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Lothar Nettelmann
Polnische Intellektuelle und
Arbeiter 1980/81
(Dissertation 1996)
Im Jahre 1975 habe ich das erste Mal Polen auf
einer Studienreise besucht. Interessiert hatte mich bereits in den sechziger
Jahren die damals so definierte ›Reformpolitik‹ in Ungarn, sowie der ›Prager
Frühling‹. Die Situation 1968 in Polen, die Aktionen der Studenten in Warschau,
ihre gewaltsame Unterdrückung, wie auch die antisemitischen Erscheinungen in
diesem Jahr, wurden in Westdeutschland kaum wahrgenommen. Die Ereignisse
gegen Ende des Jahres 1970 in Danzig und Gdingen, die Ablösung Gomulkas,
verbunden mit der Machtreduktion des nationalkommunistischen Flügels, der
Beginn der Ära Gierek, all dieses wurde nicht als Beginn einer Vorphase
entscheidender Veränderungen begriffen.
In der deutschen Sicht dominierte die Ostpolitik
in ihrer innen- und gesellschaftspolitischen Wirkung. Die westdeutsche
Gesellschaft erfuhr ihre vorerst letzte große politische Auseinandersetzung.
Sie endete mit dem ›Rentenabkommen‹ 1976. Die Kontakte zwischen Helmut Schmidt
und Edward Gierek hatten in der Presse ein gutes Echo. Der zunehmende Osthandel
stabilisierte die Konjunktur in der Bundesrepublik.
Nach 1975 verlief die eigene Entwicklung zunächst
ungesteuert und intuitiv, aber mit bewusster Orientierung. Es folgten
Studienfahrten 1977 und 1979. Im April 1979 wurde die Deutsch-Polnische
Gesellschaft Hannover gegründet. Sie ist seitdem die entscheidende
organisatorische Basis für mein nach Polen hin orientiertes
gesellschaftliches Engagement und meine ehrenamtliche Tätigkeit.
Die Verarbeitung der eigenen Wahrnehmungen riefen
das Bedürfnis hervor nach permanenter Ergänzung und Vertiefung des Wissens um
unseren östlichen Nachbarn, dem in deutschem Namen großes Leid zugefügt worden
ist und mit dem uns Deutsche unendlich viel verbindet. Ich habe das Land kein
einziges Mal besucht, ohne feststellen zu müssen, dass sich nicht jedes Mal
qualitativ neue Eindrücke und ergänzende Erkenntnisse ergaben. Das Wissen um
dieses Land und seine Menschen wurde stets nicht nur größer und
differenzierter, es eröffneten sich jeweils unerwartet neue Perspektiven. Die
Frage, wie wir Deutsche, insbesondere die Nachkriegsgeneration, ›Normalisierung‹
herbeiführen und ›Aussöhnung‹ praktizieren könnten, um damit im Sinne des
Europagedankens zur Völkerverständigung beizutragen, gab die Ebenen der
Beschäftigung vor.
Im Sinne der kulturellen Betätigung boten sich
Ausstellungen polnischer Künstler sowie Konzerte an. Bildungsspezifisch
ergaben sich Vorträge polnischer und deutscher Experten sowie weitere
Studienreisen. Die Vorbereitung der Teilnehmer, bald auch anderer Gruppen, die
das ›erste Mal‹ fahren wollten, erforderte die zunehmende Beschäftigung mit der
Geschichte und Lebensweise der Menschen, mit Wirtschaft und Geographie und nach
und nach auch mit der polnischen Literatur. Damit verbunden ergab sich eine
zunehmende fachdidaktische Tätigkeit.
Die Durchführung eines Schüleraustausches begann
mit ersten Kontaktaufnahmen in der Phase von 1977, als die polnischen
Gesprächspartner noch sehr positive Bilder ihrer wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Situation zeichneten.
Es folgte das deutliche Sichtbarwerden der
Anzeichen der Krise in der polnischen Volkswirtschaft im Jahre 1979. Sehr bald
wurde die Krise der gesamten Gesellschaft offenbar. Sie mündete in die Dynamik
der Ereignisse der Jahre 1980/81. Mit der Gründung der ersten freien und
unabhängigen Gewerkschaft in einem kommunistisch regierten Land - der
›Solidarnosc‹ - begann der Weg in eine völlig neue Epoche. Er war für alle
Menschen verbunden mit einer als völlig neu empfundenen Situation. Neben der
Euphorie stand die Bedrohung durch das Ungewisse. Die Ausrufung des
Kriegszustandes am 13. Dezember 1981 führte zu einer bedrückenden
Zwischenphase. Sie zwang viele Menschen - in Polen wie auch in Deutschland - zu
Gewissensentscheidungen.
Das karitative Engagement vieler Menschen in der
Bundesrepublik hatte im Verlauf des Jahres 1981 begonnen nach Bekanntwerden
erheblicher gravierender Versorgungsmängel, insbesondere im medizinischen
Sektor. Es milderte den Zusammenbruch der Wirtschaft im äußerst schwierigen Jahr
1982. Die Menschen in Polen erinnerten sich an das Sprichwort: »Freunde erkennt
man in der Not«.
Nach Suspendierung des Kriegszustandes 1983,
durften die Schülerinnen und Schüler des V. Lyzeums in Poznan endlich nach
Hannover kommen. Die Entscheidung darüber war zu einem Politikum geworden.
In dieser Zeit entstanden die ersten eigenen Publikationen. Alles war
gekennzeichnet von einer freundschaftlichen und kollegialen Zusammenarbeit
zwischen Deutschen und Polen. Basis war dabei die enge kollegiale Arbeit in der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover und der UNESCO-Projekt-Schule am
Maschsee, der Bismarckschule, sowie mit den im Laufe der Jahre gewonnenen
polnischen Kollegen und Freunden.
Persönlich möchte ich an dieser Stelle unter
meinen deutschen Freunden insbesondere dem Historiker und Publizisten F.E.O.
Jagemann-Jerzykiewicz danken, der wissenschaftliche Distanz mit einem hohen
Engagement verbindet und eine binationale deutsch-polnische Identität verkörpert
sowie Gerhard Voigt, mit dem mich seit den siebziger Jahren ebenfalls eine enge
kollegiale Zusammenarbeit auf fachdidaktische und wissenschaftlicher Basis
verbindet.
Stellvertretend für die vielen polnischen
Freunden, die mit fundiertem, engagiertem sowie kritischem Rat zur Seite
standen, möchte ich nennen: Jerzy Centkowski, Marek Dutkowski und Bronislaw
Kortus. Mitarbeiter des ›Instytut Zachodni‹, Poznan, haben mein Wissen über
Politik und Gesellschaft Polens vertieft. Die Einschätzung der polnischen
Volkswirtschaft wurde durch Jerzy Kleer und Jerzy Toeplitz beeinflusst. Die
polnischen Wissenschaftler gaben trotz ihrer spezifischen Involviertheit seit
den siebziger Jahren Beispiel für Wissenschaftlichkeit und kooperatives
Verhalten. Für mühevolles Dolmetschen und Übersetzen danke ich neben vielen
polnischen Freunden vor allem Maja Kempa und Barbara Kortus.
Nachdem der Schwerpunkt der eigenen Tätigkeit bis
zum Ende der achtziger Jahre überwiegend in den Bereichen der
Politikwissenschaft, Geschichte und Ökonomie lag, verlagerte sich für mich
Dank der Anregung von Peter R. Gleichmann der eigene Ansatz in das
soziologische Denken, insbesondere in die gesellschaftshistorische Dimension.
Zivilisations- und machttheoretische Betrachtungen flossen zunehmend ein.
Sie ergänzten und überlagerten das bisherige Denken und stellten dabei
vertraute Denkweisen in Frage. Das an Reformen orientierte politische Denken,
das durch Stichworte wie ›gesellschaftlicher Ausgleich‹ und
›Staatsintervention‹ verbunden mit ›ökonomischer Rationalität‹
gekennzeichnet werden kann, verlagerte sich in die Deskription der
Wahrnehmungen von Gegenwartserscheinungen sowie zur Zuordnung historisch
ableitbarer Interdependenzen und Synthesebildungen. Die Reflexion der
eigenen Involviertheit wie auch die Bewusstwerdung der Distanz war verbunden
mit der Beschäftigung mit den Schriften von Norbert Elias. Im Nachhinein
werden zunehmend die Schübe der eigenen Entwicklung transparent.
Ermutigend wirkten am Anfang die begleitenden
Gespräche mit Władysław Markiewicz. Sie wurden ergänzt durch Gespräche mit
Wissenschaftlern in Posen, Danzig, Warschau und Krakau. Mündliche Diskurse
nahmen - der Tradition polnischer Intellektueller entsprechend - einen hohen
Raum ein und erwiesen sich als Voraussetzungen für Reflexionen. Kritische
Distanz bis hin zu intellektueller Gegnerschaft begünstigten die Darstellung und
Analyse der Zusammenhänge wie auch die Synthesebildung.
Als sehr fruchtbar haben sich seit dem Ende der
siebziger Jahre Abendgespräche nach Diskussionsveranstaltungen erwiesen, z.B.
nach Veranstaltungen der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover, aber auch in
Bildungseinrichtungen wie Vlotho, Hustedt oder Sonnenberg. Diese Gespräche in
intellektuellem wie allgemein interessiertem Milieu sowie auch die vielen
Diskussionen in Privatwohnungen in Polen oder Deutschland zeichneten sich durch
ausgesprochene Offenheit, Freundschaftlichkeit, Herzlichkeit und
Kollegialität aus. Sehr positiv haben sich auch die Deutsch-Polnischen
Kongresse erwiesen, die seit 1992 in Berlin, Stettin, Wolfsburg und
Bielsko-Biala abgehalten worden sind.
Die polnischen Freunde, Kollegen und
Wissenschaftler zeichnen sich durch ein ausgeprägtes
nationsgeschichtliches Wissen aus sowie ein spezifisches Reflexions- und
Wahrnehmungsvermögen. Man bemerkt in Gesprächen, dass sie oft über Wissen
verfügen, das auf mündlichen Überlieferungen beruht. Dies gilt auch für
Vorlesungen und Seminare an der Universität. Die Professoren zitieren ihrerseits
mündlich weitergegebene Informationen. Das schriftliche Wissen wird dagegen in
der Regel zurückhaltend formuliert und publiziert. Eine Ausnahme machten bis
1981 propagandistische Schriften. Diese waren aber ohnehin suspekt und hatten in
der gesellschaftspolitisch relevanten Diskussion keine Bedeutung.
Diskussionen bewegten sich oft auf einer
Meta-Ebene zwischen Konkretion und nicht eindeutiger Formulierung des Zieles.
Sie erweckten lange Zeit den Eindruck, dass sie einen Ersatz für nicht
realisierbare Reformschritte darstellten. Zugleich waren sie Ausdruck der
Unmöglichkeit zur Erarbeitung konkreter Modelle von ›Reformen‹. Die mündliche
Übermittlung von Informationen, die Entwicklung von Hypothesen, Abfassung von
Thesen hat nach wie vor in Polen einen hohen Stellenwert.
Organisatorische und methodische Fragen wurden
nahezu ausschließlich mündlich übermittelt. Briefe zum Zwecke von Absprachen
über Termine sowie konkreten Meinungs- und Erfahrungsaustausch wurden, wenn
der Adressat dem Verfasser nicht persönlich gut bekannt war, nicht
beantwortet. Antworten erfolgten nur auf sehr gute Empfehlungen hin oder nach
telefonischer Kontaktaufnahme. Die Kontakte wurden stets über Freunde und
Bekannte hergestellt.
Für die unermüdliche und geduldige Hilfe bei der
Literaturbeschaffung, dem Lesen, Korrigieren und Ausformulieren danke ich
meiner Frau. Ohne ihr Verständnis hätte dieses Projekt nicht durchgeführt
werden können.
Die vorliegende Ausgabe basiert auf der unter dem
Titel ›Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81. Handlungsmotive als
Ausdruck einer nationsspezifischen Habitusentwicklung. Eine Darstellung der
Besonderheiten im Staatsbildungsprozess Polens‹ verfassten Arbeit. Sie wurde von
der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften als Dissertation angenommen.
Die vorliegende Fassung wurde durchgesehen und ergänzt durch Einfügung des
Kapitels: VIII. (neu): ›Thesen zum Prozess der Zivilisierung in Mitteleuropa am
Beispiel der polnischen Gesellschaft‹.
Ergänzende ›Schlußbetrachtungen‹ wurden dem Kapitel IX. (neu) ›Auswertung‹
hinzugefügt.
Ich möchte insbesondere meine polnischen Freunde
um kritisches Lesen bitten, damit der Diskurs fortgeführt wird, die Komplexität,
hohe Differenziertheit und mannigfache Interdependenz der mitteleuropäischen
Gesellschaften zu erforschen und theoretisch abzubilden.
Hannover-Gehrden im Februar 1997
Die achtziger und neunziger Jahre haben in
Mitteleuropa bisherige Selbstverständlichkeiten und Organisationskriterien
radikal in Frage gestellt, die Politik- und Gesellschaftswissenschaften in
ihrer prognostischen Kompetenz verunsichert oder widerlegt und die
Notwendigkeit eines politischen und ökonomischen Paradigmenwechsels deutlich
gemacht. Mit wachem und am Konkreten und Exemplarischen orientierten Blick
müssen nun die neuen Situationen Europas neu begutachtet werden, müssen die
Prozesse, Kontinuitäten, Bruchlinien, Einschnitte und Orte erkannt und
verstanden werden, die heute den veränderten Kontinent prägen und deren
Verständnis Voraussetzung ist für die in Frage stehende Zukunftsfähigkeit
unserer Gesellschaft.
Ein exemplarischer Ort des Wandels ist Polen,
gekennzeichnet durch zwei politisch-gesellschaftliche Einschnitte, die Europa
verändert haben: die Ära der Solidarnosc 1980/81 und der grundlegende
Transformationsprozess seit 1989/90, dessen Folgen noch nicht endgültig abzusehen
sind. Nichts ist mehr in Polen wie es vorher war. Nahezu an allen Grenzen
befinden sich neue staatliche Nachbarn: Litauen, Belorussland, die Ukraine, die
Slowakei, Tschechien und das vereinigte Deutschland. Mit allen mussten neue
nachbarschaftliche Beziehungen neu geknüpft und ausgehandelt werden. Es
besteht eine neue ökonomische und politische Grundordnung im inneren; alte und
neue Eliten konkurrieren miteinander. Der schwierige Nachbar Russland grenzt
durch eine kleine nach wie vor von Militär dominierte und möglicherweise
problemträchtige Exklave im Norden an das Staatsgebiet.
Wenn Polen diese Brüche als Staat und Nation
übersteht, so nur aus dem Fundus historisch gewachsener Krisenlösungskompetenz
und tradierten nationalen Überlebenstechniken.
In der Wissenschaft und Publizistik Polens gilt es
als Grundsatz, dass man zu den Wurzeln der Geschichte der Nation zurückgehen
muss
um ›die Polen‹ zu verstehen. Polnische Wissenschaftler und Politiker leiten in
Aufsätzen oder Interviews oft mit ähnlichen Formulierungen ein. Die
Kunsthistorikerin und Publizistin Teresa Bogucka erwähnt z.B. in einem
Interview, dass 'alle' von Untergrundmentalität und von antistaatlichem
Verhalten sprechen.
Der Soziologe Jerzy Szacki beklagt, dass die Zivilgesellschaft noch nicht 'so
weit entwickelt' sei.
Das Problem besteht darin, dass eine soziohistorisch differenzierte Ableitung der
Habitusformen in der Gesellschaft nicht Gegenstand spezifischer Forschung
ist. Als Fragender stößt man in Polen mit dieser Thematik leicht an gewisse
Grenzen, d.h. wohl an vorsichtiges Interesse, oft aber an eine höfliche
Abwehrhaltung.
Einen nur begrenzt erforschbaren Bereich stellt
auch die Solidarnosc-Ära dar. Man streitet seit 1989 um das ›moralische Erbe‹
und damit um die Chancen dasselbe zu instrumentalisieren. In der
Gegenwartsgesellschaft kämpft man affektiv besetzt, oft rücksichtslos
gegeneinander. Man verletzt dabei aber die nationalen Tabus nicht. Man
moralisiert darüber, dass die 'alte' Solidarnosc nicht mehr existiert. Man
beschuldigt sich gegenseitig, vermeidet aber den Diskurs über die Ursachen.
Man erforscht aber kaum, warum das so ist. All dieses ist zugleich Bestandteil
der politischen Alltagskultur.
So stellt sich heute sowohl die Frage danach, was
1980/81 und 1989/90 tatsächlich gewollt und geschehen ist, als auch vor welchem
gesellschaftlich-historischen Verständnis diese Veränderungen erfahren,
interpretiert und legitimiert worden sind und weiterhin werden.
Die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft kann
nicht allein aus den materiellen Daten abgeleitet werden, sondern bedarf des
Verständnisses der gestaltenden Kräfte, die sich in Machtbalancen und
Zivilisationsprozessen sowie Habitusveränderungen ausdrücken. Es ist auch eine
Folge der eingangs angesprochenen Krise der bisherigen Sozial- und
Politikwissenschaft, dass der nüchterne, konkrete, aber im Verständnis und
Empathie der Bewusstseinslagen und -veränderungen bemühten Soziologie des
Ansatzes des bereits zum Klassikers gewordenen Spätgekommenen
Norbert Elias notwendig wird, um die Veränderungen in Europa zu verstehen.
Polen mit seiner ausgeprägten Nationsgeschichte
ist sowohl als Element und Agens der Veränderungen Europas aktueller und
wichtiger Forschungsgegenstand, kann aber darüber hinaus gerade in Vergleich und
Kontrast zu den westeuropäischen Staatsgesellschaften zu tief reichenden
Einsichten führen über die innergesellschaftlichen Interdependenzen und
formationssoziologischen Interpretationsmöglichkeiten sozialen und politischen
Wandels.
Dieser Forschungsansatz nach Norbert Elias ist auf
das Beispiel Polen noch nicht angewandt worden, obwohl gerade die Historizität
der Polonitas und die exemplarische Bedeutung der Einschnitte 1980/81 und
1989/90 einen solchen Zugang nahe legen und erfolgversprechend erscheinen
lassen. Notwendig ist dabei jedoch, dem wissenschaftlichen Neuland
entsprechend, das diese Arbeit betreten will, exemplarische Konzentration auf
zentrale Problemzusammenhänge zu suchen und auszudifferenzieren, die in
dieser Einführung kurz skizziert werden sollen.
Die Einschnitte 1980/81 und 1989/90 können
ansatzweise als Vordringen von 'Universalisierungsprozessen' bezeichnet
werden. Die Intelligenz hat universalistische Begriffe ›Politik‹, ›Staat‹,
›Ökonomie‹ und ›Menschenrechte‹ betreffend als Topoi übernommen. Es wird in
Polen immer weniger 'polnisch' bzw. 'katholisch' gedacht. Die Forderungen der
Solidarnosc an den Staat bzw. an das System - die Intellektuellen des KOR
forderten die Einhaltung der Menschenrechte
- bedeuteten den Rückgriff auf einen westeuropäischen Topos.
Das Jahr 1980/81 ist auch durch eine Dialektik
zwischen Universalisierung und sozialistischem Staat gekennzeichnet. Man hat
dabei die ›Universalisierung‹ seitens der ›Solidarnosc‹ zunächst als
›Polonisierung‹ verstanden bzw. definiert. Diese umfassten nationale Identitäten
bzw. Identifikationsmuster, stellte im Grunde aber eine Pseudo-Polonität
dar. Man rekurrierte nur formal und mental auf die Vorphase des Sozialismus.
In Wirklichkeit stellte der Prozess eine Universalisierung dar. Man
instrumentalisierte die Nation durch Reproduktion der Nationsutopien.
1989/90 wurde die Universalisierung als
›Europäisierung‹ verstanden und umdefiniert. Es entstand das Stereotyp von der
'Rückkehr nach Europa' (Mazowiecki). Imanuel Geiss weist darauf hin, dass es
›einen engeren, meist undefiniert gebliebenen Sprachgebrauch für 'Europa' gibt,
der sich qualitativ fassen lässt: 'Europa' ist nur der Teil des Kontinents, der
Teil hatte am 'Prozess der Zivilisation' (Norbert Elias), also an der
Herausbildung und Weiterentwicklung der jeweils am höchsten entwickelten Form
der Zivilisation‹.
In Polen wird der Zielformulierung Mazowieckis andererseits
entgegengehalten, dass 'Polen Europa nie verlassen habe'. Der Vorgang
bedeutete einen Fortschritt i.S. eines Modernisierungsschubes, den Beginn von
Divergenzprozessen als Modernisierungswirklichkeit. Das Resultat war,
dass sich eine Spannung herausbildete, die die Gesellschaft psychosozial
nicht verkraftete. Eine Folge war die anhaltende Apathie, sichtbar werdende
Sozialpathologien, Wahlenthaltungen oder spezifisches Wahlverhalten 1990 und
'91.
Zivilisatorisch bedeutete es eine Atomisierung.
Die Divergenz- oder Fraktionierungsprozesse in der Gesellschaft, die
Herausbildung separater Milieus nehmen zu. Damit ergibt sich zweifellos eine
Korrelation zu den Modernisierungsprozessen westlicher Gesellschaften. Man kann
in Polen entsprechende 'Versatzstücke von Gesellschaft' beobachten. Eine
erhebliche Rolle haben dabei die Medien.
Es handelt sich nicht um lineare Prozesse, sondern um Balanceverschiebungen mit
prozessualer Eigendynamik. Konkurrierende politische und ökonomische Eliten
befinden sich in Machtkämpfen, die zugleich Legitimationsprozesse
darstellen. Auf der Ebene darunter findet ein Habituswandel statt.
Während Fragen des Nationalcharakters zumeist mit
großer Distanz begegnet wird, ist der nationale Habitus eher beschreibbar.
Mittel- und das ehemalige Ostdeutschland kann mit dem westlichen Polen und
Schlesien verglichen werden. Man kann von der gleichen oder ähnlichen
'Rassenmischung' sprechen. Es handelt sich um ursprünglich germanische und
slawische Sprachgruppen, die sich mit westlichen oder südlichen Zuwanderern
vermischt haben, sowie eine lang angelegte jüdische Bevölkerungsergänzung und
begrenzte Durchmischung erfahren haben. Gleichwohl kann man betreffend des
nationalen Habitus von einer hohen Differenzierung ausgehen, vergleichbar den
Deutschen, den Dänen und den Niederländern.
Der polnische Raum weist den Charakter einer
Spannungsfiguration auf, ähnlich dem ostfranzösischen Sprachraum:
Nordfrankreich, Belgien, Elsass-Lothringen. Zur bisherigen Mittelblockposition
zwischen Deutschen und Russen (einschl. Weißrussen und Ukrainern) kam in der
Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die ›Westverschiebung‹ Polens. Zwei
Jahrhunderte führte das Herabsinken einer im 16./17. Jahrhundert
bedeutenden Landmacht - Polen war zeitweise der größte Flächenstaat Europas -
zur staatlichen Auslöschung durch die benachbarten Teilermächte Rußland,
Preußen und Österreich.
Dieser Übergang von Größe über Abstieg bis zum
Auslöschen von der Landkarte ist für die Mentalität der Menschen in Polen
prägend. Die daraus entstehenden tragischen Rollen sind vielfältig in der
Literatur verarbeitet. Theodor Fontane beschreibt z.B. für das westliche Polen
solche tragischen Rollen, die bis hin zur Konversion der Religion - in die des
(preußischen) Königshauses - führen.
Befindet sich England seit dem Zweiten Weltkrieg
im Absinken von der Erst- über die Zweit- zur europäischen Nebenmacht, so ist
dieser Prozess für Polen ein Abstieg bis zum untersten machtspezifischen
Grenzwert gewesen. Dieser den Habitus prägende Prozess entwickelte sich in der
polnischen Nation seit dem Ende des 18. Jahrhundert und hat erneut eine
wesentliche Funktion in der Phase seit dem Zweiten Weltkrieg.
Wenn sich für England, Holland oder Schweden
gewisse Formen des Trauerns bis zur Depression erkennen lassen, so ist das
Verhalten der polnischen Nation durch den permanenten aktiven Überlebens- und
Behauptungskampf gekennzeichnet. Der Übergang vom mittelalterlichen zum
neuzeitlichen Staatenbildungsprozess ist dabei ein Paradigma. Der Übergang
zum Wahlkönigtum hatte einen entscheidenden Impuls zur Instabilität zur Folge,
war aber schon selbst Ausdruck der Verschiebung der Machtbalance zum Adel. Dies
war verbunden mit einer sich verfestigenden Dezentralisierung und
Machtdifferenzierung. Eine Herausbildung der Integrationsebene der Fürsten
ist nicht erfolgt.
Im Eigenbild der Polen gilt dies als das ›Goldene Zeitalter‹. Es ist Ausdruck
der Schaffung kultureller Güter und gilt als Phase kultureller und insbesondere
religiöser Toleranz.
Man kann es durchaus wie für Frankreich, England,
und Holland als eine Phase gewisser Pazifizierung betrachten. Diese stellt
aber ein Spezifikum dar. Für die Szlachta kann man es nur begrenzt als Phase
der Zivilisierung begreifen. Ein wesentlicher Aspekt, die Affektkontrolle, ist
als Selbstzwang kaum ausgebildet. Das Austragen von Machtkämpfen mit
physischer Gewalt - als charakteristisches Beispiel gilt das sog.
Konföderationsrecht - muss eher als Dezivilisierung gewertet werden. Es ist
Symbol für ein dezentrales Herrschaftssystem. Die Ausbildung der Trinksitten
in der Szlachta können als Symbol für Wohlstand und Macht gedeutet werden. Der
Alkohol kann aufgrund der Entlohnungspraxis in Wodka in Osteuropa im 19.
Jahrhundert für die machtarmen Schichten einen Gewöhneffekt herbeigeführt
haben:
»… offenbar
sucht man sich auf diesem Wege eine gesellschaftliche Notlage, die schmerzt,
aber der man nicht entrinnen kann, erträglicher zu machen. ... Weniger klar ist
vielleicht, dass die relative Schwäche des eigenen Staates, verglichen mit
anderen Staaten, für die betroffenen Menschen spezifische Notstände mit sich
bringt. Sie ... zweifeln an ihrem Eigenwert, fühlen sich erniedrigt und
entwürdigt und neigen zu Wunschträumen über die Rache, die sie an den Urhebern
dieser Situation nehmen möchten.«
Wie in Deutschland die Strukturschwäche während
der napoleonischen Ära, so löste in Polen die Teilungszeit eine
idealisierende Hochbewertung militärischer Haltung und kriegerischen
Handlungen aus.
Polen stellt einen relativ pazifizierten Landadel dar, der durch Depossedierung
in der Teilungszeit entmachtet wurde. Das Bürgertum, in hohem Maße
resultierend aus mittel- und westeuropäischen und jüdischen Migranten,
gewannen durch die Teilungen einen Machtzuwachs. In der polnischen Literatur
erfolgt eine Reproduktion des Heldentums, oft als Allegorie.
Es entwickelte sich daraus funktional ein Heldenmythos - nicht aus den Taten
der Kriegerkaste an sich heraus.
Der Moralbegriff gilt interdependent verbunden mit
Machtschwäche, wenn nicht gar als Synonym dafür. Er ist im Zusammenhang zu
sehen von Verteidigung, Widerstand und Aufstand. Polnische Orden z.B. wurden für
den Kampf in Verteidigung und Widerstand gegeben, nicht für Eroberungen. In
Preußen dagegen dominierte der Pflichtbegriff der im Kontext zu einer
Angriffsorientierung gesehen werden kann.
Durch die Enteignungen - Konfiszierung von
Landbesitz (Dörfer) und Entmachtung des Landadels - verschob sich die Balance
zwischen Adel und Bürgertum zugunsten des Stadtbürgertums. Dieses war aber
stark geprägt durch in die Städte abgewanderte verarmte Landadlige. Das
Stadtbürgertum enthält dadurch ein Segment des ins Kleinbürgertum abgesunkenen
bzw. proletarisierten Adels. Die innergesellschaftliche Machtbalance Land -
Stadt verschob sich zugunsten der Stadt. Da aber kaum ein nationalpolnisches
Stadtpatriziat aus aufgestiegenen Händlern und Handwerkern entstanden war,
war die innerstädtische Machtbalance mehrfach geteilt: polnisch - deutsch -
jüdisch - russisch. Migranten aus Frankreich oder Italien rechneten sich nach
der Adaption seitens der Nation zumeist der ›Polonitas‹ zu.
Reymont
beschreibt z.B. in ›Das gelobte Land‹ die Situation in Lódz. Das jüdische
Bürgertum lehnt sich sprachlich-kulturell näher an das Deutschtum an. Die
Umgangssprache dieser wohlhabenden polnischen Juden war zumeist Hochdeutsch
im Gegensatz zum Jiddisch der armen Schichten des Ostjudentums. Manche Juden
sprachen sehr schlecht Polnisch. Die negative Rolle ordnet Reymont dem
polnischen Aufsteiger als Fabrikanten zu. Diese Menschen standen in
bürgerlich kaufmännischer Tradition. Sie verfügten wegen der staatlichen
Dominanz der Verwaltungen der Zentralmächte - die ihre Beamten dorthin
versetzten - weniger über die politische Macht. Diese Konstellation
bedeutete insgesamt eine hohe Spannungsformation.
Die Habitusveränderungen im 19. Jahrhundert stehen
in Wechselwirkung mit zunehmenden Demütigungen und sind verbunden mit
Depossedierungen. »Sich mit der Nation zu identifizieren: Das ist es, eine
Abstraktion.«
Wenn 'Nation' eine Abstraktion oder gar eine Fiktion darstellt, dann bildet die
'Gesellschaft' eine Realität interdependenter Individuen und Figurationen ab.
Die Identifikationsmuster entstehen mit Hilfe von Symbolen; ihre Mittel sind
z.B. die weiß-rote Fahne und der weiße Adler.
Die ›gegenwärtigen Probleme dieser Gesellschaft
sind entscheidend mitbestimmt durch ihr früheres Schicksal‹ (S. 28). Der Wandel
in den Machtverhältnissen bringt unvermeidlich eine weitgehende
Verunsicherung vieler Menschen mit sich, die in den Wirbel dieses Wandels
hineingezogen sind. Der Verhaltenskanon im Verkehr der Gruppen der auf eine
strikte Hierarchisierung abgestimmt war, entspricht nicht mehr den
tatsächlichen Beziehungen ihrer Vertreter (S. 37).
Polen geriet nicht in den Sog eines beschleunigten
Modernisierungsschocks. Das hatte zur Folge, dass dies aufgrund der
Peripherielage zu den drei Zentren Berlin, St. Petersburg bzw. Moskau und
Wien, den ökonomischen Spezialistengruppen, dem Industrie- und
Handelsbürgertum und der industriellen Arbeiterklasse keinen Auftrieb gab.
Nischenbildung in Kultur sowie Emigrationen können als Folgen angesehen werden.
In Deutschland erfolgte im Zusammenhang mit der
'verspäteten' Herausbildung des Nationalgefühls ein Umschlag aus dem Gefühl
der Schwäche heraus in das der Stärke. In Polen erfolgt aufgrund anderer
Voraussetzungen ein Umschlag im affektiven bzw. mentalen Bereich. Dieser zeigt
sich auf der Symbolebene. Der Staatsverlust erzeugte ein lange wirkendes
spezifisches Ohnmachtsgefühl, aus dem soziale Verhaltensweisen resultierten,
die durchaus mit Psychosen oder Neurosen verglichen werden können.
Elias macht den Unterschied zwischen Preußen und
der Adelsrepublik, der Rzeczpospolita, deutlich:
»… aber in
Preußen, mit seinen vergleichsweise armen Städten, waren die Machtpotentiale
zwischen Adel und Bürgertum zugunsten des ersteren relativ ungleich verteilt,
während die soziale Spannung zwischen den beiden Ständen ... besonders groß
blieb. Dementsprechend spielte sich die Spannungsbalance zwischen den drei
zentralen Machtschwerpunkten König - Adel - Bürgertum auf eine Figuration
ein, die einem stillschweigenden Kompromiss zwischen Adel und König nahe
kam. ... Die polnische Adelsrepublik mit ihrem Wahlkönigtum zeigte die
Schwäche einer reinen Adelsherrschaft in den Auseinandersetzungen mit den
hochzentralisierten monarchischen Staaten ringsum nur allzu deutlich.«
Es bleibt zu untersuchen, inwieweit aus dieser
Spannungsformation gegebenenfalls ein historisch-neurotisches Verhältnis zu
konstatieren ist. Diese Frage sprengt aber den Rahmen der Arbeit. Gleichwohl
sind charakteristische Eigentümlichkeiten zu konzedieren. Es gibt einen sehr
hohen Empfindlichkeitsgrad, der sich z.B. seit 1990 in der Diskussion um den
möglichen Beitritt in die EG/EU
und die NATO zeigt. In kurzen Abständen wird bei gegebenen Anlässen in der
polnischen Presse auf der Basis existenzieller Angst vor (insbesondere dem
östlichen Nachbarn Russland) diskutiert. Man vergleiche z.B. die Aufsätze der
polnischen Journalisten Janusz Tycner und Adam Krzeminski
in
der deutschen Presse.
Diese Angstbesetzheit kann durchaus als mangelnde
Unfähigkeit zu entsprechender Distanz interpretiert werden, sie ist aber durch
die subjektive und affektiv-bewusste Gegenwärtigkeit von Geschichte
nachvollziehbar. Es fehlt die 'geographische Reserve', die Pufferzone. Dass
hierbei ein 'horizontal' orientiertes Denken dominiert, ist andererseits
verständlich. Den Menschen in diesem Land ist aber das 'historische
Wechselbad' zwischen staatlicher Nichtexistenz und willkürlicher
Westverschiebung gegenwärtig. Man darf das damit verbundene Ohnmachtsgefühl
bzgl. der Nichtbeteiligung bei den Vorgängen von Auslöschung, Neuschaffung
und territorialer Verschiebung nicht außer acht lassen.
Eine zentrale Bedeutung im Handeln der polnischen
Gesellschaft hat das Wissen um die eigene Nationsgeschichte, insbesondere in
Situationen hohen Spannungsniveaus, das insbesondere aus der gebrochenen
sozialhistorischen Entwicklung des Adels, der Bauern, sowie der spezifischen
Stadt- und Industrieentwicklung resultiert und der Tatsache, Mittelregion zu
sein zwischen drei benachbarten Großmächten und den damit im Kontext stehenden
Phasen fremder Herrschaft.
Aus der Spannung des Nationsbegriffes selbst
resultiert die Rolle der Geschichtsorientiertheit in Polen. Daran wiederum
lässt
sich die Bedeutung von Sozialisation, Schule und Geschichtsdidaktik ableiten.
Die Funktionalisierbarkeit von Nationsgeschichte ist möglich, weil eine
erhebliche Spannung vorliegt und diese Situation sich seit dem Ende des 18.
Jahrhunderts reproduziert. Es hat sich aus der Dynamik einer Beschäftigung mit
dem Gegenstand als eines nach dem Zweiten Weltkrieg für Polen entscheidenden
Nationsproblem die Notwendigkeit einer umfangreichen Beschäftigung mit dem
Problem des Nationsbegriffes, damit der Genesis wie den Spezifika der polnischen
Nation, den jeweils historischen Bezügen herauskristallisiert.
Dazu gehört aufgrund der temporären Einbeziehung
in das Weltsystem des realen Sozialismus auch die Betrachtung der real
erfahrbaren Situation und ihre Zuordnung zu den entsprechenden Ebenen.
Aus der Betrachtung des historischen Gegenstands
seitens des Verfassers ab 1975 sowie den seit den sechziger Jahren in der
offiziösen Sprache als 'Reformpolitik' bezeichneten Prozessen ergab sich daran
anknüpfend die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit (west)deutschen
Positionen. Dieses sollte zumindest auf der Ebene methodischer Vergleiche
geschehen.
Die Beschäftigung mit dem zeitgeschichtlichen und
gesellschaftlichen Gegenstand bedeutete die Chance, aus empathischer, der
eigenen moralisch-politischen Haltung entstammender und zugleich zweifellos
eigener distanzierter westdeutsch geprägte Position heraus wahrzunehmen, zu
beurteilen und in einer Rückkoppelung den eigenen Standort, die Sicht eigener
Involviertheit in Gesellschaft neu zu sehen.
Es handelt sich in der Beschäftigung mit der
Nationsgeschichte primär um den Erhalt und die Wiedergabe des Wissens um die
eigene Geschichte. Das subjektive, oft affektiv besetzte Wissen, kann
schwerlich unter den Begriff des ›Geschichtsbewußtseins‹ subsumiert werden.
Die modernen Prozesse westeuropäischer Geschichtsforschung und -didaktik,
sozialgeschichtliche Ansätze, Prinzipialisierung, die Übernahme
sozialwissenschaftlicher Fragestellungen und Methoden, das didaktische
Prinzip der ›Schlüsselbeispiele‹ wie der Erwerb von
›Schlüsselqualifikationen‹, werden nur langsam übertragen. Man nimmt sehr wohl
seitens der Geschichtsdidaktiker an der Modernisierungsdiskussion
teil. Die Didaktiker sind seit den siebziger Jahren aufgrund ihrer Kontakte zu
westlichen Geschichtsdidaktikern und -methodikern in hohem Maße an
Reformversuchen in den Bereichen Universität und Schule beteiligt. Die
Umsetzung ist aber sehr schwierig und komplex, so dass man weiterhin
insbesondere in der polnischen Schule um eine Phase in dieser Entwicklung
zurück ist. Insgesamt ist diese Problematik der verzögerten Modernisierung aber
Ausdruck der gesellschaftlichen Spannungskonstellation selbst. Die
Nationsgeschichte sowie ihre tradierte Vermittlung hat nach wie vor Vorrang.
Dies verdeutlicht die Überlagerung der Reproduktionsebene - die aus
tradierten Quellen schöpft - über die wissenschaftliche Ebene. Das Problem
besteht für die polnische Geschichtswissenschaft und -didaktik zweifellos
darin, wissenschaftlich gesichertes Wissen umzusetzen.
Innerhalb der polnischen Geschichtswissenschaft
hat die Geschichtsdidaktik einen besonderen Stellenwert aufgrund der ihr
zugeordneten Funktion im Sozialisationsprozess der VR Polen sowohl
nationsgeschichtlich, wie auch entsprechend den Prämissen sozialistischer
Bildung in der Schule, wie auch in der Gesellschaft allgemein zu wirken, stand
sie zugleich im politischen Spannungsverhältnis dieses Staates. Zugleich stand
sie in der innergesellschaftlichen Spannungsbeziehung, resultierend aus den
Vorbehalten gegenüber institutionalisierten Wissensträgern und -übermitteln und
der gesellschaftlichen bzw. familialen Reproduktion. Beklagt wird von ihnen u.
a. der Mangel an korrekter Wiedergabe des historischen Wissens sowie die
mangelnde Akzeptanz des gesicherten Wissens in der Gesellschaft.
Die polnischen Wissenschaftler und Didaktiker
widersetzten sich erheblich dem Druck der instrumentellen Unterordnung
nationsgeschichtlichen und gesellschaftlichen Wissens. Im Bewusstsein der
skizzierten Spannungskonstellation fühlen sie sich primär der Erforschung und
Wiedergabe von gesichertem Wissen verpflichtet.
Es kann durchaus die These vertreten werden, dass
die Konfrontation polnischer Wissenschaftler mit Westeuropa und den USA,
insbesondere durch die gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkonferenz
seit den siebziger Jahren und den damit verbundenen langfristigen, eine große
Gruppe polnischer Wissenschaftler betreffenden Kontakten polnischer
Wissenschaftler und Didaktiker erheblich dazu beigetragen hat, dieses
Spannungsniveau zunächst zu erhöhen, und die Entwicklung für die polnische
Wissenschaft positiv zu beeinflussen.
Die Geschichtsdidaktiker Jerzy Centkowski, Adam
Suchonski und Barbara Kubis
haben in mehreren Vorträgen und Diskussionen mit westdeutschen Lehrer- und
Studentengruppen auf diese Problematik hingewiesen. In der Zeitschrift für
Geschichtsdidaktik
ist die Problematik seit den siebziger Jahren mehrfach diskutiert worden. Es
mangelt an der Motivation, gesichertes strukturiertes Wissen zu akzeptieren
und das Wissen, das primären Loyalitätsebenen, wie dem familialen und
kirchlichen Bereich entstammt, zu ersetzen oder nur zu ergänzen. ›Man sieht, was
man weiß‹ (Max Weber). Der skizzierte Kontext trägt zur Massenbewegung bei, die
in die Solidarnosc einmündet. Das hat zur Folge, dass man sein Wissen in
tradierter Weise reproduziert und als eine Art Geschichtsgefühl auslebt. Dieser
spezifische Umgang mit geschichtlichem Wissen hat einen hohen Stellenwert in den
Befragungen in der Arbeit. Es soll abgeleitet werden, inwieweit das spezifische
Wissen und tradierte Handeln in dem Prozess von 1980/81 zum Ausdruck kommen.
Das Wissen um die Nationsgeschichte und ihre
Weitergabe haben eine paradigmatische Funktion im Zusammenhang mit der
Bewahrung der mentalen wie figurativen Identität der polnischen Nation. Das
historische Wissen wie auch der Umgang mit der Nationsgeschichte stellt zugleich
einen Zustand hoher gesellschaftlicher Spannung dar. Der Spannungsbogen umfasst
ausgehend vom soziohistorischen Kontext die Geschichtsforschung, die
Geschichtsdidaktik in Universität, Bildungsadministration und insbesondere
der sekundären Bildungsinstitution Schule, weiterhin der Reproduktion von
historischem Wissen in der Gesellschaft selbst durch die
Primärsozialisation in der Familie, der Kirche und durch die Medien.
Insbesondere die außerinstitutionelle Reproduktion von historischem Wissen
prägt das Alltagsbewusstsein und -verhalten. In diesem Kontext liegt der Ansatz
für die Befragungen. Über das Geschichtsbewusstsein bemerkt z.B. Bartoszewski:
»Ob man
aber diese Erscheinung als tiefes Geschichtsbewusstsein oder eher als
persönliches oder nationales Leidensbewusstsein qualifizieren kann, wäre
sicher ein interessanter Forschungsgegenstand für die Soziologen und
Kunsthistoriker.«
Ein Spezifikum ist nicht nur die Nationsgeschichte
als ›Leidensgeschichte‹, sondern die Einschätzung dieser Rolle in der
Gesellschaft selbst, die sich dadurch reproduziert. Bereits Heinrich Heine
formulierte 1822:
»Wenn Vaterland das erste Wort des Polen ist, so
ist Freiheit das zweite.‹ (S.495) und: ›Die Polen scheinen ganz besonders dazu
bestimmt, gewisse Zwecke in den Weltgegebenheiten zu erfüllen. Ihr
moralischer Kampf gegen den Untergang ihrer Nationalität rief stets
Erscheinungen hervor, die dem ganzen Volk einen anderen Charakter aufdrücken
und auch auf den Charakter der Nachbarvölker einwirken müssen« (S. 500).
Der Messianismus ist durchaus ein europäisches
Phänomen.
Während der französische Messianismus zwar eine zeitweilige Bedeutung und
Instrumentalisierung in der nachrevolutionären wie nachnapoleonischen Phase
erfuhr, für die französische Gesellschaft aber keine weitere Bedeutung
erlangte, erfuhr der polnische Messianismus in Polen eine Funktionalisierung
für den eigenen Nationsbegriff und hatte dadurch einen hohen Stellenwert für die
Nation.
Nicht nur das gesicherte wie vorgebliche und
zumeist affektiv besetzte Wissen um die Nationsgeschichte, sondern die
Funktionalisierung des Gegenstands stellt den Kernbereich dar und soll
verdeutlicht werden. In diesem Zusammenhang sind die Aussagen General
Jaruzelskis über die Rolle der Bildung, wie auch das
Geschichtsbewusstsein
beachtenswert:
»Im Polen
der Vorkriegszeit haben sich Bauern und Landarbeiter als Bürger zweiter Klasse
verstanden … nach dem Krieg … fing der Bauer na, seinen Kopf zu heben. … Gerade
die soziale Gerechtigkeit wurde in der vergangenen Periode auf sehr utopische
Weise dargestellt und gewissermaßen entstellt: “Wir haben alle denselben Magen”
… wir kennen die Folgen. Andererseits festigt sich aber auch die Überzeugung,
dass nicht das Geld, sondern vor allem die Arbeit, die Bildung und Ausbildung den
Menschen nobilitieren. Das sind Errungenschaften, die sich meines Erachtens
nicht mehr ausroden lassen. … Das Geschichtsbewusstsein einer Nation ist eine
unerhört wichtige Angelegenheit. Auf den Historikern lastet eine große
Verantwortung, dasselbe trifft … auf alle zu, die auf die … Geschichte
bewerten, interpretieren und verbreiten.«
In den Auseinandersetzungen 1980/81 hat die
Solidarnosc den damaligen Machteliten ihre moralische Legitimation
abgesprochen, für die Nation zu handeln. Der Vorwurf der Fälschung der
Nationsgeschichte wurde erhoben. Im Alltag wurde den 'staatlichen' Historikern
in Universität und Schule nicht geglaubt. Über die hohe Spannung zwischen den
weltpolitischen Antipoden sagt Adam Michnik:
»Die
Kommunisten waren eine Welt, deren Existenz wir aus ganzem Herzen ignorierten.
Es interessierte uns nicht mehr, was uns die kommunistische Zensur erlaubte.
Wir verließen die ehrwürdigen offiziellen Zeitschriften zugunsten unabhängiger
Blätter, die primitiv auf Vervielfältigungen dedruckt wurden. Es waren zwei
Welten: die eine groß und mächtig; die andere schwach, unterdrückt und mit einer
einzigen Legitimation versehen - dem Glauben an die Macht der Wahrheit. … das
Zusammenleben der Welt der formalen Macht (pays legal) und der Welt der
Landesrealität (pays reel) gestaltete sich unterschiedlich, bis es am
13. Dezember 1981 endgültig zu Ende ging. … Die Kommunisten sahen in den
Solidarnosc-Leuten die Verkörperung von Anarchie, Destruktion und fremden
Spionagediensten. Die Untergrundbewegung sah in der kommunistischen Macht
moralisches Übel, nackte Gewalt und sowjetisches Mandat. In dem Streit, wie weit
sich das kommunistische System reformieren lasse, hatten schließlich die Panzer
das letzte Wort gehabt. Ein Dialog war nicht mehr möglich.«
Die Rolle des Alltagsbewusstseins in dieser
spezifischen zeitgeschichtlichen Phase sowie ihre Einbindung in die
Nationsgeschichte insgesamt, stellen die Basis für das Geschehen von 1980 dar
und sollen deshalb in den Kontext der Arbeit einbezogen werden. Ausdruck des
Alltagsverhaltens sind u.a. Paradoxien. Sie sind gleichsam charakteristisch
wie für Außenstehende nicht erklärbar und damit nicht nachvollziehbar. Sie sind
aber Ausdruck spezifischer Spannungsbeziehungen in der Gesellschaft aus.
Deshalb sollen charakteristische Erscheinungen dieser Ausformungen
gesellschaftlicher Realität einbezogen werden. Die Erscheinungen der
begonnenen Umbruchsphase 1980/81 sollen in Bezug gesetzt werden zur
soziohistorischen Entwicklung insgesamt bzw. die spezifisch aus der Realität
des polnischen Sozialismus entstandenen Habitusformen.
In Polen wird der Zeitraum von 1980/81 nur wenig
untersucht. Die postkommunistische Phase ist durch zunehmende Divergenzen auch
in der soziologischen und politologischen Forschung gekennzeichnet, die
zweifellos eingebunden ist in divergierende soziale Prozesse. Man ist
überwiegend an den Methoden amerikanischer Wissenschaftler orientiert und
gerät dabei in erhöhte Distanz zur eigenen Gesellschaft. Man forscht z.B. über
Aspirationen in der polnischen Gegenwartsgesellschaft, betreibt aber kaum eine
historisch-soziologischen Forschung.
Man forscht zeitgeschichtlich auch deshalb nur sehr begrenzt, weil es seit der
Machtpartizipation einzelner Solidarnosc-Segmente Streit um das jetzt
historisch gewordene ›moralische‹ Erbe der Solidarnosc gibt.
Habitusveränderungen in allen Segmenten der
Gesellschaft, die in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre begonnen haben,
erfuhren nach der Stagnationsphase der achtziger Jahre seit 1989 eine hohe
Beschleunigung. Die Dynamik ablaufender Prozesse, das hohe Spannungsniveau in
den Machtbalancen einschließlich der Gegenläufigkeit partieller
Interessenlagen, bilden den Rahmen für gesellschaftliches und politisches
Handeln und damit zugleich für jegliche gegenwartsspezifischer Betrachtung,
Analyse und Beschreibung. Hinzu kommt die Einbindung in den Paradigmenwechsel
auf europäischer wie weltpolitischer Ebene.
Man forscht nicht über die Genesis sowie des
Habitus der eigenen Intellektuellen. Journalisten können aufgrund ihrer eigenen
Wahrnehmungen einiges dazu berichten. Die heutigen Intellektuellen sind
sowohl Nachkommen der überlebenden Angehörigen der alten Eliten wie auch
Partizipienten der Intellektualisierungs- und Aufstiegsprozesse aufgrund des
Bildungssystems der VR Polen. Sie stehen oft in Identitäts- und
Loyalitätskonflikten. Es gibt nur wenige Wissenschaftler die sich, wie z.B.
Engler oder Maaz in Deutschland, kritisch mit der Entwicklung der eigenen
Gesellschaft auseinandersetzen, u.a. mit der gesellschaftshistorischen
Erforschung des eigenen Zivilisationsprozesses.
Die spontanen Prozesse der Übergangsphase nach
1989 sind aufgrund ihrer Aktualität als Forschungsgegenstand ergiebiger.
Andererseits werden soziologische und psychologische Untersuchungen zunehmend
aufgrund von kommerziellen Aufträgen im Zusammenhang mit der
marktwirtschaftlichen Entwicklung des Landes durchgeführt. Es besteht nur ein
begrenztes wissenschaftliches Interesse an einer die Solidarnosc betreffenden
kritisch-hinterfragenden Forschung. Man kämpft in den gegenwärtigen
Auseinandersetzungen der Nachfolgeorganisationen um das Erbe, d. h. um
das möglichst erfolgreiche Instrumentalisieren der Solidarnosc selbst. Die
polnischen Wissenschaftler sind interdependent eingebunden in dieses
spezifische Spannungsverhältnis.
Während des Kriegszustandes bildeten sich Ideal-
bzw. Wunschprojektionen von der Solidarnosc heraus. In der Realität der
achtziger Jahre sowie in Hinblick auf den Systemzusammenbruch und die darauf
folgenden Machtkämpfen konnte dieses Bild nicht mehr aufrecht erhalten
werden. Die Konturen zwischen den einzelnen Gruppierungen der Solidarnosc
waren schon bald nach der in Etappen erfolgten Entlassung der Internierten
sowie der ›Suspendierung‹ des Kriegszustandes sichtbar geworden. Dies
korreliert mit der sich bereits 1981 abzeichnenden Entwicklung, schon bald nach
Gründung der unabhängigen Gewerkschaft.
Die zeitgeschichtliche Darstellung ist recht bald
in der polnischen Historiographie erfolgt. Jerzy Holzer verfasste ein
Manuskript während des Kriegszustandes im Untergrund.
Eine weitere Veröffentlichung entstand z.B. 1990.
Soziologische kritische Darstellungen über die Nachfolgeorganisationen der
Solidarnosc findet man z.B. bei: Sergiusz Kowalski.
Jerzy Holzer bezeichnet als wesentliche Ursache für den Zerfall der Solidarnosc
nach 1989 in rivalisierende Gruppen die mangelnde politische Kultur in der
polnischen Gesellschaft.
Die Erfassung und Darstellung der regionalen
Geschichte der Solidarnosc ist nicht abgeschlossen. Ein Problem insgesamt ist
der fortgeführte Machtkampf zwischen den verschiedenen aus der Solidarnosc
hervorgegangenen Gruppen einerseits, sowie die Rivalitäten zwischen den
Nachfolgeparteien des Realsozialismus. In ähnlicher Phase läuft seit 1990 ein
Machtkampf an den Universitäten ab, der noch nicht ausbalanciert ist. Insgesamt
bestätigt sich der Eindruck, dass niemand den Nimbus der Solidarnosc von 1980
als große nationale Tat antasten möchte. Gleiches gilt für die Kirche in ihrer
damaligen Rolle. Beide Figurationen unterliegen einem gewissen Tabu.
Bezüglich der Mentalitätsforschung gibt es in
Polen erhebliche Vorbehalte, so Wladyslaw
Kwasniewicz gegenüber dem Verfasser. Eine Studie über die Mentalität der
Polen ist 1988 von Jadwiga Koralewicz und Marek Ziólkowski durchgeführten
worden. Sie wurde 1990 - nach der polnischen Wende - veröffentlicht.
in ihr werden drei Grundtypen der polnischen Mentalität vorgestellt. Die drei
Grundtypen der Mentalität sind:
I. Der ›passiv-produktive-anti-individualistische‹
Typ.
»the 'passive-productive-anti-individualistic' type … depicts
a person believing, that the most important thing is to work hard. Work is
understood as an honest, responsible and obedient performance of one's
duties and the fulfilment of the tasks one is charged with. This honest
completion of duties amounts mainly to tested, routine ways of behaviour and to
subordination to discipline, only in a much smaller degree to the development
of one's own ingeniousness and initiative. The cult of hard, disciplined and
socialy useful work is associated at the same time with the rejection of
political autonomy and individualistic strivings.«
II. Der defensiv-konservative Bittsteller.
»This type ('defensive-conservative-solicitive') has a
tendency to avoid unnecessary effort and to have an eye out for perks and
additional privileges. It is linked to a ›gimme syndrome‹, a strong solicitive
orientation both toward the state as well as towards-parents and family. … This
mentaly assumes a pessimistic vision of the world while at the same time
rejecting the individual autonomy«.
III. Dieser Typ ist ›autonom und unternehmerisch‹
ausgerichtet:
»The 'autonomous-enterprising' typ … emphasizes the
necessity for individual autonomy at all levels, from the autonomous attitude
toward authorities all the way to the vision of a democratic partnership
within the family. The active-autonomous attitude is associated with the spirit
of enterprise revealed in both one's work and in one's parenal values. … It is
a drive towards total autonomy, towards taking one's lot - political,
ecomomic and social - into one's own hands. The essence of this type of
mentality corresponds to the model of an ideal member of 'civile society'.«
Typ I, der eine Person beschreibt, die glaubt,
dass
es am wichtigsten sei, hart zu arbeiten, ist charakteristisch als ›Held der
Arbeit‹. Er ist überdurchschnittlich vertreten bei Angehörigen systemnaher
Berufe. Arbeit wird verstanden als eine ehrenhafte, verantwortliche und
gehorsame Pflichterfüllung. Er erwartet vom Staat Schutz und Sicherheit,
lehnt das Privateigentum und den Wettbewerb ab und erwartet eine zentrale
Leitung und Vollbeschäftigung. Er repräsentiert somit den
funktionalisierbaren Werktätigen. Typ II ist auf die eigenen Vorteile bedacht.
Er vermeidet unnötige Anstrengungen und versucht sich 'durchzumogeln'. Sein als
›gimme-syndrome‹ gekennzeichnete ausgeprägte Bittsteller-Haltung richtet sich
gegen seine Eltern, die Familie und den Staat. Diese Mentalität kann als
Nebenprodukt der sozialistischen Gesellschaft angesehen werden. Sie bedeutet
eine pessimistische Vision der Welt ist verknüpft mit wenig individueller
Autonomie. Er ist indifferent, lehnt das System nicht ab und engagiert sich
nicht, es sei denn, dass es Vorteile bringt. Er ist völlig indifferent und
politisch apathisch; er ist bei Bauern und ungelernten Arbeitern vertreten. Typ
III versteht Verantwortung i.S. unternehmerischen Handelns. Die Autoren
definieren ihn als den Idealtyp der ›civil society‹.
Er verbindet autonome unternehmerische Handlungsweisen mit der Autonomie
individuellen Handelns, mit einer Handlungsweise die auf die eigenen Interessen
gerichtet ist und dadurch - mittelbar - auch auf die eigene Gesellschaft. Er hat
ein Bestreben zur völligen Autonomie, jeder soll sein Schicksal in die eigene
Hand nehmen. Er favorisiert die Marktwirtschaft. Vertreten ist Typ III bei
Höherqualifizierten.
Die Autoren formulieren die These, dass die Typen I
und II erheblich durch die sozialistische Gesellschaft geprägt sind (S. 117).
Da sich die Vertreter des Typ III sich im sozialistischen Staat am 'Rande der
Gesellschaft' befanden, d.h. im Bereich der 'Zweiten Wirtschaft', sind sie
prädestiniert für die Transformationsperiode. Die Autoren sehen darin ein
Paradoxon. Das Verhalten kann aber auch als selbststeuernd in einem
staatlich-institutionell verfassten und autoritär-administrativ regierten
Gesellschaft verstanden werden sowie als Indikator für die Fähigkeit von
Gesellschaftssegmenten, äußeren Zwängen entgegengerichtete Kräfte zu
initiieren und eigenes Handel selbstbestimmt durchzusetzen. Die Problematik
kann darin gesehen werden, dass Typ III bezüglich seines langzeitorientierten
Habitus nur wenig korreliert mit 'verantwortlichen Handeln' in einer
Gesellschaft einschließlich der Akzeptanz des Gewalt- und Steuermonopols, einer
Voraussetzung für Friedfertigkeit in der Gesellschaft.
Die Ursachen für die Ausbildung insbesondere von
Typ I und II können in der sozialistischen Gesellschaft wie auch in der
Ruralgesellschaft liegen. Die Autoren brechen bei dieser Fragestellung ab. Sie
diskutieren die Frage nach den soziohistorischen Wurzeln der polnischen
Mentalität nicht. Die sich anbietende weitere Frage nach der Interdependenz
polnischer Mentalität zum Katholizismus wird ebenfalls nicht gestellt. Obwohl
die Autoren zunächst auf die Aussagen Zinovievs bezüglich des ›Homo sovieticus‹
hinweisen (S. 109), wird die Untersuchung nicht zum Anlass genommen eine
Auseinandersetzung mit dieser These zu führen.
Die Problemstellung erwächst aus der Untersuchung
eines Segments einer Gesellschaft, die durch einen nicht-etatistischen
Vergesellschaftungspozess
gekennzeichnet ist. Die Historiziät der Polonitas
prägt den Prozess der Zivilisierung in der Gesellschaft und die
Habitusentwicklung sowie die spezifische der Wechselbeziehung zwischen
Gesellschaft und Staat.
Die polnische Nationsgeschichte ist geprägt von
mehreren von außen durch physische Gewaltakte herbeigeführte gravierende
Veränderungen der Machtbalancen. Im zwanzigsten Jahrhundert waren es zunächst
die paradigmatischen Verschiebungen 1919 und 1939 sowie 1944 mit dem Beginn der
Ära 'Volkspolens'. Der entscheidende Einschnitt erfolgte mit den Ereignissen
1980 und der daraus resultierenden Gründung der Solidarnosc. Der Abschluss dieses
Paradigmenwechsels wurde am 13. Dezember 1981 durch Verhängung des
Kriegsrechts verhindert. Er erfolgte erst ab 1989 und war nach einer längeren
Übergangsphase mit der Wahl Lech Walesas zum Präsidenten der Republik Polen im
November 1991 beendet. Kennzeichnend ist, dass sowohl die Situation 1980/81 wie
auch 1989/90 in Wechselbeziehung zu äußeren Mächten stehen.
Aus dieser Situation der zweiten Umbruchphase, in
der der Paradigmenwechsel endgültig erfolgte, begann die Entwicklung der
Fragestellung. Sie selbst ist ein Prozess mehrerer Ebenen.
-
Als Basis gelten die Ereignisse sowie die
Folgeprozesse 1980/81. Sie manifestierten als ›Reformphase‹ seit langem das
Interesse des Verfassers.
-
Damit verbunden ist die soziohistorische
Dimension dieses Prozesses bezüglich der polnischen Nationsgeschichte, wie
auch ihre Interdependenz zur europäischen sowie weltpolitischen
Nachkriegsentwicklung.
-
Im politisch-soziologischen Kontext stehen
Fragen der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung:
Zivilisationsprozess, Habitusveränderungen, innere wie äußere
Machtveränderungen, Reformansätze in der Ökonomie und Sozialpolitik sowie
ein Paradigmenwechsel der Polonitas bezüglich der Kirche und auch der Nation.
-
Die sich seit 1989 mehrfach vollziehenden
ökonomisch interdependenten Prozesse, die als Europäisierung oder
Globalisierung verstanden werden und unter dem Aspekt der Peripherisierung
eingeordnet werden können.
-
Die Wechselwirkung des gesellschaftlichen wie
politischen Wandels und dem Paradigmenwechsels in der Wissenschaft.
-
Die Folgewirkung auf den Standort und die
Bewertungsmuster des Verfassers selbst.
Es ist ein immanentes Problem für die
gesellschaftsgeschichtliche Forschung, die aus der Nationsgeschichte
ableitbaren Paradigmen in den zeitgeschichtlich fortlaufendem Prozess seit
1989/90 einzubeziehen. Der eigene gesellschaftspolitische Standort und der
wissenschaftliche Blickwinkel unterliegen damit einer gewissen sich permanent
weiterentwickelnden Dynamik. Dies gilt in noch höherem Maße für die als in
diesen Prozess involvierten Befragten. Folgende Schwerpunkte sollen in der
Arbeit berücksichtigt werden:
-
die prozesssoziologische Betrachtungen der
›Reformphase‹ von 1980, bezüglich ihrer Wechselwirkung zum Prozess der
Staatsbildung Polens, sowie ihre soziohistorische Einbindung in die
Nationsgeschichte;
-
die Rolle der Intellektuellen und der Arbeiter
in ihrer Interdependenz zur Adels- wie zur Agrar- bzw. Ruralgesellschaft;
-
die gesellschaftliche und politische Funktion
des polnischen Katholizismus als Bestandteil der Nationsgeschichte;
-
die Darstellung von nationsspezifischem Denken
und Handeln, der historischen Bedingtheit der Habitusformen;
-
die
Wechselbeziehung zwischen Tradierung von historischem Wissen und affektiv
besetztem Denken und Handeln;
-
die Anwendung zivilisationstheoretischer, wie
auch wissenssoziologischer Ansätze;
-
das Spezifikum polnischer Dichotomie in der
Gesellschaft des realsozialistischen Systems, als Ausdruck einer ›Wir-Ich-Balance‹;
-
Fragen der Langsicht bzw. die Ausprägung des
›ökonomischen‹, ›zweckrationalen‹ Denkens;
-
Reflexion einer Abgrenzung von Entwicklungen in
der deutschen Gesellschaft, insbesondere den Prozessen in der DDR.
-
die Entwicklung zur Zivilgesellschaft; der
Wechsel von einer durch Fremdzwänge bestimmten zu einer möglichen durch
Selbststeuerung gekennzeichneten Entwicklung.
Aus der Dynamik der Rahmenbedingungen resultiert
eine gewisse Variabilität in der Fragestellung. Dies entwickelte eine
Eigendynamik aufgrund der sich verändernden und beschleunigenden
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Der wesentliche Ansatz, die soziohistorische
Motivation der beteiligten Gruppen, also der Intellektuellen und Arbeiter
darzustellen, blieb erhalten. Er ließ es als notwendig erscheinen, die
historische Dimension der Polonitas, die Funktion der Adelsgesellschaft für die
Habitusentwicklung die Rolle des politischen Katholizismus darzustellen. Sie
erforderten eine entsprechende Beschäftigung mit dieser Fragestellung. Die
vertiefte Behandlung der Bauern als Paradigma für das sich besonders seit dem
Zweiten Weltkrieg herausbildende Milieu der Industriegesellschaft, wie
allgemein der 'Werktätigen', ließe angesichts des hohen Beschäftigungsgrades
der realsozialistischen Nachkriegsgesellschaft zwar eine weitere
Schwerpunktsetzung sinnvoll erscheinen, sie würde aber den Rahmen der Arbeit zu
sehr dehnen.
Für den Verfasser waren während der eigenen
Arbeitsphase drei bestimmende Größen einem individuellen Prozess unterworfen:
-
die abnehmende Validität des gesellschaftlichen
wie ökonomischen Modells des Sozialismus;
-
sein eigener Standort, der an Reformprozessen
mit dem Ziel des 'sozialen Ausgleichs' orientiert war im Zusammenhang mit
einem als positiv gewerteten und notwendig erachteten Rolle des Staates;
-
die Beschäftigung mit den
zivilisationstheoretischen, figurationssoziologischen Ansatzes und der
verstärkten Einbeziehung machttheoretischer Aspekte.
Das eigene Erkenntnisinteresse erfuhr dadurch eine
Verlagerung von einem reformorientierten Ansatz und einer Prägung in
ökonomischen Fragen durch keynesianisches Denken - insbesondere bezüglich der
Rolle des Staates in modernen Gesellschaften - zur Deskription
gesellschaftlichen Verhaltens. Letzteres kann nicht den Anspruch bedeuten,
die gegenwärtigen Prozesse in ihrer Dynamik vollständig zu beschreiben, wohl
aber über die Rahmenbedingungen beim Zustandekommen der Interviews zu
reflektieren. Die Fragestellung verlagerte sich damit auf eine Bestimmung des
Prozesses der Bildung einer Staatsgesellschaft und ggf. eine Hypothesenbildung
betreffend den weiteren Etatisierungsprozess der polnischen Gesellschaft.
Damit verbunden ist die Problematik der Behandlung
dieser Fragestellung in Polen selbst. Aufgrund der Begrenztheit des Zugangs zur
polnischsprachigen Literatur konnte dieser Ansatz nur exemplarisch einbezogen
werden. Da sie verbunden ist mit der an sich ergebenden Arbeitsweise, soll diese
anhand dessen skizziert werden.
Die Fragestellung entwickelt sich damit von
ursprünglich sozio-ökonomisch und historisch bestimmten Ansätzen zur
Korrelation zwischen dem Staatenbildungsprozess, der damit interdependenten
Spannungsbeziehung der polnischen Nation, der begrenzten Ausbildung einer
Mittelschicht, zur Frage der Bildung der Zivilgesellschaft und zu denen der
politischen Kultur.
Die Formulierung der Themen wie Fragestellung und die daraus folgende
Thesenbildung und Reflexion unterliegen damit ihrerseits einer prozessualen
Entwicklung. Dazu gehört auch die moralisch interdependente Beziehung des
Verfassers zum gesamten Gegenstand.
Ein Problem ist die Stellung des Verfassers zum
Gegenstand. Er ist selbst involviert, engagiert und vielfach freundschaftlich
mit Polen verbunden. Andererseits befindet er sich in räumlicher wie auch einer
gewissen mentalen Distanz. Es kann aber eine deutliche persönliche Entwicklung
konstatiert werden. Der ursprüngliche auf den Positionen der späten sechziger
Jahren beruhende Standort einer ›kritischen Analyse‹, verbunden mit
Überzeugungen in Richtung auf ökonomische und gesellschaftliche Reformen,
ist einer tendenziell distanzierteren Position gewichen. Die prinzipielle
Durchsetzung des Reformprizips wird vom Verfasser deutlich skeptischer
eingeschätzt und damit der möglichen Steuerung gesellschaftlicher Prozesse.
Eine kritische und distanzierte Sichtweise hat sich auch gegenüber Theorien und
Modellen ergeben.
Es erfolgen dadurch auch Rückkoppelungen auf eigene Diskurse. Zur
prozeß-soziologische Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung sei mit Elias
formuliert:
»Ein
prozeß-soziologischer Zugang, der menschliche Probleme ins Blickfeld rückt,
verlangt ... den Übergang zu einer weiteren Stufe der Distanzierung, und zwar
der Distanzierung von dem Forschungsgegenstand wie von dem Forschenden, also
von sich selbst. Das persönliche Engagement im Sinne der eigenen
Gewissensbildung legt Forschern, denen die Gepflogenheiten ihres eigenen
Staates zur zweiten Natur geworden sind, eine Betrachtungsweise nahe, bei der
dessen Form und Entwicklungsgang als Muster und Maßstab für die Staatsform
aller anderen Länder dient.«
Aufgrund des die polnische Historizität
betreffenden Ansatzes ergab sich in Polen ein hohes Interesse. Der Verfasser
hat Dank Empfehlungen der emeritierten Soziologen Wladyslaw Markiewicz und
Andrzej Kwilecki Kontakte knüpfen können zu Soziologen an mehreren polnischen
Universitäten. In Gesprächen über die Zielsetzung des Projektes ergab sich
ein sehr hohes Interesse am Aspekt des gesellschaftshistorischen
Forschungsansatzes beider durch Okkupation und die Aufbauphase der
Nachkriegszeit geprägten Wissenschaftler.
In der durch den Realsozialismus geprägten
Generation sank das Interesse an dieser die eigene Habitusentwicklung auch
mental tangierenden Fragestellung. Letzteres kann z.T. auf die Spezifika des
Intellektualisierungsprozesses der Nachkriegszeit zurückgeführt werden. Zum
Tabu geworden ist offensichtlich der Bezug zu Habitusformen wie zur
Intellektualität zur Szlachta-Gesellschaft. Die jüngere Soziologengeneration
ist erheblich an westlich orientierten Modernisierungsprozessen
interessiert. Ein weiteres Problem ist die Begrenztheit der Erforschung der
eigenen Gesellschaft seitens der Soziologen und Politologen, insoweit sie durch
die Rahmenbedingungen des Systems der VR Polen gegeben waren.
Nach 1990 führte es dazu, dass wieder eine neue
Tabuisierung der gesellschaftswissenschaftlichen Erforschung der
zurückliegenden Phase erfolgte. Es wird aber eine begrenzte sektorale
historische Forschung betrieben. Interdisziplinäre Ansätze sind aber kaum
vorhanden. Finanzielle Mittel zur Förderung sind sehr begrenzt. Wissenschaftler
wie z.B. der Historiker Antoni Czubinski, die über die Geschichte der VR Polen
publiziert haben, sind erheblich tangiert durch die anhaltende Dynamik der
gegenwärtigen Machtbalancierungen.
Publikationen polnischer Autoren, die in deutscher
oder englischer Sprache zur Verfügung standen, waren jeweils nur begrenzt
verwendbar. Man instrumentalisiert oder funktionalisiert im jeweiligen
Zusammenhang bestimmte Sachverhalte, die sich unter Begriffe wie ›Geschichtsbewusstsein‹,
dem Begriff der ›Nation‹, wie dem der ›Gesellschaft‹ subsumieren lassen. Man
reproduziert einen nationsgeschichtlichen, zumeist historiographischen Zugang,
überschreitet aber bestimmte Tabugrenzen nicht, wenn es um das Selbstverständnis
der Nation geht.
Nach auf Gesprächen des Verfassers mit polnischen
Soziologen, Politologen, Historikern und Geographen beruhenden Erfahrungen,
wird dieser Forschungsgegenstand nicht abgedeckt, der auf der Basis eines
zunächst kritisch-analytischen Ansatzes und einem prozeß-soziologisch
orientierten Zugang an der Deskription von Figurationen in
Staatsbildungsprozessen, Habitusveränderungen orientiert ist. Generell
kann gesagt werden, dass diejenigen Wissenschaftler Interesse zeigen, die
eine affektive Beziehung - auch in negativem oder zumindest ambivalentem Sinne
- zu Westeuropa, insbesondere Deutschland haben. Es scheint, dass Vorbehalte in
einer gewissen Dominanz aufgrund der individuellen Involviertheit in
nationsspezifische Historizität beruhen.
Ziel der Arbeit ist es, über das Denken und
Handeln der Betroffenen, der Industriearbeiter und Intellektuellen im Prozess
der Ereignisse von 1980/81 insoweit Aussagen zu machen, als dieses im Kontext
zur sozio-historischen Entwicklung der polnischen Nation steht. Dabei soll die
Frage nach der ›Mentalität‹, dem ›Volkscharakter‹ und insgesamt der ›Polonitas‹
diskutiert werden und anhand figurationssoziologischer sowie
zivilisationstheoretischer Ansätze reflektiert werden. Den Leitgedanken bildet
das Spezifikum der Beziehungen der polnischen Gesellschaft zum Staat und zum
Begriff der Nation.
Der Ansatz bedeutet zugleich eine Abgrenzung von
Positionen der westdeutschen Linken, die in der Bildung der Solidarnosc Ansätze
zur Verkörperung oder Realisierung eigenen Utopiedenkens sahen.
Es soll keine erneute zeitgeschichtliche Darstellung erfolgen.
Es wurden bewusst die Arbeiter der ›Lenin-Werft‹,
jetzt ›Danziger Werft‹ ausgewählt, da sie die wesentlichen Träger der Aktionen
waren. Als zweite Gruppe, die gegenüber den Gesprächspartnern als ›Experten‹
bezeichnet wurden, sollten primär intellektuelle Solidarnosc-Aktivisten aus
Danzig, aber auch aus anderen Regionen, Vertreter der Kirche, des polnischen
Katholizismus wie des Protestantismus in Polen, und übrige Involvierte befragt
werden.
Es gibt Politiker, die sich vermutlich dem Wunsch
nach einem Interview entziehen. Dieser Eindruck verstärkte sich seit
Stabilisierung der Macht durch die aus der Solidarnosc hervorgegangenen
Parteien und insbesondere nach der erfolgten Wahl Lech Walesas zum
Staatspräsidenten im Herbst 1991. Ehemalige Solidarnosc-Funktionäre sind in
Warschau immer 'beschäftigt'. Es ist ihnen teilweise unangenehm, wenn sie
jemand aus Westdeutschland nach der Situation von 1980 befragen möchte.
Bielecki hat z. B. trotz mehrfacher, auch persönlicher Zusagen, nicht
geantwortet. Das Büro der UD hat mehrfach zugesagt, einen Kontakt mit
Frazyniuk herzustellen. Es ist nicht erfolgt. Diverse Versuche in Warschau und
Danzig zu weiteren Kontakten verliefen ergebnislos. Andererseits haben sich
viele Mitarbeiter in Behörden und Parteibüros als äußerst interessiert
gezeigt und - soweit es ihre Möglichkeiten zuließen - sich als sehr kooperativ
erwiesen. In diesem Zusammenhang ergaben sich sehr erfreuliche Eindrücke.
Es sind zunächst die Fragen für Fragebogen ‘A’
formuliert worden. Aufgrund der ersten Eindrücke sowie der Veränderungen in
der Einschätzung bzw. Stellung zum Gegenstand seitens des Verfassers
entwickelte sich die Fragestellung weiter. Sie kam in den Ergänzungen ‘B’ und
‘C’ zum Ausdruck. Um den originären Gesamteindruck der einzelnen Befragten zu
erhalten, wurde der Aufbau des jeweiligen Interviews, die Reihenfolge und der
Zusammenhang so belassen, wie er dem Originalen entspricht. Es wurde also
bewusst
darauf verzichtet, zum Zwecke einer besser möglichen systematischen Vergleichs
die Texte entsprechend zu bearbeiten und ggf. umzustrukturieren.
In den Interviews wurde nicht nach einer
möglicherweise angestrebten Revolution gefragt. Da diese Zielsetzung von
einer prinzipiellen Umwälzung des Systems und damit der Machtverhältnisse
1980 tabu war und unter den damaligen Rahmenbedingungen von vornherein eine
Utopie darstellte und auch in westlicher Sicht als unrealistisch galt, konnte
eine solche Frage sich nicht auf die damalige Wahrnehmungsrealität der
Involvierten beziehen.
Die Auswertung soll exemplarisch anhand von
Schwerpunktbereichen erfolgen, da statistische Erhebungen im Sinne von
Vollständigkeit nicht möglich sind aufgrund der nur begrenzten
Vergleichbarkeit im Zusammenhang mit dem hohen Individualitätscharakter
der Befragten. Letztere sind selbst einbezogen in Divergenzprozesse, die
Ausbildung neuer Milieus, die Gründung wie auch Liquidierung eigener Firmen,
sowie die Bildung, Teilung und Wiederzusammenführung polnischer Parteien
und Wahlbündnisse.
Die nach außen seit 1989/90 zunehmend sichtbar
gewordene Ausprägung von Individualisierungsprozessen lässt durchaus auf
früher ausgeprägte individuelle Charakteren schließen. Sie lässt die
Schlussfolgerung zu, dass die Ausgeglichenheit der Lebensverhältnisse im
Sozialismus zwar äußerlich die Individualität der Menschen unter das offiziell
angestrebte Ziel subsumieren, letzteres aber ausschließlich eine phänotypische
Situation bedeutete als Ausdruck kollektiver Selbstzwänge unter den damals
gegebenen Bedingungen. Nach Aufhebung dieser äußeren Bedingungen enthob sich
die Notwendigkeit spezifischen Selbstzwangverhaltens und setzte im Gegenzug
- zumindest temporär - individualisierungsschübe frei.
Es ergaben sich viele Ansätze zu möglichen
Forschungsvorhaben, die sich anschließen könnten. Sie können als Problem- wie
Projektbereich skizziert werden, die wiederum, weil in Bezug zu mehreren Ebenen
stehend, unterteilt werden müssten:
-
der Prozess fortlaufender oder restringenter
Etatisierung;
-
die Zivilisierungsprozesse in
ostmitteleuropäischen Gesellschaften;
-
die Wechselbeziehung zwischen
nationsspezifischer oder globaler Habitusentwicklung;
-
die Entwicklung von ökonomischen Langzeitdenken;
-
der besondere Stellenwert der Ruralgesellschaft;
-
die bisher sehr geringe Forschung über den
(mehrfachen) Paradigmenwechsel der Frauenrolle.
Aufgrund des einerseits hohen Interesses lag eine
gute Arbeitssituation vor. Es muss aber hervorgehoben werden, dass ohne die
direkte engagierte und nachhaltige Hilfe befreundeter Wissenschaftler in
Warschau, Danzig/Gdingen, Posen und Krakau das Projekt nicht realisierbar
gewesen wäre.
Bei der Befragung handelt sich zunächst um eine
Mehrfachbeziehung. Ziel ist es, in dem gegebenen Komplex die Ebenen und Bezüge
offenzulegen. Deshalb ist immanent die Frage enthalten nach dem
zeitgeschichtlichen Gegenstand in seiner Wechselbeziehung zur Sichtweise der
direkt beteiligten Handelnden, wie den indirekt Betroffenen - aber in der
Funktion sehr involvierten sowie den Beobachtenden. Jeder Einzelne stellt
damit aufgrund seiner Individualität ein 'Mosaiksteinchen' dar. Die
Position ›Aussagen über die eigene Beteiligung‹, z.B. über KOR, wie auch
›Darstellung der einzelnen Betrachtungen‹ stellen Positionen individueller
Involviertheit dar. Sie drücken das Maß der Involviertheit in den
Sachverhalt dieses in der polnischen Gesellschaft ablaufenden Prozesses
aus. Die Handlungsebene ist verstanden als ein Kampf der polnischen Nation.
Das Prinzip der Involviertheit muss verknüpft
werden mit den einzelnen Rollenpositionen zum damaligen Zeitpunkt - wie auch
der nicht aus dem gegebenen Zusammenhang verdrängbaren bzw. ausklammerbaren
zeitlichen Entwicklung. Es handelt sich damit um ein zeitgeschichtliches
Beziehungsgeflecht, das politisch zu sehen ist im Kontext des damaligen
Standortes der Befragten im Meinungsspektrum, also auch des Grades der
Involviertheit. i.S. von deren Beteiligung am Geschehen zur Veränderung der
Machtbalance.
Da die Fragestellung an den individuellen
›Motivationsansätzen bzw. -ausprägungen‹ anknüpft, um Antworten auf
nationsspezifische Phänomene zu bekommen, muss auf das
Wechselbeziehungsgeflecht zwischen Interviewer und Interviewtem sowie den
Interviewten und deren Denken wie deren Handeln selbst Bezug genommen werden
und nicht primär auf die fiktiven Beobachterpositionen. Gleichwohl ist für die
Intellektuellen - sie machen es z.T. in den Interviews deutlich - diese
Wechselbeziehung zumeist bewusst. Es ist dabei aber nicht klar, inwieweit sie
sich ihrer eigenen Involviertheit entziehen wollten.
Um Aussagen über die in der damaligen Phase
ablaufenden Prozesse sowie ihre Träger zu erhalten, bietet es sich an,
repräsentativ Beteiligte zu befragen, die sich in unterschiedlichen Rollen
befinden. Deshalb soll über die intellektuelle Kerngruppe der damaligen
Solidarnosc hinausgegangen werden. Ziel ist also, Aussagen zu erhalten über
die tragenden Gruppen und dies in Bezug zu den Rahmenbedingungen zu setzen
für gesellschaftspolitisches Handeln, den gesellschaftlich-historischen
Zusammenhang und die Diskussion der Inhalte.
Entsprechend dem gewählten
formationssoziologischen Ansatz geht die Arbeit prinzipiell von der
Verstehbarkeit und Begründbarkeit gesellschaftlicher Prozesse und der
Parallelität und Verflochtenheit von Zivilisations- und Habitusentwicklungen
und den Veränderungen gesellschaftlicher und staatlicher Machtbalancen aus.
Dies hat Auswirkungen auf die zu wählende Untersuchungs- und
Interpretationsmethode, die eine Balance verstehender und erklärender Empathie
und nüchterner Distanzierungen und Relativierungen erfordert und das
Bewusstsein daran wach hält, dass Untersuchungsergebnisse grundsätzlich zwischen
ihrem individuellen und zeitgeschichtlichen Kontext zu lesen und sicherlich
im Gang der Untersuchung selbst immer wieder kritisch zu überprüfen und zu
entwickeln wird.
Statistische Erhebungen haben, messbar an Ihren
mathematisch ermittelbaren Eignungskriterien, insoweit eine erklärende Deutung,
als das Erkenntnisinteresse sich an materiellen Strukturen, an Entitäten,
orientiert. Statistische Ergebnisse sind interpretationsfähig und -bedürftig.
Sie liefern aber ihre notwendigen Interpretationskriterien nicht mit. Wenn
solche Prämissen nicht schon in der Konzeption der Erhebungen bzw. Befragungen
explizit oder implizit eingegangen sind, bedürfen sie einer über die Statistik
hinausreichende Theoriebildung - es sei denn, dass auf 'Verständnis' und
'Empathie' grundsätzlich verzichtet werden soll.
Habitusveränderungen und Veränderungen zu
zivilisatorischem Verhalten sind durch mathematisch abwickelbare quantitative
Befragungen nicht hinreichend zu entschlüsseln. Erst wenn sie, wie es Elias
exemplarisch vorgeführt hat, an Schlüsselereignissen, Äußerungen und Dokumenten
aufgedeckt, verstehbar gemacht und zu qualitativ-erklärenden Begrifflichkeit
umgesetzt werden, können quantitative Verfahren über Verbreitung und
soziologische Differenzierung der Prozesse Aufschluss geben. Dazu soll
die Arbeit einen Beitrag leisten. Umfassende abschließende Untersuchungen der
Ereignisse in Polen 1980/81 liegen nicht vor.
Wenn die zwei politischen Schlüsselzeiträume
1980/81 und 1989/90 als die Habitusentwicklung der polnischen Gesellschaft tief
beeinflussende Einschnitte in die gesellschaftliche Entwicklung Polens
verstanden und erklärbar gemacht werden sollen, muss dieses Theorem an
geeigneten Dokumenten und Äußerungen manifestiert und nachvollziehbar gemacht
werden. Diesem Zweck dient die empirische Grundlage dieser Arbeit, die
Befragungen. Sie sind kein Test demoskopischer Methodik, keine 'Umfragen',
sondern die möglichst sorgfältige Dokumentation von Bewußtseins- und
Reflexionslagen. Ausgewählt wurden daher Repräsentanten dieses Einschnittes,
die von verschiedener gesellschaftlicher Seite her forcierend oder retardierend,
an verschiedene Kontinuitäten anlehnt, die beiden an der Gesamtentwicklung
Polens interdependenten Habitus- und Gesellschaftsumbrüche repräsentieren.
Da es eine unabdingbare Voraussetzung war, die
Gespräche auf einer Ebene gegenseitigen Vertrauens zu führen, kann die
Auswertung auch nur unter Berücksichtigung des Schutzes der
Persönlichkeitssphäre geschehen. Entsprechend ist auch die in jeweils
gegenseitigem Einvernehmen - manchmal in kurzen höflichen bzw. oder
nonverbaler Andeutungen erfolgte - Absprache einzuordnen, die Texte ggf.
sprachlich zu überarbeiten. Wenn die Interviewpartner zwar gern bereit waren,
in Deutsch zu antworten, aber darauf hinwiesen, im Deutschen nicht so geübt zu
sein, dann wurde der entsprechende Wunsch zumeist vorher geäußert. Es wurde
dann seitens des Verfasser zugesichert, sprachliche Inkorrektheiten oder
'Unebenheiten' durchaus in der Überarbeitung zu korrigieren.
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen,
dass
in den meisten Fällen eine ausgesprochen herzliche, kollegiale oder nette
Atmosphäre entstanden war. Manchmal signalisierte man Zufriedenheit oder gar
Dankbarkeit darüber, dass sich jemand aus dem Westen für die Beteiligten an
dieser doch so eminent wichtigen historischen Phase Polens interessierte.
Zweifellos ist dieser Eindruck maßgeblich auch dadurch entstanden, dass alle
Interviews durch persönliche Kontakte zustande kamen und manchmal spezifische
Bitten oder auch Überzeugungsarbeit geleistet werden musste. Nur in einem Falle
war eine gewisse arrogante bzw. abweisende Haltung erkennbar.
Wenn wir vor 1989 bis heute rapide
Disziplinierungsprozesse und Wertewandel beobachten - auch vor dem Hintergrund
der polnischen Geschichte überraschende Veränderungen im öffentlichem Leben
- so sind diese nicht ohne Verständnis der vorangegangenen Einschnitte 1980/81
nachzuvollziehen und zu verstehen.
Gewählt wurde eine narrative - auf Stichworten
aufbauende Methode - um eine gewisse Entfaltungsmöglichkeit zu geben und um
den idividuellen Zugang zum Gegenstand zu ermöglichen, der auch aus Gründen
der gegenseitiger Achtung voreinander, notwendig war.
Im Komplex 'A', ›Intellektuelle‹ bzw. ›Experten‹,
wurde ein qualitatives Verfahren praktiziert. Es impliziert in der
Wechselbeziehung des Interviewers zum Gegenstand eine relativ hohe Distanz.
Damit wird vermieden, eine vorgegebene Theorie sowie vorgegebene Denk- wie
Messschema anzuwenden. Es soll ein möglichst vorurteilsfreies Herangehen
angestrebt werden.
Auf eine weitere vergleichende methodische
Darstellung z.B. der angewandten Phänomenologie, einer von Danner
für die Geistes- und Sozialwissenschaften entwickelten Methode, soll
verzichtet werden. Das Verfahren korreliert mit dem für die psychologische
Phänomenologie entwickelten Verfahren Giorgis.
Es soll der Anspruch berücksichtigt werden, den
Gegenstand frei von verzerrenden Fakten, wie Vorurteilen oder Ideologien zu
betrachten. Inwieweit dabei tradierte Denk- und Bewertungsschemata
ausgeblendet werden können - so der bei Giorgi implizit enthaltene Anspruch -
ist per se fraglich. Der Befragende muss sich seiner spezifischen Einbeziehung in
das Spannungsverhältnis von gleichzeitiger Involviertheit und anzustrebender
Distanz zum Gegenstand bewusst werden. Insoweit ist der ›vorurteilsfreie‹
Zugang in der 'ersten' Phase (nach Danner) ein in einer gewisser Näherung
anstrebbarer und ob seiner Problematisierung sinnvoller und bewusster Vorgang.
Eine Differenzierung aufgrund des allgemeinen Eindrucks sowie Interpretationen
schließen sich an. Zugang zu letzterer und damit zur Auswertung erfolgt
wesentlich über die Deskription.
Im zweiten Teil, den Arbeiterinterviews soll die
Auswertung noch deutlich auf der Basis der Eigenwahrnehmung der Phänomene aus
der Lebenswelt des Alltags erfolgen. Dies soll gestützt auf die quantitative
Auswertung, den ›Durchschnittswert‹
und die ›Standardabweichung‹
geschehen. Aber auch in diesem Fall ist eine Schematisierung auch deshalb
fraglich, da sich die Frage der inneren gesellschaftlichen Homogenität der
Figurationen der betreffenden Arbeiter stellt.
Darin eingeschlossen ist die Frage nach dem
Individualisierungsgrad der Menschen in Polen der aufgrund der Individual- wie
Familialorientierung des bäuerlichen Herkunftsmilieus. Die äußere Angleichung
der Lebensverhältnisse, wie auch die gemeinsame Konfession, tragen zur Bildung
von Gruppenidentitäten bei. Diese sind aufgrund der kurzen Phase des
spezifischen Sozialisierungs- bzw. Zivilisierungsprozesses, der zum Zeitpunkt
der Ereignisse die erste und begonnene zweite Generation von Werftarbeitern
umfasste, als temporär und zielbezogen auf die Auseinandersetzungen bezogen
zu werten. Überlagert wird dieser Sachverhalt von der prinzipiellen Frage nach
generellen Identitätsbildung in der Figuration der Arbeiter in einer Werft,
z.B. der Lenin-Werft, der Werftarbeiter der gesamten polnischen Küstenregion
oder gar aller Industrie und Bergarbeiter.
Es kann im gegebenen Kontext nicht untersucht
werden, inwieweit z.B. der Solidaritätsbegriff für die Gefühle der
Werftarbeiter untereinander trägt, wie auch in Bezug auf andere Werktätige an
anderen Orten, in anderen Figurationen und Loyalitätsbeziehungen. Das bedeutet
letztlich, dass die Frage des methodischen Vorgehens nicht abgetrennt werden kann
von der soziologischen Fragestellung bezüglich der zu untersuchenden Figuration
selbst und andererseits vom Zugang über den allgemeinen
wissenschaftstheoretischen wie auch den ideologischen Standort.
Die Abhebung von letzterem ist wohl
problematisierbar, seine Umsetzung erfordert aber ein Höchstmaß an
Distanzierungsfähigkeit. Das bedeutet, dass die Frage der statistischen Methode,
das Erhebungsverfahren auch in wissenssoziologischem Kontext gesehen werden
muss.
So notwendig es einerseits ist, die
Wechselwirkungsebenen der verschiedene Beziehungsgeflechte anzusprechen,
so unmöglich ist es, diese durch selektive Freilegung zu analysieren und zu
deskribieren. Eine Analyse der Personen war von vornherein nicht beabsichtigt
und in Hinblick auf die notwendige Singularität möglicher Ergebnisse für die
Untersuchung nicht aufschlussreich und auch im gegebenen Instrumentarium nicht
exemplarisch verallgemeinerbar.
Aus der Beobachtung der Interviewten während der
Abläufe war häufig eine deutliche Konzentriertheit erkennbar, die darauf
schließen lässt, dass der Versuch, während des Ablaufes des jeweiligen
Interviews sich in eine gewisse Distanz zur Sache zu begeben, durchaus gegeben
war - in der Regel aber nur am Anfang. Nach wenigen Minuten war jeweils eine
hohe Konzentration festzustellen, die sich in Körperhaltung, Gestik oder dem
Griff nach der Zigarette, dem Stehenlassen der Tasse Kaffee erkennen ließ. Der
gesellschaftshistorische Zugang ist offensichtlich von hoher mentaler
Involviertheit und begrenzter Distanzierungsfähigkeit gekennzeichnet. Man
spürte es oft bei Befragungen an affektiver Besetztheit, Konzentration etc.
Es kann davon ausgegangen werden, dass es für die
Befragten angesichts der Erinnerungsarbeit, den Formulierungsleistungen
kaum noch möglich war, eine distanzierte Beobachterposition zu sich selbst
einzunehmen, um sich aus der eigenen Involviertheit auszublenden. Begünstigt
durch den individuellen Einstieg in das Beziehungsgeflecht kann davon
auszugehen sein, dass die Gedanken so formuliert worden sind, wie sie entstanden
sind, ohne sie also auch spezifisch zu beeinflussen. Am Gesichtsausdruck,
manchmal dem Griff zur Zigarette, der Augenstellung, teilweise sehr langen und
wenig strukturierten, oft zudem geschachtelten Sätzen - polnisch, wie deutsch -
die für die Übersetzer eine nicht geringe Schwierigkeit bedeuteten, lässt sich
erkennen, dass die Gedanken und Eindrücke jeweils spontan geäußert wurden.
Kritisch wurde es bei manchen Befragten. Sie
befanden sich in einer psychischen Spannung, als sie sahen, worum es ging. Es
gab z.T. affektbesetzte Antworten. Man hat auch gespürt, dass man in einen
Bannbereich eingedrungen ist. Erinnerung und Bewusstwerdung des
Involviertseins war oft unangenehm. Unangenehm war auch die Spannung zwischen
der damaligen (vorgeblichen) Einheit und der späteren Spannung, d.h. den
anhaltenden Machtkämpfen der Gegenwart.
Ein Problem ist z.B. die manchmal betont
distanzierte, partiell zurückhaltende, manchmal bedächtige Art der
polnischen Partner, etwas zu formulieren oder zu umschreiben, während
andererseits jemand, der aus dem deutschen Sprachbereich kommt, eher gehalten
ist und manchmal den entsprechenden Wunsch verspürte, nun auf den 'Punkt' zu
kommen. Die polnischen Gesprächspartner gehen oft in Detailbereiche, in
Nebensächlichkeiten. Die Frage nach dem eigenen Ich, der Stellung zur eigenen
Nation ist tabu. Ein Solidarnosc-Funktionär, ein Kunsthistoriker, hat z.B. eine
Frage nicht beantwortet mit der Begründung, ›er kenne das alles‹ aufgrund
seiner Qualifikation. Er empfand es offensichtlich als einen Zwang, sein
Ego auf der Metaebene offenzulegen. Andere haben auf dieser Ebene geantwortet.
Es ist davon auszugehen, dass dies im Bewusstsein des Zusammenhangs geschah. Der
Ansatz der Offenheit hat sich insgesamt als sehr fruchtbar gewesen.
Es kann vermutet werden, dass dies in einer
nationsspezifischen Verhaltensweise aus einer mehrere Jahrhunderte
umfassenden kollektiven Machtschwäche heraus begründet ist. Die Situation macht
ein taktisch vorsichtiges Formulieren bei höchstmöglicher Selbstkontrolle
notwendig und immer den Schutz der eigenen Identität wie Person unterschwellig
berücksichtigen muss. Dies gilt vor allem bei einem Spontaninterviews. Das
Prinzip korreliert mit dem einer 'erzwungenen Freundlichkeit' seitens relativ
machtschwacher Personen, die dadurch den Eindruck erwecken, unterwürfig oder
gar heuchlerisch zu sein. Dies ist charakteristisch für unsichere
Gesellschaften, die z.B. Wertsicherung durch Verstecken oder Verdrängen aus
allgemein einsehbaren Bereichen 'hinter die Kulissen' betreiben. Es gilt z.B.
für orientalische Gesellschaften und wird im sog. Basarverhalten praktiziert,
das wesentlich der Vertrauensbildung dient.
Ein vergleichbares Spezifikum ist, dass
Verhandlungen mit polnischen Gesprächspartnern sich oftmals sehr lange
hinausgezögert haben. Polnische Gesprächspartner haben dann manchmal nur eine
geringfügige Korrektur angebracht oder den Vorgang einige Tage oder gar Wochen
auf ihrem Schreibtisch liegen lassen, bevor sie ihn weitergegeben haben. Dies
war Ausdruck für einen symbolischen Machtgewinn des am Vorgang teilhabenden,
ein Verhalten, dass vom Verlauf der Arbeit selbst unter
zivilisationstheoretischer Fragestellung als symptomatisch zu interpretieren
sein wird. Erst nach längerer persönlicher Bekanntschaft und
freundschaftlicher Verbundenheit und dabei entstandenem gegenseitigem
Vertrauen hat ein polnischer Wissenschaftler, ein ehemaliger Mitarbeiter des
Westinstitutes in Posen, den Verfasser seinerseits auf dieses Phänomen
hingewiesen. Charakteristisch war und ist, dass in jedem Falle immer erst eine
Vertrauensbasis hergestellt werden musste. Wenn diese sich herausgebildet
hatte, dann ist zumeist eine hochgradige sehr engagierte Hilfestellung
erfolgt, die manchmal mit einem gewissen Stolz verbunden war und ausdrücken
sollte, dass 'bei uns auch funktioniert'.
In einigen Fällen ist die Hilfestellung durch Frauen erfolgt, nachdem männliche
Freunde resigniert haben. Es soll im gegebenen Kontext durchaus der subjektive
Eindruck von der Durchsetzbarkeit polnischer Frauen erwähnt werden. Aufgrund
der persönlichen Ebene und den individuellen und freundschaftlichen
Kontakten, die dabei entstanden sind, soll auf eine weitergehende
Darstellung verzichtet werden.
Kennzeichnend ist, dass zunächst niemand auf
Korrespondenzen geantwortet hat. Alles konnte - oft nur kurzfristig - mündlich
arrangiert werden. Dann gelangt es zumeist noch über gewisse ›connections‹, also
auf der Basis enger oder kurzfristiger Loyalitäten bzw. gegenseitiger
Verpflichtungen. Wenn man dann empfangen wurde, wurde man sehr höflich,
freundlich, zustimmend, korrekt aufgenommen. Es entstanden in der Regel sehr
positive Eindrücke.
Bei den Interviewten handelt es sich nicht um
'die' Gruppe der Intellektuellen und 'die' Arbeiter, sondern um Vertreter aller
Beteiligter in dieser relativ kurzen politisch und historisch aber höchst
bedeutenden Phase, in der der entscheidende Höhepunkt auf einen sehr kurzen
Zeitraum begrenzt ist, die aber andererseits in einer sehr dichten
Wechselbeziehung mit historischen und nationsspezifischen langen
gesellschaftlich Verknüpfungen steht. Die Untersuchung sollte sich deshalb
auf die unmittelbar betroffenen und im Kern des Prozesses beteiligten und
selbst agierenden Personen und Personengruppen beziehen. Diese lassen sich
unter die Stichworte: Arbeiter, Intellektuelle, Priester, Kirche, Vertreter der
Machtgruppen in Staat und Gesellschaft wohl subsumieren. Das Verhältnis
zueinander ist aber nicht additiv oder gar selektiv, sondern interdependent zu
verstehen.
Die den gesamten Sachverhalt betreffende
Sichtweise, die sich gegenwärtig für den Verfasser zeigt, hat sich erst im
Laufe der Arbeit herauskristallisiert. Sie war nicht per se vorgegeben.
Zweifellos ist eine Skizzierung erfolgt, die aber zunächst von
Problemstellungen und Sichtweisen ausgegangen ist, die eine gewisse
Verlagerung als Resultat hatten. Es hat damit zugleich ein Wechsel in der
Einschätzung und Bewertung seitens des Verfassers stattgefunden; d.h. im
fortschreitenden Verfahren ist zugleich in gewissen Schüben eine Veränderung
der Sichtweise wie des Bezuges zum Gegenstand wie der gesellschaftlich
Handelnden eingetreten. So ist das eigene durch spezifische Strukturen
geprägte Denken übergeleitet worden in eine stärker individuelle sozial
differenzierende Betrachtungsweise. Ein besonderes Charakteristikum ist der
Wandlungsprozess im theoretischen Zugang des Verfasser zum Gegenstand. Darauf
wird in den abschließenden Gedanken noch eingegangen werden.
Die Übersetzungen aus dem Polnischen sind generell
vom Verfasser sprachlich überarbeitet und gegebenenfalls korrigiert worden. Es
wurde vorher jeweils mit den Gesprächspartnern vereinbart. Ziel war es dabei,
neben der zu erreichenden Sprachkorrektheit die nötige Authentizität der Sprache
zu bewahren. Die Übersetzungen sind von polnischen Wissenschaftlern, die als
Historiker, Geographen, oder Politologen über sehr gute deutsche
Sprachkenntnisse verfügen und selbst mit deutschsprachigen
wissenschaftlichen Texten arbeiten und andererseits von Germanistinnen, die
über exzellente deutsche Sprachkenntnisse und Übersetzungserfahrungen
verfügen, angefertigt worden. All den Dolmetschern und Übersetzern, mit denen
der Verfasser freundschaftlich verbunden ist, ist er zugleich zu hohem Dank
verpflichtet. Ohne Sie, ihre Hilfe auf vielfältiger Ebene - hätte die Arbeit
nicht durchgeführt werden können.
Die dem polnischen Text zugrunde liegende
Denkstruktur sowie die Art des sprachlichen Ausdrucks, der Wahl der
Formulierung, die in der Bandabschrift erkennbar wurde, sollte mit möglichst
hoher Authentizität erhalten bleiben. Dieses wichtiges Problem der Übertragung
wurde jeweils individuell berücksichtigt. Das bedeutete, dass insgesamt mehrere
Ziele miteinander in sinnvollen und tragbaren Kompromissen in Übereinstimmung
gebracht werden mussten.
Auch in den Texten der deutschsprachigen
Interviewpartner lassen sich partiell polnische Denk- und
Argumentationsstrukturen erkennen. Auch diese sind bei der Bandabschrift -
dort wo es notwendig war - behutsam korrigiert worden. Aussagekräftige
umgangssprachliche Formulierungen wurden möglichst belassen, um den Charakter
des mündlichen Gespräches mit partiell hohem Spontaneitätsgrad der
Formulierungen zu erhalten.
Die Schlüsselbegriffe ›Reform‹, ›Reformierbarkeit‹
sollen reflektiert und auf ihren funktionalen Gehalt überprüft werden. Sie sind
unter das Prinzip anzustrebender Machtveränderungen zu subsumieren und drücken
jeweils die eigene Einschätzung der Wahrscheinlichkeit aus, dieses Ziel zu
erreichen. Sie stehen dadurch im funktionalen Zusammenhang. Sie sind
funktionaler Ersatz für 'verbotene Begriffe', für die 'verbotene Denkrichtung',
für das 'Nichtformulierbare'.
Es ist davon auszugehen, dass alle Beteiligten die
besondere Situation des Komplexes Kirche bewusst war. Ziel der Befragung war es,
die Selbsteinschätzung der Befragten zu erhalten, um das Spannungsgeflecht
zwischen Gruppenbezug, Involviertheit in das Glaubenssystem, die
Funktionalisierbarkeit zu verdeutlichen und damit die Einschätzung,
inwieweit bereits in diesem Tabubereich eine gewisse Distanz gewonnen ist.
In der Ausgangssituation wurde seitens des
Verfassers die Rolle der Institution Kirche einschließlich ihrer Träger wie
dem höheren und dem niederen Klerus sowie der Katholizität der polnischen
Gesellschaft sehr hoch eingeschätzt. Dies geschah zweifellos aufgrund
allgemeiner westdeutscher Einschätzungen, die einerseits auf tradierten
Bewertungsmustern beruhen und andererseits durch die deutschen Medien
hervorgerufen worden sind.
Auch nach Ausrufung des Kriegszustandes am 13.12.1981 nahm die
Berichterstattung über die katholische Kirche in Polen einen großen Raum ein.
Diese Einschätzung in der Ausgangssituation führte
dazu, dass der Verfasser es als notwendig ansah, sich umfangreich mit der Rolle
des Katholizismus in der polnischen Nationsgeschichte auseinanderzusetzen.
Kritisch-distanzierte Darstellungen existieren über diesen fundamentalen Bereich
kaum.
Sozialgeschichtliche Ansätze sind bei Joachim Kondziela vorhanden.
Weitere Publikationen sind in Deutschland von Janusz Marianski erschienen.
Die Kontakte des Verfassers zu beiden Wissenschaftlern haben am Ende der
achtziger Jahre erheblich zum Bild der katholischen Kirche in Polen
beigetragen. Die Ansätze des Verfassers sind nicht kongruent mit den
Intentionen der in die Kirche involvierten polnischen Wissenschaftler. Sie
entstammen anderen Problemebenen.
Dem Phänomen der Katholizität der Menschen in
Polen wurde aber ein erheblicher Stellenwert von vornherein zugemessen. Insofern
erschien es als notwendig, sich mit dieser Problematik umfangreich zu befassen
und dem Thema ein angemessenes Segment der Arbeit zuzuordnen. Es erschien daher
als notwendig, bei der Konzipierung der Fragebogen diesen Themenkomplex in
relativ hohem Maße zu berücksichtigen.
Bereits vor 1980 hat der Kontakt zum ökumenischen
Rat in Warschau über Vorträge, Diskussionen und Publikationen zur
Differenzierung der Bilder beigetragen.
Der Gegenstand erfordert eine angemessene
Beschäftigung mit der Nationsgeschichte, der Kulturgeschichte und der
Nationalliteratur. Letzteres ist bezüglich des Themenbereichs der katholischen
Kirche sehr aussagewirksam. Charakteristische Beispiele finden sich
insbesondere bei Stefan Zeromski. Er durchbricht in besonderem Maße die
selbstbildhafte Darstellung von in die katholische Kirche involvierten Autoren.
Da aber die Realeinschätzungen in der Kirche in
der Gesellschaft eine ambivalente Stellenwert hat, andererseits öffentliche
Kritikformulierung aber aus nationsgeschichtlichem Zusammenhang tabu sind, soll
gerade dieses Segment aus dem Themenkomplex berücksichtigt werden. Ein
Ergebnis der Auswertung der Interviews soll sein, inwieweit das in Deutschland
vorherrschende Bild vom polnischen Katholizismus aufrechterhalten werden kann
anhand der Aussagen der Befragten und zugleich Involvierten.
Es soll aus dem gegebenen Zusammenhang heraus auch
der Versuch der Einschätzung des polnischen Katholizismus in seiner
paradigmatischen Funktion erfolgen und der Versuch gemacht werden, Aussagen
über die Machtbalanzierungen in der gegenwärtigen polnischen Gesellschaft
zu machen. Auch dies kann unter dem Aspekt möglicher Etatisierungstendenzen
erfolgen.
Bezüglich des Gegenstands ›Polen‹ bzw. der
polnischen Gesellschaft ergeben sich mehrere Problemebenen als Paradigmen zur
Erforschung, Deskription und Wertung:
-
Das Verhältnis Deutsche - Polen als
Spannungsbeziehung zweier seit Jahrhunderten interdependent verbundener
Gesellschaften, insbesondere in der Wechselbeziehung Preußen - Polen.
-
Parallel dazu existiert das Verhältnis
Protestantismus - Katholizismus, sowie
-
das des Absolutismus und Etatismus vs. der
Adelsdemokratie und dem Anti-Etatismus.
-
Der Ausbildung einer Industriegesellschaft
einschließlich ihrer Modernisierungs- bzw. Folgeprozesse wie
Liberalisierung im Westen, stehen die Dominanz der Agrar- bzw.
Ruralgesellschaft, späte partielle Industrialisierung, die Oktroyierung
der sozialistischen Gesellschaftsordnung respektive kommunistischer
Herrschaft gegenüber.
-
Den Phänomenen: der Ausbildung von
Mittelschichten, einer an den Oberschichten orientierte Habitualisierung der
Mittelschichten, eines relativ hohen durchschnittlichen Lebensstandards
und der Ausprägung des Sozial- bzw. Versorgungsstaates auf hohem Niveau
stehen gegenüber: die Dominanz einer an Unterschichten (Arbeiter/Bauern)
orientierten Habitusformen, Egalisierungstendenzen, verbunden mit einer
temporären Stabilisierung auf relativ niedrigem Niveau.
-
Einer steigenden Aufstiegsorientierung,
verbunden mit der Nutzung vorhandenen Realisierungschancen in
Westeuropa, entsprechen Aspirationen in enger Rahmenbegrenzung und mit
sinkender Realisierungschancen in Ostmitteleuropa.
Wesentliche sozialistische Ansätze zur Betrachtung
gesellschaftlicher Entwicklungen sind nur sehr begrenzt anwendbar oder weisen
aufgrund realsozialistischer Rahmenbedingungen kaum Chancen auf Konvergenz
auf. Das bedeutet, dass jeglicher Ansatz zur Erforschung auf mehreren Ebenen
einen relativ hohen Grad an Distanzierung aufweist. Vergleichende Ansätze sind
kaum umsetzbar. Gegenstand ist dabei nicht die Diskussion um die Anwendbarkeit
und Begrenztheit des Prinzips, sondern um das Bewusstsein von der begrenzten
Reichweite theoretischer Aussagen in den Gesellschaftswissenschaften.
Das dieses als relevant angesehen wird, belegt z.B. die Diskussion um den
Wissenschaftsbegriff Karl Poppers, der zeitweilig auch als handlungsleitend
angesehen wird.
Modelle sind Mittel zur Funktionsprüfung von
bestimmten Theoremen. Das marxistische Gesellschaftsmodell ist ein
Erklärungsmuster für von ihnen als richtig oder falsch anerkannte
gesellschaftliche Prozesse und Entwicklungen. Gleichzeitig ist es der Versuch,
eine gesellschaftsbezogene Methode zu entwickeln. Die Analyse der polnischen
Gesellschaftsgeschichte ist mit marxistischen Kategorien nicht hinreichend
erklärbar. Für Ostmitteleuropa fehlen entsprechende Gesellschaftsmodelle.
Die kommunistische Machtausübung war nicht
marxistisch sondern leninistisch. Sie hatte die Funktion einer
Legitimatonsideologie und dient der Rechtfertigung eigener
Gesellschaftsvorstellungen. Marx wurde benutzt zur Legitimierung der jeweils
eigenen Herrschaftspraxis. Entsprechende Ableitungen von
Herrschaftsansprüchen oder Legitimierungsmustern ist jeder modernen
Herrschaftspraxis immanent. Ziel des etatistischen Ansatzes dieses leninschen
Herrschaftstyps ist es, in der Gesellschaft eine Identität im Bewusstsein der
Menschen zu erzeugen, die die Akzeptanz von Herrschaft, d.h. der herrschenden
Gruppe, zum Ziel hat. Lenin hat gesellschaftliche andere Realitätserfahrungen
und andere gesellschaftsspezifische Voraussetzungen als Marx.
Da ein unmittelbarer Vergleich gesellschaftlicher
Tatbestände - wie überhaupt jeglicher Entitäten - methodologisch angreifbar ist
- soweit er nicht als eine parallele Beschreibung oder Tatbestandsaufnahme
als unzureichend angesehen wird,
ist eine solche Distanzierung und Abstrahierung notwendig, um
Vergleichsmaßstäbe entwickeln oder anlegen zu können. In den 'westlichen'
Gesellschaftswissenschaften hatten Erklärungsmodelle die Rolle von
Vergleichsmaßstäben. Ihre Evaluierung setzt aber eine kritische Revision der
Entwicklungsbedingungen und Entwicklungsumgebungen dieser Modelle voraus.
Die genannte Problematik wird überlagert durch
sinkende bzw. begrenzte Akzeptanz wissenschaftlicher Modelle bezüglich der
Gültigkeit und konsensuelle Anwendung auf westliche Gesellschaften. Ohne auf
eine wissenschaftliche Auseinandersetzung im Einzelfall einzugehen bzw. den Grad
von Anwendungsmöglichkeiten empirisch prüfen zu wollen, erachtet es der
Verfasser als sinnvoll, die Problematik zu skizzieren, um die Komplexität zu
verdeutlichen,
die nicht mit Begriffen wie - jeweils begrenzter - Komplexität, Kongruenz,
Konvergenz etc. abdeckbar ist.
Es soll dazu an die Gedankenführung Dettlings
angeknüpft werden, der sich skizzenhaft mit der Gültigkeit moderner
soziologischer Modelle auseinandersetzt.
Sein Ansatz soll in Form von Stichworten und gewissen Leitgedanken auf den
Gegenstand übertragen werden.
Nach Dettling bestand eine Spannung zwischen dem
Sozialismus als generellem Ausdruck für Glaube und Hoffnung von Arbeitern,
Aufsteigern der ersten Generation und Intellektuellen und dessen Offenbarung
als ein Zwangsglaube für gescheiterte Ideen und Konzepte, der Unmöglichkeit
einer Realisierung der Konstruktion einer besseren Gesellschaft. Es gilt,
dieses Spannungsverhältnis bezüglich der Situation 1980/81 in Polen
abzubilden.
Der Anspruch von Soziologie und Politologie als
Krisen- und Kritikwissenschaft ist nicht mit dem Modell einer ›Kritik der
Entfremdung‹ oder der ›Bürokratie‹ umsetzbar. In Polen kritisiert man keine
abstrakte sich verselbstständigende Bürokratie. Man beklagt stattdessen den nicht
funktionierenden eigenen Verwaltungsapparat und bewunderte als beispielhaft
die funktionierende Organisation in der Bundesrepublik.
Der demokratisch-emanzipatorische Ansatz galt aus
der Tradition der Aufklärung heraus.
Er war verbunden mit dem kapitalistischen Westen sowie deren entwickelten
Staatsgesellschaften und ist auch fern z.B. dem Denken wirtschaftlich
aufsteigender Gesellschaften Asiens. Wenn beklagt wird, dass die moderne
Entwicklung eine ›moralische Verarmung‹ mit sich gebracht hat, welche Ausprägung
erfährt dieses dann erst in Osteuropa? Die Suche nach ›Reformen (sollten) die
Widersprüche der Moderne‹ aufheben durch mehr Demokratie, wirtschaftlichen
und sozialen Wohlstand. Es handelt sich dabei um die Probleme der sich auf
hohem Entwicklungsniveau befindlichen Gesellschaften Westeuropas, nicht um die
von tendenzieller Verelendung bedrohten osteuropäischen Länder.
Der Glaube ›wie Karl Mannheim es formuliert hat,
an einen neuen Menschentyp …, der sieht was getan werden muss, und neue
politische Gruppen, die es dann auch tun,‹ (ebd.) klingt für die in der Krise
des realen Sozialismus lebenden Menschen wie die Sprache aus einer anderen Welt
- auf die sich ihrerseits die Aspirationen richten.
Der Glaube an ein - durch politische Doktrinen vermitteltes - besseres
Menschenbild ist spätestens am Ende der siebziger Jahre nirgendwo in der
polnischen Gesellschaft mehr spürbar. Eine realitätsbezogene Frage ist die
Hinwendung zur Sinn und Moral definierenden Institution Kirche, wie auch die
zunehmende Distanz seit 1990.
Die Problematik besteht für den Verfasser u.a.
darin, den Versuch zu machen, westeuropäisch geprägtes Wissen und seine daraus
resultierendes Denkansätze und Methoden auf das Denken und den Habitus dieser
anderen fremden Gesellschaften zu übertragen. Dieses zu erkennen und sich selbst
zu verdeutlichen, auch den Versuch zu machen es nachzuvollziehen, hat einen
langen Prozess erfordert.
Sozialkritische Projekte verwurzelt im
sozialstrukturellen Milieu der alten BRD, haben sich in den großen und
ideologischen Konflikten Westeuropas herausgebildet, sie lassen sich nicht
direkt übertragen. Mag die deutsche politische Kultur geprägt sein von dem
›Bekenntnis an Normen und Tradition sozialer Mitverantwortung und Tradition‹;
diese ›intellektuellen und sozialen Phantome‹ waren Ausdruck einer
industriegesellschaftlichen und modernen Entwicklung - sie treffen auf rigide
Überlebensgesellschaften nicht zu und sind dort nicht anwendbar.
Das Anderssein der Denk- und Verhaltensstandards
mit der vertrauten und spezifischen Begriffsbelegungen widerzuspiegeln, zu
strukturieren, zu analysieren, zu interpretieren oder zu deskribieren, ist in
der Spannungskonstellation von engagierter und emphatischer Vorgehensweise
einerseits und distanzierter Deskription andererseits sehr kompliziert,
es soll trotzdem - vielleicht auch gerades deswegen - versucht werden.
Es kann und soll sich nicht darum handeln,
generalisierend oder exemplarisch zu widerlegen, dass westliche
sozialwissenschaftliche Modelle und Theorien nicht oder nur begrenzt auf die
polnische Gesellschaft anwendbar sind. Die Intention besteht vielmehr darin,
deutlich zu machen, dass versucht wird, sie unreflektiert zu übertragen, d.h.
ohne Prüfung der soziohistorischen Bedingungen. Das soll z.B. dadurch
geschehen, dass Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber dieser Gesellschaft erhöht
wird.
Das Problem kann symbolisiert werden an der
Auflösung des zunächst immanenten Widerspruchs, Ansätze einer Theorie, die am
Beispiel einer etatistischen Gesellschaft entwickelt wurde, auf eine
nicht-etatistische Gesellschaft zu übertragen.
Der Lösungsansatz besteht zunächst darin, die
Begriffe ›etatistisch‹ und ›nicht-etatistisch‹ nicht als Antipoden zu
begreifen, sondern als Grenzbetrachtungsmodell von Gesellschaften, die einer
gewissen Dynamik unterliegen und über einen prozeß-soziologischen Betrachtung
verknüpft werden können.
Es soll die Beschäftigung und Auseinandersetzung
mit zivilisationstheoretischen Ansätzen, insbesondere mit dem Spezifikum
einer prozessual zu begreifenden partiell etatistischen wie auch
anti-etatistischen Gesellschaft erfolgen, die im sozialstrukturellen Milieu
der Adelsgesellschaft und der bäuerlichen Gesellschaft verwurzelt ist und den
Schritt zur Moderne sowie den Staatsbildungsprozess nach westeuropäischem
Modell nicht vollzogen hat.
Die ›Kategorien und Modelle der Soziologie - wie
Wirtschaft und Gesellschaft, Arbeit und Vollbeschäftigung, Staat und
Herrschaft, Armut und latent vorhandene Ungleichheit‹
sind unter Bedingungen liberaler oder offener Gesellschaften entstanden. Sie
sind ihrerseits nicht anwendbar auf osteuropäische nichtetatistische,
nationsmythisch geprägte oder auch im Findungsprozeß von nationaler wie
staatlicher Identität befindlicher Gesellschaften.
Die Krise bzw. der Zusammenbruch des
osteuropäischen Modells kann nicht mit Modellen erklärt werden, die mit diesen
Gesellschaften nicht in einen sozio-historischen Kontext stehen und die
ihrerseits den Krisenbegriff instrumentalisieren.
Begriffe wie ›Vollbeschäftigung‹ und ›soziale
Ungleichheit‹ haben unter polnischen Experten, deren Problem bis 1989 der
wirtschaftliche Rückstand sowie die latent versteckte Ungleichheit war, einen
systemspezifisch-instrumentellen Stellenwert. Man verhält sich in Diskussionen,
wenn westliche Gesprächspartner über deren eigene 'gewichtigen' Probleme
sprechen, sehr zurückhaltend oder schweigt höflich, kann aber zumeist schwer
überspielen, dass man deprimiert ist. War im Westen der ›Staat der richtige
Adressat für die Lösung der 'sozialen Frage', an dem Objekt der
bürgerrechtlichen sozialen Begierde, der Hüter der Verfassung und der
Solidarität‹ - zumindest in geglaubten Ansätzen - so ist im
realsozialistischen Polen der Staat nach wie vor Symbol für das ›Fremde‹ sowie
für soziale Privilegierung manifestierende Macht und gilt weiterhin als dem
Individuum feindlich gesinnt.
Das gilt entsprechend für das jeweilige Segment
der Gesellschaft, das durch Regierung und parlamentarische Macht
repräsentiert wird - seit November 1993 die Linke, zuvor die Solidarnosc.
Ein Sachverhalt ist z.B. die für Polen nicht
erkennbare ›Reformbindung, die Mobilisierbarkeit der Massen, der aufgeklärten
Bürger, des politischen Katholizismus der Arbeiterklasse‹. Wenn, dann gelten
die Attribute in Zeiten nationaler Bedrängnis und werden unter Einbeziehung der
katholischen Kirche definiert. In Polen brachte die Nation die Frage sozialer
Bewegungen nicht zur Kongruenz. Polen ist zudem erst seit 1990 ein anerkannter
definierter Raum geworden.
In diesen Gesellschaften ist die ›soziale Frage‹
oder das ›liberale Dilemma‹ niemals vergleichbar postuliert worden. Wenn
Dettling beklagt: ›Es gibt (sie) im gewohnten Sinne in keiner Gesellschaft
mehr, es gibt nur noch Individuen, die sich nicht länger in alten sozialen
Formationen bewegen‹ - so ist festzustellen, dass es in Polen weiterhin eine
Interdependenz zwischen der Individualgesellschaft und einer postulierten
Nation gibt, die verbunden ist mit der ebenfalls noch latent vorhandenen
Identität des Katholizismus. Die ›soziale Frage‹ besitzt keinen adäquaten
Stellenwert. Es gilt weiterhin primär die Dichotomie des 'wir' und 'sie', eine
Konstellation, die zweifellos der Dynamik begonnener Modernisierungsprozesse
unterliegt.
Für das Land und die Nation relevante
Entscheidungen fielen in der jüngeren Geschichte nicht in Polen, sondern
anderswo, zudem an Orten wo keine ›soziale Politik und demokratische
Partizipation‹ gegeben waren. Es ist hinzuzufügen, dass kein Partizipient einer
Vertretung des Volkes bei für die Nation entscheidenden Fragen seit ca.
dreihundert Jahren, d.h. seit der Wahl der Sachsenkönige entscheidend
mitgewirkt hat. Seit dieser Zeit wird insbesondere die russische Einflussnahme
als für die Nation bedrohlich wahrgenommen.
Selbst die endgültige völkerrechtliche Festlegung
der deutschen Grenzen 1990 - also der Ostgrenze der Bundesrepublik Deutschland
- fand wesentlich in den 'Zwei-plus-vier-Gesprächen' statt. Symbolisch und erst
nach Protesten hat man Polen als 'fünften' Teilnehmer beobachtend und beratend
hinzugenommen, also den europäischen Partner, für den die deutsche Ostgrenze
die entscheidende Bedeutung für die nationale und staatliche Existenz hat.
Der Grenzvertrag mit Polen war im völkerrechtlichen Sinne wie auch symbolisch
für Polen sehr wichtig, in der politischen wie auch in der psychosozialen
Wahrnehmung in der Bevölkerung bereits nicht mehr. Der Vertrag setzt einen
Schlusspunkt unter eine Spannungsbeziehung und ermöglicht zweifellos die
weitere Integration Europas.
Es müssen die wesentlichen Polen betreffenden
Probleme und Phasen aus dem Diskurs der Phase des realen Sozialismus - zumindest
als Skizze - bewusst werden. Es ist zu prüfen, inwieweit dabei die
sozial-existentielle Verunsicherung den Habitus der Gesellschaft prägt und sich
gegebenenfalls zum Syndrom entwickelt. Es ist weiterhin zu prüfen, inwieweit die
Kirche in dieser Situation versucht, als traditionell wertvermittelnde bzw.
-setzende Institution über ihre Doktrinen, die Nutzung affektiver Machtquellen
Macht in der Gesellschaft auszuüben, bzw. inwieweit dieses von Intellektuellen
und Arbeitern als solches wahrgenommen wurde.
Zur Verdeutlichung der Problematik eines
Vergleichs in der Deskription der Systeme bietet sich das Prinzip der
Risikogesellschaft an.
In der Rezeption des Modells der ›Risikogesellschaft‹ ist eine für unsere
Gesellschaft charakteristische Bedeutungsverschiebung erkennbar. Der von Beck
als verhaltens- und wertungsleitend beschriebene Bewusstseinsinhalt, in einer
Welt der 'Risiken' zu leben, wird als reale Beschreibung unserer, der
westdeutschen Gesellschaft, als historisch oder systembedingt besonderen Risiken
ausgesetzt zu sein, missverstanden. Es handelt sich bei der Postulierung von
Risiken um Gefühle, die möglicherweise aus individuell oder kollektiv
vermuteten sowie potentiell in den Bereich des Möglichen rückenden
Abstiegsbedrohungen entstehen. Die Verschiebung dieser Wahrnehmung ist aber
gerade der Inhalt des Begriffes ›Risikogesellschaft‹, die dadurch Merkmal
einer Gesellschaft ist, die in ihrem Alltag weniger als andere Gesellschaften
mit realen Existenzproblemen und gefahren konfrontiert ist und ihre Ängste
auf gesellschaftlich oder subkulturell vermittelte und besetzte 'Risiken'
lenkt und reale Erfahrungen als 'Risiken' definiert.
Dieses Verhaltensmodell ›Risikogesellschaft‹ kann
nicht auf Umbruchs- oder Armutsgesellschaften übertragen werden, deren
Angstbewältigungsmuster aus der unmittelbaren Situation des 'Kampfes ums
Überleben' oder des 'Kampfes um soziale Sicherheit' abgeleitet werden.
Das Problem lässt sich konzentrieren auf 'Lücken',
auf etwas nicht existierendes, das zugleich ein Spannungspotenzial zwischen
'Systemen' darstellt, wobei das östliche empirisch nur sehr begrenzt erforscht
wird und die gegenwärtige Situation von Verdrängungsprozessen in Wissenschaft,
wie auch der Gesellschaft allgemein, überlagert wird. Auch in der westlichen
Industriegesellschaft verliert das Modell ›Risikogesellschaft‹ - als
bürgerliche Rezeptionsform gesellschaftlicher Dependenzen - die
Erklärungsrelevanz, wenn große Teile der Gesellschaft pauperisiert und aus dem
bürgerlichen Selbstverständnis ausgegrenzt werden.
Die modellhafte Anwendbarkeit auf die polnische
Gesellschaft ist sehr begrenzt. Die Begrenztheit der Modelle westlich
etatistischer Gesellschaften lässt sich dabei generalisieren. Die
sozio-historischen Entwicklungsprozesse der osteuropäischen Gesellschaften
sind jeweils als Spezifikum zu begreifen und zu werten. Den Bereich der
negativen Erwartungshaltung der Menschen in Ostmitteleuropa gegenüber ihrem
Staat im Bereich von Technik und Wissenschaft kann man aber durchaus methodisch
mit dem Ansatz des Theorems der Risikogesellschaft verknüpfen, wie es am
Beispiel der westlicher Gesellschaften der achtziger Jahre formuliert worden
ist.
Eine Gesellschaft, die sich mit gravierenden
Überlebensproblemen auseinandersetzen und dieselben bewältigen muss, in der es
große Gruppen gibt, die unterhalb der Armutsgrenze leben,
diskutiert keine ›Risiken‹, die der modernem auf hohem Standard befindlichen
Wohlstandsgesellschaft
immanent sind. Sie empfindet sich nicht als betroffen. Nur ein kleineres
Segment der Intelligenz nimmt z.B. die Risiken der Kernenergie wahr. Das
deskriptive Modell der Risikogesellschaft ist in einer relativ hochgradig
sicheren westlichen Gesellschaft der achtziger Jahre entstanden und kann nicht
auf eine erheblich risikoreichere Gesellschaft transferiert werden.
Es kann durchaus vermutet werden, dass in
Deutschland der gegenwärtig höchst mögliche technische Standard wahrscheinlich
auch erreicht worden ist.
Zweifellos ist dabei der 'Faktor Mensch' als nicht bestimmbar in die Diskussion
einzubeziehen. In Polen glaubt aber niemand daran, dass dort die technischen
Standards auch den dort theoretisch möglichen Grad an Sicherheit erreicht
haben. Dies verknüpft sich mit menschlichen Unzulänglichkeiten, so dass die
Frage nach dem Grad des Risikos nicht im Bereich menschlicher Vorstellungen und
Abschätzbarkeit liegt.
Eine Einschätzung der Realisierung des technisch
Möglichen ist nicht gegeben. Das Phänomen der ›self-fullfilling prophecy‹ bzw.
eine Haltung ähnlich dem Fatalismus ergänzt dies. Man lebt in Polen permanent
mit Unzulänglichkeiten. Sie sind dort Ausdruck technisch-gesellschaftlicher
Normalität. Das gilt insbesondere für Großbetriebe der chemischen Industrie
sowie für Kernkraftwerke.
Als ein Symbol für Unzulänglichkeiten können die
fast immer überladen und ständig in Reparatur befindlichen Busse der
öffentlichen Nahverkehrssysteme gelten.
Ein Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel kann eigene Zeitpläne kaum
einhalten.
Die Folge ist, dass man es gar nicht erst versucht. Es bilden sich Gefühle der
Resignation und Apathie heraus. Dem versuchten Zwang seitens der staatlichen
Behörden, Vorschriften einzuhalten, wirkt man dadurch entgegen, dass man ihn
nicht als legitim anerkennt. Weitere Folgen sind ›Alltagsanarchismus‹ und
›Sozialpathologie‹.
Man lernte in den siebziger Jahren mit
Unzulänglichkeiten zu leben und entwickelte entsprechende Haltungen, die als
Fatalismus oder Phlegma bezeichnet werden können. Wenn z.B. ein Zug Verspätung
hatte, was vor allem bei ungünstiger Witterung der Fall war, dann konnte man
nur hoffen, dass der Anschlusszug ebenfalls entsprechend verspätet war. Die
Folgen der Unzulänglichkeiten ertrug man individuell. Man gewann sehr früh
kollektiv die Erkenntnis des Unabänderbaren, der Wirkungslosigkeit von
Versuchen, dieses abzustellen und das Gefühl für die innere Leere aufgrund
propagandistischer Versprechungen.
bewusst wurde dies vor allem den Angehörigen der
Intelligenz. Dies ist wesentlich eine Folge der in den siebziger Jahren sich
anbahnenden Kooperationen mit Westeuropa. Kapitalistische Vertragspartner
vereinbarten nicht nur Verträge, sie legten entschieden Wert auf die volle
Einhaltung derselben. Man bestand insbesondere auf einer Garantie des
Qualitätsstandards und der Einhaltung der Liefertermine. Diesem Anspruch zu
genügen war unter Bedingungen von Improvisation sowie vorrangig extensivem
Personaleinsatz auf Dauer nicht möglich.
Der Kontakt mit der Bundesrepublik, Großbritannien
und den USA durch Migranten, Wissenschaftler, Firmenvertreter und
'Arbeitstouristen' erbrachte das Wissen um die Unzulänglichkeiten des eigenen
Systems. Dies war verbunden mit der daraus abgeleiteten Hoffnungslosigkeit
bezogen auf eine mögliche Änderbarkeit oder auch nur Verbesserung. Die
Erkenntnis setzte sich durch, dass eine prinzipielle Veränderung, zumal mit
eigen, dem RGW immanenten Mitteln, unabdingbar sei.
Diese Erfahrung machten vor allem junge Student/innen, die in den siebziger
Jahren in den Sommerferien oder als Stipendiaten in Westeuropa arbeiteten.
Den Stellenwert der Alltagserfahrung für die
Ablehnung des Systems gegenüber ideellen oder politischen Motiven hat der
Verfasser erst relativ spät erkannt. Er soll deshalb besonders berücksichtigt
werden. Das Scheitern des realen Sozialismus ist auch aufgrund seiner im
privaten wie beruflichen Alltag wahrnehmbare Realität erfolgt, nicht kausal
aufgrund von Theorien oder Modellen.
Aus der Vielfalt von Einzelbeobachtungen, die in
der Regel keine Kritik am eigenen System darstellten, kann man durchaus auf in
der Substanz massive Kritik schließen. Auch dieser Prozess hat beim Verfasser
einen langen Zeitraum in Anspruch genommen. Charakteristisch ist z.B. die
Biographie eines befreundeten Journalisten: Sein Vater wurde aufgrund der
Okkupationserfahrungen Kommunist und systemloyaler Journalist. Er selbst
besuchte die Schule in der DDR, studierte in Moskau, jobbte als Stipendiat in
der Bundesrepublik. Aufgrund sehr restriktiver Lebensführung wurden Prinzipien
wie Wirtschaftlichkeit und Wertgesetz von ihm selbst erfahren und
verinnerlicht. Er sieht in seiner Leistungsorientierung und einer zwischen
sozialliberal und konservativ orientierten Haltung die die Voraussetzungen
für seinen individuellen Aufstieg und hart erarbeiteten Erfolg.
Der Glaube an den ›Diamanten, der als Symbol für
eine neue strahlende Zukunft aus der Asche steigt‹, scheint generell
verloren gegangen zu sein.
I. Die Bestimmung des Denkens und Handelns der
polnischen Gesellschaft der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung des
Erneuerungsprozesses
1980/81
1. Das Denken und Handeln der polnischen
Gesellschaft ist wesentlich bestimmt durch den historischen Prozess des Landes,
die Geschichte der polnischen Nation. Es ist maßgeblich geprägt durch das
›Goldene Zeitalter‹ des 16. Jahrhunderts bis zur Zeit des
wirtschaftlichen Niedergangs im 18. Jahrhundert, durch die
Zeit der Fremdherrschaft von 1795 bis zum Jahre 1918/19
und die Wiedererrichtung des polnischen Staates aufgrund
des Versailler Vertrages.
Das Verhalten der heutigen polnischen Gesellschaft
bezüglich Denken, Handeln, verbunden mit jeweiliger Wertsetzung, entspricht den
Maximen der polnischen Gesellschaft, die wesentlich durch die Epochen des
›Goldenen Zeitalters‹, die Phase des Niedergangs der Adelsrepublik sowie durch
die Zeit der Fremdherrschaft, die Teilungszeit, bestimmt ist.
Zwischenkriegszeit, Okkupationszeit und Stalinismus sind in den Zusammenhang
einzubeziehen. Sie stellen eine Transformation tradierter Normen und
Verhaltensweisen dar, aber keine neuen Wertsetzungen und Paradigmen.
Prägend sind die Phase des ›Goldenen Zeitalters‹
und des nachfolgenden Niederganges, verkörpert durch die Wahl sächsischer
Fürsten zum König. Charakteristisch für die Lähmung der Adelsrepublik ist das
›Liberum Veto‹ sowie das Konföderationsrecht. Eine besondere Rolle spielt dabei
die Tatsache, dass sich Polen nicht absolutistisch entwickelte, sondern die
spezifische Form einer Republik herausgebildet hat, die vom Adel getragen wurde.
Man spricht von der ›Adelsrepublik‹ sowie der ›Adelsdemokratie‹. Nahezu
zeitgleich erfolgte dann die Entwicklung zur 'adels-demokratischen' Verfassung
des 3. Mai 1791.
Die Schwäche des polnischen Staates in der Phase
des Niedergangs enthält folgende für die innergesellschaftliche
Habitusentwicklung bestimmende historische Komponenten:
-
Polen ist als Adelsrepublik politisch schwach
gegenüber den absolutistisch regierten Nachbarmächten Russland, Preußen und
Österreich und wird deshalb als Staat Opfer dieser 'Teilungsmächte'.
-
Polen ist schwach, weil es wegen seines - auf
die Szlachta bezogenen und am Gleichheitsprinzip orientierten -
demokratischen Anspruchs und seiner relativen Liberalität dem machtstärkeren
absolutistischen Nachbarn unterlegen ist und deshalb als Nation Opfer
wird.
Mit Beginn der entscheidenden Phase der
Teilungszeit ab 1793
begann sofort ein nationaler Widerstandskampf. Dieser Kampf umfasste alle
politischen, sozialen und (später) ökonomischen Methoden, auch die
Einbeziehung der Kultur in ihrer spezifischen Herausbildung der Literatur,
Musik und bildenden Kunst. Dieser Kampf wurde wesentlich vom Adel getragen. Die
Bauern waren im Kosciuszko-Aufstand 1794 einbezogen. Im Galizienaufstand
1848 kämpften sie gegen die polnischen Magnaten. Handwerk und Mittelstand waren
- soweit polnisch - von der Anzahl her gering und u.a. deshalb erst nennenswert
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beteiligt.
Das Verhältnis Adel - Bauern muss für die
Teilungszeit gesondert differenziert betrachtet werden. Im gegebenen
Zusammenhang kann es nur skizziert werden. Der gesellschaftliche
Widerspruch Adel - Bauern wird dabei nur zum Teil, zeitweilig und
regional bezogen dem höheren gemeinsamen Ziel, der ›Befreiung der polnischen
Nation‹, untergeordnet. Wesentlich ist dabei, dass dies als primäres Ziel gilt
gegenüber dem der Wiedererrichtung eines selbstständigen Staates.
Der Nationsbegriff wird zunehmend mystifiziert.
Nur so ist es zu verstehen, wenn der Befreiung der Nation der heldenhafte Kampf
und der opfervolle Tod gelten. Der Vaterlandsbegriff vereinigt an sich beides,
ist aber weitgehend unter den Nationsbegriff zu subsumieren, weniger dem Ziel
des unabhängigen Staates.
»Den
Aufständischen fehlte der Glaube; was sie allein hatten, war Mut. Sie waren
unter Umständen glänzende Soldaten, die fürs Vaterland zu sterben wussten, sie
waren aber keine Männer der siegesgewissen und zielbewussten Tat. Ihr Kampf war
vergeblich.«
Die gefühlsbetonte individuelle Einbeziehung
einschließlich der Selbstopferung sowie eine visionäre Zielbestimmung
dominieren über einer nüchtern kalkulierten Strategie und Taktik einschließlich
der konkreten Zieldefinition. Die Literatur beschreibt und verklärt diese
Verhaltensweisen, verstärkt und induziert sie dadurch gleichzeitig. Die Kultur
des 19. Jahrhunderts und teilweise des 20. Jahrhunderts ist wesentlich
einbezogen in das geschichtliche Spannungsverhältnis. Sie trägt damit zur immer
wieder reproduzierten Entscheidung bei, den Kampf als permanent-heldenhaften
Opfergang auf einem nicht endenden Weg fortzuführen. Sie hindert
politisch-rationale Lösungsansätze. Dadurch trägt sie maßgeblich zur
Beibehaltung einer tragischen Situation bei. Hinweise sind zu finden z.B. bei
Zeromski, Slowacki und Reymont.
Die Phase der Fremdherrschaft ist differenziert zu
sehen in Bezug auf die drei Teilungsmächte, ihre Methoden der
Herrschaftsausübung sowie ihr jeweiliges Selbstverständnis als Staat. Hinzu
kommt die sich wandelnde Zielbestimmung vor allem in Preußen,
aber auch in Russland, weniger in Österreich.
Für Österreich gilt der Primat des Erhalts der
K.u.K. Monarchie einschließlich der Vormacht der Deutschen, bei begrenzter
Gleichstellung der Ungarn nach dem Ausgleich 1867. Die Region Böhmen war durch
die Industrialisierung im Vorteil. Unter den Slawischen Völkern waren die
Polen relativ privilegiert. Galizien hatte eine Sonderstellung: die Hauptstadt
war Lemberg, dort saß der polnische Gouverneur des Kaisers. In Wien gab es den
einflussreichen ›Polenclub‹.
Weitere ethnische und soziale Privilegierungen -
auch Deprivierungen - sind sekundär. Damit steht der Habsburger Staat
wesentlich in einer historischen Tradition politischer Herrschaftsausdehnung
mit inkongruenter ethnischer Zugehörigkeit sowie der sich zwischen Duldung und
Unterdrückung bewegenden religiösen bzw. konfessionalen Orientierungen.
Entsprechend problematisch ist die ethnische Zuordnung der Weißrussen und der
Ukrainer sowie ihrer Selbstdefinition als über Sprache (Idiom) und Konfession.
Das Verhältnis des zaristischen Russlands zu seinem
Teilungsgebiet Polens war traditional, d.h. machtspezifisch bestimmt.
Weißrussland (Weißruthenien) und vor allem Litauen stehen in anderer Tradition zu
Polen als die Ukraine. Eine weitere Unterscheidung ist in der Zuordnung bzgl.
des Bewusstseins (sprachlich und konfessionell) und der Verwaltung durch den
Staat.
Es ergibt sich somit die Notwendigkeit einer
Definition der ›Polonitas‹ innerhalb der slawischen Großregionen: Die
Zugehörigkeit in Abhängig von Konfession, Sprache sowie mentaler
Identifikation. Die Definition über ein bestimmtes Staatsgebiet kann nicht
erfolgen; ein vor allem in dieser Qualität besonderes polnisches Spezifikum.
Das russisch-polnische Verhältnis gewinnt in der Phase des Panslawismus eine
besondere Ausprägung, die hier nur erwähnt werden kann.
Die zaristische Politik war in ihrem
Teilungsgebiet geprägt vom eindeutigen Willen zur Durchsetzung politischer
Macht, notfalls durch militärische Gewaltakte. Polnische Sprache und Kultur
wurden nicht unterdrückt, insoweit sie die russische Oberhoheit nicht in Frage
stellten. Polen konnten als Angehörige der Szlachta verantwortliche Positionen
in Staat und Militär einnehmen, ohne ihre eigene polnische Identität
aufzugeben. Unterdrückt, ausgewiesen, in Haft genommen oder deportiert wurden
diejenigen, die für die staatliche Unabhängigkeit Polens und damit gegen die
Oberhoheit Russland kämpften. Insbesondere der Adel wurde damit in die Ausübung
politischer Macht einbezogen. Die Betreffenden erhielten zugleich eine
wirtschaftliche (berufliche) Existenzmöglichkeit - allerdings um den Preis der
Anpassung und der Unterordnung. Hervorzuheben ist, dass dadurch in dieser
begrenzten Zusammenarbeit, die nicht als Kollaboration bezeichnet werden darf,
gleichzeitig die Vorbereitung der Aufstände erfolgte.
Ein großer Teil der Szlachta war nicht
entsprechend adaptiert. Diese Angehörigen hatte z.T. als Intellektuelle einen
Anteil an den sozialistischen Bewegungen, wie z.B. Marchlewski, Dzierzynski. Der
sowjetische Marschall Sokolowski entstammte der ostpolnischen (ruthenischen)
Szlachta, der General Rokossowski, der ihr oft zugeordnet wird, dagegen nicht
(nach Jernsson). Unter Stalin verloren viele Polen ihre Funktionen.
Das besondere polnisch-jüdische Verhältnis kann
als relativ stabil betrachtet werden, solange die russische Oberhoheit als
fremde Zwangsherrschaft vorhanden war. Die Mechanismen des polnischen
Antisemitismus prägten sich wesentlich erst nach Wiedererlangung der
Unabhängigkeit aus, in einem Staat, der nun als moderner
parlamentarisch-demokratischer Staat konzipiert wurde, dann aber
innergesellschaftliche Probleme freisetzte, die zuvor in der Teilungszeit
kanalisiert oder unterdrückt worden waren. Dieser Nachkriegsstaat ist
wesentlich an seinem eigenen - widersprüchlichen - Anspruch der Nationwerdung
gescheitert.
Der nationale und politische Kampf um die
Unabhängigkeit fand wesentlich im russischen Teilungsgebiet statt. Die
kulturelle Aufarbeitung, Edition der Schönen Literatur, war im österreichischen
Teilungsgebiet (vor allem Krakau und Lemberg) möglich sowie im Exil, in Paris.
Entsprechendes gilt für die politische Untergrundliteratur und Presse, die
teilweise auch im Teilungsgebiet gedruckt wurde, auf jeden Fall dort aber
Verbreitung fand. Herstellung, Besitz und Vertrieb wurden von den Behörden der
Teilungsmächte, vor allem Russlands, unnachgiebig verfolgt und mit schweren
Strafen geahndet. Der permanente Kampf um politische bzw. staatliche
Unabhängigkeit, konkret als Kampf gegen die russische Teilungsmacht,
subjektiv (individuell und kollektiv) verstanden als Kampf einer Nation um ihre
unabhängige Existenz, ist prägend für Motivation und Ziel in dieser Phase der
polnisch-russischen Geschichte, besser: der Geschichte der Polnischen Nation.
Das polnisch-preußische Verhältnis ist abzusetzen
von der polnisch-russischen Problematik. Das preußische Teilungsgebiet
umfasste
nach der endgültigen Festlegung der Grenzen auf dem Wiener Kongress (1815)
wesentlich die als preußische Provinzen Posen und Westpreußen angegliederten
Regionen. Schlesien mit seiner im Süden (Oberschlesien) überwiegend
polnischsprachigen Bevölkerung, die sich ihrerseits aber als Schlesier, weniger
als Polen begriffen, war bereits nach den Schlesischen Kriegen (1742 und 1745,
bestätigt nach dem Siebenjährigen Krieg im Frieden von Hubertusburg 1756) von
Habsburg an Preußen abgetreten, einschließlich der Grafschaft Glatz.
Die Sprachgrenze verschob sich im Laufe der
Teilungszeit nach Süden. Das spezifische und z.T. distanzierte Verhältnis der
polnisch (im Deutschen als 'wasserpolnisch' apostrophiert) sprechenden
Oberschlesier zu den polnischen Nachbarn im russischen Teilungsgebiet mag eine
Ursache für die begrenzte Einbeziehung in den nationalen Unabhängigkeitskampf
sein. Eine andere kann die zunehmende Industrialisierung (Schwerindustrie)
dieses Raumes sein, verbunden mit Migrationen aus dem inner- und
ostpolnischen, dem deutschen, aber auch dem slowakischen und tschechischen
Sprachraum.
Für Oberschlesien ergab sich damit eine andere
Voraussetzung im Kampf gegen die Teilungsmächte. Zum einen konnte die Region
nicht auf eine unabhängige Tradition zurückgreifen, da Schlesien bereits im 14.
Jahrhundert böhmisch, im 16. Jahrhundert(1526) habsburgisch und im 18.
Jahrhundert (1742) preußisch geworden ist. Dies erklärt, das die Szlachta in
dieser Region ihre Machtstärke nicht ausbilden konnte.
Das verwaltungsrechtlich als Provinz Westpreußen
bezeichnete Teilungsgebiet hatte bereits 1772 bzw. 1793 (ergänzt um Thorn) eine
teilweise deutschsprachige Bevölkerung. Auf eine differenzierte Darstellung
der Geschichte Pommerellens, des Ordensstaates sowie der Wiedererlangung bzw.
Bestätigung der polnische Oberhoheit über das Gebiet (nach 1410) muss verzichtet
werden. Kennzeichnend für die Toleranz und Liberalität des Königreiches Polen
war die Herausbildung eines nachbarschaftlichen nationalen, sprachlichen und
konfessionellen Neben- und Miteinander seit mehreren Jahrhunderten. Gerade
dieser Raum (einschließlich Danzig) hatte neben dem Süden (Krakau) im ›Goldenen
Zeitalter‹ prosperiert.
Die sogenannte Provinz Posen und die Stadt Danzig
wurden 1793 annektiert, bestätigt auf dem Wiener Kongress. Die Tradition Danzigs
als Hansestadt soll ausgeklammert werden. Sie ist betreffend der
Nationalitätenauseinandersetzungen im 19. Jahrhundert irrelevant und
spielt erst wieder aufgrund ihrer ökonomischen, verkehrstechnischen und
militärischen Bedeutung eine Rolle bei den Friedensverhandlungen in Versailles.
Das deutsch-polnische Verhältnis bezüglich der
Provinz Posen ist insoweit von Bedeutung, als es in seiner Problematik - mehr
noch als Westpreußen - prägend ist für das spätere deutsch-polnische Verhältnis
und dessen historische Hypotheken. In Posen zeichnete sich früh - bald nach Ende
der napoleonischen Ära - eine auf Dauer angelegte Herrschaftsausübung ab. Wie
Russland in seinem Teilungsgebiet (z.B. in Lublin, Modlin oder auch in Zamosc)
wurde in Posen eine große Festung angelegt bzw. in mehreren Stufen ausgebaut.
Die gesamte Infrastruktur wurde zu den Zentren der Teilungsmächte ausgerichtet.
Polnische Universitäten wurden von Preußen und Russen nicht geduldet bzw.
verboten. Die polnische Wissenschaftsentwicklung konzentrierte sich deshalb
auf Krakau, Lemberg und das Exil.
Posen und Westpreußen, die in der Phase nach dem
Wiener Kongress als außerhalb des Deutschen Bundes betrachtet waren, wurden mit
der Reichsgründung 1871 als Bestandteil Preußens in das Deutsche Reich
einbezogen. Zugleich setzte durch Förderung deutscher Zuwanderer,
Subventionierung deutscher Investitionen, Behinderung einer separaten
polnischen ökonomischen Entwicklung und verstärkt ab den achtziger Jahren eine
zunehmend aggressive 'alldeutsche' bzw. 'pangermanische' Politik ein,
einschließlich der psychosozialen und konfessionellen
Unterdrückungsmechanismen. Eindeutiges Ziel war die permanente Zurückdrängung
alles Polnischen und damit die Dominanz des Deutschen in Sprache, Kultur,
Industrie und Kapital.
Der Widerstandskampf des polnischen Volkes
erfolgte auf mehreren Ebenen: Kultur, Ökonomie, katholischer Kirche und Bildung
und Wissenschaft im Untergrund. Diese Prozesse verschärften sich und entluden
sich im Großpolnischen Aufstand zur Jahreswende 1918/19 und mündeten ein in den
neu gebildeten Staat, die Republik Polen. Aufgrund des höheren polnischen
Bevölkerungsanteils und des höheren Industrialisierungsgrades war Posen mehr
betroffen als Westpreußen. Der gegen Preußen gerichtete Widerstandskampf hat
eine paradigmatische Funktion für das Verhalten der westpolnischen
Bevölkerung. Der gesamte Widerstandskampf in all seinen Ausformungen gegen
Preußen und Russland ist wesentlicher Gegenstand des polnischen
Geschichtsunterrichts, auch in der ›Grundschule‹, die bis zur Klasse acht die
Allgemeine Schulpflicht abdeckt.
2.1 In der polnischen Gesellschaft werden das
Denken und Handeln
bestimmt durch die Szlachta.
Die Szlachta zeichnet sich durch typische
Verhaltensweisen aus, die sie vom Adel Westeuropas, vor allem Frankreichs,
abhebt. Die Verhaltensweisen sind durch einen bestimmten Habitus
gekennzeichnet, der mit dem Leben im Wohlstand zu kennzeichnen sind: gutes
Essen, Trinken, Jagd, geringere Bedeutung der Bildung (vor allem im Osten),
Hervorhebung militärischer Tugenden, spezifische Kleidung mit Gürtel und
Kopfbedeckung. Dazu gehören auch die Ablehnung körperlicher Arbeit, die
Nichtübernahme industriegesellschaftlich bestimmter Verhaltensweisen und
Normen: Pünktlichkeit; die Entwicklung bzw. Beibehaltung eines ausgeprägten
Individualismus. Ein weiteres wesentliches Merkmal ist der ausgeprägte
Patriotismus sowie die Überbewertung der Nation.
Individualisierung, der Hang zu gutem Leben, zu
'unverantwortlichem' Handeln können als Ausdruck eines nur schwer umkehrbaren
Dezentralisierungsprozesses gedeutet werden. Dieser wurde überlagert durch die
Fremdherrschaft und letztlich die Bildung des Staates 1919 sowie die
Neubildung 1944. Nach der Verfassung bestand der Staat auch nach der
Kapitulation vertreten durch die Regierung in London legitim fort und existierte
realiter im Untergrund. Entscheidend ist dabei, dass der Staat
bewusstseinsmäßig fortbestand. Dezentralisierung und spezifischer
Staatenbildungsprozess bedingen einander.
Die Interessen des Adels sind an der Reproduktion
des eigenen Standes und der eigenen Lebenssituation orientiert, nicht aber an
einer wissenschaftlich bestimmten technologischen Entwicklung. Ziel ist für
ihn damit nicht die Verbesserung der eigenen Lebenssituation durch eine
fortgeschrittene ökonomische Methode oder Produktionsweise. Ziel ist es also
nicht, eine Produktionsstätte zu gründen, ein Handelskontor zu eröffnen,
überhaupt einen Betrieb zu gründen (Bank, Werft etc.).
Eine Verwirklichung kann wesentlich durch die
Rolle des Offiziers - in französischen (napoleonischen), russischen
(zaristischen), als Unteroffizier in österreichischen (habsburgischen) oder
auch anderen Diensten (in Preußen im Ersten Weltkrieg) erfolgen. Es verbleibt
dabei immer der Bezug zur eigenen Nation, das Ziel der Wiedererrichtung eines
polnischen Staates, des eigenen Vaterlandes. Typisch sind in diesem
Zusammenhang die für Deutsche ‘irreal’ erscheinenden und sich in negativen
Stereotypen
niederschlagenden Verhaltensweisen.
Dazu gehört einerseits das ausgeprägte
militärische Engagement, andererseits die Fehleinschätzung gegenüber den
Mächten, in deren Diensten man steht. Vor allem das napoleonische Frankreich,
aber auch später Napoleon III. wurde bezüglich einer Erwirkung der polnischen
Unabhängigkeit überschätzt.
Man kämpft und opfert sich. Die Ziele bleiben unerreichbare Visionen.
Politisch kluges, diplomatisches Verhalten, das ggf. Aussicht auf Erfolg
versprechen könnte, wird kaum versucht. Auch dies kann als Hinweis auf den
spezifischen Zivilisationsprozess gewertet werden.
Über die Nationalliteratur wurde die Neigung zum
Kampf, zu Heldentum, Betonung der Familie und der Abstammung, Herausbildung
entsprechender Ehrenkodices, die tradierte Sichtweise der Rolle der Frau
vermittelt. Der Frau wird stets mit ausgesuchter Höflichkeit begegnet, sie
entspricht zumeist spezifischen Stereotypen: ›die Schöne‹, ›die
Verführerische‹.
Als eine typische Darstellung kann der Held in
Zeromski: 'Der getreue Strom'
bezeichnet werden. Der junge Held opfert sich in einem von vornherein sinnlosen
Kampf gegen eine vielfach überlegene Truppe in der Schlacht bei Malogoszcz. Er
schleppt sich schwer verwundet im Winter (die Handlung ist dem am 22.1.1863
begonnen ›Januaraufstand‹ zugeordnet) zu einem Dorf. Es entwickelt sich die
tragische Situation, dass die Bauern ihn entsprechend einer Weisung der
(russischen ) Polizei als den Aufrührer und Rebellen zunächst in die Stadt
bringen und ausliefern wollen. Seinen tragischen Satz: „Aber ich kämpfe doch für
Eure Freiheit!“ verstehen sie nicht. Sie haben nur Angst vor Prügel, die sie von
den zaristischen Polizisten oder den Kosaken beziehen könnten, auch davor, dass
ihr Habe angezündet werden kann. Es handelt sich um ruthenische bzw.
ukrainische Bauern in Ostpolen, für die ›Polen‹ nur durch die Grundherren
verkörpert wird.
Die Frage nach der Qualität der Freiheit, auf die
dieser Magnatensohn rekurriert - er wird als solcher von den Bauern durch einen
Pelz über den Lumpen erkannt - erfolgt nicht. Das gesellschaftliche Problem,
das Abhängigkeitsverhältnis Szlachta - Bauern wird nicht tangiert. Der
gesellschaftliche Gegensatz wird aber durch das junge Mädchen, Salomea, das den
Schwerverwundeten in einem fast verlassenen Gutshof aufnimmt und durch ihre
Pflege das Leben rettet, permanent spürbar. Charakteristisch ist die
Selbstverständlichkeit, mit der dieser junge Fürst Joseph Odrowaz in den Kampf
gezogen ist.
Die Szlachta ist mehrfach zu differenzieren
(Stichworte):
-
die historische Entwicklung bzgl. des
Verhältnisses zwischen der altpolnischen und der litauischen Szlachta;
-
das Verhältnis zwischen der polnischen Szlachta
und der weißrussischen sowie ukrainischen als Bestandteil der
gesamtpolnischen Szlachta;
-
die Herausbildung der weißrussischen und
ukrainischen Nation und ihre Definition über die Sprache, d.h. ihre slawischen
Idiome.
-
die Trennung der Szlachta in Magnaten, die
mittlere und niedere Szlachta, ihre jeweilige Orientierung und
Interessenlage.
-
das Verhältnis
der Szlachta zu den Teilungsmächten bzw. die Rolle im Abwehrkampf ab 1772, die
historischen Phasen: a) bis 1791 (der Verabschiedung der Verfassung des
3. Mai); b) der Kosciuszko-Aufstand bis zur dritten Teilung als dessen Folge;
c) bis zum Ende der napoleonischen Ära in Polen 1813 bzw. 1815 (Wiener
Kongress); d) Kongresspolen bis zum 'Novemberaufstand' 1830/31;
e) bis zum 'Januaraufstand' 1863/64; auch 1848/ der Galizienaufstand; f) in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. h) der Einfluss der durch Frankreich
beeinflussten Liberalisierungs- und Demokratiebewegung;
Im Sinne einer soziohistorischen Fragestellung
könnte durchaus begonnen werden mit der Frage, inwieweit die Struktur des
Adelsbewusstseins geprägt ist. Ist mit der Union von Krewo, d.h. durch die
Verknüpfung von polnischem und litauischem Adel ein Bewusstseinswandel
eingetreten, der gravierender ist als die materiell schon angenäherten
Lebensformen? Die damit verbundene äußere Perspektive (West- bzw.
Ostorientierung) symbolisiert auch einen veränderten Freiheitsbegriff, der im
litauischen Bereich im Sinne des (auch in Ungarn vorherrschenden) Magnatentums
eher als Recht herrschaftlicher Autonomie zu verstehen war, im piastisch
geprägten polnischen Teil aber im mittelalterlichen Sinne aus dem freien
Bauerntum hervorkommend ›ritterliche‹ Freiheitswerte und (dynastische)
Sozialbindungen im Vordergrund stehen hatte.
Man könnte von der These ausgehen, dass sich beide
Habitusformen dann zu dem polnischen ›anachronistisch-utopischen‹
Freiheitsbegriff verbinden, der letztlich zum Zerfall von Staat und Gesellschaft
führte, und dessen Folgen in der Gesellschaft erkennbar sind. Litauisches
Magnatentum überformt seine eigene materielle Orientierung
polnisch-anachronistisch. Polnisches Adelstum wird an einer modernen
gesellschaftlichen Anpassung gehindert durch die materielle Schubkraft des
litauischen Magnatentums.
2.2 Die Intellektuellen
rekurrieren in hohem
Maße auf die Verhaltensweisen der Szlachta. In der Nachkriegszeit erfolgte
eine Reproduktion in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.
2.3 Die polnischen Industriearbeiter stehen in
der Tradition der polnischen Bauern.
2.4 Die polnische Gesellschaft reproduziert in
hohem Maße die Verhaltensweisen der Ruralgesellschaft, die in Wechselwirkung
zur Szlachta steht.
Über die Bauern soll nicht speziell referiert
werden. Es gibt eine umfangreiche Literatur.
Darzustellen und hervorzuheben sind die Punkte: die Abhängigkeit vom
Grundherrn, Rechtsstellung, der Bezug zum Dorf, der Bezug zur eigenen Familie
als Überlebensgemeinschaft, die Bedarfsdeckung der Familie im Dorf,
Arbeitsleistungen für den Grundherrn. Zunächst ist der selbstständige
Bauer gemeint, dessen Familie durch den Hof ernährt wird. Nötig ist dann eine
Differenzierung: selbstständige Bauern, begrenzt selbstständige Bauern,
Tagelöhner. Außerdem sind die dörflichen oder (klein)-städtischen Handwerker zu
betrachten.
Wesentlich für das Verhältnis Adel - Bauern ist
die ›Bauernbefreiung‹ in Russland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts . Dadurch
wurde der Adel partiell enteignet, er verarmte. Dies galt vor allem für den
mittleren Adel. Der hohe Adel (die Magnaten) war weniger betroffen. Die Magnaten
blieben Internationalisten. Weitere Enteignungen gab es nach 1830/31 und
1863/64 als Folge der Aufstände. Man kann von einer gewissen Symbiose sprechen
zwischen dem Kleinadel (der z.T. ohne Besitz war), dem verarmten Mitteladel
(s.o.) sowie Teilen der Bauernschaft, der Kleinbürger und Handwerker. Diese
Gruppe (vor allem der Kleinadel) hatte nur begrenzte Möglichkeiten für
Positionen im (russischen) Staatsdienst.
Der Adel verstand sich insgesamt als Träger der Polnischen Nation. Man schätzt
ihn auf ca. 12 - 13 Prozent der Bevölkerung.
2.5 Es bildet sich in der Geschichte der
polnischen Nation eine spezifische Interdependenz zwischen Nation und Staat
heraus.
Der Staat war vor den Teilungen kein sprachlich
homogener Staat. Neu war für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eine
Definition der Nation über die Sprache. Für die neue Nation (ab 1919) hatte die
polnische Sprache eine besondere Bedeutung. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine
großpolnische, eine kleinpolnische und eine masowische Sprache und
entsprechende Grammatiken. Der Begriff der Sprachnation hat eine praktische
Bedeutung erst ab 1918; zuvor gab es die drei Grammatiken (s.o.). Im
polnischen Sinne gilt die Nation als geistige Macht. Im preußischen Sinne ist
Nation ein Machtfaktor.
In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts war offen,
ob die Ukraine eine eigene Nation bilden würde. Die Ukraine war orthodox. In
Weißrussland hat es eine teilweise Polonisierung gegeben durch die Unierte
Kirche: Sie behielt den orthodoxen Ritus bei, anerkannte aber den Papst als
Oberhaupt. Diese Kirche wurde von Stalin verboten. Sie musste zur ›prawoslawischen‹,
also der im eigenen Selbstverständnis ›rechtgläubigen‹, zurückkehren.
Teilweise ist die polnische Szlachta mit der
ukrainischen und weißrussischen verbunden. Seit 1413 gibt es die ›Union von
Horodlo‹, die ›Wappenunion‹. Der Adel des Großfürstentums Litauen wird dabei
in die polnische Szlachta übernommen.
Die alte Republik (Rzeczpospolita) vor 1772 war
eine Republik zweier (Staats)-nationen, der altpolnischen Adelsschicht und der
großlitauischen Adelsschicht.
Die Polnischen Bauern gehörten nicht
zur Nation.
Polen ist ein wirklicher Nationalstaat erst
nach 1945. Dies erklärt die Schwierigkeiten der Kommunisten bezüglich ihrer dem
Internationalismus zuzuordnenden Ideologie. Sie fanden deshalb nur eine sehr
begrenzte Resonanz im Volk.
3.1 Das Wertesystem
und die Praxis des
polnischen Katholizismus stellen ein Paradigma im Wertesystem und Verhalten
der gesamten polnischen Nation dar. Sie dominieren das Bewusstsein und
beeinflussen Denken und Handeln in der gesamten Gesellschaft in entscheidender
Weise.
3.2 Die maßgebliche Rolle der polnischen
katholischen Kirche als Institution sowie der spezifischen Form des polnischen
Katholizismus sind ableitbar aus der Rolle dieser Kirche während der
Teilungszeit. Für das Verhältnis der katholischen Kirche zur polnischen
Nation im Sinne einer sozialen Identität ist vor allem die Phase ab dem
Januaraufstand 1863/64 bestimmend.
3.3 Der polnische Klerus begreift sich partiell
einbezogen in gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Er konserviert
außerdem das tradierte Weltbild des polnischen Klerus im 19. Jahrhundert.
Dieses hat seine wesentliche Prägung im 17./18. Jahrhundert erfahren. Dadurch
befindet er sich in der Doppelrolle, die er bis zum Ende des Ersten Weltkrieges
und der Okkupationszeit innehatte.
3.4 Der polnische Katholizismus ist stark
geprägt durch Mystizismus und Emotionalität. ›Glaube‹ ist in hohem Maße
vorbewusst, mystisch sowie simplifizierend mit spezifischen Ausprägungen im
Volksglauben. Glaubensgegenstände sind - soweit im historischen Bezug stehend
- Manifestationen mystisch verklärter Postulate und Fiktionen.
3.5 Die genannten Phänomene sowie religiösen
Symbole haben eine historische und gegenwärtige Funktion. Beispiele sind:
-
Die Rolle des
Marienbildes im Abwehrkampf am Hellen Berge (Tschenstochau,1655) sowie die
Erklärung der Jungfrau Maria zur ›Königin der Krone Polens‹ nach dem ›Wunder
von Tschenstochau‹ durch König Johann Kasimir(1656).
-
Die Sakrifizierung der Leninwerft durch
Anbringen des Kreuzes und des Marienbildes
4.1
Das historische Bewusstsein hat eine
tragende Bedeutung in der Selbstsicht der Polnischen Nation. Es ist maßgeblich
beeinflusst von Legendenbildungen und historisch verklärten Darstellungen.
Diese werden vermittelt durch historisierende
Darstellungen in der polnischen Literatur, vor allem des 19.Jahrhunderts und
der Jahrhundertwende (Mickiewicz, Sienkiewicz, Slowacki, Reymont, Prus, Witkacy
und Zeromski). In der gleichen Tradition steht auch Jan Dobraczynski (geb.
1910).
Historisches Bewusstsein besteht in Polen wesentlich in einer mentalen
Verinnerlichung sowie individuell und kollektiv aufgenommener
Scheinrealitäten und deren Reproduktion innerhalb und außerhalb des
Bildungssystems.
4.2 Wissenschaft und Bildung vermochten in
Universität und Schule dem nur begrenzt entgegenzusteuern.
Reformversuche polnischer Wissenschaftler und Didaktiker wurden nachhaltig
beeinträchtigt durch administrative Zielvorgaben (Partei und Nomenklatura)
im Zusammenhang mit der bisherigen Staatsdoktrin, dem Marxismus/Leninismus.
In den Universitäten, vor allem in den Disziplinen Philosophie, Geschichte,
Soziologie und Polonistik sowie der Schule (Geschichts-und Polnischunterricht)
hatte die spezifische Darstellung der ›Polonitas‹ bis zum politischen Wechsel
1989 eine besondere Bedeutung in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung
mit dem Marxismus/Leninismus. Der Geschichtsunterricht konnte auch in seiner
modernen didaktischen und methodischen Konzeption nur eine geringe Resonanz bei
Schülern bewirken.
Ihre Umsetzung in Hinblick auf konkrete Kenntnisse, umfassende und gesicherte
Erkenntnisse, die Methode einer analytischen Betrachtung aus der Distanz
heraus sowie in größeren Zusammenhängen, ist kaum feststellbar. Der Ersatz
subjektiver emotional besetzter Wahrnehmung durch das Prinzip historischer
Objektivität war nie nennenswert gegeben.
5.1 Durch die verinnerlichte
Geschichtsbetrachtung und das Rekurrieren auf emotional bestimmte
und historisch abgeleitete partiell katholisch geprägte Wertesysteme sowie deren
Reproduktion in der politischen Kultur des Landes erfolgte eine spezifische
Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Bildungssystem außerhalb bzw.
unterhalb der Ebene der Administration und des staatlichen Bildungsapparates.
Sie ist eingebunden in die zumindest latent bewussten aber ständig
gegenwärtigen Auseinandersetzungen. Der gesamte Konflikt kann als
gesellschaftliche Auseinandersetzung mit - bzw. als Kampf gegen - den
Kommunismus definiert werden.
5.3 Die Funktionalisierung des
Bildungsprozesses durch alle Beteiligten (Administration,
Bildungsinstitutionen, gesellschaftliche Gruppen) hemmte eine
wissenschaftsadäquate Betrachtung der Geschichte der eigenen Nation. Die
Reformansätze in Wissenschaft und Bildung konnten in den siebziger und
achtziger Jahren nur begrenzt umgesetzt werden. Die Arbeit der Akteure fand als
Gratwandel statt zwischen den drei Zentren: Gesellschaft - Staat - Kirche.
5.4 Die sich bereits in den siebziger Jahren
daraus eröffnenden Chancen einer ›Reformpolitik‹ waren begrenzt, wurden aber
nicht umgesetzt. Ihr Wert konnte nicht in einen gesellschaftlichen oder
ökonomischen Nutzen umgesetzt werden. Er wurde vertan. Dieser Prozess wird in
der westlichen Betrachtung oft unspezifisch als 'irrational' bezeichnet, damit
aber nicht gedeutet und nicht in seiner historischen Dimensionalität begriffen
und entsprechend eingeordnet.
5.5 Die Überlagerung von Machtkämpfen
über Reformansätze und sinnvolle wie notwendige
Änderungen verhinderte die für einen Übergang zur modernen
Industriegesellschaft notwendige Grundlage. Das Prinzip ökonomisch
definierter Rationalität westlicher Industriegesellschaften im Sinne einer
Orientierung des Denkens und Handelns an ökonomischen Zielen
(Gewinnoptimierung etc.) ist nur sehr begrenzt im Denken der polnischen
Gesellschaft vorhanden. Diejenigen, die dies individuell erkannt haben und
umzusetzen bereit waren, sind in Polen in der Minderheit. Ihre Arbeit wird
nicht honoriert. Diese Experten befinden sich in einer tragischen Situation.
5.6 Der gesamte innergesellschaftliche Kampf
stand in Polen nicht unter dem Aspekt von Qualität, wissenschaftlicher
Wahrheit, objektiver Notwendigkeit oder anderen, in westlichen Maximen
vorhandenen Prämissen. Er wurde nicht unter dem Grundsatz von
Zielbestimmungen geführt, sondern reproduzierte eine im historischen
Prozess der Gesellschaftsentwicklung und dem entsprechenden Wertesystem
angelegte Konfliktaustragung. Dadurch ergab sich eine
Gleichzeitigkeit von Selbst- und Nichtdefinition des Zieles. Ein Ausbruch aus
diesem Prozess, eine Fortentwicklung, konnte unter den gegebenen Bedingungen
nicht erfolgen. Der Sozialismus sollte als ein oktroyiertes System abgeworfen
werden. Eine geistige Auseinandersetzung mit ihm fand nicht statt.
6.1 Die Ansätze einer Liberalisierung
nach 1956 unter Gomulka wurden zurückgenommen aufgrund der Erstarkung
nationalkommunistischer Kräfte.
6.2 Die Unterdrückung der
Studentenbewegung und der neue Antisemitismus
(1968) sind im historischen Kontext zu interpretieren.
6.3 Die ökonomische Reformpolitik
während der Gierek-Ära, die Politik der ›Öffnung zum Westen‹, ist nicht nur als
Folge wirtschaftlicher Fehlentscheidungen im Investitionsbereich, der
weltweiten Stahlkrise, sondern maßgeblich aufgrund eines typischen
Fehlverhaltens der in Regierung, Verwaltung und Wirtschaft Polens Beteiligten
gescheitert. Der Begriff Fehlverhalten greift dabei zu kurz; er muss als
zentraler Inhalt untersucht und definiert werden. Es handelt sich um
spezifische Interdependenzverhältnisse in ihrer
Mehrebenen-Spannungskonstellation.
6.4 Die Reformansätze im
Erneuerungsprozess 1980/81 waren nicht an konkreten politischen,
sozialen und ökonomischen Zielen orientiert, sondern primär am
gesellschaftspolitischen Kampf mit dem Ziel einer grundsätzlichen politischen
und ökonomischen Änderung, einer Abschaffung des herrschenden Systems.
Der Begriff Odnowa wurde 1980 in den westdeutschen
Medien zur Charakterisierung des mit den Streikbewegungen verbundenen - aber
wesentlich erhofften - Reformprozesses benutzt. Er war ebenfalls für die Linke
in Westeuropa Synonym für die Chance eines ›Dritten Weges‹. Die Linken
projizierten damit eigene Erwartung, Hoffnungen und Zielvorstellungen in diesen
Prozess in Polen hinein. Der Begriff wurde bald vom Reformflügel der Partei in
ihrem Sinne positiv besetzt und instrumentalisiert. Vertreter der Partei wie
z.B. Stefan Bratkowski verbanden mit der Solidarnosc die Hoffnung auf eine
Erneuerung des Sozialismus in Polen. Szumowski, der Chefredakteur der Gazeta
Krakowska, unterstützte z.B. die Solidarnosc in seiner
Parteizeitung. Nach Verhängung des Kriegszustandes erklärte ihn die Partei zum
Dissidenten und setzte ihn ab. Die Propagandisten der Partei hoben ab auf die
Person Jaruzelskis und verwendeten in den ›Unterwerfungserklärungen‹ z. B.
Formulierungen wie ›ich erkläre mich einverstanden mit den Reformen des
Generals Jaruzelski‹. Seitdem ist auch der Reformbegriff in den Augen der
Solidarnosc diskreditiert.
6.5 Das politische Scheitern
der Solidarnosc stellt eine Reproduktion des Scheiterns historischer Kämpfe
dar, aus dem die moralische bzw. affektive Stärke für einen neuen Kampf
erwuchs. Denken und Handeln, Strategie und Taktik entsprachen denselben
historischen Vorbildern. Der Kampf führte solange nicht zum Ziel, bis die Macht
des Gegners aufgrund äußerer Bedingungen sich selbst aufhob, durch die
Perestrojka-Politik Gorbatschows sowie die ökonomische und politische Agonie
der ehemaligen Hegemonialmacht.
7.1 Die
Reformansätze der Opposition in Bezug auf den Umbau des
Wirtschaftssystems (Reformen im Sozialismus, den zunehmenden Einbau von
marktwirtschaftlichen Elementen, dann den vollständigen Übergang zur
Marktwirtschaft) entsprachen den Modellen westlicher Wirtschaftspolitik.
Sie enthielten wesentlich liberale und sozialdemokratische Denkansätze und
waren geprägt durch die katholische Soziallehre.
7.2 Die
Regierung Jaruzelski hat sich nach dem 13.12.1981 die in
der Solidarnosc entwickelten Ansätze zu eigen gemacht und versucht, diese
stufenlos ohne prinzipielle Änderungen umzusetzen.
7.3 Regierung und Opposition haben 1981, unter
äußerem Zwang stehend, den Anschein gesellschaftlicher Kompromiß- und
Konsensfähigkeit vermittelt.
Das Scheitern möglicher Reformansätze im Jahre
1981 (durch Einführung des Kriegszustandes) ist eine Folge aus der
Unmöglichkeit der Machtteilung und -abgabe bzw. der prinzipiellen
Nichtbereitschaft seitens der Regierung und der Nichtbereitschaft und
Unfähigkeit zur Zusammenarbeit seitens der Opposition. Letztlich kann eine
grundsätzliche Unrealisierbarkeit konstatiert werden. Dadurch ergibt sich auch
von Seiten der Opposition von vornherein die Unmöglichkeit eines Konsenses.
7.4 Regierung und Opposition verhalten sich
1980/81 im Denken und Handeln ›polnisch‹, also nicht
ökonomisch-rational und zielorientiert. Es gibt keine grundsätzliche Akzeptanz
gegebener Rahmenbedingungen, keinen möglichen Konsens innerhalb dieser von
außen gesetzten Normen, jeweils das für die Nation respektive das Land Beste zu
tun.
7.5 Die Regierung Jaruzelski,
die Planungsbürokratie, bleibt auf der Ebene der Deklamationen
und der Selbsttäuschung.
Sie benutzt tradierte Methoden: Nationaler Pathos,
Rekurrieren auf ›polnische Werte‹, ohne diese zu definieren. Sie ist in Hinblick
auf die Entwicklung einer Programmatik, die Ausarbeitung konkreter Ziele und
Modelle, die Diskussion der Durchführung, die Reflexion ihrer Umsetzung
betrachtet untätig, zumindest ist dies bedeutungslos. Stattdessen erfolgt eine
Verschleierung der realen Ziele, eine Zurückhaltung von Informationen. Es
erfolgen Schuldzuweisungen an (z.T. imaginäre) Dritte seitens der
Propagandisten, z.T. sogar an das Wetter. Typisch sind Appelle an das
Zusammenstehen der ganzen Nation. Das Einbringen der Ernte wird 1981 mit dem
Widerstandskampf von 1939 assoziiert. Man argumentiert auf einer Metaebene.
Man weiß, dass man die Sachlage verfälscht, dass man versucht, der Bevölkerung
etwas vorzumachen. Trotzdem wird dieses Verhalten in neuen Varianten ständig
fortgeführt.
7.6 Die Opposition ist
nahezu untätig. Sie leistet keine umsetzbaren Vorarbeiten, entwickelt keine
realisierbaren Konzepte, keine konsensfähigen Strategien.
Es gibt keine nennenswerte konzeptionelle Arbeit.
Dies, obwohl der kommunistische Staat seinen Gegnern die Gelegenheit gab, nahezu
ungehindert als Wissenschaftler in den Universitäten, der Administration und
den Planungsbehörden zu arbeiten. Es gab keine Schubladenpläne, keine
vorbereiteten Strategien für den Tag 'X' der Machtübernahme, selbst wenn man
dieses nicht so schnell erwartet hat. Dies wiegt um so schwerer, als die
polnischen Oppositionellen im Vergleich zur CSSR und Ungarn deutlich bessere
Voraussetzungen hatten: Sie hatten im Vergleich zu allen damaligen
sozialistischen Ländern an den Universitäten und anderen Institutionen nahezu
uneingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten. Sie konnten faktisch ungehindert über
alle benötigten wissenschaftlichen Informationen des Westens verfügen (z.B.
Einladungen zu Symposien, kostenlose Fachzeitschriften, Zusammenarbeiten von
Universitäten, Wissenschaftleraustausch etc.). Sie verfügten über einen hoch
anzusetzenden Sympathievorschuss im Westen. Defizite aufgrund finanzieller
Probleme bezüglich der wissenschaftlichen Arbeit konnten durch Stipendien
ausgeglichen werden, z.B. durch die Friedrich-Ebert-Stiftung oder die
DGB-Gewerkschaften.
7.7 Die wirtschaftlichen und politischen
Probleme nach 1989 sind auch Ausdruck und Folge der genannten Problematik:
-
Balcerowicz
versucht nach amerikanischem Muster neoliberale Politik umzusetzen, ohne die
spezifisch polnischen Bedingungen einzubeziehen.
-
Man kann beim Umbau der Wirtschaft nicht auf
'Schubladen'-entwürfe, -pläne oder Alternativen zurückgreifen;
-
Es gibt 1989/90 keine fertigen (auch
alternative) Gesetzesvorlagen für grundlegende Rechtsreformen (ausgenommen
das Abtreibungsverbot);
-
Es gibt keine Finanzierungsmodelle; keine
beschlussfertigen Vorlagen (Absprachen mit IFW, Gläubigerländern und -banken
etc.);
-
Es gibt keine hinreichenden Vorarbeiten für eine
Zusammenarbeit oder gar Assoziation mit der EG;
-
Es werden keine Marktanalysen durchgeführt um
die Adaption der polnischen Volkswirtschaft zu erleichtern und zu
beschleunigen;
-
Kontakte mit westlichen Firmen und potenziellen
Investoren werden nicht genutzt oder vernachlässigt;
Die Folge sind
Verzögerungen im Konversionsprozess. Man hat den Versuch eines zumindest in
Ansätzen steuerbaren Paradigmenwechsels aufgegeben und sich weitgehend
neoliberalen Prinzipien gebeugt.
7.8 Die Chancen eines möglichen ›Dritten
Weges‹ wurden weder genutzt noch reflektiert. Eine Anwendung auf
Polen wurde nicht geprüft, nicht einmal erwogen.
Ökonomische Modelle Westeuropas
(›Globalsteuerung‹, ›Planification‹, ›Sozialstaatsmodelle‹, spezifische
Herausbildung des Föderalismus (Länderfinanzausgleich;
Gemeinschaftsausgaben etc.) wurden nicht auf Übernahme geprüft, obwohl
polnische Wissenschaftler über alle Probleme der BRD, der USA, auch
Frankreichs und Englands gearbeitet haben.
In dieser Gedankenführung ist sehr stark die
westdeutsche Projektion vor allem seitens der Linken enthalten. Es kann als
gesichert gelten, dass der ›Dritte Weg‹ vor 1980 bei einem kleinen Teil
polnischer Intellektueller erwogen wurde; dies ist unter dem Aspekt der
Realisierungschancen aufgrund der Rahmenbedingungen zu sehen.
Der reale ablaufende sozioökonomische Prozess hat die gesamte Problematik
überlagert.
8. Die politische Praxis
der
Übergangsphase lässt vermuten, dass im Binnensystem Denken und Handeln
der neuen Machtelite wesentlich den tradierten gesellschaftlichen Maximen
entspricht. Auch neoliberale radikal-ökonomische Reformansätze (Balcerowicz)
lassen keine grundlegende Änderung im sozialen Gesamtsystem erwarten. Weder
Umsetzung der Vorhaben noch Akzeptanz in der Bevölkerung noch Verhalten der
neuen Besitzenden lässt eine Entwicklung auf eine Industriegesellschaft
westeuropäischer Ausprägung (am Beispiel der BRD) erwarten. Die
gesellschaftliche Diversifikation der Gegenwart knüpft prozessual an die
Gesellschaft des 19. Jahrhunderts an. Das vorindustrielle Bewusstsein
verhindert die Herausbildung eines funktionalen Parteiensystems und die
Bildung parlamentarisch - demokratischer Strukturen.
2. Exkurs: Die Ansätze Aleksander Bochenskis
Als exemplarisch für polnische Autoren zur
Skizzierung der ›Polonitas‹ aus polnischer Sicht können die Ansätze Bochenskis
angesehen werden. Bochenski ist Angehöriger der technischen Intelligenz und
seinem Selbstverständnis nach dem rationalistischen Denken zuzuordnen. Seine
Position soll in Auszügen skizziert werden.
Bochenski analysiert das typische Verhalten der
Polen gegenüber dem ›Schicksal des Landes‹, der ›Entwicklung der Technik‹ und
der ›Weltwirtschaft‹. ›Allgemein kann man feststellen, dass unsere Psyche gar
nicht vorbereitet war, um die Richtlinien der Entwicklung der Welt und ihr
Tempo richtig einzuschätzen, das ist mit ein Grund dafür, dass die
wirtschaftliche Entwicklung Polens nicht zufriedenstellend ist.‹ (S.5) Das
wirtschaftliche Potenzial ist da, wichtig ist jetzt die Qualität, d.h. man muss
jetzt die Maschinen, aber auch die Menschen richtig einsetzen können, sich von
extensiver auf intensive Wirtschaft umstellen. Aber auch die besten Methoden
helfen nicht, wenn wir uns nicht endlich an die Arbeit machen. (S.8) Man kann
zwei grundsätzlich verschiedene Einstellungen zur Arbeit in den staatlichen
Betrieben feststellen: die einen handeln nach dem Grundsatz der guten, ehrlichen
Arbeit für das Gemeinwohl, für den Fortschritt der Technik (es sind einzelne
Personen, aber auch Gruppen oder ganze Regionen wie z.B. Oberschlesien oder
Großpolen), die zweite Haltung ist überall anzutreffen: Passivität statt
Aktivität, Freizügigkeit statt Disziplin, Egoismus statt Arbeit für das
Gemeinwohl. (S.9)
Es fehlt das Verständnis, dass das Wohl des
Einzelnen von der Wirtschaftslage des Landes abhängt. Um diese Haltung zu
ändern muss man zweierlei tun: es muss ein klar ausgearbeiteter Wirtschaftsplan
vorliegen und es muss eine Umwertung der Werte zustande kommen (S. 58).
Bochenski sieht in der Nation ungeahnte Kräfte, die jedoch nur im Kampf oder in
der Gefahr wach werden. Was kann man tun, um diese Kräfte für den Fortschritt
der Wirtschaft, der Technik, der Industrie auszunutzen? (S. 60).
Man muss die Komplexe des ›ewigen Feindes‹ abbauen.
Sie waren und sind eine Gefahr für die Entwicklung, gar für das Fortbestehen
der polnischen Nation. Seit 1945 hat man die Jugend immer im Hass gegen die
Russen und die Deutschen erzogen (S. 65). Man müsste den Enthusiasmus durch
Arbeitsdisziplin ersetzen (S. 81).
Der Entwicklungsstand der Technik, Wissenschaft
und Industrie ist der Maßstab für die Entwicklung der Nation, d.h. er
entscheidet über den Wert einer Nation. Thesen über die geistige und moralische
Entwicklung der Nation unter Verzicht auf den Fortschritt sind falsch. Die
Voraussetzung für die Entwicklung ist die geistige Mobilisierung. Gefordert
wird die Vernunft bei den Regierenden und die Disziplin bei den Ausführenden
(S. 92).
In der Zeit der Sachsenkönige dominierte in Polen
eine Lebenseinstellung, die eigenen Reichtum im Sinne hatte und sich zum Ziel
setzte, die Stärkung der Königsmacht nicht zuzulassen, um so die herrschende
Anarchie aufrechtzuerhalten. Patriotismus war damals mit der Verteidigung der
›goldenen Freiheit‹ gleichzusetzen. Sehr wichtig war der Reichtum des Einzelnen
(der allerdings weder vom Handel noch vom Gewerbe kommen durfte); der polnische
Adlige lebte verschwenderisch, für ihn galten gutes Essen, Trinken, die Jagd
etc. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte in Polen das Modell eines
verschwenderisch lebenden Adligen. (S.10)
Ein wesentlicher Unterschied zwischen der späteren
Haltung der polnischen und der westlichen Intelligenz liegt darin, dass sich in
Polen die Intelligenz aus der Szlachta entwickelt hat, im Westen dagegen aus
dem Bürgertum. (S.11) Eine Gruppe von aufgeklärten Menschen versuchte, ein
neues Gegenmodell und ein neues Wertesystem zu schaffen (Konarski, Staszic,
Kollataj): das Modell eines sozial und patriotisch gesinnten Menschen, der die
Opferbereitschaft genauso hochschätzt wie die Ausbildung. (S.13) In Polen gab
es kein ›polnisches‹ Bürgertum. Diese Tatsache hat die Psyche der Nation,
insbesondere die der Intelligenz, stark geprägt. Die ökonomische Funktion des
Bürgertums übernahm damals das Judentum, das aber sowohl religiös als auch
sozial und kulturell isoliert war. (S.14)
Nach den Teilungen gab es zwei Wege, um als Nation
zu überleben. Die damalige Elite schlug vor:
Die zweite Einstellung erwies sich damals - wenn
auch nur kurzfristig - als richtig, was nicht viele eingesehen haben. Es
entstand (unter Napoleon 1807-1813) das Herzogtum Warschau. Der Einfluss dieses
Ereignisses auf die polnische Psyche war sehr stark und er dauert bis heute
fort: nicht das Denken, sondern der Kampf ist wichtig. (S.18) Die schlimmste
Haltung der Polen war die Passivität und Unfähigkeit zum Kampf (während der
Zeit der Herrschaft der Sachsenkönige) gewesen. Noch schlimmer war jedoch die
Überzeugung, dass nur ein ununterbrochener Kampf mit allen drei
Teilungsmächten auf einmal die Freiheit bringen kann. (S.21)
In der Romantik entstand eine psychische Haltung,
die bis 1870 lebendig war. Es war ein neues Lebensmodell: der Pole als
Romantiker und Freiheitskämpfer, der den Rationalismus verachtet und für den
die unkontrollierten Gefühle das oberste Prinzip waren. Dieses Modell wurde in
der Literatur tradiert. Das Positive an der Romantik war, dass die nationalen
Bande sich verstärkt haben. Die Opferbereitschaft, der Nationalstolz und die
Freiheitsliebe wurden als die wichtigsten Gefühle erklärt. (S.23)
Die Nachteile der romantisch-patriotischen
Lebenshaltung waren:
-
die einseitige Aktivität, die eine Tätigkeit auf
dem Gebiet der Wirtschaft und Technik völlig ausschloss;
-
das Modell eines gebildeten Menschen schuf nicht
das Leben selbst, sondern die Literatur; es entstand ein Kult um den Dichter
und Kämpfer;
-
die Verachtung gegenüber der Technik, dem
Fortschritt und der Industrie;
-
der Kult des Leidens (Polen - Christus der
Völker);
-
das Fehlen von Disziplin; man soll der ›Idee‹,
nicht irgendwelcher ›Obrigkeit gehorchen; (S.27/28)
Die Positivisten versuchten, das Modell der
Romantik durch ein anderes zu ersetzen: der Begriff ›patriotisch‹ sollte mit
›ausgebildet und fortschrittlich gesinnt‹ gleichgesetzt werden und durch den
›ökonomischen und technischen Patriotismus‹ ersetzt werden. Dieses neue Modell
konnte sich am besten in Großpolen durchsetzen, dort galt seit 1848 das Modell
des patriotisch gesinnten Polen, der durch seine Arbeit in der Landwirtschaft
im Handel oder in der Industrie dem Vaterland dient. Einen weiteren Versuch, den
polnischen romantischen Patriotismus durch den Wirtschaftspatriotismus zu
ersetzen, unternahm u.a. E. Kwiatkowski. (S.31)
All diese Versuche, ein 'irrationales' Modell
durch ein 'rationales' zu ersetzen, haben in der polnischen Psyche keine
tieferen Spuren hinterlassen, denn sie stießen immer wieder auf die
Gegenreaktion des in der polnischen Psyche bereits tief verankerten
romantischen Modells.
›Gegenbewegungen‹:
Die Versuche Poniatowskis (seine
Orientierung an Aufklärung) hatten Kosciuszko und die Legionen zunichte
gemacht, Staszic's und Lubecki's Ideen wurden durch den Einfluß
von Mickiewicz, Slowacki und der ganzen Generation der Romantiker
in den Hintergrund gedrängt, die Ideen der Positivisten wurden mit einem Schlag
durch ›Trilogie‹ von Sienkiewicz zerstört. Die Schulerziehung in der
Pilsudski–Ära setzte die romantische Tradition des Kampfes fort. (S.31f)
Der Patriotismus der Polen in Galizien entstand
durch die Literatur. 1918 wurden die meisten Lehrerstellen durch Polen aus
Galizien besetzt. Hätte man dort die Polen aus Großpolen eingesetzt, deren
Mentalität stärker auf die Arbeit als auf den Kampf ausgerichtet war, hätte die
Entwicklung der Psyche der polnischen Nation in der Zwischenkriegszeit sicher
einen andere Richtung eingeschlagen. (S.34) Zweifellos hat die Kirche die
polnische Psyche sehr stark geprägt. In der Zeit des Positivismus wandte sich
die Kirche gegen die Naturwissenschaften und huldigte dem romantischen Modell
des Patriotismus. (S.42)
Der Wiederaufbau des polnischen Staates hat in der
polnischen Psyche einen Niederschlag gefunden. Das große Ziel, das die Polen
seit über 100 Jahren immer vor Augen hatten, ist nicht mehr da, weil es
erreicht worden ist. Die Kräfte, die die Polen zusammengehalten und zu
höchstem inspiriert hatten, waren auf einmal nicht mehr so stark. Es gab
Versuche, das Hauptziel durch andere zu ersetzen, Dmowski [ENDECJA]
wollte z.B. die Aktivitäten zur Bekämpfung der Minderheiten ausnutzen. (S. 43)
Zum Bild der polnischen Intelligenz der
Zwischenkriegszeit gehörte die Abneigung gegen den Kapitalismus und die
Kapitalisten, deren Inbegriff ›der deutsche Fabrikant‹ war. Das war der
Bestandteil des polnischen Patriotismus, war doch das ganze Kapital in fremden
Händen. Hierin liegen auch die Gründe für die Abneigung gegen die Industrie
überhaupt. (S. 45). Die Schule trug zur Aufrechterhaltung dieser Haltung bei,
indem sie die Schüler in der Abneigung gegen die Arbeit und der
Gleichgültigkeit gegenüber der wirtschaftlichen und ökonomischen Problematik
stärkte. Die Schule propagierte das Konsumdenken statt des Produktionsdenkens.
(S. 46)
Die Gründer der Krakauer Bergbau- und
Hüttenakademie erkannten, daß die politische Souveränität des Staates von
seiner wirtschaftlichen Souveränität abhängt. (S.46) Vor Ausbruch des Krieges
versuchten E. Kwiatkowski (durch seine Wirtschaftspolitik) und M.
Wankowicz (durch seine schriftstellerische Tätigkeit) den polnischen
Patriotismus in einen Wirtschaftspatriotismus umzuwandeln.
Der Krieg, der Kampf mit dem Okkupanten machten
diese Bemühungen zunichte, denn gefordert wurden damals wieder der Kampf und die
Opferbereitschaft. Die in der romantischen Tradition erzogenen Polen glaubten,
je mehr Opfer, um so höher ist die Stelle Polens in der Hierarchie der Nationen.
(S. 50)
Über die
Ursachen äußert sich Bochenski folgendermaßen: ›Es wäre falsch, die Ursachen
des Verfalls Polens in den letzten 30 Jahren des Bestehens des Staates zu
suchen. Die Zeit der Teilungen kam nach Jahrzehnten der Anarchie (Schwächung
der Königsmacht, keine starke Regierung, keine Armee). Das Schlimme ist, daß
die Führungsschicht demoralisiert war, sie war eher bereit zu sterben als eine
Verbesserung des Systems vorzunehmen, die Armee zu vergrößern, neue Steuern
einzuführen. Die wichtigste Ursache liegt in den Systemfehlern. Diese Fehler,
die von der Szlachta für Klugheit gehalten wurden, waren in der Tat ein
Höhepunkt der Dummheit. Alles, was sich gegen das System richtete, war klug,
alles was das System unterstützte, war dumm.‹
Der Gedanke an sich ist ambivalent. Er richtet sich ebenso gegen die
prinzipiellen Gegner des kommunistischen Machtsystems.
›Noch über 100 Jahre nach der Teilungskatastrophe
glaubten die meisten, daß Polen nur durch den bewaffneten Kampf erlöst werden
kann und daß es durch Politik und Reformen sterben muß. Dieses
verfluchte Erbe lebte in der Psyche der Nation bis in die Zwischenkriegszeit
hinein fort.‹ S.23
›Die polnische Nation wird von einer Psychose
ergriffen, die 'Messianismus' genannt wird. Die Polen glauben, daß ihre Nation
'Messias der Völker' sei, daß sie für andere Nationen leidet; je mehr sie
leidet um so schneller wird die Erlösung kommen.‹ Bochenski ordnet die
Verbreitung dieser Ideen den Dichtern Mickiewicz, Slowacki, Krasinski zu,
‘Exilpolen’, wie er betont. (S. 25).
Es bietet sich an, die traditionell als
'politischen' Spannungsrahmen skizzierte Situation von 1980 mit den Ansätzen
der Figurationssoziologie, als einen Prozeß innerhalb von Figurationen
zu betrachten, die sich durch Mehrfachdependenzen auszeichnen. Für Polen läßt
sich eine Interdependenzverflechtung auf der innerstaatlichen wie
zwischenstaatlichen Ebene feststellen. Die Interdependenzen sind mehreren
Ebenen zugeordnet.
Bei der innerstaatlichen Ebene handelt es sich
erstens um den in Ostmitteleuropa bis 1989 generell als Revolution
(von 1944-47) bezeichneten Prozeß der (formalen) Machtübernahme durch eine
'eigene' ethnische Gruppe und zweitens um den - von den Kommunisten
postulierten - Gegensatz zwischen den Arbeitern und Bauern einerseits und der
Bourgoisie bzw. dem Adel als der 'herrschenden' Klasse andererseits. Die in der
Lehre des Marxismus - Leninismus als Interessenidentität bzw. -gegensatz
postulierten Kerngedanken sollen dabei nicht ideologiekritisch hinterfragt
werden.
Ausgangspunkt der Betrachtung ist die spezifische
Situation in der polnischen Gesellschaft und damit die Sichtweise der
beteiligten Idividuen selbst. Drittens ist das Interdependenzverhältnis
zwischen Arbeitern und Bauern zu betrachten und viertens das Verhältnis
zwischen der katholischen Bevölkerungsgruppe und den nichtkatholischen
kleineren - zumeist christlichen - Gruppen, sowie der an Zahl zunehmenden
Gruppe von nicht (mehr) praktizierenden Katholiken und von Agnostikern. Das
Mehrfachverhältnis innerhalb der hochdifferenzierten Gesellschaft und dessen
historische Entwicklung aus den Figurationen der Adels- bzw. der
Bauerngesellschaft sowie die Regionalentwicklung müssen gesondert betrachtet
werden.
Zum zwischenstaatlichen Bereich gehörten die
Einbeziehung in das jeweilige Wechselbeziehungssystem WPO/RGW und
NATO/EG-EFTA sowie die Grenzfestsetzungen als Folge des Zweiten Weltkrieges in
Jalta und Potsdam und die ›Grenzgarantie‹ durch die UdSSR und die WPO.
Der Beurteilungsmaßstab ist dabei abhängig von den politischen Meinungen,
individuellen wie kollektiven Wertsetzungen, aber auch
innergesellschaftlichen Machtfragen.
Die aktuelle Problematik ist eingebunden in einen
historischen Ablauf und unter psychosozialen Gesichtspunkten zu betrachten.
Dazu Elias:
»Das gilt
ganz besonders wenn man den Prozeßcharakter von Figurationen in Rechnung
stellt. Es war schon immer nicht ganz realistisch, in Gedanken innerstaatliche
Probleme und zwischenstaatliche Probleme voneinander zu trennen. Aber je
weiter sich die Interdependenzverflechtungen über die ganze Menschheit hin
ausgebreitet haben und je enger die Verflechtung der verschiedenen Staaten
der Menschheit geworden ist, um so weniger einträglich ist es, die Erforschung
dieser beiden Ebenen der menschlichen Gesellschaft nach Fächern zu trennen. Im
20. Jahrhundert ist das, was innerhalb eines Staates vor sich geht, insbesonders
die Verteilung der innerstaatlichen Machtgewichte, von dem, was sich zwischen
den Staaten abspielt, insbesondere von den Machtverhältnissen der Staaten,
weniger abtrennbar als je zuvor. Wo immer man hinblickt, stößt man auf die
Interdependenzen der innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Prozesse.«
Zur Kennzeichnung des Spannungssystems in der
›Zwangsapparatur‹ einschließlich der ihr immanenten Zirkularbewegungen wie
Eskalationen, die bisher als ›erstarrter Clinch‹ oder ›Teufelskreis‹ geläufig
ist, versucht Elias den Begriff des ›Doppelbinders‹ nach Gregory Bates
›double-bind‹ einzuführen.
Das von Elias übernommene Bild aus einer Darstellung aus den Erzählungen Poes
von den Fischern im Mahlstrom
kann zur Verdeutlichung des in den ›Ereignissen‹ versuchten bzw.
begonnenen revolutionären Prozesses
von 1980 herangezogen werden. Es muß konzediert werden, daß das Niveau der
Selbstkontrolle und der Prozeßkontrolle für die Gruppe der Auslöser
bzw. der initiativ Beteiligten dabei relativ hoch ist.
Ein weiteres Problem ist die Frage der Kontrolle
eigener Affekte, der Handlungen
in kritischer Situation. Auch für die Arbeiter der Lenin-Werft gilt, daß sie
(noch) eine Chance haben. Das Maß dieser Chance kann man kaum bestimmen,
insoweit es sich auf die Arbeiter als Figuration bezieht.
»Was wir
›Denken‹ nennen, steuert die Muskeltätigkeit im Verein oft genug im Konflikt
mit Trieben, Affekten, Gefühlen. Spannungen und Konflikte dieser Art bilden ...
einen normalen Zug menschlichen Lebens. Die sozio-psychologischen Funktionen
von Menschen, auf die wir mit dem Begriff des ›Denkens‹ hinweisen, sind in ihrem
Kampf um die Beeinflussung der koordinierenden motorischen Zentren, die die
Exekutivorgane von Menschen, ... ihre Handlungen in engen Sinne steuern, dem
doppelten Druck der Gefühle und der weiteren Situation ausgesetzt. ... Auch
›Sprechen‹ ist ›Handeln‹ auf einer anderen Ebene ...«.
Es bleibt zu prüfen, inwieweit dieser Gedanke als
These zur Erklärung des Ausbruchs der Ereignisse von 1980 anwendbar ist. Als
Hypothese kann formuliert werden, daß das hohe ›Affektniveau‹ des Denkens in
diesem eskalierenden Zirkulationsprozeß erkennbar ist, die Richtung des
Handelns aber durch Überlagerung tradierter Verhaltensweisen bestimmt ist,
die vor allem aus der Szlachta- und der Bauerngesellschaft ableitbar sind. Es
gilt für die Initiatoren der Ereignisse von 1980 - soweit man überhaupt ein
konkretes Hervorrufen konstatieren kann. Bezüglich des Gesamtprozesses ist
dieses zu verneinen. Auf jeden Fall muß die Reflexion der Frage erfolgen, ob
und inwieweit Ansätze vorausschauenden Denkens im Verhalten der Danziger
Arbeiter, insbesondere aber der Intellektuellen, erkennbar und nachweisbar
sind.
Für die polnischen Arbeiter gilt, daß sie über
eine integrierende symbolische Repräsentation verfügten, wie auch ein Modell
und eine Theorie, nämlich das gesellschaftlich-organisatorische Modell der
katholischen Kirche und die christliche Lehre, insbesondere die
Sozialenzyklika, als tragende und herrschende Glaubensdoktrin. Es sollte
noch geprüft werden, inwieweit sich die Arbeiter während des Streiks 1980 in
Prozessen befanden,
»bei denen das Empfinden einer drohenden Gefahr
so überwältigend stark (war), daß die meisten Menschen zu einer relativen
Distanzierung und zur Kontrolle ihrer Furcht unfähig (waren), auch wenn der
Prozeß selbst, wie sie bei größerer Gelassenheit und einigem Nachdenken aus
größerer Distanz (hätten) erkennen (müssen), ihnen immer noch Chancen der
Kontrolle und somit eines schadlosen Entkommens eröffnet (hätte).«
Die Möglichkeiten relativer Distanzierung wie z.B.
Kontrolle der Furcht, werden aufgehoben bzw. überlagert durch den aus der
starken Bindung in den christlichen Glauben katholischer Konfession als
tragenden und stärkeren Selbstzwang. Dies ist verbunden mit der
stabilisierenden Wirkung durch die Anwesenheit der Priester, die auf dem
Werftgelände gelesene Messe und die dort abgenommene Beichte.
Elias' folgender Gedanke bietet sich zur Anwendung
auf die Situatiuon 1980 an:
»Dann aber gibt es auch kritische Prozesse, die
so weit fortgeschritten sind, daß den in sie verstrickten Menschen keine Chance
mehr bleibt, ihre physische und psychische Integrität zu erhalten oder auch
nur ihr Überleben zu sichern. Wie groß auch ihre Distanzierung, ihre Fähigkeit
zu realistischem Nachdenken sein mag, der Prozeß hat für sie den Punkt
erreicht, an dem es kein Zurück mehr gibt. Sie können sich nicht retten, was
immer sie denken oder tun.«
Es handelt sich nicht um einen fortgeschrittenen
lebensbedrohenden Prozeß oder eine auf die Zerstörung des Individuums oder der
Gruppe ausgerichtete Zwangssituation. Der Grad des Involviertseins und der
prozeßhaften Verstrickung ist aber so hoch, die gruppenspezifischen
Selbstzwänge so intensiv, daß ein Ausbrechen aus dem Prozeß, d.h. ein
Abbrechen der Streikaktionen unmöglich wurde. Auch der Zeitpunkt der
beginnenden Irreversibilität des Prozesses läßt sich annähernd feststellen. Im
Zusammenhang damit steht zugleich die Herausbildung und Kennzeichnung der
mythischen Heldenrolle.
Äußerungen polnischer Freunde und Bekannte des
Verfassers ihr zum Ausdruck gebrachter erklärter Wille zu kämpfen sowie
private Hinweise im Jahre 1980/81 gegenüber dem Verfasser deuten darauf hin. So
erklärten z.B. Angehörige der Solidarnosc 1980 im Falle einer
Intervention seitens der UdSSR bzw. der WPO unbedingt kämfen zu wollen. Auch
Nichtmitglieder der Solidarnosc erklärten, ›Molotow-Cocktails‹ werfen
zu wollen, wenn die sowjetischen Panzer kämen. Im Jahre 1983 forderten
Angehörige der Untergrund-Solidarnosc (Mitarbeiter der Universität Danzig)
den Verfasser auf, ihnen Metallwerkzeuge zu besorgen. Durch entsprechende
Nachfrage wurde klar, daß sie der Herstellung von Waffen dienen sollten.
Für Polen stellt sich die Frage nach der
Umsetzbarkeit in einer nur begrenzt ausgebildeten bzw. im Prozeß zur
Staatsgesellschaft befindlichen Entwicklung. Dies gilt vor allem in Bezug auf
eine psycho-soziale Akzeptanz. Diese enthält aber ein gesellschaftliches
Widerstandspotential, das 1980 zumindest latent gegenwärtig war und von
vornherein den Systemzwängen unterlag.
Es kann nicht Gegenstand der Frage sein, ob jemals
ein sozialistisches Wirtschaftsmodell realisierbar gewesen sein konnte.
Dieses mag auf der Ebene volks- und betriebswirtschaftlicher
Modellrechnungen erfolgen und kann eine Problemstellung für die künftige
Sozial- und Geschichtsforschung sein. Im damaligen ›sozialistischen Lager‹
war diese Fragestellung tabu. Man hat sich pragmatisch und machtspezifisch, d.
h. am Machterhalt innerhalb des dogmatisch gesetzten Rahmens orientiert und
dieses mit tradierten Methoden autoritärer und diktatorischer
Herrschaftsausübung durchgesetzt.
Die politische Gegenbewegung benutzte nur in einer
sehr kurzen Phase des Übergangs das Modell eines ›Dritten Weges‹. Dies erfolgte
wesentlich seitens der Linken, einschließlich der linken katholischen Kräfte.
Die Mehrheit der polnischen Ökonomen geht von einer prinzipiellen
Unrealisierbarkeit dieses Ansatzes aus. Man operiert mit tradierten
polnischen Methoden in den Mechanismen eines inoffiziellen
Wissenschaftsbetriebes und der Wissensvermittlung.
Im vertraulichen Gespräch war man gegenüber den
Kollegen aus dem Westen offen und bediente sich entsprechenden
Meta-Sprachebenen. Deutlich erkennbar waren die Positionen in der Kritik z.B.
gegenüber der Apologetik des Sozialismus der DDR. Dort war von den
Wissenschaftlern die kommunistische Staatsdoktrin in hohem Maße
verinnerlicht worden. In der polnischen Gesellschaft hatte der Sozialismus
auf der Basis informell-strukturierter Mechanismen primär eine
Mantelfunktion. Dieser Mantel war lange Zeit notwendige politische
Rahmenbedingung und zugleich Ausdruck äußeren Zwanges.
Die Dysfunktionalität zeigte sich in den
Wechselbeziehungen relativ starr begrenzter Möglichkeiten, z.B. darin,
Menschen durch Dosierung von Konsumgütern zu versorgen oder auch den Versuch,
die eigene Propaganda umzusetzen durch die Monopolisierung der Information.
Andererseits zeigte sie sich in den prinzipiellen oder an partiellen Zielen
orientierten Gegenbewegungen, an der Basis wie in den verschiedenen Ebenen
des Staatsapparates. Diese fanden z.B. ihren Ausdruck in der nichtbewußten bzw.
begrenzten Wahrnehmung von Propaganda, die latent vorhanden und gegenwärtig
war.
Die Intellektuellen erhielten zur Kompensation
ihrer eingschränkten Freizügigkeit Bildungsprivilegien, die sich z.B. in
relativ großzügigen Studienbedingungen äußerten. Die Angehörigen der alten
Bildungs- und Funktionseliten bevorzugten z.B. in den sechzige und siebziger
Jahren für ihre Kinder eine Hochschulausbildung, so daß - bei etwa gleichen
oder gar niedrigeren Einkommen - durch das Ausbildungssystem eine gewisse
soziale Differenzierung erfolgte.
Für die Intellektuellen galt als Paradigma das
historisch abgeleitete und moralisch definierte Widerstandsrecht. Es waren
nur Chancen auf eine partielle Umsetzung vorhanden, da der Staatsaparat zu
mächtig war und die Rahmenbedingungen, die existierendenden Mächte [UdSSR, WPO,
DDR] gegenwärtig waren. Man hatte gelernt, in einer Doppelgesellschaft zu
leben und entsprechende Überlebensstrategien zu entwickeln. Dazu gehörte eine
spezifische ›Langzeitgewißheit‹, also die Erfahrungen aus dem historischen
Untergrundkampf und die Ausprägung des polnischen Katholizismus, die
Tradition der polnischen katholischen Kirche.
Es kann folgende These formuliert werden: Je mehr
die Macht des Staates abnahm, um so mehr kamen die tradierten Mechanismen zum
Tragen und desto offenere Widerstandsformen entwickelten sich 1980/81. Dabei
ist zu berücksichtigen, daß der Begriff ›Widerstand‹ eine positiv wertende
Sprachregelung einer unterlegenen oder schwächeren Figuration darstellt. Mehr
noch gilt für die Reklamierung des Begriffes bezüglich des ihr zugrunde
liegenden Sachverhalts durch den heroischen Begriff ›Aufstand‹. Der
Widerstandsbegriff impliziert also keineswegs eine historische Distanz.
Charakteristisch war, daß gerade im Bildungssystem
die 'Nationalutopien' bzw. der 'Nationsglaube' die Glorifizierung der
Mechanismen, durch den Staatsapparat zur eigenen Legitimation benutzt
wurde. Andererseits reklamierten die oppositionellen Intellektuellen diese
ebenfalls für sich. Außerdem wurden sie vom polnischen Katholizismus
instrumentalisiert. Das, was zur staatlichen kommunistischen Propaganda
funktionalisiert werden sollte, kehrte sich gegen die neue Machtgruppe.
Kennzeichnend für die oppositionellen Gruppen ist:
Es wurden keine langfristigen Strategien entwickelt, keine Pläne für 'die Zeit
danach'. Auf Fragen westlicher Gesprächspartner wurde in der Regel von den
Befragten ausgewichen und oft eine ambivalente Auskunft gegeben. Auf die Frage,
ob und inwieweit die Solidarnosc Pläne hatte, erfolgte in der Regel ein
dem 'Jein' bzw. 'Sowohl-als-auch' entsprechende Antwort. Man bejahte verbal in
z.T. affektiv besetzten Äußerungen, wich dann aber zumeist aus. Aus den
Antworten konnte der Beobachter schließen, daß es es sich nicht darum handelte,
Pläne zu verschleiern wollen - es gab sie nicht konkret. Eine Konsensfindung
war unter den Bedingungen des gesellschaftspolitischen Kampfes nicht möglich
gewesen. Die Staatsmacht nahm die Solidarnosc als Machtfaktor aber
ernst und bekämpfte sie. Dieses wiederum stabilisierte sie.
Die Reformvorstellungen der Solidarnosc wurden
sofort nach Ausrufung des Kriegszustandes übernommen und als ›Reformen des
Generals Jaruzelski‹
deklariert. Im gegebenen Zusammenhang kann nicht vertiefend auf die
Problematik der Definierbarkeit von Reformen bzw. die standortspezifische
Wertsetzung eingegangen werden. Es wurde 1980 darunter zunächst nur ein
prinzipieller in kleinen Schüben ablaufender Veränderungsprozeß verstanden.
Zugleich definierten die Machtinnehabenden dieses als die Beibehaltung des
Prinzips des Sozialismus und instrumentalisierten den Sachverhalt dadurch zur
Stabilisierung ihrer Macht.
Der Begriff muß von dem der Träger abgegrenzt
werden, da die Gruppe der Träger breiter angelegt ist. Sie stellt die Basis der
Gruppe, d.h. auch anderer Machtpartizipienten, in Verwaltung, Polizei und
Armee. Auch Mitglieder des Sejm und des ZK gehörten dazu. Die Gruppe der
Machtinnehabenden beschränkt sich auf den Kernbereich und ist etwa im
Politbüro anzusiedeln. Sie ist mit ihm aber nicht deckungsgleich. Die Gegner
verbanden damit die Machtabgabe der bisherigen Inhaber und die Übernahme durch
sie selbst - zumindest die Machtpartizipation - sowie die Veränderung des
ökonomischen Systems, nicht aber der Prinzipien des Sozialstaates.
Dem Reformflügel der Partei (z.B. Rakowski als
Vertreter der Funktionseliten, der aber ursprünglich als dezidierter Vertreter
der Intellektuellen Chefredakteur der Wochenzeitung POLITYKA war und Adamski
als Vertreter von in die Partei involvierten Intellektuellen) können
qualitative Reformansätze im Sinne einer langfristig angelegten Entwicklung
der Wirtschaft in Richtung auf eine soziale Marktwirtschaft und
parlamentarische Demokratie zuerkannt werden. Wladyslaw
Markiewicz forderte schon in den siebziger Jahren in der Partei die Abhaltung
freier Wahlen.
In einem Interview am 3.9.80 bekräftigte er seine Forderung nach qualitativen
Veränderungen.
Er wurde vor allem deshalb aus dem engen Zirkel der außen- und
gesellschaftspolitischen Berater ausgegrenzt. Adamski
versuchte im Auftrage des ZK der PVAP mit einer Expertengruppe einen
pragmatischen Weg zu Reformen herbeizuführen.
Der Prozeß der Umwandlung wurde durch den
Kriegszustand eingeleitet - ein scheinbares Paradoxon. Dadurch besteht keine
prinzipielle Diskrepanz in den achtziger Jahren, wohl aber bezüglich der
Richtung im Sinne der Einführung marktwirtschaftlicher Elemente. Es handelte
sich um einen Kampf der Eliten - überwiegend der Intelligenz - auf
taktisch-strategischer Ebene um die Macht. Die Intellektuellen konnten zumeist
unbehelligt arbeiten, allerdings um den Preis temporärer pragmatischer
Anpassung. Kuron, Michnik und Modzelewski stellen eher Ausnahmen dar. Sie
standen dem ›zweckrationalen Denken‹ fern, tendierten zu dem, von seiten derer,
die sich selbst als Rationalisten begreifen, als ›Irrationalismus‹
bezeichnen. Sie handelten in der Regel höchst unpragmatisch. Sie nahmen
langjährige Haftstrafen in Kauf. Jacek Kuron beschreibt dies in seinem
autobiographisch angelegten Buch.
Die wesentlichen gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Probleme sind nach wie vor nicht gelöst, z.B. die Auflösung
der großen Kombinate. Das Bildungs- und Gesundheitssystem zerbricht seit 1990,
die Umorganisation ist nicht abgeschlossen. Eine Stabilisierung der
Versorgung der Gesamtbevölkerung ist noch nicht erfolgt.
Die Frage der Reform bzw. der Reformierbarkeit ist
der Wechselbeziehung untergeordnet zwischen ›Staatsräson‹, der Grenzgarantie
bzw. der nationalen und staatlichen Unabhängigkeit, und der ›Staatsdoktrin‹,
der politische Glaubensdoktrin der herrschenden Gruppe. Die Problematik kann im
gegebenen Zusammenhang nur skizziert werden.
Es kann von folgender These ausgegangen werden:
Der Staatenbildungsprozeß in Polen hat eine paradigmatische Funktion für
gesellschaftliches Verhalten.
Ein Kernproblem ist die Rolle und Richtung von
Fremdzwängen, die in Polen in spezifischer Weise dem staatlichen Monopol
physischer Gewalt entsprach. Dieses staatliche Monopol unterliegt in
horizontaler wie vertikaler Weise der Zuordnung zu zwei Ebenen: Horizontal
auf einer Ebene durch die Teilung der Gesamtregion der früheren Rzeczpospolita
in den neuen Machtzentren zugeordnete Teilregionen (1793 - 1919). Innerhalb
eines Teilgebietes bedeutete dieses ein durch die Teilermächte angestrebte
aber nicht vollständig durchsetzbare Machtmonopole. Die Umsetzung neuer
Fremdzwänge durch Fremde gegenüber der Nation erfolgt in spezifischen
Selbstzwängen. Die begrenzte Durchsetzbarkeit einer Machtmonopolisierung, die
zugleich eine soziale Gegenkraft induziert, entstand sozusagen durch einen dem
ursprünglichen Fremdzwang entgegengerichteten Zwang. Dieser verhinderte
die monopole Machtbildung. Er bewirkte einen zunehmenden Versuch desselben
durch Repressionsausübung (der Teilermächte) und in Wechselwirkung damit
eine Gegenmachtbildung in der Gesellschaft.
Der Selbstzwang der Nation äußert sich in der
Abwehr des durch Nationsfremde hervorgerufenen Fremdzwanges. Dieser
Abwehrmechanismus bildet sich auf der darunter liegenden Ebene, also
vertikal dazu aus. Der Selbstzwang bezieht sich auf die eigene Gruppe: Die
Richtung ist vorgegeben und wird in der Gesellschaft perpetuiert. Dadurch
werden möglicherweise andere Richtungen z.B. im Vergleich zu
westeuropäischen Habitusformen zur Ausbildung des Selbstzwanges in der
eigenen Gesellschaft weniger ausgeprägt.
In dieser Spannungskonstellation bildet sich somit
neben dem abgelehnten und bekämpften Fremdzwang der akzeptierte
innergesellschaftliche Zwang heraus. Er wird ausgeübt im Kontext mit
Institutionen und Trägern des polnischen Katholizismus und ist vertikal zur
Staatsmacht gerichtet. In der subjektiven Bewußtseinsebene ist er aber
horizontal ausgerichtet. Insgesamt stellt er ein latentes Machtpotential
als Selbstzwang dar. Als Ersatz für die nicht legalisierbare
Machtrepräsentation entsteht die in der Nation moralisch legitimierte
Machtrepräsentation. Die Anerkennung der Mitglieder der
Gesamtfiguration Kirche, ihrer Akzeptanz der Kirchenhierarchie entspricht
demzufolge nicht einer 'Volksfrömmigkeit' der Polnischen Nation per se oder
einem Volkskirchencharakter sondern ist primär zu sehen im Zusammenhang mit
dem gegen die Nation gerichteten Fremdzwang. Der Akzeptanz der nationseigenen
Machtrepräsentanz entspricht ein nationseigener Selbstzwang.
Die Gesamtheit der Problematik stellt eine
Spannungskonstellation auf mehreren Ebenen dar. Dies gilt bis Anfang 1919. Der
Versuch, den nunmehr entstandenen polnischen Staat - die Zweite Republik - als
neuen nationsspezifischen und damit in der Gesellschaft akzeptierten Zwang zu
verinnerlichen und in einen Selbstzwang umzusetzen gelingt nicht aufgrund des
dafür erforderlichen langfristigen Prozesses.
Der Staat wird zunächst von der Gesellschaft als
notwendiges Ziel akzeptiert, weil er Ausdruck der Unabhängigkeit der Nation
ist. Dies gilt aber nicht für die gesamte Gesellschaft, da der Prozeß der
Herausbildung einer Staatsgesellschaft langfristig fortdauert. Letzteres
stellt einen Scheinwiderspruch dar, der in der Wechselbeziehung zwischen
Nation und Gesellschaft begründet liegt. Die Gleichzeitigkeit von nationaler
Notwendigkeit der Existenz des Staates und seiner gesellschaftlichen
Ablehnung - zumindest hoher Distanz - stellt eine Paradoxie dar, die
kennzeichnend ist für die ›Doppelgesellschaft‹ Polens.
Polnische Autoren betonen den Integrationsprozeß
der polnischen Nation; dieses zumeist in ihrer kollektiv nach außen gerichteten
zentrifugalen Abwehrkraft. Die im Binnensystem vorhandenen gegeneinander
gerichteten Kräfte, die innergesellchaftliche Differenzierung - dessen
Spannungsniveau insbesondere seit 1989 ansteigt - wird vernachlässigt.
Znaniecki (1952) schreibt in seiner Einführung zu ›Modern Nationalities‹:
»The
history of the Poles from the Partition of Poland in 1795 up to 1919 not only
seemed to disprove the doctrine, that a common state is indispensable for social
unity, but also suggested that the idea advanced by those social philosophers
who considered a common national culture to be a more lasting and influential
bond of social solidarity than common governement, might prove to be
scientifically valid theory. As a matter of fact many polish historians and
sociologists accepted it. They used the term ›narod‹ to denote a socially
solidarity [sic] collectivity united by a common national culture. The term has
no equivalent in English, although the word nationallity approximates ist
meaning.«
Es kann als These formuliert werden, daß die
Erhöhung dieses Spannungsniveaus letztlich die Ursache für das Aufbrechen der
gesellschaftlichen Strukturen, die begonnene Veränderung ihrer Mechanismen seit
1980 darstellt. Das Potential dieser Spannung hat sich zweifellos seit 1989
qualitativ verändert, nicht aber reduziert, sondern verlagert. Der individuelle
wie kollektive affektive Akzeptanzprozeß - die Umsetzung in einen Selbstzwang
- dauert weiterhin an. Er stellt die realisierte Vision der Nationalutopie dar
und ist damit mental akzeptiert. Er bedeutet zugleich eine neue reale
Spannungskonfiguration, die eine langfristige Adaption bzw. einen lange
andauernden Prozeß der Verinnerlichung darstellt.
Man könnte unter Vorbehalt eine lange
Phasenverschiebung gegenüber Westeuropa konstatieren, die etwa der Zeit der
Fremdherschaft entspricht, und damit mehrere Generationen umfaßt. In der
künftigen prozessualen Entwicklung stellt sich zweifellos angesichts der für
den europäischen Integrationsprozeß erforderlichen Modernisierungansätze das
Problem der gegen diesen gerichteten, in der Phase der Fremdmacht mental
herausgebildete Antistaatlichkeit wenn nicht zur Übereinstimmung, so doch zu
einer gewissen Anpassung zu bringen.
Die Habitusformen der polnischen Gesellschaft
haben im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert eine kontraproduktive Wirkung
und sind gegenüber den erforderlichen Modernisierungsschüben im
Zusammenhang mit der Zuwendung gegenüber der EG/EU dysfunktional. In diesem
Zusammenhang: Tschechien und Ungarn waren seit ›Königgrätz‹ 1866, also im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in den Habsburger Staat ökonomisch
integriert und trugen den Gesamtstaat mit. Die Eliten in Galizien hatte sich mit
Wien relativ gut arrangiert. Partiell wurde dieses Arrangement in der
polnischen Nation als gegenüber der Nationalutopie und dem
Unabhängigkeitsziel konträr angesehen.
Es mag ein typisches Problem darstellen: Die
Zivilisierung der Monopolisten der physischen Gewalt
stellt für Polen ein charakteristisches Problem dar. Polizei und Verwaltung als
die Staatsmacht verkörpernde Institutionen bzw. die Polizei- und
Verwaltungsbeamten sind in der Gesellschaft höchst suspekt und werden mit
großen Vorbehalten ob ihrer Härte im Vorgehen betrachtet. Im polnischen
Sprachgebrauch verwendet man für beide Gruppen - also auch den Mitarbeiter im
Ordnungsamt - den Begriff ›Polizist‹. Man gab seinen Paß nach Rückkehr von
einer Reise bei der ›Polizei‹ ab. Es hing oft vom Gutdünken des Polizisten ab,
ob man den benötigten Paß rechtzeitig erhielt, manchmal nutzte auch ein dem
Antragsformular beigefügter Geldschein. Es mag damit zusammenhängen, daß diese
Hoheitsaufgaben traditionell verzahnt waren und von Uniformträgern
staatlicher Macht, versehen mit den verhaßten kommunistischen Symbolen der
Fremdherrschaft, in der Wahrnehmungsebene als identisch angesehen wurden.
Zugleich stellten aber Polizei- und Verwaltungsbeamte als den Innen- bzw.
Sicherheitsbehörden unterstellte Symbolträger staatlicher Macht die
Repräsentanten des 'ungeliebten' und innerlich und sozial abgelehnten,
kommunistisch beherrschten und damit wieder fremdbestimmten Staates dar.
Diese Problemlage befindet sich auf einer
Affektebene, der Wahrnehmung staatlicher Machtausübung einschließlich seiner
als Schikanen empfundenen Akte staatlicher Machtausübung - auch wenn diese
durch Subalterne ausgeübt wurden und individuell zu verantworten waren. Diese
Mechanismen unterschieden sich damit nicht prinzipiell, sondern graduell
von denen der früheren Fremdmächte. Eine prinzipiell notwendig
differenzierende und durch Graduierungen zu definierende Betrachtung war
aber durch die diese mental überlagernde Kampfvorstellung verdrängt worden.
Das Gegensatzdenken hatte eine Schwarz/Weiß-Mentalität bzw.
Entweder-oder-Denken hervorgerufen und beeinflußte dadurch permanent die
Wahrnehmungs- und Empfindungsebenen.
Die Wahrnehmung der Fremdmacht erfolgte u.a. durch
die von der UdSSR übernommenen Symbole (z.B. der Dienstmütze der polnischen
Soldaten sowie einiger Begriffe, z.B. dem der ›Miliz‹ (pln. Milicja). Der Bürger
wurde zur Miliz bestellt.
Er lehnte deren Träger, die Polizisten, zwar nicht als Vertreter der fremden
Macht ab, aber als mit dieser verbunden. Ausdruck dessen waren z.B. die
übernommenen Begriffe dieser Institution des Staates. Der Name wurde von der
Solidarnosc-Regierung sehr schnell in ›Policja‹ (Polizei) geändert. Aus
organisatorischen bzw. aus Kostengründen verbleiben aber bis auf weiteres die
Kfz-Kennzeichen der Dienstfahrzeuge: MO. Entsprechendes gilt für die
Geldscheine. Der 100-Zloty-Schein enthält (bis zum 31.12.1994) die Abbildung
der von Ludwik Warynski, dem Gründer und Vorsitzenden der ersten
(kommunistischen) Arbeiterpartei Polens (Sozialrevolutionäre), 1883
herausgegebenen Zeitung PROLETARYAT mit der Parole ›Proletarier aller Länder,
vereinigt Euch‹. Man hat seit langer Zeit Verdrängungsmechanismen entwickelt,
so daß diese Symbole nicht mehr als Bedrohung empfunden werden. Auf den
größeren Geldscheinen sind historische, nationale Identität stiftende
Personen abgebildet.
Ein anderes Beispiel: Die tradierten Aufgaben der
Polizei waren in der innergesellschaftlichen Wahrnehmung nachrangig. Beim
Papstbesuch 1979 war es gerade Ausdruck der Kollektiverfahrung in der
gesamten Bevölkerung, daß 'man' ohne die Polizei auskam. Die eigenen Ordner
(z.B. Gemeindemitglieder) hatte alle Ordnungsaufgaben einschließlich der
Verkehrsregelung im Bereich der Kundgebungen übernommen, was als
entscheidender Faktor zur gemeinsamen Empfindung und psychischen Stärke
beitrug.
Die Symbole der Miliz und der Verwaltung wurden
als gesellschaftliche Machtsymbole abgelehnt. Die Armee dagegen befand sich
dagegen in ihrer Rolle im Kontext mit den Nationalutopien der erstrebten
staatlichen Restitution. Sie war symbolischer Träger dieses Zieles.
Charakteristisch war deshalb die prinzipielle Akzeptanz der Armee in der
Bevölkerung. Die Armee hatte eine nationsspezifische bewußtseinsstiftende
Wirkung und stellte eine überreale nationale Klammer dar. Die Menschen in
Polen akzeptierten als Nation die Armee. Als Glieder der Gesellschaft
akzeptierten die Menschen die Polizei nicht.
Insgesamt stellt dies eine Spannungskonstellation
im doppelten Sinne dar, die sich über Verdrängungs- und Abwehrmechanismen
erklären läßt. Die Tötungsvorgänge bei den Arbeiteraktionen in Posen (1956),
in Danzig/Gdingen (1970), der Grube Wujek/Kattowitz (1980) werden der Polizei
angelastet bzw. den Sondereinheiten des Innenministeriums. Darüber hinaus
entstanden Legenden, es habe sich um sowjetische Soldaten in polnischen
Uniformen gehandelt, die mit ihren Panzern die Werkstore aufgebrochen haben.
Die Polnische Armee blieb im Bewußtsein der Bevölkerung weitgehend 'moralisch
sauber.' Es war also unerheblich, daß die Waffen der Uniformträger und Ihre
Kampfuniformen, die das Symbol des polnischen Adlers trugen, identisch waren.
In diesem Zusammenhang ist es am Rande von mentaler Bedeutung, daß die Armee ein
wesentliches Symbol, die Konfederatka, wieder einführte, nachdem die
von der SU erzwungene Einführung der russischen 'Tellermütze' als
Kopfbedeckung für polnische Soldaten abgelehnt worden war.
Es kann die These formuliert werden, daß die VR
Polen bezüglich ihrer innergesellschaftlichen Interdependenzen keinen
pazifizierten Staat darstellte. Dazu Elias:
»Die
Zivilisierung dieser Monopolisten der physischen Gewalt innerhalb eines Staates
ist ein ungelöstes Problem. Gleichwohl hat die Existenz eines solchen
institutionalisierten Monopols selbst auf der gegenwärtigen Stufe
weitreichende Folgen für die gesamte Gestaltung menschlicher Beziehungen
innerhalb eines Staates. Zum Beispiel: Die Produktion und Distribution von
Gütern und Dienstleistungen, ... nimmt nur dort den Charakter ökonomischer
Beziehungen an, wo Staatsorganisationen mit einem einigermaßen wirksamen
Gewaltmonopol existieren, wo also, ... die Pazifizierung im Inneren
einigermaßen weit fortgeschritten ist. Ohne ein solches Monopol läßt sich die
Einhaltung von Verträgen nicht erzwingen; der Erwerb von Gütern durch
Gewaltmittel, wie immer sie heißen mögen, ob Krieg, Plünderung, Piraterie oder
Raub, wird ein recht normales Ereignis sein. In der Tat, die spezifischen
Regelmäßigkeiten, ökonomischer Transaktionen, die den Gegenstand und die
›raison d'être‹ einer Wissenschaft der Ökonomie bilden, entstehen erst im
Zusammenhang mit der Bildung intern pazifizierter Staaten, d.h. mit der
Etablierung von einigermaßen wirksamen Gewaltmonopolen, die ein gewisses Maß
an physischer Sicherheit in wirtschaftlichen Tauschbeziehungen - auch
zwischen Staaten - garantieren. Die Entstehung von Staatsmonopolen
physischer Gewalt ist ihrerseits funktional interdependent mit ökonomischen
Entwicklungen wie der gesellschaftlichen Kapitalbildung und der wachsenden
Arbeitsteilung. Staatenbildungsprozesse und wirtschaftliche Prozesse ...,
Prozesse der sozialen Integration und der sozialen Differenzierung sind
funktional interdependent, aber die einen sind nicht auf die anderen
reduzierbar.«
Die loyale Mitarbeit im Staat entsprach einer
tradierten, pragmatischen Handlungsweise. Das Herrschaftssystem wird
(zumindest) von dem Betroffenen und durch ihn selbst als gegeben und nicht
veränderbar angesehen. Die stereotype Entgegnung gegen Vorwürfe der
Unterstützung des ungeliebten bzw. verhaßten Systems oder gar der
Kollaboration war denn auch: ›Man wollte Schlimmeres verhindern‹; ›man hatte
keine andere Wahl‹, ‹man hat seine Pflicht getan‹. Stabilisieren war dabei die
Wechselwirkung zur Kirche. Es ist ein Doppelverhalten konstatierbar.
Die wesentliche Rolle des Staates in modernen
Industriegesellschaften konnte vom polnischen Staat der Nachkriegszeit nur
begrenzt übernommen und eingehalten werden. Ihre Durchsetzung in der großen
Spannungsfiguration der polnischen Gesellschaft war nicht möglich. Jegliche
staatliche Maßnahme wurde nur temporär aufgrund vorhandenen und
vergegenwärtigten Zwanges akzeptiert. Die subjektive Fähigkeit, den Grad der
Spannung zu verdrängen, herabzusetzen, zu konterkarieren, die Situation
insgesamt aber zu ertragen, ist davon unabhängig. Der Grad der Spannung
vergrößerte sich zunehmend. Eine teilweise Entlastung erfolgte in wenigen
Beispielen. Insgesamt erhöhte sich die Spannung. Eine Reduktion durch
Kompensationen war faktisch nicht möglich.
Die permanent steigende Spannung in der gesamten
Gesellschaft und die Nichtüberwindung des Machtpotentials der Gegenmacht
führte zu gesellschaftlicher Agonie
und dadurch zur Hemmung, oder gar Paralysierung moderner gesellschaftlich
notwendiger Prozesse. Für die Menschen in Polen bildeten sich die
unreflektiert und verklärt wahrgenommenen Vorbilder Amerika und die
Bundsrepublik heraus.
Die Kommunisten waren sich offensichtlich der
Problematik bewußt. Sie versuchten, den Nationsbegriff zu okkupieren, zu
adaptieren und für ihren Gesellschafts- und Volksbegriff zu
instrumentalisieren (umzufunktionalisieren). Als wesentliches Symbol
wurde 1990 der kommunistische Begriff Volksrepublik wieder durch Republik
ersetzt.
Für Polen bedeutete die Verfassung des 3. Mai 1791
einen entscheidenden Schritt in Richtung auf die moderne Staatsbildung. Dies
geschah in der Endphase eines spezifischen Demokratisierungsprozesses in
der Szlachta. Liberum Veto und Konföderationsrecht bedeuteten einen Schub in
Richtung Dezentralisierung. Zugleich beinhaltete dies eine gesellschaftliche
Pazifizierung, aber auch eine Loyalitätsproblematik. Es handelte sich um
Konkurrenzloyalitäten zwischen verschiedenen Personen oder Figurationen und
die minimale Loyalität gegenüber dem (gewählten) König. Eine Zentralmacht war
faktisch seit dem Ende des 16. Jahrhunderts nicht vorhanden. Die Verwaltung
erfolgte dezentral auf der Ebene der Woiwodschaften.
Ein wesentliches Merkmal war einerseits die moralische Nichtdiskreditierung
des Kampfes gegeneinander. Andererseits bedeutete es zugleich die Verringerung
von Kämpfen aufgrund gegenseitiger Austarierung der Machtbalancen.
Die Herausbildung eines Staates, der über das
Steuererhebungsmonopol sowie das innere und äußere Gewaltmonopol verfügte,
war in der Rzeczpospolita, die als Staat eine Großfiguration der Szlachta auf
höhrer Ebene darstellte, nicht erreicht worden. Über die Verfassung des 3. Mai
1791 sollte ein wesentlicher Schritt in Richtung auf einen modernen Staat
erreicht werden.
Das Selbstverständnis der Rzeczpospolita bis zur
Verfassung des 3. Mai 1791 kann als Paradigma des Staatsbildungspozesses
gelten. Die als Aufstand, Guerilla- oder Untergrundkampf (ab 1793) zu
kennzeichnende Gegenbewegung, die Mittel des physischen Kampfes anwendete,
hatte die Funktion eines Nationserhaltungs- sowie zugleich eines
Nationsbildungsprozesses. Darin eingeschlossen war der
Staatsbildungsprozeß im Untergrund - in dieser Ausprägung ein europäisches
Spezifikum. Voraussetzung war dabei: Die alten Machtträger waren in relativ
hohem Maße entmachtet. Das Funktionsprinzip der Rzeczpospolita war durch die
Teilung, d.h. die Oktroyierung der Fremdherrschaft und deren absolutistisches
bzw. autoritäres System aufgehoben.
Die Phase der staatlichen Nichtexistenz Polens
stellt eine permanente Überlagerung eines Staats und
Nationsbildungsprozeß dar. Letzteres deshalb, weil er auf der Basis einer als
abgeschlossen definierten Nation beruht und jetzt eine Neuentwicklung in der
Großfiguration der polnischen Gesellschaft abläuft unter Einschluß der Bauern,
des städtischen Bürgertums und der jüdischen Bevölkerung.
In dieser Schwächephase der alten Macht- und
Funktionseliten hatten polnische Rationalisten,
also auch die für die russische Teilermacht tätigen Funktionsträger, eine
Chance, innerhalb der Verwaltung dieses Teilungsgebietes bis zur Napoleonischen
Herrschaft Reformen z.B. im Bildungsbereich durchzusetzen. Dies galt auch
für die Zeit des auf dem Wiener Kongreß gebildeten Königreiches Polen. Es ist
dabei die besondere Rolle der alten Machteliten hervorzuheben. Diese wurde
von Napoleon in seinen Kampf gegen die anderen europäischen Mächte einbezogen.
Sie kämpften für das Ziel der Restitution der Rzeczpospolita Polska. Dieses
stellte zugleich ideologisch als Vision einen Kampf für die Nation dar.
Das bedeutet z.B., daß der Kampf Jozef
Poniatowskis
und seiner Soldaten definiert werden konnte im Sinne der Nationsdoktrin. Diese
ideologische Vorgabe im Sinne der Nationalutopie wird in Polen nicht als
solche eingeschätzt. Letztlich kämpfte er für die Restitution der
Adelsrepublik in ihrer feudalen Struktur. Formuliert wurde es als Kampf für die
Nation. Damit war das eigentliche - konkrete Ziel des Adels - nicht
definitionsbedürftig, zumindest nicht zum damaligen Zeitpunkt. Das visionäre
Ziel, der Kampf für die Unabhängigkeit bzw. den Erhalt Nation, war
übergeordnet.
Breton und Kwaszniewicz weisen auf die Bedeutung
von Symbolen, insbesondere von Trägersymbolen für die Helden, d.h. die Opfer
der Aufstände im 19. Jahrhundert und ihre Folgewirkung im Zusammenhang mit der
Integration in die kanadische Gesellschaft.
In diesem Zusammenhang könnte auch die
Einbeziehung bisher nicht anerkannter Figurationen,
wie z.B. der Bauern, des städtischen Bürgertums, der kleinen Handwerker oder der
Juden erfolgen. Ihre Einbeziehung erfolgte pragmatisch angesichts der Schwäche
der alten Machtelite, im Sinne der Optimierung des Machtpotentials im Kampfe.
Als Beispiele gelten der Kosciuszko-Aufstand zwischen der Zweiten und
Dritten Teilung, die Teilnahme in der napoleonischen Legion und die Aufstände
des 19. Jahrhunderts. Eine Abstimmung oder Konkretisierung des Zieles durch die
Aufständischen erfolgte vorher generell nicht.
Der gebildete Staat der Aufständischen erforderte
aus Gründen der Machtausübung während der aktiven Kämpfe die Benennung eines
Diktators.
Seine primäre Aufgabe war die Verantwortung für die Logistik in der
Kampfführung. Es gab auch eindeutig Ansätze zur Neuorganisation der
Verwaltung. Andererseits ist die 'innere Frage' in einer solchen Phase der
Gewaltausübung nachrangig.
Schriftsteller wie z.B. Zeromski oder Kruczkowski
stellen auch die Frage nach dem danach. Sie deuten aber auch die Tragik
an, daß gerade die Gesellschaftsreform, bzw. die Neuregulierung der
Machtverteilung bewußt ausgeklammert und dem primären Kampfziel untergeordnet
wird.
Die polnische Nation stellt gegenüber der
deutschen eine relativ 'alte' Nation
dar. Sie ist aber nicht zu vergleichen mit der Nation, wie sie sich begreift in
ihrem Ende des 19. Jahrhunderts bzw. mit dem Ersten Weltkrieg zwar nicht
abgeschlossenen aber verdichteten Nationsbildungsprozeß. Die polnische
Nation bleibt bis 1919 eine Zielvorstellung. Es handelte sich um die Vision von
einer polnischen Nationsbildung, die nicht unter den Bedingungen ethnischer
und staatlicher Einheit stattfinden könnte. Der Nationsbegriff befindet sich
dadurch über der gesellschaftlichen Realität. Die polnische Gesellschaft der
Zwischenkriegszeit kann ebenfalls bei weitem nicht den Anspruch auf
Zusammenwachsen einer Nation erfüllen.
Die staatliche Einheit war nach dem Frieden von
Riga 1921 und der Grenzfestlegung in Schlesien und Masuren (Ostpreußen) zwar
gegeben, die Gesellschaft dieser Republik Polen war aber multikulturell,
multiethnisch, multireligiös und mehrsprachlich. Andererseits wurde der
Versuch unternommen, über nationale Symbole Ansätze einer Nationalstaatsbildung
in einer relativ kurzen Zeitspanne zu vollziehen. Dieser Versuch einer
beschleunigten Zivilisierung wurde unter erheblichen Schwierigkeiten begonnen.
Gekennzeichnet war der Prozeß durch die
Vereinheitlichung der Sprache
und der Schaffung nationalpolnisch dominierter und kontrollierter Machtorgane.
Die Polnische Nation entwickelte sich von einer hyperrealen Vision zum in sich
hoch differenzierten Staatsvolk, das gegenüber der ethnisch-sprachlichen
Minderheit von ca: einem Drittel (Deutsche,
Juden, Ukrainer und kleinere Gruppen) eine zunehmend dominierende Rolle
einnahm. Die Kommunisten knüpften nach 1944 an diese diffizile Problemlage an.
Nach dem machtspezifischen Paradigmenwechsel konnten sie in dem
bisherigen Figurationsgeflecht mehrerer Ebenen Neudefinitionen vornehmen.
Die Kommunisten verstanden sich als Sachwalter
der Nation und definierten aufgrund ihres Machtvermögens den neue Staat. Sie
übernahmen die wesentlichen Symbole der Vorkriegsrepublik Polen als
historische nationale Symbole der Rzeczpospolita. Die Farben Weiß-Rot, der weiße
Adler
wie auch die Nationalhymne ›Noch ist Polen nicht verloren‹
standen nie mehr zur Disposition.
In der Volksrepublik Polen dominierten der
Volksbegriff ›lud‹ und der Staaatsbegriff (als Staatsname PRL) über dem
Nationsbegriff ›narod‹. Diesen benutzte man zumeist adjektivisch, z.B. ›Bank
Narodowy‹. Letzteres ist aber ein historischer Begriff aus der Vorkriegszeit
gewesen. Vor allem ist der Bedeutungswandel des Begriffes ›narod‹ in Richtung
auf Volk zu beachten. Der visionäre ursprünglich auf die Szlachta bezogene
Begriff der Nation entwickelte sich zu einem von den Kommunisten gewollten
Volksbegriff. Dieser Bedeutungs- und Funktionswandel, der von zunehmendem
innergesellschaftlichen Widerstand begleitet wurde, erfolgte u.a. auf der
Propagandaebene. Man knüpfte alte Symbole als Mittel neuer sozialer
Differenzierung an.
Diese Legitimation des von den Kommunisten
gestellten Anspruches über den von ihnen dominierten Staat bzw. den
Staatsapparat für das Volk zu sprechen, es zu beherrschen, wurde zunehmend in
Frage gestellt. Dieser Prozeß verlief zeitlich konform mit der Erosion der Macht
sowie der Erschwerung der Machtausübung. Eine bedeutende Phase stellte das Jahr
1980 dar. Die Zeit ab der Ausrufung des Kriegszustandes am 13.12.1981 war nur
der bittere Abklang, die endgültige Phase des Erosionsprozesses
kommunistischer Machtausübung über die Machtzirkel der PVAP.
Staat und Gesellschaft blieben mit ihren
Problemen. Die Rollen der Machtinnehabenden werden verdeckt, eine Phase
langer Machtkämpfe begann. Der Zivilisationsprozeß begann nunmehr unter
demokratischer Legitimation. Die Entwicklung zur Rechtsstaatlichkeit wurde
mit der Entstalinisierung der Verfassung in den achtziger Jahren begonnen.
Eine neue Paradigmensetzung wird mit der endgültigen Verfassungsreform
erfolgen. Bisher gibt es nur die ›kleine‹ Verfassung.
These: Der Staat wird in Polen generell als
etwas Fremdes und zugleich Nationsfeindliches empfunden.
Die Frage nach der Nation stellt sich in den 90er
Jahren ganz neu. Ihre Symbole werden nach wie vor in hohem Maße benutzt. Die
entscheidende Veränderungen, z.T. auch nur Variationen, erfolgten in der
Verlagerung zu polnisch-katholischen Symbolen. Es handelt sich vermutlich nur
um eine geringfügig veränderte Akzentsetzung und keinen Paradigmenwechsel.
Der Wandel hat, z.B. betreffend des Anbringens von Kreuzen in den Schulen lange
vorher begonnen.
Durch den Paradigmenwechsel gesellschaftlicher
Veränderungen wurde der industriegesellschaftlich bestimmte innere
Adaptionsprozeß
zur Staatsnation konterkariert. Zwar ist die Staatsnation ethnisch weitgehend
homogenisiert, nicht aber konsolidiert. Die sich zu den Trägern der alten
Nation zählenden akzeptieren die neuen nicht. Gleichwohl verläuft ein Prozeß der
Hinwendung zur Staatsgesellschaft unter Anerkennung der Nation als Klammer.
Die Minderheiten sind im Verhältnis zu anderen europäischen Staaten relativ
klein
- ausgenommen in Schlesien; dort liegt aber eine spezifisch historische
Situation vor, vor allem die Selbstidentifikation nach pragmatischen
Gesichtspunkten.
Die Vision der polnischen Nation hat
ihre bisherige Funktion verloren. Somit ist der Anspruch auf Verwirklichung der
Nationalutopie verschwunden. Er hat sich selbst aufgehoben. Damit ist die
Nationalutopie in ihrem wesentlichen Begründungszusammenhang ihrer Funktion
enthoben. Eine ganz andere Frage auf anderer neuer Ebene ist die Bestimmung
neuer Funktionen veränderter nationalutopischer Vorstellungen. Eine neue
Bedeutung kann sie auch erlangen im Konsolidierungsprozeß Zivilisierung
der Gesellschaft in der Republik Polen.
Die Regression auf historische Mythen und Symbole
schließt Nationalutopien
ein und macht diese gegebenenfalls sogar notwendig. Dies gilt insbesondere im
Zusammenhang mit dem Bedeutungsverlust des Katholizismus und dem Machtverlust
der katholischen Kirche in Polen. Die Dynamik der Gleichgewichtsbeziehung
Katholizismus - Kirche zur modernen Gesellschaft und dem Staat ist gegenwärtig
noch nicht eingependelt. Wachsender Anspruch und sinkende Bedeutung sind
(noch) austariert. Zu beobachten ist aber, daß sowohl die nationalpolnischen
als auch die national-katholischen Kräfte auf tradierte Symbole zurückgreifen.
Soziale Resignation und Perspektivlosigkeit,
Auswanderungswünsche usw. lassen bewußtseinsmäßig Katholizismus und
Nationsbedeutung verblassen. Dies belegt indirekt, daß die Nation
funktionalisiert worden war. Im Verdrängungsprozeß erfolgt ein Austausch gegen
westliche Attribute, wie z.B. Konsumismus
und höhere Ansprüche an die Lebensqualität. Der Verweltlichungsprozeß
schreitet fort. Er war bereits zuvor in hohem Maße ein funktionsbestimmtes
äußerliches Instrument gewesen. Die funktionalen Voraussetzungen sind
entfallen und somit sind die beschriebenen oder beklagten Gegenwartsparadigmen
nur real hervorgetreten - sie waren vorher überdeckt und überlagert.
Die Identifikationsmuster für im Lande wie
außerhalb des Landes lebende Polen sind bezüglich ihrer Umsetzung nur wenig
erforscht.
Es kann die Hypothese formuliert werden, daß eine gewisse Vergleichbarkeit
besteht mit anderen Völkern ensprechend deren spezifischer soziohistorischer
Bedingungen: Griechen, Italienern, Serben, Kroaten etc.
Der polnische Nationalstolz schließt ein, stets
gute Soldaten gewesen zu sein und gute Soldaten zu haben und 'mit der Waffe in
der Hand gekämpft zu haben'. Eine solche Äußerung machte z.B. Waldemar Gastpary.
Auf die Frage nach den Möglichkeiten der Wehrdienstverweigerung in Polen,
äußerte er sich unter Bezugnahme auf die polnische Geschichte sehr zurückhaltend
und für die jungen westdeutschen Gesprächspartner recht unerwartet. Dieser
ehemalige Häftling des KZ Dachau, der in den siebziger Jahren polnischerseits
wesentlich am deutsch-polnischen Versöhnungsprozeß mitgewirkt hatte und vor
den jungen engagierten Gesprächspartnern aus innerer Überzeugung für Frieden
und Versöhnung zwischen den beiden Volkern warb, argumentierte abschließend mit
der Bitte um Verständnis, denn „wir Polen haben für unsere Freiheit immer mit
der Waffe in der Hand kämpfen müssen.“
In Polen wurde während der Solidarnosc-Zeit in
hohem Maße nationaler Pathos instrumentalisiert. Alle Kämpfe des Zweiten
Weltkrieges, an denen polnische Soldaten teilgenommen haben, werden weiterhin
glorifiziert und damit funktionalisiert. Die Erfolge waren zugleich große Opfer
gewesen. Man könnte es am Beispiel des Kampfes um Monte-Cassino darstellen. Der
Historiker Tadeusz Cieslak, formulierte es etwa so: „Die Polen brannten darauf,
in Monte Cassino (unter dem Kommando von General Wladyslaw
Anders als Teil der alliierten Truppen) gegen die deutschen Verteidiger,
überwiegend SS-Einheiten, zu kämpfen.“
In allen größeren Städten Polens gibt es eine Monte-Cassino-Straße.
Ein anderes Beispiel: Das V. Liceum in Posen
feierte 1988 eine Bootstaufe. Ein Segelboot war erworben worden, das für ein
Ferienlager an den Masurischen Seen vorgesehen war. Bei dieser Bootstaufe
inszenierte die Theatergruppe der Schule innerhalb einer sehr traditionell und
würdig gestalteten Feierstunde mit Chopin-Musik ein Zwiegespräch mit der
Besatzung dieses Segelbootes und den ertrunkenen Matrosen des polnischen
U-Bootes Orzel.
Im nationalpolnischen Sinne sind die Beispiele als
edel und heroisch zu interpretieren. Bezüglich der Industriegesellschaft und
weiteren Modernisierungsprozessen sind sie anachronistisch. Die Menschen in
Polen haben sich auf diese Weise aber als Großfiguration durch den - nicht
abgeschlossenen Prozeß - der Bildung der Gesamtnation behauptet, so die
kollektive Meinung.
Die Mittelschichten in Polen sind in erheblichem
Maße durch Migranten (aus West- und Südeuropa) gebildet und definiert worden.
Der berufliche Erfolg der Angehörigen der Mittelschichten soll mit Hilfe der
Symbole des Adels erreicht werden. Man kauft sich vom Trödler ein altes Bild von
einem Adligen und weist darauf hin, es sei sein Urahn. Inwieweit die
Nationalutopien und die Kämpfe um Unabhängigkeit ›Sozialneurosen‹ darstellen,
kann im gg. Zusammenhang nicht untersucht werden. In der polnischen
Gesellschaft - auch in der Wissenschaft - ist diese Problematik tabu.
These: der Verlust der Unabhängigkeit und damit
die Beeinträchtigung der sozialen Identität hat einen Machtverlust zur Folge.
Dieses gilt insbesondere für die Männer. Für sie stellt es einen Verlust der
Möglichkeit dar, Funktionen in Staat und Militär etc. einzunehmen. Dadurch
erfolgt ein Verlust innerfamilialer Machtquellen.
1.7. Verhältnis Adel - Bauern zur Nation:
Zwänge im Zusammenhang mit der Staatenbildung.
In der Teilungszeit findet eine Machtverschiebung
zuungunsten des Adels statt. Dadurch verändert sich relativ die Lage der
Bauern. Es findet eine langsame Emanzipation der Bauern statt vom 'lud' zum
'narod'. Im Konfliktfall stellt sich für die Bauern der Adlige nach wie vor als
Grundherr dar.
Die Nation ist gleichzeitig Vision und Ziel. Projektion ist das
gesellschaftlichen Modell aus dem 18. Jahrhundert. Ziel des Adels war in der
Teilungszeit primär die Erlangung der äußeren Freiheit, selbstdefiniert als
Unabhängigkeit der Nation. Der Adel findet Ersatz für politischen Einfluß
aufgrund mangelnder Chancen, Ämter zu besetzen, in Kultur, Musik und Literatur,
häufig in der Emigration. Die Nation stellt sich verklärt als Sehnsucht dar.
Es erfolgte eine bis in die siebziger Jahre des
20. Jahrhunderts geltende Funktionalisierung des Prinzips der Vision des
Staates sowie seiner Existenz in sicheren Grenzen.
Damit hängt zusammen, daß im Alltagsbewußtsein
nicht der funktionierende Staat, der den sozialen Ausgleich, die Produktion
und Verteilung herbeiführt das Ziel ist, sondern der symbolisch erfahrbare.
Begünstigt wird es durch Repräsentation, durch eigene Nationssymbole. Mit dem
eigenen realen Staat identifiziert man sich nicht. In der Ablehnung des
sozialistischen Staaates erfolgt die Ablehnung der ›fremden‹ und ›feindlichen‹
Macht. In der DDR hatten sich - wenn auch aufgesetzt - aufgrund der Ableitung
aus der Arbeiterbewegung durchaus Ansätze von ›Klassenbewußtsein‹
herausgebildet. In Polen war dieses nahezu unmöglich. Die Dogmatiker in der DDR
erhoben stets den Vorwurf, man vernachlässige in Polen den ›Klassenstandpunkt‹.
Gleichzeitig schaut man in Polen neidvoll und mit ambivalenten Gefühlen auf die
Bundesrepublik. Konsens besteht in der Existenz des Staates als Synonym für die
Existenz der Nation. Damit erfolgt eine Reproduktion des Denkens der Teilungs-
und Emigrationszeit.
Der seit 1989 deutlich gewordenen
Regionalisierungstendenz entspricht die durch die Adelsherrschaft bedingte
bzw. sie ermöglichende Machtverteilung jenseits zentraler (Königs)-gewalt. Das
Königreich Polen - seit Einführung des Wahlkönigtums zugleich die erste Republik
- war ein Spezifikum in Europa. Es wies einen relativ geringen
Organisierungsgrad entsprechend den Bedingungen der absoluten Monarchien
Europas auf.
Der Fremdzwang konnte nicht die Herausbildung
eines Selbstzwanges seitens der Machtfernen gegenüber den Machtinnehabenden als
Ausdruck einer Staatsgesellschaft bewirken. Dafür fehlten als Voraussetzungen
Sozialisations- bzw. Zivilisationsinstanzen Staatsapparat, Militär und Kirche.
Staatsapparat und Militär befanden sich in der politischen, sozialen und
moralischen Gegnerschaft. Die Kirche konnte keine der eigenen Nation
entstammenden herrschende Gruppe unterstützen, sie stabilisierte entscheidend
die Gegnerschaft. Moralisch akzeptierter und sozial verinnerlichter
Selbstzwang einer Gesellschaft entwickelten sich auf völlig andere Weise als
unter den Bedingungen der west- und mitteleuropäischen Staatsgesellschaften.
Folgen sind u.a. überhöhte visionelle
Vorstellungen von der eigenen Region. Man möchte z.B. seit dem Ende des
Kommunismus in den Regionen Poznan, Danzig und Oberschlesien eine relative
Selbständigkeit erreichen, um mit dem eigenen wirtschaftlichen Wohlstand nicht
die anderen - ärmeren - Regionen wie. z.B. Masowien und den Raum Lublin
finanzieren zu müssen. Im Denken der Menschen, vor allem der Eliten, in den
achtziger und neunziger Jahren läßt sich eine Anknüpfung an das Denken des
Messianismus feststellen. Man erwartet global vom Westen Dank und Anerkennung
und kollektive Belohnung, weil man den Kommunismus besiegt hat. Derartige
Vorstellungen kollektiver, an der Realität vorbeigehender überhöhter
Selbsteinschätzung sind für die Gegenwart zunehmend konstatierbar.
Im Herbst 1980, also nach der Registrierung der
Solidarnosc, gab es Bemühungen um die Gründung einer ›Landsolidarnosc‹. In
diesem Zusammenhang stellte man Forderungen, nachhaltig unterstützt vom
damaligen Vorsitzenden der Solidarnosc, Lech Walesa, wie auch der Kirche, nach
einem Hilfsfond von 5 Mrd. US-$. Auch der Papst soll sich dafür eingesetzt
haben. Einen folgenlosen Vorstoß in der katholischen Kirche in der
Bundesrepublik konnte man in Polen nicht nachvollziehen. Die Enttäuschung war
entsprechend.
Daß der in Polen weit verbreiteten Hoffnung auf
finanzielle Hilfe keinerlei realer Bezug in Politik und Wirtschaft des Westens
gegenüberstand, und man im Westen die Phase großzügiger Kreditvergabe mit
Beginn der achtziger Jahre nicht mehr fortsetzte und außerdem staatlich
garantierte Kredite in den westlichen Parlamenten kaum noch durchsetzbar waren,
nahm man in Polen nicht zur Kenntnis. Die wesentlich gravierenden Probleme der
Dritten Welt wurden in der polnischen Presse zu dieser Zeit kaum dargestellt und
problematisiert. Man beschäftigte sich wesentlich mit sich selbst. Nationaler
Egozentrismus und Selbstbemitleidung prägten die Haltung. Damit korreliert
resultierte der Wunsch und die Forderung am westlichen Wohlstand zu
partizipieren. Die Aspirationen werden verstärkt durch die Unkenntnis bzw.
Nichtkenntnisnahme der realen ökonomischen Situationen. Die Ursache liegt in
der unzutreffenden Einschätzung der Situation, in notwendigen, aber
verschwiegenen oder verfälschten Daten. Die Phase der Unsicherheit bezüglich
der Erhebung gesicherter Daten überlagert auch die postkommunistische Phase.
Mit der skizzierten Haltung korrelieren die
Einflüsse der Praxis des polnischen 'Alltagskatholizismus'. Der Glaube an die
reale Umsetzung des Transzendenten, die Glaubensüberzeugung einer Hilfe in der
gesellschaftlichen Wirklichkeit durch den starken, siegenden 'Christus am
Kreuz', erzeugt durch verklärende bildhafte Darstellungen sowie die daraus
resultierende tatsächliche Glaubensvorstellung, scheinen paradigmatisch zu
sein für die visionelle Überhöhung im Denken der Menschen.
Es besteht weiterhin eine von vornherein
angenommene Unglaubwürdigkeit des Staates, die direkt anknüpft an die
Abwehrmechanismen der Bevölkerung gegenüber der Propaganda im
kommunistisch regierten Staat. Scheinbare bzw. vordergründige Lösungen
ergeben sich durch die Übernahme transzendentaler Vorstellungen und
Zielprojektionen in die Realität. Sie werden in Wahlkämpfen funktionalisiert.
In der deutschen Gesellschaft wurden Fremdzwänge
akzeptiert und umgesetzt.
Konsequenzen sind z.B. die Verinnerlichung im Selbstverständnis des in den
Staatsorganen tätigen Werktätigen in der DDR; des preußischen Beamtem oder des
Funktionsinhabers im nationalsozialistischen Deutschland. Charakteristisch
sind pflichtgemäßes Handeln im Sinne einer vorgegebenen Maxime, gar im Rahmen
einer Glaubensdoktrin. Überzeugungen wie der sog. 'Klassenstandpunkt' sind als
Verinnerlichungen des Zivilisationsprozesses der deutschen Gesellschaft zu
sehen.
Das Primäre und höherwertige ist in der polnischen
Gesellschaft stets die Existenz der Nation - nur über den gegebenen Staat war
ihre Existenz gesichert - so die Propaganda, zumindest bis 1970. Die Akzeptanz
des sowjetischen Systems nach 1947 stellt sich als Kompromiß zur Sicherung der
Nation dar. Hinzu kommt, daß damals ein nahezu totales Informationsmonopol
herrschte. Andererseits erfolgte der Aufbau des neuen Staates durch die sich als
Staatsmacht definierende neue Kraft - die Kommunisten.
Die Elemente und Symbole der Nation wurden durch
Romane, Lieder, Gedichte und Denkmäler vermittelt. Auch der kommunistische Staat
bemühte sich sofort, die von den Nazis zerstörten Denkmäler als Ausdruck
nationalen Überlebenswillens wieder herzurichten. Besonders zu erwähnen sind
die Denkmäler von Tadeusz Kosciuszko und Adam Mickiewicz in Krakau, von Jozef
Poniatowski, Jan Kilinski und der Nixe in Warschau, das Grunwald-Denkmal zum
Gedenken an den Sieg des polnisch-litauischen Heeres in der Schlacht bei
Tannenberg [poln. Grunwald] 1410.
Der Widerstand gegen die herrschenden Kommunisten
1956 wurde getragen von den Posener Industriearbeitern, z.T. der
Schwerindustrie, die in hohem Maße Rüstungsgüter produzierte. Diese Arbeiter
konnten auf eine Tradition der polnischen Arbeiterbewegung im preußischen
Teilungsgebiet zurückgreifen. Die Rolle der Eliten ist in den fünfziger Jahren
ambivalent. Es kann im gg. Zusammenhang nicht geprüft werden, woraus sich die
neuen Eliten rekrutierten. Da ein großer Teil der alten Eliten vernichtet war
oder sich noch in der Emigration befand bzw. seit 1947 schon wieder, kann davon
ausgegangen werden, daß ein hoher Prozentsatz dieser neuen Eliten soziale
Aufsteiger waren oder Re-Emigranten wie Edward Gierek, der während des Krieges
als Angehöriger der kommunistischen Widerstandsbewegung in Belgien bzw.
Nordfrankreich kämpfte.
Nachdem die entscheidende unabdingbare
Voraussetzung, die Grenzgarantie, durch den Warschauer Vertrag vom 7.12.1970
gegeben war, bestand diesbezüglich keine Notwendigkeit mehr, die
Systemrealität, diese Kompromißlabilität wegen der vorgeblichen
Garantiefunktion anzuerkennen.
Die innergesellschaftlichen Diskussionen in Westdeutschland bzw. die
wahlstrategischen Mechanismen in der Bundesrepublik in den achtziger Jahren
relativierten diesen Prozeß in Polen. Die polnische Presse berichtete über die
Aktivitäten der Vertriebenenverbände oder entsprechender Gruppen in den
Unionsparteien.
1979/80 erreichte die polnische Krise in ihrer
gesamten Dimension einen Höhepunkt, bei dem die persönlichen Belastungen
unerträglich wurden: Versorgungsschwierigkeiten, Wohnungsprobleme etc. Als diese
Eigenerfahrungen so stark wurden, trat der Gegendruck gegenüber der
permanenten Induktion der Systemrealität bzgl. der äußeren existentiellen
Bedrohung zurück. Hinzu kam, daß die Friedensbewegung im Westen die
Bedrohungsempfindung der Nation relativierte. Die 'Raketendiskussion' der
späten 70er und frühen 80er Jahre ging an Polen weitgehend vorüber. Es betraf
die Menschen subjektiv kaum. Die Bedrohung wurde eher im Westen als solche
empfunden. Erst nach 1989, nachdem die Presse ausführlich darüber berichtete,
ist vielen Polen klar geworden, daß die Zielkoordinaten westlicher
Atomwaffenträger auch polnische Städte einbezogen haben. Wurde in Polen auf
die Abrüstungsdiskussionen rekurriert, dann wurde stets darauf hingewiesen, daß
›man selbst sowjetische Panzer im Lande habe‹ - also eine als Besatzungsmacht
empfundene fremde Militärmacht.
Es kann als These formuliert werden, daß die
polnische Gesellschaft gegenüber westlichen Gesellschaften nicht vergleichbar
Fremdzwänge in Selbstzwänge umgesetzt hat. In Polen ist der Fremdzwang erfahren
während der:
-
Fremdherrschaft während der Teilungszeit
-
Okkupation durch Nazideutschland
-
Fremdbeherrschung und kollektiv empfundenen
Ausbeutung durch den 'Großen Bruder'.
Alle daraus ableitbaren Selbstzwänge sind gegen
den gemeinsamen Fremdzwang gerichtet. Es handelt sich dadurch um spezifisch
induzierte Selbstzwänge im Sinne des Primats der Nation.
Im Moment des Zerfalls der Fremdmacht UdSSR und
damit der vorgegebenen Bedrohung durch das westliche Militärpotential
entfällt der wesentliche Fremdzwang. Neue Selbstzwänge in Richtung auf die
Organisierung des Staates, der Republik Polen, sind nicht vorhanden.
Schwierigkeiten, eine Regierungskoalition zu bilden, lassen im Westen
durchaus negative Stereotype entstehen.
Es können folgende Thesen formuliert werden:
-
Die Entspannungspolitik - die ›Ostverträge‹
sowie die ›Politik der Entspannung und Versöhnung‹ - hat maßgeblich zum
Ende der Fremdherrschaft beigetragen. Dies gilt bezüglich der ihrer
politischen, sozialen und ökonomischen Dimensionalität bzw. der durch eine
fremde Macht bestimmten innergesellschaftlich illegitimen Herrschaft.
-
Politisch rechtsstehende Kräfte haben in
Deutschland durch Aufrechterhaltung des Fremddruckes zur temporären
Systemstabilisierung beigetragen. Ihr subjektiver und verbaler Kampf gegen
das System im Osten ist ambivalent. Er hatte sowohl affektiv stabilisierende
wie destabilisierende Wirkungen.
-
Die Machtauseinandersetzungen der Nachkriegszeit
stehen prozessual im historischen Gesamtzusammenhang. Im Jahre 1989 ergab
sich kein Ende, aber auch kein Neuanfang. Man muß von einer prinzipiellen
Kontinuität sozialer Prozesse sprechen. Es gab nicht ›die Herrschaft der
Kommunisten‹ im engen Sinne. Es ist 1989 auch nicht ›das Gegenteil‹ Es ist
eine in Schüben erfolgende gesellschaftliche Fortentwicklung konstatierbar.
Es bleibt als Kernfrage zu lösen, ob die genannten
Prozesse intendiert und erzwungen sind, bzw. inwieweit es sich um ein mehr oder
weniger erzwungenes Sich-Fügen in die Gegebenheiten handelt.
Der Vesuch einer Übertragung des Fremdzwanges in
einen Selbstzwang war oft begleitet von einer oktroyierten Ideologie. In Polen
war der Mechanismus der Herausbildung von Selbstzwängen von erheblichen
Widerständen begleitet. Die Richtung sozialer Prozesse ist in Polen nicht
voraussehbar oder -planbar.
Es muß auf tradierte Verhaltensweisen in
sozio-historischem Zusammenhang und charakteristisches, spezifisches
Verhalten zurückgegriffen werden, das jeweils im Nachhinein als positiv
gewertet und dargestellt wurde und für das in diesem Zusammenhang ein
Bewertungskonsens vorliegt, der in reproduziertem und perpetuiertem Verhalten
erkennbar ist. Daraus resultiert die Abhängigkeit von Denk- und Wertmustern,
Verhaltensschemata in der Gesellschaft sowie Lehrvorgaben und
Bewertungsraster in den Institutionen sozialer Erziehungs- und
Zivilisationsprozesse. Dies setzt soziale Trägerschaft voraus, die zur
Macht- und Einflußausübung über eine Ideologie verfügt sowie über das
Instrumentarium ihrer Umsetzung.
Die Funktionalisierungung erfolgt zwischen den
Figurationen Nation und Kirche. Der ideologische Rahmen wird gestellt von einer
Überbetonung des Nationalen, der Nationsvision sowie dem spezifisch
polnischen Katholizismus und dem Geschichts- und Nationalbewußtsein. Eine
affektiv besetzte ethnozentristische Verklärung der Nation und überhöhte
selektive selbstbildhafte Projektion sind dafür kennzeichnend.
Bezeichnend für die polnische Gesellschaft ist die
enge Beziehung und Bedingtheit beider Ideologeme, resultierend aus der inneren
Beziehung wie gegenseitigen Abhängigkeit ihrer Trägerfigurationen und -
ebenfalls charakteristisch und bestimmend - die historische, mentale Kongruenz.
Dem steht die strukturelle und institutionelle Widersprüchlichkeit auch der
Gegenwartsgesellschaft entgegen. Dies gilt besonders für die diesen
Zivilisationsprozeß prägende Phase in der Zeit ab dem Ende des 18. Jahrhunderts.
Es handelt sich damit um einen rund zweihundertjährigen spezifischen Prozeß.
Als Kernbegriffe stehen im Zusammenhang ihrer
jeweiligen Spannungsfigurationen die Nation, der Staat, und die polnische
katholische Kirche. Die Nation ist verklärt im Bewußtsein der Menschen
vorhanden und verankert. Der Staat ist bewußtseinsmäßig vorhanden und
physisch als autoritäter Staat erfahrbar. Dies steht im Zusammenhang mit dem
permanenten Bestreben zu einer Restitution im 19. Jahrhundert.
Gekennzeichnet ist die Situation durch fehlende
klare Zielbestimmungen, die Unmöglichkeit einer Konsensfindung und
einheitlicher Definition. Man kann von einer prinzipiellen
innergesellschaftlichen Kompromißunmöglichkeit einer gesellschaftlichen
Konsensfindung sprechen, abgesehen von dem gemeinsamen überlagernden Ziel.
Zu der Verhaltenspraxis der Szlachtagesellschaft
gehört z.B. die Bildung von gegeneinander gerichteten Konföderationen und das
Liberum Veto. Die Bildung von Konföderationen hatten zur Folge, daß die
Bildung von gegeneinander gerichteten Koalitionen zum Zwecke physischer
Gewaltausübung - mit oder gegen den König - einschließlich der
(militärischen) Gewaltausübung moralisch nicht diskreditiert ist.
Entsprechendes gilt für das Liberum Veto. Nachdem es 1656 zum ersten Male
angewandt worden ist, hatte es in der Folgezeit bis hin zum Niedergang im 18.
Jahrhundert die Funktion, daß kein gesellschaftlicher Zwang zum Konsens
entwickelt wurde. Eine Konsens- bzw. Kompromißfähigkeit setzt Akzeptanz von
Anpassungsdruck, ausgeübt durch eine zentrale Macht voraus.
Der moderne Staat bedeutet Durchsetzung von Macht,
Akzeptanz der Machtstrukturen und -symbole durch die Gesellschaft und dadurch
das Erreichen demokratischer Legitimation sowie als Voraussetzung die
Möglichkeit demokratisch legitimierter institutioneller Kontrolle. Letzteres
Prinzip ist die Folge der Entwicklung bürgerlich bestimmter Staaten, eines
Staatenbildungsprozesses mit zunehmender Verrechtlichung von Machtausübung,
demokratischer Partizipation und Kontrolle. Dieser für die zweite Hälfte des
19. Jahrhunderts kennzeichnende Prozeß, der in unterschiedlicher
Entwicklungsschüben in West- und Mittelwesteuropa ablief, zweifellos mit
Brüchen und unterschiedlicher Intensität, erfaßte Polen aufgrund der
gegebenen historischen Bedingungen nicht. Der Staatsbegriff, bzw. das
vorhandene und reproduzierte Bild vom Staat ist für Polen in sich feindlich.
Bis heute ist die Beziehung zum Staat ambivalent.
Die Situation ist gekennzeichnet durch Verklärung,
statt aus dem Selbstzwang zur Akzeptanz einer Notwendigkeit zu Konsens und
Kompromiß zu gelangen. Paradigma ist bis 1919 die Notwendigkeit des Kampfes.
Die Methode überlagert das Ziel: die Restitution eines unabhängigen Staates. Der
Kampf wird auf politischer, diplomatischer, kultureller und auch militärischer
Ebene geführt. Die verwendeten Bilder enthalten nationale und religiöse
Symbole, nicht dagegen staatliche. Letzteres haben erst die Kommunisten
versucht.
Der erfahrbare Staat bleibt in fremder
Gestalthaftigkeit eine als feindlich empfundene Institution. Beides bildet
bewußtseinsmäßig eine Symbolhaftigkeit, die über lange Phasen den spezifisch
polnischen Zivilisationsprozeß trägt.
Wenn mental verinnerlichtes Verhalten oder gar
›Volkscharakter‹ sozio-historisch ableitbar sind, dann wesentlich über die
Szlachta- und die Bauerngesellschaft sowie den polnischen Katholizismus.
Zweifellos haben Frauen in Polen - auch in Wechselbeziehung zum Katholizismus
- eine spezifische sozialhistorische Rolle. Die Menschen in Polen
reproduzieren ihre katholisch geprägte Sozialisation einschließlich ihrer
inneren Widersprüchlichkeit. Die Zusammenhämge können nicht vertieft werden,
sollen aber soweit notwendig, angeführt werden.
Es gibt in der Bewegung von 1980 keinen Träger
i.S. von abgrenzbaren sozialen Gruppen. Die hohe gesamtgesellschaftliche
Identität wird durch das Schlagwort ausgedrückt: ›Die Opposition ist das Volk‹.
Es gehörten auch PVAP-Mitglieder dazu. Auch sie standen für qualitative
Veränderungen. In einem geschichtlichen Entwicklungsprozeß hat sich -
bedingt durch die mehrfache Schwäche von Partei, Staat und System -die
Situation ergeben. Die Polen haben diese abnehmende Machtstärke stufenweise
wahrgenommen. Die Forderungen entwickelten sich entsprechend.
Der Prozeß der Restitution eines unabhängigen
Staates sowie der Nationswerdung im modernen Sinne dient nicht der Bildung einer
sozial homogenen Ethnie, bestehend aus und machtgleichen Individuen. Er
vermittelt diesen Eindruck nur in seiner überhöhten Betrachtung. Die
Nationalmythen dienen funktional dem Zwecke der Durchsetzung dieses
Prozesses.
Die Erringung sprachlicher Einheit wird als
nationale Einheit definiert. Sie dient zugleich dem Ziel der Re-Etablierung des
alten Systems einschließlich der machtspezifischen Restitution alter Eliten.
Die Sichtbarwerdung dieses Sachverhalts erfolgt nach der Erlangung der
staatlichen Unabhängigkeit. Die innergesellschaftliche Bewußtwerdung
konnte also erst ab 1919 erfolgen. Polen stellte aber noch keinen Nationalstaat
dar. Ein ethnisch annähernd homogener Nationalstaat bildete sich erst nach dem
Zweiten Weltkrieg heraus.
Es kann anhand vorliegender Beispiele skizzenhaft
ein innerer Kontext des gesamten Zivilisationsprozesses vom Ende des 18.
Jahrhunderts bis letztlich 1989 konstatiert werden.
Vorbemerkung
Die umfangreiche Betrachtung sowie die
Auseinandersetzung mit dem Komplex, der über Begriffe wie Nation,
Nationsutopie, Nationsbildung und Nationalismus sowie die Interdependenz
zwischen polnischer Nation und polnischem Staatsbildungs- wie
Restitutionsprozeß beschreibbar ist, erscheint dem Verfasser u.a. deshalb als
geboten, da in der polnischen Geschichtsforschung oder Sozialwissenschaft ein
gegen die eigenen Glaubensgrundsätze und damit die eigenen Ideologien
gerichteter Ansatz bis dato zu den großen Tabubereichen gehört. ›Patriotismus‹
war und ist weiterhin funktionalisiert als positives Etikett. Die versuchte
Aberkennung dieses kollektiven, von den Segmenten der Gesellschaft sich selbst
zugeschriebenen Attributes war ein entscheidendes Mittel zur
Diskreditierung des politischen Gegners. Umgekehrt läßt die
Nicht-Aberkennung auf niedrige Grade der Konfrontation in politischen
Auseinandersetzungen schließen. Letzteres ist in der
post-realsozialistischenPhase von Bedeutung. Am Umgang mit der Zu- oder
Aberkennung des Attributes ›Patriot‹ kann man den Charakter
gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen erkennen und damit durchaus
eine Schlußfolgerung auf den Prozeß der Zivilisierung der polnischen
Gesellschaft ableiten.
Zunächst soll generell anhand des Ansatzes von
Anderson der Nationsbegriff im Kontext zur Staatsbildung dargestellt werden.
Im Anschluß soll das Modell Schieders sowie Elias' Ansatz zur Nation und dem
Nationalismus dargestellt werden und eine Auseinandersetzung mit einer
Position der Linken am Beispiel Kühnls geführt werden.
Nationalismus und Nation sind wesentlich
Fremdbeschreibungskriterien. Nach Anderson hatte sich z.B. ein Angehöriger der
Aristokratie nicht als Angehöriger dieser Figuration der 'Aristokratie des
ancien' régime als Klasse, wie man sie heute verstehen kann, sondern als 'Comte
de X', 'Graf von Y' oder 'Schützling des Duc de Z' verstanden.
Die Selbstbeschreibungskriterien sind erstens
begrenzt durch bestimmte variable Grenzen jenseits derer andere Nationen
liegen; zweitens souverän als Folge der Aufklärung.
»Dieser Begriff erlangte seine Reife in einem
historischen Moment, als selbst die frommsten Anhänger jeglicher
Universalreligion mit dem lebendigen Pluralismus solcher Religionen und
dem Auseinandertreten von ontologischen Ansprüchen jeden Glaubens und
seiner territorialen Ausdehnung konfrontiert waren. Deshalb träumen Nationen
davon, frei zu sein und dies unmittelbar - wenn auch unter Gott. Maßstab und
Symbol dieser Freiheit ist der souveräne Staat.« Drittens »wird die
Nation als Gemeinschaft vorgestellt, weil sie, unabhängig von realer
Ungleichheit und Ausbeutung, als ‘kameradschaftlicher Verbund’ von Gleichen
verstanden wird.« (S.17).
Die Wurzeln der Herausbildung des Nationsbegriffes
als Glauben an die reale Existenz der Nation - Anderson spricht von der
Erfindung - sieht er in den kulturellen Wurzeln, in denen die
Figurationsbildung aufgrund religiöser Umklammerung durch große Sozialkulturen
wie Islam, Christentum, Buddhismus erfolgten. Die Überklammerungsmuster
resultieren wesentlich aus der Sprache. (Kirchenlatein, Arabisch,
Frühchinesisch). Sie erlauben Angehörigen unterschiedlicher Ethnien den
Zugang zur Glaubensgemeinschaft - die Ummah-Islam definiert sich (noch) wie
auch das Christentum der Vor-Aufklärung als reale Gemeinschaft. Es erfolgt eine
Ablösung der Religiösität durch die Nation. Der Mensch braucht
mystisch-mythische Größe als Halt; Aufklärung (im Nachgang zum Humanismus und
der Renaissance) hat die Nation erfunden. Die Nation ist das Sürrogat, die
Ersatzreligion, sie hat in bestimmten Ebenen die gleiche Funktion.
Der Verlust religiöser Macht durch die
‘Degradierung der heiligen Sprache’, d.h. des Rückgangs des Lateinischen als
Lingua franca und die steigende Bedeutung der Regional-, Nations- oder später
der ‘Amts’- also Staatssprachen. Man kann am Beispiel Frankreichs die
Herausbildung der höfischen Sprache als Hochsprache als zentrales nationales
Identifikationsmuster und in diesem Zusammenhang den Nationsbildungsprozeß
auf der Symbolebene sowie den Staatenbildungsprozeß als rechtlich fixierte
Integrationsebene dieser Gesellschaft sehen.
Die Vereinheitlichungstendenz der absolutistischen
Staaten in Europa, vor allem nach 1789, implizierte eine allgemeine
Verwaltungssprache. Latein war antiquiert und mußte durch Landessprachen, durch
Hoch- bzw. Schriftsprachen ersetzt werden. Es handelte sich dabei um objektive
Erfordernisse. Die Regionalsprachen hatten noch eine nachgeordnete Funktion
der mündlichen Kommunikation. Die Vereinheitlichung bewirkte
Modernisierungsschübe, sie ermöglichten jeweils einen langfristigen
Modernisierungsprozeß. Dieser Prozeß der Sprachvereinheitlichung konnte in
Polen erst ab 1919 vollzogen werden. Für die Konsolidierung des Staates war es
notwendig, die vier existierenden Gammatiken durch eine neue einheitliche zu
ersetzen.
Die Bildung des Beamtentums wirkt in den
Staatsgesellschaften als Ablösung der Lehensfeudalität und wirkte in
absolutistischen Staates als Promotor der Nation. Die Souveränitäten wurden
‘vollständig, umfassend, gleichmäßig über jeden Quadratmeter eines legal
abgegrenzten Territoriums ausgebildet.
»Früher hingegen, als Staaten durch Zentren
definiert wurden, waren die Grenzen durchlässig und unklar; Souveränitäten
gingen kaum wahrnehmbar ineinander über.« (S. 28)
Eine wesentliche Rolle spielte die Erfindung der
Druckkunst, die eine Verbreitung der Übersetzungen der Schriften ermöglichten.
Erfolgreich angewandt wurde dies durch den Protestantismus, durch die
Koalition zwischen Protestantismus und Druckmarkt, die auf billige
Volksausgaben gründete. (S.46f). In Polen fanden Renaissancedenken und
Reformation Eingang in die Szlachta mit Hilfe der Druckerzeugnisse. Man
druckte in polnischer, deutscher oder italienischer Sprache.In dieser Zeit sei
als Methode der Gegenreformation die Beibehaltung des Lateinischen in den Riten
des ›Gottesdienstes‹ bzw. der ›Hl. Messe‹ genannt, sowie der Vorbehalt des
Lesens (der Bibeltexte) durch den Priester und dadurch die Sakrifizierung des
gedruckten Textes.
Der Prozeß wird bewirkt durch Druckkunst (Bücher,
Zeitschriften als Mittel), die Monopolisierung von Schrift allgemein durch den
Druck, damit auch von Wissen. Andererseits kann die Ausbildung der
dekommunikativen Gesellschaft als Indiz für eine Dezivilisierung gelten
bzw. für die Verzögerung des Zivilisationsprozesses insgesamt. Die
Verwissenschaftlichung und die ›Lexigraphische Revolution‹ des 19.
Jahrhunderts; die Sprachentdeckung und Forschung begünstigte die Erforschung
der Volkssprachen im 18. und 19. Jahrhunderts.
Die Basis für das Funktionieren der
Untergrundgesellschaft liegt deshalb auch in der erfolgreichen Durchsetzung
der Rekatholisierung. Die Gegenreformation ist im historischen Kontext der
Abwehr des politischen Protestantismus der Schweden und Preußen zu sehen, aber
auch bezogen auf wesentliche Elemente aus der Zeit der Toleranz.
Die Wechselproblematik wird unter anderem in den historischen Romanen
Zeromskis zwar behutsam, aber klar angedeutet.
Aus diesem historischen gesellschaftlichen Prozeß
entwickelte sich eine Mehrebenenproblematik, die mit der Herausbildung einer
Doppelgesellschaft korreliert und entsprechende Verhaltensweisen hevorruft
und begünstigt. Man akzeptiert den katholischen Ritus. Erleichtert wird das
durch die hohe Korrelation zwischen guter Lebensweise, der Bevorzugung,
Hervorhebung, Betonung des Schönen, was wiederum seine besonde Ausprägung im
barocken Katholizismus findet - in dessen Phase unter den Sachsenkönigen
maßgeblich der wirtschaftliche und politische Niedergang eingeleitet und
beschleunigt wurde.
Dies kann durchaus im Gegensatz zum protestantisch geprägten Denken und Handeln
nord-mitteleuropäischer Länder und ihrem wirtschaftlichen Aufstieg gesehen
werden. Die polnische Kirche wird in der Gesellschaft als eigene Körperschaft
und damit als eigener - aus sich selbst heraus existierender Machtfaktor - als
legitim akzeptiert. Andererseits steht die Kirchenhierarchie in personaler
und institutioneller Wechselbeziehung zur Szlachta.
Die Besonderheit der Habitusbildung der polnischen
Gesellschaft ist nicht auf Herbeiführung eines Konsenses wie auch die
Durchsetzung desselben und damit eine Homogenisierung angelegt, sondern
Kennzeichen der spezifischen Entwicklungsbedingungen, die sich von
mitttel-westeuropäischen Prozessen abheben. Die Individualisierung bzw. die
Akzeptanz einer Ausbildung multipler Machtdifferenzierung als die
Fortführung des Toleranzprinzips ist ideologisch konträr zum
monopolistischen Anspruch auf universale Gültigkeit im Katholizismus. In der
gegenseitigen faktischen Akzeptanz einer Mehrebenenpraxis
drückt sich ein Ambivalenz- bzw. Polyvalenzprinzip immanent aus. Die Praxis
erfolgt unter der Voraussetzung der Verhinderung einer Zentralmacht. Die
Einheitlichkeit von Konfession und Sprache ist damit kein Instrument und
Charakteristikum der Zentralmacht. Der Preis ist die zunehmende Machtschwäche
des Staates.
Andererseits ist aber nicht wie in den
westeuropäischen Staaten Frankreich und England sowie in den deutschen Staaten
die Durchsetzung einer einheitlichen Konfession aufgrund des jeweiligen
zentralen Zwanges im Zusammenhang mit den Staatenbildungsprozessen erfolgt. Die
Zentralisierung ist, da für die Staatenbildung auf der Symbolebene notwendig,
für das Überleben der Nation wie der einzelnen Korpuskel der Szlachta
entsprechend immanent erfolgt. Sie mußte nicht durchgesetzt werden. Dies
konnte nicht geschehen aufgrund der Nichtexistenz eben dieser Zentralmacht.
Der Preis für die nur restriktiv ausgebildete Zentralmacht war der schwache
Staat.
Die Folge war die zu den Teilungen führende Unterlegenheit durch Machtschwäche.
Konnte also die Nation über die Zentralmacht in
Frankreich mit Hilfe der Sprache und (begrenzt) durch das Symbolsystem der
Religion durchgesetzt werden,
so kristallisierte sich die Nationsvorstellung ursprünglich aus der Szlachta
(als einem in Polen relativ großen Bevölkerungsanteil) heraus. Die Genesis des
polnischen Nationsbegriffes, der Habitus der sie tragenden Schicht, die
Übernahme dieses Habitus seitens anderer (bürgerlicher und bäuerlicher)
Schichten über die Adaption bzw. deren Diffusion sind für die polnische
Gesellschaft prägend.
Die bürgerlichen Schichten sind - vor allem in den
Stadtgesellschaften - überwiegend durch Migration aus Westeuropa, aber auch z.
B. aus Italien und dem Balkan heraus erfolgt. Das Bürgertum bildete sich als
Stadtbürgertum heraus, das weiterhin seine Herkunftssprache benutzte. Die
Integration der bäuerlichen Schicht verlief sehr langsam. Überwiegend
rekrutierte sich aus dieser - ergänzt durch Zuwanderer, wie z.B. sächsische
Textilhandwerker - die Industriearbeiterschaft im 19. und 20. Jahrhundert.
Die Intergration des jüdischen Teils erfolgte in die polnische Gesellschaft
langsam und zumeist im Bereich der verarmten aufstiegswilligen unteren
Mittelschicht bzw. aus nicht schichtspezifisch zuzuordneten spezifischen
Milieus.
Während der Teilungszeit (z.T. auch noch danach)
hatten das Streben nach Unabhängigkeit wie auch die Ersatzfunktionen und
Mechanismen eine hohe Priorität, nicht aber primär die Förderung eines
Identifikationsprozesses aller unter dem Begriff der Nation. Die Genesis der
Nation auf der Symbolebene war die Folge und Bestandteil dieser Prozesse. In
Polen mußte nicht die nationale Gemeinschaft die der christlichen ersetzen bzw.
über die zentrale Einheitssprache durchgesetzt werden.
Das Altpolnisch wurde weiterhin vom Adel als symbolische Waffe benutzt,
wenngleich dieser aus Gründen der Abgrenzung - ggf. auch im Sinne der
Doppelgesellschaft als Ambivalenzverhalten - bis ins 20. Jahrhundert hinein -
französisch sprach. Der zunehmende wirtschaftliche Niedergang des Staates
bedeutete die Verarmung der Ruralgesellschaft einschließlich des niederen
Adels. Dies erschwerte zunehmend die Bezahlung der französischen
Kindermädchen. Die Reproduktion des Französischen verlagerte sich auf die
familiale Ebene. Zugleich reproduzierte sich die Abgrenzung zur bäuerlichen
Figuration.
Für Polen sind das Ziel der Unabhängigkeit sowie
die Versuche und Methoden des Erhalts der Nation, vor allem auf der
Symbolebene, kennzeichnend. Sie sind Ersatz für überklammernde Staatssymbole.
Die weiß-rote Fahne gilt als Nationssymbol.
Ersatzsymbole existieren auf kirchlich-katholischer Ebene.
In Frankreich erfolgte die Durchsetzung des
Zentralstaates über die Zentralsprache, die Zentralkonfession und zentrale
Symbole; ab 1789 die Trikolore. Die französische wie die deutsche Nation wurden
in spezifischen Prozessen geschaffen. Die polnische Nation wurde erhalten und
durch Adaption vergrößert. Letztlich efolgte erst in der VR Polen 1945 der
Versuch, die Kongruenz zwischen Nation und Gesellschaft herbeizuführen. Auch
dort hat man sich lange schwer getan, z.B. die polnischen Juden als Polen zu
benennen und in die Gesellschaft einzubeziehen. Die affektive,
bewußtseinsmäßige Adaption des jüdischen Bevölkerungsteils - auch und
angesichts dessen weitgehender Vernichtung - bleibt noch ein komplexes Problem
und weitgehend ein Tabuthema.
Der Prozeß der Adaption der Bauern erfolgte langsam, zuerst in Westpolen, dann
im östlichen Zentralpolen, in Galizien (Bauernrevolten) und Ruthenien dagegen
kaum. Die dortige bäuerliche Bevölkerung entwickelte eine weißrussische bzw.
ukrainische Identität (S.87).
Die Bruderschaft der Gleichen in Polen entsteht
auf der Basis der altslawischen Bruderschaften (S. 135). Nationsein ist
verbunden mit politischem Bewußtsein in der Moderne. Die Volksnation bildet sich
über die Untergrund bzw. die Widerstandsgesellschaft heraus (S. 89). Die
VR Polen knüpft an diese Volksnation an und will als neue führende Elite die
Kommunisten einsetzen; sie erhoffte die Loyalität der ehemals machtarmen
Bevölkerungsteile. Deshalb wird der Adel entmachtet und seine Machtausübung
sowie bestimmte Elemente seiner Habitusformen kritisiert. Es wird der Versuch
gemacht, ihn insgesamt zu diskreditieren. Dies gelingt aber nur halb. Man
eifert ihm diskret nach und kopiert ihn. Die aufsteigenden Funktionseliten und
intellektuellen Eliten übernehmen seinen Habitus. Man besorgt sich z.B. als
wesentliches Symbol vom Trödler ein Bild und präsentiert stolz 'seinen Ahnen'.
Über die Habitualisierung der kommunistischen Eliten kann man Parallelen
feststellen. Realiter heben sie sich durch Grobheiten ab, wie auch die 'groben'
Schlachtzizen.
Im Jahre 1931 wurde eine Volkszählung
durchgeführt. Ein goßer Teil der ostpolnischen Bevölkerung definierte sich als
Katholiken oder auch als Orthodoxe, konnte aber keine Angaben zur
Nationalität machen.
Deshalb erfolgte die zweite Angabe zur Muttersprache.
›Hiesige‹, (Tutejszy) sind einfache Bauern, Landarbeiter ohne
Nationsbegrifflichkeit. In der Landbevölkerung gibt es nur wenig fixierte
Identifikationsmuster. Es sind diejenigen, die sich nicht mit einer Ethnie
identifizierten; die anderen ordneten sich vage zu. Durch die
Bevölkerungsverschiebung kamen diese Bevölkerungsgruppen nach Westen und
wurden Industriearbeiter z.B. im Liegnitzer Industrierevier.
Ein Nationszugehörigkeitsgefühl ist deshalb
wesentlich aufgrund von Fremdzwängen entstanden und hat einen hohen
Zuordnungscharakter. Die primären Loyalitätsmuster beziehen sich auf Familie
und Konfession. Es entsteht dadurch eine Interdependenz wie auch Konkurrenz zur
Nation. Die Betrachtung dieses Gegenstands unterliegt in Polen einer gewissen
Tabubelegung und kann im gegebenen Zusammenhang nicht vertieft werden.
Ein geeignetes Modell für einen Vergleich mit dem
Prozeß der Bildung der polnischen Nationsbildung ist das von Schieder.
Auf das Modell der drei Phasen in der Interdependenz von Nation und Staat soll
nur verwiesen werden. Eine Darstellung und Anwendung wie auch die
Auseinandersetzung mit Schieders Ansatz ist von Papenbrock durchgeführt
worden.
Die Begrenztheit der Modelle Schieders soll aber an zwei Beispielen verdeutlicht
werden. Die Vereinigung zweier Nationsteile kann nicht nur - nach Schieder, in
der zweiten Phase - als ›eine vor dem Staat gegebene entweder historisch oder
kulturell oder als sozialer Verband begründete Größe‹ gesehen werden, sondern
muß den polnischen Nationsbegriff des 19. Jahrhundert mit einbeziehen.
Ein zusätzlich zu berücksichtigendes und Schieders Ansatz relativierendes
Problem für einen Vergleich ist die feudale aber keinesfalls
absolutistische Struktur Polens vor der dritten Teilung 1795 im Gegensatz
zu seinen Nachbarländern.
Ein weiteres Problem ist die nur relativ geringe
ethnische Identität im Feudalismus der SzlachtaGesellschaft. Der Begriff
'Feudalstaat' ist nicht treffend und zu vermeiden. Außerdem müßte zur
abschließenden Beurteilung eine weitere historische Differenzierung
vorgenommen werden, die sich bereits lange vor den Teilungen herausbildende
Divergenz zwischen dem westlichen Polen (Großpolen) und den Räumen östlich
Warschaus: in Masowien und besonders in Ruthenien. Die West-Ost-Divergenz ist
zweifellos primär eine Folge der Teilungen, insbesondere der
unterschiedlichen Entwicklung im preußischen und russischen Teilungsgebiet,
aber die Tendenzen zu den bis heute vorliegenden Disparitäten sind bereits
früher anzusetzen.
Eine vertiefende Darstellung betreffend der Korrelation zu
Divergenzprozessen zu sich herausbildenden Disparitäten vor Ende des 18.
Jahrhunderts übersteigt den gegebenen Rahmen.
Die Rolle der Symbole für die polnische Nation in
ihrer spezifischen Wechselbeziehung zum Staatsprinzip ist bereits angeführt
worden. Nach Elias basiert die ›Nationalisierung des Denkens‹ auf Symbolen, die
die Personifizierung der Nation in einen absolutistischen Herrscher ablösten.
Die Wir-Gefühle der vorrevolutionären Oberklasse in Europa hatten noch nicht den
Charakter einer Bindung an den Staat.
Elias weist hin auf die Änderung des Wandels des Identitätsgefühls, des
Übergangs in ein Werte- und Glaubenssystem, das ein Bild der Nation an die
oberste Stelle richtet.
Die in Westeuropa von den Mittelschichten getragenen Wandel der Gefühle in der
zur ›Ausführung jeglicher Politik‹ in gewissem Maße notwendigen emotionalen
Bindung auf seiten der Menschen hat einen ›erheblich anderen Charakter‹:
»Sie waren
in einem viel höheren Grad symbolische Natur – Bindungen an Symbole des
Kollektivs. Diese Symbol konnten sehr verschieden aussehen. Aber Wortsymbole
spielte unter ihnen eine besondere Rolle. Welche Form sie auch hatten, die
Symbole für ein Kollektiv und seine vielfachen Aspekte, die zum Brennpunkt der
emotionalen Bindungen von Personen an das Kollektiv wurden, schienen dieses
selbst mit einer eigentümlichen Qualität auszustatten; sie verliehen ihm, so
könnte man sagen, eine numinose Existenz per se, jenseits und oberhalb der
Individuen, die es bildeten – eine Art Heiligkeit, wie man sie früher vor allem
übermenschlichen Wesen zugeschrieben hatte.«
»So
kristallisieren und organisieren sich die emotionalen Bindungen der Individuen
an ihr Kollektiv weiterhin um gemeinsame Symbole, die keine faktischen
Erklärungen erfordern, die als absolute Werte von fragloser Geltung betrachtet
werden können und müssen, die im Brennpunkt eines gemeinsamen Glaubenssystems
stehen. Sie in Frage zu stellen – den gemeinsamen Glauben an das eigene,
souveräne Kollektiv als einen hohen, wenn nicht den allerhöchsten Wert
anzuzweifeln, bedeutet Abweichung, Treuebruch… .«
Im Nationsbildungsprozeß Westeuropas, in der
Funktion als ›Wir-Ideal in einem Zeitalter hochindustrialisierten
Massengesellschaft‹ …
...
»reichte bloßer Drill und Gehorsam gegenüber einem Fürsten oder militärischen
Befehlshaber nicht mehr aus, um den Erfolg eines Landes in einem Machtkampf mit
anderen zu gewährleisten. Hier ergab sich die Notwendigkeit, daß sämtliche
Bürger, zusätzlich zu allen Fremdzwängen, auch durch ihr eigenes Gewissen und
ihre eigenen Ideale – also durch einen Zwang, den sie als Individuen auf sich
selbst ausübten – dazu angehalten wurden, ihre individuellen Bedürfnisse denen
des Kollektivs, des Landes oder der Nation, unterzuordnen und gegebenenfalls
ihr Leben in die Schanze zu schlagen.«
Ebenfalls nicht für die polnische Gesellschaft
zutreffend ist als grundlegendes Merkmal die ›Gleichzeitigkeit einer wachsenden
Interdependenz aller sozialen Klassen und einer permanenten Spannung
zwischen den Spitzengruppen der Arbeiter- und der Mittelklassen‹ (S.193).
Ebenso entfällt die Funktion des Appells an nationale ›Gefühle und Loyalitäten:
»In dieser
Situation konnte der Appell an nationale Gefühle und Loyalitäten, die aus einer
Vielzahl von Gründen, vor allem im Zusammenhang mit Kriegen und einer Anhebung
des Bildungsniveaus durch staatlich kontrollierte Schulen und Heere, über die
Klassengrenzen hinweg feste Wurzeln gefaßt hatten, innerhalb einer Gesellschaft
als Hebel zur Beförderung sektionaler Interessen durch die eine oder andere der
Führungsgruppen benutzt werden.«
Geringe Ansätze hat es in der Phase der begrenzten
Souveränität sowie staatlicher Existenz ab 1815 in Kongreßpolen gegeben. Es
existierte ein kleines Heer unter polnischem Kommando und Verwendung nationaler
Symbole. Nach der Niederschlagung des Novemberaufstandes 1931 erfolgte eine
Rückstufung in ein Verwaltungsgebiet der Hegemonialmacht Rußland. Das polnische
Heer wurde aufgelöst, die Nationssymbole konnten fortan nicht mehr als
staatliche Symbole verwendet werden. Der zunehmenden Sichtbarmachung der fremden
Macht, z.B. durch den Bau von Festungen - wie in Modlin bei Warschau oder in
Zamosc - oder durch Verwendung von Symbolen des zaristischen Rußlands im diesem
Teilungsgebiet Polens auch bei der Bahn, der Post und in den Verwaltungen,
stand die wachsende antistaatliche Haltung der Nationverbunden mit der
Verwendung von Nationssymbolen auf anderen Ebenen gegenüber.
Auf die seit 1993 in der Republik Polen durch
Zuwachsraten des BIP gekennzeichnete Situation trifft Elias’ Gedanke zu, daß:
›nationalistische Glaubens- und Wertesysteme in hochentwickelten Ländern mit
einem relativ hohen Lebensstandard … in der Regel rückwärts orientiert sind
(ebd.).
Die Verwendung des Nationsbegriffes macht - auch
bei zunehmender Dominanz von Symbolen der Moderne - eine Abgrenzung von den
Nationalismen notwendig. Ein Problem bereitet die Übernahme des Begriffes
›Patriotismus‹. Er ist im deutschen Sprachgebrauch an den Staat geknüpft und
drückt eine Loyalität zwischen Individuen und der Figuration aus, der sie
angehören. Elias vermeidet eine allgemein gültige Definition:
»Was aber Nationalismus heißt, ist in
vielen Fällen einfach der Patriotismus anderer, und Patriotismus
die eigene Form von Nationalismus« (S.198).
In Polen ist ›Patriotismus‹ eine
nationsorientierte Haltung, die das politische Gefühl von 'Vaterland'
impliziert. Der Verfasser neigte bisher zu der Definition des polnischen
Nationalismus als eines 'Abwehr- Nationalismus', der gegen den
preußisch-deutschen Nationalismus gerichtet war und ist, zumal in dessen
chauvinistischer Ausprägung. Entsprechendes gilt für die antirussische Haltung
in Polen.
Eine auf westmitteleuropäische Gesellschaften
bezogene Darstellung des Nationalismus gibt Schieder:
»Der
Nationalismus in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen als Nationalbewußtsein
geistig kultureller Art, als Nationalitäts- oder Nationalstaatsprinzip, als
Nationaldemokratie Nationalimperialismus, totalitärer Nationalsozialismus ist
eine der stärksten dynamischen Kräfte der letzten anderhalb Jahrhunderte in
Europa gewesen. Es war der Inbegriff der Erwartungen und Hoffnungen ganzer
Generationen, die im Nationalstaat die Vollendung ihres
Persönlichkeitsideals sahen, und der wurde der Schrecken ganzer Völker, die
durch nationalistischen Fanatismus ihre Freiheit oder ihre Heimat verloren.
Nicht als ob die Differenzierung Europas in Nationale Kulturen,
Nationalssprachen und schließlich Nationalstaates von Anfang an der Keim der
Auflösung und Zersetzung der europäischen Welt getragen hätte, sie machte
vielmehr das Wesen des Europäischen aus, das Jacob Burckhardt einmal als
Discordia concors bezeichnet hat«.
Die vom Staatsvolk unterschiedlichen Gruppen zu
gewinnen und sie in eine ›Staatsnationalität‹ einzubeziehen, ist so gut wie
nirgends gelungen.
Es kommt nach den Ausführungen Schieders über die ostmitteleuropäischen
Staaten, die Nationalstaaten sein wollten, obwohl sie es objektiv gar nicht
waren, ›von Serbien Griechenland über Bulgarien, Rumänien, der
Tschechoslowakei bis zu den Ländern der baltischen Randzone, die durch
Sezession aus Großreichen entstandenen‹ sind, nicht vor.
Polen, das im 16. Jahrhundert einmal das größte Staatsgebilde darstellt, stellt
ein Spezifikum dar. Es wird erwähnt bezüglich der revisionistischen
Bestrebungen Deutschlands während der zwanziger Jahre gegen über Polen wie
auch dessen Revisonismus an seiner Ostgrenze.
Die nationale Abwehrhaltung z.B. in der polnischen Gesellschaft wird von
Schieder nicht gewürdigt. Er führt noch 1992 aus:
»…das
Geschichtsdenken wird nur soweit gestattet, als es den
kommunistisch-revolutionären, russischen entgegensteht. … Es ist bedeutsam, daß
diese Geschichtsbilder offenbar vor allem da ihre nationalen Inhalte verlieren
sollen, wo die Gefahr innerer Reaktionen gegen das System besonders ernst zu
werden droht, so bei Polen und Tschechen.«
Als für den politischen Diskurs gut verwendbar
bietet sich Elias' Definition des Begriffes ›Nationalismus‹ an:
»Alles in
allem erscheint (er) als soziologischer Standardausdruck besser geeignet: Er
ist flexibler; man kann von ihm leichtverständliche Ableitungen mit
Prozeßcharakter bilden, etwa ›Nationalisierung des Empfindens und Denkens‹.
In diesem Sinne, gereinigt von Untertönen der Zustimmung oder Ablehnung, wird
er hier benutzt. Er soll einfach einen Aspekt einer breiten Umgestaltung
bezeichnen, die bestimmte Staatsgesellschaften, als Teile einer bestimmten
Machtbalance-Figuration von interdependenten Gesellschaften, in einem
bestimmten Zeitabschnitt durchmachten. Er bezieht sich auf ein soziales
Glaubenssystem, das latent oder akut die Staatsgesellschaft, das souveräne
Kollektiv, zu dem seine Anhänger gehören, in den Rang eines obersten Wertes
erhebt, dem alle anderen Werte untergeordnet werden können und manchmal in der
Tat untergeordnet werden müssen.«
Elias Verdienst besteht in einer Entmoralisierung
des ›Patriotismus‹- wie des ›Nationalismus‹-Begriffes durch Gewinn einer
erhöhten Distanz. Dadurch erfolgt zugleich die Entfunktionalisierung als
gesellschaftlicher Kampfbegriff.
Es bietet sich aus zunächst methodischen
Erwägungen heraus an, einen Exkurs zu unternehmen zur Darstellung des
Nationsbegriffes sowie der Einschätzung des Nationalismus seitens westdeutscher
linker Intellektueller. Der Vergleich mit Kühnl
wurde gewählt, um eine zeitgeschichtliche Spannungskonstellation aus
adäquater linker Position aufzuzeigen und um die Methode instrumenteller
Ebenen zu verdeutlichen. Es handelt sich darum, die Position wie Einschätzung
linker und zumeist machtarmer Intellektueller zu Staat und Gesellschaft
vergleichend zu betrachten. Dies soll geschehen u.a. auch angesichts der
prinzipiell kritischen Haltung gegenüber dem Nationsphänomen wie
Nationalismusbegriff. Die Richtung dieser Kritik wird zumindest insoweit sie
auf den instrumentellen Charakter des Gegenstands bezogen ist, im Ansatz
geteilt. Der Vorbehalt bezieht sich auf die nur begrenzt zum Ausdruck
kommende Distanzierungsfähigkeit. Da es sich um einen Diskurs in der
westdeutschen Nachkriegsgesellschaft handelt und der Bezug zur deutschen
Geschichte eine erhebliche Spannung vorgibt, bleibt die Gefahr des Gratwandels
zwischen distanziertem Diskurs und tendentiell affektiv besetzter politischer
Auseinandersetzung.
Der Nationalismus ist nach Kühnl eine Ideologie
gegenüber den Massen. Er begründet dies u.a. mit dem Masseneinfluß z.B. durch
die Landserhefte, die Jahrzehnte in Millionenauflagen produziert worden sind.
Sie sind ganz auf 'action' und Emotionalität angelegt und haben die Funktion,
'Sympathie für Militär und Technik zu entwickeln' und über das Ansprechen von
Nationalstolz 'Wehrbereitschaft im Kampf gegen die Gefahr aus dem Osten' zu
schaffen (S.52)
Es ist zu fragen, inwieweit diese Schriften in
ihren Methoden mit den Propagandainstrumenten kommunistisch beherrschter
Systeme korrelieren. Nicht angeführt oder untersucht wird von Kühnl z.B. die
Wirksamkeit entsprechender Ansätze in den einer Militarisierung
der (eigenen) Gesellschaft dienenden Broschüren in der DDR. Polen betreffend
kann konstatiert werden, daß derartige Instrumente nur in der
Wechselbeziehung mit nationsorientierter Verklammerung wirken.
Kühnl sieht den Bezug zur Erziehung von 'Nationalstolz' zum Resultat, daß nicht
nach Inhalten gefragt wird, sondern danach, ob der Kampf für Deutschland
geführt wird (S.53). Auch dieses müßte methodisch verglichen werden mit Ansätzen
von kommunistischer Ideologie und ihrer übernational bzw. international
orientierten Doktrin und der daraus abgeleiteten Propaganda.
Die Korrelation zur von Kühnl benannten Krise (des
Kapitalismus) wie auch der 'Massenarbeitslosigkeit'
ließen sich ebenfalls mit der permanenten 'Krise' sozialistischer Systeme ab
den siebziger Jahren vergleichen und dem dadurch induzierten Anti-Verhalten in
den Gesellschaften der realsozialistischen Länder. Symbole dafür waren z.B.
das 'EA' für 'element antisocjalistyczny'. Es wurde in Polen bis zum
Kriegszustand z.B. auf T-shirts demonstrativ getragen. Danach gab es das
Symbol für die kämpfende bzw. auf Sieg setzende Solidarnosc.
Erkennbar war in Polen eine Hinwendung zu Symbolismen, (Nationsmythologie,
Heldenmythos, Messianismus) wie zu den symbolhaften und mystischen Ebenen des
Katholizismus.
Konstatierbar ist eine gewisse Parallelität in der
Methodik der auf der Basis des Antikapitalismus fußenden Linken, als deren
Vertreter Kühnl gilt, zu Ansätzen kommunistischer Propaganda. Die Mechanismen
'Betonung nationaler Identität' sowie das 'Deutschsein' (S.53) mit der daraus
resultierenden Ausgrenzung der Ausländer, findet durchaus ihre Entsprechung
in den autoritären sozialistischen Gesellschaften. Kühnls Beispiel, seine
Verknüpfung des Vorgehens junger SA-Leute gegen Juden und Kommunisten als
Aktivitäten des 'sozial aus der Bahn geworfenen Individuums', das
Anerkennung in der Gemeinschaft findet, erfährt keine direkte Entsprechung.
Es ist dabei das Spezifikum sozialistischer
Gesellschaften am Beispiel Polens zu sehen, deren systemspezifische Symbole von
den Menschen abgelehnt werden. Daraus resultiert die Bildung von Symbolen für
Antihaltungen, die Flucht in mythologische 'Gemeinschaften' verbunden mit
Nationsvisionen. Es handelt sich um konkrete Sub-Figurationen in der
Halblegalität oder der von den Machteliten nicht erwünschten aber zwangsläufig
geduldeten Gruppen der Kirche oder andere Glaubensgemeinschaften.
Die Haltung der von Kühnl skizzierten Rechten
gegenüber dem Ostblock hat seine Entsprechung in der kommunistischen
Propaganda. Dies wird erwähnt, um deutlich zu machen, daß individuelle
Entscheidungen, das Denken und Handeln der Gesellschaftsmitglieder zugleich im
Zusammenhang stehen zur erfahrenen Propaganda. Es ergibt sich ein möglicher
›Doppelbinder‹
zwischen der vermittelten Propaganda und den Erscheinungsformen im
gegnerischen Lager einerseits und damit in der Wahrnehmung von Propaganda und
den entsprechenden Gegenwirkungen andererseits. Der Satz, ›Es gibt also einen
Zusammenhang zwischen sozialer Krise und Sinnentleerung des Daseins‹ (S.54) ist
direkt übertragbar auf die fundamentale Krise der sozialistischen
Gesellschaften, hier bezogen auf Polen am Ende der siebziger Jahre. Wenn auch
der Krisenbegriff als dem Kapitalismus zugeordnet unspezifisch sein mag, so ist
er gleichwohl treffend, obwohl er nicht alle Dimensionen der inneren Desolatheit
der realsozialistischen Gesellschaft erfaßt. Ausdruck für die Krise war z.B.
der ab 1980 beginnende Zusammenbruch im Gesundheitssystem, der sich nach 1989
fortsetzte und auch das Bildungssystem erfaßte.
Die Fortführung des Satzes ›... und der
Bereitschaft zur Einordnung in die nationale Gemeinschaft‹ im Zeichen von
Militär und Krieg andererseits, bezieht sich auf für die bundesdeutsche
Gesellschaft nicht repräsentative Gruppen, kann also ebenso bei Vorliegen
entsprechender Machtschwäche und Randstruktur in vergleichbaren
Gesellschaften seine Entsprechung finden. Auch ein methodischer Vergleich kann
auf gegebener Ebene nicht geführt werden. Als Beispiel, respektive
Gegenbeispiel, sind Kühnls Ansätze aber geeignet und ihre Einbeziehung in
die Betrachtung von Nation und Nationalismus vertretbar.
Es muß darauf hingewiesen werden, daß eine
Interdependenz zwischen der Propagandaproduktion seitens entsprechender
Intellektueller und ihrer Wirkung in entsprechenden Gruppen vorliegt. Die
kommunistische Propaganda wirkte sich z.B. im brutalen Vorgehen der ZOMO aus.
War auch die übrige Bevölkerung nahezu affektiv resistent bzw. reagierte
abweisend, so trifft auf die ZOMO die Resonanz der Propaganda durchaus zu. Die
Ursachen wie Folgen des Vorgehens werden mit dem Staat und dem System
assoziiert, so daß ein spezifischer Rückkopplungseffekt vorliegt, der die
Gegnerschaft zum System evoziert.
Das Problem ist dabei, daß es in Polen vor 1989
zwar mündliche Darstellungen dieser Problematik gegeben hat, Untersuchungen
aber nicht möglich waren. Nach 1989 ist die Erforschung der Sozialstruktur der
Partei und staatlicher Organisationen kaum gefördert worden.
Man hat in schweren Fällen zwar strafrechtliche Ermittlungen durchgeführt, eine
juristische Aufarbeitung erfolgt nur in äußerst geringem Maße, wenn, dann in
politisch spektakulären Fällen, wie z.B. der Anklage gegen Rakowski im
Zusammenhang mit dem versuchten Verkauf der Leninwerft. Der Anspruch auf eine
moralische Aufarbeitung wird überlagert durch neue spürbare Problemlagen des
Alltags. Eine dominierende Rolle spielen seit 1989 die
Instrumentalisierungsversuche in den gesellschaftspolitischen
Machtkämpfen der Gegenwart.
Die Kühnl'sche Kritik an den Eliten (S.56) kann
ebenfalls herangezogen werden. Die Vergleiche beziehen sich auf die Ebenen
Methode und Funktion, nicht auf konkrete Inhalte. Die Ideologien haben im
gegebenen Zusammenhang einen Leerformelcharakter, sie sind nicht
falsifizierbar. Kühnl sieht eine Wechselbeziehung zwischen nationaler
Identität, Nationalbewußtsein und den Eliten, insbesondere der jungen
Intelligenz.
Auch die folgenden Gedanken lassen sich anwenden:
»Die
gegenwärtige Diskussion über nationale Identität, neues Nationalbewußtsein usw.
wendet sich allerdings nicht an die Massen, sondern sehr deutlich an die
'Eliten'. Doch zunächst ist der Adressat dieser Theorien die Intelligenz, die
nun aber von sehr unterschiedlichen Bedürfnissen und Motivationen geprägt ist.
Da ist zunächst einmal schon seit dem Ende der sechziger Jahre eine starke
Tendenz zur Abwendung von der herrschenden Politik und zur Suche nach linken
Alternativen. Sie wurde wesentlich bestimmt von den Erfahrungen der
Demokratiegefährdung im eigenen Land (Notstandsgesetze, erneute Virulenz
faschistischer Kräfte) und der imperialistischen Politik gegenüber der Dritten
Welt (Vietnamkrieg, Schah-Regime). Antifaschismus und Antiimperialismus – das
waren die Grundelemente ihrer Weltanschauung –, natürlich weiterhin
vermischt mit Elementen der herrschenden Ideologie, insbesondere dem
Antikommunismus, der in diesem Lande seit Jahrzehnten alle Poren des
politischen Lebens durchdringt. Diese zunächst noch von allerlei ultralinken
Illusionen begleiteten Bewegungen gewannen ideologische Konsolidierung und
stärkere Realitätsbezüge dadurch, daß die Entspannungspolitik und die
sozialliberalen Reformkonzepte reale Erweiterungen für
Veränderungsbestrebungen anboten; und dadurch, daß zugleich die
Arbeiterbewegung in der Bundesrepublik und in anderen Ländern Westeuropas
sich als eine soziale Kraft präsentierte, die Veränderungen nach links
durchzusetzen in der Lage schien.«
Das grundlegende Problem bei Kühnl besteht darin,
die eigene Position als 'realistisch-linken' - und damit als legitim
definierten - politischen Ansatz zu konkreten 'Veränderungen nach links' zu
definieren, nicht aber den primär der Deskription dienenden Modellgehalt und
damit den Ideologiecharakter einzubeziehen. Bei einem Austausch seines
Vokabulars entsteht daraus für die polnische Gesellschaft die Suche nach
nicht-sozialistischen Alternativen, nach neuen Reformvisionen, die als
Charakteristikum der Solidarnosc in hohem Maße eine Reproduktion vergangenen
Utopiedenkens wie auch auf der Basis der aus der Analyse der
Industriegesellschaft entstandenen christlichen Soziallehre.
Angestrebt wird die Herbeiführung von Demokratie durch Ablehnung der
totalitären (kommunistischen) Herrschaft, die Begegnung von durch politische
Unterdrückung hervorgerufenen Demokratiegefahren, einschließlich der
Freilassung politischer Gefangener.
Kühnl kritisiert z.B. die Besetzung der
Funktionsstellen in der bundesdeutschen Gesellschaft.
»Zwar blieben die Spitzenpositionen im Management
der Privatwirtschaft, in den Hochschulen, bei Juristen und Ärzten in den Händen
der konservativen Kräfte, 'doch in Schulen und Hochschulen, in den
Massenmedien, aber auch in den unteren und mittleren Bereichen von Justiz und
Verwaltungen gab es z.T. tiefgreifende Veränderungen.« (S.57)
Die Vorgehensweise nach machtabhängigen
Loyalitätskriterien findet ihre Entsprechung in der VR Polen. Es sind
überwiegend die mittleren Funktionseliten betroffen.
Als Definitions- und Deskriptionskriterium
kristallisiert sich für beide Beispiele bzw. Systeme eine graduell begrenzte
Partizipation der Kritiker an den Funktionen heraus, die mit entsprechendem
Machtanteil verbunden sind. Die 'Demokratisierungsforderung' wird zu einem
Synonym für die Forderung nach Partizipation für Machtschwache. Je mehr die
eigene Machtschwäche bewußt wird, z.B. anhand von Versorgungsschwierigkeiten
für die Arbeiter bzw. Werktätigen, und jüngere Wissenschaftler, um so
schärfer werden die Forderungen erhoben. Krise, Verunsicherung,
Arbeitslosigkeit, d.h. die Bewußtwerdung der versteckten Arbeitslosigkeit,
der permanente Wertverlust der eigenen Währung, wie auch die damit verbundene
aufgestaute Inflation.
In dem Maße, in dem die vom sozialdemokratisch
orientierten Flügeln der Reformbewegungen getragenen Hoffnungen abbauten und
Umweltzerstörung etc. bewußt wurden, verschwanden die Alternativhoffnungen, die
durch die Solidarnosc hervorgerufen wurden und in einer Euphoriewelle mündete,
ebenfalls sehr bald - lange vor Zerschlagung der Solidarnosc selbst. Vertrauen
hat die Solidarnosc nach der Wiederzulassung nur begrenzt erhalten, sie
konkurriert mit der etwas gleich starken Gewerkschaft OPZZ.
Kühnl begründet die Abwendung der Eliten mit dem
Anstieg der qualitativen und quantitativen Bedeutung des Anteils der
Höherqualifizierten. In der BRD betrug der Anstieg in den siebziger Jahren eine
Steigerung von fünf auf zwanzig Prozent eines Jahrgangs. Seit einigen Jahren ist
die Grenze von dreißig Prozent in den meisten Bundesländern überschritten. Das
Bild der sozialistischen Länder ist davon abzusetzen. Es trifft aber
prinzipiell zu, wenn auch die Qualifikationen nur begrenzt kompatibel sind. Zu
den von Kühnl genannten Abwehrhaltungen gegen mögliches Eindringen von
Nationalismen in die Positionen und Doktrinen der Linken soll nicht weiter
Stellung bezogen werden. Die Kritik daran, all dem zu folgen, was gegen die
sozialistischen Länder gerichtet ist, kann nur als eine gewisse Ignoranz oder
eine Verdrängung eigener Involviertheit (in politische Doktrinen) dieses
Vertreters der Linken in Westdeutschland erklärt werden. Seit dem Ende der
realsozialistischen Regime ist der Stellenwert entsprechender Ansätze
gesunken.
Der innere Widerspruch wird in den letzten
Gedanken deutlich: Die starke Abwehrhaltung gegen die 'herrschenden Klassen'
und als Ziel die 'Friedenssicherung'. Es handelt sich um einen postulierten
oder geglaubten, aber eindimensionalen Bezug. 'Friedenssicherung' ist primär
Erhalt des Status quo, verbunden mit der Nichtanwendung physischer Gewaltakte.
Damit ist die Zementierung der vorhandenen Machtbalance gegeben - also der
von ihnen so gesehenen 'herrschenden Klasse' und der von Kühnl nicht genannten
über die Macht in Osteuropa verfügenden Personengrupppen.
Es bleibt die Konstatierung der Verschließung
vor der Anwendung 'kritischen Denkens' gegenüber der eigenen Gruppe wie auch
gegenüber sich selbst. Auch diese Situation findet sich in der Solidarnosc. Dort
ist das Resultat die Postulierung von prinzipiell nicht konkretisierbarem bzw.
definierbarem 'moralischen Recht' seitens der nicht an der Macht
partizipierenden, also der zumindest temporär Machtschwachen. Sie verfügen
bis 1989 nicht über die Macht sowie die Fähigkeit, Normen bzw. Recht zu setzen
und durch Machtteilhabe, sowie durch eine legitime Kontrollausübung,
Teilpartizipation o.ä. Mechanismen zu wirken.
Kühnl fügt zwei prinzipielle Gruppen von
Intellektuellen an. Erstens diejenigen, die die konkrete Machtteilhabe
anstreben und zweitens diejenigen, die eine von vornherein vorliegende
Aussichtslosigkeit, die Unmoralität von entsprechender Machtausübung
postulieren. Letzteres kann auch als eine gewisse Larmoyance der
nichtbeteiligten Intellektuellen interpretiert werden. Außerdem hat es einen
Leerformelcharakter. Es gilt für machtferne westdeutsche Intellektuelle -
unabhängig von ihrem Status in beruflich gesicherter oder ungesicherter
Situation und kann entsprechend auf polnische Intellektuelle - auch in der
Emigration - übertragen werden.
Für die polnischen Intellektuellen in KOR, ROPCiO
etc. gilt eine spezifische Spannungskonstellation. Sie ist objektiv in
damaliger Real- und Selbsteinschätzung machtlos.
Ihr starker Utopieglaube entspricht dem tradierten der polnischen
Intellektuellen. Die betroffenen Intellektuellen befanden sich am Ende der
siebziger Jahre in einer erheblichen Armutssituation verbunden mit sinkender
realer Prosperitätserwartung. Möglicherweise korreliert der hohe Grad der
Chancenlosigkeit, die Erwartung von keinem weiteren Absinken des eigenen
Standards mit der Utopie und der Höhe der Erwartung. Man befand sich in der
fatalen und oft deprimierenden Situation, nichts mehr verlieren zu können und
nur noch gewinnen zu können Damit ist die Situation der Machtarmut durchaus
vergleichbar der Situation im 19. Jahrhundert. Als wesentliches
Unterscheidungskriterium bleibt der mangelnde Identifikationsbezug der
polnischen Intellektuellen in der Solidarnosc zu dem Staat als einer
Figuration auf höherer Integrationsebene von Gesellschaft.
Für das deutsche Bürgertum bedeutete
Nationalbewußtsein vor allem seit 1871die Identifikation mit dem Nationalstaat.
In Frankreich bedeutete es die Identifikation des ehemals revolutionären
Bürgertums mit der Republik, die eine die Nation in den Staat integrierende
und diese verkörpernde Figuration. Die von Kühnl angeführte These, die Nation
stelle eine besonders dichte soziale Kommunikation dar, müßte eine
spezifische Auseinandesetzung mit kommunikationstheoretischen Ansätzen
erfordern. Diese kann und soll an dieser Stelle nicht geführt werden.
Gleichwohl wäre die Rolle der Kirche in ihrer Klammerfunktion als den Staat
ersetzenden Körperschaft auf kommunikationstheoretischer Ebene sehr
diskutierenswert.
Im folgenden soll repräsentativ eine Darstellung
über die Rolle der Nation in dem - revolutionären - Prozeß von 1980 aus der
Phase nach der 'polnischen Wende' vorgestellt werden.
Kula repräsentiert charakteristische Positionen polnischer Wissenschaftler.
Er überklammert in seiner Abhandlung die wesentlichen historischen Phasen
der Nationsgeschichte. Kula mißt der realsozialistischen Phase keine
spezifische Prägung des Habitus zu. Dadurch anerkennt er nicht die Möglichkeit
einer Prägung der Gesellschaft über die Systemrealität. Er reduziert den
Sozialismus auf etwas Nationsfremdes, das in nationsspezifischem Handeln
überwunden wurde. Kula, der als Wissenschaftler durchaus in das System der VR
Polen integriert war, verkörperte dadurch selbst die tradierte Praxis der
polnischen Intellektuellen. Entsprechendes gilt z.B. für Trzeciakowski, einen
Historiker der Adam-Mickiewicz-Universität Posen, der ebenfalls dort seine
Karriere absolviert hat.
Als Leitgedanke zum Einstieg in Kulas Abhandlung
bieten sich folgende Fragen an:
-
Wann wendet sich die nationale
Befreiungsbewegung gegen das herrschende politische System?
-
Wann kann die soziale Revolution die
Herausbildung bzw. Befreiung der Nation fördern?
-
Wie können die spezifischen nationalen
Charaktereigenschaften eine Revolution hervorrufen?
Zunächst leitet Kula den Begriff des
Revolutionären von dem des Nationalen ab:
Der nahende Untergang einer Nation bzw. eine
bevorstehende Niederlage kann zwei Reaktionen hervorrufen: Das herrschende
System wird angesichts der Katastrophe gestärkt, alle Konflikte und nationalen
Fragen werden für die Zeit des Kampfes vergessen sowie: eine schnelle Reform des
Systems wird als Voraussetzung gesehen, den Kampf zu gewinnen, deswegen wird
das politische System in Polen schnell reformiert. … Die Verfassung vom 3. Mai
1793 mußte möglichst schnell beschlossen werden. Dadurch glaubte man, als
Nation überleben zu können. Ende der 70er Jahre wurde die Krise des Systems und
der Gesellschaft offenkundig, daher erfolgte 1980 der Versuch, das System zu
stürzen bzw. zu reformieren, um als Nation bestehen zu können. … Die
Vorbereitung zum Kampf bzw. eine Art Widerstand zu leisten, bestand in dem
Versuch einer ‘moralischen Erneuerung’ der Gesellschaft. Ein Symbol war Anfang
der 80er Jahre z.B. die Propagierung des Verzichts auf Alkohol als ein Zeichen
des Widerstandes, als eine Abgrenzung zu den ›Roten‹ bzw. den ›Russen‹. Es
gab Aufschriften in der Kirche, wie z.B. 'Trinkt nicht! Rettet die Heimat!'
Der Zustand einer Nation wird oft zur Ursache für
den Beginn einer Reformtätigkeit sowie für soziale Veränderungen. Nachdem in
den 70er Jahren die Kontakte mit Westeuropa möglich geworden sind, glauben die
Polen, das herrschende System sei an ihrer Rückständigkeit schuld. Daraus
resultierte der Wunsch, das System zu reformieren, um den ›ihnen gebührenden
Platz in Europa‹ zu erreichen. Alle Revolutionen, die das Ziel verfolgen, daß
die Nation einen ihr gebührenden Platz unter anderen Nationen einnimmt, haben
etwas Gemeinsames. Sie streben die Veränderung des sozialpolitischen Systems
und somit auch der Gesellschaft an. Andererseits heben sie insbesondere die
nationsspezifischen Werte, die Traditionen hervor. In Polen war das z. B.
1980/81 der Wunsch nach einer allseitigen Modernisierung. Gleichzeitig
erfolgte eine starke Besinnung auf die nationalen Werte.
Die national orientierten
'Modernisierungsrevolutionen' führen oft erst zum Entdecken bzw. dem
Herauskristallisieren nationaler Eigenschaften. Die nächste Situation, die
eine sozialpolitische Veränderung möglich macht, ist die Situation 'politischer
Leere', d.h. der Aufbau eines Systems von Anfang an, z. B. nach dem
Wiedererlangen der Unabhängigkeit. In diesem Kontext wird ein Fehler der
Solidarnosc 1980/81 deutlich: Die Solidarnosc hat den Aufbau eines Systems von
Anfang an, von der ›Stunde Null‹ propagiert, so als gäbe es keine Institutionen
des gestürzten Systems.
Der nationale Befreiungskampf führt, so Kula, mit
großer Wahrscheinlichkeit dann zur sozialen Revolution, wenn die sozialen und
nationalen Klassenstrukturen identisch sind, d. h. ›die Nation wird
unterdrückt, die Fremden sind die Unterdrücker.‹
Kula hebt die große Rolle der Intelligenz (inkl. der Studenten und Offiziere) in
den national gefärbten Revolutionen hervor. Die Intelligenz gilt als ›Symbol
des Widerstandes‹.
Der Einfluß
der Intelligenz auf die sozialen Veränderungen war bereits mit dem 19.
Jahrhundert sehr stark. ›Im 19. Jahrhundert war die Intelligenz der stärkste
Kämpfer für Demokratie und Freiheit‹ (S. 228). Im Jahre 1980 hatte die
Intelligenz - auch eine sehr aktive Rolle. Walesa sprach damals davon, daß der
Drang der Intelligenz, in der Solidarnosc mitzuwirken, ›mit bloßem Auge‹ zu
sehen war (S. 229). … Das KOR und die Zeitschriften 'Robotnik' und 'Robotnik
Wybreia' sind dank der Intelligenz entstanden. Im August 1980 erfolgte die
Unterstützung bei der Ausarbeitung von Postulaten, ihrer Form und
Verbalisierung, die Postulate selbst kamen aber von den Arbeitern.
Dank der Intelligenz ist die Bewegung Solidarnosc ein Anliegen der ganzen
Nation geworden. … Die Intelligenz ist meistens die erste Gruppe, die - dank
ihrer Ausbildung und vor allem dank der Kontakte mit dem Ausland - die
Rückständigkeit des eigenen Landes bemerkt. Die Diskrepanz zwischen der guten
Ausbildung und dem Fehlen der Perspektiven war im Falle der Intelligenz
besonders deutlich. Die Intelligenz kann nur dann zu einer wirklichen Kraft
werden, wenn sich ihr auch andere Gruppen anschließen.
Im folgenden leitet Kula die ›Bildung der Nation‹
aus dem Revolutionären ab.
Wie kann ein sozialer Konflikt zur Herausbildung
einer Nation führen bzw. eine Nation beeinflussen und stärken, die Entwicklung
von der sozialen Revolution bis hin zur nationalen Revolution. … Die
Solidarnosc in Polen ist ein Beispiel der Akzentverschiebung von
sozialpolitischen zu nationalen Aspekten der Bewegung. Die Solidarnosc
repräsentierte nicht eine soziale Gruppe, sondern die ganze Nation und
erstreckte ihre Postulate auf die ganze Nation. Die Ereignisse vom August 1980
wurden als Nationalaufstand bezeichnet, als ein Glied in der Kette der
nationalen Aufstände (vom Kosciusko-Aufstand bis hin zum Warschauer Aufstand.
Es erfolgte die symbolische Anknüpfung an nationale (nicht soziale) Feiertage
und Symbole. 1970/71 und 1976 gab es dagegen fast keine nationalen Akzente. Bis
1980 war der nationale Ton in der Opposition niemals dominierend. In der
Entwicklung der Solidarnosc erfolgte eine Akzentverschiebung des Gegensatzes:
Gesellschaft - Regierung zum Gegensatz: Nation - Regierung. Ende der 80er Jahre
(ab ca. 1988) läßt diese nationale Welle allmählich nach. Die Ereignisse von
1980/81 werden nicht mehr als ›ein Aufstand der unterdrückten Nation
gegen die fremde Macht‹ bezeichnet, sondern als ein politischer Kampf um die
Rechte der Gesellschaft. Es erfolgt eine Akzentverschiebung von der
›Gemeinschaft der Nation‹ in Richtung der ›Gemeinschaft der Gesellschaft‹.
Kulas Position zeugt von hoher eigener
Nationsidentität. Die Involviertheit in die eigene Nation war und ist ein
erfahrbares Phänomen aller polnischer Intellektueller. Es läßt sich aus der
besonderen Rolle der Intellektuellen im Eintreten für die Befreiung bzw. die
Rechte der Nation ableiten und andererseits aus der Tatsache, daß die Nation
nicht moralisch diskreditiert ist und das Eintreten für die Nation als
patriotische Pflicht kollektiv verinnerlicht ist. Dieser Grad an Involviertheit
ist für Westeuropäer, insbesondere Deutsche, die dem Nationalgedanken aus
historischen Gründen fern stehen und gegebenenfalls im Europagedanken eine über
den ökonomischen Ansatz hinausgehende moralisch anstrebenswerte Kategorie
sehen oder auch internationalistisch orientierten Positionen nahestehen,
schwer nachvollziehbar.
Das
Beispiel Polen stellt ein Spezifikum einer Revolution mit starker nationaler
Motivation dar. Die Zugehörigkeit zu einer Nation hat die Funktion eines
Primates gegenüber der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Deswegen ist
die Motivation zum Kampf um die nationale Freiheit stärker als zum Kampf um die
soziale Freiheit. Die nationale Unterdrückung ist deutlicher spürbar als die
soziale. Die national gefärbten Revolutionen beschränken sich nicht auf eine
Gesellschaftsgruppe, sie umfassen die ganze bzw. fast ganze Nation.
Kula formuliert die These, daß das Nationale das
Revolutionäre determiniert.
Die Geschichte einer Nation (von sozialer Gruppen)
bestimmt den Verlauf aller von ihr (ihnen) geführten Kämpfe, insbesondere der
Revolutionskämpfe. Jede revolutionäre Bewegung ist in der Geschichte
begründet, auch wenn sie sich von der Geschichte abgrenzt bzw. sie verneint.
In Polen hat man bei jedem Nationalaufstand der vorhergehenden Aufstände
gedacht (z. B. August 1980 wurde als eine Fortsetzung der Aufstände 1830,
1863, 1956, 1968, 1970 gesehen. Die wichtige Rolle der Intelligenz in der
Geschichte Polens war teilweise in der sozial-wirtschaftlichen Struktur des
Landes, teilweise in der traditionellen Aktivität dieser Gruppe begründet (S.
323). Die starke Tradition des Kampfes in Polen führte dazu, daß der Kampf um
die Freiheit als ein 'Normalzustand' empfunden wurde. Die Ereignisse vom August
1980 waren also eine Etappe des Freiheitskampfes. Die Arbeit im Untergrund nach
1981 war auch in der Tradition aus der Kriegszeit begründet.
In seinen Schlußbemerkungen weist Kula darauf hin,
daß seine Abhandlung einen Versuch darstellt, bestimmte Gesetzmäßigkeiten
aufzuzeigen und anhand von Beispielen zu verdeutlichen. Er weist aber auch
darauf hin, daß man auch Beispiele finden kann, die genau das Gegenteil von
den aufgestellten Thesen beweisen würden.
3. Teil: Überlegungen zu: Soziogenese des Staates
in Verbindung mit dem Prozeß des Kampfes um den Erhalt und die Neudefinition der
Nation als Anwendung der Zivilisationstheorie auf Polen
Folgende historische Schlüsselfragen sind immanent
enthalten, können aber nicht vertieft werden.
-
Warum ist der Mechanismus der Zentralisierung in
Polen im 17./18. Jahrhundert nicht erfolgt?
-
Welches (historische) Interdependenzgeflecht hat
die Bildung der Zentralinstanz bzw. die Herausbildung einer zentralen
Machtinstanz verhindert?
-
Aufgrund welcher sozialhistorischer Paradigmen
bildete sich das Wahlkönigtum heraus, das zur Schwächung des Staates beitrug?
-
Was bewirkte das Einpendeln der Machtbalancen in
der Adelsgesellschaft?
These: Man war im Prozeß der Soziogenese des
Staates im Vergleich zu Westeuropa zeitlich um mehr als eine 'Phase'
zurückversetzt.
Das Land war im Mittelalter weniger dicht
bevölkert. Der Adel konnte den Reichtum naturalwirtschaftlich durch
Urbanisierung mehren. Der Unterlegene in nachbarschaftlichen Kämpfen konnte
nach Osten ausweichen. Deshalb war der Antrieb, sich auf Kosten des Nachbarn zu
vergrößern, im Vergleich zu Westeuropa im wesentlichen nicht gegeben. Die aus
dem west- und mitteleuropäischen Raum heraus erfolgende 'Ostkolonisation'
bedeutete neue Einnahmequellen für den polnischen Adel durch Verkauf von
Land sowie spätere Steuereinnahmen bzw. Abgaben der (neu angesiedelten)
Bauern und Handwerker. In den ostpolnischen Regionen befanden sich große dünn
besiedelte Räume,
so daß die Großgrundbesitzer auf der Basis der Naturalwirtschaft
bis zum Dreißigjährigen Krieg recht hohe Einnahmen hatten. Die Herausbildung
einer zentralen Macht war nicht vonnöten und damit auch keine militärische
Spezialisierung und Technisierung.
In Westeuropa veränderte sich die Kriegstechnik
dagegen im fortschreitenden Staatsbildungsprozeß, vor allem im Zusammenhang
mit dem Dreißigjährigen Krieg, mit dessen Ende zugleich das Ende der
eigenständigen und von den Truppenkommandeuren besoldeten Heerhaufen
eintrat. In Polen war das nicht der Fall. Der König verfügte im 17. und 18.
Jahrhundert nicht über das Heer. Er war nicht Inhaber und Repräsentant der
Zentralmacht. Die Dezentralisierung kann als charakteristisch angesehen werden
für die Psychogenese und Soziogenese der Nation. Die zentrifugalen Kräfte
haben ein deutliches Übergewicht gegenüber den zentripetalen.
Die Kriegstechnik der polnischen Armee war bis zum
Ende des 17. Jahrhunderts auf einen großräumigen Einsatz in breiter Front
angelegt. Man war (ist bis heute) stolz auf die Kavallerie, die Husaren und
Ulanen.
Gegen eine verbesserte Artillerie und weittragende Gewehre mußte diese
Kampftechnik scheitern.
Die Niederlagen gegen die Schweden waren
wesentlich darin begründet, daß kein geschlossen geführtes Heer
zusammengestellt werden konnte. Es hing von der individuellen Entscheidung des
jeweiligen Woiwoden ab, inwieweit die Woiwodschaft Truppenkontingente
aufstellten, die sie dann selbst finanzieren mußten. In der Regel waren die
Woiwoden wohlhabende Schlachtzizen. Sie, die zugleich über Großgrundbesitz
verfügten, hatten kein Interesse an der Stärkung einer Zentralinstanz und
damit einer Erhöhung ihrer Macht. Das hatte die fatale Folge, daß die
disziplinierte und schlagkräftige schwedische Armee in den sechziger Jahren
des 17. Jahrhunderts nicht aufgehalten werden konnte. Diese war im
Dreißigjährigen Krieg geschult worden und dadurch kriegstechnisch völlig
überlegen.
Der Legendenbildung entsprechend wird kolportiert,
daß Maria, die Mutter Gottes, ihre Hand über Tschenstochau gehalten habe. Der
historische Sachverhalt war, daß die belagernden Schweden durch das
Herbstwetter und die damit verbundene Begünstigung von Infektionskrankheiten
aufgrund der unzureichenden hygienischen Verhältnisse beeinträchtigt waren.
Der entscheidende Grund aber war, daß die polnischen Truppenteile sich wieder
gesammelt hatten und nach Art der Guerilla die Schweden auf deren der
Truppenversorgung dienenden Streifzüge verstärkt erfolgreich angreifen
konnten. Diese Praxis des Guerillakrieges hatte sich in den Schwedenkriegen
aufgrund der Kriegslage herausgebildet und zu begrenzten Erfolgen geführt.
Dadurch wurde ein stehendes Heer nicht notwendig. Die polnische Stärke bestand
in der sich im Verlauf des Krieges gegen die Schweden herausbildenden
Guerillataktik. Diese Taktik, das Operieren in kleinen beweglichen Einheiten,
entsprach dem Prinzip des Dezentralismus in der Adelsgesellschaft. Die aus
der Notsituation heraus entstandene neue Taktik hatte sich 'bewährt'.
Das Beispiel macht deutlich, daß die Szlachta in
der Zeit nationaler Bedrohung, also im Zustand höchster nationaler Bedrängnis,
durchaus zu entsprechenden Taten und Leistungen fähig war. Sie war aber nicht
in der Lage, ihr Dezentralisierungsprinzip selbst aufzuheben. Nach Ende
des Schwedenkrieges, mit dem Frieden zu Oliwa 1660, setzte sich der Niedergang
der Adelsgesellschaft fort. Der glorifizierte Einsatz polnischer Husaren vor
Wien 1683 führte nicht zu einer Stärkung des Königs und dadurch nicht zur
Förderung der Zentralmacht. Nach dem letzten erfolgreichen Feldzug gegen die
Türken 1691 erfolgten 1692 Friedensverhandlungen, die auf dem Sejm von Grodno
beraten werden sollten. Der am 31.12.1692 eröffnete Reichstag 'wird zerrissen'.
Der Grenzkrieg gegen die Türken schleppte sich hin. Am 17. 06. 1696 starb der
seit Jahren kranke König Johann III. Sobieski.
Mit der Wahl des Kurfürsten August von Sachsen
1697 begann eine neue Phase der Adelsrepublik, die ihren Niedergang
beschleunigte.
Die Schwedenkriege offenbarten die
gesellschaftlich und in der Folge physisch wie politisch schwächere Macht Polens
gegenüber den soziogenetisch fortgeschrittenen Nachbarstaaten. Durch das
(gegenseitige) Agreement des Adels - verbunden mit dem Prinzip der
Einstimmigkeit - konnte der Mechanismus der phasenverschobenen Soziogenese des
Staates durch Herausbildung und Fertigung der Einherrschaft nicht erfolgen.
Die ca. fünfunddreißig Jahre dauernde Herrschaft der Sachsenkönige führte zu
einer weiteren politischen und militärischen Schwächung durch Verfestigung der
Dezentralisierung.
Anstelle einer mittelalterlichen Kriegerkaste wie
in Westeuropa hatten sich in Polen die besitzenden Bauern zu einer saturierten
und gut lebenden Schicht von Landadligen entwickelt, die ihre Lebensweise
regional und damit dezentral sich selbst gegenüber legitimierten. Die Bildung
von Konföderationen - auch gegen den König - waren im Selbstverständnis der
polnischen Adelsgesellschaft moralisch nicht diskreditiert. Zwar verloren
die Mitglieder der unterlegenen Partei ggf. ihre Ämter und partiell ihre
Pfründe,
es war aber die mildeste in Europa denkbare Behandlung unterlegener Gegner. Eine
Abstrafung, verbunden mit Enteignungen oder körperlichen Strafen, fand nicht
statt. Die zur unterlegenen Partei gehörenden Adligen kehrten auf ihre Güter
zurück und genossen das Leben oder 'malträtierten' die von ihnen abhängigen
Bauern.
Die Soziogenese des Staates war noch nicht so weit
fortgeschritten, daß man das Vaterland geographisch definieren konnte. Als
Ersatz für die Zuordnung auf den Einherrscher kann der sich herausbildende
Marienkult gelten. Maria, die Mutter Gottes, war die von der gesamten Nation
anerkannte Königin der Krone Polens.
Der Ausbildung und Fertigung der zentralen Macht in West- und Mitteleuropa mit
der zunehmenden Bedeutung des Einherren und der Konzentrierung der Macht in
seiner Person entsprach in Polen die symbolische Zuordnung der 'höheren'
Macht auf die Königin.
Der realen Machtkonzentration im Absolutismus in
der Person des Königs entsprach dadurch in der Rzeczpospolita eine Aufspaltung
der Ebenen: Die visionäre Konzentration auf die unanfechtbare und moralisch
saubere Königin. Sie war das Symbol der Einheit der Nation auf höherer Ebene.
Auf der unteren Ebene befindet sich der wirkliche König. Es gab nur männliche
und schwache Könige seit der Mitte des 17. Jahrhunderts. Der skizzierte
Sachverhalt kann im Zusammenhang mit der symbolisch bestärkten tendentiellen
Matriarchalisierung der polnischen Gesellschaft gesehen werden.
Weder der König noch der Staat stellten die
ideellen Kristallisationspunkte (Identifikationskerne) dar, sondern die
Nation und das Vaterland. Beide sind visionäre bis mystifizierte Begriffe, vor
allem nach Verlust der staatlichen Unabhängigkeit.
Die Dezentralisierung hatte machtspezifische,
militärische, ökonomische und wissenschaftliche Folgen. In der
Adelsgesellschaft, verbunden mit einer Situation des gehemmten, bzw. partiell
retardierenden Staatenbildungsprozesses, der sich durch Stagnation und
relative Vergrößerung des Abstandes zu den Nachbarn auszeichnete, konnte die
Förderung von Ökonomie und Technologie nicht wie in Westeuropa, insbesondere
Frankreich und England, erfolgen. Das Beharren auf der Naturalwirtschaft, die
Konservierung der Prinzipien des 'guten Lebens', ohne an der
gesellschaftlichen Fortentwicklung mitzuwirken sowie das
Konkurrenzprinzip zu akzeptieren, führte zu einem relativen Rückschritt.
Die wohlhabenden Familien konnten ihren, vor allem
im ›Goldenen Zeitalter‹, das auch erheblich das städtische Bürgertum
begünstigte, naturalwirtschaftlich bzw. durch den Handel (mit Getreide)
erworbenen Reichtum in Statussymbole umsetzen. Als hervorragendes Beispiel
gilt der Bau der Stadt Zamosc im Renaisseancestil. Diese Stadt wurde
von der Magnatenfamilie Zamoyski erbaut und ihr Name vom eigenen
Familiennamen abgeleitet. Das städtische Bürgertum hatte sich zur
Demonstration seiner wirtschaftlichen Prosperität und gesellschaftlichen
Macht Statussymbole in Form von im Renaissancestil erbauten Rathäusern
gesetzt, z.B. in Posen, Hohensalza und Kulm.
Diese Förderung der Kultur - man ließ europäische
Künstler und Architekten kommen und honorierte deren Leistungen - bedeutete
zugleich eine symbolhafte Zurschaustellung von durch Naturalwirtschaft und
Handel erworbenem Reichtum. Bezüglich eines innergesellschaftlichen
Fortschrittes in ökonomisch-technologischer Hinsicht erwies sich dieses als
kontraproduktiv. Der Reichtum wurde nicht volkswirtschaftlich sinnvoll
genutzt, vergleichbar der Bildung von Manufakturen in Frankreich und den
Niederlanden. Das erworbene Kapital wurde in der Regel konsumptiv umgesetzt.
Entsprechend dem ökonomischen und noch mehr dem staatsspezifischen Denken in
Frankreich oder dem an Sparsamkeit orientierten Denken Preußens im 18.
Jahrhundert, stellte dies eine Verschwendung dar. Das 'genußsüchtige' Leben
des polnischen Adels fand sich in den entsprechenden Stereotypen der Nachbarn,
wie z.B. der Polnischen Wirtschaft
wieder.
Die Bildung des modernen Staates, der eine
zunehmende Rolle in der ökonomisch-technischen Entwicklung innehatte, konnte
nicht erfolgen. Diese Entwicklung wurde in der Adelsgesellschaft durch die
Wahlkönige und deren Funktionsträger verhindert. Nach Ende der Sachsenherrschaft
wies man auch deren Funktionsträger aus. Man machte ihnen polnischerseits den
Vorwurf, an der Ausplünderung des Landes partizipiert zu haben.
Die Schwäche Polens im 18. Jahrhundert, die in den
Teilungen des Landes von 1772 - 1795 ihren Niederschlag fand, beruhte
wesentlich auf der Nichtausbildung einer Staatsgesellschaft, verbunden mit
individualistisch bestimmter Lebensweise der Szlachta. Letzteres war möglich,
weil sie nicht durch Fremdzwänge aufgrund einer Zentralmacht behindert werden
konnten.
Der Kampf gegen die Teilermächte erfolgte auf der
bisherigen Ebene mit den tradierten Methoden. Es ist hinzuzufügen, daß die
betroffene Funktionsträgergruppe am Hofe im Verhältnis zu den absolutistischen
Höfen relativ klein war, da der König eben nicht über das
Steuererhebungsmonopol verfügte. Aus informell verbundenen Adligen,
unterstützt von Bauern, bildeten sich Kampfgruppen heraus, die Aufständischen.
Da sie dezentral operierten, vor allem in den Wäldern des Ostens, dauerte die
Niederschlagung durch das zentral geführte zaristische Heer entsprechend lange.
Charakteristisch sind die Glorifizierungen der Anfangssiege gegen die relativ
schwachen Besatzungstruppen. Diese bestanden zudem oft aus Rekruten.
Eine besondere Funktion maßen dem die
Schlachtenmaler bei. Jan Matejko und Juliusz Kossak veranschaulichten die
Größe der polnischen Geschichte, Grottger die Zeit der nationalen
Niederlage, Malczewski das polnische Matryrium. Wojciech Kossak (und seine
Schule) schuf Hunderte von Schlachtengemälden aus der Zeit der Napoleonischen
Kriege und der Aufstände sowie sentimentale Szenen, die Ulanen oder Mädchen,
Gutshöfe oder Katen, Jagden und Vergnügungen darstellten.
Die Nation war in Deutschland als Einigungsvision
des Bürgertums herausgebildet worden. In Frankreich war die Einbeziehung des
Bürgertums 1789 manifestiert. Die Nation stellte (in Frankreich wie in
Deutschland) eine visionäre Betrachtung einer maßgebenden Bevölkerungsgruppe
dar und bekam dadurch eine spezifische Funktion: Die anderen (Arbeiter,
Bauern) durften der Illusion unterliegen, teilzuhaben - zumindest sollen sie
es glauben. Der Kampf um Bauernbefreiungen und Reformen, die Gegenstand der
Auseinandersetzungen sind um die Konföderationen von Bar (1768) und Targowica
(1792), sollten ausgeklammert werden. Der Nationsbegriff hatte die Funktion als
visionäres Disziplinierungsmittel. In Polen gilt seitdem für die betroffenen
Gruppen: Durch Partizipation am nationalen Verteidigungskampf darf man sich
als der Nation zugehörig fühlen. Die Verinnerlichung in der Gesellschaft
erfolgt in einem langsamen Prozeß.
Eine besondere Rolle hat in diesem Zusammenhang
der polnische Katholizismus in der Vermittlung des Gefühls der Zugehörigkeit
zur Nation als nationale Klammer bekommen. In der Teilungszeit verlor der Adel,
der bis dahin ausschließlich die Zugehörigkeit zur Nation definiert hatte, in
bestimmten zeitlichen Schüben an Macht. Die Definition, Pole zu sein, erfolgte
zunehmend über die Zugehörigkeit zum katholischen Glauben.
Dieses gewann ab dem Kosciuszko-Aufstand 1793/94 an Bedeutung. Gleichzeitig zum
abnehmenden Einfluß des Adels aufgrund des Verlustes seiner Machtquellen
erfolgte eine Einfluß- und Machtzunahme des Katholizismus. Dies hatte
seine Auswirkung auf die Definition der Nationszugehörigkeit.
Der Katholizismus unterscheidet sich wesentlich
von der Orthodoxie durch seine übernationale und staatliche Einordnung. In den
Beispielem Rußland, Serbien und Griechenland handelt es sich um regionale,
national begrenzte Kirchen. In Polen wurde der Staat während der Teilungszeit
als rechtliches bzw. organisatorisches Gerüst durch die katholische Kirche
ersetzt, in der die Angehörigen der alten Machteliten, verbunden mit einem
Intellektualisierungsschub, zunehmend Funktionen einnahmen. Dadurch stellten
sie den Kern der Funktionseliten in Polen dar. Diese Organisation war u.a.
aufgrund ihrer übernationalen bzw. globalen Ausdehnung und ihres fernen
Macht- und Ideologiezentrums nicht angreifbar. Sie war nicht zerstörbar, da eine
glaubensspezifische Verankerung vorlag, die sich bei Verschärfung des
Außendrucks nach innen verstärkte.
Es kann folgende These formuliert werden: Die
Besetzung der Funktionsstellen in der Kirche hat zur Stabilisierung der gesamten
Gesellschaft beigetragen. Sie war geradezu ein Herrschaftsinstrument bzw.
eine Herrschaftsnotwendigkeit. Die Kirche konnte aber aufgrund des fremden
Zentrums (Rom) keine Machtgruppe in der Gesellschaft begünstigen. Auch in
diesem Zusammenhang ist auch der Sachverhalt einzubeziehen, daß im 18.
Jahrhundert keine starke polnische Zentralmacht existierte.
Während der Aufstände funktionierten die zuvor
z.T. im Untergrund vorbereiteten Regierungen und damit der jeweilige Staat gut.
Gleiches gilt für die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Man kann dieses nicht nur
als einen Staatsersatz bezeichnen. In Polen hebt man die Existenz des
funktionierenden Untergrundstaates hervor. In dieser Phase wirkte erkennbar
ein äußerer Zwang, der die dezentralen Individualtendenzen in der Gesellschaft
in den Selbstzwang der (heroischen) Teilnahme an den Aufständen und den
napoleonischen Kriegen (dort als Funktion im Kampfe um die Wiedererlangung
der Unabhängigkeit
Polens) umsetzte.
Es gab keine einvernehmliche und eindeutige
Definition des angestrebten Zieles dieser Wiedererlangung. Józef Poniatowski
und seine Offiziere haben zusammen mit polnischen Bauern und Bürgern gekämpft.
Ihre Motive waren bezüglich der gesellschaftlichen Spannungsfiguration
konträr: Restitution der Adelsherrschaft gegenüber der Machtzunahme des
Bürgertums und Verbesserung der rechtlichen und sozialen Lage der Bauern. Man
kann wohl die Zielebene klar und konsensfähig betrachten: Freiheit und
Unabhängigkeit als prinzipielles Ziel. Die Frage der inneren oder äußeren
Freiheit bleibt sekundär. Es gibt keine einvernehmliche Definition, die als
innergesellschaftlicher Ausgleich verstanden werden könnte. Die
Spannungskonfiguration aus der Zeit vor den Teilungen bestand weiterhin. Die
Nation aber war deshalb nie substantiell gefährdet, weil die entscheidenden
Voraussetzungen - der Wille zur Behauptung seitens der sie tragenden Eliten und
letztlich der gesamten Gesellschaft - zu ihrem Erhalt vorlagen und verteidigt
wurden.
Die Königin
war als Symbol der Herrschaft und Einheit der Nation gegenwärtig. Diese Königin
war zugleich prinzipiell unangreifbar. Die mentale Beziehung der Bevölkerung
nahm zu, je stärker die Repressionen wurden. Auch in den entsprechenden
historischen Beispielen nahm diese Beziehung je nach Intensität oder
Brutalität, den Formen der Repressionen der Machtausübung der Fremdherren
zu. In diesem Zusammenhang ist auch die Sakrifizierung der Lenin-Werft im August
1980
zu sehen. Dadurch erübrigt sich die Frage nach der bewußten und geplanten
Aktion zur Sakrifizierung. Diese ist Gegenstand eines affektbesetzten und
verinnerlichten religiösen Rituals.
Die Nation behauptete sich durch Verlagerung bzw.
Ausweitung der Definitionskriterien. Der Staat stellte keine unabdingbare
Voraussetzung für ihre Existenz dar, sie brauchte deshalb auch nicht als
Staatsnation zu existieren. Zugleich verhinderte dieses Interdependenzgeflecht
einen möglichen Entwicklungsschub zur Staatsgesellschaft. Bei Bedrohung
verlagerte sie sich jeweils in die per se unangreifbare psychisch-mystische
Ebene und verstärkte sich dadurch bei zunehmender Bedrohung von Brutalität
und Terror der Fremdherrschaft.
Der ideelle Kampf konnte auf kultureller Ebene im
Ausland im Exil ausgetragen werden. Die polnische Nationalliteratur
hat im 19. Jahrhundert im wesentlichen die Funktion gehabt, den Kampf für
Freiheit und Unabhängigkeit sowie die Abwehr der gegnerischen Kultur (Religion)
auf literarischer Ebene psychisch zu führen.
Polnisch hatte als Schriftsprache bereits im 16.
Jahrhundert eine große Bedeutung erlangt. Diese war in Osteuropa höher
ausgeprägt als die des Russischen oder des Deutschen. Das Ukrainische,
Weißrussische, Tschechische und Slowakische waren bis ins 19. Jahrhundert
hinein slawische Bauerndialekte. Sie wurden erst im Laufe der psychischen
Nationsbildungsprozesse des 19. Jahrhunderts zu Schriftsprachen.
Die mentale Ablehnung des 22. Juli als Feiertag
hatte folgende Gründe: Er galt als Symbol für die Installation kommunistischer
Herrschaft am 22. Juli 1944 in Lublin. Dieses wurde zudem als Machtausübung
durch die Sowjetunion verstanden. Man glaubte den polnischen Kommunisten nicht,
die Unabhängigkeit erreicht zu haben. Man nahm den Tag wohl als arbeitsfreien
staatlichen Feiertag hin, akzeptierte ihn aber nicht als nationalen Feiertag.
In der Überzeugung der Menschen war der
kommunistisch regierte Staat nicht verinnerlichbar. Über ihn konnte sich
deshalb der Prozeß zur Bildung einer Staatsgesellschaft nicht entwickeln. Die
Ablehnung bezog sich auf den Staat generell, zudem speziell auf den
kommunistischen Staat. Aufgrund des äußeren Zwanges hatte es zwar einen
erheblichen Entwicklungsschub gegeben, der durch viele neue Symbole
untermauert werden sollte. Nach Wegfall dieses Fremdzwanges erfolgte sofort
ein Rückschritt in den mentalen Zustand 'ante'.
Erst nach Abklingen der Affektsituation, der
Installierung neuer Herrschaft seit 1989, des Wechsels im Machtzentrum des
Staates, erfolgt durch den - wiederum von außen als scheinbar ökonomischen
Sachzwang - oktroyierten Adaptionsprozeß an die EG/EU - möglicherweise ein
neuer Entwicklungsschub in Richtung Staatsgesellschaft. Es ist klar
erkennbar, daß die von den Macht- und Funktionseliten als notwendig gesehene
Hinwendung zur EG und die notwendige Beschleunigung des Prozesses mental nur
sehr begrenzt nachvollzogen wird. Es bilden sich die tradierten
Abwehrmechanismen gegenüber dieser 'unpolnischen' fremden Zwangsausübung
heraus. Den Trägern dieser Propaganda glaubt man auch nur begrenzt. Vermutlich
wird alles überlagert durch Frustration und psychische Agonie bzw. Lethargie.
Es kann durchaus sein, daß nur die tradierten sozialen Überlebensstrategien
angewandt werden.
Bis 1989 waren die Elemente der Vorkriegsregierung
in London bewußtseinsmäßig noch vorhanden, vor allem bei denjenigen, deren
Bewußtsein vor dem Kriege und ab Ende der siebziger Jahre mit zunehmender
Infragestellung der kommunistischen Regierung geprägt worden war. Dadurch waren
auch Formen des (bürgerlichen) Legitimitätsprinzips nicht unterbrochen, die
eine prinzipielle Voraussetzung der Staatsgesellschaft darstellen.
Das entscheidende Kriterium für die Menschen war
die problemlose Verflechung bzw. Überlagerung der dargestellten Ebenen. Ein
dem Deutschen adäquater Ausdruck wie ›Zusammenbruch‹ für das historische
Geschehen im Jahr 1945 existiert im Polnischen nicht. Während des gesamten
Krieges wurde die psychische Aufrechterhaltung, der Nichtzusammenbruch -
z.T. visionär - wesentlich über Symbole und den aktiven Kampf aufrechterhalten.
Das 'W', verbunden mit dem darübergestellten 'P' für Kämpfendes Polen, (Polska
walczaca). Alle Polen, die sich dem Zugriff Nazi-Deutschlands entzogen hatten,
waren einbezogen in den Kampf der Alliierten. Sie trugen ihre eigenen Symbole.
Die frühere Verehrung für Frankreich ist denn auch im hohen Maße umgeschlagen,
als bekannt wurde, daß z.B. eine große französische Armee nach der Kapitulation
in Nordafrika untätig verharrte und sich sogar gegenüber den Briten feindselig
verhielt und nicht als Bündnispartner gegen den gemeinsamen Feind kämpfte.
Sehr schnell stellte sich ab 1989 der
innergesellschaftliche Machtkampf in der Spannungsfiguration ein, den
Kirche und verweltlichte Gesellschaft bilden. Er hat sich ohne nennenswerte
Verwerfungen eingependelt. Seit 1991 befindet sich die Kirche auf dem
Rückzug. Die innergesellschaftlichen Gegenkräfte haben sich
artikuliert. Sie konnten sich aus der moralischen Verklammerung und
Verpflichtung lösen, weil die als bisheriger äußerer Zwang angelegten
Bedingungen sich aufgehoben hatten. Die Abwendung von der Kirche ab 1990, als
dem Ende der Überlebens- und Kampfphase der Nation, unterstreicht die
Funktionalität des Katholizismus und damit nicht eine Verankerung per se.
Der Begriff Vaterland wird als ein unspezifischer
Klammerbegriff verwendet. Er läßt individuelle Auslegungen im Zusammenhang mit
Funktionalisierungen zu. Der Staatsbegriff kann dies nicht, da er rechtlich
definiert werden kann.
Es ist eine Überlagerung des Prozesses der Findung
der Gesamtnation mit dem Staatenbildungsprozeß zu konstatieren. Die Nation
stellt keine real existierende Figuration im Sinne einer Körperschaft dar,
sondern eine Spannungsfiguration, die über Visionen eine geglaubte
Wirklichkeit ist.
Bis 1989 handelt es sich um eine spezifische
Vision, um eine Suche nach Nationsidentität in einer historischen Phase, deren
Prinzip die Bedrohung ist, zumindest die latente Existenz. Suchodolski hebt
diese Bedeutung für die Kulturgeschichte hervor sowie ihre Anerkennung in der
Bevölkerung bis in die Gegenwart.
Vorbemerkung:
Die Konnotation der polnischen Nation als
Widerstandsgesellschaft steht paradigmatisch im Kontext der Arbeit. Der Begriff
der Widerstandsgesellschaft ist bereits zum Stereotyp geworden. Er gilt für die
polnische Nation im Rahmen ihrer Selbstbeschreibungen gar als Synonym. Da die
polnische Literatur den heldenhaften Widerstandskampf, die Verteidigung des
Bodens, zum Gegenstand hat und er die Nationsgeschichte verkörpert, stellt sich
die Frage nach dem spezifischen Stellenwert im gegebenen Zusammenhang.
Als charakteristisch für Untergrundorganisationen
erwähnt Elias Siberski u.a. die Funktion der Illusionsbildung als Teil einer
doppelten Zielsetzung:
»Wie
soziale Formen überhaupt, so dient die Zielsetzung in der
Untergrundorganisation zwei Zielen: der Vorwegnahme des Ergebnisses in Form
einer Vorstellung davon, was als Endzustand erreicht werden soll, und zweitens
die Deutung des eigenen konkreten Tuns, das zu diesem Zustand führen soll.«
Siberski sieht die ›Illusionsbildung‹ als
Projektion eines zu erreichenden Endzustands. Die Formation bekommt eine
besondere Funktion dadurch, daß sie sich zu einer ›öffentlichen‹
Untergrundorganisation entwickelt, wenn ›praktisch die ganze Bevölkerung …
wie im Falle nationaler Freiheits- und Widerstandsbewegungen‹ beteiligt ist.
Zweifellos hat Siberski sein Modell aus dem Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit
abgeleitet.
Bezüglich der Zielsetzung der Solidarnosc muß differenziert werden zwischen
der nur partiell möglichen Konkretisierung des Zieles aufgrund der
Rahmenbedingungen und andererseits dem Globalziel. In der Anwendung von
Siberskis Ansatz stellt sich das Problem des höheren Grades der Komplexität des
Gesamtproblems, da das Ziel über die Reproduktion von Unabhängigkeit und
Freiheit hinausgeht und eine Veränderung bzw. Ablösung eines Modells zum
Gegenstand hat und anderersetis die historisch durchlebten Modelle für große
Segmente der Gesellschaft diskreditiert sind.
Diejenigen, die eigenes politisches Versagen, bzw.
das der politischen Eliten, in der Niederlage sahen, waren in der Minderheit.
Sie wurden von der Mehrheit der Gesellschaft abgelehnt, und man ordnete ihnen
gar eine Nestbeschmutzerfunktion zu. Man favorisierte das heroische Denken
und bestätigte sich affektiv gegenseitig den eigenen Heroismus in der
Niederlage. Deshalb gehört die Niederlage zur Tradition. Man könnte deshalb von
einem nationalen Leidensstreben bzw. kollektiven Leidensvorbehalt sprechen.
Schlußfolgerungen aus dem historischen Kontext
sind nicht die Durchführung einer Analyse der Niederlage. Die Ansätze der
Denkschema entsprechen weder kritischem noch analytischem oder rationalem
Denken. Aus dieser Konstellation entsteht prinzipiell der zähe, hartnäckige und
kompromißlose Widerstand der Nation. Es gilt nicht zu versuchen, aus der
Niederlage noch das zu retten, was zu retten ist, sondern es dominierte das
verbissene Ja zum Widerstand. Dieses heroische Denken in Wechselwirkung mit der
Widerstandspraxis verhindert ein auf langfristige Optimierung bzw.
Konsolidierung angelegtes Handeln.
Der militärische Widerstand wurde z.B. im Winter
1940 in den Wäldern Mittelpolens vernichtet. Es hatten Überfälle stattgefunden
auf deutsche Militäreinrichtungen. Die Aktionen können als Ausdruck für nicht
disziplinierbares Individual- oder Gruppenverhalten gelten, vielleicht für
eine Gesellschaft, die durch Gruppenkonsens oder auch Gruppenzwang
gekennzeichnet ist. Es erfolgte dabei die Reproduktion eines
gruppenspezifischen Selbstzwanges.
Beispiel für das Denken nach der Kapitulation der
letzten militärischen Verbände war: Das Oberkommando befindet sich im
gegenwärtigen Augenblick im Exil. Es ist zwar z.T. interniert, hat aber nicht
kapituliert. Die Kapitulation der Festung Warschau war eine Teilkapitulation.
Die Truppe des Generals Kleeberg
hat noch bis Mitte Oktober gekämpft. Es erfolgten 'Hurra-Angriffe bei
Zerokomla'. Man hat die Deutschen vom Schlachtfeld getrieben bis die Munition
ausging. Die Kapitulation dieser letzten polnischen Truppen auf dem Gebiete
Polens nach der 'Schlacht bei Kock', nördlich Lublin, erfolgte am 5. Oktober
1939.
Die Kapitulation war keine polnische
Gesamtkapitulation im völkerrechtlichen Sinne. Daraus folgte, daß der Krieg
fließend in den Untergrundkampf überleitete. Die internierten polnischen
Generale haben bis zum Ende des Krieges in der Internierung, z.B. im Lager
Murnau, einen hohen Ethos gehabt. Es wurde auch in der SS-Hierarchie anerkannt.
Es gab polnischerseits sehr wenig Kontakte mit den Okkupanten.
Man hat im Widerstandskampf keine
rechtlich-formale Ebene anerkannt. Maßgebend war die Empfindung der Nation im
Abwehrkampf. Diese affektiv induzierten und definierten Ziele wurde umgesetzt.
Inwieweit dieser Sachverhalt soziostrukturell zu differenzieren ist, muß an
anderem Ort untersucht werden.
Vom amtierenden Staatspräsidenten Ignacy Moscicki
- er befand sich in der Schweiz - wurde das Amt auf dem in der Verfassung
vorgesehenen Wege übertragen. Moscicki hat das Amt am 27.09.1939 niedergelegt
und auf den in Frankreich weilenden Senatsmarschall Wladyslaw Raczkiewicz als
seinen Nachfolger übertragen. Raczkiewicz ernannte General Wladyslaw Sikorski
am 30. September in Paris zum Ministerpräsidenten. Der Sitz der
Exilregierung wurde zunächst Angers.
Die Legitimierung aus einer fiktiven rechtlichen
Fortexistenz - ohne realer Existenz des Staaates - gilt als zusätzlich, nicht
als ursächlich. Aus der Tatsache, daß eine völkerrechtliche Anerkennung, eine
manifeste Legitimierung nur aus der Anerkennung anderer Mächte heraus entstehen
kann, resultiert das Bemühen der Militärregieung um Anerkennung der
entscheidenden Mächte. Letztere ist durch die USA, Großbritannien und auch die
Sowjetunion erfolgt.
Die Sowjetunion brach erst nach dem deutschen
Überfall am 17.9.1939, d.h. im Zusammenhang mit ihrem Einmarsch nach Ostpolen
formell die Beziehungen ab. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion hat
es zwischen der sowjetischen Regierung und der polnischen Exilregierung
Verhandlungen über die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen gegeben.
Während dieser Verhandlungen wurden die Gräber der polnischen Offiziere bei
Katyn entdeckt. Die polnische Exilregierung verlangte Aufklärung darüber.
Daraufhin brach Moskau die Verhandlungen ab. Eine Wiederaufnahme der
diplomatischen Beziehungen ist dadurch nicht erfolgt. Man hat dann in Moskau
versucht, eine kommunistische Machtgruppe aus in die Sowjetunion geflüchteten
Polen aufzubauen. Diese Gruppe ist auf polnischem Boden am 22. Juli 1944 in
Lublin als Gegenregierung installiert worden.
Man kann die These formulieren, daß auch im
Bewußtsein der AK-Kämpfer die physische wie politische Niederlage gegen Ende
des Bürgerkrieges
1947, die Kampfaufgabe wegen der dominierenden Stärke des kommunistischen
Volkspolens, nur als vorübergehend angesehen wurde. Das impliziert eine gewisse
Kontinuität des Kampfes, in dessen Zusammenhang die Ereignisse 1956, 1968,
1970 und 1980 gesehen werden - jeweils in ihren spezifischen Ausprägungen.
Es wird davon ausgegangen, daß die Identität der
Strukturelemente der historisch-gesellschaftlichen Prozesse und die
Parallelität der Methode die Behandlung des Gegenstands legitimieren. Wie die
damaligen Machteliten und die Funktionseliten am Machterhalt festhielten, so
wollten ihre Gegner die Macht erringen. Der Zeitraum seit dem 1. September 1980,
dem Abschluß der Danziger Vereinbarungen, bis über den Kriegszustand hinaus
stellt eine Phase beiderseitiger Ohnmacht bzw. eine nicht veränderbare
Ausbalancierung der Machtgleichgewichte dar.
Unter Breschnew erfolgte im Lager der
sozialistischen Länder 1968 eine Einschränkung der Souveränität: Es sollte die
Doktrin durchgesetzt werden, daß die sozialistische Gemeinschaft über der
nationalstaatlichen Souveränität stehe. Der Begriff ›Suwerennosc‹ hat
symbolischen Charakter. Im Gegensatz zu ihm steht der Begriff ›Sucerennosc‹.
Der Begriff Souveränität hatte die Funktion eines Verkleidungsparavans für die
eigentlich gemeinte ›Suzeränität‹. Seine Verwendung ist zugleich
Charakteristikum der Arbeit auf zwar diskutierter aber halboffizieller
Metaebene. An dieser Offenlegung hat ebenfalls niemand Interesse. Seitens der
UdSSR hat man nur für Polen den Begriff ›Suwerenosc‹ durchzusetzen versucht.
Intention war eine Enthistorisierung der Politik durch Eliminierung von
Reizbegriffen und damit zugleich von deren Inhalten. ›Wolnosc‹ bedeutet
Freiheit im allgemeinen. Der Begriff ist unspezifisch. Dies galt insbesondere
für die Phase unter Gomulka. Der Begriff ›Niepodleglosc‹ wird im Deutschen
wörtlich mit Unabhängigkeit übersetzt. Er bedeutet im Polnischen nationale
wie staatliche Freiheit. Mit dem Begriff der ›Souveränität‹ wurde immer die
›begrenzte Souveränität‹ gemeint.
Der Verfasser hat 1981 mit einem Posener
Politologen, er war zugleich ›Politruk‹, über die ›begrenzte Souveränität‹ in
der Geschichte der BRD gesprochen. Ziel war es, im Gegenzug in analoger Weise
eine Einschätzung des entsprechenden Verhältnisses Polen - Sowjetunion zu
erhalten. Dem sehr interessierten Zuhören folgte ein Schweigen in Beklemmung.
Nach der Wende verschwand der Begriff der Souveränität und wurde wieder durch
den Begriff ›Unabhängigkeit‹ ersetzt. Die KPN benutzt den Begriff seit ihrer
Gründung 1979 in ihrem Namen
und maß ihm zweifellos eine gewollte Funktion als Kampfbegriff zu. Die KPN galt
als nationalistisch und wurde in gewisser Tradition der ›Endecja‹ stehend
eingestuft.
Die Problematik liegt auf der Ebene der
Selbsteinschätzung der Staats- bzw. Nationsträgergesellschaft. In der
Nachkriegsgesellschaft gibt es in Polen entsprechende Einschätzungen für die
Trägerschaft gegenüber dem Staat, ca. 15 Prozent bzw. ca. ein Siebentel.
Dazu gehören überzeugte Kommunisten, Funktionsträger sowie Machtangehörige.
Die relativ große Akzeptanz der Macht bzw. des
neuen kommunistischen Staates läßt sich ableiten. Man akzeptierte nicht die
Ideologie, da jegliche Ideologie als Phrase bzw. Leerformel angesehen wird,
sondern das Funktionieren des neuen Gemeinwesens auf höherer
Integrationsebene in seiner Gesamtstruktur, also zwangsläufig im neuen Staat.
Paradigma ist der Selbstzwang als nationales Überlebensmoment, aber nicht im
Sinne des Beitragens zur Konsolidierung des sozialistisch verfaßten Staates.
Das Erreichen dieses Globalzieles erfolgt zweifellos in Verbindung mit einem
hohen Grad an Improvisation. Improvisation impliziert kein diszipliniertes
Vorgehen als kollektiver Selbstzwang, sondern setzt ein bewußtes - auch
selbstbewußtes - und gezieltes Verhalten voraus.
Erst als die Partei mit ihren Maßregelungen
begann, dem Normieren wie Durchorganisieren, setzte der sich verstärkende
Widerstand ein. Das charakteristische am Verhalten ist dabei, daß man es
‘einfach’ tut. Man kann und muß es tun, weil man damit partiell tradiertes
Nationsverhalten reproduziert. Das gegen die kommunistische Machtausübung
gerichtete Verhalten entspricht damit wieder tradiertem Nationsverhalten. Der
Konsens der Wertvorstellungen, der Globalzwang zu ihrer Durchsetzung ist
Ausdruck der Notwendigkeit im Abwehrkampf. Dieses wird nicht 'hinterfragt'
oder 'analysiert. Eine ›Analyse‹ hat zur Funktion eine Reduktion affektiver
Macht und damit auch die Schwächung der eigenen Position.
Ergebnismarkierungen der stalinistischen Epoche
erfolgen bis ca. 1954. Ab dieser Zeit waren gravierende Differenzen entstanden.
Sie führten zu Machtkämpfen, die dann 1956 zum Wechsel der Machtgruppen führte.
Den Sachverhalt trifft besser der Begriff der ‘Macht’ als jener der
‘Herrschaft’, da letzterer an das Wirken des Staates gekoppelt ist und zugleich
mit dem Legitimitätsanspruch verbunden ist. Die Legitimität wird aber in
Frage gestellt. Der Staat ist suspekt, und wird partiell als feindlich
empfunden.
Der Begriff ›kommunistische Herrschaft‹ sollte -
zunächst bezogen auf die polnische Gesellschaft - möglichst vermieden werden.
Er entstammt der antikommunistischen Diktion der Nachkriegszeit. Die
Machtausübung in den ehemals kommunistischen Ländern stellt eine Methode
autoritärer Herrschaft dar, die von in bürgerlicher oder katholischer
Tradition, auch antikommunistischer in Haltung stehenden Intellektuellen
als 'dumm' empfunden wurde.
Die als Doktrin der Partei propagierte erhöhte
Partizipation der ›Arbeiterklasse‹ sowie die vorgegebene gerechte
Distribution hielten der Realität nicht stand. Wenn auch die Ungleichheit
bezüglich des Zugangs zu Distribution im Konsum- wie Dienstleistungssektor
möglicherweise geringer war als in Westeuropa - so hatte die vermutete
Privilegierung der Machtelite eine entsprechende Wirkung. Der Widerspruch der
Propaganda zur Wahrnehmungsrealität vergrößerte sich in der zweiten
Hälfte der siebziger Jahre zunehmend. Die reale wie geglaubte Machtungleicheit
in politischer wie ökonomischer Hinsicht wurde als kommunistische Herrschaft
empfunden. Der Begriff ist aber dem Sachverhalt komplexer Machtbalancen und
sozialer Prozesse der mittelosteuropäischen Gesellschaften nicht adäquat. Er
stellt eine Funktionalisierung seitens antikommunistischer Kräfte dar.
Max Weber hat - bezogen auf die preußisch-deutsche
Staatsgesellschaft - die Begriffe Macht und Herrschaft auseinandergeführt. In
Polen werden sie noch identisch verstanden. Man verwendet für beides den Begriff
wladza.
Es fehlt in der polnischen Gesellschaft die
Überzeugung an die Legitimität der Herrschaft für die Akzeptanz seitens der
entsprechende Eliten. Adel, Bürgertum des 19. Jahrhunderts als Träger
legitimer Machtausübung haben in Deutschland die Legitimität anerkannt
zugleich aber deren Prinzip definiert. Eine Forderung nach 'demokratischer'
Legitimierung ist eine Forderung machtschwacher Figurationen, insbesondere
von den diese repräsentierenden Intellektuellen oder anderen Führern. Im
Prinzip ist diese Forderung in den parlamentarisch-demokratisch verfaßten
Ländern im wesentlichen umgesetzt. Für die osteuropäischen Gesellschaften
gilt das nicht. Es wird überlagert durch das Prinzip der Staatsferne und feindlichkeit.
Da keine Herausbildung der Mittelschichten erfolgte, fehlten entsprechende
Träger des Legitimitätsgedankens.
Ein aktuelles Beispiel: Nach der Wahl
Kwasniewskis zum Präsidenten der Republik Polen im November 1995 hat es ca.
600.000 Briefe gegeben mit dem Ziel einer Wahlanfechtung. Diese Bürgerinnen
und Bürger akzeptierten die demokratische Legitimität des Gewählten nicht.
Andererseits ist die Kampagne der Kirche, vor den Kirchen Listen aufzustellen,
in die man sich eintragen könne, um zu bekunden, man habe Kwasniewski
nicht gewählt. An dem betreffenden Sonntag im Dezember 1995 verzeichneten die
Kirchen einen deutlich geringeren Besuch der Hl. Messe.
Ziel war deutscherseits die Konkretisierung der
Politik. Egon Bahr verfolgte eine Doppelstrategie. Zum einen galt es,
Erleichterungen zu schaffen für die Menschen und zum andern zugleich Fragen zu
stellen. Es handelte sich um eine echte Intention, Politik zu gestalten. Die
anderen (die Gesprächspartner) hatten keine Antworten, sondern antworteten mit
neuen Fragen. So entsteht ein Denk- und Entwicklungsprozeß, in dessen
moralischer Ebene Versöhnung und Normalisierung als Notwendigkeit erkannt
werden auf der Basis von durch Deutsche verursachten Leiden und dadurch
entstandener Schuld. Daß diese Ostpolitik in Wechselbeziehung steht zu
politischen Implikationen sowie ökonomischen Interessen, steht in einem anderen
Zusammenhang. Diese Problemebene kann aber an dieser Stelle nicht diskutiert
werden.
Auf einen weiteren Gedanken ist aber hinzuweisen:
Der Verfasser ist zweifellos selbst in die moralische Ebene des
Aussöhnungsprozesses involviert. Da dieser Prozeß eine gewisse paradigmatische
Funktion am Ende der siebziger Jahre bis etwa 1989/90 besaß, also bis zum Prozeß
der deutschen Vereinigung, verbunden mit dem Abschluß des Grenz- bzw.
Freundschaftsvertrages, erschwert es zugleich den Distanzabbau gegenüber
Verhaltensweisen gesellschaftspolitischen Kampfes in Polen. Letzteres stand
den Grundsätzen von Versöhnung und Toleranz prinzipiell fern, da diese sich
primär am tradierten kompromißlosen Kampf orientieren.
Die Komplexität wird auch dadurch erhöht, daß
einerseits die reformorientierten Kräfte in Westdeutschland, das
sozialliberal orientierte bzw. gewerkschaftliche Lager, das einerseits den
gewerkschaftlich-emanzipatorischen Kampf der Solidarnosc unterstützte, aber
zugleich ihre Ostpolitik auf das weitere östliche Europa ausdehnte. Dieses
stellte aber mit der Sowjetunion den eigentlichen, weil übergeordneten
ideologischen und machtspezifischen Gegner dar.
Die verschiedenen ideellen und materiellen Hilfen
für die Solidarnosc flossen dabei Kräften zu, die den konservativen Kräften
Westdeutschlands näher standen, die aber ihrerseits aus innenpolitischen
Gründen nur in der Minderheit positiv zur damaligen Ostpolitik standen und diese
nur begrenzt förderten, wie Barzel, v. Bismarck, v. Weizsäcker.
Adam Krzeminski wies einmal darauf hin, daß es
überwiegend die den Gewerkschaften oder der SPD nahestehenden Institutionen
oder Stiftungen waren, die Stipendien vergaben.
Bei den Unionsparteien könne man nur wenige Personen nennen, wie z.B. Rita
Süßmuth, die der Polenpolitik wohlwollend gegenüber standen. Zur Problematik
der Entspannungspolitik der SPD äußert sich u.a. Janusz Reiter,
seit 1991 Botschafter der Republik Polen in Deutschland. Er war selbst am Anfang
der achtziger Jahre Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine Relativierung
liegt dadurch vor, daß es z.B. in Polen einerseits keine sozialdemokratische
bzw. dem sozialliberalen Lager der siebziger Jahre entsprechende Bewegung gibt
und andererseits das katholische Solidarnosc-Lager nicht als kongruent mit
dem christlich-konservativen Lager der Bundesrepublik gilt, was wiederum nur
einen Teil des Gesamtspektrums der Unionsparteien entspricht.
Basis der Ostpolitik der SPD war die begründete
Erwartung an eine wachsende Machtpartizipation bisher von der ›Macht‹
ausgegrenzter Gruppen in Osteuropa sowie eine demokratische Legitimierung der
Politik. Man sah eine begrenzte Chance auf Reform in Polen im Sinn distinktiver
kontinuierlicher Veränderungsschritte nach und nach. Die Frage, ob eine
Chance auf begrenzte Schritte per se, d.h. unter den damaligen Bedingungen
möglich war, kann bisher nicht abschließend beurteilt werden.
Die linken Intellektuellen Westeuropas haben im
Kontext mit dem Postulat ihrer Moralität in den siebziger das Friedensziel für
sich reklamiert. Das Thema Ostpolitik wurde von ihnen nicht mehr besetzt. Von
der Partizipation an anderen Zielen waren sie bereits ausgeschlossen bzw. haben
diese Themenbereiche aufgegeben. Aufgrund ihrer Machtarmut konnten sie nicht
partizipieren und verfügten nicht über entsprechende Möglichkeiten der
Einflußnahme. Man widmete sich z.B. dem Thema der ›Sozialen Gerechtigkeit‹ durch
das Ziel, die als solche definierte ›Soziale Ungleichheit‹ abzubauen. ›Soziale
Ungleichheit‹ ist ein in einer Wohlstandsgesellschaft zwar relativ steigendes,
im Vergleich zu einer Armutsgesellschaft aber ephemeres Problem. Es ist in
einer Wohlstandsgesellschaft kein per se generalisierbares Problem. Außerdem
wird den Linken der Vorwurf gemacht, daß das Niveau des allgemeinen Wohlstands -
wenn auch ohne Zweifel in einer ›Zwei-Drittel-Gesellschaft‹ - ohne sie erreicht
worden ist. Die Nachweisführung des Gegenteils ist nicht erfolgt. Sie
widerspricht einen auf ›gerechte Distribution‹ angelegten Ansatz.
Die Formulierung der Fragestellung der Interviews
ist durch den dargestellten Zusammenhang zweifellos beeinflußt worden. Sie ist
entstanden aus der damaligen zweifellos westdeutsch geprägten Sichtweise des
Verfasser bei Abfassung der Konzeption. Erst langsam kristallisierte sich das
Bewußtsein über die hohe Komplexität heraus, die mit der Übertragung von
Begriffen wie christdemokratisch oder sozialdemokratisch auf die polnische
Gesellschaft verbunden ist. Die mit diesen Begriffen verbundenen weiteren
Bezugsebenen stellten sich ebenfalls nach und nach klar sichtbar heraus,
wenngleich sie von vornherein latent vorhanden waren. Auch befreundete
polnische Wissenschaftler haben die Problematik der differenzierten
Wechselbeziehungen aufgrund ihrer spezifischen Involviertheit nicht
eingeschätzt. Sie beherrschten zwar alle die deutsche Sprache gut und waren
mit den Problemen der deutschen Gegenwartsgeschichte vertraut, sind aber
ebenfalls zu sehr von ihrer eigenen Sichtweise ausgegangen.
In der Auswertung wird deshalb auf diese
Problematik der Implikationen in der Ausgangssituation der Fragestellung
eingegangen. Die Schlußfolgerungen müssen behutsam erfolgen.
Mit dem Ende des Sozialismus und damit der
Beendigung der Subsysteme Ostmitteleuropas reduzierte sich die Hinwendung zu
den bisherigen Formationen. Prozesse der Divergenz sind in der polnischen
Gesellschaft zu beobachten. Ein differenziertes ungesteuertes spontan
zersplittertes Milieu entsteht vor allem in den Großstadtgesellschaften.
Asiatische Religionen, obskure esotherische Gruppen oder Grüppchen etc. finden
seit 1989 zunehmend Resonanz. Der Prozeß ist verbunden mit dem
Bedeutungsrückgang der Kirche sowie von deren gesellschaftlichen
Integrationsmechanismen.
Es werfen sich dabei grundsätzliche Fragen auf,
z.B. inwieweit linke Intellektuelle in Westdeutschland, als eine - in den
achtziger Jahren - zu den hochgradig stabilen Gesellschaften zählend, nur
begrenzt fähig oder unkritisch sind gegenüber relativierenden
Eigenbetrachtungen. Ihre Positionen erscheinen; dieses angesichts der
gesellschaftlichen Prozesse in Ostmitteleuropa, einer durch
Zwangsapparaturen aufrechterhaltene Stabilität sowie der Entmachtung
der bisherigen Eliten nicht verständlich. Man nahm auch die machtspezifischen
Entstaatlichung nicht wahr. Der 1989 offenkundig gewordene Zerfall des
physischen Machtmonopols stellt eine Fortsetzung dar, keinen Beginn einer neuen
Entwicklung. Für die Endphase des realen Sozialismus wäre durchaus ein
Krisenbegriff in seiner Totalität adäquat. Liegt die Ursache in der
selbsterzeugten Vorstellungskrise dieser sich zur intellektuellen Elite
zählenden Linken, die die Intellektualität zudem in toto belegen wollen?
Möglicherweise ist das entscheidende Kriterium westdeutscher bzw.
gesamtdeutscher Intellektueller ihre Nichtpartizipation an den
Machteliten, ihr durch sie selbst versperrter Zugang dazu sowie ihr nur sehr
partieller Zugang zu den Funktionseliten. Wenn, dann erfolgte der Zugang über
gewisse Einflußmechanismen im Staat.
Der Verfasser ist sich bewußt, daß die vertretene
Position nicht konsensfähig ist mit einigen Segmenten westdeutscher
Intellektueller. Der Exkurs erscheint dadurch berechtigt, daß in den freien
Machtkämpfen der post-sozialistischen Ära in Polen starke Wechselbewegungen
aller Balancen erkennbar sind, verbunden mit Auf- und Abstieg, mit Zugang zu
den Machtzentren wie Ausgrenzung und daraus wiederum der Umkehrung nach der
Bildung der 'Linkskoalition' in Warschau im Oktober 1993.
Daraus wird die spezifisch individuelle nicht
abgedämpft-ausbalancierte Machtstruktur der Gesellschaft deutlich. Sie ist ein
Charakteristikum bereits für die Zeit seit 1919, in der den Intellektuellen der
reale Zugang zur Macht in der jetzt unabhängigen Nation und dem neu gebildeten
Staat zumindest zu starken Pendelschlägen in der Politik führte. Es wurde
durch das autoritäre Regime des Marschalls Pilsudski abgelöst. Es trifft nicht
den Kern, wenn dieses Regime mit im westeuropäischen Sprachgebrauch tradierten
Begriffen wie Militärdiktatur belegt wird. In diesem Land, das in den dreißiger
Jahren ca. zehntausend Menschen inhaftiert hat, die zumeist zweifellos als
politische Gefangene bezeichnet werden können, befanden sich ca. dreißig
Parteien im Sejm.
Nicht wenige Polen sehnen sich - in Verklärung wie auch Verkennung der
Pilsudski-Ära - wieder danach zurück. Es ist aber kaum mehr als ein
Nostalgie-Effekt. Lech Walesa instrumentalisiert dieses mit nur begrenztem
Erfolg.
Möglicherweise verdeutlicht der Machtverlust
intellektueller Gruppen in Polen seit 1989 in Relation zu den ehemals
sozialistischen Staaten das Generalphänomen im Wandlungsprozeß der
Intellektuellen. Der Machtverlust korreliert mit dem sozialen Abstieg vor allem
bestimmter intellektueller Gruppen, wie Lehrer und Geistes- wie
Sozialwissenschaftler. Er hat seine Ursache zweifellos in der Arbeitslosigkeit
der intellektuellen Berufe in marktwirtschaftlichen Systemen. Andererseits ist
die Arbeitslosigkeit in dem hohen Maße Ausdruck der Freiheit zur
Selbstentscheidung in der Bürgergesellschaft. Dies ist abhängig vom freien
Zugang zu den staatlichen Bildungseinrichtungen sowie der staatlichen
Gewährung des Zugangs zu den beruflichen Ausbildungen als Ausdruck wie
Einübung des erkämpften Bildungsrechts. Es erfolgt keine nach Marktgesetzen
vorgesehene Reduktion im Angebot intellektueller Berufe. Dieses Phänomen der
von den Mittelschichten getragenen 'bürgerlichen' Gesellschaft der
prosperierenden Industrieländer hat ihre Entsprechung in der Förderung des
Bildungssystems der sozialistischen Länder.
Das Ziel der Bildungsförderung im Realsozialismus
war gleichzeitig die Schaffung einer der Staatsmacht loyalen 'inteligencja'.
Diese war Voraussetzung zur Herausbildung von loyalen Funktionsträgern und
insbesondere intellektuellen Eliten in der frühen und zunächst entscheidenden
Phase des Staatenbildungsprozesses im Nachkriegspolen. Dies hatte durchaus
zunächst zur Folge, daß eine Loyalität erzeugt wurde, solange es sich um eine
erfahrbare und umgesetzte - zumindest relative - Privilegierung handelte bzw.
den Aufstieg in der Hierarchie der Funktionsträger. Die Machtausübung seitens
der Partei wurde aber nicht prinzipiell und auf Dauer stabilisiert. Viele
dieser Intellektuellen oder Funktionsträger in Polen, die zur 'inteligencja'
gehören, verfügen über Wohnungen, die zum Zeitpunkt des jeweiligen Bezuges in
den sechziger oder siebziger Jahren zu bevorzugten Komfortwohnungen in
günstiger Lage gehörten. Der Verfall der Bausubstanz ist ein späteres Phänomen.
Nach den der Not entsprechenden
Personalbesetzungen der vierziger und frühen fünfziger sowie dem
Qualifikationsschub der späten fünfziger und sechziger Jahre näherte man sich
zwar noch keiner Grenze der Qualifizierung und Intellektualisierung im Sinne
einer Sättigung des Bedarfs an Akademikern. Die hohe Wachstumsrate der
polnischen Bevölkerung von 1945 ca. 25 Millionen auf ca. 39 Millionen Menschen
am Ende der achtziger Jahre hatte aufgrund des Industriealisierungsschubes,
verbunden mit einem steigendem Personalbedarf, einen
Verstaatlichungsprozess der familialen Ebene zur Folge. Es erfolgte ein
Ausbau der vorschulischen, schulischen, fachschulischen wie universitären
Bildungssysteme mit ihrem jeweils bis in die siebziger Jahre wachsenden
Personalbedarf. Aus diesem lange Zeit wachsenden Bedarf an Personal resultierte
die relative Machtstärke der verschiedenen Sektoren der Bildungseliten.
Man kann also von einer prinzipiellen und relativ stabilen Loyalität ausgehen,
die aber nicht auf persönlichen Überzeugungen beruhen mußten, was auch kaum
zutraf. Die genannte Loyalität erstreckte sich über die Mitte der siebziger
Jahre hinaus.
Als Indikator kann man die über bestimmte
Symbolsprachen vermittelte Einstellung der Bevölkerung ansehen. Bis etwa 1975
witzelte man über Unzulänglichkeiten. Man glaubte sich zumeist aspirativ in
einer positiven Situation. Eine spürbare oder zu vermutende Bedrohung betreffs
sozialer Statusabsicherung oder reduzierter Aufstiegschancen oder gar
sinkender Prosperität war nicht vorhanden. Man gab sich in der Regel einer
Hoffnung steigenden Lebensstandards hin. Ein leitender Ingenieur eines
chemisch-technischen Betriebes strahlte z.B. 1975 bei einem Besuch in einem
Chemiekombinat ein sehr hohes Maß an Selbstzuversicht aus und präsentierte
stolz seinen Wagen, einen rumänischen Lizenzbau (Dacia), einer französischen
Marke der damals eindeutig in Polen als Luxus angesehen wurde. Die Läden waren
voll. Das Ausmaß des kreditfinanzierten Konsumgüterimportes war der
Bevölkerung noch nicht bekannt.
Die Bewußtwerdung der Tendenzumkehr, geradezu das
'Kippen' der erfahrbaren Situation erfolgte bei den Intellektuellen erst ab
etwa 1977, vor allem nachdem 1978 die DiP-Studie
polnischer Wissenschaftler in der katholischen Presse veröffentlicht worden
war.
Ferenc Fehér
sieht 1981 den totalen Vertrauensverlust der Regierenden in den sozialistischen
Ländern unter drei Aspekten: Erstens der fast vollständig fehlende Glaube an
Reformen von oben, bestärkt durch die Erfahrungen der Jahre 1968 und 1970. Als
zweites führt er die in den siebziger Jahren erstarkte Opposition an, die in
Osteuropa 'brutal unterdrückt' wurde. Als dritten und entscheidenden Faktor
führt er den endgültigen Zusammenbruch der offiziellen Ideologie an, dessen
Beginn er in die Chrustschow-Ära datiert. Adam Michnik sieht den entscheidenden
Faktor in der Desintegration der Macht seit 1976.
Die Versorgungsschwierigkeiten nahmen zu; die
Wartezeiten für höherwertige Güter, vor allem für Wohnungen, wurden länger. Der
Wertverfall des Zloty beschleunigte sich und der zweite Waren- und
Geldkreislauf kristallisierte sich heraus und nahm beständig zu. Es handelte
sich zunächst aber noch nicht um eine Phase sich selbst abbauender Euphorien
bzw. sich selbst verstärkender Negativeinschätzungen. Man klagte und spottete
ironisch über die erfahrbaren Unzulänglichkeiten und den Aufwand, die
begehrten Waren doch noch im sich ausbreitenden zweiten Wirtschaftskreislauf
zu erlangen. Man unterstützte sich gegenseitig beim 'Besorgen' und
'Improvisieren'. Irgend jemand 'erledigt' es schon. Etwas zu 'erledigen' wurde
zu einem Synonym für das Existieren von Loyalitätsbeziehungen auf
individueller, affektiver und familialer Ebene.
Man witzelte gegen Ende der siebziger Jahre
darüber, daß es keine Krise mehr gäbe wie früher, als es mehrere Krisen gab, im
Frühjahr, im Sommer, usw., jetzt gäbe es nur noch eine Krise und zwar 'das ganze
Jahr' über.
Diese Formulierung gebrauchten polnische Freunde und andere Gesprächspartner
1979 nach Ankunft westdeutscher Gruppen in Warschau. Das spürbare Sinken der
realen Erwartungen, der drohende eigene Abstieg war verbunden mit sinkender
Loyalität zum Staat und entwickelte sich bis hin zum völligen Verlust des
Realvertrauens ab Ende 1979.
Die Widerstandsformen der Intellektuellen hatten
sich vor allem seit etwa 1968 herausgebildet. Es seien stellvertretend die
Namen Kuron, Modzelewski und Michnik genannt, da vor allem diese
Intellektuellen aus politischen Gründen verurteilt und inhaftiert worden
waren. Andere, wie Kolakowski oder Schaff, waren bereits in den sechziger
Jahren in den Westen emigriert und lehrten vor allem im angelsächsischen
Sprachraum.
In der jungen nachwachsenden Intellektuellengeneration, die in den
siebziger Jahren noch kostenfrei studieren konnte, deren Exkursionen noch
relativ problemlos von den Instituten organisiert und finanziert werden
konnten, verlor man individuell die Hoffnung und Loyalität vor allem seit dem
Sommer 1980. Man trat aus der Partei und den offiziellen Jugendorganisationen,
wie z.B. Studentenverband aus und schloß sich der Solidarnosc an. Ein großer
Teil verblieb in der alten Organisation und trat trotzdem der Solidarnosc bei.
Im Verlaufe des Jahres 1981 sanken die Hoffnung auf die Effizienz dieser
Organisation sowie die Chance auf Realisierbarkeit ihrer Forderungen,
wesentlich aber die Hoffnung auf Machtpartizipation durch die Nichtkommunisten.
Man kann dabei zwei Grundtendenzen unterscheiden:
Einerseits die bis zuletzt (1979) herbeigefühten Loyalitätsbeziehungen seitens
der Intellektuellen gegenüber dem Staat aufgrund der skizzierten
Zusammenhänge, wobei durchaus eine Relativierung durch tradierte
Notwendigkeiten in gesellschaftlichen Überlebenseinheiten zu sehen ist. Diese
stehen in einem prozessualen Zusammenhang und sind als solche
nachzuvollziehen und zu beurteilen.
Andererseits ist da die prinzipielle Entwicklung
des Zivilisationsprozesses. Dieser ist in seiner ersten Phase, der
Herausbildung, Festigung und langfristigen Stabilisierung des staatlichen
Gewaltmonopols erfolgt und abgeschlossen. Das Steuermonopol ist verknüpft mit
dem Anspruch des Staates auf Gesamtsteuerung der Wirtschaft. Seine
Überorganisation und Zementierung zeigt das nur von wenig Zurückhaltung geprägte
Verhalten der Machtinnehabenden. Die Verknüpfung dieser zweiten Phase des
Prozesses, die intellektuelle Emanzipation, man kann auch sagen, die Praxis
demokratischer Kontrollmechanismen etc., die reale gesellschaftliche
Partizipation an Entscheidungsprozessen, wurden nicht durchgeführt. Es kann
davon ausgegangen werden, daß sie von seiten der herrschenden Kommunisten von
vornherein nicht gewollt und mit physischen wie psychischen Mitteln verhindert
worden sind.
Die Behinderung bzw. der Nichtvollzug der zweiten
Phase des Zivilisationsprozesses bzw. der Folgeprozessse
beeinflußte maßgeblich die Auslösung der gegen das System gerichteten
Prozesse auf der Basis der Reproduktion des Untergrundverhaltens sowie einer
mehr und mehr sich durchsetzenden Widerstandspraxis. Auf die KSS-KOR oder ROPCiO
angehörenden Intellektuellen trifft eine prinzipielle, kompromißlose und
konsequente Haltung und Praxis zu. Einen Kompromiß haben sie realiter nicht
sehen können, wenn Kuron auch 1981 schreibt:
»Wenn ich
einen Kompromiß für den polnischen Weg und ein Beispiel suchen sollte, so wäre
es der spanische Weg: In einer gemeinsamen Anstrengung aller offenen Elemente
innerhalb der Macht und innerhalb der Opposition hat es die Gesellschaft
verstanden, das Land aus einer verhaßten und repressiven Diktatur hinaus-
und zu demokratischen Formen hinzuführen. Ich verkenne nicht, daß es
Unterschiede gibt ... z.B. in der geopolitischen Situation. Aber dieses
Beispiel ist des Nachdenkens wert.«
Die intellektuelle Kampfpraxis, verbunden mit dem
gesellschaftlichen Kampf der Werftarbeiter, lief klar auf eine endgültige
Entscheidung hinaus, nicht auf eine partielle Lösung. Es ist weder aus der
damaligen noch aus der heutigen Sicht müßig, darüber zu diskutieren, ob der
Kampf 'objektiv sinnvoll' oder 'sinnlos' gewesen ist. Die entscheidende Frage
liegt in der Deskription der Prozesse, der Ableitung der
Entscheidungsprozesse und der Frage grundsätzlicher Motivierung im
historisch-gesellschaftlichen Kontext. Der Gesamtzusammenhang ist prozessual
eingebunden in einen historischen Ablauf, der in der Verknüpfung von
Spontaneität, historischem Bewußtsein und der Reproduktion tradierter
Verhaltensmuster zu sehen ist. Die Erforschung der auslösenden Momente, die
konkreten Darstellungen der Abläufe sind darüber hinaus historiographisch
höchst berechtigt, bedürfen auch noch einer weiteren zeitgeschichtlichen
Forschung. Das Problem der polnischen Forschung steht im Wechselverhältnis
zwischen Involviertsein und notwendiger Distanz.
Es handelt sich keineswegs um eine Frage der
'Objektivität' des Forschers. Der Anspruch an solch eine tiefgreifende
Entscheidung, ein individuelles Opfer für seine Überzeugung darzustellen,
kann von niemandem erhoben werden. Die Ambiguität polnischer Forscher kann nur
moralisch akzeptiert werden. Die Frage ist nicht, ob und inwieweit diese
Intellektuellen gekämpft haben und sechs, acht oder zehn Jahre Haft auf sich
genommen haben, weil sie von der Machtpartizipation ausgeschlossen waren bzw.
sich bewußt davon distanziert haben und sich nicht korrumpieren lassen wollten
durch Übernahme von Funktionen. Es ist als unzulässig einzustufen und
bedeutete einen gegenüber der individuellen oder kollektiven Entscheidung nicht
adäquaten Zynismus. Sie stellt sich in der Nachbetrachtung als individuelle
Willensentscheidung dar. Wenn, dann kann im Umkehrschluß anderen um die
ökonomische Unmöglichkeit sowie Unfreiheit wissenden Intellektuellen ein
opportunistisches Verhalten konzediert werden. Aber auch dieses muß abgelehnt
werden, zumal es aus einer Fremdsicht heraus erfolgen würde. Die
Individualentscheidungen sowohl von Oppositionellen als auch von in das
System Involvierten, kann aus der Sicht des Verfasser nicht Gegenstand
moralischer Beurteilungen sein.
Es soll auch auf keinen Fall der Eindruck erweckt
werden, die abgeschlossene Diskussion um die Vergleichbarkeit von Kommunismus
und Faschismus wieder aufzunehmen.
Es handelt sich in Polen um gebrochene Zivilisationsprozesse, der Beschränkung
des Zugangs zur Machtpartizipation einerseits sowie des Kampfes um den
Zugang vor allem seitens der Intellektuellen andererseits. Charakteristisch
für Polen war wohl die versuchte Begrenzung, nicht aber die Verhinderung des
Zugangs zu gesellschaftlichem und historischem Wissen. Gleichwohl können die
von Kühnl zitierten Beispiele übertragen werden: die Vollendung dieses
Erlebens von Gemeinschaft, das Aufeinander-Angewiesensein, die Sinnerfüllung
im gemeinsamen Kampf gegen das ganz andere, das Fremde, den gemeinsamen Feind,
ist der Krieg. Die Synonyme des in Ideologie und Propaganda zum Ausdruck
kommenden Feindbildes entsprechen sich auf einer spezifischen Ebene.
In Polen hat man Phrasen, wie z.B. die des
SED-Propagandaapparates 'vom brüderlichen Kampf' vermieden. Sie stießen nicht
nur auf keinerlei Resonanz in der Bevölkerung sondern induzierten eine
Gegenbewegung. Man vermied auch Formulierungen, die die innere Gewaltausübung
sowie deren Zementierung bewirken sollten. Sie waren zwar andererseits im
Minimum nötig: es gab Kontrolleure aus der Sowjetunion im Militär- und
Bildungsbereich, die gewisse porpagandistische Mechanismen und die Anwendung
ideologischer Prinzipien überwachen sollten. Sie stießen aber auf spezifische
Widerstandsformen, vor allem auf Ignoranz. Sie waren wirkungslos; wenn dann
bewirkten sie eher das Gegenteil der Intentionen. Es prüften z. B. Vertreter
sowjetischer Kultusbehörden in regelmäßigen Abständen die Seitenzahl der
Themen in polnischen Schulbüchern für das Fach Geschichte, die sich mit Lenin
befaßten. Der Autor, J. Centkowski, wies entsprechende Forderungen
nachdrücklich zurück. Sie hatten anderseits die Brüskierung der polnischen
Kollegen bewirkt und die Nichtbeachtung der entsprechenden Kapitel seitens der
polnischen Geschichtslehrer(-innen) zur Folge.
Als zentrales Problem verbleibt die Zuordnung der
polnischen Gesellschaft in ihrer Genese zur Staatsgesellschaft in der
Verknüpfung mit der auf die Soziogenese von Staaten rekurrierenden Theorie der
Zivilisation.
Die heutige polnische Gesellschaft ist eine in der
Basis nicht-etatistische Gesellschaft, die aufgrund der Ausprägung des
Nationsbegriffes Elemente des Anti-Etatismus entwickelt hat, ein Verhalten, daß
sich gegenüber autoritärer Staatsführung (Preußen, Rußland) herausgebildet
hat. Man kann dabei von einer spezifischen Psychogenese der polnischen Nation
sprechen.
Nach der relativ kurzen Phase von ca. zwanzig
Jahren begann im September 1939 ein fast sechsjähriger Kampf gegen einen Staat
und dessen autoritär-faschistische Herrschaft während der Okkupation. Danach
erfolgte der Versuch der Durchsetzung eines Zwanges zur Ausbildung einer hoch
ausgeprägten Staatsgesellschaft unter dem Vorzeichen des Sozialismus. Der
Kampf gegen dieses System, die kommunistische Diktatur und die sie tragende
Machtelite, wird ebenfalls geführt mit den Methoden des Anti-Etatismus.
In diese Methode eingeschlossen ist wiederum der
partielle Sub-Etatismus, nämlich die Ausbildung staatlicher Organisationen in
Sub-Systemen: Im 19. Jahrhundert die klassischen Elemente eines Staates
[Regierung, physischer Machtapparat, Volk und Gebiet] enthaltenden
Herrschaftsgebildes während der Aufstände sowie die staatlich-analogen
Strukturen danach bis zu Ersten Weltkrieg; im 20. Jahrhundert der
Untergrundstaat während der Okkupation und die Organisationsstrukturen ab
dem Ende der siebziger Jahre, letztlich bis 1989. Abgelöst wurde die Phase
gesellschaftlicher Untergrundprozesse erst mit der Bildung legitimen Herrschaft
im Jahre 1989.
Die Frag
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