollegialität aus. Sehr positiv haben sich auch die Deutsch-Polnischen Kon­gresse erwiesen, die seit 1992 in Berlin, Stettin, Wolfs­burg und Bielsko-Biala abge­halten worden sind.2

Die polnischen Freunde, Kollegen und Wissen­schaftler zeichnen sich durch ein aus­­gepräg­tes nations­geschicht­­liches Wissen aus sowie ein spezifisches Reflexions- und Wahr­­neh­mungs­­vermögen. Man bemerkt in Gesprächen, dass sie oft über Wissen verfügen, das auf münd­lichen Über­lieferungen beruht. Dies gilt auch für Vorlesungen und Seminare an der Universität. Die Professoren zitieren ihrerseits mündlich weiter­gegebene Informationen. Das schriftliche Wissen wird dagegen in der Regel zurückhaltend formuliert und publiziert. Eine Ausnahme machten bis 1981 propagandistische Schriften. Diese waren aber ohnehin suspekt und hatten in der gesell­schafts­­­politisch relevanten Dis­kussion keine Bedeutung.

Diskussionen bewegten sich oft auf einer Meta-Ebene zwischen Konkretion und nicht eindeutiger Formu­lie­rung des Zieles. Sie erweckten lange Zeit den Eindruck, dass sie einen Ersatz für nicht realisierbare Reform­­­schritte darstellten. Zugleich waren sie Ausdruck der Unmöglichkeit zur Erarbei­tung konkreter Modelle von ›Reformen‹. Die mündliche Übermittlung von Informatio­nen, die Entwicklung von Hypothesen, Abfassung von Thesen hat nach wie vor in Polen einen hohen Stellen­wert.

Organisatorische und methodische Fragen wurden nahezu ausschließlich mündlich übermittelt. Briefe zum Zwecke von Absprachen über Termine sowie konkreten Meinungs- und Erfah­rungs­aus­tausch wurden, wenn der Adressat dem Verfasser nicht persönlich gut bekannt war, nicht beant­wor­tet. Antworten erfolgten nur auf sehr gute Empfeh­lungen hin oder nach telefonischer Kontakt­auf­nahme. Die Kontakte wurden stets über Freunde und Bekannte hergestellt.

Für die unermüdliche und geduldige Hilfe bei der Literaturbeschaffung, dem Lesen, Korri­gieren und Ausformulieren danke ich meiner Frau. Ohne ihr Verständnis hätte dieses Projekt nicht durch­geführt werden können.


 

Vorwort zur revidierten Ausgabe 1997

Die vorliegende Ausgabe basiert auf der unter dem Titel ›Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81. Handlungsmotive als Ausdruck einer nationsspezifischen Habitusentwicklung. Eine Dar­stel­lung der Besonderheiten im Staatsbildungsprozess Polens‹ verfassten Arbeit. Sie wurde von der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften als Dissertation angenommen.3 Die vorliegende Fassung wurde durchgesehen und ergänzt durch Einfügung des Kapitels: VIII. (neu): ›Thesen zum Prozess der Zivilisierung in Mitteleuropa am Beispiel der polnischen Gesellschaft‹4. Ergänzende ›Schluß­­betrach­tungen‹ wurden dem Kapitel IX. (neu) ›Auswertung‹ hinzugefügt.

Ich möchte insbesondere meine polnischen Freunde um kritisches Lesen bitten, damit der Diskurs fortgeführt wird, die Komplexität, hohe Differenziertheit und mannigfache Interdependenz der mitteleuropäischen Gesellschaften zu erforschen und theoretisch abzubilden.

Hannover-Gehrden im Februar 1997

Einführende Gedanken in den Forschungsgegenstand, die Anwendbarkeit westlichen Modell­denkens sowie die Durchführung des Projektes

1. Vorüberlegungen

Die achtziger und neunziger Jahre haben in Mitteleuropa bisherige Selbstverständlichkeiten und Organisationskriterien radikal in Frage gestellt, die Politik- und Gesellschaftswissen­schaften in ihrer prognostischen Kompetenz verunsichert oder widerlegt und die Notwen­digkeit eines poli­tischen und ökonomischen Paradigmenwechsels deutlich gemacht. Mit wachem und am Kon­kre­ten und Exemplarischen orientierten Blick müssen nun die neuen Situationen Europas neu begut­achtet werden, müssen die Prozesse, Kontinuitäten, Bruch­linien, Einschnitte und Orte erkannt und verstanden werden, die heute den veränderten Kontinent prä­gen und deren Verständnis Voraussetzung ist für die in Frage stehende Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Ein exemplarischer Ort des Wandels ist Polen, gekennzeichnet durch zwei politisch-ge­sellschaft­liche Einschnitte, die Europa verändert haben: die Ära der Solidarnosc 1980/81 und der grund­legende Transformationsprozess seit 1989/90, dessen Folgen noch nicht end­gültig abzusehen sind. Nichts ist mehr in Polen wie es vorher war. Nahezu an allen Grenzen befinden sich neue staat­liche Nach­barn: Litauen, Belorussland, die Ukraine, die Slowakei, Tschechien und das verei­nigte Deutschland. Mit allen mussten neue nachbarschaftliche Be­ziehungen neu geknüpft und ausge­han­delt werden. Es besteht eine neue ökono­mische und politische Grundordnung im inne­ren; alte und neue Eliten konkurrieren miteinander. Der schwierige Nachbar Russland grenzt durch eine kleine nach wie vor von Militär dominierte und möglicherweise problemträchtige Exklave im Nor­den an das Staatsgebiet.

Wenn Polen diese Brüche als Staat und Nation übersteht, so nur aus dem Fundus historisch ge­wachsener Krisenlösungskompetenz und tradierten nationalen Überlebenstech­niken.

In der Wissenschaft und Publizistik Polens gilt es als Grundsatz, dass man zu den Wur­zeln der Geschichte der Nation zurückgehen muss um ›die Polen‹ zu verstehen. Polnische Wissen­schaftler und Politiker leiten in Aufsätzen oder Interviews oft mit ähnlichen Formu­lierungen ein. Die Kunst­his­torikerin und Publizistin Teresa Bogucka erwähnt z.B. in einem Interview, dass 'alle' von Unter­grund­­men­ta­li­tät und von antistaatlichem Verhalten sprechen.5 Der Soziologe Jerzy Szacki be­klagt, dass die Zivil­gesellschaft noch nicht 'so weit entwickelt' sei.6 Das Problem besteht darin, dass eine soziohistorisch differenzierte Ableitung der Habi­tusformen in der Gesell­schaft nicht Gegen­­stand spezifischer Forschung ist. Als Fragender stößt man in Polen mit dieser Thematik leicht an gewisse Grenzen, d.h. wohl an vorsichtiges Interesse, oft aber an eine höfliche Abwehr­haltung.

Einen nur begrenzt erforschbaren Bereich stellt auch die Solidar­nosc-Ära dar. Man streitet seit 1989 um das ›moralische Erbe‹ und damit um die Chancen dasselbe zu instru­men­tali­sieren. In der Gegen­warts­gesellschaft kämpft man affektiv besetzt, oft rück­sichts­los gegen­einander. Man ver­letzt dabei aber die nationalen Tabus nicht. Man moralisiert darüber, dass die 'alte' Solidarnosc nicht mehr existiert. Man beschuldigt sich gegen­seitig, vermeidet aber den Diskurs über die Ursa­chen. Man erforscht aber kaum, warum das so ist. All dieses ist zugleich Bestandteil der poli­ti­schen Alltags­kultur.

So stellt sich heute sowohl die Frage danach, was 1980/81 und 1989/90 tatsächlich ge­wollt und geschehen ist, als auch vor welchem gesellschaftlich-historischen Verständnis diese Verän­de­rungen erfahren, interpretiert und legitimiert worden sind und weiterhin wer­den.

Die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft kann nicht allein aus den materiellen Daten ab­geleitet wer­den, sondern bedarf des Verständnisses der gestaltenden Kräfte, die sich in Machtbalancen und Zivilisationsprozessen sowie Habitusveränderungen ausdrücken. Es ist auch eine Folge der ein­gangs angesprochenen Krise der bisherigen Sozial- und Politikwis­senschaft, dass der nüch­terne, konkrete, aber im Verständnis und Empathie der Bewusst­seinslagen und -veränderungen bemüh­ten Soziologie des Ansatzes des bereits zum Klassikers gewordenen Spätgekommenen7 Norbert Elias not­wendig wird, um die Verän­derungen in Europa zu verstehen.

Polen mit seiner ausgeprägten Nationsgeschichte ist sowohl als Element und Agens der Verän­derungen Europas aktueller und wichtiger Forschungsgegenstand, kann aber darüber hinaus gerade in Vergleich und Kontrast zu den westeuropäischen Staatsgesellschaften zu tief reichen­den Einsichten führen über die innergesellschaftlichen Interdependenzen und formationssoziolo­gischen Interpretationsmöglichkeiten sozialen und politischen Wandels.

Dieser Forschungsansatz nach Norbert Elias ist auf das Beispiel Polen noch nicht an­gewandt worden, obwohl gerade die Historizität der Polonitas und die exemplarische Be­deutung der Ein­schnitte 1980/81 und 1989/90 einen solchen Zugang nahe legen und erfolg­versprechend er­schei­nen lassen. Notwendig ist dabei jedoch, dem wissenschaftlichen Neu­land entsprechend, das diese Arbeit betreten will, exemplarische Konzentration auf zentrale Problem­zu­sam­men­hänge zu suchen und auszudifferenzieren, die in dieser Einführung kurz skizziert werden sollen.

Die Einschnitte 1980/81 und 1989/90 können ansatzweise als Vordringen von 'Univer­sali­sie­rungsprozessen' bezeichnet werden. Die Intelligenz hat universalistische Begriffe ›Politik‹, ›Staat‹, ›Ökonomie‹ und ›Menschenrechte‹ betreffend als Topoi übernommen. Es wird in Polen immer weniger 'polnisch' bzw. 'katholisch' gedacht. Die Forderungen der Soli­darnosc an den Staat bzw. an das System - die Intellek­tuellen des KOR forderten die Einhal­tung der Menschen­rechte8 - be­deuteten den Rückgriff auf einen westeuropäischen Topos.

Das Jahr 1980/81 ist auch durch eine Dialektik zwischen Universalisierung und sozia­listischem Staat gekennzeichnet. Man hat dabei die ›Universalisierung‹ seitens der ›Solidarnosc‹ zunächst als ›Polonisierung‹ verstanden bzw. definiert. Diese umfassten natio­nale Identitäten bzw. Identi­fi­ka­tionsmuster, stellte im Grunde aber eine Pseudo-Poloni­tät dar. Man rekurrierte nur formal und mental auf die Vorphase des Sozialismus.9 In Wirklich­keit stellte der Prozess eine Univer­sali­sie­rung dar. Man instrumentalisierte die Nation durch Reproduktion der Nationsutopien.

1989/90 wurde die Universalisierung als ›Europäisierung‹ verstanden und umdefiniert. Es ent­stand das Stereotyp von der 'Rückkehr nach Europa' (Mazowiecki). Imanuel Geiss weist darauf hin, dass es ›einen engeren, meist undefiniert gebliebenen Sprachgebrauch für 'Europa' gibt, der sich qualitativ fassen lässt: 'Europa' ist nur der Teil des Kontinents, der Teil hatte am 'Pro­zess der Zivilisation' (Norbert Elias), also an der Herausbildung und Wei­ter­entwicklung der jeweils am höchsten entwickelten Form der Zivilisation‹.10 In Polen wird der Zielformulierung Mazowieckis an­dererseits entgegen­ge­hal­ten, dass 'Polen Europa nie verlas­sen habe'. Der Vorgang bedeu­tete einen Fort­schritt i.S. eines Modernisierungsschu­bes, den Beginn von Divergenzprozes­sen als Moder­ni­sie­­rungs­wirk­lich­keit. Das Resultat war, dass sich eine Spannung her­ausbildete, die die Gesell­­schaft psy­cho­sozial nicht verkraf­tete. Eine Folge war die anhaltende Apathie, sichtbar wer­den­de Sozial­pathologien, Wahlenthaltungen oder spezifisches Wahlverhalten 1990 und '91.

Zivilisatorisch bedeutete es eine Atomisierung. Die Divergenz- oder Fraktionierungs­prozesse in der Gesellschaft, die Herausbildung separater Milieus nehmen zu. Damit ergibt sich zweifellos eine Korrelation zu den Modernisierungsprozessen westlicher Gesellschaf­ten. Man kann in Polen entsprechende 'Ver­satzstücke von Gesellschaft' beobachten. Eine erhebliche Rolle haben dabei die Medien.11 Es handelt sich nicht um lineare Prozesse, son­dern um Balanceverschiebungen mit prozessualer Eigendynamik. Kon­kurrierende poli­ti­sche und ökonomische Eliten befin­den sich in Macht­kämp­fen, die zugleich Legi­ti­ma­tions­prozesse darstellen. Auf der Ebene darunter findet ein Habi­tus­­wandel statt.

2. Skizze zur Habitusentwicklung der polnischen Gesellschaft

Während Fragen des Nationalcharakters zumeist mit großer Distanz begegnet wird, ist der natio­nale Habitus eher beschreibbar. Mittel- und das ehemalige Ost­deutschland kann mit dem west­lichen Polen und Schlesien verglichen werden. Man kann von der gleichen oder ähnlichen 'Ras­sen­mischung' sprechen. Es handelt sich um ursprüng­lich germanische und slawische Sprach­gruppen, die sich mit westlichen oder südlichen Zuwan­derern vermischt haben, sowie eine lang angelegte jüdische Bevöl­kerungs­­ergänzung und begrenzte Durch­­mischung erfah­ren haben. Gleichwohl kann man betreffend des nationalen Habitus von einer hohen Diffe­renzierung ausge­hen, vergleichbar den Deutschen, den Dänen und den Nieder­ländern.12

Der polnische Raum weist den Charakter einer Spannungsfiguration auf, ähnlich dem ost­fran­zö­si­schen Sprach­raum: Nordfrankreich, Belgien, Elsass-Lothringen. Zur bisherigen Mittel­block­posi­tion zwischen Deutschen und Russen (einschl. Weißrussen und Ukrainern) kam in der Mitte des zwan­zig­sten Jahrhunderts die ›Westverschiebung‹ Polens. Zwei Jahr­hunderte führte das Herab­sin­ken einer im 16./17. Jahr­hun­dert bedeutenden Land­macht - Polen war zeitweise der größte Flächen­staat Europas - zur staat­lichen Auslöschung durch die benachbarten Teilermächte Ruß­land, Preußen und Österreich.

Dieser Übergang von Größe über Abstieg bis zum Auslöschen von der Landkarte ist für die Mentalität der Menschen in Polen prägend. Die daraus ent­ste­henden tragischen Rol­len sind viel­fältig in der Literatur verarbeitet. Theodor Fontane beschreibt z.B. für das west­liche Polen solche tragischen Rollen, die bis hin zur Konver­sion der Religion - in die des (preu­ßischen) Königs­hau­ses - führen.13

Befindet sich England seit dem Zweiten Weltkrieg im Absinken von der Erst- über die Zweit- zur euro­päischen Neben­­macht, so ist dieser Prozess für Polen ein Abstieg bis zum untersten macht­spezifischen Grenzwert gewesen. Dieser den Habitus prägende Prozess entwickelte sich in der polnischen Nation seit dem Ende des 18. Jahrhundert und hat erneut eine wesentliche Funktion in der Phase seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wenn sich für England, Holland oder Schweden gewisse Formen des Trauerns bis zur Depres­sion erkennen lassen, so ist das Verhalten der polnischen Nation durch den perma­nenten aktiven Über­lebens- und Behaup­­­tungskampf gekennzeichnet. Der Übergang vom mittelalterlichen zum neuzeitlichen Staaten­bil­dungs­­­prozess ist dabei ein Para­digma. Der Übergang zum Wahl­königtum hatte einen entscheidenden Impuls zur Instabilität zur Folge, war aber schon selbst Ausdruck der Verschiebung der Machtbalance zum Adel. Dies war verbun­den mit einer sich ver­festi­genden Dezentralisierung und Machtdifferenzierung. Eine Heraus­­bildung der Integrations­ebene der Für­sten ist nicht erfolgt.14 Im Eigenbild der Polen gilt dies als das ›Goldene Zeitalter‹. Es ist Ausdruck der Schaffung kultureller Güter und gilt als Phase kultureller und insbesondere religiö­ser Tole­ranz.15

Man kann es durchaus wie für Frankreich, England, und Holland als eine Phase gewis­ser Pazifi­zie­rung betrachten. Diese stellt aber ein Spezi­fikum dar. Für die Szlachta kann man es nur be­grenzt als Phase der Zivilisierung begreifen. Ein wesent­licher Aspekt, die Affekt­kontrolle, ist als Selbst­­zwang kaum ausgebildet. Das Austragen von Macht­kämpfen mit physischer Gewalt - als charak­­teris­tisches Beispiel gilt das sog. Konföderations­recht - muss eher als Dezivili­sie­rung ge­wertet werden. Es ist Symbol für ein dezentrales Herrschafts­system. Die Ausbildung der Trink­sitten in der Szlachta können als Symbol für Wohl­stand und Macht gedeutet werden. Der Alkohol kann aufgrund der Entlohnungspraxis in Wodka in Osteu­ro­pa im 19. Jahrhundert für die macht­armen Schichten einen Gewöhn­effekt herbei­geführt haben:

»… offenbar sucht man sich auf diesem Wege eine gesell­­schaftliche Not­lage, die schmerzt, aber der man nicht entrinnen kann, erträglicher zu machen. ... Weniger klar ist vielleicht, dass die re­lative Schwä­che des eigenen Staates, verglichen mit anderen Staaten, für die betroffenen Men­schen spezi­fische Notstände mit sich bringt. Sie ... zweifeln an ihrem Eigen­wert, fühlen sich er­niedrigt und ent­wür­digt und neigen zu Wunschträumen über die Rache, die sie an den Urhebern dieser Situation nehmen möch­ten.«16

Wie in Deutschland die Strukturschwäche während der napoleonischen Ära, so löste in Po­len die Tei­lungs­zeit eine ideali­­sierende Hoch­bewertung militärischer Haltung und kriegeri­schen Hand­lun­gen aus.17 Polen stellt einen relativ pazifizierten Landadel dar, der durch De­possedierung in der Tei­lungs­zeit ent­mach­tet wurde. Das Bürgertum, in hohem Maße resul­tierend aus mittel- und west­euro­­pä­ischen und jüdischen Mi­gran­ten, gewannen durch die Teilun­gen einen Macht­zuwachs. In der pol­ni­schen Literatur er­folgt eine Repro­duktion des Helden­tums, oft als Allegorie.18 Es ent­wic­kelte sich daraus funktional ein Helden­­mythos - nicht aus den Taten der Krieger­kaste an sich heraus.19

Der Moralbegriff gilt interdependent verbunden mit Machtschwäche, wenn nicht gar als Syn­onym dafür. Er ist im Zusammen­hang zu sehen von Verteidigung, Widerstand und Aufstand. Polnische Orden z.B. wurden für den Kampf in Verteidigung und Widerstand gegeben, nicht für Erobe­run­gen. In Preußen dagegen dominierte der Pflichtbegriff der im Kontext zu einer An­griffs­orien­tie­rung gesehen werden kann.

Durch die Enteignungen - Konfiszierung von Landbesitz (Dörfer) und Entmachtung des Land­adels - verschob sich die Balance zwischen Adel und Bürgertum zugunsten des Stadt­bürgertums. Dieses war aber stark geprägt durch in die Städte abgewanderte verarmte Landadlige. Das Stadt­bürgertum enthält dadurch ein Segment des ins Kleinbürgertum abge­sunkenen bzw. proleta­ri­sier­ten Adels. Die innergesellschaftliche Macht­balance Land - Stadt verschob sich zugun­­sten der Stadt. Da aber kaum ein national­polnisches Stadtpatriziat aus aufgestie­genen Händlern und Hand­­­wer­kern entstanden war, war die innerstädtische Macht­balance mehrfach geteilt: polnisch - deutsch - jüdisch - russisch. Migranten aus Frankreich oder Italien rechneten sich nach der Adap­tion sei­tens der Nation zumeist der ›Polonitas‹ zu.

Reymont20 beschreibt z.B. in ›Das gelobte Land‹ die Situation in Lódz. Das jüdische Bürgertum lehnt sich sprach­lich-kulturell näher an das Deutsch­tum an. Die Umgangssprache dieser wohlha­benden polni­schen Juden war zumeist Hoch­deutsch im Gegensatz zum Jid­disch der armen Schichten des Ost­juden­tums. Manche Juden sprachen sehr schlecht Pol­nisch. Die negative Rolle ordnet Rey­mont dem pol­nischen Aufsteiger als Fabrikanten zu. Diese Men­schen standen in bür­ger­lich kauf­männischer Tradition. Sie verfügten wegen der staatlichen Dominanz der Verwaltun­gen der Zen­tral­mächte - die ihre Beamten dorthin ver­set­zten - weniger über die politische Macht. Diese Kon­stellation be­deu­tete insgesamt eine hohe Spannungs­­formation.

Die Habitusveränderungen im 19. Jahrhundert stehen in Wechsel­wir­kun­g mit zuneh­menden De­mütigungen und sind verbunden mit Depossedierungen. »Sich mit der Nation zu identifizieren: Das ist es, eine Abstraktion.«21 Wenn 'Nation' eine Abstraktion oder gar eine Fiktion darstellt, dann bildet die 'Gesellschaft' eine Realität interdependenter Individuen und Figurationen ab. Die Identi­fikationsmuster entstehen mit Hilfe von Symbolen; ihre Mittel sind z.B. die weiß-rote Fahne und der weiße Adler.

Die ›gegenwärtigen Probleme dieser Gesellschaft sind entscheidend mitbestimmt durch ihr frühe­res Schicksal‹ (S. 28). Der Wandel in den Machtverhältnissen bringt unvermeid­lich eine weit­ge­hende Verun­sicherung vieler Menschen mit sich, die in den Wirbel dieses Wan­dels hinein­ge­zo­gen sind. Der Verhaltens­kanon im Verkehr der Gruppen der auf eine strikte Hierarchisierung ab­ge­­stimmt war, entspricht nicht mehr den tatsäch­lichen Bezie­hungen ihrer Vertreter (S. 37).

Polen geriet nicht in den Sog eines beschleunigten Moder­ni­sierungsschocks. Das hatte zur Folge, dass dies aufgrund der Peri­phe­rie­lage zu den drei Zentren Berlin, St. Petersburg bzw. Moskau und Wien, den ökono­mischen Spezia­listen­gruppen, dem Industrie- und Han­dels­bür­ger­tum und der industriellen Arbeiterklasse keinen Auftrieb gab.22 Nischenbildung in Kultur sowie Emi­grationen können als Folgen angesehen werden.

In Deutschland erfolgte im Zusammenhang mit der 'verspäteten' Herausbildung des Na­tional­ge­fühls ein Umschlag aus dem Gefühl der Schwäche heraus in das der Stärke. In Polen erfolgt auf­­grund anderer Voraussetzungen ein Umschlag im affektiven bzw. mentalen Be­reich. Dieser zeigt sich auf der Symbolebene. Der Staatsverlust erzeugte ein lange wirken­des spezi­fisches Ohn­­machtsgefühl, aus dem soziale Verhaltensweisen resultierten, die durchaus mit Psychosen oder Neurosen verglichen werden können.

Elias macht den Unterschied zwischen Preußen und der Adelsrepublik, der Rzeczpos­polita, deut­lich:

»… aber in Preußen, mit seinen vergleichs­weise armen Städten, waren die Machtpotentiale zwi­schen Adel und Bürgertum zugunsten des ersteren relativ ungleich verteilt, während die soziale Spannung zwi­schen den beiden Ständen ... beson­­ders groß blieb. Dementsprechend spielte sich die Span­nungs­­­ba­lance zwischen den drei zentralen Macht­­schwer­punkten König - Adel - Bürger­tum auf eine Figuration ein, die einem still­schwei­gen­den Kom­pro­­miss zwischen Adel und König nahe kam. ... Die polnische Adels­re­publik mit ihrem Wahl­königtum zeigte die Schwäche einer reinen Adelsherrschaft in den Ausein­an­der­setzungen mit den hoch­zentralisierten monarchischen Staaten ringsum nur allzu deutlich.«23

Es bleibt zu untersuchen, inwieweit aus dieser Spannungsformation gegebenenfalls ein histo­risch-neuro­tisches Verhältnis zu konstatieren ist. Diese Frage sprengt aber den Rahmen der Ar­beit. Gleich­wohl sind charakter­istische Eigentümlichkeiten zu konzedieren. Es gibt einen sehr hohen Emp­find­lich­keits­grad, der sich z.B. seit 1990 in der Diskussion um den möglichen Beitritt in die EG/EU24 und die NATO zeigt. In kurzen Abständen wird bei gege­benen Anlässen in der pol­nischen Presse auf der Basis existenzieller Angst vor (insbesondere dem östlichen Nachbarn Russ­land) diskutiert. Man vergleiche z.B. die Aufsätze der polni­schen Journalisten Janusz Tycner und Adam Krzeminski 25 in der deutschen Presse.

Diese Angstbesetzheit kann durchaus als mangelnde Unfähigkeit zu entsprechender Distanz in­terpre­tiert werden, sie ist aber durch die subjektive und affektiv-bewusste Gegen­wärtigkeit von Geschichte nachvoll­zieh­bar. Es fehlt die 'geographische Reserve', die Puffer­zone. Dass hierbei ein 'horizon­tal' orientiertes Denken domi­niert, ist andererseits verständ­lich. Den Men­schen in die­sem Land ist aber das 'historische Wechsel­bad' zwischen staat­licher Nichtexistenz und will­kür­licher West­verschiebung gegen­wärtig. Man darf das damit verbundene Ohn­machts­gefühl bzgl. der Nicht­­beteiligung bei den Vorgängen von Aus­löschung, Neu­schaffung und territo­ri­aler Ver­schie­­­bung nicht außer acht lassen.

3. Die Reproduktion der Nationsgeschichte als Interdependenzbeziehung in der polnischen Gesell­schaft und Paradigma für politisches Denken und Handeln.

Eine zentrale Bedeutung im Handeln der polnischen Gesellschaft hat das Wissen um die eigene Nationsgeschichte, insbesondere in Situationen hohen Spannungs­niveaus, das insbe­sondere aus der gebrochenen sozialhistorischen Entwicklung des Adels, der Bauern, sowie der spezi­fisch­en Stadt- und Industrieentwicklung resultiert und der Tatsache, Mittelregion zu sein zwischen drei benachbarten Großmächten und den damit im Kontext stehenden Pha­sen fremder Herr­schaft.

Aus der Spannung des Nationsbegriffes selbst resultiert die Rolle der Geschichtsorien­tiertheit in Polen. Daran wiederum lässt sich die Bedeutung von Sozialisation, Schule und Geschichtsdidaktik ableiten. Die Funktionalisierbarkeit von Nationsgeschichte ist möglich, weil eine erhebliche Span­nung vorliegt und diese Situation sich seit dem Ende des 18. Jahr­hunderts reproduziert. Es hat sich aus der Dynamik einer Beschäftigung mit dem Gegen­stand als eines nach dem Zweiten Welt­krieg für Polen entscheidenden Nationsproblem die Notwendigkeit einer umfang­rei­chen Beschäf­tigung mit dem Problem des Nationsbegriffes, damit der Genesis wie den Spezifika der polnischen Nation, den jeweils historischen Bezü­gen herauskristallisiert.

Dazu gehört auf­grund der temporären Ein­beziehung in das Weltsystem des realen Sozialismus auch die Betrachtung der real erfahrbaren Situation und ihre Zuordnung zu den entsprechenden Ebenen.

Aus der Betrachtung des historischen Gegenstands seitens des Verfassers ab 1975 so­wie den seit den sechziger Jahren in der offiziösen Sprache als 'Reformpolitik' bezeichneten Pro­zessen ergab sich daran anknüpfend die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit (west)­deutschen Positio­nen. Dieses sollte zumindest auf der Ebene methodischer Vergleiche geschehen.

Die Beschäftigung mit dem zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Gegenstand be­deutete die Chance, aus empathischer, der eigenen moralisch-politischen Haltung entstam­mender und zu­gleich zweifellos eigener distanzierter westdeutsch geprägte Position heraus wahrzunehmen, zu beurteilen und in einer Rückkoppelung den eigenen Standort, die Sicht eigener Involviertheit in Gesellschaft neu zu sehen.

Es handelt sich in der Beschäftigung mit der Nationsgeschichte primär um den Erhalt und die Wiedergabe des Wissens um die eigene Geschichte. Das sub­jek­tive, oft affektiv be­setzte Wis­sen, kann schwerlich unter den Begriff des ›Geschichts­bewußt­seins‹ subsumiert werden. Die moder­nen Prozesse westeuropäischer Geschichtsforschung und -didaktik, so­zial­geschicht­liche Ansät­ze, Prinzi­pialisierung, die Übernahme sozialwissen­schaft­licher Fra­gestellungen und Metho­den, das didaktische Prinzip der ›Schlüsselbeispiele‹ wie der Erwerb von ›Schlüsselqualifika­tio­nen‹, werden nur langsam übertragen. Man nimmt sehr wohl sei­tens der Geschichtsdidaktiker an der Moder­ni­­sie­rungs­­­­diskus­sion teil. Die Didaktiker sind seit den sieb­ziger Jahren aufgrund ihrer Kon­takte zu west­­lichen Geschichtsdidaktikern und -methodikern in hohem Maße an Reform­ver­su­chen in den Bereichen Universität und Schule beteiligt. Die Umsetzung ist aber sehr schwie­rig und komplex, so dass man weiterhin insbe­sondere in der polnischen Schule um eine Phase in dieser Entwick­lung zurück ist. Insgesamt ist diese Problematik der verzögerten Modernisierung aber Ausdruck der gesell­schaftlichen Spannungskonstellation selbst. Die Nations­geschichte so­wie ihre tradier­te Vermittlung hat nach wie vor Vorrang. Dies verdeutlicht die Überlagerung der Repro­duk­tions­­ebene - die aus tradierten Quellen schöpft - über die wissenschaftliche Ebene. Das Problem besteht für die polnische Geschichts­wis­sen­schaft und  -didaktik zweifellos darin, wissen­schaftlich gesicher­tes Wissen umzusetzen.

Innerhalb der polnischen Geschichtswissenschaft hat die Geschichtsdidaktik einen be­sonderen Stellen­wert aufgrund der ihr zugeordneten Funktion im Sozialisationsprozess der VR Polen sowohl nationsgeschichtlich, wie auch entsprechend den Prämissen sozialistischer Bildung in der Schule, wie auch in der Gesellschaft allgemein zu wirken, stand sie zugleich im politischen Spannungs­verhält­nis dieses Staates. Zugleich stand sie in der innergesell­schaftlichen Spannungsbeziehung, resul­tie­rend aus den Vorbehalten gegenüber institutiona­lisierten Wissensträgern und -übermitteln und der gesellschaftlichen bzw. familialen Repro­duktion. Beklagt wird von ihnen u. a. der Mangel an korrekter Wieder­gabe des historischen Wissens sowie die mangelnde Akzeptanz des gesich­er­ten Wissens in der Gesellschaft.

Die polnischen Wissenschaftler und Didaktiker widersetzten sich erheblich dem Druck der instru­men­tellen Unterordnung nationsgeschichtlichen und gesellschaftlichen Wissens. Im Bewusst­sein der skizzierten Spannungskonstellation fühlen sie sich primär der Erforschung und Wiedergabe von gesichertem Wissen verpflichtet.

Es kann durchaus die These vertreten werden, dass die Konfrontation polnischer Wis­senschaftler mit Westeuropa und den USA, insbesondere durch die gemeinsame deutsch-polnische Schul­buch­­konferenz26 seit den siebziger Jahren und den damit verbundenen lang­fristigen, eine große Gruppe polnischer Wissenschaftler betreffenden Kontakten polnischer Wissenschaftler und Di­dak­ti­ker erheblich dazu beigetragen hat, dieses Spannungsniveau zunächst zu erhöhen, und die Entwicklung für die polnische Wissenschaft positiv zu beein­flussen.

Die Geschichtsdidaktiker Jerzy Centkowski, Adam Suchonski und Barbara Kubis27 ha­ben in meh­reren Vorträgen und Diskussionen mit westdeutschen Lehrer- und Studenten­grup­pen auf diese Pro­blematik hingewiesen. In der Zeitschrift für Geschichtsdidaktik28 ist die Proble­ma­tik seit den sieb­ziger Jahren mehrfach diskutiert worden. Es mangelt an der Motivation, gesichertes struk­turier­­tes Wissen zu akzeptieren und das Wissen, das primären Loyalitäts­ebenen, wie dem fami­li­a­len und kirchlichen Bereich entstammt, zu ersetzen oder nur zu ergänzen. ›Man sieht, was man weiß‹ (Max Weber). Der skizzierte Kontext trägt zur Massenbewegung bei, die in die Solidarnosc einmündet. Das hat zur Folge, dass man sein Wis­sen in tradierter Weise reprodu­ziert und als eine Art Geschichtsgefühl auslebt. Dieser spezifische Umgang mit geschichtlichem Wissen hat einen hohen Stellenwert in den Befra­gungen in der Arbeit. Es soll abgeleitet werden, inwieweit das spezifische Wissen und tra­dierte Handeln in dem Prozess von 1980/81 zum Ausdruck kommen.

Das Wissen um die Nationsgeschichte und ihre Weitergabe haben eine paradigmatische Funk­tion im Zusammenhang mit der Bewahrung der mentalen wie figurativen Identität der polnischen Nation. Das historische Wissen wie auch der Umgang mit der Nationsgeschichte stellt zugleich einen Zustand hoher gesellschaftlicher Spannung dar. Der Spannungsbogen umfasst ausgehend vom sozio­his­to­rischen Kontext die Geschichts­for­schung, die Geschichts­didaktik in Universität, Bildungs­­admi­ni­stra­tion und insbesondere der sekun­dären Bildungs­institution Schule, weiterhin der Reproduktion von historischem Wissen in der Gesell­schaft selbst durch die Primär­sozia­li­sa­tion in der Familie, der Kirche und durch die Me­dien. Insbe­­sondere die außerinstitutionelle Repro­duktion von historischem Wissen prägt das Alltagsbewusstsein und -verhalten. In diesem Kontext liegt der Ansatz für die Befragungen. Über das Geschichtsbewusstsein bemerkt z.B. Bar­toszewski:

»Ob man aber diese Erscheinung als tiefes Geschichtsbewusstsein oder eher als persönliches oder na­tionales Leidensbewusstsein qualifi­zieren kann, wäre sicher ein interessanter Forschungs­gegenstand für die Soziologen und Kunsthistoriker.«29

Ein Spezifikum ist nicht nur die Nationsgeschichte als ›Leidensgeschichte‹, sondern die Ein­schät­zung dieser Rolle in der Gesellschaft selbst, die sich dadurch reproduziert. Bereits Heinrich Heine formulierte 1822:30

»Wenn Vaterland das erste Wort des Polen ist, so ist Freiheit das zweite.‹ (S.495) und: ›Die Polen scheinen ganz besonders dazu bestimmt, gewisse Zwecke in den Welt­ge­ge­ben­heiten zu er­füllen. Ihr moralischer Kampf gegen den Untergang ihrer Nationa­li­tät rief stets Erschei­nungen hervor, die dem ganzen Volk einen anderen Charakter aufdrücken und auch auf den Charakter der Nach­barvölker einwir­ken müssen« (S. 500).

Der Messianismus ist durchaus ein europäisches Phänomen.31 Während der französische Mes­sia­nis­mus zwar eine zeitweilige Bedeutung und Instrumentalisierung in der nach­revolu­tio­nären wie nachnapoleonischen Phase erfuhr, für die französische Gesellschaft aber keine weitere Be­deutung erlangte, erfuhr der polnische Messianismus in Polen eine Funktionalisie­rung für den eigenen Nationsbegriff und hatte dadurch einen hohen Stellenwert für die Na­tion.

Nicht nur das gesicherte wie vorgebliche und zumeist affektiv besetzte Wissen um die Nations­geschichte, sondern die Funktionalisierung des Gegenstands stellt den Kernbereich dar und soll verdeutlicht werden. In diesem Zusammenhang sind die Aussagen General Ja­ruzelskis über die Rolle der Bildung, wie auch das Geschichts­bewusst­sein beach­tens­wert:

»Im Polen der Vorkriegszeit haben sich Bauern und Land­ar­beiter als Bürger zweiter Klasse verstanden … nach dem Krieg … fing der Bauer na, seinen Kopf zu heben. … Gerade die so­ziale Gerechtigkeit wurde in der vergangenen Periode auf sehr utopische Weise dargestellt und gewissermaßen entstellt: “Wir haben alle denselben Magen” … wir kennen die Folgen. Anderer­seits festigt sich aber auch die Über­zeugung, dass nicht das Geld, sondern vor allem die Arbeit, die Bildung und Ausbildung den Men­schen nobilitieren. Das sind Errungenschaften, die sich meines Erachtens nicht mehr ausroden lassen. … Das Geschichtsbewusstsein einer Nation ist eine unerhört wichtige Angelegenheit. Auf den Histo­ri­kern lastet eine große Verant­wor­tung, dasselbe trifft … auf alle zu, die auf die … Geschichte bewerten, inter­pretieren und verbrei­ten.«32

In den Auseinandersetzungen 1980/81 hat die Solidarnosc den damaligen Macht­eliten ihre mora­lische Legitimation abgesprochen, für die Nation zu handeln. Der Vorwurf der Fäl­schung der Na­tionsgeschichte wurde erhoben. Im Alltag wurde den 'staat­lichen' Historikern in Uni­versität und Schule nicht geglaubt. Über die hohe Spannung zwischen den weltpoliti­schen Antipoden sagt Adam Michnik:

»Die Kommunisten waren eine Welt, deren Existenz wir aus ganzem Herzen ignorierten. Es in­teressierte uns nicht mehr, was uns die kommunistische Zensur erlaubte. Wir verließen die ehr­würdigen offiziellen Zeit­schriften zugunsten unabhängiger Blätter, die primitiv auf Verviel­fäl­ti­gun­gen dedruckt wurden. Es waren zwei Welten: die eine groß und mächtig; die andere schwach, unterdrückt und mit einer einzigen Legi­timation versehen - dem Glauben an die Macht der Wahr­heit. … das Zusammenleben der Welt der formalen Macht (pays legal) und der Welt der Landes­realität (pays reel) gestaltete sich unterschiedlich, bis es am 13. Dezember 1981 endgültig zu Ende ging. … Die Kommunisten sahen in den Solidarnosc-Leuten die Verkörpe­rung von Anarchie, Destruktion und fremden Spionagediensten. Die Unter­grund­be­wegung sah in der kom­mu­nistischen Macht moralisches Übel, nackte Gewalt und sowjetisches Mandat. In dem Streit, wie weit sich das kommunistische System reformieren lasse, hatten schließlich die Panzer das letzte Wort gehabt. Ein Dialog war nicht mehr möglich.«33

Die Rolle des Alltags­bewusst­seins in dieser spezifischen zeitgeschichtlichen Phase sowie ihre Einbindung in die Nationsgeschichte insgesamt, stellen die Basis für das Geschehen von 1980 dar und sollen deshalb in den Kontext der Arbeit einbezo­gen werden. Ausdruck des All­tags­ver­haltens sind u.a. Paradoxien. Sie sind gleichsam charak­teris­tisch wie für Außen­stehende nicht erklärbar und damit nicht nachvollziehbar. Sie sind aber Ausdruck spezi­fi­scher Span­nungs­­bezie­hun­gen in der Gesellschaft aus. Deshalb sollen charakteristische Er­scheinungen die­ser Ausfor­mungen gesell­schaftlicher Realität einbezogen werden. Die Er­scheinungen der begonnenen Um­bruchsphase 1980/81 sollen in Bezug gesetzt werden zur soziohistorischen Entwicklung insge­samt bzw. die spezifisch aus der Realität des polnischen Sozialismus entstandenen Habitusfor­men.

4. Zum Forschungsgegenstand allgemein

In Polen wird der Zeitraum von 1980/81 nur wenig untersucht. Die postkommunistische Phase ist durch zunehmende Divergenzen auch in der soziologischen und politologischen Forschung gekenn­zeichnet, die zweifellos eingebunden ist in divergierende soziale Prozesse. Man ist über­wie­gend an den Methoden amerikanischer Wissenschaftler orientiert und gerät dabei in erhöhte Distanz zur eigenen Gesellschaft. Man forscht z.B. über Aspirationen in der polnischen Gegen­warts­gesellschaft, betreibt aber kaum eine historisch-soziologischen For­schung.34 Man forscht zeit­geschichtlich auch deshalb nur sehr begrenzt, weil es seit der Machtpartizipation ein­zelner Solidarnosc-Segmente Streit um das jetzt historisch gewor­dene ›moralische‹ Erbe der Soli­dar­nosc gibt.

Habitusveränderungen in allen Segmenten der Gesellschaft, die in der zweiten Hälfte der sieb­ziger Jahre begonnen haben, erfuhren nach der Stagnationsphase der achtziger Jahre seit 1989 eine hohe Beschleunigung. Die Dynamik ablaufender Prozesse, das hohe Span­nungs­niveau in den Macht­balancen einschließlich der Gegenläufigkeit partieller Interessen­lagen, bilden den Rahmen für gesellschaftliches und politisches Handeln und damit zugleich für jegliche gegen­­­warts­spezifischer Betrachtung, Analyse und Beschreibung. Hinzu kommt die Einbindung in den Paradig­menwechsel auf europäischer wie weltpolitischer Ebene.

Man forscht nicht über die Genesis sowie des Habitus der eigenen Intellektuellen. Jour­nalisten können aufgrund ihrer eigenen Wahr­neh­mun­gen einiges dazu berichten. Die heuti­gen Intel­lek­tu­el­­len sind sowohl Nachkommen der überlebenden Ange­hö­rigen der alten Eli­ten wie auch Partizi­pienten der Intellektualisierungs- und Aufstiegsprozesse aufgrund des Bildungs­sys­tems der VR Polen. Sie stehen oft in Identi­täts- und Loyalitäts­konflikten. Es gibt nur wenige Wissen­schaftler die sich, wie z.B. Engler oder Maaz in Deutschland, kri­tisch mit der Entwicklung der eigenen Gesellschaft auseinandersetzen, u.a. mit der gesell­schafts­historischen Erforschung des eigenen Zivilisationsprozesses.35

Die spontanen Prozesse der Über­gangs­­phase nach 1989 sind auf­grund ihrer Aktualität als For­schungs­gegen­stand ergiebiger. Andererseits werden soziologische und psycho­logi­sche Unter­suchungen zunehmend aufgrund von kommerziellen Aufträgen im Zusammen­hang mit der markt­wirt­schaft­lichen Entwicklung des Landes durchgeführt. Es besteht nur ein begrenztes wissen­schaftliches Interesse an einer die Solidar­nosc betref­fenden kritisch-hinterfragenden Forschung. Man kämpft in den gegen­wärtigen Aus­­ein­an­dersetzungen der Nach­folge­organi­sa­tio­nen um das Erbe, d. h. um das möglichst erfolgreiche Instrumen­ta­li­sieren der Solidar­nosc selbst. Die polni­schen Wissenschaftler sind interdependent eingebun­den in dieses spezifische Span­nungs­ver­hältnis.

Während des Kriegszustandes bildeten sich Ideal- bzw. Wunschprojektionen von der Solidar­nosc heraus. In der Realität der achtziger Jahre sowie in Hinblick auf den Systemzu­sammenbruch und die darauf folgenden Macht­­kämpfen konnte dieses Bild nicht mehr auf­recht erhalten werden. Die Konturen zwischen den einzel­nen Gruppie­rungen der Solidar­nosc waren schon bald nach der in Etappen erfol­gten Entlassung der Inter­nier­ten sowie der ›Sus­pen­­dierung‹ des Kriegszustandes sichtbar geworden. Dies korreliert mit der sich bereits 1981 abzeich­nenden Entwicklung, schon bald nach Gründung der unabhängigen Gewerk­schaft.

Die zeitgeschichtliche Darstellung ist recht bald in der polnischen Historio­graphie er­folgt. Jerzy Holzer verfasste ein Manuskript während des Kriegszustandes im Unter­grund.36 Eine weitere Veröf­fent­lichung entstand z.B. 1990.37 Soziolo­gische kritische Darstellungen über die Nachfolge­organi­sationen der Solidar­nosc findet man z.B. bei: Sergiusz Kowalski.38 Jerzy Holzer bezeichnet als wesent­liche Ursache für den Zerfall der Solidarnosc nach 1989 in rivalisierende Gruppen die mangelnde politische Kultur in der polnischen Gesellschaft.39

Die Erfassung und Darstellung der regionalen Geschichte der Solidarnosc ist nicht ab­ge­schlos­sen. Ein Problem insgesamt ist der fort­geführte Machtkampf zwischen den ver­schiedenen aus der Solidarnosc hervor­gegangenen Grup­pen einerseits, sowie die Rivalitäten zwischen den Nach­­folge­parteien des Realsozialismus. In ähnlicher Phase läuft seit 1990 ein Machtkampf an den Universitäten ab, der noch nicht ausbalanciert ist. Insgesamt bestätigt sich der Eindruck, dass nie­mand den Nimbus der Solidarnosc von 1980 als große nationale Tat antasten möchte. Glei­ches gilt für die Kirche in ihrer damaligen Rolle. Beide Figuratio­nen unterliegen einem gewissen Tabu.

Bezüglich der Mentalitätsforschung gibt es in Polen erhebliche Vorbehalte, so Wladys­law Kwas­nie­wicz gegenüber dem Verfasser. Eine Studie über die Menta­li­tät der Polen ist 1988 von Jadwiga Koralewicz und Marek Ziólkowski durch­geführten worden. Sie wurde 1990 - nach der pol­nischen Wende - veröffent­licht.40 in ihr werden drei Grundtypen der polnischen Mentalität vor­ge­stellt. Die drei Grundtypen der Mentalität sind:

I. Der ›passiv-produktive-anti-individualistische‹ Typ.

»the 'passive-productive-anti-individualistic' type … depicts a person believing, that the most important thing is to work hard. Work is un­der­­stood as an honest, responsible and obedient per­formance of one's duties and the fulfil­ment of the tasks one is charged with. This honest com­pletion of duties amounts mainly to tested, routine ways of behaviour and to subordination to discipline, only in a much smaller de­gree to the deve­lop­ment of one's own ingeniousness and initiative. The cult of hard, disciplined and socialy useful work is associated at the same time with the rejection of political autonomy and indivi­dua­lis­tic strivings.«41

II. Der defensiv-konservative Bittsteller.

»This type ('defensive-conservative-solicitive') has a ten­den­cy to avoid unnecessary effort and to have an eye out for perks and additional privileges. It is linked to a ›gimme syndrome‹, a strong solicitive orientation both toward the state as well as towards-parents and family. … This men­taly assumes a pessimistic vision of the world while at the same time rejecting the individual autonomy«.42

III. Dieser Typ ist ›autonom und unternehmerisch‹ ausgerichtet:

»The 'autonomous-enterprising' typ … empha­sizes the necessity for individual autonomy at all levels, from the autonomous atti­tude toward authorities all the way to the vision of a demo­cra­tic partnership within the family. The active-autonomous attitude is associated with the spirit of enter­prise revealed in both one's work and in one's parenal values. … It is a drive towards total auto­nomy, towards taking one's lot - poli­ti­cal, ecomomic and social - into one's own hands. The essence of this type of men­tality corres­ponds to the model of an ideal member of 'civile socie­ty'.«43

Typ I, der eine Person beschreibt, die glaubt, dass es am wichtigsten sei, hart zu arbeiten, ist cha­rakteristisch als ›Held der Arbeit‹. Er ist überdurchschnittlich vertreten bei Angehörigen system­naher Berufe. Arbeit wird verstanden als eine ehrenhafte, verantwortliche und gehor­same Pflicht­er­füllung. Er erwartet vom Staat Schutz und Sicherheit, lehnt das Privateigen­tum und den Wett­be­werb ab und erwartet eine zentrale Leitung und Voll­be­schäf­ti­gung. Er reprä­sentiert somit den funktio­nalisierbaren Werktätigen. Typ II ist auf die eigenen Vorteile bedacht. Er vermeidet unnö­tige Anstrengungen und versucht sich 'durchzumogeln'. Sein als ›gimme-syndrome‹ gekenn­zeichnete ausgeprägte Bittsteller-Hal­tung richtet sich gegen seine Eltern, die Familie und den Staat. Diese Mentalität kann als Neben­produkt der sozialisti­schen Gesellschaft angesehen wer­den. Sie bedeutet eine pessimistische Vision der Welt ist verknüpft mit wenig individueller Auto­nomie. Er ist indifferent, lehnt das Sy­stem nicht ab und engagiert sich nicht, es sei denn, dass es Vorteile bringt. Er ist völlig indiffe­rent und politisch apathisch; er ist bei Bauern und ungelernten Arbeitern vertreten. Typ III versteht Verantwortung i.S. unternehmerischen Handelns. Die Autoren definieren ihn als den Ideal­typ der ›civil society‹.44 Er verbindet autonome unternehmerische Handlungsweisen mit der Autonomie individuellen Handelns, mit einer Handlungsweise die auf die eigenen Interessen gerichtet ist und dadurch - mittelbar - auch auf die eigene Gesellschaft. Er hat ein Bestreben zur völli­gen Autonomie, jeder soll sein Schicksal in die eigene Hand nehmen. Er favorisiert die Markt­wirt­schaft. Vertreten ist Typ III bei Höherqualifizierten.45

Die Autoren formulieren die These, dass die Typen I und II erheblich durch die soziali­stische Gesell­schaft geprägt sind (S. 117). Da sich die Vertreter des Typ III sich im soziali­stischen Staat am 'Rande der Gesell­schaft' befanden, d.h. im Bereich der 'Zweiten Wirt­schaft', sind sie prädes­tiniert für die Transformationsperiode. Die Autoren sehen darin ein Paradoxon. Das Verhalten kann aber auch als selbststeuernd in einem staatlich-institutionell verfassten und autoritär-admini­strativ regier­ten Gesellschaft verstanden werden sowie als Indikator für die Fähigkeit von Gesell­schafts­seg­menten, äußeren Zwängen entgegengerich­tete Kräfte zu initiieren und eigenes Handel selbst­bestimmt durchzusetzen. Die Problematik kann darin gesehen werden, dass Typ III be­züg­lich seines langzeitorientierten Habitus nur wenig korreliert mit 'verantwortlichen Han­deln' in einer Gesellschaft einschließlich der Ak­zeptanz des Gewalt- und Steuermonopols, einer Voraus­set­zung für Friedfertig­keit in der Gesellschaft.

Die Ursachen für die Ausbildung insbesondere von Typ I und II können in der soziali­stischen Ge­sellschaft wie auch in der Ruralgesellschaft liegen. Die Autoren brechen bei die­ser Fragestel­lung ab. Sie diskutieren die Frage nach den soziohistorischen Wurzeln der pol­nischen Mentalität nicht. Die sich an­bie­tende weitere Frage nach der Inter­dependenz polni­scher Mentalität zum Katho­li­zismus wird ebenfalls nicht gestellt. Obwohl die Auto­ren zu­nächst auf die Aussagen Zinovievs bezüglich des ›Homo sovieticus‹ hinweisen (S. 109), wird die Untersuchung nicht zum Anlass genommen eine Auseinandersetzung mit dieser These zu führen.

5. Problemskizze zum Forschungsgegenstand

Die Problemstellung erwächst aus der Untersuchung eines Segments einer Gesellschaft, die durch einen nicht­-etatistischen Vergesellschaftungspozess gekennzeichnet ist. Die Historiziät der Polonitas prägt den Prozess der Zivilisierung in der Gesellschaft und die Habitusentwick­lung sowie die spezifische der Wechselbeziehung zwischen Gesellschaft und Staat.

Die polnische Nationsgeschichte ist geprägt von mehreren von außen durch physische Gewalt­akte herbeigeführte gravierende Veränderungen der Machtbalancen. Im zwanzigsten Jahrhun­dert waren es zunächst die paradigmatischen Verschiebungen 1919 und 1939 sowie 1944 mit dem Beginn der Ära 'Volkspolens'. Der entscheidende Einschnitt erfolgte mit den Ereignissen 1980 und der daraus resultierenden Gründung der Solidarnosc. Der Abschluss dieses Paradig­men­wechsels wurde am 13. Dezember 1981 durch Verhängung des Kriegs­rechts verhindert. Er er­folgte erst ab 1989 und war nach einer längeren Übergangsphase mit der Wahl Lech Walesas zum Präsidenten der Republik Polen im November 1991 beendet. Kennzeichnend ist, dass sowohl die Situation 1980/81 wie auch 1989/90 in Wechselbezie­hung zu äußeren Mächten stehen.

Aus dieser Situation der zweiten Umbruchphase, in der der Paradigmenwechsel end­gültig er­folgte, begann die Entwicklung der Fragestellung. Sie selbst ist ein Prozess mehrerer Ebenen.

  1. Als Basis gelten die Ereignisse sowie die Folgeprozesse 1980/81. Sie manifestierten als ›Reformphase‹ seit langem das Interesse des Verfassers.

  2. Damit verbunden ist die soziohistorische Dimension dieses Prozesses bezüglich der polni­schen Nationsgeschichte, wie auch ihre Interdependenz zur europäischen sowie welt­politi­schen Nachkriegsentwicklung.

  3. Im politisch-soziologischen Kontext stehen Fragen der gesellschaftlichen und ökonomi­schen Entwicklung: Zivilisationsprozess, Habitusveränderungen, innere wie äußere Macht­ver­än­derun­gen, Reformansätze in der Ökonomie und Sozialpolitik sowie ein Pa­radigmenwechsel der Polonitas bezüglich der Kirche und auch der Nation.

  4. Die sich seit 1989 mehrfach vollziehenden ökonomisch interdependenten Prozesse, die als Euro­päisierung oder Globalisierung verstanden werden und unter dem Aspekt der Peri­phe­ri­sierung eingeordnet werden können.

  5. Die Wechselwirkung des gesellschaftlichen wie politischen Wandels und dem Paradig­men­wech­sels in der Wissenschaft.

  6. Die Folgewirkung auf den Standort und die Bewertungsmuster des Verfassers selbst.

Es ist ein immanentes Problem für die gesellschaftsgeschichtliche Forschung, die aus der Nations­ge­schichte ableitbaren Paradigmen in den zeitgeschichtlich fortlau­fen­dem Prozess seit 1989/90 ein­zu­be­zie­hen. Der eigene gesellschaftspolitische Standort und der wissen­schaftliche Blick­winkel unter­liegen damit einer gewissen sich permanent weiter­ent­wickeln­den Dynamik. Dies gilt in noch höherem Maße für die als in diesen Prozess involvierten Be­fragten. Folgende Schwer­punkte sollen in der Arbeit berücksichtigt werden:

  • die prozesssoziologische Betrachtungen der ›Reformphase‹ von 1980, bezüglich ihrer Wech­sel­wirkung zum Prozess der Staatsbildung Polens, sowie ihre soziohistorische Ein­bin­dung in die Nationsgeschichte;

  • die Rolle der Intellektuellen und der Arbeiter in ihrer Interdependenz zur Adels- wie zur Agrar- bzw. Ruralgesellschaft;

  • die gesellschaftliche und politische Funktion des polnischen Katholizismus als Bestand­teil der Nationsgeschichte;

  • die Darstellung von nationsspezifischem Denken und Handeln, der historischen Be­dingtheit der Habitusformen;

  • die Wechselbeziehung zwischen Tradierung von historischem Wissen und affektiv be­setztem Denken und Handeln;46

  • die Anwendung zivilisationstheoretischer, wie auch wissens­soziologischer Ansätze;

  • das Spezifikum polnischer Dichotomie in der Gesellschaft des realsozialistischen Sy­stems, als Ausdruck einer ›Wir-Ich-Balance‹;

  • Fragen der Langsicht bzw. die Ausprägung des ›ökonomischen‹, ›zweck­rationalen‹ Denkens;

  • Reflexion einer Abgrenzung von Entwicklungen in der deutschen Gesellschaft, insbe­sondere den Prozessen in der DDR.

  • die Entwicklung zur Zivilgesellschaft; der Wechsel von einer durch Fremd­zwänge be­stimmten zu einer möglichen durch Selbststeuerung gekennzeichneten Entwicklung.

Aus der Dynamik der Rahmenbedingungen resultiert eine gewisse Variabilität in der Frage­stel­lung. Dies entwickelte eine Eigendynamik aufgrund der sich verändernden und be­schleuni­genden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Der wesentliche Ansatz, die soziohistorische Motivation der beteiligten Gruppen, also der Intellek­tuellen und Arbeiter darzustellen, blieb erhalten. Er ließ es als notwendig er­scheinen, die histori­sche Dimension der Polonitas, die Funktion der Adelsgesellschaft für die Habitusentwick­lung die Rolle des politischen Katholizismus darzustellen. Sie erforderten eine entsprechende Beschäfti­gung mit dieser Fragestellung. Die vertiefte Behandlung der Bauern als Paradigma für das sich besonders seit dem Zweiten Weltkrieg herausbildende Milieu der Industriegesell­schaft, wie all­gemein der 'Werktätigen', ließe angesichts des hohen Beschäftigungs­grades der realso­zialis­tischen Nachkriegsgesellschaft zwar eine weitere Schwerpunktsetzung sinnvoll er­scheinen, sie würde aber den Rahmen der Arbeit zu sehr dehnen.

Für den Verfasser waren während der eigenen Arbeitsphase drei bestimmende Größen einem individuellen Prozess unterworfen:

  • die abnehmende Validität des gesellschaftlichen wie ökonomischen Modells des Sozia­lismus;

  • sein eigener Standort, der an Reformprozessen mit dem Ziel des 'sozialen Ausgleichs' orien­tiert war im Zusammenhang mit einem als positiv gewerteten und notwendig er­achteten Rolle des Staates;

  • die Beschäftigung mit den zivilisationstheoretischen, figurationssoziologischen Ansat­zes und der verstärkten Einbeziehung machttheoretischer Aspekte.

Das eigene Erkenntnisinteresse erfuhr dadurch eine Verlagerung von einem reformorientier­ten An­satz und einer Prägung in ökonomischen Fragen durch keynesianisches Denken - insbe­son­de­re bezüglich der Rolle des Staates in modernen Gesellschaften - zur Deskrip­tion gesell­schaft­lich­en Verhaltens. Letzteres kann nicht den Anspruch bedeuten, die gegen­wär­tigen Pro­zesse in ihrer Dynamik vollständig zu beschreiben, wohl aber über die Rahmen­­bedin­gungen beim Zustan­de­kommen der Interviews zu reflektieren. Die Fragestellung ver­lagerte sich damit auf eine Bestim­mung des Prozesses der Bildung einer Staatsgesellschaft und ggf. eine Hypothesen­bil­dung betref­fend den weiteren Etatisie­rungs­prozess der polni­schen Gesell­schaft.

Damit verbunden ist die Problematik der Behandlung dieser Fragestellung in Polen selbst. Auf­grund der Begrenztheit des Zugangs zur polnischsprachigen Literatur konnte dieser Ansatz nur exemplarisch einbezogen werden. Da sie verbunden ist mit der an sich ergebenden Arbeitsweise, soll diese anhand dessen skizziert werden.

Die Fragestellung entwickelt sich damit von ursprünglich sozio-ökonomisch und histo­ri­sch be­stimmten Ansät­zen zur Korrelation zwischen dem Staatenbildungsprozess, der damit inter­depen­denten Span­nungsbeziehung der polnischen Nation, der begrenzten Ausbildung einer Mittel­schich­t, zur Frage der Bildung der Zivil­­gesell­schaft und zu denen der politischen Kultur.47 Die For­mulierung der Themen­  wie Frage­stellung und die daraus folgende The­senbildung und Reflexion unter­liegen damit ihrerseits einer prozes­sualen Entwicklung. Dazu gehört auch die moralisch interdependente Beziehung des Verfassers zum gesamten Ge­genstand.

Ein Problem ist die Stellung des Verfassers zum Gegenstand. Er ist selbst involviert, engagiert und vielfach freund­schaftlich mit Polen verbunden. Andererseits befindet er sich in räumlicher wie auch einer gewissen mentalen Distanz. Es kann aber eine deutliche persönli­che Entwicklung konsta­tiert werden. Der ursprüngliche auf den Positionen der späten sech­ziger Jahren beruhende Stand­ort einer ›kriti­schen Analyse‹, verbunden mit Überzeu­gungen in Richtung auf ökonomische und gesell­schaft­liche Refor­men, ist einer tendenziell distan­zierteren Position gewichen. Die prin­zipielle Durch­setzung des Reform­prizips wird vom Verfasser deutlich skeptischer einge­schätzt und damit der möglichen Steuerung gesell­schaftlicher Prozesse. Eine kritische und distanzierte Sichtweise hat sich auch gegen­über Theorien und Modellen ergeben.48 Es erfolgen dadurch auch Rückkoppelungen auf eigene Diskurse. Zur prozeß-soziologische Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung sei mit Elias formuliert:

»Ein prozeß-soziologischer Zugang, der menschliche Probleme ins Blickfeld rückt, verlangt ... den Über­gang zu einer weiteren Stufe der Distan­zierung, und zwar der Distanzierung von dem For­schungs­gegen­stand wie von dem Forschenden, also von sich selbst. Das persönliche Enga­gement im Sinne der eige­nen Gewissens­bildung legt Forschern, denen die Gepflogen­heiten ihres eigenen Staates zur zweiten Natur geworden sind, eine Betrach­tungs­weise nahe, bei der dessen Form und Entwick­lungsgang als Muster und Maßstab für die Staatsform aller anderen Länder dient.«49

Aufgrund des die polnische Historizität betreffenden Ansatzes ergab sich in Polen ein hohes In­ter­es­se. Der Verfasser hat Dank Empfehlungen der emeritierten Soziologen Wladyslaw Markie­wicz und Andrzej Kwilecki Kontakte knüpfen können zu Soziologen an mehreren pol­ni­schen Uni­ver­si­­täten. In Gesprächen über die Zielsetzung des Projektes ergab sich ein sehr hohes Interesse am Aspekt des gesellschaftshistorischen Forschungsansatzes beider durch Okkupation und die Auf­bauphase der Nachkriegszeit geprägten Wissenschaftler.

In der durch den Realsozialismus geprägten Generation sank das Interesse an dieser die eigene Habitusentwicklung auch mental tan­gierenden Fragestellung. Letzteres kann z.T. auf die Spezi­fika des Intellektualisierungsprozesses der Nachkriegszeit zu­rückgeführt werden. Zum Tabu ge­worden ist offensichtlich der Bezug zu Habitusformen wie zur Intellektualität zur Szlachta-Gesell­schaft. Die jüngere Soziologengeneration ist erheblich an westlich orien­tierten Moderni­sie­rungs­prozessen interes­siert. Ein weiteres Problem ist die Begrenztheit der Erfor­schung der eigenen Gesellschaft seitens der Soziologen und Politologen, insoweit sie durch die Rahmen­bedingungen des Systems der VR Polen gegeben waren.50

Nach 1990 führte es dazu, dass wieder eine neue Tabuisierung der gesellschafts­wissen­schaft­lichen Erforschung der zurückliegenden Phase erfolgte. Es wird aber eine begrenzte sektorale historische Forschung betrieben. Interdisziplinäre Ansätze sind aber kaum vorhan­den. Finanzielle Mittel zur Förderung sind sehr begrenzt. Wissenschaftler wie z.B. der Hi­storiker Antoni Czubinski, die über die Geschichte der VR Polen publiziert haben, sind er­heblich tangiert durch die anhal­tende Dynamik der gegenwärtigen Machtbalancierungen.

Publikationen polnischer Autoren, die in deutscher oder englischer Sprache zur Verfü­gung stan­den, waren jeweils nur begrenzt verwendbar. Man instrumentalisiert oder funktio­nalisiert im jewei­ligen Zusammenhang bestimmte Sachverhalte, die sich unter Begriffe wie ›Geschichts­bewusst­sein‹, dem Begriff der ›Nation‹, wie dem der ›Gesellschaft‹ subsumieren lassen. Man reproduziert einen nationsge­schichtlichen, zumeist historiographischen Zugang, überschreitet aber bestimmte Tabugrenzen nicht, wenn es um das Selbstverständnis der Na­tion geht.

Nach auf Gesprächen des Verfassers mit polnischen Soziologen, Politologen, Histori­kern und Geo­graphen beruhenden Erfahrungen, wird dieser Forschungsgegenstand nicht abgedeckt, der auf der Basis eines zunächst kritisch-analytischen Ansatzes und einem pro­zeß-soziologisch ori­en­­tier­ten Zugang an der Deskription von Figurationen in Staatsbil­dungsprozessen, Habitus­­ver­­än­­der­ungen orientiert ist. Generell kann gesagt werden, dass diejenigen Wissen­schaft­ler Inter­es­se zeigen, die eine affektive Beziehung - auch in negati­vem oder zumindest ambi­valentem Sinne - zu Westeuropa, insbesondere Deutschland ha­ben. Es scheint, dass Vor­behalte in einer gewis­sen Dominanz aufgrund der indi­vi­du­el­len In­vol­viertheit in nations­spezifische Historizität be­ruhen.

6. Zur Durchführung und Konzeption der Arbeit

Ziel der Arbeit ist es, über das Denken und Handeln der Betroffenen, der Industriearbeiter und Intellek­tuellen im Prozess der Ereignisse von 1980/81 insoweit Aussagen zu machen, als dieses im Kontext zur sozio-historischen Entwicklung der polnischen Nation steht. Dabei soll die Frage nach der ›Mentalität‹, dem ›Volkscharakter‹ und insgesamt der ›Polonitas‹ diskutiert wer­den und anhand figurations­soziologischer sowie zivilisationstheoretischer An­sätze reflektiert wer­den. Den Leitgedanken bildet das Spezifikum der Beziehungen der pol­nischen Gesellschaft zum Staat und zum Begriff der Nation.

Der Ansatz bedeutet zugleich eine Abgrenzung von Positionen der westdeutschen Lin­ken, die in der Bildung der Solidarnosc Ansätze zur Verkörperung oder Realisierung eige­nen Utopiedenkens sahen.51 Es soll keine erneute zeitgeschichtliche Darstellung erfolgen.52

Es wurden bewusst die Arbeiter der ›Lenin-Werft‹, jetzt ›Danziger Werft‹ ausgewählt, da sie die wesentlichen Träger der Aktio­nen waren. Als zweite Gruppe, die gegenüber den Gesprächspart­nern als ›Experten‹ bezeichnet wurden, sollten primär intellektuelle Solidar­nosc-Aktivisten aus Danzig, aber auch aus anderen Regionen, Vertreter der Kirche, des polnischen Katholizismus wie des Protes­tantismus in Polen, und übrige Involvierte befragt werden.

Es gibt Politiker, die sich vermutlich dem Wunsch nach einem Inter­view entziehen. Die­ser Ein­druck ver­stärkte sich seit Stabilisierung der Macht durch die aus der Solidarnosc hervor­gegan­genen Parteien und insbesondere nach der erfolgten Wahl Lech Walesas zum Staatspräsidenten im Herbst 1991. Ehemalige Solidarnosc-Funktio­nä­re sind in Warschau immer 'beschäf­tigt'. Es ist ihnen teilweise unan­ge­nehm, wenn sie jemand aus West­deutsch­­land nach der Situation von 1980 befragen möchte. Bielecki hat z. B. trotz mehrfacher, auch persönlicher Zusagen, nicht ge­ant­wor­tet. Das Büro der UD hat mehrfach zuge­sagt, einen Kontakt mit Frazyniuk herzustellen. Es ist nicht erfolgt. Diverse Versuche in Warschau und Danzig zu weiteren Kontakten verliefen er­geb­nis­los. Andererseits haben sich viele Mitarbei­ter in Behörden und Parteibüros als äußerst in­teres­siert gezeigt und - soweit es ihre Mög­lichkeiten zuließen - sich als sehr kooperativ erwie­sen. In diesem Zusammen­hang ergaben sich sehr erfreuliche Eindrücke.

Es sind zunächst die Fragen für Fragebogen ‘A’ formuliert worden. Aufgrund der er­sten Ein­drücke sowie der Veränderungen in der Einschätzung bzw. Stellung zum Gegen­stand seitens des Verfassers entwickelte sich die Fragestellung weiter. Sie kam in den Er­gänzungen ‘B’ und ‘C’ zum Aus­druck. Um den originären Gesamteindruck der einzelnen Befragten zu erhalten, wurde der Aufbau des jeweiligen Interviews, die Reihenfolge und der Zusammenhang so belassen, wie er dem Originalen entspricht. Es wurde also bewusst darauf verzichtet, zum Zwecke einer besser möglichen systematischen Vergleichs die Texte ent­sprechend zu bearbeiten und ggf. um­zustruk­turieren.

In den Interviews wurde nicht nach einer möglicherweise angestrebten Revolution ge­fragt. Da diese Ziel­set­zung von einer prinzipiellen Umwälzung des Systems und damit der Macht­ver­hält­nisse 1980 tabu war und unter den damaligen Rahmenbedingungen von vorn­herein eine Utopie darstellte und auch in westlicher Sicht als unrealis­tisch galt, konnte eine solche Frage sich nicht auf die damalige Wahrnehmungsrealität der Involvierten beziehen.

Die Auswertung soll exemplarisch anhand von Schwerpunktbereichen erfolgen, da sta­tistische Erhebungen im Sinne von Vollständigkeit nicht möglich sind aufgrund der nur be­grenzten Ver­gleich­barkeit im Zusam­men­hang mit dem hohen Individuali­täts­charakter der Befragten. Letztere sind selbst einbezogen in Divergenzprozesse, die Ausbildung neuer Mi­lieus, die Grün­dung wie auch Liquidierung eigener Firmen, sowie die Bildung, Teilung und Wieder­zusam­men­füh­rung pol­ni­scher Parteien und Wahlbündnisse.

Die nach außen seit 1989/90 zunehmend sichtbar gewor­de­ne Ausprägung von Indivi­duali­sie­rungs­prozessen lässt durchaus auf früher ausgeprägte indivi­duelle Charakteren schließen. Sie lässt die Schlussfolgerung zu, dass die Aus­geglichenheit der Lebens­verhältnisse im Sozialismus zwar äußerlich die Individualität der Menschen unter das offiziell ange­strebte Ziel subsumieren, letzteres aber ausschließlich eine phänotypische Situation bedeu­tete als Ausdruck kollektiver Selbst­zwänge unter den damals gegebenen Bedingungen. Nach Aufhebung dieser äußeren Bedin­gungen enthob sich die Not­wen­dig­keit spezifischen Selbst­­zwangverhaltens und setzte im Gegenzug - zumindest temporär - individualisierungs­schübe frei.

Es ergaben sich viele Ansätze zu möglichen Forschungsvor­haben, die sich anschließen könnten. Sie können als Problem- wie Projektbereich skizziert wer­den, die wiederum, weil in Bezug zu mehreren Ebenen stehend, unterteilt werden müssten:

  • der Prozess fortlaufender oder restringenter Etatisierung;

  • die Zivilisierungsprozesse in ostmitteleuropäischen Gesellschaften;

  • die Wechselbeziehung zwischen nationsspezifischer oder globaler Habitusentwicklung;

  • die Entwicklung von ökonomischen Langzeitdenken;

  • der besondere Stellenwert der Ruralgesellschaft;

  • die bisher sehr geringe Forschung über den (mehrfachen) Paradigmenwechsel der Frauen­rolle.

7. Zu den Befragungen

Aufgrund des einerseits hohen Interesses lag eine gute Arbeitssituation vor. Es muss aber hervor­gehoben werden, dass ohne die direkte engagierte und nachhaltige Hilfe befreundeter Wissen­schaftler in Warschau, Danzig/Gdingen, Posen und Krakau das Projekt nicht reali­sierbar gewe­sen wäre.

Bei der Befragung handelt sich zunächst um eine Mehrfachbeziehung. Ziel ist es, in dem gege­ben­en Komplex die Ebenen und Bezüge offen­zu­legen. Deshalb ist immanent die Frage enthalten nach dem zeit­geschicht­lichen Gegenstand in seiner Wechselbeziehung zur Sicht­­weise der direkt betei­­ligten Handelnden, wie den indirekt Betroffenen - aber in der Funktion sehr invol­vierten so­wie den Beob­achtenden. Jeder Einzelne stellt damit aufgrund seiner In­dividualität ein 'Mosaik­­stein­­chen' dar. Die Position ›Aussagen über die eigene Beteiligung‹, z.B. über KOR, wie auch ›Dar­­stel­lung der einzelnen Betrachtungen‹ stellen Positionen in­dividueller Invol­viertheit dar. Sie drüc­ken das Maß der Involviert­heit in den Sach­ver­halt dieses in der polnischen Gesell­schaft ab­lau­f­en­den Prozes­ses aus. Die Handlungs­ebene ist verstanden als ein Kampf der polnischen Nation.

Das Prinzip der Involviertheit muss verknüpft werden mit den einzelnen Rollen­positio­nen zum da­maligen Zeitpunkt - wie auch der nicht aus dem gegebenen Zusammenhang ver­drängbaren bzw. aus­klam­mer­baren zeitlichen Entwicklung. Es handelt sich damit um ein zeitgeschichtliches Be­ziehungsgeflecht, das politisch zu sehen ist im Kontext des damaligen Standortes der Befragten im Meinungs­spektrum, also auch des Grades der Involviertheit. i.S. von deren Betei­ligung am Geschehen zur Veränderung der Macht­balance.

Da die Fragestellung an den individuellen ›Motivationsansätzen bzw. -ausprägungen‹ anknüpft, um Ant­wor­ten auf nations­­spezi­fische Phänomene zu bekommen, muss auf das Wechsel­bezie­hungs­ge­flecht zwischen Interviewer und Interviewtem sowie den Inter­viewten und deren Denken wie deren Handeln selbst Bezug genommen werden und nicht primär auf die fiktiven Beobachter­positionen. Gleichwohl ist für die Intellektuellen - sie machen es z.T. in den Interviews deutlich - diese Wech­sel­beziehung zumeist bewusst. Es ist dabei aber nicht klar, inwieweit sie sich ihrer eigenen Invol­viert­heit entziehen wollten.

Um Aussagen über die in der damaligen Phase ablaufenden Prozesse sowie ihre Träger zu er­halten, bietet es sich an, repräsentativ Beteiligte zu befragen, die sich in unterschiedli­chen Rollen befinden. Deshalb soll über die intellek­tuelle Kerngruppe der damaligen Soli­darnosc hinaus­ge­gangen werden. Ziel ist also, Aussagen zu erhalten über die tragenden Gruppen und dies in Be­zug zu den Rahmen­be­dingungen zu setzen für gesell­schaftspoliti­sches Handeln, den gesell­schaftlich-histo­rischen Zu­sam­men­hang und die Diskussion der Inhalte.

Entsprechend dem gewählten formationssoziologischen Ansatz geht die Arbeit prinzi­piell von der Verstehbarkeit und Begründbarkeit gesellschaftlicher Prozesse und der Paral­leli­tät und Ver­floch­tenheit von Zivilisations- und Habitusentwicklungen und den Verän­de­run­gen gesell­schaftli­cher und staatlicher Machtbalancen aus. Dies hat Auswirkungen auf die zu wähl­ende Unter­su­chungs- und Interpretationsmethode, die eine Balance verstehender und erklären­der Empathie und nüchterner Distanzierungen und Relativierungen erfordert und das Bewusst­­sein daran wach hält, dass Untersuchungsergebnisse grundsätzlich zwischen ihrem indivi­duellen und zeit­geschichtli­chen Kontext zu lesen und sicherlich im Gang der Untersuchung selbst immer wie­der kritisch zu überprüfen und zu entwickeln wird.

Statistische Erhebungen haben, messbar an Ihren mathematisch ermittelbaren Eignungs­kriterien, insoweit eine erklärende Deutung, als das Erkenntnisinteresse sich an materiellen Strukturen, an Entitäten, orientiert. Statistische Ergebnisse sind interpretationsfähig und -­bedürftig. Sie liefern aber ihre notwendigen Interpretationskriterien nicht mit. Wenn solche Prämissen nicht schon in der Konzeption der Erhebungen bzw. Befragungen explizit oder implizit eingegangen sind, be­dürfen sie einer über die Statistik hinausreichende Theoriebil­dung - es sei denn, dass auf 'Ver­ständnis' und 'Empathie' grundsätzlich verzichtet werden soll.53

Habitusveränderungen und Veränderungen zu zivilisatorischem Verhalten sind durch mathema­tisch abwickelbare quantitative Befragungen nicht hinreichend zu entschlüsseln. Erst wenn sie, wie es Elias exemplarisch vorgeführt hat, an Schlüsselereignissen, Äußerun­gen und Dokumenten aufge­deckt, verstehbar gemacht und zu qualitativ-erklärenden Be­grifflichkeit um­gesetzt werden, können quantitative Verfahren über Verbreitung und sozio­logische Differen­zie­rung der Prozesse Auf­schluss geben. Dazu soll die Arbeit einen Beitrag leisten. Umfassende abschließende Unter­suchungen der Ereignisse in Polen 1980/81 liegen nicht vor.

Wenn die zwei politischen Schlüsselzeiträume 1980/81 und 1989/90 als die Habi­tusentwicklung der polnischen Gesellschaft tief beeinflussende Einschnitte in die gesell­schaftliche Entwicklung Polens verstanden und er­klärbar gemacht werden sollen, muss die­ses Theorem an geeigneten Dokumenten und Äuße­run­gen manifestiert und nachvollziehbar gemacht werden. Diesem Zweck dient die empirische Grundlage dieser Arbeit, die Befra­gungen. Sie sind kein Test demos­ko­pischer Methodik, keine 'Umfragen', sondern die mög­lichst sorgfältige Dokumentation von Bewußtseins- und Reflexionslagen. Ausgewählt wur­den daher Repräsentanten dieses Ein­schnit­tes­, die von verschiedener gesellschaftlicher Seite her forcierend oder retardierend, an ver­schie­­dene Kontinuitäten anlehnt, die beiden an der Gesamtentwicklung Polens interdependenten Habitus- und Gesellschaftsumbrüche reprä­sentieren.

Da es eine unabdingbare Voraus­setzung war, die Gespräche auf einer Ebene gegensei­tigen Vertrau­ens zu führen, kann die Aus­wertung auch nur unter Berücksichtigung des Schutzes der Persön­lich­keits­sphäre geschehen. Entsprechend ist auch die in jeweils gegen­seitigem Einver­nehmen - manchmal in kurzen höf­li­chen bzw. oder nonverbaler Andeutungen erfolgte - Abspra­che einzuordnen, die Texte ggf. sprachlich zu über­arbeiten. Wenn die In­terviewpartner zwar gern bereit waren, in Deutsch zu antwor­ten, aber darauf hinwiesen, im Deutschen nicht so geübt zu sein, dann wurde der ent­spre­ch­ende Wunsch zumeist vorher geäußert. Es wurde dann seitens des Verfasser zugesichert, sprachliche Inkorrekt­heiten oder 'Unebenheiten' durchaus in der Überarbeitung zu korrigieren.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass in den meisten Fällen eine ausge­spro­chen herzliche, kollegiale oder nette Atmosphäre entstanden war. Manchmal signali­sier­te man Zufrieden­heit oder gar Dankbarkeit darüber, dass sich jemand aus dem Westen für die Beteiligten an dieser doch so eminent wichtigen histo­rischen Phase Polens interessierte. Zweifel­los ist dieser Eindruck maß­geblich auch dadurch entstanden, dass alle Interviews durch persön­liche Kontakte zustande kamen und manchmal spezifische Bitten oder auch Überzeugungsarbeit geleistet wer­den musste. Nur in einem Falle war eine gewisse arrogante bzw. abweisende Haltung erkennbar.

Wenn wir vor 1989 bis heute rapide Disziplinierungsprozesse und Wertewandel beob­achten - auch vor dem Hintergrund der polnischen Geschichte über­raschende Veränderun­gen im öffent­lich­em Leben - so sind diese nicht ohne Verständnis der vorangegangenen Ein­schnitte 1980/81 nach­zu­vollziehen und zu ver­stehen.

8. Zur Methode

Gewählt wurde eine narrative - auf Stichworten aufbauende Methode - um eine gewisse Entfal­tungs­­mög­lichkeit zu geben und um den idivi­duellen Zugang zum Gegenstand zu er­möglichen, der auch aus Grün­­den der gegenseitiger Achtung voreinander, notwendig war.

Im Komplex 'A', ›Intellektuelle‹ bzw. ›Experten‹, wurde ein qualitatives Verfahren praktiziert. Es im­pliziert in der Wechselbeziehung des Interviewers zum Gegenstand eine relativ hohe Distanz. Damit wird vermieden, eine vorgegebene Theorie sowie vorgegebene Denk- wie Messschema an­zuwenden. Es soll ein möglichst vorurteilsfreies Herangehen an­gestrebt werden.

Auf eine weitere vergleichende methodische Darstellung z.B. der angewandten Phäno­menologie, einer von Danner54 für die Geistes- und Sozialwissenschaften entwickelten Me­thode, soll verzich­tet werden. Das Verfahren korreliert mit dem für die psychologische Phä­nomenologie entwickel­ten Verfahren Giorgis.55

Es soll der Anspruch berücksichtigt werden, den Gegenstand frei von verzerrenden Fak­ten, wie Vorurteilen oder Ideologien zu betrachten. Inwieweit dabei tradierte Denk- und Bewer­tungs­sche­mata ausgeblendet werden können - so der bei Giorgi implizit enthaltene Anspruch - ist per se fraglich. Der Befragende muss sich seiner spezifischen Einbeziehung in das Spannungs­ver­­hältnis von gleichzeitiger Involviertheit und anzustrebender Distanz zum Gegen­stand bewusst wer­den. Insoweit ist der ›vorurteilsfreie‹ Zugang in der 'ersten' Phase (nach Danner) ein in einer gewis­ser Näherung anstrebbarer und ob seiner Problematisierung sinnvoller und bewusster Vor­gang. Eine Differenzierung auf­grund des allgemeinen Ein­drucks sowie Interpretationen schlie­ßen sich an. Zugang zu letzterer und damit zur Auswer­tung erfolgt wesentlich über die Deskription.

Im zweiten Teil, den Arbeiterinterviews soll die Auswertung noch deutlich auf der Ba­sis der Eigen­wahrnehmung der Phänomene aus der Lebenswelt des Alltags erfolgen. Dies soll gestützt auf die quantitative Auswertung, den ›Durchschnittswert‹56 und die ›Standardabweichung‹57 geschehen. Aber auch in die­sem Fall ist eine Schematisierung auch deshalb fraglich, da sich die Frage der inneren gesell­schaftlichen Homogenität der Figura­tionen der betreffenden Arbeiter stellt.

Darin eingeschlossen ist die Frage nach dem Individualisierungsgrad der Menschen in Polen der aufgrund der In­dividual- wie Familialorientierung des bäuerlichen Herkunftsmi­lieus. Die äußere An­gleichung der Lebensverhältnisse, wie auch die gemeinsame Konfes­sion, tragen zur Bildung von Gruppenidentitäten bei. Diese sind aufgrund der kurzen Phase des spezifischen Sozialisie­rungs- bzw. Zivilisierungsprozesses, der zum Zeitpunkt der Er­eignisse die erste und begonnene zweite Generation von Werftarbeitern umfasste, als tempo­rär und zielbezogen auf die Ausein­an­der­set­zungen bezogen zu werten. Überlagert wird die­ser Sachverhalt von der prinzipiellen Frage nach generellen Identitätsbildung in der Figura­tion der Arbeiter in einer Werft, z.B. der Lenin-Werft, der Werftarbeiter der gesamten pol­nischen Küstenregion oder gar aller Industrie  und Bergarbei­ter.

Es kann im gegebenen Kontext nicht untersucht werden, inwieweit z.B. der Solidari­tätsbegriff für die Gefühle der Werftarbeiter untereinander trägt, wie auch in Bezug auf an­dere Werktätige an anderen Orten, in anderen Figurationen und Loyalitätsbeziehungen. Das bedeutet letztlich, dass die Frage des methodischen Vorgehens nicht abgetrennt werden kann von der soziologischen Fragestellung bezüglich der zu untersuchenden Figuration selbst und andererseits vom Zugang über den allgemeinen wissenschaftstheoretischen wie auch den ideologischen Standort.

Die Abhebung von letzterem ist wohl problematisierbar, seine Umsetzung erfordert aber ein Höchst­maß an Distanzierungsfähigkeit. Das bedeutet, dass die Frage der statisti­schen Methode, das Erhebungsverfahren auch in wissenssoziologischem Kontext gesehen werden muss.58

So notwendig es einerseits ist, die Wechselwirkungsebenen der ver­schie­­dene Bezie­hungs­ge­flechte anzusprechen, so unmöglich ist es, diese durch selektive Freilegung zu ana­lysieren und zu deskribieren. Eine Analyse der Perso­nen war von vornherein nicht beabsich­tigt und in Hinblick auf die notwendige Singularität möglicher Ergebnisse für die Untersu­chung nicht aufschlussreich und auch im gegebenen Instrumentarium nicht exemplarisch verallgemeinerbar.

9. Eindrücke bei den Befragungen - Vertrauensbildung

Aus der Beobachtung der Interviewten während der Abläufe war häufig eine deutliche Kon­zen­­­triert­heit erkennbar, die darauf schließen lässt, dass der Versuch, während des Ablaufes des jewei­li­gen Inter­views sich in eine gewisse Distanz zur Sache zu begeben, durchaus ge­geben war - in der Regel aber nur am Anfang. Nach wenigen Minuten war jeweils eine hohe Konzen­tration fest­zu­stellen, die sich in Körperhaltung, Gestik oder dem Griff nach der Ziga­rette, dem Stehenlassen der Tasse Kaffee erkennen ließ. Der gesellschaftshistorische Zugang ist offensichtlich von hoher mentaler Involviertheit und be­grenzter Distanzierungsfähigkeit gekennzeichnet. Man spürte es oft bei Befragungen an affekti­ver Besetztheit, Konzentration etc.

Es kann davon ausgegangen werden, dass es für die Befragten angesichts der Erin­ne­rungs­­arbeit, den Formulierungs­leistungen kaum noch möglich war, eine distanzierte Beob­ach­ter­­position zu sich selbst einzunehmen, um sich aus der eigenen Involviertheit auszu­blenden. Begünstigt durch den indivi­du­ellen Einstieg in das Beziehungs­ge­flecht kann davon auszugehen sein, dass die Gedan­ken so formuliert worden sind, wie sie entstanden sind, ohne sie also auch spezi­fisch zu beein­flussen. Am Gesichtsausdruck, manchmal dem Griff zur Zigarette, der Augen­stellung, teil­weise sehr langen und wenig strukturierten, oft zudem geschachtelten Sätzen - pol­nisch, wie deutsch - die für die Über­setzer eine nicht geringe Schwie­rig­keit bedeuteten, lässt sich erkennen, dass die Gedan­­ken und Eindrücke jeweils spontan geäußert wurden.

Kritisch wurde es bei manchen Befragten. Sie befanden sich in einer psychischen Span­nung, als sie sahen, worum es ging. Es gab z.T. affektbesetzte Antworten. Man hat auch gespürt, dass man in einen Bann­­bereich eingedrungen ist. Erinnerung und Bewusstwerdung des Involviert­seins war oft unan­ge­nehm. Unangenehm war auch die Spannung zwischen der damaligen (vorgeblichen) Einheit und der späteren Spannung, d.h. den anhaltenden Macht­kämpfen der Gegenwart.

Ein Problem ist z.B. die manchmal betont distanzierte, partiell zurück­hal­ten­de, manch­mal bedäch­tige Art der polnischen Partner, etwas zu formulieren oder zu umschreiben, wäh­rend andererseits jemand, der aus dem deutschen Sprachbereich kommt, eher gehalten ist und manchmal den ent­sprechenden Wunsch verspürte, nun auf den 'Punkt' zu kommen. Die polnischen Gesprächs­part­ner gehen oft in Detail­bereiche, in Neben­säch­lichkeiten. Die Frage nach dem eigenen Ich, der Stellung zur eigenen Nation ist tabu. Ein Solidarnosc-Funktionär, ein Kunst­historiker, hat z.B. eine Frage nicht beant­wortet mit der Begründung, ›er kenne das alles‹ aufgrund seiner Quali­fi­ka­tion. Er empfand es offen­sicht­lich als einen Zwang, sein Ego auf der Metaebene offenzulegen. Andere haben auf dieser Ebene geantwortet. Es ist davon auszugehen, dass dies im Bewusstsein des Zusam­men­hangs geschah. Der Ansatz der Offenheit hat sich insgesamt als sehr fruchtbar gewe­sen.

Es kann vermutet werden, dass dies in einer nationsspezifischen Verhal­­tens­­weise aus ei­ner meh­rere Jahrhunderte umfassenden kollektiven Machtschwäche heraus begründet ist. Die Situation macht ein taktisch vorsichtiges Formulieren bei höchstmöglicher Selbstkon­trolle notwendig und immer den Schutz der eigenen Identität wie Person unter­schwellig berücksichtigen muss. Dies gilt vor allem bei einem Spontaninterviews. Das Prinzip korre­liert mit dem einer 'erzwungenen Freund­lich­keit' seitens relativ machtschwacher Personen, die dadurch den Eindruck erwecken, unter­würfig oder gar heuch­lerisch zu sein. Dies ist charak­teristisch für unsichere Gesellschaften, die z.B. Wert­­sich­e­rung durch Verstecken oder Verdrän­gen aus allgemein einsehbaren Bereichen 'hinter die Kulissen' betreiben. Es gilt z.B. für orien­ta­lische Gesellschaften und wird im sog. Basar­verhalten praktiziert, das wesentlich der Vertrauens­bildung dient.59

Ein vergleichbares Spezifikum ist, dass Verhandlungen mit polnischen Gesprächspart­nern sich oftmals sehr lange hinausgezögert haben. Polnische Gesprächspartner haben dann manch­mal nur eine geringfügige Korrektur angebracht oder den Vorgang einige Tage oder gar Wochen auf ihrem Schreib­tisch liegen lassen, bevor sie ihn weitergegeben haben. Dies war Ausdruck für einen sym­bolischen Machtgewinn des am Vorgang teilhabenden, ein Ver­halten, dass vom Verlauf der Arbeit selbst unter zivilisationstheoretischer Fragestellung als symptomatisch zu interpretieren sein wird. Erst nach längerer persönlicher Bekannt­schaft und freund­schaftlicher Verbundenheit und dabei entstandenem gegen­sei­tigem Vertrauen hat ein polnischer Wissen­schaftler, ein ehe­ma­­liger Mitarbeiter des Westinstitutes in Posen, den Verfasser seinerseits auf dieses Phänomen hinge­wiesen. Charak­ter­istisch war und ist, dass in jedem Falle immer erst eine Ver­trau­ens­basis hergestellt werden musste. Wenn diese sich heraus­gebildet hatte, dann ist zumeist eine hochgra­dige sehr enga­gierte Hilfestellung erfolgt, die manchmal mit einem gewissen Stolz verbun­den war und ausdrücken sollte, dass 'bei uns auch funktioniert'.60 In einigen Fällen ist die Hilfestellung durch Frauen erfolgt, nachdem männliche Freunde resigniert haben. Es soll im gegebenen Kon­text durchaus der subjektive Eindruck von der Durchsetzbarkeit pol­nischer Frauen erwähnt wer­den. Aufgrund der per­sönlichen Ebene und den individuellen und freund­schaftlichen Kontak­ten, die dabei entstan­den sind, soll auf eine wei­ter­gehende Darstellung verzichtet werden.

Kennzeichnend ist, dass zunächst niemand auf Korrespondenzen geantwortet hat. Alles konnte - oft nur kurzfristig - mündlich arrangiert werden. Dann gelangt es zumeist noch über gewisse ›connections‹, also auf der Basis enger oder kurz­fristiger Loyalitäten bzw. gegenseitiger Ver­pflichtungen. Wenn man dann empfangen wurde, wurde man sehr höflich, freundlich, zustim­mend, korrekt auf­ge­nom­men. Es entstanden in der Regel sehr positive Eindrücke.

Bei den Interviewten handelt es sich nicht um 'die' Gruppe der Intellektuellen und 'die' Arbeiter, son­dern um Vertreter aller Beteiligter in dieser relativ kurzen politisch und histo­risch aber höchst bedeutenden Phase, in der der entscheidende Höhe­punkt auf einen sehr kurzen Zeitraum be­grenzt ist, die aber andererseits in einer sehr dichten Wechselbeziehung mit histo­rischen und nations­spezi­­fischen langen gesellschaftlich Verk­nüp­fungen steht. Die Unter­suchung sollte sich deshalb auf die unmittelbar betroffenen und im Kern des Prozesses betei­ligten und selbst agier­enden Personen und Personen­gruppen beziehen. Diese lassen sich unter die Stichworte: Arbei­ter, Intellektuelle, Priester, Kirche, Vertreter der Macht­grup­pen in Staat und Gesellschaft wohl subsumieren. Das Verhältnis zueinander ist aber nicht additiv oder gar selek­tiv, sondern interde­pendent zu verstehen.

Die den gesamten Sachverhalt betreffende Sichtweise, die sich gegen­wärtig für den Verfasser zeigt, hat sich erst im Laufe der Arbeit heraus­kristalli­siert. Sie war nicht per se vorgegeben. Zweifel­los ist eine Skizzie­rung erfolgt, die aber zunächst von Problem­stel­lun­gen und Sichtweisen ausge­gangen ist, die eine gewisse Verla­gerung als Resultat hatten. Es hat damit zugleich ein Wechsel in der Einschätzung und Bewertung seitens des Verfassers stattgefunden; d.h. im fort­schrei­tenden Ver­fah­ren ist zugleich in gewissen Schüben eine Veränderung der Sichtweise wie des Bezuges zum Gegen­stand wie der gesellschaftlich Handelnden eingetreten. So ist das ei­gene durch spezifi­sche Strukturen geprägte Denken über­geleitet worden in eine stärker indivi­du­­elle sozial differen­zie­rende Betrachtungs­weise. Ein besonderes Charakteristikum ist der Wand­lungsprozess im theo­re­tischen Zugang des Verfasser zum Gegenstand. Darauf wird in den abschlie­­ßenden Gedanken noch eingegangen werden.

11. Zu den Übersetzungen und Übertragungen ins Deutsche sowie den Überarbeitungen

Die Übersetzungen aus dem Polnischen sind generell vom Verfasser sprachlich überarbeitet und gegebenenfalls korri­giert worden. Es wurde vorher jeweils mit den Gesprächspartnern vereinbart. Ziel war es dabei, neben der zu erreichenden Sprachkorrektheit die nötige Authentizität der Spra­che zu be­wah­ren. Die Übersetzungen sind von polnischen Wissen­schaft­lern, die als Historiker, Geo­gra­phen, oder Politologen über sehr gute deutsche Sprach­kenntnisse verfügen und selbst mit deutsch­­­sprachigen wissen­schaft­lichen Texten arbeiten und andererseits von Germa­nist­innen, die über exzel­lente deutsche Sprachkennt­nisse und Übersetzungserfahrungen verfügen, ange­fertigt wor­den. All den Dolmetschern und Über­setzern, mit denen der Verfasser freundschaftlich verbun­den ist, ist er zugleich zu hohem Dank verpflichtet. Ohne Sie, ihre Hilfe auf vielfältiger Ebene - hätte die Arbeit nicht durchgeführt werden können.

Die dem polnischen Text zugrunde liegende Denk­struktur sowie die Art des sprach­lichen Aus­drucks, der Wahl der Formulierung, die in der Bandabschrift erkennbar wurde, sollte mit möglichst hoher Authen­ti­zität erhalten bleiben. Dieses wichtiges Problem der Übertragung wurde jeweils individuell berücksichtigt. Das bedeutete, dass insgesamt meh­rere Ziele miteinander in sinn­vollen und tragbaren Kompromissen in Übereinstimmung ge­bracht werden mussten.

Auch in den Texten der deutschsprachigen Interviewpartner lassen sich partiell polni­sche Denk- und Argu­men­ta­­tionsstrukturen erkennen. Auch diese sind bei der Bandabschrift - dort wo es not­wendig war - behutsam korrigiert worden. Aussage­kräftige umgangs­sprach­liche Formulierungen wurden möglichst belassen, um den Charakter des mündlichen Gespräches mit partiell hohem Spontanei­täts­grad der Formulierungen zu erhalten.

12. Zu den Fragenkomplexen: ›politische Aktivitäten‹ und ›gesellschaftspolitische Ziele‹ sowie ›Kirche‹

Die Schlüsselbegriffe ›Reform‹, ›Reformierbarkeit‹ sollen reflektiert und auf ihren funktio­nalen Gehalt überprüft werden. Sie sind unter das Prinzip anzu­strebender Machtverän­derungen zu subsumieren und drücken jeweils die eigene Einschätzung der Wahr­schein­lich­keit aus, dieses Ziel zu erreichen. Sie stehen dadurch im funktionalen Zusammen­hang. Sie sind funktionaler Er­satz für 'verbotene Begriffe', für die 'verbotene Denkrichtung', für das 'Nichtformulierbare'.

Es ist davon auszugehen, dass alle Beteiligten die besondere Situation des Komplexes Kirche bewusst war. Ziel der Befragung war es, die Selbsteinschätzung der Befragten zu erhalten, um das Spannungsgeflecht zwischen Gruppenbezug, Involviertheit in das Glau­benssystem, die Funk­tio­nalisierbarkeit zu verdeutlichen und damit die Ein­schät­zung, inwie­weit bereits in diesem Tabu­bereich eine gewisse Distanz gewonnen ist.

In der Ausgangssituation wurde seitens des Verfassers die Rolle der Institution Kirche ein­schließ­lich ihrer Träger wie dem höheren und dem niederen Klerus sowie der Katholizität der polnischen Gesellschaft sehr hoch eingeschätzt. Dies geschah zweifellos aufgrund all­gemeiner west­deut­scher Einschätzungen, die einerseits auf tradierten Bewertungsmustern beruhen und anderer­seits durch die deutschen Medien hervorgerufen worden sind.61 Auch nach Ausrufung des Kriegs­zustandes am 13.12.1981 nahm die Berichterstattung über die katholische Kirche in Polen einen großen Raum ein.62

Diese Einschätzung in der Ausgangssituation führte dazu, dass der Verfasser es als not­wendig ansah, sich umfangreich mit der Rolle des Katholizismus in der polnischen Nations­geschichte ausein­anderzusetzen. Kritisch-distanzierte Darstellungen existieren über diesen fundamentalen Bereich kaum.63 Sozialgeschichtliche Ansätze sind bei Joachim Kondziela vorhanden.64 Weitere Publikationen sind in Deutsch­land von Janusz Marianski erschienen.65 Die Kontakte des Verfas­sers zu beiden Wissen­­schaftlern haben am Ende der achtziger Jahre erheblich zum Bild der ka­tho­lischen Kirche in Polen beigetragen. Die Ansätze des Verfas­sers sind nicht kongruent mit den Inten­tio­nen der in die Kirche involvierten polnischen Wis­senschaftler. Sie entstammen anderen Problemebenen.

Dem Phänomen der Katholizität der Menschen in Polen wurde aber ein erheblicher Stellenwert von vornherein zugemessen. Insofern erschien es als notwendig, sich mit dieser Problematik umfang­reich zu befassen und dem Thema ein angemessenes Segment der Ar­beit zuzuordnen. Es erschien daher als notwendig, bei der Konzipierung der Fragebogen diesen Themenkomplex in relativ hohem Maße zu berücksichtigen.

Bereits vor 1980 hat der Kontakt zum ökumenischen Rat in Warschau über Vorträge, Diskus­sio­nen und Publikationen zur Differenzierung der Bilder beigetragen.66

Der Gegenstand erfordert eine angemessene Beschäftigung mit der Nationsgeschichte, der Kul­tur­geschichte und der Nationalliteratur. Letzteres ist bezüglich des Themenbereichs der katho­lischen Kirche sehr aussagewirksam. Charakteristische Beispiele finden sich insbe­sondere bei Stefan Zeromski. Er durchbricht in besonderem Maße die selbstbildhafte Dar­stellung von in die katholische Kirche involvierten Autoren.

Da aber die Realeinschätzungen in der Kirche in der Gesellschaft eine ambivalente Stellenwert hat, andererseits öffentliche Kritikformulierung aber aus nationsgeschichtlichem Zusammenhang tabu sind, soll gerade dieses Segment aus dem Themenkomplex berück­sichtigt werden. Ein Er­geb­nis der Auswertung der Interviews soll sein, inwieweit das in Deutschland vorherr­schen­de Bild vom polnischen Katholizismus aufrechterhalten werden kann anhand der Aussagen der Befrag­­ten und zugleich Involvierten.

Es soll aus dem gegebenen Zusammenhang heraus auch der Versuch der Ein­schät­zung des polnischen Katholizismus in seiner para­dig­ma­tischen Funktion erfolgen und der Versuch gemacht werden, Aussagen über die Macht­balan­zie­run­gen in der gegen­wärti­gen polnischen Gesellschaft zu machen. Auch dies kann unter dem Aspekt möglicher Etatisierungstenden­zen erfolgen.

13. Zur Problematik, westliches Modelldenken auf die polnische Gesell­schaft anzuwenden

Bezüglich des Gegenstands ›Polen‹ bzw. der polnischen Gesellschaft ergeben sich mehrere Problem­ebenen als Paradigmen zur Erforschung, Deskription und Wertung:

  1. Das Verhältnis Deutsche - Polen als Spannungsbeziehung zweier seit Jahrhunderten inter­de­pendent verbundener Gesellschaften, insbesondere in der Wechselbeziehung Preußen - Polen.

  2. Parallel dazu existiert das Verhältnis Protestantismus - Katholizismus, sowie

  3. das des Absolutismus und Etatismus vs. der Adelsdemokratie und dem Anti-Etatismus.

  4. Der Ausbildung einer Industriegesellschaft einschließlich ihrer Modernisierungs- bzw. Folge­pro­zes­se wie Liberalisierung im Westen, stehen die Dominanz der Agrar- bzw. Rural­gesell­schaft, späte partielle Indu­stri­alisierung, die Oktroyierung der sozialistischen Gesell­schafts­ord­nung respektive kommunistischer Herr­schaft gegenüber.

  5. Den Phänomenen: der Ausbildung von Mittelschichten, einer an den Oberschichten ori­entierte Habitualisierung der Mit­tel­schichten, eines relativ ho­hen durchschnittlichen Le­bensstandards und der Ausprägung des Sozial- bzw. Ver­sor­gungsstaates auf hohem Ni­veau stehen gegen­über: die Dominanz einer an Unter­schichten (Arbeiter/Bauern) orien­tierten Habitus­for­men, Egalisierungstendenzen, verbunden mit einer tem­porären Stabi­lisierung auf relativ niedri­gem Niveau.

  6. Einer steigenden Aufstiegsorientierung, verbunden mit der Nutzung vor­han­denen Rea­lisie­rungs­­chan­cen in Westeuropa, entsprechen Aspirationen in enger Rahmen­begren­zung und mit sinkender Realisierungschancen in Ostmitteleuropa.

Wesentliche sozialistische Ansätze zur Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen sind nur sehr begrenzt anwendbar oder weisen aufgrund realsozialistischer Rahmenbedingungen kaum Chancen auf Kon­ver­genz auf. Das bedeutet, dass jeglicher Ansatz zur Erforschung auf mehreren Ebenen einen relativ hohen Grad an Distanzierung aufweist. Vergleichende An­sätze sind kaum umsetz­bar. Gegenstand ist dabei nicht die Diskussion um die Anwendbar­keit und Begrenztheit des Prinzips, son­dern um das Be­wusst­sein von der begrenzten Reich­weite theore­ti­scher Aus­sa­gen in den Gesell­schafts­wissen­schaften. Das dieses als relevant angesehen wird, belegt z.B. die Diskussion um den Wissen­schafts­begriff Karl Poppers, der zeitweilig auch als handlungs­leitend angesehen wird.

Modelle sind Mittel zur Funktionsprüfung von bestimmten Theoremen. Das marxisti­sche Gesell­schafts­modell ist ein Erklärungsmuster für von ihnen als richtig oder falsch aner­kannte gesell­schaftliche Pro­zesse und Entwicklungen. Gleichzeitig ist es der Versuch, eine gesell­schafts­bezo­gene Methode zu entwickeln. Die Analyse der polnischen Gesellschaftsge­schichte ist mit marxis­tischen Kate­gorien nicht hin­reichend erklärbar. Für Ostmitteleuropa fehlen entsprechende Gesell­schaftsmodelle.67

Die kommunistische Machtausübung war nicht marxistisch sondern leninistisch. Sie hatte die Funktion einer Legi­ti­matons­ideologie und dient der Rechtfertigung eigener Gesell­schafts­vorstel­lungen. Marx wurde benutzt zur Legitimierung der jeweils eigenen Herr­schafts­praxis. Ent­sprechende Ablei­tungen von Herrschaftsansprüchen oder Legitimierungs­mustern ist jeder mo­der­nen Herrschaftspraxis immanent. Ziel des etatis­ti­schen Ansat­zes dieses leninschen Herr­schafts­typs ist es, in der Gesellschaft eine Identität im Bewusst­sein der Menschen zu erzeugen, die die Akzep­tanz von Herrschaft, d.h. der herrschenden Gruppe, zum Ziel hat. Lenin hat gesell­schaft­liche andere Realitätserfahrungen und andere gesell­schafts­spezifische Voraus­setzungen als Marx.

Da ein unmittelbarer Vergleich gesellschaftlicher Tatbestände - wie überhaupt jeglicher Entitäten - methodologisch angreifbar ist - soweit er nicht als eine parallele Beschreibung oder Tat­be­stands­aufnahme als unzureichend angesehen wird,68 ist eine solche Distanzierung und Ab­stra­hierung notwendig, um Vergleichsmaßstäbe entwickeln oder anlegen zu können. In den 'west­lichen' Gesell­schaftswissenschaften hatten Erklärungsmodelle die Rolle von Ver­gleichs­maßstäben. Ihre Evaluierung setzt aber eine kritische Revision der Entwicklungs­bedin­gun­gen und Entwick­lungs­­um­gebungen dieser Modelle voraus.

Die genannte Problematik wird überlagert durch sinkende bzw. begrenzte Akzeptanz wissen­schaft­licher Modelle bezüglich der Gültigkeit und konsen­suelle Anwendung auf westliche Gesell­schaften. Ohne auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung im Einzelfall einzugehen bzw. den Grad von Anwendungsmöglichkeiten empirisch prüfen zu wollen, er­achtet es der Verfasser als sinnvoll, die Problematik zu skizzieren, um die Komplexität zu verdeutlichen,69 die nicht mit Begriffen wie - jeweils begrenzter - Kom­plexi­tät, Kongruenz, Konvergenz etc. abdeckbar ist.

Es soll dazu an die Gedankenführung Dettlings angeknüpft werden, der sich skizzenhaft mit der Gültigkeit moder­ner soziologischer Modelle aus­ein­an­dersetzt.70 Sein Ansatz soll in Form von Stichworten und gewissen Leitgedanken auf den Gegenstand übertragen werden.

Nach Dettling bestand eine Spannung zwischen dem Sozialismus als generellem Aus­druck für Glaube und Hoffnung von Arbeitern, Auf­stei­gern der ersten Genera­tion und Intel­lektuellen und dessen Offenbarung als ein Zwangs­glaube für gescheiterte Ideen und Kon­zepte, der Unmög­lich­keit einer Realisierung der Konstruktion einer besseren Gesell­schaft. Es gilt, dieses Spannungs­ver­­hältnis bezüglich der Situation 1980/81 in Polen abzubilden.

Der Anspruch von Soziologie und Politologie als Krisen- und Kritikwissenschaft ist nicht mit dem Modell einer ›Kritik der Entfremdung‹ oder der ›Bürokratie‹ umsetzbar. In Polen kritisiert man keine abstrakte sich verselbstständigende Bürokratie. Man beklagt statt­dessen den nicht funktio­nie­renden eigenen Verwaltungsapparat und bewunderte als bei­spielhaft die funktionierende Organi­sation in der Bundes­repu­blik.71

Der demokratisch-emanzipatorische Ansatz galt aus der Tradition der Aufklärung her­aus.72 Er war ver­bunden mit dem kapitalis­tischen Westen sowie deren entwickelten Staats­gesell­schaften und ist auch fern z.B. dem Denken wirtschaftlich aufsteigender Gesell­schaf­ten Asiens. Wenn beklagt wird, dass die moderne Entwicklung eine ›moralische Verarmung‹ mit sich gebracht hat, welche Ausprägung erfährt dieses dann erst in Osteu­ropa? Die Suche nach ›Reformen (sollten) die Wi­dersprüche der Moderne‹ aufheben durch mehr Demo­kra­tie, wirtschaftlichen und sozialen Wohl­stand. Es handelt sich dabei um die Probleme der sich auf hohem Ent­wicklungsniveau befindli­chen Gesellschaften Westeuropas, nicht um die von tendenzieller Ver­elendung bedrohten osteu­ro­päischen Länder.

Der Glaube ›wie Karl Mannheim es formuliert hat, an einen neuen Menschentyp …, der sieht was getan werden muss, und neue politische Gruppen, die es dann auch tun,‹ (ebd.) klingt für die in der Krise des realen Sozialis­mus lebenden Menschen wie die Sprache aus einer anderen Welt - auf die sich ihrerseits die Aspirationen richten.73 Der Glaube an ein - durch politische Doktrinen vermittel­tes - besseres Menschenbild ist spätestens am Ende der siebziger Jahre nirgendwo in der polnischen Gesellschaft mehr spürbar. Eine reali­täts­bezo­gene Frage ist die Hinwendung zur Sinn und Moral definie­renden Institution Kirche, wie auch die zunehmende Distanz seit 1990.

Die Problematik besteht für den Verfasser u.a. darin, den Versuch zu machen, westeu­ropäisch geprägtes Wissen und seine daraus resul­tie­ren­des Denkansätze und Methoden auf das Denken und den Habitus dieser anderen fremden Gesellschaften zu übertragen. Dieses zu erkennen und sich selbst zu verdeut­lichen, auch den Versuch zu machen es nachzuvollzie­hen, hat einen lan­gen Prozess erfordert.

Sozialkritische Projekte verwurzelt im sozialstrukturellen Milieu der alten BRD, haben sich in den großen und ideologischen Konflikten Westeuropas herausgebildet, sie lassen sich nicht direkt über­tragen. Mag die deutsche politische Kultur geprägt sein von dem ›Bekenntnis an Normen und Tradition sozialer Mit­ver­antwortung und Tradition‹; diese ›intellektuellen und sozialen Phantome‹ waren Aus­druck einer indu­strie­gesellschaftlichen und modernen Entwicklung - sie treffen auf ri­gide Überlebens­gesell­schaften nicht zu und sind dort nicht anwendbar.

Das Anderssein der Denk- und Verhaltensstandards mit der vertrauten und spezifischen Be­griffs­be­legungen widerzuspiegeln, zu strukturieren, zu analysieren, zu interpretieren oder zu deskri­bie­ren, ist in der Spannungs­kon­stel­lation von engagierter und emphatischer Vorge­hens­weise einer­seits und distan­zierter Deskription andererseits sehr kompliziert,74 es soll trotzdem - vielleicht auch gerades deswegen - versucht werden.

Es kann und soll sich nicht darum handeln, generalisierend oder exemplarisch zu wider­legen, dass westliche sozialwissenschaftliche Modelle und Theorien nicht oder nur begrenzt auf die pol­ni­sche Gesellschaft anwendbar sind. Die Intention besteht vielmehr darin, deutlich zu machen, dass versucht wird, sie unreflektiert zu übertragen, d.h. ohne Prüfung der sozio­historischen Bedin­­gungen. Das soll z.B. dadurch geschehen, dass Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber dieser Gesell­­schaft erhöht wird.

Das Problem kann symbolisiert werden an der Auflösung des zunächst immanenten Wi­der­spruchs, Ansätze einer Theorie, die am Beispiel einer etatistischen Gesellschaft entwic­kelt wurde, auf eine nicht-etatistische Gesellschaft zu übertragen.

Der Lösungsansatz besteht zunächst darin, die Begriffe ›etatistisch‹ und ›nicht-etatis­tisch‹ nicht als Antipoden zu begreifen, sondern als Grenzbetrachtungsmodell von Gesell­schaften, die einer gewissen Dynamik unterliegen und über einen prozeß-soziologischen Betrachtung verknüpft werden können.

Es soll die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit zivilisationstheoretischen Ansät­zen, insbe­son­­dere mit dem Spezi­fikum einer prozessual zu begreifenden partiell etatistischen wie auch anti-etatistischen Gesell­­schaft erfolgen, die im sozial­strukturellen Milieu der Adelsgesell­schaft und der bäuer­lichen Gesellschaft ver­wurzelt ist und den Schritt zur Mo­derne sowie den Staats­bil­dungs­prozess nach west­­euro­­päischem Modell nicht vollzogen hat.

Die ›Kategorien und Modelle der Soziologie - wie Wirtschaft und Gesellschaft, Arbeit und Voll­beschäf­tigung, Staat und Herrschaft, Armut und latent vorhandene Ungleichheit‹75 sind unter Bedin­gungen liberaler oder offener Gesellschaften entstanden. Sie sind ihrerseits nicht anwend­bar auf osteuropäische nichtetatistische, nations­mythisch geprägte oder auch im Findungsprozeß von nationaler wie staatlicher Identität befindlicher Gesell­schaften.

Die Krise bzw. der Zusammenbruch des osteuropäischen Modells kann nicht mit Mo­dellen erklärt werden, die mit diesen Gesellschaften nicht in einen sozio-historischen Kon­text stehen und die ihrerseits den Krisenbegriff instrumentalisieren.76

Begriffe wie ›Voll­beschäftigung‹ und ›soziale Ungleichheit‹ haben unter polnischen Experten, deren Problem bis 1989 der wirtschaftliche Rückstand sowie die latent versteckte Ungleichheit war, einen systemspezifisch-instrumentellen Stellenwert. Man verhält sich in Diskussionen, wenn west­liche Gesprächspartner über deren eigene 'gewichtigen' Probleme sprechen, sehr zurück­haltend oder schweigt höflich, kann aber zumeist schwer überspielen, dass man deprimiert ist. War im Westen der ›Staat der richtige Adressat für die Lösung der 'sozialen Frage', an dem Ob­jekt der bürger­recht­­lichen sozialen Begierde, der Hüter der Verfassung und der Solidarität‹ - zu­min­­dest in geglaub­ten Ansätzen - so ist im realsozialis­tischen Polen der Staat nach wie vor Sym­bol für das ›Fremde‹ sowie für soziale Privilegie­rung manifestierende Macht und gilt weiterhin als dem Indi­viduum feindli­ch gesinnt.77

Das gilt entsprechend für das jeweilige Segment der Gesellschaft, das durch Regierung und par­la­men­ta­rische Macht repräsentiert wird - seit November 1993 die Linke, zuvor die Solidarnosc.

Ein Sachverhalt ist z.B. die für Polen nicht erkennbare ›Reformbindung, die Mobilisier­barkeit der Massen, der aufge­klär­ten Bür­ger, des politischen Katholizismus der Arbeiter­klasse‹. Wenn, dann gelten die Attribute in Zeiten nationaler Bedrängnis und werden unter Einbeziehung der katholischen Kirche definiert. In Polen brachte die Nation die Frage sozia­ler Bewe­gungen nicht zur Kongruenz. Polen ist zudem erst seit 1990 ein aner­kannter defi­nierter Raum geworden.

In diesen Gesellschaften ist die ›soziale Frage‹ oder das ›liberale Dilemma‹ niemals vergleichbar postuliert worden. Wenn Dettling beklagt: ›Es gibt (sie) im gewohnten Sinne in keiner Gesell­schaft mehr, es gibt nur noch Individuen, die sich nicht länger in alten sozialen Formationen be­wegen‹ - so ist festzustellen, dass es in Polen weiterhin eine Interdependenz zwischen der Indivi­­dualgesellschaft und einer postulier­ten Nation gibt, die verbunden ist mit der ebenfalls noch latent vorhandenen Identität des Katho­­li­­zismus. Die ›soziale Frage‹ be­sitzt keinen adäquaten Stellen­­wert. Es gilt weiterhin primär die Dichotomie des 'wir' und 'sie', eine Konstellation, die zweifellos der Dynamik begonnener Modernisierungsprozesse unterliegt.

Für das Land und die Nation relevante Entscheidungen fielen in der jüngeren Ge­schichte nicht in Polen, sondern anderswo, zudem an Orten wo keine ›soziale Politik und demo­­­kratische Partizi­pation‹ gegeben waren. Es ist hinzuzufügen, dass kein Partizipient ei­ner Vertretung des Volkes bei für die Nation entscheidenden Fragen seit ca. dreihundert Jahren, d.h. seit der Wahl der Sachsen­­könige entscheidend mitge­wirkt hat. Seit dieser Zeit wird insbesondere die russische Einflussnahme als für die Nation bedrohlich wahrgenommen.

Selbst die endgültige völkerrechtliche Festlegung der deutschen Grenzen 1990 - also der Ost­grenze der Bundesrepublik Deutsch­land - fand wesentlich in den 'Zwei-plus-vier-Gesprächen' statt. Symbolisch und erst nach Protesten hat man Polen als 'fünften' Teil­neh­mer beobachtend und beratend hinzugenommen, also den euro­päischen Partner, für den die deutsche Ostgrenze die entscheidende Bedeu­tung für die na­tio­nale und staatliche Existenz hat. Der Grenzvertrag mit Polen war im völker­recht­lichen Sinne wie auch symbolisch für Polen sehr wichtig, in der politi­schen wie auch in der psychosozialen Wahr­neh­mung in der Bevölkerung bereits nicht mehr. Der Vertrag setzt einen Schlusspunkt unter eine Span­nungsbe­ziehung und ermöglicht zweifellos die weitere Inte­gration Europas.

Es müssen die wesentlichen Polen betreffenden Probleme und Phasen aus dem Diskurs der Phase des realen Sozialismus - zumindest als Skizze - bewusst werden. Es ist zu prüfen, inwie­weit dabei die sozial-existentielle Verunsicherung den Habitus der Gesellschaft prägt und sich gegebenenfalls zum Syndrom entwickelt. Es ist weiterhin zu prüfen, inwieweit die Kirche in dieser Situa­tion versucht, als traditionell wertvermittelnde bzw. -setzende Institu­tion über ihre Doktrinen, die Nutzung affektiver Machtquellen Macht in der Gesellschaft auszuüben, bzw. inwieweit dieses von Intellektuellen und Arbeitern als solches wahrge­nommen wurde.

Zur Verdeutlichung der Problematik eines Vergleichs in der Deskription der Systeme bietet sich das Prinzip der Risikogesellschaft an.78 In der Rezeption des Modells der ›Risikogesellschaft‹ ist eine für unsere Gesellschaft charakte­ristische Bedeutungsverschie­bung erkennbar. Der von Beck als verhaltens- und wertungs­leitend beschriebene Bewusst­seinsinhalt, in einer Welt der 'Risiken' zu leben, wird als reale Beschreibung unserer, der westdeutschen Gesellschaft, als historisch oder systembedingt besonderen Risiken ausge­setzt zu sein, missverstanden. Es handelt sich bei der Postulierung von Risiken um Gefühle, die möglicherweise aus individuell oder kollektiv vermu­te­­ten sowie potentiell in den Bereich des Möglichen rückenden Abstiegsbedrohungen entstehen. Die Verschiebung dieser Wahr­nehmung ist aber gerade der Inhalt des Begriffes ›Risiko­gesell­schaft‹, die dadurch Merkmal einer Gesellschaft ist, die in ihrem Alltag weni­ger als andere Gesell­schaft­en mit realen Exi­stenz­problemen und  gefahren konfrontiert ist und ihre Ängste auf gesell­schaft­lich oder sub­kulturell vermittelte und besetzte 'Risiken' lenkt und reale Erfahrungen als 'Ri­siken' definiert.

Dieses Verhaltensmodell ›Risikogesellschaft‹ kann nicht auf Umbruchs- oder Armuts­gesell­schaf­ten übertragen werden, deren Angstbewältigungsmuster aus der unmittelbaren Situation des 'Kampfes ums Überleben' oder des 'Kampfes um soziale Sicherheit' abgeleitet werden.79

Das Problem lässt sich konzentrieren auf 'Lücken', auf etwas nicht existierendes, das zugleich ein Spannungspotenzial zwischen 'Systemen' darstellt, wobei das östliche empirisch nur sehr be­grenzt erforscht wird und die gegenwärtige Situation von Verdrängungsprozes­sen in Wissen­schaft, wie auch der Gesellschaft allgemein, überlagert wird. Auch in der westlichen Industrie­ge­sellschaft verliert das Modell ›Risikogesellschaft‹ - als bürgerliche Rezeptionsform gesellschaft­li­cher Dependenzen - die Erklärungsrelevanz, wenn große Teile der Gesellschaft pauperisiert und aus dem bürgerlichen Selbstverständnis ausgegrenzt wer­den.

Die mo­dell­hafte Anwend­barkeit auf die polnische Gesellschaft ist sehr begrenzt. Die Begrenztheit der Modelle westlich etatistischer Gesell­schaften lässt sich dabei genera­li­sieren. Die sozio­-his­to­rischen Entwicklungs­prozesse der osteuro­päischen Gesell­schaften sind je­weils als Spezifikum zu begreifen und zu werten. Den Bereich der negativen Erwartungshal­tung der Men­schen in Ostmit­tel­europa gegenüber ihrem Staat im Bereich von Technik und Wissen­schaft kann man aber durchaus methodisch mit dem Ansatz des Theorems der Risi­kogesellschaft ver­knüpfen, wie es am Beispiel der westlicher Gesell­schaften der achtziger Jahre formu­liert worden ist.

Eine Gesellschaft, die sich mit gravierenden Überlebensproblemen auseinandersetzen und die­selben bewältigen muss, in der es große Gruppen gibt, die unterhalb der Armuts­grenze leben,80 disku­tiert keine ›Risiken‹, die der modernem auf hohem Standard befindli­chen Wohlstands­gesell­schaft81 immanent sind. Sie empfindet sich nicht als betroffen. Nur ein klei­neres Segment der Intelligenz nimmt z.B. die Risi­ken der Kernenergie wahr. Das deskriptive Modell der Risiko­gesell­schaft ist in einer relativ hoch­gradig sicheren westlichen Gesellschaft der achtziger Jahre ent­standen und kann nicht auf eine erheblich risikoreichere Gesellschaft trans­feriert werden.

Es kann durchaus vermutet werden, dass in Deutschland der gegenwärtig höchst mögli­che tech­nische Standard wahrscheinlich auch erreicht worden ist.82 Zweifellos ist dabei der 'Faktor Mensch' als nicht bestimmbar in die Diskussion einzubeziehen. In Polen glaubt aber niemand daran, dass dort die technischen Standards auch den dort theoretisch möglichen Grad an Sicher­heit erreicht haben. Dies verknüpft sich mit menschlichen Unzuläng­lich­kei­ten, so dass die Frage nach dem Grad des Risikos nicht im Bereich menschlicher Vorstellun­gen und Abschätzbarkeit liegt.

Eine Einschätzung der Realisierung des technisch Möglichen ist nicht gegeben. Das Phänomen der ›self-fullfilling prophecy‹ bzw. eine Haltung ähnlich dem Fatalismus ergänzt dies. Man lebt in Polen permanent mit Unzulänglichkeiten. Sie sind dort Ausdruck tech­nisch-gesellschaftlicher Normali­tät. Das gilt insbesondere für Großbetriebe der chemischen Industrie sowie für Kern­kraft­werke.

Als ein Symbol für Unzulänglichkeiten können die fast immer überladen und ständig in Reparatur befindlichen Busse der öffentlichen Nahverkehrssysteme gelten.83 Ein Benutzer öffentlicher Ver­kehrs­­mittel kann eigene Zeit­pläne kaum einhalten.84 Die Folge ist, dass man es gar nicht erst ver­sucht. Es bilden sich Gefühle der Resignation und Apathie heraus. Dem versuchten Zwang sei­tens der staatlichen Behörden, Vorschriften einzu­hal­ten, wirkt man dadurch entgegen, dass man ihn nicht als legitim anerkennt. Weitere Folgen sind ›Alltags­anarchis­mus‹ und ›Sozial­pathologie‹.

Man lernte in den siebziger Jahren mit Unzulänglichkeiten zu leben und entwickelte ent­sprech­ende Haltungen, die als Fatalismus oder Phlegma bezeichnet werden können. Wenn z.B. ein Zug Ver­­spätung hatte, was vor allem bei ungün­stiger Witte­rung der Fall war, dann konnte man nur hoffen, dass der Anschlusszug ebenfalls ent­sprechend ver­spätet war. Die Folgen der Unzu­läng­lich­kei­ten ertrug man indivi­du­ell. Man gewann sehr früh kollektiv die Erkenntnis des Unabänder­ba­ren, der Wirkungs­losigkeit von Versuchen, dieses abzu­stellen und das Gefühl für die innere Leere aufgrund propa­gan­dis­tischer Versprechungen.

bewusst wurde dies vor allem den Angehörigen der Intelligenz. Dies ist wesentlich eine Folge der in den siebziger Jahren sich anbahnenden Kooperationen mit Westeuropa. Kapita­listische Ver­trags­­partner verein­barten nicht nur Verträge, sie legten entschieden Wert auf die volle Einhaltung der­selben. Man bestand insbesondere auf einer Garantie des Qualitäts­standards und der Einhal­tung der Liefertermine. Diesem Anspruch zu genügen war unter Bedingungen von Impro­vi­sation sowie vorrangig extensivem Personal­einsatz auf Dauer nicht möglich.85

Der Kontakt mit der Bundesrepublik, Großbritannien und den USA durch Migranten, Wissen­schaftler, Firmen­vertreter und 'Arbeitstouristen' erbrachte das Wissen um die Unzu­länglichkeiten des eigenen Systems. Dies war verbunden mit der daraus abgeleiteten Hoff­nungslosigkeit bezo­gen auf eine mögliche Änder­barkeit oder auch nur Verbesserung. Die Erkenntnis setzte sich durch, dass eine prinzipielle Verän­derung, zumal mit eigen, dem RGW immanenten Mitteln, unab­ding­bar sei.86 Diese Erfahrung machten vor allem junge Stu­dent/innen, die in den siebziger Jah­ren in den Sommer­ferien oder als Stipendiaten in West­europa arbeiteten.87

Den Stellenwert der Alltagserfahrung für die Ablehnung des Systems gegenüber ideel­len oder poli­tischen Motiven hat der Verfasser erst relativ spät erkannt. Er soll deshalb be­sonders berück­sichtigt werden. Das Scheitern des realen Sozialis­mus ist auch aufgrund sei­ner im privaten wie beruflichen Alltag wahrnehmbare Realität er­folgt, nicht kausal aufgrund von Theorien oder Model­len.

Aus der Vielfalt von Einzelbeobachtungen, die in der Regel keine Kritik am eigenen System dar­stellten, kann man durchaus auf in der Substanz massive Kritik schließen. Auch dieser Prozess hat beim Verfasser einen langen Zeitraum in Anspruch genommen. Charakte­ristisch ist z.B. die Biographie eines befreundeten Journalisten: Sein Vater wurde aufgrund der Okkupa­tions­erfah­rungen Kommunist und system­loyaler Journalist. Er selbst besuchte die Schule in der DDR, stu­dierte in Moskau, jobbte als Stipendiat in der Bundesrepublik. Aufgrund sehr restriktiver Lebens­führung wurden Prinzipien wie Wirtschaftlichkeit und Wertgesetz von ihm selbst erfahren und verinner­licht. Er sieht in seiner Leistungs­­orientie­rung und einer zwischen sozial­liberal und konser­vativ orientierten Haltung die die Voraus­setzungen für seinen individuellen Aufstieg und hart erarbeiteten Erfolg.

Der Glaube an den ›Diamanten, der als Symbol für eine neue strahlende Zukunft aus der Asche steigt‹, scheint generell verloren gegangen zu sein.88

I. Die Bestimmung des Denkens und Handelns der polnischen Gesell­schaft der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung des Erneuerungsprozesses89 1980/81

1. Zur historischen Bestimmung der ›Polonitas

1. Das Denken und Handeln der polnischen Gesellschaft ist wesentlich bestimmt durch den historischen Prozess des Landes, die Geschichte der polnischen Nation. Es ist maßgeblich ge­prägt durch das ›Goldene Zeitalter‹ des 16. Jahrhunderts bis zur Zeit des wirt­schaft­lichen Nieder­gangs im 18. Jahr­hundert, durch die Zeit der Fremd­herrschaft von 1795 bis zum Jahre 1918/19 und die Wiedererrichtung des polnischen Staates auf­grund des Versailler Vertrages.90

Das Verhalten der heutigen polnischen Gesellschaft bezüglich Denken, Handeln, verbun­den mit jeweiliger Wertsetzung, entspricht den Maximen der polnischen Gesellschaft, die we­sentlich durch die Epochen des ›Goldenen Zeitalters‹, die Phase des Niedergangs der Adels­republik so­wie durch die Zeit der Fremd­herrschaft, die Teilungszeit, bestimmt ist. Zwi­schenkriegszeit, Okku­pationszeit und Stalinismus sind in den Zusammenhang einzubezie­hen. Sie stellen eine Trans­formation tradierter Normen und Verhaltensweisen dar, aber keine neuen Wertsetzungen und Paradigmen.

Prägend sind die Phase des ›Goldenen Zeitalters‹ und des nachfolgenden Niederganges, ver­körpert durch die Wahl sächsischer Fürsten zum König. Charakteristisch für die Läh­mung der Adelsrepublik ist das ›Liberum Veto‹ sowie das Konföderationsrecht. Eine beson­dere Rolle spielt dabei die Tatsache, dass sich Polen nicht absolutistisch entwickelte, son­dern die spezifische Form einer Republik herausgebildet hat, die vom Adel getragen wurde. Man spricht von der ›Adelsrepublik‹ sowie der ›Adelsdemokratie‹. Nahezu zeitgleich erfolgte dann die Entwicklung zur 'adels-demokratischen' Verfassung des 3. Mai 1791.

Die Schwäche des polnischen Staates in der Phase des Niedergangs enthält folgende für die inner­gesell­schaft­liche Habitusentwicklung bestimmende historische Komponenten:

  • Polen ist als Adelsrepublik politisch schwach gegenüber den absolutistisch regierten Nach­bar­mächten Russland, Preußen und Österreich und wird deshalb als Staat Opfer dieser 'Teilungs­mächte'.

  • Polen ist schwach, weil es wegen seines - auf die Szlachta bezogenen und am Gleichheitsprinzip orien­tierten - demokratischen An­spruchs und seiner relativen Liberalität dem machtstärkeren absolu­tistischen Nach­barn unter­le­gen ist und deshalb als Nation Opfer wird.

Mit Beginn der entscheidenden Phase der Teilungszeit ab 179391 begann sofort ein nationa­ler Wider­stands­kampf. Dieser Kampf umfasste alle politischen, sozialen und (später) öko­nomischen Methoden, auch die Einbe­ziehung der Kultur in ihrer spezifischen Herausbil­dung der Literatur, Musik und bildenden Kunst. Dieser Kampf wurde wesentlich vom Adel getra­gen. Die Bauern wa­ren im Kosciuszko-Aufstand 1794 einbe­zo­gen. Im Galizienauf­stand 1848 kämpften sie gegen die polnischen Magnaten. Handwerk und Mittelstand waren - so­weit polnisch - von der Anzahl her gering und u.a. deshalb erst nennenswert in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beteiligt.

Das Verhältnis Adel - Bauern muss für die Teilungszeit gesondert differenziert betrach­tet werden. Im gegebenen Zusam­men­hang kann es nur skizziert werden. Der gesell­schaft­liche Wider­spruch Adel - Bauern wird dabei nur zum Teil, zeitweilig und regional bezogen dem höheren gemeinsamen Ziel, der ›Befreiung der polnischen Nation‹, untergeordnet. Wesent­­lich ist dabei, dass dies als primäres Ziel gilt gegenüber dem der Wieder­er­richtung eines selbststän­digen Staates.

Der Nationsbegriff wird zunehmend mystifiziert. Nur so ist es zu verstehen, wenn der Be­freiung der Nation der heldenhafte Kampf und der opfervolle Tod gelten. Der Vater­landsbe­griff vereinigt an sich beides, ist aber weitgehend unter den Nationsbegriff zu sub­sumieren, weniger dem Ziel des unabhängigen Staates.

»Den Aufständischen fehlte der Glaube; was sie allein hatten, war Mut. Sie waren unter Um­ständen glänzende Soldaten, die fürs Vaterland zu sterben wussten, sie waren aber keine Männer der siegesgewissen und zielbewussten Tat. Ihr Kampf war vergeblich.«92

Die gefühlsbetonte individuelle Einbeziehung einschließlich der Selbstopferung sowie eine visio­näre Zielbestimmung dominieren über einer nüchtern kalkulierten Strategie und Taktik einschließ­lich der konkreten Zieldefinition. Die Literatur beschreibt und verklärt diese Ver­haltensweisen, verstärkt und induziert sie dadurch gleichzeitig. Die Kultur des 19. Jahrhun­derts und teilweise des 20. Jahrhunderts ist wesentlich einbezogen in das geschichtliche Spannungsverhältnis. Sie trägt damit zur immer wieder reproduzierten Entscheidung bei, den Kampf als permanent-heldenhaften Opfergang auf einem nicht endenden Weg fortzu­führen. Sie hindert politisch-rationale Lösungs­ansätze. Dadurch trägt sie maßgeblich zur Beibehaltung einer tragischen Situation bei. Hinweise sind zu finden z.B. bei Zeromski, Slowacki und Reymont.93

Die Phase der Fremdherrschaft ist differenziert zu sehen in Bezug auf die drei Teilungs­mächte, ihre Methoden der Herrschaftsausübung sowie ihr jeweiliges Selbstverständnis als Staat. Hinzu kommt die sich wandelnde Zielbestimmung vor allem in Preußen,94 aber auch in Russland, weniger in Österreich.

Für Österreich gilt der Primat des Erhalts der K.u.K. Monarchie einschließlich der Vormacht der Deutschen, bei begrenzter Gleichstellung der Ungarn nach dem Ausgleich 1867. Die Region Böhmen war durch die Industrialisierung im Vorteil. Unter den Slawi­schen Völkern waren die Po­len relativ privilegiert. Galizien hatte eine Sonderstellung: die Hauptstadt war Lemberg, dort saß der polnische Gouverneur des Kaisers. In Wien gab es den einflussreichen ›Polenclub‹.

Weitere ethnische und soziale Privilegierungen - auch Deprivierungen - sind sekundär. Damit steht der Habs­burger Staat wesentlich in einer historischen Tradition politischer Herr­schafts­aus­deh­nung mit inkon­gruen­ter ethnischer Zugehörigkeit sowie der sich zwischen Duldung und Unter­drückung bewegenden religiösen bzw. konfessionalen Orientierungen. Entsprechend problema­tisch ist die ethnische Zuordnung der Weiß­russen und der Ukrainer sowie ihrer Selbstdefinition als über Sprache (Idiom) und Konfession.95

Das Verhältnis des zaristischen Russlands zu seinem Teilungsgebiet Polens war traditio­nal, d.h. machtspezifisch bestimmt. Weißrussland (Weißruthenien) und vor allem Litauen stehen in anderer Tradition zu Polen als die Ukraine. Eine weitere Unterscheidung ist in der Zuord­nung bzgl. des Bewusstseins (sprachlich und konfessionell) und der Verwaltung durch den Staat.

Es ergibt sich somit die Notwendigkeit einer Definition der ›Polonitas‹ innerhalb der slawi­schen Groß­regio­nen: Die Zugehörigkeit in Abhängig von Konfession, Sprache sowie menta­ler Identifi­kation. Die Definition über ein bestimmtes Staatsgebiet kann nicht erfolgen; ein vor allem in die­ser Qualität besonderes polnisches Spezifikum. Das russisch-polnische Ver­hältnis gewinnt in der Phase des Panslawis­mus eine besondere Ausprägung, die hier nur erwähnt werden kann.

Die zaristische Politik war in ihrem Teilungsgebiet geprägt vom eindeutigen Willen zur Durchset­zung politischer Macht, notfalls durch militärische Gewaltakte. Polnische Sprache und Kultur wur­den nicht unterdrückt, insoweit sie die russische Oberhoheit nicht in Frage stellten. Polen konnten als Angehörige der Szlachta verantwortliche Positionen in Staat und Militär ein­neh­men, ohne ihre eigene polnische Identität aufzugeben. Unterdrückt, ausge­wiesen, in Haft genom­men oder de­portiert wurden diejenigen, die für die staatliche Unab­hängigkeit Polens und damit gegen die Oberhoheit Russland kämpften. Insbesondere der Adel wurde damit in die Ausübung politischer Macht einbezogen. Die Betreffenden erhiel­ten zugleich eine wirtschaftliche (berufliche) Existenz­möglichkeit - allerdings um den Preis der Anpassung und der Unterordnung. Hervorzuheben ist, dass dadurch in dieser begrenzten Zusammenarbeit, die nicht als Kollaboration bezeichnet wer­den darf, gleichzeitig die Vorbe­reitung der Aufstände erfolgte.

Ein großer Teil der Szlachta war nicht entsprechend adaptiert. Diese Angehörigen hatte z.T. als Intellektuelle einen Anteil an den sozialistischen Bewegungen, wie z.B. Marchlewski, Dzierzynski. Der sowjetische Marschall Sokolowski entstammte der ostpolni­schen (ruthenischen) Szlachta, der General Rokossowski, der ihr oft zugeordnet wird, da­gegen nicht (nach Jernsson). Unter Stalin verloren viele Polen ihre Funktionen.

Das besondere polnisch-jüdische Verhältnis kann als relativ stabil betrachtet werden, so­lange die russische Oberhoheit als fremde Zwangsherrschaft vorhanden war. Die Mecha­nismen des polni­schen Antisemitismus prägten sich wesentlich erst nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit aus, in einem Staat, der nun als moderner parlamentarisch-demokrati­scher Staat konzipiert wurde, dann aber innergesellschaftliche Probleme freisetzte, die zu­vor in der Teilungszeit kanali­siert oder unterdrückt worden waren. Dieser Nach­kriegsstaat ist wesentlich an seinem eigenen - wider­sprüchlichen - Anspruch der Nationwerdung ge­schei­tert.96

Der nationale und politische Kampf um die Unabhängigkeit fand wesentlich im russi­schen Tei­lungsgebiet statt. Die kulturelle Aufarbeitung, Edition der Schönen Literatur, war im österreichi­schen Teilungsgebiet (vor allem Krakau und Lemberg) möglich sowie im Exil, in Paris. Entspre­chendes gilt für die politische Untergrundliteratur und Presse, die teilweise auch im Teilungsge­biet gedruckt wurde, auf jeden Fall dort aber Verbreitung fand. Herstel­lung, Besitz und Vertrieb wurden von den Behörden der Teilungsmächte, vor allem Russ­lands, unnachgiebig verfolgt und mit schweren Strafen geahndet. Der permanente Kampf um politische bzw. staatliche Unabhän­gigkeit, konkret als Kampf gegen die russische Tei­lungs­macht, subjektiv (individuell und kollektiv) verstanden als Kampf einer Nation um ihre un­ab­hängige Existenz, ist prägend für Motivation und Ziel in dieser Phase der polnisch-russi­schen Geschichte, besser: der Geschichte der Polnischen Nation.

Das polnisch-preußische Verhältnis ist abzu­setzen von der polnisch-russischen Proble­ma­tik. Das preußische Teilungsgebiet umfasste nach der endgültigen Festlegung der Grenzen auf dem Wie­ner Kongress (1815) wesentlich die als preußische Provinzen Posen und West­preußen angeglie­derten Regionen. Schlesien mit seiner im Süden (Oberschlesien) über­wie­gend polnischsprachi­gen Bevölkerung, die sich ihrerseits aber als Schlesier, weniger als Po­len begriffen, war bereits nach den Schlesischen Kriegen (1742 und 1745, bestätigt nach dem Siebenjährigen Krieg im Frieden von Hubertusburg 1756) von Habsburg an Preußen abgetreten, einschließlich der Graf­schaft Glatz.

Die Sprachgrenze verschob sich im Laufe der Teilungszeit nach Süden. Das spezifische und z.T. distanzierte Verhältnis der polnisch (im Deutschen als 'wasserpolnisch' apostro­phiert) sprechen­den Ober­schlesier zu den polnischen Nachbarn im russischen Teilungsge­biet mag eine Ursache für die begrenzte Einbeziehung in den nationalen Unabhängigkeits­kampf sein. Eine andere kann die zunehmende Industriali­sie­rung (Schwerindustrie) dieses Raumes sein, verbun­den mit Migra­tionen aus dem inner- und ost­pol­nischen, dem deut­schen, aber auch dem slowa­kischen und tschechischen Sprachraum.

Für Oberschlesien ergab sich damit eine andere Voraussetzung im Kampf gegen die Tei­lungs­mächte. Zum einen konnte die Region nicht auf eine unabhängige Tradition zurück­greifen, da Schlesien bereits im 14. Jahrhundert böhmisch, im 16. Jahrhundert(1526) habs­burgisch und im 18. Jahrhundert (1742) preußisch geworden ist. Dies erklärt, das die Szlachta in dieser Region ihre Machtstärke nicht ausbilden konnte.

Das verwaltungsrechtlich als Provinz Westpreußen bezeichnete Teilungsgebiet hatte be­reits 1772 bzw. 1793 (ergänzt um Thorn) eine teilweise deutschsprachige Bevölkerung. Auf eine diffe­ren­zierte Darstellung der Geschichte Pommerellens, des Ordensstaates sowie der Wiedererlan­gung bzw. Bestätigung der polnische Ober­hoheit über das Gebiet (nach 1410) muss verzichtet werden. Kennzeichnend für die Toleranz und Liberali­tät des Königreiches Polen war die Her­ausbildung eines nachbarschaftlichen nationalen, sprach­lichen und kon­fessionellen Neben- und Miteinander seit mehreren Jahrhunderten. Gerade dieser Raum (einschließlich Danzig) hatte ne­ben dem Süden (Krakau) im ›Goldenen Zeit­alter‹ pros­periert.

Die sogenannte Provinz Posen und die Stadt Danzig wurden 1793 annektiert, bestätigt auf dem Wiener Kongress. Die Tradition Danzigs als Hansestadt soll ausgeklammert wer­den. Sie ist betref­fend der Nationali­tä­ten­­aus­ein­an­der­setzungen im 19. Jahrhundert irrelevant und spielt erst wieder aufgrund ihrer ökono­mischen, verkehrs­technischen und militärischen Bedeutung eine Rolle bei den Friedensverhandlungen in Versailles.

Das deutsch-polnische Verhältnis bezüglich der Provinz Posen ist insoweit von Bedeutung, als es in seiner Problematik - mehr noch als Westpreußen - prägend ist für das spätere deutsch-polnische Verhältnis und dessen historische Hypotheken. In Posen zeichnete sich früh - bald nach Ende der napoleonischen Ära - eine auf Dauer angelegte Herr­schafts­aus­übung ab. Wie Russland in seinem Teilungsgebiet (z.B. in Lublin, Modlin oder auch in Za­mosc) wurde in Posen eine große Festung angelegt bzw. in mehreren Stufen aus­ge­baut. Die gesamte Infrastruktur wurde zu den Zentren der Teilungsmächte aus­gerichtet. Polnische Universitäten wurden von Preußen und Russen nicht geduldet bzw. ver­boten. Die polnische Wissen­schafts­entwicklung konzentrierte sich deshalb auf Krakau, Lemberg und das Exil.

Posen und Westpreußen, die in der Phase nach dem Wiener Kongress als außerhalb des Deut­schen Bundes betrachtet waren, wurden mit der Reichsgründung 1871 als Bestandteil Preußens in das Deutsche Reich einbezogen. Zugleich setzte durch Förderung deutscher Zuwanderer, Subventionierung deutscher Investitionen, Behinderung einer separaten polni­schen ökonomi­schen Entwicklung und verstärkt ab den achtziger Jahren eine zunehmend aggressive 'alldeut­sche' bzw. 'pangermanische' Politik ein, einschließlich der psycho­sozia­len und konfessio­nellen Unterdrückungsmechanismen. Eindeutiges Ziel war die perma­nente Zurück­drängung alles Polni­schen und damit die Dominanz des Deutschen in Spra­che, Kul­tur, Industrie und Kapital.

Der Widerstandskampf des polnischen Volkes erfolgte auf mehreren Ebenen: Kultur, Öko­nomie, katholischer Kirche und Bildung und Wissenschaft im Untergrund. Diese Pro­zesse verschärften sich und entluden sich im Großpolnischen Aufstand zur Jahreswende 1918/19 und mündeten ein in den neu gebildeten Staat, die Republik Polen. Aufgrund des höheren polnischen Bevöl­ke­rungs­anteils und des höheren Industrialisierungsgrades war Po­sen mehr betroffen als West­preu­ßen. Der gegen Preußen gerichtete Widerstandskampf hat eine paradigmatische Funktion für das Verhalten der west­pol­nischen Bevölkerung. Der ge­samte Widerstandskampf in all seinen Aus­formungen gegen Preußen und Russland ist we­sent­licher Gegenstand des polnischen Geschichts­unterrichts, auch in der ›Grundschule‹, die bis zur Klasse acht die Allgemeine Schulpflicht abdeckt.

2.1 In der polnischen Gesellschaft werden das Denken und Handeln97 bestimmt durch die Szlachta.

Die Szlachta zeichnet sich durch typische Verhaltensweisen aus, die sie vom Adel Westeu­ropas, vor allem Frankreichs, abhebt. Die Verhaltensweisen sind durch einen be­stimmten Habitus ge­kennzeichnet, der mit dem Leben im Wohlstand zu kennzeichnen sind: gutes Essen, Trinken, Jagd, geringere Bedeutung der Bildung (vor allem im Osten), Her­vorhe­bung militärischer Tugen­den, spezifische Kleidung mit Gürtel und Kopfbedeckung. Dazu gehören auch die Ablehnung körperlicher Arbeit, die Nichtübernahme industriegesell­schaftlich bestimmter Verhal­tens­weisen und Normen: Pünktlichkeit; die Entwicklung bzw. Beibe­hal­tung eines ausgeprägten Individualis­mus. Ein weiteres wesentliches Merkmal ist der ausgeprägte Patriotis­mus sowie die Überbewer­tung der Nation.

Individuali­sierung, der Hang zu gutem Leben, zu 'unverantwortlichem' Handeln können als Ausdruck eines nur schwer umkehrbaren Dezentrali­sierungsprozesses gedeutet werden. Dieser wurde über­lagert durch die Fremd­herr­schaft und letztlich die Bildung des Staates 1919 sowie die Neu­­bil­dung 1944. Nach der Verfassung bestand der Staat auch nach der Kapitulation vertreten durch die Regierung in London legitim fort und existierte realiter im Unter­­grund. Entscheidend ist dabei, dass der Staat bewusst­­seinsmäßig fortbestand. Dezen­tra­lisierung und spezifischer Staatenbildungsprozess bedingen einander.

Die Interessen des Adels sind an der Reproduktion des eigenen Standes und der eige­nen Lebenssituation orientiert, nicht aber an einer wissenschaftlich bestimmten technologi­schen Ent­wicklung. Ziel ist für ihn damit nicht die Verbesserung der eigenen Lebenssitua­tion durch eine fortgeschrittene ökonomische Methode oder Produktionsweise. Ziel ist es also nicht, eine Pro­duktions­stätte zu gründen, ein Handels­kontor zu eröffnen, überhaupt ei­nen Betrieb zu gründen (Bank, Werft etc.).

Eine Verwirklichung kann wesentlich durch die Rolle des Offiziers - in französischen (napo­leo­nischen), russischen (zaristischen), als Unteroffizier in österreichischen (habs­burgi­schen) oder auch anderen Diensten (in Preußen im Ersten Weltkrieg) erfolgen. Es ver­bleibt dabei immer der Bezug zur eigenen Nation, das Ziel der Wieder­­errichtung eines polnischen Staates, des eigenen Vaterlandes. Typisch sind in diesem Zusam­men­­hang die für Deutsche ‘irreal’ erscheinenden und sich in negativen Stereotypen98 nieder­schla­genden Verhal­tens­weisen.

Dazu gehört einerseits das ausgeprägte militärische Engagement, andererseits die Fehl­ein­schät­zung gegenüber den Mächten, in deren Diensten man steht. Vor allem das napole­onische Frank­reich, aber auch später Napoleon III. wurde bezüglich einer Erwirkung der pol­nischen Unabhän­gigkeit überschätzt.99 Man kämpft und opfert sich. Die Ziele bleiben uner­reich­bare Visionen. Poli­tisch kluges, diplomatisches Verhal­ten, das ggf. Aussicht auf Erfolg ver­sprechen könnte, wird kaum versucht. Auch dies kann als Hinweis auf den spezi­fischen Zivili­sa­tionsprozess gewertet werden.

Über die Nationalliteratur wurde die Neigung zum Kampf, zu Heldentum, Betonung der Familie und der Abstam­mung, Herausbildung entsprechender Ehrenkodices, die tradierte Sicht­weise der Rolle der Frau ver­mit­telt. Der Frau wird stets mit ausgesuchter Höflich­keit begegnet, sie entspricht zumeist spezifischen Ste­reo­typen: ›die Schöne‹, ›die Verfüh­reri­sche‹.

Als eine typische Darstellung kann der Held in Zeromski: 'Der getreue Strom'100 bezeich­net werden. Der junge Held opfert sich in einem von vornherein sinnlosen Kampf gegen eine vielfach überle­gene Truppe in der Schlacht bei Malogoszcz. Er schleppt sich schwer ver­wundet im Winter (die Handlung ist dem am 22.1.1863 begonnen ›Januaraufstand‹ zuge­ordnet) zu einem Dorf. Es entwickelt sich die tragische Situation, dass die Bauern ihn ent­sprechend einer Weisung der (russischen ) Polizei als den Aufrührer und Rebellen zu­nächst in die Stadt bringen und ausliefern wollen. Seinen tragischen Satz: „Aber ich kämpfe doch für Eure Freiheit!“ verstehen sie nicht. Sie haben nur Angst vor Prügel, die sie von den zaristischen Polizisten oder den Kosaken bezie­hen könnten, auch davor, dass ihr Habe ange­zündet werden kann. Es handelt sich um ruthe­ni­sche bzw. ukrainische Bauern in Ost­polen, für die ›Polen‹ nur durch die Grundherren verkörpert wird.

Die Frage nach der Qualität der Freiheit, auf die dieser Magnatensohn rekurriert - er wird als sol­cher von den Bauern durch einen Pelz über den Lumpen erkannt - erfolgt nicht. Das gesell­schaft­liche Problem, das Abhän­­gig­­keitsverhältnis Szlachta - Bauern wird nicht tan­giert. Der gesell­schaftliche Gegensatz wird aber durch das junge Mädchen, Salomea, das den Schwer­ver­wunde­ten in einem fast verlassenen Gutshof auf­nimmt und durch ihre Pflege das Leben rettet, perma­nent spürbar. Charakteristisch ist die Selbstverständlichkeit, mit der dieser junge Fürst Joseph Odrowaz in den Kampf gezogen ist.

Die Szlachta ist mehrfach zu differenzieren (Stichworte):

  • die historische Entwicklung bzgl. des Verhältnisses zwischen der altpolnischen und der litau­ischen Szlachta;

  • das Verhältnis zwischen der polnischen Szlachta und der weißrussischen sowie ukrai­nischen als Bestandteil der gesamtpolnischen Szlachta;

  • die Herausbildung der weißrussischen und ukrainischen Nation und ihre Definition über die Sprache, d.h. ihre slawischen Idiome.

  • die Trennung der Szlachta in Magnaten, die mittlere und niedere Szlachta, ihre jeweilige Orien­tierung und Interessenlage.

  • das Verhältnis der Szlachta zu den Teilungsmächten bzw. die Rolle im Abwehrkampf ab 1772, die historischen Phasen: a) bis 1791 (der Verabschiedung der Verfassung des 3. Mai); b) der Kosciuszko-Aufstand bis zur dritten Teilung als dessen Folge; c) bis zum Ende der napoleo­nischen Ära in Polen 1813 bzw. 1815 (Wiener Kongress); d) Kon­gress­polen bis zum 'Novem­beraufstand' 1830/31101; e) bis zum 'Januar­aufstand' 1863/64; auch 1848/ der Galizienauf­stand; f) in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts. h) der Einfluss der durch Frankreich beeinflussten Liberalisierungs- und Demokratie­­bewegung;

Im Sinne einer soziohistorischen Fragestellung könnte durchaus begonnen werden mit der Frage, inwieweit die Struktur des Adelsbewusstseins geprägt ist. Ist mit der Union von Krewo, d.h. durch die Verknüpfung von polnischem und litauischem Adel ein Bewusstseinswandel eingetreten, der gravierender ist als die materiell schon angenäherten Lebensfor­men? Die damit verbundene äu­ßere Perspektive (West- bzw. Ostorien­tierung) symbolisiert auch einen veränderten Freiheitsbe­griff, der im litauischen Bereich im Sinne des (auch in Ungarn vorherrschenden) Magnatentums eher als Recht herrschaftlicher Autonomie zu verstehen war, im piastisch geprägten polnischen Teil aber im mittel­alter­lichen Sinne aus dem freien Bauerntum hervor­kommend ›ritterliche‹ Frei­heitswerte und (dynastische) Sozial­bindungen im Vorder­grund stehen hatte.

Man könnte von der These ausgehen, dass sich beide Habitusformen dann zu dem polni­schen ›anachro­nistisch-utopischen‹ Freiheitsbegriff verbinden, der letztlich zum Zerfall von Staat und Gesellschaft führte, und dessen Folgen in der Gesellschaft erkennbar sind. Litau­isches Magna­tentum überformt seine eigene materielle Orientierung polnisch-anachro­nistisch. Polnisches Adels­tum wird an einer modernen gesell­schaft­lichen Anpassung gehin­dert durch die materielle Schub­kraft des litauischen Magnatentums.

2.2 Die Intellektuellen rekurrieren in hohem Maße auf die Verhaltensweisen der Szlachta. In der Nach­kriegs­zeit erfolgte eine Reproduktion in den gesellschaftlichen Auseinanderset­zungen.

2.3 Die polnischen Industriearbeiter stehen in der Tradition der polnischen Bauern.

2.4 Die polnische Gesellschaft reproduziert in hohem Maße die Verhaltensweisen der Rural­ge­sell­schaft, die in Wechsel­wirkung zur Szlachta steht.

Über die Bauern soll nicht speziell referiert werden. Es gibt eine umfangreiche Litera­tur.102 Darzu­stellen und hervorzuheben sind die Punkte: die Abhängigkeit vom Grundherrn, Rechtsstellung, der Bezug zum Dorf, der Bezug zur eigenen Familie als Überlebens­ge­mein­schaft, die Bedarfs­deckung der Familie im Dorf, Arbeits­leistungen für den Grund­herrn. Zu­nächst ist der selbstständige Bauer gemeint, dessen Familie durch den Hof ernährt wird. Nötig ist dann eine Differenzierung: selbstständige Bauern, begrenzt selbstständige Bau­ern, Tagelöh­ner. Außerdem sind die dörflichen oder (klein)-städtischen Handwerker zu be­trach­ten.

Wesentlich für das Verhältnis Adel - Bauern ist die ›Bauernbefreiung‹ in Russland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts . Dadurch wurde der Adel partiell enteignet, er verarmte. Dies galt vor allem für den mittleren Adel. Der hohe Adel (die Magnaten) war weniger betroffen. Die Magnaten blie­ben Interna­tiona­listen. Weitere Enteignungen gab es nach 1830/31 und 1863/64 als Folge der Aufstände. Man kann von einer gewissen Symbiose sprechen zwi­schen dem Kleinadel (der z.T. ohne Besitz war), dem verarmten Mitteladel (s.o.) sowie Tei­len der Bauernschaft, der Kleinbürger und Hand­wer­ker. Diese Gruppe (vor allem der Klein­adel) hatte nur begrenzte Möglichkeiten für Positionen im (russischen) Staatsdienst.103 Der Adel verstand sich insgesamt als Träger der Polni­schen Nation. Man schätzt ihn auf ca. 12 - 13 Prozent der Bevölkerung.

2.5 Es bildet sich in der Geschichte der polnischen Nation eine spezifische Interde­pendenz zwi­schen Nation und Staat heraus.

Der Staat war vor den Teilungen kein sprachlich homogener Staat. Neu war für die zweite Hälfte des 19. Jahr­hunderts eine Definition der Nation über die Sprache. Für die neue Nation (ab 1919) hatte die polnische Sprache eine besondere Bedeutung. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine groß­polnische, eine klein­pol­nische und eine masowische Spra­che und entsprechende Grammati­ken. Der Begriff der Sprachnation hat eine prak­tische Be­deu­tung erst ab 1918; zuvor gab es die drei Grammatiken (s.o.). Im polnischen Sinne gilt die Nation als geistige Macht. Im preußischen Sinne ist Nation ein Machtfaktor.

In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts war offen, ob die Ukraine eine eigene Nation bilden würde. Die Ukraine war orthodox. In Weißrussland hat es eine teilweise Polonisierung gege­ben durch die Unierte Kirche: Sie behielt den orthodoxen Ritus bei, anerkannte aber den Papst als Oberhaupt. Diese Kirche wurde von Stalin verboten. Sie musste zur ›prawo­sla­wischen‹, also der im eigenen Selbstverständnis ›recht­gläubigen‹, zurückkehren.

Teilweise ist die polnische Szlachta mit der ukrainischen und weißrussischen verbunden. Seit 1413 gibt es die ›Union von Horodlo‹, die ›Wappenunion‹. Der Adel des Groß­für­sten­tums Litauen wird dabei in die polnische Szlachta übernommen.

Die alte Republik (Rzeczpospolita) vor 1772 war eine Republik zweier (Staats)-nationen, der alt­pol­nischen Adelsschicht und der großlitauischen Adelsschicht.104 Die Polnischen Bau­ern gehörten nicht zur Nation.105

Polen ist ein wirklicher Nationalstaat erst nach 1945. Dies erklärt die Schwierig­keiten der Kommunisten bezüglich ihrer dem Internationalismus zuzuordnenden Ideologie. Sie fanden des­halb nur eine sehr begrenzte Resonanz im Volk.

3.1 Das Wertesystem und die Praxis des polnischen Katholizismus stellen ein Para­digma im Wer­tesystem und Verhalten der gesamten polnischen Nation dar. Sie domi­nieren das Bewusstsein und beeinflussen Denken und Handeln in der gesamten Gesellschaft in entschei­dender Weise.

3.2 Die maßgebliche Rolle der polnischen katholischen Kirche als Institution sowie der spezifi­schen Form des polnischen Katholizismus sind ableitbar aus der Rolle die­ser Kirche während der Teilungszeit. Für das Verhältnis der katholischen Kirche zur polnischen Nation im Sinne einer sozialen Identität ist vor allem die Phase ab dem Januaraufstand 1863/64 bestim­mend.

3.3 Der polnische Klerus begreift sich partiell einbezogen in gesellschaftliche Ausein­ander­set­zungen. Er konserviert außerdem das tradierte Weltbild des polnischen Klerus im 19. Jahrhun­dert. Dieses hat seine wesentliche Prägung im 17./18. Jahrhundert erfahren. Da­durch befindet er sich in der Doppelrolle, die er bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und der Okku­pa­tions­zeit in­nehatte.

3.4 Der polnische Katholizismus ist stark geprägt durch Mystizismus und Emotionali­tät. ›Glaube‹ ist in hohem Maße vorbewusst, mystisch sowie simplifi­zierend mit spezi­fi­schen Ausprä­gungen im Volksglauben. Glaubensgegenstände sind - so­weit im historischen Be­zug stehend - Mani­festationen mystisch verklärter Postulate und Fiktionen.

3.5 Die genannten Phänomene sowie religiösen Symbole haben eine historische und gegen­wär­tige Funktion. Beispiele sind:

  • Die Rolle des Marienbildes im Abwehrkampf am Hellen Berge (Tschenstochau,1655) sowie die Erklärung der Jungfrau Maria zur ›Königin der Krone Polens‹ nach dem ›Wunder von Tschen­stochau‹ durch König Johann Kasimir(1656).106

  • Die Sakrifizierung der Leninwerft durch Anbringen des Kreuzes und des Marienbildes

4.1 Das historische Bewusstsein hat eine tragende Bedeutung in der Selbstsicht der Polni­schen Nation. Es ist maßgeblich beeinflusst von Legendenbildungen und histo­risch verklär­ten Darstel­lungen.

Diese werden vermittelt durch historisierende Darstellungen in der polnischen Literatur, vor allem des 19.Jahrhun­derts und der Jahrhundertwende (Mickiewicz, Sienkiewicz, Slo­wacki, Reymont, Prus, Witkacy und Zeromski). In der gleichen Tradition steht auch Jan Dobraczynski (geb. 1910).107 Historisches Bewusst­sein besteht in Polen wesentlich in einer mentalen Verinnerlichung sowie indivi­duell und kollektiv aufge­nom­mener Schein­realitäten und deren Reproduktion inner­halb und außerhalb des Bildungssystems.

4.2 Wissenschaft und Bildung vermochten in Universität und Schule dem nur be­grenzt ent­gegen­zusteuern. Reform­­versuche polnischer Wissenschaftler und Didaktiker wurden nach­haltig beein­trächtigt durch admini­stra­tive Zielvorgaben (Partei und Nomenkla­tura) im Zusam­men­hang mit der bisherigen Staatsdoktrin, dem Marxis­­mus/Leninismus. In den Uni­versitäten, vor allem in den Dis­ziplinen Philosophie, Geschichte, Soziologie und Polonistik sowie der Schule (Geschichts-und Polnischunterricht) hatte die spezi­fische Dar­stellung der ›Polonitas‹ bis zum politischen Wechsel 1989 eine besondere Bedeutung in der gesell­schaftlichen Auseinan­der­set­zung mit dem Marxis­mus/Leninismus. Der Geschichtsun­terricht konnte auch in seiner modernen didaktischen und methodischen Konzeption nur eine ge­ringe Resonanz bei Schülern bewirken.108 Ihre Umsetzung in Hinblick auf konkrete Kennt­nisse, umfassende und gesicherte Erkennt­­nisse, die Methode einer analytischen Be­trach­tung aus der Distanz heraus sowie in größeren Zusam­­men­hängen, ist kaum feststellbar. Der Ersatz subjektiver emotional besetzter Wahrnehmung durch das Prinzip histori­scher Objektivität war nie nennenswert gegeben.

5.1 Durch die verinnerlichte Geschichtsbetrachtung und das Rekurrieren auf emotio­nal be­stimmte und historisch abgeleitete partiell katholisch geprägte Wertesysteme sowie deren Reproduktion in der politischen Kultur des Landes erfolgte eine spezifi­sche Wechselwirkung zwischen Gesell­schaft und Bildungssystem außer­halb bzw. un­terhalb der Ebene der Admi­nistration und des staat­lichen Bildungsapparates. Sie ist ein­ge­­bunden in die zumindest la­tent bewussten aber stän­dig gegenwärtigen Auseinanderset­zungen. Der gesamte Konflikt kann als gesellschaftliche Aus­einandersetzung mit - bzw. als Kampf gegen - den Kom­mu­nis­mus definiert werden.

5.3 Die Funktionalisierung des Bildungsprozesses durch alle Beteiligten (Administration, Bil­dungs­­institu­tionen, gesellschaftliche Gruppen) hemmte eine wis­senschaftsadäquate Betrach­tung der Geschichte der eigenen Nation. Die Reforman­sätze in Wissenschaft und Bildung konnten in den siebziger und achtziger Jahren nur be­grenzt umgesetzt werden. Die Arbeit der Akteure fand als Gratwandel statt zwischen den drei Zentren: Gesellschaft - Staat - Kirche.

5.4 Die sich bereits in den siebziger Jahren daraus eröffnenden Chancen einer ›Reformpolitik‹ waren begrenzt, wurden aber nicht umgesetzt. Ihr Wert konnte nicht in einen gesellschaftlichen oder ökono­mischen Nutzen umgesetzt werden. Er wurde vertan. Dieser Prozess wird in der west­lichen Betrachtung oft unspezifisch als 'irrational' bezeichnet, damit aber nicht gedeutet und nicht in seiner historischen Dimensionalität begriffen und ent­spre­chend eingeordnet.

5.5 Die Überlagerung von Machtkämpfen über Reformansätze und sinnvolle wie not­wen­dige Än­derungen verhinderte die für einen Übergang zur modernen Industriege­sellschaft notwendige Grundlage. Das Prinzip ökonomisch definierter Rationalität westli­cher Industrie­gesellschaften im Sinne einer Orientierung des Denkens und Handelns an öko­nomischen Zielen (Gewinn­op­ti­mie­rung etc.) ist nur sehr begrenzt im Denken der polnischen Gesell­schaft vorhanden. Diejenigen, die dies individuell erkannt haben und umzusetzen be­reit waren, sind in Polen in der Minderheit. Ihre Arbeit wird nicht honoriert. Diese Experten be­finden sich in einer tragischen Situation.

5.6 Der gesamte innergesellschaftliche Kampf stand in Polen nicht unter dem Aspekt von Quali­tät, wissen­schaft­licher Wahrheit, objektiver Notwendigkeit oder anderen, in westlichen Maximen vorhandenen Prämis­sen. Er wurde nicht unter dem Grundsatz von Zielbestim­mungen geführt, sondern reproduzierte eine im histo­­­rischen Prozess der Gesell­schaftsent­wicklung und dem ent­sprechenden Wertesystem angelegte Konflikt­­­­aus­tragung. Dadurch ergab sich eine Gleichzeitig­keit von Selbst- und Nichtdefinition des Zieles. Ein Ausbruch aus diesem Prozess, eine Fortent­wicklung, konnte unter den gegebenen Bedingun­gen nicht erfolgen. Der Sozialismus sollte als ein oktroyiertes System abgeworfen werden. Eine gei­stige Ausein­an­der­setzung mit ihm fand nicht statt.

6.1 Die Ansätze einer Liberalisierung nach 1956 unter Gomulka wurden zurückge­nommen auf­grund der Erstarkung national­kommunistischer Kräfte.

6.2 Die Unterdrückung der Studentenbewegung und der neue Antisemitismus (1968) sind im historischen Kontext zu interpretieren.

6.3 Die ökonomische Reformpolitik während der Gierek-Ära, die Politik der ›Öffnung zum Westen‹, ist nicht nur als Folge wirtschaftlicher Fehlentscheidungen im Investiti­onsbereich, der weltweiten Stahlkrise, sondern maßgeblich aufgrund eines typischen Fehl­verhaltens der in Regie­rung, Verwaltung und Wirtschaft Polens Beteiligten gescheitert. Der Begriff Fehl­verhalten greift dabei zu kurz; er muss als zentraler Inhalt untersucht und defi­niert werden. Es handelt sich um spezifische Interdependenzverhältnisse in ihrer Mehrebe­nen-Span­nungskonstellation.

6.4 Die Reformansätze im Erneuerungsprozess 1980/81 waren nicht an konkreten poli­ti­schen, sozialen und ökonomischen Zielen orientiert, sondern primär am gesellschafts­poli­tischen Kampf mit dem Ziel einer grund­sätzlichen politischen und ökonomischen Ände­rung, einer Abschaffung des herrschenden Systems.

Der Begriff Odnowa wurde 1980 in den westdeutschen Medien zur Charakterisierung des mit den Streik­bewe­gungen verbundenen - aber wesentlich erhofften - Reformprozesses benutzt. Er war ebenfalls für die Linke in Westeuropa Synonym für die Chance eines ›Dritten Weges‹. Die Linken projizierten damit eigene Erwartung, Hoffnungen und Zielvor­stellungen in diesen Prozess in Polen hinein. Der Begriff wurde bald vom Reform­flügel der Partei in ihrem Sinne positiv besetzt und instrumentali­siert. Vertreter der Partei wie z.B. Stefan Bratkowski verbanden mit der Solidarnosc die Hoffnung auf eine Erneuerung des Sozialismus in Polen. Szumowski, der Chefredakteur der Gazeta Krakowska, unterstützte z.B. die Solidarnosc in seiner Partei­zeitung. Nach Verhängung des Kriegszustandes er­klärte ihn die Partei zum Dissidenten und setzte ihn ab. Die Propagan­disten der Partei ho­ben ab auf die Person Jaruzelskis und verwendeten in den ›Unterwer­fungs­­er­klä­rungen‹ z. B. For­mulierungen wie ›ich erkläre mich einver­stan­den mit den Reformen des Generals Jaru­zelski‹. Seitdem ist auch der Reformbegriff in den Augen der Solidar­nosc diskredi­tiert.

6.5 Das politische Scheitern der Solidarnosc stellt eine Reproduktion des Scheiterns histori­scher Kämpfe dar, aus dem die moralische bzw. affektive Stärke für einen neuen Kampf erwuchs. Denken und Handeln, Strategie und Taktik entsprachen denselben histori­schen Vorbildern. Der Kampf führte solange nicht zum Ziel, bis die Macht des Gegners auf­grund äußerer Bedingungen sich selbst aufhob, durch die Perestrojka-Politik Gorbatschows sowie die ökonomische und poli­tische Agonie der ehemaligen Hegemonialmacht.

7.1 Die Reformansätze der Opposition in Bezug auf den Umbau des Wirtschafts­systems (Reformen im Sozialis­mus, den zunehmenden Einbau von marktwirtschaftlichen Elementen, dann den voll­ständigen Übergang zur Marktwirtschaft) entsprachen den Modellen westlicher Wirt­schafts­politik. Sie enthielten wesentlich liberale und sozial­demokratische Denkansätze und waren geprägt durch die katholische Soziallehre.109

7.2 Die Regierung Jaruzelski hat sich nach dem 13.12.1981 die in der Solidarnosc entwickelten Ansätze zu eigen gemacht und versucht, diese stufenlos ohne prinzipielle Änderungen umzusetzen.110

7.3 Regierung und Opposition haben 1981, unter äußerem Zwang stehend, den Anschein gesell­­schaft­licher Kompromiß- und Konsensfähigkeit vermittelt.

Das Scheitern möglicher Reformansätze im Jahre 1981 (durch Einführung des Kriegs­zu­standes) ist eine Folge aus der Unmöglichkeit der Machtteilung und -abgabe bzw. der prin­zipiellen Nicht­be­reit­schaft seitens der Regierung und der Nichtbereitschaft und Unfähig­keit zur Zusammenarbeit seitens der Opposition. Letztlich kann eine grund­sätzliche Unreali­sierbarkeit konstatiert werden. Dadurch ergibt sich auch von Seiten der Opposition von vornherein die Unmöglichkeit eines Kon­senses.

7.4 Regierung und Opposition verhalten sich 1980/81 im Denken und Handeln ›polnisch‹, also nicht ökonomisch-rational und zielorientiert. Es gibt keine grundsätzliche Akzeptanz gegebener Rahmen­bedin­gungen, keinen möglichen Konsens innerhalb dieser von außen gesetzten Normen, jeweils das für die Nation respektive das Land Beste zu tun.

7.5 Die Regierung Jaruzelski, die Planungsbürokratie, bleibt auf der Ebene der Deklamatio­nen und der Selbst­­täuschung.

Sie benutzt tradierte Methoden: Nationaler Pathos, Rekurrieren auf ›polnische Werte‹, ohne diese zu definieren. Sie ist in Hinblick auf die Entwicklung einer Programmatik, die Ausar­beitung kon­kreter Ziele und Modelle, die Diskussion der Durchführung, die Reflexion ihrer Umsetzung be­trachtet untätig, zumindest ist dies bedeutungslos. Stattdessen erfolgt eine Verschleierung der realen Ziele, eine Zurück­haltung von Infor­ma­tionen. Es erfolgen Schuld­zuweisungen an (z.T. imaginäre) Dritte seitens der Propagan­disten, z.T. sogar an das Wetter. Typisch sind Appelle an das Zusammenstehen der ganzen Nation. Das Einbringen der Ernte wird 1981 mit dem Wider­standskampf von 1939 assoziiert. Man argumen­tiert auf einer Metaebene. Man weiß, dass man die Sachlage verfälscht, dass man versucht, der Bevölkerung etwas vorzumachen. Trotzdem wird dieses Verhalten in neuen Varianten ständig fortgeführt.

7.6 Die Opposition ist nahezu untätig. Sie leistet keine umsetzbaren Vorarbeiten, entwic­kelt keine realisier­baren Konzepte, keine konsensfähigen Strategien.111

Es gibt keine nennenswerte konzeptionelle Arbeit. Dies, obwohl der kommunistische Staat seinen Gegnern die Gelegenheit gab, nahezu ungehindert als Wissen­schaftler in den Uni­versitäten, der Administration und den Planungsbehörden zu arbeiten. Es gab keine Schub­ladenpläne, keine vorbereiteten Strategien für den Tag 'X' der Machtübernahme, selbst wenn man dieses nicht so schnell erwartet hat. Dies wiegt um so schwerer, als die polni­schen Oppositionellen im Vergleich zur CSSR und Ungarn deutlich bessere Voraus­set­zun­gen hatten: Sie hatten im Vergleich zu allen damaligen sozialistischen Ländern an den Uni­versitäten und anderen Institutionen nahezu unein­ge­schränkte Arbeits­möglichkeiten. Sie konnten faktisch ungehindert über alle benötigten wissen­schaft­lichen Informa­tio­nen des Westens verfügen (z.B. Einladungen zu Symposien, kostenlose Fach­zeitschriften, Zusam­men­arbeiten von Universitäten, Wissen­schaftler­austausch etc.). Sie verfügten über einen hoch anzusetzenden Sympathievorschuss im Westen. Defizite aufgrund finan­zieller Probleme bezüglich der wissenschaftlichen Arbeit konnten durch Stipendien ausge­glichen werden, z.B. durch die Friedrich-Ebert-Stiftung oder die DGB-Gewerkschaften.112

7.7 Die wirtschaftlichen und politischen Probleme nach 1989 sind auch Ausdruck und Folge der genannten Problematik:

  • Balcerowicz versucht nach amerikanischem Muster neoliberale Politik umzusetzen, ohne die spezifisch polnischen Bedingungen einzubeziehen.113

  • Man kann beim Umbau der Wirtschaft nicht auf 'Schubladen'-entwürfe, -pläne oder Alter­na­tiven zurückgreifen;

  • Es gibt 1989/90 keine fertigen (auch alternative) Gesetzesvorlagen für grundlegende Rechts­reformen (ausgenommen das Abtreibungsverbot);

  • Es gibt keine Finanzierungsmodelle; keine beschlussfertigen Vorlagen (Absprachen mit IFW, Gläubi­gerländern und -banken etc.);

  • Es gibt keine hinreichenden Vorarbeiten für eine Zusammenarbeit oder gar Assoziation mit der EG;

  • Es werden keine Marktanalysen durchgeführt um die Adaption der polnischen Volkswirt­schaft zu erleichtern und zu beschleunigen;

  • Kontakte mit westlichen Firmen und potenziellen Investoren werden nicht genutzt oder ver­nachlässigt;

Die Folge sind Verzögerungen im Konversionsprozess. Man hat den Versuch eines zumin­dest in Ansätzen steuerbaren Paradig­men­­wechsels aufgegeben und sich weitgehend neo­liberalen Prin­zipien gebeugt.114

7.8 Die Chancen eines möglichen ›Dritten Weges‹ wurden weder genutzt noch reflek­tiert. Eine Anwendung auf Polen wurde nicht geprüft, nicht einmal erwogen.

Ökonomische Modelle Westeuropas (›Globalsteuerung‹, ›Planification‹, ›Sozialstaats­modelle‹, spezifische Herausbildung des Föderalismus (Länder­finanz­aus­gleich; Gemein­schafts­­­aus­gaben etc.) wurden nicht auf Über­nahme ge­prüft, obwohl pol­nische Wissen­schaft­ler über alle Probleme der BRD, der USA, auch Frank­reichs und Englands gearbeitet haben.

In dieser Gedankenführung ist sehr stark die westdeutsche Projektion vor allem seitens der Lin­ken enthalten. Es kann als gesichert gelten, dass der ›Dritte Weg‹ vor 1980 bei einem kleinen Teil polnischer Intel­lektueller erwogen wurde; dies ist unter dem Aspekt der Reali­sie­rungs­chan­cen aufgrund der Rahmen­be­dingungen zu sehen.115 Der reale ablaufende sozio­ökono­mische Prozess hat die gesamte Problematik überlagert.

8. Die politische Praxis der Übergangsphase lässt vermuten, dass im Binnensystem Denken und Handeln der neuen Machtelite wesentlich den tradierten gesellschaft­lichen Maximen entspricht. Auch neoliberale radikal-ökonomische Reformansätze (Balcerowicz) lassen keine grundlegende Änderung im sozialen Gesamt­system erwarten. Weder Umsetzung der Vorhaben noch Akzep­tanz in der Bevöl­kerung noch Verhalten der neuen Besitzenden lässt eine Entwicklung auf eine Indu­strie­gesellschaft west­europäischer Ausprägung (am Beispiel der BRD) erwarten. Die gesell­schaft­liche Diversifikation der Gegenwart knüpft prozessual an die Gesellschaft des 19. Jahr­hun­derts an. Das vorindustri­elle Bewusstsein verhindert die Herausbildung eines funktionalen Partei­en­­systems und die Bildung parlamentarisch - demokratischer Strukturen.

2. Exkurs: Die Ansätze Aleksander Bochenskis116

Als exemplarisch für polnische Autoren zur Skizzierung der ›Polonitas‹ aus polnischer Sicht können die Ansätze Bochenskis angesehen werden. Bochenski ist Angehöriger der tech­nischen Intelligenz und seinem Selbstverständnis nach dem rationalis­tischen Den­ken zuzu­ord­nen. Seine Position soll in Auszügen skizziert werden.117

Bochenski analysiert das typische Verhalten der Polen gegenüber dem ›Schicksal des Landes‹, der ›Entwicklung der Technik‹ und der ›Weltwirtschaft‹. ›Allgemein kann man feststellen, dass unsere Psyche gar nicht vorbereitet war, um die Richtlinien der Entwick­lung der Welt und ihr Tempo richtig einzuschätzen, das ist mit ein Grund dafür, dass die wirt­schaftliche Entwicklung Polens nicht zufriedenstellend ist.‹ (S.5) Das wirtschaftliche Potenzial ist da, wichtig ist jetzt die Qualität, d.h. man muss jetzt die Maschinen, aber auch die Menschen richtig einsetzen können, sich von extensiver auf intensive Wirtschaft umstellen. Aber auch die besten Methoden helfen nicht, wenn wir uns nicht endlich an die Arbeit machen. (S.8) Man kann zwei grundsätzlich ver­schiedene Einstellungen zur Arbeit in den staatlichen Betrieben feststellen: die einen handeln nach dem Grundsatz der guten, ehrlichen Arbeit für das Gemeinwohl, für den Fortschritt der Technik (es sind einzelne Personen, aber auch Gruppen oder ganze Regionen wie z.B. Ober­schlesien oder Großpolen), die zweite Haltung ist überall anzutreffen: Passivität statt Aktivität, Freizügigkeit statt Disziplin, Ego­ismus statt Arbeit für das Gemeinwohl. (S.9)

Es fehlt das Verständnis, dass das Wohl des Einzelnen von der Wirtschaftslage des Lan­des ab­hängt. Um diese Haltung zu ändern muss man zweierlei tun: es muss ein klar aus­gear­beiteter Wirtschaftsplan vorliegen und es muss eine Umwertung der Werte zustande kom­men (S. 58). Bochenski sieht in der Nation ungeahnte Kräfte, die jedoch nur im Kampf oder in der Gefahr wach werden. Was kann man tun, um diese Kräfte für den Fortschritt der Wirtschaft, der Technik, der Industrie auszunutzen? (S. 60).

Man muss die Komplexe des ›ewigen Feindes‹ abbauen. Sie waren und sind eine Gefahr für die Entwick­lung, gar für das Fort­bestehen der polnischen Nation. Seit 1945 hat man die Jugend im­mer im Hass gegen die Russen und die Deutschen erzogen (S. 65). Man müsste den Enthusiasmus durch Arbeitsdisziplin ersetzen (S. 81).

Der Entwicklungsstand der Technik, Wissenschaft und Industrie ist der Maßstab für die Entwick­lung der Nation, d.h. er entscheidet über den Wert einer Nation. Thesen über die geistige und moralische Entwick­lung der Nation unter Verzicht auf den Fortschritt sind falsch. Die Vorausset­zung für die Entwicklung ist die geistige Mobilisierung. Gefordert wird die Vernunft bei den Regie­renden und die Disziplin bei den Ausführenden (S. 92).

In der Zeit der Sachsenkönige dominierte in Polen eine Lebenseinstellung, die eigenen Reichtum im Sinne hatte und sich zum Ziel setzte, die Stärkung der Königsmacht nicht zu­zulassen, um so die herrschende Anarchie aufrechtzuerhalten. Patriotismus war da­mals mit der Verteidigung der ›goldenen Freiheit‹ gleich­zusetzen. Sehr wichtig war der Reichtum des Einzelnen (der allerdings weder vom Handel noch vom Gewerbe kommen durfte); der pol­nische Adlige lebte verschwen­derisch, für ihn galten gutes Essen, Trin­ken, die Jagd etc. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte in Polen das Modell eines verschwen­derisch lebenden Adligen. (S.10)

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der späteren Haltung der polnischen und der westlichen Intelli­genz liegt darin, dass sich in Polen die Intelligenz aus der Szlachta ent­wic­kelt hat, im Westen dagegen aus dem Bürgertum. (S.11) Eine Gruppe von aufgeklär­ten Menschen versuchte, ein neues Gegenmodell und ein neues Wertesystem zu schaffen (Konarski, Staszic, Kollataj): das Modell eines sozial und patriotisch gesinnten Menschen, der die Opferbereitschaft genauso hoch­schätzt wie die Ausbildung. (S.13) In Polen gab es kein ›polnisches‹ Bürgertum. Diese Tatsache hat die Psyche der Nation, insbesondere die der Intelli­genz, stark geprägt. Die ökonomische Funktion des Bürger­tums übernahm damals das Judentum, das aber sowohl religiös als auch sozial und kul­turell isoliert war. (S.14)

Nach den Teilungen gab es zwei Wege, um als Nation zu überleben. Die damalige Elite schlug vor:

  • die Aufklärer verstanden Vaterlandsliebe als Rationalismus sowie als Entwicklung der Wissen­schaft;

  • die Romantiker wollten den Aufbau des Staates durch den bewaffneten Kampf errei­chen.

Die zweite Einstellung erwies sich damals - wenn auch nur kurzfristig - als richtig, was nicht viele eingesehen haben. Es entstand (unter Napoleon 1807-1813) das Herzogtum Warschau. Der Ein­fluss dieses Ereig­nisses auf die polnische Psyche war sehr stark und er dauert bis heute fort: nicht das Denken, sondern der Kampf ist wichtig. (S.18) Die schlimmste Haltung der Polen war die Passivität und Unfähigkeit zum Kampf (wäh­rend der Zeit der Herrschaft der Sachsenkönige) ge­wesen. Noch schlimmer war jedoch die Überzeu­gung, dass nur ein ununter­broch­ener Kampf mit allen drei Teilungsmächten auf einmal die Freiheit bringen kann. (S.21)

In der Romantik entstand eine psychische Haltung, die bis 1870 lebendig war. Es war ein neues Lebens­modell: der Pole als Romantiker und Freiheitskämpfer, der den Rationa­lismus verachtet und für den die unkontrollierten Gefühle das oberste Prinzip waren. Dieses Modell wurde in der Literatur tradiert. Das Positive an der Romantik war, dass die nationa­len Bande sich verstärkt ha­ben. Die Opferbereitschaft, der National­stolz und die Freiheits­liebe wurden als die wichtigsten Gefühle erklärt. (S.23)

Die Nachteile der romantisch-patriotischen Lebenshaltung waren:

  • die einseitige Aktivität, die eine Tätigkeit auf dem Gebiet der Wirtschaft und Technik völlig ausschloss;

  • das Modell eines gebildeten Menschen schuf nicht das Leben selbst, sondern die Litera­tur; es entstand ein Kult um den Dichter und Kämpfer;

  • die Verachtung gegenüber der Technik, dem Fortschritt und der Industrie;

  • der Kult des Leidens (Polen - Christus der Völker);

  • das Fehlen von Disziplin; man soll der ›Idee‹, nicht irgendwelcher ›Obrigkeit gehor­chen; (S.27/28)

Die Positivisten versuchten, das Modell der Romantik durch ein anderes zu ersetzen: der Begriff ›patrio­tisch‹ sollte mit ›ausgebildet und fortschrittlich gesinnt‹ gleichgesetzt wer­den und durch den ›ökonomischen und technischen Patriotismus‹ ersetzt werden. Die­ses neue Modell konnte sich am besten in Großpolen durchsetzen, dort galt seit 1848 das Modell des patriotisch gesinnten Polen, der durch seine Arbeit in der Land­wirtschaft im Handel oder in der Industrie dem Vaterland dient. Einen weiteren Versuch, den pol­ni­schen romantischen Patriotismus durch den Wirtschafts­patriotismus zu ersetzen, unter­nahm u.a. E. Kwiatkowski. (S.31)

All diese Versuche, ein 'irrationales' Modell durch ein 'rationales' zu ersetzen, haben in der polni­schen Psyche keine tieferen Spuren hinterlassen, denn sie stießen immer wie­der auf die Gegen­reaktion des in der polnischen Psyche bereits tief verankerten roman­tischen Modells.

›Gegenbewegungen‹:

Die Versuche Poniatowskis (seine Orientierung an Aufklärung) hatten Kosciuszko und die Legio­nen zunichte gemacht, Staszic's und Lubecki's Ideen wurden durch den Einfluß von Mickiewicz, Slowacki und der ganzen Generation der Romantiker in den Hintergrund ge­drängt, die Ideen der Positivisten wurden mit einem Schlag durch ›Trilogie‹ von Sien­kiewicz zerstört. Die Schul­erzie­hung in der Pilsudski–Ära setzte die romantische Tradi­tion des Kampfes fort. (S.31f)

Der Patriotismus der Polen in Galizien entstand durch die Literatur. 1918 wurden die meisten Lehrerstellen durch Polen aus Galizien besetzt. Hätte man dort die Polen aus Groß­polen einge­setzt, deren Mentalität stärker auf die Arbeit als auf den Kampf ausge­richtet war, hätte die Ent­wicklung der Psyche der polnischen Nation in der Zwischen­kriegszeit sicher einen andere Rich­tung eingeschlagen. (S.34) Zweifellos hat die Kirche die polnische Psyche sehr stark geprägt. In der Zeit des Positivismus wandte sich die Kirche gegen die Naturwis­senschaften und huldigte dem romantischen Modell des Patriotismus. (S.42)

Der Wiederaufbau des polnischen Staates hat in der polnischen Psyche einen Nieder­schlag ge­funden. Das große Ziel, das die Polen seit über 100 Jahren immer vor Augen hat­ten, ist nicht mehr da, weil es erreicht worden ist. Die Kräfte, die die Polen zusam­mengehal­ten und zu höch­stem inspiriert hatten, waren auf einmal nicht mehr so stark. Es gab Versu­che, das Hauptziel durch andere zu ersetzen, Dmowski [ENDECJA] wollte z.B. die Aktivi­täten zur Bekämpfung der Minderheiten ausnutzen. (S. 43)

Zum Bild der polnischen Intelligenz der Zwischenkriegszeit gehörte die Abneigung gegen den Kapitalismus und die Kapitalisten, deren Inbegriff ›der deutsche Fabrikant‹ war. Das war der Bestandteil des polnischen Patriotismus, war doch das ganze Kapital in frem­den Händen. Hierin liegen auch die Gründe für die Abnei­gung gegen die Industrie über­haupt. (S. 45). Die Schule trug zur Aufrechterhaltung dieser Haltung bei, indem sie die Schüler in der Abneigung gegen die Ar­beit und der Gleichgültigkeit gegenüber der wirt­schaft­lichen und ökonomischen Problematik stärkte. Die Schule propagierte das Konsum­den­ken statt des Produktionsdenkens. (S. 46)

Die Gründer der Krakauer Bergbau- und Hüttenakademie erkannten, daß die politische Souve­rä­ni­tät des Staates von seiner wirtschaftlichen Souveränität abhängt. (S.46) Vor Aus­bruch des Krieges versuchten E. Kwiatkowski (durch seine Wirtschaftspolitik) und M. Wan­kowicz (durch seine schriftstellerische Tätigkeit) den polnischen Patriotismus in ei­nen Wirt­schaftspatriotismus umzu­­wandeln.

Der Krieg, der Kampf mit dem Okkupanten machten diese Bemühungen zunichte, denn gefordert wurden damals wieder der Kampf und die Opfer­bereitschaft. Die in der roman­tischen Tradition erzogenen Polen glaubten, je mehr Opfer, um so höher ist die Stelle Polens in der Hierarchie der Nationen. (S. 50)

Über die Ursachen äußert sich Bochenski folgendermaßen: ›Es wäre falsch, die Ursa­chen des Verfalls Polens in den letzten 30 Jahren des Bestehens des Staates zu su­chen. Die Zeit der Tei­lungen kam nach Jahrzehnten der Anarchie (Schwächung der Königsmacht, keine starke Regie­rung, keine Armee). Das Schlimme ist, daß die Füh­rungsschicht demora­lisiert war, sie war eher bereit zu sterben als eine Verbes­ser­ung des Systems vorzunehmen, die Armee zu vergrö­ßern, neue Steuern einzuführen. Die wich­tigste Ursache liegt in den Systemfehlern. Diese Fehler, die von der Szlachta für Klugheit gehalten wurden, waren in der Tat ein Höhepunkt der Dumm­heit. Alles, was sich gegen das System richtete, war klug, alles was das System unterstützte, war dumm.‹118 Der Gedanke an sich ist ambivalent. Er richtet sich ebenso gegen die prinzipiellen Geg­ner des kommunistischen Machtsystems.

›Noch über 100 Jahre nach der Teilungskatastrophe glaubten die meisten, daß Polen nur durch den bewaff­neten Kampf erlöst werden kann und daß es durch Politik und Refor­men sterben muß. Dieses verfluchte Erbe lebte in der Psyche der Nation bis in die Zwischenkriegszeit hinein fort.‹ S.23

›Die polnische Nation wird von einer Psychose ergriffen, die 'Messianismus' genannt wird. Die Polen glau­ben, daß ihre Nation 'Messias der Völker' sei, daß sie für andere Natio­nen leidet; je mehr sie leidet um so schneller wird die Erlösung kommen.‹ Bochenski ordnet die Verbreitung dieser Ideen den Dichtern Mickiewicz, Slowacki, Krasinski zu, ‘Exilpolen’, wie er betont. (S. 25).

II. Nation und Staat

1.Teil: Figurationssoziologische Aspekte des Staatenbildungsprozesses in Polen in Wechsel­wirkung zur Nation

1.1. Vorüberlegungen

Es bietet sich an, die traditionell als 'politischen' Spannungs­rahmen skizzierte Situation von 1980 mit den Ansätzen der Figura­tions­soziologie, als einen Prozeß innerhalb von Figuratio­nen119 zu betrachten, die sich durch Mehrfachdependenzen auszeichnen. Für Polen läßt sich eine Inter­de­pen­denzverflechtung auf der inner­staat­lichen wie zwi­schenstaatlichen Ebene feststellen. Die Interdependenzen sind mehreren Ebenen zugeordnet.

Bei der innerstaatlichen Ebene handelt es sich erstens um den in Ostmitteleuropa bis 1989 gene­rell als Revolution120 (von 1944-47) bezeichneten Prozeß der (formalen) Macht­übernahme durch eine 'eigene' ethnische Gruppe und zweitens um den - von den Kommunis­ten postulierten - Gegen­satz zwischen den Arbeitern und Bauern einerseits und der Bour­goisie bzw. dem Adel als der 'herrschenden' Klasse andererseits. Die in der Lehre des Mar­xis­mus­ - Lenin­ismus als Inter­es­sen­­identität bzw. -gegensatz postu­lierten Kerngedanken sol­len dabei nicht ideologiekritisch hin­terfragt werden.

Ausgangspunkt der Betrachtung ist die spezifische Situation in der polnischen Gesell­schaft und damit die Sichtweise der beteiligten Idividuen selbst. Drittens ist das Inter­depen­denzverhältnis zwischen Arbeitern und Bauern zu betrach­ten und viertens das Verhältnis zwischen der katho­lischen Bevöl­kerungs­gruppe und den nichtkatholischen klei­neren - zu­meist christ­lichen - Grup­pen, sowie der an Zahl zunehmenden Gruppe von nicht (mehr) praktizierenden Katholiken und von Agnosti­kern. Das Mehrfachverhältnis innerhalb der hochdifferen­zier­ten Gesell­schaft und dessen historische Entwicklung aus den Figurationen der Adels- bzw. der Bauern­gesell­schaft sowie die Regionalentwicklung müssen gesondert betrachtet werden.

Zum zwischenstaatlichen Bereich gehörten die Einbeziehung in das jeweilige Wech­sel­bezie­hungssystem WPO/RGW und NATO/EG-EFTA sowie die Grenzfestsetzungen als Folge des Zweiten Weltkrieges in Jalta und Potsdam und die ›Grenzgarantie‹ durch die UdSSR und die WPO121. Der Beurteilungsmaßstab ist dabei abhängig von den poli­tisch­en Meinungen, individuellen wie kollektiven Wert­setzungen, aber auch inner­gesell­schaftlichen Machtfragen.

Die aktuelle Problematik ist eingebunden in einen historischen Ablauf und unter psy­chosozialen Gesichts­punkten zu betrachten. Dazu Elias:

»Das gilt ganz besonders wenn man den Prozeß­charakter von Figu­ra­tionen in Rechnung stellt. Es war schon immer nicht ganz realistisch, in Gedan­ken inner­staatliche Probleme und zwischen­staat­liche Probleme voneinander zu trennen. Aber je weiter sich die Interdepen­denz­ver­flechtun­gen über die ganze Mensch­heit hin aus­gebrei­tet haben und je enger die Verflech­tung der ver­schie­den­en Staaten der Menschheit geworden ist, um so weniger einträglich ist es, die Erfor­schung die­ser beiden Ebenen der menschlichen Gesell­schaft nach Fächern zu trennen. Im 20. Jahrhundert ist das, was innerhalb eines Staates vor sich geht, insbesonders die Verteilung der innerstaatlichen Machtgewichte, von dem, was sich zwi­schen den Staaten abspielt, insbesondere von den Machtverhältnissen der Staaten, weni­ger abtrenn­bar als je zu­vor. Wo immer man hin­blickt, stößt man auf die Inter­dependenzen der inner­staatlichen und zwischenstaatlichen Pro­zesse.«122

Zur Kennzeichnung des Spannungssystems in der ›Zwangsapparatur‹ einschließlich der ihr im­ma­nenten Zirkular­bewegungen wie Eskalationen, die bisher als ›er­starrter Clinch‹ oder ›Teufels­kreis‹ geläufig ist, versucht Elias den Begriff des ›Doppelbinders‹ nach Gregory Bates ›double-bind‹ einzuführen123. Das von Elias übernommene Bild aus einer Dar­stellung aus den Erzäh­lungen Poes von den Fischern im Mahlstrom124 kann zur Ver­deut­­lichung des in den ›Ereignissen‹ versuch­ten bzw. be­gon­nenen revolutionären Prozesses125 von 1980 her­an­gezogen werden. Es muß kon­zediert werden, daß das Niveau der Selbst­kon­trolle und der Prozeßkontrolle für die Gruppe der Auslöser126 bzw. der initiativ Beteiligten dabei relativ hoch ist.

Ein weiteres Problem ist die Frage der Kontrolle eigener Affekte, der Hand­lungen127 in kritischer Situation. Auch für die Arbeiter der Lenin-Werft gilt, daß sie (noch) eine Chance haben. Das Maß dieser Chance kann man kaum bestimmen, insoweit es sich auf die Arbeiter als Figuration be­zieht.

»Was wir ›Denken‹ nennen, steu­ert die Muskeltätigkeit im Verein oft genug im Konflikt mit Trieben, Affekten, Gefühlen. Spannungen und Konflikte dieser Art bilden ... einen norma­len Zug menschlichen Lebens. Die sozio-psychologischen Funktionen von Menschen, auf die wir mit dem Begriff des ›Denkens‹ hinweisen, sind in ihrem Kampf um die Beein­flussung der koor­di­­nierenden motorischen Zentren, die die Exekutivorgane von Menschen, ... ihre Handlungen in engen Sinne steuern, dem doppelten Druck der Gefühle und der weiteren Situation aus­ge­setzt. ... Auch ›Sprechen‹ ist ›Handeln‹ auf einer anderen Ebene ...«.128

Es bleibt zu prüfen, inwieweit dieser Gedanke als These zur Erklä­rung des Aus­bruchs der Ereig­nisse von 1980 anwendbar ist. Als Hypothese kann formuliert werden, daß das hohe ›Affektniveau‹ des Denkens in diesem eskalierenden Zirku­la­tions­prozeß erkennbar ist, die Rich­tung des Handelns aber durch Über­lagerung tra­dierter Ver­hal­tensweisen bestimmt ist, die vor allem aus der Szlachta- und der Bauern­gesellschaft ableitbar sind. Es gilt für die Initia­toren der Ereig­nisse von 1980 - soweit man überhaupt ein konkretes Hervor­rufen konstatieren kann. Bezüg­lich des Gesamtprozesses ist dieses zu ver­neinen. Auf je­den Fall muß die Reflexion der Frage erfolgen, ob und inwieweit Ansätze voraus­schauenden Den­kens im Verhalten der Danziger Arbei­ter, insbe­sondere aber der Intellektuellen, erkenn­bar und nach­weis­bar sind.

Für die polnischen Arbeiter gilt, daß sie über eine integrierende symbolische Repräsen­tation ver­fügten, wie auch ein Modell und eine Theorie, nämlich das gesell­schaftlich-organi­satorische Mo­dell der katho­lischen Kirche und die christliche Lehre, insbesondere die Sozial­enzyklika, als tra­gende und herr­schen­de Glaubens­doktrin. Es sollte noch geprüft wer­den, inwieweit sich die Arbei­ter während des Streiks 1980 in Prozessen befanden,

»bei denen das Empfinden einer drohen­den Gefahr so über­wäl­ti­­gend stark (war), daß die meisten Menschen zu einer relativen Distan­zie­rung und zur Kontrolle ihrer Furcht unfä­hig (waren), auch wenn der Pro­zeß selbst, wie sie bei größerer Gelassenheit und einigem Nach­denken aus größer­er Distanz (hät­ten) erkennen (müssen), ihnen immer noch Chancen der Kontrolle und somit eines schad­losen Ent­kommens eröffnet (hätte).«129

Die Möglichkeiten relativer Distanzierung wie z.B. Kontrolle der Furcht, werden auf­ge­ho­ben bzw. überlagert durch den aus der starken Bindung in den christlichen Glau­ben ka­tholischer Kon­fes­sion als tragen­den und stärkeren Selbst­zwang. Dies ist verbunden mit der stabili­sierenden Wir­kung durch die Anwesenheit der Priester, die auf dem Werft­gelände gele­sene Messe und die dort abge­nommene Beichte.

Elias' folgender Gedanke bietet sich zur Anwendung auf die Situatiuon 1980 an:

»Dann aber gibt es auch kritische Pro­zesse, die so weit fortgeschritten sind, daß den in sie verstrickten Menschen keine Chance mehr bleibt, ihre phy­sische und psychische Inte­grität zu erhalten oder auch nur ihr Über­leben zu sichern. Wie groß auch ihre Distanzierung, ihre Fähig­keit zu realistischem Nach­denken sein mag, der Prozeß hat für sie den Punkt er­reicht, an dem es kein Zurück mehr gibt. Sie können sich nicht retten, was immer sie denken oder tun.« 130

Es handelt sich nicht um einen fortgeschrittenen lebensbe­drohenden Prozeß oder eine auf die Zerstörung des Individuums oder der Gruppe ausgerichtete Zwangs­situation. Der Grad des Invol­viert­­seins und der prozeß­haften Verstrickung ist aber so hoch, die gruppen­spezifischen Selbst­zwänge so intensiv, daß ein Aus­­brechen aus dem Prozeß, d.h. ein Abbre­chen der Streikaktionen unmöglich wurde. Auch der Zeitpunkt der beginnenden Irreversi­bilität des Prozesses läßt sich annähernd feststellen. Im Zusammen­hang damit steht zugleich die Herausbildung und Kenn­zeich­nung der mythischen Heldenrolle.

Äußerungen polnischer Freunde und Bekannte des Verfassers ihr zum Ausdruck ge­brachter erklär­ter Wille zu kämpfen sowie private Hinweise im Jahre 1980/81 gegenüber dem Verfasser deuten dar­auf hin. So erklär­ten z.B. Angehörige der Solidarnosc 1980 im Falle einer Inter­vention seitens der UdSSR bzw. der WPO unbedingt kämfen zu wollen. Auch Nichtmitglieder der Solidar­nosc erklärten, ›Molotow-Cock­tails‹ werfen zu wollen, wenn die sowjetischen Panzer kämen. Im Jahre 1983 forderten Angehörige der Unter­grund-Solidarnosc (Mit­arbeiter der Univer­sität Danzig) den Verfasser auf, ihnen Metallwerkzeuge zu besorgen. Durch entsprechende Nachfrage wurde klar, daß sie der Her­stellung von Waffen dienen sollten.

1.2 Thesen zu den Reformansätzen Ende der siebziger Jahre

Für Polen stellt sich die Frage nach der Umsetzbarkeit in einer nur begrenzt aus­ge­bildeten bzw. im Prozeß zur Staats­gesell­schaft befindlichen Entwicklung. Dies gilt vor allem in Be­zug auf eine psycho-soziale Akzep­­tanz. Diese enthält aber ein gesellschaftliches Wider­stands­potential, das 1980 zumindest latent gegenwärtig war und von vorn­herein den Sy­stemzwängen unterlag.

Es kann nicht Gegenstand der Frage sein, ob jemals ein sozialistisches Wirt­schafts­mo­dell reali­sier­bar gewesen sein konnte. Dieses mag auf der Ebene volks­­- und betriebswirt­­schaftlicher Modell­rechnungen erfolgen und kann eine Problem­stellung für die künfti­ge So­zial- und Geschichts­forschung sein. Im dama­li­gen ›sozialistischen Lager‹ war diese Frage­stellung tabu. Man hat sich pragmatisch und machtspezi­fisch, d. h. am Macht­erhalt innerhalb des dogmatisch gesetzten Rahmens orien­tiert und dieses mit tradierten Methoden autoritärer und diktatorischer Herrschaftsausübung durch­gesetzt.

Die politische Gegenbewegung benutzte nur in einer sehr kurzen Phase des Übergangs das Mo­dell eines ›Dritten Weges‹. Dies erfolgte wesentlich seitens der Linken, einschließ­lich der linken katholischen Kräfte. Die Mehrheit der pol­nischen Öko­no­men geht von einer prinzi­piellen Unrea­li­sier­­bar­keit dieses Ansatzes aus. Man operiert mit tra­­dier­ten pol­nischen Methoden in den Mecha­nis­men eines inoffi­ziellen Wissen­schafts­betriebes und der Wissens­ver­mittlung.

Im vertraulichen Gespräch war man gegenüber den Kollegen aus dem Westen offen und bedien­te sich entsprechenden Meta-Sprachebenen. Deutlich erkennbar waren die Posi­tionen in der Kritik z.B. gegenüber der Apolo­getik des Sozia­lis­mus der DDR. Dort war von den Wissen­schaft­lern die kommu­nistische Staats­doktrin in hohem Maße ver­inner­licht worden. In der pol­nischen Gesellschaft hatte der Sozialismus auf der Basis infor­mell-struk­turier­ter Me­chanismen primär eine Mantel­funktion. Dieser Mantel war lange Zeit notwen­dige politische Rahmen­be­din­gung und zu­gleich Ausdruck äußeren Zwanges.

Die Dysfunktionalität zeigte sich in den Wechselbeziehungen relativ starr begrenzter Möglich­kei­ten, z.B. darin, Menschen durch Dosie­rung von Konsumgütern zu versorgen oder auch den Ver­such, die eigene Propaganda umzu­setzen durch die Monopolisierung der Information. Anderer­­seits zeigte sie sich in den prinzi­piellen oder an partiellen Zielen orien­tierten Gegen­be­we­gun­gen, an der Basis wie in den verschie­denen Ebenen des Staatsappara­tes. Diese fanden z.B. ihren Ausdruck in der nichtbewußten bzw. begrenzten Wahrnehmung von Propaganda, die latent vor­handen und gegenwärtig war.

Die Intellektuellen erhielten zur Kompensation ihrer eingschränkten Frei­zügig­keit Bil­dungs­privi­le­gien, die sich z.B. in relativ großzügigen Studien­bedingungen äußerten. Die Angehö­rigen der alten Bildungs- und Funktions­­eliten bevorzugten z.B. in den sechzige und siebziger Jahren für ihre Kinder eine Hochschul­aus­bildung, so daß - bei etwa gleichen oder gar niedrigeren Ein­kom­men - durch das Ausbildungssystem eine gewisse soziale Differen­zierung erfolgte.131

Für die Intellektuellen galt als Paradigma das historisch abgeleitete und moralisch defi­nierte Wider­stands­recht. Es waren nur Chancen auf eine partielle Umsetzung vorhanden, da der Staatsaparat zu mächtig war und die Rah­menbedingungen, die existierendenden Mächte [UdSSR, WPO, DDR] gegenwärtig waren. Man hatte gelernt, in einer Doppel­ge­sell­schaft zu le­ben und entsprechende Über­lebens­strategien zu entwickeln. Dazu gehörte eine spezifi­sche ›Lang­­zeitgewißheit‹, also die Erfahrungen aus dem histo­rischen Unter­grund­kampf und die Aus­prä­gung des polnischen Katholi­zismus, die Tradi­tion der polnischen katholischen Kirche.

Es kann folgende These formuliert werden: Je mehr die Macht des Staates abnahm, um so mehr kamen die tradierten Mecha­nis­men zum Tragen und desto offenere Widerstands­formen ent­wic­kel­ten sich 1980/81. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Begriff ›Widerstand‹ eine positiv wer­tende Sprachregelung einer unter­legenen oder schwächeren Figuration darstellt. Mehr noch gilt für die Reklamierung des Begrif­fes bezüglich des ihr zugrunde liegenden Sachverhalts durch den heroischen Begriff ›Aufstand‹. Der Wider­stands­begriff impliziert also keineswegs eine historische Distanz.

Charakteristisch war, daß gerade im Bildungssystem die 'National­utopien' bzw. der 'Nations­glau­be' die Glori­fizierung der Mechanismen, durch den Staatsapparat zur ei­gen­­en Legiti­ma­tion benutzt wurde. Andererseits reklamierten die oppo­si­tio­nellen Intel­lektuellen diese ebenfalls für sich. Außerdem wurden sie vom polnischen Katho­lizismus instrumentali­siert. Das, was zur staat­­lichen kommun­istischen Pro­pa­­ganda funktionalisiert werden sollte, kehrte sich gegen die neue Macht­gruppe.

Kennzeichnend für die oppositionellen Gruppen ist: Es wurden keine langfristigen Strategien entwickelt, keine Pläne für 'die Zeit danach'. Auf Fragen westlicher Gesprächs­partner wurde in der Regel von den Befragten ausgewichen und oft eine ambivalente Aus­kunft gegeben. Auf die Frage, ob und inwieweit die Solidarnosc Pläne hatte, erfolgte in der Regel ein dem 'Jein' bzw. 'Sowohl-als-auch' entsprechende Antwort. Man bejahte verbal in z.T. affektiv besetzten Äußerun­gen, wich dann aber zumeist aus. Aus den Antworten konnte der Beobachter schlie­ßen, daß es es sich nicht darum handelte, Pläne zu verschleiern wollen - es gab sie nicht konkret. Eine Kon­sens­findung war unter den Bedingungen des gesell­schafts­politischen Kampfes nicht möglich gewesen. Die Staatsmacht nahm die Soli­darnosc als Macht­faktor aber ernst und bekämpfte sie. Dieses wiederum stabilisierte sie.

Die Reformvorstellungen der Solidarnosc wurden sofort nach Aus­rufung des Kriegs­zu­standes über­nommen und als ›Reformen des Generals Jaruzelski132 deklariert. Im gegeben­en Zusam­men­hang kann nicht vertiefend auf die Problematik der Defi­nier­barkeit von Re­formen bzw. die stand­ort­spezifische Wert­set­zung eingegangen werden. Es wurde 1980 dar­unter zunächst nur ein prin­zi­pieller in kleinen Schüben ablaufender Veränderungs­prozeß verstanden. Zugleich defi­nier­ten die Machtinnehabenden dieses als die Beibehaltung des Prin­zips des Sozialismus und instru­men­talisierten den Sachverhalt dadurch zur Stabi­li­sie­rung ihrer Macht.

Der Begriff muß von dem der Träger abgegrenzt werden, da die Gruppe der Träger breiter ange­legt ist. Sie stellt die Basis der Gruppe, d.h. auch an­derer Machtpartizipienten, in Verwal­tung, Polizei und Armee. Auch Mitglieder des Sejm und des ZK gehörten dazu. Die Gruppe der Macht­inne­­habenden beschränkt sich auf den Kern­bereich und ist etwa im Politbüro anzu­sie­deln. Sie ist mit ihm aber nicht deckungs­gleich. Die Gegner verbanden damit die Macht­ab­gabe der bisherigen Inhaber und die Übernahme durch sie selbst - zumin­dest die Macht­partizipation - sowie die Ver­änderung des ökonomischen Systems, nicht aber der Prinzipien des Sozial­staates.

Dem Reformflügel der Partei (z.B. Rakowski als Vertreter der Funktionseliten, der aber ursprüng­lich als dezidierter Vertreter der Intellektuellen Chef­redak­teur der Wochenzeitung POLITYKA war und Adamski als Vertreter von in die Partei involvierten Intellektuellen) können quali­tative Reform­ansätze im Sinne einer langfristig angelegten Entwicklung der Wirt­schaft in Richtung auf eine soziale Marktwirtschaft und parla­men­tarische Demokratie zu­er­kannt werden. Wladyslaw Markie­wicz forderte schon in den siebziger Jahren in der Partei die Abhaltung freier Wahlen.133 In einem Inter­view am 3.9.80 be­kräftigte er seine Forderung nach qualitativen Verän­derungen.134 Er wurde vor allem deshalb aus dem engen Zirkel der außen- und gesell­schafts­­­politischen Bera­ter ausge­grenzt. Adamski135 versuchte im Auftrage des ZK der PVAP mit einer Experten­gruppe einen pragmatischen Weg zu Refor­men herbeizuführen.136

Der Prozeß der Umwandlung wurde durch den Kriegszustand eingeleitet - ein schein­bares Para­doxon. Dadurch besteht keine prinzipielle Diskrepanz in den achtziger Jah­ren, wohl aber bezüg­lich der Richtung im Sinne der Einführung marktwirtschaftlicher Elemente. Es handelte sich um einen Kampf der Eliten - überwiegend der Intelligenz - auf taktisch-strategischer Ebene um die Macht. Die Intellektuellen konn­ten zumeist unbe­helligt arbeiten, allerdings um den Preis tempo­rärer pragmatischer Anpas­sung. Kuron, Michnik und Modze­lewski stellen eher Ausnahmen dar. Sie standen dem ›zweckrationalen Denken‹ fern, ten­dierten zu dem, von seiten derer, die sich selbst als Rationalisten begreifen, als ›Irra­tio­nalis­mus‹ bezeichnen. Sie handelten in der Regel höchst unpragmatisch. Sie nahmen langjährige Haft­strafen in Kauf. Jacek Kuron beschreibt dies in seinem autobiographisch angelegten Buch.137

Die wesentlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme sind nach wie vor nicht gelöst, z.B. die Auflö­sung der großen Kombinate. Das Bildungs- und Gesund­heits­system zerbricht seit 1990, die Umorgani­sa­­tion ist nicht abgeschlossen. Eine Stabilisierung der Versorgung der Gesamt­bevölkerung ist noch nicht erfolgt.

Die Frage der Reform bzw. der Reformierbarkeit ist der Wechselbeziehung unterge­ordnet zwi­schen ›Staats­räson‹, der Grenz­garantie bzw. der nationalen und staatlichen Un­abhängigkeit, und der ›Staats­doktrin‹, der politische Glaubensdoktrin der herrschenden Gruppe. Die Proble­matik kann im gegebenen Zusammenhang nur skizziert werden.

1.3. Spannungsfiguration und Spannungskonstellation

Es kann von folgender These ausgegangen werden: Der Staatenbildungsprozeß in Polen hat eine paradigmatische Funktion für gesellschaftliches Verhalten.138

Ein Kernproblem ist die Rolle und Richtung von Fremdzwängen, die in Polen in spezifi­scher Weise dem staat­­lichen Monopol physischer Gewalt entsprach. Dieses staatliche Mo­nopol unter­liegt in horizontaler wie verti­kaler Weise der Zuordnung zu zwei Ebenen: Hori­zontal auf einer Ebene durch die Teilung der Gesamt­region der früheren Rzeczpospolita in den neuen Macht­zen­tren zugeordnete Teilregionen (1793 - 1919). Inner­halb eines Teilgebie­tes bedeutete dieses ein durch die Teilermächte ange­strebte aber nicht vollständig durch­­setzbare Machtmonopole. Die Umset­­zung neuer Fremd­­zwänge durch Fremde gegen­über der Nation erfolgt in spezifischen Selbst­­zwängen. Die begrenzte Durchsetzbarkeit einer Machtmonopolisierung, die zugleich eine soziale Gegen­kraft induziert, entstand sozusagen durch einen dem ursprünglichen Fremd­zwang ent­ge­gen­­gerich­teten Zwang. Dieser verhin­derte die monopole Macht­bildung. Er bewirkte einen zuneh­­men­den Versuch desselben durch Repressions­ausübung (der Teiler­mächte) und in Wech­sel­wirkung damit eine Gegen­­machtbildung in der Gesellschaft.

Der Selbstzwang der Nation äußert sich in der Abwehr des durch Nations­fremde her­vor­ge­ru­fenen Fremd­zwanges. Dieser Abwehrmechanismus bildet sich auf der darunter lie­gen­den Ebene, also vertikal dazu aus. Der Selbstzwang bezieht sich auf die eigene Gruppe: Die Rich­tung ist vorge­geben und wird in der Gesell­schaft perpetuiert. Dadurch werden möglicherweise andere Rich­tun­gen z.B. im Vergleich zu west­euro­pä­ischen Habitusformen zur Ausbildung des Selbstzwanges in der eigenen Gesellschaft weniger ausgeprägt.

In dieser Spannungskonstellation bildet sich somit neben dem abgelehnten und be­kämpften Fremd­zwang der akzeptierte innergesellschaftliche Zwang heraus. Er wird ausge­übt im Kontext mit Insti­tutionen und Trägern des polnischen Katho­li­zismus und ist vertikal zur Staats­macht gerichtet. In der sub­jek­tiven Bewußtseinsebene ist er aber horizon­tal aus­gerichtet. Insgesamt stellt er ein latentes Macht­­po­tential als Selbstzwang dar. Als Ersatz für die nicht legalisierbare Macht­repräsentation entsteht die in der Nation mora­lisch legitimierte Macht­reprä­sen­tation. Die An­er­­kennung der Mit­glie­der der Gesamt­figuration Kirche, ihrer Akzeptanz der Kir­chen­hierarchie ent­spricht dem­zu­folge nicht einer 'Volksfrömmigkeit' der Pol­nisch­en Nation per se oder einem Volks­­kirchencharakter sondern ist primär zu sehen im Zusammenhang mit dem gegen die Nation gerichteten Fremdzwang. Der Akzep­tanz der nationseigenen Machtrepräsentanz entspricht ein nations­­eigener Selbst­zwang.

Die Gesamtheit der Problematik stellt eine Spannungs­konstellation auf mehreren Ebe­nen dar. Dies gilt bis Anfang 1919. Der Versuch, den nunmehr ent­stan­denen polnischen Staat - die Zweite Republik - als neuen nations­­spezi­fischen und damit in der Gesellschaft akzeptierten Zwang zu verin­nerlichen und in einen Selbst­zwang umzusetzen gelingt nicht aufgrund des dafür erfor­der­­lichen langfristigen Prozesses.

Der Staat wird zunächst von der Gesellschaft als notwendiges Ziel akzeptiert, weil er Ausdruck der Unab­hän­gigkeit der Nation ist. Dies gilt aber nicht für die gesamte Gesell­schaft, da der Prozeß der Heraus­bildung einer Staats­gesell­schaft langfristig fortdauert. Letzteres stellt einen Schein­wider­spruch dar, der in der Wechsel­beziehung zwischen Nation und Gesellschaft begründet liegt. Die Gleichzeitigkeit von nationaler Notwendig­keit der Existenz des Staates und seiner gesell­schaft­lichen Ablehnung - zumindest hoher Distanz - stellt eine Paradoxie dar, die kennzeichnend ist für die ›Doppelgesellschaft‹ Polens.

Polnische Autoren betonen den Integrationsprozeß der polnischen Nation; dieses zu­meist in ihrer kollektiv nach außen gerichteten zentrifugalen Abwehrkraft. Die im Binnen­system vorhandenen gegen­einander gerichteten Kräfte, die innergesellchaftliche Differenzie­rung - dessen Span­nungs­niveau insbesondere seit 1989 ansteigt - wird vernachlässigt. Zna­niecki (1952) schreibt in seiner Ein­führung zu ›Modern Nationalities‹:

»The history of the Poles from the Partition of Poland in 1795 up to 1919 not only seemed to disprove the doctrine, that a common state is indispensable for social unity, but also suggested that the idea advanced by those social philosophers who considered a com­mon national cul­ture to be a more lasting and influential bond of social solidarity than com­mon governement, might prove to be scientifically valid theory. As a matter of fact many polish historians and socio­logists accepted it. They used the term ›narod‹ to denote a socially solidarity [sic] collec­tivity united by a common national culture. The term has no equivalent in English, although the word nationallity approximates ist meaning.«139

Es kann als These formuliert werden, daß die Erhöhung dieses Spannungsniveaus letzt­lich die Ursache für das Aufbrechen der gesellschaftlichen Strukturen, die begonnene Ver­änderung ihrer Mechanismen seit 1980 darstellt. Das Potential dieser Spannung hat sich zweifellos seit 1989 qualitativ verändert, nicht aber reduziert, sondern verlagert. Der indivi­duelle wie kollektive affek­ti­ve Akzeptanz­prozeß - die Umsetzung in einen Selbstzwang - dauert weiterhin an. Er stellt die reali­sierte Vision der Nationalutopie dar und ist damit mental akzep­tiert. Er bedeutet zugleich eine neue reale Spannungskonfiguration, die eine langfristige Adaption bzw. einen lange andau­ern­den Prozeß der Verinnerlichung darstellt.

Man könnte unter Vorbehalt eine lange Phasenverschiebung gegenüber Westeuropa konsta­tie­ren, die etwa der Zeit der Fremdherschaft entspricht, und damit mehrere Genera­tionen umfaßt. In der künftigen prozessua­len Entwicklung stellt sich zweifellos angesichts der für den europäischen Inte­grationsprozeß erforderlichen Modernisierungansätze das Problem der gegen diesen gerich­teten, in der Phase der Fremdmacht mental heraus­gebildete Antistaat­lich­keit wenn nicht zur Übereinstimmung, so doch zu einer gewissen Anpassung zu bringen.

Die Habitusformen der polnischen Gesellschaft haben im ausgehenden zwanzigsten Jahr­­hun­dert eine kontra­produktive Wirkung und sind gegenüber den erforder­lichen Moder­ni­sierungs­schüben im Zusam­menhang mit der Zuwendung gegenüber der EG/EU dys­funk­tio­nal. In diesem Zusam­men­­hang: Tschechien und Ungarn waren seit ›Königgrätz‹ 1866, also im letzten Drittel des 19. Jahr­hunderts in den Habs­burger Staat ökonomisch integriert und trugen den Gesamtstaat mit. Die Eliten in Galizien hatte sich mit Wien relativ gut ar­rangiert. Partiell wurde dieses Arrangement in der polnischen Nation als gegenüber der Na­tional­utopie und dem Unabhängig­keits­ziel konträr angesehen.

Es mag ein typisches Problem darstellen: Die Zivilisierung der Monopolisten der physi­schen Ge­walt140 stellt für Polen ein charakteristisches Problem dar. Polizei und Verwaltung als die Staats­­­macht verkörpernde Institutionen bzw. die Poli­zei- und Verwaltungs­beamten sind in der Gesell­schaft höchst suspekt und wer­den mit großen Vorbehalten ob ihrer Härte im Vorgehen betrach­tet. Im polnischen Sprachgebrauch verwendet man für beide Gruppen - also auch den Mitarbeiter im Ordnungsamt - den Begriff ›Polizist‹. Man gab seinen Paß nach Rückkehr von ei­ner Reise bei der ›Polizei‹ ab. Es hing oft vom Gutdünken des Poli­zisten ab, ob man den benö­ti­gten Paß recht­zeitig erhielt, manchmal nutzte auch ein dem Antrags­formular beigefügter Geld­schein. Es mag damit zusammenhängen, daß diese Hoheits­aufgaben tradi­tio­nell ver­zahnt waren und von Uniformträ­gern staatlicher Macht, versehen mit den ver­haß­ten kommunistischen Symbo­len der Fremd­herr­schaft, in der Wahr­nehmungsebene als identisch angesehen wurden. Zugleich stell­ten aber Poli­zei- und Verwal­tungsbeamte als den Innen- bzw. Sicher­heits­be­hörden unter­stellte Symbolträger staatlicher Macht die Repräsen­tanten des 'unge­liebten' und innerlich und sozial abge­lehnten, kommu­nist­isch beherrschten und damit wieder fremd­bestimmten Staates dar.

Diese Problemlage befindet sich auf einer Affektebene, der Wahrnehmung staat­licher Macht­aus­übung einschließlich seiner als Schikanen empfundenen Akte staatlicher Macht­ausübung - auch wenn diese durch Subalterne ausgeübt wurden und individuell zu verant­worten waren. Diese Mecha­nismen unter­schieden sich damit nicht prin­zi­piell, sondern gra­duell von denen der früheren Fremdmächte. Eine prinzi­piell not­wendig diffe­renzierende und durch Gradu­ierungen zu definie­rende Betrach­tung war aber durch die diese mental über­lagernde Kampf­vor­stellung verdrängt worden. Das Gegen­satz­denken hatte eine Schwarz/Weiß-Menta­li­tät bzw. Entweder-oder-Denken her­vor­gerufen und beeinflußte da­durch permanent die Wahr­neh­mungs- und Empfin­dungs­ebe­nen.

Die Wahrnehmung der Fremdmacht erfolgte u.a. durch die von der UdSSR über­nom­menen Symbole (z.B. der Dienstmütze der polnischen Soldaten sowie einiger Begriffe, z.B. dem der ›Miliz‹ (pln. Milicja). Der Bürger wurde zur Miliz bestellt.141 Er lehnte deren Trä­ger, die Polizisten, zwar nicht als Ver­treter der fremden Macht ab, aber als mit dieser ver­bunden. Ausdruck dessen waren z.B. die übernommenen Begriffe dieser Institution des Staates. Der Name wur­de von der Solidarnosc-Regierung sehr schnell in ›Policja‹ (Polizei) geän­dert. Aus organisatorischen bzw. aus Kosten­gründen verbleiben aber bis auf weiteres die Kfz-Kenn­zeichen der Dienst­fahrzeuge: MO. Entsprechendes gilt für die Geld­schei­ne. Der 100-Zloty-Schein enthält (bis zum 31.12.1994) die Abbildung der von Ludwik Warynski, dem Gründer und Vorsitzenden der ersten (kommu­­nistischen) Arbeiterpartei Polens (Sozialrevolutionäre), 1883 herausgegebenen Zeitung PROLE­TA­RYAT mit der Parole ›Prole­tarier aller Länder, vereinigt Euch‹. Man hat seit lan­ger Zeit Verdrän­gungs­mechanismen entwickelt, so daß diese Symbole nicht mehr als Bedrohung emp­funden wer­den. Auf den größeren Geld­scheinen sind historische, nationale Identität stiftende Per­so­nen abge­bildet.

Ein anderes Beispiel: Die tradierten Aufgaben der Polizei waren in der innergesell­schaftlichen Wahr­neh­mung nachrangig. Beim Papst­besuch 1979 war es gerade Ausdruck der Kollek­tiv­er­fah­rung in der gesamten Bevölkerung, daß 'man' ohne die Polizei auskam. Die ei­genen Ordner (z.B. Gemeinde­mit­glieder) hatte alle Ordnungsaufgaben einschließlich der Verkehrs­­­regelung im Be­reich der Kundgebungen übernommen, was als entschei­dender Faktor zur gemein­samen Empfin­dung und psychischen Stärke beitrug.

Die Symbole der Miliz und der Verwaltung wurden als gesellschaftliche Macht­symbole abgelehnt. Die Armee dagegen befand sich dagegen in ihrer Rolle im Kontext mit den Nationalutopien der erstrebten staat­lichen Restitution. Sie war symbolischer Trä­ger dieses Zieles. Charakteristisch war deshalb die prinzipielle Akzep­­tanz der Armee in der Bevöl­ke­rung. Die Armee hatte eine nations­spezifische bewußt­seins­stif­ten­de Wir­kung und stellte eine über­reale nationale Klammer dar. Die Men­schen in Polen akzeptierten als Nation die Ar­mee. Als Glieder der Gesellschaft ak­zep­tierten die Menschen die Polizei nicht.

Insgesamt stellt dies eine Spannungskonstellation im doppelten Sinne dar, die sich über Verdrän­gungs- und Abwehr­mechanismen erklären läßt. Die Tötungs­vor­gänge bei den Ar­beiteraktionen in Posen (1956), in Danzig/Gdingen (1970), der Grube Wujek/Kattowitz (1980) werden der Polizei ange­lastet bzw. den Sonder­ein­heiten des Innen­ministeriums. Darü­ber hinaus ent­standen Legen­den, es habe sich um sowje­tische Soldaten in pol­nisch­en Uniformen gehandelt, die mit ihren Pan­zern die Werkstore aufgebrochen haben. Die Polni­sche Armee blieb im Bewußtsein der Bevöl­kerung weitgehend 'moralisch sauber.' Es war also uner­heb­lich, daß die Waffen der Uni­form­träger und Ihre Kampf­uniformen, die das Symbol des polnischen Adlers trugen, identisch waren. In diesem Zusammenhang ist es am Rande von mentaler Bedeutung, daß die Armee ein wesent­liches Symbol, die Konfederatka, wieder ein­führ­te, nachdem die von der SU erzwungene Ein­füh­rung der russischen 'Teller­mütze' als Kopfbedeckung für polnische Soldaten abgelehnt worden war.

Es kann die These formuliert werden, daß die VR Polen bezüglich ihrer inner­gesell­schaftlichen Inter­depen­­den­zen keinen pazifizierten Staat darstellte. Dazu Elias:

»Die Zivilisierung dieser Monopolisten der physischen Gewalt innerhalb eines Staates ist ein ungelöstes Problem. Gleichwohl hat die Existenz eines solchen insti­tutionalisierten Monopols selbst auf der gegen­wär­tigen Stufe weit­reichende Fol­gen für die gesamte Gestaltung mensch­licher Beziehungen innerhalb eines Staates. Zum Beispiel: Die Produktion und Distribution von Gütern und Dienst­leistungen, ... nimmt nur dort den Charakter ökonomischer Beziehungen an, wo Staats­­organisationen mit einem einiger­ma­ßen wirksamen Gewalt­monopol existieren, wo also, ... die Pazifizierung im Inneren einigermaßen weit fort­­geschritten ist. Ohne ein solches Monopol läßt sich die Einhaltung von Verträgen nicht erzwingen; der Erwerb von Gütern durch Gewaltmittel, wie immer sie heißen mögen, ob Krieg, Plün­derung, Piraterie oder Raub, wird ein recht normales Ereignis sein. In der Tat, die spezifischen Regelmäßigkeiten, ökono­mischer Transaktionen, die den Gegenstand und die ›raison d'être‹ einer Wissenschaft der Ökonomie bil­den, entstehen erst im Zusammen­hang mit der Bildung intern pazifizierter Staaten, d.h. mit der Eta­blie­rung von einiger­maßen wirk­samen Gewaltmonopolen, die ein gewisses Maß an physi­scher Sicher­heit in wirt­schaftlichen Tausch­beziehungen - auch zwischen Staaten - garantieren. Die Entstehung von Staats­­­mono­polen phy­sischer Gewalt ist ihrerseits funktional interdependent mit ökonomischen Ent­wick­lungen wie der gesellschaftlichen Kapitalbildung und der wachsen­den Arbeits­teilung. Staaten­­bil­dungs­pro­zes­se und wirtschaftliche Prozesse ..., Prozesse der so­zialen Integration und der sozialen Differen­zie­rung sind funktional inter­depen­dent, aber die ei­nen sind nicht auf die anderen reduzierbar.«142

Die loyale Mitarbeit im Staat entsprach einer tradierten, pragmatischen Hand­lungs­weise. Das Herr­schafts­system wird (zumindest) von dem Betroffenen und durch ihn selbst als ge­ge­ben und nicht verän­der­bar angesehen. Die stereotype Entgeg­nung gegen Vor­würfe der Unterstützung des unge­liebten bzw. verhaß­ten Systems oder gar der Kollabora­tion war denn auch: ›Man wollte Schlimmeres verhindern‹; ›man hatte keine andere Wahl‹, ‹man hat seine Pflicht getan‹. Stabi­li­sieren war dabei die Wechsel­wirkung zur Kirche. Es ist ein Dop­pelverhalten konstatierbar.

Die wesentliche Rolle des Staates in modernen Industrie­gesellschaften konnte vom polnischen Staat der Nachkriegszeit nur begrenzt übernommen und eingehalten werden. Ihre Durchsetzung in der großen Spannungsfiguration der polnischen Gesellschaft war nicht möglich. Jegliche staat­liche Maßnahme wurde nur temporär aufgrund vorhandenen und vergegenwärtigten Zwanges akzep­­tiert. Die subjektive Fähigkeit, den Grad der Spannung zu verdrängen, herabzusetzen, zu konterkarieren, die Situation insge­samt aber zu ertragen, ist davon unabhängig. Der Grad der Span­­nung vergrößerte sich zuneh­mend. Eine teilweise Entlastung erfolgte in wenigen Beispielen. Insge­samt erhöhte sich die Spannung. Eine Re­duktion durch Kompen­sationen war faktisch nicht möglich.

Die permanent steigende Spannung in der gesamten Gesellschaft und die Nicht­über­windung des Machtpotentials der Gegenmacht führte zu gesellschaftlicher Agonie143 und dadurch zur Hem­mung, oder gar Paralysierung moderner gesell­schaft­lich not­wendiger Pro­zesse. Für die Men­schen in Polen bildeten sich die unreflektiert und verklärt wahr­genomme­nen Vor­bil­der Amerika und die Bundsrepublik heraus.

Die Kommunisten waren sich offensichtlich der Problematik bewußt. Sie ver­suchten, den Nations­be­griff zu okkupieren, zu adaptieren und für ihren Gesell­schafts- und Volksbe­griff zu instru­men­ta­li­sieren (umzu­funktio­nali­sieren). Als wesentliches Symbol wurde 1990 der kommu­nistische Begriff Volks­­republik wieder durch Republik ersetzt.

1.4. Nation und Staatsbildungsprozeß

1.4.1. Die Teilungszeit

Für Polen bedeutete die Verfassung des 3. Mai 1791 einen entscheidenden Schritt in Rich­tung auf die moderne Staatsbildung. Dies geschah in der Endphase eines spezi­fischen Demo­kra­ti­sie­rungs­­­prozesses in der Szlachta. Liberum Veto und Konfö­dera­tions­recht bedeu­teten einen Schub in Richtung Dezentrali­sie­rung. Zugleich beinhaltete dies eine gesell­schaftliche Pazifizierung, aber auch eine Loyali­täts­problematik. Es handelte sich um Kon­kurrenz­loyalitäten zwischen verschie­de­nen Personen oder Figurationen und die minimale Loyalität gegenüber dem (gewählten) König. Eine Zentralmacht war faktisch seit dem Ende des 16. Jahrhunderts nicht vorhanden. Die Verwal­tung erfolgte dezentral auf der Ebene der Woiwodschaften.144 Ein wesentliches Merkmal war ei­ner­seits die moralische Nicht­­diskredi­tierung des Kampfes gegeneinander. Andererseits bedeu­te­te es zugleich die Verringerung von Kämpfen auf­grund gegenseitiger Austarierung der Macht­balan­cen.145

Die Herausbildung eines Staates, der über das Steuerer­hebungs­monopol sowie das in­nere und äußere Gewalt­monopol verfügte, war in der Rzeczpospolita, die als Staat eine Großfiguration der Szlachta auf höhrer Ebene darstellte, nicht erreicht worden. Über die Verfassung des 3. Mai 1791 sollte ein wesentlicher Schritt in Richtung auf einen modernen Staat erreicht werden.

Das Selbstverständnis der Rzeczpospolita bis zur Verfassung des 3. Mai 1791 kann als Para­dig­ma des Staats­bildungspozesses gelten. Die als Aufstand, Guerilla- oder Untergrund­kampf (ab 1793) zu kenn­zeich­nende Gegenbewegung, die Mittel des physischen Kampfes anwendete, hat­te die Funktion eines Nationser­haltungs­- sowie zugleich eines Nations­­bil­dungs­prozesses. Darin ein­ge­schlossen war der Staats­bildungs­prozeß im Untergrund - in dieser Ausprägung ein euro­pä­isches Spezifikum. Voraussetzung war dabei: Die alten Machtträger war­en in relativ hohem Maße entmach­tet. Das Funktions­prinzip der Rzeczpos­polita war durch die Teilung, d.h. die Oktroyierung der Fremd­herrschaft und deren absolu­tist­isches bzw. autoritäres System aufge­hoben.

Die Phase der staatlichen Nichtexistenz Polens stellt eine permanente Über­lagerung ei­nes Staats ­ und Nations­bil­­dungsprozeß dar. Letzteres deshalb, weil er auf der Basis einer als abge­schlossen definierten Nation beruht und jetzt eine Neuentwicklung in der Großfigura­tion der pol­nischen Gesellschaft abläuft unter Einschluß der Bauern, des städtischen Bürger­tums und der jüdischen Bevölkerung.

In dieser Schwächephase der alten Macht- und Funktionseliten hatten polnische Ratio­nalisten146, also auch die für die russische Teilermacht tätigen Funk­tions­träger, eine Chance, innerhalb der Verwal­tung dieses Teilungsgebietes bis zur Napoleonischen Herrschaft Re­formen z.B. im Bil­dungs­­bereich durch­zu­setzen. Dies galt auch für die Zeit des auf dem Wiener Kongreß gebildeten Königreiches Polen. Es ist dabei die besondere Rolle der alten Macht­eliten her­vor­zu­heben. Diese wurde von Napoleon in sei­nen Kampf gegen die anderen europäischen Mächte einbezogen. Sie kämpften für das Ziel der Restitution der Rzeczpos­polita Polska. Dieses stellte zugleich ideolo­gisch als Vision einen Kampf für die Nation dar.

Das bedeutet z.B., daß der Kampf Jozef Poniatowskis147 und seiner Soldaten definiert werden konnte im Sinne der Nationsdoktrin. Diese ideolo­gische Vorgabe im Sinne der Na­tionalutopie wird in Polen nicht als solche eingeschätzt. Letztlich kämpfte er für die Resti­tu­tion der Adels­republik in ihrer feudalen Struktur. Formuliert wurde es als Kampf für die Nation. Damit war das eigentliche - konkrete Ziel des Adels - nicht definitionsbedürftig, zumindest nicht zum damaligen Zeitpunkt. Das visio­näre Ziel, der Kampf für die Unabhän­gigkeit bzw. den Erhalt Nation, war übergeordnet.

Breton und Kwaszniewicz weisen auf die Bedeutung von Symbolen, insbesondere von Träger­symbolen für die Helden, d.h. die Opfer der Aufstände im 19. Jahrhundert und ihre Folgewirkung im Zusammenhang mit der Integration in die kanadische Gesellschaft.148

In diesem Zusammenhang könnte auch die Einbeziehung bisher nicht anerkannter Figu­ra­tio­nen,149 wie z.B. der Bauern, des städtischen Bürgertums, der kleinen Handwerker oder der Juden erfolgen. Ihre Einbe­zie­hung erfolgte pragmatisch angesichts der Schwäche der alten Machtelite, im Sinne der Opti­mie­rung des Machtpotentials im Kampfe. Als Beispiele gelten der Kosciusz­ko-Aufstand zwischen der Zweiten und Dritten Teilung, die Teilnahme in der napoleonischen Legion und die Aufstände des 19. Jahrhunderts. Eine Abstim­mung oder Konkretisierung des Zieles durch die Aufständischen erfolgte vorher generell nicht.

Der gebildete Staat der Aufständischen erforderte aus Gründen der Machtausübung wäh­rend der aktiven Kämpfe die Benennung eines Diktators.150 Seine primäre Auf­gabe war die Verantwortung für die Logistik in der Kampfführung. Es gab auch eindeutig An­sätze zur Neuorganisation der Ver­­wal­tung. Andererseits ist die 'innere Frage' in einer solchen Phase der Gewaltausübung nach­rangig.

Schriftsteller wie z.B. Zeromski oder Kruczkowski151 stellen auch die Frage nach dem danach. Sie deuten aber auch die Tragik an, daß gerade die Gesell­schaftsreform, bzw. die Neuregulierung der Machtverteilung bewußt ausgeklammert und dem primären Kampfziel untergeordnet wird.

1.4.2 Die Zwischenkriegszeit

Die polnische Nation stellt gegenüber der deutschen eine relativ 'alte' Nation152 dar. Sie ist aber nicht zu vergleichen mit der Nation, wie sie sich begreift in ihrem Ende des 19. Jahr­hunderts bzw. mit dem Ersten Welt­krieg zwar nicht abge­schlos­sen­en aber ver­dichteten Nationsbildungsprozeß. Die polnische Nation bleibt bis 1919 eine Zielvorstellung. Es han­delte sich um die Vision von ei­ner polnischen Nationsbildung, die nicht unter den Bedin­­gungen ethnischer und staatlicher Ein­heit stattfinden könnte. Der Nations­begriff befindet sich dadurch über der gesellschaftlichen Realität. Die pol­nische Gesellschaft der Zwischen­kriegs­zeit kann ebenfalls bei weitem nicht den Anspruch auf Zusammenwachsen einer Na­tion erfüllen.

Die staatliche Einheit war nach dem Frieden von Riga 1921 und der Grenz­fest­le­gung in Schle­sien und Masuren (Ostpreußen) zwar gege­ben, die Gesellschaft dieser Repu­blik Polen war aber multi­kulturell, multi­ethnisch, multireligiös und mehr­sprachlich. Andererseits wurde der Versuch unternommen, über nationale Symbole Ansätze einer Nationalstaatsbildung in einer relativ kurzen Zeitspanne zu voll­ziehen. Dieser Versuch einer beschleunigten Zivilisie­rung wurde unter erheb­lichen Schwierigkeiten begonnen.

Gekennzeichnet war der Prozeß durch die Vereinheitlichung der Sprache153 und der Schaffung national­polnisch dominierter und kontrollierter Machtorgane. Die Polnische Na­tion entwickelte sich von einer hyper­realen Vision zum in sich hoch differenzierten Staats­volk, das gegenüber der ethnisch-sprachlichen Minder­heit von ca: einem Drittel (Deutsche,154 Juden, Ukrainer und kleinere Grup­pen) eine zunehmend dominie­rende Rolle einnahm. Die Kommunisten knüpften nach 1944 an diese diffizile Problemlage an. Nach dem macht­­spezi­fischen Para­dig­men­wechsel konnten sie in dem bis­herigen Figu­ra­tions­geflecht mehrerer Ebenen Neu­defi­nitionen vornehmen.

1.4.3 Die Volksrepublik Polen

Die Kommunisten verstanden sich als Sach­walter der Nation und definierten aufgrund ihres Macht­ver­mögens den neue Staat. Sie übernahmen die wesentlichen Symbole der Vor­kriegs­republik Polen als historische nationale Symbole der Rzeczpospolita. Die Farben Weiß-Rot, der weiße Adler155 wie auch die Nationalhymne ›Noch ist Polen nicht verloren‹156 standen nie mehr zur Disposition.

In der Volksrepublik Polen dominierten der Volksbegriff ›lud‹ und der Staaats­begriff (als Staats­name PRL) über dem Nationsbegriff ›narod‹. Diesen benutzte man zumeist ad­jektivisch, z.B. ›Bank Narodowy‹. Letzteres ist aber ein historischer Begriff aus der Vor­kriegszeit gewesen. Vor allem ist der Bedeutungs­wandel des Begriffes ›narod‹ in Richtung auf Volk zu beachten. Der visio­näre ursprünglich auf die Szlachta be­zo­gene Begriff der Nation ent­wick­elte sich zu einem von den Kommunisten gewollten Volksbegriff. Dieser Bedeu­­tungs- und Funktions­wandel, der von zuneh­mendem innergesellschaftlichen Wider­stand begleitet wurde, erfolgte u.a. auf der Propa­ganda­ebene. Man knüpfte alte Symbole als Mittel neuer sozialer Differen­zie­rung an.

Diese Legitimation des von den Kommunisten gestellten Anspruches über den von ih­nen domi­nierten Staat bzw. den Staatsapparat für das Volk zu sprechen, es zu beherrschen, wurde zuneh­mend in Frage gestellt. Dieser Prozeß verlief zeitlich konform mit der Erosion der Macht sowie der Erschwerung der Macht­ausübung. Eine bedeutende Phase stellte das Jahr 1980 dar. Die Zeit ab der Ausrufung des Kriegs­zustandes am 13.12.1981 war nur der bittere Abklang, die endgültige Phase des Erosionsprozesses kommu­nist­­ischer Machtaus­übung über die Machtzirkel der PVAP.

Staat und Gesellschaft blieben mit ihren Problemen. Die Rollen der Macht­inne­ha­ben­den werden verdeckt, eine Phase langer Machtkämpfe begann. Der Zivili­sations­pro­zeß begann nunmehr un­ter demokra­tischer Legitimation. Die Entwicklung zur Rechts­staat­lichkeit wurde mit der Entstali­ni­sierung der Verfassung in den achtziger Jahren begonnen. Eine neue Para­dig­mensetzung wird mit der endgültigen Verfassungs­reform erfolgen. Bisher gibt es nur die ›kleine‹ Verfassung.

These: Der Staat wird in Polen generell als etwas Fremdes und zugleich Nations­feindliches empfunden.

1.5. Die postkommunistische Ära

Die Frage nach der Nation stellt sich in den 90er Jahren ganz neu. Ihre Symbole werden nach wie vor in hohem Maße benutzt. Die entscheidende Veränderungen, z.T. auch nur Variationen, erfolgten in der Verlage­rung zu polnisch-katholischen Symbolen. Es handelt sich vermutlich nur um eine geringfügig veränderte Akzent­­setzung und keinen Paradig­men­wechsel. Der Wandel hat, z.B. betreffend des Anbringens von Kreuzen in den Schulen lange vorher begonnen.

Durch den Paradigmenwechsel gesellschaftlicher Veränderungen wurde der industrie­ge­sell­schaftlich bestimmte innere Adap­tions­prozeß157 zur Staatsnation konter­kariert. Zwar ist die Staats­nation ethnisch weitgehend homo­genisiert, nicht aber konsolidiert. Die sich zu den Trägern der alten Nation zählenden akzeptieren die neuen nicht. Gleichwohl verläuft ein Prozeß der Hin­wen­dung zur Staatsgesellschaft unter Anerkennung der Nation als Klammer. Die Minderheiten sind im Verhältnis zu anderen europäischen Staaten relativ klein158 - aus­ge­nom­men in Schlesien; dort liegt aber eine spezifisch historische Situation vor, vor allem die Selbst­identifikation nach prag­ma­tischen Gesichts­punkten.159 Die Vision der polnischen Nation hat ihre bisherige Funktion verloren. Somit ist der An­spruch auf Verwirklichung der Nationalutopie verschwun­den. Er hat sich selbst aufge­hoben. Damit ist die National­utopie in ihrem wesentlichen Begrün­dungs­zu­sammenhang ihrer Funktion enthoben. Eine ganz andere Frage auf anderer neuer Ebene ist die Bestimmung neuer Funktionen veränderter national­utopischer Vor­­stel­lungen. Eine neue Bedeutung kann sie auch erlangen im Konsoli­die­rungs­­prozeß Zivi­li­sierung der Gesell­schaft in der Republik Polen.

Die Regression auf historische Mythen und Symbole schließt Nationalutopien160 ein und macht diese gegebenenfalls sogar notwendig. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit dem Bedeu­tungsverlust des Katholizismus und dem Machtverlust der katholischen Kirche in Polen. Die Dynamik der Gleich­ge­wichts­be­zie­hung Katholizismus - Kirche zur moder­­nen Gesellschaft und dem Staat ist gegenwärtig noch nicht ein­ge­pen­delt. Wachsen­der Anspruch und sinkende Bedeu­­tung sind (noch) austariert. Zu beobachten ist aber, daß sowohl die national­polnischen als auch die national-katholischen Kräfte auf tradierte Symbole zurück­greifen.

Soziale Resignation und Perspektivlosigkeit, Auswanderungswünsche usw. lassen be­wußt­seins­mäßig Katholi­­zis­­mus und Nationsbedeutung verblassen. Dies belegt indi­rekt, daß die Nation funktio­nalisiert worden war. Im Verdrängungsprozeß erfolgt ein Austausch ge­gen westliche Attri­bute, wie z.B. Konsumis­mus161 und höhere Ansprüche an die Lebens­qua­lität. Der Verwelt­lich­ungs­­prozeß schreitet fort. Er war bereits zuvor in hohem Maße ein funktionsbestimmtes äußer­liches Instrument gewesen. Die funktionalen Voraus­set­­zungen sind entfallen und somit sind die beschrie­benen oder beklagten Gegenwartsparadigmen nur real hervor­getreten - sie waren vorher über­­deckt und überlagert.

Die Identifikationsmuster für im Lande wie außerhalb des Landes lebende Polen sind bezüglich ihrer Umset­zung nur wenig erforscht.162 Es kann die Hypothese formuliert wer­den, daß eine gewisse Vergleichbarkeit besteht mit anderen Völkern ensprechend deren spezifischer sozio­histo­rischer Bedingungen: Griechen, Italie­nern, Serben, Kroaten etc.

1.6. Beispiele für nationsspezifisches Verhalten

Der polnische Nationalstolz schließt ein, stets gute Soldaten gewesen zu sein und gute Sol­daten zu haben und 'mit der Waffe in der Hand gekämpft zu haben'. Eine solche Äußerung machte z.B. Waldemar Gastpary. Auf die Frage nach den Möglichkeiten der Wehrdienst­ver­weigerung in Po­len, äußerte er sich unter Bezugnahme auf die polnische Geschichte sehr zurückhaltend und für die jungen westdeutschen Gesprächs­partner recht unerwartet. Dieser ehemalige Häftling des KZ Dachau, der in den siebziger Jahren polnischerseits wesent­lich am deutsch-polnischen Ver­söh­­nungsprozeß mitgewirkt hatte und vor den jungen engagier­ten Gesprächs­­partnern aus inne­rer Überzeugung für Frieden und Versöhnung zwischen den beiden Volkern warb, argumen­tierte abschließend mit der Bitte um Verständnis, denn „wir Polen haben für unsere Freiheit immer mit der Waffe in der Hand kämpfen müssen.“163

In Polen wurde während der Solidarnosc-Zeit in hohem Maße nationaler Pathos in­strumen­tali­siert. Alle Kämpfe des Zweiten Weltkrieges, an denen polnische Soldaten teil­ge­nom­men haben, werden weiterhin glori­fiziert und damit funktionalisiert. Die Erfolge waren zugleich große Opfer gewesen. Man könnte es am Beispiel des Kampfes um Monte-Cassino darstellen. Der Historiker Tadeusz Cies­lak, formulierte es etwa so: „Die Polen brannten darauf, in Monte Cassino (unter dem Kommando von General Wladyslaw Anders als Teil der alliierten Truppen) gegen die deut­schen Verteidiger, über­wie­gend SS-Einheiten, zu kämpfen.“164 In allen größeren Städten Polens gibt es eine Monte-Cassino-Straße.

Ein anderes Beispiel: Das V. Liceum in Posen feierte 1988 eine Bootstaufe. Ein Segel­boot war erworben worden, das für ein Ferienlager an den Masurischen Seen vor­gesehen war. Bei dieser Boots­taufe insze­nier­te die Theatergruppe der Schule innerhalb einer sehr traditionell und würdig gestalteten Feierstunde mit Chopin-Musik ein Zwie­ge­spräch mit der Besatzung dieses Segel­boo­tes und den ertrun­ken­en Matrosen des polnischen U-Bootes Orzel.165

Im nationalpolnischen Sinne sind die Beispiele als edel und heroisch zu interpretieren. Bezüglich der Industrie­gesellschaft und weiteren Modernisierungsprozessen sind sie ana­chronistisch. Die Menschen in Polen haben sich auf diese Weise aber als Großfiguration durch den - nicht abge­schlossenen Prozeß - der Bildung der Gesamtnation behauptet, so die kollektive Meinung.

Die Mittelschichten in Polen sind in erheblichem Maße durch Migranten (aus West- und Süd­eu­ropa) gebildet und definiert worden. Der berufliche Erfolg der Angehö­ri­gen der Mit­tel­schichten soll mit Hilfe der Symbole des Adels erreicht werden. Man kauft sich vom Trödler ein altes Bild von einem Adligen und weist darauf hin, es sei sein Urahn. Inwieweit die National­utopien und die Kämpfe um Unabhängigkeit ›Sozialneurosen‹ darstellen, kann im gg. Zusam­men­hang nicht un­ter­sucht werden. In der polnischen Gesellschaft - auch in der Wissenschaft - ist diese Proble­ma­tik tabu.

These: der Verlust der Unabhängigkeit und damit die Beeinträchtigung der sozialen Identität hat einen Macht­­verlust zur Folge. Dieses gilt insbesondere für die Männer. Für sie stellt es einen Verlust der Möglich­keit dar, Funktionen in Staat und Militär etc. einzuneh­men. Dadurch erfolgt ein Verlust innerfamilialer Macht­­quellen.

1.7. Verhältnis Adel - Bauern zur Nation:
Zwänge im Zusammenhang mit der Staatenbildung.

In der Teilungszeit findet eine Machtverschiebung zuungunsten des Adels statt. Dadurch verän­dert sich relativ die Lage der Bauern. Es findet eine langsame Emanzi­pa­tion der Bau­ern statt vom 'lud' zum 'narod'. Im Konfliktfall stellt sich für die Bauern der Adlige nach wie vor als Grundherr dar.166 Die Nation ist gleichzeitig Vision und Ziel. Projektion ist das gesellschaftlichen Modell aus dem 18. Jahrhundert. Ziel des Adels war in der Teilungszeit primär die Erlangung der äußeren Freiheit, selbstdefiniert als Unab­hän­gig­keit der Nation. Der Adel findet Ersatz für politischen Ein­fluß aufgrund mangelnder Chancen, Ämter zu besetzen, in Kultur, Musik und Literatur, häufig in der Emigration. Die Nation stellt sich verklärt als Sehnsucht dar.

Es erfolgte eine bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts geltende Funktionalisie­rung des Prinzips der Vision des Staates sowie seiner Existenz in sicheren Grenzen.

Damit hängt zusammen, daß im Alltagsbewußtsein nicht der funktionierende Staat, der den sozia­len Aus­gleich, die Produktion und Verteilung herbeiführt das Ziel ist, sondern der symbolisch erfahrbare. Begünstigt wird es durch Repräsentation, durch eigene Nationssym­bole. Mit dem eige­nen realen Staat identifiziert man sich nicht. In der Ablehnung des sozia­listischen Staaates erfolgt die Ablehnung der ›fremden‹ und ›feindlichen‹ Macht. In der DDR hatten sich - wenn auch aufgesetzt - aufgrund der Ableitung aus der Arbeiter­bewe­gung durch­aus Ansätze von ›Klassenbewußtsein‹ herausgebildet. In Polen war dieses na­hezu unmöglich. Die Dogmatiker in der DDR erhoben stets den Vorwurf, man vernachläs­sige in Polen den ›Klassenstandpunkt‹. Gleich­zeitig schaut man in Polen neidvoll und mit ambivalenten Gefühlen auf die Bundesrepublik. Konsens besteht in der Existenz des Staates als Synonym für die Existenz der Nation. Damit er­folgt eine Reproduktion des Denkens der Teilungs- und Emigrationszeit.

Der seit 1989 deutlich gewordenen Regionalisierungstendenz entspricht die durch die Adels­herr­schaft bedingte bzw. sie ermöglichende Machtverteilung jenseits zentraler (Königs)-gewalt. Das Königreich Polen - seit Einführung des Wahlkönigtums zugleich die erste Republik - war ein Spezi­fikum in Europa. Es wies einen relativ geringen Organisie­rungsgrad entsprechend den Bedingungen der absoluten Monarchien Europas auf.

Der Fremdzwang konnte nicht die Herausbildung eines Selbstzwanges seitens der Machtfernen gegenüber den Machtinnehabenden als Ausdruck einer Staatsgesellschaft be­wirken. Dafür fehl­ten als Voraussetzungen Sozialisa­tions- bzw. Zivilisationsinstanzen Staatsapparat, Militär und Kirche. Staats­­apparat und Militär befanden sich in der politi­schen, sozialen und moralischen Geg­ner­­schaft. Die Kirche konnte keine der eigenen Nation entstammenden herrschende Gruppe unter­stützen, sie stabilisierte entscheidend die Geg­ner­­schaft. Moralisch akzeptierter und sozial verin­nerlichter Selbstzwang einer Gesellschaft entwickelten sich auf völlig andere Weise als unter den Bedingungen der west- und mittel­europäischen Staatsgesellschaften.

Folgen sind u.a. überhöhte visionelle Vorstellungen von der eigenen Region. Man möchte z.B. seit dem Ende des Kommunismus in den Regionen Poznan, Danzig und Ober­schlesien eine rela­tive Selbständigkeit erreichen, um mit dem eigenen wirt­schaftlichen Wohlstand nicht die anderen - ärmeren - Regionen wie. z.B. Maso­wien und den Raum Lu­blin finanzieren zu müssen. Im Den­ken der Menschen, vor allem der Eliten, in den achtziger und neunziger Jahren läßt sich eine Anknüp­fung an das Denken des Messianismus feststel­len. Man erwartet global vom Westen Dank und Aner­ken­nung und kollektive Belohnung, weil man den Kommunismus besiegt hat. Der­ar­tige Vorstellungen kollektiver, an der Reali­tät vorbeigehender überhöhter Selbst­ein­schät­zung sind für die Gegenwart zunehmend kon­statierbar.

Im Herbst 1980, also nach der Registrierung der Solidarnosc, gab es Bemühungen um die Grün­dung einer ›Land­solidarnosc‹. In diesem Zusammenhang stellte man Forderungen, nach­haltig unterstützt vom damali­gen Vorsitzenden der Solidarnosc, Lech Walesa, wie auch der Kirche, nach einem Hilfsfond von 5 Mrd. US-$. Auch der Papst soll sich dafür einge­setzt haben. Einen folgenlosen Vorstoß in der katholischen Kirche in der Bundesrepublik konnte man in Polen nicht nachvollziehen. Die Enttäuschung war entsprechend.

Daß der in Polen weit verbreiteten Hoffnung auf finanzielle Hilfe keinerlei realer Bezug in Politik und Wirt­schaft des Westens gegenüberstand, und man im Westen die Phase groß­zügiger Kredit­ver­gabe mit Beginn der achtziger Jahre nicht mehr fortsetzte und außerdem staatlich garantierte Kredite in den westlichen Parlamenten kaum noch durchsetzbar waren, nahm man in Polen nicht zur Kenntnis. Die wesentlich gravierenden Probleme der Dritten Welt wurden in der polnischen Presse zu dieser Zeit kaum dargestellt und problematisiert. Man beschäftigte sich wesentlich mit sich selbst. Nationaler Egozen­tris­mus und Selbstbemit­leidung prägten die Haltung. Damit korre­liert resultierte der Wunsch und die Forderung am westlichen Wohlstand zu partizipieren. Die Aspirationen werden verstärkt durch die Un­kenntnis bzw. Nichtkenntnisnahme der realen ökono­mischen Situationen. Die Ursache liegt in der unzutreffenden Einschätzung der Situation, in not­wen­digen, aber verschwie­genen oder verfälschten Daten. Die Phase der Unsicherheit bezüg­lich der Erhebung gesicherter Daten überlagert auch die postkommu­nistische Phase.

Mit der skizzierten Haltung korrelieren die Einflüsse der Praxis des polnischen 'Alltags­katholi­zis­mus'. Der Glaube an die reale Umsetzung des Transzendenten, die Glaubensüber­zeugung einer Hilfe in der gesell­schaft­lichen Wirklichkeit durch den starken, siegenden 'Christus am Kreuz', erzeugt durch verklärende bildhafte Darstellungen sowie die daraus resul­tie­rende tatsächliche Glau­bensvorstellung, scheinen paradig­matisch zu sein für die vi­sionelle Über­höhung im Denken der Menschen.

Es besteht weiterhin eine von vornherein angenommene Unglaubwürdigkeit des Staa­tes, die direkt anknüpft an die Abwehrmechanismen der Bevölkerung gegenüber der Propa­ganda im kom­mu­­­­nistisch regierten Staat. Scheinbare bzw. vorder­grün­dige Lösungen erge­ben sich durch die Übernahme transzendentaler Vorstel­lun­gen und Ziel­projektio­nen in die Realität. Sie werden in Wahlkämpfen funktionalisiert.

In der deutschen Gesellschaft wurden Fremdzwänge akzeptiert und umgesetzt.167 Kon­sequenzen sind z.B. die Verinner­lichung im Selbstverständnis des in den Staatsorganen täti­gen Werktätigen in der DDR; des preußischen Beamtem oder des Funktionsinhabers im nationalsozialistischen Deutsch­­land. Charakteristisch sind pflichtgemäßes Handeln im Sinne einer vorgegebenen Maxi­me, gar im Rahmen einer Glaubensdoktrin. Überzeugungen wie der sog. 'Klassen­stand­punkt' sind als Verinnerlichungen des Zivilisations­prozesses der deut­schen Gesellschaft zu sehen.

Das Primäre und höherwertige ist in der polnischen Gesellschaft stets die Existenz der Nation - nur über den gegebenen Staat war ihre Existenz gesichert - so die Propaganda, zumindest bis 1970. Die Akzeptanz des sowjetischen Systems nach 1947 stellt sich als Kompromiß zur Siche­rung der Nation dar. Hinzu kommt, daß damals ein nahezu totales Informa­tionsmonopol herrschte. Andererseits erfolgte der Aufbau des neuen Staates durch die sich als Staats­macht defi­ni­erende neue Kraft - die Kommunisten.

Die Elemente und Symbole der Nation wurden durch Romane, Lieder, Gedichte und Denkmäler vermittelt. Auch der kommunistische Staat bemühte sich sofort, die von den Nazis zerstörten Denk­mäler als Ausdruck nationalen Überlebenswillens wieder herzurich­ten. Besonders zu erwäh­nen sind die Denkmäler von Tadeusz Kosciuszko und Adam Mickiewicz in Krakau, von Jozef Poniatowski, Jan Kilinski und der Nixe in Warschau, das Grunwald-Denkmal zum Gedenken an den Sieg des polnisch-litauischen Heeres in der Schlacht bei Tannenberg [poln. Grunwald] 1410.

Der Widerstand gegen die herrschenden Kommunisten 1956 wurde getragen von den Posener Indu­strie­arbeitern, z.T. der Schwerindustrie, die in hohem Maße Rüstungsgüter produzierte. Diese Arbeiter konnten auf eine Tradition der polnischen Arbeiterbewegung im preußischen Tei­lungs­gebiet zurückgreifen. Die Rolle der Eliten ist in den fünfziger Jahren ambivalent. Es kann im gg. Zusammenhang nicht geprüft werden, woraus sich die neuen Eliten rekrutierten. Da ein gro­ßer Teil der alten Eliten vernichtet war oder sich noch in der Emigration befand bzw. seit 1947 schon wieder, kann davon ausgegangen werden, daß ein hoher Prozentsatz dieser neuen Eliten soziale Aufsteiger waren oder Re-Emigranten wie Edward Gierek, der wäh­rend des Krieges als Ange­­höriger der kommunistischen Wider­standsbewegung in Belgien bzw. Nord­frank­reich kämpfte.

Nachdem die entscheidende unabdingbare Voraussetzung, die Grenzgarantie, durch den War­schauer Vertrag vom 7.12.1970 gegeben war, bestand dies­bezüglich keine Notwendig­keit mehr, die Systemrealität, diese Kompromißlabilität wegen der vorgeblichen Garantie­funktion an­zu­er­kennen.168 Die inner­gesell­schaft­lichen Diskussionen in Westdeutschland bzw. die wahl­strate­gischen Mechanismen in der Bundesrepublik in den achtziger Jahren relativier­ten diesen Prozeß in Polen. Die polnische Presse berichtete über die Aktivitäten der Vertrie­benen­verbände oder ent­sprech­ender Gruppen in den Unions­parteien.

1979/80 erreichte die polnische Krise in ihrer gesamten Dimension einen Höhepunkt, bei dem die persönlichen Belastungen unerträglich wurden: Versorgungsschwierigkeiten, Wohnungsprobleme etc. Als diese Eigenerfahrungen so stark wurden, trat der Gegendruck gegenüber der perma­nen­ten Induktion der Systemrealität bzgl. der äußeren existentiellen Bedrohung zurück. Hinzu kam, daß die Friedensbewegung im Westen die Bedrohungsemp­findung der Nation relati­vierte. Die 'Rake­ten­diskussion' der späten 70er und frühen 80er Jahre ging an Polen weitgehend vorüber. Es betraf die Menschen subjektiv kaum. Die Be­drohung wurde eher im Westen als solche emp­fun­den. Erst nach 1989, nachdem die Presse ausführlich darüber berichtete, ist vielen Polen klar geworden, daß die Ziel­koor­di­naten westlicher Atomwaffenträger auch polnische Städte ein­be­zogen haben. Wurde in Polen auf die Abrüstungsdiskussionen rekurriert, dann wurde stets dar­auf hingewiesen, daß ›man selbst sowjetische Panzer im Lande habe‹ - also eine als Besat­zungsmacht empfun­dene fremde Militär­macht.

Es kann als These formuliert werden, daß die polnische Gesellschaft gegenüber westli­chen Gesell­schaften nicht vergleichbar Fremdzwänge in Selbstzwänge umgesetzt hat. In Polen ist der Fremdzwang erfahren während der:

  • Fremdherrschaft während der Teilungszeit

  • Okkupation durch Nazideutschland

  • Fremdbeherrschung und kollektiv empfundenen Ausbeutung durch den 'Großen Bru­der'.

Alle daraus ableitbaren Selbstzwänge sind gegen den gemeinsamen Fremdzwang gerichtet. Es handelt sich dadurch um spezifisch induzierte Selbstzwänge im Sinne des Primats der Nation.

Im Moment des Zerfalls der Fremdmacht UdSSR und damit der vorgegebenen Bedro­hung durch das westliche Militär­poten­tial entfällt der wesentliche Fremdzwang. Neue Selbstzwänge in Rich­tung auf die Organisierung des Staates, der Republik Polen, sind nicht vorhanden. Schwierig­kei­ten, eine Regierungs­koalition zu bilden, lassen im Westen durchaus negative Stereotype entste­hen.

Es können folgende Thesen formuliert werden:

  • Die Entspannungspolitik - die ›Ostverträge‹ sowie die ›Politik der Entspannung und Versöh­nung‹ - hat maß­­geblich zum Ende der Fremdherrschaft beigetragen. Dies gilt bezüglich der ihrer politischen, sozialen und ökonomischen Dimen­sio­na­lität bzw. der durch eine fremde Macht bestimmten innergesellschaftlich illegitimen Herrschaft.

  • Politisch rechtsstehende Kräfte haben in Deutschland durch Aufrechterhaltung des Fremd­druckes zur tempo­rären System­stabili­sierung beigetragen. Ihr subjektiver und verbaler Kampf gegen das System im Osten ist ambivalent. Er hatte sowohl affektiv stabilisierende wie desta­bi­lisierende Wirkungen.

  • Die Machtauseinandersetzungen der Nachkriegszeit stehen prozessual im historischen Gesamt­zu­sam­men­­hang. Im Jahre 1989 ergab sich kein Ende, aber auch kein Neuanfang. Man muß von einer prinzipiellen Kontinuität sozialer Prozesse sprechen. Es gab nicht ›die Herr­schaft der Kommunisten‹ im engen Sinne. Es ist 1989 auch nicht ›das Gegen­teil‹ Es ist eine in Schüben erfolgende gesellschaftliche Fort­entwicklung konstatierbar.

Es bleibt als Kernfrage zu lösen, ob die genannten Prozesse intendiert und erzwungen sind, bzw. inwieweit es sich um ein mehr oder weniger erzwungenes Sich-Fügen in die Gegeben­heiten han­delt.

Der Vesuch einer Übertragung des Fremdzwanges in einen Selbstzwang war oft beglei­tet von einer oktroyier­ten Ideologie. In Polen war der Mechanismus der Herausbildung von Selbst­zwän­gen von erheblichen Wider­ständen begleitet. Die Richtung sozialer Prozesse ist in Polen nicht voraussehbar oder -planbar.

1.8. Anwendung auf die Konzeption

Es muß auf tradierte Verhaltensweisen in sozio-historischem Zusammenhang und charak­te­ris­tisch­es, spezifisches Verhalten zurückgegriffen werden, das jeweils im Nachhinein als positiv gewer­tet und dargestellt wurde und für das in diesem Zusammenhang ein Bewer­tungs­konsens vorliegt, der in reprodu­ziertem und perpetuiertem Verhalten erkennbar ist. Daraus resultiert die Abhän­gigkeit von Denk- und Wertmustern, Verhaltensschemata in der Gesell­­schaft sowie Lehr­vor­gaben und Bewertungsraster in den Institutionen sozialer Erzie­hungs- und Zivili­sa­tions­pro­zesse. Dies setzt soziale Trägerschaft voraus, die zur Macht- und Einfluß­ausübung über eine Ideo­logie verfügt sowie über das Instrumentarium ihrer Umset­zung.

Die Funktionalisierungung erfolgt zwischen den Figurationen Nation und Kirche. Der ideologische Rahmen wird gestellt von einer Überbetonung des Nationalen, der Nationsvi­sion sowie dem spe­zi­­fisch polnischen Katholizismus und dem Geschichts- und Nationalbe­wußtsein. Eine affektiv besetzte ethnozentristische Verklärung der Nation und überhöhte selektive selbstbildhafte Projek­tion sind dafür kennzeichnend.

Bezeichnend für die polnische Gesellschaft ist die enge Beziehung und Bedingtheit bei­der Ideolo­geme, resultierend aus der inneren Beziehung wie gegenseitigen Abhängigkeit ihrer Träger­fi­gu­ra­tio­nen und - ebenfalls charakteristisch und bestimmend - die historische, mentale Kongruenz. Dem steht die strukturelle und institutionelle Widersprüchlichkeit auch der Gegen­warts­gesell­schaft entgegen. Dies gilt besonders für die diesen Zivilisationsprozeß prägende Phase in der Zeit ab dem Ende des 18. Jahrhunderts. Es handelt sich damit um einen rund zwei­hun­dert­jäh­ri­gen spezifischen Prozeß.

Als Kernbegriffe stehen im Zusammenhang ihrer jeweiligen Spannungs­figurationen die Nation, der Staat, und die polnische katholische Kirche. Die Nation ist verklärt im Bewußt­sein der Men­schen vorhanden und verankert. Der Staat ist bewußt­­seins­mäßig vorhanden und physisch als autoritäter Staat erfahr­bar. Dies steht im Zusam­men­hang mit dem perma­nen­ten Bestreben zu einer Resti­tution im 19. Jahrhundert.

Gekennzeichnet ist die Situation durch fehlende klare Zielbestimmungen, die Unmög­lichkeit einer Konsens­findung und einheitlicher Definition. Man kann von einer prinzipiellen innergesell­schaft­lichen Kompromiß­unmög­lich­keit einer gesellschaftlichen Konsensfindung sprechen, abgesehen von dem gemeinsamen überlagernden Ziel.

Zu der Verhaltenspraxis der Szlachtagesellschaft gehört z.B. die Bildung von gegenein­ander gerich­teten Kon­föderationen und das Liberum Veto. Die Bildung von Konföderatio­nen hatten zur Folge, daß die Bil­dung von gegeneinander gerichteten Koalitionen zum Zwecke physischer Gewalt­ausübung - mit oder gegen den König - ein­­­­schließ­lich der (militärischen) Gewalt­ausübung moralisch nicht diskreditiert ist. Ent­sprech­endes gilt für das Liberum Veto. Nachdem es 1656 zum ersten Male ange­wandt worden ist, hatte es in der Folgezeit bis hin zum Niedergang im 18. Jahr­hundert die Funktion, daß kein gesell­schaft­licher Zwang zum Konsens entwickelt wurde. Eine Konsens- bzw. Kompromiß­fähig­keit setzt Akzep­tanz von Anpassungsdruck, ausgeübt durch eine zentrale Macht voraus.

Der moderne Staat bedeutet Durchsetzung von Macht, Akzeptanz der Machtstrukturen und -sym­bole durch die Gesellschaft und dadurch das Erreichen demo­kra­tischer Legiti­ma­tion sowie als Voraus­setzung die Möglichkeit demokratisch legitimierter insti­tu­tio­neller Kontrolle. Letzteres Prin­zip ist die Folge der Entwicklung bürgerlich bestimmter Staaten, eines Staaten­bildungs­pro­zes­ses mit zuneh­mender Verrechtlichung von Machtausübung, demo­kra­­tischer Partizipation und Kon­trolle. Dieser für die zweite Hälfte des 19. Jahr­hun­derts kenn­zeich­nende Prozeß, der in unter­schiedlicher Ent­wick­lungsschüben in West- und Mittel­west­europa ablief, zweifellos mit Brüchen und unter­schied­licher Intensität, erfaßte Polen aufgrund der gege­benen historischen Bedingun­gen nicht. Der Staatsbegriff, bzw. das vorhan­dene und repro­du­zierte Bild vom Staat ist für Polen in sich feind­lich. Bis heute ist die Beziehung zum Staat ambivalent.

Die Situation ist gekennzeichnet durch Verklärung, statt aus dem Selbstzwang zur Ak­zeptanz einer Notwen­dig­keit zu Konsens und Kompromiß zu gelangen. Paradigma ist bis 1919 die Not­wen­­digkeit des Kampfes. Die Methode überlagert das Ziel: die Restitution eines unabhängigen Staates. Der Kampf wird auf politischer, diplo­ma­tischer, kultureller und auch militärischer Ebene geführt. Die ver­wendeten Bilder enthalten nationale und reli­giöse Symbole, nicht dagegen staat­liche. Letzteres haben erst die Kommunisten versucht.

Der erfahrbare Staat bleibt in fremder Gestalthaftigkeit eine als feindlich empfundene Institution. Beides bildet bewußt­seins­mäßig eine Symbolhaftigkeit, die über lange Phasen den spezifisch polnischen Zivili­sa­tionsprozeß trägt.

Wenn mental verinnerlichtes Verhalten oder gar ›Volkscharakter‹ sozio-historisch ab­leitbar sind, dann wesent­lich über die Szlachta- und die Bauerngesellschaft sowie den polni­schen Katholizis­mus. Zweifel­los haben Frauen in Polen - auch in Wechsel­beziehung zum Katholizismus - eine spezifische sozial­historische Rolle. Die Menschen in Polen reproduzie­ren ihre katholisch geprägte Sozialisation einschließlich ihrer inneren Wider­sprüchlichkeit. Die Zusammenhämge können nicht vertieft werden, sollen aber soweit notwendig, angeführt werden.

Es gibt in der Bewegung von 1980 keinen Träger i.S. von abgrenzbaren sozialen Grup­pen. Die hohe gesamtgesellschaftliche Identität wird durch das Schlagwort ausgedrückt: ›Die Opposition ist das Volk‹. Es gehörten auch PVAP-Mitglieder dazu. Auch sie standen für qualitative Verän­derun­gen. In einem geschicht­lichen Entwicklungsprozeß hat sich - be­dingt durch die mehrfache Schwäche von Partei, Staat und System -die Situation ergeben. Die Polen haben diese abneh­mende Machtstärke stufen­weise wahrgenommen. Die Forde­rungen entwickelten sich ent­spre­chend.

Der Prozeß der Restitution eines unabhängigen Staates sowie der Nationswerdung im modernen Sinne dient nicht der Bildung einer sozial homogenen Ethnie, bestehend aus und macht­­gleichen Individuen. Er vermittelt diesen Eindruck nur in seiner überhöhten Betrach­tung. Die Nationa­lmy­then dienen funktional dem Zwecke der Durchsetzung dieses Prozes­ses.

Die Erringung sprachlicher Einheit wird als nationale Einheit definiert. Sie dient zu­gleich dem Ziel der Re-Etablierung des alten Systems einschließlich der machtspezifischen Restitution alter Eli­ten. Die Sicht­bar­wer­dung dieses Sachverhalts erfolgt nach der Erlan­gung der staatlichen Unab­­­hängig­keit. Die inner­gesell­schaft­liche Bewußtwerdung konnte also erst ab 1919 erfolgen. Polen stellte aber noch keinen National­staat dar. Ein ethnisch annähernd homogener National­staat bil­dete sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg heraus.

Es kann anhand vorliegender Beispiele skizzenhaft ein innerer Kontext des gesamten Zivili­sa­tions­prozesses vom Ende des 18. Jahrhunderts bis letztlich 1989 konstatiert werden.

2. Teil: Positionen zum Nationsbegriff

Vorbemerkung

Die umfangreiche Betrachtung sowie die Auseinandersetzung mit dem Komplex, der über Begriffe wie Nation, Nations­utopie, Nationsbildung und Nationalismus sowie die Inter­depen­denz zwischen polnischer Nation und polnischem Staatsbildungs- wie Restitutions­prozeß beschreibbar ist, er­scheint dem Verfasser u.a. des­halb als geboten, da in der polnischen Geschichtsforschung oder Sozial­­wissen­schaft ein gegen die eigenen Glau­bensgrundsätze und damit die eigenen Ideo­logien gerich­teter Ansatz bis dato zu den großen Tabu­bereichen gehört. ›Patriotismus‹ war und ist weiter­­hin funktionali­siert als positives Etikett. Die ver­suchte Aberkennung dieses kollek­tiven, von den Segmenten der Gesellschaft sich selbst zuge­schriebenen Attributes war ein ent­schei­den­­des Mittel zur Diskre­­di­tierung des politischen Gegners. Umge­kehrt läßt die Nicht-Aber­ken­nung auf niedrige Grade der Kon­fron­­tation in politischen Auseinandersetzungen schlie­ßen. Letz­te­res ist in der post-real­soziali­stischenPhase von Bedeutung. Am Umgang mit der Zu- oder Aber­ken­­nung des Attri­bu­tes ›Patriot‹ kann man den Charakter gesellschaftspolitischer Ausein­an­der­­set­zungen erken­nen und damit durchaus eine Schlußfolgerung auf den Prozeß der Zivili­sie­rung der polni­schen Gesell­schaft ableiten.

Zunächst soll generell anhand des Ansatzes von Anderson der Nationsbegriff im Kon­text zur Staats­­bildung dargestellt werden. Im Anschluß soll das Modell Schieders sowie Elias' Ansatz zur Nation und dem Nationalismus dargestellt werden und eine Auseinander­setzung mit einer Posi­tion der Linken am Beispiel Kühnls geführt werden.

2.1 Die Bildung der modernen polnischen Nation

Nationalismus und Nation sind wesentlich Fremdbeschreibungskriterien. Nach Anderson hatte sich z.B. ein Angehöriger der Aristokratie nicht als Angehöriger dieser Figuration der 'Aristokratie des ancien' régime als Klasse, wie man sie heute verstehen kann, sondern als 'Comte de X', 'Graf von Y' oder 'Schützling des Duc de Z' verstanden.169

Die Selbstbeschreibungskriterien sind erstens begrenzt durch bestimmte variable Gren­zen jen­seits derer andere Nationen liegen; zweitens souverän als Folge der Aufklärung.

»Dieser Begriff erlangte seine Reife in einem historischen Moment, als selbst die frommsten Anhänger jeglicher Universalreligion mit dem lebendigen Pluralismus solcher Religionen und dem Ausein­an­der­­tre­ten von ontologischen Ansprüchen jeden Glaubens und seiner territorialen Ausdehnung konfrontiert wa­ren. Deshalb träumen Nationen davon, frei zu sein und dies unmit­telbar - wenn auch unter Gott. Maß­stab und Symbol dieser Freiheit ist der souveräne Staat.« Drittens »wird die Nation als Gemeinschaft vorge­stellt, weil sie, unabhängig von realer Un­gleichheit und Ausbeu­tung, als ‘kameradschaftlicher Ver­bund’ von Gleichen verstanden wird.« (S.17).

Die Wurzeln der Herausbildung des Nationsbegriffes als Glauben an die reale Existenz der Nation - Anderson spricht von der Erfindung - sieht er in den kulturellen Wurzeln, in denen die Figura­tions­bildung aufgrund religiöser Umklammerung durch große Sozialkulturen wie Islam, Christentum, Buddhismus erfolgten. Die Überklammerungs­muster resultieren we­sentlich aus der Sprache. (Kirchenlatein, Arabisch, Frühchinesisch). Sie erlauben Angehöri­gen unter­schied­licher Ethnien den Zugang zur Glaubens­gemeinschaft - die Ummah-Islam definiert sich (noch) wie auch das Christentum der Vor-Aufklärung als reale Gemeinschaft. Es erfolgt eine Ablösung der Reli­giösität durch die Nation. Der Mensch braucht mystisch-mythische Größe als Halt; Aufklärung (im Nachgang zum Humanismus und der Renais­sance) hat die Nation erfunden. Die Nation ist das Sürrogat, die Ersatzreligion, sie hat in bestimmten Ebenen die gleiche Funktion.

Der Verlust religiöser Macht durch die ‘Degradierung der heiligen Sprache’, d.h. des Rückgangs des Lateinischen als Lingua franca und die steigende Bedeutung der Regional-, Nations- oder später der ‘Amts’- also Staatssprachen. Man kann am Beispiel Frankreichs die Herausbildung der höfischen Sprache als Hoch­­sprache als zentrales nationales Identifi­kationsmuster und in diesem Zusam­menhang den Nations­bil­dungs­prozeß auf der Symbol­ebene sowie den Staaten­bildungs­prozeß als rechtlich fixierte Integrations­ebene dieser Gesellschaft sehen.

Die Vereinheitlichungstendenz der absolutistischen Staaten in Europa, vor allem nach 1789, im­plizierte eine allgemeine Verwaltungssprache. Latein war antiquiert und mußte durch Landes­sprachen, durch Hoch- bzw. Schrift­sprachen ersetzt werden. Es handelte sich dabei um objektive Erfor­der­nisse. Die Regional­­sprachen hatten noch eine nachgeordnete Funktion der mündlichen Kommunikation. Die Vereinheitlichung bewirkte Moder­­ni­­sie­rungsschübe, sie ermöglichten jeweils einen langfristigen Moderni­sie­rungs­prozeß. Dieser Prozeß der Sprach­verein­heit­lichung konnte in Polen erst ab 1919 vollzogen werden. Für die Konsoli­dierung des Staates war es notwendig, die vier existierenden Gammatiken durch eine neue einheitliche zu ersetzen.

Die Bildung des Beamtentums wirkt in den Staatsgesellschaften als Ablösung der Lehens­feu­da­li­tät und wirkte in absolutistischen Staates als Promotor der Nation. Die Souve­ränitäten wurden ‘vollständig, um­fassend, gleichmäßig über jeden Quadratmeter eines legal abge­grenzten Territo­riums ausgebildet.

»Früher hingegen, als Staaten durch Zentren definiert wurden, waren die Grenzen durchlässig und un­klar; Souveränitäten gingen kaum wahr­­­nehmbar ineinander über.« (S. 28)

Eine wesentliche Rolle spielte die Erfindung der Druckkunst, die eine Verbreitung der Über­set­zungen der Schriften ermöglichten. Erfolgreich angewandt wurde dies durch den Protes­tan­tis­mus, durch die Koalition zwischen Protestantismus und Druckmarkt, die auf billige Volks­aus­gaben gründete. (S.46f). In Polen fanden Renaissancedenken und Reforma­tion Eingang in die Szlachta mit Hilfe der Druck­­erzeug­nisse. Man druckte in polnischer, deutscher oder italienischer Sprache.In dieser Zeit sei als Methode der Gegenreformation die Beibehaltung des Lateinischen in den Riten des ›Gottesdienstes‹ bzw. der ›Hl. Messe‹ genannt, sowie der Vor­be­halt des Lesens (der Bibeltexte) durch den Priester und dadurch die Sakrifizierung des gedruckten Textes.

Der Prozeß wird bewirkt durch Druckkunst (Bücher, Zeitschriften als Mittel), die Mo­nopolisierung von Schrift allgemein durch den Druck, damit auch von Wissen. Andererseits kann die Ausbil­dung der dekommu­­ni­ka­ti­ven Gesellschaft als Indiz für eine Dezivilisierung gelten bzw. für die Verzö­gerung des Zivilisationsprozesses insgesamt. Die Verwissen­schaft­lichung und die ›Lexi­graphische Revo­lu­tion‹ des 19. Jahrhunderts; die Sprach­ent­deckung und Forschung begünstigte die Erfor­schung der Volks­sprachen im 18. und 19. Jahrhunderts.

Die Basis für das Funktionieren der Untergrundgesellschaft liegt deshalb auch in der erfolg­rei­chen Durchsetzung der Rekatholi­sierung. Die Gegenreformation ist im historischen Kontext der Abwehr des poli­tischen Protestan­tismus der Schweden und Preußen zu sehen, aber auch bezo­gen auf wesent­liche Elemente aus der Zeit der Toleranz.170 Die Wechselpro­blematik wird unter anderem in den histo­rischen Romanen Zeromskis zwar behutsam, aber klar angedeutet.

Aus diesem historischen gesellschaftlichen Prozeß entwickelte sich eine Mehrebenen­problematik, die mit der Herausbildung einer Doppelgesellschaft korreliert und entspre­chende Verhaltens­wei­sen hevorruft und begün­stigt. Man akzeptiert den katholischen Ritus. Erleichtert wird das durch die hohe Korrelation zwischen guter Lebens­weise, der Bevorzu­gung, Hervorhebung, Betonung des Schönen, was wiede­rum seine besonde Ausprä­gung im barocken Katholizismus findet - in dessen Phase unter den Sachsenkönigen maßgeblich der wirt­schaft­liche und politische Nieder­gang eingeleitet und beschleunigt wurde.171 Dies kann durchaus im Gegensatz zum protestantisch geprägten Denken und Handeln nord-mitteleu­ropäischer Länder und ihrem wirtschaftlichen Auf­stieg gesehen werden. Die polnische Kir­che wird in der Gesellschaft als eigene Körperschaft und damit als eigener - aus sich selbst heraus ­existierender Machtfaktor - als legitim akzeptiert. Ande­rerseits steht die Kirchen­­hierarchie in personaler und institu­­tio­neller Wechselbeziehung zur Szlachta.

Die Besonderheit der Habitusbildung der polnischen Gesellschaft ist nicht auf Herbei­führung ei­nes Konsenses wie auch die Durchsetzung desselben und damit eine Homo­­ge­nisierung ange­legt, sondern Kennzeichen der spezifischen Entwicklungsbedingungen, die sich von mitttel-west­euro­päischen Prozessen abheben. Die Individualisierung bzw. die Ak­zep­tanz einer Aus­bil­dung mul­tipler Macht­differenzierung als die Fortführung des Toleranz­­prinzips ist ideo­­lo­­gisch konträr zum monopolistischen Anspruch auf universale Gültigkeit im Katholizismus. In der gegen­seitigen faktischen Akzeptanz einer Mehr­eben­­enpraxis172 drückt sich ein Ambivalenz- bzw. Poly­valenz­prinzip immanent aus. Die Praxis erfolgt unter der Voraussetzung der Verhinderung einer Zentral­macht. Die Einheitlichkeit von Konfes­sion und Sprache ist damit kein Instrument und Charak­teris­tikum der Zentralmacht. Der Preis ist die zunehmende Machtschwäche des Staates.

Andererseits ist aber nicht wie in den westeuropäischen Staaten Frankreich und Eng­land sowie in den deutschen Staaten die Durchsetzung einer einheitlichen Konfession auf­grund des jeweiligen zentralen Zwanges im Zusammenhang mit den Staatenbildungsprozes­sen erfolgt. Die Zentrali­sie­rung ist, da für die Staatenbildung auf der Symbolebene notwen­dig, für das Überleben der Nation wie der einzelnen Korpuskel der Szlachta entsprechend immanent erfolgt. Sie mußte nicht durch­ge­setzt werden. Dies konnte nicht geschehen auf­grund der Nichtexistenz eben dieser Zentral­macht. Der Preis für die nur restriktiv ausgebil­dete Zentralmacht war der schwache Staat.173 Die Folge war die zu den Teilungen führende Unterlegenheit durch Machtschwäche.

Konnte also die Nation über die Zentralmacht in Frankreich mit Hilfe der Sprache und (begrenzt) durch das Symbolsystem der Religion durchgesetzt werden,174 so kristallisierte sich die Nations­vorstellung ursprünglich aus der Szlachta (als einem in Polen relativ großen Bevöl­kerungs­anteil) heraus. Die Genesis des polnischen Nations­begriffes, der Habitus der sie tragenden Schicht, die Über­nah­me dieses Habitus seitens anderer (bürgerlicher und bäu­erlicher) Schichten über die Adaption bzw. deren Diffusion sind für die polnische Gesell­schaft prägend.

Die bürgerlichen Schichten sind - vor allem in den Stadtgesellschaften - überwiegend durch Migra­tion aus Westeuropa, aber auch z. B. aus Italien und dem Balkan heraus erfolgt. Das Bür­gertum bildete sich als Stadtbürgertum heraus, das weiterhin seine Herkunftsspra­che benutzte. Die Integration der bäuerlichen Schicht verlief sehr langsam. Überwiegend rekrutierte sich aus dieser - ergänzt durch Zuwanderer, wie z.B. sächsische Textilhandwer­ker - die Industrie­arbeiter­schaft im 19. und 20. Jahrhundert. Die Intergration des jüdischen Teils erfolgte in die polnische Gesellschaft langsam und zumeist im Bereich der verarmten aufstiegs­willigen unteren Mittel­schicht bzw. aus nicht schicht­spezifisch zuzuordneten spezi­fischen Milieus.

Während der Teilungszeit (z.T. auch noch danach) hatten das Streben nach Unabhän­gigkeit wie auch die Ersatzfunktionen und Mechanismen eine hohe Priorität, nicht aber pri­mär die Förderung eines Identi­fikationsprozesses aller unter dem Begriff der Nation. Die Genesis der Nation auf der Symbol­ebene war die Folge und Bestandteil dieser Prozesse. In Polen mußte nicht die nationale Gemeinschaft die der christlichen ersetzen bzw. über die zentrale Einheits­­sprache durch­gesetzt werden.175 Das Altpolnisch wurde weiterhin vom Adel als symbolische Waffe benutzt, wenngleich dieser aus Gründen der Abgrenzung - ggf. auch im Sinne der Doppelgesellschaft als Ambiva­lenzverhalten - bis ins 20. Jahrhundert hinein - franzö­sisch sprach. Der zunehmende wirt­schaft­liche Niedergang des Staates bedeutete die Verarmung der Rural­gesellschaft ein­schließ­­lich des niederen Adels. Dies erschwerte zuneh­mend die Bezah­lung der französischen Kinder­­mädchen. Die Repro­duktion des Franzö­si­schen verla­gerte sich auf die familiale Ebene. Zugleich reprodu­zierte sich die Abgrenzung zur bäuerlichen Figuration.

Für Polen sind das Ziel der Unabhängigkeit sowie die Versuche und Methoden des Er­halts der Na­tion, vor allem auf der Symbolebene, kennzeichnend. Sie sind Ersatz für über­klammernde Staats­­symbole. Die weiß-rote Fahne gilt als Nationssymbol.176 Ersatz­symbole existieren auf kirch­lich-katho­lischer Ebene.

In Frankreich erfolgte die Durchsetzung des Zentralstaates über die Zentralsprache, die Zentral­konfession und zentrale Symbole; ab 1789 die Trikolore. Die französische wie die deutsche Na­tion wurden in spezifischen Prozessen geschaffen. Die polnische Nation wurde erhalten und durch Adaption vergrößert. Letztlich efolgte erst in der VR Polen 1945 der Versuch, die Kon­gru­enz zwischen Nation und Gesellschaft herbeizuführen. Auch dort hat man sich lange schwer ge­tan, z.B. die polnischen Juden als Polen zu benennen und in die Gesellschaft einzu­bezie­hen. Die affektive, bewußt­seinsmäßige Adaption des jüdischen Be­völkerungsteils - auch und ange­sichts dessen weitgehender Vernich­tung - bleibt noch ein komplexes Problem und weitgehend ein Tabu­thema.177 Der Prozeß der Adaption der Bauern erfolgte langsam, zuerst in Westpolen, dann im östlichen Zentralpolen, in Galizien (Bauernrevolten) und Ruthenien dagegen kaum. Die dortige bäuerliche Bevöl­kerung ent­wickelte eine weiß­russische bzw. ukrainische Identität (S.87).

Die Bruderschaft der Gleichen in Polen entsteht auf der Basis der altslawischen Bruder­schaften (S. 135). Nationsein ist verbunden mit politischem Bewußtsein in der Moderne. Die Volksnation bildet sich über die Untergrund  bzw. die Wider­­­stands­gesell­schaft heraus (S. 89). Die VR Polen knüpft an diese Volksnation an und will als neue führende Elite die Kommu­nisten einsetzen; sie erhoffte die Loyalität der ehemals machtarmen Bevölkerungs­teile. Deshalb wird der Adel ent­machtet und seine Machtausübung sowie bestimmte Ele­mente seiner Habitusformen kritisiert. Es wird der Versuch gemacht, ihn insgesamt zu dis­kre­ditieren. Dies gelingt aber nur halb. Man eifert ihm diskret nach und kopiert ihn. Die aufstei­genden Funktionseliten und intellektuellen Eliten über­neh­men seinen Habitus. Man besorgt sich z.B. als wesent­liches Symbol vom Trödler ein Bild und präsentiert stolz 'seinen Ahnen'. Über die Habi­tu­alisierung der kommunistischen Eliten kann man Parallelen feststel­len. Realiter heben sie sich durch Grobheiten ab, wie auch die 'groben' Schlachtzizen.

Im Jahre 1931 wurde eine Volkszählung durchgeführt. Ein goßer Teil der ostpolnischen Bevöl­ke­rung definierte sich als Katholiken oder auch als Orthodoxe, konnte aber keine An­gaben zur Natio­­na­lität machen.178 Deshalb erfolgte die zweite Angabe zur Muttersprache.179 ›Hiesige‹, (Tutejszy) sind einfache Bauern, Land­arbeiter ohne Nationsbegrifflichkeit. In der Land­bevöl­ke­rung gibt es nur wenig fixierte Identifi­ka­tions­muster. Es sind diejenigen, die sich nicht mit einer Ethnie identi­fizierten­; die anderen ordneten sich vage zu. Durch die Be­völkerungs­verschie­bung kamen diese Bevöl­kerungsgruppen nach Westen und wurden In­dustriearbeiter z.B. im Liegnitzer Industrie­revier.

Ein Nationszugehörigkeitsgefühl ist deshalb wesentlich aufgrund von Fremdzwängen entstanden und hat einen hohen Zuordnungscharakter. Die primären Loyalitätsmuster bezie­hen sich auf Familie und Konfession. Es entsteht dadurch eine Interdependenz wie auch Konkur­renz zur Na­tion. Die Betrachtung dieses Gegenstands unter­liegt in Polen einer ge­wissen Tabu­bele­gung und kann im gegebenen Zusammenhang nicht vertieft werden.

Ein geeignetes Modell für einen Vergleich mit dem Prozeß der Bildung der polnischen Nations­bildung ist das von Schieder.180 Auf das Modell der drei Phasen in der Interdepen­denz von Nation und Staat soll nur verwiesen werden. Eine Darstellung und Anwendung wie auch die Ausein­an­der­set­zung mit Schieders Ansatz ist von Papenbrock durchgeführt worden.181 Die Begrenztheit der Modelle Schieders soll aber an zwei Beispielen verdeutlicht werden. Die Vereinigung zweier Nations­teile kann nicht nur - nach Schieder, in der zweiten Phase - als ›eine vor dem Staat gege­bene entweder historisch oder kulturell oder als sozialer Verband begründete Größe‹ gesehen werden, sondern muß den polnischen Nations­begriff des 19. Jahrhundert mit einbe­ziehen.182 Ein zusätzlich zu berücksichtigendes und Schieders Ansatz relativierendes Problem für einen Ver­gleich ist die feudale aber keinesfalls abso­lutistische Struktur Polens vor der dritten Teilung 1795 im Gegen­satz zu seinen Nach­bar­ländern.

Ein weiteres Problem ist die nur relativ geringe ethnische Identität im Feudalismus der Szlachta­Gesellschaft. Der Begriff 'Feudalstaat' ist nicht treffend und zu vermeiden. Außer­dem müßte zur abschließenden Beurteilung eine weitere historische Differen­zierung vorge­nommen werden, die sich bereits lange vor den Teilungen heraus­bildende Divergenz zwi­schen dem west­lichen Polen (Groß­polen) und den Räumen östlich Warschaus: in Masowien und besonders in Ruthenien. Die West-Ost-Divergenz ist zweifellos primär eine Folge der Teilungen, insbeson­dere der unter­schied­lichen Entwicklung im preußischen und russischen Teilungsgebiet, aber die Tendenzen zu den bis heute vorlie­gen­den Disparitäten sind bereits früher anzusetzen.183 Eine vertie­fende Dar­stel­lung betreffend der Korre­lation zu Diver­genz­prozessen zu sich heraus­bil­den­den Dispa­ri­täten vor Ende des 18. Jahr­hunderts über­steigt den gegebenen Rahmen.

Die Rolle der Symbole für die polnische Nation in ihrer spezifischen Wechselbeziehung zum Staatsprinzip ist bereits angeführt worden. Nach Elias basiert die ›Nationalisierung des Denkens‹ auf Symbolen, die die Personifizierung der Nation in einen absolutistischen Herr­scher ablösten. Die Wir-Gefühle der vorrevolutionären Oberklasse in Europa hatten noch nicht den Charakter einer Bindung an den Staat.184 Elias weist hin auf die Änderung des Wan­­dels des Identitätsgefühls, des Übergangs in ein Werte- und Glaubenssystem, das ein Bild der Nation an die oberste Stelle richtet.185 Die in Westeuropa von den Mittelschichten getra­genen Wandel der Gefühle in der zur ›Aus­füh­rung jeglicher Politik‹ in gewissem Maße not­wendigen emotionalen Bindung auf seiten der Men­schen hat einen ›erheblich anderen Charakter‹:

»Sie waren in einem viel höheren Grad symbolische Natur – Bindungen an Symbole des Kollektivs. Diese Symbol konnten sehr verschieden aussehen. Aber Wortsymbole spielte unter ihnen eine besondere Rolle. Welche Form sie auch hatten, die Symbole für ein Kollektiv und seine vielfachen Aspekte, die zum Brennpunkt der emotionalen Bindungen von Personen an das Kollektiv wurden, schienen dieses selbst mit einer eigentümlichen Qualität auszustatten; sie verliehen ihm, so könnte man sagen, eine numinose Existenz per se, jenseits und oberhalb der Individuen, die es bildeten – eine Art Heiligkeit, wie man sie früher vor allem übermenschlichen Wesen zugeschrieben hatte.«186

»So kristallisieren und organisieren sich die emotionalen Bindungen der Individuen an ihr Kol­lektiv weiterhin um gemeinsame Symbole, die keine faktischen Erklärungen erfordern, die als abso­lute Werte von fragloser Geltung betrachtet werden können und müssen, die im Brennpunkt eines gemeinsamen Glaubenssystems stehen. Sie in Frage zu stellen – den gemeinsamen Glauben an das eigene, souveräne Kollektiv als einen hohen, wenn nicht den allerhöchsten Wert anzuzweifeln, be­deutet Abweichung, Treuebruch… .«187

Im Nationsbildungsprozeß Westeuropas, in der Funktion als ›Wir-Ideal in einem Zeitalter hoch­industrialisierten Massengesellschaft‹ …

... »reichte bloßer Drill und Gehorsam gegenüber einem Fürsten oder militä­rischen Befehlshaber nicht mehr aus, um den Erfolg eines Landes in einem Machtkampf mit anderen zu gewähr­leisten. Hier ergab sich die Notwendigkeit, daß sämtliche Bürger, zusätzlich zu allen Fremd­zwän­gen, auch durch ihr eigenes Gewissen und ihre eigenen Ideale – also durch einen Zwang, den sie als Individuen auf sich selbst ausübten – dazu angehalten wurden, ihre individuellen Bedürf­­nisse denen des Kollektivs, des Landes oder der Nation, unterzuordnen und gegeben­en­falls ihr Leben in die Schanze zu schlagen.«188

Ebenfalls nicht für die polnische Gesellschaft zutreffend ist als grundlegendes Merkmal die ›Gleichzeitigkeit einer wachsenden Inter­depen­denz aller sozialen Klassen und einer per­manenten Spannung zwischen den Spitzen­grup­pen der Arbeiter- und der Mittelklassen‹ (S.193). Ebenso entfällt die Funktion des Appells an nationale ›Gefühle und Loyalitäten:

»In dieser Situation konnte der Appell an nationale Gefühle und Loyalitäten, die aus einer Viel­zahl von Gründen, vor allem im Zusammenhang mit Kriegen und einer Anhebung des Bil­dungs­niveaus durch staatlich kontrollierte Schulen und Heere, über die Klassengrenzen hinweg feste Wurzeln gefaßt hatten, innerhalb einer Gesellschaft als Hebel zur Beförderung sektionaler Inter­essen durch die eine oder andere der Führungsgruppen benutzt werden.«189

Geringe Ansätze hat es in der Phase der begrenzten Souveränität sowie staatlicher Existenz ab 1815 in Kongreßpolen gegeben. Es existierte ein kleines Heer unter polnischem Kom­mando und Verwendung nationaler Symbole. Nach der Niederschlagung des Novem­ber­­aufstandes 1931 erfolgte eine Rückstufung in ein Verwaltungsgebiet der Hegemonial­macht Rußland. Das polnische Heer wurde aufgelöst, die Nationssymbole konnten fortan nicht mehr als staatliche Symbole verwendet werden. Der zunehmenden Sichtbarmachung der fremden Macht, z.B. durch den Bau von Festungen - wie in Modlin bei Warschau oder in Zamosc - oder durch Verwendung von Symbolen des zaristischen Rußlands im diesem Tei­lungs­gebiet Polens auch bei der Bahn, der Post und in den Verwaltungen, stand die wach­sende antistaatliche Haltung der Nationverbunden mit der Verwendung von Nations­sym­bolen auf anderen Ebenen gegenüber.

Auf die seit 1993 in der Republik Polen durch Zuwachsraten des BIP gekennzeichnete Situation trifft Elias’ Gedanke zu, daß: ›nationalistische Glaubens- und Wertesysteme in hoch­ent­wickelten Ländern mit einem relativ hohen Lebensstandard … in der Regel rückwärts orien­tiert sind (ebd.).

Die Verwendung des Nationsbegriffes macht - auch bei zunehmender Dominanz von Symbolen der Moderne - eine Abgrenzung von den Nationalismen notwendig. Ein Problem bereitet die Übernahme des Begriffes ›Patriotismus‹. Er ist im deutschen Sprach­ge­brauch an den Staat geknüpft und drückt eine Loyalität zwischen Indi­viduen und der Figuration aus, der sie angehören. Elias vermeidet eine allgemein gültige Definition:

»Was aber Nationa­lis­mus heißt, ist in vielen Fällen einfach der Patriotismus anderer, und Patriotismus die eigene Form von Nationalismus« (S.198).

In Polen ist ›Patriotismus‹ eine nationsorientierte Haltung, die das politische Gefühl von 'Vater­land' impliziert. Der Verfasser neigte bisher zu der Definition des polnischen Na­tionalismus als eines 'Abwehr- Nationalismus', der gegen den preußisch-deutschen Nationa­lismus gerichtet war und ist, zumal in dessen chauvinis­tischer Ausprägung. Entsprechendes gilt für die antirussische Haltung in Polen.

Eine auf westmitteleuropäische Gesellschaften bezogene Darstellung des Nationalismus gibt Schieder:

»Der Nationalismus in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen als Nationalbewußtsein geistig  kultureller Art, als Nationalitäts- oder Nationalstaatsprinzip, als Nationaldemokratie National­im­perialismus, totalitärer National­sozialismus ist eine der stärksten dynamischen Kräfte der letz­ten anderhalb Jahrhunderte in Europa gewesen. Es war der Inbegriff der Erwar­tun­gen und Hoff­nungen ganzer Generationen, die im Nationalstaat die Vollendung ihres Per­sön­lich­keits­ideals sahen, und der wurde der Schrecken ganzer Völker, die durch nationalistischen Fana­tis­mus ihre Freiheit oder ihre Heimat verloren. Nicht als ob die Differenzierung Europas in Natio­na­le Kulturen, Nationalssprachen und schließlich Nationalstaates von Anfang an der Keim der Auf­lösung und Zersetzung der europäischen Welt getragen hätte, sie machte vielmehr das We­sen des Europäischen aus, das Jacob Burckhardt einmal als Discordia concors bezeichnet hat«.190

Die vom Staatsvolk unterschiedlichen Gruppen zu gewinnen und sie in eine ›Staats­nationali­tät‹ einzu­beziehen, ist so gut wie nirgends gelungen.191 Es kommt nach den Aus­füh­run­gen Schieders über die ostmit­teleuropäischen Staaten, die Nationalstaaten sein wollten, obwohl sie es objektiv gar nicht waren, ›von Serbien Griechen­land über Bulgarien, Rumä­nien, der Tschechoslowakei bis zu den Ländern der baltischen Randzone, die durch Sezes­sion aus Großreichen entstandenen‹ sind, nicht vor.192 Polen, das im 16. Jahrhundert einmal das größte Staatsgebilde darstellt, stellt ein Spezifikum dar. Es wird erwähnt bezüglich der revi­sio­nis­tischen Bestre­bun­gen Deutschlands während der zwanziger Jahre gegen über Po­len wie auch dessen Revisonismus an seiner Ostgrenze.193 Die nationale Abwehrhaltung z.B. in der polnischen Gesell­schaft wird von Schieder nicht gewürdigt. Er führt noch 1992 aus:

»…das Geschichts­denken wird nur soweit gestattet, als es den kommunistisch-revolutionären, russischen entgegensteht. … Es ist bedeut­sam, daß diese Geschichts­bilder offenbar vor allem da ihre nationalen Inhalte verlieren sollen, wo die Gefahr innerer Reaktionen gegen das System besonders ernst zu werden droht, so bei Polen und Tschechen.«194

Als für den politischen Dis­kurs gut verwendbar bietet sich Elias' Definition des Begriffes ›Nationalismus‹ an:

»Alles in allem erscheint (er) als soziologischer Stan­dardausdruck besser geeignet: Er ist flexi­bler; man kann von ihm leichtverständliche Ableitungen mit Prozeßcharakter bilden, etwa ›Natio­­na­lisierung des Empfindens und Denkens‹. In diesem Sinne, ge­reinigt von Untertönen der Zustim­­mung oder Ablehnung, wird er hier benutzt. Er soll einfach einen Aspekt einer breiten Umgestaltung bezeichnen, die bestimmte Staatsgesellschaften, als Teile einer bestimmten Macht­­balance-Figuration von interdependenten Gesellschaften, in einem bestimmten Zeitab­schnitt durchmachten. Er bezieht sich auf ein soziales Glaubenssystem, das latent oder akut die Staats­gesellschaft, das souveräne Kollektiv, zu dem seine Anhänger gehören, in den Rang eines obersten Wertes erhebt, dem alle anderen Werte untergeordnet werden können und manchmal in der Tat untergeordnet werden müssen.«195

Elias Verdienst besteht in einer Entmoralisierung des ›Patriotismus‹- wie des ›Nationalis­mus‹-­Be­griffes durch Gewinn einer erhöhten Distanz. Dadurch erfolgt zugleich die Ent­funk­tio­nalisierung als gesellschaftlicher Kampfbegriff.

2.2 ›Nation‹, ›Nationalismus‹, ›nationale Frage‹ - eine Auseinandersetzung mit linken Positionen

Es bietet sich aus zunächst methodischen Erwägungen heraus an, einen Exkurs zu unter­nehmen zur Darstel­lung des Nationsbegriffes sowie der Einschätzung des Nationalismus seitens west­deutscher linker Intellektueller. Der Vergleich mit Kühnl196 wurde gewählt, um eine zeit­geschicht­liche Spannungs­­­kon­stel­la­tion aus adäquater linker Position aufzuzeigen und um die Methode instru­men­­teller Ebenen ­zu verdeutlichen. Es handelt sich darum, die Position wie Einschätzung linker und zumeist macht­armer Intel­lek­tueller zu Staat und Ge­sell­schaft vergleichend zu betrach­ten. Dies soll geschehen u.a. auch angesichts der prinzi­piell kritischen Haltung gegenüber dem Nations­phänomen wie Nationalis­­musbegriff. Die Richtung dieser Kritik wird zumindest inso­weit sie auf den instrumentellen Charakter des Gegenstands bezogen ist, im Ansatz geteilt. Der Vor­be­­halt bezieht sich auf die nur begrenzt zum Ausdruck kommende Distanzierungsfähigkeit. Da es sich um einen Diskurs in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft handelt und der Bezug zur deutschen Geschichte eine erhebliche Spannung vorgibt, bleibt die Gefahr des Grat­wan­dels zwi­schen distanziertem Diskurs und tendentiell affektiv besetzter politischer Ausein­an­der­­setzung.

Der Nationalismus ist nach Kühnl eine Ideologie gegenüber den Massen. Er begründet dies u.a. mit dem Masseneinfluß z.B. durch die Landserhefte, die Jahrzehnte in Millionen­auflagen produ­ziert worden sind. Sie sind ganz auf 'action' und Emotionalität angelegt und haben die Funktion, 'Sympathie für Militär und Technik zu ent­wickeln' und über das An­sprechen von Nationalstolz 'Wehr­bereitschaft im Kampf gegen die Gefahr aus dem Osten' zu schaffen (S.52)197

Es ist zu fragen, inwieweit diese Schriften in ihren Methoden mit den Propaganda­instrumenten kom­mu­­nistisch beherrschter Systeme korrelieren. Nicht angeführt oder unter­sucht wird von Kühnl z.B. die Wirksamkeit entsprechender Ansätze in den einer Militarisie­rung198 der (eigenen) Gesell­schaft dienenden Broschüren in der DDR. Polen betreffend kann konstatiert werden, daß derar­tige Instrumente nur in der Wech­sel­be­zie­hung mit nations­orientierter Verklammerung wirken.199 Kühnl sieht den Bezug zur Erziehung von 'National­stolz' zum Resultat, daß nicht nach Inhal­ten gefragt wird, sondern danach, ob der Kampf für Deutschland geführt wird (S.53). Auch dieses müßte methodisch verglichen werden mit Ansätzen von kom­munistischer Ideologie und ihrer übernational bzw. inter­national orien­tierten Doktrin und der daraus abgeleiteten Propaganda.

Die Korrelation zur von Kühnl benannten Krise (des Kapitalismus) wie auch der 'Mas­sen­arbeits­losigkeit'200 ließen sich ebenfalls mit der permanenten 'Krise' sozialistischer Sy­steme ab den sieb­ziger Jahren vergleichen und dem dadurch induzierten Anti-Verhalten in den Gesellschaften der real­­sozialistischen Länder. Symbole dafür waren z.B. das 'EA' für 'element antisocjalistyczny'. Es wurde in Polen bis zum Kriegs­zu­stand z.B. auf T-shirts de­monstrativ getragen. Danach gab es das Symbol für die kämpfende bzw. auf Sieg setzende Solidarnosc.201 Erkennbar war in Polen eine Hinwen­­dung zu Symbo­lis­men, (Nationsmythologie, Heldenmythos, Messianismus) wie zu den symbol­haften und mys­ti­schen Ebenen des Katholizismus.

Konstatierbar ist eine gewisse Parallelität in der Methodik der auf der Basis des Anti­kapitalismus fußenden Linken, als deren Vertreter Kühnl gilt, zu Ansätzen kommunistischer Propaganda. Die Mechanis­men 'Betonung nationaler Identität' sowie das 'Deutschsein' (S.53) mit der daraus resul­tie­renden Ausgrenzung der Ausländer, findet durchaus ihre Ent­sprechung in den autoritären sozia­listischen Gesell­schaf­ten. Kühnls Beispiel, seine Verknüp­fung des Vorgehens junger SA-Leute gegen Juden und Kom­mu­­nisten als Aktivitäten des 'sozial aus der Bahn geworfenen Indivi­du­ums', das Aner­ken­nung in der Gemein­schaft findet, erfährt keine direkte Entsprechung.202

Es ist dabei das Spezifikum sozialistischer Gesellschaften am Beispiel Polens zu sehen, deren systemspezifische Symbole von den Menschen abgelehnt werden. Daraus resultiert die Bildung von Symbolen für Anti­haltungen, die Flucht in mytho­lo­gische 'Gemein­schaften' verbunden mit Nations­visionen. Es handelt sich um konkrete Sub-Figura­tionen in der Halb­legalität oder der von den Machteliten nicht erwünschten aber zwangs­läufig geduldeten Gruppen der Kirche oder ande­re Glaubensgemeinschaften.

Die Haltung der von Kühnl skizzierten Rechten gegenüber dem Ostblock hat seine Ent­sprechung in der kommunistischen Propaganda. Dies wird erwähnt, um deutlich zu machen, daß individuelle Entscheidungen, das Denken und Handeln der Gesellschaftsmitglieder zu­gleich im Zusammen­hang stehen zur erfahrenen Propaganda. Es ergibt sich ein möglicher ›Doppelbinder‹203 zwischen der vermit­tel­ten Propaganda und den Erscheinungsformen im gegnerischen Lager einerseits und damit in der Wahrnehmung von Propaganda und den entsprechenden Gegenwirkungen anderer­seits. Der Satz, ›Es gibt also einen Zusammenhang zwischen sozialer Krise und Sinnentleerung des Daseins‹ (S.54) ist direkt übertragbar auf die fundamentale Krise der sozialistischen Gesell­schaften, hier bezogen auf Polen am Ende der siebziger Jahre. Wenn auch der Krisenbegriff als dem Kapitalismus zugeordnet unspezi­fisch sein mag, so ist er gleichwohl treffend, obwohl er nicht alle Dimensionen der inneren Desolatheit der real­sozialistischen Gesellschaft erfaßt. Aus­druck für die Krise war z.B. der ab 1980 beginnende Zusam­men­bruch im Gesundheitssystem, der sich nach 1989 fortsetzte und auch das Bildungssystem erfaßte.204

Die Fortführung des Satzes ›... und der Bereitschaft zur Einordnung in die nationale Gemein­schaft‹ im Zeichen von Militär und Krieg andererseits, bezieht sich auf für die bun­des­deutsche Gesellschaft nicht re­prä­sentative Gruppen, kann also ebenso bei Vorliegen ent­sprech­en­der Macht­schwäche und Randstruktur in vergleichbaren Gesellschaften sei­ne Ent­sprechung finden. Auch ein methodischer Vergleich kann auf gegebener Ebene nicht geführt werden. Als Beispiel, respektive Gegen­­beispiel, sind Kühnls Ansätze aber geeignet und ihre Ein­be­zie­hung in die Betrach­tung von Nation und Nationalismus vertretbar.

Es muß darauf hingewiesen werden, daß eine Inter­de­pen­denz zwischen der Propa­gan­­­da­produk­tion seitens entsprechender Intellektueller und ihrer Wirkung in entsprechenden Gruppen vorliegt. Die kommu­nis­tische Propaganda wirkte sich z.B. im brutalen Vorgehen der ZOMO aus. War auch die übrige Bevölkerung nahezu affektiv resistent bzw. reagierte abweisend, so trifft auf die ZOMO die Resonanz der Propaganda durchaus zu. Die Ursa­chen wie Folgen des Vorgehens werden mit dem Staat und dem System assoziiert, so daß ein spezifischer Rückkop­plungs­effekt vorliegt, der die Gegner­schaft zum System evoziert.

Das Problem ist dabei, daß es in Polen vor 1989 zwar mündliche Darstellungen dieser Proble­matik gege­ben hat, Untersuchungen aber nicht möglich waren. Nach 1989 ist die Er­for­schung der Sozialstruktur der Partei und staatlicher Organisationen kaum gefördert wor­den.205 Man hat in schweren Fällen zwar straf­rechtliche Ermittlungen durchgeführt, eine juristische Aufarbei­tung erfolgt nur in äußerst geringem Maße, wenn, dann in politisch spektakulären Fällen, wie z.B. der Anklage gegen Rakowski im Zusammenhang mit dem versuchten Verkauf der Lenin­werft. Der Anspruch auf eine mora­lische Aufarbeitung wird überlagert durch neue spürbare Problem­lagen des Alltags. Eine dominierende Rolle spielen seit 1989 die Instrumen­tali­sie­rungs­versuche in den gesell­­schafts­politischen Machtkämpfen der Gegenwart.

Die Kühnl'sche Kritik an den Eliten (S.56) kann ebenfalls herangezogen werden. Die Vergleiche beziehen sich auf die Ebenen Methode und Funktion, nicht auf konkrete Inhalte. Die Ideologien haben im gegebenen Zusam­men­hang einen Leerformelcharakter, sie sind nicht falsifizierbar. Kühnl sieht eine Wechsel­be­zie­hung zwischen nationaler Identität, Natio­nalbewußtsein und den Eliten, insbesondere der jungen Intelligenz.

Auch die folgenden Gedanken lassen sich anwenden:

»Die gegenwärtige Diskussion über nationale Identität, neues Nationalbewußtsein usw. wen­det sich aller­dings nicht an die Massen, sondern sehr deutlich an die 'Eliten'. Doch zunächst ist der Adressat dieser Theo­rien die Intelligenz, die nun aber von sehr unter­schiedlichen Bedürf­nissen und Motivationen geprägt ist. Da ist zunächst einmal schon seit dem Ende der sechzi­ger Jahre eine starke Tendenz zur Abwen­dung von der herrschenden Politik und zur Suche nach linken Alternativen. Sie wurde wesentlich be­stimmt von den Erfahrungen der Demokra­tiege­fährdung im eigenen Land (Notstandsgesetze, erneute Vi­ru­lenz faschistischer Kräfte) und der impe­riali­stischen Politik gegenüber der Dritten Welt (Viet­nam­krieg, Schah-Regime). Antifa­schismus und Antiimperialismus – das waren die Grundelemente ihrer Welt­­an­schauung –, natürlich weiterhin ver­mischt mit Elementen der herrschenden Ideologie, insbe­son­de­re dem Anti­kom­munis­mus, der in die­sem Lande seit Jahrzehnten alle Poren des politischen Lebens durch­­­dringt. Diese zunächst noch von allerlei ultralinken Illusionen begleiteten Bewegungen gewannen ide­olo­­gische Konso­lidierung und stärkere Realitätsbezüge dadurch, daß die Ent­spannungspolitik und die sozial­­libe­ra­len Reformkonzep­te reale Erweiterungen für Verände­rungsbestrebungen anboten; und da­durch, daß zugleich die Arbei­terbewegung in der Bundes­republik und in anderen Ländern West­eu­ro­pas sich als eine soziale Kraft präsentierte, die Veränderungen nach links durchzusetzen in der Lage schien.«206

Das grundlegende Problem bei Kühnl besteht darin, die eigene Position als 'realistisch-lin­ken' - und damit als legitim definierten - politischen An­satz zu konkreten 'Veränderungen nach links' zu definieren, nicht aber den primär der Deskrip­tion dienenden Modellgehalt und damit den Ideolo­giecharakter einzubeziehen. Bei einem Aus­tausch seines Vokabulars ent­steht daraus für die polnische Gesellschaft die Suche nach nicht-sozialis­tischen Alter­na­tiven, nach neuen Reformvi­sionen, die als Charakteristikum der Solidar­nosc in hohem Maße eine Reproduktion vergangenen Utopiedenkens wie auch auf der Basis der aus der Analyse der Industriegesellschaft entstande­nen christlichen Soziallehre.207 Angestrebt wird die Herbeifüh­rung von Demokratie durch Ableh­nung der totalitären (kommu­nis­tisch­en) Herr­schaft, die Begegnung von durch politische Unter­drückung her­vorgerufenen Demo­kratiegefahren, ein­schließ­lich der Freilassung poli­tischer Gefan­gener.

Kühnl kritisiert z.B. die Besetzung der Funktionsstellen in der bundesdeutschen Gesell­schaft.

»Zwar blieben die Spitzenpositionen im Management der Privatwirtschaft, in den Hochschulen, bei Juris­ten und Ärzten in den Händen der konser­va­tiven Kräfte, 'doch in Schulen und Hoch­schulen, in den Mas­sen­medien, aber auch in den unteren und mittleren Bereichen von Justiz und Verwaltungen gab es z.T. tief­grei­fende Veränderungen.« (S.57)

Die Vorgehensweise nach machtabhängigen Loyalitätskriterien findet ihre Entsprechung in der VR Polen. Es sind überwiegend die mittleren Funktions­eliten betroffen.208

Als Definitions- und Deskriptionskriterium kristallisiert sich für beide Beispiele bzw. Systeme eine graduell begrenzte Partizipation der Kritiker an den Funktionen heraus, die mit entsprech­en­dem Machtanteil verbunden sind. Die 'Demokratisierungsforderung' wird zu einem Synonym für die Forderung nach Partizipation für Machtschwache. Je mehr die ei­gene Machtschwäche bewußt wird, z.B. anhand von Versorgungsschwierigkeiten für die Arbei­ter bzw. Werktätigen, und jüngere Wissen­­schaftler, um so schärfer werden die Forde­run­gen erhoben. Krise, Verun­sicherung, Arbeits­­losigkeit, d.h. die Bewußtwerdung der ver­steckten Arbeits­losigkeit, der permanente Wert­ver­lust der eigenen Währung, wie auch die damit verbundene auf­ge­staute Inflation.

In dem Maße, in dem die vom sozialdemokratisch orientierten Flügeln der Reformbe­wegungen getra­genen Hoffnungen abbauten und Umweltzerstörung etc. bewußt wurden, verschwanden die Alternativ­hoffnungen, die durch die Solidarnosc hervorgerufen wurden und in einer Euphoriewelle mündete, ebenfalls sehr bald - lange vor Zerschlagung der Soli­darnosc selbst. Vertrauen hat die Solidarnosc nach der Wiederzulassung nur begrenzt erhal­ten, sie konkurriert mit der etwas gleich starken Gewerkschaft OPZZ.

Kühnl begründet die Abwendung der Eliten mit dem Anstieg der qualitativen und quantitativen Bedeutung des Anteils der Höherqualifizierten. In der BRD betrug der Anstieg in den siebziger Jahren eine Steigerung von fünf auf zwanzig Prozent eines Jahrgangs. Seit einigen Jahren ist die Grenze von dreißig Prozent in den meisten Bundesländern überschrit­ten. Das Bild der sozia­lis­tischen Länder ist davon abzusetzen. Es trifft aber prinzipiell zu, wenn auch die Quali­fi­kationen nur begrenzt kompatibel sind. Zu den von Kühnl genannten Abwehrhaltungen gegen mögliches Eindringen von Nationalismen in die Positionen und Doktrinen der Linken soll nicht weiter Stel­lung bezogen werden. Die Kritik daran, all dem zu folgen, was gegen die sozialis­tischen Länder gerichtet ist, kann nur als eine gewisse Ignoranz oder eine Verdrängung eigener Involviertheit (in politische Doktrinen) dieses Vertreters der Linken in Westdeutschland erklärt werden. Seit dem Ende der real­sozia­list­ischen Regime ist der Stellenwert entsprechender Ansätze gesunken.

Der innere Widerspruch wird in den letzten Gedanken deutlich: Die starke Abwehrhal­tung gegen die 'herrschenden Klassen' und als Ziel die 'Friedenssicherung'. Es handelt sich um einen postu­lierten oder geglaubten, aber eindimensionalen Bezug. 'Friedenssicherung' ist primär Erhalt des Status quo, verbunden mit der Nichtanwendung physischer Gewaltakte. Damit ist die Zemen­tie­rung der vorhandenen Macht­balance gegeben - also der von ihnen so gesehenen 'herrschenden Klasse' und der von Kühnl nicht genannten über die Macht in Ost­europa verfügenden Perso­nen­grupppen.

Es bleibt die Konsta­tie­rung der Verschließung vor der Anwen­dung 'kritischen Denkens' gegen­über der eigenen Gruppe wie auch gegenüber sich selbst. Auch diese Situation findet sich in der Solidarnosc. Dort ist das Resultat die Postulierung von prinzipiell nicht konkre­tisierbarem bzw. definier­ba­rem 'moralischen Recht' seitens der nicht an der Macht partizi­pie­renden, also der zu­min­dest temporär Macht­schwachen. Sie verfügen bis 1989 nicht über die Macht sowie die Fähig­keit, Normen bzw. Recht zu setzen und durch Macht­teilhabe, sowie durch eine legitime Kontroll­ausübung, Teilpartizipation o.ä. Mechanismen zu wirken.

Kühnl fügt zwei prinzipielle Gruppen von Intellektuellen an. Erstens diejenigen, die die konkrete Macht­­­teil­habe anstreben und zweitens diejenigen, die eine von vornherein vorlie­gende Aussichts­losig­keit, die Unmo­rali­tät von entsprechender Machtausübung postulieren. Letzteres kann auch als eine gewisse Larmoyance der nichtbeteiligten Intellek­tu­ellen inter­pretiert werden. Außerdem hat es einen Leerformelcharakter. Es gilt für macht­ferne west­deutsche Intellektuelle - unabhängig von ihrem Status in beruflich gesicherter oder ungesi­cherter Situation und kann entsprechend auf polnische Intellek­­tu­elle - auch in der Emigra­tion - übertragen werden.

Für die polnischen Intellektuellen in KOR, ROPCiO etc. gilt eine spezifische Span­nungs­kon­stel­lation. Sie ist objektiv in damaliger Real- und Selbsteinschätzung machtlos.209 Ihr starker Utopie­glaube entspricht dem tradierten der polnischen Intellektuellen. Die be­troffenen Intellek­tu­ellen befanden sich am Ende der siebziger Jahre in einer erheblichen Ar­mutssituation verbunden mit sinken­der realer Prosperitätserwartung. Möglicherweise korre­liert der hohe Grad der Chancen­losigkeit, die Erwartung von keinem weiteren Absinken des eigenen Standards mit der Utopie und der Höhe der Erwartung. Man befand sich in der fata­len und oft deprimierenden Situation, nichts mehr verlieren zu können und nur noch gewinnen zu können Damit ist die Situation der Machtar­mut durchaus vergleichbar der Si­tua­tion im 19. Jahrhundert. Als wesentliches Unter­schei­dungs­kriterium bleibt der mangelnde Identifi­ka­tions­bezug der polnischen Intellektuellen in der Solidar­­nosc zu dem Staat als einer Figuration auf höherer Integra­tions­ebene von Gesell­schaft.

Für das deutsche Bürgertum bedeutete Nationalbewußtsein vor allem seit 1871die Identifikation mit dem National­staat. In Frankreich bedeutete es die Identifikation des ehe­mals revo­lu­tio­nä­ren Bürger­tums mit der Republik, die eine die Nation in den Staat integrie­rende und diese verkör­pernde Figuration. Die von Kühnl angeführte These, die Nation stelle eine besonders dichte so­ziale Kommu­ni­kation dar, müßte eine spezifische Auseinandeset­zung mit kommunika­tions­theo­retischen Ansät­zen erfordern. Diese kann und soll an dieser Stelle nicht geführt werden. Gleich­wohl wäre die Rolle der Kirche in ihrer Klammer­funktion als den Staat ersetzenden Körper­schaft auf kommu­ni­kationstheoretischer Ebene sehr disku­tie­rens­wert.

2.3 National und revolutionär

Im folgenden soll repräsentativ eine Darstellung über die Rolle der Nation in dem - revolu­tionären - Prozeß von 1980 aus der Phase nach der 'polnischen Wende' vorgestellt wer­den.210 Kula reprä­sen­tiert charak­­teristische Positio­nen polnischer Wissenschaftler. Er über­klammert in seiner Abhand­lung die wesent­lichen histo­rischen Phasen der Nations­geschichte. Kula mißt der real­so­zialistischen Phase keine spezifische Prägung des Habitus zu. Dadurch anerkennt er nicht die Möglichkeit einer Prägung der Gesellschaft über die Systemrealität. Er reduziert den Sozialis­mus auf etwas Nationsfremdes, das in nations­spezifischem Handeln über­wunden wurde. Kula, der als Wissen­schaftler durchaus in das System der VR Polen integriert war, verkörperte dadurch selbst die tradierte Praxis der polnischen Intellektuellen. Entsprech­endes gilt z.B. für Trzecia­kowski, einen Historiker der Adam-Mickiewicz-Uni­versität Posen, der ebenfalls dort seine Karriere absol­viert hat.211

Als Leitgedanke zum Einstieg in Kulas Abhandlung bieten sich folgende Fragen an:

  • Wann wendet sich die nationale Befreiungsbewegung gegen das herrschende politische System?

  • Wann kann die soziale Revolution die Herausbildung bzw. Befreiung der Nation fördern?

  • Wie können die spezifischen nationalen Charakter­eigenschaften eine Revolution hervor­rufen?

Zunächst leitet Kula den Begriff des Revolutionären von dem des Nationalen ab:212

Der nahende Untergang einer Nation bzw. eine bevorstehende Niederlage kann zwei Reaktio­nen hervor­rufen: Das herrschende System wird angesichts der Katastrophe gestärkt, alle Konflikte und nationalen Fragen werden für die Zeit des Kampfes vergessen sowie: eine schnelle Reform des Systems wird als Voraus­setzung gesehen, den Kampf zu gewinnen, deswegen wird das po­litische System in Polen schnell reformiert. … Die Verfassung vom 3. Mai 1793 mußte mög­lichst schnell beschlossen werden. Dadurch glaubte man, als Nation überleben zu können. Ende der 70er Jahre wurde die Krise des Systems und der Gesell­­schaft offenkundig, daher erfolgte 1980 ­der Versuch, das System zu stürzen bzw. zu reformieren, um als Nation bestehen zu kön­nen. … Die Vorbereitung zum Kampf bzw. eine Art Widerstand zu lei­sten, bestand in dem Ver­such einer ‘moralischen Erneuerung’ der Gesellschaft. Ein Symbol war Anfang der 80er Jahre z.B. die Propagierung des Verzichts auf Alkohol als ein Zeichen des Wider­standes, als eine Ab­gren­zung zu den ›Roten‹ bzw. den ›Russen‹. Es gab Aufschrif­ten in der Kirche, wie z.B. 'Trinkt nicht! Rettet die Heimat!'

Der Zustand einer Nation wird oft zur Ursache für den Beginn einer Reformtätigkeit sowie für soziale Verän­­derungen. Nachdem in den 70er Jahren die Kontakte mit Westeuropa möglich ge­worden sind, glauben die Polen, das herrschende System sei an ihrer Rückständigkeit schuld. Daraus resultierte der Wunsch, das System zu reformieren, um den ›ihnen gebühren­den Platz in Europa‹ zu erreichen. Alle Revo­lutionen, die das Ziel verfolgen, daß die Nation ei­nen ihr gebüh­renden Platz unter anderen Natio­nen einnimmt, haben etwas Gemeinsames. Sie streben die Ver­änderung des sozialpolitischen Systems und somit auch der Gesellschaft an. Andererseits heben sie insbeson­dere die nationsspezifischen Werte, die Traditionen hervor. In Polen war das z. B. 1980/81 der Wunsch nach einer allseitigen Moderni­sie­rung. Gleichzeitig erfolgte eine starke Besinnung auf die nationalen Werte.

Die national orientierten 'Modernisierungsrevolutionen' führen oft erst zum Entdecken bzw. dem Heraus­­kristallisieren nationaler Eigenschaften. Die nächste Situation, die eine sozialpoli­tische Veränderung möglich macht, ist die Situation 'politischer Leere', d.h. der Aufbau eines Systems von Anfang an, z. B. nach dem Wiedererlangen der Unabhängigkeit. In diesem Kon­text wird ein Fehler der Solidarnosc 1980/81 deutlich: Die Solidarnosc hat den Aufbau eines Systems von Anfang an, von der ›Stunde Null‹ propagiert, so als gäbe es keine Institutionen des gestürzten Systems.

Der nationale Befreiungskampf führt, so Kula, mit großer Wahrscheinlichkeit dann zur so­zialen Revolution, wenn die sozialen und nationalen Klassenstrukturen identisch sind, d. h. ›die Nation wird unter­drückt, die Fremden sind die Unterdrücker.‹213 Kula hebt die große Rolle der Intelligenz (inkl. der Studenten und Offiziere) in den national gefärbten Revolu­tionen hervor. Die Intelligenz gilt als ›Symbol des Widerstandes‹.

Der Einfluß der Intelli­genz auf die sozialen Veränderungen war bereits mit dem 19. Jahr­hun­dert sehr stark. ›Im 19. Jahr­hundert war die Intelligenz der stärkste Kämpfer für Demokratie und Freiheit‹ (S. 228). Im Jahre 1980 hatte die Intelligenz - auch eine sehr aktive Rolle. Walesa sprach damals davon, daß der Drang der Intelligenz, in der Solidarnosc mitzuwirken, ›mit blo­ßem Auge‹ zu sehen war (S. 229). … Das KOR und die Zeitschriften 'Robotnik' und 'Robotnik Wybreia' sind dank der Intelligenz entstanden. Im August 1980 erfolgte die Unter­stützung bei der Ausarbeitung von Postulaten, ihrer Form und Verbali­sie­rung, die Postulate selbst kamen aber von den Arbeitern.214 Dank der Intelligenz ist die Bewegung Soli­darnosc ein Anliegen der ganzen Nation geworden. … Die Intelligenz ist meistens die erste Gruppe, die - dank ihrer Aus­bildung und vor allem dank der Kontakte mit dem Ausland - die Rückständigkeit des ei­genen Landes bemerkt. Die Diskrepanz zwischen der guten Ausbildung und dem Fehlen der Perspek­ti­ven war im Falle der Intelligenz besonders deutlich. Die Intelligenz kann nur dann zu einer wirklichen Kraft werden, wenn sich ihr auch andere Gruppen anschließen.

Im folgenden leitet Kula die ›Bildung der Nation‹ aus dem Revolutionären ab.215

Wie kann ein sozialer Konflikt zur Herausbildung einer Nation führen bzw. eine Nation beein­flussen und stärken, die Entwicklung von der sozialen Revolution bis hin zur nationalen Revo­lution. … Die Solidar­nosc in Polen ist ein Beispiel der Akzentverschiebung von sozial­poli­tischen zu nationalen Aspek­ten der Bewegung. Die Solidarnosc repräsentierte nicht eine soziale Gruppe, sondern die ganze Nation und er­streckte ihre Postulate auf die ganze Nation. Die Ereig­nisse vom August 1980 wurden als National­­auf­stand bezeichnet, als ein Glied in der Kette der nationalen Auf­stände (vom Kosciusko-Aufstand bis hin zum Warschauer Aufstand. Es er­folgte die symbo­lische Anknüpfung an nationale (nicht soziale) Feier­tage und Symbole. 1970/71 und 1976 gab es dagegen fast keine nationalen Akzente. Bis 1980 war der nationale Ton in der Opposition niemals dominierend. In der Entwicklung der Solidarnosc erfolgte eine Akzent­ver­schiebung des Gegen­satzes: Gesellschaft - Regierung zum Gegensatz: Nation - Regie­rung. Ende der 80er Jahre (ab ca. 1988) läßt diese nationale Welle allmählich nach. Die Ereignisse von 1980/81 werden nicht mehr als ›ein Aufstand der unterdrückten Nation gegen die fremde Macht‹ be­zeich­net, sondern als ein politischer Kampf um die Rechte der Gesell­schaft. Es er­folgt eine Akzent­ver­schie­bung von der ›Gemeinschaft der Nation‹ in Richtung der ›Gemein­schaft der Gesellschaft‹.

Kulas Position zeugt von hoher eigener Nations­identität. Die Involviertheit in die eigene Nation war und ist ein erfahrbares Phänomen aller polnischer Intellektueller. Es läßt sich aus der beson­deren Rolle der Intellektuellen im Eintreten für die Befreiung bzw. die Rechte der Nation ableiten und andererseits aus der Tatsache, daß die Nation nicht moralisch diskredi­tiert ist und das Eintre­ten für die Nation als patriotische Pflicht kollektiv verinnerlicht ist. Dieser Grad an Involviertheit ist für Westeuropäer, insbesondere Deutsche, die dem Natio­nal­gedanken aus histo­rischen Gründen fern stehen und gegebenenfalls im Europagedanken eine über den ökono­mischen Ansatz hin­ausgehende moralisch anstrebenswerte Kategorie sehen oder auch inter­nationa­listisch orientier­ten Positionen nahestehen, schwer nachvoll­ziehbar.

Das Beispiel Polen stellt ein Spezifikum einer Revolution mit starker nationaler Motivation dar. Die Zuge­hö­rigkeit zu einer Nation hat die Funktion eines Primates gegenüber der Zugehörig­keit zu einer sozialen Gruppe. Des­wegen ist die Motivation zum Kampf um die nationale Frei­heit stärker als zum Kampf um die soziale Freiheit. Die nationale Unterdrückung ist deutlicher spürbar als die soziale. Die national gefärb­ten Revolu­tionen beschränken sich nicht auf eine Gesell­schafts­gruppe, sie umfassen die ganze bzw. fast ganze Nation. 216

Kula formuliert die These, daß das Nationale das Revolutionäre determiniert.217

Die Geschichte einer Nation (von sozialer Gruppen) bestimmt den Verlauf aller von ihr (ihnen) geführten Kämpfe, insbesondere der Revolutionskämpfe. Jede revolutionäre Bewegung ist in der Geschichte be­grün­det, auch wenn sie sich von der Geschichte abgrenzt bzw. sie verneint. In Polen hat man bei je­dem Nationalaufstand der vorhergehenden Aufstände gedacht (z. B. August 1980 wurde als eine Fort­set­zung der Aufstände 1830, 1863, 1956, 1968, 1970 gese­hen. Die wichtige Rolle der Intelligenz in der Geschichte Polens war teilweise in der sozial-wirt­schaft­lichen Struktur des Landes, teilweise in der tradi­tio­nellen Aktivität dieser Gruppe begrün­det (S. 323). Die starke Tradition des Kampfes in Polen führte dazu, daß der Kampf um die Freiheit als ein 'Normal­zustand' empfunden wurde. Die Ereignisse vom August 1980 waren also eine Etappe des Freiheitskampfes. Die Arbeit im Untergrund nach 1981 war auch in der Tradition aus der Kriegszeit begründet.

In seinen Schlußbemerkungen weist Kula darauf hin, daß seine Abhandlung einen Versuch dar­stellt, bestimmte Gesetz­mäßigkeiten aufzuzeigen und anhand von Beispielen zu verdeut­lichen. Er weist aber auch darauf hin, daß man auch Beispiele finden kann, die genau das Gegen­­­­­teil von den aufgestellten Thesen beweisen würden.

3. Teil: Überlegungen zu: Soziogenese des Staates in Verbindung mit dem Prozeß des Kampfes um den Erhalt und die Neudefinition der Nation als Anwendung der Zivilisationstheorie auf Polen

Folgende historische Schlüsselfragen sind immanent enthalten, können aber nicht vertieft wer­den.

  • Warum ist der Mechanismus der Zentralisierung in Polen im 17./18. Jahrhundert nicht erfolgt?

  • Welches (historische) Interdependenzgeflecht hat die Bildung der Zentralinstanz bzw. die Her­aus­bildung einer zentralen Machtinstanz verhindert?

  • Aufgrund welcher sozialhistorischer Paradigmen bildete sich das Wahlkönigtum heraus, das zur Schwächung des Staates beitrug?

  • Was bewirkte das Einpendeln der Machtbalancen in der Adelsgesellschaft?

3.1 Historische Überlegungen

These: Man war im Prozeß der Soziogenese des Staates im Vergleich zu Westeuropa zeitlich um mehr als eine 'Phase' zurückversetzt.

Das Land war im Mittelalter weni­ger dicht bevölkert. Der Adel konnte den Reich­tum natural­wirt­schaft­lich durch Urbanisierung mehren. Der Unterlegene in nach­bar­schaftlichen Kämpfen konnte nach Osten auswei­chen. Deshalb war der Antrieb, sich auf Kosten des Nachbarn zu vergrößern, im Vergleich zu Westeuropa im wesent­­lichen nicht gegeben. Die aus dem west- und mittel­euro­pä­ischen Raum heraus erfolgende 'Ost­­kolo­ni­sation' bedeutete neue Ein­­nahme­quellen für den pol­nischen Adel durch Verkauf von Land sowie spätere Steu­er­ein­nah­men bzw. Abga­ben der (neu angesiedelten) Bauern und Handwerker. In den ostpolnischen Regionen befanden sich große dünn besiedelte Räume,218 so daß die Groß­grundbesitzer auf der Basis der Natural­wirt­schaft219 bis zum Dreißig­­jährigen Krieg recht hohe Ein­nahmen hatten. Die Herausbildung einer zen­tralen Macht war nicht vonnöten und damit auch keine militärische Spezialisierung und Tech­ni­sierung.

3.2 Dezentralisierung und Ausübung physischer Macht in der Szlachtagesellschaft

In Westeuropa veränderte sich die Kriegstechnik dagegen im fort­schrei­tenden Staats­bil­dungs­prozeß, vor allem im Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg, mit dessen Ende zugleich das Ende der eigen­stän­digen und von den Truppen­kommandeuren besoldeten Heerhaufen ein­trat. In Polen war das nicht der Fall. Der König verfügte im 17. und 18. Jahr­hundert nicht über das Heer. Er war nicht Inhaber und Reprä­sentant der Zentralmacht. Die Dezentralisierung kann als charak­teristisch angesehen werden für die Psychogenese und Sozio­genese der Nation. Die zen­trifugalen Kräfte haben ein deutliches Übergewicht gegen­über den zentripetalen.

Die Kriegstechnik der polnischen Armee war bis zum Ende des 17. Jahrhunderts auf ei­nen groß­räu­migen Einsatz in breiter Front ange­­legt. Man war (ist bis heute) stolz auf die Kavallerie, die Husaren und Ulanen.220 Gegen eine verbesserte Artillerie und weittragende Gewehre mußte diese Kampftechnik scheitern.221

Die Niederlagen gegen die Schweden waren wesentlich darin begrün­det, daß kein ge­schlossen geführtes Heer zusammengestellt werden konnte. Es hing von der indi­vi­duellen Entscheidung des jeweiligen Woi­wo­den ab, inwie­weit die Woiwodschaft Truppen­kontin­gente aufstellten, die sie dann selbst finanzieren mußten. In der Regel waren die Woiwoden wohlhabende Schlachtzizen. Sie, die zugleich über Groß­grund­besitz verfügten, hatten kein Interesse an der Stärkung einer Zen­tral­­instanz und damit einer Erhöhung ihrer Macht. Das hatte die fatale Folge, daß die diszipli­nier­te und schlagkräftige schwe­dische Armee in den sechziger Jahren des 17. Jahr­hunderts nicht aufgehalten werden konnte. Diese war im Drei­ßigjährigen Krieg geschult worden und dadurch kriegs­technisch völlig überlegen.

Der Legendenbildung entsprechend wird kolportiert, daß Maria, die Mutter Gottes, ihre Hand über Tschen­stochau gehalten habe. Der historische Sachverhalt war, daß die be­lagernden Schwe­den durch das Herbstwetter und die damit ver­bundene Begünstigung von Infektions­krank­heiten auf­grund der unzu­reichen­den hygie­nischen Verhältnisse beeinträchtigt waren. Der ent­schei­­dende Grund aber war, daß die polnischen Truppenteile sich wieder gesammelt hatten und nach Art der Guerilla die Schweden auf deren der Truppen­ver­sor­gung dienenden Streifzüge ver­stärkt erfolg­reich angreifen konnten. Diese Praxis des Gueril­la­krie­ges hatte sich in den Schwe­den­kriegen aufgrund der Kriegs­lage herausgebildet und zu begrenz­ten Erfolgen geführt. Dadurch wurde ein stehendes Heer nicht notwendig. Die pol­nische Stärke bestand in der sich im Verlauf des Krieges gegen die Schweden her­aus­bilden­den Guerillataktik. Diese Taktik, das Operieren in kleinen beweg­lichen Einheiten, entsprach dem Prinzip des Dezentralismus in der Adels­­gesell­schaft. Die aus der Not­situation heraus entstandene neue Taktik hatte sich 'bewährt'.

Das Beispiel macht deutlich, daß die Szlachta in der Zeit nationaler Bedrohung, also im Zustand höchster nationa­ler Bedrängnis, durchaus zu ent­sprech­enden Taten und Leistungen fähig war. Sie war aber nicht in der Lage, ihr Dezen­tra­li­sie­rungs­­prinzip selbst aufzuheben. Nach Ende des Schwe­denkrieges, mit dem Frieden zu Oliwa 1660, setzte sich der Nieder­gang der Adels­gesell­schaft fort. Der glori­fi­zierte Einsatz polnischer Husaren vor Wien 1683 führte nicht zu einer Stär­kung des Königs und dadurch nicht zur Förde­rung der Zentral­macht. Nach dem letzten erfolg­reichen Feldzug gegen die Türken 1691 erfolgten 1692 Frie­dens­verhandlungen, die auf dem Sejm von Grodno beraten werden sollten. Der am 31.12.1692 eröffnete Reichstag 'wird zerris­sen'. Der Grenzkrieg gegen die Türken schleppte sich hin. Am 17. 06. 1696 starb der seit Jahren kranke König Johann III. Sobieski.222 Mit der Wahl des Kurfürsten August von Sachsen223 1697 be­gann eine neue Phase der Adels­repu­blik, die ihren Niedergang beschleunigte.

Die Schwedenkriege offenbarten die gesellschaftlich und in der Folge physisch wie politisch schwächere Macht Polens gegenüber den sozio­genetisch fortge­schrittenen Nach­barstaaten. Durch das (gegenseitige) Agreement des Adels - verbunden mit dem Prinzip der Einstimmigkeit - konnte der Mechanismus der phasen­verschobenen Soziogenese des Staates durch Heraus­bil­dung und Fertigung der Einherrschaft nicht erfolgen. Die ca. fünfunddreißig Jahre dauernde Herr­­schaft der Sachsenkönige führte zu einer weiteren politischen und mili­tärischen Schwächung durch Verfestigung der Dezentralisierung.

Anstelle einer mittelalterlichen Kriegerkaste wie in Westeuropa hatten sich in Polen die besitzen­den Bauern zu einer saturierten und gut leben­den Schicht von Landadligen entwic­kelt, die ihre Lebens­weise regional und damit dezentral sich selbst gegenüber legitimierten. Die Bildung von Konfö­dera­tionen - auch gegen den König - waren im Selbst­ver­ständnis der polnischen Adels­ge­sell­schaft moralisch nicht diskredi­tiert. Zwar verloren die Mitglieder der unter­legenen Partei ggf. ihre Ämter und partiell ihre Pfründe,224 es war aber die mildeste in Europa denkbare Behandlung unterlegener Gegner. Eine Abstrafung, verbunden mit Enteig­nungen oder körperlichen Strafen, fand nicht statt. Die zur unterlegenen Partei gehörenden Adligen kehrten auf ihre Güter zurück und genossen das Leben oder 'malträtierten' die von ihnen abhängigen Bauern.

3.3 Die Bedeutung der Marienverehrung

Die Soziogenese des Staates war noch nicht so weit fortgeschritten, daß man das Vaterland geographisch definieren konnte. Als Ersatz für die Zuordnung auf den Einherrscher kann der sich herausbildende Marienkult gelten. Maria, die Mutter Gottes, war die von der ge­samten Nation anerkannte Königin der Krone Polens.225 Der Ausbildung und Fertigung der zentralen Macht in West- und Mittel­europa mit der zunehmenden Bedeutung des Einherren und der Konzentrierung der Macht in seiner Person ent­sprach in Polen die symbolische Zu­ord­nung der 'höheren' Macht auf die Königin.

Der realen Machtkonzentration im Absolutismus in der Person des Königs entsprach dadurch in der Rzecz­pos­polita eine Aufspaltung der Ebenen: Die visionäre Konzentration auf die unan­fecht­bare und moralisch saubere Königin. Sie war das Symbol der Einheit der Nation auf höherer Ebene. Auf der unteren Ebene befindet sich der wirkliche König. Es gab nur männliche und schwache Könige seit der Mitte des 17. Jahr­­hunderts. Der skizzierte Sachverhalt kann im Zusam­men­­hang mit der symbolisch bestärkten tenden­tiellen Matriar­cha­li­sierung der polnischen Gesell­schaft gesehen werden.

Weder der König noch der Staat stellten die ideellen Kristalli­sa­tions­punkte (Identi­fika­tionskerne) dar, sondern die Nation und das Vaterland. Beide sind visio­näre bis mystifi­zierte Begriffe, vor allem nach Verlust der staat­lichen Unabhän­gig­keit.

3.4 Folgen der Dezentralisierung

Die Dezentralisierung hatte machtspezifische, militärische, ökonomische und wissen­schaftli­che Folgen. In der Adelsgesellschaft, verbunden mit einer Situation des gehemmten, bzw. partiell retardierenden Staaten­bil­dungsprozesses, der sich durch Stag­nation und relative Vergrößerung des Abstandes zu den Nachbarn auszeichnete, konnte die Förder­ung von Ökonomie und Tech­no­logie nicht wie in Westeuropa, insbesondere Frank­reich und England, erfolgen. Das Beharren auf der Natural­wirtschaft, die Kon­ser­vierung der Prinzipien des 'guten Lebens', ohne an der gesell­­schaftlichen Fort­ent­wicklung mitzuwirken sowie das Kon­kurrenz­prin­zip zu akzeptieren, führte zu einem relativen Rückschritt.

Die wohlhabenden Familien konnten ihren, vor allem im ›Goldenen Zeitalter‹, das auch erheblich das städtische Bürgertum begünstigte, natural­wirt­schaft­lich bzw. durch den Han­del (mit Getreide) erworbenen Reichtum in Statussymbole umset­zen. Als hervorra­gen­des Beispiel gilt der Bau der Stadt Zamosc im Renaisse­­ance­stil. Diese Stadt wurde von der Mag­naten­familie Zamoyski erbaut und ihr Name vom eigenen Familien­namen abgeleitet. Das städtische Bürgertum hatte sich zur Demon­­stra­tion seiner wirtschaftlichen Prosperität und gesellschaftlichen Macht Statussymbole in Form von im Renaissance­stil erbau­ten Rat­häu­sern gesetzt, z.B. in Posen, Hohen­salza und Kulm.

Diese Förderung der Kultur - man ließ europäische Künstler und Architekten kommen und hono­rierte deren Leistungen - bedeutete zugleich eine symbolhafte Zurschau­stellung von durch Natu­ralwirtschaft und Handel erworbenem Reichtum. Bezüglich eines innerge­sell­schaftlichen Fort­schrittes in ökonomisch-technologischer Hin­sicht erwies sich dieses als kontraproduktiv. Der Reichtum wurde nicht volks­wirt­schaftlich sinnvoll genutzt, vergleich­bar der Bildung von Manufak­tu­ren in Frankreich und den Niederlanden. Das erwor­bene Kapital wurde in der Regel kon­sump­tiv umgesetzt. Entsprechend dem ökonomischen und noch mehr dem staats­spezifischen Den­ken in Frank­reich oder dem an Sparsamkeit orientier­ten Denken Preußens im 18. Jahr­hun­dert, stellte dies eine Ver­schwendung dar. Das 'genuß­süchtige' Leben des polnischen Adels fand sich in den ent­sprechenden Stereotypen der Nachbarn, wie z.B. der Polnischen Wirtschaft226 wieder.

Die Bildung des modernen Staates, der eine zunehmende Rolle in der ökonomisch-technischen Entwicklung inne­hatte, konnte nicht erfolgen. Diese Entwicklung wurde in der Adels­­gesellschaft durch die Wahlkönige und deren Funktionsträger verhindert. Nach Ende der Sachsenherrschaft wies man auch deren Funktions­trä­ger aus. Man machte ihnen polni­scherseits den Vorwurf, an der Ausplünderung des Landes partizipiert zu haben.

3.5. Teilungszeit

Die Schwäche Polens im 18. Jahrhundert, die in den Teilungen des Landes von 1772 - 1795 ih­ren Niederschlag fand, beruhte wesentlich auf der Nichtausbildung ei­ner Staatsgesell­schaft, ver­bun­den mit individualistisch bestimmter Lebensweise der Szlachta. Letzteres war möglich, weil sie nicht durch Fremd­zwänge aufgrund einer Zentralmacht behindert werden konnten.

Der Kampf gegen die Teiler­mächte erfolgte auf der bisherigen Ebene mit den tra­dier­ten Metho­den. Es ist hinzuzufügen, daß die betroffene Funktionsträgergruppe am Hofe im Ver­hältnis zu den absolutistischen Höfen relativ klein war, da der König eben nicht über das Steuer­erhe­bungs­monopol verfügte. Aus informell verbun­denen Adligen, unterstützt von Bauern, bildeten sich Kampf­gruppen heraus, die Auf­ständischen. Da sie dezentral operier­ten, vor allem in den Wäldern des Ostens, dauerte die Niederschlagung durch das zentral geführte zaristische Heer ent­sprechend lange. Charakteristisch sind die Glorifizierungen der Anfangs­siege gegen die relativ schwachen Besatzungstruppen. Diese bestanden zudem oft aus Rekruten.

Eine besondere Funktion maßen dem die Schlachtenmaler bei. Jan Matejko und Juliusz Kossak veran­schau­­lichten die Größe der polnischen Geschichte, Grottger die Zeit der natio­na­len Nie­der­lage, Malczewski das polnische Matryrium. Wojciech Kossak (und seine Schule) schuf Hunderte von Schlachtengemälden aus der Zeit der Napoleonischen Kriege und der Aufstände sowie senti­mentale Szenen, die Ulanen oder Mädchen, Gutshöfe oder Katen, Jagden und Vergnügungen darstellten.227

3.6. Nation und Nationserhalt

Die Nation war in Deutschland als Einigungsvision des Bürgertums herausgebildet worden. In Frankreich war die Einbeziehung des Bürgertums 1789 mani­festiert. Die Nation stellte (in Frank­reich wie in Deutsch­land) eine visionäre Betrachtung einer maßgebenden Bevölke­rungs­gruppe dar und bekam dadurch eine spezi­fische Funktion: Die anderen (Arbeiter, Bau­ern) durften der Illusion unterliegen, teil­zuhaben - zumin­dest sollen sie es glauben. Der Kampf um Bauern­befrei­ungen und Reformen, die Gegenstand der Ausein­an­dersetzungen sind um die Konfödera­tionen von Bar (1768) und Targowica (1792), sollten ausgeklammert werden. Der Nations­begriff hatte die Funktion als visionäres Diszipli­nierungs­­mittel. In Polen gilt seit­dem für die betroffenen Grup­pen: Durch Partizi­pation am nationalen Vertei­di­gungs­kampf darf man sich als der Nation zugehö­rig fühlen. Die Verinnerlichung in der Gesell­schaft erfolgt in einem langsamen Prozeß.

Eine besondere Rolle hat in diesem Zusammenhang der polnische Katholizismus in der Ver­mitt­­lung des Gefühls der Zugehörigkeit zur Nation als nationale Klammer bekommen. In der Teilungs­zeit verlor der Adel, der bis dahin ausschließlich die Zugehörigkeit zur Nation definiert hatte, in bestimmten zeitlichen Schüben an Macht. Die Definition, Pole zu sein, erfolgte zuneh­mend über die Zugehörigkeit zum katholischen Glauben.228 Dieses gewann ab dem Kosciuszko-Aufstand 1793/94 an Bedeutung. Gleich­zeitig zum abneh­men­den Einfluß des Adels aufgrund des Ver­lustes seiner Macht­quellen erfolgte eine Einfluß- und Macht­zu­nahme des Katho­li­­zis­mus. Dies hatte seine Auswir­kung auf die Definition der Nations­zuge­hörigkeit.

Der Katholizismus unterscheidet sich wesentlich von der Orthodoxie durch seine über­nationale und  staatliche Einordnung. In den Beispielem Rußland, Serbien und Grie­chen­land handelt es sich um regionale, national begrenzte Kirchen. In Polen wurde der Staat während der Teilungs­zeit als rechtliches bzw. organisatorisches Gerüst durch die katholische Kirche ersetzt, in der die Ange­hö­rigen der alten Macht­eliten, verbunden mit einem Intellektualisie­rungsschub, zu­nehmend Funktio­nen ein­nahmen. Dadurch stellten sie den Kern der Funk­tionseliten in Polen dar. Diese Organisation war u.a. aufgrund ihrer über­nationa­len bzw. globalen Aus­deh­nung und ihres fernen Macht- und Ideologiezentrums nicht angreifbar. Sie war nicht zerstörbar, da eine glaubens­spezi­fische Verankerung vorlag, die sich bei Verschär­fung des Außen­drucks nach innen verstärkte.

Es kann folgende These formuliert werden: Die Besetzung der Funktionsstellen in der Kirche hat zur Stabilisierung der gesamten Gesell­schaft beigetragen. Sie war geradezu ein Herrschafts­in­stru­ment bzw. eine Herrschafts­not­wen­dig­keit. Die Kirche konnte aber auf­grund des fremden Zentrums (Rom) keine Macht­gruppe in der Gesell­­­schaft begünstigen. Auch in diesem Zusam­men­hang ist auch der Sachverhalt einzubeziehen, daß im 18. Jahr­hundert keine starke polnische Zentral­macht existierte.

Während der Aufstände funktionierten die zuvor z.T. im Untergrund vorbereiteten Re­gierungen und damit der jeweilige Staat gut. Gleiches gilt für die Zeit des Zweiten Welt­krieges. Man kann dieses nicht nur als einen Staatsersatz bezeichnen. In Polen hebt man die Existenz des funktio­nie­renden Untergrund­staates hervor. In dieser Phase wirkte erkennbar ein äußerer Zwang, der die dezentralen Individualtendenzen in der Gesellschaft in den Selbstzwang der (heroischen) Teil­nahme an den Aufständen und den napoleonischen Krie­gen (dort als Funktion im Kampfe um die Wiederer­lan­gung der Unabhängigkeit229 Polens) umsetzte.

Es gab keine einvernehmliche und eindeutige Definition des angestrebten Zieles dieser Wieder­er­­lan­gung. Józef Poniatowski und seine Offiziere haben zusammen mit polnischen Bauern und Bürgern gekämpft. Ihre Motive waren bezüglich der gesell­schaftlichen Span­nungsfi­gu­ra­tion kon­trär: Restitution der Adels­herrschaft gegen­über der Macht­­zu­nah­me des Bürgertums und Verbes­serung der recht­lichen und sozialen Lage der Bauern. Man kann wohl die Zielebene klar und kon­sens­fähig betrachten: Freiheit und Unabhängigkeit als prin­zipielles Ziel. Die Frage der inneren oder äußeren Freiheit bleibt sekundär. Es gibt keine einvernehmliche Definition, die als inner­ge­sell­­schaft­licher Ausgleich verstanden werden könnte. Die Spannungskonfiguration aus der Zeit vor den Teilungen bestand weiterhin. Die Nation aber war deshalb nie substantiell gefährdet, weil die entschei­denden Voraussetzun­gen - der Wille zur Behauptung seitens der sie tragenden Eliten und letztlich der gesamten Gesellschaft - zu ihrem Erhalt vorlagen und verteidigt wurden.

Die Königin230 war als Symbol der Herrschaft und Einheit der Nation gegenwärtig. Diese Königin war zugleich prinzipiell unangreifbar. Die mentale Beziehung der Bevölke­rung nahm zu, je stärker die Repressionen wurden. Auch in den entsprech­enden historischen Bei­spie­len nahm diese Bezie­hung je nach Intensität oder Bruta­lität, den Formen der Re­pressionen der Macht­aus­übung der Fremd­herren zu. In diesem Zusammenhang ist auch die Sakrifizierung der Lenin-Werft im August 1980231 zu sehen. Dadurch erübrigt sich die Frage nach der bewuß­ten und geplanten Aktion zur Sakrifizierung. Diese ist Gegen­stand eines affekt­be­setzten und verinnerlichten religiö­sen Rituals.

Die Nation behauptete sich durch Verlagerung bzw. Ausweitung der Definitions­kri­te­rien. Der Staat stellte keine unabdingbare Voraussetzung für ihre Exi­stenz dar, sie brauchte deshalb auch nicht als Staatsnation zu existieren. Zugleich ver­hinderte dieses Interdepen­denzgeflecht einen möglichen Entwicklungsschub zur Staats­gesellschaft. Bei Bedrohung verlagerte sie sich jeweils in die per se unangreifbare psychisch-mystische Ebene und ver­stärkte sich dadurch bei zuneh­men­der Bedrohung von Bruta­li­tät und Terror der Fremdherr­schaft.

Der ideelle Kampf konnte auf kultureller Ebene im Ausland im Exil ausgetragen wer­den. Die pol­nische National­literatur232 hat im 19. Jahrhundert im wesentlichen die Funktion gehabt, den Kampf für Freiheit und Unab­hängigkeit sowie die Abwehr der gegnerischen Kultur (Religion) auf literarischer Ebene psychisch zu führen.

Polnisch hatte als Schriftsprache bereits im 16. Jahrhundert eine große Bedeu­tung er­langt. Diese war in Osteuropa höher ausgeprägt als die des Russischen oder des Deutschen. Das Ukraini­sche, Weiß­rus­sische, Tschechische und Slowakische waren bis ins 19. Jahr­hun­dert hinein slawi­sche Bauern­dialekte. Sie wurden erst im Laufe der psy­chisch­en Nationsbil­dungsprozesse des 19. Jahr­hun­derts zu Schriftsprachen.

3.7 Gegenwart

Die mentale Ablehnung des 22. Juli als Feiertag hatte folgende Gründe: Er galt als Symbol für die Instal­la­tion kommunistischer Herrschaft am 22. Juli 1944 in Lublin. Dieses wurde zudem als Macht­­aus­übung durch die Sowjetunion verstanden. Man glaubte den polnischen Kommunisten nicht, die Unab­hän­gigkeit erreicht zu haben. Man nahm den Tag wohl als arbeitsfreien staatlichen Feiertag hin, akzep­tierte ihn aber nicht als nationalen Feiertag.

In der Überzeugung der Menschen war der kommunistisch regierte Staat nicht ver­in­nerlichbar. Über ihn konnte sich deshalb der Prozeß zur Bildung einer Staats­gesellschaft nicht entwickeln. Die Ablehnung bezog sich auf den Staat generell, zudem speziell auf den kommunistischen Staat. Aufgrund des äußeren Zwanges hatte es zwar einen erheblichen Entwicklungsschub gege­ben, der durch viele neue Symbole unter­mauert werden sollte. Nach Wegfall dieses Fremd­zwan­ges erfolgte sofort ein Rückschritt in den mentalen Zustand 'ante'.

Erst nach Abklingen der Affektsituation, der Installierung neuer Herrschaft seit 1989, des Wech­sels im Macht­zentrum des Staates, erfolgt durch den - wiederum von außen als scheinbar öko­nomischen Sachzwang - oktroyierten Adaptionsprozeß an die EG/EU - mög­licherweise ein neuer Entwick­lungsschub in Richtung Staats­gesellschaft. Es ist klar erkenn­bar, daß die von den Macht- und Funktionseliten als notwendig gesehene Hinwendung zur EG und die notwendige Beschleu­nigung des Prozesses mental nur sehr begrenzt nach­voll­zogen wird. Es bilden sich die tradier­ten Abwehr­mechanismen gegenüber dieser 'unpol­ni­schen' fremden Zwangsausübung heraus. Den Trägern dieser Propa­gan­da glaubt man auch nur begrenzt. Vermutlich wird alles über­lagert durch Frustration und psychische Agonie bzw. Lethargie. Es kann durchaus sein, daß nur die tradierten sozialen Über­lebens­strategien angewandt werden.

Bis 1989 waren die Elemente der Vorkriegsregierung in London bewußtseinsmäßig noch vor­han­den, vor allem bei denjenigen, deren Bewußtsein vor dem Kriege und ab Ende der sieb­zi­ger Jahre mit zunehmender Infragestellung der kommunistischen Regierung ge­prägt worden war. Dadurch waren auch Formen des (bürgerlichen) Legiti­mi­täts­prin­zips nicht unter­brochen, die eine prinzi­pielle Voraussetzung der Staatsgesellschaft darstellen.

Das entscheidende Kriterium für die Menschen war die problemlose Verflechung bzw. Über­la­ge­rung der dar­gestellten Ebenen. Ein dem Deutschen adäquater Ausdruck wie ›Zusammenbruch‹ für das historische Geschehen im Jahr 1945 existiert im Polnischen nicht. Während des gesam­ten Krieges wurde die psychische Aufrecht­er­haltung, der Nicht­zu­sam­men­bruch - z.T. visionär - wesentlich über Symbole und den aktiven Kampf aufrechterhal­ten. Das 'W', verbun­den mit dem darüber­gestellten 'P' für Kämpfendes Polen, (Polska walczaca). Alle Polen, die sich dem Zugriff Nazi-Deutsch­lands entzogen hatten, waren ein­bezogen in den Kampf der Alliierten. Sie trugen ihre eigenen Symbole. Die frühere Vereh­rung für Frankreich ist denn auch im hohen Maße umge­schlagen, als bekannt wurde, daß z.B. eine große franzö­sische Armee nach der Kapitulation in Nordafrika untätig verharrte und sich sogar gegenüber den Briten feind­selig verhielt und nicht als Bündnispartner gegen den gemeinsamen Feind kämpfte.

Sehr schnell stellte sich ab 1989 der innergesellschaftliche Machtkampf in der Span­nungs­fi­gu­ra­tion ein, den Kirche und verweltlichte Gesellschaft bilden. Er hat sich ohne nen­nenswerte Verwer­fun­gen eingependelt. Seit 1991 befindet sich die Kirche auf dem Rück­zug. Die inner­ge­sell­schaft­lichen Gegenkräfte haben sich arti­­ku­­liert. Sie konnten sich aus der moralischen Verklammerung und Verpflich­tung lösen, weil die als bis­heriger äußerer Zwang angelegten Bedingungen sich aufgehoben hatten. Die Abwendung von der Kirche ab 1990, als dem Ende der Überlebens- und Kampfphase der Nation, unter­streicht die Funktionalität des Katholizismus und damit nicht eine Verankerung per se.

Der Begriff Vaterland wird als ein unspezifischer Klammerbegriff verwendet. Er läßt individuelle Ausle­gun­gen im Zusammenhang mit Funktionalisierungen zu. Der Staatsbegriff kann dies nicht, da er rechtlich definiert werden kann.

Es ist eine Überlagerung des Prozesses der Findung der Gesamtnation mit dem Staaten­bildungs­prozeß zu konstatieren. Die Nation stellt keine real existierende Figuration im Sinne einer Körper­schaft dar, sondern eine Spannungs­figura­tion, die über Visionen eine geglaubte Wirklichkeit ist.

Bis 1989 handelt es sich um eine spezifische Vision, um eine Suche nach Nationsidenti­tät in ei­ner historischen Phase, deren Prinzip die Bedrohung ist, zumindest die latente Exi­stenz. Sucho­dolski hebt diese Bedeutung für die Kulturgeschichte hervor sowie ihre Aner­kennung in der Bevölkerung bis in die Gegenwart.233

4. Historische Rahmenbedingungen für gesellschaftspolitisches Handeln 1980

Vorbemerkung:

Die Konnotation der polnischen Nation als Widerstandsgesellschaft steht paradigmatisch im Kontext der Arbeit. Der Begriff der Widerstandsgesellschaft ist bereits zum Stereotyp ge­worden. Er gilt für die polnische Nation im Rahmen ihrer Selbstbeschreibungen gar als Syn­onym. Da die polnische Literatur den heldenhaften Widerstandskampf, die Verteidigung des Bodens, zum Gegenstand hat und er die Nationsgeschichte verkörpert, stellt sich die Frage nach dem spezifi­schen Stellenwert im gegebenen Zusammenhang.234

Als charakteristisch für Untergrundorganisationen erwähnt Elias Siberski u.a. die Funktion der Illusionsbildung als Teil einer doppelten Zielsetzung:

»Wie soziale Formen über­haupt, so dient die Zielsetzung in der Untergrundorganisation zwei Zielen: der Vorwegnahme des Ergebnisses in Form einer Vorstellung davon, was als Endzu­stand erreicht werden soll, und zweitens die Deu­tung des eigenen konkreten Tuns, das zu diesem Zustand führen soll.«235

Siberski sieht die ›Illusionsbildung‹ als Projektion eines zu erreichenden Endzustands. Die Forma­tion bekommt eine besondere Funktion dadurch, daß sie sich zu einer ›öffentlichen‹ Unter­grund­orga­nisation ent­wickelt, wenn ›praktisch die ganze Bevölkerung … wie im Falle nationaler Frei­heits- und Widerstands­bewe­gungen‹ beteiligt ist. Zweifellos hat Siberski sein Modell aus dem Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit abgeleitet.236 Bezüglich der Zielset­zung der Solidarnosc muß differen­ziert werden zwischen der nur partiell möglichen Kon­kretisierung des Zieles aufgrund der Rahmenbedingungen und andererseits dem Globalziel. In der Anwen­dung von Siberskis An­satz stellt sich das Problem des höheren Grades der Komplexität des Gesamt­problems, da das Ziel über die Reproduktion von Unabhängigkeit und Freiheit hinaus­geht und eine Veränderung bzw. Ablösung eines Modells zum Gegen­stand hat und anderersetis die historisch durchlebten Modelle für große Segmente der Ge­sellschaft diskreditiert sind.

4.1. Widerstand als nationales Selbstverständnis, das Beispiel 1939

Diejenigen, die eigenes politisches Versagen, bzw. das der politischen Eliten, in der Nieder­lage sahen, waren in der Minderheit. Sie wurden von der Mehrheit der Gesellschaft abge­lehnt, und man ordnete ihnen gar eine Nest­be­schmut­zer­funktion zu. Man favorisierte das hero­ische Denken und bestätigte sich affektiv gegen­seitig den eigenen Heroismus in der Niederlage. Deshalb ge­hört die Niederlage zur Tradition. Man könnte deshalb von einem nationalen Leidens­streben bzw. kollektiven Leidensvorbehalt sprechen.

Schlußfolgerungen aus dem historischen Kontext sind nicht die Durchführung einer Analyse der Niederlage. Die Ansätze der Denkschema entsprechen weder kritischem noch analytischem oder rationalem Denken. Aus dieser Konstellation entsteht prinzipiell der zähe, hart­näckige und kom­pro­mißlose Widerstand der Nation. Es gilt nicht zu versuchen, aus der Niederlage noch das zu retten, was zu retten ist, sondern es domi­­nierte das verbissene Ja zum Widerstand. Dieses hero­ische Denken in Wechselwirkung mit der Wider­­standspraxis verhindert ein auf langfristige Opti­mierung bzw. Konsolidierung angelegtes Handeln.

Der militärische Widerstand wurde z.B. im Winter 1940 in den Wäldern Mittel­polens vernichtet. Es hatten Überfälle stattgefunden auf deutsche Militäreinrichtungen. Die Aktio­nen können als Aus­druck für nicht diszi­plinier­bares Individual- oder Gruppenverhalten gel­ten, vielleicht für eine Gesell­schaft, die durch Gruppen­konsens oder auch Gruppenzwang gekennzeichnet ist. Es er­folg­te dabei die Reproduktion eines gruppen­spezi­fischen Selbstzwanges.

Beispiel für das Denken nach der Kapitulation der letzten militärischen Verbände war: Das Ober­kommando befindet sich im gegenwärtigen Augenblick im Exil. Es ist zwar z.T. interniert, hat aber nicht kapituliert. Die Kapitulation der Festung Warschau war eine Teil­kapitulation. Die Truppe des Generals Kleeberg237 hat noch bis Mitte Oktober gekämpft. Es erfolgten 'Hurra-Angriffe bei Zero­komla'. Man hat die Deutschen vom Schlachtfeld getrie­ben bis die Munition ausging. Die Kapi­tulation dieser letzten polnischen Truppen auf dem Gebiete Polens nach der 'Schlacht bei Kock', nördlich Lublin, erfolgte am 5. Oktober 1939.

Die Kapitulation war keine polnische Gesamtkapitulation im völkerrechtlichen Sinne. Daraus folgte, daß der Krieg fließend in den Untergrundkampf überleitete. Die internierten polnischen Generale haben bis zum Ende des Krieges in der Internierung, z.B. im Lager Murnau, einen hohen Ethos gehabt. Es wurde auch in der SS-Hierarchie anerkannt. Es gab polnischer­seits sehr wenig Kontakte mit den Okkupanten.

Man hat im Widerstandskampf keine rechtlich-formale Ebene anerkannt. Maßgebend war die Empfindung der Nation im Abwehr­kampf. Diese affektiv induzierten und definierten Ziele wurde umgesetzt. Inwieweit dieser Sachverhalt soziostrukturell zu differenzieren ist, muß an anderem Ort untersucht werden.

Vom amtierenden Staatspräsidenten Ignacy Moscicki - er befand sich in der Schweiz - wurde das Amt auf dem in der Verfassung vorgesehenen Wege übertragen. Moscicki hat das Amt am 27.09.1939 niedergelegt und auf den in Frankreich weilenden Senatsmarschall Wladyslaw Racz­kie­wicz als seinen Nachfolger über­tragen. Raczkiewicz ernannte General Wladyslaw Sikor­ski am 30. September in Paris zum Minister­präsi­den­ten. Der Sitz der Exil­regierung wurde zunächst Angers.

Die Legitimierung aus einer fiktiven rechtlichen Fortexistenz - ohne realer Existenz des Staaates - gilt als zusätzlich, nicht als ursächlich. Aus der Tatsache, daß eine völkerrechtli­che Anerkennung, eine manifeste Legi­timierung nur aus der Anerkennung anderer Mächte heraus entstehen kann, resultiert das Bemühen der Militär­regieung um Anerkennung der entscheidenden Mächte. Letz­tere ist durch die USA, Großbritannien und auch die Sowjet­union erfolgt.

Die Sowjetunion brach erst nach dem deutschen Überfall am 17.9.1939, d.h. im Zu­sammenhang mit ihrem Einmarsch nach Ostpolen formell die Beziehungen ab. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion hat es zwischen der sowjetischen Regierung und der polnischen Exil­re­gie­rung Verhandlungen über die Wieder­­aufnahme der diplomatischen Be­ziehungen gegeben. Wäh­rend dieser Verhandlungen wurden die Gräber der polnischen Of­fiziere bei Katyn entdeckt. Die polnische Exilregierung verlangte Aufklärung darüber. Dar­aufhin brach Moskau die Verhand­­lun­gen ab. Eine Wiederaufnahme der diplomatischen Be­zie­hun­­gen ist dadurch nicht erfolgt. Man hat dann in Moskau versucht, eine kommunistische Machtgruppe aus in die Sowjetunion geflüch­teten Polen aufzubauen. Diese Gruppe ist auf polnischem Boden am 22. Juli 1944 in Lublin als Gegen­­regierung installiert worden.

Man kann die These formulieren, daß auch im Bewußtsein der AK-Kämpfer die physi­sche wie politische Niederlage gegen Ende des Bürger­krieges238 1947, die Kampfaufgabe wegen der domi­nie­­renden Stärke des kommu­­­nistischen Volkspolens, nur als vorübergehend angesehen wurde. Das impliziert eine gewisse Konti­nui­tät des Kampfes, in dessen Zusam­menhang die Ereignisse 1956, 1968, 1970 und 1980 gesehen werden - jeweils in ihren spe­zifischen Aus­prä­gun­gen.239

4.2. Die Nachkriegszeit

Es wird davon ausgegangen, daß die Identität der Strukturelemente der historisch-gesell­schaftli­chen Prozesse und die Parallelität der Methode die Behandlung des Gegenstands legitimieren. Wie die damaligen Machteliten und die Funktionseliten am Machterhalt fest­hielten, so wollten ihre Gegner die Macht erringen. Der Zeitraum seit dem 1. September 1980, dem Abschluß der Danzi­ger Vereinbarungen, bis über den Kriegszustand hinaus stellt eine Phase beider­seitiger Ohn­macht bzw. eine nicht verän­der­bare Aus­­balan­­cie­rung der Machtgleich­gewichte dar.

Unter Breschnew erfolgte im Lager der sozialistischen Länder 1968 eine Einschränkung der Sou­ve­ränität: Es sollte die Doktrin durchgesetzt werden, daß die sozia­listische Gemein­schaft über der nationalstaatlichen Souverä­nität stehe. Der Begriff ›Suwerennosc‹ hat sym­bolischen Charak­ter. Im Gegensatz zu ihm steht der Begriff ›Suceren­nosc‹.240 Der Begriff Souveränität hatte die Funktion eines Verkleidungsparavans für die eigent­­lich gemeinte ›Suzeränität‹. Seine Ver­wen­dung ist zugleich Charakteristikum der Arbeit auf zwar disku­tierter aber halboffizieller Meta­ebene. An dieser Offenlegung hat ebenfalls niemand Inter­esse. Seitens der UdSSR hat man nur für Polen den Begriff ›Suwere­nosc‹ durch­zu­setzen versucht. Intention war eine Enthistorisierung der Politik durch Eliminierung von Reiz­be­griffen und damit zugleich von deren Inhalten. ›Wol­nosc‹ bedeutet Freiheit im allgemeinen. Der Begriff ist unspe­zi­fisch. Dies galt insbesondere für die Phase unter Gomulka. Der Be­griff ›Niepodleglosc‹ wird im Deutschen wörtlich mit Unab­hän­gig­keit übersetzt. Er bedeu­tet im Polnischen nationale wie staat­liche Freiheit. Mit dem Begriff der ›Souveränität‹ wurde immer die ›begrenzte Souveränität‹ gemeint.

Der Verfasser hat 1981 mit einem Posener Politologen, er war zugleich ›Politruk‹, über die ›begrenzte Souveränität‹ in der Geschichte der BRD gesprochen. Ziel war es, im Ge­genzug in analoger Weise eine Einschät­zung des entsprechenden Verhält­nisses Polen - Sow­jetunion zu erhalten. Dem sehr interessierten Zuhören folgte ein Schweigen in Beklemmung. Nach der Wende verschwand der Begriff der Souveränität und wurde wieder durch den Begriff ›Unab­hän­gig­keit‹ ersetzt. Die KPN benutzt den Begriff seit ihrer Gründung 1979 in ihrem Namen241 und maß ihm zweifel­los eine gewollte Funktion als Kampfbegriff zu. Die KPN galt als nationa­listisch und wurde in gewisser Tradition der ›Endecja‹ stehend einge­stuft.

Die Problematik liegt auf der Ebene der Selbsteinschätzung der Staats- bzw. Nations­träger­gesell­schaft. In der Nachkriegsgesellschaft gibt es in Polen entsprechende Einschät­zungen für die Trä­ger­­­schaft gegenüber dem Staat, ca. 15 Prozent bzw. ca. ein Siebentel.242 Dazu gehören über­zeugte Kommunisten, Funktionsträger sowie Machtangehörige.

Die relativ große Akzeptanz der Macht bzw. des neuen kommunistischen Staates läßt sich ablei­ten. Man akzeptierte nicht die Ideologie, da jegliche Ideologie als Phrase bzw. Leerformel ange­sehen wird, sondern das Funktionieren des neuen Gemeinwesens auf höhe­rer Integra­tions­ebene in seiner Gesamtstruktur, also zwangsläufig im neuen Staat. Para­digma ist der Selbstzwang als nationales Überlebensmoment, aber nicht im Sinne des Bei­tragens zur Konsolidierung des sozia­lis­tisch verfaßten Staates. Das Erreichen dieses Glo­balzieles erfolgt zweifellos in Verbindung mit einem hohen Grad an Improvisation. Improvi­sation impliziert kein diszipliniertes Vorgehen als kollek­tiver Selbstzwang, sondern setzt ein bewußtes - auch selbstbewußtes - und gezieltes Ver­halten voraus.

Erst als die Partei mit ihren Maßregelungen begann, dem Normieren wie Durchorgani­sieren, setzte der sich verstär­kende Widerstand ein. Das charakteristische am Verhalten ist dabei, daß man es ‘einfach’ tut. Man kann und muß es tun, weil man damit partiell tradiertes Nations­ver­hal­ten repro­­duziert. Das gegen die kommu­nistische Machtausübung gerichtete Verhalten entspricht damit wieder tradiertem Nationsverhalten. Der Konsens der Wertvor­stellungen, der Globalzwang zu ihrer Durchsetzung ist Ausdruck der Notwen­dig­keit im Abwehrkampf. Dieses wird nicht 'hinter­fragt' oder 'analysiert. Eine ›Analyse‹ hat zur Funk­tion eine Reduktion affektiver Macht und damit auch die Schwächung der eigenen Posi­tion.

Ergebnismarkierungen der stalinistischen Epoche erfolgen bis ca. 1954. Ab dieser Zeit waren gravierende Differenzen entstanden. Sie führten zu Machtkämpfen, die dann 1956 zum Wechsel der Machtgruppen führte. Den Sachverhalt trifft besser der Begriff der ‘Macht’ als jener der ‘Herr­schaft’, da letzterer an das Wirken des Staates gekoppelt ist und zugleich mit dem Legiti­mi­täts­an­spruch verbunden ist. Die Legitimität wird aber in Frage gestellt. Der Staat ist suspekt, und wird partiell als feindlich empfunden.

Der Begriff ›kom­mu­nistische Herrschaft‹ sollte - zunächst bezogen auf die polnische Gesellschaft - mög­lichst ver­mieden werden. Er entstammt der antikommunistischen Diktion der Nachkriegszeit. Die Macht­ausübung in den ehemals kommunistischen Ländern stellt eine Methode autoritärer Herr­­schaft dar, die von in bürgerlicher oder katholischer Tra­di­tion, auch anti­kom­mu­nis­tischer in Haltung stehen­den Intellektuellen als 'dumm' empfunden wurde.243

Die als Doktrin der Partei propagierte erhöhte Partizipation der ›Arbei­ter­klasse‹ sowie die vorge­ge­bene gerechte Distribution hielten der Realität nicht stand. Wenn auch die Un­gleich­heit bezüglich des Zugangs zu Distri­bu­tion im Konsum- wie Dienst­leistungssektor mög­licherweise gerin­ger war als in Westeuropa - so hatte die vermu­tete Privilegierung der Macht­elite eine ent­sprech­ende Wirkung. Der Widerspruch der Pro­pa­ganda zur Wahr­neh­mungs­realität ver­grö­ßerte sich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zunehmend. Die reale wie geglaubte Machtungleicheit in politischer wie ökonomischer Hinsicht wurde als kom­mu­­nis­tische Herrschaft empfunden. Der Begriff ist aber dem Sachverhalt komplexer Macht­balancen und sozialer Prozesse der mittelosteuropäischen Gesellschaften nicht adäquat. Er stellt eine Funktio­na­lisierung seitens anti­kommunistischer Kräfte dar.

Max Weber hat - bezogen auf die preußisch-deutsche Staatsgesellschaft - die Begriffe Macht und Herrschaft auseinandergeführt. In Polen werden sie noch identisch verstanden. Man verwendet für beides den Begriff wladza.244

Es fehlt in der polnischen Gesellschaft die Überzeugung an die Legitimität der Herr­schaft für die Akzeptanz seitens der entsprechende Eliten. Adel, Bür­gertum des 19. Jahr­hunderts als Träger legi­timer Machtausübung haben in Deutschland die Legi­ti­mität aner­kannt zugleich aber deren Prinzip definiert. Eine Forderung nach 'demo­kratischer' Legi­ti­mie­rung ist eine Forderung macht­schwacher Figurationen, insbesondere von den diese reprä­sentierenden Intel­lek­tuellen oder anderen Führern. Im Prinzip ist diese Forderung in den parlamentarisch-demokratisch verfaßten Län­dern im wesentlichen umge­setzt. Für die osteu­ropäischen Gesellschaften gilt das nicht. Es wird überlagert durch das Prinzip der Staats­ferne und  feindlichkeit. Da keine Herausbildung der Mittel­schichten erfolgte, fehlten ent­sprechende Träger des Legitimitätsgedankens.

Ein aktuelles Beispiel: Nach der Wahl Kwasniewskis zum Präsidenten der Republik Polen im November 1995 hat es ca. 600.000 Briefe gegeben mit dem Ziel einer Wahl­anfech­tung. Diese Bür­gerin­nen und Bürger akzeptierten die demokratische Legitimität des Ge­wählten nicht. Andererseits ist die Kampagne der Kirche, vor den Kirchen Listen aufzustel­len, in die man sich eintragen könne, um zu bekunden, man habe Kwas­niewski nicht ge­wählt. An dem betreffenden Sonntag im Dezember 1995 verzeichneten die Kirchen einen deutlich geringeren Besuch der Hl. Messe.

4.3. Implikationen des moralisch-politischen Ansatzes der Ostpolitik auf die Frage­stellung

Ziel war deutscherseits die Konkretisierung der Politik. Egon Bahr verfolgte eine Doppel­strategie. Zum einen galt es, Erleichterungen zu schaffen für die Menschen und zum andern zugleich Fra­gen zu stellen. Es handelte sich um eine echte Intention, Politik zu gestalten. Die anderen (die Gesprächs­partner) hatten keine Antworten, sondern antworteten mit neuen Fragen. So entsteht ein Denk- und Entwicklungsprozeß, in dessen moralischer Ebene Ver­söhnung und Normalisie­rung als Notwendigkeit erkannt werden auf der Basis von durch Deutsche verursachten Leiden und dadurch entstandener Schuld. Daß diese Ostpolitik in Wechsel­beziehung steht zu politischen Impli­kationen sowie ökonomischen Interessen, steht in einem anderen Zusammenhang. Diese Problemebene kann aber an dieser Stelle nicht dis­kutiert werden.

Auf einen weiteren Gedanken ist aber hinzuweisen: Der Verfasser ist zweifellos selbst in die mo­ralische Ebene des Aussöhnungsprozesses involviert. Da dieser Prozeß eine ge­wisse paradig­matische Funktion am Ende der siebziger Jahre bis etwa 1989/90 besaß, also bis zum Prozeß der deutschen Vereinigung, verbunden mit dem Abschluß des Grenz- bzw. Freund­schafts­vertra­ges, erschwert es zugleich den Distanzabbau gegenüber Verhaltenswei­sen gesell­schafts­poli­tischen Kampfes in Polen. Letzteres stand den Grundsätzen von Ver­söhnung und Toleranz prin­zipiell fern, da diese sich primär am tradierten kompromiß­losen Kampf orientieren.

Die Komplexität wird auch dadurch erhöht, daß einerseits die reformorientierten Kräfte in West­deutsch­land, das sozial­liberal orientierte bzw. gewerk­schaft­liche Lager, das einer­seits den gewerk­schaftlich-emanzi­pato­rischen Kampf der Solidarnosc unterstützte, aber zugleich ihre Ost­politik auf das weitere östliche Europa aus­dehnte. Dieses stellte aber mit der Sowjetunion den eigentlichen, weil über­geord­neten ideologischen und macht­spezifischen Gegner dar.

Die verschiedenen ideellen und materiellen Hilfen für die Solidarnosc flossen dabei Kräften zu, die den konser­­­vativen Kräften Westdeutschlands näher standen, die aber ihrer­seits aus innen­politischen Gründen nur in der Minderheit positiv zur damaligen Ostpolitik standen und diese nur begrenzt förderten, wie Barzel, v. Bismarck, v. Weizsäcker.

Adam Krzeminski wies einmal darauf hin, daß es überwiegend die den Gewerk­schaften oder der SPD nahestehenden Institutionen oder Stiftungen waren, die Stipen­dien verga­ben.245 Bei den Unions­­­­parteien könne man nur wenige Personen nennen, wie z.B. Rita Süß­muth, die der Polen­politik wohlwollend gegen­über standen. Zur Problematik der Entspan­nungspolitik der SPD äußert sich u.a. Janusz Reiter,246 seit 1991 Botschafter der Republik Polen in Deutschland. Er war selbst am Anfang der achtziger Jahre Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine Relativierung liegt dadurch vor, daß es z.B. in Polen einerseits keine sozial­demokra­tische bzw. dem sozialliberalen Lager der siebziger Jahre entsprechende Be­wegung gibt und anderer­seits das katholische Soli­dar­nosc-Lager nicht als kongruent mit dem christlich-konservativen Lager der Bundes­republik gilt, was wiederum nur einen Teil des Gesamtspektrums der Unions­parteien entspricht.

Basis der Ostpolitik der SPD war die begründete Erwartung an eine wachsende Macht­parti­zi­pa­tion bisher von der ›Macht‹ ausgegrenzter Gruppen in Osteuropa sowie eine de­mokratische Legi­timierung der Politik. Man sah eine begrenzte Chance auf Reform in Polen im Sinn distinktiver kontinuierlicher Verän­de­­rungs­­schritte nach und nach. Die Frage, ob eine Chance auf begrenzte Schritte per se, d.h. unter den damaligen Bedingungen möglich war, kann bisher nicht abschlie­ßend beurteilt werden.

Die linken Intellektuellen Westeuropas haben im Kontext mit dem Postulat ihrer Mo­ralität in den siebziger das Friedensziel für sich reklamiert. Das Thema Ostpolitik wurde von ihnen nicht mehr besetzt. Von der Partizipation an anderen Zielen waren sie bereits ausge­schlossen bzw. haben diese Themenbereiche aufgegeben. Aufgrund ihrer Machtarmut konnten sie nicht partizipieren und verfügten nicht über entsprechende Möglichkeiten der Einflußnahme. Man widmete sich z.B. dem Thema der ›Sozialen Gerechtigkeit‹ durch das Ziel, die als solche definierte ›Soziale Ungleich­­heit‹ abzubauen. ›Soziale Ungleichheit‹ ist ein in einer Wohlstandsgesellschaft zwar relativ steigen­des, im Vergleich zu einer Armuts­gesellschaft aber ephemeres Problem. Es ist in einer Wohl­stands­gesellschaft kein per se ge­neralisierbares Problem. Außerdem wird den Linken der Vorwurf gemacht, daß das Niveau des allgemeinen Wohlstands - wenn auch ohne Zweifel in einer ›Zwei-Drittel-Gesellschaft‹ - ohne sie erreicht worden ist. Die Nachweisführung des Gegen­teils ist nicht erfolgt. Sie wi­derspricht einen auf ›gerechte Distribution‹ angelegten Ansatz.

Die Formulierung der Fragestellung der Interviews ist durch den dargestellten Zusam­menhang zweifel­los beeinflußt worden. Sie ist entstanden aus der damaligen zweifellos westdeutsch ge­präg­­ten Sichtweise des Verfasser bei Abfassung der Konzeption. Erst lang­sam kristallisierte sich das Bewußtsein über die hohe Komplexität heraus, die mit der Über­tragung von Begrif­fen wie christdemokratisch oder sozialdemokratisch auf die polnische Gesell­schaft verbun­den ist. Die mit diesen Begriffen verbundenen weiteren Bezugsebenen stellten sich ebenfalls nach und nach klar sichtbar heraus, wenngleich sie von vornherein latent vorhanden waren. Auch befreun­dete pol­nische Wissenschaftler haben die Problematik der differen­zierten Wechsel­­­beziehungen auf­grund ihrer spezifischen Involviertheit nicht ein­geschätzt. Sie beherrschten zwar alle die deutsche Spra­che gut und waren mit den Proble­men der deut­schen Gegenwartsgeschichte vertraut, sind aber ebenfalls zu sehr von ihrer eigenen Sichtweise ausgegangen.

In der Auswertung wird deshalb auf diese Problematik der Implikationen in der Aus­gangssituation der Fragestellung eingegangen. Die Schlußfolgerungen müssen behutsam erfolgen.

4.4 Das Verhalten der Intellektuellen zwischen Widerstand und Macht

Mit dem Ende des Sozialismus und damit der Beendigung der Subsysteme Ostmitteleuropas reduzierte sich die Hinwen­dung zu den bisherigen Formationen. Prozesse der Divergenz sind in der polnischen Gesell­schaft zu beobachten. Ein differenziertes ungesteuertes spontan zer­split­ter­tes Milieu entsteht vor allem in den Groß­stadt­gesellschaften. Asiatische Religio­nen, obskure esotherische Gruppen oder Grüppchen etc. finden seit 1989 zunehmend Reso­nanz. Der Prozeß ist verbunden mit dem Bedeutungsrückgang der Kirche sowie von deren gesellschaftlichen Inte­gra­tions­mecha­nis­men.

Es werfen sich dabei grundsätzliche Fragen auf, z.B. inwieweit linke Intellektuelle in West­deutsch­land, als eine - in den achtziger Jahren - zu den hochgradig stabilen Gesellschaf­ten zäh­lend, nur begrenzt fähig oder unkritisch sind gegenüber relativie­renden Eigenbetrachtungen. Ihre Posi­tio­nen erscheinen; dieses ange­sichts der gesellschaftlichen Prozesse in Ostmitteleuropa, einer durch Zwangs­­­­­appara­turen auf­recht­­erhaltene Stabilität sowie der Entmachtung der bishe­rigen Eliten nicht verständlich. Man nahm auch die machtspezifischen Entstaat­lichung nicht wahr. Der 1989 offenkundig gewordene Zerfall des physischen Machtmo­nopols stellt eine Fortsetzung dar, keinen Beginn einer neuen Entwick­lung. Für die Endphase des realen Sozialismus wäre durch­aus ein Krisenbegriff in seiner Totalität adäquat. Liegt die Ursache in der selbsterzeugten Vor­stel­lungs­krise dieser sich zur intellektuellen Elite zählen­­den Linken, die die Intellektualität zu­dem in toto belegen wollen? Möglicher­weise ist das entscheidende Kriterium west­deutscher bzw. gesamt­­deutscher Intel­lektueller ihre Nicht­parti­zi­pation an den Macht­eliten, ihr durch sie selbst versperrter Zugang dazu sowie ihr nur sehr partieller Zugang zu den Funktions­eliten. Wenn, dann erfolgte der Zugang über gewisse Einfluß­mechanis­men im Staat.247

Der Verfasser ist sich bewußt, daß die vertretene Position nicht konsensfähig ist mit einigen Segmenten westdeutscher Intellektueller. Der Exkurs erscheint dadurch berechtigt, daß in den freien Machtkämpfen der post-sozialis­tischen Ära in Polen starke Wechselbewe­gungen aller Balan­cen erkennbar sind, verbunden mit Auf- und Abstieg, mit Zugang zu den Machtzentren wie Ausgrenzung und daraus wiederum der Umkeh­rung nach der Bildung der 'Linkskoalition' in War­schau im Oktober 1993.248

Daraus wird die spezifisch individuelle nicht abgedämpft-ausbalancierte Machtstruktur der Gesell­schaft deutlich. Sie ist ein Charakteristikum bereits für die Zeit seit 1919, in der den Intellektuellen der reale Zugang zur Macht in der jetzt unabhängigen Nation und dem neu gebildeten Staat zumin­dest zu starken Pendel­schlägen in der Politik führte. Es wurde durch das autoritäre Regime des Marschalls Pilsudski abgelöst. Es trifft nicht den Kern, wenn dieses Regime mit im west­euro­päischen Sprachgebrauch tradierten Begriffen wie Mili­tärdiktatur belegt wird. In diesem Land, das in den dreißiger Jahren ca. zehntausend Menschen inhaftiert hat, die zumeist zweifellos als poli­tische Gefangene bezeichnet werden können, befanden sich ca. dreißig Parteien im Sejm.249 Nicht wenige Polen sehnen sich - in Verklärung wie auch Verkennung der Pilsudski-Ära - wieder danach zurück. Es ist aber kaum mehr als ein Nostalgie-Effekt. Lech Walesa instrumentalisiert dieses mit nur begrenz­tem Erfolg.

Möglicherweise verdeutlicht der Machtverlust intellektueller Gruppen in Polen seit 1989 in Rela­tion zu den ehemals sozialistischen Staaten das Generalphänomen im Wand­lungsprozeß der Intellektuellen. Der Macht­verlust korreliert mit dem sozialen Abstieg vor allem bestimmter intellek­tueller Gruppen, wie Lehrer und Geistes- wie Sozialwissenschaft­ler. Er hat seine Ursache zweifel­los in der Arbeitslosigkeit der intellektuellen Berufe in marktwirtschaftlichen Systemen. Anderer­seits ist die Arbeitslosigkeit in dem hohen Maße Aus­druck der Freiheit zur Selbst­ent­schei­dung in der Bürgergesellschaft. Dies ist abhängig vom freien Zugang zu den staatlichen Bildungs­ein­rich­tungen sowie der staatlichen Gewäh­rung des Zugangs zu den beruflichen Ausbildungen als Aus­druck wie Einübung des er­kämpften Bildungsrechts. Es erfolgt keine nach Marktgesetzen vor­ge­sehene Reduktion im Angebot intellektueller Berufe. Dieses Phänomen der von den Mittel­schich­ten getragenen 'bürgerlichen' Gesellschaft der prosperierenden Industrieländer hat ihre Entspre­chung in der Förderung des Bildungssystems der sozialistischen Länder.

Das Ziel der Bildungsförderung im Realsozialismus war gleichzeitig die Schaffung einer der Staats­­macht loyalen 'inteli­gencja'. Diese war Voraussetzung zur Herausbildung von loyalen Funktions­trägern und insbesondere intellektuellen Eliten in der frühen und zunächst entschei­denden Phase des Staaten­bil­dungs­pro­zes­ses im Nachkriegspolen. Dies hatte durch­aus zunächst zur Folge, daß eine Loyalität erzeugt wurde, solange es sich um eine erfahr­bare und umgesetzte - zumindest relative - Privilegierung handelte bzw. den Aufstieg in der Hierarchie der Funktions­träger. Die Machtausübung seitens der Partei wurde aber nicht prinzipiell und auf Dauer stabili­siert. Viele dieser Intellektuellen oder Funktionsträger in Polen, die zur 'inteligencja' gehören, verfügen über Wohnungen, die zum Zeit­punkt des je­wei­ligen Bezuges in den sechziger oder siebziger Jahren zu bevorzugten Komfort­wohnun­gen in günstiger Lage gehörten. Der Verfall der Bausubstanz ist ein späteres Phänomen.

Nach den der Not entsprechenden Personalbesetzungen der vierziger und frühen fünfzi­ger sowie dem Qualifikationsschub der späten fünfziger und sechziger Jahre näherte man sich zwar noch keiner Grenze der Qualifizierung und Intellektualisierung im Sinne einer Sättigung des Bedarfs an Akademikern. Die hohe Wachstumsrate der polnischen Bevölke­rung von 1945 ca. 25 Millionen auf ca. 39 Millionen Menschen am Ende der achtziger Jahre hatte aufgrund des Industrie­a­li­sie­rungs­schubes, verbun­den mit einem steigendem Perso­nalbedarf, einen Verstaat­lich­ungs­pro­zess der familialen Ebene zur Folge. Es erfolgte ein Ausbau der vorschulischen, schu­lischen, fach­schulischen wie universitären Bildungs­systeme mit ihrem jeweils bis in die siebziger Jahre wach­senden Personalbedarf. Aus diesem lange Zeit wachsen­den Bedarf an Personal resultierte die relative Machtstärke der verschiedenen Sektoren der Bildungseliten.250 Man kann also von einer prinzipiellen und relativ stabilen Loyalität ausgehen, die aber nicht auf persönli­chen Über­­zeugun­gen beruhen mußten, was auch kaum zutraf. Die genannte Loyalität erstreckte sich über die Mitte der siebziger Jahre hinaus.

Als Indikator kann man die über bestimmte Symbolsprachen vermittelte Einstellung der Bevöl­ke­rung ansehen. Bis etwa 1975 witzelte man über Unzulänglichkeiten. Man glaubte sich zumeist aspirativ in einer positiven Situation. Eine spürbare oder zu vermutende Be­drohung betreffs sozia­ler Status­ab­sich­erung oder reduzierter Aufstiegschancen oder gar sin­kender Pros­pe­rität war nicht vorhanden. Man gab sich in der Regel einer Hoffnung steigen­den Lebens­stan­dards hin. Ein leitender Ingenieur eines chemisch-technischen Betriebes strahlte z.B. 1975 bei einem Besuch in einem Chemiekombinat ein sehr hohes Maß an Selbst­zuversicht aus und präsentierte stolz sei­nen Wagen, einen rumänischen Lizenzbau (Dacia), einer französischen Marke der damals ein­deutig in Polen als Luxus angesehen wurde. Die Läden waren voll. Das Ausmaß des kredit­finan­zier­ten Konsum­güterimportes war der Bevölkerung noch nicht bekannt.

Die Bewußtwerdung der Tendenzumkehr, geradezu das 'Kippen' der erfahrbaren Situa­tion er­folgte bei den Intellek­tuellen erst ab etwa 1977, vor allem nachdem 1978 die DiP-Studie251 pol­nischer Wissenschaftler in der katholischen Presse veröffentlicht worden war.252 Ferenc Fehér253 sieht 1981 den totalen Vertrauensverlust der Regierenden in den sozialisti­schen Län­dern unter drei Aspekten: Erstens der fast vollständig fehlende Glaube an Refor­men von oben, bestärkt durch die Erfahrungen der Jahre 1968 und 1970. Als zweites führt er die in den siebziger Jahren erstarkte Opposition an, die in Osteuropa 'brutal unterdrückt' wurde. Als dritten und ent­schei­­den­den Faktor führt er den endgül­ti­gen Zusammenbruch der offiziellen Ideologie an, dessen Beginn er in die Chrustschow-Ära datiert. Adam Michnik sieht den entscheidenden Faktor in der Des­inte­gration der Macht seit 1976.254

Die Versorgungsschwierigkeiten nahmen zu; die Wartezeiten für höherwertige Güter, vor allem für Wohnun­gen, wurden länger. Der Wertverfall des Zloty beschleunigte sich und der zweite Wa­ren- und Geldkreislauf kristallisierte sich heraus und nahm beständig zu. Es handelte sich zunächst aber noch nicht um eine Phase sich selbst abbauender Euphorien bzw. sich selbst ver­stärkender Nega­tiv­einschätzungen. Man klagte und spottete ironisch über die erfahrbaren Unzu­läng­lich­keiten und den Aufwand, die begehrten Waren doch noch im sich ausbreitenden zweiten Wirt­schafts­kreislauf zu erlangen. Man unterstützte sich ge­genseitig beim 'Besorgen' und 'Impro­vi­sieren'. Irgend jemand 'erledigt' es schon. Etwas zu 'erledigen' wurde zu einem Synonym für das Existieren von Loyalitäts­be­zie­hun­gen auf indi­vidueller, affektiver und familialer Ebene.

Man witzelte gegen Ende der siebziger Jahre darüber, daß es keine Krise mehr gäbe wie früher, als es mehrere Krisen gab, im Frühjahr, im Sommer, usw., jetzt gäbe es nur noch eine Krise und zwar 'das ganze Jahr' über.255 Diese Formulierung gebrauchten polnische Freunde und andere Gesprächs­­­­partner 1979 nach Ankunft westdeutscher Gruppen in War­schau. Das spürbare Sin­ken der realen Erwartungen, der drohende eigene Abstieg war ver­bunden mit sinken­der Loyalität zum Staat und entwickelte sich bis hin zum völligen Verlust des Real­ver­trau­ens ab Ende 1979.

Die Widerstandsformen der Intellektuellen hatten sich vor allem seit etwa 1968 heraus­gebildet. Es seien stell­vertretend die Namen Kuron, Modzelewski und Michnik genannt, da vor allem diese Intel­lek­tuellen aus politischen Gründen verurteilt und inhaftiert worden wa­ren. Andere, wie Kola­kowski oder Schaff, waren bereits in den sechziger Jahren in den Westen emigriert und lehrten vor allem im angelsächsischen Sprachraum.256 In der jungen nachwachsenden Intellek­tu­el­len­gene­ration, die in den siebziger Jahren noch kosten­frei stu­dieren konnte, deren Exkursionen noch relativ problemlos von den Instituten organi­siert und finanziert werden konnten, verlor man individuell die Hoffnung und Loyalität vor allem seit dem Sommer 1980. Man trat aus der Partei und den offiziellen Jugendorganisationen, wie z.B. Studentenverband aus und schloß sich der Solidar­nosc an. Ein großer Teil verblieb in der alten Organisation und trat trotzdem der Solidar­nosc bei. Im Verlaufe des Jahres 1981 sanken die Hoffnung auf die Effizienz dieser Organisation sowie die Chance auf Realisier­barkeit ihrer Forderungen, wesentlich aber die Hoffnung auf Macht­partizipation durch die Nichtkommunisten.

Man kann dabei zwei Grundtendenzen unterscheiden: Einerseits die bis zuletzt (1979) herbei­gefühten Loyalitätsbeziehungen seitens der Intellektuellen gegenüber dem Staat auf­grund der skizzierten Zusam­men­hänge, wobei durchaus eine Relativierung durch tradierte Notwendigkeiten in gesell­schaftlichen Über­lebens­einheiten zu sehen ist. Diese stehen in ei­nem prozessualen Zusam­menhang und sind als solche nach­zuvollziehen und zu beurteilen.

Andererseits ist da die prinzipielle Entwicklung des Zivilisationsprozesses. Dieser ist in seiner ersten Phase, der Herausbildung, Festigung und langfristigen Stabilisierung des staat­lichen Gewalt­monopols erfolgt und abge­schlossen. Das Steuermonopol ist verknüpft mit dem Anspruch des Staates auf Gesamtsteuerung der Wirtschaft. Seine Überorganisation und Zementierung zeigt das nur von wenig Zurückhaltung geprägte Verhalten der Macht­inne­habenden. Die Ver­knüpfung dieser zweiten Phase des Prozesses, die intellektuelle Emanzi­pation, man kann auch sagen, die Praxis demo­kra­tischer Kontrollmechanismen etc., die reale gesellschaftliche Partizi­pa­tion an Entschei­dungs­pro­zessen, wurden nicht durchgeführt. Es kann davon ausgegangen wer­den, daß sie von seiten der herr­schenden Kommunisten von vornherein nicht gewollt und mit physischen wie psy­chischen Mitteln verhindert worden sind.

Die Behinderung bzw. der Nichtvollzug der zweiten Phase des Zivilisationsprozesses bzw. der Folgeprozessse257 beeinflußte maß­geb­lich die Auslösung der gegen das System gerichteten Pro­zesse auf der Basis der Reproduktion des Unter­grund­ver­haltens sowie einer mehr und mehr sich durchsetzenden Widerstandspraxis. Auf die KSS-KOR oder ROPCiO angehörenden Intellek­tu­ellen trifft eine prinzipielle, kompro­miß­lose und konse­quente Hal­tung und Praxis zu. Einen Kom­pro­miß haben sie realiter nicht sehen können, wenn Kuron auch 1981 schreibt:

»Wenn ich einen Kompromiß für den polnischen Weg und ein Beispiel suchen sollte, so wäre es der spanische Weg: In einer gemeinsamen Anstren­gung aller offenen Elemente innerhalb der Macht und in­ner­halb der Opposition hat es die Gesell­schaft verstanden, das Land aus ei­ner ver­haßten und repres­si­ven Diktatur hinaus- und zu demo­kra­tischen Formen hinzuführen. Ich ver­kenne nicht, daß es Unter­schiede gibt ... z.B. in der geo­po­litischen Situation. Aber die­ses Bei­spiel ist des Nachdenkens wert.«258

Die intellektuelle Kampf­praxis, verbunden mit dem gesellschaftlichen Kampf der Werftarbei­ter, lief klar auf eine end­gül­tige Entscheidung hinaus, nicht auf eine partielle Lö­sung. Es ist weder aus der damaligen noch aus der heutigen Sicht müßig, darüber zu disku­tieren, ob der Kampf 'objektiv sinnvoll' oder 'sinnlos' gewesen ist. Die entscheidende Frage liegt in der Deskription der Prozesse, der Ableitung der Entschei­dungs­pro­zesse und der Frage grundsätzlicher Motivierung im historisch-gesellschaftlichen Kontext. Der Gesamtzu­sammenhang ist prozessual eingebunden in einen historischen Ablauf, der in der Ver­knüp­fung von Spontaneität, historischem Bewußtsein und der Reproduktion tradierter Verhal­tens­muster zu sehen ist. Die Erforschung der auslösenden Momente, die konkreten Dar­stellungen der Abläufe sind darü­ber hinaus historiographisch höchst berechtigt, bedürfen auch noch einer weiteren zeitgeschichtlichen Forschung. Das Problem der polnischen For­schung steht im Wechselverhältnis zwischen Involviertsein und notwen­diger Distanz.

Es handelt sich keineswegs um eine Frage der 'Objektivität' des Forschers. Der An­spruch an solch eine tiefgrei­fende Entscheidung, ein individuelles Opfer für seine Überzeu­gung darzu­stel­len, kann von nieman­dem erhoben werden. Die Ambiguität polnischer For­scher kann nur mora­lisch akzeptiert werden. Die Frage ist nicht, ob und inwie­weit diese Intellektuellen gekämpft haben und sechs, acht oder zehn Jahre Haft auf sich genommen haben, weil sie von der Macht­partizi­pation ausgeschlossen waren bzw. sich bewußt davon distanziert haben und sich nicht korrum­pieren lassen wollten durch Übernahme von Funk­tio­nen. Es ist als unzulässig einzu­stufen und bedeutete einen gegenüber der individuellen oder kollektiven Entscheidung nicht adäquaten Zy­nismus. Sie stellt sich in der Nachbetrach­tung als individuelle Willensentscheidung dar. Wenn, dann kann im Umkehrschluß anderen um die ökonomische Unmöglichkeit sowie Unfreiheit wis­sen­den Intellek­tu­ellen ein oppor­tunistisches Verhalten konzediert werden. Aber auch dieses muß abgelehnt werden, zumal es aus einer Fremdsicht heraus erfolgen würde. Die Individu­al­ent­schei­dungen sowohl von Oppositionellen als auch von in das System Involvierten, kann aus der Sicht des Verfasser nicht Gegenstand moralischer Beurtei­lun­gen sein.

Es soll auch auf keinen Fall der Eindruck erweckt werden, die abgeschlos