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Lothar Nettelmann
Polnische Intellektuelle und
Arbeiter 1980/81 VorwortIm Jahre 1975 habe ich das erste Mal Polen auf einer Studienreise besucht. Interessiert hatte mich bereits in den sechziger Jahren die damals so definierte ›Reformpolitik‹ in Ungarn, sowie der ›Prager Frühling‹. Die Situation 1968 in Polen, die Aktionen der Studenten in Warschau, ihre gewaltsame Unterdrückung, wie auch die antisemitischen Erscheinungen in diesem Jahr, wurden in Westdeutschland kaum wahrgenommen. Die Ereignisse gegen Ende des Jahres 1970 in Danzig und Gdingen, die Ablösung Gomulkas, verbunden mit der Machtreduktion des nationalkommunistischen Flügels, der Beginn der Ära Gierek, all dieses wurde nicht als Beginn einer Vorphase entscheidender Veränderungen begriffen. In der deutschen Sicht dominierte die Ostpolitik in ihrer innen- und gesellschaftspolitischen Wirkung. Die westdeutsche Gesellschaft erfuhr ihre vorerst letzte große politische Auseinandersetzung. Sie endete mit dem ›Rentenabkommen‹ 1976. Die Kontakte zwischen Helmut Schmidt und Edward Gierek hatten in der Presse ein gutes Echo. Der zunehmende Osthandel stabilisierte die Konjunktur in der Bundesrepublik. Nach 1975 verlief die eigene Entwicklung zunächst ungesteuert und intuitiv, aber mit bewusster Orientierung. Es folgten Studienfahrten 1977 und 1979. Im April 1979 wurde die Deutsch-Polnische Gesellschaft Hannover gegründet. Sie ist seitdem die entscheidende organisatorische Basis für mein nach Polen hin orientiertes gesellschaftliches Engagement und meine ehrenamtliche Tätigkeit. Die Verarbeitung der eigenen Wahrnehmungen riefen das Bedürfnis hervor nach permanenter Ergänzung und Vertiefung des Wissens um unseren östlichen Nachbarn, dem in deutschem Namen großes Leid zugefügt worden ist und mit dem uns Deutsche unendlich viel verbindet. Ich habe das Land kein einziges Mal besucht, ohne feststellen zu müssen, dass sich nicht jedes Mal qualitativ neue Eindrücke und ergänzende Erkenntnisse ergaben. Das Wissen um dieses Land und seine Menschen wurde stets nicht nur größer und differenzierter, es eröffneten sich jeweils unerwartet neue Perspektiven. Die Frage, wie wir Deutsche, insbesondere die Nachkriegsgeneration, ›Normalisierung‹ herbeiführen und ›Aussöhnung‹ praktizieren könnten, um damit im Sinne des Europagedankens zur Völkerverständigung beizutragen, gab die Ebenen der Beschäftigung vor. Im Sinne der kulturellen Betätigung boten sich Ausstellungen polnischer Künstler sowie Konzerte an. Bildungsspezifisch ergaben sich Vorträge polnischer und deutscher Experten sowie weitere Studienreisen. Die Vorbereitung der Teilnehmer, bald auch anderer Gruppen, die das ›erste Mal‹ fahren wollten, erforderte die zunehmende Beschäftigung mit der Geschichte und Lebensweise der Menschen, mit Wirtschaft und Geographie und nach und nach auch mit der polnischen Literatur. Damit verbunden ergab sich eine zunehmende fachdidaktische Tätigkeit. Die Durchführung eines Schüleraustausches begann mit ersten Kontaktaufnahmen in der Phase von 1977, als die polnischen Gesprächspartner noch sehr positive Bilder ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation zeichneten. Es folgte das deutliche Sichtbarwerden der Anzeichen der Krise in der polnischen Volkswirtschaft im Jahre 1979. Sehr bald wurde die Krise der gesamten Gesellschaft offenbar. Sie mündete in die Dynamik der Ereignisse der Jahre 1980/81. Mit der Gründung der ersten freien und unabhängigen Gewerkschaft in einem kommunistisch regierten Land - der ›Solidarnosc‹ - begann der Weg in eine völlig neue Epoche. Er war für alle Menschen verbunden mit einer als völlig neu empfundenen Situation. Neben der Euphorie stand die Bedrohung durch das Ungewisse. Die Ausrufung des Kriegszustandes am 13. Dezember 1981 führte zu einer bedrückenden Zwischenphase. Sie zwang viele Menschen - in Polen wie auch in Deutschland - zu Gewissensentscheidungen. Das karitative Engagement vieler Menschen in der Bundesrepublik hatte im Verlauf des Jahres 1981 begonnen nach Bekanntwerden erheblicher gravierender Versorgungsmängel, insbesondere im medizinischen Sektor. Es milderte den Zusammenbruch der Wirtschaft im äußerst schwierigen Jahr 1982. Die Menschen in Polen erinnerten sich an das Sprichwort: »Freunde erkennt man in der Not«. Nach Suspendierung des Kriegszustandes 1983, durften die Schülerinnen und Schüler des V. Lyzeums in Poznan endlich nach Hannover kommen. Die Entscheidung darüber war zu einem Politikum geworden.1 In dieser Zeit entstanden die ersten eigenen Publikationen. Alles war gekennzeichnet von einer freundschaftlichen und kollegialen Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen. Basis war dabei die enge kollegiale Arbeit in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover und der UNESCO-Projekt-Schule am Maschsee, der Bismarckschule, sowie mit den im Laufe der Jahre gewonnenen polnischen Kollegen und Freunden. Persönlich möchte ich an dieser Stelle unter meinen deutschen Freunden insbesondere dem Historiker und Publizisten F.E.O. Jagemann-Jerzykiewicz danken, der wissenschaftliche Distanz mit einem hohen Engagement verbindet und eine binationale deutsch-polnische Identität verkörpert sowie Gerhard Voigt, mit dem mich seit den siebziger Jahren ebenfalls eine enge kollegiale Zusammenarbeit auf fachdidaktische und wissenschaftlicher Basis verbindet. Stellvertretend für die vielen polnischen Freunden, die mit fundiertem, engagiertem sowie kritischem Rat zur Seite standen, möchte ich nennen: Jerzy Centkowski, Marek Dutkowski und Bronislaw Kortus. Mitarbeiter des ›Instytut Zachodni‹, Poznan, haben mein Wissen über Politik und Gesellschaft Polens vertieft. Die Einschätzung der polnischen Volkswirtschaft wurde durch Jerzy Kleer und Jerzy Toeplitz beeinflusst. Die polnischen Wissenschaftler gaben trotz ihrer spezifischen Involviertheit seit den siebziger Jahren Beispiel für Wissenschaftlichkeit und kooperatives Verhalten. Für mühevolles Dolmetschen und Übersetzen danke ich neben vielen polnischen Freunden vor allem Maja Kempa und Barbara Kortus. Nachdem der Schwerpunkt der eigenen Tätigkeit bis zum Ende der achtziger Jahre überwiegend in den Bereichen der Politikwissenschaft, Geschichte und Ökonomie lag, verlagerte sich für mich Dank der Anregung von Peter R. Gleichmann der eigene Ansatz in das soziologische Denken, insbesondere in die gesellschaftshistorische Dimension. Zivilisations- und machttheoretische Betrachtungen flossen zunehmend ein. Sie ergänzten und überlagerten das bisherige Denken und stellten dabei vertraute Denkweisen in Frage. Das an Reformen orientierte politische Denken, das durch Stichworte wie ›gesellschaftlicher Ausgleich‹ und ›Staatsintervention‹ verbunden mit ›ökonomischer Rationalität‹ gekennzeichnet werden kann, verlagerte sich in die Deskription der Wahrnehmungen von Gegenwartserscheinungen sowie zur Zuordnung historisch ableitbarer Interdependenzen und Synthesebildungen. Die Reflexion der eigenen Involviertheit wie auch die Bewusstwerdung der Distanz war verbunden mit der Beschäftigung mit den Schriften von Norbert Elias. Im Nachhinein werden zunehmend die Schübe der eigenen Entwicklung transparent. Ermutigend wirkten am Anfang die begleitenden Gespräche mit Władysław Markiewicz. Sie wurden ergänzt durch Gespräche mit Wissenschaftlern in Posen, Danzig, Warschau und Krakau. Mündliche Diskurse nahmen - der Tradition polnischer Intellektueller entsprechend - einen hohen Raum ein und erwiesen sich als Voraussetzungen für Reflexionen. Kritische Distanz bis hin zu intellektueller Gegnerschaft begünstigten die Darstellung und Analyse der Zusammenhänge wie auch die Synthesebildung. Als sehr fruchtbar haben sich seit dem Ende der siebziger Jahre Abendgespräche nach Diskussionsveranstaltungen erwiesen, z.B. nach Veranstaltungen der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover, aber auch in Bildungseinrichtungen wie Vlotho, Hustedt oder Sonnenberg. Diese Gespräche in intellektuellem wie allgemein interessiertem Milieu sowie auch die vielen Diskussionen in Privatwohnungen in Polen oder Deutschland zeichneten sich durch ausgesprochene Offenheit, Freundschaftlichkeit, Herzlichkeit und Kollegialität aus. Sehr positiv haben sich auch die Deutsch-Polnischen Kongresse erwiesen, die seit 1992 in Berlin, Stettin, Wolfsburg und Bielsko-Biala abgehalten worden sind.2 Die polnischen Freunde, Kollegen und Wissenschaftler zeichnen sich durch ein ausgeprägtes nationsgeschichtliches Wissen aus sowie ein spezifisches Reflexions- und Wahrnehmungsvermögen. Man bemerkt in Gesprächen, dass sie oft über Wissen verfügen, das auf mündlichen Überlieferungen beruht. Dies gilt auch für Vorlesungen und Seminare an der Universität. Die Professoren zitieren ihrerseits mündlich weitergegebene Informationen. Das schriftliche Wissen wird dagegen in der Regel zurückhaltend formuliert und publiziert. Eine Ausnahme machten bis 1981 propagandistische Schriften. Diese waren aber ohnehin suspekt und hatten in der gesellschaftspolitisch relevanten Diskussion keine Bedeutung. Diskussionen bewegten sich oft auf einer Meta-Ebene zwischen Konkretion und nicht eindeutiger Formulierung des Zieles. Sie erweckten lange Zeit den Eindruck, dass sie einen Ersatz für nicht realisierbare Reformschritte darstellten. Zugleich waren sie Ausdruck der Unmöglichkeit zur Erarbeitung konkreter Modelle von ›Reformen‹. Die mündliche Übermittlung von Informationen, die Entwicklung von Hypothesen, Abfassung von Thesen hat nach wie vor in Polen einen hohen Stellenwert. Organisatorische und methodische Fragen wurden nahezu ausschließlich mündlich übermittelt. Briefe zum Zwecke von Absprachen über Termine sowie konkreten Meinungs- und Erfahrungsaustausch wurden, wenn der Adressat dem Verfasser nicht persönlich gut bekannt war, nicht beantwortet. Antworten erfolgten nur auf sehr gute Empfehlungen hin oder nach telefonischer Kontaktaufnahme. Die Kontakte wurden stets über Freunde und Bekannte hergestellt. Für die unermüdliche und geduldige Hilfe bei der Literaturbeschaffung, dem Lesen, Korrigieren und Ausformulieren danke ich meiner Frau. Ohne ihr Verständnis hätte dieses Projekt nicht durchgeführt werden können.
Vorwort zur revidierten Ausgabe 1997Die vorliegende Ausgabe basiert auf der unter dem Titel ›Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81. Handlungsmotive als Ausdruck einer nationsspezifischen Habitusentwicklung. Eine Darstellung der Besonderheiten im Staatsbildungsprozess Polens‹ verfassten Arbeit. Sie wurde von der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften als Dissertation angenommen.3 Die vorliegende Fassung wurde durchgesehen und ergänzt durch Einfügung des Kapitels: VIII. (neu): ›Thesen zum Prozess der Zivilisierung in Mitteleuropa am Beispiel der polnischen Gesellschaft‹4. Ergänzende ›Schlußbetrachtungen‹ wurden dem Kapitel IX. (neu) ›Auswertung‹ hinzugefügt. Ich möchte insbesondere meine polnischen Freunde um kritisches Lesen bitten, damit der Diskurs fortgeführt wird, die Komplexität, hohe Differenziertheit und mannigfache Interdependenz der mitteleuropäischen Gesellschaften zu erforschen und theoretisch abzubilden. Hannover-Gehrden im Februar 1997 Einführende Gedanken in den Forschungsgegenstand, die Anwendbarkeit westlichen Modelldenkens sowie die Durchführung des Projektes1. VorüberlegungenDie achtziger und neunziger Jahre haben in Mitteleuropa bisherige Selbstverständlichkeiten und Organisationskriterien radikal in Frage gestellt, die Politik- und Gesellschaftswissenschaften in ihrer prognostischen Kompetenz verunsichert oder widerlegt und die Notwendigkeit eines politischen und ökonomischen Paradigmenwechsels deutlich gemacht. Mit wachem und am Konkreten und Exemplarischen orientierten Blick müssen nun die neuen Situationen Europas neu begutachtet werden, müssen die Prozesse, Kontinuitäten, Bruchlinien, Einschnitte und Orte erkannt und verstanden werden, die heute den veränderten Kontinent prägen und deren Verständnis Voraussetzung ist für die in Frage stehende Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Ein exemplarischer Ort des Wandels ist Polen, gekennzeichnet durch zwei politisch-gesellschaftliche Einschnitte, die Europa verändert haben: die Ära der Solidarnosc 1980/81 und der grundlegende Transformationsprozess seit 1989/90, dessen Folgen noch nicht endgültig abzusehen sind. Nichts ist mehr in Polen wie es vorher war. Nahezu an allen Grenzen befinden sich neue staatliche Nachbarn: Litauen, Belorussland, die Ukraine, die Slowakei, Tschechien und das vereinigte Deutschland. Mit allen mussten neue nachbarschaftliche Beziehungen neu geknüpft und ausgehandelt werden. Es besteht eine neue ökonomische und politische Grundordnung im inneren; alte und neue Eliten konkurrieren miteinander. Der schwierige Nachbar Russland grenzt durch eine kleine nach wie vor von Militär dominierte und möglicherweise problemträchtige Exklave im Norden an das Staatsgebiet. Wenn Polen diese Brüche als Staat und Nation übersteht, so nur aus dem Fundus historisch gewachsener Krisenlösungskompetenz und tradierten nationalen Überlebenstechniken. In der Wissenschaft und Publizistik Polens gilt es als Grundsatz, dass man zu den Wurzeln der Geschichte der Nation zurückgehen muss um ›die Polen‹ zu verstehen. Polnische Wissenschaftler und Politiker leiten in Aufsätzen oder Interviews oft mit ähnlichen Formulierungen ein. Die Kunsthistorikerin und Publizistin Teresa Bogucka erwähnt z.B. in einem Interview, dass 'alle' von Untergrundmentalität und von antistaatlichem Verhalten sprechen.5 Der Soziologe Jerzy Szacki beklagt, dass die Zivilgesellschaft noch nicht 'so weit entwickelt' sei.6 Das Problem besteht darin, dass eine soziohistorisch differenzierte Ableitung der Habitusformen in der Gesellschaft nicht Gegenstand spezifischer Forschung ist. Als Fragender stößt man in Polen mit dieser Thematik leicht an gewisse Grenzen, d.h. wohl an vorsichtiges Interesse, oft aber an eine höfliche Abwehrhaltung. Einen nur begrenzt erforschbaren Bereich stellt auch die Solidarnosc-Ära dar. Man streitet seit 1989 um das ›moralische Erbe‹ und damit um die Chancen dasselbe zu instrumentalisieren. In der Gegenwartsgesellschaft kämpft man affektiv besetzt, oft rücksichtslos gegeneinander. Man verletzt dabei aber die nationalen Tabus nicht. Man moralisiert darüber, dass die 'alte' Solidarnosc nicht mehr existiert. Man beschuldigt sich gegenseitig, vermeidet aber den Diskurs über die Ursachen. Man erforscht aber kaum, warum das so ist. All dieses ist zugleich Bestandteil der politischen Alltagskultur. So stellt sich heute sowohl die Frage danach, was 1980/81 und 1989/90 tatsächlich gewollt und geschehen ist, als auch vor welchem gesellschaftlich-historischen Verständnis diese Veränderungen erfahren, interpretiert und legitimiert worden sind und weiterhin werden. Die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft kann nicht allein aus den materiellen Daten abgeleitet werden, sondern bedarf des Verständnisses der gestaltenden Kräfte, die sich in Machtbalancen und Zivilisationsprozessen sowie Habitusveränderungen ausdrücken. Es ist auch eine Folge der eingangs angesprochenen Krise der bisherigen Sozial- und Politikwissenschaft, dass der nüchterne, konkrete, aber im Verständnis und Empathie der Bewusstseinslagen und -veränderungen bemühten Soziologie des Ansatzes des bereits zum Klassikers gewordenen Spätgekommenen7 Norbert Elias notwendig wird, um die Veränderungen in Europa zu verstehen. Polen mit seiner ausgeprägten Nationsgeschichte ist sowohl als Element und Agens der Veränderungen Europas aktueller und wichtiger Forschungsgegenstand, kann aber darüber hinaus gerade in Vergleich und Kontrast zu den westeuropäischen Staatsgesellschaften zu tief reichenden Einsichten führen über die innergesellschaftlichen Interdependenzen und formationssoziologischen Interpretationsmöglichkeiten sozialen und politischen Wandels. Dieser Forschungsansatz nach Norbert Elias ist auf das Beispiel Polen noch nicht angewandt worden, obwohl gerade die Historizität der Polonitas und die exemplarische Bedeutung der Einschnitte 1980/81 und 1989/90 einen solchen Zugang nahe legen und erfolgversprechend erscheinen lassen. Notwendig ist dabei jedoch, dem wissenschaftlichen Neuland entsprechend, das diese Arbeit betreten will, exemplarische Konzentration auf zentrale Problemzusammenhänge zu suchen und auszudifferenzieren, die in dieser Einführung kurz skizziert werden sollen. Die Einschnitte 1980/81 und 1989/90 können ansatzweise als Vordringen von 'Universalisierungsprozessen' bezeichnet werden. Die Intelligenz hat universalistische Begriffe ›Politik‹, ›Staat‹, ›Ökonomie‹ und ›Menschenrechte‹ betreffend als Topoi übernommen. Es wird in Polen immer weniger 'polnisch' bzw. 'katholisch' gedacht. Die Forderungen der Solidarnosc an den Staat bzw. an das System - die Intellektuellen des KOR forderten die Einhaltung der Menschenrechte8 - bedeuteten den Rückgriff auf einen westeuropäischen Topos. Das Jahr 1980/81 ist auch durch eine Dialektik zwischen Universalisierung und sozialistischem Staat gekennzeichnet. Man hat dabei die ›Universalisierung‹ seitens der ›Solidarnosc‹ zunächst als ›Polonisierung‹ verstanden bzw. definiert. Diese umfassten nationale Identitäten bzw. Identifikationsmuster, stellte im Grunde aber eine Pseudo-Polonität dar. Man rekurrierte nur formal und mental auf die Vorphase des Sozialismus.9 In Wirklichkeit stellte der Prozess eine Universalisierung dar. Man instrumentalisierte die Nation durch Reproduktion der Nationsutopien. 1989/90 wurde die Universalisierung als ›Europäisierung‹ verstanden und umdefiniert. Es entstand das Stereotyp von der 'Rückkehr nach Europa' (Mazowiecki). Imanuel Geiss weist darauf hin, dass es ›einen engeren, meist undefiniert gebliebenen Sprachgebrauch für 'Europa' gibt, der sich qualitativ fassen lässt: 'Europa' ist nur der Teil des Kontinents, der Teil hatte am 'Prozess der Zivilisation' (Norbert Elias), also an der Herausbildung und Weiterentwicklung der jeweils am höchsten entwickelten Form der Zivilisation‹.10 In Polen wird der Zielformulierung Mazowieckis andererseits entgegengehalten, dass 'Polen Europa nie verlassen habe'. Der Vorgang bedeutete einen Fortschritt i.S. eines Modernisierungsschubes, den Beginn von Divergenzprozessen als Modernisierungswirklichkeit. Das Resultat war, dass sich eine Spannung herausbildete, die die Gesellschaft psychosozial nicht verkraftete. Eine Folge war die anhaltende Apathie, sichtbar werdende Sozialpathologien, Wahlenthaltungen oder spezifisches Wahlverhalten 1990 und '91. Zivilisatorisch bedeutete es eine Atomisierung. Die Divergenz- oder Fraktionierungsprozesse in der Gesellschaft, die Herausbildung separater Milieus nehmen zu. Damit ergibt sich zweifellos eine Korrelation zu den Modernisierungsprozessen westlicher Gesellschaften. Man kann in Polen entsprechende 'Versatzstücke von Gesellschaft' beobachten. Eine erhebliche Rolle haben dabei die Medien.11 Es handelt sich nicht um lineare Prozesse, sondern um Balanceverschiebungen mit prozessualer Eigendynamik. Konkurrierende politische und ökonomische Eliten befinden sich in Machtkämpfen, die zugleich Legitimationsprozesse darstellen. Auf der Ebene darunter findet ein Habituswandel statt. 2. Skizze zur Habitusentwicklung der polnischen GesellschaftWährend Fragen des Nationalcharakters zumeist mit großer Distanz begegnet wird, ist der nationale Habitus eher beschreibbar. Mittel- und das ehemalige Ostdeutschland kann mit dem westlichen Polen und Schlesien verglichen werden. Man kann von der gleichen oder ähnlichen 'Rassenmischung' sprechen. Es handelt sich um ursprünglich germanische und slawische Sprachgruppen, die sich mit westlichen oder südlichen Zuwanderern vermischt haben, sowie eine lang angelegte jüdische Bevölkerungsergänzung und begrenzte Durchmischung erfahren haben. Gleichwohl kann man betreffend des nationalen Habitus von einer hohen Differenzierung ausgehen, vergleichbar den Deutschen, den Dänen und den Niederländern.12 Der polnische Raum weist den Charakter einer Spannungsfiguration auf, ähnlich dem ostfranzösischen Sprachraum: Nordfrankreich, Belgien, Elsass-Lothringen. Zur bisherigen Mittelblockposition zwischen Deutschen und Russen (einschl. Weißrussen und Ukrainern) kam in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die ›Westverschiebung‹ Polens. Zwei Jahrhunderte führte das Herabsinken einer im 16./17. Jahrhundert bedeutenden Landmacht - Polen war zeitweise der größte Flächenstaat Europas - zur staatlichen Auslöschung durch die benachbarten Teilermächte Rußland, Preußen und Österreich. Dieser Übergang von Größe über Abstieg bis zum Auslöschen von der Landkarte ist für die Mentalität der Menschen in Polen prägend. Die daraus entstehenden tragischen Rollen sind vielfältig in der Literatur verarbeitet. Theodor Fontane beschreibt z.B. für das westliche Polen solche tragischen Rollen, die bis hin zur Konversion der Religion - in die des (preußischen) Königshauses - führen.13 Befindet sich England seit dem Zweiten Weltkrieg im Absinken von der Erst- über die Zweit- zur europäischen Nebenmacht, so ist dieser Prozess für Polen ein Abstieg bis zum untersten machtspezifischen Grenzwert gewesen. Dieser den Habitus prägende Prozess entwickelte sich in der polnischen Nation seit dem Ende des 18. Jahrhundert und hat erneut eine wesentliche Funktion in der Phase seit dem Zweiten Weltkrieg. Wenn sich für England, Holland oder Schweden gewisse Formen des Trauerns bis zur Depression erkennen lassen, so ist das Verhalten der polnischen Nation durch den permanenten aktiven Überlebens- und Behauptungskampf gekennzeichnet. Der Übergang vom mittelalterlichen zum neuzeitlichen Staatenbildungsprozess ist dabei ein Paradigma. Der Übergang zum Wahlkönigtum hatte einen entscheidenden Impuls zur Instabilität zur Folge, war aber schon selbst Ausdruck der Verschiebung der Machtbalance zum Adel. Dies war verbunden mit einer sich verfestigenden Dezentralisierung und Machtdifferenzierung. Eine Herausbildung der Integrationsebene der Fürsten ist nicht erfolgt.14 Im Eigenbild der Polen gilt dies als das ›Goldene Zeitalter‹. Es ist Ausdruck der Schaffung kultureller Güter und gilt als Phase kultureller und insbesondere religiöser Toleranz.15 Man kann es durchaus wie für Frankreich, England, und Holland als eine Phase gewisser Pazifizierung betrachten. Diese stellt aber ein Spezifikum dar. Für die Szlachta kann man es nur begrenzt als Phase der Zivilisierung begreifen. Ein wesentlicher Aspekt, die Affektkontrolle, ist als Selbstzwang kaum ausgebildet. Das Austragen von Machtkämpfen mit physischer Gewalt - als charakteristisches Beispiel gilt das sog. Konföderationsrecht - muss eher als Dezivilisierung gewertet werden. Es ist Symbol für ein dezentrales Herrschaftssystem. Die Ausbildung der Trinksitten in der Szlachta können als Symbol für Wohlstand und Macht gedeutet werden. Der Alkohol kann aufgrund der Entlohnungspraxis in Wodka in Osteuropa im 19. Jahrhundert für die machtarmen Schichten einen Gewöhneffekt herbeigeführt haben: »… offenbar sucht man sich auf diesem Wege eine gesellschaftliche Notlage, die schmerzt, aber der man nicht entrinnen kann, erträglicher zu machen. ... Weniger klar ist vielleicht, dass die relative Schwäche des eigenen Staates, verglichen mit anderen Staaten, für die betroffenen Menschen spezifische Notstände mit sich bringt. Sie ... zweifeln an ihrem Eigenwert, fühlen sich erniedrigt und entwürdigt und neigen zu Wunschträumen über die Rache, die sie an den Urhebern dieser Situation nehmen möchten.«16 Wie in Deutschland die Strukturschwäche während der napoleonischen Ära, so löste in Polen die Teilungszeit eine idealisierende Hochbewertung militärischer Haltung und kriegerischen Handlungen aus.17 Polen stellt einen relativ pazifizierten Landadel dar, der durch Depossedierung in der Teilungszeit entmachtet wurde. Das Bürgertum, in hohem Maße resultierend aus mittel- und westeuropäischen und jüdischen Migranten, gewannen durch die Teilungen einen Machtzuwachs. In der polnischen Literatur erfolgt eine Reproduktion des Heldentums, oft als Allegorie.18 Es entwickelte sich daraus funktional ein Heldenmythos - nicht aus den Taten der Kriegerkaste an sich heraus.19 Der Moralbegriff gilt interdependent verbunden mit Machtschwäche, wenn nicht gar als Synonym dafür. Er ist im Zusammenhang zu sehen von Verteidigung, Widerstand und Aufstand. Polnische Orden z.B. wurden für den Kampf in Verteidigung und Widerstand gegeben, nicht für Eroberungen. In Preußen dagegen dominierte der Pflichtbegriff der im Kontext zu einer Angriffsorientierung gesehen werden kann. Durch die Enteignungen - Konfiszierung von Landbesitz (Dörfer) und Entmachtung des Landadels - verschob sich die Balance zwischen Adel und Bürgertum zugunsten des Stadtbürgertums. Dieses war aber stark geprägt durch in die Städte abgewanderte verarmte Landadlige. Das Stadtbürgertum enthält dadurch ein Segment des ins Kleinbürgertum abgesunkenen bzw. proletarisierten Adels. Die innergesellschaftliche Machtbalance Land - Stadt verschob sich zugunsten der Stadt. Da aber kaum ein nationalpolnisches Stadtpatriziat aus aufgestiegenen Händlern und Handwerkern entstanden war, war die innerstädtische Machtbalance mehrfach geteilt: polnisch - deutsch - jüdisch - russisch. Migranten aus Frankreich oder Italien rechneten sich nach der Adaption seitens der Nation zumeist der ›Polonitas‹ zu. Reymont20 beschreibt z.B. in ›Das gelobte Land‹ die Situation in Lódz. Das jüdische Bürgertum lehnt sich sprachlich-kulturell näher an das Deutschtum an. Die Umgangssprache dieser wohlhabenden polnischen Juden war zumeist Hochdeutsch im Gegensatz zum Jiddisch der armen Schichten des Ostjudentums. Manche Juden sprachen sehr schlecht Polnisch. Die negative Rolle ordnet Reymont dem polnischen Aufsteiger als Fabrikanten zu. Diese Menschen standen in bürgerlich kaufmännischer Tradition. Sie verfügten wegen der staatlichen Dominanz der Verwaltungen der Zentralmächte - die ihre Beamten dorthin versetzten - weniger über die politische Macht. Diese Konstellation bedeutete insgesamt eine hohe Spannungsformation. Die Habitusveränderungen im 19. Jahrhundert stehen in Wechselwirkung mit zunehmenden Demütigungen und sind verbunden mit Depossedierungen. »Sich mit der Nation zu identifizieren: Das ist es, eine Abstraktion.«21 Wenn 'Nation' eine Abstraktion oder gar eine Fiktion darstellt, dann bildet die 'Gesellschaft' eine Realität interdependenter Individuen und Figurationen ab. Die Identifikationsmuster entstehen mit Hilfe von Symbolen; ihre Mittel sind z.B. die weiß-rote Fahne und der weiße Adler. Die ›gegenwärtigen Probleme dieser Gesellschaft sind entscheidend mitbestimmt durch ihr früheres Schicksal‹ (S. 28). Der Wandel in den Machtverhältnissen bringt unvermeidlich eine weitgehende Verunsicherung vieler Menschen mit sich, die in den Wirbel dieses Wandels hineingezogen sind. Der Verhaltenskanon im Verkehr der Gruppen der auf eine strikte Hierarchisierung abgestimmt war, entspricht nicht mehr den tatsächlichen Beziehungen ihrer Vertreter (S. 37). Polen geriet nicht in den Sog eines beschleunigten Modernisierungsschocks. Das hatte zur Folge, dass dies aufgrund der Peripherielage zu den drei Zentren Berlin, St. Petersburg bzw. Moskau und Wien, den ökonomischen Spezialistengruppen, dem Industrie- und Handelsbürgertum und der industriellen Arbeiterklasse keinen Auftrieb gab.22 Nischenbildung in Kultur sowie Emigrationen können als Folgen angesehen werden. In Deutschland erfolgte im Zusammenhang mit der 'verspäteten' Herausbildung des Nationalgefühls ein Umschlag aus dem Gefühl der Schwäche heraus in das der Stärke. In Polen erfolgt aufgrund anderer Voraussetzungen ein Umschlag im affektiven bzw. mentalen Bereich. Dieser zeigt sich auf der Symbolebene. Der Staatsverlust erzeugte ein lange wirkendes spezifisches Ohnmachtsgefühl, aus dem soziale Verhaltensweisen resultierten, die durchaus mit Psychosen oder Neurosen verglichen werden können. Elias macht den Unterschied zwischen Preußen und der Adelsrepublik, der Rzeczpospolita, deutlich: »… aber in Preußen, mit seinen vergleichsweise armen Städten, waren die Machtpotentiale zwischen Adel und Bürgertum zugunsten des ersteren relativ ungleich verteilt, während die soziale Spannung zwischen den beiden Ständen ... besonders groß blieb. Dementsprechend spielte sich die Spannungsbalance zwischen den drei zentralen Machtschwerpunkten König - Adel - Bürgertum auf eine Figuration ein, die einem stillschweigenden Kompromiss zwischen Adel und König nahe kam. ... Die polnische Adelsrepublik mit ihrem Wahlkönigtum zeigte die Schwäche einer reinen Adelsherrschaft in den Auseinandersetzungen mit den hochzentralisierten monarchischen Staaten ringsum nur allzu deutlich.«23 Es bleibt zu untersuchen, inwieweit aus dieser Spannungsformation gegebenenfalls ein historisch-neurotisches Verhältnis zu konstatieren ist. Diese Frage sprengt aber den Rahmen der Arbeit. Gleichwohl sind charakteristische Eigentümlichkeiten zu konzedieren. Es gibt einen sehr hohen Empfindlichkeitsgrad, der sich z.B. seit 1990 in der Diskussion um den möglichen Beitritt in die EG/EU24 und die NATO zeigt. In kurzen Abständen wird bei gegebenen Anlässen in der polnischen Presse auf der Basis existenzieller Angst vor (insbesondere dem östlichen Nachbarn Russland) diskutiert. Man vergleiche z.B. die Aufsätze der polnischen Journalisten Janusz Tycner und Adam Krzeminski 25 in der deutschen Presse. Diese Angstbesetzheit kann durchaus als mangelnde Unfähigkeit zu entsprechender Distanz interpretiert werden, sie ist aber durch die subjektive und affektiv-bewusste Gegenwärtigkeit von Geschichte nachvollziehbar. Es fehlt die 'geographische Reserve', die Pufferzone. Dass hierbei ein 'horizontal' orientiertes Denken dominiert, ist andererseits verständlich. Den Menschen in diesem Land ist aber das 'historische Wechselbad' zwischen staatlicher Nichtexistenz und willkürlicher Westverschiebung gegenwärtig. Man darf das damit verbundene Ohnmachtsgefühl bzgl. der Nichtbeteiligung bei den Vorgängen von Auslöschung, Neuschaffung und territorialer Verschiebung nicht außer acht lassen. 3. Die Reproduktion der Nationsgeschichte als Interdependenzbeziehung in der polnischen Gesellschaft und Paradigma für politisches Denken und Handeln.Eine zentrale Bedeutung im Handeln der polnischen Gesellschaft hat das Wissen um die eigene Nationsgeschichte, insbesondere in Situationen hohen Spannungsniveaus, das insbesondere aus der gebrochenen sozialhistorischen Entwicklung des Adels, der Bauern, sowie der spezifischen Stadt- und Industrieentwicklung resultiert und der Tatsache, Mittelregion zu sein zwischen drei benachbarten Großmächten und den damit im Kontext stehenden Phasen fremder Herrschaft. Aus der Spannung des Nationsbegriffes selbst resultiert die Rolle der Geschichtsorientiertheit in Polen. Daran wiederum lässt sich die Bedeutung von Sozialisation, Schule und Geschichtsdidaktik ableiten. Die Funktionalisierbarkeit von Nationsgeschichte ist möglich, weil eine erhebliche Spannung vorliegt und diese Situation sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts reproduziert. Es hat sich aus der Dynamik einer Beschäftigung mit dem Gegenstand als eines nach dem Zweiten Weltkrieg für Polen entscheidenden Nationsproblem die Notwendigkeit einer umfangreichen Beschäftigung mit dem Problem des Nationsbegriffes, damit der Genesis wie den Spezifika der polnischen Nation, den jeweils historischen Bezügen herauskristallisiert. Dazu gehört aufgrund der temporären Einbeziehung in das Weltsystem des realen Sozialismus auch die Betrachtung der real erfahrbaren Situation und ihre Zuordnung zu den entsprechenden Ebenen. Aus der Betrachtung des historischen Gegenstands seitens des Verfassers ab 1975 sowie den seit den sechziger Jahren in der offiziösen Sprache als 'Reformpolitik' bezeichneten Prozessen ergab sich daran anknüpfend die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit (west)deutschen Positionen. Dieses sollte zumindest auf der Ebene methodischer Vergleiche geschehen. Die Beschäftigung mit dem zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Gegenstand bedeutete die Chance, aus empathischer, der eigenen moralisch-politischen Haltung entstammender und zugleich zweifellos eigener distanzierter westdeutsch geprägte Position heraus wahrzunehmen, zu beurteilen und in einer Rückkoppelung den eigenen Standort, die Sicht eigener Involviertheit in Gesellschaft neu zu sehen. Es handelt sich in der Beschäftigung mit der Nationsgeschichte primär um den Erhalt und die Wiedergabe des Wissens um die eigene Geschichte. Das subjektive, oft affektiv besetzte Wissen, kann schwerlich unter den Begriff des ›Geschichtsbewußtseins‹ subsumiert werden. Die modernen Prozesse westeuropäischer Geschichtsforschung und -didaktik, sozialgeschichtliche Ansätze, Prinzipialisierung, die Übernahme sozialwissenschaftlicher Fragestellungen und Methoden, das didaktische Prinzip der ›Schlüsselbeispiele‹ wie der Erwerb von ›Schlüsselqualifikationen‹, werden nur langsam übertragen. Man nimmt sehr wohl seitens der Geschichtsdidaktiker an der Modernisierungsdiskussion teil. Die Didaktiker sind seit den siebziger Jahren aufgrund ihrer Kontakte zu westlichen Geschichtsdidaktikern und -methodikern in hohem Maße an Reformversuchen in den Bereichen Universität und Schule beteiligt. Die Umsetzung ist aber sehr schwierig und komplex, so dass man weiterhin insbesondere in der polnischen Schule um eine Phase in dieser Entwicklung zurück ist. Insgesamt ist diese Problematik der verzögerten Modernisierung aber Ausdruck der gesellschaftlichen Spannungskonstellation selbst. Die Nationsgeschichte sowie ihre tradierte Vermittlung hat nach wie vor Vorrang. Dies verdeutlicht die Überlagerung der Reproduktionsebene - die aus tradierten Quellen schöpft - über die wissenschaftliche Ebene. Das Problem besteht für die polnische Geschichtswissenschaft und -didaktik zweifellos darin, wissenschaftlich gesichertes Wissen umzusetzen. Innerhalb der polnischen Geschichtswissenschaft hat die Geschichtsdidaktik einen besonderen Stellenwert aufgrund der ihr zugeordneten Funktion im Sozialisationsprozess der VR Polen sowohl nationsgeschichtlich, wie auch entsprechend den Prämissen sozialistischer Bildung in der Schule, wie auch in der Gesellschaft allgemein zu wirken, stand sie zugleich im politischen Spannungsverhältnis dieses Staates. Zugleich stand sie in der innergesellschaftlichen Spannungsbeziehung, resultierend aus den Vorbehalten gegenüber institutionalisierten Wissensträgern und -übermitteln und der gesellschaftlichen bzw. familialen Reproduktion. Beklagt wird von ihnen u. a. der Mangel an korrekter Wiedergabe des historischen Wissens sowie die mangelnde Akzeptanz des gesicherten Wissens in der Gesellschaft. Die polnischen Wissenschaftler und Didaktiker widersetzten sich erheblich dem Druck der instrumentellen Unterordnung nationsgeschichtlichen und gesellschaftlichen Wissens. Im Bewusstsein der skizzierten Spannungskonstellation fühlen sie sich primär der Erforschung und Wiedergabe von gesichertem Wissen verpflichtet. Es kann durchaus die These vertreten werden, dass die Konfrontation polnischer Wissenschaftler mit Westeuropa und den USA, insbesondere durch die gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkonferenz26 seit den siebziger Jahren und den damit verbundenen langfristigen, eine große Gruppe polnischer Wissenschaftler betreffenden Kontakten polnischer Wissenschaftler und Didaktiker erheblich dazu beigetragen hat, dieses Spannungsniveau zunächst zu erhöhen, und die Entwicklung für die polnische Wissenschaft positiv zu beeinflussen. Die Geschichtsdidaktiker Jerzy Centkowski, Adam Suchonski und Barbara Kubis27 haben in mehreren Vorträgen und Diskussionen mit westdeutschen Lehrer- und Studentengruppen auf diese Problematik hingewiesen. In der Zeitschrift für Geschichtsdidaktik28 ist die Problematik seit den siebziger Jahren mehrfach diskutiert worden. Es mangelt an der Motivation, gesichertes strukturiertes Wissen zu akzeptieren und das Wissen, das primären Loyalitätsebenen, wie dem familialen und kirchlichen Bereich entstammt, zu ersetzen oder nur zu ergänzen. ›Man sieht, was man weiß‹ (Max Weber). Der skizzierte Kontext trägt zur Massenbewegung bei, die in die Solidarnosc einmündet. Das hat zur Folge, dass man sein Wissen in tradierter Weise reproduziert und als eine Art Geschichtsgefühl auslebt. Dieser spezifische Umgang mit geschichtlichem Wissen hat einen hohen Stellenwert in den Befragungen in der Arbeit. Es soll abgeleitet werden, inwieweit das spezifische Wissen und tradierte Handeln in dem Prozess von 1980/81 zum Ausdruck kommen. Das Wissen um die Nationsgeschichte und ihre Weitergabe haben eine paradigmatische Funktion im Zusammenhang mit der Bewahrung der mentalen wie figurativen Identität der polnischen Nation. Das historische Wissen wie auch der Umgang mit der Nationsgeschichte stellt zugleich einen Zustand hoher gesellschaftlicher Spannung dar. Der Spannungsbogen umfasst ausgehend vom soziohistorischen Kontext die Geschichtsforschung, die Geschichtsdidaktik in Universität, Bildungsadministration und insbesondere der sekundären Bildungsinstitution Schule, weiterhin der Reproduktion von historischem Wissen in der Gesellschaft selbst durch die Primärsozialisation in der Familie, der Kirche und durch die Medien. Insbesondere die außerinstitutionelle Reproduktion von historischem Wissen prägt das Alltagsbewusstsein und -verhalten. In diesem Kontext liegt der Ansatz für die Befragungen. Über das Geschichtsbewusstsein bemerkt z.B. Bartoszewski: »Ob man aber diese Erscheinung als tiefes Geschichtsbewusstsein oder eher als persönliches oder nationales Leidensbewusstsein qualifizieren kann, wäre sicher ein interessanter Forschungsgegenstand für die Soziologen und Kunsthistoriker.«29 Ein Spezifikum ist nicht nur die Nationsgeschichte als ›Leidensgeschichte‹, sondern die Einschätzung dieser Rolle in der Gesellschaft selbst, die sich dadurch reproduziert. Bereits Heinrich Heine formulierte 1822:30 »Wenn Vaterland das erste Wort des Polen ist, so ist Freiheit das zweite.‹ (S.495) und: ›Die Polen scheinen ganz besonders dazu bestimmt, gewisse Zwecke in den Weltgegebenheiten zu erfüllen. Ihr moralischer Kampf gegen den Untergang ihrer Nationalität rief stets Erscheinungen hervor, die dem ganzen Volk einen anderen Charakter aufdrücken und auch auf den Charakter der Nachbarvölker einwirken müssen« (S. 500). Der Messianismus ist durchaus ein europäisches Phänomen.31 Während der französische Messianismus zwar eine zeitweilige Bedeutung und Instrumentalisierung in der nachrevolutionären wie nachnapoleonischen Phase erfuhr, für die französische Gesellschaft aber keine weitere Bedeutung erlangte, erfuhr der polnische Messianismus in Polen eine Funktionalisierung für den eigenen Nationsbegriff und hatte dadurch einen hohen Stellenwert für die Nation. Nicht nur das gesicherte wie vorgebliche und zumeist affektiv besetzte Wissen um die Nationsgeschichte, sondern die Funktionalisierung des Gegenstands stellt den Kernbereich dar und soll verdeutlicht werden. In diesem Zusammenhang sind die Aussagen General Jaruzelskis über die Rolle der Bildung, wie auch das Geschichtsbewusstsein beachtenswert: »Im Polen der Vorkriegszeit haben sich Bauern und Landarbeiter als Bürger zweiter Klasse verstanden … nach dem Krieg … fing der Bauer na, seinen Kopf zu heben. … Gerade die soziale Gerechtigkeit wurde in der vergangenen Periode auf sehr utopische Weise dargestellt und gewissermaßen entstellt: “Wir haben alle denselben Magen” … wir kennen die Folgen. Andererseits festigt sich aber auch die Überzeugung, dass nicht das Geld, sondern vor allem die Arbeit, die Bildung und Ausbildung den Menschen nobilitieren. Das sind Errungenschaften, die sich meines Erachtens nicht mehr ausroden lassen. … Das Geschichtsbewusstsein einer Nation ist eine unerhört wichtige Angelegenheit. Auf den Historikern lastet eine große Verantwortung, dasselbe trifft … auf alle zu, die auf die … Geschichte bewerten, interpretieren und verbreiten.«32 In den Auseinandersetzungen 1980/81 hat die Solidarnosc den damaligen Machteliten ihre moralische Legitimation abgesprochen, für die Nation zu handeln. Der Vorwurf der Fälschung der Nationsgeschichte wurde erhoben. Im Alltag wurde den 'staatlichen' Historikern in Universität und Schule nicht geglaubt. Über die hohe Spannung zwischen den weltpolitischen Antipoden sagt Adam Michnik: »Die Kommunisten waren eine Welt, deren Existenz wir aus ganzem Herzen ignorierten. Es interessierte uns nicht mehr, was uns die kommunistische Zensur erlaubte. Wir verließen die ehrwürdigen offiziellen Zeitschriften zugunsten unabhängiger Blätter, die primitiv auf Vervielfältigungen dedruckt wurden. Es waren zwei Welten: die eine groß und mächtig; die andere schwach, unterdrückt und mit einer einzigen Legitimation versehen - dem Glauben an die Macht der Wahrheit. … das Zusammenleben der Welt der formalen Macht (pays legal) und der Welt der Landesrealität (pays reel) gestaltete sich unterschiedlich, bis es am 13. Dezember 1981 endgültig zu Ende ging. … Die Kommunisten sahen in den Solidarnosc-Leuten die Verkörperung von Anarchie, Destruktion und fremden Spionagediensten. Die Untergrundbewegung sah in der kommunistischen Macht moralisches Übel, nackte Gewalt und sowjetisches Mandat. In dem Streit, wie weit sich das kommunistische System reformieren lasse, hatten schließlich die Panzer das letzte Wort gehabt. Ein Dialog war nicht mehr möglich.«33 Die Rolle des Alltagsbewusstseins in dieser spezifischen zeitgeschichtlichen Phase sowie ihre Einbindung in die Nationsgeschichte insgesamt, stellen die Basis für das Geschehen von 1980 dar und sollen deshalb in den Kontext der Arbeit einbezogen werden. Ausdruck des Alltagsverhaltens sind u.a. Paradoxien. Sie sind gleichsam charakteristisch wie für Außenstehende nicht erklärbar und damit nicht nachvollziehbar. Sie sind aber Ausdruck spezifischer Spannungsbeziehungen in der Gesellschaft aus. Deshalb sollen charakteristische Erscheinungen dieser Ausformungen gesellschaftlicher Realität einbezogen werden. Die Erscheinungen der begonnenen Umbruchsphase 1980/81 sollen in Bezug gesetzt werden zur soziohistorischen Entwicklung insgesamt bzw. die spezifisch aus der Realität des polnischen Sozialismus entstandenen Habitusformen. 4. Zum Forschungsgegenstand allgemeinIn Polen wird der Zeitraum von 1980/81 nur wenig untersucht. Die postkommunistische Phase ist durch zunehmende Divergenzen auch in der soziologischen und politologischen Forschung gekennzeichnet, die zweifellos eingebunden ist in divergierende soziale Prozesse. Man ist überwiegend an den Methoden amerikanischer Wissenschaftler orientiert und gerät dabei in erhöhte Distanz zur eigenen Gesellschaft. Man forscht z.B. über Aspirationen in der polnischen Gegenwartsgesellschaft, betreibt aber kaum eine historisch-soziologischen Forschung.34 Man forscht zeitgeschichtlich auch deshalb nur sehr begrenzt, weil es seit der Machtpartizipation einzelner Solidarnosc-Segmente Streit um das jetzt historisch gewordene ›moralische‹ Erbe der Solidarnosc gibt. Habitusveränderungen in allen Segmenten der Gesellschaft, die in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre begonnen haben, erfuhren nach der Stagnationsphase der achtziger Jahre seit 1989 eine hohe Beschleunigung. Die Dynamik ablaufender Prozesse, das hohe Spannungsniveau in den Machtbalancen einschließlich der Gegenläufigkeit partieller Interessenlagen, bilden den Rahmen für gesellschaftliches und politisches Handeln und damit zugleich für jegliche gegenwartsspezifischer Betrachtung, Analyse und Beschreibung. Hinzu kommt die Einbindung in den Paradigmenwechsel auf europäischer wie weltpolitischer Ebene. Man forscht nicht über die Genesis sowie des Habitus der eigenen Intellektuellen. Journalisten können aufgrund ihrer eigenen Wahrnehmungen einiges dazu berichten. Die heutigen Intellektuellen sind sowohl Nachkommen der überlebenden Angehörigen der alten Eliten wie auch Partizipienten der Intellektualisierungs- und Aufstiegsprozesse aufgrund des Bildungssystems der VR Polen. Sie stehen oft in Identitäts- und Loyalitätskonflikten. Es gibt nur wenige Wissenschaftler die sich, wie z.B. Engler oder Maaz in Deutschland, kritisch mit der Entwicklung der eigenen Gesellschaft auseinandersetzen, u.a. mit der gesellschaftshistorischen Erforschung des eigenen Zivilisationsprozesses.35 Die spontanen Prozesse der Übergangsphase nach 1989 sind aufgrund ihrer Aktualität als Forschungsgegenstand ergiebiger. Andererseits werden soziologische und psychologische Untersuchungen zunehmend aufgrund von kommerziellen Aufträgen im Zusammenhang mit der marktwirtschaftlichen Entwicklung des Landes durchgeführt. Es besteht nur ein begrenztes wissenschaftliches Interesse an einer die Solidarnosc betreffenden kritisch-hinterfragenden Forschung. Man kämpft in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen der Nachfolgeorganisationen um das Erbe, d. h. um das möglichst erfolgreiche Instrumentalisieren der Solidarnosc selbst. Die polnischen Wissenschaftler sind interdependent eingebunden in dieses spezifische Spannungsverhältnis. Während des Kriegszustandes bildeten sich Ideal- bzw. Wunschprojektionen von der Solidarnosc heraus. In der Realität der achtziger Jahre sowie in Hinblick auf den Systemzusammenbruch und die darauf folgenden Machtkämpfen konnte dieses Bild nicht mehr aufrecht erhalten werden. Die Konturen zwischen den einzelnen Gruppierungen der Solidarnosc waren schon bald nach der in Etappen erfolgten Entlassung der Internierten sowie der ›Suspendierung‹ des Kriegszustandes sichtbar geworden. Dies korreliert mit der sich bereits 1981 abzeichnenden Entwicklung, schon bald nach Gründung der unabhängigen Gewerkschaft. Die zeitgeschichtliche Darstellung ist recht bald in der polnischen Historiographie erfolgt. Jerzy Holzer verfasste ein Manuskript während des Kriegszustandes im Untergrund.36 Eine weitere Veröffentlichung entstand z.B. 1990.37 Soziologische kritische Darstellungen über die Nachfolgeorganisationen der Solidarnosc findet man z.B. bei: Sergiusz Kowalski.38 Jerzy Holzer bezeichnet als wesentliche Ursache für den Zerfall der Solidarnosc nach 1989 in rivalisierende Gruppen die mangelnde politische Kultur in der polnischen Gesellschaft.39 Die Erfassung und Darstellung der regionalen Geschichte der Solidarnosc ist nicht abgeschlossen. Ein Problem insgesamt ist der fortgeführte Machtkampf zwischen den verschiedenen aus der Solidarnosc hervorgegangenen Gruppen einerseits, sowie die Rivalitäten zwischen den Nachfolgeparteien des Realsozialismus. In ähnlicher Phase läuft seit 1990 ein Machtkampf an den Universitäten ab, der noch nicht ausbalanciert ist. Insgesamt bestätigt sich der Eindruck, dass niemand den Nimbus der Solidarnosc von 1980 als große nationale Tat antasten möchte. Gleiches gilt für die Kirche in ihrer damaligen Rolle. Beide Figurationen unterliegen einem gewissen Tabu.
Bezüglich der Mentalitätsforschung gibt es in
Polen erhebliche Vorbehalte, so W I. Der ›passiv-produktive-anti-individualistische‹ Typ. »the 'passive-productive-anti-individualistic' type … depicts a person believing, that the most important thing is to work hard. Work is understood as an honest, responsible and obedient performance of one's duties and the fulfilment of the tasks one is charged with. This honest completion of duties amounts mainly to tested, routine ways of behaviour and to subordination to discipline, only in a much smaller degree to the development of one's own ingeniousness and initiative. The cult of hard, disciplined and socialy useful work is associated at the same time with the rejection of political autonomy and individualistic strivings.«41 II. Der defensiv-konservative Bittsteller. »This type ('defensive-conservative-solicitive') has a tendency to avoid unnecessary effort and to have an eye out for perks and additional privileges. It is linked to a ›gimme syndrome‹, a strong solicitive orientation both toward the state as well as towards-parents and family. … This mentaly assumes a pessimistic vision of the world while at the same time rejecting the individual autonomy«.42 III. Dieser Typ ist ›autonom und unternehmerisch‹ ausgerichtet: »The 'autonomous-enterprising' typ … emphasizes the necessity for individual autonomy at all levels, from the autonomous attitude toward authorities all the way to the vision of a democratic partnership within the family. The active-autonomous attitude is associated with the spirit of enterprise revealed in both one's work and in one's parenal values. … It is a drive towards total autonomy, towards taking one's lot - political, ecomomic and social - into one's own hands. The essence of this type of mentality corresponds to the model of an ideal member of 'civile society'.«43 Typ I, der eine Person beschreibt, die glaubt, dass es am wichtigsten sei, hart zu arbeiten, ist charakteristisch als ›Held der Arbeit‹. Er ist überdurchschnittlich vertreten bei Angehörigen systemnaher Berufe. Arbeit wird verstanden als eine ehrenhafte, verantwortliche und gehorsame Pflichterfüllung. Er erwartet vom Staat Schutz und Sicherheit, lehnt das Privateigentum und den Wettbewerb ab und erwartet eine zentrale Leitung und Vollbeschäftigung. Er repräsentiert somit den funktionalisierbaren Werktätigen. Typ II ist auf die eigenen Vorteile bedacht. Er vermeidet unnötige Anstrengungen und versucht sich 'durchzumogeln'. Sein als ›gimme-syndrome‹ gekennzeichnete ausgeprägte Bittsteller-Haltung richtet sich gegen seine Eltern, die Familie und den Staat. Diese Mentalität kann als Nebenprodukt der sozialistischen Gesellschaft angesehen werden. Sie bedeutet eine pessimistische Vision der Welt ist verknüpft mit wenig individueller Autonomie. Er ist indifferent, lehnt das System nicht ab und engagiert sich nicht, es sei denn, dass es Vorteile bringt. Er ist völlig indifferent und politisch apathisch; er ist bei Bauern und ungelernten Arbeitern vertreten. Typ III versteht Verantwortung i.S. unternehmerischen Handelns. Die Autoren definieren ihn als den Idealtyp der ›civil society‹.44 Er verbindet autonome unternehmerische Handlungsweisen mit der Autonomie individuellen Handelns, mit einer Handlungsweise die auf die eigenen Interessen gerichtet ist und dadurch - mittelbar - auch auf die eigene Gesellschaft. Er hat ein Bestreben zur völligen Autonomie, jeder soll sein Schicksal in die eigene Hand nehmen. Er favorisiert die Marktwirtschaft. Vertreten ist Typ III bei Höherqualifizierten.45 Die Autoren formulieren die These, dass die Typen I und II erheblich durch die sozialistische Gesellschaft geprägt sind (S. 117). Da sich die Vertreter des Typ III sich im sozialistischen Staat am 'Rande der Gesellschaft' befanden, d.h. im Bereich der 'Zweiten Wirtschaft', sind sie prädestiniert für die Transformationsperiode. Die Autoren sehen darin ein Paradoxon. Das Verhalten kann aber auch als selbststeuernd in einem staatlich-institutionell verfassten und autoritär-administrativ regierten Gesellschaft verstanden werden sowie als Indikator für die Fähigkeit von Gesellschaftssegmenten, äußeren Zwängen entgegengerichtete Kräfte zu initiieren und eigenes Handel selbstbestimmt durchzusetzen. Die Problematik kann darin gesehen werden, dass Typ III bezüglich seines langzeitorientierten Habitus nur wenig korreliert mit 'verantwortlichen Handeln' in einer Gesellschaft einschließlich der Akzeptanz des Gewalt- und Steuermonopols, einer Voraussetzung für Friedfertigkeit in der Gesellschaft. Die Ursachen für die Ausbildung insbesondere von Typ I und II können in der sozialistischen Gesellschaft wie auch in der Ruralgesellschaft liegen. Die Autoren brechen bei dieser Fragestellung ab. Sie diskutieren die Frage nach den soziohistorischen Wurzeln der polnischen Mentalität nicht. Die sich anbietende weitere Frage nach der Interdependenz polnischer Mentalität zum Katholizismus wird ebenfalls nicht gestellt. Obwohl die Autoren zunächst auf die Aussagen Zinovievs bezüglich des ›Homo sovieticus‹ hinweisen (S. 109), wird die Untersuchung nicht zum Anlass genommen eine Auseinandersetzung mit dieser These zu führen. 5. Problemskizze zum ForschungsgegenstandDie Problemstellung erwächst aus der Untersuchung eines Segments einer Gesellschaft, die durch einen nicht-etatistischen Vergesellschaftungspozess gekennzeichnet ist. Die Historiziät der Polonitas prägt den Prozess der Zivilisierung in der Gesellschaft und die Habitusentwicklung sowie die spezifische der Wechselbeziehung zwischen Gesellschaft und Staat. Die polnische Nationsgeschichte ist geprägt von mehreren von außen durch physische Gewaltakte herbeigeführte gravierende Veränderungen der Machtbalancen. Im zwanzigsten Jahrhundert waren es zunächst die paradigmatischen Verschiebungen 1919 und 1939 sowie 1944 mit dem Beginn der Ära 'Volkspolens'. Der entscheidende Einschnitt erfolgte mit den Ereignissen 1980 und der daraus resultierenden Gründung der Solidarnosc. Der Abschluss dieses Paradigmenwechsels wurde am 13. Dezember 1981 durch Verhängung des Kriegsrechts verhindert. Er erfolgte erst ab 1989 und war nach einer längeren Übergangsphase mit der Wahl Lech Walesas zum Präsidenten der Republik Polen im November 1991 beendet. Kennzeichnend ist, dass sowohl die Situation 1980/81 wie auch 1989/90 in Wechselbeziehung zu äußeren Mächten stehen. Aus dieser Situation der zweiten Umbruchphase, in der der Paradigmenwechsel endgültig erfolgte, begann die Entwicklung der Fragestellung. Sie selbst ist ein Prozess mehrerer Ebenen.
Es ist ein immanentes Problem für die gesellschaftsgeschichtliche Forschung, die aus der Nationsgeschichte ableitbaren Paradigmen in den zeitgeschichtlich fortlaufendem Prozess seit 1989/90 einzubeziehen. Der eigene gesellschaftspolitische Standort und der wissenschaftliche Blickwinkel unterliegen damit einer gewissen sich permanent weiterentwickelnden Dynamik. Dies gilt in noch höherem Maße für die als in diesen Prozess involvierten Befragten. Folgende Schwerpunkte sollen in der Arbeit berücksichtigt werden:
Aus der Dynamik der Rahmenbedingungen resultiert eine gewisse Variabilität in der Fragestellung. Dies entwickelte eine Eigendynamik aufgrund der sich verändernden und beschleunigenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Der wesentliche Ansatz, die soziohistorische Motivation der beteiligten Gruppen, also der Intellektuellen und Arbeiter darzustellen, blieb erhalten. Er ließ es als notwendig erscheinen, die historische Dimension der Polonitas, die Funktion der Adelsgesellschaft für die Habitusentwicklung die Rolle des politischen Katholizismus darzustellen. Sie erforderten eine entsprechende Beschäftigung mit dieser Fragestellung. Die vertiefte Behandlung der Bauern als Paradigma für das sich besonders seit dem Zweiten Weltkrieg herausbildende Milieu der Industriegesellschaft, wie allgemein der 'Werktätigen', ließe angesichts des hohen Beschäftigungsgrades der realsozialistischen Nachkriegsgesellschaft zwar eine weitere Schwerpunktsetzung sinnvoll erscheinen, sie würde aber den Rahmen der Arbeit zu sehr dehnen. Für den Verfasser waren während der eigenen Arbeitsphase drei bestimmende Größen einem individuellen Prozess unterworfen:
Das eigene Erkenntnisinteresse erfuhr dadurch eine Verlagerung von einem reformorientierten Ansatz und einer Prägung in ökonomischen Fragen durch keynesianisches Denken - insbesondere bezüglich der Rolle des Staates in modernen Gesellschaften - zur Deskription gesellschaftlichen Verhaltens. Letzteres kann nicht den Anspruch bedeuten, die gegenwärtigen Prozesse in ihrer Dynamik vollständig zu beschreiben, wohl aber über die Rahmenbedingungen beim Zustandekommen der Interviews zu reflektieren. Die Fragestellung verlagerte sich damit auf eine Bestimmung des Prozesses der Bildung einer Staatsgesellschaft und ggf. eine Hypothesenbildung betreffend den weiteren Etatisierungsprozess der polnischen Gesellschaft. Damit verbunden ist die Problematik der Behandlung dieser Fragestellung in Polen selbst. Aufgrund der Begrenztheit des Zugangs zur polnischsprachigen Literatur konnte dieser Ansatz nur exemplarisch einbezogen werden. Da sie verbunden ist mit der an sich ergebenden Arbeitsweise, soll diese anhand dessen skizziert werden. Die Fragestellung entwickelt sich damit von ursprünglich sozio-ökonomisch und historisch bestimmten Ansätzen zur Korrelation zwischen dem Staatenbildungsprozess, der damit interdependenten Spannungsbeziehung der polnischen Nation, der begrenzten Ausbildung einer Mittelschicht, zur Frage der Bildung der Zivilgesellschaft und zu denen der politischen Kultur.47 Die Formulierung der Themen wie Fragestellung und die daraus folgende Thesenbildung und Reflexion unterliegen damit ihrerseits einer prozessualen Entwicklung. Dazu gehört auch die moralisch interdependente Beziehung des Verfassers zum gesamten Gegenstand. Ein Problem ist die Stellung des Verfassers zum Gegenstand. Er ist selbst involviert, engagiert und vielfach freundschaftlich mit Polen verbunden. Andererseits befindet er sich in räumlicher wie auch einer gewissen mentalen Distanz. Es kann aber eine deutliche persönliche Entwicklung konstatiert werden. Der ursprüngliche auf den Positionen der späten sechziger Jahren beruhende Standort einer ›kritischen Analyse‹, verbunden mit Überzeugungen in Richtung auf ökonomische und gesellschaftliche Reformen, ist einer tendenziell distanzierteren Position gewichen. Die prinzipielle Durchsetzung des Reformprizips wird vom Verfasser deutlich skeptischer eingeschätzt und damit der möglichen Steuerung gesellschaftlicher Prozesse. Eine kritische und distanzierte Sichtweise hat sich auch gegenüber Theorien und Modellen ergeben.48 Es erfolgen dadurch auch Rückkoppelungen auf eigene Diskurse. Zur prozeß-soziologische Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung sei mit Elias formuliert: »Ein prozeß-soziologischer Zugang, der menschliche Probleme ins Blickfeld rückt, verlangt ... den Übergang zu einer weiteren Stufe der Distanzierung, und zwar der Distanzierung von dem Forschungsgegenstand wie von dem Forschenden, also von sich selbst. Das persönliche Engagement im Sinne der eigenen Gewissensbildung legt Forschern, denen die Gepflogenheiten ihres eigenen Staates zur zweiten Natur geworden sind, eine Betrachtungsweise nahe, bei der dessen Form und Entwicklungsgang als Muster und Maßstab für die Staatsform aller anderen Länder dient.«49 Aufgrund des die polnische Historizität betreffenden Ansatzes ergab sich in Polen ein hohes Interesse. Der Verfasser hat Dank Empfehlungen der emeritierten Soziologen Wladyslaw Markiewicz und Andrzej Kwilecki Kontakte knüpfen können zu Soziologen an mehreren polnischen Universitäten. In Gesprächen über die Zielsetzung des Projektes ergab sich ein sehr hohes Interesse am Aspekt des gesellschaftshistorischen Forschungsansatzes beider durch Okkupation und die Aufbauphase der Nachkriegszeit geprägten Wissenschaftler. In der durch den Realsozialismus geprägten Generation sank das Interesse an dieser die eigene Habitusentwicklung auch mental tangierenden Fragestellung. Letzteres kann z.T. auf die Spezifika des Intellektualisierungsprozesses der Nachkriegszeit zurückgeführt werden. Zum Tabu geworden ist offensichtlich der Bezug zu Habitusformen wie zur Intellektualität zur Szlachta-Gesellschaft. Die jüngere Soziologengeneration ist erheblich an westlich orientierten Modernisierungsprozessen interessiert. Ein weiteres Problem ist die Begrenztheit der Erforschung der eigenen Gesellschaft seitens der Soziologen und Politologen, insoweit sie durch die Rahmenbedingungen des Systems der VR Polen gegeben waren.50 Nach 1990 führte es dazu, dass wieder eine neue Tabuisierung der gesellschaftswissenschaftlichen Erforschung der zurückliegenden Phase erfolgte. Es wird aber eine begrenzte sektorale historische Forschung betrieben. Interdisziplinäre Ansätze sind aber kaum vorhanden. Finanzielle Mittel zur Förderung sind sehr begrenzt. Wissenschaftler wie z.B. der Historiker Antoni Czubinski, die über die Geschichte der VR Polen publiziert haben, sind erheblich tangiert durch die anhaltende Dynamik der gegenwärtigen Machtbalancierungen. Publikationen polnischer Autoren, die in deutscher oder englischer Sprache zur Verfügung standen, waren jeweils nur begrenzt verwendbar. Man instrumentalisiert oder funktionalisiert im jeweiligen Zusammenhang bestimmte Sachverhalte, die sich unter Begriffe wie ›Geschichtsbewusstsein‹, dem Begriff der ›Nation‹, wie dem der ›Gesellschaft‹ subsumieren lassen. Man reproduziert einen nationsgeschichtlichen, zumeist historiographischen Zugang, überschreitet aber bestimmte Tabugrenzen nicht, wenn es um das Selbstverständnis der Nation geht. Nach auf Gesprächen des Verfassers mit polnischen Soziologen, Politologen, Historikern und Geographen beruhenden Erfahrungen, wird dieser Forschungsgegenstand nicht abgedeckt, der auf der Basis eines zunächst kritisch-analytischen Ansatzes und einem prozeß-soziologisch orientierten Zugang an der Deskription von Figurationen in Staatsbildungsprozessen, Habitusveränderungen orientiert ist. Generell kann gesagt werden, dass diejenigen Wissenschaftler Interesse zeigen, die eine affektive Beziehung - auch in negativem oder zumindest ambivalentem Sinne - zu Westeuropa, insbesondere Deutschland haben. Es scheint, dass Vorbehalte in einer gewissen Dominanz aufgrund der individuellen Involviertheit in nationsspezifische Historizität beruhen. 6. Zur Durchführung und Konzeption der ArbeitZiel der Arbeit ist es, über das Denken und Handeln der Betroffenen, der Industriearbeiter und Intellektuellen im Prozess der Ereignisse von 1980/81 insoweit Aussagen zu machen, als dieses im Kontext zur sozio-historischen Entwicklung der polnischen Nation steht. Dabei soll die Frage nach der ›Mentalität‹, dem ›Volkscharakter‹ und insgesamt der ›Polonitas‹ diskutiert werden und anhand figurationssoziologischer sowie zivilisationstheoretischer Ansätze reflektiert werden. Den Leitgedanken bildet das Spezifikum der Beziehungen der polnischen Gesellschaft zum Staat und zum Begriff der Nation. Der Ansatz bedeutet zugleich eine Abgrenzung von Positionen der westdeutschen Linken, die in der Bildung der Solidarnosc Ansätze zur Verkörperung oder Realisierung eigenen Utopiedenkens sahen.51 Es soll keine erneute zeitgeschichtliche Darstellung erfolgen.52 Es wurden bewusst die Arbeiter der ›Lenin-Werft‹, jetzt ›Danziger Werft‹ ausgewählt, da sie die wesentlichen Träger der Aktionen waren. Als zweite Gruppe, die gegenüber den Gesprächspartnern als ›Experten‹ bezeichnet wurden, sollten primär intellektuelle Solidarnosc-Aktivisten aus Danzig, aber auch aus anderen Regionen, Vertreter der Kirche, des polnischen Katholizismus wie des Protestantismus in Polen, und übrige Involvierte befragt werden. Es gibt Politiker, die sich vermutlich dem Wunsch nach einem Interview entziehen. Dieser Eindruck verstärkte sich seit Stabilisierung der Macht durch die aus der Solidarnosc hervorgegangenen Parteien und insbesondere nach der erfolgten Wahl Lech Walesas zum Staatspräsidenten im Herbst 1991. Ehemalige Solidarnosc-Funktionäre sind in Warschau immer 'beschäftigt'. Es ist ihnen teilweise unangenehm, wenn sie jemand aus Westdeutschland nach der Situation von 1980 befragen möchte. Bielecki hat z. B. trotz mehrfacher, auch persönlicher Zusagen, nicht geantwortet. Das Büro der UD hat mehrfach zugesagt, einen Kontakt mit Frazyniuk herzustellen. Es ist nicht erfolgt. Diverse Versuche in Warschau und Danzig zu weiteren Kontakten verliefen ergebnislos. Andererseits haben sich viele Mitarbeiter in Behörden und Parteibüros als äußerst interessiert gezeigt und - soweit es ihre Möglichkeiten zuließen - sich als sehr kooperativ erwiesen. In diesem Zusammenhang ergaben sich sehr erfreuliche Eindrücke. Es sind zunächst die Fragen für Fragebogen ‘A’ formuliert worden. Aufgrund der ersten Eindrücke sowie der Veränderungen in der Einschätzung bzw. Stellung zum Gegenstand seitens des Verfassers entwickelte sich die Fragestellung weiter. Sie kam in den Ergänzungen ‘B’ und ‘C’ zum Ausdruck. Um den originären Gesamteindruck der einzelnen Befragten zu erhalten, wurde der Aufbau des jeweiligen Interviews, die Reihenfolge und der Zusammenhang so belassen, wie er dem Originalen entspricht. Es wurde also bewusst darauf verzichtet, zum Zwecke einer besser möglichen systematischen Vergleichs die Texte entsprechend zu bearbeiten und ggf. umzustrukturieren. In den Interviews wurde nicht nach einer möglicherweise angestrebten Revolution gefragt. Da diese Zielsetzung von einer prinzipiellen Umwälzung des Systems und damit der Machtverhältnisse 1980 tabu war und unter den damaligen Rahmenbedingungen von vornherein eine Utopie darstellte und auch in westlicher Sicht als unrealistisch galt, konnte eine solche Frage sich nicht auf die damalige Wahrnehmungsrealität der Involvierten beziehen. Die Auswertung soll exemplarisch anhand von Schwerpunktbereichen erfolgen, da statistische Erhebungen im Sinne von Vollständigkeit nicht möglich sind aufgrund der nur begrenzten Vergleichbarkeit im Zusammenhang mit dem hohen Individualitätscharakter der Befragten. Letztere sind selbst einbezogen in Divergenzprozesse, die Ausbildung neuer Milieus, die Gründung wie auch Liquidierung eigener Firmen, sowie die Bildung, Teilung und Wiederzusammenführung polnischer Parteien und Wahlbündnisse. Die nach außen seit 1989/90 zunehmend sichtbar gewordene Ausprägung von Individualisierungsprozessen lässt durchaus auf früher ausgeprägte individuelle Charakteren schließen. Sie lässt die Schlussfolgerung zu, dass die Ausgeglichenheit der Lebensverhältnisse im Sozialismus zwar äußerlich die Individualität der Menschen unter das offiziell angestrebte Ziel subsumieren, letzteres aber ausschließlich eine phänotypische Situation bedeutete als Ausdruck kollektiver Selbstzwänge unter den damals gegebenen Bedingungen. Nach Aufhebung dieser äußeren Bedingungen enthob sich die Notwendigkeit spezifischen Selbstzwangverhaltens und setzte im Gegenzug - zumindest temporär - individualisierungsschübe frei. Es ergaben sich viele Ansätze zu möglichen Forschungsvorhaben, die sich anschließen könnten. Sie können als Problem- wie Projektbereich skizziert werden, die wiederum, weil in Bezug zu mehreren Ebenen stehend, unterteilt werden müssten:
7. Zu den BefragungenAufgrund des einerseits hohen Interesses lag eine gute Arbeitssituation vor. Es muss aber hervorgehoben werden, dass ohne die direkte engagierte und nachhaltige Hilfe befreundeter Wissenschaftler in Warschau, Danzig/Gdingen, Posen und Krakau das Projekt nicht realisierbar gewesen wäre. Bei der Befragung handelt sich zunächst um eine Mehrfachbeziehung. Ziel ist es, in dem gegebenen Komplex die Ebenen und Bezüge offenzulegen. Deshalb ist immanent die Frage enthalten nach dem zeitgeschichtlichen Gegenstand in seiner Wechselbeziehung zur Sichtweise der direkt beteiligten Handelnden, wie den indirekt Betroffenen - aber in der Funktion sehr involvierten sowie den Beobachtenden. Jeder Einzelne stellt damit aufgrund seiner Individualität ein 'Mosaiksteinchen' dar. Die Position ›Aussagen über die eigene Beteiligung‹, z.B. über KOR, wie auch ›Darstellung der einzelnen Betrachtungen‹ stellen Positionen individueller Involviertheit dar. Sie drücken das Maß der Involviertheit in den Sachverhalt dieses in der polnischen Gesellschaft ablaufenden Prozesses aus. Die Handlungsebene ist verstanden als ein Kampf der polnischen Nation. Das Prinzip der Involviertheit muss verknüpft werden mit den einzelnen Rollenpositionen zum damaligen Zeitpunkt - wie auch der nicht aus dem gegebenen Zusammenhang verdrängbaren bzw. ausklammerbaren zeitlichen Entwicklung. Es handelt sich damit um ein zeitgeschichtliches Beziehungsgeflecht, das politisch zu sehen ist im Kontext des damaligen Standortes der Befragten im Meinungsspektrum, also auch des Grades der Involviertheit. i.S. von deren Beteiligung am Geschehen zur Veränderung der Machtbalance. Da die Fragestellung an den individuellen ›Motivationsansätzen bzw. -ausprägungen‹ anknüpft, um Antworten auf nationsspezifische Phänomene zu bekommen, muss auf das Wechselbeziehungsgeflecht zwischen Interviewer und Interviewtem sowie den Interviewten und deren Denken wie deren Handeln selbst Bezug genommen werden und nicht primär auf die fiktiven Beobachterpositionen. Gleichwohl ist für die Intellektuellen - sie machen es z.T. in den Interviews deutlich - diese Wechselbeziehung zumeist bewusst. Es ist dabei aber nicht klar, inwieweit sie sich ihrer eigenen Involviertheit entziehen wollten. Um Aussagen über die in der damaligen Phase ablaufenden Prozesse sowie ihre Träger zu erhalten, bietet es sich an, repräsentativ Beteiligte zu befragen, die sich in unterschiedlichen Rollen befinden. Deshalb soll über die intellektuelle Kerngruppe der damaligen Solidarnosc hinausgegangen werden. Ziel ist also, Aussagen zu erhalten über die tragenden Gruppen und dies in Bezug zu den Rahmenbedingungen zu setzen für gesellschaftspolitisches Handeln, den gesellschaftlich-historischen Zusammenhang und die Diskussion der Inhalte. Entsprechend dem gewählten formationssoziologischen Ansatz geht die Arbeit prinzipiell von der Verstehbarkeit und Begründbarkeit gesellschaftlicher Prozesse und der Parallelität und Verflochtenheit von Zivilisations- und Habitusentwicklungen und den Veränderungen gesellschaftlicher und staatlicher Machtbalancen aus. Dies hat Auswirkungen auf die zu wählende Untersuchungs- und Interpretationsmethode, die eine Balance verstehender und erklärender Empathie und nüchterner Distanzierungen und Relativierungen erfordert und das Bewusstsein daran wach hält, dass Untersuchungsergebnisse grundsätzlich zwischen ihrem individuellen und zeitgeschichtlichen Kontext zu lesen und sicherlich im Gang der Untersuchung selbst immer wieder kritisch zu überprüfen und zu entwickeln wird. Statistische Erhebungen haben, messbar an Ihren mathematisch ermittelbaren Eignungskriterien, insoweit eine erklärende Deutung, als das Erkenntnisinteresse sich an materiellen Strukturen, an Entitäten, orientiert. Statistische Ergebnisse sind interpretationsfähig und -bedürftig. Sie liefern aber ihre notwendigen Interpretationskriterien nicht mit. Wenn solche Prämissen nicht schon in der Konzeption der Erhebungen bzw. Befragungen explizit oder implizit eingegangen sind, bedürfen sie einer über die Statistik hinausreichende Theoriebildung - es sei denn, dass auf 'Verständnis' und 'Empathie' grundsätzlich verzichtet werden soll.53 Habitusveränderungen und Veränderungen zu zivilisatorischem Verhalten sind durch mathematisch abwickelbare quantitative Befragungen nicht hinreichend zu entschlüsseln. Erst wenn sie, wie es Elias exemplarisch vorgeführt hat, an Schlüsselereignissen, Äußerungen und Dokumenten aufgedeckt, verstehbar gemacht und zu qualitativ-erklärenden Begrifflichkeit umgesetzt werden, können quantitative Verfahren über Verbreitung und soziologische Differenzierung der Prozesse Aufschluss geben. Dazu soll die Arbeit einen Beitrag leisten. Umfassende abschließende Untersuchungen der Ereignisse in Polen 1980/81 liegen nicht vor. Wenn die zwei politischen Schlüsselzeiträume 1980/81 und 1989/90 als die Habitusentwicklung der polnischen Gesellschaft tief beeinflussende Einschnitte in die gesellschaftliche Entwicklung Polens verstanden und erklärbar gemacht werden sollen, muss dieses Theorem an geeigneten Dokumenten und Äußerungen manifestiert und nachvollziehbar gemacht werden. Diesem Zweck dient die empirische Grundlage dieser Arbeit, die Befragungen. Sie sind kein Test demoskopischer Methodik, keine 'Umfragen', sondern die möglichst sorgfältige Dokumentation von Bewußtseins- und Reflexionslagen. Ausgewählt wurden daher Repräsentanten dieses Einschnittes, die von verschiedener gesellschaftlicher Seite her forcierend oder retardierend, an verschiedene Kontinuitäten anlehnt, die beiden an der Gesamtentwicklung Polens interdependenten Habitus- und Gesellschaftsumbrüche repräsentieren. Da es eine unabdingbare Voraussetzung war, die Gespräche auf einer Ebene gegenseitigen Vertrauens zu führen, kann die Auswertung auch nur unter Berücksichtigung des Schutzes der Persönlichkeitssphäre geschehen. Entsprechend ist auch die in jeweils gegenseitigem Einvernehmen - manchmal in kurzen höflichen bzw. oder nonverbaler Andeutungen erfolgte - Absprache einzuordnen, die Texte ggf. sprachlich zu überarbeiten. Wenn die Interviewpartner zwar gern bereit waren, in Deutsch zu antworten, aber darauf hinwiesen, im Deutschen nicht so geübt zu sein, dann wurde der entsprechende Wunsch zumeist vorher geäußert. Es wurde dann seitens des Verfasser zugesichert, sprachliche Inkorrektheiten oder 'Unebenheiten' durchaus in der Überarbeitung zu korrigieren. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass in den meisten Fällen eine ausgesprochen herzliche, kollegiale oder nette Atmosphäre entstanden war. Manchmal signalisierte man Zufriedenheit oder gar Dankbarkeit darüber, dass sich jemand aus dem Westen für die Beteiligten an dieser doch so eminent wichtigen historischen Phase Polens interessierte. Zweifellos ist dieser Eindruck maßgeblich auch dadurch entstanden, dass alle Interviews durch persönliche Kontakte zustande kamen und manchmal spezifische Bitten oder auch Überzeugungsarbeit geleistet werden musste. Nur in einem Falle war eine gewisse arrogante bzw. abweisende Haltung erkennbar. Wenn wir vor 1989 bis heute rapide Disziplinierungsprozesse und Wertewandel beobachten - auch vor dem Hintergrund der polnischen Geschichte überraschende Veränderungen im öffentlichem Leben - so sind diese nicht ohne Verständnis der vorangegangenen Einschnitte 1980/81 nachzuvollziehen und zu verstehen. 8. Zur MethodeGewählt wurde eine narrative - auf Stichworten aufbauende Methode - um eine gewisse Entfaltungsmöglichkeit zu geben und um den idividuellen Zugang zum Gegenstand zu ermöglichen, der auch aus Gründen der gegenseitiger Achtung voreinander, notwendig war. Im Komplex 'A', ›Intellektuelle‹ bzw. ›Experten‹, wurde ein qualitatives Verfahren praktiziert. Es impliziert in der Wechselbeziehung des Interviewers zum Gegenstand eine relativ hohe Distanz. Damit wird vermieden, eine vorgegebene Theorie sowie vorgegebene Denk- wie Messschema anzuwenden. Es soll ein möglichst vorurteilsfreies Herangehen angestrebt werden. Auf eine weitere vergleichende methodische Darstellung z.B. der angewandten Phänomenologie, einer von Danner54 für die Geistes- und Sozialwissenschaften entwickelten Methode, soll verzichtet werden. Das Verfahren korreliert mit dem für die psychologische Phänomenologie entwickelten Verfahren Giorgis.55 Es soll der Anspruch berücksichtigt werden, den Gegenstand frei von verzerrenden Fakten, wie Vorurteilen oder Ideologien zu betrachten. Inwieweit dabei tradierte Denk- und Bewertungsschemata ausgeblendet werden können - so der bei Giorgi implizit enthaltene Anspruch - ist per se fraglich. Der Befragende muss sich seiner spezifischen Einbeziehung in das Spannungsverhältnis von gleichzeitiger Involviertheit und anzustrebender Distanz zum Gegenstand bewusst werden. Insoweit ist der ›vorurteilsfreie‹ Zugang in der 'ersten' Phase (nach Danner) ein in einer gewisser Näherung anstrebbarer und ob seiner Problematisierung sinnvoller und bewusster Vorgang. Eine Differenzierung aufgrund des allgemeinen Eindrucks sowie Interpretationen schließen sich an. Zugang zu letzterer und damit zur Auswertung erfolgt wesentlich über die Deskription. Im zweiten Teil, den Arbeiterinterviews soll die Auswertung noch deutlich auf der Basis der Eigenwahrnehmung der Phänomene aus der Lebenswelt des Alltags erfolgen. Dies soll gestützt auf die quantitative Auswertung, den ›Durchschnittswert‹56 und die ›Standardabweichung‹57 geschehen. Aber auch in diesem Fall ist eine Schematisierung auch deshalb fraglich, da sich die Frage der inneren gesellschaftlichen Homogenität der Figurationen der betreffenden Arbeiter stellt. Darin eingeschlossen ist die Frage nach dem Individualisierungsgrad der Menschen in Polen der aufgrund der Individual- wie Familialorientierung des bäuerlichen Herkunftsmilieus. Die äußere Angleichung der Lebensverhältnisse, wie auch die gemeinsame Konfession, tragen zur Bildung von Gruppenidentitäten bei. Diese sind aufgrund der kurzen Phase des spezifischen Sozialisierungs- bzw. Zivilisierungsprozesses, der zum Zeitpunkt der Ereignisse die erste und begonnene zweite Generation von Werftarbeitern umfasste, als temporär und zielbezogen auf die Auseinandersetzungen bezogen zu werten. Überlagert wird dieser Sachverhalt von der prinzipiellen Frage nach generellen Identitätsbildung in der Figuration der Arbeiter in einer Werft, z.B. der Lenin-Werft, der Werftarbeiter der gesamten polnischen Küstenregion oder gar aller Industrie und Bergarbeiter. Es kann im gegebenen Kontext nicht untersucht werden, inwieweit z.B. der Solidaritätsbegriff für die Gefühle der Werftarbeiter untereinander trägt, wie auch in Bezug auf andere Werktätige an anderen Orten, in anderen Figurationen und Loyalitätsbeziehungen. Das bedeutet letztlich, dass die Frage des methodischen Vorgehens nicht abgetrennt werden kann von der soziologischen Fragestellung bezüglich der zu untersuchenden Figuration selbst und andererseits vom Zugang über den allgemeinen wissenschaftstheoretischen wie auch den ideologischen Standort. Die Abhebung von letzterem ist wohl problematisierbar, seine Umsetzung erfordert aber ein Höchstmaß an Distanzierungsfähigkeit. Das bedeutet, dass die Frage der statistischen Methode, das Erhebungsverfahren auch in wissenssoziologischem Kontext gesehen werden muss.58 So notwendig es einerseits ist, die Wechselwirkungsebenen der verschiedene Beziehungsgeflechte anzusprechen, so unmöglich ist es, diese durch selektive Freilegung zu analysieren und zu deskribieren. Eine Analyse der Personen war von vornherein nicht beabsichtigt und in Hinblick auf die notwendige Singularität möglicher Ergebnisse für die Untersuchung nicht aufschlussreich und auch im gegebenen Instrumentarium nicht exemplarisch verallgemeinerbar. 9. Eindrücke bei den Befragungen - VertrauensbildungAus der Beobachtung der Interviewten während der Abläufe war häufig eine deutliche Konzentriertheit erkennbar, die darauf schließen lässt, dass der Versuch, während des Ablaufes des jeweiligen Interviews sich in eine gewisse Distanz zur Sache zu begeben, durchaus gegeben war - in der Regel aber nur am Anfang. Nach wenigen Minuten war jeweils eine hohe Konzentration festzustellen, die sich in Körperhaltung, Gestik oder dem Griff nach der Zigarette, dem Stehenlassen der Tasse Kaffee erkennen ließ. Der gesellschaftshistorische Zugang ist offensichtlich von hoher mentaler Involviertheit und begrenzter Distanzierungsfähigkeit gekennzeichnet. Man spürte es oft bei Befragungen an affektiver Besetztheit, Konzentration etc. Es kann davon ausgegangen werden, dass es für die Befragten angesichts der Erinnerungsarbeit, den Formulierungsleistungen kaum noch möglich war, eine distanzierte Beobachterposition zu sich selbst einzunehmen, um sich aus der eigenen Involviertheit auszublenden. Begünstigt durch den individuellen Einstieg in das Beziehungsgeflecht kann davon auszugehen sein, dass die Gedanken so formuliert worden sind, wie sie entstanden sind, ohne sie also auch spezifisch zu beeinflussen. Am Gesichtsausdruck, manchmal dem Griff zur Zigarette, der Augenstellung, teilweise sehr langen und wenig strukturierten, oft zudem geschachtelten Sätzen - polnisch, wie deutsch - die für die Übersetzer eine nicht geringe Schwierigkeit bedeuteten, lässt sich erkennen, dass die Gedanken und Eindrücke jeweils spontan geäußert wurden. Kritisch wurde es bei manchen Befragten. Sie befanden sich in einer psychischen Spannung, als sie sahen, worum es ging. Es gab z.T. affektbesetzte Antworten. Man hat auch gespürt, dass man in einen Bannbereich eingedrungen ist. Erinnerung und Bewusstwerdung des Involviertseins war oft unangenehm. Unangenehm war auch die Spannung zwischen der damaligen (vorgeblichen) Einheit und der späteren Spannung, d.h. den anhaltenden Machtkämpfen der Gegenwart. Ein Problem ist z.B. die manchmal betont distanzierte, partiell zurückhaltende, manchmal bedächtige Art der polnischen Partner, etwas zu formulieren oder zu umschreiben, während andererseits jemand, der aus dem deutschen Sprachbereich kommt, eher gehalten ist und manchmal den entsprechenden Wunsch verspürte, nun auf den 'Punkt' zu kommen. Die polnischen Gesprächspartner gehen oft in Detailbereiche, in Nebensächlichkeiten. Die Frage nach dem eigenen Ich, der Stellung zur eigenen Nation ist tabu. Ein Solidarnosc-Funktionär, ein Kunsthistoriker, hat z.B. eine Frage nicht beantwortet mit der Begründung, ›er kenne das alles‹ aufgrund seiner Qualifikation. Er empfand es offensichtlich als einen Zwang, sein Ego auf der Metaebene offenzulegen. Andere haben auf dieser Ebene geantwortet. Es ist davon auszugehen, dass dies im Bewusstsein des Zusammenhangs geschah. Der Ansatz der Offenheit hat sich insgesamt als sehr fruchtbar gewesen. Es kann vermutet werden, dass dies in einer nationsspezifischen Verhaltensweise aus einer mehrere Jahrhunderte umfassenden kollektiven Machtschwäche heraus begründet ist. Die Situation macht ein taktisch vorsichtiges Formulieren bei höchstmöglicher Selbstkontrolle notwendig und immer den Schutz der eigenen Identität wie Person unterschwellig berücksichtigen muss. Dies gilt vor allem bei einem Spontaninterviews. Das Prinzip korreliert mit dem einer 'erzwungenen Freundlichkeit' seitens relativ machtschwacher Personen, die dadurch den Eindruck erwecken, unterwürfig oder gar heuchlerisch zu sein. Dies ist charakteristisch für unsichere Gesellschaften, die z.B. Wertsicherung durch Verstecken oder Verdrängen aus allgemein einsehbaren Bereichen 'hinter die Kulissen' betreiben. Es gilt z.B. für orientalische Gesellschaften und wird im sog. Basarverhalten praktiziert, das wesentlich der Vertrauensbildung dient.59 Ein vergleichbares Spezifikum ist, dass Verhandlungen mit polnischen Gesprächspartnern sich oftmals sehr lange hinausgezögert haben. Polnische Gesprächspartner haben dann manchmal nur eine geringfügige Korrektur angebracht oder den Vorgang einige Tage oder gar Wochen auf ihrem Schreibtisch liegen lassen, bevor sie ihn weitergegeben haben. Dies war Ausdruck für einen symbolischen Machtgewinn des am Vorgang teilhabenden, ein Verhalten, dass vom Verlauf der Arbeit selbst unter zivilisationstheoretischer Fragestellung als symptomatisch zu interpretieren sein wird. Erst nach längerer persönlicher Bekanntschaft und freundschaftlicher Verbundenheit und dabei entstandenem gegenseitigem Vertrauen hat ein polnischer Wissenschaftler, ein ehemaliger Mitarbeiter des Westinstitutes in Posen, den Verfasser seinerseits auf dieses Phänomen hingewiesen. Charakteristisch war und ist, dass in jedem Falle immer erst eine Vertrauensbasis hergestellt werden musste. Wenn diese sich herausgebildet hatte, dann ist zumeist eine hochgradige sehr engagierte Hilfestellung erfolgt, die manchmal mit einem gewissen Stolz verbunden war und ausdrücken sollte, dass 'bei uns auch funktioniert'.60 In einigen Fällen ist die Hilfestellung durch Frauen erfolgt, nachdem männliche Freunde resigniert haben. Es soll im gegebenen Kontext durchaus der subjektive Eindruck von der Durchsetzbarkeit polnischer Frauen erwähnt werden. Aufgrund der persönlichen Ebene und den individuellen und freundschaftlichen Kontakten, die dabei entstanden sind, soll auf eine weitergehende Darstellung verzichtet werden. Kennzeichnend ist, dass zunächst niemand auf Korrespondenzen geantwortet hat. Alles konnte - oft nur kurzfristig - mündlich arrangiert werden. Dann gelangt es zumeist noch über gewisse ›connections‹, also auf der Basis enger oder kurzfristiger Loyalitäten bzw. gegenseitiger Verpflichtungen. Wenn man dann empfangen wurde, wurde man sehr höflich, freundlich, zustimmend, korrekt aufgenommen. Es entstanden in der Regel sehr positive Eindrücke. Bei den Interviewten handelt es sich nicht um 'die' Gruppe der Intellektuellen und 'die' Arbeiter, sondern um Vertreter aller Beteiligter in dieser relativ kurzen politisch und historisch aber höchst bedeutenden Phase, in der der entscheidende Höhepunkt auf einen sehr kurzen Zeitraum begrenzt ist, die aber andererseits in einer sehr dichten Wechselbeziehung mit historischen und nationsspezifischen langen gesellschaftlich Verknüpfungen steht. Die Untersuchung sollte sich deshalb auf die unmittelbar betroffenen und im Kern des Prozesses beteiligten und selbst agierenden Personen und Personengruppen beziehen. Diese lassen sich unter die Stichworte: Arbeiter, Intellektuelle, Priester, Kirche, Vertreter der Machtgruppen in Staat und Gesellschaft wohl subsumieren. Das Verhältnis zueinander ist aber nicht additiv oder gar selektiv, sondern interdependent zu verstehen. Die den gesamten Sachverhalt betreffende Sichtweise, die sich gegenwärtig für den Verfasser zeigt, hat sich erst im Laufe der Arbeit herauskristallisiert. Sie war nicht per se vorgegeben. Zweifellos ist eine Skizzierung erfolgt, die aber zunächst von Problemstellungen und Sichtweisen ausgegangen ist, die eine gewisse Verlagerung als Resultat hatten. Es hat damit zugleich ein Wechsel in der Einschätzung und Bewertung seitens des Verfassers stattgefunden; d.h. im fortschreitenden Verfahren ist zugleich in gewissen Schüben eine Veränderung der Sichtweise wie des Bezuges zum Gegenstand wie der gesellschaftlich Handelnden eingetreten. So ist das eigene durch spezifische Strukturen geprägte Denken übergeleitet worden in eine stärker individuelle sozial differenzierende Betrachtungsweise. Ein besonderes Charakteristikum ist der Wandlungsprozess im theoretischen Zugang des Verfasser zum Gegenstand. Darauf wird in den abschließenden Gedanken noch eingegangen werden. 11. Zu den Übersetzungen und Übertragungen ins Deutsche sowie den ÜberarbeitungenDie Übersetzungen aus dem Polnischen sind generell vom Verfasser sprachlich überarbeitet und gegebenenfalls korrigiert worden. Es wurde vorher jeweils mit den Gesprächspartnern vereinbart. Ziel war es dabei, neben der zu erreichenden Sprachkorrektheit die nötige Authentizität der Sprache zu bewahren. Die Übersetzungen sind von polnischen Wissenschaftlern, die als Historiker, Geographen, oder Politologen über sehr gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen und selbst mit deutschsprachigen wissenschaftlichen Texten arbeiten und andererseits von Germanistinnen, die über exzellente deutsche Sprachkenntnisse und Übersetzungserfahrungen verfügen, angefertigt worden. All den Dolmetschern und Übersetzern, mit denen der Verfasser freundschaftlich verbunden ist, ist er zugleich zu hohem Dank verpflichtet. Ohne Sie, ihre Hilfe auf vielfältiger Ebene - hätte die Arbeit nicht durchgeführt werden können. Die dem polnischen Text zugrunde liegende Denkstruktur sowie die Art des sprachlichen Ausdrucks, der Wahl der Formulierung, die in der Bandabschrift erkennbar wurde, sollte mit möglichst hoher Authentizität erhalten bleiben. Dieses wichtiges Problem der Übertragung wurde jeweils individuell berücksichtigt. Das bedeutete, dass insgesamt mehrere Ziele miteinander in sinnvollen und tragbaren Kompromissen in Übereinstimmung gebracht werden mussten. Auch in den Texten der deutschsprachigen Interviewpartner lassen sich partiell polnische Denk- und Argumentationsstrukturen erkennen. Auch diese sind bei der Bandabschrift - dort wo es notwendig war - behutsam korrigiert worden. Aussagekräftige umgangssprachliche Formulierungen wurden möglichst belassen, um den Charakter des mündlichen Gespräches mit partiell hohem Spontaneitätsgrad der Formulierungen zu erhalten. 12. Zu den Fragenkomplexen: ›politische Aktivitäten‹ und ›gesellschaftspolitische Ziele‹ sowie ›Kirche‹Die Schlüsselbegriffe ›Reform‹, ›Reformierbarkeit‹ sollen reflektiert und auf ihren funktionalen Gehalt überprüft werden. Sie sind unter das Prinzip anzustrebender Machtveränderungen zu subsumieren und drücken jeweils die eigene Einschätzung der Wahrscheinlichkeit aus, dieses Ziel zu erreichen. Sie stehen dadurch im funktionalen Zusammenhang. Sie sind funktionaler Ersatz für 'verbotene Begriffe', für die 'verbotene Denkrichtung', für das 'Nichtformulierbare'. Es ist davon auszugehen, dass alle Beteiligten die besondere Situation des Komplexes Kirche bewusst war. Ziel der Befragung war es, die Selbsteinschätzung der Befragten zu erhalten, um das Spannungsgeflecht zwischen Gruppenbezug, Involviertheit in das Glaubenssystem, die Funktionalisierbarkeit zu verdeutlichen und damit die Einschätzung, inwieweit bereits in diesem Tabubereich eine gewisse Distanz gewonnen ist. In der Ausgangssituation wurde seitens des Verfassers die Rolle der Institution Kirche einschließlich ihrer Träger wie dem höheren und dem niederen Klerus sowie der Katholizität der polnischen Gesellschaft sehr hoch eingeschätzt. Dies geschah zweifellos aufgrund allgemeiner westdeutscher Einschätzungen, die einerseits auf tradierten Bewertungsmustern beruhen und andererseits durch die deutschen Medien hervorgerufen worden sind.61 Auch nach Ausrufung des Kriegszustandes am 13.12.1981 nahm die Berichterstattung über die katholische Kirche in Polen einen großen Raum ein.62 Diese Einschätzung in der Ausgangssituation führte dazu, dass der Verfasser es als notwendig ansah, sich umfangreich mit der Rolle des Katholizismus in der polnischen Nationsgeschichte auseinanderzusetzen. Kritisch-distanzierte Darstellungen existieren über diesen fundamentalen Bereich kaum.63 Sozialgeschichtliche Ansätze sind bei Joachim Kondziela vorhanden.64 Weitere Publikationen sind in Deutschland von Janusz Marianski erschienen.65 Die Kontakte des Verfassers zu beiden Wissenschaftlern haben am Ende der achtziger Jahre erheblich zum Bild der katholischen Kirche in Polen beigetragen. Die Ansätze des Verfassers sind nicht kongruent mit den Intentionen der in die Kirche involvierten polnischen Wissenschaftler. Sie entstammen anderen Problemebenen. Dem Phänomen der Katholizität der Menschen in Polen wurde aber ein erheblicher Stellenwert von vornherein zugemessen. Insofern erschien es als notwendig, sich mit dieser Problematik umfangreich zu befassen und dem Thema ein angemessenes Segment der Arbeit zuzuordnen. Es erschien daher als notwendig, bei der Konzipierung der Fragebogen diesen Themenkomplex in relativ hohem Maße zu berücksichtigen. Bereits vor 1980 hat der Kontakt zum ökumenischen Rat in Warschau über Vorträge, Diskussionen und Publikationen zur Differenzierung der Bilder beigetragen.66 Der Gegenstand erfordert eine angemessene Beschäftigung mit der Nationsgeschichte, der Kulturgeschichte und der Nationalliteratur. Letzteres ist bezüglich des Themenbereichs der katholischen Kirche sehr aussagewirksam. Charakteristische Beispiele finden sich insbesondere bei Stefan Zeromski. Er durchbricht in besonderem Maße die selbstbildhafte Darstellung von in die katholische Kirche involvierten Autoren. Da aber die Realeinschätzungen in der Kirche in der Gesellschaft eine ambivalente Stellenwert hat, andererseits öffentliche Kritikformulierung aber aus nationsgeschichtlichem Zusammenhang tabu sind, soll gerade dieses Segment aus dem Themenkomplex berücksichtigt werden. Ein Ergebnis der Auswertung der Interviews soll sein, inwieweit das in Deutschland vorherrschende Bild vom polnischen Katholizismus aufrechterhalten werden kann anhand der Aussagen der Befragten und zugleich Involvierten. Es soll aus dem gegebenen Zusammenhang heraus auch der Versuch der Einschätzung des polnischen Katholizismus in seiner paradigmatischen Funktion erfolgen und der Versuch gemacht werden, Aussagen über die Machtbalanzierungen in der gegenwärtigen polnischen Gesellschaft zu machen. Auch dies kann unter dem Aspekt möglicher Etatisierungstendenzen erfolgen. 13. Zur Problematik, westliches Modelldenken auf die polnische Gesellschaft anzuwendenBezüglich des Gegenstands ›Polen‹ bzw. der polnischen Gesellschaft ergeben sich mehrere Problemebenen als Paradigmen zur Erforschung, Deskription und Wertung:
Wesentliche sozialistische Ansätze zur Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen sind nur sehr begrenzt anwendbar oder weisen aufgrund realsozialistischer Rahmenbedingungen kaum Chancen auf Konvergenz auf. Das bedeutet, dass jeglicher Ansatz zur Erforschung auf mehreren Ebenen einen relativ hohen Grad an Distanzierung aufweist. Vergleichende Ansätze sind kaum umsetzbar. Gegenstand ist dabei nicht die Diskussion um die Anwendbarkeit und Begrenztheit des Prinzips, sondern um das Bewusstsein von der begrenzten Reichweite theoretischer Aussagen in den Gesellschaftswissenschaften. Das dieses als relevant angesehen wird, belegt z.B. die Diskussion um den Wissenschaftsbegriff Karl Poppers, der zeitweilig auch als handlungsleitend angesehen wird. Modelle sind Mittel zur Funktionsprüfung von bestimmten Theoremen. Das marxistische Gesellschaftsmodell ist ein Erklärungsmuster für von ihnen als richtig oder falsch anerkannte gesellschaftliche Prozesse und Entwicklungen. Gleichzeitig ist es der Versuch, eine gesellschaftsbezogene Methode zu entwickeln. Die Analyse der polnischen Gesellschaftsgeschichte ist mit marxistischen Kategorien nicht hinreichend erklärbar. Für Ostmitteleuropa fehlen entsprechende Gesellschaftsmodelle.67 Die kommunistische Machtausübung war nicht marxistisch sondern leninistisch. Sie hatte die Funktion einer Legitimatonsideologie und dient der Rechtfertigung eigener Gesellschaftsvorstellungen. Marx wurde benutzt zur Legitimierung der jeweils eigenen Herrschaftspraxis. Entsprechende Ableitungen von Herrschaftsansprüchen oder Legitimierungsmustern ist jeder modernen Herrschaftspraxis immanent. Ziel des etatistischen Ansatzes dieses leninschen Herrschaftstyps ist es, in der Gesellschaft eine Identität im Bewusstsein der Menschen zu erzeugen, die die Akzeptanz von Herrschaft, d.h. der herrschenden Gruppe, zum Ziel hat. Lenin hat gesellschaftliche andere Realitätserfahrungen und andere gesellschaftsspezifische Voraussetzungen als Marx. Da ein unmittelbarer Vergleich gesellschaftlicher Tatbestände - wie überhaupt jeglicher Entitäten - methodologisch angreifbar ist - soweit er nicht als eine parallele Beschreibung oder Tatbestandsaufnahme als unzureichend angesehen wird,68 ist eine solche Distanzierung und Abstrahierung notwendig, um Vergleichsmaßstäbe entwickeln oder anlegen zu können. In den 'westlichen' Gesellschaftswissenschaften hatten Erklärungsmodelle die Rolle von Vergleichsmaßstäben. Ihre Evaluierung setzt aber eine kritische Revision der Entwicklungsbedingungen und Entwicklungsumgebungen dieser Modelle voraus. Die genannte Problematik wird überlagert durch sinkende bzw. begrenzte Akzeptanz wissenschaftlicher Modelle bezüglich der Gültigkeit und konsensuelle Anwendung auf westliche Gesellschaften. Ohne auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung im Einzelfall einzugehen bzw. den Grad von Anwendungsmöglichkeiten empirisch prüfen zu wollen, erachtet es der Verfasser als sinnvoll, die Problematik zu skizzieren, um die Komplexität zu verdeutlichen,69 die nicht mit Begriffen wie - jeweils begrenzter - Komplexität, Kongruenz, Konvergenz etc. abdeckbar ist. Es soll dazu an die Gedankenführung Dettlings angeknüpft werden, der sich skizzenhaft mit der Gültigkeit moderner soziologischer Modelle auseinandersetzt.70 Sein Ansatz soll in Form von Stichworten und gewissen Leitgedanken auf den Gegenstand übertragen werden. Nach Dettling bestand eine Spannung zwischen dem Sozialismus als generellem Ausdruck für Glaube und Hoffnung von Arbeitern, Aufsteigern der ersten Generation und Intellektuellen und dessen Offenbarung als ein Zwangsglaube für gescheiterte Ideen und Konzepte, der Unmöglichkeit einer Realisierung der Konstruktion einer besseren Gesellschaft. Es gilt, dieses Spannungsverhältnis bezüglich der Situation 1980/81 in Polen abzubilden. Der Anspruch von Soziologie und Politologie als Krisen- und Kritikwissenschaft ist nicht mit dem Modell einer ›Kritik der Entfremdung‹ oder der ›Bürokratie‹ umsetzbar. In Polen kritisiert man keine abstrakte sich verselbstständigende Bürokratie. Man beklagt stattdessen den nicht funktionierenden eigenen Verwaltungsapparat und bewunderte als beispielhaft die funktionierende Organisation in der Bundesrepublik.71 Der demokratisch-emanzipatorische Ansatz galt aus der Tradition der Aufklärung heraus.72 Er war verbunden mit dem kapitalistischen Westen sowie deren entwickelten Staatsgesellschaften und ist auch fern z.B. dem Denken wirtschaftlich aufsteigender Gesellschaften Asiens. Wenn beklagt wird, dass die moderne Entwicklung eine ›moralische Verarmung‹ mit sich gebracht hat, welche Ausprägung erfährt dieses dann erst in Osteuropa? Die Suche nach ›Reformen (sollten) die Widersprüche der Moderne‹ aufheben durch mehr Demokratie, wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand. Es handelt sich dabei um die Probleme der sich auf hohem Entwicklungsniveau befindlichen Gesellschaften Westeuropas, nicht um die von tendenzieller Verelendung bedrohten osteuropäischen Länder. Der Glaube ›wie Karl Mannheim es formuliert hat, an einen neuen Menschentyp …, der sieht was getan werden muss, und neue politische Gruppen, die es dann auch tun,‹ (ebd.) klingt für die in der Krise des realen Sozialismus lebenden Menschen wie die Sprache aus einer anderen Welt - auf die sich ihrerseits die Aspirationen richten.73 Der Glaube an ein - durch politische Doktrinen vermitteltes - besseres Menschenbild ist spätestens am Ende der siebziger Jahre nirgendwo in der polnischen Gesellschaft mehr spürbar. Eine realitätsbezogene Frage ist die Hinwendung zur Sinn und Moral definierenden Institution Kirche, wie auch die zunehmende Distanz seit 1990. Die Problematik besteht für den Verfasser u.a. darin, den Versuch zu machen, westeuropäisch geprägtes Wissen und seine daraus resultierendes Denkansätze und Methoden auf das Denken und den Habitus dieser anderen fremden Gesellschaften zu übertragen. Dieses zu erkennen und sich selbst zu verdeutlichen, auch den Versuch zu machen es nachzuvollziehen, hat einen langen Prozess erfordert. Sozialkritische Projekte verwurzelt im sozialstrukturellen Milieu der alten BRD, haben sich in den großen und ideologischen Konflikten Westeuropas herausgebildet, sie lassen sich nicht direkt übertragen. Mag die deutsche politische Kultur geprägt sein von dem ›Bekenntnis an Normen und Tradition sozialer Mitverantwortung und Tradition‹; diese ›intellektuellen und sozialen Phantome‹ waren Ausdruck einer industriegesellschaftlichen und modernen Entwicklung - sie treffen auf rigide Überlebensgesellschaften nicht zu und sind dort nicht anwendbar. Das Anderssein der Denk- und Verhaltensstandards mit der vertrauten und spezifischen Begriffsbelegungen widerzuspiegeln, zu strukturieren, zu analysieren, zu interpretieren oder zu deskribieren, ist in der Spannungskonstellation von engagierter und emphatischer Vorgehensweise einerseits und distanzierter Deskription andererseits sehr kompliziert,74 es soll trotzdem - vielleicht auch gerades deswegen - versucht werden. Es kann und soll sich nicht darum handeln, generalisierend oder exemplarisch zu widerlegen, dass westliche sozialwissenschaftliche Modelle und Theorien nicht oder nur begrenzt auf die polnische Gesellschaft anwendbar sind. Die Intention besteht vielmehr darin, deutlich zu machen, dass versucht wird, sie unreflektiert zu übertragen, d.h. ohne Prüfung der soziohistorischen Bedingungen. Das soll z.B. dadurch geschehen, dass Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber dieser Gesellschaft erhöht wird. Das Problem kann symbolisiert werden an der Auflösung des zunächst immanenten Widerspruchs, Ansätze einer Theorie, die am Beispiel einer etatistischen Gesellschaft entwickelt wurde, auf eine nicht-etatistische Gesellschaft zu übertragen. Der Lösungsansatz besteht zunächst darin, die Begriffe ›etatistisch‹ und ›nicht-etatistisch‹ nicht als Antipoden zu begreifen, sondern als Grenzbetrachtungsmodell von Gesellschaften, die einer gewissen Dynamik unterliegen und über einen prozeß-soziologischen Betrachtung verknüpft werden können. Es soll die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit zivilisationstheoretischen Ansätzen, insbesondere mit dem Spezifikum einer prozessual zu begreifenden partiell etatistischen wie auch anti-etatistischen Gesellschaft erfolgen, die im sozialstrukturellen Milieu der Adelsgesellschaft und der bäuerlichen Gesellschaft verwurzelt ist und den Schritt zur Moderne sowie den Staatsbildungsprozess nach westeuropäischem Modell nicht vollzogen hat. Die ›Kategorien und Modelle der Soziologie - wie Wirtschaft und Gesellschaft, Arbeit und Vollbeschäftigung, Staat und Herrschaft, Armut und latent vorhandene Ungleichheit‹75 sind unter Bedingungen liberaler oder offener Gesellschaften entstanden. Sie sind ihrerseits nicht anwendbar auf osteuropäische nichtetatistische, nationsmythisch geprägte oder auch im Findungsprozeß von nationaler wie staatlicher Identität befindlicher Gesellschaften. Die Krise bzw. der Zusammenbruch des osteuropäischen Modells kann nicht mit Modellen erklärt werden, die mit diesen Gesellschaften nicht in einen sozio-historischen Kontext stehen und die ihrerseits den Krisenbegriff instrumentalisieren.76 Begriffe wie ›Vollbeschäftigung‹ und ›soziale Ungleichheit‹ haben unter polnischen Experten, deren Problem bis 1989 der wirtschaftliche Rückstand sowie die latent versteckte Ungleichheit war, einen systemspezifisch-instrumentellen Stellenwert. Man verhält sich in Diskussionen, wenn westliche Gesprächspartner über deren eigene 'gewichtigen' Probleme sprechen, sehr zurückhaltend oder schweigt höflich, kann aber zumeist schwer überspielen, dass man deprimiert ist. War im Westen der ›Staat der richtige Adressat für die Lösung der 'sozialen Frage', an dem Objekt der bürgerrechtlichen sozialen Begierde, der Hüter der Verfassung und der Solidarität‹ - zumindest in geglaubten Ansätzen - so ist im realsozialistischen Polen der Staat nach wie vor Symbol für das ›Fremde‹ sowie für soziale Privilegierung manifestierende Macht und gilt weiterhin als dem Individuum feindlich gesinnt.77 Das gilt entsprechend für das jeweilige Segment der Gesellschaft, das durch Regierung und parlamentarische Macht repräsentiert wird - seit November 1993 die Linke, zuvor die Solidarnosc. Ein Sachverhalt ist z.B. die für Polen nicht erkennbare ›Reformbindung, die Mobilisierbarkeit der Massen, der aufgeklärten Bürger, des politischen Katholizismus der Arbeiterklasse‹. Wenn, dann gelten die Attribute in Zeiten nationaler Bedrängnis und werden unter Einbeziehung der katholischen Kirche definiert. In Polen brachte die Nation die Frage sozialer Bewegungen nicht zur Kongruenz. Polen ist zudem erst seit 1990 ein anerkannter definierter Raum geworden. In diesen Gesellschaften ist die ›soziale Frage‹ oder das ›liberale Dilemma‹ niemals vergleichbar postuliert worden. Wenn Dettling beklagt: ›Es gibt (sie) im gewohnten Sinne in keiner Gesellschaft mehr, es gibt nur noch Individuen, die sich nicht länger in alten sozialen Formationen bewegen‹ - so ist festzustellen, dass es in Polen weiterhin eine Interdependenz zwischen der Individualgesellschaft und einer postulierten Nation gibt, die verbunden ist mit der ebenfalls noch latent vorhandenen Identität des Katholizismus. Die ›soziale Frage‹ besitzt keinen adäquaten Stellenwert. Es gilt weiterhin primär die Dichotomie des 'wir' und 'sie', eine Konstellation, die zweifellos der Dynamik begonnener Modernisierungsprozesse unterliegt. Für das Land und die Nation relevante Entscheidungen fielen in der jüngeren Geschichte nicht in Polen, sondern anderswo, zudem an Orten wo keine ›soziale Politik und demokratische Partizipation‹ gegeben waren. Es ist hinzuzufügen, dass kein Partizipient einer Vertretung des Volkes bei für die Nation entscheidenden Fragen seit ca. dreihundert Jahren, d.h. seit der Wahl der Sachsenkönige entscheidend mitgewirkt hat. Seit dieser Zeit wird insbesondere die russische Einflussnahme als für die Nation bedrohlich wahrgenommen. Selbst die endgültige völkerrechtliche Festlegung der deutschen Grenzen 1990 - also der Ostgrenze der Bundesrepublik Deutschland - fand wesentlich in den 'Zwei-plus-vier-Gesprächen' statt. Symbolisch und erst nach Protesten hat man Polen als 'fünften' Teilnehmer beobachtend und beratend hinzugenommen, also den europäischen Partner, für den die deutsche Ostgrenze die entscheidende Bedeutung für die nationale und staatliche Existenz hat. Der Grenzvertrag mit Polen war im völkerrechtlichen Sinne wie auch symbolisch für Polen sehr wichtig, in der politischen wie auch in der psychosozialen Wahrnehmung in der Bevölkerung bereits nicht mehr. Der Vertrag setzt einen Schlusspunkt unter eine Spannungsbeziehung und ermöglicht zweifellos die weitere Integration Europas. Es müssen die wesentlichen Polen betreffenden Probleme und Phasen aus dem Diskurs der Phase des realen Sozialismus - zumindest als Skizze - bewusst werden. Es ist zu prüfen, inwieweit dabei die sozial-existentielle Verunsicherung den Habitus der Gesellschaft prägt und sich gegebenenfalls zum Syndrom entwickelt. Es ist weiterhin zu prüfen, inwieweit die Kirche in dieser Situation versucht, als traditionell wertvermittelnde bzw. -setzende Institution über ihre Doktrinen, die Nutzung affektiver Machtquellen Macht in der Gesellschaft auszuüben, bzw. inwieweit dieses von Intellektuellen und Arbeitern als solches wahrgenommen wurde. Zur Verdeutlichung der Problematik eines Vergleichs in der Deskription der Systeme bietet sich das Prinzip der Risikogesellschaft an.78 In der Rezeption des Modells der ›Risikogesellschaft‹ ist eine für unsere Gesellschaft charakteristische Bedeutungsverschiebung erkennbar. Der von Beck als verhaltens- und wertungsleitend beschriebene Bewusstseinsinhalt, in einer Welt der 'Risiken' zu leben, wird als reale Beschreibung unserer, der westdeutschen Gesellschaft, als historisch oder systembedingt besonderen Risiken ausgesetzt zu sein, missverstanden. Es handelt sich bei der Postulierung von Risiken um Gefühle, die möglicherweise aus individuell oder kollektiv vermuteten sowie potentiell in den Bereich des Möglichen rückenden Abstiegsbedrohungen entstehen. Die Verschiebung dieser Wahrnehmung ist aber gerade der Inhalt des Begriffes ›Risikogesellschaft‹, die dadurch Merkmal einer Gesellschaft ist, die in ihrem Alltag weniger als andere Gesellschaften mit realen Existenzproblemen und gefahren konfrontiert ist und ihre Ängste auf gesellschaftlich oder subkulturell vermittelte und besetzte 'Risiken' lenkt und reale Erfahrungen als 'Risiken' definiert. Dieses Verhaltensmodell ›Risikogesellschaft‹ kann nicht auf Umbruchs- oder Armutsgesellschaften übertragen werden, deren Angstbewältigungsmuster aus der unmittelbaren Situation des 'Kampfes ums Überleben' oder des 'Kampfes um soziale Sicherheit' abgeleitet werden.79 Das Problem lässt sich konzentrieren auf 'Lücken', auf etwas nicht existierendes, das zugleich ein Spannungspotenzial zwischen 'Systemen' darstellt, wobei das östliche empirisch nur sehr begrenzt erforscht wird und die gegenwärtige Situation von Verdrängungsprozessen in Wissenschaft, wie auch der Gesellschaft allgemein, überlagert wird. Auch in der westlichen Industriegesellschaft verliert das Modell ›Risikogesellschaft‹ - als bürgerliche Rezeptionsform gesellschaftlicher Dependenzen - die Erklärungsrelevanz, wenn große Teile der Gesellschaft pauperisiert und aus dem bürgerlichen Selbstverständnis ausgegrenzt werden. Die modellhafte Anwendbarkeit auf die polnische Gesellschaft ist sehr begrenzt. Die Begrenztheit der Modelle westlich etatistischer Gesellschaften lässt sich dabei generalisieren. Die sozio-historischen Entwicklungsprozesse der osteuropäischen Gesellschaften sind jeweils als Spezifikum zu begreifen und zu werten. Den Bereich der negativen Erwartungshaltung der Menschen in Ostmitteleuropa gegenüber ihrem Staat im Bereich von Technik und Wissenschaft kann man aber durchaus methodisch mit dem Ansatz des Theorems der Risikogesellschaft verknüpfen, wie es am Beispiel der westlicher Gesellschaften der achtziger Jahre formuliert worden ist. Eine Gesellschaft, die sich mit gravierenden Überlebensproblemen auseinandersetzen und dieselben bewältigen muss, in der es große Gruppen gibt, die unterhalb der Armutsgrenze leben,80 diskutiert keine ›Risiken‹, die der modernem auf hohem Standard befindlichen Wohlstandsgesellschaft81 immanent sind. Sie empfindet sich nicht als betroffen. Nur ein kleineres Segment der Intelligenz nimmt z.B. die Risiken der Kernenergie wahr. Das deskriptive Modell der Risikogesellschaft ist in einer relativ hochgradig sicheren westlichen Gesellschaft der achtziger Jahre entstanden und kann nicht auf eine erheblich risikoreichere Gesellschaft transferiert werden. Es kann durchaus vermutet werden, dass in Deutschland der gegenwärtig höchst mögliche technische Standard wahrscheinlich auch erreicht worden ist.82 Zweifellos ist dabei der 'Faktor Mensch' als nicht bestimmbar in die Diskussion einzubeziehen. In Polen glaubt aber niemand daran, dass dort die technischen Standards auch den dort theoretisch möglichen Grad an Sicherheit erreicht haben. Dies verknüpft sich mit menschlichen Unzulänglichkeiten, so dass die Frage nach dem Grad des Risikos nicht im Bereich menschlicher Vorstellungen und Abschätzbarkeit liegt. Eine Einschätzung der Realisierung des technisch Möglichen ist nicht gegeben. Das Phänomen der ›self-fullfilling prophecy‹ bzw. eine Haltung ähnlich dem Fatalismus ergänzt dies. Man lebt in Polen permanent mit Unzulänglichkeiten. Sie sind dort Ausdruck technisch-gesellschaftlicher Normalität. Das gilt insbesondere für Großbetriebe der chemischen Industrie sowie für Kernkraftwerke. Als ein Symbol für Unzulänglichkeiten können die fast immer überladen und ständig in Reparatur befindlichen Busse der öffentlichen Nahverkehrssysteme gelten.83 Ein Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel kann eigene Zeitpläne kaum einhalten.84 Die Folge ist, dass man es gar nicht erst versucht. Es bilden sich Gefühle der Resignation und Apathie heraus. Dem versuchten Zwang seitens der staatlichen Behörden, Vorschriften einzuhalten, wirkt man dadurch entgegen, dass man ihn nicht als legitim anerkennt. Weitere Folgen sind ›Alltagsanarchismus‹ und ›Sozialpathologie‹. Man lernte in den siebziger Jahren mit Unzulänglichkeiten zu leben und entwickelte entsprechende Haltungen, die als Fatalismus oder Phlegma bezeichnet werden können. Wenn z.B. ein Zug Verspätung hatte, was vor allem bei ungünstiger Witterung der Fall war, dann konnte man nur hoffen, dass der Anschlusszug ebenfalls entsprechend verspätet war. Die Folgen der Unzulänglichkeiten ertrug man individuell. Man gewann sehr früh kollektiv die Erkenntnis des Unabänderbaren, der Wirkungslosigkeit von Versuchen, dieses abzustellen und das Gefühl für die innere Leere aufgrund propagandistischer Versprechungen. bewusst wurde dies vor allem den Angehörigen der Intelligenz. Dies ist wesentlich eine Folge der in den siebziger Jahren sich anbahnenden Kooperationen mit Westeuropa. Kapitalistische Vertragspartner vereinbarten nicht nur Verträge, sie legten entschieden Wert auf die volle Einhaltung derselben. Man bestand insbesondere auf einer Garantie des Qualitätsstandards und der Einhaltung der Liefertermine. Diesem Anspruch zu genügen war unter Bedingungen von Improvisation sowie vorrangig extensivem Personaleinsatz auf Dauer nicht möglich.85 Der Kontakt mit der Bundesrepublik, Großbritannien und den USA durch Migranten, Wissenschaftler, Firmenvertreter und 'Arbeitstouristen' erbrachte das Wissen um die Unzulänglichkeiten des eigenen Systems. Dies war verbunden mit der daraus abgeleiteten Hoffnungslosigkeit bezogen auf eine mögliche Änderbarkeit oder auch nur Verbesserung. Die Erkenntnis setzte sich durch, dass eine prinzipielle Veränderung, zumal mit eigen, dem RGW immanenten Mitteln, unabdingbar sei.86 Diese Erfahrung machten vor allem junge Student/innen, die in den siebziger Jahren in den Sommerferien oder als Stipendiaten in Westeuropa arbeiteten.87 Den Stellenwert der Alltagserfahrung für die Ablehnung des Systems gegenüber ideellen oder politischen Motiven hat der Verfasser erst relativ spät erkannt. Er soll deshalb besonders berücksichtigt werden. Das Scheitern des realen Sozialismus ist auch aufgrund seiner im privaten wie beruflichen Alltag wahrnehmbare Realität erfolgt, nicht kausal aufgrund von Theorien oder Modellen. Aus der Vielfalt von Einzelbeobachtungen, die in der Regel keine Kritik am eigenen System darstellten, kann man durchaus auf in der Substanz massive Kritik schließen. Auch dieser Prozess hat beim Verfasser einen langen Zeitraum in Anspruch genommen. Charakteristisch ist z.B. die Biographie eines befreundeten Journalisten: Sein Vater wurde aufgrund der Okkupationserfahrungen Kommunist und systemloyaler Journalist. Er selbst besuchte die Schule in der DDR, studierte in Moskau, jobbte als Stipendiat in der Bundesrepublik. Aufgrund sehr restriktiver Lebensführung wurden Prinzipien wie Wirtschaftlichkeit und Wertgesetz von ihm selbst erfahren und verinnerlicht. Er sieht in seiner Leistungsorientierung und einer zwischen sozialliberal und konservativ orientierten Haltung die die Voraussetzungen für seinen individuellen Aufstieg und hart erarbeiteten Erfolg. Der Glaube an den ›Diamanten, der als Symbol für eine neue strahlende Zukunft aus der Asche steigt‹, scheint generell verloren gegangen zu sein.88 I. Die Bestimmung des Denkens und Handelns der polnischen Gesellschaft der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung des Erneuerungsprozesses89 1980/811. Zur historischen Bestimmung der ›Polonitas‹1. Das Denken und Handeln der polnischen Gesellschaft ist wesentlich bestimmt durch den historischen Prozess des Landes, die Geschichte der polnischen Nation. Es ist maßgeblich geprägt durch das ›Goldene Zeitalter‹ des 16. Jahrhunderts bis zur Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs im 18. Jahrhundert, durch die Zeit der Fremdherrschaft von 1795 bis zum Jahre 1918/19 und die Wiedererrichtung des polnischen Staates aufgrund des Versailler Vertrages.90 Das Verhalten der heutigen polnischen Gesellschaft bezüglich Denken, Handeln, verbunden mit jeweiliger Wertsetzung, entspricht den Maximen der polnischen Gesellschaft, die wesentlich durch die Epochen des ›Goldenen Zeitalters‹, die Phase des Niedergangs der Adelsrepublik sowie durch die Zeit der Fremdherrschaft, die Teilungszeit, bestimmt ist. Zwischenkriegszeit, Okkupationszeit und Stalinismus sind in den Zusammenhang einzubeziehen. Sie stellen eine Transformation tradierter Normen und Verhaltensweisen dar, aber keine neuen Wertsetzungen und Paradigmen. Prägend sind die Phase des ›Goldenen Zeitalters‹ und des nachfolgenden Niederganges, verkörpert durch die Wahl sächsischer Fürsten zum König. Charakteristisch für die Lähmung der Adelsrepublik ist das ›Liberum Veto‹ sowie das Konföderationsrecht. Eine besondere Rolle spielt dabei die Tatsache, dass sich Polen nicht absolutistisch entwickelte, sondern die spezifische Form einer Republik herausgebildet hat, die vom Adel getragen wurde. Man spricht von der ›Adelsrepublik‹ sowie der ›Adelsdemokratie‹. Nahezu zeitgleich erfolgte dann die Entwicklung zur 'adels-demokratischen' Verfassung des 3. Mai 1791. Die Schwäche des polnischen Staates in der Phase des Niedergangs enthält folgende für die innergesellschaftliche Habitusentwicklung bestimmende historische Komponenten:
Mit Beginn der entscheidenden Phase der Teilungszeit ab 179391 begann sofort ein nationaler Widerstandskampf. Dieser Kampf umfasste alle politischen, sozialen und (später) ökonomischen Methoden, auch die Einbeziehung der Kultur in ihrer spezifischen Herausbildung der Literatur, Musik und bildenden Kunst. Dieser Kampf wurde wesentlich vom Adel getragen. Die Bauern waren im Kosciuszko-Aufstand 1794 einbezogen. Im Galizienaufstand 1848 kämpften sie gegen die polnischen Magnaten. Handwerk und Mittelstand waren - soweit polnisch - von der Anzahl her gering und u.a. deshalb erst nennenswert in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beteiligt. Das Verhältnis Adel - Bauern muss für die Teilungszeit gesondert differenziert betrachtet werden. Im gegebenen Zusammenhang kann es nur skizziert werden. Der gesellschaftliche Widerspruch Adel - Bauern wird dabei nur zum Teil, zeitweilig und regional bezogen dem höheren gemeinsamen Ziel, der ›Befreiung der polnischen Nation‹, untergeordnet. Wesentlich ist dabei, dass dies als primäres Ziel gilt gegenüber dem der Wiedererrichtung eines selbstständigen Staates. Der Nationsbegriff wird zunehmend mystifiziert. Nur so ist es zu verstehen, wenn der Befreiung der Nation der heldenhafte Kampf und der opfervolle Tod gelten. Der Vaterlandsbegriff vereinigt an sich beides, ist aber weitgehend unter den Nationsbegriff zu subsumieren, weniger dem Ziel des unabhängigen Staates. »Den Aufständischen fehlte der Glaube; was sie allein hatten, war Mut. Sie waren unter Umständen glänzende Soldaten, die fürs Vaterland zu sterben wussten, sie waren aber keine Männer der siegesgewissen und zielbewussten Tat. Ihr Kampf war vergeblich.«92 Die gefühlsbetonte individuelle Einbeziehung einschließlich der Selbstopferung sowie eine visionäre Zielbestimmung dominieren über einer nüchtern kalkulierten Strategie und Taktik einschließlich der konkreten Zieldefinition. Die Literatur beschreibt und verklärt diese Verhaltensweisen, verstärkt und induziert sie dadurch gleichzeitig. Die Kultur des 19. Jahrhunderts und teilweise des 20. Jahrhunderts ist wesentlich einbezogen in das geschichtliche Spannungsverhältnis. Sie trägt damit zur immer wieder reproduzierten Entscheidung bei, den Kampf als permanent-heldenhaften Opfergang auf einem nicht endenden Weg fortzuführen. Sie hindert politisch-rationale Lösungsansätze. Dadurch trägt sie maßgeblich zur Beibehaltung einer tragischen Situation bei. Hinweise sind zu finden z.B. bei Zeromski, Slowacki und Reymont.93 Die Phase der Fremdherrschaft ist differenziert zu sehen in Bezug auf die drei Teilungsmächte, ihre Methoden der Herrschaftsausübung sowie ihr jeweiliges Selbstverständnis als Staat. Hinzu kommt die sich wandelnde Zielbestimmung vor allem in Preußen,94 aber auch in Russland, weniger in Österreich. Für Österreich gilt der Primat des Erhalts der K.u.K. Monarchie einschließlich der Vormacht der Deutschen, bei begrenzter Gleichstellung der Ungarn nach dem Ausgleich 1867. Die Region Böhmen war durch die Industrialisierung im Vorteil. Unter den Slawischen Völkern waren die Polen relativ privilegiert. Galizien hatte eine Sonderstellung: die Hauptstadt war Lemberg, dort saß der polnische Gouverneur des Kaisers. In Wien gab es den einflussreichen ›Polenclub‹. Weitere ethnische und soziale Privilegierungen - auch Deprivierungen - sind sekundär. Damit steht der Habsburger Staat wesentlich in einer historischen Tradition politischer Herrschaftsausdehnung mit inkongruenter ethnischer Zugehörigkeit sowie der sich zwischen Duldung und Unterdrückung bewegenden religiösen bzw. konfessionalen Orientierungen. Entsprechend problematisch ist die ethnische Zuordnung der Weißrussen und der Ukrainer sowie ihrer Selbstdefinition als über Sprache (Idiom) und Konfession.95 Das Verhältnis des zaristischen Russlands zu seinem Teilungsgebiet Polens war traditional, d.h. machtspezifisch bestimmt. Weißrussland (Weißruthenien) und vor allem Litauen stehen in anderer Tradition zu Polen als die Ukraine. Eine weitere Unterscheidung ist in der Zuordnung bzgl. des Bewusstseins (sprachlich und konfessionell) und der Verwaltung durch den Staat. Es ergibt sich somit die Notwendigkeit einer Definition der ›Polonitas‹ innerhalb der slawischen Großregionen: Die Zugehörigkeit in Abhängig von Konfession, Sprache sowie mentaler Identifikation. Die Definition über ein bestimmtes Staatsgebiet kann nicht erfolgen; ein vor allem in dieser Qualität besonderes polnisches Spezifikum. Das russisch-polnische Verhältnis gewinnt in der Phase des Panslawismus eine besondere Ausprägung, die hier nur erwähnt werden kann. Die zaristische Politik war in ihrem Teilungsgebiet geprägt vom eindeutigen Willen zur Durchsetzung politischer Macht, notfalls durch militärische Gewaltakte. Polnische Sprache und Kultur wurden nicht unterdrückt, insoweit sie die russische Oberhoheit nicht in Frage stellten. Polen konnten als Angehörige der Szlachta verantwortliche Positionen in Staat und Militär einnehmen, ohne ihre eigene polnische Identität aufzugeben. Unterdrückt, ausgewiesen, in Haft genommen oder deportiert wurden diejenigen, die für die staatliche Unabhängigkeit Polens und damit gegen die Oberhoheit Russland kämpften. Insbesondere der Adel wurde damit in die Ausübung politischer Macht einbezogen. Die Betreffenden erhielten zugleich eine wirtschaftliche (berufliche) Existenzmöglichkeit - allerdings um den Preis der Anpassung und der Unterordnung. Hervorzuheben ist, dass dadurch in dieser begrenzten Zusammenarbeit, die nicht als Kollaboration bezeichnet werden darf, gleichzeitig die Vorbereitung der Aufstände erfolgte. Ein großer Teil der Szlachta war nicht entsprechend adaptiert. Diese Angehörigen hatte z.T. als Intellektuelle einen Anteil an den sozialistischen Bewegungen, wie z.B. Marchlewski, Dzierzynski. Der sowjetische Marschall Sokolowski entstammte der ostpolnischen (ruthenischen) Szlachta, der General Rokossowski, der ihr oft zugeordnet wird, dagegen nicht (nach Jernsson). Unter Stalin verloren viele Polen ihre Funktionen. Das besondere polnisch-jüdische Verhältnis kann als relativ stabil betrachtet werden, solange die russische Oberhoheit als fremde Zwangsherrschaft vorhanden war. Die Mechanismen des polnischen Antisemitismus prägten sich wesentlich erst nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit aus, in einem Staat, der nun als moderner parlamentarisch-demokratischer Staat konzipiert wurde, dann aber innergesellschaftliche Probleme freisetzte, die zuvor in der Teilungszeit kanalisiert oder unterdrückt worden waren. Dieser Nachkriegsstaat ist wesentlich an seinem eigenen - widersprüchlichen - Anspruch der Nationwerdung gescheitert.96 Der nationale und politische Kampf um die Unabhängigkeit fand wesentlich im russischen Teilungsgebiet statt. Die kulturelle Aufarbeitung, Edition der Schönen Literatur, war im österreichischen Teilungsgebiet (vor allem Krakau und Lemberg) möglich sowie im Exil, in Paris. Entsprechendes gilt für die politische Untergrundliteratur und Presse, die teilweise auch im Teilungsgebiet gedruckt wurde, auf jeden Fall dort aber Verbreitung fand. Herstellung, Besitz und Vertrieb wurden von den Behörden der Teilungsmächte, vor allem Russlands, unnachgiebig verfolgt und mit schweren Strafen geahndet. Der permanente Kampf um politische bzw. staatliche Unabhängigkeit, konkret als Kampf gegen die russische Teilungsmacht, subjektiv (individuell und kollektiv) verstanden als Kampf einer Nation um ihre unabhängige Existenz, ist prägend für Motivation und Ziel in dieser Phase der polnisch-russischen Geschichte, besser: der Geschichte der Polnischen Nation. Das polnisch-preußische Verhältnis ist abzusetzen von der polnisch-russischen Problematik. Das preußische Teilungsgebiet umfasste nach der endgültigen Festlegung der Grenzen auf dem Wiener Kongress (1815) wesentlich die als preußische Provinzen Posen und Westpreußen angegliederten Regionen. Schlesien mit seiner im Süden (Oberschlesien) überwiegend polnischsprachigen Bevölkerung, die sich ihrerseits aber als Schlesier, weniger als Polen begriffen, war bereits nach den Schlesischen Kriegen (1742 und 1745, bestätigt nach dem Siebenjährigen Krieg im Frieden von Hubertusburg 1756) von Habsburg an Preußen abgetreten, einschließlich der Grafschaft Glatz. Die Sprachgrenze verschob sich im Laufe der Teilungszeit nach Süden. Das spezifische und z.T. distanzierte Verhältnis der polnisch (im Deutschen als 'wasserpolnisch' apostrophiert) sprechenden Oberschlesier zu den polnischen Nachbarn im russischen Teilungsgebiet mag eine Ursache für die begrenzte Einbeziehung in den nationalen Unabhängigkeitskampf sein. Eine andere kann die zunehmende Industrialisierung (Schwerindustrie) dieses Raumes sein, verbunden mit Migrationen aus dem inner- und ostpolnischen, dem deutschen, aber auch dem slowakischen und tschechischen Sprachraum. Für Oberschlesien ergab sich damit eine andere Voraussetzung im Kampf gegen die Teilungsmächte. Zum einen konnte die Region nicht auf eine unabhängige Tradition zurückgreifen, da Schlesien bereits im 14. Jahrhundert böhmisch, im 16. Jahrhundert(1526) habsburgisch und im 18. Jahrhundert (1742) preußisch geworden ist. Dies erklärt, das die Szlachta in dieser Region ihre Machtstärke nicht ausbilden konnte. Das verwaltungsrechtlich als Provinz Westpreußen bezeichnete Teilungsgebiet hatte bereits 1772 bzw. 1793 (ergänzt um Thorn) eine teilweise deutschsprachige Bevölkerung. Auf eine differenzierte Darstellung der Geschichte Pommerellens, des Ordensstaates sowie der Wiedererlangung bzw. Bestätigung der polnische Oberhoheit über das Gebiet (nach 1410) muss verzichtet werden. Kennzeichnend für die Toleranz und Liberalität des Königreiches Polen war die Herausbildung eines nachbarschaftlichen nationalen, sprachlichen und konfessionellen Neben- und Miteinander seit mehreren Jahrhunderten. Gerade dieser Raum (einschließlich Danzig) hatte neben dem Süden (Krakau) im ›Goldenen Zeitalter‹ prosperiert. Die sogenannte Provinz Posen und die Stadt Danzig wurden 1793 annektiert, bestätigt auf dem Wiener Kongress. Die Tradition Danzigs als Hansestadt soll ausgeklammert werden. Sie ist betreffend der Nationalitätenauseinandersetzungen im 19. Jahrhundert irrelevant und spielt erst wieder aufgrund ihrer ökonomischen, verkehrstechnischen und militärischen Bedeutung eine Rolle bei den Friedensverhandlungen in Versailles. Das deutsch-polnische Verhältnis bezüglich der Provinz Posen ist insoweit von Bedeutung, als es in seiner Problematik - mehr noch als Westpreußen - prägend ist für das spätere deutsch-polnische Verhältnis und dessen historische Hypotheken. In Posen zeichnete sich früh - bald nach Ende der napoleonischen Ära - eine auf Dauer angelegte Herrschaftsausübung ab. Wie Russland in seinem Teilungsgebiet (z.B. in Lublin, Modlin oder auch in Zamosc) wurde in Posen eine große Festung angelegt bzw. in mehreren Stufen ausgebaut. Die gesamte Infrastruktur wurde zu den Zentren der Teilungsmächte ausgerichtet. Polnische Universitäten wurden von Preußen und Russen nicht geduldet bzw. verboten. Die polnische Wissenschaftsentwicklung konzentrierte sich deshalb auf Krakau, Lemberg und das Exil. Posen und Westpreußen, die in der Phase nach dem Wiener Kongress als außerhalb des Deutschen Bundes betrachtet waren, wurden mit der Reichsgründung 1871 als Bestandteil Preußens in das Deutsche Reich einbezogen. Zugleich setzte durch Förderung deutscher Zuwanderer, Subventionierung deutscher Investitionen, Behinderung einer separaten polnischen ökonomischen Entwicklung und verstärkt ab den achtziger Jahren eine zunehmend aggressive 'alldeutsche' bzw. 'pangermanische' Politik ein, einschließlich der psychosozialen und konfessionellen Unterdrückungsmechanismen. Eindeutiges Ziel war die permanente Zurückdrängung alles Polnischen und damit die Dominanz des Deutschen in Sprache, Kultur, Industrie und Kapital. Der Widerstandskampf des polnischen Volkes erfolgte auf mehreren Ebenen: Kultur, Ökonomie, katholischer Kirche und Bildung und Wissenschaft im Untergrund. Diese Prozesse verschärften sich und entluden sich im Großpolnischen Aufstand zur Jahreswende 1918/19 und mündeten ein in den neu gebildeten Staat, die Republik Polen. Aufgrund des höheren polnischen Bevölkerungsanteils und des höheren Industrialisierungsgrades war Posen mehr betroffen als Westpreußen. Der gegen Preußen gerichtete Widerstandskampf hat eine paradigmatische Funktion für das Verhalten der westpolnischen Bevölkerung. Der gesamte Widerstandskampf in all seinen Ausformungen gegen Preußen und Russland ist wesentlicher Gegenstand des polnischen Geschichtsunterrichts, auch in der ›Grundschule‹, die bis zur Klasse acht die Allgemeine Schulpflicht abdeckt. 2.1 In der polnischen Gesellschaft werden das Denken und Handeln97 bestimmt durch die Szlachta. Die Szlachta zeichnet sich durch typische Verhaltensweisen aus, die sie vom Adel Westeuropas, vor allem Frankreichs, abhebt. Die Verhaltensweisen sind durch einen bestimmten Habitus gekennzeichnet, der mit dem Leben im Wohlstand zu kennzeichnen sind: gutes Essen, Trinken, Jagd, geringere Bedeutung der Bildung (vor allem im Osten), Hervorhebung militärischer Tugenden, spezifische Kleidung mit Gürtel und Kopfbedeckung. Dazu gehören auch die Ablehnung körperlicher Arbeit, die Nichtübernahme industriegesellschaftlich bestimmter Verhaltensweisen und Normen: Pünktlichkeit; die Entwicklung bzw. Beibehaltung eines ausgeprägten Individualismus. Ein weiteres wesentliches Merkmal ist der ausgeprägte Patriotismus sowie die Überbewertung der Nation. Individualisierung, der Hang zu gutem Leben, zu 'unverantwortlichem' Handeln können als Ausdruck eines nur schwer umkehrbaren Dezentralisierungsprozesses gedeutet werden. Dieser wurde überlagert durch die Fremdherrschaft und letztlich die Bildung des Staates 1919 sowie die Neubildung 1944. Nach der Verfassung bestand der Staat auch nach der Kapitulation vertreten durch die Regierung in London legitim fort und existierte realiter im Untergrund. Entscheidend ist dabei, dass der Staat bewusstseinsmäßig fortbestand. Dezentralisierung und spezifischer Staatenbildungsprozess bedingen einander. Die Interessen des Adels sind an der Reproduktion des eigenen Standes und der eigenen Lebenssituation orientiert, nicht aber an einer wissenschaftlich bestimmten technologischen Entwicklung. Ziel ist für ihn damit nicht die Verbesserung der eigenen Lebenssituation durch eine fortgeschrittene ökonomische Methode oder Produktionsweise. Ziel ist es also nicht, eine Produktionsstätte zu gründen, ein Handelskontor zu eröffnen, überhaupt einen Betrieb zu gründen (Bank, Werft etc.). Eine Verwirklichung kann wesentlich durch die Rolle des Offiziers - in französischen (napoleonischen), russischen (zaristischen), als Unteroffizier in österreichischen (habsburgischen) oder auch anderen Diensten (in Preußen im Ersten Weltkrieg) erfolgen. Es verbleibt dabei immer der Bezug zur eigenen Nation, das Ziel der Wiedererrichtung eines polnischen Staates, des eigenen Vaterlandes. Typisch sind in diesem Zusammenhang die für Deutsche ‘irreal’ erscheinenden und sich in negativen Stereotypen98 niederschlagenden Verhaltensweisen. Dazu gehört einerseits das ausgeprägte militärische Engagement, andererseits die Fehleinschätzung gegenüber den Mächten, in deren Diensten man steht. Vor allem das napoleonische Frankreich, aber auch später Napoleon III. wurde bezüglich einer Erwirkung der polnischen Unabhängigkeit überschätzt.99 Man kämpft und opfert sich. Die Ziele bleiben unerreichbare Visionen. Politisch kluges, diplomatisches Verhalten, das ggf. Aussicht auf Erfolg versprechen könnte, wird kaum versucht. Auch dies kann als Hinweis auf den spezifischen Zivilisationsprozess gewertet werden. Über die Nationalliteratur wurde die Neigung zum Kampf, zu Heldentum, Betonung der Familie und der Abstammung, Herausbildung entsprechender Ehrenkodices, die tradierte Sichtweise der Rolle der Frau vermittelt. Der Frau wird stets mit ausgesuchter Höflichkeit begegnet, sie entspricht zumeist spezifischen Stereotypen: ›die Schöne‹, ›die Verführerische‹. Als eine typische Darstellung kann der Held in Zeromski: 'Der getreue Strom'100 bezeichnet werden. Der junge Held opfert sich in einem von vornherein sinnlosen Kampf gegen eine vielfach überlegene Truppe in der Schlacht bei Malogoszcz. Er schleppt sich schwer verwundet im Winter (die Handlung ist dem am 22.1.1863 begonnen ›Januaraufstand‹ zugeordnet) zu einem Dorf. Es entwickelt sich die tragische Situation, dass die Bauern ihn entsprechend einer Weisung der (russischen ) Polizei als den Aufrührer und Rebellen zunächst in die Stadt bringen und ausliefern wollen. Seinen tragischen Satz: „Aber ich kämpfe doch für Eure Freiheit!“ verstehen sie nicht. Sie haben nur Angst vor Prügel, die sie von den zaristischen Polizisten oder den Kosaken beziehen könnten, auch davor, dass ihr Habe angezündet werden kann. Es handelt sich um ruthenische bzw. ukrainische Bauern in Ostpolen, für die ›Polen‹ nur durch die Grundherren verkörpert wird. Die Frage nach der Qualität der Freiheit, auf die dieser Magnatensohn rekurriert - er wird als solcher von den Bauern durch einen Pelz über den Lumpen erkannt - erfolgt nicht. Das gesellschaftliche Problem, das Abhängigkeitsverhältnis Szlachta - Bauern wird nicht tangiert. Der gesellschaftliche Gegensatz wird aber durch das junge Mädchen, Salomea, das den Schwerverwundeten in einem fast verlassenen Gutshof aufnimmt und durch ihre Pflege das Leben rettet, permanent spürbar. Charakteristisch ist die Selbstverständlichkeit, mit der dieser junge Fürst Joseph Odrowaz in den Kampf gezogen ist. Die Szlachta ist mehrfach zu differenzieren (Stichworte):
Im Sinne einer soziohistorischen Fragestellung könnte durchaus begonnen werden mit der Frage, inwieweit die Struktur des Adelsbewusstseins geprägt ist. Ist mit der Union von Krewo, d.h. durch die Verknüpfung von polnischem und litauischem Adel ein Bewusstseinswandel eingetreten, der gravierender ist als die materiell schon angenäherten Lebensformen? Die damit verbundene äußere Perspektive (West- bzw. Ostorientierung) symbolisiert auch einen veränderten Freiheitsbegriff, der im litauischen Bereich im Sinne des (auch in Ungarn vorherrschenden) Magnatentums eher als Recht herrschaftlicher Autonomie zu verstehen war, im piastisch geprägten polnischen Teil aber im mittelalterlichen Sinne aus dem freien Bauerntum hervorkommend ›ritterliche‹ Freiheitswerte und (dynastische) Sozialbindungen im Vordergrund stehen hatte. Man könnte von der These ausgehen, dass sich beide Habitusformen dann zu dem polnischen ›anachronistisch-utopischen‹ Freiheitsbegriff verbinden, der letztlich zum Zerfall von Staat und Gesellschaft führte, und dessen Folgen in der Gesellschaft erkennbar sind. Litauisches Magnatentum überformt seine eigene materielle Orientierung polnisch-anachronistisch. Polnisches Adelstum wird an einer modernen gesellschaftlichen Anpassung gehindert durch die materielle Schubkraft des litauischen Magnatentums. 2.2 Die Intellektuellen rekurrieren in hohem Maße auf die Verhaltensweisen der Szlachta. In der Nachkriegszeit erfolgte eine Reproduktion in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. 2.3 Die polnischen Industriearbeiter stehen in der Tradition der polnischen Bauern. 2.4 Die polnische Gesellschaft reproduziert in hohem Maße die Verhaltensweisen der Ruralgesellschaft, die in Wechselwirkung zur Szlachta steht. Über die Bauern soll nicht speziell referiert werden. Es gibt eine umfangreiche Literatur.102 Darzustellen und hervorzuheben sind die Punkte: die Abhängigkeit vom Grundherrn, Rechtsstellung, der Bezug zum Dorf, der Bezug zur eigenen Familie als Überlebensgemeinschaft, die Bedarfsdeckung der Familie im Dorf, Arbeitsleistungen für den Grundherrn. Zunächst ist der selbstständige Bauer gemeint, dessen Familie durch den Hof ernährt wird. Nötig ist dann eine Differenzierung: selbstständige Bauern, begrenzt selbstständige Bauern, Tagelöhner. Außerdem sind die dörflichen oder (klein)-städtischen Handwerker zu betrachten. Wesentlich für das Verhältnis Adel - Bauern ist die ›Bauernbefreiung‹ in Russland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts . Dadurch wurde der Adel partiell enteignet, er verarmte. Dies galt vor allem für den mittleren Adel. Der hohe Adel (die Magnaten) war weniger betroffen. Die Magnaten blieben Internationalisten. Weitere Enteignungen gab es nach 1830/31 und 1863/64 als Folge der Aufstände. Man kann von einer gewissen Symbiose sprechen zwischen dem Kleinadel (der z.T. ohne Besitz war), dem verarmten Mitteladel (s.o.) sowie Teilen der Bauernschaft, der Kleinbürger und Handwerker. Diese Gruppe (vor allem der Kleinadel) hatte nur begrenzte Möglichkeiten für Positionen im (russischen) Staatsdienst.103 Der Adel verstand sich insgesamt als Träger der Polnischen Nation. Man schätzt ihn auf ca. 12 - 13 Prozent der Bevölkerung. 2.5 Es bildet sich in der Geschichte der polnischen Nation eine spezifische Interdependenz zwischen Nation und Staat heraus. Der Staat war vor den Teilungen kein sprachlich homogener Staat. Neu war für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Definition der Nation über die Sprache. Für die neue Nation (ab 1919) hatte die polnische Sprache eine besondere Bedeutung. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine großpolnische, eine kleinpolnische und eine masowische Sprache und entsprechende Grammatiken. Der Begriff der Sprachnation hat eine praktische Bedeutung erst ab 1918; zuvor gab es die drei Grammatiken (s.o.). Im polnischen Sinne gilt die Nation als geistige Macht. Im preußischen Sinne ist Nation ein Machtfaktor. In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts war offen, ob die Ukraine eine eigene Nation bilden würde. Die Ukraine war orthodox. In Weißrussland hat es eine teilweise Polonisierung gegeben durch die Unierte Kirche: Sie behielt den orthodoxen Ritus bei, anerkannte aber den Papst als Oberhaupt. Diese Kirche wurde von Stalin verboten. Sie musste zur ›prawoslawischen‹, also der im eigenen Selbstverständnis ›rechtgläubigen‹, zurückkehren. Teilweise ist die polnische Szlachta mit der ukrainischen und weißrussischen verbunden. Seit 1413 gibt es die ›Union von Horodlo‹, die ›Wappenunion‹. Der Adel des Großfürstentums Litauen wird dabei in die polnische Szlachta übernommen. Die alte Republik (Rzeczpospolita) vor 1772 war eine Republik zweier (Staats)-nationen, der altpolnischen Adelsschicht und der großlitauischen Adelsschicht.104 Die Polnischen Bauern gehörten nicht zur Nation.105 Polen ist ein wirklicher Nationalstaat erst nach 1945. Dies erklärt die Schwierigkeiten der Kommunisten bezüglich ihrer dem Internationalismus zuzuordnenden Ideologie. Sie fanden deshalb nur eine sehr begrenzte Resonanz im Volk. 3.1 Das Wertesystem und die Praxis des polnischen Katholizismus stellen ein Paradigma im Wertesystem und Verhalten der gesamten polnischen Nation dar. Sie dominieren das Bewusstsein und beeinflussen Denken und Handeln in der gesamten Gesellschaft in entscheidender Weise. 3.2 Die maßgebliche Rolle der polnischen katholischen Kirche als Institution sowie der spezifischen Form des polnischen Katholizismus sind ableitbar aus der Rolle dieser Kirche während der Teilungszeit. Für das Verhältnis der katholischen Kirche zur polnischen Nation im Sinne einer sozialen Identität ist vor allem die Phase ab dem Januaraufstand 1863/64 bestimmend. 3.3 Der polnische Klerus begreift sich partiell einbezogen in gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Er konserviert außerdem das tradierte Weltbild des polnischen Klerus im 19. Jahrhundert. Dieses hat seine wesentliche Prägung im 17./18. Jahrhundert erfahren. Dadurch befindet er sich in der Doppelrolle, die er bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und der Okkupationszeit innehatte. 3.4 Der polnische Katholizismus ist stark geprägt durch Mystizismus und Emotionalität. ›Glaube‹ ist in hohem Maße vorbewusst, mystisch sowie simplifizierend mit spezifischen Ausprägungen im Volksglauben. Glaubensgegenstände sind - soweit im historischen Bezug stehend - Manifestationen mystisch verklärter Postulate und Fiktionen. 3.5 Die genannten Phänomene sowie religiösen Symbole haben eine historische und gegenwärtige Funktion. Beispiele sind:
4.1 Das historische Bewusstsein hat eine tragende Bedeutung in der Selbstsicht der Polnischen Nation. Es ist maßgeblich beeinflusst von Legendenbildungen und historisch verklärten Darstellungen. Diese werden vermittelt durch historisierende Darstellungen in der polnischen Literatur, vor allem des 19.Jahrhunderts und der Jahrhundertwende (Mickiewicz, Sienkiewicz, Slowacki, Reymont, Prus, Witkacy und Zeromski). In der gleichen Tradition steht auch Jan Dobraczynski (geb. 1910).107 Historisches Bewusstsein besteht in Polen wesentlich in einer mentalen Verinnerlichung sowie individuell und kollektiv aufgenommener Scheinrealitäten und deren Reproduktion innerhalb und außerhalb des Bildungssystems. 4.2 Wissenschaft und Bildung vermochten in Universität und Schule dem nur begrenzt entgegenzusteuern. Reformversuche polnischer Wissenschaftler und Didaktiker wurden nachhaltig beeinträchtigt durch administrative Zielvorgaben (Partei und Nomenklatura) im Zusammenhang mit der bisherigen Staatsdoktrin, dem Marxismus/Leninismus. In den Universitäten, vor allem in den Disziplinen Philosophie, Geschichte, Soziologie und Polonistik sowie der Schule (Geschichts-und Polnischunterricht) hatte die spezifische Darstellung der ›Polonitas‹ bis zum politischen Wechsel 1989 eine besondere Bedeutung in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Marxismus/Leninismus. Der Geschichtsunterricht konnte auch in seiner modernen didaktischen und methodischen Konzeption nur eine geringe Resonanz bei Schülern bewirken.108 Ihre Umsetzung in Hinblick auf konkrete Kenntnisse, umfassende und gesicherte Erkenntnisse, die Methode einer analytischen Betrachtung aus der Distanz heraus sowie in größeren Zusammenhängen, ist kaum feststellbar. Der Ersatz subjektiver emotional besetzter Wahrnehmung durch das Prinzip historischer Objektivität war nie nennenswert gegeben. 5.1 Durch die verinnerlichte Geschichtsbetrachtung und das Rekurrieren auf emotional bestimmte und historisch abgeleitete partiell katholisch geprägte Wertesysteme sowie deren Reproduktion in der politischen Kultur des Landes erfolgte eine spezifische Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Bildungssystem außerhalb bzw. unterhalb der Ebene der Administration und des staatlichen Bildungsapparates. Sie ist eingebunden in die zumindest latent bewussten aber ständig gegenwärtigen Auseinandersetzungen. Der gesamte Konflikt kann als gesellschaftliche Auseinandersetzung mit - bzw. als Kampf gegen - den Kommunismus definiert werden. 5.3 Die Funktionalisierung des Bildungsprozesses durch alle Beteiligten (Administration, Bildungsinstitutionen, gesellschaftliche Gruppen) hemmte eine wissenschaftsadäquate Betrachtung der Geschichte der eigenen Nation. Die Reformansätze in Wissenschaft und Bildung konnten in den siebziger und achtziger Jahren nur begrenzt umgesetzt werden. Die Arbeit der Akteure fand als Gratwandel statt zwischen den drei Zentren: Gesellschaft - Staat - Kirche. 5.4 Die sich bereits in den siebziger Jahren daraus eröffnenden Chancen einer ›Reformpolitik‹ waren begrenzt, wurden aber nicht umgesetzt. Ihr Wert konnte nicht in einen gesellschaftlichen oder ökonomischen Nutzen umgesetzt werden. Er wurde vertan. Dieser Prozess wird in der westlichen Betrachtung oft unspezifisch als 'irrational' bezeichnet, damit aber nicht gedeutet und nicht in seiner historischen Dimensionalität begriffen und entsprechend eingeordnet. 5.5 Die Überlagerung von Machtkämpfen über Reformansätze und sinnvolle wie notwendige Änderungen verhinderte die für einen Übergang zur modernen Industriegesellschaft notwendige Grundlage. Das Prinzip ökonomisch definierter Rationalität westlicher Industriegesellschaften im Sinne einer Orientierung des Denkens und Handelns an ökonomischen Zielen (Gewinnoptimierung etc.) ist nur sehr begrenzt im Denken der polnischen Gesellschaft vorhanden. Diejenigen, die dies individuell erkannt haben und umzusetzen bereit waren, sind in Polen in der Minderheit. Ihre Arbeit wird nicht honoriert. Diese Experten befinden sich in einer tragischen Situation. 5.6 Der gesamte innergesellschaftliche Kampf stand in Polen nicht unter dem Aspekt von Qualität, wissenschaftlicher Wahrheit, objektiver Notwendigkeit oder anderen, in westlichen Maximen vorhandenen Prämissen. Er wurde nicht unter dem Grundsatz von Zielbestimmungen geführt, sondern reproduzierte eine im historischen Prozess der Gesellschaftsentwicklung und dem entsprechenden Wertesystem angelegte Konfliktaustragung. Dadurch ergab sich eine Gleichzeitigkeit von Selbst- und Nichtdefinition des Zieles. Ein Ausbruch aus diesem Prozess, eine Fortentwicklung, konnte unter den gegebenen Bedingungen nicht erfolgen. Der Sozialismus sollte als ein oktroyiertes System abgeworfen werden. Eine geistige Auseinandersetzung mit ihm fand nicht statt. 6.1 Die Ansätze einer Liberalisierung nach 1956 unter Gomulka wurden zurückgenommen aufgrund der Erstarkung nationalkommunistischer Kräfte. 6.2 Die Unterdrückung der Studentenbewegung und der neue Antisemitismus (1968) sind im historischen Kontext zu interpretieren. 6.3 Die ökonomische Reformpolitik während der Gierek-Ära, die Politik der ›Öffnung zum Westen‹, ist nicht nur als Folge wirtschaftlicher Fehlentscheidungen im Investitionsbereich, der weltweiten Stahlkrise, sondern maßgeblich aufgrund eines typischen Fehlverhaltens der in Regierung, Verwaltung und Wirtschaft Polens Beteiligten gescheitert. Der Begriff Fehlverhalten greift dabei zu kurz; er muss als zentraler Inhalt untersucht und definiert werden. Es handelt sich um spezifische Interdependenzverhältnisse in ihrer Mehrebenen-Spannungskonstellation. 6.4 Die Reformansätze im Erneuerungsprozess 1980/81 waren nicht an konkreten politischen, sozialen und ökonomischen Zielen orientiert, sondern primär am gesellschaftspolitischen Kampf mit dem Ziel einer grundsätzlichen politischen und ökonomischen Änderung, einer Abschaffung des herrschenden Systems. Der Begriff Odnowa wurde 1980 in den westdeutschen Medien zur Charakterisierung des mit den Streikbewegungen verbundenen - aber wesentlich erhofften - Reformprozesses benutzt. Er war ebenfalls für die Linke in Westeuropa Synonym für die Chance eines ›Dritten Weges‹. Die Linken projizierten damit eigene Erwartung, Hoffnungen und Zielvorstellungen in diesen Prozess in Polen hinein. Der Begriff wurde bald vom Reformflügel der Partei in ihrem Sinne positiv besetzt und instrumentalisiert. Vertreter der Partei wie z.B. Stefan Bratkowski verbanden mit der Solidarnosc die Hoffnung auf eine Erneuerung des Sozialismus in Polen. Szumowski, der Chefredakteur der Gazeta Krakowska, unterstützte z.B. die Solidarnosc in seiner Parteizeitung. Nach Verhängung des Kriegszustandes erklärte ihn die Partei zum Dissidenten und setzte ihn ab. Die Propagandisten der Partei hoben ab auf die Person Jaruzelskis und verwendeten in den ›Unterwerfungserklärungen‹ z. B. Formulierungen wie ›ich erkläre mich einverstanden mit den Reformen des Generals Jaruzelski‹. Seitdem ist auch der Reformbegriff in den Augen der Solidarnosc diskreditiert. 6.5 Das politische Scheitern der Solidarnosc stellt eine Reproduktion des Scheiterns historischer Kämpfe dar, aus dem die moralische bzw. affektive Stärke für einen neuen Kampf erwuchs. Denken und Handeln, Strategie und Taktik entsprachen denselben historischen Vorbildern. Der Kampf führte solange nicht zum Ziel, bis die Macht des Gegners aufgrund äußerer Bedingungen sich selbst aufhob, durch die Perestrojka-Politik Gorbatschows sowie die ökonomische und politische Agonie der ehemaligen Hegemonialmacht. 7.1 Die Reformansätze der Opposition in Bezug auf den Umbau des Wirtschaftssystems (Reformen im Sozialismus, den zunehmenden Einbau von marktwirtschaftlichen Elementen, dann den vollständigen Übergang zur Marktwirtschaft) entsprachen den Modellen westlicher Wirtschaftspolitik. Sie enthielten wesentlich liberale und sozialdemokratische Denkansätze und waren geprägt durch die katholische Soziallehre.109 7.2 Die Regierung Jaruzelski hat sich nach dem 13.12.1981 die in der Solidarnosc entwickelten Ansätze zu eigen gemacht und versucht, diese stufenlos ohne prinzipielle Änderungen umzusetzen.110 7.3 Regierung und Opposition haben 1981, unter äußerem Zwang stehend, den Anschein gesellschaftlicher Kompromiß- und Konsensfähigkeit vermittelt. Das Scheitern möglicher Reformansätze im Jahre 1981 (durch Einführung des Kriegszustandes) ist eine Folge aus der Unmöglichkeit der Machtteilung und -abgabe bzw. der prinzipiellen Nichtbereitschaft seitens der Regierung und der Nichtbereitschaft und Unfähigkeit zur Zusammenarbeit seitens der Opposition. Letztlich kann eine grundsätzliche Unrealisierbarkeit konstatiert werden. Dadurch ergibt sich auch von Seiten der Opposition von vornherein die Unmöglichkeit eines Konsenses. 7.4 Regierung und Opposition verhalten sich 1980/81 im Denken und Handeln ›polnisch‹, also nicht ökonomisch-rational und zielorientiert. Es gibt keine grundsätzliche Akzeptanz gegebener Rahmenbedingungen, keinen möglichen Konsens innerhalb dieser von außen gesetzten Normen, jeweils das für die Nation respektive das Land Beste zu tun. 7.5 Die Regierung Jaruzelski, die Planungsbürokratie, bleibt auf der Ebene der Deklamationen und der Selbsttäuschung. Sie benutzt tradierte Methoden: Nationaler Pathos, Rekurrieren auf ›polnische Werte‹, ohne diese zu definieren. Sie ist in Hinblick auf die Entwicklung einer Programmatik, die Ausarbeitung konkreter Ziele und Modelle, die Diskussion der Durchführung, die Reflexion ihrer Umsetzung betrachtet untätig, zumindest ist dies bedeutungslos. Stattdessen erfolgt eine Verschleierung der realen Ziele, eine Zurückhaltung von Informationen. Es erfolgen Schuldzuweisungen an (z.T. imaginäre) Dritte seitens der Propagandisten, z.T. sogar an das Wetter. Typisch sind Appelle an das Zusammenstehen der ganzen Nation. Das Einbringen der Ernte wird 1981 mit dem Widerstandskampf von 1939 assoziiert. Man argumentiert auf einer Metaebene. Man weiß, dass man die Sachlage verfälscht, dass man versucht, der Bevölkerung etwas vorzumachen. Trotzdem wird dieses Verhalten in neuen Varianten ständig fortgeführt. 7.6 Die Opposition ist nahezu untätig. Sie leistet keine umsetzbaren Vorarbeiten, entwickelt keine realisierbaren Konzepte, keine konsensfähigen Strategien.111 Es gibt keine nennenswerte konzeptionelle Arbeit. Dies, obwohl der kommunistische Staat seinen Gegnern die Gelegenheit gab, nahezu ungehindert als Wissenschaftler in den Universitäten, der Administration und den Planungsbehörden zu arbeiten. Es gab keine Schubladenpläne, keine vorbereiteten Strategien für den Tag 'X' der Machtübernahme, selbst wenn man dieses nicht so schnell erwartet hat. Dies wiegt um so schwerer, als die polnischen Oppositionellen im Vergleich zur CSSR und Ungarn deutlich bessere Voraussetzungen hatten: Sie hatten im Vergleich zu allen damaligen sozialistischen Ländern an den Universitäten und anderen Institutionen nahezu uneingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten. Sie konnten faktisch ungehindert über alle benötigten wissenschaftlichen Informationen des Westens verfügen (z.B. Einladungen zu Symposien, kostenlose Fachzeitschriften, Zusammenarbeiten von Universitäten, Wissenschaftleraustausch etc.). Sie verfügten über einen hoch anzusetzenden Sympathievorschuss im Westen. Defizite aufgrund finanzieller Probleme bezüglich der wissenschaftlichen Arbeit konnten durch Stipendien ausgeglichen werden, z.B. durch die Friedrich-Ebert-Stiftung oder die DGB-Gewerkschaften.112 7.7 Die wirtschaftlichen und politischen Probleme nach 1989 sind auch Ausdruck und Folge der genannten Problematik:
Die Folge sind Verzögerungen im Konversionsprozess. Man hat den Versuch eines zumindest in Ansätzen steuerbaren Paradigmenwechsels aufgegeben und sich weitgehend neoliberalen Prinzipien gebeugt.114 7.8 Die Chancen eines möglichen ›Dritten Weges‹ wurden weder genutzt noch reflektiert. Eine Anwendung auf Polen wurde nicht geprüft, nicht einmal erwogen. Ökonomische Modelle Westeuropas (›Globalsteuerung‹, ›Planification‹, ›Sozialstaatsmodelle‹, spezifische Herausbildung des Föderalismus (Länderfinanzausgleich; Gemeinschaftsausgaben etc.) wurden nicht auf Übernahme geprüft, obwohl polnische Wissenschaftler über alle Probleme der BRD, der USA, auch Frankreichs und Englands gearbeitet haben. In dieser Gedankenführung ist sehr stark die westdeutsche Projektion vor allem seitens der Linken enthalten. Es kann als gesichert gelten, dass der ›Dritte Weg‹ vor 1980 bei einem kleinen Teil polnischer Intellektueller erwogen wurde; dies ist unter dem Aspekt der Realisierungschancen aufgrund der Rahmenbedingungen zu sehen.115 Der reale ablaufende sozioökonomische Prozess hat die gesamte Problematik überlagert. 8. Die politische Praxis der Übergangsphase lässt vermuten, dass im Binnensystem Denken und Handeln der neuen Machtelite wesentlich den tradierten gesellschaftlichen Maximen entspricht. Auch neoliberale radikal-ökonomische Reformansätze (Balcerowicz) lassen keine grundlegende Änderung im sozialen Gesamtsystem erwarten. Weder Umsetzung der Vorhaben noch Akzeptanz in der Bevölkerung noch Verhalten der neuen Besitzenden lässt eine Entwicklung auf eine Industriegesellschaft westeuropäischer Ausprägung (am Beispiel der BRD) erwarten. Die gesellschaftliche Diversifikation der Gegenwart knüpft prozessual an die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts an. Das vorindustrielle Bewusstsein verhindert die Herausbildung eines funktionalen Parteiensystems und die Bildung parlamentarisch - demokratischer Strukturen. 2. Exkurs: Die Ansätze Aleksander Bochenskis116Als exemplarisch für polnische Autoren zur Skizzierung der ›Polonitas‹ aus polnischer Sicht können die Ansätze Bochenskis angesehen werden. Bochenski ist Angehöriger der technischen Intelligenz und seinem Selbstverständnis nach dem rationalistischen Denken zuzuordnen. Seine Position soll in Auszügen skizziert werden.117 Bochenski analysiert das typische Verhalten der Polen gegenüber dem ›Schicksal des Landes‹, der ›Entwicklung der Technik‹ und der ›Weltwirtschaft‹. ›Allgemein kann man feststellen, dass unsere Psyche gar nicht vorbereitet war, um die Richtlinien der Entwicklung der Welt und ihr Tempo richtig einzuschätzen, das ist mit ein Grund dafür, dass die wirtschaftliche Entwicklung Polens nicht zufriedenstellend ist.‹ (S.5) Das wirtschaftliche Potenzial ist da, wichtig ist jetzt die Qualität, d.h. man muss jetzt die Maschinen, aber auch die Menschen richtig einsetzen können, sich von extensiver auf intensive Wirtschaft umstellen. Aber auch die besten Methoden helfen nicht, wenn wir uns nicht endlich an die Arbeit machen. (S.8) Man kann zwei grundsätzlich verschiedene Einstellungen zur Arbeit in den staatlichen Betrieben feststellen: die einen handeln nach dem Grundsatz der guten, ehrlichen Arbeit für das Gemeinwohl, für den Fortschritt der Technik (es sind einzelne Personen, aber auch Gruppen oder ganze Regionen wie z.B. Oberschlesien oder Großpolen), die zweite Haltung ist überall anzutreffen: Passivität statt Aktivität, Freizügigkeit statt Disziplin, Egoismus statt Arbeit für das Gemeinwohl. (S.9) Es fehlt das Verständnis, dass das Wohl des Einzelnen von der Wirtschaftslage des Landes abhängt. Um diese Haltung zu ändern muss man zweierlei tun: es muss ein klar ausgearbeiteter Wirtschaftsplan vorliegen und es muss eine Umwertung der Werte zustande kommen (S. 58). Bochenski sieht in der Nation ungeahnte Kräfte, die jedoch nur im Kampf oder in der Gefahr wach werden. Was kann man tun, um diese Kräfte für den Fortschritt der Wirtschaft, der Technik, der Industrie auszunutzen? (S. 60). Man muss die Komplexe des ›ewigen Feindes‹ abbauen. Sie waren und sind eine Gefahr für die Entwicklung, gar für das Fortbestehen der polnischen Nation. Seit 1945 hat man die Jugend immer im Hass gegen die Russen und die Deutschen erzogen (S. 65). Man müsste den Enthusiasmus durch Arbeitsdisziplin ersetzen (S. 81). Der Entwicklungsstand der Technik, Wissenschaft und Industrie ist der Maßstab für die Entwicklung der Nation, d.h. er entscheidet über den Wert einer Nation. Thesen über die geistige und moralische Entwicklung der Nation unter Verzicht auf den Fortschritt sind falsch. Die Voraussetzung für die Entwicklung ist die geistige Mobilisierung. Gefordert wird die Vernunft bei den Regierenden und die Disziplin bei den Ausführenden (S. 92). In der Zeit der Sachsenkönige dominierte in Polen eine Lebenseinstellung, die eigenen Reichtum im Sinne hatte und sich zum Ziel setzte, die Stärkung der Königsmacht nicht zuzulassen, um so die herrschende Anarchie aufrechtzuerhalten. Patriotismus war damals mit der Verteidigung der ›goldenen Freiheit‹ gleichzusetzen. Sehr wichtig war der Reichtum des Einzelnen (der allerdings weder vom Handel noch vom Gewerbe kommen durfte); der polnische Adlige lebte verschwenderisch, für ihn galten gutes Essen, Trinken, die Jagd etc. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte in Polen das Modell eines verschwenderisch lebenden Adligen. (S.10) Ein wesentlicher Unterschied zwischen der späteren Haltung der polnischen und der westlichen Intelligenz liegt darin, dass sich in Polen die Intelligenz aus der Szlachta entwickelt hat, im Westen dagegen aus dem Bürgertum. (S.11) Eine Gruppe von aufgeklärten Menschen versuchte, ein neues Gegenmodell und ein neues Wertesystem zu schaffen (Konarski, Staszic, Kollataj): das Modell eines sozial und patriotisch gesinnten Menschen, der die Opferbereitschaft genauso hochschätzt wie die Ausbildung. (S.13) In Polen gab es kein ›polnisches‹ Bürgertum. Diese Tatsache hat die Psyche der Nation, insbesondere die der Intelligenz, stark geprägt. Die ökonomische Funktion des Bürgertums übernahm damals das Judentum, das aber sowohl religiös als auch sozial und kulturell isoliert war. (S.14) Nach den Teilungen gab es zwei Wege, um als Nation zu überleben. Die damalige Elite schlug vor:
Die zweite Einstellung erwies sich damals - wenn auch nur kurzfristig - als richtig, was nicht viele eingesehen haben. Es entstand (unter Napoleon 1807-1813) das Herzogtum Warschau. Der Einfluss dieses Ereignisses auf die polnische Psyche war sehr stark und er dauert bis heute fort: nicht das Denken, sondern der Kampf ist wichtig. (S.18) Die schlimmste Haltung der Polen war die Passivität und Unfähigkeit zum Kampf (während der Zeit der Herrschaft der Sachsenkönige) gewesen. Noch schlimmer war jedoch die Überzeugung, dass nur ein ununterbrochener Kampf mit allen drei Teilungsmächten auf einmal die Freiheit bringen kann. (S.21) In der Romantik entstand eine psychische Haltung, die bis 1870 lebendig war. Es war ein neues Lebensmodell: der Pole als Romantiker und Freiheitskämpfer, der den Rationalismus verachtet und für den die unkontrollierten Gefühle das oberste Prinzip waren. Dieses Modell wurde in der Literatur tradiert. Das Positive an der Romantik war, dass die nationalen Bande sich verstärkt haben. Die Opferbereitschaft, der Nationalstolz und die Freiheitsliebe wurden als die wichtigsten Gefühle erklärt. (S.23) Die Nachteile der romantisch-patriotischen Lebenshaltung waren:
Die Positivisten versuchten, das Modell der Romantik durch ein anderes zu ersetzen: der Begriff ›patriotisch‹ sollte mit ›ausgebildet und fortschrittlich gesinnt‹ gleichgesetzt werden und durch den ›ökonomischen und technischen Patriotismus‹ ersetzt werden. Dieses neue Modell konnte sich am besten in Großpolen durchsetzen, dort galt seit 1848 das Modell des patriotisch gesinnten Polen, der durch seine Arbeit in der Landwirtschaft im Handel oder in der Industrie dem Vaterland dient. Einen weiteren Versuch, den polnischen romantischen Patriotismus durch den Wirtschaftspatriotismus zu ersetzen, unternahm u.a. E. Kwiatkowski. (S.31) All diese Versuche, ein 'irrationales' Modell durch ein 'rationales' zu ersetzen, haben in der polnischen Psyche keine tieferen Spuren hinterlassen, denn sie stießen immer wieder auf die Gegenreaktion des in der polnischen Psyche bereits tief verankerten romantischen Modells. ›Gegenbewegungen‹:Die Versuche Poniatowskis (seine Orientierung an Aufklärung) hatten Kosciuszko und die Legionen zunichte gemacht, Staszic's und Lubecki's Ideen wurden durch den Einfluß von Mickiewicz, Slowacki und der ganzen Generation der Romantiker in den Hintergrund gedrängt, die Ideen der Positivisten wurden mit einem Schlag durch ›Trilogie‹ von Sienkiewicz zerstört. Die Schulerziehung in der Pilsudski–Ära setzte die romantische Tradition des Kampfes fort. (S.31f) Der Patriotismus der Polen in Galizien entstand durch die Literatur. 1918 wurden die meisten Lehrerstellen durch Polen aus Galizien besetzt. Hätte man dort die Polen aus Großpolen eingesetzt, deren Mentalität stärker auf die Arbeit als auf den Kampf ausgerichtet war, hätte die Entwicklung der Psyche der polnischen Nation in der Zwischenkriegszeit sicher einen andere Richtung eingeschlagen. (S.34) Zweifellos hat die Kirche die polnische Psyche sehr stark geprägt. In der Zeit des Positivismus wandte sich die Kirche gegen die Naturwissenschaften und huldigte dem romantischen Modell des Patriotismus. (S.42) Der Wiederaufbau des polnischen Staates hat in der polnischen Psyche einen Niederschlag gefunden. Das große Ziel, das die Polen seit über 100 Jahren immer vor Augen hatten, ist nicht mehr da, weil es erreicht worden ist. Die Kräfte, die die Polen zusammengehalten und zu höchstem inspiriert hatten, waren auf einmal nicht mehr so stark. Es gab Versuche, das Hauptziel durch andere zu ersetzen, Dmowski [ENDECJA] wollte z.B. die Aktivitäten zur Bekämpfung der Minderheiten ausnutzen. (S. 43) Zum Bild der polnischen Intelligenz der Zwischenkriegszeit gehörte die Abneigung gegen den Kapitalismus und die Kapitalisten, deren Inbegriff ›der deutsche Fabrikant‹ war. Das war der Bestandteil des polnischen Patriotismus, war doch das ganze Kapital in fremden Händen. Hierin liegen auch die Gründe für die Abneigung gegen die Industrie überhaupt. (S. 45). Die Schule trug zur Aufrechterhaltung dieser Haltung bei, indem sie die Schüler in der Abneigung gegen die Arbeit und der Gleichgültigkeit gegenüber der wirtschaftlichen und ökonomischen Problematik stärkte. Die Schule propagierte das Konsumdenken statt des Produktionsdenkens. (S. 46) Die Gründer der Krakauer Bergbau- und Hüttenakademie erkannten, daß die politische Souveränität des Staates von seiner wirtschaftlichen Souveränität abhängt. (S.46) Vor Ausbruch des Krieges versuchten E. Kwiatkowski (durch seine Wirtschaftspolitik) und M. Wankowicz (durch seine schriftstellerische Tätigkeit) den polnischen Patriotismus in einen Wirtschaftspatriotismus umzuwandeln. Der Krieg, der Kampf mit dem Okkupanten machten diese Bemühungen zunichte, denn gefordert wurden damals wieder der Kampf und die Opferbereitschaft. Die in der romantischen Tradition erzogenen Polen glaubten, je mehr Opfer, um so höher ist die Stelle Polens in der Hierarchie der Nationen. (S. 50) Über die Ursachen äußert sich Bochenski folgendermaßen: ›Es wäre falsch, die Ursachen des Verfalls Polens in den letzten 30 Jahren des Bestehens des Staates zu suchen. Die Zeit der Teilungen kam nach Jahrzehnten der Anarchie (Schwächung der Königsmacht, keine starke Regierung, keine Armee). Das Schlimme ist, daß die Führungsschicht demoralisiert war, sie war eher bereit zu sterben als eine Verbesserung des Systems vorzunehmen, die Armee zu vergrößern, neue Steuern einzuführen. Die wichtigste Ursache liegt in den Systemfehlern. Diese Fehler, die von der Szlachta für Klugheit gehalten wurden, waren in der Tat ein Höhepunkt der Dummheit. Alles, was sich gegen das System richtete, war klug, alles was das System unterstützte, war dumm.‹118 Der Gedanke an sich ist ambivalent. Er richtet sich ebenso gegen die prinzipiellen Gegner des kommunistischen Machtsystems. ›Noch über 100 Jahre nach der Teilungskatastrophe glaubten die meisten, daß Polen nur durch den bewaffneten Kampf erlöst werden kann und daß es durch Politik und Reformen sterben muß. Dieses verfluchte Erbe lebte in der Psyche der Nation bis in die Zwischenkriegszeit hinein fort.‹ S.23 ›Die polnische Nation wird von einer Psychose ergriffen, die 'Messianismus' genannt wird. Die Polen glauben, daß ihre Nation 'Messias der Völker' sei, daß sie für andere Nationen leidet; je mehr sie leidet um so schneller wird die Erlösung kommen.‹ Bochenski ordnet die Verbreitung dieser Ideen den Dichtern Mickiewicz, Slowacki, Krasinski zu, ‘Exilpolen’, wie er betont. (S. 25). II. Nation und Staat1.Teil: Figurationssoziologische Aspekte des Staatenbildungsprozesses in Polen in Wechselwirkung zur Nation1.1. VorüberlegungenEs bietet sich an, die traditionell als 'politischen' Spannungsrahmen skizzierte Situation von 1980 mit den Ansätzen der Figurationssoziologie, als einen Prozeß innerhalb von Figurationen119 zu betrachten, die sich durch Mehrfachdependenzen auszeichnen. Für Polen läßt sich eine Interdependenzverflechtung auf der innerstaatlichen wie zwischenstaatlichen Ebene feststellen. Die Interdependenzen sind mehreren Ebenen zugeordnet. Bei der innerstaatlichen Ebene handelt es sich erstens um den in Ostmitteleuropa bis 1989 generell als Revolution120 (von 1944-47) bezeichneten Prozeß der (formalen) Machtübernahme durch eine 'eigene' ethnische Gruppe und zweitens um den - von den Kommunisten postulierten - Gegensatz zwischen den Arbeitern und Bauern einerseits und der Bourgoisie bzw. dem Adel als der 'herrschenden' Klasse andererseits. Die in der Lehre des Marxismus - Leninismus als Interessenidentität bzw. -gegensatz postulierten Kerngedanken sollen dabei nicht ideologiekritisch hinterfragt werden. Ausgangspunkt der Betrachtung ist die spezifische Situation in der polnischen Gesellschaft und damit die Sichtweise der beteiligten Idividuen selbst. Drittens ist das Interdependenzverhältnis zwischen Arbeitern und Bauern zu betrachten und viertens das Verhältnis zwischen der katholischen Bevölkerungsgruppe und den nichtkatholischen kleineren - zumeist christlichen - Gruppen, sowie der an Zahl zunehmenden Gruppe von nicht (mehr) praktizierenden Katholiken und von Agnostikern. Das Mehrfachverhältnis innerhalb der hochdifferenzierten Gesellschaft und dessen historische Entwicklung aus den Figurationen der Adels- bzw. der Bauerngesellschaft sowie die Regionalentwicklung müssen gesondert betrachtet werden. Zum zwischenstaatlichen Bereich gehörten die Einbeziehung in das jeweilige Wechselbeziehungssystem WPO/RGW und NATO/EG-EFTA sowie die Grenzfestsetzungen als Folge des Zweiten Weltkrieges in Jalta und Potsdam und die ›Grenzgarantie‹ durch die UdSSR und die WPO121. Der Beurteilungsmaßstab ist dabei abhängig von den politischen Meinungen, individuellen wie kollektiven Wertsetzungen, aber auch innergesellschaftlichen Machtfragen. Die aktuelle Problematik ist eingebunden in einen historischen Ablauf und unter psychosozialen Gesichtspunkten zu betrachten. Dazu Elias: »Das gilt ganz besonders wenn man den Prozeßcharakter von Figurationen in Rechnung stellt. Es war schon immer nicht ganz realistisch, in Gedanken innerstaatliche Probleme und zwischenstaatliche Probleme voneinander zu trennen. Aber je weiter sich die Interdependenzverflechtungen über die ganze Menschheit hin ausgebreitet haben und je enger die Verflechtung der verschiedenen Staaten der Menschheit geworden ist, um so weniger einträglich ist es, die Erforschung dieser beiden Ebenen der menschlichen Gesellschaft nach Fächern zu trennen. Im 20. Jahrhundert ist das, was innerhalb eines Staates vor sich geht, insbesonders die Verteilung der innerstaatlichen Machtgewichte, von dem, was sich zwischen den Staaten abspielt, insbesondere von den Machtverhältnissen der Staaten, weniger abtrennbar als je zuvor. Wo immer man hinblickt, stößt man auf die Interdependenzen der innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Prozesse.«122 Zur Kennzeichnung des Spannungssystems in der ›Zwangsapparatur‹ einschließlich der ihr immanenten Zirkularbewegungen wie Eskalationen, die bisher als ›erstarrter Clinch‹ oder ›Teufelskreis‹ geläufig ist, versucht Elias den Begriff des ›Doppelbinders‹ nach Gregory Bates ›double-bind‹ einzuführen123. Das von Elias übernommene Bild aus einer Darstellung aus den Erzählungen Poes von den Fischern im Mahlstrom124 kann zur Verdeutlichung des in den ›Ereignissen‹ versuchten bzw. begonnenen revolutionären Prozesses125 von 1980 herangezogen werden. Es muß konzediert werden, daß das Niveau der Selbstkontrolle und der Prozeßkontrolle für die Gruppe der Auslöser126 bzw. der initiativ Beteiligten dabei relativ hoch ist. Ein weiteres Problem ist die Frage der Kontrolle eigener Affekte, der Handlungen127 in kritischer Situation. Auch für die Arbeiter der Lenin-Werft gilt, daß sie (noch) eine Chance haben. Das Maß dieser Chance kann man kaum bestimmen, insoweit es sich auf die Arbeiter als Figuration bezieht. »Was wir ›Denken‹ nennen, steuert die Muskeltätigkeit im Verein oft genug im Konflikt mit Trieben, Affekten, Gefühlen. Spannungen und Konflikte dieser Art bilden ... einen normalen Zug menschlichen Lebens. Die sozio-psychologischen Funktionen von Menschen, auf die wir mit dem Begriff des ›Denkens‹ hinweisen, sind in ihrem Kampf um die Beeinflussung der koordinierenden motorischen Zentren, die die Exekutivorgane von Menschen, ... ihre Handlungen in engen Sinne steuern, dem doppelten Druck der Gefühle und der weiteren Situation ausgesetzt. ... Auch ›Sprechen‹ ist ›Handeln‹ auf einer anderen Ebene ...«.128 Es bleibt zu prüfen, inwieweit dieser Gedanke als These zur Erklärung des Ausbruchs der Ereignisse von 1980 anwendbar ist. Als Hypothese kann formuliert werden, daß das hohe ›Affektniveau‹ des Denkens in diesem eskalierenden Zirkulationsprozeß erkennbar ist, die Richtung des Handelns aber durch Überlagerung tradierter Verhaltensweisen bestimmt ist, die vor allem aus der Szlachta- und der Bauerngesellschaft ableitbar sind. Es gilt für die Initiatoren der Ereignisse von 1980 - soweit man überhaupt ein konkretes Hervorrufen konstatieren kann. Bezüglich des Gesamtprozesses ist dieses zu verneinen. Auf jeden Fall muß die Reflexion der Frage erfolgen, ob und inwieweit Ansätze vorausschauenden Denkens im Verhalten der Danziger Arbeiter, insbesondere aber der Intellektuellen, erkennbar und nachweisbar sind. Für die polnischen Arbeiter gilt, daß sie über eine integrierende symbolische Repräsentation verfügten, wie auch ein Modell und eine Theorie, nämlich das gesellschaftlich-organisatorische Modell der katholischen Kirche und die christliche Lehre, insbesondere die Sozialenzyklika, als tragende und herrschende Glaubensdoktrin. Es sollte noch geprüft werden, inwieweit sich die Arbeiter während des Streiks 1980 in Prozessen befanden, »bei denen das Empfinden einer drohenden Gefahr so überwältigend stark (war), daß die meisten Menschen zu einer relativen Distanzierung und zur Kontrolle ihrer Furcht unfähig (waren), auch wenn der Prozeß selbst, wie sie bei größerer Gelassenheit und einigem Nachdenken aus größerer Distanz (hätten) erkennen (müssen), ihnen immer noch Chancen der Kontrolle und somit eines schadlosen Entkommens eröffnet (hätte).«129 Die Möglichkeiten relativer Distanzierung wie z.B. Kontrolle der Furcht, werden aufgehoben bzw. überlagert durch den aus der starken Bindung in den christlichen Glauben katholischer Konfession als tragenden und stärkeren Selbstzwang. Dies ist verbunden mit der stabilisierenden Wirkung durch die Anwesenheit der Priester, die auf dem Werftgelände gelesene Messe und die dort abgenommene Beichte. Elias' folgender Gedanke bietet sich zur Anwendung auf die Situatiuon 1980 an: »Dann aber gibt es auch kritische Prozesse, die so weit fortgeschritten sind, daß den in sie verstrickten Menschen keine Chance mehr bleibt, ihre physische und psychische Integrität zu erhalten oder auch nur ihr Überleben zu sichern. Wie groß auch ihre Distanzierung, ihre Fähigkeit zu realistischem Nachdenken sein mag, der Prozeß hat für sie den Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gibt. Sie können sich nicht retten, was immer sie denken oder tun.« 130 Es handelt sich nicht um einen fortgeschrittenen lebensbedrohenden Prozeß oder eine auf die Zerstörung des Individuums oder der Gruppe ausgerichtete Zwangssituation. Der Grad des Involviertseins und der prozeßhaften Verstrickung ist aber so hoch, die gruppenspezifischen Selbstzwänge so intensiv, daß ein Ausbrechen aus dem Prozeß, d.h. ein Abbrechen der Streikaktionen unmöglich wurde. Auch der Zeitpunkt der beginnenden Irreversibilität des Prozesses läßt sich annähernd feststellen. Im Zusammenhang damit steht zugleich die Herausbildung und Kennzeichnung der mythischen Heldenrolle. Äußerungen polnischer Freunde und Bekannte des Verfassers ihr zum Ausdruck gebrachter erklärter Wille zu kämpfen sowie private Hinweise im Jahre 1980/81 gegenüber dem Verfasser deuten darauf hin. So erklärten z.B. Angehörige der Solidarnosc 1980 im Falle einer Intervention seitens der UdSSR bzw. der WPO unbedingt kämfen zu wollen. Auch Nichtmitglieder der Solidarnosc erklärten, ›Molotow-Cocktails‹ werfen zu wollen, wenn die sowjetischen Panzer kämen. Im Jahre 1983 forderten Angehörige der Untergrund-Solidarnosc (Mitarbeiter der Universität Danzig) den Verfasser auf, ihnen Metallwerkzeuge zu besorgen. Durch entsprechende Nachfrage wurde klar, daß sie der Herstellung von Waffen dienen sollten. 1.2 Thesen zu den Reformansätzen Ende der siebziger JahreFür Polen stellt sich die Frage nach der Umsetzbarkeit in einer nur begrenzt ausgebildeten bzw. im Prozeß zur Staatsgesellschaft befindlichen Entwicklung. Dies gilt vor allem in Bezug auf eine psycho-soziale Akzeptanz. Diese enthält aber ein gesellschaftliches Widerstandspotential, das 1980 zumindest latent gegenwärtig war und von vornherein den Systemzwängen unterlag. Es kann nicht Gegenstand der Frage sein, ob jemals ein sozialistisches Wirtschaftsmodell realisierbar gewesen sein konnte. Dieses mag auf der Ebene volks- und betriebswirtschaftlicher Modellrechnungen erfolgen und kann eine Problemstellung für die künftige Sozial- und Geschichtsforschung sein. Im damaligen ›sozialistischen Lager‹ war diese Fragestellung tabu. Man hat sich pragmatisch und machtspezifisch, d. h. am Machterhalt innerhalb des dogmatisch gesetzten Rahmens orientiert und dieses mit tradierten Methoden autoritärer und diktatorischer Herrschaftsausübung durchgesetzt. Die politische Gegenbewegung benutzte nur in einer sehr kurzen Phase des Übergangs das Modell eines ›Dritten Weges‹. Dies erfolgte wesentlich seitens der Linken, einschließlich der linken katholischen Kräfte. Die Mehrheit der polnischen Ökonomen geht von einer prinzipiellen Unrealisierbarkeit dieses Ansatzes aus. Man operiert mit tradierten polnischen Methoden in den Mechanismen eines inoffiziellen Wissenschaftsbetriebes und der Wissensvermittlung. Im vertraulichen Gespräch war man gegenüber den Kollegen aus dem Westen offen und bediente sich entsprechenden Meta-Sprachebenen. Deutlich erkennbar waren die Positionen in der Kritik z.B. gegenüber der Apologetik des Sozialismus der DDR. Dort war von den Wissenschaftlern die kommunistische Staatsdoktrin in hohem Maße verinnerlicht worden. In der polnischen Gesellschaft hatte der Sozialismus auf der Basis informell-strukturierter Mechanismen primär eine Mantelfunktion. Dieser Mantel war lange Zeit notwendige politische Rahmenbedingung und zugleich Ausdruck äußeren Zwanges. Die Dysfunktionalität zeigte sich in den Wechselbeziehungen relativ starr begrenzter Möglichkeiten, z.B. darin, Menschen durch Dosierung von Konsumgütern zu versorgen oder auch den Versuch, die eigene Propaganda umzusetzen durch die Monopolisierung der Information. Andererseits zeigte sie sich in den prinzipiellen oder an partiellen Zielen orientierten Gegenbewegungen, an der Basis wie in den verschiedenen Ebenen des Staatsapparates. Diese fanden z.B. ihren Ausdruck in der nichtbewußten bzw. begrenzten Wahrnehmung von Propaganda, die latent vorhanden und gegenwärtig war. Die Intellektuellen erhielten zur Kompensation ihrer eingschränkten Freizügigkeit Bildungsprivilegien, die sich z.B. in relativ großzügigen Studienbedingungen äußerten. Die Angehörigen der alten Bildungs- und Funktionseliten bevorzugten z.B. in den sechzige und siebziger Jahren für ihre Kinder eine Hochschulausbildung, so daß - bei etwa gleichen oder gar niedrigeren Einkommen - durch das Ausbildungssystem eine gewisse soziale Differenzierung erfolgte.131 Für die Intellektuellen galt als Paradigma das historisch abgeleitete und moralisch definierte Widerstandsrecht. Es waren nur Chancen auf eine partielle Umsetzung vorhanden, da der Staatsaparat zu mächtig war und die Rahmenbedingungen, die existierendenden Mächte [UdSSR, WPO, DDR] gegenwärtig waren. Man hatte gelernt, in einer Doppelgesellschaft zu leben und entsprechende Überlebensstrategien zu entwickeln. Dazu gehörte eine spezifische ›Langzeitgewißheit‹, also die Erfahrungen aus dem historischen Untergrundkampf und die Ausprägung des polnischen Katholizismus, die Tradition der polnischen katholischen Kirche. Es kann folgende These formuliert werden: Je mehr die Macht des Staates abnahm, um so mehr kamen die tradierten Mechanismen zum Tragen und desto offenere Widerstandsformen entwickelten sich 1980/81. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Begriff ›Widerstand‹ eine positiv wertende Sprachregelung einer unterlegenen oder schwächeren Figuration darstellt. Mehr noch gilt für die Reklamierung des Begriffes bezüglich des ihr zugrunde liegenden Sachverhalts durch den heroischen Begriff ›Aufstand‹. Der Widerstandsbegriff impliziert also keineswegs eine historische Distanz. Charakteristisch war, daß gerade im Bildungssystem die 'Nationalutopien' bzw. der 'Nationsglaube' die Glorifizierung der Mechanismen, durch den Staatsapparat zur eigenen Legitimation benutzt wurde. Andererseits reklamierten die oppositionellen Intellektuellen diese ebenfalls für sich. Außerdem wurden sie vom polnischen Katholizismus instrumentalisiert. Das, was zur staatlichen kommunistischen Propaganda funktionalisiert werden sollte, kehrte sich gegen die neue Machtgruppe. Kennzeichnend für die oppositionellen Gruppen ist: Es wurden keine langfristigen Strategien entwickelt, keine Pläne für 'die Zeit danach'. Auf Fragen westlicher Gesprächspartner wurde in der Regel von den Befragten ausgewichen und oft eine ambivalente Auskunft gegeben. Auf die Frage, ob und inwieweit die Solidarnosc Pläne hatte, erfolgte in der Regel ein dem 'Jein' bzw. 'Sowohl-als-auch' entsprechende Antwort. Man bejahte verbal in z.T. affektiv besetzten Äußerungen, wich dann aber zumeist aus. Aus den Antworten konnte der Beobachter schließen, daß es es sich nicht darum handelte, Pläne zu verschleiern wollen - es gab sie nicht konkret. Eine Konsensfindung war unter den Bedingungen des gesellschaftspolitischen Kampfes nicht möglich gewesen. Die Staatsmacht nahm die Solidarnosc als Machtfaktor aber ernst und bekämpfte sie. Dieses wiederum stabilisierte sie. Die Reformvorstellungen der Solidarnosc wurden sofort nach Ausrufung des Kriegszustandes übernommen und als ›Reformen des Generals Jaruzelski‹132 deklariert. Im gegebenen Zusammenhang kann nicht vertiefend auf die Problematik der Definierbarkeit von Reformen bzw. die standortspezifische Wertsetzung eingegangen werden. Es wurde 1980 darunter zunächst nur ein prinzipieller in kleinen Schüben ablaufender Veränderungsprozeß verstanden. Zugleich definierten die Machtinnehabenden dieses als die Beibehaltung des Prinzips des Sozialismus und instrumentalisierten den Sachverhalt dadurch zur Stabilisierung ihrer Macht. Der Begriff muß von dem der Träger abgegrenzt werden, da die Gruppe der Träger breiter angelegt ist. Sie stellt die Basis der Gruppe, d.h. auch anderer Machtpartizipienten, in Verwaltung, Polizei und Armee. Auch Mitglieder des Sejm und des ZK gehörten dazu. Die Gruppe der Machtinnehabenden beschränkt sich auf den Kernbereich und ist etwa im Politbüro anzusiedeln. Sie ist mit ihm aber nicht deckungsgleich. Die Gegner verbanden damit die Machtabgabe der bisherigen Inhaber und die Übernahme durch sie selbst - zumindest die Machtpartizipation - sowie die Veränderung des ökonomischen Systems, nicht aber der Prinzipien des Sozialstaates.
Dem Reformflügel der Partei (z.B. Rakowski als
Vertreter der Funktionseliten, der aber ursprünglich als dezidierter Vertreter
der Intellektuellen Chefredakteur der Wochenzeitung POLITYKA war und Adamski
als Vertreter von in die Partei involvierten Intellektuellen) können
qualitative Reformansätze im Sinne einer langfristig angelegten Entwicklung
der Wirtschaft in Richtung auf eine soziale Marktwirtschaft und
parlamentarische Demokratie zuerkannt werden. W Der Prozeß der Umwandlung wurde durch den Kriegszustand eingeleitet - ein scheinbares Paradoxon. Dadurch besteht keine prinzipielle Diskrepanz in den achtziger Jahren, wohl aber bezüglich der Richtung im Sinne der Einführung marktwirtschaftlicher Elemente. Es handelte sich um einen Kampf der Eliten - überwiegend der Intelligenz - auf taktisch-strategischer Ebene um die Macht. Die Intellektuellen konnten zumeist unbehelligt arbeiten, allerdings um den Preis temporärer pragmatischer Anpassung. Kuron, Michnik und Modzelewski stellen eher Ausnahmen dar. Sie standen dem ›zweckrationalen Denken‹ fern, tendierten zu dem, von seiten derer, die sich selbst als Rationalisten begreifen, als ›Irrationalismus‹ bezeichnen. Sie handelten in der Regel höchst unpragmatisch. Sie nahmen langjährige Haftstrafen in Kauf. Jacek Kuron beschreibt dies in seinem autobiographisch angelegten Buch.137 Die wesentlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme sind nach wie vor nicht gelöst, z.B. die Auflösung der großen Kombinate. Das Bildungs- und Gesundheitssystem zerbricht seit 1990, die Umorganisation ist nicht abgeschlossen. Eine Stabilisierung der Versorgung der Gesamtbevölkerung ist noch nicht erfolgt. Die Frage der Reform bzw. der Reformierbarkeit ist der Wechselbeziehung untergeordnet zwischen ›Staatsräson‹, der Grenzgarantie bzw. der nationalen und staatlichen Unabhängigkeit, und der ›Staatsdoktrin‹, der politische Glaubensdoktrin der herrschenden Gruppe. Die Problematik kann im gegebenen Zusammenhang nur skizziert werden. 1.3. Spannungsfiguration und SpannungskonstellationEs kann von folgender These ausgegangen werden: Der Staatenbildungsprozeß in Polen hat eine paradigmatische Funktion für gesellschaftliches Verhalten.138 Ein Kernproblem ist die Rolle und Richtung von Fremdzwängen, die in Polen in spezifischer Weise dem staatlichen Monopol physischer Gewalt entsprach. Dieses staatliche Monopol unterliegt in horizontaler wie vertikaler Weise der Zuordnung zu zwei Ebenen: Horizontal auf einer Ebene durch die Teilung der Gesamtregion der früheren Rzeczpospolita in den neuen Machtzentren zugeordnete Teilregionen (1793 - 1919). Innerhalb eines Teilgebietes bedeutete dieses ein durch die Teilermächte angestrebte aber nicht vollständig durchsetzbare Machtmonopole. Die Umsetzung neuer Fremdzwänge durch Fremde gegenüber der Nation erfolgt in spezifischen Selbstzwängen. Die begrenzte Durchsetzbarkeit einer Machtmonopolisierung, die zugleich eine soziale Gegenkraft induziert, entstand sozusagen durch einen dem ursprünglichen Fremdzwang entgegengerichteten Zwang. Dieser verhinderte die monopole Machtbildung. Er bewirkte einen zunehmenden Versuch desselben durch Repressionsausübung (der Teilermächte) und in Wechselwirkung damit eine Gegenmachtbildung in der Gesellschaft. Der Selbstzwang der Nation äußert sich in der Abwehr des durch Nationsfremde hervorgerufenen Fremdzwanges. Dieser Abwehrmechanismus bildet sich auf der darunter liegenden Ebene, also vertikal dazu aus. Der Selbstzwang bezieht sich auf die eigene Gruppe: Die Richtung ist vorgegeben und wird in der Gesellschaft perpetuiert. Dadurch werden möglicherweise andere Richtungen z.B. im Vergleich zu westeuropäischen Habitusformen zur Ausbildung des Selbstzwanges in der eigenen Gesellschaft weniger ausgeprägt. In dieser Spannungskonstellation bildet sich somit neben dem abgelehnten und bekämpften Fremdzwang der akzeptierte innergesellschaftliche Zwang heraus. Er wird ausgeübt im Kontext mit Institutionen und Trägern des polnischen Katholizismus und ist vertikal zur Staatsmacht gerichtet. In der subjektiven Bewußtseinsebene ist er aber horizontal ausgerichtet. Insgesamt stellt er ein latentes Machtpotential als Selbstzwang dar. Als Ersatz für die nicht legalisierbare Machtrepräsentation entsteht die in der Nation moralisch legitimierte Machtrepräsentation. Die Anerkennung der Mitglieder der Gesamtfiguration Kirche, ihrer Akzeptanz der Kirchenhierarchie entspricht demzufolge nicht einer 'Volksfrömmigkeit' der Polnischen Nation per se oder einem Volkskirchencharakter sondern ist primär zu sehen im Zusammenhang mit dem gegen die Nation gerichteten Fremdzwang. Der Akzeptanz der nationseigenen Machtrepräsentanz entspricht ein nationseigener Selbstzwang. Die Gesamtheit der Problematik stellt eine Spannungskonstellation auf mehreren Ebenen dar. Dies gilt bis Anfang 1919. Der Versuch, den nunmehr entstandenen polnischen Staat - die Zweite Republik - als neuen nationsspezifischen und damit in der Gesellschaft akzeptierten Zwang zu verinnerlichen und in einen Selbstzwang umzusetzen gelingt nicht aufgrund des dafür erforderlichen langfristigen Prozesses. Der Staat wird zunächst von der Gesellschaft als notwendiges Ziel akzeptiert, weil er Ausdruck der Unabhängigkeit der Nation ist. Dies gilt aber nicht für die gesamte Gesellschaft, da der Prozeß der Herausbildung einer Staatsgesellschaft langfristig fortdauert. Letzteres stellt einen Scheinwiderspruch dar, der in der Wechselbeziehung zwischen Nation und Gesellschaft begründet liegt. Die Gleichzeitigkeit von nationaler Notwendigkeit der Existenz des Staates und seiner gesellschaftlichen Ablehnung - zumindest hoher Distanz - stellt eine Paradoxie dar, die kennzeichnend ist für die ›Doppelgesellschaft‹ Polens. Polnische Autoren betonen den Integrationsprozeß der polnischen Nation; dieses zumeist in ihrer kollektiv nach außen gerichteten zentrifugalen Abwehrkraft. Die im Binnensystem vorhandenen gegeneinander gerichteten Kräfte, die innergesellchaftliche Differenzierung - dessen Spannungsniveau insbesondere seit 1989 ansteigt - wird vernachlässigt. Znaniecki (1952) schreibt in seiner Einführung zu ›Modern Nationalities‹: »The history of the Poles from the Partition of Poland in 1795 up to 1919 not only seemed to disprove the doctrine, that a common state is indispensable for social unity, but also suggested that the idea advanced by those social philosophers who considered a common national culture to be a more lasting and influential bond of social solidarity than common governement, might prove to be scientifically valid theory. As a matter of fact many polish historians and sociologists accepted it. They used the term ›narod‹ to denote a socially solidarity [sic] collectivity united by a common national culture. The term has no equivalent in English, although the word nationallity approximates ist meaning.«139 Es kann als These formuliert werden, daß die Erhöhung dieses Spannungsniveaus letztlich die Ursache für das Aufbrechen der gesellschaftlichen Strukturen, die begonnene Veränderung ihrer Mechanismen seit 1980 darstellt. Das Potential dieser Spannung hat sich zweifellos seit 1989 qualitativ verändert, nicht aber reduziert, sondern verlagert. Der individuelle wie kollektive affektive Akzeptanzprozeß - die Umsetzung in einen Selbstzwang - dauert weiterhin an. Er stellt die realisierte Vision der Nationalutopie dar und ist damit mental akzeptiert. Er bedeutet zugleich eine neue reale Spannungskonfiguration, die eine langfristige Adaption bzw. einen lange andauernden Prozeß der Verinnerlichung darstellt. Man könnte unter Vorbehalt eine lange Phasenverschiebung gegenüber Westeuropa konstatieren, die etwa der Zeit der Fremdherschaft entspricht, und damit mehrere Generationen umfaßt. In der künftigen prozessualen Entwicklung stellt sich zweifellos angesichts der für den europäischen Integrationsprozeß erforderlichen Modernisierungansätze das Problem der gegen diesen gerichteten, in der Phase der Fremdmacht mental herausgebildete Antistaatlichkeit wenn nicht zur Übereinstimmung, so doch zu einer gewissen Anpassung zu bringen. Die Habitusformen der polnischen Gesellschaft haben im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert eine kontraproduktive Wirkung und sind gegenüber den erforderlichen Modernisierungsschüben im Zusammenhang mit der Zuwendung gegenüber der EG/EU dysfunktional. In diesem Zusammenhang: Tschechien und Ungarn waren seit ›Königgrätz‹ 1866, also im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in den Habsburger Staat ökonomisch integriert und trugen den Gesamtstaat mit. Die Eliten in Galizien hatte sich mit Wien relativ gut arrangiert. Partiell wurde dieses Arrangement in der polnischen Nation als gegenüber der Nationalutopie und dem Unabhängigkeitsziel konträr angesehen. Es mag ein typisches Problem darstellen: Die Zivilisierung der Monopolisten der physischen Gewalt140 stellt für Polen ein charakteristisches Problem dar. Polizei und Verwaltung als die Staatsmacht verkörpernde Institutionen bzw. die Polizei- und Verwaltungsbeamten sind in der Gesellschaft höchst suspekt und werden mit großen Vorbehalten ob ihrer Härte im Vorgehen betrachtet. Im polnischen Sprachgebrauch verwendet man für beide Gruppen - also auch den Mitarbeiter im Ordnungsamt - den Begriff ›Polizist‹. Man gab seinen Paß nach Rückkehr von einer Reise bei der ›Polizei‹ ab. Es hing oft vom Gutdünken des Polizisten ab, ob man den benötigten Paß rechtzeitig erhielt, manchmal nutzte auch ein dem Antragsformular beigefügter Geldschein. Es mag damit zusammenhängen, daß diese Hoheitsaufgaben traditionell verzahnt waren und von Uniformträgern staatlicher Macht, versehen mit den verhaßten kommunistischen Symbolen der Fremdherrschaft, in der Wahrnehmungsebene als identisch angesehen wurden. Zugleich stellten aber Polizei- und Verwaltungsbeamte als den Innen- bzw. Sicherheitsbehörden unterstellte Symbolträger staatlicher Macht die Repräsentanten des 'ungeliebten' und innerlich und sozial abgelehnten, kommunistisch beherrschten und damit wieder fremdbestimmten Staates dar. Diese Problemlage befindet sich auf einer Affektebene, der Wahrnehmung staatlicher Machtausübung einschließlich seiner als Schikanen empfundenen Akte staatlicher Machtausübung - auch wenn diese durch Subalterne ausgeübt wurden und individuell zu verantworten waren. Diese Mechanismen unterschieden sich damit nicht prinzipiell, sondern graduell von denen der früheren Fremdmächte. Eine prinzipiell notwendig differenzierende und durch Graduierungen zu definierende Betrachtung war aber durch die diese mental überlagernde Kampfvorstellung verdrängt worden. Das Gegensatzdenken hatte eine Schwarz/Weiß-Mentalität bzw. Entweder-oder-Denken hervorgerufen und beeinflußte dadurch permanent die Wahrnehmungs- und Empfindungsebenen. Die Wahrnehmung der Fremdmacht erfolgte u.a. durch die von der UdSSR übernommenen Symbole (z.B. der Dienstmütze der polnischen Soldaten sowie einiger Begriffe, z.B. dem der ›Miliz‹ (pln. Milicja). Der Bürger wurde zur Miliz bestellt.141 Er lehnte deren Träger, die Polizisten, zwar nicht als Vertreter der fremden Macht ab, aber als mit dieser verbunden. Ausdruck dessen waren z.B. die übernommenen Begriffe dieser Institution des Staates. Der Name wurde von der Solidarnosc-Regierung sehr schnell in ›Policja‹ (Polizei) geändert. Aus organisatorischen bzw. aus Kostengründen verbleiben aber bis auf weiteres die Kfz-Kennzeichen der Dienstfahrzeuge: MO. Entsprechendes gilt für die Geldscheine. Der 100-Zloty-Schein enthält (bis zum 31.12.1994) die Abbildung der von Ludwik Warynski, dem Gründer und Vorsitzenden der ersten (kommunistischen) Arbeiterpartei Polens (Sozialrevolutionäre), 1883 herausgegebenen Zeitung PROLETARYAT mit der Parole ›Proletarier aller Länder, vereinigt Euch‹. Man hat seit langer Zeit Verdrängungsmechanismen entwickelt, so daß diese Symbole nicht mehr als Bedrohung empfunden werden. Auf den größeren Geldscheinen sind historische, nationale Identität stiftende Personen abgebildet. Ein anderes Beispiel: Die tradierten Aufgaben der Polizei waren in der innergesellschaftlichen Wahrnehmung nachrangig. Beim Papstbesuch 1979 war es gerade Ausdruck der Kollektiverfahrung in der gesamten Bevölkerung, daß 'man' ohne die Polizei auskam. Die eigenen Ordner (z.B. Gemeindemitglieder) hatte alle Ordnungsaufgaben einschließlich der Verkehrsregelung im Bereich der Kundgebungen übernommen, was als entscheidender Faktor zur gemeinsamen Empfindung und psychischen Stärke beitrug. Die Symbole der Miliz und der Verwaltung wurden als gesellschaftliche Machtsymbole abgelehnt. Die Armee dagegen befand sich dagegen in ihrer Rolle im Kontext mit den Nationalutopien der erstrebten staatlichen Restitution. Sie war symbolischer Träger dieses Zieles. Charakteristisch war deshalb die prinzipielle Akzeptanz der Armee in der Bevölkerung. Die Armee hatte eine nationsspezifische bewußtseinsstiftende Wirkung und stellte eine überreale nationale Klammer dar. Die Menschen in Polen akzeptierten als Nation die Armee. Als Glieder der Gesellschaft akzeptierten die Menschen die Polizei nicht. Insgesamt stellt dies eine Spannungskonstellation im doppelten Sinne dar, die sich über Verdrängungs- und Abwehrmechanismen erklären läßt. Die Tötungsvorgänge bei den Arbeiteraktionen in Posen (1956), in Danzig/Gdingen (1970), der Grube Wujek/Kattowitz (1980) werden der Polizei angelastet bzw. den Sondereinheiten des Innenministeriums. Darüber hinaus entstanden Legenden, es habe sich um sowjetische Soldaten in polnischen Uniformen gehandelt, die mit ihren Panzern die Werkstore aufgebrochen haben. Die Polnische Armee blieb im Bewußtsein der Bevölkerung weitgehend 'moralisch sauber.' Es war also unerheblich, daß die Waffen der Uniformträger und Ihre Kampfuniformen, die das Symbol des polnischen Adlers trugen, identisch waren. In diesem Zusammenhang ist es am Rande von mentaler Bedeutung, daß die Armee ein wesentliches Symbol, die Konfederatka, wieder einführte, nachdem die von der SU erzwungene Einführung der russischen 'Tellermütze' als Kopfbedeckung für polnische Soldaten abgelehnt worden war. Es kann die These formuliert werden, daß die VR Polen bezüglich ihrer innergesellschaftlichen Interdependenzen keinen pazifizierten Staat darstellte. Dazu Elias: »Die Zivilisierung dieser Monopolisten der physischen Gewalt innerhalb eines Staates ist ein ungelöstes Problem. Gleichwohl hat die Existenz eines solchen institutionalisierten Monopols selbst auf der gegenwärtigen Stufe weitreichende Folgen für die gesamte Gestaltung menschlicher Beziehungen innerhalb eines Staates. Zum Beispiel: Die Produktion und Distribution von Gütern und Dienstleistungen, ... nimmt nur dort den Charakter ökonomischer Beziehungen an, wo Staatsorganisationen mit einem einigermaßen wirksamen Gewaltmonopol existieren, wo also, ... die Pazifizierung im Inneren einigermaßen weit fortgeschritten ist. Ohne ein solches Monopol läßt sich die Einhaltung von Verträgen nicht erzwingen; der Erwerb von Gütern durch Gewaltmittel, wie immer sie heißen mögen, ob Krieg, Plünderung, Piraterie oder Raub, wird ein recht normales Ereignis sein. In der Tat, die spezifischen Regelmäßigkeiten, ökonomischer Transaktionen, die den Gegenstand und die ›raison d'être‹ einer Wissenschaft der Ökonomie bilden, entstehen erst im Zusammenhang mit der Bildung intern pazifizierter Staaten, d.h. mit der Etablierung von einigermaßen wirksamen Gewaltmonopolen, die ein gewisses Maß an physischer Sicherheit in wirtschaftlichen Tauschbeziehungen - auch zwischen Staaten - garantieren. Die Entstehung von Staatsmonopolen physischer Gewalt ist ihrerseits funktional interdependent mit ökonomischen Entwicklungen wie der gesellschaftlichen Kapitalbildung und der wachsenden Arbeitsteilung. Staatenbildungsprozesse und wirtschaftliche Prozesse ..., Prozesse der sozialen Integration und der sozialen Differenzierung sind funktional interdependent, aber die einen sind nicht auf die anderen reduzierbar.«142 Die loyale Mitarbeit im Staat entsprach einer tradierten, pragmatischen Handlungsweise. Das Herrschaftssystem wird (zumindest) von dem Betroffenen und durch ihn selbst als gegeben und nicht veränderbar angesehen. Die stereotype Entgegnung gegen Vorwürfe der Unterstützung des ungeliebten bzw. verhaßten Systems oder gar der Kollaboration war denn auch: ›Man wollte Schlimmeres verhindern‹; ›man hatte keine andere Wahl‹, ‹man hat seine Pflicht getan‹. Stabilisieren war dabei die Wechselwirkung zur Kirche. Es ist ein Doppelverhalten konstatierbar. Die wesentliche Rolle des Staates in modernen Industriegesellschaften konnte vom polnischen Staat der Nachkriegszeit nur begrenzt übernommen und eingehalten werden. Ihre Durchsetzung in der großen Spannungsfiguration der polnischen Gesellschaft war nicht möglich. Jegliche staatliche Maßnahme wurde nur temporär aufgrund vorhandenen und vergegenwärtigten Zwanges akzeptiert. Die subjektive Fähigkeit, den Grad der Spannung zu verdrängen, herabzusetzen, zu konterkarieren, die Situation insgesamt aber zu ertragen, ist davon unabhängig. Der Grad der Spannung vergrößerte sich zunehmend. Eine teilweise Entlastung erfolgte in wenigen Beispielen. Insgesamt erhöhte sich die Spannung. Eine Reduktion durch Kompensationen war faktisch nicht möglich. Die permanent steigende Spannung in der gesamten Gesellschaft und die Nichtüberwindung des Machtpotentials der Gegenmacht führte zu gesellschaftlicher Agonie143 und dadurch zur Hemmung, oder gar Paralysierung moderner gesellschaftlich notwendiger Prozesse. Für die Menschen in Polen bildeten sich die unreflektiert und verklärt wahrgenommenen Vorbilder Amerika und die Bundsrepublik heraus. Die Kommunisten waren sich offensichtlich der Problematik bewußt. Sie versuchten, den Nationsbegriff zu okkupieren, zu adaptieren und für ihren Gesellschafts- und Volksbegriff zu instrumentalisieren (umzufunktionalisieren). Als wesentliches Symbol wurde 1990 der kommunistische Begriff Volksrepublik wieder durch Republik ersetzt. 1.4. Nation und Staatsbildungsprozeß1.4.1. Die TeilungszeitFür Polen bedeutete die Verfassung des 3. Mai 1791 einen entscheidenden Schritt in Richtung auf die moderne Staatsbildung. Dies geschah in der Endphase eines spezifischen Demokratisierungsprozesses in der Szlachta. Liberum Veto und Konföderationsrecht bedeuteten einen Schub in Richtung Dezentralisierung. Zugleich beinhaltete dies eine gesellschaftliche Pazifizierung, aber auch eine Loyalitätsproblematik. Es handelte sich um Konkurrenzloyalitäten zwischen verschiedenen Personen oder Figurationen und die minimale Loyalität gegenüber dem (gewählten) König. Eine Zentralmacht war faktisch seit dem Ende des 16. Jahrhunderts nicht vorhanden. Die Verwaltung erfolgte dezentral auf der Ebene der Woiwodschaften.144 Ein wesentliches Merkmal war einerseits die moralische Nichtdiskreditierung des Kampfes gegeneinander. Andererseits bedeutete es zugleich die Verringerung von Kämpfen aufgrund gegenseitiger Austarierung der Machtbalancen.145 Die Herausbildung eines Staates, der über das Steuererhebungsmonopol sowie das innere und äußere Gewaltmonopol verfügte, war in der Rzeczpospolita, die als Staat eine Großfiguration der Szlachta auf höhrer Ebene darstellte, nicht erreicht worden. Über die Verfassung des 3. Mai 1791 sollte ein wesentlicher Schritt in Richtung auf einen modernen Staat erreicht werden. Das Selbstverständnis der Rzeczpospolita bis zur Verfassung des 3. Mai 1791 kann als Paradigma des Staatsbildungspozesses gelten. Die als Aufstand, Guerilla- oder Untergrundkampf (ab 1793) zu kennzeichnende Gegenbewegung, die Mittel des physischen Kampfes anwendete, hatte die Funktion eines Nationserhaltungs- sowie zugleich eines Nationsbildungsprozesses. Darin eingeschlossen war der Staatsbildungsprozeß im Untergrund - in dieser Ausprägung ein europäisches Spezifikum. Voraussetzung war dabei: Die alten Machtträger waren in relativ hohem Maße entmachtet. Das Funktionsprinzip der Rzeczpospolita war durch die Teilung, d.h. die Oktroyierung der Fremdherrschaft und deren absolutistisches bzw. autoritäres System aufgehoben. Die Phase der staatlichen Nichtexistenz Polens stellt eine permanente Überlagerung eines Staats und Nationsbildungsprozeß dar. Letzteres deshalb, weil er auf der Basis einer als abgeschlossen definierten Nation beruht und jetzt eine Neuentwicklung in der Großfiguration der polnischen Gesellschaft abläuft unter Einschluß der Bauern, des städtischen Bürgertums und der jüdischen Bevölkerung. In dieser Schwächephase der alten Macht- und Funktionseliten hatten polnische Rationalisten146, also auch die für die russische Teilermacht tätigen Funktionsträger, eine Chance, innerhalb der Verwaltung dieses Teilungsgebietes bis zur Napoleonischen Herrschaft Reformen z.B. im Bildungsbereich durchzusetzen. Dies galt auch für die Zeit des auf dem Wiener Kongreß gebildeten Königreiches Polen. Es ist dabei die besondere Rolle der alten Machteliten hervorzuheben. Diese wurde von Napoleon in seinen Kampf gegen die anderen europäischen Mächte einbezogen. Sie kämpften für das Ziel der Restitution der Rzeczpospolita Polska. Dieses stellte zugleich ideologisch als Vision einen Kampf für die Nation dar. Das bedeutet z.B., daß der Kampf Jozef Poniatowskis147 und seiner Soldaten definiert werden konnte im Sinne der Nationsdoktrin. Diese ideologische Vorgabe im Sinne der Nationalutopie wird in Polen nicht als solche eingeschätzt. Letztlich kämpfte er für die Restitution der Adelsrepublik in ihrer feudalen Struktur. Formuliert wurde es als Kampf für die Nation. Damit war das eigentliche - konkrete Ziel des Adels - nicht definitionsbedürftig, zumindest nicht zum damaligen Zeitpunkt. Das visionäre Ziel, der Kampf für die Unabhängigkeit bzw. den Erhalt Nation, war übergeordnet. Breton und Kwaszniewicz weisen auf die Bedeutung von Symbolen, insbesondere von Trägersymbolen für die Helden, d.h. die Opfer der Aufstände im 19. Jahrhundert und ihre Folgewirkung im Zusammenhang mit der Integration in die kanadische Gesellschaft.148 In diesem Zusammenhang könnte auch die Einbeziehung bisher nicht anerkannter Figurationen,149 wie z.B. der Bauern, des städtischen Bürgertums, der kleinen Handwerker oder der Juden erfolgen. Ihre Einbeziehung erfolgte pragmatisch angesichts der Schwäche der alten Machtelite, im Sinne der Optimierung des Machtpotentials im Kampfe. Als Beispiele gelten der Kosciuszko-Aufstand zwischen der Zweiten und Dritten Teilung, die Teilnahme in der napoleonischen Legion und die Aufstände des 19. Jahrhunderts. Eine Abstimmung oder Konkretisierung des Zieles durch die Aufständischen erfolgte vorher generell nicht. Der gebildete Staat der Aufständischen erforderte aus Gründen der Machtausübung während der aktiven Kämpfe die Benennung eines Diktators.150 Seine primäre Aufgabe war die Verantwortung für die Logistik in der Kampfführung. Es gab auch eindeutig Ansätze zur Neuorganisation der Verwaltung. Andererseits ist die 'innere Frage' in einer solchen Phase der Gewaltausübung nachrangig. Schriftsteller wie z.B. Zeromski oder Kruczkowski151 stellen auch die Frage nach dem danach. Sie deuten aber auch die Tragik an, daß gerade die Gesellschaftsreform, bzw. die Neuregulierung der Machtverteilung bewußt ausgeklammert und dem primären Kampfziel untergeordnet wird. 1.4.2 Die ZwischenkriegszeitDie polnische Nation stellt gegenüber der deutschen eine relativ 'alte' Nation152 dar. Sie ist aber nicht zu vergleichen mit der Nation, wie sie sich begreift in ihrem Ende des 19. Jahrhunderts bzw. mit dem Ersten Weltkrieg zwar nicht abgeschlossenen aber verdichteten Nationsbildungsprozeß. Die polnische Nation bleibt bis 1919 eine Zielvorstellung. Es handelte sich um die Vision von einer polnischen Nationsbildung, die nicht unter den Bedingungen ethnischer und staatlicher Einheit stattfinden könnte. Der Nationsbegriff befindet sich dadurch über der gesellschaftlichen Realität. Die polnische Gesellschaft der Zwischenkriegszeit kann ebenfalls bei weitem nicht den Anspruch auf Zusammenwachsen einer Nation erfüllen. Die staatliche Einheit war nach dem Frieden von Riga 1921 und der Grenzfestlegung in Schlesien und Masuren (Ostpreußen) zwar gegeben, die Gesellschaft dieser Republik Polen war aber multikulturell, multiethnisch, multireligiös und mehrsprachlich. Andererseits wurde der Versuch unternommen, über nationale Symbole Ansätze einer Nationalstaatsbildung in einer relativ kurzen Zeitspanne zu vollziehen. Dieser Versuch einer beschleunigten Zivilisierung wurde unter erheblichen Schwierigkeiten begonnen. Gekennzeichnet war der Prozeß durch die Vereinheitlichung der Sprache153 und der Schaffung nationalpolnisch dominierter und kontrollierter Machtorgane. Die Polnische Nation entwickelte sich von einer hyperrealen Vision zum in sich hoch differenzierten Staatsvolk, das gegenüber der ethnisch-sprachlichen Minderheit von ca: einem Drittel (Deutsche,154 Juden, Ukrainer und kleinere Gruppen) eine zunehmend dominierende Rolle einnahm. Die Kommunisten knüpften nach 1944 an diese diffizile Problemlage an. Nach dem machtspezifischen Paradigmenwechsel konnten sie in dem bisherigen Figurationsgeflecht mehrerer Ebenen Neudefinitionen vornehmen. 1.4.3 Die Volksrepublik PolenDie Kommunisten verstanden sich als Sachwalter der Nation und definierten aufgrund ihres Machtvermögens den neue Staat. Sie übernahmen die wesentlichen Symbole der Vorkriegsrepublik Polen als historische nationale Symbole der Rzeczpospolita. Die Farben Weiß-Rot, der weiße Adler155 wie auch die Nationalhymne ›Noch ist Polen nicht verloren‹156 standen nie mehr zur Disposition. In der Volksrepublik Polen dominierten der Volksbegriff ›lud‹ und der Staaatsbegriff (als Staatsname PRL) über dem Nationsbegriff ›narod‹. Diesen benutzte man zumeist adjektivisch, z.B. ›Bank Narodowy‹. Letzteres ist aber ein historischer Begriff aus der Vorkriegszeit gewesen. Vor allem ist der Bedeutungswandel des Begriffes ›narod‹ in Richtung auf Volk zu beachten. Der visionäre ursprünglich auf die Szlachta bezogene Begriff der Nation entwickelte sich zu einem von den Kommunisten gewollten Volksbegriff. Dieser Bedeutungs- und Funktionswandel, der von zunehmendem innergesellschaftlichen Widerstand begleitet wurde, erfolgte u.a. auf der Propagandaebene. Man knüpfte alte Symbole als Mittel neuer sozialer Differenzierung an. Diese Legitimation des von den Kommunisten gestellten Anspruches über den von ihnen dominierten Staat bzw. den Staatsapparat für das Volk zu sprechen, es zu beherrschen, wurde zunehmend in Frage gestellt. Dieser Prozeß verlief zeitlich konform mit der Erosion der Macht sowie der Erschwerung der Machtausübung. Eine bedeutende Phase stellte das Jahr 1980 dar. Die Zeit ab der Ausrufung des Kriegszustandes am 13.12.1981 war nur der bittere Abklang, die endgültige Phase des Erosionsprozesses kommunistischer Machtausübung über die Machtzirkel der PVAP. Staat und Gesellschaft blieben mit ihren Problemen. Die Rollen der Machtinnehabenden werden verdeckt, eine Phase langer Machtkämpfe begann. Der Zivilisationsprozeß begann nunmehr unter demokratischer Legitimation. Die Entwicklung zur Rechtsstaatlichkeit wurde mit der Entstalinisierung der Verfassung in den achtziger Jahren begonnen. Eine neue Paradigmensetzung wird mit der endgültigen Verfassungsreform erfolgen. Bisher gibt es nur die ›kleine‹ Verfassung. These: Der Staat wird in Polen generell als etwas Fremdes und zugleich Nationsfeindliches empfunden. 1.5. Die postkommunistische ÄraDie Frage nach der Nation stellt sich in den 90er Jahren ganz neu. Ihre Symbole werden nach wie vor in hohem Maße benutzt. Die entscheidende Veränderungen, z.T. auch nur Variationen, erfolgten in der Verlagerung zu polnisch-katholischen Symbolen. Es handelt sich vermutlich nur um eine geringfügig veränderte Akzentsetzung und keinen Paradigmenwechsel. Der Wandel hat, z.B. betreffend des Anbringens von Kreuzen in den Schulen lange vorher begonnen. Durch den Paradigmenwechsel gesellschaftlicher Veränderungen wurde der industriegesellschaftlich bestimmte innere Adaptionsprozeß157 zur Staatsnation konterkariert. Zwar ist die Staatsnation ethnisch weitgehend homogenisiert, nicht aber konsolidiert. Die sich zu den Trägern der alten Nation zählenden akzeptieren die neuen nicht. Gleichwohl verläuft ein Prozeß der Hinwendung zur Staatsgesellschaft unter Anerkennung der Nation als Klammer. Die Minderheiten sind im Verhältnis zu anderen europäischen Staaten relativ klein158 - ausgenommen in Schlesien; dort liegt aber eine spezifisch historische Situation vor, vor allem die Selbstidentifikation nach pragmatischen Gesichtspunkten.159 Die Vision der polnischen Nation hat ihre bisherige Funktion verloren. Somit ist der Anspruch auf Verwirklichung der Nationalutopie verschwunden. Er hat sich selbst aufgehoben. Damit ist die Nationalutopie in ihrem wesentlichen Begründungszusammenhang ihrer Funktion enthoben. Eine ganz andere Frage auf anderer neuer Ebene ist die Bestimmung neuer Funktionen veränderter nationalutopischer Vorstellungen. Eine neue Bedeutung kann sie auch erlangen im Konsolidierungsprozeß Zivilisierung der Gesellschaft in der Republik Polen. Die Regression auf historische Mythen und Symbole schließt Nationalutopien160 ein und macht diese gegebenenfalls sogar notwendig. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit dem Bedeutungsverlust des Katholizismus und dem Machtverlust der katholischen Kirche in Polen. Die Dynamik der Gleichgewichtsbeziehung Katholizismus - Kirche zur modernen Gesellschaft und dem Staat ist gegenwärtig noch nicht eingependelt. Wachsender Anspruch und sinkende Bedeutung sind (noch) austariert. Zu beobachten ist aber, daß sowohl die nationalpolnischen als auch die national-katholischen Kräfte auf tradierte Symbole zurückgreifen. Soziale Resignation und Perspektivlosigkeit, Auswanderungswünsche usw. lassen bewußtseinsmäßig Katholizismus und Nationsbedeutung verblassen. Dies belegt indirekt, daß die Nation funktionalisiert worden war. Im Verdrängungsprozeß erfolgt ein Austausch gegen westliche Attribute, wie z.B. Konsumismus161 und höhere Ansprüche an die Lebensqualität. Der Verweltlichungsprozeß schreitet fort. Er war bereits zuvor in hohem Maße ein funktionsbestimmtes äußerliches Instrument gewesen. Die funktionalen Voraussetzungen sind entfallen und somit sind die beschriebenen oder beklagten Gegenwartsparadigmen nur real hervorgetreten - sie waren vorher überdeckt und überlagert. Die Identifikationsmuster für im Lande wie außerhalb des Landes lebende Polen sind bezüglich ihrer Umsetzung nur wenig erforscht.162 Es kann die Hypothese formuliert werden, daß eine gewisse Vergleichbarkeit besteht mit anderen Völkern ensprechend deren spezifischer soziohistorischer Bedingungen: Griechen, Italienern, Serben, Kroaten etc. 1.6. Beispiele für nationsspezifisches VerhaltenDer polnische Nationalstolz schließt ein, stets gute Soldaten gewesen zu sein und gute Soldaten zu haben und 'mit der Waffe in der Hand gekämpft zu haben'. Eine solche Äußerung machte z.B. Waldemar Gastpary. Auf die Frage nach den Möglichkeiten der Wehrdienstverweigerung in Polen, äußerte er sich unter Bezugnahme auf die polnische Geschichte sehr zurückhaltend und für die jungen westdeutschen Gesprächspartner recht unerwartet. Dieser ehemalige Häftling des KZ Dachau, der in den siebziger Jahren polnischerseits wesentlich am deutsch-polnischen Versöhnungsprozeß mitgewirkt hatte und vor den jungen engagierten Gesprächspartnern aus innerer Überzeugung für Frieden und Versöhnung zwischen den beiden Volkern warb, argumentierte abschließend mit der Bitte um Verständnis, denn „wir Polen haben für unsere Freiheit immer mit der Waffe in der Hand kämpfen müssen.“163
In Polen wurde während der Solidarnosc-Zeit in
hohem Maße nationaler Pathos instrumentalisiert. Alle Kämpfe des Zweiten
Weltkrieges, an denen polnische Soldaten teilgenommen haben, werden weiterhin
glorifiziert und damit funktionalisiert. Die Erfolge waren zugleich große Opfer
gewesen. Man könnte es am Beispiel des Kampfes um Monte-Cassino darstellen. Der
Historiker Tadeusz Cieslak, formulierte es etwa so: „Die Polen brannten darauf,
in Monte Cassino (unter dem Kommando von General W Ein anderes Beispiel: Das V. Liceum in Posen feierte 1988 eine Bootstaufe. Ein Segelboot war erworben worden, das für ein Ferienlager an den Masurischen Seen vorgesehen war. Bei dieser Bootstaufe inszenierte die Theatergruppe der Schule innerhalb einer sehr traditionell und würdig gestalteten Feierstunde mit Chopin-Musik ein Zwiegespräch mit der Besatzung dieses Segelbootes und den ertrunkenen Matrosen des polnischen U-Bootes Orzel.165 Im nationalpolnischen Sinne sind die Beispiele als edel und heroisch zu interpretieren. Bezüglich der Industriegesellschaft und weiteren Modernisierungsprozessen sind sie anachronistisch. Die Menschen in Polen haben sich auf diese Weise aber als Großfiguration durch den - nicht abgeschlossenen Prozeß - der Bildung der Gesamtnation behauptet, so die kollektive Meinung. Die Mittelschichten in Polen sind in erheblichem Maße durch Migranten (aus West- und Südeuropa) gebildet und definiert worden. Der berufliche Erfolg der Angehörigen der Mittelschichten soll mit Hilfe der Symbole des Adels erreicht werden. Man kauft sich vom Trödler ein altes Bild von einem Adligen und weist darauf hin, es sei sein Urahn. Inwieweit die Nationalutopien und die Kämpfe um Unabhängigkeit ›Sozialneurosen‹ darstellen, kann im gg. Zusammenhang nicht untersucht werden. In der polnischen Gesellschaft - auch in der Wissenschaft - ist diese Problematik tabu. These: der Verlust der Unabhängigkeit und damit die Beeinträchtigung der sozialen Identität hat einen Machtverlust zur Folge. Dieses gilt insbesondere für die Männer. Für sie stellt es einen Verlust der Möglichkeit dar, Funktionen in Staat und Militär etc. einzunehmen. Dadurch erfolgt ein Verlust innerfamilialer Machtquellen.
1.7. Verhältnis Adel - Bauern zur Nation:
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