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Abstract

Vita Lothar Nettelmann

   
   

 

     
   

Lothar Nettelmann

Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81
(Dissertation 1996)

Vorwort

Im Jahre 1975 habe ich das erste Mal Polen auf einer Studienreise besucht. Interessiert hatte mich bereits in den sechziger Jahren die damals so definierte ›Reformpolitik‹ in Ungarn, sowie der ›Prager Frühling‹. Die Situation 1968 in Polen, die Aktionen der Studenten in Warschau, ihre gewaltsame Unterdrückung, wie auch die antisemitischen Erscheinungen in diesem Jahr, wurden in West­deutsch­land kaum wahrge­nom­men. Die Ereignisse gegen Ende des Jahres 1970 in Danzig und Gdingen, die Ablösung Gomul­kas, verbun­den mit der Machtreduktion des nationalkommunistischen Flügels, der Beginn der Ära Gierek, all dieses wurde nicht als Beginn einer Vorphase entscheidender Ver­änderungen begriffen.

In der deutschen Sicht dominierte die Ostpolitik in ihrer innen- und gesell­schafts­poli­ti­sch­en Wirkung. Die westdeutsche Gesellschaft erfuhr ihre vorerst letzte große politische Ausein­ander­­setzung. Sie endete mit dem ›Rentenabkommen‹ 1976. Die Kontakte zwischen Helmut Schmidt und Edward Gierek hatten in der Presse ein gutes Echo. Der zunehmende Osthandel stabilisierte die Konjunktur in der Bundesrepublik.

Nach 1975 verlief die eigene Entwicklung zunächst ungesteuert und intuitiv, aber mit bewusster Orientierung. Es folgten Studien­­­fahrten 1977 und 1979. Im April 1979 wurde die Deutsch-Polnische Gesellschaft Hannover gegründet. Sie ist seitdem die entscheidende organisato­rische Basis für mein nach Polen hin orientiertes gesell­schaft­liches Engagement und meine ehrenamtliche Tätigkeit.

Die Verarbeitung der eigenen Wahrnehmungen riefen das Bedürfnis hervor nach per­manenter Ergänzung und Vertiefung des Wissens um unseren östlichen Nachbarn, dem in deutschem Namen großes Leid zugefügt worden ist und mit dem uns Deutsche unendlich viel verbindet. Ich habe das Land kein einziges Mal besucht, ohne feststellen zu müssen, dass sich nicht jedes Mal qualitativ neue Ein­drücke und ergänzende Erkenntnisse ergaben. Das Wissen um dieses Land und seine Menschen wurde stets nicht nur größer und differen­zier­ter, es eröffneten sich jeweils unerwartet neue Perspek­tiven. Die Frage, wie wir Deutsche, insbesondere die Nachkriegsgeneration, ›Normalisierung‹ herbei­füh­ren und ›Aussöhnung‹ praktizieren könnten, um damit im Sinne des Europa­gedan­kens zur Völker­verständigung beizutragen, gab die Ebenen der Beschäftigung vor.

Im Sinne der kulturellen Betätigung boten sich Ausstellungen polnischer Künstler sowie Kon­zerte an. Bildungs­spezifisch ergaben sich Vorträge polnischer und deutscher Experten sowie weitere Studienreisen. Die Vorbereitung der Teilnehmer, bald auch anderer Gruppen, die das ›erste Mal‹ fahren wollten, erforderte die zunehmende Beschäftigung mit der Geschichte und Lebensweise der Menschen, mit Wirtschaft und Geographie und nach und nach auch mit der polnischen Literatur. Damit verbunden ergab sich eine zuneh­mende fach­didaktische Tätigkeit.

Die Durchführung eines Schüleraustausches begann mit ersten Kontaktaufnahmen in der Phase von 1977, als die polni­schen Gesprächs­partner noch sehr positive Bilder ihrer wirt­­schaft­lichen und gesell­schaft­lichen Situation zeichneten.

Es folgte das deutliche Sicht­barwerden der Anzei­chen der Krise in der polnischen Volks­wirtschaft im Jahre 1979. Sehr bald wurde die Krise der gesamten Gesellschaft offenbar. Sie mündete in die Dynamik der Ereig­nisse der Jahre 1980/81. Mit der Gründung der ersten freien und unab­hän­gigen Gewerkschaft in einem kom­mu­nis­tisch regierten Land - der ›Solidarnosc‹ - begann der Weg in eine völlig neue Epoche. Er war für alle Menschen verbunden mit einer als völlig neu empfundenen Situation. Neben der Euphorie stand die Bedrohung durch das Unge­wisse. Die Ausrufung des Kriegs­­zustandes am 13. Dezember 1981 führte zu einer bedrückenden Zwischenphase. Sie zwang viele Men­schen - in Polen wie auch in Deutschland - zu Gewissens­ent­schei­dungen.

Das karitative Engagement vieler Menschen in der Bundesrepublik hatte im Verlauf des Jahres 1981 begonnen nach Bekanntwerden erheblicher gravierender Versorgungsmängel, insbesondere im medizinischen Sektor. Es milderte den Zusammenbruch der Wirtschaft im äußerst schwierigen Jahr 1982. Die Menschen in Polen erinnerten sich an das Sprichwort: »Freunde erkennt man in der Not«.

Nach Suspendierung des Kriegs­zustandes 1983, durften die Schülerinnen und Schüler des V. Lyzeums in Poznan endlich nach Hannover kommen. Die Entscheidung darüber war zu einem Politikum gewor­den.1 In dieser Zeit entstanden die ersten eigenen Publikationen. Alles war gekennzeichnet von einer freundschaftlichen und kollegialen Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen. Basis war dabei die enge kollegiale Arbeit in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hanno­ver und der UNESCO-Projekt-Schule am Maschsee, der Bismarck­schule, sowie mit den im Laufe der Jahre gewonnenen polnischen Kollegen und Freunden.

Persönlich möchte ich an dieser Stelle unter meinen deutschen Freunden insbesondere dem Historiker und Publizisten F.E.O. Jagemann-Jerzykiewicz danken, der wissen­schaft­liche Distanz mit einem hohen Engagement verbindet und eine binationale deutsch-polnische Identität verkörpert sowie Gerhard Voigt, mit dem mich seit den siebziger Jahren ebenfalls eine enge kollegiale Zusam­men­­arbeit auf fachdidaktische und wissenschaftlicher Basis verbindet.

Stellvertretend für die vielen polnischen Freunden, die mit fundiertem, engagiertem sowie kritischem Rat zur Seite standen, möchte ich nennen: Jerzy Cent­kowski, Marek Dutkowski und Bronislaw Kortus. Mitarbeiter des ›Instytut Zachodni‹, Poznan, haben mein Wissen über Politik und Gesellschaft Polens vertieft. Die Einschätzung der polnischen Volks­­wirtschaft wurde durch Jerzy Kleer und Jerzy Toeplitz beeinflusst. Die polnischen Wissenschaftler gaben trotz ihrer spezifischen Involviertheit seit den siebziger Jahren Beispiel für Wissen­­schaft­lich­keit und koope­ratives Verhalten. Für mühevolles Dolmet­schen und Über­setzen danke ich neben vielen polnischen Freunden vor allem Maja Kempa und Barbara Kortus.

Nachdem der Schwerpunkt der eigenen Tätigkeit bis zum Ende der achtziger Jahre überwiegend in den Bereichen der Politik­wissen­schaft, Geschichte und Ökonomie lag, ver­la­gerte sich für mich Dank der Anregung von Peter R. Gleichmann der eigene Ansatz in das soziolo­gische Denken, ins­beson­dere in die gesellschaftshistorische Dimension. Zivili­sa­tions-  und macht­­theoretische Betrach­tun­gen flossen zuneh­mend ein. Sie ergänzten und über­lagerten das bisherige Denken und stellten dabei ver­traute Denkweisen in Frage. Das an Reformen orientierte politische Denken, das durch Stich­worte wie ›gesell­schaftlicher Ausgleich‹ und ›Staatsintervention‹ verbunden mit ›ökonomischer Ratio­­na­li­­tät‹ gekenn­zeichnet werden kann, verlagerte sich in die Deskription der Wahrneh­mun­gen von Gegen­warts­­erscheinungen sowie zur Zuordnung historisch ableitbarer Interde­pen­den­zen und Synthese­bildungen. Die Reflexion der eigenen Invol­viert­heit wie auch die Bewusst­­wer­dung der Distanz war verbunden mit der Beschäf­tigung mit den Schriften von Norbert Elias. Im Nach­hinein werden zunehmend die Schübe der eigenen Entwicklung transparent.

Ermutigend wirkten am Anfang die begleitenden Gespräche mit Władysław Markie­wicz. Sie wurden ergänzt durch Gespräche mit Wissenschaftlern in Posen, Danzig, War­schau und Krakau. Münd­liche Diskurse nahmen - der Tradition polnischer Intellektueller entsprechend - einen hohen Raum ein und erwiesen sich als Voraussetzungen für Reflexionen. Kritische Distanz bis hin zu intellektueller Gegnerschaft begünstigten die Darstellung und Analyse der Zusammen­hänge wie auch die Synthesebildung.

Als sehr fruchtbar haben sich seit dem Ende der siebziger Jahre Abendgespräche nach Diskus­sions­­veranstaltungen erwiesen, z.B. nach Veranstaltungen der Deutsch-Polnischen Gesell­schaft Hannover, aber auch in Bildungs­­einrichtungen wie Vlotho, Hustedt oder Sonnenberg. Diese Gespräche in intellek­tuel­lem wie allgemein interessiertem Milieu sowie auch die vielen Diskussionen in Privat­wohnungen in Polen oder Deutschland zeichneten sich durch ausgesprochene Offen­heit, Freund­schaft­lichkeit, Herz­lichkeit und Kollegialität aus. Sehr positiv haben sich auch die Deutsch-Polnischen Kon­gresse erwiesen, die seit 1992 in Berlin, Stettin, Wolfs­burg und Bielsko-Biala abge­halten worden sind.2

Die polnischen Freunde, Kollegen und Wissen­schaftler zeichnen sich durch ein aus­­gepräg­tes nations­geschicht­­liches Wissen aus sowie ein spezifisches Reflexions- und Wahr­­neh­mungs­­vermögen. Man bemerkt in Gesprächen, dass sie oft über Wissen verfügen, das auf münd­lichen Über­lieferungen beruht. Dies gilt auch für Vorlesungen und Seminare an der Universität. Die Professoren zitieren ihrerseits mündlich weiter­gegebene Informationen. Das schriftliche Wissen wird dagegen in der Regel zurückhaltend formuliert und publiziert. Eine Ausnahme machten bis 1981 propagandistische Schriften. Diese waren aber ohnehin suspekt und hatten in der gesell­schafts­­­politisch relevanten Dis­kussion keine Bedeutung.

Diskussionen bewegten sich oft auf einer Meta-Ebene zwischen Konkretion und nicht eindeutiger Formu­lie­rung des Zieles. Sie erweckten lange Zeit den Eindruck, dass sie einen Ersatz für nicht realisierbare Reform­­­schritte darstellten. Zugleich waren sie Ausdruck der Unmöglichkeit zur Erarbei­tung konkreter Modelle von ›Reformen‹. Die mündliche Übermittlung von Informatio­nen, die Entwicklung von Hypothesen, Abfassung von Thesen hat nach wie vor in Polen einen hohen Stellen­wert.

Organisatorische und methodische Fragen wurden nahezu ausschließlich mündlich übermittelt. Briefe zum Zwecke von Absprachen über Termine sowie konkreten Meinungs- und Erfah­rungs­aus­tausch wurden, wenn der Adressat dem Verfasser nicht persönlich gut bekannt war, nicht beant­wor­tet. Antworten erfolgten nur auf sehr gute Empfeh­lungen hin oder nach telefonischer Kontakt­auf­nahme. Die Kontakte wurden stets über Freunde und Bekannte hergestellt.

Für die unermüdliche und geduldige Hilfe bei der Literaturbeschaffung, dem Lesen, Korri­gieren und Ausformulieren danke ich meiner Frau. Ohne ihr Verständnis hätte dieses Projekt nicht durch­geführt werden können.


 

Vorwort zur revidierten Ausgabe 1997

Die vorliegende Ausgabe basiert auf der unter dem Titel ›Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81. Handlungsmotive als Ausdruck einer nationsspezifischen Habitusentwicklung. Eine Dar­stel­lung der Besonderheiten im Staatsbildungsprozess Polens‹ verfassten Arbeit. Sie wurde von der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften als Dissertation angenommen.3 Die vorliegende Fassung wurde durchgesehen und ergänzt durch Einfügung des Kapitels: VIII. (neu): ›Thesen zum Prozess der Zivilisierung in Mitteleuropa am Beispiel der polnischen Gesellschaft‹4. Ergänzende ›Schluß­­betrach­tungen‹ wurden dem Kapitel IX. (neu) ›Auswertung‹ hinzugefügt.

Ich möchte insbesondere meine polnischen Freunde um kritisches Lesen bitten, damit der Diskurs fortgeführt wird, die Komplexität, hohe Differenziertheit und mannigfache Interdependenz der mitteleuropäischen Gesellschaften zu erforschen und theoretisch abzubilden.

Hannover-Gehrden im Februar 1997

Einführende Gedanken in den Forschungsgegenstand, die Anwendbarkeit westlichen Modell­denkens sowie die Durchführung des Projektes

1. Vorüberlegungen

Die achtziger und neunziger Jahre haben in Mitteleuropa bisherige Selbstverständlichkeiten und Organisationskriterien radikal in Frage gestellt, die Politik- und Gesellschaftswissen­schaften in ihrer prognostischen Kompetenz verunsichert oder widerlegt und die Notwen­digkeit eines poli­tischen und ökonomischen Paradigmenwechsels deutlich gemacht. Mit wachem und am Kon­kre­ten und Exemplarischen orientierten Blick müssen nun die neuen Situationen Europas neu begut­achtet werden, müssen die Prozesse, Kontinuitäten, Bruch­linien, Einschnitte und Orte erkannt und verstanden werden, die heute den veränderten Kontinent prä­gen und deren Verständnis Voraussetzung ist für die in Frage stehende Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Ein exemplarischer Ort des Wandels ist Polen, gekennzeichnet durch zwei politisch-ge­sellschaft­liche Einschnitte, die Europa verändert haben: die Ära der Solidarnosc 1980/81 und der grund­legende Transformationsprozess seit 1989/90, dessen Folgen noch nicht end­gültig abzusehen sind. Nichts ist mehr in Polen wie es vorher war. Nahezu an allen Grenzen befinden sich neue staat­liche Nach­barn: Litauen, Belorussland, die Ukraine, die Slowakei, Tschechien und das verei­nigte Deutschland. Mit allen mussten neue nachbarschaftliche Be­ziehungen neu geknüpft und ausge­han­delt werden. Es besteht eine neue ökono­mische und politische Grundordnung im inne­ren; alte und neue Eliten konkurrieren miteinander. Der schwierige Nachbar Russland grenzt durch eine kleine nach wie vor von Militär dominierte und möglicherweise problemträchtige Exklave im Nor­den an das Staatsgebiet.

Wenn Polen diese Brüche als Staat und Nation übersteht, so nur aus dem Fundus historisch ge­wachsener Krisenlösungskompetenz und tradierten nationalen Überlebenstech­niken.

In der Wissenschaft und Publizistik Polens gilt es als Grundsatz, dass man zu den Wur­zeln der Geschichte der Nation zurückgehen muss um ›die Polen‹ zu verstehen. Polnische Wissen­schaftler und Politiker leiten in Aufsätzen oder Interviews oft mit ähnlichen Formu­lierungen ein. Die Kunst­his­torikerin und Publizistin Teresa Bogucka erwähnt z.B. in einem Interview, dass 'alle' von Unter­grund­­men­ta­li­tät und von antistaatlichem Verhalten sprechen.5 Der Soziologe Jerzy Szacki be­klagt, dass die Zivil­gesellschaft noch nicht 'so weit entwickelt' sei.6 Das Problem besteht darin, dass eine soziohistorisch differenzierte Ableitung der Habi­tusformen in der Gesell­schaft nicht Gegen­­stand spezifischer Forschung ist. Als Fragender stößt man in Polen mit dieser Thematik leicht an gewisse Grenzen, d.h. wohl an vorsichtiges Interesse, oft aber an eine höfliche Abwehr­haltung.

Einen nur begrenzt erforschbaren Bereich stellt auch die Solidar­nosc-Ära dar. Man streitet seit 1989 um das ›moralische Erbe‹ und damit um die Chancen dasselbe zu instru­men­tali­sieren. In der Gegen­warts­gesellschaft kämpft man affektiv besetzt, oft rück­sichts­los gegen­einander. Man ver­letzt dabei aber die nationalen Tabus nicht. Man moralisiert darüber, dass die 'alte' Solidarnosc nicht mehr existiert. Man beschuldigt sich gegen­seitig, vermeidet aber den Diskurs über die Ursa­chen. Man erforscht aber kaum, warum das so ist. All dieses ist zugleich Bestandteil der poli­ti­schen Alltags­kultur.

So stellt sich heute sowohl die Frage danach, was 1980/81 und 1989/90 tatsächlich ge­wollt und geschehen ist, als auch vor welchem gesellschaftlich-historischen Verständnis diese Verän­de­rungen erfahren, interpretiert und legitimiert worden sind und weiterhin wer­den.

Die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft kann nicht allein aus den materiellen Daten ab­geleitet wer­den, sondern bedarf des Verständnisses der gestaltenden Kräfte, die sich in Machtbalancen und Zivilisationsprozessen sowie Habitusveränderungen ausdrücken. Es ist auch eine Folge der ein­gangs angesprochenen Krise der bisherigen Sozial- und Politikwis­senschaft, dass der nüch­terne, konkrete, aber im Verständnis und Empathie der Bewusst­seinslagen und -veränderungen bemüh­ten Soziologie des Ansatzes des bereits zum Klassikers gewordenen Spätgekommenen7 Norbert Elias not­wendig wird, um die Verän­derungen in Europa zu verstehen.

Polen mit seiner ausgeprägten Nationsgeschichte ist sowohl als Element und Agens der Verän­derungen Europas aktueller und wichtiger Forschungsgegenstand, kann aber darüber hinaus gerade in Vergleich und Kontrast zu den westeuropäischen Staatsgesellschaften zu tief reichen­den Einsichten führen über die innergesellschaftlichen Interdependenzen und formationssoziolo­gischen Interpretationsmöglichkeiten sozialen und politischen Wandels.

Dieser Forschungsansatz nach Norbert Elias ist auf das Beispiel Polen noch nicht an­gewandt worden, obwohl gerade die Historizität der Polonitas und die exemplarische Be­deutung der Ein­schnitte 1980/81 und 1989/90 einen solchen Zugang nahe legen und erfolg­versprechend er­schei­nen lassen. Notwendig ist dabei jedoch, dem wissenschaftlichen Neu­land entsprechend, das diese Arbeit betreten will, exemplarische Konzentration auf zentrale Problem­zu­sam­men­hänge zu suchen und auszudifferenzieren, die in dieser Einführung kurz skizziert werden sollen.

Die Einschnitte 1980/81 und 1989/90 können ansatzweise als Vordringen von 'Univer­sali­sie­rungsprozessen' bezeichnet werden. Die Intelligenz hat universalistische Begriffe ›Politik‹, ›Staat‹, ›Ökonomie‹ und ›Menschenrechte‹ betreffend als Topoi übernommen. Es wird in Polen immer weniger 'polnisch' bzw. 'katholisch' gedacht. Die Forderungen der Soli­darnosc an den Staat bzw. an das System - die Intellek­tuellen des KOR forderten die Einhal­tung der Menschen­rechte8 - be­deuteten den Rückgriff auf einen westeuropäischen Topos.

Das Jahr 1980/81 ist auch durch eine Dialektik zwischen Universalisierung und sozia­listischem Staat gekennzeichnet. Man hat dabei die ›Universalisierung‹ seitens der ›Solidarnosc‹ zunächst als ›Polonisierung‹ verstanden bzw. definiert. Diese umfassten natio­nale Identitäten bzw. Identi­fi­ka­tionsmuster, stellte im Grunde aber eine Pseudo-Poloni­tät dar. Man rekurrierte nur formal und mental auf die Vorphase des Sozialismus.9 In Wirklich­keit stellte der Prozess eine Univer­sali­sie­rung dar. Man instrumentalisierte die Nation durch Reproduktion der Nationsutopien.

1989/90 wurde die Universalisierung als ›Europäisierung‹ verstanden und umdefiniert. Es ent­stand das Stereotyp von der 'Rückkehr nach Europa' (Mazowiecki). Imanuel Geiss weist darauf hin, dass es ›einen engeren, meist undefiniert gebliebenen Sprachgebrauch für 'Europa' gibt, der sich qualitativ fassen lässt: 'Europa' ist nur der Teil des Kontinents, der Teil hatte am 'Pro­zess der Zivilisation' (Norbert Elias), also an der Herausbildung und Wei­ter­entwicklung der jeweils am höchsten entwickelten Form der Zivilisation‹.10 In Polen wird der Zielformulierung Mazowieckis an­dererseits entgegen­ge­hal­ten, dass 'Polen Europa nie verlas­sen habe'. Der Vorgang bedeu­tete einen Fort­schritt i.S. eines Modernisierungsschu­bes, den Beginn von Divergenzprozes­sen als Moder­ni­sie­­rungs­wirk­lich­keit. Das Resultat war, dass sich eine Spannung her­ausbildete, die die Gesell­­schaft psy­cho­sozial nicht verkraf­tete. Eine Folge war die anhaltende Apathie, sichtbar wer­den­de Sozial­pathologien, Wahlenthaltungen oder spezifisches Wahlverhalten 1990 und '91.

Zivilisatorisch bedeutete es eine Atomisierung. Die Divergenz- oder Fraktionierungs­prozesse in der Gesellschaft, die Herausbildung separater Milieus nehmen zu. Damit ergibt sich zweifellos eine Korrelation zu den Modernisierungsprozessen westlicher Gesellschaf­ten. Man kann in Polen entsprechende 'Ver­satzstücke von Gesellschaft' beobachten. Eine erhebliche Rolle haben dabei die Medien.11 Es handelt sich nicht um lineare Prozesse, son­dern um Balanceverschiebungen mit prozessualer Eigendynamik. Kon­kurrierende poli­ti­sche und ökonomische Eliten befin­den sich in Macht­kämp­fen, die zugleich Legi­ti­ma­tions­prozesse darstellen. Auf der Ebene darunter findet ein Habi­tus­­wandel statt.

2. Skizze zur Habitusentwicklung der polnischen Gesellschaft

Während Fragen des Nationalcharakters zumeist mit großer Distanz begegnet wird, ist der natio­nale Habitus eher beschreibbar. Mittel- und das ehemalige Ost­deutschland kann mit dem west­lichen Polen und Schlesien verglichen werden. Man kann von der gleichen oder ähnlichen 'Ras­sen­mischung' sprechen. Es handelt sich um ursprüng­lich germanische und slawische Sprach­gruppen, die sich mit westlichen oder südlichen Zuwan­derern vermischt haben, sowie eine lang angelegte jüdische Bevöl­kerungs­­ergänzung und begrenzte Durch­­mischung erfah­ren haben. Gleichwohl kann man betreffend des nationalen Habitus von einer hohen Diffe­renzierung ausge­hen, vergleichbar den Deutschen, den Dänen und den Nieder­ländern.12

Der polnische Raum weist den Charakter einer Spannungsfiguration auf, ähnlich dem ost­fran­zö­si­schen Sprach­raum: Nordfrankreich, Belgien, Elsass-Lothringen. Zur bisherigen Mittel­block­posi­tion zwischen Deutschen und Russen (einschl. Weißrussen und Ukrainern) kam in der Mitte des zwan­zig­sten Jahrhunderts die ›Westverschiebung‹ Polens. Zwei Jahr­hunderte führte das Herab­sin­ken einer im 16./17. Jahr­hun­dert bedeutenden Land­macht - Polen war zeitweise der größte Flächen­staat Europas - zur staat­lichen Auslöschung durch die benachbarten Teilermächte Ruß­land, Preußen und Österreich.

Dieser Übergang von Größe über Abstieg bis zum Auslöschen von der Landkarte ist für die Mentalität der Menschen in Polen prägend. Die daraus ent­ste­henden tragischen Rol­len sind viel­fältig in der Literatur verarbeitet. Theodor Fontane beschreibt z.B. für das west­liche Polen solche tragischen Rollen, die bis hin zur Konver­sion der Religion - in die des (preu­ßischen) Königs­hau­ses - führen.13

Befindet sich England seit dem Zweiten Weltkrieg im Absinken von der Erst- über die Zweit- zur euro­päischen Neben­­macht, so ist dieser Prozess für Polen ein Abstieg bis zum untersten macht­spezifischen Grenzwert gewesen. Dieser den Habitus prägende Prozess entwickelte sich in der polnischen Nation seit dem Ende des 18. Jahrhundert und hat erneut eine wesentliche Funktion in der Phase seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wenn sich für England, Holland oder Schweden gewisse Formen des Trauerns bis zur Depres­sion erkennen lassen, so ist das Verhalten der polnischen Nation durch den perma­nenten aktiven Über­lebens- und Behaup­­­tungskampf gekennzeichnet. Der Übergang vom mittelalterlichen zum neuzeitlichen Staaten­bil­dungs­­­prozess ist dabei ein Para­digma. Der Übergang zum Wahl­königtum hatte einen entscheidenden Impuls zur Instabilität zur Folge, war aber schon selbst Ausdruck der Verschiebung der Machtbalance zum Adel. Dies war verbun­den mit einer sich ver­festi­genden Dezentralisierung und Machtdifferenzierung. Eine Heraus­­bildung der Integrations­ebene der Für­sten ist nicht erfolgt.14 Im Eigenbild der Polen gilt dies als das ›Goldene Zeitalter‹. Es ist Ausdruck der Schaffung kultureller Güter und gilt als Phase kultureller und insbesondere religiö­ser Tole­ranz.15

Man kann es durchaus wie für Frankreich, England, und Holland als eine Phase gewis­ser Pazifi­zie­rung betrachten. Diese stellt aber ein Spezi­fikum dar. Für die Szlachta kann man es nur be­grenzt als Phase der Zivilisierung begreifen. Ein wesent­licher Aspekt, die Affekt­kontrolle, ist als Selbst­­zwang kaum ausgebildet. Das Austragen von Macht­kämpfen mit physischer Gewalt - als charak­­teris­tisches Beispiel gilt das sog. Konföderations­recht - muss eher als Dezivili­sie­rung ge­wertet werden. Es ist Symbol für ein dezentrales Herrschafts­system. Die Ausbildung der Trink­sitten in der Szlachta können als Symbol für Wohl­stand und Macht gedeutet werden. Der Alkohol kann aufgrund der Entlohnungspraxis in Wodka in Osteu­ro­pa im 19. Jahrhundert für die macht­armen Schichten einen Gewöhn­effekt herbei­geführt haben:

»… offenbar sucht man sich auf diesem Wege eine gesell­­schaftliche Not­lage, die schmerzt, aber der man nicht entrinnen kann, erträglicher zu machen. ... Weniger klar ist vielleicht, dass die re­lative Schwä­che des eigenen Staates, verglichen mit anderen Staaten, für die betroffenen Men­schen spezi­fische Notstände mit sich bringt. Sie ... zweifeln an ihrem Eigen­wert, fühlen sich er­niedrigt und ent­wür­digt und neigen zu Wunschträumen über die Rache, die sie an den Urhebern dieser Situation nehmen möch­ten.«16

Wie in Deutschland die Strukturschwäche während der napoleonischen Ära, so löste in Po­len die Tei­lungs­zeit eine ideali­­sierende Hoch­bewertung militärischer Haltung und kriegeri­schen Hand­lun­gen aus.17 Polen stellt einen relativ pazifizierten Landadel dar, der durch De­possedierung in der Tei­lungs­zeit ent­mach­tet wurde. Das Bürgertum, in hohem Maße resul­tierend aus mittel- und west­euro­­pä­ischen und jüdischen Mi­gran­ten, gewannen durch die Teilun­gen einen Macht­zuwachs. In der pol­ni­schen Literatur er­folgt eine Repro­duktion des Helden­tums, oft als Allegorie.18 Es ent­wic­kelte sich daraus funktional ein Helden­­mythos - nicht aus den Taten der Krieger­kaste an sich heraus.19

Der Moralbegriff gilt interdependent verbunden mit Machtschwäche, wenn nicht gar als Syn­onym dafür. Er ist im Zusammen­hang zu sehen von Verteidigung, Widerstand und Aufstand. Polnische Orden z.B. wurden für den Kampf in Verteidigung und Widerstand gegeben, nicht für Erobe­run­gen. In Preußen dagegen dominierte der Pflichtbegriff der im Kontext zu einer An­griffs­orien­tie­rung gesehen werden kann.

Durch die Enteignungen - Konfiszierung von Landbesitz (Dörfer) und Entmachtung des Land­adels - verschob sich die Balance zwischen Adel und Bürgertum zugunsten des Stadt­bürgertums. Dieses war aber stark geprägt durch in die Städte abgewanderte verarmte Landadlige. Das Stadt­bürgertum enthält dadurch ein Segment des ins Kleinbürgertum abge­sunkenen bzw. proleta­ri­sier­ten Adels. Die innergesellschaftliche Macht­balance Land - Stadt verschob sich zugun­­sten der Stadt. Da aber kaum ein national­polnisches Stadtpatriziat aus aufgestie­genen Händlern und Hand­­­wer­kern entstanden war, war die innerstädtische Macht­balance mehrfach geteilt: polnisch - deutsch - jüdisch - russisch. Migranten aus Frankreich oder Italien rechneten sich nach der Adap­tion sei­tens der Nation zumeist der ›Polonitas‹ zu.

Reymont20 beschreibt z.B. in ›Das gelobte Land‹ die Situation in Lódz. Das jüdische Bürgertum lehnt sich sprach­lich-kulturell näher an das Deutsch­tum an. Die Umgangssprache dieser wohlha­benden polni­schen Juden war zumeist Hoch­deutsch im Gegensatz zum Jid­disch der armen Schichten des Ost­juden­tums. Manche Juden sprachen sehr schlecht Pol­nisch. Die negative Rolle ordnet Rey­mont dem pol­nischen Aufsteiger als Fabrikanten zu. Diese Men­schen standen in bür­ger­lich kauf­männischer Tradition. Sie verfügten wegen der staatlichen Dominanz der Verwaltun­gen der Zen­tral­mächte - die ihre Beamten dorthin ver­set­zten - weniger über die politische Macht. Diese Kon­stellation be­deu­tete insgesamt eine hohe Spannungs­­formation.

Die Habitusveränderungen im 19. Jahrhundert stehen in Wechsel­wir­kun­g mit zuneh­menden De­mütigungen und sind verbunden mit Depossedierungen. »Sich mit der Nation zu identifizieren: Das ist es, eine Abstraktion.«21 Wenn 'Nation' eine Abstraktion oder gar eine Fiktion darstellt, dann bildet die 'Gesellschaft' eine Realität interdependenter Individuen und Figurationen ab. Die Identi­fikationsmuster entstehen mit Hilfe von Symbolen; ihre Mittel sind z.B. die weiß-rote Fahne und der weiße Adler.

Die ›gegenwärtigen Probleme dieser Gesellschaft sind entscheidend mitbestimmt durch ihr frühe­res Schicksal‹ (S. 28). Der Wandel in den Machtverhältnissen bringt unvermeid­lich eine weit­ge­hende Verun­sicherung vieler Menschen mit sich, die in den Wirbel dieses Wan­dels hinein­ge­zo­gen sind. Der Verhaltens­kanon im Verkehr der Gruppen der auf eine strikte Hierarchisierung ab­ge­­stimmt war, entspricht nicht mehr den tatsäch­lichen Bezie­hungen ihrer Vertreter (S. 37).

Polen geriet nicht in den Sog eines beschleunigten Moder­ni­sierungsschocks. Das hatte zur Folge, dass dies aufgrund der Peri­phe­rie­lage zu den drei Zentren Berlin, St. Petersburg bzw. Moskau und Wien, den ökono­mischen Spezia­listen­gruppen, dem Industrie- und Han­dels­bür­ger­tum und der industriellen Arbeiterklasse keinen Auftrieb gab.22 Nischenbildung in Kultur sowie Emi­grationen können als Folgen angesehen werden.

In Deutschland erfolgte im Zusammenhang mit der 'verspäteten' Herausbildung des Na­tional­ge­fühls ein Umschlag aus dem Gefühl der Schwäche heraus in das der Stärke. In Polen erfolgt auf­­grund anderer Voraussetzungen ein Umschlag im affektiven bzw. mentalen Be­reich. Dieser zeigt sich auf der Symbolebene. Der Staatsverlust erzeugte ein lange wirken­des spezi­fisches Ohn­­machtsgefühl, aus dem soziale Verhaltensweisen resultierten, die durchaus mit Psychosen oder Neurosen verglichen werden können.

Elias macht den Unterschied zwischen Preußen und der Adelsrepublik, der Rzeczpos­polita, deut­lich:

»… aber in Preußen, mit seinen vergleichs­weise armen Städten, waren die Machtpotentiale zwi­schen Adel und Bürgertum zugunsten des ersteren relativ ungleich verteilt, während die soziale Spannung zwi­schen den beiden Ständen ... beson­­ders groß blieb. Dementsprechend spielte sich die Span­nungs­­­ba­lance zwischen den drei zentralen Macht­­schwer­punkten König - Adel - Bürger­tum auf eine Figuration ein, die einem still­schwei­gen­den Kom­pro­­miss zwischen Adel und König nahe kam. ... Die polnische Adels­re­publik mit ihrem Wahl­königtum zeigte die Schwäche einer reinen Adelsherrschaft in den Ausein­an­der­setzungen mit den hoch­zentralisierten monarchischen Staaten ringsum nur allzu deutlich.«23

Es bleibt zu untersuchen, inwieweit aus dieser Spannungsformation gegebenenfalls ein histo­risch-neuro­tisches Verhältnis zu konstatieren ist. Diese Frage sprengt aber den Rahmen der Ar­beit. Gleich­wohl sind charakter­istische Eigentümlichkeiten zu konzedieren. Es gibt einen sehr hohen Emp­find­lich­keits­grad, der sich z.B. seit 1990 in der Diskussion um den möglichen Beitritt in die EG/EU24 und die NATO zeigt. In kurzen Abständen wird bei gege­benen Anlässen in der pol­nischen Presse auf der Basis existenzieller Angst vor (insbesondere dem östlichen Nachbarn Russ­land) diskutiert. Man vergleiche z.B. die Aufsätze der polni­schen Journalisten Janusz Tycner und Adam Krzeminski 25 in der deutschen Presse.

Diese Angstbesetzheit kann durchaus als mangelnde Unfähigkeit zu entsprechender Distanz in­terpre­tiert werden, sie ist aber durch die subjektive und affektiv-bewusste Gegen­wärtigkeit von Geschichte nachvoll­zieh­bar. Es fehlt die 'geographische Reserve', die Puffer­zone. Dass hierbei ein 'horizon­tal' orientiertes Denken domi­niert, ist andererseits verständ­lich. Den Men­schen in die­sem Land ist aber das 'historische Wechsel­bad' zwischen staat­licher Nichtexistenz und will­kür­licher West­verschiebung gegen­wärtig. Man darf das damit verbundene Ohn­machts­gefühl bzgl. der Nicht­­beteiligung bei den Vorgängen von Aus­löschung, Neu­schaffung und territo­ri­aler Ver­schie­­­bung nicht außer acht lassen.

3. Die Reproduktion der Nationsgeschichte als Interdependenzbeziehung in der polnischen Gesell­schaft und Paradigma für politisches Denken und Handeln.

Eine zentrale Bedeutung im Handeln der polnischen Gesellschaft hat das Wissen um die eigene Nationsgeschichte, insbesondere in Situationen hohen Spannungs­niveaus, das insbe­sondere aus der gebrochenen sozialhistorischen Entwicklung des Adels, der Bauern, sowie der spezi­fisch­en Stadt- und Industrieentwicklung resultiert und der Tatsache, Mittelregion zu sein zwischen drei benachbarten Großmächten und den damit im Kontext stehenden Pha­sen fremder Herr­schaft.

Aus der Spannung des Nationsbegriffes selbst resultiert die Rolle der Geschichtsorien­tiertheit in Polen. Daran wiederum lässt sich die Bedeutung von Sozialisation, Schule und Geschichtsdidaktik ableiten. Die Funktionalisierbarkeit von Nationsgeschichte ist möglich, weil eine erhebliche Span­nung vorliegt und diese Situation sich seit dem Ende des 18. Jahr­hunderts reproduziert. Es hat sich aus der Dynamik einer Beschäftigung mit dem Gegen­stand als eines nach dem Zweiten Welt­krieg für Polen entscheidenden Nationsproblem die Notwendigkeit einer umfang­rei­chen Beschäf­tigung mit dem Problem des Nationsbegriffes, damit der Genesis wie den Spezifika der polnischen Nation, den jeweils historischen Bezü­gen herauskristallisiert.

Dazu gehört auf­grund der temporären Ein­beziehung in das Weltsystem des realen Sozialismus auch die Betrachtung der real erfahrbaren Situation und ihre Zuordnung zu den entsprechenden Ebenen.

Aus der Betrachtung des historischen Gegenstands seitens des Verfassers ab 1975 so­wie den seit den sechziger Jahren in der offiziösen Sprache als 'Reformpolitik' bezeichneten Pro­zessen ergab sich daran anknüpfend die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit (west)­deutschen Positio­nen. Dieses sollte zumindest auf der Ebene methodischer Vergleiche geschehen.

Die Beschäftigung mit dem zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Gegenstand be­deutete die Chance, aus empathischer, der eigenen moralisch-politischen Haltung entstam­mender und zu­gleich zweifellos eigener distanzierter westdeutsch geprägte Position heraus wahrzunehmen, zu beurteilen und in einer Rückkoppelung den eigenen Standort, die Sicht eigener Involviertheit in Gesellschaft neu zu sehen.

Es handelt sich in der Beschäftigung mit der Nationsgeschichte primär um den Erhalt und die Wiedergabe des Wissens um die eigene Geschichte. Das sub­jek­tive, oft affektiv be­setzte Wis­sen, kann schwerlich unter den Begriff des ›Geschichts­bewußt­seins‹ subsumiert werden. Die moder­nen Prozesse westeuropäischer Geschichtsforschung und -didaktik, so­zial­geschicht­liche Ansät­ze, Prinzi­pialisierung, die Übernahme sozialwissen­schaft­licher Fra­gestellungen und Metho­den, das didaktische Prinzip der ›Schlüsselbeispiele‹ wie der Erwerb von ›Schlüsselqualifika­tio­nen‹, werden nur langsam übertragen. Man nimmt sehr wohl sei­tens der Geschichtsdidaktiker an der Moder­ni­­sie­rungs­­­­diskus­sion teil. Die Didaktiker sind seit den sieb­ziger Jahren aufgrund ihrer Kon­takte zu west­­lichen Geschichtsdidaktikern und -methodikern in hohem Maße an Reform­ver­su­chen in den Bereichen Universität und Schule beteiligt. Die Umsetzung ist aber sehr schwie­rig und komplex, so dass man weiterhin insbe­sondere in der polnischen Schule um eine Phase in dieser Entwick­lung zurück ist. Insgesamt ist diese Problematik der verzögerten Modernisierung aber Ausdruck der gesell­schaftlichen Spannungskonstellation selbst. Die Nations­geschichte so­wie ihre tradier­te Vermittlung hat nach wie vor Vorrang. Dies verdeutlicht die Überlagerung der Repro­duk­tions­­ebene - die aus tradierten Quellen schöpft - über die wissenschaftliche Ebene. Das Problem besteht für die polnische Geschichts­wis­sen­schaft und  -didaktik zweifellos darin, wissen­schaftlich gesicher­tes Wissen umzusetzen.

Innerhalb der polnischen Geschichtswissenschaft hat die Geschichtsdidaktik einen be­sonderen Stellen­wert aufgrund der ihr zugeordneten Funktion im Sozialisationsprozess der VR Polen sowohl nationsgeschichtlich, wie auch entsprechend den Prämissen sozialistischer Bildung in der Schule, wie auch in der Gesellschaft allgemein zu wirken, stand sie zugleich im politischen Spannungs­verhält­nis dieses Staates. Zugleich stand sie in der innergesell­schaftlichen Spannungsbeziehung, resul­tie­rend aus den Vorbehalten gegenüber institutiona­lisierten Wissensträgern und -übermitteln und der gesellschaftlichen bzw. familialen Repro­duktion. Beklagt wird von ihnen u. a. der Mangel an korrekter Wieder­gabe des historischen Wissens sowie die mangelnde Akzeptanz des gesich­er­ten Wissens in der Gesellschaft.

Die polnischen Wissenschaftler und Didaktiker widersetzten sich erheblich dem Druck der instru­men­tellen Unterordnung nationsgeschichtlichen und gesellschaftlichen Wissens. Im Bewusst­sein der skizzierten Spannungskonstellation fühlen sie sich primär der Erforschung und Wiedergabe von gesichertem Wissen verpflichtet.

Es kann durchaus die These vertreten werden, dass die Konfrontation polnischer Wis­senschaftler mit Westeuropa und den USA, insbesondere durch die gemeinsame deutsch-polnische Schul­buch­­konferenz26 seit den siebziger Jahren und den damit verbundenen lang­fristigen, eine große Gruppe polnischer Wissenschaftler betreffenden Kontakten polnischer Wissenschaftler und Di­dak­ti­ker erheblich dazu beigetragen hat, dieses Spannungsniveau zunächst zu erhöhen, und die Entwicklung für die polnische Wissenschaft positiv zu beein­flussen.

Die Geschichtsdidaktiker Jerzy Centkowski, Adam Suchonski und Barbara Kubis27 ha­ben in meh­reren Vorträgen und Diskussionen mit westdeutschen Lehrer- und Studenten­grup­pen auf diese Pro­blematik hingewiesen. In der Zeitschrift für Geschichtsdidaktik28 ist die Proble­ma­tik seit den sieb­ziger Jahren mehrfach diskutiert worden. Es mangelt an der Motivation, gesichertes struk­turier­­tes Wissen zu akzeptieren und das Wissen, das primären Loyalitäts­ebenen, wie dem fami­li­a­len und kirchlichen Bereich entstammt, zu ersetzen oder nur zu ergänzen. ›Man sieht, was man weiß‹ (Max Weber). Der skizzierte Kontext trägt zur Massenbewegung bei, die in die Solidarnosc einmündet. Das hat zur Folge, dass man sein Wis­sen in tradierter Weise reprodu­ziert und als eine Art Geschichtsgefühl auslebt. Dieser spezifische Umgang mit geschichtlichem Wissen hat einen hohen Stellenwert in den Befra­gungen in der Arbeit. Es soll abgeleitet werden, inwieweit das spezifische Wissen und tra­dierte Handeln in dem Prozess von 1980/81 zum Ausdruck kommen.

Das Wissen um die Nationsgeschichte und ihre Weitergabe haben eine paradigmatische Funk­tion im Zusammenhang mit der Bewahrung der mentalen wie figurativen Identität der polnischen Nation. Das historische Wissen wie auch der Umgang mit der Nationsgeschichte stellt zugleich einen Zustand hoher gesellschaftlicher Spannung dar. Der Spannungsbogen umfasst ausgehend vom sozio­his­to­rischen Kontext die Geschichts­for­schung, die Geschichts­didaktik in Universität, Bildungs­­admi­ni­stra­tion und insbesondere der sekun­dären Bildungs­institution Schule, weiterhin der Reproduktion von historischem Wissen in der Gesell­schaft selbst durch die Primär­sozia­li­sa­tion in der Familie, der Kirche und durch die Me­dien. Insbe­­sondere die außerinstitutionelle Repro­duktion von historischem Wissen prägt das Alltagsbewusstsein und -verhalten. In diesem Kontext liegt der Ansatz für die Befragungen. Über das Geschichtsbewusstsein bemerkt z.B. Bar­toszewski:

»Ob man aber diese Erscheinung als tiefes Geschichtsbewusstsein oder eher als persönliches oder na­tionales Leidensbewusstsein qualifi­zieren kann, wäre sicher ein interessanter Forschungs­gegenstand für die Soziologen und Kunsthistoriker.«29

Ein Spezifikum ist nicht nur die Nationsgeschichte als ›Leidensgeschichte‹, sondern die Ein­schät­zung dieser Rolle in der Gesellschaft selbst, die sich dadurch reproduziert. Bereits Heinrich Heine formulierte 1822:30

»Wenn Vaterland das erste Wort des Polen ist, so ist Freiheit das zweite.‹ (S.495) und: ›Die Polen scheinen ganz besonders dazu bestimmt, gewisse Zwecke in den Welt­ge­ge­ben­heiten zu er­füllen. Ihr moralischer Kampf gegen den Untergang ihrer Nationa­li­tät rief stets Erschei­nungen hervor, die dem ganzen Volk einen anderen Charakter aufdrücken und auch auf den Charakter der Nach­barvölker einwir­ken müssen« (S. 500).

Der Messianismus ist durchaus ein europäisches Phänomen.31 Während der französische Mes­sia­nis­mus zwar eine zeitweilige Bedeutung und Instrumentalisierung in der nach­revolu­tio­nären wie nachnapoleonischen Phase erfuhr, für die französische Gesellschaft aber keine weitere Be­deutung erlangte, erfuhr der polnische Messianismus in Polen eine Funktionalisie­rung für den eigenen Nationsbegriff und hatte dadurch einen hohen Stellenwert für die Na­tion.

Nicht nur das gesicherte wie vorgebliche und zumeist affektiv besetzte Wissen um die Nations­geschichte, sondern die Funktionalisierung des Gegenstands stellt den Kernbereich dar und soll verdeutlicht werden. In diesem Zusammenhang sind die Aussagen General Ja­ruzelskis über die Rolle der Bildung, wie auch das Geschichts­bewusst­sein beach­tens­wert:

»Im Polen der Vorkriegszeit haben sich Bauern und Land­ar­beiter als Bürger zweiter Klasse verstanden … nach dem Krieg … fing der Bauer na, seinen Kopf zu heben. … Gerade die so­ziale Gerechtigkeit wurde in der vergangenen Periode auf sehr utopische Weise dargestellt und gewissermaßen entstellt: “Wir haben alle denselben Magen” … wir kennen die Folgen. Anderer­seits festigt sich aber auch die Über­zeugung, dass nicht das Geld, sondern vor allem die Arbeit, die Bildung und Ausbildung den Men­schen nobilitieren. Das sind Errungenschaften, die sich meines Erachtens nicht mehr ausroden lassen. … Das Geschichtsbewusstsein einer Nation ist eine unerhört wichtige Angelegenheit. Auf den Histo­ri­kern lastet eine große Verant­wor­tung, dasselbe trifft … auf alle zu, die auf die … Geschichte bewerten, inter­pretieren und verbrei­ten.«32

In den Auseinandersetzungen 1980/81 hat die Solidarnosc den damaligen Macht­eliten ihre mora­lische Legitimation abgesprochen, für die Nation zu handeln. Der Vorwurf der Fäl­schung der Na­tionsgeschichte wurde erhoben. Im Alltag wurde den 'staat­lichen' Historikern in Uni­versität und Schule nicht geglaubt. Über die hohe Spannung zwischen den weltpoliti­schen Antipoden sagt Adam Michnik:

»Die Kommunisten waren eine Welt, deren Existenz wir aus ganzem Herzen ignorierten. Es in­teressierte uns nicht mehr, was uns die kommunistische Zensur erlaubte. Wir verließen die ehr­würdigen offiziellen Zeit­schriften zugunsten unabhängiger Blätter, die primitiv auf Verviel­fäl­ti­gun­gen dedruckt wurden. Es waren zwei Welten: die eine groß und mächtig; die andere schwach, unterdrückt und mit einer einzigen Legi­timation versehen - dem Glauben an die Macht der Wahr­heit. … das Zusammenleben der Welt der formalen Macht (pays legal) und der Welt der Landes­realität (pays reel) gestaltete sich unterschiedlich, bis es am 13. Dezember 1981 endgültig zu Ende ging. … Die Kommunisten sahen in den Solidarnosc-Leuten die Verkörpe­rung von Anarchie, Destruktion und fremden Spionagediensten. Die Unter­grund­be­wegung sah in der kom­mu­nistischen Macht moralisches Übel, nackte Gewalt und sowjetisches Mandat. In dem Streit, wie weit sich das kommunistische System reformieren lasse, hatten schließlich die Panzer das letzte Wort gehabt. Ein Dialog war nicht mehr möglich.«33

Die Rolle des Alltags­bewusst­seins in dieser spezifischen zeitgeschichtlichen Phase sowie ihre Einbindung in die Nationsgeschichte insgesamt, stellen die Basis für das Geschehen von 1980 dar und sollen deshalb in den Kontext der Arbeit einbezo­gen werden. Ausdruck des All­tags­ver­haltens sind u.a. Paradoxien. Sie sind gleichsam charak­teris­tisch wie für Außen­stehende nicht erklärbar und damit nicht nachvollziehbar. Sie sind aber Ausdruck spezi­fi­scher Span­nungs­­bezie­hun­gen in der Gesellschaft aus. Deshalb sollen charakteristische Er­scheinungen die­ser Ausfor­mungen gesell­schaftlicher Realität einbezogen werden. Die Er­scheinungen der begonnenen Um­bruchsphase 1980/81 sollen in Bezug gesetzt werden zur soziohistorischen Entwicklung insge­samt bzw. die spezifisch aus der Realität des polnischen Sozialismus entstandenen Habitusfor­men.

4. Zum Forschungsgegenstand allgemein

In Polen wird der Zeitraum von 1980/81 nur wenig untersucht. Die postkommunistische Phase ist durch zunehmende Divergenzen auch in der soziologischen und politologischen Forschung gekenn­zeichnet, die zweifellos eingebunden ist in divergierende soziale Prozesse. Man ist über­wie­gend an den Methoden amerikanischer Wissenschaftler orientiert und gerät dabei in erhöhte Distanz zur eigenen Gesellschaft. Man forscht z.B. über Aspirationen in der polnischen Gegen­warts­gesellschaft, betreibt aber kaum eine historisch-soziologischen For­schung.34 Man forscht zeit­geschichtlich auch deshalb nur sehr begrenzt, weil es seit der Machtpartizipation ein­zelner Solidarnosc-Segmente Streit um das jetzt historisch gewor­dene ›moralische‹ Erbe der Soli­dar­nosc gibt.

Habitusveränderungen in allen Segmenten der Gesellschaft, die in der zweiten Hälfte der sieb­ziger Jahre begonnen haben, erfuhren nach der Stagnationsphase der achtziger Jahre seit 1989 eine hohe Beschleunigung. Die Dynamik ablaufender Prozesse, das hohe Span­nungs­niveau in den Macht­balancen einschließlich der Gegenläufigkeit partieller Interessen­lagen, bilden den Rahmen für gesellschaftliches und politisches Handeln und damit zugleich für jegliche gegen­­­warts­spezifischer Betrachtung, Analyse und Beschreibung. Hinzu kommt die Einbindung in den Paradig­menwechsel auf europäischer wie weltpolitischer Ebene.

Man forscht nicht über die Genesis sowie des Habitus der eigenen Intellektuellen. Jour­nalisten können aufgrund ihrer eigenen Wahr­neh­mun­gen einiges dazu berichten. Die heuti­gen Intel­lek­tu­el­­len sind sowohl Nachkommen der überlebenden Ange­hö­rigen der alten Eli­ten wie auch Partizi­pienten der Intellektualisierungs- und Aufstiegsprozesse aufgrund des Bildungs­sys­tems der VR Polen. Sie stehen oft in Identi­täts- und Loyalitäts­konflikten. Es gibt nur wenige Wissen­schaftler die sich, wie z.B. Engler oder Maaz in Deutschland, kri­tisch mit der Entwicklung der eigenen Gesellschaft auseinandersetzen, u.a. mit der gesell­schafts­historischen Erforschung des eigenen Zivilisationsprozesses.35

Die spontanen Prozesse der Über­gangs­­phase nach 1989 sind auf­grund ihrer Aktualität als For­schungs­gegen­stand ergiebiger. Andererseits werden soziologische und psycho­logi­sche Unter­suchungen zunehmend aufgrund von kommerziellen Aufträgen im Zusammen­hang mit der markt­wirt­schaft­lichen Entwicklung des Landes durchgeführt. Es besteht nur ein begrenztes wissen­schaftliches Interesse an einer die Solidar­nosc betref­fenden kritisch-hinterfragenden Forschung. Man kämpft in den gegen­wärtigen Aus­­ein­an­dersetzungen der Nach­folge­organi­sa­tio­nen um das Erbe, d. h. um das möglichst erfolgreiche Instrumen­ta­li­sieren der Solidar­nosc selbst. Die polni­schen Wissenschaftler sind interdependent eingebun­den in dieses spezifische Span­nungs­ver­hältnis.

Während des Kriegszustandes bildeten sich Ideal- bzw. Wunschprojektionen von der Solidar­nosc heraus. In der Realität der achtziger Jahre sowie in Hinblick auf den Systemzu­sammenbruch und die darauf folgenden Macht­­kämpfen konnte dieses Bild nicht mehr auf­recht erhalten werden. Die Konturen zwischen den einzel­nen Gruppie­rungen der Solidar­nosc waren schon bald nach der in Etappen erfol­gten Entlassung der Inter­nier­ten sowie der ›Sus­pen­­dierung‹ des Kriegszustandes sichtbar geworden. Dies korreliert mit der sich bereits 1981 abzeich­nenden Entwicklung, schon bald nach Gründung der unabhängigen Gewerk­schaft.

Die zeitgeschichtliche Darstellung ist recht bald in der polnischen Historio­graphie er­folgt. Jerzy Holzer verfasste ein Manuskript während des Kriegszustandes im Unter­grund.36 Eine weitere Veröf­fent­lichung entstand z.B. 1990.37 Soziolo­gische kritische Darstellungen über die Nachfolge­organi­sationen der Solidar­nosc findet man z.B. bei: Sergiusz Kowalski.38 Jerzy Holzer bezeichnet als wesent­liche Ursache für den Zerfall der Solidarnosc nach 1989 in rivalisierende Gruppen die mangelnde politische Kultur in der polnischen Gesellschaft.39

Die Erfassung und Darstellung der regionalen Geschichte der Solidarnosc ist nicht ab­ge­schlos­sen. Ein Problem insgesamt ist der fort­geführte Machtkampf zwischen den ver­schiedenen aus der Solidarnosc hervor­gegangenen Grup­pen einerseits, sowie die Rivalitäten zwischen den Nach­­folge­parteien des Realsozialismus. In ähnlicher Phase läuft seit 1990 ein Machtkampf an den Universitäten ab, der noch nicht ausbalanciert ist. Insgesamt bestätigt sich der Eindruck, dass nie­mand den Nimbus der Solidarnosc von 1980 als große nationale Tat antasten möchte. Glei­ches gilt für die Kirche in ihrer damaligen Rolle. Beide Figuratio­nen unterliegen einem gewissen Tabu.

Bezüglich der Mentalitätsforschung gibt es in Polen erhebliche Vorbehalte, so Wladys­law Kwas­nie­wicz gegenüber dem Verfasser. Eine Studie über die Menta­li­tät der Polen ist 1988 von Jadwiga Koralewicz und Marek Ziólkowski durch­geführten worden. Sie wurde 1990 - nach der pol­nischen Wende - veröffent­licht.40 in ihr werden drei Grundtypen der polnischen Mentalität vor­ge­stellt. Die drei Grundtypen der Mentalität sind:

I. Der ›passiv-produktive-anti-individualistische‹ Typ.

»the 'passive-productive-anti-individualistic' type … depicts a person believing, that the most important thing is to work hard. Work is un­der­­stood as an honest, responsible and obedient per­formance of one's duties and the fulfil­ment of the tasks one is charged with. This honest com­pletion of duties amounts mainly to tested, routine ways of behaviour and to subordination to discipline, only in a much smaller de­gree to the deve­lop­ment of one's own ingeniousness and initiative. The cult of hard, disciplined and socialy useful work is associated at the same time with the rejection of political autonomy and indivi­dua­lis­tic strivings.«41

II. Der defensiv-konservative Bittsteller.

»This type ('defensive-conservative-solicitive') has a ten­den­cy to avoid unnecessary effort and to have an eye out for perks and additional privileges. It is linked to a ›gimme syndrome‹, a strong solicitive orientation both toward the state as well as towards-parents and family. … This men­taly assumes a pessimistic vision of the world while at the same time rejecting the individual autonomy«.42

III. Dieser Typ ist ›autonom und unternehmerisch‹ ausgerichtet:

»The 'autonomous-enterprising' typ … empha­sizes the necessity for individual autonomy at all levels, from the autonomous atti­tude toward authorities all the way to the vision of a demo­cra­tic partnership within the family. The active-autonomous attitude is associated with the spirit of enter­prise revealed in both one's work and in one's parenal values. … It is a drive towards total auto­nomy, towards taking one's lot - poli­ti­cal, ecomomic and social - into one's own hands. The essence of this type of men­tality corres­ponds to the model of an ideal member of 'civile socie­ty'.«43

Typ I, der eine Person beschreibt, die glaubt, dass es am wichtigsten sei, hart zu arbeiten, ist cha­rakteristisch als ›Held der Arbeit‹. Er ist überdurchschnittlich vertreten bei Angehörigen system­naher Berufe. Arbeit wird verstanden als eine ehrenhafte, verantwortliche und gehor­same Pflicht­er­füllung. Er erwartet vom Staat Schutz und Sicherheit, lehnt das Privateigen­tum und den Wett­be­werb ab und erwartet eine zentrale Leitung und Voll­be­schäf­ti­gung. Er reprä­sentiert somit den funktio­nalisierbaren Werktätigen. Typ II ist auf die eigenen Vorteile bedacht. Er vermeidet unnö­tige Anstrengungen und versucht sich 'durchzumogeln'. Sein als ›gimme-syndrome‹ gekenn­zeichnete ausgeprägte Bittsteller-Hal­tung richtet sich gegen seine Eltern, die Familie und den Staat. Diese Mentalität kann als Neben­produkt der sozialisti­schen Gesellschaft angesehen wer­den. Sie bedeutet eine pessimistische Vision der Welt ist verknüpft mit wenig individueller Auto­nomie. Er ist indifferent, lehnt das Sy­stem nicht ab und engagiert sich nicht, es sei denn, dass es Vorteile bringt. Er ist völlig indiffe­rent und politisch apathisch; er ist bei Bauern und ungelernten Arbeitern vertreten. Typ III versteht Verantwortung i.S. unternehmerischen Handelns. Die Autoren definieren ihn als den Ideal­typ der ›civil society‹.44 Er verbindet autonome unternehmerische Handlungsweisen mit der Autonomie individuellen Handelns, mit einer Handlungsweise die auf die eigenen Interessen gerichtet ist und dadurch - mittelbar - auch auf die eigene Gesellschaft. Er hat ein Bestreben zur völli­gen Autonomie, jeder soll sein Schicksal in die eigene Hand nehmen. Er favorisiert die Markt­wirt­schaft. Vertreten ist Typ III bei Höherqualifizierten.45

Die Autoren formulieren die These, dass die Typen I und II erheblich durch die soziali­stische Gesell­schaft geprägt sind (S. 117). Da sich die Vertreter des Typ III sich im soziali­stischen Staat am 'Rande der Gesell­schaft' befanden, d.h. im Bereich der 'Zweiten Wirt­schaft', sind sie prädes­tiniert für die Transformationsperiode. Die Autoren sehen darin ein Paradoxon. Das Verhalten kann aber auch als selbststeuernd in einem staatlich-institutionell verfassten und autoritär-admini­strativ regier­ten Gesellschaft verstanden werden sowie als Indikator für die Fähigkeit von Gesell­schafts­seg­menten, äußeren Zwängen entgegengerich­tete Kräfte zu initiieren und eigenes Handel selbst­bestimmt durchzusetzen. Die Problematik kann darin gesehen werden, dass Typ III be­züg­lich seines langzeitorientierten Habitus nur wenig korreliert mit 'verantwortlichen Han­deln' in einer Gesellschaft einschließlich der Ak­zeptanz des Gewalt- und Steuermonopols, einer Voraus­set­zung für Friedfertig­keit in der Gesellschaft.

Die Ursachen für die Ausbildung insbesondere von Typ I und II können in der soziali­stischen Ge­sellschaft wie auch in der Ruralgesellschaft liegen. Die Autoren brechen bei die­ser Fragestel­lung ab. Sie diskutieren die Frage nach den soziohistorischen Wurzeln der pol­nischen Mentalität nicht. Die sich an­bie­tende weitere Frage nach der Inter­dependenz polni­scher Mentalität zum Katho­li­zismus wird ebenfalls nicht gestellt. Obwohl die Auto­ren zu­nächst auf die Aussagen Zinovievs bezüglich des ›Homo sovieticus‹ hinweisen (S. 109), wird die Untersuchung nicht zum Anlass genommen eine Auseinandersetzung mit dieser These zu führen.

5. Problemskizze zum Forschungsgegenstand

Die Problemstellung erwächst aus der Untersuchung eines Segments einer Gesellschaft, die durch einen nicht­-etatistischen Vergesellschaftungspozess gekennzeichnet ist. Die Historiziät der Polonitas prägt den Prozess der Zivilisierung in der Gesellschaft und die Habitusentwick­lung sowie die spezifische der Wechselbeziehung zwischen Gesellschaft und Staat.

Die polnische Nationsgeschichte ist geprägt von mehreren von außen durch physische Gewalt­akte herbeigeführte gravierende Veränderungen der Machtbalancen. Im zwanzigsten Jahrhun­dert waren es zunächst die paradigmatischen Verschiebungen 1919 und 1939 sowie 1944 mit dem Beginn der Ära 'Volkspolens'. Der entscheidende Einschnitt erfolgte mit den Ereignissen 1980 und der daraus resultierenden Gründung der Solidarnosc. Der Abschluss dieses Paradig­men­wechsels wurde am 13. Dezember 1981 durch Verhängung des Kriegs­rechts verhindert. Er er­folgte erst ab 1989 und war nach einer längeren Übergangsphase mit der Wahl Lech Walesas zum Präsidenten der Republik Polen im November 1991 beendet. Kennzeichnend ist, dass sowohl die Situation 1980/81 wie auch 1989/90 in Wechselbezie­hung zu äußeren Mächten stehen.

Aus dieser Situation der zweiten Umbruchphase, in der der Paradigmenwechsel end­gültig er­folgte, begann die Entwicklung der Fragestellung. Sie selbst ist ein Prozess mehrerer Ebenen.

  1. Als Basis gelten die Ereignisse sowie die Folgeprozesse 1980/81. Sie manifestierten als ›Reformphase‹ seit langem das Interesse des Verfassers.

  2. Damit verbunden ist die soziohistorische Dimension dieses Prozesses bezüglich der polni­schen Nationsgeschichte, wie auch ihre Interdependenz zur europäischen sowie welt­politi­schen Nachkriegsentwicklung.

  3. Im politisch-soziologischen Kontext stehen Fragen der gesellschaftlichen und ökonomi­schen Entwicklung: Zivilisationsprozess, Habitusveränderungen, innere wie äußere Macht­ver­än­derun­gen, Reformansätze in der Ökonomie und Sozialpolitik sowie ein Pa­radigmenwechsel der Polonitas bezüglich der Kirche und auch der Nation.

  4. Die sich seit 1989 mehrfach vollziehenden ökonomisch interdependenten Prozesse, die als Euro­päisierung oder Globalisierung verstanden werden und unter dem Aspekt der Peri­phe­ri­sierung eingeordnet werden können.

  5. Die Wechselwirkung des gesellschaftlichen wie politischen Wandels und dem Paradig­men­wech­sels in der Wissenschaft.

  6. Die Folgewirkung auf den Standort und die Bewertungsmuster des Verfassers selbst.

Es ist ein immanentes Problem für die gesellschaftsgeschichtliche Forschung, die aus der Nations­ge­schichte ableitbaren Paradigmen in den zeitgeschichtlich fortlau­fen­dem Prozess seit 1989/90 ein­zu­be­zie­hen. Der eigene gesellschaftspolitische Standort und der wissen­schaftliche Blick­winkel unter­liegen damit einer gewissen sich permanent weiter­ent­wickeln­den Dynamik. Dies gilt in noch höherem Maße für die als in diesen Prozess involvierten Be­fragten. Folgende Schwer­punkte sollen in der Arbeit berücksichtigt werden:

  • die prozesssoziologische Betrachtungen der ›Reformphase‹ von 1980, bezüglich ihrer Wech­sel­wirkung zum Prozess der Staatsbildung Polens, sowie ihre soziohistorische Ein­bin­dung in die Nationsgeschichte;

  • die Rolle der Intellektuellen und der Arbeiter in ihrer Interdependenz zur Adels- wie zur Agrar- bzw. Ruralgesellschaft;

  • die gesellschaftliche und politische Funktion des polnischen Katholizismus als Bestand­teil der Nationsgeschichte;

  • die Darstellung von nationsspezifischem Denken und Handeln, der historischen Be­dingtheit der Habitusformen;

  • die Wechselbeziehung zwischen Tradierung von historischem Wissen und affektiv be­setztem Denken und Handeln;46

  • die Anwendung zivilisationstheoretischer, wie auch wissens­soziologischer Ansätze;

  • das Spezifikum polnischer Dichotomie in der Gesellschaft des realsozialistischen Sy­stems, als Ausdruck einer ›Wir-Ich-Balance‹;

  • Fragen der Langsicht bzw. die Ausprägung des ›ökonomischen‹, ›zweck­rationalen‹ Denkens;

  • Reflexion einer Abgrenzung von Entwicklungen in der deutschen Gesellschaft, insbe­sondere den Prozessen in der DDR.

  • die Entwicklung zur Zivilgesellschaft; der Wechsel von einer durch Fremd­zwänge be­stimmten zu einer möglichen durch Selbststeuerung gekennzeichneten Entwicklung.

Aus der Dynamik der Rahmenbedingungen resultiert eine gewisse Variabilität in der Frage­stel­lung. Dies entwickelte eine Eigendynamik aufgrund der sich verändernden und be­schleuni­genden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Der wesentliche Ansatz, die soziohistorische Motivation der beteiligten Gruppen, also der Intellek­tuellen und Arbeiter darzustellen, blieb erhalten. Er ließ es als notwendig er­scheinen, die histori­sche Dimension der Polonitas, die Funktion der Adelsgesellschaft für die Habitusentwick­lung die Rolle des politischen Katholizismus darzustellen. Sie erforderten eine entsprechende Beschäfti­gung mit dieser Fragestellung. Die vertiefte Behandlung der Bauern als Paradigma für das sich besonders seit dem Zweiten Weltkrieg herausbildende Milieu der Industriegesell­schaft, wie all­gemein der 'Werktätigen', ließe angesichts des hohen Beschäftigungs­grades der realso­zialis­tischen Nachkriegsgesellschaft zwar eine weitere Schwerpunktsetzung sinnvoll er­scheinen, sie würde aber den Rahmen der Arbeit zu sehr dehnen.

Für den Verfasser waren während der eigenen Arbeitsphase drei bestimmende Größen einem individuellen Prozess unterworfen:

  • die abnehmende Validität des gesellschaftlichen wie ökonomischen Modells des Sozia­lismus;

  • sein eigener Standort, der an Reformprozessen mit dem Ziel des 'sozialen Ausgleichs' orien­tiert war im Zusammenhang mit einem als positiv gewerteten und notwendig er­achteten Rolle des Staates;

  • die Beschäftigung mit den zivilisationstheoretischen, figurationssoziologischen Ansat­zes und der verstärkten Einbeziehung machttheoretischer Aspekte.

Das eigene Erkenntnisinteresse erfuhr dadurch eine Verlagerung von einem reformorientier­ten An­satz und einer Prägung in ökonomischen Fragen durch keynesianisches Denken - insbe­son­de­re bezüglich der Rolle des Staates in modernen Gesellschaften - zur Deskrip­tion gesell­schaft­lich­en Verhaltens. Letzteres kann nicht den Anspruch bedeuten, die gegen­wär­tigen Pro­zesse in ihrer Dynamik vollständig zu beschreiben, wohl aber über die Rahmen­­bedin­gungen beim Zustan­de­kommen der Interviews zu reflektieren. Die Fragestellung ver­lagerte sich damit auf eine Bestim­mung des Prozesses der Bildung einer Staatsgesellschaft und ggf. eine Hypothesen­bil­dung betref­fend den weiteren Etatisie­rungs­prozess der polni­schen Gesell­schaft.

Damit verbunden ist die Problematik der Behandlung dieser Fragestellung in Polen selbst. Auf­grund der Begrenztheit des Zugangs zur polnischsprachigen Literatur konnte dieser Ansatz nur exemplarisch einbezogen werden. Da sie verbunden ist mit der an sich ergebenden Arbeitsweise, soll diese anhand dessen skizziert werden.

Die Fragestellung entwickelt sich damit von ursprünglich sozio-ökonomisch und histo­ri­sch be­stimmten Ansät­zen zur Korrelation zwischen dem Staatenbildungsprozess, der damit inter­depen­denten Span­nungsbeziehung der polnischen Nation, der begrenzten Ausbildung einer Mittel­schich­t, zur Frage der Bildung der Zivil­­gesell­schaft und zu denen der politischen Kultur.47 Die For­mulierung der Themen­  wie Frage­stellung und die daraus folgende The­senbildung und Reflexion unter­liegen damit ihrerseits einer prozes­sualen Entwicklung. Dazu gehört auch die moralisch interdependente Beziehung des Verfassers zum gesamten Ge­genstand.

Ein Problem ist die Stellung des Verfassers zum Gegenstand. Er ist selbst involviert, engagiert und vielfach freund­schaftlich mit Polen verbunden. Andererseits befindet er sich in räumlicher wie auch einer gewissen mentalen Distanz. Es kann aber eine deutliche persönli­che Entwicklung konsta­tiert werden. Der ursprüngliche auf den Positionen der späten sech­ziger Jahren beruhende Stand­ort einer ›kriti­schen Analyse‹, verbunden mit Überzeu­gungen in Richtung auf ökonomische und gesell­schaft­liche Refor­men, ist einer tendenziell distan­zierteren Position gewichen. Die prin­zipielle Durch­setzung des Reform­prizips wird vom Verfasser deutlich skeptischer einge­schätzt und damit der möglichen Steuerung gesell­schaftlicher Prozesse. Eine kritische und distanzierte Sichtweise hat sich auch gegen­über Theorien und Modellen ergeben.48 Es erfolgen dadurch auch Rückkoppelungen auf eigene Diskurse. Zur prozeß-soziologische Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung sei mit Elias formuliert:

»Ein prozeß-soziologischer Zugang, der menschliche Probleme ins Blickfeld rückt, verlangt ... den Über­gang zu einer weiteren Stufe der Distan­zierung, und zwar der Distanzierung von dem For­schungs­gegen­stand wie von dem Forschenden, also von sich selbst. Das persönliche Enga­gement im Sinne der eige­nen Gewissens­bildung legt Forschern, denen die Gepflogen­heiten ihres eigenen Staates zur zweiten Natur geworden sind, eine Betrach­tungs­weise nahe, bei der dessen Form und Entwick­lungsgang als Muster und Maßstab für die Staatsform aller anderen Länder dient.«49

Aufgrund des die polnische Historizität betreffenden Ansatzes ergab sich in Polen ein hohes In­ter­es­se. Der Verfasser hat Dank Empfehlungen der emeritierten Soziologen Wladyslaw Markie­wicz und Andrzej Kwilecki Kontakte knüpfen können zu Soziologen an mehreren pol­ni­schen Uni­ver­si­­täten. In Gesprächen über die Zielsetzung des Projektes ergab sich ein sehr hohes Interesse am Aspekt des gesellschaftshistorischen Forschungsansatzes beider durch Okkupation und die Auf­bauphase der Nachkriegszeit geprägten Wissenschaftler.

In der durch den Realsozialismus geprägten Generation sank das Interesse an dieser die eigene Habitusentwicklung auch mental tan­gierenden Fragestellung. Letzteres kann z.T. auf die Spezi­fika des Intellektualisierungsprozesses der Nachkriegszeit zu­rückgeführt werden. Zum Tabu ge­worden ist offensichtlich der Bezug zu Habitusformen wie zur Intellektualität zur Szlachta-Gesell­schaft. Die jüngere Soziologengeneration ist erheblich an westlich orien­tierten Moderni­sie­rungs­prozessen interes­siert. Ein weiteres Problem ist die Begrenztheit der Erfor­schung der eigenen Gesellschaft seitens der Soziologen und Politologen, insoweit sie durch die Rahmen­bedingungen des Systems der VR Polen gegeben waren.50

Nach 1990 führte es dazu, dass wieder eine neue Tabuisierung der gesellschafts­wissen­schaft­lichen Erforschung der zurückliegenden Phase erfolgte. Es wird aber eine begrenzte sektorale historische Forschung betrieben. Interdisziplinäre Ansätze sind aber kaum vorhan­den. Finanzielle Mittel zur Förderung sind sehr begrenzt. Wissenschaftler wie z.B. der Hi­storiker Antoni Czubinski, die über die Geschichte der VR Polen publiziert haben, sind er­heblich tangiert durch die anhal­tende Dynamik der gegenwärtigen Machtbalancierungen.

Publikationen polnischer Autoren, die in deutscher oder englischer Sprache zur Verfü­gung stan­den, waren jeweils nur begrenzt verwendbar. Man instrumentalisiert oder funktio­nalisiert im jewei­ligen Zusammenhang bestimmte Sachverhalte, die sich unter Begriffe wie ›Geschichts­bewusst­sein‹, dem Begriff der ›Nation‹, wie dem der ›Gesellschaft‹ subsumieren lassen. Man reproduziert einen nationsge­schichtlichen, zumeist historiographischen Zugang, überschreitet aber bestimmte Tabugrenzen nicht, wenn es um das Selbstverständnis der Na­tion geht.

Nach auf Gesprächen des Verfassers mit polnischen Soziologen, Politologen, Histori­kern und Geo­graphen beruhenden Erfahrungen, wird dieser Forschungsgegenstand nicht abgedeckt, der auf der Basis eines zunächst kritisch-analytischen Ansatzes und einem pro­zeß-soziologisch ori­en­­tier­ten Zugang an der Deskription von Figurationen in Staatsbil­dungsprozessen, Habitus­­ver­­än­­der­ungen orientiert ist. Generell kann gesagt werden, dass diejenigen Wissen­schaft­ler Inter­es­se zeigen, die eine affektive Beziehung - auch in negati­vem oder zumindest ambi­valentem Sinne - zu Westeuropa, insbesondere Deutschland ha­ben. Es scheint, dass Vor­behalte in einer gewis­sen Dominanz aufgrund der indi­vi­du­el­len In­vol­viertheit in nations­spezifische Historizität be­ruhen.

6. Zur Durchführung und Konzeption der Arbeit

Ziel der Arbeit ist es, über das Denken und Handeln der Betroffenen, der Industriearbeiter und Intellek­tuellen im Prozess der Ereignisse von 1980/81 insoweit Aussagen zu machen, als dieses im Kontext zur sozio-historischen Entwicklung der polnischen Nation steht. Dabei soll die Frage nach der ›Mentalität‹, dem ›Volkscharakter‹ und insgesamt der ›Polonitas‹ diskutiert wer­den und anhand figurations­soziologischer sowie zivilisationstheoretischer An­sätze reflektiert wer­den. Den Leitgedanken bildet das Spezifikum der Beziehungen der pol­nischen Gesellschaft zum Staat und zum Begriff der Nation.

Der Ansatz bedeutet zugleich eine Abgrenzung von Positionen der westdeutschen Lin­ken, die in der Bildung der Solidarnosc Ansätze zur Verkörperung oder Realisierung eige­nen Utopiedenkens sahen.51 Es soll keine erneute zeitgeschichtliche Darstellung erfolgen.52

Es wurden bewusst die Arbeiter der ›Lenin-Werft‹, jetzt ›Danziger Werft‹ ausgewählt, da sie die wesentlichen Träger der Aktio­nen waren. Als zweite Gruppe, die gegenüber den Gesprächspart­nern als ›Experten‹ bezeichnet wurden, sollten primär intellektuelle Solidar­nosc-Aktivisten aus Danzig, aber auch aus anderen Regionen, Vertreter der Kirche, des polnischen Katholizismus wie des Protes­tantismus in Polen, und übrige Involvierte befragt werden.

Es gibt Politiker, die sich vermutlich dem Wunsch nach einem Inter­view entziehen. Die­ser Ein­druck ver­stärkte sich seit Stabilisierung der Macht durch die aus der Solidarnosc hervor­gegan­genen Parteien und insbesondere nach der erfolgten Wahl Lech Walesas zum Staatspräsidenten im Herbst 1991. Ehemalige Solidarnosc-Funktio­nä­re sind in Warschau immer 'beschäf­tigt'. Es ist ihnen teilweise unan­ge­nehm, wenn sie jemand aus West­deutsch­­land nach der Situation von 1980 befragen möchte. Bielecki hat z. B. trotz mehrfacher, auch persönlicher Zusagen, nicht ge­ant­wor­tet. Das Büro der UD hat mehrfach zuge­sagt, einen Kontakt mit Frazyniuk herzustellen. Es ist nicht erfolgt. Diverse Versuche in Warschau und Danzig zu weiteren Kontakten verliefen er­geb­nis­los. Andererseits haben sich viele Mitarbei­ter in Behörden und Parteibüros als äußerst in­teres­siert gezeigt und - soweit es ihre Mög­lichkeiten zuließen - sich als sehr kooperativ erwie­sen. In diesem Zusammen­hang ergaben sich sehr erfreuliche Eindrücke.

Es sind zunächst die Fragen für Fragebogen ‘A’ formuliert worden. Aufgrund der er­sten Ein­drücke sowie der Veränderungen in der Einschätzung bzw. Stellung zum Gegen­stand seitens des Verfassers entwickelte sich die Fragestellung weiter. Sie kam in den Er­gänzungen ‘B’ und ‘C’ zum Aus­druck. Um den originären Gesamteindruck der einzelnen Befragten zu erhalten, wurde der Aufbau des jeweiligen Interviews, die Reihenfolge und der Zusammenhang so belassen, wie er dem Originalen entspricht. Es wurde also bewusst darauf verzichtet, zum Zwecke einer besser möglichen systematischen Vergleichs die Texte ent­sprechend zu bearbeiten und ggf. um­zustruk­turieren.

In den Interviews wurde nicht nach einer möglicherweise angestrebten Revolution ge­fragt. Da diese Ziel­set­zung von einer prinzipiellen Umwälzung des Systems und damit der Macht­ver­hält­nisse 1980 tabu war und unter den damaligen Rahmenbedingungen von vorn­herein eine Utopie darstellte und auch in westlicher Sicht als unrealis­tisch galt, konnte eine solche Frage sich nicht auf die damalige Wahrnehmungsrealität der Involvierten beziehen.

Die Auswertung soll exemplarisch anhand von Schwerpunktbereichen erfolgen, da sta­tistische Erhebungen im Sinne von Vollständigkeit nicht möglich sind aufgrund der nur be­grenzten Ver­gleich­barkeit im Zusam­men­hang mit dem hohen Individuali­täts­charakter der Befragten. Letztere sind selbst einbezogen in Divergenzprozesse, die Ausbildung neuer Mi­lieus, die Grün­dung wie auch Liquidierung eigener Firmen, sowie die Bildung, Teilung und Wieder­zusam­men­füh­rung pol­ni­scher Parteien und Wahlbündnisse.

Die nach außen seit 1989/90 zunehmend sichtbar gewor­de­ne Ausprägung von Indivi­duali­sie­rungs­prozessen lässt durchaus auf früher ausgeprägte indivi­duelle Charakteren schließen. Sie lässt die Schlussfolgerung zu, dass die Aus­geglichenheit der Lebens­verhältnisse im Sozialismus zwar äußerlich die Individualität der Menschen unter das offiziell ange­strebte Ziel subsumieren, letzteres aber ausschließlich eine phänotypische Situation bedeu­tete als Ausdruck kollektiver Selbst­zwänge unter den damals gegebenen Bedingungen. Nach Aufhebung dieser äußeren Bedin­gungen enthob sich die Not­wen­dig­keit spezifischen Selbst­­zwangverhaltens und setzte im Gegenzug - zumindest temporär - individualisierungs­schübe frei.

Es ergaben sich viele Ansätze zu möglichen Forschungsvor­haben, die sich anschließen könnten. Sie können als Problem- wie Projektbereich skizziert wer­den, die wiederum, weil in Bezug zu mehreren Ebenen stehend, unterteilt werden müssten:

  • der Prozess fortlaufender oder restringenter Etatisierung;

  • die Zivilisierungsprozesse in ostmitteleuropäischen Gesellschaften;

  • die Wechselbeziehung zwischen nationsspezifischer oder globaler Habitusentwicklung;

  • die Entwicklung von ökonomischen Langzeitdenken;

  • der besondere Stellenwert der Ruralgesellschaft;

  • die bisher sehr geringe Forschung über den (mehrfachen) Paradigmenwechsel der Frauen­rolle.

7. Zu den Befragungen

Aufgrund des einerseits hohen Interesses lag eine gute Arbeitssituation vor. Es muss aber hervor­gehoben werden, dass ohne die direkte engagierte und nachhaltige Hilfe befreundeter Wissen­schaftler in Warschau, Danzig/Gdingen, Posen und Krakau das Projekt nicht reali­sierbar gewe­sen wäre.

Bei der Befragung handelt sich zunächst um eine Mehrfachbeziehung. Ziel ist es, in dem gege­ben­en Komplex die Ebenen und Bezüge offen­zu­legen. Deshalb ist immanent die Frage enthalten nach dem zeit­geschicht­lichen Gegenstand in seiner Wechselbeziehung zur Sicht­­weise der direkt betei­­ligten Handelnden, wie den indirekt Betroffenen - aber in der Funktion sehr invol­vierten so­wie den Beob­achtenden. Jeder Einzelne stellt damit aufgrund seiner In­dividualität ein 'Mosaik­­stein­­chen' dar. Die Position ›Aussagen über die eigene Beteiligung‹, z.B. über KOR, wie auch ›Dar­­stel­lung der einzelnen Betrachtungen‹ stellen Positionen in­dividueller Invol­viertheit dar. Sie drüc­ken das Maß der Involviert­heit in den Sach­ver­halt dieses in der polnischen Gesell­schaft ab­lau­f­en­den Prozes­ses aus. Die Handlungs­ebene ist verstanden als ein Kampf der polnischen Nation.

Das Prinzip der Involviertheit muss verknüpft werden mit den einzelnen Rollen­positio­nen zum da­maligen Zeitpunkt - wie auch der nicht aus dem gegebenen Zusammenhang ver­drängbaren bzw. aus­klam­mer­baren zeitlichen Entwicklung. Es handelt sich damit um ein zeitgeschichtliches Be­ziehungsgeflecht, das politisch zu sehen ist im Kontext des damaligen Standortes der Befragten im Meinungs­spektrum, also auch des Grades der Involviertheit. i.S. von deren Betei­ligung am Geschehen zur Veränderung der Macht­balance.

Da die Fragestellung an den individuellen ›Motivationsansätzen bzw. -ausprägungen‹ anknüpft, um Ant­wor­ten auf nations­­spezi­fische Phänomene zu bekommen, muss auf das Wechsel­bezie­hungs­ge­flecht zwischen Interviewer und Interviewtem sowie den Inter­viewten und deren Denken wie deren Handeln selbst Bezug genommen werden und nicht primär auf die fiktiven Beobachter­positionen. Gleichwohl ist für die Intellektuellen - sie machen es z.T. in den Interviews deutlich - diese Wech­sel­beziehung zumeist bewusst. Es ist dabei aber nicht klar, inwieweit sie sich ihrer eigenen Invol­viert­heit entziehen wollten.

Um Aussagen über die in der damaligen Phase ablaufenden Prozesse sowie ihre Träger zu er­halten, bietet es sich an, repräsentativ Beteiligte zu befragen, die sich in unterschiedli­chen Rollen befinden. Deshalb soll über die intellek­tuelle Kerngruppe der damaligen Soli­darnosc hinaus­ge­gangen werden. Ziel ist also, Aussagen zu erhalten über die tragenden Gruppen und dies in Be­zug zu den Rahmen­be­dingungen zu setzen für gesell­schaftspoliti­sches Handeln, den gesell­schaftlich-histo­rischen Zu­sam­men­hang und die Diskussion der Inhalte.

Entsprechend dem gewählten formationssoziologischen Ansatz geht die Arbeit prinzi­piell von der Verstehbarkeit und Begründbarkeit gesellschaftlicher Prozesse und der Paral­leli­tät und Ver­floch­tenheit von Zivilisations- und Habitusentwicklungen und den Verän­de­run­gen gesell­schaftli­cher und staatlicher Machtbalancen aus. Dies hat Auswirkungen auf die zu wähl­ende Unter­su­chungs- und Interpretationsmethode, die eine Balance verstehender und erklären­der Empathie und nüchterner Distanzierungen und Relativierungen erfordert und das Bewusst­­sein daran wach hält, dass Untersuchungsergebnisse grundsätzlich zwischen ihrem indivi­duellen und zeit­geschichtli­chen Kontext zu lesen und sicherlich im Gang der Untersuchung selbst immer wie­der kritisch zu überprüfen und zu entwickeln wird.

Statistische Erhebungen haben, messbar an Ihren mathematisch ermittelbaren Eignungs­kriterien, insoweit eine erklärende Deutung, als das Erkenntnisinteresse sich an materiellen Strukturen, an Entitäten, orientiert. Statistische Ergebnisse sind interpretationsfähig und -­bedürftig. Sie liefern aber ihre notwendigen Interpretationskriterien nicht mit. Wenn solche Prämissen nicht schon in der Konzeption der Erhebungen bzw. Befragungen explizit oder implizit eingegangen sind, be­dürfen sie einer über die Statistik hinausreichende Theoriebil­dung - es sei denn, dass auf 'Ver­ständnis' und 'Empathie' grundsätzlich verzichtet werden soll.53

Habitusveränderungen und Veränderungen zu zivilisatorischem Verhalten sind durch mathema­tisch abwickelbare quantitative Befragungen nicht hinreichend zu entschlüsseln. Erst wenn sie, wie es Elias exemplarisch vorgeführt hat, an Schlüsselereignissen, Äußerun­gen und Dokumenten aufge­deckt, verstehbar gemacht und zu qualitativ-erklärenden Be­grifflichkeit um­gesetzt werden, können quantitative Verfahren über Verbreitung und sozio­logische Differen­zie­rung der Prozesse Auf­schluss geben. Dazu soll die Arbeit einen Beitrag leisten. Umfassende abschließende Unter­suchungen der Ereignisse in Polen 1980/81 liegen nicht vor.

Wenn die zwei politischen Schlüsselzeiträume 1980/81 und 1989/90 als die Habi­tusentwicklung der polnischen Gesellschaft tief beeinflussende Einschnitte in die gesell­schaftliche Entwicklung Polens verstanden und er­klärbar gemacht werden sollen, muss die­ses Theorem an geeigneten Dokumenten und Äuße­run­gen manifestiert und nachvollziehbar gemacht werden. Diesem Zweck dient die empirische Grundlage dieser Arbeit, die Befra­gungen. Sie sind kein Test demos­ko­pischer Methodik, keine 'Umfragen', sondern die mög­lichst sorgfältige Dokumentation von Bewußtseins- und Reflexionslagen. Ausgewählt wur­den daher Repräsentanten dieses Ein­schnit­tes­, die von verschiedener gesellschaftlicher Seite her forcierend oder retardierend, an ver­schie­­dene Kontinuitäten anlehnt, die beiden an der Gesamtentwicklung Polens interdependenten Habitus- und Gesellschaftsumbrüche reprä­sentieren.

Da es eine unabdingbare Voraus­setzung war, die Gespräche auf einer Ebene gegensei­tigen Vertrau­ens zu führen, kann die Aus­wertung auch nur unter Berücksichtigung des Schutzes der Persön­lich­keits­sphäre geschehen. Entsprechend ist auch die in jeweils gegen­seitigem Einver­nehmen - manchmal in kurzen höf­li­chen bzw. oder nonverbaler Andeutungen erfolgte - Abspra­che einzuordnen, die Texte ggf. sprachlich zu über­arbeiten. Wenn die In­terviewpartner zwar gern bereit waren, in Deutsch zu antwor­ten, aber darauf hinwiesen, im Deutschen nicht so geübt zu sein, dann wurde der ent­spre­ch­ende Wunsch zumeist vorher geäußert. Es wurde dann seitens des Verfasser zugesichert, sprachliche Inkorrekt­heiten oder 'Unebenheiten' durchaus in der Überarbeitung zu korrigieren.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass in den meisten Fällen eine ausge­spro­chen herzliche, kollegiale oder nette Atmosphäre entstanden war. Manchmal signali­sier­te man Zufrieden­heit oder gar Dankbarkeit darüber, dass sich jemand aus dem Westen für die Beteiligten an dieser doch so eminent wichtigen histo­rischen Phase Polens interessierte. Zweifel­los ist dieser Eindruck maß­geblich auch dadurch entstanden, dass alle Interviews durch persön­liche Kontakte zustande kamen und manchmal spezifische Bitten oder auch Überzeugungsarbeit geleistet wer­den musste. Nur in einem Falle war eine gewisse arrogante bzw. abweisende Haltung erkennbar.

Wenn wir vor 1989 bis heute rapide Disziplinierungsprozesse und Wertewandel beob­achten - auch vor dem Hintergrund der polnischen Geschichte über­raschende Veränderun­gen im öffent­lich­em Leben - so sind diese nicht ohne Verständnis der vorangegangenen Ein­schnitte 1980/81 nach­zu­vollziehen und zu ver­stehen.

8. Zur Methode

Gewählt wurde eine narrative - auf Stichworten aufbauende Methode - um eine gewisse Entfal­tungs­­mög­lichkeit zu geben und um den idivi­duellen Zugang zum Gegenstand zu er­möglichen, der auch aus Grün­­den der gegenseitiger Achtung voreinander, notwendig war.

Im Komplex 'A', ›Intellektuelle‹ bzw. ›Experten‹, wurde ein qualitatives Verfahren praktiziert. Es im­pliziert in der Wechselbeziehung des Interviewers zum Gegenstand eine relativ hohe Distanz. Damit wird vermieden, eine vorgegebene Theorie sowie vorgegebene Denk- wie Messschema an­zuwenden. Es soll ein möglichst vorurteilsfreies Herangehen an­gestrebt werden.

Auf eine weitere vergleichende methodische Darstellung z.B. der angewandten Phäno­menologie, einer von Danner54 für die Geistes- und Sozialwissenschaften entwickelten Me­thode, soll verzich­tet werden. Das Verfahren korreliert mit dem für die psychologische Phä­nomenologie entwickel­ten Verfahren Giorgis.55

Es soll der Anspruch berücksichtigt werden, den Gegenstand frei von verzerrenden Fak­ten, wie Vorurteilen oder Ideologien zu betrachten. Inwieweit dabei tradierte Denk- und Bewer­tungs­sche­mata ausgeblendet werden können - so der bei Giorgi implizit enthaltene Anspruch - ist per se fraglich. Der Befragende muss sich seiner spezifischen Einbeziehung in das Spannungs­ver­­hältnis von gleichzeitiger Involviertheit und anzustrebender Distanz zum Gegen­stand bewusst wer­den. Insoweit ist der ›vorurteilsfreie‹ Zugang in der 'ersten' Phase (nach Danner) ein in einer gewis­ser Näherung anstrebbarer und ob seiner Problematisierung sinnvoller und bewusster Vor­gang. Eine Differenzierung auf­grund des allgemeinen Ein­drucks sowie Interpretationen schlie­ßen sich an. Zugang zu letzterer und damit zur Auswer­tung erfolgt wesentlich über die Deskription.

Im zweiten Teil, den Arbeiterinterviews soll die Auswertung noch deutlich auf der Ba­sis der Eigen­wahrnehmung der Phänomene aus der Lebenswelt des Alltags erfolgen. Dies soll gestützt auf die quantitative Auswertung, den ›Durchschnittswert‹56 und die ›Standardabweichung‹57 geschehen. Aber auch in die­sem Fall ist eine Schematisierung auch deshalb fraglich, da sich die Frage der inneren gesell­schaftlichen Homogenität der Figura­tionen der betreffenden Arbeiter stellt.

Darin eingeschlossen ist die Frage nach dem Individualisierungsgrad der Menschen in Polen der aufgrund der In­dividual- wie Familialorientierung des bäuerlichen Herkunftsmi­lieus. Die äußere An­gleichung der Lebensverhältnisse, wie auch die gemeinsame Konfes­sion, tragen zur Bildung von Gruppenidentitäten bei. Diese sind aufgrund der kurzen Phase des spezifischen Sozialisie­rungs- bzw. Zivilisierungsprozesses, der zum Zeitpunkt der Er­eignisse die erste und begonnene zweite Generation von Werftarbeitern umfasste, als tempo­rär und zielbezogen auf die Ausein­an­der­set­zungen bezogen zu werten. Überlagert wird die­ser Sachverhalt von der prinzipiellen Frage nach generellen Identitätsbildung in der Figura­tion der Arbeiter in einer Werft, z.B. der Lenin-Werft, der Werftarbeiter der gesamten pol­nischen Küstenregion oder gar aller Industrie  und Bergarbei­ter.

Es kann im gegebenen Kontext nicht untersucht werden, inwieweit z.B. der Solidari­tätsbegriff für die Gefühle der Werftarbeiter untereinander trägt, wie auch in Bezug auf an­dere Werktätige an anderen Orten, in anderen Figurationen und Loyalitätsbeziehungen. Das bedeutet letztlich, dass die Frage des methodischen Vorgehens nicht abgetrennt werden kann von der soziologischen Fragestellung bezüglich der zu untersuchenden Figuration selbst und andererseits vom Zugang über den allgemeinen wissenschaftstheoretischen wie auch den ideologischen Standort.

Die Abhebung von letzterem ist wohl problematisierbar, seine Umsetzung erfordert aber ein Höchst­maß an Distanzierungsfähigkeit. Das bedeutet, dass die Frage der statisti­schen Methode, das Erhebungsverfahren auch in wissenssoziologischem Kontext gesehen werden muss.58

So notwendig es einerseits ist, die Wechselwirkungsebenen der ver­schie­­dene Bezie­hungs­ge­flechte anzusprechen, so unmöglich ist es, diese durch selektive Freilegung zu ana­lysieren und zu deskribieren. Eine Analyse der Perso­nen war von vornherein nicht beabsich­tigt und in Hinblick auf die notwendige Singularität möglicher Ergebnisse für die Untersu­chung nicht aufschlussreich und auch im gegebenen Instrumentarium nicht exemplarisch verallgemeinerbar.

9. Eindrücke bei den Befragungen - Vertrauensbildung

Aus der Beobachtung der Interviewten während der Abläufe war häufig eine deutliche Kon­zen­­­triert­heit erkennbar, die darauf schließen lässt, dass der Versuch, während des Ablaufes des jewei­li­gen Inter­views sich in eine gewisse Distanz zur Sache zu begeben, durchaus ge­geben war - in der Regel aber nur am Anfang. Nach wenigen Minuten war jeweils eine hohe Konzen­tration fest­zu­stellen, die sich in Körperhaltung, Gestik oder dem Griff nach der Ziga­rette, dem Stehenlassen der Tasse Kaffee erkennen ließ. Der gesellschaftshistorische Zugang ist offensichtlich von hoher mentaler Involviertheit und be­grenzter Distanzierungsfähigkeit gekennzeichnet. Man spürte es oft bei Befragungen an affekti­ver Besetztheit, Konzentration etc.

Es kann davon ausgegangen werden, dass es für die Befragten angesichts der Erin­ne­rungs­­arbeit, den Formulierungs­leistungen kaum noch möglich war, eine distanzierte Beob­ach­ter­­position zu sich selbst einzunehmen, um sich aus der eigenen Involviertheit auszu­blenden. Begünstigt durch den indivi­du­ellen Einstieg in das Beziehungs­ge­flecht kann davon auszugehen sein, dass die Gedan­ken so formuliert worden sind, wie sie entstanden sind, ohne sie also auch spezi­fisch zu beein­flussen. Am Gesichtsausdruck, manchmal dem Griff zur Zigarette, der Augen­stellung, teil­weise sehr langen und wenig strukturierten, oft zudem geschachtelten Sätzen - pol­nisch, wie deutsch - die für die Über­setzer eine nicht geringe Schwie­rig­keit bedeuteten, lässt sich erkennen, dass die Gedan­­ken und Eindrücke jeweils spontan geäußert wurden.

Kritisch wurde es bei manchen Befragten. Sie befanden sich in einer psychischen Span­nung, als sie sahen, worum es ging. Es gab z.T. affektbesetzte Antworten. Man hat auch gespürt, dass man in einen Bann­­bereich eingedrungen ist. Erinnerung und Bewusstwerdung des Involviert­seins war oft unan­ge­nehm. Unangenehm war auch die Spannung zwischen der damaligen (vorgeblichen) Einheit und der späteren Spannung, d.h. den anhaltenden Macht­kämpfen der Gegenwart.

Ein Problem ist z.B. die manchmal betont distanzierte, partiell zurück­hal­ten­de, manch­mal bedäch­tige Art der polnischen Partner, etwas zu formulieren oder zu umschreiben, wäh­rend andererseits jemand, der aus dem deutschen Sprachbereich kommt, eher gehalten ist und manchmal den ent­sprechenden Wunsch verspürte, nun auf den 'Punkt' zu kommen. Die polnischen Gesprächs­part­ner gehen oft in Detail­bereiche, in Neben­säch­lichkeiten. Die Frage nach dem eigenen Ich, der Stellung zur eigenen Nation ist tabu. Ein Solidarnosc-Funktionär, ein Kunst­historiker, hat z.B. eine Frage nicht beant­wortet mit der Begründung, ›er kenne das alles‹ aufgrund seiner Quali­fi­ka­tion. Er empfand es offen­sicht­lich als einen Zwang, sein Ego auf der Metaebene offenzulegen. Andere haben auf dieser Ebene geantwortet. Es ist davon auszugehen, dass dies im Bewusstsein des Zusam­men­hangs geschah. Der Ansatz der Offenheit hat sich insgesamt als sehr fruchtbar gewe­sen.

Es kann vermutet werden, dass dies in einer nationsspezifischen Verhal­­tens­­weise aus ei­ner meh­rere Jahrhunderte umfassenden kollektiven Machtschwäche heraus begründet ist. Die Situation macht ein taktisch vorsichtiges Formulieren bei höchstmöglicher Selbstkon­trolle notwendig und immer den Schutz der eigenen Identität wie Person unter­schwellig berücksichtigen muss. Dies gilt vor allem bei einem Spontaninterviews. Das Prinzip korre­liert mit dem einer 'erzwungenen Freund­lich­keit' seitens relativ machtschwacher Personen, die dadurch den Eindruck erwecken, unter­würfig oder gar heuch­lerisch zu sein. Dies ist charak­teristisch für unsichere Gesellschaften, die z.B. Wert­­sich­e­rung durch Verstecken oder Verdrän­gen aus allgemein einsehbaren Bereichen 'hinter die Kulissen' betreiben. Es gilt z.B. für orien­ta­lische Gesellschaften und wird im sog. Basar­verhalten praktiziert, das wesentlich der Vertrauens­bildung dient.59

Ein vergleichbares Spezifikum ist, dass Verhandlungen mit polnischen Gesprächspart­nern sich oftmals sehr lange hinausgezögert haben. Polnische Gesprächspartner haben dann manch­mal nur eine geringfügige Korrektur angebracht oder den Vorgang einige Tage oder gar Wochen auf ihrem Schreib­tisch liegen lassen, bevor sie ihn weitergegeben haben. Dies war Ausdruck für einen sym­bolischen Machtgewinn des am Vorgang teilhabenden, ein Ver­halten, dass vom Verlauf der Arbeit selbst unter zivilisationstheoretischer Fragestellung als symptomatisch zu interpretieren sein wird. Erst nach längerer persönlicher Bekannt­schaft und freund­schaftlicher Verbundenheit und dabei entstandenem gegen­sei­tigem Vertrauen hat ein polnischer Wissen­schaftler, ein ehe­ma­­liger Mitarbeiter des Westinstitutes in Posen, den Verfasser seinerseits auf dieses Phänomen hinge­wiesen. Charak­ter­istisch war und ist, dass in jedem Falle immer erst eine Ver­trau­ens­basis hergestellt werden musste. Wenn diese sich heraus­gebildet hatte, dann ist zumeist eine hochgra­dige sehr enga­gierte Hilfestellung erfolgt, die manchmal mit einem gewissen Stolz verbun­den war und ausdrücken sollte, dass 'bei uns auch funktioniert'.60 In einigen Fällen ist die Hilfestellung durch Frauen erfolgt, nachdem männliche Freunde resigniert haben. Es soll im gegebenen Kon­text durchaus der subjektive Eindruck von der Durchsetzbarkeit pol­nischer Frauen erwähnt wer­den. Aufgrund der per­sönlichen Ebene und den individuellen und freund­schaftlichen Kontak­ten, die dabei entstan­den sind, soll auf eine wei­ter­gehende Darstellung verzichtet werden.

Kennzeichnend ist, dass zunächst niemand auf Korrespondenzen geantwortet hat. Alles konnte - oft nur kurzfristig - mündlich arrangiert werden. Dann gelangt es zumeist noch über gewisse ›connections‹, also auf der Basis enger oder kurz­fristiger Loyalitäten bzw. gegenseitiger Ver­pflichtungen. Wenn man dann empfangen wurde, wurde man sehr höflich, freundlich, zustim­mend, korrekt auf­ge­nom­men. Es entstanden in der Regel sehr positive Eindrücke.

Bei den Interviewten handelt es sich nicht um 'die' Gruppe der Intellektuellen und 'die' Arbeiter, son­dern um Vertreter aller Beteiligter in dieser relativ kurzen politisch und histo­risch aber höchst bedeutenden Phase, in der der entscheidende Höhe­punkt auf einen sehr kurzen Zeitraum be­grenzt ist, die aber andererseits in einer sehr dichten Wechselbeziehung mit histo­rischen und nations­spezi­­fischen langen gesellschaftlich Verk­nüp­fungen steht. Die Unter­suchung sollte sich deshalb auf die unmittelbar betroffenen und im Kern des Prozesses betei­ligten und selbst agier­enden Personen und Personen­gruppen beziehen. Diese lassen sich unter die Stichworte: Arbei­ter, Intellektuelle, Priester, Kirche, Vertreter der Macht­grup­pen in Staat und Gesellschaft wohl subsumieren. Das Verhältnis zueinander ist aber nicht additiv oder gar selek­tiv, sondern interde­pendent zu verstehen.

Die den gesamten Sachverhalt betreffende Sichtweise, die sich gegen­wärtig für den Verfasser zeigt, hat sich erst im Laufe der Arbeit heraus­kristalli­siert. Sie war nicht per se vorgegeben. Zweifel­los ist eine Skizzie­rung erfolgt, die aber zunächst von Problem­stel­lun­gen und Sichtweisen ausge­gangen ist, die eine gewisse Verla­gerung als Resultat hatten. Es hat damit zugleich ein Wechsel in der Einschätzung und Bewertung seitens des Verfassers stattgefunden; d.h. im fort­schrei­tenden Ver­fah­ren ist zugleich in gewissen Schüben eine Veränderung der Sichtweise wie des Bezuges zum Gegen­stand wie der gesellschaftlich Handelnden eingetreten. So ist das ei­gene durch spezifi­sche Strukturen geprägte Denken über­geleitet worden in eine stärker indivi­du­­elle sozial differen­zie­rende Betrachtungs­weise. Ein besonderes Charakteristikum ist der Wand­lungsprozess im theo­re­tischen Zugang des Verfasser zum Gegenstand. Darauf wird in den abschlie­­ßenden Gedanken noch eingegangen werden.

11. Zu den Übersetzungen und Übertragungen ins Deutsche sowie den Überarbeitungen

Die Übersetzungen aus dem Polnischen sind generell vom Verfasser sprachlich überarbeitet und gegebenenfalls korri­giert worden. Es wurde vorher jeweils mit den Gesprächspartnern vereinbart. Ziel war es dabei, neben der zu erreichenden Sprachkorrektheit die nötige Authentizität der Spra­che zu be­wah­ren. Die Übersetzungen sind von polnischen Wissen­schaft­lern, die als Historiker, Geo­gra­phen, oder Politologen über sehr gute deutsche Sprach­kenntnisse verfügen und selbst mit deutsch­­­sprachigen wissen­schaft­lichen Texten arbeiten und andererseits von Germa­nist­innen, die über exzel­lente deutsche Sprachkennt­nisse und Übersetzungserfahrungen verfügen, ange­fertigt wor­den. All den Dolmetschern und Über­setzern, mit denen der Verfasser freundschaftlich verbun­den ist, ist er zugleich zu hohem Dank verpflichtet. Ohne Sie, ihre Hilfe auf vielfältiger Ebene - hätte die Arbeit nicht durchgeführt werden können.

Die dem polnischen Text zugrunde liegende Denk­struktur sowie die Art des sprach­lichen Aus­drucks, der Wahl der Formulierung, die in der Bandabschrift erkennbar wurde, sollte mit möglichst hoher Authen­ti­zität erhalten bleiben. Dieses wichtiges Problem der Übertragung wurde jeweils individuell berücksichtigt. Das bedeutete, dass insgesamt meh­rere Ziele miteinander in sinn­vollen und tragbaren Kompromissen in Übereinstimmung ge­bracht werden mussten.

Auch in den Texten der deutschsprachigen Interviewpartner lassen sich partiell polni­sche Denk- und Argu­men­ta­­tionsstrukturen erkennen. Auch diese sind bei der Bandabschrift - dort wo es not­wendig war - behutsam korrigiert worden. Aussage­kräftige umgangs­sprach­liche Formulierungen wurden möglichst belassen, um den Charakter des mündlichen Gespräches mit partiell hohem Spontanei­täts­grad der Formulierungen zu erhalten.

12. Zu den Fragenkomplexen: ›politische Aktivitäten‹ und ›gesellschaftspolitische Ziele‹ sowie ›Kirche‹

Die Schlüsselbegriffe ›Reform‹, ›Reformierbarkeit‹ sollen reflektiert und auf ihren funktio­nalen Gehalt überprüft werden. Sie sind unter das Prinzip anzu­strebender Machtverän­derungen zu subsumieren und drücken jeweils die eigene Einschätzung der Wahr­schein­lich­keit aus, dieses Ziel zu erreichen. Sie stehen dadurch im funktionalen Zusammen­hang. Sie sind funktionaler Er­satz für 'verbotene Begriffe', für die 'verbotene Denkrichtung', für das 'Nichtformulierbare'.

Es ist davon auszugehen, dass alle Beteiligten die besondere Situation des Komplexes Kirche bewusst war. Ziel der Befragung war es, die Selbsteinschätzung der Befragten zu erhalten, um das Spannungsgeflecht zwischen Gruppenbezug, Involviertheit in das Glau­benssystem, die Funk­tio­nalisierbarkeit zu verdeutlichen und damit die Ein­schät­zung, inwie­weit bereits in diesem Tabu­bereich eine gewisse Distanz gewonnen ist.

In der Ausgangssituation wurde seitens des Verfassers die Rolle der Institution Kirche ein­schließ­lich ihrer Träger wie dem höheren und dem niederen Klerus sowie der Katholizität der polnischen Gesellschaft sehr hoch eingeschätzt. Dies geschah zweifellos aufgrund all­gemeiner west­deut­scher Einschätzungen, die einerseits auf tradierten Bewertungsmustern beruhen und anderer­seits durch die deutschen Medien hervorgerufen worden sind.61 Auch nach Ausrufung des Kriegs­zustandes am 13.12.1981 nahm die Berichterstattung über die katholische Kirche in Polen einen großen Raum ein.62

Diese Einschätzung in der Ausgangssituation führte dazu, dass der Verfasser es als not­wendig ansah, sich umfangreich mit der Rolle des Katholizismus in der polnischen Nations­geschichte ausein­anderzusetzen. Kritisch-distanzierte Darstellungen existieren über diesen fundamentalen Bereich kaum.63 Sozialgeschichtliche Ansätze sind bei Joachim Kondziela vorhanden.64 Weitere Publikationen sind in Deutsch­land von Janusz Marianski erschienen.65 Die Kontakte des Verfas­sers zu beiden Wissen­­schaftlern haben am Ende der achtziger Jahre erheblich zum Bild der ka­tho­lischen Kirche in Polen beigetragen. Die Ansätze des Verfas­sers sind nicht kongruent mit den Inten­tio­nen der in die Kirche involvierten polnischen Wis­senschaftler. Sie entstammen anderen Problemebenen.

Dem Phänomen der Katholizität der Menschen in Polen wurde aber ein erheblicher Stellenwert von vornherein zugemessen. Insofern erschien es als notwendig, sich mit dieser Problematik umfang­reich zu befassen und dem Thema ein angemessenes Segment der Ar­beit zuzuordnen. Es erschien daher als notwendig, bei der Konzipierung der Fragebogen diesen Themenkomplex in relativ hohem Maße zu berücksichtigen.

Bereits vor 1980 hat der Kontakt zum ökumenischen Rat in Warschau über Vorträge, Diskus­sio­nen und Publikationen zur Differenzierung der Bilder beigetragen.66

Der Gegenstand erfordert eine angemessene Beschäftigung mit der Nationsgeschichte, der Kul­tur­geschichte und der Nationalliteratur. Letzteres ist bezüglich des Themenbereichs der katho­lischen Kirche sehr aussagewirksam. Charakteristische Beispiele finden sich insbe­sondere bei Stefan Zeromski. Er durchbricht in besonderem Maße die selbstbildhafte Dar­stellung von in die katholische Kirche involvierten Autoren.

Da aber die Realeinschätzungen in der Kirche in der Gesellschaft eine ambivalente Stellenwert hat, andererseits öffentliche Kritikformulierung aber aus nationsgeschichtlichem Zusammenhang tabu sind, soll gerade dieses Segment aus dem Themenkomplex berück­sichtigt werden. Ein Er­geb­nis der Auswertung der Interviews soll sein, inwieweit das in Deutschland vorherr­schen­de Bild vom polnischen Katholizismus aufrechterhalten werden kann anhand der Aussagen der Befrag­­ten und zugleich Involvierten.

Es soll aus dem gegebenen Zusammenhang heraus auch der Versuch der Ein­schät­zung des polnischen Katholizismus in seiner para­dig­ma­tischen Funktion erfolgen und der Versuch gemacht werden, Aussagen über die Macht­balan­zie­run­gen in der gegen­wärti­gen polnischen Gesellschaft zu machen. Auch dies kann unter dem Aspekt möglicher Etatisierungstenden­zen erfolgen.

13. Zur Problematik, westliches Modelldenken auf die polnische Gesell­schaft anzuwenden

Bezüglich des Gegenstands ›Polen‹ bzw. der polnischen Gesellschaft ergeben sich mehrere Problem­ebenen als Paradigmen zur Erforschung, Deskription und Wertung:

  1. Das Verhältnis Deutsche - Polen als Spannungsbeziehung zweier seit Jahrhunderten inter­de­pendent verbundener Gesellschaften, insbesondere in der Wechselbeziehung Preußen - Polen.

  2. Parallel dazu existiert das Verhältnis Protestantismus - Katholizismus, sowie

  3. das des Absolutismus und Etatismus vs. der Adelsdemokratie und dem Anti-Etatismus.

  4. Der Ausbildung einer Industriegesellschaft einschließlich ihrer Modernisierungs- bzw. Folge­pro­zes­se wie Liberalisierung im Westen, stehen die Dominanz der Agrar- bzw. Rural­gesell­schaft, späte partielle Indu­stri­alisierung, die Oktroyierung der sozialistischen Gesell­schafts­ord­nung respektive kommunistischer Herr­schaft gegenüber.

  5. Den Phänomenen: der Ausbildung von Mittelschichten, einer an den Oberschichten ori­entierte Habitualisierung der Mit­tel­schichten, eines relativ ho­hen durchschnittlichen Le­bensstandards und der Ausprägung des Sozial- bzw. Ver­sor­gungsstaates auf hohem Ni­veau stehen gegen­über: die Dominanz einer an Unter­schichten (Arbeiter/Bauern) orien­tierten Habitus­for­men, Egalisierungstendenzen, verbunden mit einer tem­porären Stabi­lisierung auf relativ niedri­gem Niveau.

  6. Einer steigenden Aufstiegsorientierung, verbunden mit der Nutzung vor­han­denen Rea­lisie­rungs­­chan­cen in Westeuropa, entsprechen Aspirationen in enger Rahmen­begren­zung und mit sinkender Realisierungschancen in Ostmitteleuropa.

Wesentliche sozialistische Ansätze zur Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen sind nur sehr begrenzt anwendbar oder weisen aufgrund realsozialistischer Rahmenbedingungen kaum Chancen auf Kon­ver­genz auf. Das bedeutet, dass jeglicher Ansatz zur Erforschung auf mehreren Ebenen einen relativ hohen Grad an Distanzierung aufweist. Vergleichende An­sätze sind kaum umsetz­bar. Gegenstand ist dabei nicht die Diskussion um die Anwendbar­keit und Begrenztheit des Prinzips, son­dern um das Be­wusst­sein von der begrenzten Reich­weite theore­ti­scher Aus­sa­gen in den Gesell­schafts­wissen­schaften. Das dieses als relevant angesehen wird, belegt z.B. die Diskussion um den Wissen­schafts­begriff Karl Poppers, der zeitweilig auch als handlungs­leitend angesehen wird.

Modelle sind Mittel zur Funktionsprüfung von bestimmten Theoremen. Das marxisti­sche Gesell­schafts­modell ist ein Erklärungsmuster für von ihnen als richtig oder falsch aner­kannte gesell­schaftliche Pro­zesse und Entwicklungen. Gleichzeitig ist es der Versuch, eine gesell­schafts­bezo­gene Methode zu entwickeln. Die Analyse der polnischen Gesellschaftsge­schichte ist mit marxis­tischen Kate­gorien nicht hin­reichend erklärbar. Für Ostmitteleuropa fehlen entsprechende Gesell­schaftsmodelle.67

Die kommunistische Machtausübung war nicht marxistisch sondern leninistisch. Sie hatte die Funktion einer Legi­ti­matons­ideologie und dient der Rechtfertigung eigener Gesell­schafts­vorstel­lungen. Marx wurde benutzt zur Legitimierung der jeweils eigenen Herr­schafts­praxis. Ent­sprechende Ablei­tungen von Herrschaftsansprüchen oder Legitimierungs­mustern ist jeder mo­der­nen Herrschaftspraxis immanent. Ziel des etatis­ti­schen Ansat­zes dieses leninschen Herr­schafts­typs ist es, in der Gesellschaft eine Identität im Bewusst­sein der Menschen zu erzeugen, die die Akzep­tanz von Herrschaft, d.h. der herrschenden Gruppe, zum Ziel hat. Lenin hat gesell­schaft­liche andere Realitätserfahrungen und andere gesell­schafts­spezifische Voraus­setzungen als Marx.

Da ein unmittelbarer Vergleich gesellschaftlicher Tatbestände - wie überhaupt jeglicher Entitäten - methodologisch angreifbar ist - soweit er nicht als eine parallele Beschreibung oder Tat­be­stands­aufnahme als unzureichend angesehen wird,68 ist eine solche Distanzierung und Ab­stra­hierung notwendig, um Vergleichsmaßstäbe entwickeln oder anlegen zu können. In den 'west­lichen' Gesell­schaftswissenschaften hatten Erklärungsmodelle die Rolle von Ver­gleichs­maßstäben. Ihre Evaluierung setzt aber eine kritische Revision der Entwicklungs­bedin­gun­gen und Entwick­lungs­­um­gebungen dieser Modelle voraus.

Die genannte Problematik wird überlagert durch sinkende bzw. begrenzte Akzeptanz wissen­schaft­licher Modelle bezüglich der Gültigkeit und konsen­suelle Anwendung auf westliche Gesell­schaften. Ohne auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung im Einzelfall einzugehen bzw. den Grad von Anwendungsmöglichkeiten empirisch prüfen zu wollen, er­achtet es der Verfasser als sinnvoll, die Problematik zu skizzieren, um die Komplexität zu verdeutlichen,69 die nicht mit Begriffen wie - jeweils begrenzter - Kom­plexi­tät, Kongruenz, Konvergenz etc. abdeckbar ist.

Es soll dazu an die Gedankenführung Dettlings angeknüpft werden, der sich skizzenhaft mit der Gültigkeit moder­ner soziologischer Modelle aus­ein­an­dersetzt.70 Sein Ansatz soll in Form von Stichworten und gewissen Leitgedanken auf den Gegenstand übertragen werden.

Nach Dettling bestand eine Spannung zwischen dem Sozialismus als generellem Aus­druck für Glaube und Hoffnung von Arbeitern, Auf­stei­gern der ersten Genera­tion und Intel­lektuellen und dessen Offenbarung als ein Zwangs­glaube für gescheiterte Ideen und Kon­zepte, der Unmög­lich­keit einer Realisierung der Konstruktion einer besseren Gesell­schaft. Es gilt, dieses Spannungs­ver­­hältnis bezüglich der Situation 1980/81 in Polen abzubilden.

Der Anspruch von Soziologie und Politologie als Krisen- und Kritikwissenschaft ist nicht mit dem Modell einer ›Kritik der Entfremdung‹ oder der ›Bürokratie‹ umsetzbar. In Polen kritisiert man keine abstrakte sich verselbstständigende Bürokratie. Man beklagt statt­dessen den nicht funktio­nie­renden eigenen Verwaltungsapparat und bewunderte als bei­spielhaft die funktionierende Organi­sation in der Bundes­repu­blik.71

Der demokratisch-emanzipatorische Ansatz galt aus der Tradition der Aufklärung her­aus.72 Er war ver­bunden mit dem kapitalis­tischen Westen sowie deren entwickelten Staats­gesell­schaften und ist auch fern z.B. dem Denken wirtschaftlich aufsteigender Gesell­schaf­ten Asiens. Wenn beklagt wird, dass die moderne Entwicklung eine ›moralische Verarmung‹ mit sich gebracht hat, welche Ausprägung erfährt dieses dann erst in Osteu­ropa? Die Suche nach ›Reformen (sollten) die Wi­dersprüche der Moderne‹ aufheben durch mehr Demo­kra­tie, wirtschaftlichen und sozialen Wohl­stand. Es handelt sich dabei um die Probleme der sich auf hohem Ent­wicklungsniveau befindli­chen Gesellschaften Westeuropas, nicht um die von tendenzieller Ver­elendung bedrohten osteu­ro­päischen Länder.

Der Glaube ›wie Karl Mannheim es formuliert hat, an einen neuen Menschentyp …, der sieht was getan werden muss, und neue politische Gruppen, die es dann auch tun,‹ (ebd.) klingt für die in der Krise des realen Sozialis­mus lebenden Menschen wie die Sprache aus einer anderen Welt - auf die sich ihrerseits die Aspirationen richten.73 Der Glaube an ein - durch politische Doktrinen vermittel­tes - besseres Menschenbild ist spätestens am Ende der siebziger Jahre nirgendwo in der polnischen Gesellschaft mehr spürbar. Eine reali­täts­bezo­gene Frage ist die Hinwendung zur Sinn und Moral definie­renden Institution Kirche, wie auch die zunehmende Distanz seit 1990.

Die Problematik besteht für den Verfasser u.a. darin, den Versuch zu machen, westeu­ropäisch geprägtes Wissen und seine daraus resul­tie­ren­des Denkansätze und Methoden auf das Denken und den Habitus dieser anderen fremden Gesellschaften zu übertragen. Dieses zu erkennen und sich selbst zu verdeut­lichen, auch den Versuch zu machen es nachzuvollzie­hen, hat einen lan­gen Prozess erfordert.

Sozialkritische Projekte verwurzelt im sozialstrukturellen Milieu der alten BRD, haben sich in den großen und ideologischen Konflikten Westeuropas herausgebildet, sie lassen sich nicht direkt über­tragen. Mag die deutsche politische Kultur geprägt sein von dem ›Bekenntnis an Normen und Tradition sozialer Mit­ver­antwortung und Tradition‹; diese ›intellektuellen und sozialen Phantome‹ waren Aus­druck einer indu­strie­gesellschaftlichen und modernen Entwicklung - sie treffen auf ri­gide Überlebens­gesell­schaften nicht zu und sind dort nicht anwendbar.

Das Anderssein der Denk- und Verhaltensstandards mit der vertrauten und spezifischen Be­griffs­be­legungen widerzuspiegeln, zu strukturieren, zu analysieren, zu interpretieren oder zu deskri­bie­ren, ist in der Spannungs­kon­stel­lation von engagierter und emphatischer Vorge­hens­weise einer­seits und distan­zierter Deskription andererseits sehr kompliziert,74 es soll trotzdem - vielleicht auch gerades deswegen - versucht werden.

Es kann und soll sich nicht darum handeln, generalisierend oder exemplarisch zu wider­legen, dass westliche sozialwissenschaftliche Modelle und Theorien nicht oder nur begrenzt auf die pol­ni­sche Gesellschaft anwendbar sind. Die Intention besteht vielmehr darin, deutlich zu machen, dass versucht wird, sie unreflektiert zu übertragen, d.h. ohne Prüfung der sozio­historischen Bedin­­gungen. Das soll z.B. dadurch geschehen, dass Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber dieser Gesell­­schaft erhöht wird.

Das Problem kann symbolisiert werden an der Auflösung des zunächst immanenten Wi­der­spruchs, Ansätze einer Theorie, die am Beispiel einer etatistischen Gesellschaft entwic­kelt wurde, auf eine nicht-etatistische Gesellschaft zu übertragen.

Der Lösungsansatz besteht zunächst darin, die Begriffe ›etatistisch‹ und ›nicht-etatis­tisch‹ nicht als Antipoden zu begreifen, sondern als Grenzbetrachtungsmodell von Gesell­schaften, die einer gewissen Dynamik unterliegen und über einen prozeß-soziologischen Betrachtung verknüpft werden können.

Es soll die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit zivilisationstheoretischen Ansät­zen, insbe­son­­dere mit dem Spezi­fikum einer prozessual zu begreifenden partiell etatistischen wie auch anti-etatistischen Gesell­­schaft erfolgen, die im sozial­strukturellen Milieu der Adelsgesell­schaft und der bäuer­lichen Gesellschaft ver­wurzelt ist und den Schritt zur Mo­derne sowie den Staats­bil­dungs­prozess nach west­­euro­­päischem Modell nicht vollzogen hat.

Die ›Kategorien und Modelle der Soziologie - wie Wirtschaft und Gesellschaft, Arbeit und Voll­beschäf­tigung, Staat und Herrschaft, Armut und latent vorhandene Ungleichheit‹75 sind unter Bedin­gungen liberaler oder offener Gesellschaften entstanden. Sie sind ihrerseits nicht anwend­bar auf osteuropäische nichtetatistische, nations­mythisch geprägte oder auch im Findungsprozeß von nationaler wie staatlicher Identität befindlicher Gesell­schaften.

Die Krise bzw. der Zusammenbruch des osteuropäischen Modells kann nicht mit Mo­dellen erklärt werden, die mit diesen Gesellschaften nicht in einen sozio-historischen Kon­text stehen und die ihrerseits den Krisenbegriff instrumentalisieren.76

Begriffe wie ›Voll­beschäftigung‹ und ›soziale Ungleichheit‹ haben unter polnischen Experten, deren Problem bis 1989 der wirtschaftliche Rückstand sowie die latent versteckte Ungleichheit war, einen systemspezifisch-instrumentellen Stellenwert. Man verhält sich in Diskussionen, wenn west­liche Gesprächspartner über deren eigene 'gewichtigen' Probleme sprechen, sehr zurück­haltend oder schweigt höflich, kann aber zumeist schwer überspielen, dass man deprimiert ist. War im Westen der ›Staat der richtige Adressat für die Lösung der 'sozialen Frage', an dem Ob­jekt der bürger­recht­­lichen sozialen Begierde, der Hüter der Verfassung und der Solidarität‹ - zu­min­­dest in geglaub­ten Ansätzen - so ist im realsozialis­tischen Polen der Staat nach wie vor Sym­bol für das ›Fremde‹ sowie für soziale Privilegie­rung manifestierende Macht und gilt weiterhin als dem Indi­viduum feindli­ch gesinnt.77

Das gilt entsprechend für das jeweilige Segment der Gesellschaft, das durch Regierung und par­la­men­ta­rische Macht repräsentiert wird - seit November 1993 die Linke, zuvor die Solidarnosc.

Ein Sachverhalt ist z.B. die für Polen nicht erkennbare ›Reformbindung, die Mobilisier­barkeit der Massen, der aufge­klär­ten Bür­ger, des politischen Katholizismus der Arbeiter­klasse‹. Wenn, dann gelten die Attribute in Zeiten nationaler Bedrängnis und werden unter Einbeziehung der katholischen Kirche definiert. In Polen brachte die Nation die Frage sozia­ler Bewe­gungen nicht zur Kongruenz. Polen ist zudem erst seit 1990 ein aner­kannter defi­nierter Raum geworden.

In diesen Gesellschaften ist die ›soziale Frage‹ oder das ›liberale Dilemma‹ niemals vergleichbar postuliert worden. Wenn Dettling beklagt: ›Es gibt (sie) im gewohnten Sinne in keiner Gesell­schaft mehr, es gibt nur noch Individuen, die sich nicht länger in alten sozialen Formationen be­wegen‹ - so ist festzustellen, dass es in Polen weiterhin eine Interdependenz zwischen der Indivi­­dualgesellschaft und einer postulier­ten Nation gibt, die verbunden ist mit der ebenfalls noch latent vorhandenen Identität des Katho­­li­­zismus. Die ›soziale Frage‹ be­sitzt keinen adäquaten Stellen­­wert. Es gilt weiterhin primär die Dichotomie des 'wir' und 'sie', eine Konstellation, die zweifellos der Dynamik begonnener Modernisierungsprozesse unterliegt.

Für das Land und die Nation relevante Entscheidungen fielen in der jüngeren Ge­schichte nicht in Polen, sondern anderswo, zudem an Orten wo keine ›soziale Politik und demo­­­kratische Partizi­pation‹ gegeben waren. Es ist hinzuzufügen, dass kein Partizipient ei­ner Vertretung des Volkes bei für die Nation entscheidenden Fragen seit ca. dreihundert Jahren, d.h. seit der Wahl der Sachsen­­könige entscheidend mitge­wirkt hat. Seit dieser Zeit wird insbesondere die russische Einflussnahme als für die Nation bedrohlich wahrgenommen.

Selbst die endgültige völkerrechtliche Festlegung der deutschen Grenzen 1990 - also der Ost­grenze der Bundesrepublik Deutsch­land - fand wesentlich in den 'Zwei-plus-vier-Gesprächen' statt. Symbolisch und erst nach Protesten hat man Polen als 'fünften' Teil­neh­mer beobachtend und beratend hinzugenommen, also den euro­päischen Partner, für den die deutsche Ostgrenze die entscheidende Bedeu­tung für die na­tio­nale und staatliche Existenz hat. Der Grenzvertrag mit Polen war im völker­recht­lichen Sinne wie auch symbolisch für Polen sehr wichtig, in der politi­schen wie auch in der psychosozialen Wahr­neh­mung in der Bevölkerung bereits nicht mehr. Der Vertrag setzt einen Schlusspunkt unter eine Span­nungsbe­ziehung und ermöglicht zweifellos die weitere Inte­gration Europas.

Es müssen die wesentlichen Polen betreffenden Probleme und Phasen aus dem Diskurs der Phase des realen Sozialismus - zumindest als Skizze - bewusst werden. Es ist zu prüfen, inwie­weit dabei die sozial-existentielle Verunsicherung den Habitus der Gesellschaft prägt und sich gegebenenfalls zum Syndrom entwickelt. Es ist weiterhin zu prüfen, inwieweit die Kirche in dieser Situa­tion versucht, als traditionell wertvermittelnde bzw. -setzende Institu­tion über ihre Doktrinen, die Nutzung affektiver Machtquellen Macht in der Gesellschaft auszuüben, bzw. inwieweit dieses von Intellektuellen und Arbeitern als solches wahrge­nommen wurde.

Zur Verdeutlichung der Problematik eines Vergleichs in der Deskription der Systeme bietet sich das Prinzip der Risikogesellschaft an.78 In der Rezeption des Modells der ›Risikogesellschaft‹ ist eine für unsere Gesellschaft charakte­ristische Bedeutungsverschie­bung erkennbar. Der von Beck als verhaltens- und wertungs­leitend beschriebene Bewusst­seinsinhalt, in einer Welt der 'Risiken' zu leben, wird als reale Beschreibung unserer, der westdeutschen Gesellschaft, als historisch oder systembedingt besonderen Risiken ausge­setzt zu sein, missverstanden. Es handelt sich bei der Postulierung von Risiken um Gefühle, die möglicherweise aus individuell oder kollektiv vermu­te­­ten sowie potentiell in den Bereich des Möglichen rückenden Abstiegsbedrohungen entstehen. Die Verschiebung dieser Wahr­nehmung ist aber gerade der Inhalt des Begriffes ›Risiko­gesell­schaft‹, die dadurch Merkmal einer Gesellschaft ist, die in ihrem Alltag weni­ger als andere Gesell­schaft­en mit realen Exi­stenz­problemen und  gefahren konfrontiert ist und ihre Ängste auf gesell­schaft­lich oder sub­kulturell vermittelte und besetzte 'Risiken' lenkt und reale Erfahrungen als 'Ri­siken' definiert.

Dieses Verhaltensmodell ›Risikogesellschaft‹ kann nicht auf Umbruchs- oder Armuts­gesell­schaf­ten übertragen werden, deren Angstbewältigungsmuster aus der unmittelbaren Situation des 'Kampfes ums Überleben' oder des 'Kampfes um soziale Sicherheit' abgeleitet werden.79

Das Problem lässt sich konzentrieren auf 'Lücken', auf etwas nicht existierendes, das zugleich ein Spannungspotenzial zwischen 'Systemen' darstellt, wobei das östliche empirisch nur sehr be­grenzt erforscht wird und die gegenwärtige Situation von Verdrängungsprozes­sen in Wissen­schaft, wie auch der Gesellschaft allgemein, überlagert wird. Auch in der westlichen Industrie­ge­sellschaft verliert das Modell ›Risikogesellschaft‹ - als bürgerliche Rezeptionsform gesellschaft­li­cher Dependenzen - die Erklärungsrelevanz, wenn große Teile der Gesellschaft pauperisiert und aus dem bürgerlichen Selbstverständnis ausgegrenzt wer­den.

Die mo­dell­hafte Anwend­barkeit auf die polnische Gesellschaft ist sehr begrenzt. Die Begrenztheit der Modelle westlich etatistischer Gesell­schaften lässt sich dabei genera­li­sieren. Die sozio­-his­to­rischen Entwicklungs­prozesse der osteuro­päischen Gesell­schaften sind je­weils als Spezifikum zu begreifen und zu werten. Den Bereich der negativen Erwartungshal­tung der Men­schen in Ostmit­tel­europa gegenüber ihrem Staat im Bereich von Technik und Wissen­schaft kann man aber durchaus methodisch mit dem Ansatz des Theorems der Risi­kogesellschaft ver­knüpfen, wie es am Beispiel der westlicher Gesell­schaften der achtziger Jahre formu­liert worden ist.

Eine Gesellschaft, die sich mit gravierenden Überlebensproblemen auseinandersetzen und die­selben bewältigen muss, in der es große Gruppen gibt, die unterhalb der Armuts­grenze leben,80 disku­tiert keine ›Risiken‹, die der modernem auf hohem Standard befindli­chen Wohlstands­gesell­schaft81 immanent sind. Sie empfindet sich nicht als betroffen. Nur ein klei­neres Segment der Intelligenz nimmt z.B. die Risi­ken der Kernenergie wahr. Das deskriptive Modell der Risiko­gesell­schaft ist in einer relativ hoch­gradig sicheren westlichen Gesellschaft der achtziger Jahre ent­standen und kann nicht auf eine erheblich risikoreichere Gesellschaft trans­feriert werden.

Es kann durchaus vermutet werden, dass in Deutschland der gegenwärtig höchst mögli­che tech­nische Standard wahrscheinlich auch erreicht worden ist.82 Zweifellos ist dabei der 'Faktor Mensch' als nicht bestimmbar in die Diskussion einzubeziehen. In Polen glaubt aber niemand daran, dass dort die technischen Standards auch den dort theoretisch möglichen Grad an Sicher­heit erreicht haben. Dies verknüpft sich mit menschlichen Unzuläng­lich­kei­ten, so dass die Frage nach dem Grad des Risikos nicht im Bereich menschlicher Vorstellun­gen und Abschätzbarkeit liegt.

Eine Einschätzung der Realisierung des technisch Möglichen ist nicht gegeben. Das Phänomen der ›self-fullfilling prophecy‹ bzw. eine Haltung ähnlich dem Fatalismus ergänzt dies. Man lebt in Polen permanent mit Unzulänglichkeiten. Sie sind dort Ausdruck tech­nisch-gesellschaftlicher Normali­tät. Das gilt insbesondere für Großbetriebe der chemischen Industrie sowie für Kern­kraft­werke.

Als ein Symbol für Unzulänglichkeiten können die fast immer überladen und ständig in Reparatur befindlichen Busse der öffentlichen Nahverkehrssysteme gelten.83 Ein Benutzer öffentlicher Ver­kehrs­­mittel kann eigene Zeit­pläne kaum einhalten.84 Die Folge ist, dass man es gar nicht erst ver­sucht. Es bilden sich Gefühle der Resignation und Apathie heraus. Dem versuchten Zwang sei­tens der staatlichen Behörden, Vorschriften einzu­hal­ten, wirkt man dadurch entgegen, dass man ihn nicht als legitim anerkennt. Weitere Folgen sind ›Alltags­anarchis­mus‹ und ›Sozial­pathologie‹.

Man lernte in den siebziger Jahren mit Unzulänglichkeiten zu leben und entwickelte ent­sprech­ende Haltungen, die als Fatalismus oder Phlegma bezeichnet werden können. Wenn z.B. ein Zug Ver­­spätung hatte, was vor allem bei ungün­stiger Witte­rung der Fall war, dann konnte man nur hoffen, dass der Anschlusszug ebenfalls ent­sprechend ver­spätet war. Die Folgen der Unzu­läng­lich­kei­ten ertrug man indivi­du­ell. Man gewann sehr früh kollektiv die Erkenntnis des Unabänder­ba­ren, der Wirkungs­losigkeit von Versuchen, dieses abzu­stellen und das Gefühl für die innere Leere aufgrund propa­gan­dis­tischer Versprechungen.

bewusst wurde dies vor allem den Angehörigen der Intelligenz. Dies ist wesentlich eine Folge der in den siebziger Jahren sich anbahnenden Kooperationen mit Westeuropa. Kapita­listische Ver­trags­­partner verein­barten nicht nur Verträge, sie legten entschieden Wert auf die volle Einhaltung der­selben. Man bestand insbesondere auf einer Garantie des Qualitäts­standards und der Einhal­tung der Liefertermine. Diesem Anspruch zu genügen war unter Bedingungen von Impro­vi­sation sowie vorrangig extensivem Personal­einsatz auf Dauer nicht möglich.85

Der Kontakt mit der Bundesrepublik, Großbritannien und den USA durch Migranten, Wissen­schaftler, Firmen­vertreter und 'Arbeitstouristen' erbrachte das Wissen um die Unzu­länglichkeiten des eigenen Systems. Dies war verbunden mit der daraus abgeleiteten Hoff­nungslosigkeit bezo­gen auf eine mögliche Änder­barkeit oder auch nur Verbesserung. Die Erkenntnis setzte sich durch, dass eine prinzipielle Verän­derung, zumal mit eigen, dem RGW immanenten Mitteln, unab­ding­bar sei.86 Diese Erfahrung machten vor allem junge Stu­dent/innen, die in den siebziger Jah­ren in den Sommer­ferien oder als Stipendiaten in West­europa arbeiteten.87

Den Stellenwert der Alltagserfahrung für die Ablehnung des Systems gegenüber ideel­len oder poli­tischen Motiven hat der Verfasser erst relativ spät erkannt. Er soll deshalb be­sonders berück­sichtigt werden. Das Scheitern des realen Sozialis­mus ist auch aufgrund sei­ner im privaten wie beruflichen Alltag wahrnehmbare Realität er­folgt, nicht kausal aufgrund von Theorien oder Model­len.

Aus der Vielfalt von Einzelbeobachtungen, die in der Regel keine Kritik am eigenen System dar­stellten, kann man durchaus auf in der Substanz massive Kritik schließen. Auch dieser Prozess hat beim Verfasser einen langen Zeitraum in Anspruch genommen. Charakte­ristisch ist z.B. die Biographie eines befreundeten Journalisten: Sein Vater wurde aufgrund der Okkupa­tions­erfah­rungen Kommunist und system­loyaler Journalist. Er selbst besuchte die Schule in der DDR, stu­dierte in Moskau, jobbte als Stipendiat in der Bundesrepublik. Aufgrund sehr restriktiver Lebens­führung wurden Prinzipien wie Wirtschaftlichkeit und Wertgesetz von ihm selbst erfahren und verinner­licht. Er sieht in seiner Leistungs­­orientie­rung und einer zwischen sozial­liberal und konser­vativ orientierten Haltung die die Voraus­setzungen für seinen individuellen Aufstieg und hart erarbeiteten Erfolg.

Der Glaube an den ›Diamanten, der als Symbol für eine neue strahlende Zukunft aus der Asche steigt‹, scheint generell verloren gegangen zu sein.88

I. Die Bestimmung des Denkens und Handelns der polnischen Gesell­schaft der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung des Erneuerungsprozesses89 1980/81

1. Zur historischen Bestimmung der ›Polonitas

1. Das Denken und Handeln der polnischen Gesellschaft ist wesentlich bestimmt durch den historischen Prozess des Landes, die Geschichte der polnischen Nation. Es ist maßgeblich ge­prägt durch das ›Goldene Zeitalter‹ des 16. Jahrhunderts bis zur Zeit des wirt­schaft­lichen Nieder­gangs im 18. Jahr­hundert, durch die Zeit der Fremd­herrschaft von 1795 bis zum Jahre 1918/19 und die Wiedererrichtung des polnischen Staates auf­grund des Versailler Vertrages.90

Das Verhalten der heutigen polnischen Gesellschaft bezüglich Denken, Handeln, verbun­den mit jeweiliger Wertsetzung, entspricht den Maximen der polnischen Gesellschaft, die we­sentlich durch die Epochen des ›Goldenen Zeitalters‹, die Phase des Niedergangs der Adels­republik so­wie durch die Zeit der Fremd­herrschaft, die Teilungszeit, bestimmt ist. Zwi­schenkriegszeit, Okku­pationszeit und Stalinismus sind in den Zusammenhang einzubezie­hen. Sie stellen eine Trans­formation tradierter Normen und Verhaltensweisen dar, aber keine neuen Wertsetzungen und Paradigmen.

Prägend sind die Phase des ›Goldenen Zeitalters‹ und des nachfolgenden Niederganges, ver­körpert durch die Wahl sächsischer Fürsten zum König. Charakteristisch für die Läh­mung der Adelsrepublik ist das ›Liberum Veto‹ sowie das Konföderationsrecht. Eine beson­dere Rolle spielt dabei die Tatsache, dass sich Polen nicht absolutistisch entwickelte, son­dern die spezifische Form einer Republik herausgebildet hat, die vom Adel getragen wurde. Man spricht von der ›Adelsrepublik‹ sowie der ›Adelsdemokratie‹. Nahezu zeitgleich erfolgte dann die Entwicklung zur 'adels-demokratischen' Verfassung des 3. Mai 1791.

Die Schwäche des polnischen Staates in der Phase des Niedergangs enthält folgende für die inner­gesell­schaft­liche Habitusentwicklung bestimmende historische Komponenten:

  • Polen ist als Adelsrepublik politisch schwach gegenüber den absolutistisch regierten Nach­bar­mächten Russland, Preußen und Österreich und wird deshalb als Staat Opfer dieser 'Teilungs­mächte'.

  • Polen ist schwach, weil es wegen seines - auf die Szlachta bezogenen und am Gleichheitsprinzip orien­tierten - demokratischen An­spruchs und seiner relativen Liberalität dem machtstärkeren absolu­tistischen Nach­barn unter­le­gen ist und deshalb als Nation Opfer wird.

Mit Beginn der entscheidenden Phase der Teilungszeit ab 179391 begann sofort ein nationa­ler Wider­stands­kampf. Dieser Kampf umfasste alle politischen, sozialen und (später) öko­nomischen Methoden, auch die Einbe­ziehung der Kultur in ihrer spezifischen Herausbil­dung der Literatur, Musik und bildenden Kunst. Dieser Kampf wurde wesentlich vom Adel getra­gen. Die Bauern wa­ren im Kosciuszko-Aufstand 1794 einbe­zo­gen. Im Galizienauf­stand 1848 kämpften sie gegen die polnischen Magnaten. Handwerk und Mittelstand waren - so­weit polnisch - von der Anzahl her gering und u.a. deshalb erst nennenswert in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beteiligt.

Das Verhältnis Adel - Bauern muss für die Teilungszeit gesondert differenziert betrach­tet werden. Im gegebenen Zusam­men­hang kann es nur skizziert werden. Der gesell­schaft­liche Wider­spruch Adel - Bauern wird dabei nur zum Teil, zeitweilig und regional bezogen dem höheren gemeinsamen Ziel, der ›Befreiung der polnischen Nation‹, untergeordnet. Wesent­­lich ist dabei, dass dies als primäres Ziel gilt gegenüber dem der Wieder­er­richtung eines selbststän­digen Staates.

Der Nationsbegriff wird zunehmend mystifiziert. Nur so ist es zu verstehen, wenn der Be­freiung der Nation der heldenhafte Kampf und der opfervolle Tod gelten. Der Vater­landsbe­griff vereinigt an sich beides, ist aber weitgehend unter den Nationsbegriff zu sub­sumieren, weniger dem Ziel des unabhängigen Staates.

»Den Aufständischen fehlte der Glaube; was sie allein hatten, war Mut. Sie waren unter Um­ständen glänzende Soldaten, die fürs Vaterland zu sterben wussten, sie waren aber keine Männer der siegesgewissen und zielbewussten Tat. Ihr Kampf war vergeblich.«92

Die gefühlsbetonte individuelle Einbeziehung einschließlich der Selbstopferung sowie eine visio­näre Zielbestimmung dominieren über einer nüchtern kalkulierten Strategie und Taktik einschließ­lich der konkreten Zieldefinition. Die Literatur beschreibt und verklärt diese Ver­haltensweisen, verstärkt und induziert sie dadurch gleichzeitig. Die Kultur des 19. Jahrhun­derts und teilweise des 20. Jahrhunderts ist wesentlich einbezogen in das geschichtliche Spannungsverhältnis. Sie trägt damit zur immer wieder reproduzierten Entscheidung bei, den Kampf als permanent-heldenhaften Opfergang auf einem nicht endenden Weg fortzu­führen. Sie hindert politisch-rationale Lösungs­ansätze. Dadurch trägt sie maßgeblich zur Beibehaltung einer tragischen Situation bei. Hinweise sind zu finden z.B. bei Zeromski, Slowacki und Reymont.93

Die Phase der Fremdherrschaft ist differenziert zu sehen in Bezug auf die drei Teilungs­mächte, ihre Methoden der Herrschaftsausübung sowie ihr jeweiliges Selbstverständnis als Staat. Hinzu kommt die sich wandelnde Zielbestimmung vor allem in Preußen,94 aber auch in Russland, weniger in Österreich.

Für Österreich gilt der Primat des Erhalts der K.u.K. Monarchie einschließlich der Vormacht der Deutschen, bei begrenzter Gleichstellung der Ungarn nach dem Ausgleich 1867. Die Region Böhmen war durch die Industrialisierung im Vorteil. Unter den Slawi­schen Völkern waren die Po­len relativ privilegiert. Galizien hatte eine Sonderstellung: die Hauptstadt war Lemberg, dort saß der polnische Gouverneur des Kaisers. In Wien gab es den einflussreichen ›Polenclub‹.

Weitere ethnische und soziale Privilegierungen - auch Deprivierungen - sind sekundär. Damit steht der Habs­burger Staat wesentlich in einer historischen Tradition politischer Herr­schafts­aus­deh­nung mit inkon­gruen­ter ethnischer Zugehörigkeit sowie der sich zwischen Duldung und Unter­drückung bewegenden religiösen bzw. konfessionalen Orientierungen. Entsprechend problema­tisch ist die ethnische Zuordnung der Weiß­russen und der Ukrainer sowie ihrer Selbstdefinition als über Sprache (Idiom) und Konfession.95

Das Verhältnis des zaristischen Russlands zu seinem Teilungsgebiet Polens war traditio­nal, d.h. machtspezifisch bestimmt. Weißrussland (Weißruthenien) und vor allem Litauen stehen in anderer Tradition zu Polen als die Ukraine. Eine weitere Unterscheidung ist in der Zuord­nung bzgl. des Bewusstseins (sprachlich und konfessionell) und der Verwaltung durch den Staat.

Es ergibt sich somit die Notwendigkeit einer Definition der ›Polonitas‹ innerhalb der slawi­schen Groß­regio­nen: Die Zugehörigkeit in Abhängig von Konfession, Sprache sowie menta­ler Identifi­kation. Die Definition über ein bestimmtes Staatsgebiet kann nicht erfolgen; ein vor allem in die­ser Qualität besonderes polnisches Spezifikum. Das russisch-polnische Ver­hältnis gewinnt in der Phase des Panslawis­mus eine besondere Ausprägung, die hier nur erwähnt werden kann.

Die zaristische Politik war in ihrem Teilungsgebiet geprägt vom eindeutigen Willen zur Durchset­zung politischer Macht, notfalls durch militärische Gewaltakte. Polnische Sprache und Kultur wur­den nicht unterdrückt, insoweit sie die russische Oberhoheit nicht in Frage stellten. Polen konnten als Angehörige der Szlachta verantwortliche Positionen in Staat und Militär ein­neh­men, ohne ihre eigene polnische Identität aufzugeben. Unterdrückt, ausge­wiesen, in Haft genom­men oder de­portiert wurden diejenigen, die für die staatliche Unab­hängigkeit Polens und damit gegen die Oberhoheit Russland kämpften. Insbesondere der Adel wurde damit in die Ausübung politischer Macht einbezogen. Die Betreffenden erhiel­ten zugleich eine wirtschaftliche (berufliche) Existenz­möglichkeit - allerdings um den Preis der Anpassung und der Unterordnung. Hervorzuheben ist, dass dadurch in dieser begrenzten Zusammenarbeit, die nicht als Kollaboration bezeichnet wer­den darf, gleichzeitig die Vorbe­reitung der Aufstände erfolgte.

Ein großer Teil der Szlachta war nicht entsprechend adaptiert. Diese Angehörigen hatte z.T. als Intellektuelle einen Anteil an den sozialistischen Bewegungen, wie z.B. Marchlewski, Dzierzynski. Der sowjetische Marschall Sokolowski entstammte der ostpolni­schen (ruthenischen) Szlachta, der General Rokossowski, der ihr oft zugeordnet wird, da­gegen nicht (nach Jernsson). Unter Stalin verloren viele Polen ihre Funktionen.

Das besondere polnisch-jüdische Verhältnis kann als relativ stabil betrachtet werden, so­lange die russische Oberhoheit als fremde Zwangsherrschaft vorhanden war. Die Mecha­nismen des polni­schen Antisemitismus prägten sich wesentlich erst nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit aus, in einem Staat, der nun als moderner parlamentarisch-demokrati­scher Staat konzipiert wurde, dann aber innergesellschaftliche Probleme freisetzte, die zu­vor in der Teilungszeit kanali­siert oder unterdrückt worden waren. Dieser Nach­kriegsstaat ist wesentlich an seinem eigenen - wider­sprüchlichen - Anspruch der Nationwerdung ge­schei­tert.96

Der nationale und politische Kampf um die Unabhängigkeit fand wesentlich im russi­schen Tei­lungsgebiet statt. Die kulturelle Aufarbeitung, Edition der Schönen Literatur, war im österreichi­schen Teilungsgebiet (vor allem Krakau und Lemberg) möglich sowie im Exil, in Paris. Entspre­chendes gilt für die politische Untergrundliteratur und Presse, die teilweise auch im Teilungsge­biet gedruckt wurde, auf jeden Fall dort aber Verbreitung fand. Herstel­lung, Besitz und Vertrieb wurden von den Behörden der Teilungsmächte, vor allem Russ­lands, unnachgiebig verfolgt und mit schweren Strafen geahndet. Der permanente Kampf um politische bzw. staatliche Unabhän­gigkeit, konkret als Kampf gegen die russische Tei­lungs­macht, subjektiv (individuell und kollektiv) verstanden als Kampf einer Nation um ihre un­ab­hängige Existenz, ist prägend für Motivation und Ziel in dieser Phase der polnisch-russi­schen Geschichte, besser: der Geschichte der Polnischen Nation.

Das polnisch-preußische Verhältnis ist abzu­setzen von der polnisch-russischen Proble­ma­tik. Das preußische Teilungsgebiet umfasste nach der endgültigen Festlegung der Grenzen auf dem Wie­ner Kongress (1815) wesentlich die als preußische Provinzen Posen und West­preußen angeglie­derten Regionen. Schlesien mit seiner im Süden (Oberschlesien) über­wie­gend polnischsprachi­gen Bevölkerung, die sich ihrerseits aber als Schlesier, weniger als Po­len begriffen, war bereits nach den Schlesischen Kriegen (1742 und 1745, bestätigt nach dem Siebenjährigen Krieg im Frieden von Hubertusburg 1756) von Habsburg an Preußen abgetreten, einschließlich der Graf­schaft Glatz.

Die Sprachgrenze verschob sich im Laufe der Teilungszeit nach Süden. Das spezifische und z.T. distanzierte Verhältnis der polnisch (im Deutschen als 'wasserpolnisch' apostro­phiert) sprechen­den Ober­schlesier zu den polnischen Nachbarn im russischen Teilungsge­biet mag eine Ursache für die begrenzte Einbeziehung in den nationalen Unabhängigkeits­kampf sein. Eine andere kann die zunehmende Industriali­sie­rung (Schwerindustrie) dieses Raumes sein, verbun­den mit Migra­tionen aus dem inner- und ost­pol­nischen, dem deut­schen, aber auch dem slowa­kischen und tschechischen Sprachraum.

Für Oberschlesien ergab sich damit eine andere Voraussetzung im Kampf gegen die Tei­lungs­mächte. Zum einen konnte die Region nicht auf eine unabhängige Tradition zurück­greifen, da Schlesien bereits im 14. Jahrhundert böhmisch, im 16. Jahrhundert(1526) habs­burgisch und im 18. Jahrhundert (1742) preußisch geworden ist. Dies erklärt, das die Szlachta in dieser Region ihre Machtstärke nicht ausbilden konnte.

Das verwaltungsrechtlich als Provinz Westpreußen bezeichnete Teilungsgebiet hatte be­reits 1772 bzw. 1793 (ergänzt um Thorn) eine teilweise deutschsprachige Bevölkerung. Auf eine diffe­ren­zierte Darstellung der Geschichte Pommerellens, des Ordensstaates sowie der Wiedererlan­gung bzw. Bestätigung der polnische Ober­hoheit über das Gebiet (nach 1410) muss verzichtet werden. Kennzeichnend für die Toleranz und Liberali­tät des Königreiches Polen war die Her­ausbildung eines nachbarschaftlichen nationalen, sprach­lichen und kon­fessionellen Neben- und Miteinander seit mehreren Jahrhunderten. Gerade dieser Raum (einschließlich Danzig) hatte ne­ben dem Süden (Krakau) im ›Goldenen Zeit­alter‹ pros­periert.

Die sogenannte Provinz Posen und die Stadt Danzig wurden 1793 annektiert, bestätigt auf dem Wiener Kongress. Die Tradition Danzigs als Hansestadt soll ausgeklammert wer­den. Sie ist betref­fend der Nationali­tä­ten­­aus­ein­an­der­setzungen im 19. Jahrhundert irrelevant und spielt erst wieder aufgrund ihrer ökono­mischen, verkehrs­technischen und militärischen Bedeutung eine Rolle bei den Friedensverhandlungen in Versailles.

Das deutsch-polnische Verhältnis bezüglich der Provinz Posen ist insoweit von Bedeutung, als es in seiner Problematik - mehr noch als Westpreußen - prägend ist für das spätere deutsch-polnische Verhältnis und dessen historische Hypotheken. In Posen zeichnete sich früh - bald nach Ende der napoleonischen Ära - eine auf Dauer angelegte Herr­schafts­aus­übung ab. Wie Russland in seinem Teilungsgebiet (z.B. in Lublin, Modlin oder auch in Za­mosc) wurde in Posen eine große Festung angelegt bzw. in mehreren Stufen aus­ge­baut. Die gesamte Infrastruktur wurde zu den Zentren der Teilungsmächte aus­gerichtet. Polnische Universitäten wurden von Preußen und Russen nicht geduldet bzw. ver­boten. Die polnische Wissen­schafts­entwicklung konzentrierte sich deshalb auf Krakau, Lemberg und das Exil.

Posen und Westpreußen, die in der Phase nach dem Wiener Kongress als außerhalb des Deut­schen Bundes betrachtet waren, wurden mit der Reichsgründung 1871 als Bestandteil Preußens in das Deutsche Reich einbezogen. Zugleich setzte durch Förderung deutscher Zuwanderer, Subventionierung deutscher Investitionen, Behinderung einer separaten polni­schen ökonomi­schen Entwicklung und verstärkt ab den achtziger Jahren eine zunehmend aggressive 'alldeut­sche' bzw. 'pangermanische' Politik ein, einschließlich der psycho­sozia­len und konfessio­nellen Unterdrückungsmechanismen. Eindeutiges Ziel war die perma­nente Zurück­drängung alles Polni­schen und damit die Dominanz des Deutschen in Spra­che, Kul­tur, Industrie und Kapital.

Der Widerstandskampf des polnischen Volkes erfolgte auf mehreren Ebenen: Kultur, Öko­nomie, katholischer Kirche und Bildung und Wissenschaft im Untergrund. Diese Pro­zesse verschärften sich und entluden sich im Großpolnischen Aufstand zur Jahreswende 1918/19 und mündeten ein in den neu gebildeten Staat, die Republik Polen. Aufgrund des höheren polnischen Bevöl­ke­rungs­anteils und des höheren Industrialisierungsgrades war Po­sen mehr betroffen als West­preu­ßen. Der gegen Preußen gerichtete Widerstandskampf hat eine paradigmatische Funktion für das Verhalten der west­pol­nischen Bevölkerung. Der ge­samte Widerstandskampf in all seinen Aus­formungen gegen Preußen und Russland ist we­sent­licher Gegenstand des polnischen Geschichts­unterrichts, auch in der ›Grundschule‹, die bis zur Klasse acht die Allgemeine Schulpflicht abdeckt.

2.1 In der polnischen Gesellschaft werden das Denken und Handeln97 bestimmt durch die Szlachta.

Die Szlachta zeichnet sich durch typische Verhaltensweisen aus, die sie vom Adel Westeu­ropas, vor allem Frankreichs, abhebt. Die Verhaltensweisen sind durch einen be­stimmten Habitus ge­kennzeichnet, der mit dem Leben im Wohlstand zu kennzeichnen sind: gutes Essen, Trinken, Jagd, geringere Bedeutung der Bildung (vor allem im Osten), Her­vorhe­bung militärischer Tugen­den, spezifische Kleidung mit Gürtel und Kopfbedeckung. Dazu gehören auch die Ablehnung körperlicher Arbeit, die Nichtübernahme industriegesell­schaftlich bestimmter Verhal­tens­weisen und Normen: Pünktlichkeit; die Entwicklung bzw. Beibe­hal­tung eines ausgeprägten Individualis­mus. Ein weiteres wesentliches Merkmal ist der ausgeprägte Patriotis­mus sowie die Überbewer­tung der Nation.

Individuali­sierung, der Hang zu gutem Leben, zu 'unverantwortlichem' Handeln können als Ausdruck eines nur schwer umkehrbaren Dezentrali­sierungsprozesses gedeutet werden. Dieser wurde über­lagert durch die Fremd­herr­schaft und letztlich die Bildung des Staates 1919 sowie die Neu­­bil­dung 1944. Nach der Verfassung bestand der Staat auch nach der Kapitulation vertreten durch die Regierung in London legitim fort und existierte realiter im Unter­­grund. Entscheidend ist dabei, dass der Staat bewusst­­seinsmäßig fortbestand. Dezen­tra­lisierung und spezifischer Staatenbildungsprozess bedingen einander.

Die Interessen des Adels sind an der Reproduktion des eigenen Standes und der eige­nen Lebenssituation orientiert, nicht aber an einer wissenschaftlich bestimmten technologi­schen Ent­wicklung. Ziel ist für ihn damit nicht die Verbesserung der eigenen Lebenssitua­tion durch eine fortgeschrittene ökonomische Methode oder Produktionsweise. Ziel ist es also nicht, eine Pro­duktions­stätte zu gründen, ein Handels­kontor zu eröffnen, überhaupt ei­nen Betrieb zu gründen (Bank, Werft etc.).

Eine Verwirklichung kann wesentlich durch die Rolle des Offiziers - in französischen (napo­leo­nischen), russischen (zaristischen), als Unteroffizier in österreichischen (habs­burgi­schen) oder auch anderen Diensten (in Preußen im Ersten Weltkrieg) erfolgen. Es ver­bleibt dabei immer der Bezug zur eigenen Nation, das Ziel der Wieder­­errichtung eines polnischen Staates, des eigenen Vaterlandes. Typisch sind in diesem Zusam­men­­hang die für Deutsche ‘irreal’ erscheinenden und sich in negativen Stereotypen98 nieder­schla­genden Verhal­tens­weisen.

Dazu gehört einerseits das ausgeprägte militärische Engagement, andererseits die Fehl­ein­schät­zung gegenüber den Mächten, in deren Diensten man steht. Vor allem das napole­onische Frank­reich, aber auch später Napoleon III. wurde bezüglich einer Erwirkung der pol­nischen Unabhän­gigkeit überschätzt.99 Man kämpft und opfert sich. Die Ziele bleiben uner­reich­bare Visionen. Poli­tisch kluges, diplomatisches Verhal­ten, das ggf. Aussicht auf Erfolg ver­sprechen könnte, wird kaum versucht. Auch dies kann als Hinweis auf den spezi­fischen Zivili­sa­tionsprozess gewertet werden.

Über die Nationalliteratur wurde die Neigung zum Kampf, zu Heldentum, Betonung der Familie und der Abstam­mung, Herausbildung entsprechender Ehrenkodices, die tradierte Sicht­weise der Rolle der Frau ver­mit­telt. Der Frau wird stets mit ausgesuchter Höflich­keit begegnet, sie entspricht zumeist spezifischen Ste­reo­typen: ›die Schöne‹, ›die Verfüh­reri­sche‹.

Als eine typische Darstellung kann der Held in Zeromski: 'Der getreue Strom'100 bezeich­net werden. Der junge Held opfert sich in einem von vornherein sinnlosen Kampf gegen eine vielfach überle­gene Truppe in der Schlacht bei Malogoszcz. Er schleppt sich schwer ver­wundet im Winter (die Handlung ist dem am 22.1.1863 begonnen ›Januaraufstand‹ zuge­ordnet) zu einem Dorf. Es entwickelt sich die tragische Situation, dass die Bauern ihn ent­sprechend einer Weisung der (russischen ) Polizei als den Aufrührer und Rebellen zu­nächst in die Stadt bringen und ausliefern wollen. Seinen tragischen Satz: „Aber ich kämpfe doch für Eure Freiheit!“ verstehen sie nicht. Sie haben nur Angst vor Prügel, die sie von den zaristischen Polizisten oder den Kosaken bezie­hen könnten, auch davor, dass ihr Habe ange­zündet werden kann. Es handelt sich um ruthe­ni­sche bzw. ukrainische Bauern in Ost­polen, für die ›Polen‹ nur durch die Grundherren verkörpert wird.

Die Frage nach der Qualität der Freiheit, auf die dieser Magnatensohn rekurriert - er wird als sol­cher von den Bauern durch einen Pelz über den Lumpen erkannt - erfolgt nicht. Das gesell­schaft­liche Problem, das Abhän­­gig­­keitsverhältnis Szlachta - Bauern wird nicht tan­giert. Der gesell­schaftliche Gegensatz wird aber durch das junge Mädchen, Salomea, das den Schwer­ver­wunde­ten in einem fast verlassenen Gutshof auf­nimmt und durch ihre Pflege das Leben rettet, perma­nent spürbar. Charakteristisch ist die Selbstverständlichkeit, mit der dieser junge Fürst Joseph Odrowaz in den Kampf gezogen ist.

Die Szlachta ist mehrfach zu differenzieren (Stichworte):

  • die historische Entwicklung bzgl. des Verhältnisses zwischen der altpolnischen und der litau­ischen Szlachta;

  • das Verhältnis zwischen der polnischen Szlachta und der weißrussischen sowie ukrai­nischen als Bestandteil der gesamtpolnischen Szlachta;

  • die Herausbildung der weißrussischen und ukrainischen Nation und ihre Definition über die Sprache, d.h. ihre slawischen Idiome.

  • die Trennung der Szlachta in Magnaten, die mittlere und niedere Szlachta, ihre jeweilige Orien­tierung und Interessenlage.

  • das Verhältnis der Szlachta zu den Teilungsmächten bzw. die Rolle im Abwehrkampf ab 1772, die historischen Phasen: a) bis 1791 (der Verabschiedung der Verfassung des 3. Mai); b) der Kosciuszko-Aufstand bis zur dritten Teilung als dessen Folge; c) bis zum Ende der napoleo­nischen Ära in Polen 1813 bzw. 1815 (Wiener Kongress); d) Kon­gress­polen bis zum 'Novem­beraufstand' 1830/31101; e) bis zum 'Januar­aufstand' 1863/64; auch 1848/ der Galizienauf­stand; f) in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts. h) der Einfluss der durch Frankreich beeinflussten Liberalisierungs- und Demokratie­­bewegung;

Im Sinne einer soziohistorischen Fragestellung könnte durchaus begonnen werden mit der Frage, inwieweit die Struktur des Adelsbewusstseins geprägt ist. Ist mit der Union von Krewo, d.h. durch die Verknüpfung von polnischem und litauischem Adel ein Bewusstseinswandel eingetreten, der gravierender ist als die materiell schon angenäherten Lebensfor­men? Die damit verbundene äu­ßere Perspektive (West- bzw. Ostorien­tierung) symbolisiert auch einen veränderten Freiheitsbe­griff, der im litauischen Bereich im Sinne des (auch in Ungarn vorherrschenden) Magnatentums eher als Recht herrschaftlicher Autonomie zu verstehen war, im piastisch geprägten polnischen Teil aber im mittel­alter­lichen Sinne aus dem freien Bauerntum hervor­kommend ›ritterliche‹ Frei­heitswerte und (dynastische) Sozial­bindungen im Vorder­grund stehen hatte.

Man könnte von der These ausgehen, dass sich beide Habitusformen dann zu dem polni­schen ›anachro­nistisch-utopischen‹ Freiheitsbegriff verbinden, der letztlich zum Zerfall von Staat und Gesellschaft führte, und dessen Folgen in der Gesellschaft erkennbar sind. Litau­isches Magna­tentum überformt seine eigene materielle Orientierung polnisch-anachro­nistisch. Polnisches Adels­tum wird an einer modernen gesell­schaft­lichen Anpassung gehin­dert durch die materielle Schub­kraft des litauischen Magnatentums.

2.2 Die Intellektuellen rekurrieren in hohem Maße auf die Verhaltensweisen der Szlachta. In der Nach­kriegs­zeit erfolgte eine Reproduktion in den gesellschaftlichen Auseinanderset­zungen.

2.3 Die polnischen Industriearbeiter stehen in der Tradition der polnischen Bauern.

2.4 Die polnische Gesellschaft reproduziert in hohem Maße die Verhaltensweisen der Rural­ge­sell­schaft, die in Wechsel­wirkung zur Szlachta steht.

Über die Bauern soll nicht speziell referiert werden. Es gibt eine umfangreiche Litera­tur.102 Darzu­stellen und hervorzuheben sind die Punkte: die Abhängigkeit vom Grundherrn, Rechtsstellung, der Bezug zum Dorf, der Bezug zur eigenen Familie als Überlebens­ge­mein­schaft, die Bedarfs­deckung der Familie im Dorf, Arbeits­leistungen für den Grund­herrn. Zu­nächst ist der selbstständige Bauer gemeint, dessen Familie durch den Hof ernährt wird. Nötig ist dann eine Differenzierung: selbstständige Bauern, begrenzt selbstständige Bau­ern, Tagelöh­ner. Außerdem sind die dörflichen oder (klein)-städtischen Handwerker zu be­trach­ten.

Wesentlich für das Verhältnis Adel - Bauern ist die ›Bauernbefreiung‹ in Russland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts . Dadurch wurde der Adel partiell enteignet, er verarmte. Dies galt vor allem für den mittleren Adel. Der hohe Adel (die Magnaten) war weniger betroffen. Die Magnaten blie­ben Interna­tiona­listen. Weitere Enteignungen gab es nach 1830/31 und 1863/64 als Folge der Aufstände. Man kann von einer gewissen Symbiose sprechen zwi­schen dem Kleinadel (der z.T. ohne Besitz war), dem verarmten Mitteladel (s.o.) sowie Tei­len der Bauernschaft, der Kleinbürger und Hand­wer­ker. Diese Gruppe (vor allem der Klein­adel) hatte nur begrenzte Möglichkeiten für Positionen im (russischen) Staatsdienst.103 Der Adel verstand sich insgesamt als Träger der Polni­schen Nation. Man schätzt ihn auf ca. 12 - 13 Prozent der Bevölkerung.

2.5 Es bildet sich in der Geschichte der polnischen Nation eine spezifische Interde­pendenz zwi­schen Nation und Staat heraus.

Der Staat war vor den Teilungen kein sprachlich homogener Staat. Neu war für die zweite Hälfte des 19. Jahr­hunderts eine Definition der Nation über die Sprache. Für die neue Nation (ab 1919) hatte die polnische Sprache eine besondere Bedeutung. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine groß­polnische, eine klein­pol­nische und eine masowische Spra­che und entsprechende Grammati­ken. Der Begriff der Sprachnation hat eine prak­tische Be­deu­tung erst ab 1918; zuvor gab es die drei Grammatiken (s.o.). Im polnischen Sinne gilt die Nation als geistige Macht. Im preußischen Sinne ist Nation ein Machtfaktor.

In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts war offen, ob die Ukraine eine eigene Nation bilden würde. Die Ukraine war orthodox. In Weißrussland hat es eine teilweise Polonisierung gege­ben durch die Unierte Kirche: Sie behielt den orthodoxen Ritus bei, anerkannte aber den Papst als Oberhaupt. Diese Kirche wurde von Stalin verboten. Sie musste zur ›prawo­sla­wischen‹, also der im eigenen Selbstverständnis ›recht­gläubigen‹, zurückkehren.

Teilweise ist die polnische Szlachta mit der ukrainischen und weißrussischen verbunden. Seit 1413 gibt es die ›Union von Horodlo‹, die ›Wappenunion‹. Der Adel des Groß­für­sten­tums Litauen wird dabei in die polnische Szlachta übernommen.

Die alte Republik (Rzeczpospolita) vor 1772 war eine Republik zweier (Staats)-nationen, der alt­pol­nischen Adelsschicht und der großlitauischen Adelsschicht.104 Die Polnischen Bau­ern gehörten nicht zur Nation.105

Polen ist ein wirklicher Nationalstaat erst nach 1945. Dies erklärt die Schwierig­keiten der Kommunisten bezüglich ihrer dem Internationalismus zuzuordnenden Ideologie. Sie fanden des­halb nur eine sehr begrenzte Resonanz im Volk.

3.1 Das Wertesystem und die Praxis des polnischen Katholizismus stellen ein Para­digma im Wer­tesystem und Verhalten der gesamten polnischen Nation dar. Sie domi­nieren das Bewusstsein und beeinflussen Denken und Handeln in der gesamten Gesellschaft in entschei­dender Weise.

3.2 Die maßgebliche Rolle der polnischen katholischen Kirche als Institution sowie der spezifi­schen Form des polnischen Katholizismus sind ableitbar aus der Rolle die­ser Kirche während der Teilungszeit. Für das Verhältnis der katholischen Kirche zur polnischen Nation im Sinne einer sozialen Identität ist vor allem die Phase ab dem Januaraufstand 1863/64 bestim­mend.

3.3 Der polnische Klerus begreift sich partiell einbezogen in gesellschaftliche Ausein­ander­set­zungen. Er konserviert außerdem das tradierte Weltbild des polnischen Klerus im 19. Jahrhun­dert. Dieses hat seine wesentliche Prägung im 17./18. Jahrhundert erfahren. Da­durch befindet er sich in der Doppelrolle, die er bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und der Okku­pa­tions­zeit in­nehatte.

3.4 Der polnische Katholizismus ist stark geprägt durch Mystizismus und Emotionali­tät. ›Glaube‹ ist in hohem Maße vorbewusst, mystisch sowie simplifi­zierend mit spezi­fi­schen Ausprä­gungen im Volksglauben. Glaubensgegenstände sind - so­weit im historischen Be­zug stehend - Mani­festationen mystisch verklärter Postulate und Fiktionen.

3.5 Die genannten Phänomene sowie religiösen Symbole haben eine historische und gegen­wär­tige Funktion. Beispiele sind:

  • Die Rolle des Marienbildes im Abwehrkampf am Hellen Berge (Tschenstochau,1655) sowie die Erklärung der Jungfrau Maria zur ›Königin der Krone Polens‹ nach dem ›Wunder von Tschen­stochau‹ durch König Johann Kasimir(1656).106

  • Die Sakrifizierung der Leninwerft durch Anbringen des Kreuzes und des Marienbildes

4.1 Das historische Bewusstsein hat eine tragende Bedeutung in der Selbstsicht der Polni­schen Nation. Es ist maßgeblich beeinflusst von Legendenbildungen und histo­risch verklär­ten Darstel­lungen.

Diese werden vermittelt durch historisierende Darstellungen in der polnischen Literatur, vor allem des 19.Jahrhun­derts und der Jahrhundertwende (Mickiewicz, Sienkiewicz, Slo­wacki, Reymont, Prus, Witkacy und Zeromski). In der gleichen Tradition steht auch Jan Dobraczynski (geb. 1910).107 Historisches Bewusst­sein besteht in Polen wesentlich in einer mentalen Verinnerlichung sowie indivi­duell und kollektiv aufge­nom­mener Schein­realitäten und deren Reproduktion inner­halb und außerhalb des Bildungssystems.

4.2 Wissenschaft und Bildung vermochten in Universität und Schule dem nur be­grenzt ent­gegen­zusteuern. Reform­­versuche polnischer Wissenschaftler und Didaktiker wurden nach­haltig beein­trächtigt durch admini­stra­tive Zielvorgaben (Partei und Nomenkla­tura) im Zusam­men­hang mit der bisherigen Staatsdoktrin, dem Marxis­­mus/Leninismus. In den Uni­versitäten, vor allem in den Dis­ziplinen Philosophie, Geschichte, Soziologie und Polonistik sowie der Schule (Geschichts-und Polnischunterricht) hatte die spezi­fische Dar­stellung der ›Polonitas‹ bis zum politischen Wechsel 1989 eine besondere Bedeutung in der gesell­schaftlichen Auseinan­der­set­zung mit dem Marxis­mus/Leninismus. Der Geschichtsun­terricht konnte auch in seiner modernen didaktischen und methodischen Konzeption nur eine ge­ringe Resonanz bei Schülern bewirken.108 Ihre Umsetzung in Hinblick auf konkrete Kennt­nisse, umfassende und gesicherte Erkennt­­nisse, die Methode einer analytischen Be­trach­tung aus der Distanz heraus sowie in größeren Zusam­­men­hängen, ist kaum feststellbar. Der Ersatz subjektiver emotional besetzter Wahrnehmung durch das Prinzip histori­scher Objektivität war nie nennenswert gegeben.

5.1 Durch die verinnerlichte Geschichtsbetrachtung und das Rekurrieren auf emotio­nal be­stimmte und historisch abgeleitete partiell katholisch geprägte Wertesysteme sowie deren Reproduktion in der politischen Kultur des Landes erfolgte eine spezifi­sche Wechselwirkung zwischen Gesell­schaft und Bildungssystem außer­halb bzw. un­terhalb der Ebene der Admi­nistration und des staat­lichen Bildungsapparates. Sie ist ein­ge­­bunden in die zumindest la­tent bewussten aber stän­dig gegenwärtigen Auseinanderset­zungen. Der gesamte Konflikt kann als gesellschaftliche Aus­einandersetzung mit - bzw. als Kampf gegen - den Kom­mu­nis­mus definiert werden.

5.3 Die Funktionalisierung des Bildungsprozesses durch alle Beteiligten (Administration, Bil­dungs­­institu­tionen, gesellschaftliche Gruppen) hemmte eine wis­senschaftsadäquate Betrach­tung der Geschichte der eigenen Nation. Die Reforman­sätze in Wissenschaft und Bildung konnten in den siebziger und achtziger Jahren nur be­grenzt umgesetzt werden. Die Arbeit der Akteure fand als Gratwandel statt zwischen den drei Zentren: Gesellschaft - Staat - Kirche.

5.4 Die sich bereits in den siebziger Jahren daraus eröffnenden Chancen einer ›Reformpolitik‹ waren begrenzt, wurden aber nicht umgesetzt. Ihr Wert konnte nicht in einen gesellschaftlichen oder ökono­mischen Nutzen umgesetzt werden. Er wurde vertan. Dieser Prozess wird in der west­lichen Betrachtung oft unspezifisch als 'irrational' bezeichnet, damit aber nicht gedeutet und nicht in seiner historischen Dimensionalität begriffen und ent­spre­chend eingeordnet.

5.5 Die Überlagerung von Machtkämpfen über Reformansätze und sinnvolle wie not­wen­dige Än­derungen verhinderte die für einen Übergang zur modernen Industriege­sellschaft notwendige Grundlage. Das Prinzip ökonomisch definierter Rationalität westli­cher Industrie­gesellschaften im Sinne einer Orientierung des Denkens und Handelns an öko­nomischen Zielen (Gewinn­op­ti­mie­rung etc.) ist nur sehr begrenzt im Denken der polnischen Gesell­schaft vorhanden. Diejenigen, die dies individuell erkannt haben und umzusetzen be­reit waren, sind in Polen in der Minderheit. Ihre Arbeit wird nicht honoriert. Diese Experten be­finden sich in einer tragischen Situation.

5.6 Der gesamte innergesellschaftliche Kampf stand in Polen nicht unter dem Aspekt von Quali­tät, wissen­schaft­licher Wahrheit, objektiver Notwendigkeit oder anderen, in westlichen Maximen vorhandenen Prämis­sen. Er wurde nicht unter dem Grundsatz von Zielbestim­mungen geführt, sondern reproduzierte eine im histo­­­rischen Prozess der Gesell­schaftsent­wicklung und dem ent­sprechenden Wertesystem angelegte Konflikt­­­­aus­tragung. Dadurch ergab sich eine Gleichzeitig­keit von Selbst- und Nichtdefinition des Zieles. Ein Ausbruch aus diesem Prozess, eine Fortent­wicklung, konnte unter den gegebenen Bedingun­gen nicht erfolgen. Der Sozialismus sollte als ein oktroyiertes System abgeworfen werden. Eine gei­stige Ausein­an­der­setzung mit ihm fand nicht statt.

6.1 Die Ansätze einer Liberalisierung nach 1956 unter Gomulka wurden zurückge­nommen auf­grund der Erstarkung national­kommunistischer Kräfte.

6.2 Die Unterdrückung der Studentenbewegung und der neue Antisemitismus (1968) sind im historischen Kontext zu interpretieren.

6.3 Die ökonomische Reformpolitik während der Gierek-Ära, die Politik der ›Öffnung zum Westen‹, ist nicht nur als Folge wirtschaftlicher Fehlentscheidungen im Investiti­onsbereich, der weltweiten Stahlkrise, sondern maßgeblich aufgrund eines typischen Fehl­verhaltens der in Regie­rung, Verwaltung und Wirtschaft Polens Beteiligten gescheitert. Der Begriff Fehl­verhalten greift dabei zu kurz; er muss als zentraler Inhalt untersucht und defi­niert werden. Es handelt sich um spezifische Interdependenzverhältnisse in ihrer Mehrebe­nen-Span­nungskonstellation.

6.4 Die Reformansätze im Erneuerungsprozess 1980/81 waren nicht an konkreten poli­ti­schen, sozialen und ökonomischen Zielen orientiert, sondern primär am gesellschafts­poli­tischen Kampf mit dem Ziel einer grund­sätzlichen politischen und ökonomischen Ände­rung, einer Abschaffung des herrschenden Systems.

Der Begriff Odnowa wurde 1980 in den westdeutschen Medien zur Charakterisierung des mit den Streik­bewe­gungen verbundenen - aber wesentlich erhofften - Reformprozesses benutzt. Er war ebenfalls für die Linke in Westeuropa Synonym für die Chance eines ›Dritten Weges‹. Die Linken projizierten damit eigene Erwartung, Hoffnungen und Zielvor­stellungen in diesen Prozess in Polen hinein. Der Begriff wurde bald vom Reform­flügel der Partei in ihrem Sinne positiv besetzt und instrumentali­siert. Vertreter der Partei wie z.B. Stefan Bratkowski verbanden mit der Solidarnosc die Hoffnung auf eine Erneuerung des Sozialismus in Polen. Szumowski, der Chefredakteur der Gazeta Krakowska, unterstützte z.B. die Solidarnosc in seiner Partei­zeitung. Nach Verhängung des Kriegszustandes er­klärte ihn die Partei zum Dissidenten und setzte ihn ab. Die Propagan­disten der Partei ho­ben ab auf die Person Jaruzelskis und verwendeten in den ›Unterwer­fungs­­er­klä­rungen‹ z. B. For­mulierungen wie ›ich erkläre mich einver­stan­den mit den Reformen des Generals Jaru­zelski‹. Seitdem ist auch der Reformbegriff in den Augen der Solidar­nosc diskredi­tiert.

6.5 Das politische Scheitern der Solidarnosc stellt eine Reproduktion des Scheiterns histori­scher Kämpfe dar, aus dem die moralische bzw. affektive Stärke für einen neuen Kampf erwuchs. Denken und Handeln, Strategie und Taktik entsprachen denselben histori­schen Vorbildern. Der Kampf führte solange nicht zum Ziel, bis die Macht des Gegners auf­grund äußerer Bedingungen sich selbst aufhob, durch die Perestrojka-Politik Gorbatschows sowie die ökonomische und poli­tische Agonie der ehemaligen Hegemonialmacht.

7.1 Die Reformansätze der Opposition in Bezug auf den Umbau des Wirtschafts­systems (Reformen im Sozialis­mus, den zunehmenden Einbau von marktwirtschaftlichen Elementen, dann den voll­ständigen Übergang zur Marktwirtschaft) entsprachen den Modellen westlicher Wirt­schafts­politik. Sie enthielten wesentlich liberale und sozial­demokratische Denkansätze und waren geprägt durch die katholische Soziallehre.109

7.2 Die Regierung Jaruzelski hat sich nach dem 13.12.1981 die in der Solidarnosc entwickelten Ansätze zu eigen gemacht und versucht, diese stufenlos ohne prinzipielle Änderungen umzusetzen.110

7.3 Regierung und Opposition haben 1981, unter äußerem Zwang stehend, den Anschein gesell­­schaft­licher Kompromiß- und Konsensfähigkeit vermittelt.

Das Scheitern möglicher Reformansätze im Jahre 1981 (durch Einführung des Kriegs­zu­standes) ist eine Folge aus der Unmöglichkeit der Machtteilung und -abgabe bzw. der prin­zipiellen Nicht­be­reit­schaft seitens der Regierung und der Nichtbereitschaft und Unfähig­keit zur Zusammenarbeit seitens der Opposition. Letztlich kann eine grund­sätzliche Unreali­sierbarkeit konstatiert werden. Dadurch ergibt sich auch von Seiten der Opposition von vornherein die Unmöglichkeit eines Kon­senses.

7.4 Regierung und Opposition verhalten sich 1980/81 im Denken und Handeln ›polnisch‹, also nicht ökonomisch-rational und zielorientiert. Es gibt keine grundsätzliche Akzeptanz gegebener Rahmen­bedin­gungen, keinen möglichen Konsens innerhalb dieser von außen gesetzten Normen, jeweils das für die Nation respektive das Land Beste zu tun.

7.5 Die Regierung Jaruzelski, die Planungsbürokratie, bleibt auf der Ebene der Deklamatio­nen und der Selbst­­täuschung.

Sie benutzt tradierte Methoden: Nationaler Pathos, Rekurrieren auf ›polnische Werte‹, ohne diese zu definieren. Sie ist in Hinblick auf die Entwicklung einer Programmatik, die Ausar­beitung kon­kreter Ziele und Modelle, die Diskussion der Durchführung, die Reflexion ihrer Umsetzung be­trachtet untätig, zumindest ist dies bedeutungslos. Stattdessen erfolgt eine Verschleierung der realen Ziele, eine Zurück­haltung von Infor­ma­tionen. Es erfolgen Schuld­zuweisungen an (z.T. imaginäre) Dritte seitens der Propagan­disten, z.T. sogar an das Wetter. Typisch sind Appelle an das Zusammenstehen der ganzen Nation. Das Einbringen der Ernte wird 1981 mit dem Wider­standskampf von 1939 assoziiert. Man argumen­tiert auf einer Metaebene. Man weiß, dass man die Sachlage verfälscht, dass man versucht, der Bevölkerung etwas vorzumachen. Trotzdem wird dieses Verhalten in neuen Varianten ständig fortgeführt.

7.6 Die Opposition ist nahezu untätig. Sie leistet keine umsetzbaren Vorarbeiten, entwic­kelt keine realisier­baren Konzepte, keine konsensfähigen Strategien.111

Es gibt keine nennenswerte konzeptionelle Arbeit. Dies, obwohl der kommunistische Staat seinen Gegnern die Gelegenheit gab, nahezu ungehindert als Wissen­schaftler in den Uni­versitäten, der Administration und den Planungsbehörden zu arbeiten. Es gab keine Schub­ladenpläne, keine vorbereiteten Strategien für den Tag 'X' der Machtübernahme, selbst wenn man dieses nicht so schnell erwartet hat. Dies wiegt um so schwerer, als die polni­schen Oppositionellen im Vergleich zur CSSR und Ungarn deutlich bessere Voraus­set­zun­gen hatten: Sie hatten im Vergleich zu allen damaligen sozialistischen Ländern an den Uni­versitäten und anderen Institutionen nahezu unein­ge­schränkte Arbeits­möglichkeiten. Sie konnten faktisch ungehindert über alle benötigten wissen­schaft­lichen Informa­tio­nen des Westens verfügen (z.B. Einladungen zu Symposien, kostenlose Fach­zeitschriften, Zusam­men­arbeiten von Universitäten, Wissen­schaftler­austausch etc.). Sie verfügten über einen hoch anzusetzenden Sympathievorschuss im Westen. Defizite aufgrund finan­zieller Probleme bezüglich der wissenschaftlichen Arbeit konnten durch Stipendien ausge­glichen werden, z.B. durch die Friedrich-Ebert-Stiftung oder die DGB-Gewerkschaften.112

7.7 Die wirtschaftlichen und politischen Probleme nach 1989 sind auch Ausdruck und Folge der genannten Problematik:

  • Balcerowicz versucht nach amerikanischem Muster neoliberale Politik umzusetzen, ohne die spezifisch polnischen Bedingungen einzubeziehen.113

  • Man kann beim Umbau der Wirtschaft nicht auf 'Schubladen'-entwürfe, -pläne oder Alter­na­tiven zurückgreifen;

  • Es gibt 1989/90 keine fertigen (auch alternative) Gesetzesvorlagen für grundlegende Rechts­reformen (ausgenommen das Abtreibungsverbot);

  • Es gibt keine Finanzierungsmodelle; keine beschlussfertigen Vorlagen (Absprachen mit IFW, Gläubi­gerländern und -banken etc.);

  • Es gibt keine hinreichenden Vorarbeiten für eine Zusammenarbeit oder gar Assoziation mit der EG;

  • Es werden keine Marktanalysen durchgeführt um die Adaption der polnischen Volkswirt­schaft zu erleichtern und zu beschleunigen;

  • Kontakte mit westlichen Firmen und potenziellen Investoren werden nicht genutzt oder ver­nachlässigt;

Die Folge sind Verzögerungen im Konversionsprozess. Man hat den Versuch eines zumin­dest in Ansätzen steuerbaren Paradig­men­­wechsels aufgegeben und sich weitgehend neo­liberalen Prin­zipien gebeugt.114

7.8 Die Chancen eines möglichen ›Dritten Weges‹ wurden weder genutzt noch reflek­tiert. Eine Anwendung auf Polen wurde nicht geprüft, nicht einmal erwogen.

Ökonomische Modelle Westeuropas (›Globalsteuerung‹, ›Planification‹, ›Sozialstaats­modelle‹, spezifische Herausbildung des Föderalismus (Länder­finanz­aus­gleich; Gemein­schafts­­­aus­gaben etc.) wurden nicht auf Über­nahme ge­prüft, obwohl pol­nische Wissen­schaft­ler über alle Probleme der BRD, der USA, auch Frank­reichs und Englands gearbeitet haben.

In dieser Gedankenführung ist sehr stark die westdeutsche Projektion vor allem seitens der Lin­ken enthalten. Es kann als gesichert gelten, dass der ›Dritte Weg‹ vor 1980 bei einem kleinen Teil polnischer Intel­lektueller erwogen wurde; dies ist unter dem Aspekt der Reali­sie­rungs­chan­cen aufgrund der Rahmen­be­dingungen zu sehen.115 Der reale ablaufende sozio­ökono­mische Prozess hat die gesamte Problematik überlagert.

8. Die politische Praxis der Übergangsphase lässt vermuten, dass im Binnensystem Denken und Handeln der neuen Machtelite wesentlich den tradierten gesellschaft­lichen Maximen entspricht. Auch neoliberale radikal-ökonomische Reformansätze (Balcerowicz) lassen keine grundlegende Änderung im sozialen Gesamt­system erwarten. Weder Umsetzung der Vorhaben noch Akzep­tanz in der Bevöl­kerung noch Verhalten der neuen Besitzenden lässt eine Entwicklung auf eine Indu­strie­gesellschaft west­europäischer Ausprägung (am Beispiel der BRD) erwarten. Die gesell­schaft­liche Diversifikation der Gegenwart knüpft prozessual an die Gesellschaft des 19. Jahr­hun­derts an. Das vorindustri­elle Bewusstsein verhindert die Herausbildung eines funktionalen Partei­en­­systems und die Bildung parlamentarisch - demokratischer Strukturen.

2. Exkurs: Die Ansätze Aleksander Bochenskis116

Als exemplarisch für polnische Autoren zur Skizzierung der ›Polonitas‹ aus polnischer Sicht können die Ansätze Bochenskis angesehen werden. Bochenski ist Angehöriger der tech­nischen Intelligenz und seinem Selbstverständnis nach dem rationalis­tischen Den­ken zuzu­ord­nen. Seine Position soll in Auszügen skizziert werden.117

Bochenski analysiert das typische Verhalten der Polen gegenüber dem ›Schicksal des Landes‹, der ›Entwicklung der Technik‹ und der ›Weltwirtschaft‹. ›Allgemein kann man feststellen, dass unsere Psyche gar nicht vorbereitet war, um die Richtlinien der Entwick­lung der Welt und ihr Tempo richtig einzuschätzen, das ist mit ein Grund dafür, dass die wirt­schaftliche Entwicklung Polens nicht zufriedenstellend ist.‹ (S.5) Das wirtschaftliche Potenzial ist da, wichtig ist jetzt die Qualität, d.h. man muss jetzt die Maschinen, aber auch die Menschen richtig einsetzen können, sich von extensiver auf intensive Wirtschaft umstellen. Aber auch die besten Methoden helfen nicht, wenn wir uns nicht endlich an die Arbeit machen. (S.8) Man kann zwei grundsätzlich ver­schiedene Einstellungen zur Arbeit in den staatlichen Betrieben feststellen: die einen handeln nach dem Grundsatz der guten, ehrlichen Arbeit für das Gemeinwohl, für den Fortschritt der Technik (es sind einzelne Personen, aber auch Gruppen oder ganze Regionen wie z.B. Ober­schlesien oder Großpolen), die zweite Haltung ist überall anzutreffen: Passivität statt Aktivität, Freizügigkeit statt Disziplin, Ego­ismus statt Arbeit für das Gemeinwohl. (S.9)

Es fehlt das Verständnis, dass das Wohl des Einzelnen von der Wirtschaftslage des Lan­des ab­hängt. Um diese Haltung zu ändern muss man zweierlei tun: es muss ein klar aus­gear­beiteter Wirtschaftsplan vorliegen und es muss eine Umwertung der Werte zustande kom­men (S. 58). Bochenski sieht in der Nation ungeahnte Kräfte, die jedoch nur im Kampf oder in der Gefahr wach werden. Was kann man tun, um diese Kräfte für den Fortschritt der Wirtschaft, der Technik, der Industrie auszunutzen? (S. 60).

Man muss die Komplexe des ›ewigen Feindes‹ abbauen. Sie waren und sind eine Gefahr für die Entwick­lung, gar für das Fort­bestehen der polnischen Nation. Seit 1945 hat man die Jugend im­mer im Hass gegen die Russen und die Deutschen erzogen (S. 65). Man müsste den Enthusiasmus durch Arbeitsdisziplin ersetzen (S. 81).

Der Entwicklungsstand der Technik, Wissenschaft und Industrie ist der Maßstab für die Entwick­lung der Nation, d.h. er entscheidet über den Wert einer Nation. Thesen über die geistige und moralische Entwick­lung der Nation unter Verzicht auf den Fortschritt sind falsch. Die Vorausset­zung für die Entwicklung ist die geistige Mobilisierung. Gefordert wird die Vernunft bei den Regie­renden und die Disziplin bei den Ausführenden (S. 92).

In der Zeit der Sachsenkönige dominierte in Polen eine Lebenseinstellung, die eigenen Reichtum im Sinne hatte und sich zum Ziel setzte, die Stärkung der Königsmacht nicht zu­zulassen, um so die herrschende Anarchie aufrechtzuerhalten. Patriotismus war da­mals mit der Verteidigung der ›goldenen Freiheit‹ gleich­zusetzen. Sehr wichtig war der Reichtum des Einzelnen (der allerdings weder vom Handel noch vom Gewerbe kommen durfte); der pol­nische Adlige lebte verschwen­derisch, für ihn galten gutes Essen, Trin­ken, die Jagd etc. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte in Polen das Modell eines verschwen­derisch lebenden Adligen. (S.10)

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der späteren Haltung der polnischen und der westlichen Intelli­genz liegt darin, dass sich in Polen die Intelligenz aus der Szlachta ent­wic­kelt hat, im Westen dagegen aus dem Bürgertum. (S.11) Eine Gruppe von aufgeklär­ten Menschen versuchte, ein neues Gegenmodell und ein neues Wertesystem zu schaffen (Konarski, Staszic, Kollataj): das Modell eines sozial und patriotisch gesinnten Menschen, der die Opferbereitschaft genauso hoch­schätzt wie die Ausbildung. (S.13) In Polen gab es kein ›polnisches‹ Bürgertum. Diese Tatsache hat die Psyche der Nation, insbesondere die der Intelli­genz, stark geprägt. Die ökonomische Funktion des Bürger­tums übernahm damals das Judentum, das aber sowohl religiös als auch sozial und kul­turell isoliert war. (S.14)

Nach den Teilungen gab es zwei Wege, um als Nation zu überleben. Die damalige Elite schlug vor:

  • die Aufklärer verstanden Vaterlandsliebe als Rationalismus sowie als Entwicklung der Wissen­schaft;

  • die Romantiker wollten den Aufbau des Staates durch den bewaffneten Kampf errei­chen.

Die zweite Einstellung erwies sich damals - wenn auch nur kurzfristig - als richtig, was nicht viele eingesehen haben. Es entstand (unter Napoleon 1807-1813) das Herzogtum Warschau. Der Ein­fluss dieses Ereig­nisses auf die polnische Psyche war sehr stark und er dauert bis heute fort: nicht das Denken, sondern der Kampf ist wichtig. (S.18) Die schlimmste Haltung der Polen war die Passivität und Unfähigkeit zum Kampf (wäh­rend der Zeit der Herrschaft der Sachsenkönige) ge­wesen. Noch schlimmer war jedoch die Überzeu­gung, dass nur ein ununter­broch­ener Kampf mit allen drei Teilungsmächten auf einmal die Freiheit bringen kann. (S.21)

In der Romantik entstand eine psychische Haltung, die bis 1870 lebendig war. Es war ein neues Lebens­modell: der Pole als Romantiker und Freiheitskämpfer, der den Rationa­lismus verachtet und für den die unkontrollierten Gefühle das oberste Prinzip waren. Dieses Modell wurde in der Literatur tradiert. Das Positive an der Romantik war, dass die nationa­len Bande sich verstärkt ha­ben. Die Opferbereitschaft, der National­stolz und die Freiheits­liebe wurden als die wichtigsten Gefühle erklärt. (S.23)

Die Nachteile der romantisch-patriotischen Lebenshaltung waren:

  • die einseitige Aktivität, die eine Tätigkeit auf dem Gebiet der Wirtschaft und Technik völlig ausschloss;

  • das Modell eines gebildeten Menschen schuf nicht das Leben selbst, sondern die Litera­tur; es entstand ein Kult um den Dichter und Kämpfer;

  • die Verachtung gegenüber der Technik, dem Fortschritt und der Industrie;

  • der Kult des Leidens (Polen - Christus der Völker);

  • das Fehlen von Disziplin; man soll der ›Idee‹, nicht irgendwelcher ›Obrigkeit gehor­chen; (S.27/28)

Die Positivisten versuchten, das Modell der Romantik durch ein anderes zu ersetzen: der Begriff ›patrio­tisch‹ sollte mit ›ausgebildet und fortschrittlich gesinnt‹ gleichgesetzt wer­den und durch den ›ökonomischen und technischen Patriotismus‹ ersetzt werden. Die­ses neue Modell konnte sich am besten in Großpolen durchsetzen, dort galt seit 1848 das Modell des patriotisch gesinnten Polen, der durch seine Arbeit in der Land­wirtschaft im Handel oder in der Industrie dem Vaterland dient. Einen weiteren Versuch, den pol­ni­schen romantischen Patriotismus durch den Wirtschafts­patriotismus zu ersetzen, unter­nahm u.a. E. Kwiatkowski. (S.31)

All diese Versuche, ein 'irrationales' Modell durch ein 'rationales' zu ersetzen, haben in der polni­schen Psyche keine tieferen Spuren hinterlassen, denn sie stießen immer wie­der auf die Gegen­reaktion des in der polnischen Psyche bereits tief verankerten roman­tischen Modells.

›Gegenbewegungen‹:

Die Versuche Poniatowskis (seine Orientierung an Aufklärung) hatten Kosciuszko und die Legio­nen zunichte gemacht, Staszic's und Lubecki's Ideen wurden durch den Einfluß von Mickiewicz, Slowacki und der ganzen Generation der Romantiker in den Hintergrund ge­drängt, die Ideen der Positivisten wurden mit einem Schlag durch ›Trilogie‹ von Sien­kiewicz zerstört. Die Schul­erzie­hung in der Pilsudski–Ära setzte die romantische Tradi­tion des Kampfes fort. (S.31f)

Der Patriotismus der Polen in Galizien entstand durch die Literatur. 1918 wurden die meisten Lehrerstellen durch Polen aus Galizien besetzt. Hätte man dort die Polen aus Groß­polen einge­setzt, deren Mentalität stärker auf die Arbeit als auf den Kampf ausge­richtet war, hätte die Ent­wicklung der Psyche der polnischen Nation in der Zwischen­kriegszeit sicher einen andere Rich­tung eingeschlagen. (S.34) Zweifellos hat die Kirche die polnische Psyche sehr stark geprägt. In der Zeit des Positivismus wandte sich die Kirche gegen die Naturwis­senschaften und huldigte dem romantischen Modell des Patriotismus. (S.42)

Der Wiederaufbau des polnischen Staates hat in der polnischen Psyche einen Nieder­schlag ge­funden. Das große Ziel, das die Polen seit über 100 Jahren immer vor Augen hat­ten, ist nicht mehr da, weil es erreicht worden ist. Die Kräfte, die die Polen zusam­mengehal­ten und zu höch­stem inspiriert hatten, waren auf einmal nicht mehr so stark. Es gab Versu­che, das Hauptziel durch andere zu ersetzen, Dmowski [ENDECJA] wollte z.B. die Aktivi­täten zur Bekämpfung der Minderheiten ausnutzen. (S. 43)

Zum Bild der polnischen Intelligenz der Zwischenkriegszeit gehörte die Abneigung gegen den Kapitalismus und die Kapitalisten, deren Inbegriff ›der deutsche Fabrikant‹ war. Das war der Bestandteil des polnischen Patriotismus, war doch das ganze Kapital in frem­den Händen. Hierin liegen auch die Gründe für die Abnei­gung gegen die Industrie über­haupt. (S. 45). Die Schule trug zur Aufrechterhaltung dieser Haltung bei, indem sie die Schüler in der Abneigung gegen die Ar­beit und der Gleichgültigkeit gegenüber der wirt­schaft­lichen und ökonomischen Problematik stärkte. Die Schule propagierte das Konsum­den­ken statt des Produktionsdenkens. (S. 46)

Die Gründer der Krakauer Bergbau- und Hüttenakademie erkannten, daß die politische Souve­rä­ni­tät des Staates von seiner wirtschaftlichen Souveränität abhängt. (S.46) Vor Aus­bruch des Krieges versuchten E. Kwiatkowski (durch seine Wirtschaftspolitik) und M. Wan­kowicz (durch seine schriftstellerische Tätigkeit) den polnischen Patriotismus in ei­nen Wirt­schaftspatriotismus umzu­­wandeln.

Der Krieg, der Kampf mit dem Okkupanten machten diese Bemühungen zunichte, denn gefordert wurden damals wieder der Kampf und die Opfer­bereitschaft. Die in der roman­tischen Tradition erzogenen Polen glaubten, je mehr Opfer, um so höher ist die Stelle Polens in der Hierarchie der Nationen. (S. 50)

Über die Ursachen äußert sich Bochenski folgendermaßen: ›Es wäre falsch, die Ursa­chen des Verfalls Polens in den letzten 30 Jahren des Bestehens des Staates zu su­chen. Die Zeit der Tei­lungen kam nach Jahrzehnten der Anarchie (Schwächung der Königsmacht, keine starke Regie­rung, keine Armee). Das Schlimme ist, daß die Füh­rungsschicht demora­lisiert war, sie war eher bereit zu sterben als eine Verbes­ser­ung des Systems vorzunehmen, die Armee zu vergrö­ßern, neue Steuern einzuführen. Die wich­tigste Ursache liegt in den Systemfehlern. Diese Fehler, die von der Szlachta für Klugheit gehalten wurden, waren in der Tat ein Höhepunkt der Dumm­heit. Alles, was sich gegen das System richtete, war klug, alles was das System unterstützte, war dumm.‹118 Der Gedanke an sich ist ambivalent. Er richtet sich ebenso gegen die prinzipiellen Geg­ner des kommunistischen Machtsystems.

›Noch über 100 Jahre nach der Teilungskatastrophe glaubten die meisten, daß Polen nur durch den bewaff­neten Kampf erlöst werden kann und daß es durch Politik und Refor­men sterben muß. Dieses verfluchte Erbe lebte in der Psyche der Nation bis in die Zwischenkriegszeit hinein fort.‹ S.23

›Die polnische Nation wird von einer Psychose ergriffen, die 'Messianismus' genannt wird. Die Polen glau­ben, daß ihre Nation 'Messias der Völker' sei, daß sie für andere Natio­nen leidet; je mehr sie leidet um so schneller wird die Erlösung kommen.‹ Bochenski ordnet die Verbreitung dieser Ideen den Dichtern Mickiewicz, Slowacki, Krasinski zu, ‘Exilpolen’, wie er betont. (S. 25).

II. Nation und Staat

1.Teil: Figurationssoziologische Aspekte des Staatenbildungsprozesses in Polen in Wechsel­wirkung zur Nation

1.1. Vorüberlegungen

Es bietet sich an, die traditionell als 'politischen' Spannungs­rahmen skizzierte Situation von 1980 mit den Ansätzen der Figura­tions­soziologie, als einen Prozeß innerhalb von Figuratio­nen119 zu betrachten, die sich durch Mehrfachdependenzen auszeichnen. Für Polen läßt sich eine Inter­de­pen­denzverflechtung auf der inner­staat­lichen wie zwi­schenstaatlichen Ebene feststellen. Die Interdependenzen sind mehreren Ebenen zugeordnet.

Bei der innerstaatlichen Ebene handelt es sich erstens um den in Ostmitteleuropa bis 1989 gene­rell als Revolution120 (von 1944-47) bezeichneten Prozeß der (formalen) Macht­übernahme durch eine 'eigene' ethnische Gruppe und zweitens um den - von den Kommunis­ten postulierten - Gegen­satz zwischen den Arbeitern und Bauern einerseits und der Bour­goisie bzw. dem Adel als der 'herrschenden' Klasse andererseits. Die in der Lehre des Mar­xis­mus­ - Lenin­ismus als Inter­es­sen­­identität bzw. -gegensatz postu­lierten Kerngedanken sol­len dabei nicht ideologiekritisch hin­terfragt werden.

Ausgangspunkt der Betrachtung ist die spezifische Situation in der polnischen Gesell­schaft und damit die Sichtweise der beteiligten Idividuen selbst. Drittens ist das Inter­depen­denzverhältnis zwischen Arbeitern und Bauern zu betrach­ten und viertens das Verhältnis zwischen der katho­lischen Bevöl­kerungs­gruppe und den nichtkatholischen klei­neren - zu­meist christ­lichen - Grup­pen, sowie der an Zahl zunehmenden Gruppe von nicht (mehr) praktizierenden Katholiken und von Agnosti­kern. Das Mehrfachverhältnis innerhalb der hochdifferen­zier­ten Gesell­schaft und dessen historische Entwicklung aus den Figurationen der Adels- bzw. der Bauern­gesell­schaft sowie die Regionalentwicklung müssen gesondert betrachtet werden.

Zum zwischenstaatlichen Bereich gehörten die Einbeziehung in das jeweilige Wech­sel­bezie­hungssystem WPO/RGW und NATO/EG-EFTA sowie die Grenzfestsetzungen als Folge des Zweiten Weltkrieges in Jalta und Potsdam und die ›Grenzgarantie‹ durch die UdSSR und die WPO121. Der Beurteilungsmaßstab ist dabei abhängig von den poli­tisch­en Meinungen, individuellen wie kollektiven Wert­setzungen, aber auch inner­gesell­schaftlichen Machtfragen.

Die aktuelle Problematik ist eingebunden in einen historischen Ablauf und unter psy­chosozialen Gesichts­punkten zu betrachten. Dazu Elias:

»Das gilt ganz besonders wenn man den Prozeß­charakter von Figu­ra­tionen in Rechnung stellt. Es war schon immer nicht ganz realistisch, in Gedan­ken inner­staatliche Probleme und zwischen­staat­liche Probleme voneinander zu trennen. Aber je weiter sich die Interdepen­denz­ver­flechtun­gen über die ganze Mensch­heit hin aus­gebrei­tet haben und je enger die Verflech­tung der ver­schie­den­en Staaten der Menschheit geworden ist, um so weniger einträglich ist es, die Erfor­schung die­ser beiden Ebenen der menschlichen Gesell­schaft nach Fächern zu trennen. Im 20. Jahrhundert ist das, was innerhalb eines Staates vor sich geht, insbesonders die Verteilung der innerstaatlichen Machtgewichte, von dem, was sich zwi­schen den Staaten abspielt, insbesondere von den Machtverhältnissen der Staaten, weni­ger abtrenn­bar als je zu­vor. Wo immer man hin­blickt, stößt man auf die Inter­dependenzen der inner­staatlichen und zwischenstaatlichen Pro­zesse.«122

Zur Kennzeichnung des Spannungssystems in der ›Zwangsapparatur‹ einschließlich der ihr im­ma­nenten Zirkular­bewegungen wie Eskalationen, die bisher als ›er­starrter Clinch‹ oder ›Teufels­kreis‹ geläufig ist, versucht Elias den Begriff des ›Doppelbinders‹ nach Gregory Bates ›double-bind‹ einzuführen123. Das von Elias übernommene Bild aus einer Dar­stellung aus den Erzäh­lungen Poes von den Fischern im Mahlstrom124 kann zur Ver­deut­­lichung des in den ›Ereignissen‹ versuch­ten bzw. be­gon­nenen revolutionären Prozesses125 von 1980 her­an­gezogen werden. Es muß kon­zediert werden, daß das Niveau der Selbst­kon­trolle und der Prozeßkontrolle für die Gruppe der Auslöser126 bzw. der initiativ Beteiligten dabei relativ hoch ist.

Ein weiteres Problem ist die Frage der Kontrolle eigener Affekte, der Hand­lungen127 in kritischer Situation. Auch für die Arbeiter der Lenin-Werft gilt, daß sie (noch) eine Chance haben. Das Maß dieser Chance kann man kaum bestimmen, insoweit es sich auf die Arbeiter als Figuration be­zieht.

»Was wir ›Denken‹ nennen, steu­ert die Muskeltätigkeit im Verein oft genug im Konflikt mit Trieben, Affekten, Gefühlen. Spannungen und Konflikte dieser Art bilden ... einen norma­len Zug menschlichen Lebens. Die sozio-psychologischen Funktionen von Menschen, auf die wir mit dem Begriff des ›Denkens‹ hinweisen, sind in ihrem Kampf um die Beein­flussung der koor­di­­nierenden motorischen Zentren, die die Exekutivorgane von Menschen, ... ihre Handlungen in engen Sinne steuern, dem doppelten Druck der Gefühle und der weiteren Situation aus­ge­setzt. ... Auch ›Sprechen‹ ist ›Handeln‹ auf einer anderen Ebene ...«.128

Es bleibt zu prüfen, inwieweit dieser Gedanke als These zur Erklä­rung des Aus­bruchs der Ereig­nisse von 1980 anwendbar ist. Als Hypothese kann formuliert werden, daß das hohe ›Affektniveau‹ des Denkens in diesem eskalierenden Zirku­la­tions­prozeß erkennbar ist, die Rich­tung des Handelns aber durch Über­lagerung tra­dierter Ver­hal­tensweisen bestimmt ist, die vor allem aus der Szlachta- und der Bauern­gesellschaft ableitbar sind. Es gilt für die Initia­toren der Ereig­nisse von 1980 - soweit man überhaupt ein konkretes Hervor­rufen konstatieren kann. Bezüg­lich des Gesamtprozesses ist dieses zu ver­neinen. Auf je­den Fall muß die Reflexion der Frage erfolgen, ob und inwieweit Ansätze voraus­schauenden Den­kens im Verhalten der Danziger Arbei­ter, insbe­sondere aber der Intellektuellen, erkenn­bar und nach­weis­bar sind.

Für die polnischen Arbeiter gilt, daß sie über eine integrierende symbolische Repräsen­tation ver­fügten, wie auch ein Modell und eine Theorie, nämlich das gesell­schaftlich-organi­satorische Mo­dell der katho­lischen Kirche und die christliche Lehre, insbesondere die Sozial­enzyklika, als tra­gende und herr­schen­de Glaubens­doktrin. Es sollte noch geprüft wer­den, inwieweit sich die Arbei­ter während des Streiks 1980 in Prozessen befanden,

»bei denen das Empfinden einer drohen­den Gefahr so über­wäl­ti­­gend stark (war), daß die meisten Menschen zu einer relativen Distan­zie­rung und zur Kontrolle ihrer Furcht unfä­hig (waren), auch wenn der Pro­zeß selbst, wie sie bei größerer Gelassenheit und einigem Nach­denken aus größer­er Distanz (hät­ten) erkennen (müssen), ihnen immer noch Chancen der Kontrolle und somit eines schad­losen Ent­kommens eröffnet (hätte).«129

Die Möglichkeiten relativer Distanzierung wie z.B. Kontrolle der Furcht, werden auf­ge­ho­ben bzw. überlagert durch den aus der starken Bindung in den christlichen Glau­ben ka­tholischer Kon­fes­sion als tragen­den und stärkeren Selbst­zwang. Dies ist verbunden mit der stabili­sierenden Wir­kung durch die Anwesenheit der Priester, die auf dem Werft­gelände gele­sene Messe und die dort abge­nommene Beichte.

Elias' folgender Gedanke bietet sich zur Anwendung auf die Situatiuon 1980 an:

»Dann aber gibt es auch kritische Pro­zesse, die so weit fortgeschritten sind, daß den in sie verstrickten Menschen keine Chance mehr bleibt, ihre phy­sische und psychische Inte­grität zu erhalten oder auch nur ihr Über­leben zu sichern. Wie groß auch ihre Distanzierung, ihre Fähig­keit zu realistischem Nach­denken sein mag, der Prozeß hat für sie den Punkt er­reicht, an dem es kein Zurück mehr gibt. Sie können sich nicht retten, was immer sie denken oder tun.« 130

Es handelt sich nicht um einen fortgeschrittenen lebensbe­drohenden Prozeß oder eine auf die Zerstörung des Individuums oder der Gruppe ausgerichtete Zwangs­situation. Der Grad des Invol­viert­­seins und der prozeß­haften Verstrickung ist aber so hoch, die gruppen­spezifischen Selbst­zwänge so intensiv, daß ein Aus­­brechen aus dem Prozeß, d.h. ein Abbre­chen der Streikaktionen unmöglich wurde. Auch der Zeitpunkt der beginnenden Irreversi­bilität des Prozesses läßt sich annähernd feststellen. Im Zusammen­hang damit steht zugleich die Herausbildung und Kenn­zeich­nung der mythischen Heldenrolle.

Äußerungen polnischer Freunde und Bekannte des Verfassers ihr zum Ausdruck ge­brachter erklär­ter Wille zu kämpfen sowie private Hinweise im Jahre 1980/81 gegenüber dem Verfasser deuten dar­auf hin. So erklär­ten z.B. Angehörige der Solidarnosc 1980 im Falle einer Inter­vention seitens der UdSSR bzw. der WPO unbedingt kämfen zu wollen. Auch Nichtmitglieder der Solidar­nosc erklärten, ›Molotow-Cock­tails‹ werfen zu wollen, wenn die sowjetischen Panzer kämen. Im Jahre 1983 forderten Angehörige der Unter­grund-Solidarnosc (Mit­arbeiter der Univer­sität Danzig) den Verfasser auf, ihnen Metallwerkzeuge zu besorgen. Durch entsprechende Nachfrage wurde klar, daß sie der Her­stellung von Waffen dienen sollten.

1.2 Thesen zu den Reformansätzen Ende der siebziger Jahre

Für Polen stellt sich die Frage nach der Umsetzbarkeit in einer nur begrenzt aus­ge­bildeten bzw. im Prozeß zur Staats­gesell­schaft befindlichen Entwicklung. Dies gilt vor allem in Be­zug auf eine psycho-soziale Akzep­­tanz. Diese enthält aber ein gesellschaftliches Wider­stands­potential, das 1980 zumindest latent gegenwärtig war und von vorn­herein den Sy­stemzwängen unterlag.

Es kann nicht Gegenstand der Frage sein, ob jemals ein sozialistisches Wirt­schafts­mo­dell reali­sier­bar gewesen sein konnte. Dieses mag auf der Ebene volks­­- und betriebswirt­­schaftlicher Modell­rechnungen erfolgen und kann eine Problem­stellung für die künfti­ge So­zial- und Geschichts­forschung sein. Im dama­li­gen ›sozialistischen Lager‹ war diese Frage­stellung tabu. Man hat sich pragmatisch und machtspezi­fisch, d. h. am Macht­erhalt innerhalb des dogmatisch gesetzten Rahmens orien­tiert und dieses mit tradierten Methoden autoritärer und diktatorischer Herrschaftsausübung durch­gesetzt.

Die politische Gegenbewegung benutzte nur in einer sehr kurzen Phase des Übergangs das Mo­dell eines ›Dritten Weges‹. Dies erfolgte wesentlich seitens der Linken, einschließ­lich der linken katholischen Kräfte. Die Mehrheit der pol­nischen Öko­no­men geht von einer prinzi­piellen Unrea­li­sier­­bar­keit dieses Ansatzes aus. Man operiert mit tra­­dier­ten pol­nischen Methoden in den Mecha­nis­men eines inoffi­ziellen Wissen­schafts­betriebes und der Wissens­ver­mittlung.

Im vertraulichen Gespräch war man gegenüber den Kollegen aus dem Westen offen und bedien­te sich entsprechenden Meta-Sprachebenen. Deutlich erkennbar waren die Posi­tionen in der Kritik z.B. gegenüber der Apolo­getik des Sozia­lis­mus der DDR. Dort war von den Wissen­schaft­lern die kommu­nistische Staats­doktrin in hohem Maße ver­inner­licht worden. In der pol­nischen Gesellschaft hatte der Sozialismus auf der Basis infor­mell-struk­turier­ter Me­chanismen primär eine Mantel­funktion. Dieser Mantel war lange Zeit notwen­dige politische Rahmen­be­din­gung und zu­gleich Ausdruck äußeren Zwanges.

Die Dysfunktionalität zeigte sich in den Wechselbeziehungen relativ starr begrenzter Möglich­kei­ten, z.B. darin, Menschen durch Dosie­rung von Konsumgütern zu versorgen oder auch den Ver­such, die eigene Propaganda umzu­setzen durch die Monopolisierung der Information. Anderer­­seits zeigte sie sich in den prinzi­piellen oder an partiellen Zielen orien­tierten Gegen­be­we­gun­gen, an der Basis wie in den verschie­denen Ebenen des Staatsappara­tes. Diese fanden z.B. ihren Ausdruck in der nichtbewußten bzw. begrenzten Wahrnehmung von Propaganda, die latent vor­handen und gegenwärtig war.

Die Intellektuellen erhielten zur Kompensation ihrer eingschränkten Frei­zügig­keit Bil­dungs­privi­le­gien, die sich z.B. in relativ großzügigen Studien­bedingungen äußerten. Die Angehö­rigen der alten Bildungs- und Funktions­­eliten bevorzugten z.B. in den sechzige und siebziger Jahren für ihre Kinder eine Hochschul­aus­bildung, so daß - bei etwa gleichen oder gar niedrigeren Ein­kom­men - durch das Ausbildungssystem eine gewisse soziale Differen­zierung erfolgte.131

Für die Intellektuellen galt als Paradigma das historisch abgeleitete und moralisch defi­nierte Wider­stands­recht. Es waren nur Chancen auf eine partielle Umsetzung vorhanden, da der Staatsaparat zu mächtig war und die Rah­menbedingungen, die existierendenden Mächte [UdSSR, WPO, DDR] gegenwärtig waren. Man hatte gelernt, in einer Doppel­ge­sell­schaft zu le­ben und entsprechende Über­lebens­strategien zu entwickeln. Dazu gehörte eine spezifi­sche ›Lang­­zeitgewißheit‹, also die Erfahrungen aus dem histo­rischen Unter­grund­kampf und die Aus­prä­gung des polnischen Katholi­zismus, die Tradi­tion der polnischen katholischen Kirche.

Es kann folgende These formuliert werden: Je mehr die Macht des Staates abnahm, um so mehr kamen die tradierten Mecha­nis­men zum Tragen und desto offenere Widerstands­formen ent­wic­kel­ten sich 1980/81. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Begriff ›Widerstand‹ eine positiv wer­tende Sprachregelung einer unter­legenen oder schwächeren Figuration darstellt. Mehr noch gilt für die Reklamierung des Begrif­fes bezüglich des ihr zugrunde liegenden Sachverhalts durch den heroischen Begriff ›Aufstand‹. Der Wider­stands­begriff impliziert also keineswegs eine historische Distanz.

Charakteristisch war, daß gerade im Bildungssystem die 'National­utopien' bzw. der 'Nations­glau­be' die Glori­fizierung der Mechanismen, durch den Staatsapparat zur ei­gen­­en Legiti­ma­tion benutzt wurde. Andererseits reklamierten die oppo­si­tio­nellen Intel­lektuellen diese ebenfalls für sich. Außerdem wurden sie vom polnischen Katho­lizismus instrumentali­siert. Das, was zur staat­­lichen kommun­istischen Pro­pa­­ganda funktionalisiert werden sollte, kehrte sich gegen die neue Macht­gruppe.

Kennzeichnend für die oppositionellen Gruppen ist: Es wurden keine langfristigen Strategien entwickelt, keine Pläne für 'die Zeit danach'. Auf Fragen westlicher Gesprächs­partner wurde in der Regel von den Befragten ausgewichen und oft eine ambivalente Aus­kunft gegeben. Auf die Frage, ob und inwieweit die Solidarnosc Pläne hatte, erfolgte in der Regel ein dem 'Jein' bzw. 'Sowohl-als-auch' entsprechende Antwort. Man bejahte verbal in z.T. affektiv besetzten Äußerun­gen, wich dann aber zumeist aus. Aus den Antworten konnte der Beobachter schlie­ßen, daß es es sich nicht darum handelte, Pläne zu verschleiern wollen - es gab sie nicht konkret. Eine Kon­sens­findung war unter den Bedingungen des gesell­schafts­politischen Kampfes nicht möglich gewesen. Die Staatsmacht nahm die Soli­darnosc als Macht­faktor aber ernst und bekämpfte sie. Dieses wiederum stabilisierte sie.

Die Reformvorstellungen der Solidarnosc wurden sofort nach Aus­rufung des Kriegs­zu­standes über­nommen und als ›Reformen des Generals Jaruzelski132 deklariert. Im gegeben­en Zusam­men­hang kann nicht vertiefend auf die Problematik der Defi­nier­barkeit von Re­formen bzw. die stand­ort­spezifische Wert­set­zung eingegangen werden. Es wurde 1980 dar­unter zunächst nur ein prin­zi­pieller in kleinen Schüben ablaufender Veränderungs­prozeß verstanden. Zugleich defi­nier­ten die Machtinnehabenden dieses als die Beibehaltung des Prin­zips des Sozialismus und instru­men­talisierten den Sachverhalt dadurch zur Stabi­li­sie­rung ihrer Macht.

Der Begriff muß von dem der Träger abgegrenzt werden, da die Gruppe der Träger breiter ange­legt ist. Sie stellt die Basis der Gruppe, d.h. auch an­derer Machtpartizipienten, in Verwal­tung, Polizei und Armee. Auch Mitglieder des Sejm und des ZK gehörten dazu. Die Gruppe der Macht­inne­­habenden beschränkt sich auf den Kern­bereich und ist etwa im Politbüro anzu­sie­deln. Sie ist mit ihm aber nicht deckungs­gleich. Die Gegner verbanden damit die Macht­ab­gabe der bisherigen Inhaber und die Übernahme durch sie selbst - zumin­dest die Macht­partizipation - sowie die Ver­änderung des ökonomischen Systems, nicht aber der Prinzipien des Sozial­staates.

Dem Reformflügel der Partei (z.B. Rakowski als Vertreter der Funktionseliten, der aber ursprüng­lich als dezidierter Vertreter der Intellektuellen Chef­redak­teur der Wochenzeitung POLITYKA war und Adamski als Vertreter von in die Partei involvierten Intellektuellen) können quali­tative Reform­ansätze im Sinne einer langfristig angelegten Entwicklung der Wirt­schaft in Richtung auf eine soziale Marktwirtschaft und parla­men­tarische Demokratie zu­er­kannt werden. Wladyslaw Markie­wicz forderte schon in den siebziger Jahren in der Partei die Abhaltung freier Wahlen.133 In einem Inter­view am 3.9.80 be­kräftigte er seine Forderung nach qualitativen Verän­derungen.134 Er wurde vor allem deshalb aus dem engen Zirkel der außen- und gesell­schafts­­­politischen Bera­ter ausge­grenzt. Adamski135 versuchte im Auftrage des ZK der PVAP mit einer Experten­gruppe einen pragmatischen Weg zu Refor­men herbeizuführen.136

Der Prozeß der Umwandlung wurde durch den Kriegszustand eingeleitet - ein schein­bares Para­doxon. Dadurch besteht keine prinzipielle Diskrepanz in den achtziger Jah­ren, wohl aber bezüg­lich der Richtung im Sinne der Einführung marktwirtschaftlicher Elemente. Es handelte sich um einen Kampf der Eliten - überwiegend der Intelligenz - auf taktisch-strategischer Ebene um die Macht. Die Intellektuellen konn­ten zumeist unbe­helligt arbeiten, allerdings um den Preis tempo­rärer pragmatischer Anpas­sung. Kuron, Michnik und Modze­lewski stellen eher Ausnahmen dar. Sie standen dem ›zweckrationalen Denken‹ fern, ten­dierten zu dem, von seiten derer, die sich selbst als Rationalisten begreifen, als ›Irra­tio­nalis­mus‹ bezeichnen. Sie handelten in der Regel höchst unpragmatisch. Sie nahmen langjährige Haft­strafen in Kauf. Jacek Kuron beschreibt dies in seinem autobiographisch angelegten Buch.137

Die wesentlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme sind nach wie vor nicht gelöst, z.B. die Auflö­sung der großen Kombinate. Das Bildungs- und Gesund­heits­system zerbricht seit 1990, die Umorgani­sa­­tion ist nicht abgeschlossen. Eine Stabilisierung der Versorgung der Gesamt­bevölkerung ist noch nicht erfolgt.

Die Frage der Reform bzw. der Reformierbarkeit ist der Wechselbeziehung unterge­ordnet zwi­schen ›Staats­räson‹, der Grenz­garantie bzw. der nationalen und staatlichen Un­abhängigkeit, und der ›Staats­doktrin‹, der politische Glaubensdoktrin der herrschenden Gruppe. Die Proble­matik kann im gegebenen Zusammenhang nur skizziert werden.

1.3. Spannungsfiguration und Spannungskonstellation

Es kann von folgender These ausgegangen werden: Der Staatenbildungsprozeß in Polen hat eine paradigmatische Funktion für gesellschaftliches Verhalten.138

Ein Kernproblem ist die Rolle und Richtung von Fremdzwängen, die in Polen in spezifi­scher Weise dem staat­­lichen Monopol physischer Gewalt entsprach. Dieses staatliche Mo­nopol unter­liegt in horizontaler wie verti­kaler Weise der Zuordnung zu zwei Ebenen: Hori­zontal auf einer Ebene durch die Teilung der Gesamt­region der früheren Rzeczpospolita in den neuen Macht­zen­tren zugeordnete Teilregionen (1793 - 1919). Inner­halb eines Teilgebie­tes bedeutete dieses ein durch die Teilermächte ange­strebte aber nicht vollständig durch­­setzbare Machtmonopole. Die Umset­­zung neuer Fremd­­zwänge durch Fremde gegen­über der Nation erfolgt in spezifischen Selbst­­zwängen. Die begrenzte Durchsetzbarkeit einer Machtmonopolisierung, die zugleich eine soziale Gegen­kraft induziert, entstand sozusagen durch einen dem ursprünglichen Fremd­zwang ent­ge­gen­­gerich­teten Zwang. Dieser verhin­derte die monopole Macht­bildung. Er bewirkte einen zuneh­­men­den Versuch desselben durch Repressions­ausübung (der Teiler­mächte) und in Wech­sel­wirkung damit eine Gegen­­machtbildung in der Gesellschaft.

Der Selbstzwang der Nation äußert sich in der Abwehr des durch Nations­fremde her­vor­ge­ru­fenen Fremd­zwanges. Dieser Abwehrmechanismus bildet sich auf der darunter lie­gen­den Ebene, also vertikal dazu aus. Der Selbstzwang bezieht sich auf die eigene Gruppe: Die Rich­tung ist vorge­geben und wird in der Gesell­schaft perpetuiert. Dadurch werden möglicherweise andere Rich­tun­gen z.B. im Vergleich zu west­euro­pä­ischen Habitusformen zur Ausbildung des Selbstzwanges in der eigenen Gesellschaft weniger ausgeprägt.

In dieser Spannungskonstellation bildet sich somit neben dem abgelehnten und be­kämpften Fremd­zwang der akzeptierte innergesellschaftliche Zwang heraus. Er wird ausge­übt im Kontext mit Insti­tutionen und Trägern des polnischen Katho­li­zismus und ist vertikal zur Staats­macht gerichtet. In der sub­jek­tiven Bewußtseinsebene ist er aber horizon­tal aus­gerichtet. Insgesamt stellt er ein latentes Macht­­po­tential als Selbstzwang dar. Als Ersatz für die nicht legalisierbare Macht­repräsentation entsteht die in der Nation mora­lisch legitimierte Macht­reprä­sen­tation. Die An­er­­kennung der Mit­glie­der der Gesamt­figuration Kirche, ihrer Akzeptanz der Kir­chen­hierarchie ent­spricht dem­zu­folge nicht einer 'Volksfrömmigkeit' der Pol­nisch­en Nation per se oder einem Volks­­kirchencharakter sondern ist primär zu sehen im Zusammenhang mit dem gegen die Nation gerichteten Fremdzwang. Der Akzep­tanz der nationseigenen Machtrepräsentanz entspricht ein nations­­eigener Selbst­zwang.

Die Gesamtheit der Problematik stellt eine Spannungs­konstellation auf mehreren Ebe­nen dar. Dies gilt bis Anfang 1919. Der Versuch, den nunmehr ent­stan­denen polnischen Staat - die Zweite Republik - als neuen nations­­spezi­fischen und damit in der Gesellschaft akzeptierten Zwang zu verin­nerlichen und in einen Selbst­zwang umzusetzen gelingt nicht aufgrund des dafür erfor­der­­lichen langfristigen Prozesses.

Der Staat wird zunächst von der Gesellschaft als notwendiges Ziel akzeptiert, weil er Ausdruck der Unab­hän­gigkeit der Nation ist. Dies gilt aber nicht für die gesamte Gesell­schaft, da der Prozeß der Heraus­bildung einer Staats­gesell­schaft langfristig fortdauert. Letzteres stellt einen Schein­wider­spruch dar, der in der Wechsel­beziehung zwischen Nation und Gesellschaft begründet liegt. Die Gleichzeitigkeit von nationaler Notwendig­keit der Existenz des Staates und seiner gesell­schaft­lichen Ablehnung - zumindest hoher Distanz - stellt eine Paradoxie dar, die kennzeichnend ist für die ›Doppelgesellschaft‹ Polens.

Polnische Autoren betonen den Integrationsprozeß der polnischen Nation; dieses zu­meist in ihrer kollektiv nach außen gerichteten zentrifugalen Abwehrkraft. Die im Binnen­system vorhandenen gegen­einander gerichteten Kräfte, die innergesellchaftliche Differenzie­rung - dessen Span­nungs­niveau insbesondere seit 1989 ansteigt - wird vernachlässigt. Zna­niecki (1952) schreibt in seiner Ein­führung zu ›Modern Nationalities‹:

»The history of the Poles from the Partition of Poland in 1795 up to 1919 not only seemed to disprove the doctrine, that a common state is indispensable for social unity, but also suggested that the idea advanced by those social philosophers who considered a com­mon national cul­ture to be a more lasting and influential bond of social solidarity than com­mon governement, might prove to be scientifically valid theory. As a matter of fact many polish historians and socio­logists accepted it. They used the term ›narod‹ to denote a socially solidarity [sic] collec­tivity united by a common national culture. The term has no equivalent in English, although the word nationallity approximates ist meaning.«139

Es kann als These formuliert werden, daß die Erhöhung dieses Spannungsniveaus letzt­lich die Ursache für das Aufbrechen der gesellschaftlichen Strukturen, die begonnene Ver­änderung ihrer Mechanismen seit 1980 darstellt. Das Potential dieser Spannung hat sich zweifellos seit 1989 qualitativ verändert, nicht aber reduziert, sondern verlagert. Der indivi­duelle wie kollektive affek­ti­ve Akzeptanz­prozeß - die Umsetzung in einen Selbstzwang - dauert weiterhin an. Er stellt die reali­sierte Vision der Nationalutopie dar und ist damit mental akzep­tiert. Er bedeutet zugleich eine neue reale Spannungskonfiguration, die eine langfristige Adaption bzw. einen lange andau­ern­den Prozeß der Verinnerlichung darstellt.

Man könnte unter Vorbehalt eine lange Phasenverschiebung gegenüber Westeuropa konsta­tie­ren, die etwa der Zeit der Fremdherschaft entspricht, und damit mehrere Genera­tionen umfaßt. In der künftigen prozessua­len Entwicklung stellt sich zweifellos angesichts der für den europäischen Inte­grationsprozeß erforderlichen Modernisierungansätze das Problem der gegen diesen gerich­teten, in der Phase der Fremdmacht mental heraus­gebildete Antistaat­lich­keit wenn nicht zur Übereinstimmung, so doch zu einer gewissen Anpassung zu bringen.

Die Habitusformen der polnischen Gesellschaft haben im ausgehenden zwanzigsten Jahr­­hun­dert eine kontra­produktive Wirkung und sind gegenüber den erforder­lichen Moder­ni­sierungs­schüben im Zusam­menhang mit der Zuwendung gegenüber der EG/EU dys­funk­tio­nal. In diesem Zusam­men­­hang: Tschechien und Ungarn waren seit ›Königgrätz‹ 1866, also im letzten Drittel des 19. Jahr­hunderts in den Habs­burger Staat ökonomisch integriert und trugen den Gesamtstaat mit. Die Eliten in Galizien hatte sich mit Wien relativ gut ar­rangiert. Partiell wurde dieses Arrangement in der polnischen Nation als gegenüber der Na­tional­utopie und dem Unabhängig­keits­ziel konträr angesehen.

Es mag ein typisches Problem darstellen: Die Zivilisierung der Monopolisten der physi­schen Ge­walt140 stellt für Polen ein charakteristisches Problem dar. Polizei und Verwaltung als die Staats­­­macht verkörpernde Institutionen bzw. die Poli­zei- und Verwaltungs­beamten sind in der Gesell­schaft höchst suspekt und wer­den mit großen Vorbehalten ob ihrer Härte im Vorgehen betrach­tet. Im polnischen Sprachgebrauch verwendet man für beide Gruppen - also auch den Mitarbeiter im Ordnungsamt - den Begriff ›Polizist‹. Man gab seinen Paß nach Rückkehr von ei­ner Reise bei der ›Polizei‹ ab. Es hing oft vom Gutdünken des Poli­zisten ab, ob man den benö­ti­gten Paß recht­zeitig erhielt, manchmal nutzte auch ein dem Antrags­formular beigefügter Geld­schein. Es mag damit zusammenhängen, daß diese Hoheits­aufgaben tradi­tio­nell ver­zahnt waren und von Uniformträ­gern staatlicher Macht, versehen mit den ver­haß­ten kommunistischen Symbo­len der Fremd­herr­schaft, in der Wahr­nehmungsebene als identisch angesehen wurden. Zugleich stell­ten aber Poli­zei- und Verwal­tungsbeamte als den Innen- bzw. Sicher­heits­be­hörden unter­stellte Symbolträger staatlicher Macht die Repräsen­tanten des 'unge­liebten' und innerlich und sozial abge­lehnten, kommu­nist­isch beherrschten und damit wieder fremd­bestimmten Staates dar.

Diese Problemlage befindet sich auf einer Affektebene, der Wahrnehmung staat­licher Macht­aus­übung einschließlich seiner als Schikanen empfundenen Akte staatlicher Macht­ausübung - auch wenn diese durch Subalterne ausgeübt wurden und individuell zu verant­worten waren. Diese Mecha­nismen unter­schieden sich damit nicht prin­zi­piell, sondern gra­duell von denen der früheren Fremdmächte. Eine prinzi­piell not­wendig diffe­renzierende und durch Gradu­ierungen zu definie­rende Betrach­tung war aber durch die diese mental über­lagernde Kampf­vor­stellung verdrängt worden. Das Gegen­satz­denken hatte eine Schwarz/Weiß-Menta­li­tät bzw. Entweder-oder-Denken her­vor­gerufen und beeinflußte da­durch permanent die Wahr­neh­mungs- und Empfin­dungs­ebe­nen.

Die Wahrnehmung der Fremdmacht erfolgte u.a. durch die von der UdSSR über­nom­menen Symbole (z.B. der Dienstmütze der polnischen Soldaten sowie einiger Begriffe, z.B. dem der ›Miliz‹ (pln. Milicja). Der Bürger wurde zur Miliz bestellt.141 Er lehnte deren Trä­ger, die Polizisten, zwar nicht als Ver­treter der fremden Macht ab, aber als mit dieser ver­bunden. Ausdruck dessen waren z.B. die übernommenen Begriffe dieser Institution des Staates. Der Name wur­de von der Solidarnosc-Regierung sehr schnell in ›Policja‹ (Polizei) geän­dert. Aus organisatorischen bzw. aus Kosten­gründen verbleiben aber bis auf weiteres die Kfz-Kenn­zeichen der Dienst­fahrzeuge: MO. Entsprechendes gilt für die Geld­schei­ne. Der 100-Zloty-Schein enthält (bis zum 31.12.1994) die Abbildung der von Ludwik Warynski, dem Gründer und Vorsitzenden der ersten (kommu­­nistischen) Arbeiterpartei Polens (Sozialrevolutionäre), 1883 herausgegebenen Zeitung PROLE­TA­RYAT mit der Parole ›Prole­tarier aller Länder, vereinigt Euch‹. Man hat seit lan­ger Zeit Verdrän­gungs­mechanismen entwickelt, so daß diese Symbole nicht mehr als Bedrohung emp­funden wer­den. Auf den größeren Geld­scheinen sind historische, nationale Identität stiftende Per­so­nen abge­bildet.

Ein anderes Beispiel: Die tradierten Aufgaben der Polizei waren in der innergesell­schaftlichen Wahr­neh­mung nachrangig. Beim Papst­besuch 1979 war es gerade Ausdruck der Kollek­tiv­er­fah­rung in der gesamten Bevölkerung, daß 'man' ohne die Polizei auskam. Die ei­genen Ordner (z.B. Gemeinde­mit­glieder) hatte alle Ordnungsaufgaben einschließlich der Verkehrs­­­regelung im Be­reich der Kundgebungen übernommen, was als entschei­dender Faktor zur gemein­samen Empfin­dung und psychischen Stärke beitrug.

Die Symbole der Miliz und der Verwaltung wurden als gesellschaftliche Macht­symbole abgelehnt. Die Armee dagegen befand sich dagegen in ihrer Rolle im Kontext mit den Nationalutopien der erstrebten staat­lichen Restitution. Sie war symbolischer Trä­ger dieses Zieles. Charakteristisch war deshalb die prinzipielle Akzep­­tanz der Armee in der Bevöl­ke­rung. Die Armee hatte eine nations­spezifische bewußt­seins­stif­ten­de Wir­kung und stellte eine über­reale nationale Klammer dar. Die Men­schen in Polen akzeptierten als Nation die Ar­mee. Als Glieder der Gesellschaft ak­zep­tierten die Menschen die Polizei nicht.

Insgesamt stellt dies eine Spannungskonstellation im doppelten Sinne dar, die sich über Verdrän­gungs- und Abwehr­mechanismen erklären läßt. Die Tötungs­vor­gänge bei den Ar­beiteraktionen in Posen (1956), in Danzig/Gdingen (1970), der Grube Wujek/Kattowitz (1980) werden der Polizei ange­lastet bzw. den Sonder­ein­heiten des Innen­ministeriums. Darü­ber hinaus ent­standen Legen­den, es habe sich um sowje­tische Soldaten in pol­nisch­en Uniformen gehandelt, die mit ihren Pan­zern die Werkstore aufgebrochen haben. Die Polni­sche Armee blieb im Bewußtsein der Bevöl­kerung weitgehend 'moralisch sauber.' Es war also uner­heb­lich, daß die Waffen der Uni­form­träger und Ihre Kampf­uniformen, die das Symbol des polnischen Adlers trugen, identisch waren. In diesem Zusammenhang ist es am Rande von mentaler Bedeutung, daß die Armee ein wesent­liches Symbol, die Konfederatka, wieder ein­führ­te, nachdem die von der SU erzwungene Ein­füh­rung der russischen 'Teller­mütze' als Kopfbedeckung für polnische Soldaten abgelehnt worden war.

Es kann die These formuliert werden, daß die VR Polen bezüglich ihrer inner­gesell­schaftlichen Inter­depen­­den­zen keinen pazifizierten Staat darstellte. Dazu Elias:

»Die Zivilisierung dieser Monopolisten der physischen Gewalt innerhalb eines Staates ist ein ungelöstes Problem. Gleichwohl hat die Existenz eines solchen insti­tutionalisierten Monopols selbst auf der gegen­wär­tigen Stufe weit­reichende Fol­gen für die gesamte Gestaltung mensch­licher Beziehungen innerhalb eines Staates. Zum Beispiel: Die Produktion und Distribution von Gütern und Dienst­leistungen, ... nimmt nur dort den Charakter ökonomischer Beziehungen an, wo Staats­­organisationen mit einem einiger­ma­ßen wirksamen Gewalt­monopol existieren, wo also, ... die Pazifizierung im Inneren einigermaßen weit fort­­geschritten ist. Ohne ein solches Monopol läßt sich die Einhaltung von Verträgen nicht erzwingen; der Erwerb von Gütern durch Gewaltmittel, wie immer sie heißen mögen, ob Krieg, Plün­derung, Piraterie oder Raub, wird ein recht normales Ereignis sein. In der Tat, die spezifischen Regelmäßigkeiten, ökono­mischer Transaktionen, die den Gegenstand und die ›raison d'être‹ einer Wissenschaft der Ökonomie bil­den, entstehen erst im Zusammen­hang mit der Bildung intern pazifizierter Staaten, d.h. mit der Eta­blie­rung von einiger­maßen wirk­samen Gewaltmonopolen, die ein gewisses Maß an physi­scher Sicher­heit in wirt­schaftlichen Tausch­beziehungen - auch zwischen Staaten - garantieren. Die Entstehung von Staats­­­mono­polen phy­sischer Gewalt ist ihrerseits funktional interdependent mit ökonomischen Ent­wick­lungen wie der gesellschaftlichen Kapitalbildung und der wachsen­den Arbeits­teilung. Staaten­­bil­dungs­pro­zes­se und wirtschaftliche Prozesse ..., Prozesse der so­zialen Integration und der sozialen Differen­zie­rung sind funktional inter­depen­dent, aber die ei­nen sind nicht auf die anderen reduzierbar.«142

Die loyale Mitarbeit im Staat entsprach einer tradierten, pragmatischen Hand­lungs­weise. Das Herr­schafts­system wird (zumindest) von dem Betroffenen und durch ihn selbst als ge­ge­ben und nicht verän­der­bar angesehen. Die stereotype Entgeg­nung gegen Vor­würfe der Unterstützung des unge­liebten bzw. verhaß­ten Systems oder gar der Kollabora­tion war denn auch: ›Man wollte Schlimmeres verhindern‹; ›man hatte keine andere Wahl‹, ‹man hat seine Pflicht getan‹. Stabi­li­sieren war dabei die Wechsel­wirkung zur Kirche. Es ist ein Dop­pelverhalten konstatierbar.

Die wesentliche Rolle des Staates in modernen Industrie­gesellschaften konnte vom polnischen Staat der Nachkriegszeit nur begrenzt übernommen und eingehalten werden. Ihre Durchsetzung in der großen Spannungsfiguration der polnischen Gesellschaft war nicht möglich. Jegliche staat­liche Maßnahme wurde nur temporär aufgrund vorhandenen und vergegenwärtigten Zwanges akzep­­tiert. Die subjektive Fähigkeit, den Grad der Spannung zu verdrängen, herabzusetzen, zu konterkarieren, die Situation insge­samt aber zu ertragen, ist davon unabhängig. Der Grad der Span­­nung vergrößerte sich zuneh­mend. Eine teilweise Entlastung erfolgte in wenigen Beispielen. Insge­samt erhöhte sich die Spannung. Eine Re­duktion durch Kompen­sationen war faktisch nicht möglich.

Die permanent steigende Spannung in der gesamten Gesellschaft und die Nicht­über­windung des Machtpotentials der Gegenmacht führte zu gesellschaftlicher Agonie143 und dadurch zur Hem­mung, oder gar Paralysierung moderner gesell­schaft­lich not­wendiger Pro­zesse. Für die Men­schen in Polen bildeten sich die unreflektiert und verklärt wahr­genomme­nen Vor­bil­der Amerika und die Bundsrepublik heraus.

Die Kommunisten waren sich offensichtlich der Problematik bewußt. Sie ver­suchten, den Nations­be­griff zu okkupieren, zu adaptieren und für ihren Gesell­schafts- und Volksbe­griff zu instru­men­ta­li­sieren (umzu­funktio­nali­sieren). Als wesentliches Symbol wurde 1990 der kommu­nistische Begriff Volks­­republik wieder durch Republik ersetzt.

1.4. Nation und Staatsbildungsprozeß

1.4.1. Die Teilungszeit

Für Polen bedeutete die Verfassung des 3. Mai 1791 einen entscheidenden Schritt in Rich­tung auf die moderne Staatsbildung. Dies geschah in der Endphase eines spezi­fischen Demo­kra­ti­sie­rungs­­­prozesses in der Szlachta. Liberum Veto und Konfö­dera­tions­recht bedeu­teten einen Schub in Richtung Dezentrali­sie­rung. Zugleich beinhaltete dies eine gesell­schaftliche Pazifizierung, aber auch eine Loyali­täts­problematik. Es handelte sich um Kon­kurrenz­loyalitäten zwischen verschie­de­nen Personen oder Figurationen und die minimale Loyalität gegenüber dem (gewählten) König. Eine Zentralmacht war faktisch seit dem Ende des 16. Jahrhunderts nicht vorhanden. Die Verwal­tung erfolgte dezentral auf der Ebene der Woiwodschaften.144 Ein wesentliches Merkmal war ei­ner­seits die moralische Nicht­­diskredi­tierung des Kampfes gegeneinander. Andererseits bedeu­te­te es zugleich die Verringerung von Kämpfen auf­grund gegenseitiger Austarierung der Macht­balan­cen.145

Die Herausbildung eines Staates, der über das Steuerer­hebungs­monopol sowie das in­nere und äußere Gewalt­monopol verfügte, war in der Rzeczpospolita, die als Staat eine Großfiguration der Szlachta auf höhrer Ebene darstellte, nicht erreicht worden. Über die Verfassung des 3. Mai 1791 sollte ein wesentlicher Schritt in Richtung auf einen modernen Staat erreicht werden.

Das Selbstverständnis der Rzeczpospolita bis zur Verfassung des 3. Mai 1791 kann als Para­dig­ma des Staats­bildungspozesses gelten. Die als Aufstand, Guerilla- oder Untergrund­kampf (ab 1793) zu kenn­zeich­nende Gegenbewegung, die Mittel des physischen Kampfes anwendete, hat­te die Funktion eines Nationser­haltungs­- sowie zugleich eines Nations­­bil­dungs­prozesses. Darin ein­ge­schlossen war der Staats­bildungs­prozeß im Untergrund - in dieser Ausprägung ein euro­pä­isches Spezifikum. Voraussetzung war dabei: Die alten Machtträger war­en in relativ hohem Maße entmach­tet. Das Funktions­prinzip der Rzeczpos­polita war durch die Teilung, d.h. die Oktroyierung der Fremd­herrschaft und deren absolu­tist­isches bzw. autoritäres System aufge­hoben.

Die Phase der staatlichen Nichtexistenz Polens stellt eine permanente Über­lagerung ei­nes Staats ­ und Nations­bil­­dungsprozeß dar. Letzteres deshalb, weil er auf der Basis einer als abge­schlossen definierten Nation beruht und jetzt eine Neuentwicklung in der Großfigura­tion der pol­nischen Gesellschaft abläuft unter Einschluß der Bauern, des städtischen Bürger­tums und der jüdischen Bevölkerung.

In dieser Schwächephase der alten Macht- und Funktionseliten hatten polnische Ratio­nalisten146, also auch die für die russische Teilermacht tätigen Funk­tions­träger, eine Chance, innerhalb der Verwal­tung dieses Teilungsgebietes bis zur Napoleonischen Herrschaft Re­formen z.B. im Bil­dungs­­bereich durch­zu­setzen. Dies galt auch für die Zeit des auf dem Wiener Kongreß gebildeten Königreiches Polen. Es ist dabei die besondere Rolle der alten Macht­eliten her­vor­zu­heben. Diese wurde von Napoleon in sei­nen Kampf gegen die anderen europäischen Mächte einbezogen. Sie kämpften für das Ziel der Restitution der Rzeczpos­polita Polska. Dieses stellte zugleich ideolo­gisch als Vision einen Kampf für die Nation dar.

Das bedeutet z.B., daß der Kampf Jozef Poniatowskis147 und seiner Soldaten definiert werden konnte im Sinne der Nationsdoktrin. Diese ideolo­gische Vorgabe im Sinne der Na­tionalutopie wird in Polen nicht als solche eingeschätzt. Letztlich kämpfte er für die Resti­tu­tion der Adels­republik in ihrer feudalen Struktur. Formuliert wurde es als Kampf für die Nation. Damit war das eigentliche - konkrete Ziel des Adels - nicht definitionsbedürftig, zumindest nicht zum damaligen Zeitpunkt. Das visio­näre Ziel, der Kampf für die Unabhän­gigkeit bzw. den Erhalt Nation, war übergeordnet.

Breton und Kwaszniewicz weisen auf die Bedeutung von Symbolen, insbesondere von Träger­symbolen für die Helden, d.h. die Opfer der Aufstände im 19. Jahrhundert und ihre Folgewirkung im Zusammenhang mit der Integration in die kanadische Gesellschaft.148

In diesem Zusammenhang könnte auch die Einbeziehung bisher nicht anerkannter Figu­ra­tio­nen,149 wie z.B. der Bauern, des städtischen Bürgertums, der kleinen Handwerker oder der Juden erfolgen. Ihre Einbe­zie­hung erfolgte pragmatisch angesichts der Schwäche der alten Machtelite, im Sinne der Opti­mie­rung des Machtpotentials im Kampfe. Als Beispiele gelten der Kosciusz­ko-Aufstand zwischen der Zweiten und Dritten Teilung, die Teilnahme in der napoleonischen Legion und die Aufstände des 19. Jahrhunderts. Eine Abstim­mung oder Konkretisierung des Zieles durch die Aufständischen erfolgte vorher generell nicht.

Der gebildete Staat der Aufständischen erforderte aus Gründen der Machtausübung wäh­rend der aktiven Kämpfe die Benennung eines Diktators.150 Seine primäre Auf­gabe war die Verantwortung für die Logistik in der Kampfführung. Es gab auch eindeutig An­sätze zur Neuorganisation der Ver­­wal­tung. Andererseits ist die 'innere Frage' in einer solchen Phase der Gewaltausübung nach­rangig.

Schriftsteller wie z.B. Zeromski oder Kruczkowski151 stellen auch die Frage nach dem danach. Sie deuten aber auch die Tragik an, daß gerade die Gesell­schaftsreform, bzw. die Neuregulierung der Machtverteilung bewußt ausgeklammert und dem primären Kampfziel untergeordnet wird.

1.4.2 Die Zwischenkriegszeit

Die polnische Nation stellt gegenüber der deutschen eine relativ 'alte' Nation152 dar. Sie ist aber nicht zu vergleichen mit der Nation, wie sie sich begreift in ihrem Ende des 19. Jahr­hunderts bzw. mit dem Ersten Welt­krieg zwar nicht abge­schlos­sen­en aber ver­dichteten Nationsbildungsprozeß. Die polnische Nation bleibt bis 1919 eine Zielvorstellung. Es han­delte sich um die Vision von ei­ner polnischen Nationsbildung, die nicht unter den Bedin­­gungen ethnischer und staatlicher Ein­heit stattfinden könnte. Der Nations­begriff befindet sich dadurch über der gesellschaftlichen Realität. Die pol­nische Gesellschaft der Zwischen­kriegs­zeit kann ebenfalls bei weitem nicht den Anspruch auf Zusammenwachsen einer Na­tion erfüllen.

Die staatliche Einheit war nach dem Frieden von Riga 1921 und der Grenz­fest­le­gung in Schle­sien und Masuren (Ostpreußen) zwar gege­ben, die Gesellschaft dieser Repu­blik Polen war aber multi­kulturell, multi­ethnisch, multireligiös und mehr­sprachlich. Andererseits wurde der Versuch unternommen, über nationale Symbole Ansätze einer Nationalstaatsbildung in einer relativ kurzen Zeitspanne zu voll­ziehen. Dieser Versuch einer beschleunigten Zivilisie­rung wurde unter erheb­lichen Schwierigkeiten begonnen.

Gekennzeichnet war der Prozeß durch die Vereinheitlichung der Sprache153 und der Schaffung national­polnisch dominierter und kontrollierter Machtorgane. Die Polnische Na­tion entwickelte sich von einer hyper­realen Vision zum in sich hoch differenzierten Staats­volk, das gegenüber der ethnisch-sprachlichen Minder­heit von ca: einem Drittel (Deutsche,154 Juden, Ukrainer und kleinere Grup­pen) eine zunehmend dominie­rende Rolle einnahm. Die Kommunisten knüpften nach 1944 an diese diffizile Problemlage an. Nach dem macht­­spezi­fischen Para­dig­men­wechsel konnten sie in dem bis­herigen Figu­ra­tions­geflecht mehrerer Ebenen Neu­defi­nitionen vornehmen.

1.4.3 Die Volksrepublik Polen

Die Kommunisten verstanden sich als Sach­walter der Nation und definierten aufgrund ihres Macht­ver­mögens den neue Staat. Sie übernahmen die wesentlichen Symbole der Vor­kriegs­republik Polen als historische nationale Symbole der Rzeczpospolita. Die Farben Weiß-Rot, der weiße Adler155 wie auch die Nationalhymne ›Noch ist Polen nicht verloren‹156 standen nie mehr zur Disposition.

In der Volksrepublik Polen dominierten der Volksbegriff ›lud‹ und der Staaats­begriff (als Staats­name PRL) über dem Nationsbegriff ›narod‹. Diesen benutzte man zumeist ad­jektivisch, z.B. ›Bank Narodowy‹. Letzteres ist aber ein historischer Begriff aus der Vor­kriegszeit gewesen. Vor allem ist der Bedeutungs­wandel des Begriffes ›narod‹ in Richtung auf Volk zu beachten. Der visio­näre ursprünglich auf die Szlachta be­zo­gene Begriff der Nation ent­wick­elte sich zu einem von den Kommunisten gewollten Volksbegriff. Dieser Bedeu­­tungs- und Funktions­wandel, der von zuneh­mendem innergesellschaftlichen Wider­stand begleitet wurde, erfolgte u.a. auf der Propa­ganda­ebene. Man knüpfte alte Symbole als Mittel neuer sozialer Differen­zie­rung an.

Diese Legitimation des von den Kommunisten gestellten Anspruches über den von ih­nen domi­nierten Staat bzw. den Staatsapparat für das Volk zu sprechen, es zu beherrschen, wurde zuneh­mend in Frage gestellt. Dieser Prozeß verlief zeitlich konform mit der Erosion der Macht sowie der Erschwerung der Macht­ausübung. Eine bedeutende Phase stellte das Jahr 1980 dar. Die Zeit ab der Ausrufung des Kriegs­zustandes am 13.12.1981 war nur der bittere Abklang, die endgültige Phase des Erosionsprozesses kommu­nist­­ischer Machtaus­übung über die Machtzirkel der PVAP.

Staat und Gesellschaft blieben mit ihren Problemen. Die Rollen der Macht­inne­ha­ben­den werden verdeckt, eine Phase langer Machtkämpfe begann. Der Zivili­sations­pro­zeß begann nunmehr un­ter demokra­tischer Legitimation. Die Entwicklung zur Rechts­staat­lichkeit wurde mit der Entstali­ni­sierung der Verfassung in den achtziger Jahren begonnen. Eine neue Para­dig­mensetzung wird mit der endgültigen Verfassungs­reform erfolgen. Bisher gibt es nur die ›kleine‹ Verfassung.

These: Der Staat wird in Polen generell als etwas Fremdes und zugleich Nations­feindliches empfunden.

1.5. Die postkommunistische Ära

Die Frage nach der Nation stellt sich in den 90er Jahren ganz neu. Ihre Symbole werden nach wie vor in hohem Maße benutzt. Die entscheidende Veränderungen, z.T. auch nur Variationen, erfolgten in der Verlage­rung zu polnisch-katholischen Symbolen. Es handelt sich vermutlich nur um eine geringfügig veränderte Akzent­­setzung und keinen Paradig­men­wechsel. Der Wandel hat, z.B. betreffend des Anbringens von Kreuzen in den Schulen lange vorher begonnen.

Durch den Paradigmenwechsel gesellschaftlicher Veränderungen wurde der industrie­ge­sell­schaftlich bestimmte innere Adap­tions­prozeß157 zur Staatsnation konter­kariert. Zwar ist die Staats­nation ethnisch weitgehend homo­genisiert, nicht aber konsolidiert. Die sich zu den Trägern der alten Nation zählenden akzeptieren die neuen nicht. Gleichwohl verläuft ein Prozeß der Hin­wen­dung zur Staatsgesellschaft unter Anerkennung der Nation als Klammer. Die Minderheiten sind im Verhältnis zu anderen europäischen Staaten relativ klein158 - aus­ge­nom­men in Schlesien; dort liegt aber eine spezifisch historische Situation vor, vor allem die Selbst­identifikation nach prag­ma­tischen Gesichts­punkten.159 Die Vision der polnischen Nation hat ihre bisherige Funktion verloren. Somit ist der An­spruch auf Verwirklichung der Nationalutopie verschwun­den. Er hat sich selbst aufge­hoben. Damit ist die National­utopie in ihrem wesentlichen Begrün­dungs­zu­sammenhang ihrer Funktion enthoben. Eine ganz andere Frage auf anderer neuer Ebene ist die Bestimmung neuer Funktionen veränderter national­utopischer Vor­­stel­lungen. Eine neue Bedeutung kann sie auch erlangen im Konsoli­die­rungs­­prozeß Zivi­li­sierung der Gesell­schaft in der Republik Polen.

Die Regression auf historische Mythen und Symbole schließt Nationalutopien160 ein und macht diese gegebenenfalls sogar notwendig. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit dem Bedeu­tungsverlust des Katholizismus und dem Machtverlust der katholischen Kirche in Polen. Die Dynamik der Gleich­ge­wichts­be­zie­hung Katholizismus - Kirche zur moder­­nen Gesellschaft und dem Staat ist gegenwärtig noch nicht ein­ge­pen­delt. Wachsen­der Anspruch und sinkende Bedeu­­tung sind (noch) austariert. Zu beobachten ist aber, daß sowohl die national­polnischen als auch die national-katholischen Kräfte auf tradierte Symbole zurück­greifen.

Soziale Resignation und Perspektivlosigkeit, Auswanderungswünsche usw. lassen be­wußt­seins­mäßig Katholi­­zis­­mus und Nationsbedeutung verblassen. Dies belegt indi­rekt, daß die Nation funktio­nalisiert worden war. Im Verdrängungsprozeß erfolgt ein Austausch ge­gen westliche Attri­bute, wie z.B. Konsumis­mus161 und höhere Ansprüche an die Lebens­qua­lität. Der Verwelt­lich­ungs­­prozeß schreitet fort. Er war bereits zuvor in hohem Maße ein funktionsbestimmtes äußer­liches Instrument gewesen. Die funktionalen Voraus­set­­zungen sind entfallen und somit sind die beschrie­benen oder beklagten Gegenwartsparadigmen nur real hervor­getreten - sie waren vorher über­­deckt und überlagert.

Die Identifikationsmuster für im Lande wie außerhalb des Landes lebende Polen sind bezüglich ihrer Umset­zung nur wenig erforscht.162 Es kann die Hypothese formuliert wer­den, daß eine gewisse Vergleichbarkeit besteht mit anderen Völkern ensprechend deren spezifischer sozio­histo­rischer Bedingungen: Griechen, Italie­nern, Serben, Kroaten etc.

1.6. Beispiele für nationsspezifisches Verhalten

Der polnische Nationalstolz schließt ein, stets gute Soldaten gewesen zu sein und gute Sol­daten zu haben und 'mit der Waffe in der Hand gekämpft zu haben'. Eine solche Äußerung machte z.B. Waldemar Gastpary. Auf die Frage nach den Möglichkeiten der Wehrdienst­ver­weigerung in Po­len, äußerte er sich unter Bezugnahme auf die polnische Geschichte sehr zurückhaltend und für die jungen westdeutschen Gesprächs­partner recht unerwartet. Dieser ehemalige Häftling des KZ Dachau, der in den siebziger Jahren polnischerseits wesent­lich am deutsch-polnischen Ver­söh­­nungsprozeß mitgewirkt hatte und vor den jungen engagier­ten Gesprächs­­partnern aus inne­rer Überzeugung für Frieden und Versöhnung zwischen den beiden Volkern warb, argumen­tierte abschließend mit der Bitte um Verständnis, denn „wir Polen haben für unsere Freiheit immer mit der Waffe in der Hand kämpfen müssen.“163

In Polen wurde während der Solidarnosc-Zeit in hohem Maße nationaler Pathos in­strumen­tali­siert. Alle Kämpfe des Zweiten Weltkrieges, an denen polnische Soldaten teil­ge­nom­men haben, werden weiterhin glori­fiziert und damit funktionalisiert. Die Erfolge waren zugleich große Opfer gewesen. Man könnte es am Beispiel des Kampfes um Monte-Cassino darstellen. Der Historiker Tadeusz Cies­lak, formulierte es etwa so: „Die Polen brannten darauf, in Monte Cassino (unter dem Kommando von General Wladyslaw Anders als Teil der alliierten Truppen) gegen die deut­schen Verteidiger, über­wie­gend SS-Einheiten, zu kämpfen.“164 In allen größeren Städten Polens gibt es eine Monte-Cassino-Straße.

Ein anderes Beispiel: Das V. Liceum in Posen feierte 1988 eine Bootstaufe. Ein Segel­boot war erworben worden, das für ein Ferienlager an den Masurischen Seen vor­gesehen war. Bei dieser Boots­taufe insze­nier­te die Theatergruppe der Schule innerhalb einer sehr traditionell und würdig gestalteten Feierstunde mit Chopin-Musik ein Zwie­ge­spräch mit der Besatzung dieses Segel­boo­tes und den ertrun­ken­en Matrosen des polnischen U-Bootes Orzel.165

Im nationalpolnischen Sinne sind die Beispiele als edel und heroisch zu interpretieren. Bezüglich der Industrie­gesellschaft und weiteren Modernisierungsprozessen sind sie ana­chronistisch. Die Menschen in Polen haben sich auf diese Weise aber als Großfiguration durch den - nicht abge­schlossenen Prozeß - der Bildung der Gesamtnation behauptet, so die kollektive Meinung.

Die Mittelschichten in Polen sind in erheblichem Maße durch Migranten (aus West- und Süd­eu­ropa) gebildet und definiert worden. Der berufliche Erfolg der Angehö­ri­gen der Mit­tel­schichten soll mit Hilfe der Symbole des Adels erreicht werden. Man kauft sich vom Trödler ein altes Bild von einem Adligen und weist darauf hin, es sei sein Urahn. Inwieweit die National­utopien und die Kämpfe um Unabhängigkeit ›Sozialneurosen‹ darstellen, kann im gg. Zusam­men­hang nicht un­ter­sucht werden. In der polnischen Gesellschaft - auch in der Wissenschaft - ist diese Proble­ma­tik tabu.

These: der Verlust der Unabhängigkeit und damit die Beeinträchtigung der sozialen Identität hat einen Macht­­verlust zur Folge. Dieses gilt insbesondere für die Männer. Für sie stellt es einen Verlust der Möglich­keit dar, Funktionen in Staat und Militär etc. einzuneh­men. Dadurch erfolgt ein Verlust innerfamilialer Macht­­quellen.

1.7. Verhältnis Adel - Bauern zur Nation:
Zwänge im Zusammenhang mit der Staatenbildung.

In der Teilungszeit findet eine Machtverschiebung zuungunsten des Adels statt. Dadurch verän­dert sich relativ die Lage der Bauern. Es findet eine langsame Emanzi­pa­tion der Bau­ern statt vom 'lud' zum 'narod'. Im Konfliktfall stellt sich für die Bauern der Adlige nach wie vor als Grundherr dar.166 Die Nation ist gleichzeitig Vision und Ziel. Projektion ist das gesellschaftlichen Modell aus dem 18. Jahrhundert. Ziel des Adels war in der Teilungszeit primär die Erlangung der äußeren Freiheit, selbstdefiniert als Unab­hän­gig­keit der Nation. Der Adel findet Ersatz für politischen Ein­fluß aufgrund mangelnder Chancen, Ämter zu besetzen, in Kultur, Musik und Literatur, häufig in der Emigration. Die Nation stellt sich verklärt als Sehnsucht dar.

Es erfolgte eine bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts geltende Funktionalisie­rung des Prinzips der Vision des Staates sowie seiner Existenz in sicheren Grenzen.

Damit hängt zusammen, daß im Alltagsbewußtsein nicht der funktionierende Staat, der den sozia­len Aus­gleich, die Produktion und Verteilung herbeiführt das Ziel ist, sondern der symbolisch erfahrbare. Begünstigt wird es durch Repräsentation, durch eigene Nationssym­bole. Mit dem eige­nen realen Staat identifiziert man sich nicht. In der Ablehnung des sozia­listischen Staaates erfolgt die Ablehnung der ›fremden‹ und ›feindlichen‹ Macht. In der DDR hatten sich - wenn auch aufgesetzt - aufgrund der Ableitung aus der Arbeiter­bewe­gung durch­aus Ansätze von ›Klassenbewußtsein‹ herausgebildet. In Polen war dieses na­hezu unmöglich. Die Dogmatiker in der DDR erhoben stets den Vorwurf, man vernachläs­sige in Polen den ›Klassenstandpunkt‹. Gleich­zeitig schaut man in Polen neidvoll und mit ambivalenten Gefühlen auf die Bundesrepublik. Konsens besteht in der Existenz des Staates als Synonym für die Existenz der Nation. Damit er­folgt eine Reproduktion des Denkens der Teilungs- und Emigrationszeit.

Der seit 1989 deutlich gewordenen Regionalisierungstendenz entspricht die durch die Adels­herr­schaft bedingte bzw. sie ermöglichende Machtverteilung jenseits zentraler (Königs)-gewalt. Das Königreich Polen - seit Einführung des Wahlkönigtums zugleich die erste Republik - war ein Spezi­fikum in Europa. Es wies einen relativ geringen Organisie­rungsgrad entsprechend den Bedingungen der absoluten Monarchien Europas auf.

Der Fremdzwang konnte nicht die Herausbildung eines Selbstzwanges seitens der Machtfernen gegenüber den Machtinnehabenden als Ausdruck einer Staatsgesellschaft be­wirken. Dafür fehl­ten als Voraussetzungen Sozialisa­tions- bzw. Zivilisationsinstanzen Staatsapparat, Militär und Kirche. Staats­­apparat und Militär befanden sich in der politi­schen, sozialen und moralischen Geg­ner­­schaft. Die Kirche konnte keine der eigenen Nation entstammenden herrschende Gruppe unter­stützen, sie stabilisierte entscheidend die Geg­ner­­schaft. Moralisch akzeptierter und sozial verin­nerlichter Selbstzwang einer Gesellschaft entwickelten sich auf völlig andere Weise als unter den Bedingungen der west- und mittel­europäischen Staatsgesellschaften.

Folgen sind u.a. überhöhte visionelle Vorstellungen von der eigenen Region. Man möchte z.B. seit dem Ende des Kommunismus in den Regionen Poznan, Danzig und Ober­schlesien eine rela­tive Selbständigkeit erreichen, um mit dem eigenen wirt­schaftlichen Wohlstand nicht die anderen - ärmeren - Regionen wie. z.B. Maso­wien und den Raum Lu­blin finanzieren zu müssen. Im Den­ken der Menschen, vor allem der Eliten, in den achtziger und neunziger Jahren läßt sich eine Anknüp­fung an das Denken des Messianismus feststel­len. Man erwartet global vom Westen Dank und Aner­ken­nung und kollektive Belohnung, weil man den Kommunismus besiegt hat. Der­ar­tige Vorstellungen kollektiver, an der Reali­tät vorbeigehender überhöhter Selbst­ein­schät­zung sind für die Gegenwart zunehmend kon­statierbar.

Im Herbst 1980, also nach der Registrierung der Solidarnosc, gab es Bemühungen um die Grün­dung einer ›Land­solidarnosc‹. In diesem Zusammenhang stellte man Forderungen, nach­haltig unterstützt vom damali­gen Vorsitzenden der Solidarnosc, Lech Walesa, wie auch der Kirche, nach einem Hilfsfond von 5 Mrd. US-$. Auch der Papst soll sich dafür einge­setzt haben. Einen folgenlosen Vorstoß in der katholischen Kirche in der Bundesrepublik konnte man in Polen nicht nachvollziehen. Die Enttäuschung war entsprechend.

Daß der in Polen weit verbreiteten Hoffnung auf finanzielle Hilfe keinerlei realer Bezug in Politik und Wirt­schaft des Westens gegenüberstand, und man im Westen die Phase groß­zügiger Kredit­ver­gabe mit Beginn der achtziger Jahre nicht mehr fortsetzte und außerdem staatlich garantierte Kredite in den westlichen Parlamenten kaum noch durchsetzbar waren, nahm man in Polen nicht zur Kenntnis. Die wesentlich gravierenden Probleme der Dritten Welt wurden in der polnischen Presse zu dieser Zeit kaum dargestellt und problematisiert. Man beschäftigte sich wesentlich mit sich selbst. Nationaler Egozen­tris­mus und Selbstbemit­leidung prägten die Haltung. Damit korre­liert resultierte der Wunsch und die Forderung am westlichen Wohlstand zu partizipieren. Die Aspirationen werden verstärkt durch die Un­kenntnis bzw. Nichtkenntnisnahme der realen ökono­mischen Situationen. Die Ursache liegt in der unzutreffenden Einschätzung der Situation, in not­wen­digen, aber verschwie­genen oder verfälschten Daten. Die Phase der Unsicherheit bezüg­lich der Erhebung gesicherter Daten überlagert auch die postkommu­nistische Phase.

Mit der skizzierten Haltung korrelieren die Einflüsse der Praxis des polnischen 'Alltags­katholi­zis­mus'. Der Glaube an die reale Umsetzung des Transzendenten, die Glaubensüber­zeugung einer Hilfe in der gesell­schaft­lichen Wirklichkeit durch den starken, siegenden 'Christus am Kreuz', erzeugt durch verklärende bildhafte Darstellungen sowie die daraus resul­tie­rende tatsächliche Glau­bensvorstellung, scheinen paradig­matisch zu sein für die vi­sionelle Über­höhung im Denken der Menschen.

Es besteht weiterhin eine von vornherein angenommene Unglaubwürdigkeit des Staa­tes, die direkt anknüpft an die Abwehrmechanismen der Bevölkerung gegenüber der Propa­ganda im kom­mu­­­­nistisch regierten Staat. Scheinbare bzw. vorder­grün­dige Lösungen erge­ben sich durch die Übernahme transzendentaler Vorstel­lun­gen und Ziel­projektio­nen in die Realität. Sie werden in Wahlkämpfen funktionalisiert.

In der deutschen Gesellschaft wurden Fremdzwänge akzeptiert und umgesetzt.167 Kon­sequenzen sind z.B. die Verinner­lichung im Selbstverständnis des in den Staatsorganen täti­gen Werktätigen in der DDR; des preußischen Beamtem oder des Funktionsinhabers im nationalsozialistischen Deutsch­­land. Charakteristisch sind pflichtgemäßes Handeln im Sinne einer vorgegebenen Maxi­me, gar im Rahmen einer Glaubensdoktrin. Überzeugungen wie der sog. 'Klassen­stand­punkt' sind als Verinnerlichungen des Zivilisations­prozesses der deut­schen Gesellschaft zu sehen.

Das Primäre und höherwertige ist in der polnischen Gesellschaft stets die Existenz der Nation - nur über den gegebenen Staat war ihre Existenz gesichert - so die Propaganda, zumindest bis 1970. Die Akzeptanz des sowjetischen Systems nach 1947 stellt sich als Kompromiß zur Siche­rung der Nation dar. Hinzu kommt, daß damals ein nahezu totales Informa­tionsmonopol herrschte. Andererseits erfolgte der Aufbau des neuen Staates durch die sich als Staats­macht defi­ni­erende neue Kraft - die Kommunisten.

Die Elemente und Symbole der Nation wurden durch Romane, Lieder, Gedichte und Denkmäler vermittelt. Auch der kommunistische Staat bemühte sich sofort, die von den Nazis zerstörten Denk­mäler als Ausdruck nationalen Überlebenswillens wieder herzurich­ten. Besonders zu erwäh­nen sind die Denkmäler von Tadeusz Kosciuszko und Adam Mickiewicz in Krakau, von Jozef Poniatowski, Jan Kilinski und der Nixe in Warschau, das Grunwald-Denkmal zum Gedenken an den Sieg des polnisch-litauischen Heeres in der Schlacht bei Tannenberg [poln. Grunwald] 1410.

Der Widerstand gegen die herrschenden Kommunisten 1956 wurde getragen von den Posener Indu­strie­arbeitern, z.T. der Schwerindustrie, die in hohem Maße Rüstungsgüter produzierte. Diese Arbeiter konnten auf eine Tradition der polnischen Arbeiterbewegung im preußischen Tei­lungs­gebiet zurückgreifen. Die Rolle der Eliten ist in den fünfziger Jahren ambivalent. Es kann im gg. Zusammenhang nicht geprüft werden, woraus sich die neuen Eliten rekrutierten. Da ein gro­ßer Teil der alten Eliten vernichtet war oder sich noch in der Emigration befand bzw. seit 1947 schon wieder, kann davon ausgegangen werden, daß ein hoher Prozentsatz dieser neuen Eliten soziale Aufsteiger waren oder Re-Emigranten wie Edward Gierek, der wäh­rend des Krieges als Ange­­höriger der kommunistischen Wider­standsbewegung in Belgien bzw. Nord­frank­reich kämpfte.

Nachdem die entscheidende unabdingbare Voraussetzung, die Grenzgarantie, durch den War­schauer Vertrag vom 7.12.1970 gegeben war, bestand dies­bezüglich keine Notwendig­keit mehr, die Systemrealität, diese Kompromißlabilität wegen der vorgeblichen Garantie­funktion an­zu­er­kennen.168 Die inner­gesell­schaft­lichen Diskussionen in Westdeutschland bzw. die wahl­strate­gischen Mechanismen in der Bundesrepublik in den achtziger Jahren relativier­ten diesen Prozeß in Polen. Die polnische Presse berichtete über die Aktivitäten der Vertrie­benen­verbände oder ent­sprech­ender Gruppen in den Unions­parteien.

1979/80 erreichte die polnische Krise in ihrer gesamten Dimension einen Höhepunkt, bei dem die persönlichen Belastungen unerträglich wurden: Versorgungsschwierigkeiten, Wohnungsprobleme etc. Als diese Eigenerfahrungen so stark wurden, trat der Gegendruck gegenüber der perma­nen­ten Induktion der Systemrealität bzgl. der äußeren existentiellen Bedrohung zurück. Hinzu kam, daß die Friedensbewegung im Westen die Bedrohungsemp­findung der Nation relati­vierte. Die 'Rake­ten­diskussion' der späten 70er und frühen 80er Jahre ging an Polen weitgehend vorüber. Es betraf die Menschen subjektiv kaum. Die Be­drohung wurde eher im Westen als solche emp­fun­den. Erst nach 1989, nachdem die Presse ausführlich darüber berichtete, ist vielen Polen klar geworden, daß die Ziel­koor­di­naten westlicher Atomwaffenträger auch polnische Städte ein­be­zogen haben. Wurde in Polen auf die Abrüstungsdiskussionen rekurriert, dann wurde stets dar­auf hingewiesen, daß ›man selbst sowjetische Panzer im Lande habe‹ - also eine als Besat­zungsmacht empfun­dene fremde Militär­macht.

Es kann als These formuliert werden, daß die polnische Gesellschaft gegenüber westli­chen Gesell­schaften nicht vergleichbar Fremdzwänge in Selbstzwänge umgesetzt hat. In Polen ist der Fremdzwang erfahren während der:

  • Fremdherrschaft während der Teilungszeit

  • Okkupation durch Nazideutschland

  • Fremdbeherrschung und kollektiv empfundenen Ausbeutung durch den 'Großen Bru­der'.

Alle daraus ableitbaren Selbstzwänge sind gegen den gemeinsamen Fremdzwang gerichtet. Es handelt sich dadurch um spezifisch induzierte Selbstzwänge im Sinne des Primats der Nation.

Im Moment des Zerfalls der Fremdmacht UdSSR und damit der vorgegebenen Bedro­hung durch das westliche Militär­poten­tial entfällt der wesentliche Fremdzwang. Neue Selbstzwänge in Rich­tung auf die Organisierung des Staates, der Republik Polen, sind nicht vorhanden. Schwierig­kei­ten, eine Regierungs­koalition zu bilden, lassen im Westen durchaus negative Stereotype entste­hen.

Es können folgende Thesen formuliert werden:

  • Die Entspannungspolitik - die ›Ostverträge‹ sowie die ›Politik der Entspannung und Versöh­nung‹ - hat maß­­geblich zum Ende der Fremdherrschaft beigetragen. Dies gilt bezüglich der ihrer politischen, sozialen und ökonomischen Dimen­sio­na­lität bzw. der durch eine fremde Macht bestimmten innergesellschaftlich illegitimen Herrschaft.

  • Politisch rechtsstehende Kräfte haben in Deutschland durch Aufrechterhaltung des Fremd­druckes zur tempo­rären System­stabili­sierung beigetragen. Ihr subjektiver und verbaler Kampf gegen das System im Osten ist ambivalent. Er hatte sowohl affektiv stabilisierende wie desta­bi­lisierende Wirkungen.

  • Die Machtauseinandersetzungen der Nachkriegszeit stehen prozessual im historischen Gesamt­zu­sam­men­­hang. Im Jahre 1989 ergab sich kein Ende, aber auch kein Neuanfang. Man muß von einer prinzipiellen Kontinuität sozialer Prozesse sprechen. Es gab nicht ›die Herr­schaft der Kommunisten‹ im engen Sinne. Es ist 1989 auch nicht ›das Gegen­teil‹ Es ist eine in Schüben erfolgende gesellschaftliche Fort­entwicklung konstatierbar.

Es bleibt als Kernfrage zu lösen, ob die genannten Prozesse intendiert und erzwungen sind, bzw. inwieweit es sich um ein mehr oder weniger erzwungenes Sich-Fügen in die Gegeben­heiten han­delt.

Der Vesuch einer Übertragung des Fremdzwanges in einen Selbstzwang war oft beglei­tet von einer oktroyier­ten Ideologie. In Polen war der Mechanismus der Herausbildung von Selbst­zwän­gen von erheblichen Wider­ständen begleitet. Die Richtung sozialer Prozesse ist in Polen nicht voraussehbar oder -planbar.

1.8. Anwendung auf die Konzeption

Es muß auf tradierte Verhaltensweisen in sozio-historischem Zusammenhang und charak­te­ris­tisch­es, spezifisches Verhalten zurückgegriffen werden, das jeweils im Nachhinein als positiv gewer­tet und dargestellt wurde und für das in diesem Zusammenhang ein Bewer­tungs­konsens vorliegt, der in reprodu­ziertem und perpetuiertem Verhalten erkennbar ist. Daraus resultiert die Abhän­gigkeit von Denk- und Wertmustern, Verhaltensschemata in der Gesell­­schaft sowie Lehr­vor­gaben und Bewertungsraster in den Institutionen sozialer Erzie­hungs- und Zivili­sa­tions­pro­zesse. Dies setzt soziale Trägerschaft voraus, die zur Macht- und Einfluß­ausübung über eine Ideo­logie verfügt sowie über das Instrumentarium ihrer Umset­zung.

Die Funktionalisierungung erfolgt zwischen den Figurationen Nation und Kirche. Der ideologische Rahmen wird gestellt von einer Überbetonung des Nationalen, der Nationsvi­sion sowie dem spe­zi­­fisch polnischen Katholizismus und dem Geschichts- und Nationalbe­wußtsein. Eine affektiv besetzte ethnozentristische Verklärung der Nation und überhöhte selektive selbstbildhafte Projek­tion sind dafür kennzeichnend.

Bezeichnend für die polnische Gesellschaft ist die enge Beziehung und Bedingtheit bei­der Ideolo­geme, resultierend aus der inneren Beziehung wie gegenseitigen Abhängigkeit ihrer Träger­fi­gu­ra­tio­nen und - ebenfalls charakteristisch und bestimmend - die historische, mentale Kongruenz. Dem steht die strukturelle und institutionelle Widersprüchlichkeit auch der Gegen­warts­gesell­schaft entgegen. Dies gilt besonders für die diesen Zivilisationsprozeß prägende Phase in der Zeit ab dem Ende des 18. Jahrhunderts. Es handelt sich damit um einen rund zwei­hun­dert­jäh­ri­gen spezifischen Prozeß.

Als Kernbegriffe stehen im Zusammenhang ihrer jeweiligen Spannungs­figurationen die Nation, der Staat, und die polnische katholische Kirche. Die Nation ist verklärt im Bewußt­sein der Men­schen vorhanden und verankert. Der Staat ist bewußt­­seins­mäßig vorhanden und physisch als autoritäter Staat erfahr­bar. Dies steht im Zusam­men­hang mit dem perma­nen­ten Bestreben zu einer Resti­tution im 19. Jahrhundert.

Gekennzeichnet ist die Situation durch fehlende klare Zielbestimmungen, die Unmög­lichkeit einer Konsens­findung und einheitlicher Definition. Man kann von einer prinzipiellen innergesell­schaft­lichen Kompromiß­unmög­lich­keit einer gesellschaftlichen Konsensfindung sprechen, abgesehen von dem gemeinsamen überlagernden Ziel.

Zu der Verhaltenspraxis der Szlachtagesellschaft gehört z.B. die Bildung von gegenein­ander gerich­teten Kon­föderationen und das Liberum Veto. Die Bildung von Konföderatio­nen hatten zur Folge, daß die Bil­dung von gegeneinander gerichteten Koalitionen zum Zwecke physischer Gewalt­ausübung - mit oder gegen den König - ein­­­­schließ­lich der (militärischen) Gewalt­ausübung moralisch nicht diskreditiert ist. Ent­sprech­endes gilt für das Liberum Veto. Nachdem es 1656 zum ersten Male ange­wandt worden ist, hatte es in der Folgezeit bis hin zum Niedergang im 18. Jahr­hundert die Funktion, daß kein gesell­schaft­licher Zwang zum Konsens entwickelt wurde. Eine Konsens- bzw. Kompromiß­fähig­keit setzt Akzep­tanz von Anpassungsdruck, ausgeübt durch eine zentrale Macht voraus.

Der moderne Staat bedeutet Durchsetzung von Macht, Akzeptanz der Machtstrukturen und -sym­bole durch die Gesellschaft und dadurch das Erreichen demo­kra­tischer Legiti­ma­tion sowie als Voraus­setzung die Möglichkeit demokratisch legitimierter insti­tu­tio­neller Kontrolle. Letzteres Prin­zip ist die Folge der Entwicklung bürgerlich bestimmter Staaten, eines Staaten­bildungs­pro­zes­ses mit zuneh­mender Verrechtlichung von Machtausübung, demo­kra­­tischer Partizipation und Kon­trolle. Dieser für die zweite Hälfte des 19. Jahr­hun­derts kenn­zeich­nende Prozeß, der in unter­schiedlicher Ent­wick­lungsschüben in West- und Mittel­west­europa ablief, zweifellos mit Brüchen und unter­schied­licher Intensität, erfaßte Polen aufgrund der gege­benen historischen Bedingun­gen nicht. Der Staatsbegriff, bzw. das vorhan­dene und repro­du­zierte Bild vom Staat ist für Polen in sich feind­lich. Bis heute ist die Beziehung zum Staat ambivalent.

Die Situation ist gekennzeichnet durch Verklärung, statt aus dem Selbstzwang zur Ak­zeptanz einer Notwen­dig­keit zu Konsens und Kompromiß zu gelangen. Paradigma ist bis 1919 die Not­wen­­digkeit des Kampfes. Die Methode überlagert das Ziel: die Restitution eines unabhängigen Staates. Der Kampf wird auf politischer, diplo­ma­tischer, kultureller und auch militärischer Ebene geführt. Die ver­wendeten Bilder enthalten nationale und reli­giöse Symbole, nicht dagegen staat­liche. Letzteres haben erst die Kommunisten versucht.

Der erfahrbare Staat bleibt in fremder Gestalthaftigkeit eine als feindlich empfundene Institution. Beides bildet bewußt­seins­mäßig eine Symbolhaftigkeit, die über lange Phasen den spezifisch polnischen Zivili­sa­tionsprozeß trägt.

Wenn mental verinnerlichtes Verhalten oder gar ›Volkscharakter‹ sozio-historisch ab­leitbar sind, dann wesent­lich über die Szlachta- und die Bauerngesellschaft sowie den polni­schen Katholizis­mus. Zweifel­los haben Frauen in Polen - auch in Wechsel­beziehung zum Katholizismus - eine spezifische sozial­historische Rolle. Die Menschen in Polen reproduzie­ren ihre katholisch geprägte Sozialisation einschließlich ihrer inneren Wider­sprüchlichkeit. Die Zusammenhämge können nicht vertieft werden, sollen aber soweit notwendig, angeführt werden.

Es gibt in der Bewegung von 1980 keinen Träger i.S. von abgrenzbaren sozialen Grup­pen. Die hohe gesamtgesellschaftliche Identität wird durch das Schlagwort ausgedrückt: ›Die Opposition ist das Volk‹. Es gehörten auch PVAP-Mitglieder dazu. Auch sie standen für qualitative Verän­derun­gen. In einem geschicht­lichen Entwicklungsprozeß hat sich - be­dingt durch die mehrfache Schwäche von Partei, Staat und System -die Situation ergeben. Die Polen haben diese abneh­mende Machtstärke stufen­weise wahrgenommen. Die Forde­rungen entwickelten sich ent­spre­chend.

Der Prozeß der Restitution eines unabhängigen Staates sowie der Nationswerdung im modernen Sinne dient nicht der Bildung einer sozial homogenen Ethnie, bestehend aus und macht­­gleichen Individuen. Er vermittelt diesen Eindruck nur in seiner überhöhten Betrach­tung. Die Nationa­lmy­then dienen funktional dem Zwecke der Durchsetzung dieses Prozes­ses.

Die Erringung sprachlicher Einheit wird als nationale Einheit definiert. Sie dient zu­gleich dem Ziel der Re-Etablierung des alten Systems einschließlich der machtspezifischen Restitution alter Eli­ten. Die Sicht­bar­wer­dung dieses Sachverhalts erfolgt nach der Erlan­gung der staatlichen Unab­­­hängig­keit. Die inner­gesell­schaft­liche Bewußtwerdung konnte also erst ab 1919 erfolgen. Polen stellte aber noch keinen National­staat dar. Ein ethnisch annähernd homogener National­staat bil­dete sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg heraus.

Es kann anhand vorliegender Beispiele skizzenhaft ein innerer Kontext des gesamten Zivili­sa­tions­prozesses vom Ende des 18. Jahrhunderts bis letztlich 1989 konstatiert werden.

2. Teil: Positionen zum Nationsbegriff

Vorbemerkung

Die umfangreiche Betrachtung sowie die Auseinandersetzung mit dem Komplex, der über Begriffe wie Nation, Nations­utopie, Nationsbildung und Nationalismus sowie die Inter­depen­denz zwischen polnischer Nation und polnischem Staatsbildungs- wie Restitutions­prozeß beschreibbar ist, er­scheint dem Verfasser u.a. des­halb als geboten, da in der polnischen Geschichtsforschung oder Sozial­­wissen­schaft ein gegen die eigenen Glau­bensgrundsätze und damit die eigenen Ideo­logien gerich­teter Ansatz bis dato zu den großen Tabu­bereichen gehört. ›Patriotismus‹ war und ist weiter­­hin funktionali­siert als positives Etikett. Die ver­suchte Aberkennung dieses kollek­tiven, von den Segmenten der Gesellschaft sich selbst zuge­schriebenen Attributes war ein ent­schei­den­­des Mittel zur Diskre­­di­tierung des politischen Gegners. Umge­kehrt läßt die Nicht-Aber­ken­nung auf niedrige Grade der Kon­fron­­tation in politischen Auseinandersetzungen schlie­ßen. Letz­te­res ist in der post-real­soziali­stischenPhase von Bedeutung. Am Umgang mit der Zu- oder Aber­ken­­nung des Attri­bu­tes ›Patriot‹ kann man den Charakter gesellschaftspolitischer Ausein­an­der­­set­zungen erken­nen und damit durchaus eine Schlußfolgerung auf den Prozeß der Zivili­sie­rung der polni­schen Gesell­schaft ableiten.

Zunächst soll generell anhand des Ansatzes von Anderson der Nationsbegriff im Kon­text zur Staats­­bildung dargestellt werden. Im Anschluß soll das Modell Schieders sowie Elias' Ansatz zur Nation und dem Nationalismus dargestellt werden und eine Auseinander­setzung mit einer Posi­tion der Linken am Beispiel Kühnls geführt werden.

2.1 Die Bildung der modernen polnischen Nation

Nationalismus und Nation sind wesentlich Fremdbeschreibungskriterien. Nach Anderson hatte sich z.B. ein Angehöriger der Aristokratie nicht als Angehöriger dieser Figuration der 'Aristokratie des ancien' régime als Klasse, wie man sie heute verstehen kann, sondern als 'Comte de X', 'Graf von Y' oder 'Schützling des Duc de Z' verstanden.169

Die Selbstbeschreibungskriterien sind erstens begrenzt durch bestimmte variable Gren­zen jen­seits derer andere Nationen liegen; zweitens souverän als Folge der Aufklärung.

»Dieser Begriff erlangte seine Reife in einem historischen Moment, als selbst die frommsten Anhänger jeglicher Universalreligion mit dem lebendigen Pluralismus solcher Religionen und dem Ausein­an­der­­tre­ten von ontologischen Ansprüchen jeden Glaubens und seiner territorialen Ausdehnung konfrontiert wa­ren. Deshalb träumen Nationen davon, frei zu sein und dies unmit­telbar - wenn auch unter Gott. Maß­stab und Symbol dieser Freiheit ist der souveräne Staat.« Drittens »wird die Nation als Gemeinschaft vorge­stellt, weil sie, unabhängig von realer Un­gleichheit und Ausbeu­tung, als ‘kameradschaftlicher Ver­bund’ von Gleichen verstanden wird.« (S.17).

Die Wurzeln der Herausbildung des Nationsbegriffes als Glauben an die reale Existenz der Nation - Anderson spricht von der Erfindung - sieht er in den kulturellen Wurzeln, in denen die Figura­tions­bildung aufgrund religiöser Umklammerung durch große Sozialkulturen wie Islam, Christentum, Buddhismus erfolgten. Die Überklammerungs­muster resultieren we­sentlich aus der Sprache. (Kirchenlatein, Arabisch, Frühchinesisch). Sie erlauben Angehöri­gen unter­schied­licher Ethnien den Zugang zur Glaubens­gemeinschaft - die Ummah-Islam definiert sich (noch) wie auch das Christentum der Vor-Aufklärung als reale Gemeinschaft. Es erfolgt eine Ablösung der Reli­giösität durch die Nation. Der Mensch braucht mystisch-mythische Größe als Halt; Aufklärung (im Nachgang zum Humanismus und der Renais­sance) hat die Nation erfunden. Die Nation ist das Sürrogat, die Ersatzreligion, sie hat in bestimmten Ebenen die gleiche Funktion.

Der Verlust religiöser Macht durch die ‘Degradierung der heiligen Sprache’, d.h. des Rückgangs des Lateinischen als Lingua franca und die steigende Bedeutung der Regional-, Nations- oder später der ‘Amts’- also Staatssprachen. Man kann am Beispiel Frankreichs die Herausbildung der höfischen Sprache als Hoch­­sprache als zentrales nationales Identifi­kationsmuster und in diesem Zusam­menhang den Nations­bil­dungs­prozeß auf der Symbol­ebene sowie den Staaten­bildungs­prozeß als rechtlich fixierte Integrations­ebene dieser Gesellschaft sehen.

Die Vereinheitlichungstendenz der absolutistischen Staaten in Europa, vor allem nach 1789, im­plizierte eine allgemeine Verwaltungssprache. Latein war antiquiert und mußte durch Landes­sprachen, durch Hoch- bzw. Schrift­sprachen ersetzt werden. Es handelte sich dabei um objektive Erfor­der­nisse. Die Regional­­sprachen hatten noch eine nachgeordnete Funktion der mündlichen Kommunikation. Die Vereinheitlichung bewirkte Moder­­ni­­sie­rungsschübe, sie ermöglichten jeweils einen langfristigen Moderni­sie­rungs­prozeß. Dieser Prozeß der Sprach­verein­heit­lichung konnte in Polen erst ab 1919 vollzogen werden. Für die Konsoli­dierung des Staates war es notwendig, die vier existierenden Gammatiken durch eine neue einheitliche zu ersetzen.

Die Bildung des Beamtentums wirkt in den Staatsgesellschaften als Ablösung der Lehens­feu­da­li­tät und wirkte in absolutistischen Staates als Promotor der Nation. Die Souve­ränitäten wurden ‘vollständig, um­fassend, gleichmäßig über jeden Quadratmeter eines legal abge­grenzten Territo­riums ausgebildet.

»Früher hingegen, als Staaten durch Zentren definiert wurden, waren die Grenzen durchlässig und un­klar; Souveränitäten gingen kaum wahr­­­nehmbar ineinander über.« (S. 28)

Eine wesentliche Rolle spielte die Erfindung der Druckkunst, die eine Verbreitung der Über­set­zungen der Schriften ermöglichten. Erfolgreich angewandt wurde dies durch den Protes­tan­tis­mus, durch die Koalition zwischen Protestantismus und Druckmarkt, die auf billige Volks­aus­gaben gründete. (S.46f). In Polen fanden Renaissancedenken und Reforma­tion Eingang in die Szlachta mit Hilfe der Druck­­erzeug­nisse. Man druckte in polnischer, deutscher oder italienischer Sprache.In dieser Zeit sei als Methode der Gegenreformation die Beibehaltung des Lateinischen in den Riten des ›Gottesdienstes‹ bzw. der ›Hl. Messe‹ genannt, sowie der Vor­be­halt des Lesens (der Bibeltexte) durch den Priester und dadurch die Sakrifizierung des gedruckten Textes.

Der Prozeß wird bewirkt durch Druckkunst (Bücher, Zeitschriften als Mittel), die Mo­nopolisierung von Schrift allgemein durch den Druck, damit auch von Wissen. Andererseits kann die Ausbil­dung der dekommu­­ni­ka­ti­ven Gesellschaft als Indiz für eine Dezivilisierung gelten bzw. für die Verzö­gerung des Zivilisationsprozesses insgesamt. Die Verwissen­schaft­lichung und die ›Lexi­graphische Revo­lu­tion‹ des 19. Jahrhunderts; die Sprach­ent­deckung und Forschung begünstigte die Erfor­schung der Volks­sprachen im 18. und 19. Jahrhunderts.

Die Basis für das Funktionieren der Untergrundgesellschaft liegt deshalb auch in der erfolg­rei­chen Durchsetzung der Rekatholi­sierung. Die Gegenreformation ist im historischen Kontext der Abwehr des poli­tischen Protestan­tismus der Schweden und Preußen zu sehen, aber auch bezo­gen auf wesent­liche Elemente aus der Zeit der Toleranz.170 Die Wechselpro­blematik wird unter anderem in den histo­rischen Romanen Zeromskis zwar behutsam, aber klar angedeutet.

Aus diesem historischen gesellschaftlichen Prozeß entwickelte sich eine Mehrebenen­problematik, die mit der Herausbildung einer Doppelgesellschaft korreliert und entspre­chende Verhaltens­wei­sen hevorruft und begün­stigt. Man akzeptiert den katholischen Ritus. Erleichtert wird das durch die hohe Korrelation zwischen guter Lebens­weise, der Bevorzu­gung, Hervorhebung, Betonung des Schönen, was wiede­rum seine besonde Ausprä­gung im barocken Katholizismus findet - in dessen Phase unter den Sachsenkönigen maßgeblich der wirt­schaft­liche und politische Nieder­gang eingeleitet und beschleunigt wurde.171 Dies kann durchaus im Gegensatz zum protestantisch geprägten Denken und Handeln nord-mitteleu­ropäischer Länder und ihrem wirtschaftlichen Auf­stieg gesehen werden. Die polnische Kir­che wird in der Gesellschaft als eigene Körperschaft und damit als eigener - aus sich selbst heraus ­existierender Machtfaktor - als legitim akzeptiert. Ande­rerseits steht die Kirchen­­hierarchie in personaler und institu­­tio­neller Wechselbeziehung zur Szlachta.

Die Besonderheit der Habitusbildung der polnischen Gesellschaft ist nicht auf Herbei­führung ei­nes Konsenses wie auch die Durchsetzung desselben und damit eine Homo­­ge­nisierung ange­legt, sondern Kennzeichen der spezifischen Entwicklungsbedingungen, die sich von mitttel-west­euro­päischen Prozessen abheben. Die Individualisierung bzw. die Ak­zep­tanz einer Aus­bil­dung mul­tipler Macht­differenzierung als die Fortführung des Toleranz­­prinzips ist ideo­­lo­­gisch konträr zum monopolistischen Anspruch auf universale Gültigkeit im Katholizismus. In der gegen­seitigen faktischen Akzeptanz einer Mehr­eben­­enpraxis172 drückt sich ein Ambivalenz- bzw. Poly­valenz­prinzip immanent aus. Die Praxis erfolgt unter der Voraussetzung der Verhinderung einer Zentral­macht. Die Einheitlichkeit von Konfes­sion und Sprache ist damit kein Instrument und Charak­teris­tikum der Zentralmacht. Der Preis ist die zunehmende Machtschwäche des Staates.

Andererseits ist aber nicht wie in den westeuropäischen Staaten Frankreich und Eng­land sowie in den deutschen Staaten die Durchsetzung einer einheitlichen Konfession auf­grund des jeweiligen zentralen Zwanges im Zusammenhang mit den Staatenbildungsprozes­sen erfolgt. Die Zentrali­sie­rung ist, da für die Staatenbildung auf der Symbolebene notwen­dig, für das Überleben der Nation wie der einzelnen Korpuskel der Szlachta entsprechend immanent erfolgt. Sie mußte nicht durch­ge­setzt werden. Dies konnte nicht geschehen auf­grund der Nichtexistenz eben dieser Zentral­macht. Der Preis für die nur restriktiv ausgebil­dete Zentralmacht war der schwache Staat.173 Die Folge war die zu den Teilungen führende Unterlegenheit durch Machtschwäche.

Konnte also die Nation über die Zentralmacht in Frankreich mit Hilfe der Sprache und (begrenzt) durch das Symbolsystem der Religion durchgesetzt werden,174 so kristallisierte sich die Nations­vorstellung ursprünglich aus der Szlachta (als einem in Polen relativ großen Bevöl­kerungs­anteil) heraus. Die Genesis des polnischen Nations­begriffes, der Habitus der sie tragenden Schicht, die Über­nah­me dieses Habitus seitens anderer (bürgerlicher und bäu­erlicher) Schichten über die Adaption bzw. deren Diffusion sind für die polnische Gesell­schaft prägend.

Die bürgerlichen Schichten sind - vor allem in den Stadtgesellschaften - überwiegend durch Migra­tion aus Westeuropa, aber auch z. B. aus Italien und dem Balkan heraus erfolgt. Das Bür­gertum bildete sich als Stadtbürgertum heraus, das weiterhin seine Herkunftsspra­che benutzte. Die Integration der bäuerlichen Schicht verlief sehr langsam. Überwiegend rekrutierte sich aus dieser - ergänzt durch Zuwanderer, wie z.B. sächsische Textilhandwer­ker - die Industrie­arbeiter­schaft im 19. und 20. Jahrhundert. Die Intergration des jüdischen Teils erfolgte in die polnische Gesellschaft langsam und zumeist im Bereich der verarmten aufstiegs­willigen unteren Mittel­schicht bzw. aus nicht schicht­spezifisch zuzuordneten spezi­fischen Milieus.

Während der Teilungszeit (z.T. auch noch danach) hatten das Streben nach Unabhän­gigkeit wie auch die Ersatzfunktionen und Mechanismen eine hohe Priorität, nicht aber pri­mär die Förderung eines Identi­fikationsprozesses aller unter dem Begriff der Nation. Die Genesis der Nation auf der Symbol­ebene war die Folge und Bestandteil dieser Prozesse. In Polen mußte nicht die nationale Gemeinschaft die der christlichen ersetzen bzw. über die zentrale Einheits­­sprache durch­gesetzt werden.175 Das Altpolnisch wurde weiterhin vom Adel als symbolische Waffe benutzt, wenngleich dieser aus Gründen der Abgrenzung - ggf. auch im Sinne der Doppelgesellschaft als Ambiva­lenzverhalten - bis ins 20. Jahrhundert hinein - franzö­sisch sprach. Der zunehmende wirt­schaft­liche Niedergang des Staates bedeutete die Verarmung der Rural­gesellschaft ein­schließ­­lich des niederen Adels. Dies erschwerte zuneh­mend die Bezah­lung der französischen Kinder­­mädchen. Die Repro­duktion des Franzö­si­schen verla­gerte sich auf die familiale Ebene. Zugleich reprodu­zierte sich die Abgrenzung zur bäuerlichen Figuration.

Für Polen sind das Ziel der Unabhängigkeit sowie die Versuche und Methoden des Er­halts der Na­tion, vor allem auf der Symbolebene, kennzeichnend. Sie sind Ersatz für über­klammernde Staats­­symbole. Die weiß-rote Fahne gilt als Nationssymbol.176 Ersatz­symbole existieren auf kirch­lich-katho­lischer Ebene.

In Frankreich erfolgte die Durchsetzung des Zentralstaates über die Zentralsprache, die Zentral­konfession und zentrale Symbole; ab 1789 die Trikolore. Die französische wie die deutsche Na­tion wurden in spezifischen Prozessen geschaffen. Die polnische Nation wurde erhalten und durch Adaption vergrößert. Letztlich efolgte erst in der VR Polen 1945 der Versuch, die Kon­gru­enz zwischen Nation und Gesellschaft herbeizuführen. Auch dort hat man sich lange schwer ge­tan, z.B. die polnischen Juden als Polen zu benennen und in die Gesellschaft einzu­bezie­hen. Die affektive, bewußt­seinsmäßige Adaption des jüdischen Be­völkerungsteils - auch und ange­sichts dessen weitgehender Vernich­tung - bleibt noch ein komplexes Problem und weitgehend ein Tabu­thema.177 Der Prozeß der Adaption der Bauern erfolgte langsam, zuerst in Westpolen, dann im östlichen Zentralpolen, in Galizien (Bauernrevolten) und Ruthenien dagegen kaum. Die dortige bäuerliche Bevöl­kerung ent­wickelte eine weiß­russische bzw. ukrainische Identität (S.87).

Die Bruderschaft der Gleichen in Polen entsteht auf der Basis der altslawischen Bruder­schaften (S. 135). Nationsein ist verbunden mit politischem Bewußtsein in der Moderne. Die Volksnation bildet sich über die Untergrund  bzw. die Wider­­­stands­gesell­schaft heraus (S. 89). Die VR Polen knüpft an diese Volksnation an und will als neue führende Elite die Kommu­nisten einsetzen; sie erhoffte die Loyalität der ehemals machtarmen Bevölkerungs­teile. Deshalb wird der Adel ent­machtet und seine Machtausübung sowie bestimmte Ele­mente seiner Habitusformen kritisiert. Es wird der Versuch gemacht, ihn insgesamt zu dis­kre­ditieren. Dies gelingt aber nur halb. Man eifert ihm diskret nach und kopiert ihn. Die aufstei­genden Funktionseliten und intellektuellen Eliten über­neh­men seinen Habitus. Man besorgt sich z.B. als wesent­liches Symbol vom Trödler ein Bild und präsentiert stolz 'seinen Ahnen'. Über die Habi­tu­alisierung der kommunistischen Eliten kann man Parallelen feststel­len. Realiter heben sie sich durch Grobheiten ab, wie auch die 'groben' Schlachtzizen.

Im Jahre 1931 wurde eine Volkszählung durchgeführt. Ein goßer Teil der ostpolnischen Bevöl­ke­rung definierte sich als Katholiken oder auch als Orthodoxe, konnte aber keine An­gaben zur Natio­­na­lität machen.178 Deshalb erfolgte die zweite Angabe zur Muttersprache.179 ›Hiesige‹, (Tutejszy) sind einfache Bauern, Land­arbeiter ohne Nationsbegrifflichkeit. In der Land­bevöl­ke­rung gibt es nur wenig fixierte Identifi­ka­tions­muster. Es sind diejenigen, die sich nicht mit einer Ethnie identi­fizierten­; die anderen ordneten sich vage zu. Durch die Be­völkerungs­verschie­bung kamen diese Bevöl­kerungsgruppen nach Westen und wurden In­dustriearbeiter z.B. im Liegnitzer Industrie­revier.

Ein Nationszugehörigkeitsgefühl ist deshalb wesentlich aufgrund von Fremdzwängen entstanden und hat einen hohen Zuordnungscharakter. Die primären Loyalitätsmuster bezie­hen sich auf Familie und Konfession. Es entsteht dadurch eine Interdependenz wie auch Konkur­renz zur Na­tion. Die Betrachtung dieses Gegenstands unter­liegt in Polen einer ge­wissen Tabu­bele­gung und kann im gegebenen Zusammenhang nicht vertieft werden.

Ein geeignetes Modell für einen Vergleich mit dem Prozeß der Bildung der polnischen Nations­bildung ist das von Schieder.180 Auf das Modell der drei Phasen in der Interdepen­denz von Nation und Staat soll nur verwiesen werden. Eine Darstellung und Anwendung wie auch die Ausein­an­der­set­zung mit Schieders Ansatz ist von Papenbrock durchgeführt worden.181 Die Begrenztheit der Modelle Schieders soll aber an zwei Beispielen verdeutlicht werden. Die Vereinigung zweier Nations­teile kann nicht nur - nach Schieder, in der zweiten Phase - als ›eine vor dem Staat gege­bene entweder historisch oder kulturell oder als sozialer Verband begründete Größe‹ gesehen werden, sondern muß den polnischen Nations­begriff des 19. Jahrhundert mit einbe­ziehen.182 Ein zusätzlich zu berücksichtigendes und Schieders Ansatz relativierendes Problem für einen Ver­gleich ist die feudale aber keinesfalls abso­lutistische Struktur Polens vor der dritten Teilung 1795 im Gegen­satz zu seinen Nach­bar­ländern.

Ein weiteres Problem ist die nur relativ geringe ethnische Identität im Feudalismus der Szlachta­Gesellschaft. Der Begriff 'Feudalstaat' ist nicht treffend und zu vermeiden. Außer­dem müßte zur abschließenden Beurteilung eine weitere historische Differen­zierung vorge­nommen werden, die sich bereits lange vor den Teilungen heraus­bildende Divergenz zwi­schen dem west­lichen Polen (Groß­polen) und den Räumen östlich Warschaus: in Masowien und besonders in Ruthenien. Die West-Ost-Divergenz ist zweifellos primär eine Folge der Teilungen, insbeson­dere der unter­schied­lichen Entwicklung im preußischen und russischen Teilungsgebiet, aber die Tendenzen zu den bis heute vorlie­gen­den Disparitäten sind bereits früher anzusetzen.183 Eine vertie­fende Dar­stel­lung betreffend der Korre­lation zu Diver­genz­prozessen zu sich heraus­bil­den­den Dispa­ri­täten vor Ende des 18. Jahr­hunderts über­steigt den gegebenen Rahmen.

Die Rolle der Symbole für die polnische Nation in ihrer spezifischen Wechselbeziehung zum Staatsprinzip ist bereits angeführt worden. Nach Elias basiert die ›Nationalisierung des Denkens‹ auf Symbolen, die die Personifizierung der Nation in einen absolutistischen Herr­scher ablösten. Die Wir-Gefühle der vorrevolutionären Oberklasse in Europa hatten noch nicht den Charakter einer Bindung an den Staat.184 Elias weist hin auf die Änderung des Wan­­dels des Identitätsgefühls, des Übergangs in ein Werte- und Glaubenssystem, das ein Bild der Nation an die oberste Stelle richtet.185 Die in Westeuropa von den Mittelschichten getra­genen Wandel der Gefühle in der zur ›Aus­füh­rung jeglicher Politik‹ in gewissem Maße not­wendigen emotionalen Bindung auf seiten der Men­schen hat einen ›erheblich anderen Charakter‹:

»Sie waren in einem viel höheren Grad symbolische Natur – Bindungen an Symbole des Kollektivs. Diese Symbol konnten sehr verschieden aussehen. Aber Wortsymbole spielte unter ihnen eine besondere Rolle. Welche Form sie auch hatten, die Symbole für ein Kollektiv und seine vielfachen Aspekte, die zum Brennpunkt der emotionalen Bindungen von Personen an das Kollektiv wurden, schienen dieses selbst mit einer eigentümlichen Qualität auszustatten; sie verliehen ihm, so könnte man sagen, eine numinose Existenz per se, jenseits und oberhalb der Individuen, die es bildeten – eine Art Heiligkeit, wie man sie früher vor allem übermenschlichen Wesen zugeschrieben hatte.«186

»So kristallisieren und organisieren sich die emotionalen Bindungen der Individuen an ihr Kol­lektiv weiterhin um gemeinsame Symbole, die keine faktischen Erklärungen erfordern, die als abso­lute Werte von fragloser Geltung betrachtet werden können und müssen, die im Brennpunkt eines gemeinsamen Glaubenssystems stehen. Sie in Frage zu stellen – den gemeinsamen Glauben an das eigene, souveräne Kollektiv als einen hohen, wenn nicht den allerhöchsten Wert anzuzweifeln, be­deutet Abweichung, Treuebruch… .«187

Im Nationsbildungsprozeß Westeuropas, in der Funktion als ›Wir-Ideal in einem Zeitalter hoch­industrialisierten Massengesellschaft‹ …

... »reichte bloßer Drill und Gehorsam gegenüber einem Fürsten oder militä­rischen Befehlshaber nicht mehr aus, um den Erfolg eines Landes in einem Machtkampf mit anderen zu gewähr­leisten. Hier ergab sich die Notwendigkeit, daß sämtliche Bürger, zusätzlich zu allen Fremd­zwän­gen, auch durch ihr eigenes Gewissen und ihre eigenen Ideale – also durch einen Zwang, den sie als Individuen auf sich selbst ausübten – dazu angehalten wurden, ihre individuellen Bedürf­­nisse denen des Kollektivs, des Landes oder der Nation, unterzuordnen und gegeben­en­falls ihr Leben in die Schanze zu schlagen.«188

Ebenfalls nicht für die polnische Gesellschaft zutreffend ist als grundlegendes Merkmal die ›Gleichzeitigkeit einer wachsenden Inter­depen­denz aller sozialen Klassen und einer per­manenten Spannung zwischen den Spitzen­grup­pen der Arbeiter- und der Mittelklassen‹ (S.193). Ebenso entfällt die Funktion des Appells an nationale ›Gefühle und Loyalitäten:

»In dieser Situation konnte der Appell an nationale Gefühle und Loyalitäten, die aus einer Viel­zahl von Gründen, vor allem im Zusammenhang mit Kriegen und einer Anhebung des Bil­dungs­niveaus durch staatlich kontrollierte Schulen und Heere, über die Klassengrenzen hinweg feste Wurzeln gefaßt hatten, innerhalb einer Gesellschaft als Hebel zur Beförderung sektionaler Inter­essen durch die eine oder andere der Führungsgruppen benutzt werden.«189

Geringe Ansätze hat es in der Phase der begrenzten Souveränität sowie staatlicher Existenz ab 1815 in Kongreßpolen gegeben. Es existierte ein kleines Heer unter polnischem Kom­mando und Verwendung nationaler Symbole. Nach der Niederschlagung des Novem­ber­­aufstandes 1931 erfolgte eine Rückstufung in ein Verwaltungsgebiet der Hegemonial­macht Rußland. Das polnische Heer wurde aufgelöst, die Nationssymbole konnten fortan nicht mehr als staatliche Symbole verwendet werden. Der zunehmenden Sichtbarmachung der fremden Macht, z.B. durch den Bau von Festungen - wie in Modlin bei Warschau oder in Zamosc - oder durch Verwendung von Symbolen des zaristischen Rußlands im diesem Tei­lungs­gebiet Polens auch bei der Bahn, der Post und in den Verwaltungen, stand die wach­sende antistaatliche Haltung der Nationverbunden mit der Verwendung von Nations­sym­bolen auf anderen Ebenen gegenüber.

Auf die seit 1993 in der Republik Polen durch Zuwachsraten des BIP gekennzeichnete Situation trifft Elias’ Gedanke zu, daß: ›nationalistische Glaubens- und Wertesysteme in hoch­ent­wickelten Ländern mit einem relativ hohen Lebensstandard … in der Regel rückwärts orien­tiert sind (ebd.).

Die Verwendung des Nationsbegriffes macht - auch bei zunehmender Dominanz von Symbolen der Moderne - eine Abgrenzung von den Nationalismen notwendig. Ein Problem bereitet die Übernahme des Begriffes ›Patriotismus‹. Er ist im deutschen Sprach­ge­brauch an den Staat geknüpft und drückt eine Loyalität zwischen Indi­viduen und der Figuration aus, der sie angehören. Elias vermeidet eine allgemein gültige Definition:

»Was aber Nationa­lis­mus heißt, ist in vielen Fällen einfach der Patriotismus anderer, und Patriotismus die eigene Form von Nationalismus« (S.198).

In Polen ist ›Patriotismus‹ eine nationsorientierte Haltung, die das politische Gefühl von 'Vater­land' impliziert. Der Verfasser neigte bisher zu der Definition des polnischen Na­tionalismus als eines 'Abwehr- Nationalismus', der gegen den preußisch-deutschen Nationa­lismus gerichtet war und ist, zumal in dessen chauvinis­tischer Ausprägung. Entsprechendes gilt für die antirussische Haltung in Polen.

Eine auf westmitteleuropäische Gesellschaften bezogene Darstellung des Nationalismus gibt Schieder:

»Der Nationalismus in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen als Nationalbewußtsein geistig  kultureller Art, als Nationalitäts- oder Nationalstaatsprinzip, als Nationaldemokratie National­im­perialismus, totalitärer National­sozialismus ist eine der stärksten dynamischen Kräfte der letz­ten anderhalb Jahrhunderte in Europa gewesen. Es war der Inbegriff der Erwar­tun­gen und Hoff­nungen ganzer Generationen, die im Nationalstaat die Vollendung ihres Per­sön­lich­keits­ideals sahen, und der wurde der Schrecken ganzer Völker, die durch nationalistischen Fana­tis­mus ihre Freiheit oder ihre Heimat verloren. Nicht als ob die Differenzierung Europas in Natio­na­le Kulturen, Nationalssprachen und schließlich Nationalstaates von Anfang an der Keim der Auf­lösung und Zersetzung der europäischen Welt getragen hätte, sie machte vielmehr das We­sen des Europäischen aus, das Jacob Burckhardt einmal als Discordia concors bezeichnet hat«.190

Die vom Staatsvolk unterschiedlichen Gruppen zu gewinnen und sie in eine ›Staats­nationali­tät‹ einzu­beziehen, ist so gut wie nirgends gelungen.191 Es kommt nach den Aus­füh­run­gen Schieders über die ostmit­teleuropäischen Staaten, die Nationalstaaten sein wollten, obwohl sie es objektiv gar nicht waren, ›von Serbien Griechen­land über Bulgarien, Rumä­nien, der Tschechoslowakei bis zu den Ländern der baltischen Randzone, die durch Sezes­sion aus Großreichen entstandenen‹ sind, nicht vor.192 Polen, das im 16. Jahrhundert einmal das größte Staatsgebilde darstellt, stellt ein Spezifikum dar. Es wird erwähnt bezüglich der revi­sio­nis­tischen Bestre­bun­gen Deutschlands während der zwanziger Jahre gegen über Po­len wie auch dessen Revisonismus an seiner Ostgrenze.193 Die nationale Abwehrhaltung z.B. in der polnischen Gesell­schaft wird von Schieder nicht gewürdigt. Er führt noch 1992 aus:

»…das Geschichts­denken wird nur soweit gestattet, als es den kommunistisch-revolutionären, russischen entgegensteht. … Es ist bedeut­sam, daß diese Geschichts­bilder offenbar vor allem da ihre nationalen Inhalte verlieren sollen, wo die Gefahr innerer Reaktionen gegen das System besonders ernst zu werden droht, so bei Polen und Tschechen.«194

Als für den politischen Dis­kurs gut verwendbar bietet sich Elias' Definition des Begriffes ›Nationalismus‹ an:

»Alles in allem erscheint (er) als soziologischer Stan­dardausdruck besser geeignet: Er ist flexi­bler; man kann von ihm leichtverständliche Ableitungen mit Prozeßcharakter bilden, etwa ›Natio­­na­lisierung des Empfindens und Denkens‹. In diesem Sinne, ge­reinigt von Untertönen der Zustim­­mung oder Ablehnung, wird er hier benutzt. Er soll einfach einen Aspekt einer breiten Umgestaltung bezeichnen, die bestimmte Staatsgesellschaften, als Teile einer bestimmten Macht­­balance-Figuration von interdependenten Gesellschaften, in einem bestimmten Zeitab­schnitt durchmachten. Er bezieht sich auf ein soziales Glaubenssystem, das latent oder akut die Staats­gesellschaft, das souveräne Kollektiv, zu dem seine Anhänger gehören, in den Rang eines obersten Wertes erhebt, dem alle anderen Werte untergeordnet werden können und manchmal in der Tat untergeordnet werden müssen.«195

Elias Verdienst besteht in einer Entmoralisierung des ›Patriotismus‹- wie des ›Nationalis­mus‹-­Be­griffes durch Gewinn einer erhöhten Distanz. Dadurch erfolgt zugleich die Ent­funk­tio­nalisierung als gesellschaftlicher Kampfbegriff.

2.2 ›Nation‹, ›Nationalismus‹, ›nationale Frage‹ - eine Auseinandersetzung mit linken Positionen

Es bietet sich aus zunächst methodischen Erwägungen heraus an, einen Exkurs zu unter­nehmen zur Darstel­lung des Nationsbegriffes sowie der Einschätzung des Nationalismus seitens west­deutscher linker Intellektueller. Der Vergleich mit Kühnl196 wurde gewählt, um eine zeit­geschicht­liche Spannungs­­­kon­stel­la­tion aus adäquater linker Position aufzuzeigen und um die Methode instru­men­­teller Ebenen ­zu verdeutlichen. Es handelt sich darum, die Position wie Einschätzung linker und zumeist macht­armer Intel­lek­tueller zu Staat und Ge­sell­schaft vergleichend zu betrach­ten. Dies soll geschehen u.a. auch angesichts der prinzi­piell kritischen Haltung gegenüber dem Nations­phänomen wie Nationalis­­musbegriff. Die Richtung dieser Kritik wird zumindest inso­weit sie auf den instrumentellen Charakter des Gegenstands bezogen ist, im Ansatz geteilt. Der Vor­be­­halt bezieht sich auf die nur begrenzt zum Ausdruck kommende Distanzierungsfähigkeit. Da es sich um einen Diskurs in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft handelt und der Bezug zur deutschen Geschichte eine erhebliche Spannung vorgibt, bleibt die Gefahr des Grat­wan­dels zwi­schen distanziertem Diskurs und tendentiell affektiv besetzter politischer Ausein­an­der­­setzung.

Der Nationalismus ist nach Kühnl eine Ideologie gegenüber den Massen. Er begründet dies u.a. mit dem Masseneinfluß z.B. durch die Landserhefte, die Jahrzehnte in Millionen­auflagen produ­ziert worden sind. Sie sind ganz auf 'action' und Emotionalität angelegt und haben die Funktion, 'Sympathie für Militär und Technik zu ent­wickeln' und über das An­sprechen von Nationalstolz 'Wehr­bereitschaft im Kampf gegen die Gefahr aus dem Osten' zu schaffen (S.52)197

Es ist zu fragen, inwieweit diese Schriften in ihren Methoden mit den Propaganda­instrumenten kom­mu­­nistisch beherrschter Systeme korrelieren. Nicht angeführt oder unter­sucht wird von Kühnl z.B. die Wirksamkeit entsprechender Ansätze in den einer Militarisie­rung198 der (eigenen) Gesell­schaft dienenden Broschüren in der DDR. Polen betreffend kann konstatiert werden, daß derar­tige Instrumente nur in der Wech­sel­be­zie­hung mit nations­orientierter Verklammerung wirken.199 Kühnl sieht den Bezug zur Erziehung von 'National­stolz' zum Resultat, daß nicht nach Inhal­ten gefragt wird, sondern danach, ob der Kampf für Deutschland geführt wird (S.53). Auch dieses müßte methodisch verglichen werden mit Ansätzen von kom­munistischer Ideologie und ihrer übernational bzw. inter­national orien­tierten Doktrin und der daraus abgeleiteten Propaganda.

Die Korrelation zur von Kühnl benannten Krise (des Kapitalismus) wie auch der 'Mas­sen­arbeits­losigkeit'200 ließen sich ebenfalls mit der permanenten 'Krise' sozialistischer Sy­steme ab den sieb­ziger Jahren vergleichen und dem dadurch induzierten Anti-Verhalten in den Gesellschaften der real­­sozialistischen Länder. Symbole dafür waren z.B. das 'EA' für 'element antisocjalistyczny'. Es wurde in Polen bis zum Kriegs­zu­stand z.B. auf T-shirts de­monstrativ getragen. Danach gab es das Symbol für die kämpfende bzw. auf Sieg setzende Solidarnosc.201 Erkennbar war in Polen eine Hinwen­­dung zu Symbo­lis­men, (Nationsmythologie, Heldenmythos, Messianismus) wie zu den symbol­haften und mys­ti­schen Ebenen des Katholizismus.

Konstatierbar ist eine gewisse Parallelität in der Methodik der auf der Basis des Anti­kapitalismus fußenden Linken, als deren Vertreter Kühnl gilt, zu Ansätzen kommunistischer Propaganda. Die Mechanis­men 'Betonung nationaler Identität' sowie das 'Deutschsein' (S.53) mit der daraus resul­tie­renden Ausgrenzung der Ausländer, findet durchaus ihre Ent­sprechung in den autoritären sozia­listischen Gesell­schaf­ten. Kühnls Beispiel, seine Verknüp­fung des Vorgehens junger SA-Leute gegen Juden und Kom­mu­­nisten als Aktivitäten des 'sozial aus der Bahn geworfenen Indivi­du­ums', das Aner­ken­nung in der Gemein­schaft findet, erfährt keine direkte Entsprechung.202

Es ist dabei das Spezifikum sozialistischer Gesellschaften am Beispiel Polens zu sehen, deren systemspezifische Symbole von den Menschen abgelehnt werden. Daraus resultiert die Bildung von Symbolen für Anti­haltungen, die Flucht in mytho­lo­gische 'Gemein­schaften' verbunden mit Nations­visionen. Es handelt sich um konkrete Sub-Figura­tionen in der Halb­legalität oder der von den Machteliten nicht erwünschten aber zwangs­läufig geduldeten Gruppen der Kirche oder ande­re Glaubensgemeinschaften.

Die Haltung der von Kühnl skizzierten Rechten gegenüber dem Ostblock hat seine Ent­sprechung in der kommunistischen Propaganda. Dies wird erwähnt, um deutlich zu machen, daß individuelle Entscheidungen, das Denken und Handeln der Gesellschaftsmitglieder zu­gleich im Zusammen­hang stehen zur erfahrenen Propaganda. Es ergibt sich ein möglicher ›Doppelbinder‹203 zwischen der vermit­tel­ten Propaganda und den Erscheinungsformen im gegnerischen Lager einerseits und damit in der Wahrnehmung von Propaganda und den entsprechenden Gegenwirkungen anderer­seits. Der Satz, ›Es gibt also einen Zusammenhang zwischen sozialer Krise und Sinnentleerung des Daseins‹ (S.54) ist direkt übertragbar auf die fundamentale Krise der sozialistischen Gesell­schaften, hier bezogen auf Polen am Ende der siebziger Jahre. Wenn auch der Krisenbegriff als dem Kapitalismus zugeordnet unspezi­fisch sein mag, so ist er gleichwohl treffend, obwohl er nicht alle Dimensionen der inneren Desolatheit der real­sozialistischen Gesellschaft erfaßt. Aus­druck für die Krise war z.B. der ab 1980 beginnende Zusam­men­bruch im Gesundheitssystem, der sich nach 1989 fortsetzte und auch das Bildungssystem erfaßte.204

Die Fortführung des Satzes ›... und der Bereitschaft zur Einordnung in die nationale Gemein­schaft‹ im Zeichen von Militär und Krieg andererseits, bezieht sich auf für die bun­des­deutsche Gesellschaft nicht re­prä­sentative Gruppen, kann also ebenso bei Vorliegen ent­sprech­en­der Macht­schwäche und Randstruktur in vergleichbaren Gesellschaften sei­ne Ent­sprechung finden. Auch ein methodischer Vergleich kann auf gegebener Ebene nicht geführt werden. Als Beispiel, respektive Gegen­­beispiel, sind Kühnls Ansätze aber geeignet und ihre Ein­be­zie­hung in die Betrach­tung von Nation und Nationalismus vertretbar.

Es muß darauf hingewiesen werden, daß eine Inter­de­pen­denz zwischen der Propa­gan­­­da­produk­tion seitens entsprechender Intellektueller und ihrer Wirkung in entsprechenden Gruppen vorliegt. Die kommu­nis­tische Propaganda wirkte sich z.B. im brutalen Vorgehen der ZOMO aus. War auch die übrige Bevölkerung nahezu affektiv resistent bzw. reagierte abweisend, so trifft auf die ZOMO die Resonanz der Propaganda durchaus zu. Die Ursa­chen wie Folgen des Vorgehens werden mit dem Staat und dem System assoziiert, so daß ein spezifischer Rückkop­plungs­effekt vorliegt, der die Gegner­schaft zum System evoziert.

Das Problem ist dabei, daß es in Polen vor 1989 zwar mündliche Darstellungen dieser Proble­matik gege­ben hat, Untersuchungen aber nicht möglich waren. Nach 1989 ist die Er­for­schung der Sozialstruktur der Partei und staatlicher Organisationen kaum gefördert wor­den.205 Man hat in schweren Fällen zwar straf­rechtliche Ermittlungen durchgeführt, eine juristische Aufarbei­tung erfolgt nur in äußerst geringem Maße, wenn, dann in politisch spektakulären Fällen, wie z.B. der Anklage gegen Rakowski im Zusammenhang mit dem versuchten Verkauf der Lenin­werft. Der Anspruch auf eine mora­lische Aufarbeitung wird überlagert durch neue spürbare Problem­lagen des Alltags. Eine dominierende Rolle spielen seit 1989 die Instrumen­tali­sie­rungs­versuche in den gesell­­schafts­politischen Machtkämpfen der Gegenwart.

Die Kühnl'sche Kritik an den Eliten (S.56) kann ebenfalls herangezogen werden. Die Vergleiche beziehen sich auf die Ebenen Methode und Funktion, nicht auf konkrete Inhalte. Die Ideologien haben im gegebenen Zusam­men­hang einen Leerformelcharakter, sie sind nicht falsifizierbar. Kühnl sieht eine Wechsel­be­zie­hung zwischen nationaler Identität, Natio­nalbewußtsein und den Eliten, insbesondere der jungen Intelligenz.

Auch die folgenden Gedanken lassen sich anwenden:

»Die gegenwärtige Diskussion über nationale Identität, neues Nationalbewußtsein usw. wen­det sich aller­dings nicht an die Massen, sondern sehr deutlich an die 'Eliten'. Doch zunächst ist der Adressat dieser Theo­rien die Intelligenz, die nun aber von sehr unter­schiedlichen Bedürf­nissen und Motivationen geprägt ist. Da ist zunächst einmal schon seit dem Ende der sechzi­ger Jahre eine starke Tendenz zur Abwen­dung von der herrschenden Politik und zur Suche nach linken Alternativen. Sie wurde wesentlich be­stimmt von den Erfahrungen der Demokra­tiege­fährdung im eigenen Land (Notstandsgesetze, erneute Vi­ru­lenz faschistischer Kräfte) und der impe­riali­stischen Politik gegenüber der Dritten Welt (Viet­nam­krieg, Schah-Regime). Antifa­schismus und Antiimperialismus – das waren die Grundelemente ihrer Welt­­an­schauung –, natürlich weiterhin ver­mischt mit Elementen der herrschenden Ideologie, insbe­son­de­re dem Anti­kom­munis­mus, der in die­sem Lande seit Jahrzehnten alle Poren des politischen Lebens durch­­­dringt. Diese zunächst noch von allerlei ultralinken Illusionen begleiteten Bewegungen gewannen ide­olo­­gische Konso­lidierung und stärkere Realitätsbezüge dadurch, daß die Ent­spannungspolitik und die sozial­­libe­ra­len Reformkonzep­te reale Erweiterungen für Verände­rungsbestrebungen anboten; und da­durch, daß zugleich die Arbei­terbewegung in der Bundes­republik und in anderen Ländern West­eu­ro­pas sich als eine soziale Kraft präsentierte, die Veränderungen nach links durchzusetzen in der Lage schien.«206

Das grundlegende Problem bei Kühnl besteht darin, die eigene Position als 'realistisch-lin­ken' - und damit als legitim definierten - politischen An­satz zu konkreten 'Veränderungen nach links' zu definieren, nicht aber den primär der Deskrip­tion dienenden Modellgehalt und damit den Ideolo­giecharakter einzubeziehen. Bei einem Aus­tausch seines Vokabulars ent­steht daraus für die polnische Gesellschaft die Suche nach nicht-sozialis­tischen Alter­na­tiven, nach neuen Reformvi­sionen, die als Charakteristikum der Solidar­nosc in hohem Maße eine Reproduktion vergangenen Utopiedenkens wie auch auf der Basis der aus der Analyse der Industriegesellschaft entstande­nen christlichen Soziallehre.207 Angestrebt wird die Herbeifüh­rung von Demokratie durch Ableh­nung der totalitären (kommu­nis­tisch­en) Herr­schaft, die Begegnung von durch politische Unter­drückung her­vorgerufenen Demo­kratiegefahren, ein­schließ­lich der Freilassung poli­tischer Gefan­gener.

Kühnl kritisiert z.B. die Besetzung der Funktionsstellen in der bundesdeutschen Gesell­schaft.

»Zwar blieben die Spitzenpositionen im Management der Privatwirtschaft, in den Hochschulen, bei Juris­ten und Ärzten in den Händen der konser­va­tiven Kräfte, 'doch in Schulen und Hoch­schulen, in den Mas­sen­medien, aber auch in den unteren und mittleren Bereichen von Justiz und Verwaltungen gab es z.T. tief­grei­fende Veränderungen.« (S.57)

Die Vorgehensweise nach machtabhängigen Loyalitätskriterien findet ihre Entsprechung in der VR Polen. Es sind überwiegend die mittleren Funktions­eliten betroffen.208

Als Definitions- und Deskriptionskriterium kristallisiert sich für beide Beispiele bzw. Systeme eine graduell begrenzte Partizipation der Kritiker an den Funktionen heraus, die mit entsprech­en­dem Machtanteil verbunden sind. Die 'Demokratisierungsforderung' wird zu einem Synonym für die Forderung nach Partizipation für Machtschwache. Je mehr die ei­gene Machtschwäche bewußt wird, z.B. anhand von Versorgungsschwierigkeiten für die Arbei­ter bzw. Werktätigen, und jüngere Wissen­­schaftler, um so schärfer werden die Forde­run­gen erhoben. Krise, Verun­sicherung, Arbeits­­losigkeit, d.h. die Bewußtwerdung der ver­steckten Arbeits­losigkeit, der permanente Wert­ver­lust der eigenen Währung, wie auch die damit verbundene auf­ge­staute Inflation.

In dem Maße, in dem die vom sozialdemokratisch orientierten Flügeln der Reformbe­wegungen getra­genen Hoffnungen abbauten und Umweltzerstörung etc. bewußt wurden, verschwanden die Alternativ­hoffnungen, die durch die Solidarnosc hervorgerufen wurden und in einer Euphoriewelle mündete, ebenfalls sehr bald - lange vor Zerschlagung der Soli­darnosc selbst. Vertrauen hat die Solidarnosc nach der Wiederzulassung nur begrenzt erhal­ten, sie konkurriert mit der etwas gleich starken Gewerkschaft OPZZ.

Kühnl begründet die Abwendung der Eliten mit dem Anstieg der qualitativen und quantitativen Bedeutung des Anteils der Höherqualifizierten. In der BRD betrug der Anstieg in den siebziger Jahren eine Steigerung von fünf auf zwanzig Prozent eines Jahrgangs. Seit einigen Jahren ist die Grenze von dreißig Prozent in den meisten Bundesländern überschrit­ten. Das Bild der sozia­lis­tischen Länder ist davon abzusetzen. Es trifft aber prinzipiell zu, wenn auch die Quali­fi­kationen nur begrenzt kompatibel sind. Zu den von Kühnl genannten Abwehrhaltungen gegen mögliches Eindringen von Nationalismen in die Positionen und Doktrinen der Linken soll nicht weiter Stel­lung bezogen werden. Die Kritik daran, all dem zu folgen, was gegen die sozialis­tischen Länder gerichtet ist, kann nur als eine gewisse Ignoranz oder eine Verdrängung eigener Involviertheit (in politische Doktrinen) dieses Vertreters der Linken in Westdeutschland erklärt werden. Seit dem Ende der real­sozia­list­ischen Regime ist der Stellenwert entsprechender Ansätze gesunken.

Der innere Widerspruch wird in den letzten Gedanken deutlich: Die starke Abwehrhal­tung gegen die 'herrschenden Klassen' und als Ziel die 'Friedenssicherung'. Es handelt sich um einen postu­lierten oder geglaubten, aber eindimensionalen Bezug. 'Friedenssicherung' ist primär Erhalt des Status quo, verbunden mit der Nichtanwendung physischer Gewaltakte. Damit ist die Zemen­tie­rung der vorhandenen Macht­balance gegeben - also der von ihnen so gesehenen 'herrschenden Klasse' und der von Kühnl nicht genannten über die Macht in Ost­europa verfügenden Perso­nen­grupppen.

Es bleibt die Konsta­tie­rung der Verschließung vor der Anwen­dung 'kritischen Denkens' gegen­über der eigenen Gruppe wie auch gegenüber sich selbst. Auch diese Situation findet sich in der Solidarnosc. Dort ist das Resultat die Postulierung von prinzipiell nicht konkre­tisierbarem bzw. definier­ba­rem 'moralischen Recht' seitens der nicht an der Macht partizi­pie­renden, also der zu­min­dest temporär Macht­schwachen. Sie verfügen bis 1989 nicht über die Macht sowie die Fähig­keit, Normen bzw. Recht zu setzen und durch Macht­teilhabe, sowie durch eine legitime Kontroll­ausübung, Teilpartizipation o.ä. Mechanismen zu wirken.

Kühnl fügt zwei prinzipielle Gruppen von Intellektuellen an. Erstens diejenigen, die die konkrete Macht­­­teil­habe anstreben und zweitens diejenigen, die eine von vornherein vorlie­gende Aussichts­losig­keit, die Unmo­rali­tät von entsprechender Machtausübung postulieren. Letzteres kann auch als eine gewisse Larmoyance der nichtbeteiligten Intellek­tu­ellen inter­pretiert werden. Außerdem hat es einen Leerformelcharakter. Es gilt für macht­ferne west­deutsche Intellektuelle - unabhängig von ihrem Status in beruflich gesicherter oder ungesi­cherter Situation und kann entsprechend auf polnische Intellek­­tu­elle - auch in der Emigra­tion - übertragen werden.

Für die polnischen Intellektuellen in KOR, ROPCiO etc. gilt eine spezifische Span­nungs­kon­stel­lation. Sie ist objektiv in damaliger Real- und Selbsteinschätzung machtlos.209 Ihr starker Utopie­glaube entspricht dem tradierten der polnischen Intellektuellen. Die be­troffenen Intellek­tu­ellen befanden sich am Ende der siebziger Jahre in einer erheblichen Ar­mutssituation verbunden mit sinken­der realer Prosperitätserwartung. Möglicherweise korre­liert der hohe Grad der Chancen­losigkeit, die Erwartung von keinem weiteren Absinken des eigenen Standards mit der Utopie und der Höhe der Erwartung. Man befand sich in der fata­len und oft deprimierenden Situation, nichts mehr verlieren zu können und nur noch gewinnen zu können Damit ist die Situation der Machtar­mut durchaus vergleichbar der Si­tua­tion im 19. Jahrhundert. Als wesentliches Unter­schei­dungs­kriterium bleibt der mangelnde Identifi­ka­tions­bezug der polnischen Intellektuellen in der Solidar­­nosc zu dem Staat als einer Figuration auf höherer Integra­tions­ebene von Gesell­schaft.

Für das deutsche Bürgertum bedeutete Nationalbewußtsein vor allem seit 1871die Identifikation mit dem National­staat. In Frankreich bedeutete es die Identifikation des ehe­mals revo­lu­tio­nä­ren Bürger­tums mit der Republik, die eine die Nation in den Staat integrie­rende und diese verkör­pernde Figuration. Die von Kühnl angeführte These, die Nation stelle eine besonders dichte so­ziale Kommu­ni­kation dar, müßte eine spezifische Auseinandeset­zung mit kommunika­tions­theo­retischen Ansät­zen erfordern. Diese kann und soll an dieser Stelle nicht geführt werden. Gleich­wohl wäre die Rolle der Kirche in ihrer Klammer­funktion als den Staat ersetzenden Körper­schaft auf kommu­ni­kationstheoretischer Ebene sehr disku­tie­rens­wert.

2.3 National und revolutionär

Im folgenden soll repräsentativ eine Darstellung über die Rolle der Nation in dem - revolu­tionären - Prozeß von 1980 aus der Phase nach der 'polnischen Wende' vorgestellt wer­den.210 Kula reprä­sen­tiert charak­­teristische Positio­nen polnischer Wissenschaftler. Er über­klammert in seiner Abhand­lung die wesent­lichen histo­rischen Phasen der Nations­geschichte. Kula mißt der real­so­zialistischen Phase keine spezifische Prägung des Habitus zu. Dadurch anerkennt er nicht die Möglichkeit einer Prägung der Gesellschaft über die Systemrealität. Er reduziert den Sozialis­mus auf etwas Nationsfremdes, das in nations­spezifischem Handeln über­wunden wurde. Kula, der als Wissen­schaftler durchaus in das System der VR Polen integriert war, verkörperte dadurch selbst die tradierte Praxis der polnischen Intellektuellen. Entsprech­endes gilt z.B. für Trzecia­kowski, einen Historiker der Adam-Mickiewicz-Uni­versität Posen, der ebenfalls dort seine Karriere absol­viert hat.211

Als Leitgedanke zum Einstieg in Kulas Abhandlung bieten sich folgende Fragen an:

  • Wann wendet sich die nationale Befreiungsbewegung gegen das herrschende politische System?

  • Wann kann die soziale Revolution die Herausbildung bzw. Befreiung der Nation fördern?

  • Wie können die spezifischen nationalen Charakter­eigenschaften eine Revolution hervor­rufen?

Zunächst leitet Kula den Begriff des Revolutionären von dem des Nationalen ab:212

Der nahende Untergang einer Nation bzw. eine bevorstehende Niederlage kann zwei Reaktio­nen hervor­rufen: Das herrschende System wird angesichts der Katastrophe gestärkt, alle Konflikte und nationalen Fragen werden für die Zeit des Kampfes vergessen sowie: eine schnelle Reform des Systems wird als Voraus­setzung gesehen, den Kampf zu gewinnen, deswegen wird das po­litische System in Polen schnell reformiert. … Die Verfassung vom 3. Mai 1793 mußte mög­lichst schnell beschlossen werden. Dadurch glaubte man, als Nation überleben zu können. Ende der 70er Jahre wurde die Krise des Systems und der Gesell­­schaft offenkundig, daher erfolgte 1980 ­der Versuch, das System zu stürzen bzw. zu reformieren, um als Nation bestehen zu kön­nen. … Die Vorbereitung zum Kampf bzw. eine Art Widerstand zu lei­sten, bestand in dem Ver­such einer ‘moralischen Erneuerung’ der Gesellschaft. Ein Symbol war Anfang der 80er Jahre z.B. die Propagierung des Verzichts auf Alkohol als ein Zeichen des Wider­standes, als eine Ab­gren­zung zu den ›Roten‹ bzw. den ›Russen‹. Es gab Aufschrif­ten in der Kirche, wie z.B. 'Trinkt nicht! Rettet die Heimat!'

Der Zustand einer Nation wird oft zur Ursache für den Beginn einer Reformtätigkeit sowie für soziale Verän­­derungen. Nachdem in den 70er Jahren die Kontakte mit Westeuropa möglich ge­worden sind, glauben die Polen, das herrschende System sei an ihrer Rückständigkeit schuld. Daraus resultierte der Wunsch, das System zu reformieren, um den ›ihnen gebühren­den Platz in Europa‹ zu erreichen. Alle Revo­lutionen, die das Ziel verfolgen, daß die Nation ei­nen ihr gebüh­renden Platz unter anderen Natio­nen einnimmt, haben etwas Gemeinsames. Sie streben die Ver­änderung des sozialpolitischen Systems und somit auch der Gesellschaft an. Andererseits heben sie insbeson­dere die nationsspezifischen Werte, die Traditionen hervor. In Polen war das z. B. 1980/81 der Wunsch nach einer allseitigen Moderni­sie­rung. Gleichzeitig erfolgte eine starke Besinnung auf die nationalen Werte.

Die national orientierten 'Modernisierungsrevolutionen' führen oft erst zum Entdecken bzw. dem Heraus­­kristallisieren nationaler Eigenschaften. Die nächste Situation, die eine sozialpoli­tische Veränderung möglich macht, ist die Situation 'politischer Leere', d.h. der Aufbau eines Systems von Anfang an, z. B. nach dem Wiedererlangen der Unabhängigkeit. In diesem Kon­text wird ein Fehler der Solidarnosc 1980/81 deutlich: Die Solidarnosc hat den Aufbau eines Systems von Anfang an, von der ›Stunde Null‹ propagiert, so als gäbe es keine Institutionen des gestürzten Systems.

Der nationale Befreiungskampf führt, so Kula, mit großer Wahrscheinlichkeit dann zur so­zialen Revolution, wenn die sozialen und nationalen Klassenstrukturen identisch sind, d. h. ›die Nation wird unter­drückt, die Fremden sind die Unterdrücker.‹213 Kula hebt die große Rolle der Intelligenz (inkl. der Studenten und Offiziere) in den national gefärbten Revolu­tionen hervor. Die Intelligenz gilt als ›Symbol des Widerstandes‹.

Der Einfluß der Intelli­genz auf die sozialen Veränderungen war bereits mit dem 19. Jahr­hun­dert sehr stark. ›Im 19. Jahr­hundert war die Intelligenz der stärkste Kämpfer für Demokratie und Freiheit‹ (S. 228). Im Jahre 1980 hatte die Intelligenz - auch eine sehr aktive Rolle. Walesa sprach damals davon, daß der Drang der Intelligenz, in der Solidarnosc mitzuwirken, ›mit blo­ßem Auge‹ zu sehen war (S. 229). … Das KOR und die Zeitschriften 'Robotnik' und 'Robotnik Wybreia' sind dank der Intelligenz entstanden. Im August 1980 erfolgte die Unter­stützung bei der Ausarbeitung von Postulaten, ihrer Form und Verbali­sie­rung, die Postulate selbst kamen aber von den Arbeitern.214 Dank der Intelligenz ist die Bewegung Soli­darnosc ein Anliegen der ganzen Nation geworden. … Die Intelligenz ist meistens die erste Gruppe, die - dank ihrer Aus­bildung und vor allem dank der Kontakte mit dem Ausland - die Rückständigkeit des ei­genen Landes bemerkt. Die Diskrepanz zwischen der guten Ausbildung und dem Fehlen der Perspek­ti­ven war im Falle der Intelligenz besonders deutlich. Die Intelligenz kann nur dann zu einer wirklichen Kraft werden, wenn sich ihr auch andere Gruppen anschließen.

Im folgenden leitet Kula die ›Bildung der Nation‹ aus dem Revolutionären ab.215

Wie kann ein sozialer Konflikt zur Herausbildung einer Nation führen bzw. eine Nation beein­flussen und stärken, die Entwicklung von der sozialen Revolution bis hin zur nationalen Revo­lution. … Die Solidar­nosc in Polen ist ein Beispiel der Akzentverschiebung von sozial­poli­tischen zu nationalen Aspek­ten der Bewegung. Die Solidarnosc repräsentierte nicht eine soziale Gruppe, sondern die ganze Nation und er­streckte ihre Postulate auf die ganze Nation. Die Ereig­nisse vom August 1980 wurden als National­­auf­stand bezeichnet, als ein Glied in der Kette der nationalen Auf­stände (vom Kosciusko-Aufstand bis hin zum Warschauer Aufstand. Es er­folgte die symbo­lische Anknüpfung an nationale (nicht soziale) Feier­tage und Symbole. 1970/71 und 1976 gab es dagegen fast keine nationalen Akzente. Bis 1980 war der nationale Ton in der Opposition niemals dominierend. In der Entwicklung der Solidarnosc erfolgte eine Akzent­ver­schiebung des Gegen­satzes: Gesellschaft - Regierung zum Gegensatz: Nation - Regie­rung. Ende der 80er Jahre (ab ca. 1988) läßt diese nationale Welle allmählich nach. Die Ereignisse von 1980/81 werden nicht mehr als ›ein Aufstand der unterdrückten Nation gegen die fremde Macht‹ be­zeich­net, sondern als ein politischer Kampf um die Rechte der Gesell­schaft. Es er­folgt eine Akzent­ver­schie­bung von der ›Gemeinschaft der Nation‹ in Richtung der ›Gemein­schaft der Gesellschaft‹.

Kulas Position zeugt von hoher eigener Nations­identität. Die Involviertheit in die eigene Nation war und ist ein erfahrbares Phänomen aller polnischer Intellektueller. Es läßt sich aus der beson­deren Rolle der Intellektuellen im Eintreten für die Befreiung bzw. die Rechte der Nation ableiten und andererseits aus der Tatsache, daß die Nation nicht moralisch diskredi­tiert ist und das Eintre­ten für die Nation als patriotische Pflicht kollektiv verinnerlicht ist. Dieser Grad an Involviertheit ist für Westeuropäer, insbesondere Deutsche, die dem Natio­nal­gedanken aus histo­rischen Gründen fern stehen und gegebenenfalls im Europagedanken eine über den ökono­mischen Ansatz hin­ausgehende moralisch anstrebenswerte Kategorie sehen oder auch inter­nationa­listisch orientier­ten Positionen nahestehen, schwer nachvoll­ziehbar.

Das Beispiel Polen stellt ein Spezifikum einer Revolution mit starker nationaler Motivation dar. Die Zuge­hö­rigkeit zu einer Nation hat die Funktion eines Primates gegenüber der Zugehörig­keit zu einer sozialen Gruppe. Des­wegen ist die Motivation zum Kampf um die nationale Frei­heit stärker als zum Kampf um die soziale Freiheit. Die nationale Unterdrückung ist deutlicher spürbar als die soziale. Die national gefärb­ten Revolu­tionen beschränken sich nicht auf eine Gesell­schafts­gruppe, sie umfassen die ganze bzw. fast ganze Nation. 216

Kula formuliert die These, daß das Nationale das Revolutionäre determiniert.217

Die Geschichte einer Nation (von sozialer Gruppen) bestimmt den Verlauf aller von ihr (ihnen) geführten Kämpfe, insbesondere der Revolutionskämpfe. Jede revolutionäre Bewegung ist in der Geschichte be­grün­det, auch wenn sie sich von der Geschichte abgrenzt bzw. sie verneint. In Polen hat man bei je­dem Nationalaufstand der vorhergehenden Aufstände gedacht (z. B. August 1980 wurde als eine Fort­set­zung der Aufstände 1830, 1863, 1956, 1968, 1970 gese­hen. Die wichtige Rolle der Intelligenz in der Geschichte Polens war teilweise in der sozial-wirt­schaft­lichen Struktur des Landes, teilweise in der tradi­tio­nellen Aktivität dieser Gruppe begrün­det (S. 323). Die starke Tradition des Kampfes in Polen führte dazu, daß der Kampf um die Freiheit als ein 'Normal­zustand' empfunden wurde. Die Ereignisse vom August 1980 waren also eine Etappe des Freiheitskampfes. Die Arbeit im Untergrund nach 1981 war auch in der Tradition aus der Kriegszeit begründet.

In seinen Schlußbemerkungen weist Kula darauf hin, daß seine Abhandlung einen Versuch dar­stellt, bestimmte Gesetz­mäßigkeiten aufzuzeigen und anhand von Beispielen zu verdeut­lichen. Er weist aber auch darauf hin, daß man auch Beispiele finden kann, die genau das Gegen­­­­­teil von den aufgestellten Thesen beweisen würden.

3. Teil: Überlegungen zu: Soziogenese des Staates in Verbindung mit dem Prozeß des Kampfes um den Erhalt und die Neudefinition der Nation als Anwendung der Zivilisationstheorie auf Polen

Folgende historische Schlüsselfragen sind immanent enthalten, können aber nicht vertieft wer­den.

  • Warum ist der Mechanismus der Zentralisierung in Polen im 17./18. Jahrhundert nicht erfolgt?

  • Welches (historische) Interdependenzgeflecht hat die Bildung der Zentralinstanz bzw. die Her­aus­bildung einer zentralen Machtinstanz verhindert?

  • Aufgrund welcher sozialhistorischer Paradigmen bildete sich das Wahlkönigtum heraus, das zur Schwächung des Staates beitrug?

  • Was bewirkte das Einpendeln der Machtbalancen in der Adelsgesellschaft?

3.1 Historische Überlegungen

These: Man war im Prozeß der Soziogenese des Staates im Vergleich zu Westeuropa zeitlich um mehr als eine 'Phase' zurückversetzt.

Das Land war im Mittelalter weni­ger dicht bevölkert. Der Adel konnte den Reich­tum natural­wirt­schaft­lich durch Urbanisierung mehren. Der Unterlegene in nach­bar­schaftlichen Kämpfen konnte nach Osten auswei­chen. Deshalb war der Antrieb, sich auf Kosten des Nachbarn zu vergrößern, im Vergleich zu Westeuropa im wesent­­lichen nicht gegeben. Die aus dem west- und mittel­euro­pä­ischen Raum heraus erfolgende 'Ost­­kolo­ni­sation' bedeutete neue Ein­­nahme­quellen für den pol­nischen Adel durch Verkauf von Land sowie spätere Steu­er­ein­nah­men bzw. Abga­ben der (neu angesiedelten) Bauern und Handwerker. In den ostpolnischen Regionen befanden sich große dünn besiedelte Räume,218 so daß die Groß­grundbesitzer auf der Basis der Natural­wirt­schaft219 bis zum Dreißig­­jährigen Krieg recht hohe Ein­nahmen hatten. Die Herausbildung einer zen­tralen Macht war nicht vonnöten und damit auch keine militärische Spezialisierung und Tech­ni­sierung.

3.2 Dezentralisierung und Ausübung physischer Macht in der Szlachtagesellschaft

In Westeuropa veränderte sich die Kriegstechnik dagegen im fort­schrei­tenden Staats­bil­dungs­prozeß, vor allem im Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg, mit dessen Ende zugleich das Ende der eigen­stän­digen und von den Truppen­kommandeuren besoldeten Heerhaufen ein­trat. In Polen war das nicht der Fall. Der König verfügte im 17. und 18. Jahr­hundert nicht über das Heer. Er war nicht Inhaber und Reprä­sentant der Zentralmacht. Die Dezentralisierung kann als charak­teristisch angesehen werden für die Psychogenese und Sozio­genese der Nation. Die zen­trifugalen Kräfte haben ein deutliches Übergewicht gegen­über den zentripetalen.

Die Kriegstechnik der polnischen Armee war bis zum Ende des 17. Jahrhunderts auf ei­nen groß­räu­migen Einsatz in breiter Front ange­­legt. Man war (ist bis heute) stolz auf die Kavallerie, die Husaren und Ulanen.220 Gegen eine verbesserte Artillerie und weittragende Gewehre mußte diese Kampftechnik scheitern.221

Die Niederlagen gegen die Schweden waren wesentlich darin begrün­det, daß kein ge­schlossen geführtes Heer zusammengestellt werden konnte. Es hing von der indi­vi­duellen Entscheidung des jeweiligen Woi­wo­den ab, inwie­weit die Woiwodschaft Truppen­kontin­gente aufstellten, die sie dann selbst finanzieren mußten. In der Regel waren die Woiwoden wohlhabende Schlachtzizen. Sie, die zugleich über Groß­grund­besitz verfügten, hatten kein Interesse an der Stärkung einer Zen­tral­­instanz und damit einer Erhöhung ihrer Macht. Das hatte die fatale Folge, daß die diszipli­nier­te und schlagkräftige schwe­dische Armee in den sechziger Jahren des 17. Jahr­hunderts nicht aufgehalten werden konnte. Diese war im Drei­ßigjährigen Krieg geschult worden und dadurch kriegs­technisch völlig überlegen.

Der Legendenbildung entsprechend wird kolportiert, daß Maria, die Mutter Gottes, ihre Hand über Tschen­stochau gehalten habe. Der historische Sachverhalt war, daß die be­lagernden Schwe­den durch das Herbstwetter und die damit ver­bundene Begünstigung von Infektions­krank­heiten auf­grund der unzu­reichen­den hygie­nischen Verhältnisse beeinträchtigt waren. Der ent­schei­­dende Grund aber war, daß die polnischen Truppenteile sich wieder gesammelt hatten und nach Art der Guerilla die Schweden auf deren der Truppen­ver­sor­gung dienenden Streifzüge ver­stärkt erfolg­reich angreifen konnten. Diese Praxis des Gueril­la­krie­ges hatte sich in den Schwe­den­kriegen aufgrund der Kriegs­lage herausgebildet und zu begrenz­ten Erfolgen geführt. Dadurch wurde ein stehendes Heer nicht notwendig. Die pol­nische Stärke bestand in der sich im Verlauf des Krieges gegen die Schweden her­aus­bilden­den Guerillataktik. Diese Taktik, das Operieren in kleinen beweg­lichen Einheiten, entsprach dem Prinzip des Dezentralismus in der Adels­­gesell­schaft. Die aus der Not­situation heraus entstandene neue Taktik hatte sich 'bewährt'.

Das Beispiel macht deutlich, daß die Szlachta in der Zeit nationaler Bedrohung, also im Zustand höchster nationa­ler Bedrängnis, durchaus zu ent­sprech­enden Taten und Leistungen fähig war. Sie war aber nicht in der Lage, ihr Dezen­tra­li­sie­rungs­­prinzip selbst aufzuheben. Nach Ende des Schwe­denkrieges, mit dem Frieden zu Oliwa 1660, setzte sich der Nieder­gang der Adels­gesell­schaft fort. Der glori­fi­zierte Einsatz polnischer Husaren vor Wien 1683 führte nicht zu einer Stär­kung des Königs und dadurch nicht zur Förde­rung der Zentral­macht. Nach dem letzten erfolg­reichen Feldzug gegen die Türken 1691 erfolgten 1692 Frie­dens­verhandlungen, die auf dem Sejm von Grodno beraten werden sollten. Der am 31.12.1692 eröffnete Reichstag 'wird zerris­sen'. Der Grenzkrieg gegen die Türken schleppte sich hin. Am 17. 06. 1696 starb der seit Jahren kranke König Johann III. Sobieski.222 Mit der Wahl des Kurfürsten August von Sachsen223 1697 be­gann eine neue Phase der Adels­repu­blik, die ihren Niedergang beschleunigte.

Die Schwedenkriege offenbarten die gesellschaftlich und in der Folge physisch wie politisch schwächere Macht Polens gegenüber den sozio­genetisch fortge­schrittenen Nach­barstaaten. Durch das (gegenseitige) Agreement des Adels - verbunden mit dem Prinzip der Einstimmigkeit - konnte der Mechanismus der phasen­verschobenen Soziogenese des Staates durch Heraus­bil­dung und Fertigung der Einherrschaft nicht erfolgen. Die ca. fünfunddreißig Jahre dauernde Herr­­schaft der Sachsenkönige führte zu einer weiteren politischen und mili­tärischen Schwächung durch Verfestigung der Dezentralisierung.

Anstelle einer mittelalterlichen Kriegerkaste wie in Westeuropa hatten sich in Polen die besitzen­den Bauern zu einer saturierten und gut leben­den Schicht von Landadligen entwic­kelt, die ihre Lebens­weise regional und damit dezentral sich selbst gegenüber legitimierten. Die Bildung von Konfö­dera­tionen - auch gegen den König - waren im Selbst­ver­ständnis der polnischen Adels­ge­sell­schaft moralisch nicht diskredi­tiert. Zwar verloren die Mitglieder der unter­legenen Partei ggf. ihre Ämter und partiell ihre Pfründe,224 es war aber die mildeste in Europa denkbare Behandlung unterlegener Gegner. Eine Abstrafung, verbunden mit Enteig­nungen oder körperlichen Strafen, fand nicht statt. Die zur unterlegenen Partei gehörenden Adligen kehrten auf ihre Güter zurück und genossen das Leben oder 'malträtierten' die von ihnen abhängigen Bauern.

3.3 Die Bedeutung der Marienverehrung

Die Soziogenese des Staates war noch nicht so weit fortgeschritten, daß man das Vaterland geographisch definieren konnte. Als Ersatz für die Zuordnung auf den Einherrscher kann der sich herausbildende Marienkult gelten. Maria, die Mutter Gottes, war die von der ge­samten Nation anerkannte Königin der Krone Polens.225 Der Ausbildung und Fertigung der zentralen Macht in West- und Mittel­europa mit der zunehmenden Bedeutung des Einherren und der Konzentrierung der Macht in seiner Person ent­sprach in Polen die symbolische Zu­ord­nung der 'höheren' Macht auf die Königin.

Der realen Machtkonzentration im Absolutismus in der Person des Königs entsprach dadurch in der Rzecz­pos­polita eine Aufspaltung der Ebenen: Die visionäre Konzentration auf die unan­fecht­bare und moralisch saubere Königin. Sie war das Symbol der Einheit der Nation auf höherer Ebene. Auf der unteren Ebene befindet sich der wirkliche König. Es gab nur männliche und schwache Könige seit der Mitte des 17. Jahr­­hunderts. Der skizzierte Sachverhalt kann im Zusam­men­­hang mit der symbolisch bestärkten tenden­tiellen Matriar­cha­li­sierung der polnischen Gesell­schaft gesehen werden.

Weder der König noch der Staat stellten die ideellen Kristalli­sa­tions­punkte (Identi­fika­tionskerne) dar, sondern die Nation und das Vaterland. Beide sind visio­näre bis mystifi­zierte Begriffe, vor allem nach Verlust der staat­lichen Unabhän­gig­keit.

3.4 Folgen der Dezentralisierung

Die Dezentralisierung hatte machtspezifische, militärische, ökonomische und wissen­schaftli­che Folgen. In der Adelsgesellschaft, verbunden mit einer Situation des gehemmten, bzw. partiell retardierenden Staaten­bil­dungsprozesses, der sich durch Stag­nation und relative Vergrößerung des Abstandes zu den Nachbarn auszeichnete, konnte die Förder­ung von Ökonomie und Tech­no­logie nicht wie in Westeuropa, insbesondere Frank­reich und England, erfolgen. Das Beharren auf der Natural­wirtschaft, die Kon­ser­vierung der Prinzipien des 'guten Lebens', ohne an der gesell­­schaftlichen Fort­ent­wicklung mitzuwirken sowie das Kon­kurrenz­prin­zip zu akzeptieren, führte zu einem relativen Rückschritt.

Die wohlhabenden Familien konnten ihren, vor allem im ›Goldenen Zeitalter‹, das auch erheblich das städtische Bürgertum begünstigte, natural­wirt­schaft­lich bzw. durch den Han­del (mit Getreide) erworbenen Reichtum in Statussymbole umset­zen. Als hervorra­gen­des Beispiel gilt der Bau der Stadt Zamosc im Renaisse­­ance­stil. Diese Stadt wurde von der Mag­naten­familie Zamoyski erbaut und ihr Name vom eigenen Familien­namen abgeleitet. Das städtische Bürgertum hatte sich zur Demon­­stra­tion seiner wirtschaftlichen Prosperität und gesellschaftlichen Macht Statussymbole in Form von im Renaissance­stil erbau­ten Rat­häu­sern gesetzt, z.B. in Posen, Hohen­salza und Kulm.

Diese Förderung der Kultur - man ließ europäische Künstler und Architekten kommen und hono­rierte deren Leistungen - bedeutete zugleich eine symbolhafte Zurschau­stellung von durch Natu­ralwirtschaft und Handel erworbenem Reichtum. Bezüglich eines innerge­sell­schaftlichen Fort­schrittes in ökonomisch-technologischer Hin­sicht erwies sich dieses als kontraproduktiv. Der Reichtum wurde nicht volks­wirt­schaftlich sinnvoll genutzt, vergleich­bar der Bildung von Manufak­tu­ren in Frankreich und den Niederlanden. Das erwor­bene Kapital wurde in der Regel kon­sump­tiv umgesetzt. Entsprechend dem ökonomischen und noch mehr dem staats­spezifischen Den­ken in Frank­reich oder dem an Sparsamkeit orientier­ten Denken Preußens im 18. Jahr­hun­dert, stellte dies eine Ver­schwendung dar. Das 'genuß­süchtige' Leben des polnischen Adels fand sich in den ent­sprechenden Stereotypen der Nachbarn, wie z.B. der Polnischen Wirtschaft226 wieder.

Die Bildung des modernen Staates, der eine zunehmende Rolle in der ökonomisch-technischen Entwicklung inne­hatte, konnte nicht erfolgen. Diese Entwicklung wurde in der Adels­­gesellschaft durch die Wahlkönige und deren Funktionsträger verhindert. Nach Ende der Sachsenherrschaft wies man auch deren Funktions­trä­ger aus. Man machte ihnen polni­scherseits den Vorwurf, an der Ausplünderung des Landes partizipiert zu haben.

3.5. Teilungszeit

Die Schwäche Polens im 18. Jahrhundert, die in den Teilungen des Landes von 1772 - 1795 ih­ren Niederschlag fand, beruhte wesentlich auf der Nichtausbildung ei­ner Staatsgesell­schaft, ver­bun­den mit individualistisch bestimmter Lebensweise der Szlachta. Letzteres war möglich, weil sie nicht durch Fremd­zwänge aufgrund einer Zentralmacht behindert werden konnten.

Der Kampf gegen die Teiler­mächte erfolgte auf der bisherigen Ebene mit den tra­dier­ten Metho­den. Es ist hinzuzufügen, daß die betroffene Funktionsträgergruppe am Hofe im Ver­hältnis zu den absolutistischen Höfen relativ klein war, da der König eben nicht über das Steuer­erhe­bungs­monopol verfügte. Aus informell verbun­denen Adligen, unterstützt von Bauern, bildeten sich Kampf­gruppen heraus, die Auf­ständischen. Da sie dezentral operier­ten, vor allem in den Wäldern des Ostens, dauerte die Niederschlagung durch das zentral geführte zaristische Heer ent­sprechend lange. Charakteristisch sind die Glorifizierungen der Anfangs­siege gegen die relativ schwachen Besatzungstruppen. Diese bestanden zudem oft aus Rekruten.

Eine besondere Funktion maßen dem die Schlachtenmaler bei. Jan Matejko und Juliusz Kossak veran­schau­­lichten die Größe der polnischen Geschichte, Grottger die Zeit der natio­na­len Nie­der­lage, Malczewski das polnische Matryrium. Wojciech Kossak (und seine Schule) schuf Hunderte von Schlachtengemälden aus der Zeit der Napoleonischen Kriege und der Aufstände sowie senti­mentale Szenen, die Ulanen oder Mädchen, Gutshöfe oder Katen, Jagden und Vergnügungen darstellten.227

3.6. Nation und Nationserhalt

Die Nation war in Deutschland als Einigungsvision des Bürgertums herausgebildet worden. In Frankreich war die Einbeziehung des Bürgertums 1789 mani­festiert. Die Nation stellte (in Frank­reich wie in Deutsch­land) eine visionäre Betrachtung einer maßgebenden Bevölke­rungs­gruppe dar und bekam dadurch eine spezi­fische Funktion: Die anderen (Arbeiter, Bau­ern) durften der Illusion unterliegen, teil­zuhaben - zumin­dest sollen sie es glauben. Der Kampf um Bauern­befrei­ungen und Reformen, die Gegenstand der Ausein­an­dersetzungen sind um die Konfödera­tionen von Bar (1768) und Targowica (1792), sollten ausgeklammert werden. Der Nations­begriff hatte die Funktion als visionäres Diszipli­nierungs­­mittel. In Polen gilt seit­dem für die betroffenen Grup­pen: Durch Partizi­pation am nationalen Vertei­di­gungs­kampf darf man sich als der Nation zugehö­rig fühlen. Die Verinnerlichung in der Gesell­schaft erfolgt in einem langsamen Prozeß.

Eine besondere Rolle hat in diesem Zusammenhang der polnische Katholizismus in der Ver­mitt­­lung des Gefühls der Zugehörigkeit zur Nation als nationale Klammer bekommen. In der Teilungs­zeit verlor der Adel, der bis dahin ausschließlich die Zugehörigkeit zur Nation definiert hatte, in bestimmten zeitlichen Schüben an Macht. Die Definition, Pole zu sein, erfolgte zuneh­mend über die Zugehörigkeit zum katholischen Glauben.228 Dieses gewann ab dem Kosciuszko-Aufstand 1793/94 an Bedeutung. Gleich­zeitig zum abneh­men­den Einfluß des Adels aufgrund des Ver­lustes seiner Macht­quellen erfolgte eine Einfluß- und Macht­zu­nahme des Katho­li­­zis­mus. Dies hatte seine Auswir­kung auf die Definition der Nations­zuge­hörigkeit.

Der Katholizismus unterscheidet sich wesentlich von der Orthodoxie durch seine über­nationale und  staatliche Einordnung. In den Beispielem Rußland, Serbien und Grie­chen­land handelt es sich um regionale, national begrenzte Kirchen. In Polen wurde der Staat während der Teilungs­zeit als rechtliches bzw. organisatorisches Gerüst durch die katholische Kirche ersetzt, in der die Ange­hö­rigen der alten Macht­eliten, verbunden mit einem Intellektualisie­rungsschub, zu­nehmend Funktio­nen ein­nahmen. Dadurch stellten sie den Kern der Funk­tionseliten in Polen dar. Diese Organisation war u.a. aufgrund ihrer über­nationa­len bzw. globalen Aus­deh­nung und ihres fernen Macht- und Ideologiezentrums nicht angreifbar. Sie war nicht zerstörbar, da eine glaubens­spezi­fische Verankerung vorlag, die sich bei Verschär­fung des Außen­drucks nach innen verstärkte.

Es kann folgende These formuliert werden: Die Besetzung der Funktionsstellen in der Kirche hat zur Stabilisierung der gesamten Gesell­schaft beigetragen. Sie war geradezu ein Herrschafts­in­stru­ment bzw. eine Herrschafts­not­wen­dig­keit. Die Kirche konnte aber auf­grund des fremden Zentrums (Rom) keine Macht­gruppe in der Gesell­­­schaft begünstigen. Auch in diesem Zusam­men­hang ist auch der Sachverhalt einzubeziehen, daß im 18. Jahr­hundert keine starke polnische Zentral­macht existierte.

Während der Aufstände funktionierten die zuvor z.T. im Untergrund vorbereiteten Re­gierungen und damit der jeweilige Staat gut. Gleiches gilt für die Zeit des Zweiten Welt­krieges. Man kann dieses nicht nur als einen Staatsersatz bezeichnen. In Polen hebt man die Existenz des funktio­nie­renden Untergrund­staates hervor. In dieser Phase wirkte erkennbar ein äußerer Zwang, der die dezentralen Individualtendenzen in der Gesellschaft in den Selbstzwang der (heroischen) Teil­nahme an den Aufständen und den napoleonischen Krie­gen (dort als Funktion im Kampfe um die Wiederer­lan­gung der Unabhängigkeit229 Polens) umsetzte.

Es gab keine einvernehmliche und eindeutige Definition des angestrebten Zieles dieser Wieder­er­­lan­gung. Józef Poniatowski und seine Offiziere haben zusammen mit polnischen Bauern und Bürgern gekämpft. Ihre Motive waren bezüglich der gesell­schaftlichen Span­nungsfi­gu­ra­tion kon­trär: Restitution der Adels­herrschaft gegen­über der Macht­­zu­nah­me des Bürgertums und Verbes­serung der recht­lichen und sozialen Lage der Bauern. Man kann wohl die Zielebene klar und kon­sens­fähig betrachten: Freiheit und Unabhängigkeit als prin­zipielles Ziel. Die Frage der inneren oder äußeren Freiheit bleibt sekundär. Es gibt keine einvernehmliche Definition, die als inner­ge­sell­­schaft­licher Ausgleich verstanden werden könnte. Die Spannungskonfiguration aus der Zeit vor den Teilungen bestand weiterhin. Die Nation aber war deshalb nie substantiell gefährdet, weil die entschei­denden Voraussetzun­gen - der Wille zur Behauptung seitens der sie tragenden Eliten und letztlich der gesamten Gesellschaft - zu ihrem Erhalt vorlagen und verteidigt wurden.

Die Königin230 war als Symbol der Herrschaft und Einheit der Nation gegenwärtig. Diese Königin war zugleich prinzipiell unangreifbar. Die mentale Beziehung der Bevölke­rung nahm zu, je stärker die Repressionen wurden. Auch in den entsprech­enden historischen Bei­spie­len nahm diese Bezie­hung je nach Intensität oder Bruta­lität, den Formen der Re­pressionen der Macht­aus­übung der Fremd­herren zu. In diesem Zusammenhang ist auch die Sakrifizierung der Lenin-Werft im August 1980231 zu sehen. Dadurch erübrigt sich die Frage nach der bewuß­ten und geplanten Aktion zur Sakrifizierung. Diese ist Gegen­stand eines affekt­be­setzten und verinnerlichten religiö­sen Rituals.

Die Nation behauptete sich durch Verlagerung bzw. Ausweitung der Definitions­kri­te­rien. Der Staat stellte keine unabdingbare Voraussetzung für ihre Exi­stenz dar, sie brauchte deshalb auch nicht als Staatsnation zu existieren. Zugleich ver­hinderte dieses Interdepen­denzgeflecht einen möglichen Entwicklungsschub zur Staats­gesellschaft. Bei Bedrohung verlagerte sie sich jeweils in die per se unangreifbare psychisch-mystische Ebene und ver­stärkte sich dadurch bei zuneh­men­der Bedrohung von Bruta­li­tät und Terror der Fremdherr­schaft.

Der ideelle Kampf konnte auf kultureller Ebene im Ausland im Exil ausgetragen wer­den. Die pol­nische National­literatur232 hat im 19. Jahrhundert im wesentlichen die Funktion gehabt, den Kampf für Freiheit und Unab­hängigkeit sowie die Abwehr der gegnerischen Kultur (Religion) auf literarischer Ebene psychisch zu führen.

Polnisch hatte als Schriftsprache bereits im 16. Jahrhundert eine große Bedeu­tung er­langt. Diese war in Osteuropa höher ausgeprägt als die des Russischen oder des Deutschen. Das Ukraini­sche, Weiß­rus­sische, Tschechische und Slowakische waren bis ins 19. Jahr­hun­dert hinein slawi­sche Bauern­dialekte. Sie wurden erst im Laufe der psy­chisch­en Nationsbil­dungsprozesse des 19. Jahr­hun­derts zu Schriftsprachen.

3.7 Gegenwart

Die mentale Ablehnung des 22. Juli als Feiertag hatte folgende Gründe: Er galt als Symbol für die Instal­la­tion kommunistischer Herrschaft am 22. Juli 1944 in Lublin. Dieses wurde zudem als Macht­­aus­übung durch die Sowjetunion verstanden. Man glaubte den polnischen Kommunisten nicht, die Unab­hän­gigkeit erreicht zu haben. Man nahm den Tag wohl als arbeitsfreien staatlichen Feiertag hin, akzep­tierte ihn aber nicht als nationalen Feiertag.

In der Überzeugung der Menschen war der kommunistisch regierte Staat nicht ver­in­nerlichbar. Über ihn konnte sich deshalb der Prozeß zur Bildung einer Staats­gesellschaft nicht entwickeln. Die Ablehnung bezog sich auf den Staat generell, zudem speziell auf den kommunistischen Staat. Aufgrund des äußeren Zwanges hatte es zwar einen erheblichen Entwicklungsschub gege­ben, der durch viele neue Symbole unter­mauert werden sollte. Nach Wegfall dieses Fremd­zwan­ges erfolgte sofort ein Rückschritt in den mentalen Zustand 'ante'.

Erst nach Abklingen der Affektsituation, der Installierung neuer Herrschaft seit 1989, des Wech­sels im Macht­zentrum des Staates, erfolgt durch den - wiederum von außen als scheinbar öko­nomischen Sachzwang - oktroyierten Adaptionsprozeß an die EG/EU - mög­licherweise ein neuer Entwick­lungsschub in Richtung Staats­gesellschaft. Es ist klar erkenn­bar, daß die von den Macht- und Funktionseliten als notwendig gesehene Hinwendung zur EG und die notwendige Beschleu­nigung des Prozesses mental nur sehr begrenzt nach­voll­zogen wird. Es bilden sich die tradier­ten Abwehr­mechanismen gegenüber dieser 'unpol­ni­schen' fremden Zwangsausübung heraus. Den Trägern dieser Propa­gan­da glaubt man auch nur begrenzt. Vermutlich wird alles über­lagert durch Frustration und psychische Agonie bzw. Lethargie. Es kann durchaus sein, daß nur die tradierten sozialen Über­lebens­strategien angewandt werden.

Bis 1989 waren die Elemente der Vorkriegsregierung in London bewußtseinsmäßig noch vor­han­den, vor allem bei denjenigen, deren Bewußtsein vor dem Kriege und ab Ende der sieb­zi­ger Jahre mit zunehmender Infragestellung der kommunistischen Regierung ge­prägt worden war. Dadurch waren auch Formen des (bürgerlichen) Legiti­mi­täts­prin­zips nicht unter­brochen, die eine prinzi­pielle Voraussetzung der Staatsgesellschaft darstellen.

Das entscheidende Kriterium für die Menschen war die problemlose Verflechung bzw. Über­la­ge­rung der dar­gestellten Ebenen. Ein dem Deutschen adäquater Ausdruck wie ›Zusammenbruch‹ für das historische Geschehen im Jahr 1945 existiert im Polnischen nicht. Während des gesam­ten Krieges wurde die psychische Aufrecht­er­haltung, der Nicht­zu­sam­men­bruch - z.T. visionär - wesentlich über Symbole und den aktiven Kampf aufrechterhal­ten. Das 'W', verbun­den mit dem darüber­gestellten 'P' für Kämpfendes Polen, (Polska walczaca). Alle Polen, die sich dem Zugriff Nazi-Deutsch­lands entzogen hatten, waren ein­bezogen in den Kampf der Alliierten. Sie trugen ihre eigenen Symbole. Die frühere Vereh­rung für Frankreich ist denn auch im hohen Maße umge­schlagen, als bekannt wurde, daß z.B. eine große franzö­sische Armee nach der Kapitulation in Nordafrika untätig verharrte und sich sogar gegenüber den Briten feind­selig verhielt und nicht als Bündnispartner gegen den gemeinsamen Feind kämpfte.

Sehr schnell stellte sich ab 1989 der innergesellschaftliche Machtkampf in der Span­nungs­fi­gu­ra­tion ein, den Kirche und verweltlichte Gesellschaft bilden. Er hat sich ohne nen­nenswerte Verwer­fun­gen eingependelt. Seit 1991 befindet sich die Kirche auf dem Rück­zug. Die inner­ge­sell­schaft­lichen Gegenkräfte haben sich arti­­ku­­liert. Sie konnten sich aus der moralischen Verklammerung und Verpflich­tung lösen, weil die als bis­heriger äußerer Zwang angelegten Bedingungen sich aufgehoben hatten. Die Abwendung von der Kirche ab 1990, als dem Ende der Überlebens- und Kampfphase der Nation, unter­streicht die Funktionalität des Katholizismus und damit nicht eine Verankerung per se.

Der Begriff Vaterland wird als ein unspezifischer Klammerbegriff verwendet. Er läßt individuelle Ausle­gun­gen im Zusammenhang mit Funktionalisierungen zu. Der Staatsbegriff kann dies nicht, da er rechtlich definiert werden kann.

Es ist eine Überlagerung des Prozesses der Findung der Gesamtnation mit dem Staaten­bildungs­prozeß zu konstatieren. Die Nation stellt keine real existierende Figuration im Sinne einer Körper­schaft dar, sondern eine Spannungs­figura­tion, die über Visionen eine geglaubte Wirklichkeit ist.

Bis 1989 handelt es sich um eine spezifische Vision, um eine Suche nach Nationsidenti­tät in ei­ner historischen Phase, deren Prinzip die Bedrohung ist, zumindest die latente Exi­stenz. Sucho­dolski hebt diese Bedeutung für die Kulturgeschichte hervor sowie ihre Aner­kennung in der Bevölkerung bis in die Gegenwart.233

4. Historische Rahmenbedingungen für gesellschaftspolitisches Handeln 1980

Vorbemerkung:

Die Konnotation der polnischen Nation als Widerstandsgesellschaft steht paradigmatisch im Kontext der Arbeit. Der Begriff der Widerstandsgesellschaft ist bereits zum Stereotyp ge­worden. Er gilt für die polnische Nation im Rahmen ihrer Selbstbeschreibungen gar als Syn­onym. Da die polnische Literatur den heldenhaften Widerstandskampf, die Verteidigung des Bodens, zum Gegenstand hat und er die Nationsgeschichte verkörpert, stellt sich die Frage nach dem spezifi­schen Stellenwert im gegebenen Zusammenhang.234

Als charakteristisch für Untergrundorganisationen erwähnt Elias Siberski u.a. die Funktion der Illusionsbildung als Teil einer doppelten Zielsetzung:

»Wie soziale Formen über­haupt, so dient die Zielsetzung in der Untergrundorganisation zwei Zielen: der Vorwegnahme des Ergebnisses in Form einer Vorstellung davon, was als Endzu­stand erreicht werden soll, und zweitens die Deu­tung des eigenen konkreten Tuns, das zu diesem Zustand führen soll.«235

Siberski sieht die ›Illusionsbildung‹ als Projektion eines zu erreichenden Endzustands. Die Forma­tion bekommt eine besondere Funktion dadurch, daß sie sich zu einer ›öffentlichen‹ Unter­grund­orga­nisation ent­wickelt, wenn ›praktisch die ganze Bevölkerung … wie im Falle nationaler Frei­heits- und Widerstands­bewe­gungen‹ beteiligt ist. Zweifellos hat Siberski sein Modell aus dem Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit abgeleitet.236 Bezüglich der Zielset­zung der Solidarnosc muß differen­ziert werden zwischen der nur partiell möglichen Kon­kretisierung des Zieles aufgrund der Rahmenbedingungen und andererseits dem Globalziel. In der Anwen­dung von Siberskis An­satz stellt sich das Problem des höheren Grades der Komplexität des Gesamt­problems, da das Ziel über die Reproduktion von Unabhängigkeit und Freiheit hinaus­geht und eine Veränderung bzw. Ablösung eines Modells zum Gegen­stand hat und anderersetis die historisch durchlebten Modelle für große Segmente der Ge­sellschaft diskreditiert sind.

4.1. Widerstand als nationales Selbstverständnis, das Beispiel 1939

Diejenigen, die eigenes politisches Versagen, bzw. das der politischen Eliten, in der Nieder­lage sahen, waren in der Minderheit. Sie wurden von der Mehrheit der Gesellschaft abge­lehnt, und man ordnete ihnen gar eine Nest­be­schmut­zer­funktion zu. Man favorisierte das hero­ische Denken und bestätigte sich affektiv gegen­seitig den eigenen Heroismus in der Niederlage. Deshalb ge­hört die Niederlage zur Tradition. Man könnte deshalb von einem nationalen Leidens­streben bzw. kollektiven Leidensvorbehalt sprechen.

Schlußfolgerungen aus dem historischen Kontext sind nicht die Durchführung einer Analyse der Niederlage. Die Ansätze der Denkschema entsprechen weder kritischem noch analytischem oder rationalem Denken. Aus dieser Konstellation entsteht prinzipiell der zähe, hart­näckige und kom­pro­mißlose Widerstand der Nation. Es gilt nicht zu versuchen, aus der Niederlage noch das zu retten, was zu retten ist, sondern es domi­­nierte das verbissene Ja zum Widerstand. Dieses hero­ische Denken in Wechselwirkung mit der Wider­­standspraxis verhindert ein auf langfristige Opti­mierung bzw. Konsolidierung angelegtes Handeln.

Der militärische Widerstand wurde z.B. im Winter 1940 in den Wäldern Mittel­polens vernichtet. Es hatten Überfälle stattgefunden auf deutsche Militäreinrichtungen. Die Aktio­nen können als Aus­druck für nicht diszi­plinier­bares Individual- oder Gruppenverhalten gel­ten, vielleicht für eine Gesell­schaft, die durch Gruppen­konsens oder auch Gruppenzwang gekennzeichnet ist. Es er­folg­te dabei die Reproduktion eines gruppen­spezi­fischen Selbstzwanges.

Beispiel für das Denken nach der Kapitulation der letzten militärischen Verbände war: Das Ober­kommando befindet sich im gegenwärtigen Augenblick im Exil. Es ist zwar z.T. interniert, hat aber nicht kapituliert. Die Kapitulation der Festung Warschau war eine Teil­kapitulation. Die Truppe des Generals Kleeberg237 hat noch bis Mitte Oktober gekämpft. Es erfolgten 'Hurra-Angriffe bei Zero­komla'. Man hat die Deutschen vom Schlachtfeld getrie­ben bis die Munition ausging. Die Kapi­tulation dieser letzten polnischen Truppen auf dem Gebiete Polens nach der 'Schlacht bei Kock', nördlich Lublin, erfolgte am 5. Oktober 1939.

Die Kapitulation war keine polnische Gesamtkapitulation im völkerrechtlichen Sinne. Daraus folgte, daß der Krieg fließend in den Untergrundkampf überleitete. Die internierten polnischen Generale haben bis zum Ende des Krieges in der Internierung, z.B. im Lager Murnau, einen hohen Ethos gehabt. Es wurde auch in der SS-Hierarchie anerkannt. Es gab polnischer­seits sehr wenig Kontakte mit den Okkupanten.

Man hat im Widerstandskampf keine rechtlich-formale Ebene anerkannt. Maßgebend war die Empfindung der Nation im Abwehr­kampf. Diese affektiv induzierten und definierten Ziele wurde umgesetzt. Inwieweit dieser Sachverhalt soziostrukturell zu differenzieren ist, muß an anderem Ort untersucht werden.

Vom amtierenden Staatspräsidenten Ignacy Moscicki - er befand sich in der Schweiz - wurde das Amt auf dem in der Verfassung vorgesehenen Wege übertragen. Moscicki hat das Amt am 27.09.1939 niedergelegt und auf den in Frankreich weilenden Senatsmarschall Wladyslaw Racz­kie­wicz als seinen Nachfolger über­tragen. Raczkiewicz ernannte General Wladyslaw Sikor­ski am 30. September in Paris zum Minister­präsi­den­ten. Der Sitz der Exil­regierung wurde zunächst Angers.

Die Legitimierung aus einer fiktiven rechtlichen Fortexistenz - ohne realer Existenz des Staaates - gilt als zusätzlich, nicht als ursächlich. Aus der Tatsache, daß eine völkerrechtli­che Anerkennung, eine manifeste Legi­timierung nur aus der Anerkennung anderer Mächte heraus entstehen kann, resultiert das Bemühen der Militär­regieung um Anerkennung der entscheidenden Mächte. Letz­tere ist durch die USA, Großbritannien und auch die Sowjet­union erfolgt.

Die Sowjetunion brach erst nach dem deutschen Überfall am 17.9.1939, d.h. im Zu­sammenhang mit ihrem Einmarsch nach Ostpolen formell die Beziehungen ab. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion hat es zwischen der sowjetischen Regierung und der polnischen Exil­re­gie­rung Verhandlungen über die Wieder­­aufnahme der diplomatischen Be­ziehungen gegeben. Wäh­rend dieser Verhandlungen wurden die Gräber der polnischen Of­fiziere bei Katyn entdeckt. Die polnische Exilregierung verlangte Aufklärung darüber. Dar­aufhin brach Moskau die Verhand­­lun­gen ab. Eine Wiederaufnahme der diplomatischen Be­zie­hun­­gen ist dadurch nicht erfolgt. Man hat dann in Moskau versucht, eine kommunistische Machtgruppe aus in die Sowjetunion geflüch­teten Polen aufzubauen. Diese Gruppe ist auf polnischem Boden am 22. Juli 1944 in Lublin als Gegen­­regierung installiert worden.

Man kann die These formulieren, daß auch im Bewußtsein der AK-Kämpfer die physi­sche wie politische Niederlage gegen Ende des Bürger­krieges238 1947, die Kampfaufgabe wegen der domi­nie­­renden Stärke des kommu­­­nistischen Volkspolens, nur als vorübergehend angesehen wurde. Das impliziert eine gewisse Konti­nui­tät des Kampfes, in dessen Zusam­menhang die Ereignisse 1956, 1968, 1970 und 1980 gesehen werden - jeweils in ihren spe­zifischen Aus­prä­gun­gen.239

4.2. Die Nachkriegszeit

Es wird davon ausgegangen, daß die Identität der Strukturelemente der historisch-gesell­schaftli­chen Prozesse und die Parallelität der Methode die Behandlung des Gegenstands legitimieren. Wie die damaligen Machteliten und die Funktionseliten am Machterhalt fest­hielten, so wollten ihre Gegner die Macht erringen. Der Zeitraum seit dem 1. September 1980, dem Abschluß der Danzi­ger Vereinbarungen, bis über den Kriegszustand hinaus stellt eine Phase beider­seitiger Ohn­macht bzw. eine nicht verän­der­bare Aus­­balan­­cie­rung der Machtgleich­gewichte dar.

Unter Breschnew erfolgte im Lager der sozialistischen Länder 1968 eine Einschränkung der Sou­ve­ränität: Es sollte die Doktrin durchgesetzt werden, daß die sozia­listische Gemein­schaft über der nationalstaatlichen Souverä­nität stehe. Der Begriff ›Suwerennosc‹ hat sym­bolischen Charak­ter. Im Gegensatz zu ihm steht der Begriff ›Suceren­nosc‹.240 Der Begriff Souveränität hatte die Funktion eines Verkleidungsparavans für die eigent­­lich gemeinte ›Suzeränität‹. Seine Ver­wen­dung ist zugleich Charakteristikum der Arbeit auf zwar disku­tierter aber halboffizieller Meta­ebene. An dieser Offenlegung hat ebenfalls niemand Inter­esse. Seitens der UdSSR hat man nur für Polen den Begriff ›Suwere­nosc‹ durch­zu­setzen versucht. Intention war eine Enthistorisierung der Politik durch Eliminierung von Reiz­be­griffen und damit zugleich von deren Inhalten. ›Wol­nosc‹ bedeutet Freiheit im allgemeinen. Der Begriff ist unspe­zi­fisch. Dies galt insbesondere für die Phase unter Gomulka. Der Be­griff ›Niepodleglosc‹ wird im Deutschen wörtlich mit Unab­hän­gig­keit übersetzt. Er bedeu­tet im Polnischen nationale wie staat­liche Freiheit. Mit dem Begriff der ›Souveränität‹ wurde immer die ›begrenzte Souveränität‹ gemeint.

Der Verfasser hat 1981 mit einem Posener Politologen, er war zugleich ›Politruk‹, über die ›begrenzte Souveränität‹ in der Geschichte der BRD gesprochen. Ziel war es, im Ge­genzug in analoger Weise eine Einschät­zung des entsprechenden Verhält­nisses Polen - Sow­jetunion zu erhalten. Dem sehr interessierten Zuhören folgte ein Schweigen in Beklemmung. Nach der Wende verschwand der Begriff der Souveränität und wurde wieder durch den Begriff ›Unab­hän­gig­keit‹ ersetzt. Die KPN benutzt den Begriff seit ihrer Gründung 1979 in ihrem Namen241 und maß ihm zweifel­los eine gewollte Funktion als Kampfbegriff zu. Die KPN galt als nationa­listisch und wurde in gewisser Tradition der ›Endecja‹ stehend einge­stuft.

Die Problematik liegt auf der Ebene der Selbsteinschätzung der Staats- bzw. Nations­träger­gesell­schaft. In der Nachkriegsgesellschaft gibt es in Polen entsprechende Einschät­zungen für die Trä­ger­­­schaft gegenüber dem Staat, ca. 15 Prozent bzw. ca. ein Siebentel.242 Dazu gehören über­zeugte Kommunisten, Funktionsträger sowie Machtangehörige.

Die relativ große Akzeptanz der Macht bzw. des neuen kommunistischen Staates läßt sich ablei­ten. Man akzeptierte nicht die Ideologie, da jegliche Ideologie als Phrase bzw. Leerformel ange­sehen wird, sondern das Funktionieren des neuen Gemeinwesens auf höhe­rer Integra­tions­ebene in seiner Gesamtstruktur, also zwangsläufig im neuen Staat. Para­digma ist der Selbstzwang als nationales Überlebensmoment, aber nicht im Sinne des Bei­tragens zur Konsolidierung des sozia­lis­tisch verfaßten Staates. Das Erreichen dieses Glo­balzieles erfolgt zweifellos in Verbindung mit einem hohen Grad an Improvisation. Improvi­sation impliziert kein diszipliniertes Vorgehen als kollek­tiver Selbstzwang, sondern setzt ein bewußtes - auch selbstbewußtes - und gezieltes Ver­halten voraus.

Erst als die Partei mit ihren Maßregelungen begann, dem Normieren wie Durchorgani­sieren, setzte der sich verstär­kende Widerstand ein. Das charakteristische am Verhalten ist dabei, daß man es ‘einfach’ tut. Man kann und muß es tun, weil man damit partiell tradiertes Nations­ver­hal­ten repro­­duziert. Das gegen die kommu­nistische Machtausübung gerichtete Verhalten entspricht damit wieder tradiertem Nationsverhalten. Der Konsens der Wertvor­stellungen, der Globalzwang zu ihrer Durchsetzung ist Ausdruck der Notwen­dig­keit im Abwehrkampf. Dieses wird nicht 'hinter­fragt' oder 'analysiert. Eine ›Analyse‹ hat zur Funk­tion eine Reduktion affektiver Macht und damit auch die Schwächung der eigenen Posi­tion.

Ergebnismarkierungen der stalinistischen Epoche erfolgen bis ca. 1954. Ab dieser Zeit waren gravierende Differenzen entstanden. Sie führten zu Machtkämpfen, die dann 1956 zum Wechsel der Machtgruppen führte. Den Sachverhalt trifft besser der Begriff der ‘Macht’ als jener der ‘Herr­schaft’, da letzterer an das Wirken des Staates gekoppelt ist und zugleich mit dem Legiti­mi­täts­an­spruch verbunden ist. Die Legitimität wird aber in Frage gestellt. Der Staat ist suspekt, und wird partiell als feindlich empfunden.

Der Begriff ›kom­mu­nistische Herrschaft‹ sollte - zunächst bezogen auf die polnische Gesellschaft - mög­lichst ver­mieden werden. Er entstammt der antikommunistischen Diktion der Nachkriegszeit. Die Macht­ausübung in den ehemals kommunistischen Ländern stellt eine Methode autoritärer Herr­­schaft dar, die von in bürgerlicher oder katholischer Tra­di­tion, auch anti­kom­mu­nis­tischer in Haltung stehen­den Intellektuellen als 'dumm' empfunden wurde.243

Die als Doktrin der Partei propagierte erhöhte Partizipation der ›Arbei­ter­klasse‹ sowie die vorge­ge­bene gerechte Distribution hielten der Realität nicht stand. Wenn auch die Un­gleich­heit bezüglich des Zugangs zu Distri­bu­tion im Konsum- wie Dienst­leistungssektor mög­licherweise gerin­ger war als in Westeuropa - so hatte die vermu­tete Privilegierung der Macht­elite eine ent­sprech­ende Wirkung. Der Widerspruch der Pro­pa­ganda zur Wahr­neh­mungs­realität ver­grö­ßerte sich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zunehmend. Die reale wie geglaubte Machtungleicheit in politischer wie ökonomischer Hinsicht wurde als kom­mu­­nis­tische Herrschaft empfunden. Der Begriff ist aber dem Sachverhalt komplexer Macht­balancen und sozialer Prozesse der mittelosteuropäischen Gesellschaften nicht adäquat. Er stellt eine Funktio­na­lisierung seitens anti­kommunistischer Kräfte dar.

Max Weber hat - bezogen auf die preußisch-deutsche Staatsgesellschaft - die Begriffe Macht und Herrschaft auseinandergeführt. In Polen werden sie noch identisch verstanden. Man verwendet für beides den Begriff wladza.244

Es fehlt in der polnischen Gesellschaft die Überzeugung an die Legitimität der Herr­schaft für die Akzeptanz seitens der entsprechende Eliten. Adel, Bür­gertum des 19. Jahr­hunderts als Träger legi­timer Machtausübung haben in Deutschland die Legi­ti­mität aner­kannt zugleich aber deren Prinzip definiert. Eine Forderung nach 'demo­kratischer' Legi­ti­mie­rung ist eine Forderung macht­schwacher Figurationen, insbesondere von den diese reprä­sentierenden Intel­lek­tuellen oder anderen Führern. Im Prinzip ist diese Forderung in den parlamentarisch-demokratisch verfaßten Län­dern im wesentlichen umge­setzt. Für die osteu­ropäischen Gesellschaften gilt das nicht. Es wird überlagert durch das Prinzip der Staats­ferne und  feindlichkeit. Da keine Herausbildung der Mittel­schichten erfolgte, fehlten ent­sprechende Träger des Legitimitätsgedankens.

Ein aktuelles Beispiel: Nach der Wahl Kwasniewskis zum Präsidenten der Republik Polen im November 1995 hat es ca. 600.000 Briefe gegeben mit dem Ziel einer Wahl­anfech­tung. Diese Bür­gerin­nen und Bürger akzeptierten die demokratische Legitimität des Ge­wählten nicht. Andererseits ist die Kampagne der Kirche, vor den Kirchen Listen aufzustel­len, in die man sich eintragen könne, um zu bekunden, man habe Kwas­niewski nicht ge­wählt. An dem betreffenden Sonntag im Dezember 1995 verzeichneten die Kirchen einen deutlich geringeren Besuch der Hl. Messe.

4.3. Implikationen des moralisch-politischen Ansatzes der Ostpolitik auf die Frage­stellung

Ziel war deutscherseits die Konkretisierung der Politik. Egon Bahr verfolgte eine Doppel­strategie. Zum einen galt es, Erleichterungen zu schaffen für die Menschen und zum andern zugleich Fra­gen zu stellen. Es handelte sich um eine echte Intention, Politik zu gestalten. Die anderen (die Gesprächs­partner) hatten keine Antworten, sondern antworteten mit neuen Fragen. So entsteht ein Denk- und Entwicklungsprozeß, in dessen moralischer Ebene Ver­söhnung und Normalisie­rung als Notwendigkeit erkannt werden auf der Basis von durch Deutsche verursachten Leiden und dadurch entstandener Schuld. Daß diese Ostpolitik in Wechsel­beziehung steht zu politischen Impli­kationen sowie ökonomischen Interessen, steht in einem anderen Zusammenhang. Diese Problemebene kann aber an dieser Stelle nicht dis­kutiert werden.

Auf einen weiteren Gedanken ist aber hinzuweisen: Der Verfasser ist zweifellos selbst in die mo­ralische Ebene des Aussöhnungsprozesses involviert. Da dieser Prozeß eine ge­wisse paradig­matische Funktion am Ende der siebziger Jahre bis etwa 1989/90 besaß, also bis zum Prozeß der deutschen Vereinigung, verbunden mit dem Abschluß des Grenz- bzw. Freund­schafts­vertra­ges, erschwert es zugleich den Distanzabbau gegenüber Verhaltenswei­sen gesell­schafts­poli­tischen Kampfes in Polen. Letzteres stand den Grundsätzen von Ver­söhnung und Toleranz prin­zipiell fern, da diese sich primär am tradierten kompromiß­losen Kampf orientieren.

Die Komplexität wird auch dadurch erhöht, daß einerseits die reformorientierten Kräfte in West­deutsch­land, das sozial­liberal orientierte bzw. gewerk­schaft­liche Lager, das einer­seits den gewerk­schaftlich-emanzi­pato­rischen Kampf der Solidarnosc unterstützte, aber zugleich ihre Ost­politik auf das weitere östliche Europa aus­dehnte. Dieses stellte aber mit der Sowjetunion den eigentlichen, weil über­geord­neten ideologischen und macht­spezifischen Gegner dar.

Die verschiedenen ideellen und materiellen Hilfen für die Solidarnosc flossen dabei Kräften zu, die den konser­­­vativen Kräften Westdeutschlands näher standen, die aber ihrer­seits aus innen­politischen Gründen nur in der Minderheit positiv zur damaligen Ostpolitik standen und diese nur begrenzt förderten, wie Barzel, v. Bismarck, v. Weizsäcker.

Adam Krzeminski wies einmal darauf hin, daß es überwiegend die den Gewerk­schaften oder der SPD nahestehenden Institutionen oder Stiftungen waren, die Stipen­dien verga­ben.245 Bei den Unions­­­­parteien könne man nur wenige Personen nennen, wie z.B. Rita Süß­muth, die der Polen­politik wohlwollend gegen­über standen. Zur Problematik der Entspan­nungspolitik der SPD äußert sich u.a. Janusz Reiter,246 seit 1991 Botschafter der Republik Polen in Deutschland. Er war selbst am Anfang der achtziger Jahre Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine Relativierung liegt dadurch vor, daß es z.B. in Polen einerseits keine sozial­demokra­tische bzw. dem sozialliberalen Lager der siebziger Jahre entsprechende Be­wegung gibt und anderer­seits das katholische Soli­dar­nosc-Lager nicht als kongruent mit dem christlich-konservativen Lager der Bundes­republik gilt, was wiederum nur einen Teil des Gesamtspektrums der Unions­parteien entspricht.

Basis der Ostpolitik der SPD war die begründete Erwartung an eine wachsende Macht­parti­zi­pa­tion bisher von der ›Macht‹ ausgegrenzter Gruppen in Osteuropa sowie eine de­mokratische Legi­timierung der Politik. Man sah eine begrenzte Chance auf Reform in Polen im Sinn distinktiver kontinuierlicher Verän­de­­rungs­­schritte nach und nach. Die Frage, ob eine Chance auf begrenzte Schritte per se, d.h. unter den damaligen Bedingungen möglich war, kann bisher nicht abschlie­ßend beurteilt werden.

Die linken Intellektuellen Westeuropas haben im Kontext mit dem Postulat ihrer Mo­ralität in den siebziger das Friedensziel für sich reklamiert. Das Thema Ostpolitik wurde von ihnen nicht mehr besetzt. Von der Partizipation an anderen Zielen waren sie bereits ausge­schlossen bzw. haben diese Themenbereiche aufgegeben. Aufgrund ihrer Machtarmut konnten sie nicht partizipieren und verfügten nicht über entsprechende Möglichkeiten der Einflußnahme. Man widmete sich z.B. dem Thema der ›Sozialen Gerechtigkeit‹ durch das Ziel, die als solche definierte ›Soziale Ungleich­­heit‹ abzubauen. ›Soziale Ungleichheit‹ ist ein in einer Wohlstandsgesellschaft zwar relativ steigen­des, im Vergleich zu einer Armuts­gesellschaft aber ephemeres Problem. Es ist in einer Wohl­stands­gesellschaft kein per se ge­neralisierbares Problem. Außerdem wird den Linken der Vorwurf gemacht, daß das Niveau des allgemeinen Wohlstands - wenn auch ohne Zweifel in einer ›Zwei-Drittel-Gesellschaft‹ - ohne sie erreicht worden ist. Die Nachweisführung des Gegen­teils ist nicht erfolgt. Sie wi­derspricht einen auf ›gerechte Distribution‹ angelegten Ansatz.

Die Formulierung der Fragestellung der Interviews ist durch den dargestellten Zusam­menhang zweifel­los beeinflußt worden. Sie ist entstanden aus der damaligen zweifellos westdeutsch ge­präg­­ten Sichtweise des Verfasser bei Abfassung der Konzeption. Erst lang­sam kristallisierte sich das Bewußtsein über die hohe Komplexität heraus, die mit der Über­tragung von Begrif­fen wie christdemokratisch oder sozialdemokratisch auf die polnische Gesell­schaft verbun­den ist. Die mit diesen Begriffen verbundenen weiteren Bezugsebenen stellten sich ebenfalls nach und nach klar sichtbar heraus, wenngleich sie von vornherein latent vorhanden waren. Auch befreun­dete pol­nische Wissenschaftler haben die Problematik der differen­zierten Wechsel­­­beziehungen auf­grund ihrer spezifischen Involviertheit nicht ein­geschätzt. Sie beherrschten zwar alle die deutsche Spra­che gut und waren mit den Proble­men der deut­schen Gegenwartsgeschichte vertraut, sind aber ebenfalls zu sehr von ihrer eigenen Sichtweise ausgegangen.

In der Auswertung wird deshalb auf diese Problematik der Implikationen in der Aus­gangssituation der Fragestellung eingegangen. Die Schlußfolgerungen müssen behutsam erfolgen.

4.4 Das Verhalten der Intellektuellen zwischen Widerstand und Macht

Mit dem Ende des Sozialismus und damit der Beendigung der Subsysteme Ostmitteleuropas reduzierte sich die Hinwen­dung zu den bisherigen Formationen. Prozesse der Divergenz sind in der polnischen Gesell­schaft zu beobachten. Ein differenziertes ungesteuertes spontan zer­split­ter­tes Milieu entsteht vor allem in den Groß­stadt­gesellschaften. Asiatische Religio­nen, obskure esotherische Gruppen oder Grüppchen etc. finden seit 1989 zunehmend Reso­nanz. Der Prozeß ist verbunden mit dem Bedeutungsrückgang der Kirche sowie von deren gesellschaftlichen Inte­gra­tions­mecha­nis­men.

Es werfen sich dabei grundsätzliche Fragen auf, z.B. inwieweit linke Intellektuelle in West­deutsch­land, als eine - in den achtziger Jahren - zu den hochgradig stabilen Gesellschaf­ten zäh­lend, nur begrenzt fähig oder unkritisch sind gegenüber relativie­renden Eigenbetrachtungen. Ihre Posi­tio­nen erscheinen; dieses ange­sichts der gesellschaftlichen Prozesse in Ostmitteleuropa, einer durch Zwangs­­­­­appara­turen auf­recht­­erhaltene Stabilität sowie der Entmachtung der bishe­rigen Eliten nicht verständlich. Man nahm auch die machtspezifischen Entstaat­lichung nicht wahr. Der 1989 offenkundig gewordene Zerfall des physischen Machtmo­nopols stellt eine Fortsetzung dar, keinen Beginn einer neuen Entwick­lung. Für die Endphase des realen Sozialismus wäre durch­aus ein Krisenbegriff in seiner Totalität adäquat. Liegt die Ursache in der selbsterzeugten Vor­stel­lungs­krise dieser sich zur intellektuellen Elite zählen­­den Linken, die die Intellektualität zu­dem in toto belegen wollen? Möglicher­weise ist das entscheidende Kriterium west­deutscher bzw. gesamt­­deutscher Intel­lektueller ihre Nicht­parti­zi­pation an den Macht­eliten, ihr durch sie selbst versperrter Zugang dazu sowie ihr nur sehr partieller Zugang zu den Funktions­eliten. Wenn, dann erfolgte der Zugang über gewisse Einfluß­mechanis­men im Staat.247

Der Verfasser ist sich bewußt, daß die vertretene Position nicht konsensfähig ist mit einigen Segmenten westdeutscher Intellektueller. Der Exkurs erscheint dadurch berechtigt, daß in den freien Machtkämpfen der post-sozialis­tischen Ära in Polen starke Wechselbewe­gungen aller Balan­cen erkennbar sind, verbunden mit Auf- und Abstieg, mit Zugang zu den Machtzentren wie Ausgrenzung und daraus wiederum der Umkeh­rung nach der Bildung der 'Linkskoalition' in War­schau im Oktober 1993.248

Daraus wird die spezifisch individuelle nicht abgedämpft-ausbalancierte Machtstruktur der Gesell­schaft deutlich. Sie ist ein Charakteristikum bereits für die Zeit seit 1919, in der den Intellektuellen der reale Zugang zur Macht in der jetzt unabhängigen Nation und dem neu gebildeten Staat zumin­dest zu starken Pendel­schlägen in der Politik führte. Es wurde durch das autoritäre Regime des Marschalls Pilsudski abgelöst. Es trifft nicht den Kern, wenn dieses Regime mit im west­euro­päischen Sprachgebrauch tradierten Begriffen wie Mili­tärdiktatur belegt wird. In diesem Land, das in den dreißiger Jahren ca. zehntausend Menschen inhaftiert hat, die zumeist zweifellos als poli­tische Gefangene bezeichnet werden können, befanden sich ca. dreißig Parteien im Sejm.249 Nicht wenige Polen sehnen sich - in Verklärung wie auch Verkennung der Pilsudski-Ära - wieder danach zurück. Es ist aber kaum mehr als ein Nostalgie-Effekt. Lech Walesa instrumentalisiert dieses mit nur begrenz­tem Erfolg.

Möglicherweise verdeutlicht der Machtverlust intellektueller Gruppen in Polen seit 1989 in Rela­tion zu den ehemals sozialistischen Staaten das Generalphänomen im Wand­lungsprozeß der Intellektuellen. Der Macht­verlust korreliert mit dem sozialen Abstieg vor allem bestimmter intellek­tueller Gruppen, wie Lehrer und Geistes- wie Sozialwissenschaft­ler. Er hat seine Ursache zweifel­los in der Arbeitslosigkeit der intellektuellen Berufe in marktwirtschaftlichen Systemen. Anderer­seits ist die Arbeitslosigkeit in dem hohen Maße Aus­druck der Freiheit zur Selbst­ent­schei­dung in der Bürgergesellschaft. Dies ist abhängig vom freien Zugang zu den staatlichen Bildungs­ein­rich­tungen sowie der staatlichen Gewäh­rung des Zugangs zu den beruflichen Ausbildungen als Aus­druck wie Einübung des er­kämpften Bildungsrechts. Es erfolgt keine nach Marktgesetzen vor­ge­sehene Reduktion im Angebot intellektueller Berufe. Dieses Phänomen der von den Mittel­schich­ten getragenen 'bürgerlichen' Gesellschaft der prosperierenden Industrieländer hat ihre Entspre­chung in der Förderung des Bildungssystems der sozialistischen Länder.

Das Ziel der Bildungsförderung im Realsozialismus war gleichzeitig die Schaffung einer der Staats­­macht loyalen 'inteli­gencja'. Diese war Voraussetzung zur Herausbildung von loyalen Funktions­trägern und insbesondere intellektuellen Eliten in der frühen und zunächst entschei­denden Phase des Staaten­bil­dungs­pro­zes­ses im Nachkriegspolen. Dies hatte durch­aus zunächst zur Folge, daß eine Loyalität erzeugt wurde, solange es sich um eine erfahr­bare und umgesetzte - zumindest relative - Privilegierung handelte bzw. den Aufstieg in der Hierarchie der Funktions­träger. Die Machtausübung seitens der Partei wurde aber nicht prinzipiell und auf Dauer stabili­siert. Viele dieser Intellektuellen oder Funktionsträger in Polen, die zur 'inteligencja' gehören, verfügen über Wohnungen, die zum Zeit­punkt des je­wei­ligen Bezuges in den sechziger oder siebziger Jahren zu bevorzugten Komfort­wohnun­gen in günstiger Lage gehörten. Der Verfall der Bausubstanz ist ein späteres Phänomen.

Nach den der Not entsprechenden Personalbesetzungen der vierziger und frühen fünfzi­ger sowie dem Qualifikationsschub der späten fünfziger und sechziger Jahre näherte man sich zwar noch keiner Grenze der Qualifizierung und Intellektualisierung im Sinne einer Sättigung des Bedarfs an Akademikern. Die hohe Wachstumsrate der polnischen Bevölke­rung von 1945 ca. 25 Millionen auf ca. 39 Millionen Menschen am Ende der achtziger Jahre hatte aufgrund des Industrie­a­li­sie­rungs­schubes, verbun­den mit einem steigendem Perso­nalbedarf, einen Verstaat­lich­ungs­pro­zess der familialen Ebene zur Folge. Es erfolgte ein Ausbau der vorschulischen, schu­lischen, fach­schulischen wie universitären Bildungs­systeme mit ihrem jeweils bis in die siebziger Jahre wach­senden Personalbedarf. Aus diesem lange Zeit wachsen­den Bedarf an Personal resultierte die relative Machtstärke der verschiedenen Sektoren der Bildungseliten.250 Man kann also von einer prinzipiellen und relativ stabilen Loyalität ausgehen, die aber nicht auf persönli­chen Über­­zeugun­gen beruhen mußten, was auch kaum zutraf. Die genannte Loyalität erstreckte sich über die Mitte der siebziger Jahre hinaus.

Als Indikator kann man die über bestimmte Symbolsprachen vermittelte Einstellung der Bevöl­ke­rung ansehen. Bis etwa 1975 witzelte man über Unzulänglichkeiten. Man glaubte sich zumeist aspirativ in einer positiven Situation. Eine spürbare oder zu vermutende Be­drohung betreffs sozia­ler Status­ab­sich­erung oder reduzierter Aufstiegschancen oder gar sin­kender Pros­pe­rität war nicht vorhanden. Man gab sich in der Regel einer Hoffnung steigen­den Lebens­stan­dards hin. Ein leitender Ingenieur eines chemisch-technischen Betriebes strahlte z.B. 1975 bei einem Besuch in einem Chemiekombinat ein sehr hohes Maß an Selbst­zuversicht aus und präsentierte stolz sei­nen Wagen, einen rumänischen Lizenzbau (Dacia), einer französischen Marke der damals ein­deutig in Polen als Luxus angesehen wurde. Die Läden waren voll. Das Ausmaß des kredit­finan­zier­ten Konsum­güterimportes war der Bevölkerung noch nicht bekannt.

Die Bewußtwerdung der Tendenzumkehr, geradezu das 'Kippen' der erfahrbaren Situa­tion er­folgte bei den Intellek­tuellen erst ab etwa 1977, vor allem nachdem 1978 die DiP-Studie251 pol­nischer Wissenschaftler in der katholischen Presse veröffentlicht worden war.252 Ferenc Fehér253 sieht 1981 den totalen Vertrauensverlust der Regierenden in den sozialisti­schen Län­dern unter drei Aspekten: Erstens der fast vollständig fehlende Glaube an Refor­men von oben, bestärkt durch die Erfahrungen der Jahre 1968 und 1970. Als zweites führt er die in den siebziger Jahren erstarkte Opposition an, die in Osteuropa 'brutal unterdrückt' wurde. Als dritten und ent­schei­­den­den Faktor führt er den endgül­ti­gen Zusammenbruch der offiziellen Ideologie an, dessen Beginn er in die Chrustschow-Ära datiert. Adam Michnik sieht den entscheidenden Faktor in der Des­inte­gration der Macht seit 1976.254

Die Versorgungsschwierigkeiten nahmen zu; die Wartezeiten für höherwertige Güter, vor allem für Wohnun­gen, wurden länger. Der Wertverfall des Zloty beschleunigte sich und der zweite Wa­ren- und Geldkreislauf kristallisierte sich heraus und nahm beständig zu. Es handelte sich zunächst aber noch nicht um eine Phase sich selbst abbauender Euphorien bzw. sich selbst ver­stärkender Nega­tiv­einschätzungen. Man klagte und spottete ironisch über die erfahrbaren Unzu­läng­lich­keiten und den Aufwand, die begehrten Waren doch noch im sich ausbreitenden zweiten Wirt­schafts­kreislauf zu erlangen. Man unterstützte sich ge­genseitig beim 'Besorgen' und 'Impro­vi­sieren'. Irgend jemand 'erledigt' es schon. Etwas zu 'erledigen' wurde zu einem Synonym für das Existieren von Loyalitäts­be­zie­hun­gen auf indi­vidueller, affektiver und familialer Ebene.

Man witzelte gegen Ende der siebziger Jahre darüber, daß es keine Krise mehr gäbe wie früher, als es mehrere Krisen gab, im Frühjahr, im Sommer, usw., jetzt gäbe es nur noch eine Krise und zwar 'das ganze Jahr' über.255 Diese Formulierung gebrauchten polnische Freunde und andere Gesprächs­­­­partner 1979 nach Ankunft westdeutscher Gruppen in War­schau. Das spürbare Sin­ken der realen Erwartungen, der drohende eigene Abstieg war ver­bunden mit sinken­der Loyalität zum Staat und entwickelte sich bis hin zum v��lligen Verlust des Real­ver­trau­ens ab Ende 1979.

Die Widerstandsformen der Intellektuellen hatten sich vor allem seit etwa 1968 heraus­gebildet. Es seien stell­vertretend die Namen Kuron, Modzelewski und Michnik genannt, da vor allem diese Intel­lek­tuellen aus politischen Gründen verurteilt und inhaftiert worden wa­ren. Andere, wie Kola­kowski oder Schaff, waren bereits in den sechziger Jahren in den Westen emigriert und lehrten vor allem im angelsächsischen Sprachraum.256 In der jungen nachwachsenden Intellek­tu­el­len­gene­ration, die in den siebziger Jahren noch kosten­frei stu­dieren konnte, deren Exkursionen noch relativ problemlos von den Instituten organi­siert und finanziert werden konnten, verlor man individuell die Hoffnung und Loyalität vor allem seit dem Sommer 1980. Man trat aus der Partei und den offiziellen Jugendorganisationen, wie z.B. Studentenverband aus und schloß sich der Solidar­nosc an. Ein großer Teil verblieb in der alten Organisation und trat trotzdem der Solidar­nosc bei. Im Verlaufe des Jahres 1981 sanken die Hoffnung auf die Effizienz dieser Organisation sowie die Chance auf Realisier­barkeit ihrer Forderungen, wesentlich aber die Hoffnung auf Macht­partizipation durch die Nichtkommunisten.

Man kann dabei zwei Grundtendenzen unterscheiden: Einerseits die bis zuletzt (1979) herbei­gefühten Loyalitätsbeziehungen seitens der Intellektuellen gegenüber dem Staat auf­grund der skizzierten Zusam­men­hänge, wobei durchaus eine Relativierung durch tradierte Notwendigkeiten in gesell­schaftlichen Über­lebens­einheiten zu sehen ist. Diese stehen in ei­nem prozessualen Zusam­menhang und sind als solche nach­zuvollziehen und zu beurteilen.

Andererseits ist da die prinzipielle Entwicklung des Zivilisationsprozesses. Dieser ist in seiner ersten Phase, der Herausbildung, Festigung und langfristigen Stabilisierung des staat­lichen Gewalt­monopols erfolgt und abge­schlossen. Das Steuermonopol ist verknüpft mit dem Anspruch des Staates auf Gesamtsteuerung der Wirtschaft. Seine Überorganisation und Zementierung zeigt das nur von wenig Zurückhaltung geprägte Verhalten der Macht­inne­habenden. Die Ver­knüpfung dieser zweiten Phase des Prozesses, die intellektuelle Emanzi­pation, man kann auch sagen, die Praxis demo­kra­tischer Kontrollmechanismen etc., die reale gesellschaftliche Partizi­pa­tion an Entschei­dungs­pro­zessen, wurden nicht durchgeführt. Es kann davon ausgegangen wer­den, daß sie von seiten der herr­schenden Kommunisten von vornherein nicht gewollt und mit physischen wie psy­chischen Mitteln verhindert worden sind.

Die Behinderung bzw. der Nichtvollzug der zweiten Phase des Zivilisationsprozesses bzw. der Folgeprozessse257 beeinflußte maß­geb­lich die Auslösung der gegen das System gerichteten Pro­zesse auf der Basis der Reproduktion des Unter­grund­ver­haltens sowie einer mehr und mehr sich durchsetzenden Widerstandspraxis. Auf die KSS-KOR oder ROPCiO angehörenden Intellek­tu­ellen trifft eine prinzipielle, kompro­miß­lose und konse­quente Hal­tung und Praxis zu. Einen Kom­pro­miß haben sie realiter nicht sehen können, wenn Kuron auch 1981 schreibt:

»Wenn ich einen Kompromiß für den polnischen Weg und ein Beispiel suchen sollte, so wäre es der spanische Weg: In einer gemeinsamen Anstren­gung aller offenen Elemente innerhalb der Macht und in­ner­halb der Opposition hat es die Gesell­schaft verstanden, das Land aus ei­ner ver­haßten und repres­si­ven Diktatur hinaus- und zu demo­kra­tischen Formen hinzuführen. Ich ver­kenne nicht, daß es Unter­schiede gibt ... z.B. in der geo­po­litischen Situation. Aber die­ses Bei­spiel ist des Nachdenkens wert.«258

Die intellektuelle Kampf­praxis, verbunden mit dem gesellschaftlichen Kampf der Werftarbei­ter, lief klar auf eine end­gül­tige Entscheidung hinaus, nicht auf eine partielle Lö­sung. Es ist weder aus der damaligen noch aus der heutigen Sicht müßig, darüber zu disku­tieren, ob der Kampf 'objektiv sinnvoll' oder 'sinnlos' gewesen ist. Die entscheidende Frage liegt in der Deskription der Prozesse, der Ableitung der Entschei­dungs­pro­zesse und der Frage grundsätzlicher Motivierung im historisch-gesellschaftlichen Kontext. Der Gesamtzu­sammenhang ist prozessual eingebunden in einen historischen Ablauf, der in der Ver­knüp­fung von Spontaneität, historischem Bewußtsein und der Reproduktion tradierter Verhal­tens­muster zu sehen ist. Die Erforschung der auslösenden Momente, die konkreten Dar­stellungen der Abläufe sind darü­ber hinaus historiographisch höchst berechtigt, bedürfen auch noch einer weiteren zeitgeschichtlichen Forschung. Das Problem der polnischen For­schung steht im Wechselverhältnis zwischen Involviertsein und notwen­diger Distanz.

Es handelt sich keineswegs um eine Frage der 'Objektivität' des Forschers. Der An­spruch an solch eine tiefgrei­fende Entscheidung, ein individuelles Opfer für seine Überzeu­gung darzu­stel­len, kann von nieman­dem erhoben werden. Die Ambiguität polnischer For­scher kann nur mora­lisch akzeptiert werden. Die Frage ist nicht, ob und inwie­weit diese Intellektuellen gekämpft haben und sechs, acht oder zehn Jahre Haft auf sich genommen haben, weil sie von der Macht­partizi­pation ausgeschlossen waren bzw. sich bewußt davon distanziert haben und sich nicht korrum­pieren lassen wollten durch Übernahme von Funk­tio­nen. Es ist als unzulässig einzu­stufen und bedeutete einen gegenüber der individuellen oder kollektiven Entscheidung nicht adäquaten Zy­nismus. Sie stellt sich in der Nachbetrach­tung als individuelle Willensentscheidung dar. Wenn, dann kann im Umkehrschluß anderen um die ökonomische Unmöglichkeit sowie Unfreiheit wis­sen­den Intellek­tu­ellen ein oppor­tunistisches Verhalten konzediert werden. Aber auch dieses muß abgelehnt werden, zumal es aus einer Fremdsicht heraus erfolgen würde. Die Individu­al­ent­schei­dungen sowohl von Oppositionellen als auch von in das System Involvierten, kann aus der Sicht des Verfasser nicht Gegenstand moralischer Beurtei­lun­gen sein.

Es soll auch auf keinen Fall der Eindruck erweckt werden, die abgeschlossene Diskus­sion um die Vergleich­barkeit von Kommunismus und Faschismus wieder aufzunehmen.259 Es handelt sich in Polen um gebrochene Zivilisationsprozesse, der Beschränkung des Zu­gangs zur Macht­par­ti­zi­pa­tion einerseits sowie des Kampfes um den Zugang vor allem sei­tens der Intellektuellen anderer­seits. Charakteristisch für Polen war wohl die versuchte Be­grenzung, nicht aber die Verhinderung des Zugangs zu gesellschaftlichem und histo­rischem Wissen. Gleich­wohl können die von Kühnl zitier­ten Beispiele übertragen werden: die Voll­endung dieses Erlebens von Gemeinschaft, das Auf­ein­ander-Angewiesensein, die Sinnerfül­lung im gemeinsamen Kampf gegen das ganz andere, das Fremde, den gemeinsamen Feind, ist der Krieg. Die Syno­ny­me des in Ideologie und Propa­gan­da zum Ausdruck kommenden Feindbildes entsprechen sich auf einer spezifischen Ebene.

In Polen hat man Phrasen, wie z.B. die des SED-Propagandaapparates 'vom brüderli­chen Kampf' vermie­den. Sie stießen nicht nur auf keinerlei Resonanz in der Bevölkerung sondern induzierten eine Gegenbewegung. Man vermied auch Formulierungen, die die in­nere Gewaltausübung sowie deren Zemen­tierung bewirken sollten. Sie waren zwar anderer­seits im Minimum nötig: es gab Kontrol­leure aus der Sowjetunion im Militär- und Bildungs­bereich, die gewisse porpagandistische Mecha­nis­men und die Anwendung ideolo­gischer Prinzipien überwachen sollten. Sie stießen aber auf spezifische Widerstandsformen, vor al­lem auf Ignoranz. Sie waren wirkungslos; wenn dann bewirkten sie eher das Gegenteil der Intentionen. Es prüften z. B. Vertreter sowjetischer Kultus­behörden in regelmäßigen Ab­ständen die Seitenzahl der Themen in pol­nisch­en Schulbüchern für das Fach Geschichte, die sich mit Lenin befaßten. Der Autor, J. Centkowski, wies ent­sprechende Forderungen nach­drücklich zurück. Sie hatten anderseits die Brüskierung der polnischen Kolle­gen bewirkt und die Nichtbeachtung der entsprechenden Kapitel seitens der polnischen Geschichts­­leh­rer(-innen) zur Folge.260

4.5 Fazit:

Als zentrales Problem verbleibt die Zuordnung der polnischen Gesellschaft in ihrer Genese zur Staatsgesellschaft in der Verknüpfung mit der auf die Soziogenese von Staaten rekurrie­renden Theorie der Zivilisation.

Die heutige polnische Gesellschaft ist eine in der Basis nicht-etatistische Gesellschaft, die auf­grund der Ausprägung des Nationsbegriffes Elemente des Anti-Etatismus entwickelt hat, ein Verhalten, daß sich gegenüber auto­ri­tärer Staatsführung (Preußen, Rußland) her­ausgebildet hat. Man kann dabei von einer spezifischen Psycho­genese der polnischen Nation sprechen.

Nach der relativ kurzen Phase von ca. zwanzig Jahren begann im September 1939 ein fast sechsjähriger Kampf gegen einen Staat und dessen autoritär-faschistische Herrschaft während der Okkupation. Danach erfolgte der Versuch der Durchsetzung eines Zwanges zur Ausbildung einer hoch aus­geprägten Staatsgesellschaft unter dem Vorzeichen des So­zialismus. Der Kampf gegen dieses System, die kommunistische Diktatur und die sie tra­gende Machtelite, wird eben­falls geführt mit den Methoden des Anti-Etatismus.

In diese Methode eingeschlossen ist wiederum der partielle Sub-Etatismus, nämlich die Aus­bil­dung staatlicher Organisationen in Sub-Systemen: Im 19. Jahrhundert die klassischen Elemente eines Staates [Regierung, physischer Machtapparat, Volk und Gebiet] enthalten­den Herr­schafts­gebil­des während der Aufstände sowie die staatlich-analogen Strukturen danach bis zu Ersten Weltkrieg; im 20. Jahr­hundert der Untergrundstaat während der Ok­kupation und die Organi­sa­tions­strukturen ab dem Ende der siebziger Jahre, letztlich bis 1989. Abgelöst wurde die Phase gesellschaftlicher Untergrundprozesse erst mit der Bildung legitimen Herrschaft im Jahre 1989.

III. Der ›Homo Sovieticus‹ - der Homo polonicus des Alltags?

3. 1. Reflektion des Begriffes

Die Frage, inwieweit sich die spezifischen Ausprägungen des als realer Sozialismus bezeich­nenden Systems der damaligen Volksrepublik Polen zeigte, ist anhand des konkreten Han­delns und Denkens zu prüfen. Damit ergibt sich die Frage nach dem Grad der Herausbil­dung eines ›Homo sovieticus‹ bzw. der Aus­prä­­gung entsprechender Verhaltensweisen.

Darin enthalten ist die Frage, inwieweit traditionell bestimmtes Denken und Handeln dominiert, oder andererseits der ›Homo sovieticus‹ die Nachkriegsgesellschaft Polens prägte. Zugleich muß eine Antwort gefunden werden auf die Frage, ob der ›Homo Sovie­ticus‹ ein ernst zu nehmendes Beschrei­­bungsmerkmal für diese Gesellschaft in der zurück­liegenden Phase darstellt oder ob er eher ein der Polemisierung dienender und abwerten­der Begriff ist als Instrument grundsätzlicher Gegner jeglicher aller Aus­prä­gungen des Sozialis­mus, oder auch nur in der konkretisierten Form des damaligen ›Realen Sozialis­mus‹ um diesen zu diskreditieren, d.h. also einen Kampf­begriff in der gesell­schaftspolitischen Ausein­an­der­setzung darstellt.

Zunächst ist der Begriff des ›Homo sovieticus‹ seines polemischen wie dogmatischen Sach­ver­halts zu entklei­den um entinstru­men­talisiert zu werden. Dann kann er als ein zusätz­lich ergän­zen­des Kriterium zur Bestim­mung der ›Polonitas‹ benutzt werden. Andererseits sind Elemente der Sozial­­pathologie und der gesell­schaft­lichen Agonie nicht sui generis ty­pisch für den Real­sozia­lismus. Die Stichhaltigkeit des Begriffes ›Homo sovieticus‹ als Be­schreibungskriterium müßte durch empirische Vergleiche zur Habitusentwicklung in ande­ren Gesell­schaften in Geschichte und Gegenwart und ihren Negativerscheinungen geprüft werden. Damit wird die Instru­men­tali­sie­rung in der konservativen Kritik aufgehoben. Ein besonderer Ansatz der Instru­men­talisierung liegt in Polen dadurch vor, daß man zur Abmin­derung und Verdrän­gung des eigen­en Anteils die Erschei­nungsform des ›Homo Sovieticus‹ - wenn man sie konstatiert und als der sozialistisch definier­ten Gesellschaft immanent und ursächlich verbunden bzw, zugrunde liegende Erschei­nung beschreibt - eben dieses als Folge der sozialistischen Erziehung interpretiert.

Andererseits hat sich gerade die polnische Gesellschaft als sehr resistent erwiesen. Wenn junge Leute der Faszination des Marxixmus/Leninismus z.B. in den 50er Jahren erle­gen waren, dann sind sie aufgrund der zunehmend sichtbarer werdenden Widersprüche zwi­schen dem ideolo­gischem Anspruch bzw. der von ihnen erfahrenen Realität, die nach und nach sichtbar wurde, umgekehrt. Viele Biographien sprechen dafür, z. B. die von Jacek Kuron oder Wladyslaw Kuczynski. Sie waren überzeugte Sozialisten und erkann­ten später, daß der theoretische Anspruch in der Systemrealität nicht umsetzbar war.

Der ›Homo sovieticus‹ ist kein genereller ›Homo socialisticus‹. Wenn, dann wird der Begriff ›Homo sovie­ti­cus‹ in Polen bewußt gewählt,261 knüpft er doch an die antirussische Tradition an und ist Ausdruck des Anti­kom­mu­nismus als Kampfziel für die unter dem Soli­darnosc-Zeichen agie­ren­den Gruppen. Man kann diesen Ausdruck auch als Synonym für Antisowjetismus begreifen. Dieser ist im Kern kongruent mit der traditio­nellen antirussi­schen Haltung. Mehr noch: Im Begriff ist die Gefahr der wertbezogenen und identitäts­stif­tenden Wirkung der sowjetischen Macht­aus­übung und der russischen Herrschaft zu finden.

Nachdem der Anspruch direkter Herrschaftsausübung ab 1956 aufgrund aktiver inner­gesell­schaft­licher Gegenwehr zunehmend zurück­gedrängt wurde, blieb die sozialpsychologi­sche bzw. geistige Überformung durch das System des Sowjetismus. Gewiß soll mit dem Begriff des ›Homo sovieticus‹ auch die Bedrohtheit der eigenen katho­lischen bzw. national­polnischen Identität her­vorgehoben werden. Das von der Sowjet­union oktroyierte kommu­nistische System ist als reale politische Kraft besiegt worden - so wird es zumindet von der Mehr­heit der Bevölkerung empfun­den. Die polnischen Medien sowie politischen Parteien gehen in ihren Ausein­ander­set­zungen davon aus. Ihre prinzi­pielle Gegner­schaft beinhaltet aber, daß die langfristige Wirkung nicht auf­ge­hoben ist sondern anhält. Die konstatierte Fortdauer dieser Feindbilder hat damit eine Funktion in den gegen­wär­ti­gen inner­gesell­­schaftlichen Auseinandersetzungen wie auch in den geistig-moralischen Stand­ort­be­stim­­mun­gen der post-kommunistischen Ära.

Der über seine Folgewirkungen in der Gesellschaft bewußtseinsmäßig latent noch vor­handene politische Gegner legitimiert aufgrund dieses Zusammenhangs im Kampf um das künftig gültige Menschenbild das Werte­system etc. die geistige Regression. Er valuiert den Kampf des konser­vativen national-polnischen Katholizismus. Andererseits bekommt er seine zusätzliche Funktion in der innerkirchlichen Ausein­andersetzung.

Die postkommunistische Ära ist zum einem bestimmt durch politische, soziale und mo­ralische Positions­bestim­mungen, mit dem Ziel langfristiger Machtsetzung und Absicherung. Die Aufrecht­erhaltung des Feind­bildes reguliert diese Prozesse und Machtkämpfe insoweit, als durch die psychosoziale Aufrecht­erhaltung der bisherigen Gegnerschaft eine Relativie­rung der gegen­wär­tigen Bestimmungs- und Positions­kämpfe bzw. Machtauseinandersetzun­gen erfolgen kann, bzw. eine Dämpfung der Form der Ausein­ander­setzungen. Zweitens wird die Richtung der Prozesse im katholisch-nationalkonserativen Sinne begünstigt: als Gegen­bild zu der latent vorhan­denen bzw. permanent postulierten Gegnerschaft. Und dieses ge­schieht im ›Homo sovieticus‹.

Ansatzpunkte könnten z.B. das 'irrationale' Handeln sein, das Unvermögen, gesell­schaftliche und wirt­­schaft­liche Realitäten adäquat einzuschätzen oder auch gesellschaftspo­litisches Handeln ziel­gerichtet in kleinen Schüben zu vollziehen. Der notwendige zivilisatori­sche Schub ist nicht durch den Sozialismus gefördert worden.

Damit zeichnet sich eine wesentliche Funktion im Theorem des ›Homo sovieticus‹ ab. Die These vom ›Homo sovieticus‹ bekommt dadurch den Charakter eines Ideologems und stellt eine Funk­tio­­nali­sierung in den Machtkämpfen der postkommunistischen Ära dar. Seine Aussagekraft als Beschreibungskriterium der sozia­listischen Gesellschaft ist sehr begrenzt. Ebenso ist er nur begrenzt geeignet, die Basis für das Verhalten in den Ereignissen von 1980 zu sein. Es lassen sich darunter alle Negativerscheinungen im Nach­hinein subsumieren. Zugleich wird der Kampf gegen den besiegten und kaum mehr personifizierbaren Gegner fortgeführt. Problem­­lagen kön­nen einschließlich plausibler Schuldzuweisungen scheinbar geklärt und abgeleitet werden, die Nicht­lösbarkeit gegenwärtiger Problemlagen bzw. deren Verzögerungen kann plausibel gemacht werden. Der Begriff stellt eine ideologische Waffe der katholischen Kirche dar und ist wesent­lich als ein Instrument inner­­gesell­­schaft­licher Auseinandersetzungen der frühen post­kommu­nist­ischen Ära zu sehen.

Neben seinem polemischen Gehalt und der Instrumentalisierung in der konkreten gesell­schafts­politischen Aus­ein­­andersetzung ist es die Funktion in der Standortbestimmung der post-sozialis­tischen Gesellschaft und dem immanenten Machtkampf der seit 1989 konkurrie­renden Gruppen auf verschiedenen Ebenen. Bestand­­­teil dieser Auseinandersetzungen ist auch der Machtkampf innerhalb der katholischen Kirche Polens sowie der Kampf der Dog­matiker und Fundamentalisten gegen alle ›Modernisierungstenden­zen‹, ein Kampf, der in den anderen europäischen Staats­gesell­schaften zweifellos zum Rück­zugs­gefecht geworden ist. Neue Ansätze in Richtung auf Traditionalismen und Fundamen­talis­mus in Europa spre­chen dafür.262

In Polen, das eine entscheidende Zäsur erfahren hat, die durchaus vergleichbar ist mit der des Jahres 1919, kulminieren dadurch Prozesse, die in Westeuropa abgeschlossen oder überwunden sind. Sozial­politische Macht­aus­ein­an­dersetzungen der neuen und alten Eliten, die neue Rolle der Kirche, die zugleich der früheren (der Teilungszeit) entspricht, der Stel­lenwert von Religiösität, der Versuch einer Aufrecht­­erhaltung und zugleich der Abbau kirchlicher Autorität, verbunden mit ihrem institutio­nellen Machtanspruch und dessen Aus­übung bis hin zu ausgeprägtem Populismus seitens der KPN, Erscheinungen wie das Andis­kutieren und Endlos­debattieren von Nichtigkeiten oder Marginalien, das Zerreden von auf der Tagesordnung stehenden Problemen im Sejm wie in Kommunal­parlamenten.263

Das Postulat des ›Homo sovieticus‹ ist keine Theorie, wohl aber neben seiner gesell­schafts­poli­tisch­en Funktion ein vorhandener und zweifellos ernst zu nehmender gedankli­cher Ansatz, der die Auswirkungen auf das psychosoziale Verhalten der Menschen be­schreibt. Tischner über­nimmt ein negativ deskribierendes Stereo­typ, belegt es nicht empi­risch, begründet dessen hohe Distanz zu den Menschen und der vorgeb­lichen und unum­stößlichen Involviertheit in das eigene Glaubenssystem, ohne selbst den Versuch zu machen, eine eigene minimal notwendige Distanz zum Gegenstand zu finden und der Funktio­nali­sie­rungs­vor­wurf zu entkräftigen.

3.2. Skizze des Begriffes ›Homo sovieticus‹ nach Tischler

Die Position Tischners verkörpert die gesamte gesellschaftliche Auseinandersetzung - den Macht­kampf auf mehreren Ebenen einschließlich der Glaubensdoktrinen sowie der Instru­men­talisierung der Moral. Tischner ver­kör­pert die Totalität und Kompromißlosigkeit des katholischen Klerus und damit einen Absolutheits­an­spruch bezüglich affektiver Machtaus­übung. Seine These vom ›Homo sovieticus‹ hat somit die Funktion einer Offen­legung des Anspruchs der Figuration Kirche auf die Nachwendezeit und sie läßt rückblickend die Schluß­folgerung auf die Phase der Aus­­einandersetzungen mit den Kommunisten zu. Der ›Homo Sovieticus‹ verkörpert damit den Kern­­gedanken der Auseinandersetzungen von 1980/81.

Die durch die Thesen vom ›Homo sovieticus‹ beschriebenen Zusammenhänge verdeut­lichen zugleich die sozio-ökonomische Basis des Handelns. Insoweit ist es sinnvoll, dieselbe anhand von Beispielen darzu­stellen. Man muß in diesem Zusammenhang deutlich machen, daß die ange­führ­ten Beispielbereiche den Bürgern präsent und bewußt waren, weil sie sie oft schmerzlich spürten, diese aber aufgrund der gege­ben­en Span­nungs­­konstellation nicht Bestandteil direkter Ausein­andersetzungen werden konnten. Der ›Homo sovieticus‹ war dadurch stets latent 'gegen­wärtig', wurde aber in die Meta­­­ebene vedrängt und blieb bewußt­seins­mäßig präsent, wenn auch im Hintergrund. In Erscheinung trat er in persona jeweils temporär eruptiv - so z.B. im Dezember 1970 oder im Sommer 1980.

Den Begriff des ›Homo sovieticus‹ hat Tischler 1990 in die polnische Diskussion einge­führt als negatives Stereotyp für die Habitualisentwicklung der Menschen im Kommunis­mus. Da es sich in der Ausein­ander­setzung zwischen Kirche und Kommunismus um die zentrale Gegnerschaft in der polnischen Gesellschaft handelt, soll seine Position dargestellt werden.264 Im folgenden soll anhand von Beispielen die Wechselbeziehung der Funktionali­tät des Begriffes wie die Begründ­bar­keit in der gesellschaftlichen Realität - insbesondere im Alltagsverhalten deutlich gemacht werden. Letztlich spricht Tischner damit den Kommu­nisten die Idee der menschlichen Würde ab sowie jegliches ethische Handeln.

Der ›Homo sovieticus‹ ist eingedrungen in Polen und befand sich im Schatten der Tradition, die symbo­lisiert wird durch a) den Wawel - die königlichen Gräber, das Schwert und die Ehre pol­nischer Waffen; die Ruhe­stätte von zwei Titanen des polnischen Unabhängigkeits­gedankens, Mickiewicz und Slowacki sowie b) Jasna Góra, das Zeichen lebendiger Religiösi­tät, der Mög­lichkeit eines Wunders. Der ›Homo sovie­ti­cus‹ konnte nur mit Mühe in diesen Traditionen sei­nen Platz finden. Die Kommu­nisten berei­teten den Katholiken Schwie­rigkeiten wie auch umge­kehrt die Katholiken den Kommunisten. Für die letzt­ge­nan­nten geschah etwas Unbe­greif­liches: die Marxisten prophezeiten das Ende jeder Religion, und diese entwickelte sich. ›Wie war dies möglich? … Ohne Wyszynski und Wojtyla wären wir nichts.‹ … Der Bei­trag der Kirche zur ge­genwärtigen Situation umfaßt zwei Aspekte: 1. Welche Rolle spielte die Kirche und insbeson­dere Johannes Paul II. bei der Überwindung des Kommunismus und 2. Welche Rolle spielte die Kirche bei der Vertiefung des polnischen Glaubens? Die zwei Fragen sind miteinander verfloch­ten.

Der ›Homo sovieticus‹ trug zur Entwicklung der Ökonomie nicht bei, aber er leistete einen gro­ßen - negativen - Beitrag zum Heranreifen von neuer Religiösität. Der Glaube, der die Über­win­dung des Kommu­nismus anstrebte, unterlag inneren Umwandlungen. Nicht alle Feinde des ›Homo Sovieticus‹ waren sich dessen bewußt, womit sie es zu tun hatten. Es herrschte die Mei­nung vor, die schlimmste Seite des Kommunismus sei der Totalitarismus,265 er verursache die wirt­schaft­liche Niederlage. Das Problem wurde also nicht an der Wurzel gefaßt: der Kom­mu­nismus bedeutet für die Kirche nicht nur Totali­tarismus sowie eine fehlerhafte wirtschaft­liche Konzeption, sondern auch eine Version des euro­päischen Heidentums inmitten einer christlichen Gesellschaft. Der Kommu­nismus stellt die Verneinung des Christentums und seine Parodie dar. lm Kommunismus konnte ein Christ sein Gesicht erblicken - und zwar wie in einem schad­haften Spiegel! Zu den Aufgaben der Christen gehört die Überwindung der Kon­zep­tion des Kommu­nismus. … Zwischen Über­windung und Niederlage besteht ein Unter­schied: Niederlage bedeutet physische Vernich­tung eines Gegners; Überwindung bedeutet innere Umwandlung eines Glau­bens, das Ersetzen der Glaubensdoktrin des Gegners, durch den eigenen Glauben. Die Idee na­tiona­ler Souveränität erlitt viele Nieder­lagen, aber sie wurde nie überwunden. … Die Kirche wollte den Kommu­nismus überwinden, ihm nicht nur eine Nie­derlage zufügen, denn sie sah in ihm das erneute Heidentum, also sich selbst verwickelt im heidnischen Aberglauben. Der An­haltspunkt der Überwindung ist die Konzeption des Men­schen. Der Streit mit den Kommu­nis­ten betraf nicht so sehr Gott oder die Frage nach der Natur der Religion - das war eine neben­säch­­li­che Frage. Es war der Streit um den Men­schen. Der ›Homo sovieticus‹ war ein ein­dimen­sio­na­les Wesen. Es gibt keine vertikale Dimension der mensch­­lichen Existenz, alles spielt sich auf Erden ab. Er war ein terrorisiertes Wesen, der Gedanke über das Vorhandensein des Himmels bedeu­tete Verrat proleta­rischer Interessen. … Er durfte keine Seele besitzen, er war Materie, ein Stoff, der durch die Arbeit vermenschlicht wird. Sein inneres Leben bedeu­tet das Funktionieren eines Bewußtseinsprinzips, das vom Sein bestimmt wird. ›Freiheit gegen Brot zu verkau­fen be­deutet, immer derselbe zu bleiben.‹

Für den ›Homo sovieticus‹ war die Eigentumsfrage von großer Bedeutung. Er glaubte, das Ei­gen­tum - insbe­sondere das an Produktionsmitteln - bedeute ein soziales Übel. Dieses Ver­bot ver­stärk­te jedoch die Versuchung, etwas zu besitzen. Es entstand die Frage: ›Was darf man und was darf man nicht besitzen‹? Was soll getan werden, um etwas so ›zu besitzen‹, damit nicht sicht­bar wird, daß man etwas besitzt und nicht ›zu besitzen um zu besitzen‹. Die Lösung war: Man soll das Leben genießen. »Schließ­lich besitzt derjenige nichts, der ›genießt‹, denn er ge­nießt nur. Jedoch besitzt er dennoch, denn er befriedigt seine Bedürfnisse - und geht es ihm eben nicht darum? - also dem einzelnen, der glaubt, es sei nur ein Konglomerat von Bedürf­nissen«?

Die Niederlage des Kommunismus bedeutet nicht unbedingt die Niederlage des ›Homo Sovie­ticus‹. Nieder­­lage bedeutet nicht Überwindung. Das von der Niederlage des Kommunismus enttäuschte Indivi­duum lehnt seine Versprechungen nicht ab. Dasselbe, was der ›Homo Sovie­ticus‹ von den Kommunisten erwartete, erwartet er von den Kapitalisten - er ist ein Meister im Genießen - es ändert sich nur die Hoffnungsrichtung. Der ›Homo sovieticus‹ war ein fester Be­standteil eines Christen, drang in das Innere der Kirche ein, verzehrte die für das Dasein not­wendigen Mittel, auch solche Mittel, welche das ewige Leben sichern. Man kann ihn an folgen­den Merkmalen erkennen: der Unverantwortlichkeit; er hat immer zahl­reiche Ansprü­che; er be­schul­digt andere und nicht sich selbst; er ist mißtrauisch; er ist nicht bereit, sich selbst zu op­fern. Rich­tun­gen der Über­windung sind die Evangelisation, der Persona­lis­mus und soziale So­lidarität. … Das Bewußt­sein des einzelnen ist ein verlogenes Bewußtsein. »Das, was der Mensch über sich selbst aussagt, drückt nicht aus, was er ist«. »Verdeckte Wahrheit ist schlimmer als Illusion - der Mensch verteidigt sich, indem er zu zeigen versucht, daß er besser als in Wirklichkeit ist. Miß­­trauens­­herme­neu­tik ist ein Bestand­teil der kommunistischen Propa­ganda - der Feind ist überall - sie ist ein Drittel, den Volks­feinden nach­zuspüren. Das hat eine Spur hinterlassen d.h. univer­sales Miß­trauen, Verdacht. Das evangelische Verstehen des Men­schen ist eine Antwort auf das Miß­trauen.

Die polnische Kultur bleibt ohne Christus unverständlich. Folgende Faktoren beeinflußten die Solidarität: 1. der Dialog, 2. der Vorrang der Person über die Arbeit sowie nationales Bewußt­sein als ethisches Bewußt­­sein. Ohne dies wäre die Solidarität eine sektiererische, enge, par­tei­liche Bewegung. … Diese Werte verliehen der Solidarnosc sofort eine übernationale Dimension. Es war der Anfang einer Gemein­schaft, die das Ideal der ›Kommune‹ verdrängte, nach dem der ›Homo sovieticus‹ strebte. Der ›Homo Sovie­ticus‹ trug zur religiösen Erneuerung in Polen bei. Die religiöse Umwand­lung war nicht nur eine Antwort auf die Vorschläge des Kommunis­mus.266 Es blieb die Frage, in welchem Umfang sie eine Antwort auf den legalis­tischen Glauben war, einen Glauben der Flucht aus der Wirklichkeit, einen Glauben vom Men­schen mit gelähm­ter Bereit­schaft, anderen zu ver­trauen, einen Glauben, in dem das Tataren-Miß­trauen sich mit dem byzantinischen Feudalismus vermischt. Solche Inhalte stecken neben dem Senti­men­talis­mus und dem Theaterspiel in der polnischen Religiosität. Die Überwindung ist keineswegs voll­en­det: der Kommunismus drang in den Menschen tiefer ein als man ahnen konnte. Nur das Christentum ist in der Lage, diesen Tatbestand zu ändern. Johannes Paul II. sieht das am besten.‹

3.3. Der ›Homo Sovieticus‹ in Polen - Privilegien und Machtkämpfe als Hemmnis für gesell­schaft­liche Entwicklungen.

Ausgehend von der These des ›Homo sovieticus‹ läßt sich folgende überlagernde Frage auf­werfen: Warum verhalten sich die Menschen in Polen im Sinne 'ökonomischer' Verhaltens­weisen nach mittel­eu­ro­pä­ischer bzw. bürgerlich-kapitalistischer Wertmaßstäben 'irrational'?

Das Postulat eines ›Homo Sovieticus‹ geht von vorgeblich systemtypischen Verhal­tensweisen aus: Die Arbeiter arbeiten nicht zuverlässig, sind unpünktlich, handeln nicht ver­ant­wor­tungs­be­wußt, sie arbeiten zu wenig, sie sind zu faul etc. Die Antwort, warum sie dies nicht tun, liegt zum einen in der negativen Motivation, es nicht tun zu müssen. Das System zwingt einen Arbeiter nicht zu arbeiten; bzw. seine höchst- und bestmögliche Arbeitslei­stung herbei­­zuführen. Typische Erfah­rungen und Alltagsbeobachtungen sprechen dafür bzw. zeugen davon. Die Elemente nicht vorhandener Zwänge sind: Es sind keinerlei administra­tive oder betriebliche Kontroll­mög­lichkeiten vorhanden, zumindest existieren keine real ein­setzbaren und wirksame Kontrollmechanismen.

Weiterhin ist kennzeichnend der indirekte aber prinzipielle Konsens zwischen potentiel­len Kontrol­leuren, Subdirektoren, anderen Vertretern von Vorgesetzten in der Firmenhier­archie mit den zu Kontrollierenden. Der hohe Anteil von als ›Direktoren‹ fungierenden Stelleninhabern hatte in hohem Maße die Funktion einer Privilegien­ver­gabe und bedeutete die Befriedung und schein­­bare Machtpartizipation der eigenen Klientel und Zugang zu Sta­tussymbolen sowie der Erzeu­gung von Loyalitäten für poten­tielle Aufsteiger. Der Dienst­wagen mit Chauffeur stand auch der Ehefrau für deren Einkauf zur Verfügung. Das ent­schei­­dende Defizit - besser: die entscheidende Nicht­voraussetzung - war im Sozialismus die geringe Einkommensdifferenzierung oder gar rela­tive Einkommens­gleichheit zwischen bei­den Gruppen innerhalb der Produktion.

Hinzu kommt, daß das Privile­gien­system für die Privilegierten, Angehörige der No­menklatura, die Dezidenten, nicht von der Einhaltung der Kontrollfunktionen abhing. Das Überlassen von Dienst­wagen für private Zwecke oder der vorran­gigem Zugang zu Dienst­leistungen und höherwertigen Konsum­gütern war die Konkretisierung der Funktion. Die Vergabe von Prämien war nicht an eine meßbare Leistung gebunden. Sie hing wesentlich ab von der Dauer der Betriebs­zugehörigkeit und der Dienststellung. Dies gilt als typische Er­scheinung für die Herrschafts­praxis in autoritären Staaten.267 Das System, dem Zwangsein­richtungen immanent waren, wollte kein dem Kapitalis­mus entsprech­en­des System der Aus­übung von Zwängen installieren. Schließlich leitete es seinen Überlegen­heits­anspruch und damit die Rechtfertigung des Fortschrittsideologems gerade aus der Negation der Negativ­erschei­nungen des Kapitalismus ab. Die Folge war, daß sich spezifische Mechanismen der Ausübung von Herrschaft, der Umsetzung von Macht durch Formen physischer und psychi­scher Zwänge entwickelten. Es begründete andererseits seine Existenz mit der Ein­füh­rung von als solche definierten sozialen ›Errungenschaften‹. Zwecks innerer Legitimation instru­men­­­talisierte es dies mit den Mitteln gelenkter Berichterstattung in den Medien - also mit Hilfe der Propaganda. Es produzierte damit permant der Scheinlegitimierung dienende Selbstbilder.

Über staatlich verordnete, eingeübte und ritualisierte Glaubensdoktrinen lenkte es den Blick ab vom staatlich-politischen System der Machtausübung, das weitgehend in der er­heblichen Beschrän­kung von Befugnissen und innergesellschaftlicher und -staatlicher Kon­trolle und Mitwir­kungs­­­möglich­keiten bestand. Gestaltungsmöglichkeiten und -rahmen, die freiheitlich-demo­kra­tische Systeme ausmachten, waren nicht vorhanden. Ein wesentliches Kriterium, das Setzen von Bewegungsgrenzen, hat dieses System des Realsozialismus zum Scheitern gebracht. Da diese Gesellschaft aufgrund ideologischer Vorgaben nicht an Tradi­tionen bürgerlich-demo­kra­tischer Ausübung, Anwendung und Wahrnehmung von Freiheit anknüpfen konnte wie auch an sozial-emanzi­pa­to­rische Prozesse,268 ist diese Kategorie von Freiheit, eben weil nicht historisch erfahren und in einem Prozeß von Demokratisierung und Emanzipation erkämpft, auch nicht in der Gesell­schaft bewußt und damit Ziel von minderer Relevanz. Die Ursache liegt im ideolo­gischen Selbst­verständniss der die Macht innehaben­den Gruppe sowie in der Methode ihrer Herr­schafts­aus­übung. Zwei gruppenspezifische Voraussetzungen für ein System funktionierender Kontrolle entfallen dadurch:

Vorgesetzte stehen in Betrieben nicht unter dem Zwang, in der Hierarchie unter ihnen stehende Betriebs­ange­hörige überprüfen zu müssen, weil sie selbst nicht (nach dem Muster kapitalistisch geführter Betriebe) kontrolliert werden. Ein Wesensmerkmal eines in einer Leistungs­gesell­schaft vorhandenen hierarchischen Prinzips entfällt damit: der Fremd­zwangsmechanismus als Prinzip der Kontrolle der niederen Ebene durch die jeweils höhere. Die Kontrolleure haben stattdessen ein System von spezifischen Verhaltensmustern entwic­kelt. Dies System hat sich als zwangs­läu­fige Konsequenz nach der Stalinis­musphase269 her­ausgebildet

Ohne die klassischen Durchsetzungsmechanismen, wie die Ausübung von finanziellen Zwängen und Kontrolle bzw. die Motivation über Konsum und Lebensmöglichkeiten - also wesentlich durch Propaganda vermittelte Ideologie - entspricht die Leistungsbereitschaft polnischer Werktätiger nicht mit ihrer potentiellen Leistungsfähigkeit. Moderne Methoden der Menschenführung waren in diesem real­sozialist­ischen System zudem unbekannt oder gar unmöglich. Sie widersprachen der Ideologie des Marxis­mus­ Leninismus welches be­grenzt mit dem Selbstverständnis des Katholi­zis­mus. Die Praxis der Macht­ausübung der Nomen­klatura bestand - aus dem Alltag erfahrbar - im gegen­­­sei­ti­gen Verteilen von 'Pfrün­den'. Oft handelte es sich eher um kleinere 'Bonbons', um Annehm­­lich­keiten, Vergünstigun­gen in der Distribution, denn als ertragreiche Pfründe. Sie wurde innerhalb tradierter Loyali­täten abgewickelt. Ergänzt wurde dies durch das Prinzip, ein relativ gro­ßes Einkommen zu bekommen mit immer geringer werdendem real vorhan­denen und meß­baren Arbeitsaufwand und Verantwortungsanteil.

Dazu gehörte z.B. die 'Vermehrung' von Direktoren­posi­tio­nen, die Erzeugung bzw. Ausdehnung des Verwal­tungs­­appa­rates, die Bildung eines unproduktiven 'Wasser­kopfes' in der Bürokratie, der zudem wegen der an 'Geheim­­nis­­krämerei' geltenden Geheimhaltungs­vorschriften, den Ab­gren­zungs- und Verschließungs­prinzip vor der Öffent­­lichkeit, prinzipiel­ler Undurchschau­bar­keit, Maß­­stablosigkeit. Niemand konnte den realen Wert de­finieren, den z.B. die Datscha besaß, die aus 'abgezweigtem' Material gebaut worden war. Eine Wertbestimmung über den Markt­preis war im System nicht enthalten.

Einem objektiven oder relativen Anspruch genügende Maßstäbe oder Gewichtungen für Quanti­täts- und Qualitäts­­merkmale waren nicht vorhanden. Aus der Unmöglichkeit der ge­sicherten Bemessung und Wertung von ökonomischen Größen resultiert die Unmöglichkeit der Ausprä­gung eines entsprechenden Unrechts­­bewußtseins. Die objektive Bemessungs­un­mög­lich­keit wird überlagert durch entsprechende Herrschafts­prinzipien. Der Abbau von Hemmschwellen kann durch folgende Meinungsäußerungen verdeutlicht werden: ›Was dem Volk gehört, können wir uns nehmen. Wenn Privilegierte Material für die Datscha abzwei­gen, dürfen wir das auch.‹270

Das ideologisch abgeleitete Postulat des Volkseigentums bewirkte ebenfalls die Herab­setzung von Unrechts­bewußt­sein. Da man die herrschende Ideologie als fremde Glaubens­doktrin ablehnte und bekämpfte, fällt eine der skizzierten Formulierungen als Selbstrecht­fertigung und zugleich gesellschaftlicher Selbstbetrug nicht schwer - im Gegenteil: Es ergibt sich eine gewisse moralische Abmilderung oder gar Unter­stützung im subver­siven Verhalten für das Unrechts­be­wußt­sein, sozusagen eine weltliche sich selbst legitimie­rende Absolution für Unrecht. Dies knüpft wiederum an subjektiv postuliertes patriotisches Verhalten durch Ausübung von Unrecht an.

Das klassische Honorierungssystem als Funktionsmechanismus einer Hierarchie; die Höhe des Gehalts, Dota­tionen oder wertmäßig erfaßbare Statussymbole wie Haus oder Auto waren nur begrenzt im Vergleich zu west­europäischen Ländern verfügbar. Es gab keine irgendwie real vor­handen bestimmbaren und vergleichbaren Preise als Voraussetzung für innergesellschaftliche und subjektive Wertsetzungen. Hinzu kam, daß das Wertbestim­mungsmedium - das Geld - eben­falls nicht als solches existierte. Die Währungen der RGW-Länder waren nur als Binnenwährung definiert. Ein ›Werktätiger‹ hatte in der Regel genug flüssiges Geld zur Verfügung. Die Folgen waren eine zunehmende Überliquidität sowie die verdeckte Inflation als Ausdruck und Folge von Ungleichgewichten in der Geld-Ware-Rela­tion. Die subjektiv sinkende Einschätzung des Geld­wertes wurde auf die Bewertung des Systems überragen, eine für das Jahr 1980 charakte­ris­tische Situation, die zu einem auslö­senden Element wurde.

Zum Ersatz für die fehlenden Maßstäbe wurden seit den siebziger Jahren zunehmend aus­län­dische Devisen. Die west­lichen Hartwährungen waren aufgrund verzerrter und be­grenzter Markt­mecha­nis­men nicht geeignet, zur Problem­lösung beizutragen. Dies begün­stigte zudem die über­höhte bzw. verklärte Einschätzung des Dollars als Symbol für den Wohlstand des Westens und den Kapitalismus als solchen.

Nicht vorhandene Kontrollmechanismen, unzureichende und verzerrte Wertmaßstäbe implizieren eine totale Orientierungslosigkeit aller an sozialen und wirtschaftlichen Prozes­sen Beteiligten. Die erforderliche Kompensation bildeten deshalb psychisch stabile Systeme: Nation, Religion sowie die akzeptierten Symbole des Staates wie die Armee. Sie hatten eine Ersatzfunktion auf mehre­ren Ebenen.

3.4. Systemzwänge

Es ergibt sich eine spezifische Ebene der Solidarität, die sich von den vor allem von der Ar­beiter­bewegung definierten Begriffen entfernt hat. Konkret:

  • Ein Mitglied der Hierarchie kann aus den skizzierten Gründen seine Kontrollfunktion nicht aus­üben.

  • Anreize und Voraussetzungen für Leistungssteigerungen fehlen; kollektive Apathie ist die Folge.

  • Mitglieder der Nomenklatura sind selbst (relativ) saturiert, werden nicht demokratisch kontrol­liert und ver­hal­ten sich opportunistisch i.S. einer möglichen Rückversicherung gegen­über der Belegschaft - vor allem seit der Schwächung des Systems am Ende der siebziger Jahre in Verbindung mit dem Anwachsen der Krise.

  • Das System ist durch die prinzipielle Konsequenzlosigkeit gekennzeichnet, die wiederum Aus­druck spezi­fischer historischer Machtbalancen ist.

Dazu sollen folgende Thesen formuliert werden:

  1. Jegliche dem gesetzten Anspruch genügende Kontrolle hätte für Fehlverhalten ent­sprechende Konse­quenzen nach sich ziehen müssen. Die Mechanismen eines kapita­lis­tischen Systems waren per se ausge­schlossen; …

  2. … sie waren als diktatorische Machtausübung diskreditiert oder...

  3. … sie stießen an die Grenzen des Systems und damit an die Offenbarung ökonomischer Krisen­haftig­keit und sozialer Pathologie.

zu A): Entlassungen oder Gehaltskürzungen waren ausgeschlossen, da rechtlich nicht system­kon­form oder sozial nicht durchsetzbar. Ein System, das wider die reale Erfahrung und fehlender ökonomischer Voraus­setzungen eine Illusion steigenden Wohlstandes und sozialer Sicherheit aufbaut, kann nicht andererseits gegenüber seinen Arbeithehmer(-innen) als Me­thode der Maß­regelung die Androhung und gegebenenfalls Ausführung das Hinaus­drängen aus dem sozialen Sicherungsnetzes anwenden. Dies würde zugleich die reale Nicht­existenz und seine Suggestion offenbaren. Der Erhalt dieses Postulates war aber als psychischer Pfeiler unabdingbare Voraus­setzung zum System­erhalt. Aus dem verbissenen propa­gan­dis­tischen Kampf und die Aufrecht­erhaltung dieser Fiktionen bis zum System­zusammenbruch des Realsozialismus in den Jahren 1989/90 läßt sich seine Bedeutung für die Nomenklatura und Parteien dieser Länder ableiten.

Finanzielle Konsequenzen gab es als Sanktionen kaum. Sie waren angesichts inflations­bedingter Über­liqui­di­täten unsinnig. Zudem wäre es als eine bewußte politische Maßrege­lung seitens der Herr­schen­den Kommu­nisten interpretiert worden. KOR war schließlich als Antwort auf die Verur­teilung streikender Arbeiter im Jahre 1976 gegründet worden. Dies hatte zur Konsequenz, daß spätestens von diesem Datum an alle Metho­den zur Disziplinie­rung oder Maßregelungen eine politische Funktion bekamen. Sie erzeugten somit zwangs­läufig Solidarität mit den Betrof­fenen und motivierten zum sozialen und politischen Wider­stand. Man kann davon ausgehen, daß dies allen Beteiligten bewußt war.

zu B): Aus der (heute als neostalinistisch deklarierten) Verfassung der Volksrepublik Polen von 1976 resultierte in diesem Zusammenhang eine ambivalente Zwangswirkung: Wenn sie ihr sozi­al­politisches Alibi einhalten sollte, muß die Arbeit bzw. der Arbeitsplatz garantiert werden. Recht auf Arbeit und Wohnung waren als Kerngedanken der sozialpolitischen Er­rungenschaften des Sozialismus postuliert worden und entsprechend permanent propagan­distisch perpetuiert wor­den. Lech Walesa oder Anna Walentynowicz wurden wegen ihrer Entlassung aus der Werft auch deshalb zu Opfern des Systems, weil ein Verfas­sungs­grund­satz verletzt worden war. Sie erfuh­ren die Solidarität der übrigen Werftangehörigen in am­bivalentem Zusam­men­hang. Es verbot sich also, das von der Bevölkerung als nahezu einzig Positive dieser Verfassung empfun­dene zum Zwangsinstrument zu machen. Ein Aufbrechen dieses Komplexes kam einer System­spren­gung durch Demaskierung gleich und verbot sich von selbst.

zu C) Es handelt sich um den Bereich sozialer und ökonomischer Konsequenzlosigkeit: Man kann in keinem sozialen System Maßnahmen durchführen, ohne daß Wirkungen spürbar werden. Andern­falls sind Konse­quen­zen auf anderen Ebenen die Folge. Wenn Entlassungen aus betriebs­internen271 Gründen notwendig, aufgrund systemimmanenter Rahmenbedin­gungen aber unmög­lich sind, durch­stoßen sie bei trotzdem erfolgender Anwendung den Schleier der Maskie­rung und offenbaren z.B. die schein­bare Voll­beschäftigung. Das realso­zialistische System Polens war am Ende der siebziger Jahre, datierbar etwa seit 1976 in diese Zwickmühlensituation herein­ma­nö­vriert worden. Ob aufgrund eigener Schuld und Verant­wortung ist im gegebenen Zusam­men­hang sekundär, zumindest war es aber der vor­läufige Endpunkt einer zwangs­läufigen Ent­wicklung.

Der ›Homo Sovieticus‹ ist - zumindest bezüglich Polens - die psychosoziale Ausfor­mung eines Arbeit­­neh­mers in einem politisch und ökonomisch autoritären und illiberalen System, daß sich durch Mangel an echter Kontrolle und Partizipationsmöglichkeit auszeich­net, stattdessen ein idealistisches Selbstbild unter dem Dach einer vorgeblich wissenschaftli­chen und geschlossenen Glaubensdoktrin konstruierte.

Nicht der Marxismus/Leninismus als solcher ist als Bestandteil einer geistesgeschicht­lichen Ent­wicklung des 19. und 20. Jahrhunderts ursächlich verantwortlich - dies entspräche wiederum einer neuen Instrumen­tali­sie­­rung der neuen Machteliten und der ihnen zuzuord­nenden Ideolo­ge­me - sondern seine konkrete System­aus­­prägung, die Wechselwirkung zwi­schen Macht­elite und dem von ihr benutzten geistigen, psychischen und politischen Ge­waltmittel der staat­lichen Macht­ausübung.

Mittel des Umkehrschlusses lassen weitere Einengungen zu: Wenn das Postulat des ›Homo Sovieticus‹ gilt, dann nur im gegebenen Lager und das wiederum ist abhängig von der herr­schen­den Ideologie. Angesichts langfristiger historischer Zivilisationsprozesse, der Einübung von Ver­hal­­tens­mustern durch verschiedene Erziehungsinstanzen, die alle die rela­tiv kurze Phase von fünf­undvierzig Jahren überdauern, ist die These eines ›Homo Sovie­ticus‹ insoweit sehr fraglich, als sie sich nur auf die Phase kommunistischer Herrschaft in Polen beziehen soll. Damit stellt sich erneut die Frage nach der ›Polonitas‹ im neuen Zu­sammenhang.272

Inwieweit stehen z.B. national-polnische und ggf. auch barock-katholische Verhaltens­muster in Wech­sel­­wirkung zum Postulat des ›Homo sovieticus‹?273 Sind nicht diese lang­fristig erzeugten Denk- und Verhaltens­muster weiterhin dominant? Es ist zu vermuten, daß auf längere Sicht diese Habitus­­formen weiterhin bestim­mend sein werden, zumal sie gegen­wärtig eine bewußte Repro­duktion erfahren und psychische und soziale Abwehr­strategien darstellen gegenüber den Zwän­gen der modernen Industriegesellschaften und ihren jetzt auch in Polen demokratisch legiti­mier­ten Ausprägungen ordo-liberaler Varianten des Kapi­talismus. Auch in diesen neuen Zusam­men­hän­­gen wäre zu prüfen, inwieweit sich das in Po­len beobachtete ›Prinzip der Halb­heiten‹274 repro­du­­zieren und belegen läßt.

Aus dem gegebenen Zusammenhang läßt sich die These ableiten, daß der ›Homo sovieticus‹ als ein personifiziertes Symbol für die Pathologie der Gesellschaft gelten kann.

Jan Józef Lipski spricht in diesem Zusam­menhang von einer ›hochgradigen Vergiftung durch den Sowjetismus.275

»Von Jahr zu Jahr versinken wir immer tiefer im Sowjetismus, der unser Wert­system, unsere gesellschaftlichen Bindungen, unsere eigene Sicht der nationalen Tradition zer­setzt.« (S. 40)

Um die Fiktion eines funktionierenden und scheinbar stabilen Systems aufrechtzuerhalten, muß man in diesem Zustand gesamtgesellschaftlicher Labilität alles tun, um den Schein zu wahren und den Schleier vor der sozialen und ökonomischen Pathologie nicht zu zerreißen. Alle potentiell mög­lichen Maßnahmen des Staates waren sozioökonomisch unmöglich, poli­tisch gefährlich oder mora­lisch diskreditiert. Die Aus­nah­me bildete der schlagartig erfolgte Gewaltakt des Staates am 13. Dezember 1981, der letztlich die affektiv-politische Gegner­schaft nahezu aller Polen hervor­rief. Es gelang auch nur unter Aufwendung aller Mittel des sein Gewaltmonopol innehabenden Staates, für eine gewisse Zeit den Zerfallsprozeß aufzu­halten. Sein Ende wurde aber zugleich nun endgültig eingeleitet aufgrund des dadurch im­manent induzier­ten Zwanges zum Bekennen der Gegnerschaft für die große Mehrheit der Bevölkerung.

Abschließend stellt sich die Frage, inwieweit das Prinzip eines begrenzt vorliegenden ›Voraus­schau­enden Denkens‹ mit der These des ›Homo Sovieticus‹ korreliert. Es stellt in der polnischen Gesell­schaft keinen 'Wert' an sich dar. Als Paradigma der Über­lebens­technik gilt die improvi­sa­tive Ad-hoc-Entscheidung. Auch die etatistische Gesellschaft ist nicht per se anstre­bens­wert. Für Polen gilt die Maxime des Abwerfens von (in der Regel durch den Staat hervor­ge­rufenen) Hemm­­nis­sen zur individuellen und kollektiven Entfaltung. Die ge­genwärtige wirt­schaftliche Entwicklung ist seit 1989 unge­­steuert durch den Staat und gegen den Staat erfolgt. Aus den Anfängen 'illega­ler' oder 'grauer' Wirt­schafts­tätig­keit beginnt eine legale Tätigkeit im Handel zu werden. Anderer­seits ist die Grauzone zum Grenz­bereich der Illegali­tät recht groß und variabel. Man begegnet staatlichen Regularien in der Regel durch ein Sich-Entziehen. Der ehemalige Schwarz­händler ist heute als Investor gefragt und mora­lisch nicht diskreditiert. Hat jemand einen Betrug gegenüber dem Staat begangen, neidet man ihm den Erfolg. Dubiose Kandidaten erzielen beachtliche Wahlerfolge. Ihre Argumente sind: Wir haben bisher schon (wirtschaftlichen) Erfolg im Leben gehabt.

3.5. Der ›Homo Sovieticus‹ in der realsozialistischen Gesellschaft

Es könnte sich anbieten, eine Auseinandersetzung bezüglich der Umsetzung mit Marx'schen Postulaten, wie dem der Arbeit als bestimmendem Wertmaßstab zu führen. Ein weiterer Ansatz wäre die Ideologi­sie­rung des ›Bedarfs an Grundnahrungsmitteln‹ und damit Entrela­tivierung von Werten, der Abbau von sozio-historisch gewachsenen Wert­maß­stäben sowie die Wandelbarkeit derselben. Eine konser­vative Hierarchie - die 'Nomenklatura' - hat den ersten Ist-Status zu Beginn ihrer Herrschaft als Maß­stab genommen, die damit verbun­dene Normierung, Wertsetzung verab­so­lutiert und Fortent­wicklung gehemmt und damit Wand­lungsprozesse ignoriert und damit als Ausdruck ihrer Macht jegliche Veränderung blockiert. Sie hemmt damit den gesell­­schaftlichen, ökonomischen und wissenschaftlichen Fortschritt oder macht ihn unmöglich - ein zutiefst konser­vatives, der Machterhaltung dienendes Prin­zip.

Im zivilen Sektor der Volkswirtschaft kann der ökonomische Fortschritt durch Kauf von Techno­logie für einige Zeit aufrechterhalten werden, bis die Lücken gegen Ende der siebziger Jahre im­mer deutlicher werden, im Militärsektor durch Konzen­tration aller Kräfte und extensive Ausbeu­tung von Ressourcen und - nicht zu unterschätzen - die Industrie- und Militär­tech­no­lo­gie­spio­nage. Letzteres gilt zwar vornehmlich für die damalige Sowjetunion, die RGW-Staaten hatten aber im Rahmen ihrer begrenzten Autonomie und des durch Ver­träge verrechtlichten Anspruchs gegen­­seitiger Wirtschaftshilfe die Funktion von Zulieferern, so daß sie in der Perepherie zum politisch-militärischen Machtzentrum des Gesamtsystems sich befanden.

In weiterführenden Überlegungen könnte das Effizienzprinzip reflektiert und einbezo­gen werden. Für die objektiven Mechanismen wie hohes Gehalt, Dotationen etc, hatte sich als Ersatz ein unkon­­trolliert wucherndes, die Produktivität lähmendes Privilegiensystem herausgebildet. Die Mechanismen dieses Privi­le­gien­systems müssen noch - ggf. an anderer Stelle dargestellt wer­den.

Auf der psychosozialen Ebene sind Anordnungen, Handlungsanweisungen, Befehle und ent­sprech­end die Umsetzungen, Ausführungen etc. als ein Selbstzwang, als Ausdruck einer Umset­zung bzw. als Folge von Fremdzwängen einzuordnen. Hierin unterscheidet sich Polen von der frühe­ren DDR, da die Menschen in dieser Region bzw. Teilethnie Deutschlands sowohl einem kontrol­lierten Fremd­zwang als auch Selbst­zwangs­mecha­nis­men in deutlichem Maße unterlagen - die in der DDR über die Darstellung des Zivlisations­pro­zes­ses historisch bis hin zur NS-Zeit und dem Stalinismus ableitbar sind. In diesem Zusammenhang, auch aufgrund eines differenzierten und wirksameren Überwachungssystems wie auch traditionel­ler Verhaltens­wei­sen, steht ein höherer Arbeitsethos.

Der kontrollierte und permanent vorhandene wie spürbare Fremdzwang ließ sich aus mehreren Gründen in Polen nicht im entsprenden Maße umsetzen. Zum einen fehlten die Voraussetzungen für eine Durch­führung und Durchsetzung gegen gesellschaftliche Wider­stände (s.o.). Dadurch ist das Verfahren als Prinzip aufgrund gegebener Rahmenbedingun­gen grundsätzlich unmöglich: das fremdinstallierte, kontrol­lier­te und als national und eth­nisch inkompatibel empfun­dene System. Dies läßt jegliche Kontrolle durch den eigenen staatlichen Apparat als nationalen Verrat erscheinen und wird als solcher empfunden und als fremd abgelehnt. Der Mechanismus, die Methode sind inkon­gru­ent zum gesellschaftlichen Wertmuster. Weil sie so empfunden werden, stellen sie subjektiv eine real vorhandene Wahrnehmung dar.

Dieses Kriterium macht jegliche Praxis von entsprechenden Verhaltensweisen unmög­lich, die in einer hoch entwickelten und kapitalistisch organisierten Industriegesellschaft adäquat sind. Damit sind beide in als prosperierend wahrgenommenen Industriegesellschaf­ten geltenden Möglich­kei­ten ausgeschlossen: Leistung durch Motivation und Bezahlung wie auch durch Erzwingung.

Inwieweit in der Gesellschaft eine Chance auf eine Entwicklung besteht, die durch Liberalität und Humanität auf der Basis von Selbstverantwortung gekennzeichnet ist, gege­benenfalls unab­hän­gig von umgesetzten Fremd­zwängen, bleibt einer möglichen Hypothe­senbildung vorbehalten. Für Polen scheint es unwahr­­schein­lich, weil im Vergleich zu West­europa die entsprechend ausgebil­deten Mittel­schichten als ent­schei­­dende gesellschaftliche Voraus­setzungen fehlen.

Für die polnische Gesellschaft ist die Anwendung des Verantwortungsprinzips276 nur begrenzt gegeben. Deshalb sind z.B. jegliche Form von frei­wiliger Tätigkeit erschwert. Ehrenamtliche Tätigkeiten sind außer­halb der Kirche in Polen kaum vorhanden.277 Die Glau­bensdoktrin ist durch die Kirche monopolisiert. Diese läßt 'Ersatz' oder 'Alternativen' z.B. durch politische oder welt­an­schaulich freie Institutionen etc. nicht zu bzw. versucht, sie zu behindern.278 Es gibt keine Unter­stüztung - ausgenommen, sie ist im Sinne der katholischen Kirche instrumentalisierbar.

Dies war ein entscheidendes Problem der Arbeit mit Polen bis 1989. Seitdem ist z.T. eine Per­spek­tiv­­losigkeit eingetreten. Bezüglich der erkennbaren Aspirationen ist der Para­dig­men­wechsel von 1989 deutlich erkenn­bar. Ein neuer politischer Begrün­dungsethos hat sich noch nicht erge­ben und alte Ziele mit dem Grenz- und Freund­schaftsvertrag sind erfüllt. Die Erwar­tungs­haltung steigt, die konkreten Aspirationen werden seit 1989 zunehmend konkretisiert. Zweifellos haben auch die verbalen Dank­bar­keitsadressen westdeutscher Poli­tiker für die Überwindung des Kom­munismus eine neue bestimmende Funktion.

3.6. Altagssituation und Alltagserfahrung

Der gesellschaftliche Prozeß 1980/81 ist Bestandteil eines historischen Prozesses, den die polni­sche Gesellschaft durchläuft. Es repräsentiert damit in charakteristischer Weise das in der All­tags­kultur verankerte Überlebensverhalten der Nation. Anhand von Beispielen soll der Hinter­grund dieses Verhaltens dargestellt werden, der zur Basis für gesell­schaftliches Verhalten wird. Um ein Gesellschaftsbild Polens zu zeichnen, sollen typische und signifi­kante Verhaltensweisen skizziert oder beschrieben werden. Spontan fällt dazu das Beispiel eines Taxifahrers einer belie­bi­gen polnischen Stadt ein, der in gebrochenem Deutsch stolz erzählt, daß er z.B. in Braun­schweig in einer Werkstadt, in Hamburg auf dem Bau oder in der Pfalz bei der Wein­lese gearbei­tet hat und für das verdiente Geld einen alten Mercedes-Diesel gekauft und importiert hat. Mit diesem Fahrzeug verdient er nun seinen Lebens­unter­halt. Zumeist fügt er seiner Erzählung noch hinzu, daß dieser zehn Jahre alte Mercedes viel bessser sei, als ein neuer Polski-Fiat. Mehr­fach wird noch neidvoll hinzugefügt, daß in der Bundesrepublik alles funktioniere und alles korrekt zuginge. Oft folgt die Formulierung, ›bei uns dagegen ...‹, es folgen abwertende Bemer­kun­gen oder negative Wertungen - oder man schweigt resignierend.

In Polen existieren Problemlagen, die in der Bundesrepublik weitgehend unbekannt wa­ren, und die anderer­seits von sehr viel Unkenntnis der Menschen im allgemeinen aber auch der westlichen Wis­sen­schaftler gegn­über Polen zeugen. Wie tief ist doch das Mißverständ­nis, das westliche Wissen­schaftler und Gewerk­schaftler 1980/81 von der Solidarnosc hatten, als sie in dieser Protest­bewegung eine politisierte Arbeiter­bewegung sahen, die nun die Ver­zerrungen durch den Stali­­nismus und die Deforma­tion des Sozialismus beseitigen wollten. Ein typisches Problem war, daß der jeweilige Diskussionsstand vor allem auf seiten der Lin­ken und der Parteien und Verbän­den, die sich aus der Arbeiterbewegung ableiteten, auf die Situation in Polen übertragen werden sollte. Die gesellschaftliche Realität in Polen war fern davon, Voraus­setzung zu sein für Fragen der Umsetzung von Mitbestimmung oder gar von Arbeiter­selbst­ver­wal­tungsmodellen. Das Nicht­errei­chen einer echten oder praktizierbaren Mitbestimmung in West­deutschland sollte vermutlich sei­tens dieser Gruppe auf das Polen der Solidarnosc übertragen werden, nachdem das Modell der Arbeiter­selbstverwaltung in Jugoslawien dem Macht­aus­übungs­prinzip einer stalinistischen Elite untergeordnet wurde. Zweifellos nutzten Arbeiter in Jugoslawien gewisse konkrete Vorteile des Modells, sie lehnten aber Partei und Zwangsgewerkschaft als Basis für Funktionärspfründe ab.

Es handelt sich im gegebenen Zusammenhang auch darum, anhand typischer signifikan­ter und häufig auftretender Beispiele und Erscheinungen die nötige Sensibilität zu entwic­keln, die Voraus­setzung ist als Zugang zu den Spezifika in Polen und gar zur ›Polonitas­‹. Diesen Zugang kann man auf mehreren Ebenen finden, durch historische Romane über Po­len, das Studium der Geschichte der Polnischen Nation sowie die Politik und Gesellschaft in der Gegenwart, d.h. die Wahrnehmung und Erfahrung des Alltagsverhaltens sowie die Um­setzung dieses Verhaltens in typischen Verhaltens- und Bewußtseinsphänomenen.

Zunächst ist die Frage zu erörtern, inwieweit es Sinn macht, über Fragen des Alltags zu reflektie­ren. Es ist davon auszugehen, daß in Polen selbst derartige Wahrnehmungen nicht in gleicher Weise erfolgen, obwohl die genannten Beispiele auf Beispielen von polnischen Freunden oder Berichten in polnischen Zeitungen beruhen. Bezeichnend ist folgende Bege­ben­heit: Der Verfas­ser fuhr 1990 einen damals ca. acht Jahre altes Fahrzeug deutscher Fa­brikation. Bei einem Besuch in Warschau erklärten junge Leute im Brustton fach­männischer Überzeugung - sie besa­ßen zumeist Ingenieurqualifikationen - daß dieser Wagen mit Sicher­heit besser sei als ein neuer Polski-Fiat 125p. Es liegen offensichtlich Verdrängungsmecha­nismen und ›irrationale‹ bzw. ›paradoxe‹ Bewertungsmuster vor, die den Westeuropäer erstaunen lassen. Er hat große Schwierig­keiten, diese nachzuvollziehen. Oft ist es völlig unmöglich. Offensichtlich nimmt man die perpetuierte Realität mit anderen Augen wahr als ein Westdeutscher, für den gerade die kleine­ren Uneben­heiten des Alltags einen anderen Stellenwert haben. Derjenige Bürger in Polen, der Opfer von Sozial­pathologie ist, erträgt die Negativerscheinungen und entwickelt Mechanis­men der Erduldung und Kompensation. Für den westdeutschen Betrachter aus der Sicht eines höher­gradig funktionierenden techni­schen Systems stellen sich andere Blickwinkel, vielleicht auch eine erhöhte Sensibilität.

Für die Gesellschaften Westeuropas oder der USA abgeleitete oder entwickelte Theo­rien lassen sich auf die Gesell­schaft Polens nur begrenzt anwenden.279 Für den Betrachter ergeben sich spezifische Beobach­tungen - auch muß er selbst entsprechende Sichtweisen entwickeln. Brauch­bare, weil die gesellschaftliche Situation treffend wiedergebende Darstel­lungen sind in Reise­be­schrei­bungen zu finden.280

Das Bild der Frau hat sich in der Literatur zu immer wiederkehrenden Stereotypen entwickelt. Diese sind meinungs- und bewußtseinsprägend. Vor allem für den nichtpolni­schen Leser vermit­teln und erzeugen sie ein undifferenziertes Bild von dieser Gesellschaft, das der realen Polin nicht entspricht. Andererseits lassen sich die Problemlagen verdeutli­chen, beziehen sich die genannten Frauenbilder doch nahezu ausschließlich auf Frauen, die der Szlachtagesellschaft entsprechen. Auf das Mädchen bzw. die Frau aus der Bauern­gesell­schaft treffen die Stereotype der schönen, verführerischen Polin kaum zu. Hingebungsvolle und evtl. unglückliche Liebe als Ausdruck sozialer Differenzierung sind eher zutreffend. Das Mädchen, das Stefan Zeromski in ›Der getreue Strom‹ darstellt, repräsentiert solch ein Abbild der Frau in der bäuerlichen Gesell­schaft.

Der Besucher des Landes ist zwar nicht unvoreingenommen - das ist für den Reisenden, der sich mit Hilfe der zeitgenössischen Literatur auf die Reise einstimmt und vorbereitet, kaum möglich. Die genannten Reise­beschreibungen vermitteln aber auch die Reproduktion von Vorurteilen und das Sehen dessen, was man wahrnehmen will. Die polnische Soziologie hat es bisher vermieden, die von der schönen Literatur vermit­telten Frauenbilder zu untersu­chen. Für sie war eher die emanzi­pierte Frau und berufstätige Polin der Gegenwart Gegen­stand soziologischer Forschung und auch der Öffentlichkeit. Der Adaptionsprozeß der pol­nischen Gesellschaft an west­euro­päische und amerikanische Entwicklungen der Nachkriegs­zeit standen im Vordergrund der For­schungs­­­motivation.281

Als Pate für die Gedanken polnischer Forschung stand unausgesprochen der Wunsch, Annähe­rungs- und Angleichungsprozesse an westliche Standarde nachzuweisen. Indirekt läßt sich dadurch die These stützen, daß es so etwas wie ein polnisches Selbstverständnis bzgl. dieser im Moderni­sierungsgrad gesell­schaft­lichen Prozesse gegenüber dem Westen 'phasenverschobenen' Entwicklung der polnische Nation gibt. Diese Lücke kann man, die für polnische Sozialforscher und vor allem Forscherinnen als Tabu­zonen wissen­schaft­lichen Terrains gelten, unter folgenden Aspekten skizzieren:

  • Kleidet bzw. gibt sich die Polin tatsächlich in besonderem Maße aufreizend und eleganter als ihre westeuropäische Geschlechtsgenossin und inwieweit läßt sich dieses sozio-histo­risch ab­leiten?.

  • Befindet sich die polnische Frau in einem vergleichbaren Rollenverständnis? Ist sie z.B in ver­gleich­barer Weise rechtlich und sozial benachteiligt bzw. machtschwächer?

  • Liegt entsprechend den Postulaten westlicher Frauenforschung ein vergleichbarer Grad von Unter­­­privi­legierung vor und gibt es entsprechende soziale und familiale Unter­drüc­kungs­mecha­nismen wie in Westmitteleuropa?

  • Inwieweit kann man von einer gewissen Dominanz der polnischen Frau sowie Ansätzen spezi­fischer Formen eines polnischen Matriarchats sprechen. Inwieweit werden diese An­sätze von der polnischen Forschung untersucht?

  • Religionssoziologische bzw. pastoralsoziologische Untersuchungen belegen den Prakti­zie­rungs­grad in den katholischen Gemeinden. Warum fehlen Untersuchungen über Be­stim­mun­gen des Grades der tatsäch­l­ichen Religiösität und der Glaubens­praxis oder über die Wider­sprüch­lichkeit zwischen der Teil­nah­me an kirchlichen Riten und tatsäch­licher Umset­zung die­ses Regelsystems im Alltagsverhalten?

Weitere entsprechende Thesen lassen sich formulieren. Ob daraus Handlungsmotivationen ent­stehen oder konkrete Forschungsvorhaben resultieren, ist gegenwärtig zumindest frag­lich. Auf­grund der bis 1989 relativ hohen Berufstätigkeit der Frau sowie ihren Aktivitäten unabhängig von ihrer Qualifikation, stellen sie in der Solidarnosc -Bewegung eine viel zu gering beachtete Größe dar. Auch der Verfasser kann diese Lücke nicht schließen: Es er­scheint aber notwendig, auf die Unterrepräsentiertheit in der Darstellung der Solidarnosc-Bewegung hinzuweisen. Das gilt auch für die Rolle der nicht in der Werft beschäftigten Ehefrauen der Werftarbeiter, die Groß­mütter und die Töchter, letztere insbesondere in ihrer Rolle als Pfadfinderinnen.

Die Konsolidierung der neuen Machtverhältnisse seit 1989 ist noch nicht vollständig erfolgt, die Macht­­balancen haben sich noch nicht stabilisiert. Die kontinuierliche Durchset­zung gegen­wärtig erreichter Macht­posi­tionen ist noch nicht gesichert. Es ist sogar zu ver­muten, daß der fort­dau­ernde Prozess unstruktu­rierter Macht­auseinandersetzungen in der nächsten Zukunft nicht zu poli­tisch stabilen Parteien führt, die Abgren­zungs­prozesse sich nicht verfestigen sondern sowohl inner­­halb der bestehenden Gruppen als auch zwischen Gruppen und Parteien wechselnde Zuord­nungen erfolgen werden. Ein relativ begrenzt dyna­misches bzw. geringer fluktuatives Partei­en­system ist nicht zu erwarten. Damit wird auch eine längerfristige Stabilisierung unwahr­scheinlich, ebenfalls die Chance auf stabile Optionen in der Bevölkerung, vor allem im Investi­tionsbereich fraglich.282

Eine Stabilisierung der z.T. neu entstandenen Eliten im Sinne eines Demokratisierungs- und Zivi­lisie­rungs­prozesses, d.h. die Akzeptanz und Praxis demokratischer Entscheidungs­findungs- und Willens­bildungs­prozesse ist noch nicht absehbar. Im Gegenteil: Es ist fraglich, inwie­weit durch Wahlen legitimierte gegen­wärtig die Macht innehabende Parteien in einem der ursprüng­lich­en Logik entgegen­gesetzter Prozeß eine im Minimun ausreichende soziale Basis zu erreichen ver­mögen, bzw. als Voraus­setzung für sozial und strukturell funktionie­rende Parteien aufzubauen in der Lage sind. Prognosen über mögliche Entwicklungen des Parteiensystems als Ausdruck und Folge gegenwärtiger sozialer Prozesse lassen sich aber durchaus ableiten und begründen. Skeptische Einschätzungen dominieren dabei.

Durch Sammeln, Auswerten und Wiedergeben von Alltagserfahrungen lassen sich Vermutungen ableiten und begründen, zumal sie mit Stereotypen verknüpft werden, wie ›Individualisierung‹, mangelndem ›Grup­pen­­­­kon­sens‹, Disziplinlosigkeit‹, Bereitschaft zur ›Subversion‹ etc. Aussagen wie der 'Hang zur selbst­bild­­haften Über­höhung nationalen Be­wußtseins' im Gegensatz zum tat­sächlich minimal ausgeprägten staats­­­­gesell­­schaft­lichen Be­wußtsein, das ein Minimum an kollek­tivem Verantwortungsbewußtsein enthält, ergänzen dieses. Es bilden sich Assoziationen zum »Lieben wir uns« der Adelsgesellschaft,283 die den Primat des Dienstes am Staat, die Suggestion des pflichtbewußten 'Staatsdieners' weder als Beamter noch als Bürger hervorzu­bringen ver­mochte.

Die Wahrnehmung gegenwartsspezifischer problematischer Erscheinungen sind für Be­troffene unange­nehm. Das Gefühl, als Objekt gesellschaftswissenschaftlicher Betrachtung und Analyse 'seziert' zu werden, ist für alle Bürger nur schwer erträglich. Um so klarer prä­sentiert sich das Bild für den von außen kommen­den Betrachter. Heben sich doch für ihn spärliche Konturen bei geübter und geschulter Wahrnehmung kontrast­reicher hervor. Die Gefahr, zwischen Kokettieren und Ironisieren zu schwanken, ergibt sich für den affektiv abseits Stehenden nicht.

Für polnische Intellektuelle kommt das latent vorhandene Moment der resignativen Offenlegung des zumeist Verdrängten und mental versteckten Unterlegenheitssysndroms durch gezeigten Stolz oder kollektiv geäußertes Selbstbewußtseins zum Ausdruck.284 Daran anknüpfend eröffnen sich verschiedene Problemebenen. Inwieweit sind z.B. die zuvor skiz­zierten Probleme Gegen­stand des Alltagsbewußtseins, und welche Verhaltensformen im Alltagsleben lassen sich daraus ablei­ten? Sind diese alltagsspezifischen Verhaltensweisen normierbar? Sind sie überhaupt reprä­sen­­tativ erfaßbar? Es scheint, daß Resignation, man­geln­des Selbstvertrauen, abnehmendes Selbst­wertgefühl und sinkendes Vertrauen sich so­wohl in den Staat, als auch in die bisherigen ursächlich vertrauens­bil­den­den Objekte und psycho­sozial stabi­li­sierenden Institutionen wie Kirche und Armee projizieren lassen.

Gesellschaftliche Apathie, Sozialpathologie285 bis hin zur gesellschaftlichen Agonie sind in den typischen Erschei��nungen des Alltagsverhaltens erkennbar. Zu untersuchen ist dabei, wodurch das Alltagsbewußtsein geprägt, und inwieweit das Alltagsverhalten konkret beein­flußt wird. In der jüng­sten Gegenwart bieten sich zeit­geschichtlich zu untersuchende Phasen an:

  • Die Konsolidierung, Machtausübung und der Machtverfall der PVAP bis zum Ende der sieb­ziger Jahre;

  • die sozialen und politischen Auseinandersetzungen der Jahre 1980/81;

  • die Endphase der Machtausübung durch die PVAP von Beginn des Kriegszustandes bis zum Amtsantritt Mazowieckis im August 1989.

Es ist sinnvoll, die sozialen Gruppen betreffend ihres veränderten sozialen und politischen Ver­haltens sowie den Wechsel der Motivationslagen, Wandel der Wertemuster und ihrer alltäglichen Verhaltenspraxis zu untersuchen. Bis zur Phase 1980 können Aussagen gemacht werden. Die zwar hoch interessante aber sehr komplexe Problematik, die Frauen in Polen betref­fend, muß in diesem Zusammen­hang ausgeklammert werden.

Charakteristische Verhaltensweisen der Arbeiter wie auch der Intelligenz sollen dage­gen skizziert werden, insofern sie für das Verhalten der gesamten Gesellschaft prägend bzw. treffend sind. Das Verhalten der Arbeiter in Polen läßt sich aufgrund von Alltagsbeobach­tungen darstellen. Im Anschluß stellt sich zweifellos die Frage, ob und inwieweit hiermit der ›Homo sovieticus‹ beschrieben und definiert wird, oder aber - und diesem Gedanken neigt der Verfasser eher zu - historisch entwickelte Verhaltensweisen, deren Paradigmen bereits langfristig verhaltenswirksam sind - den ›Homo sovieticus‹ überlagern und eher als ›Homo polonicus‹ erscheinen lassen.

Es kann von der These ausgegangen werden, daß der Begriff des ›Homo sovieticus‹ primär eine Instru­men­­ta­li­­­sierung im gesellschaftlichen Machtkampf der post-kommu­nisti­schen Ära darstellt. Es lassen sich alle wesent­lichen Negativerscheinungen im Nachhinein subsumieren. Zugleich wird der Kampf gegen den besieg­ten und kaum mehr personifizierba­ren Gegner fortgeführt. Per­ma­­nente Problemlagen können ein­schließ­lich plausibler Schuld­zuweisungen scheinbar geklärt und abgeleitet werden sowie die Nichtlös­barkeit gegenwärti­ger Problemlagen oder zumindest deren Verzögerungen plausibel gemacht werden. Skizzie­ren lassen sich Verhaltensweisen der Arbeiter in Handwerks- und industriellen Produktions­betrieben sowie Verwaltungs- und Hoheits­ein­richtungen. Als kennzeichnendes Problem vorab stellt sich die Verein­ba­rung und Einstellung auf eine entsprechende Begrifflichkeit, die für die Situationsbeschreibung notwendig ist. Im gege­benen Zusammenhang ist es se­kundär, inwieweit die Beispiele aus der vor 1980 oder der Zeit bis 1989 gewählt sind.

Ein typisches Problem: Ein Arbeiter erscheint nicht zur vorgesehenen Zeit am Arbeits­platz. Ist sein Verhalten als Disziplinlosigkeit, Demotivation oder nur als Unpünktlichkeit zu werten? Dem deutschen Beobachter erscheint es dysfunktional, kontraproduktiv und para­dox. Steht dahinter die Verweigerung gesell­schaft­lich notwendiger und sinnvoller Arbeit, das Entziehen bzw. Vorent­halten eigener Arbeitskraft, die Nicht­partizi­pa­tion an der Vertei­lung von Arbeitsaufgaben? Sind Nichterscheinen oder häufige Verspätungen Ausdruck von Faulheit? Welchen Stellenwert hat diese Kategorie im Bewußtsein polnischer Arbeiter? Ist sie vergleichbar und definierbar ent­prechend dem preußisch-deutschen Verständnis? Ent­stammt sie allgemei­ner Bequemlichkeit, einem allgemeinen Lebensgenuß oder ist sie Aus­druck von Sozialpathologie?

Sicherlich würde ein polnischer Arbeitskollege, der zu spät am Arbeitsplatz erscheint, nicht von seinen Kollegen diskreditiert werden oder gar der Betriebsleitung zur Maßrege­lung gemeldet werden, was in der durch ›Mobbing‹ gekennzeichneten westlichen 'Ellenbo­gengesellschaft' durch­aus üblich ist.286 An west­deutschen durchrationalisierten und von REFA-Methoden erfaßten Arbeits­plätzen ist diese Form von Solidarität unter Arbeitskolle­gen kaum noch denkbar. Man sieht eher die Verlagerung der vom Kollegen zu leistenden Arbeit auf den eigenen Arbeitsplatz.

Gegen Ende des Jahres 1989 war in polnischen Städten zu beobachten, daß sich vormit­tags und auch nachmittags - während der üblichen Arbeitszeiten - in den Innenstädten weniger Menschen aufhiel­ten als zuvor. Das Ende des Sozialismus und die Erwartung bzw. das Eintreten markt­wirt­schaft­licher Prinzi­pien, verbunden mit der Existenzbedrohung durch Verlust des Arbeitsplatzes, hatten kurzfristig eine deutlich höhere Anwesenheitsquote am Arbeitsplatz zur Folge. Vorher war es durchaus üblich gewesen, daß Arbeitnehmer z.T. zu mehr als fünfzig Prozent ihrer Arbeitszeit nicht an ihrem Arbeitsplatz anzutreffen waren.

Aus Posen wurde dem Verfasser häufig berichtet, daß in den achtziger Jahren nachmit­tags kaum Ärzte in den Kliniken anzutreffen seien. Manche Klinikärzte behandelten privat am Nachmittag Patien­ten oder waren anderweitig beschäftigt. Man ging trotz Anwesen­heitspflicht am Arbeitsplatz ein­kaufen oder schaute, ob die dringend benötigte Wasch­ma­schine oder das passende Schränk­chen etc. nun endlich eingetroffen war oder machte drin­gende Behörden­gänge. In diesem Zusam­­menhang: Die Desorganisation der Wirtschaft machte diese Verhaltens­weisen teilweise zwingend notwendig. Es war unmöglich, kurz- oder längerfristig ein Konsum­gut zu erwerben, zu bestellen oder auch nur den Termin einer Lieferung zu erfahren. Niemand im Vertei­lungs­apparat war in der Lage, eine derartige In­formation zu geben. Dies änderte sich erst nach Freigabe der Preise mit Einführung der Marktwirtschaft Ende 1989.

In einem gewissen Maße kann der Anteil an den verursachten ökonomischen Störun­gen, Unre­gel­­mäßig­keiten etc. als politische Destabilisierung intendiert und gegen die kom­munistische Staats­macht gerichtet - subjektiv als Teil eines polititschen Kampfes verstanden werden. Dadurch wurde er von den Betroffenen positiv definiert, weil psycho­sozial und moralisch-politisch gerecht­fertigt. Dieses galt, solange sich das subjektive Kampf­ver­halten gegen die kommunistische Herr­schaft richtete. Die Folgen dieser Verhaltens­weisen, die subjektiv positive Wertsetzung einer objektiv destruktiven Tat, damit die moralische Recht­ferti­gung für Subversion und Destruktion, sind gegenwärtig noch spürbar. Sie dauern als in einem länger­fristigen Sozialisationsprozeß ver­in­nerlicht sicherlich noch längerfristig an.

Beschreibung von Sachverhalten und Verhaltensweisen, die Definition der wertbezoge­nen Ein­ordnung, ob positiv und lobenswert oder negativ zu beurteilen, bleiben ein grund­sätzliches Pro­blem. Subjektive Wert­setzun­gen und Instrumentalisierungen erschweren oder machen ange­sichts eines vorhandenen politischen bzw. gesellschaftlichen Spannungsbereichs einver­nehm­liche konsens- oder kompromißfähige Situations­dar­stellungen unmöglich. Was aber bleibt, ist die konstatierte unzureichend verrichtete Arbeit. Sie soll anhand typischer Beispiele benannt und beschrieben werden.

3.7 Beispiele aus der erfahrenen Wirklichkeit

1. Busfahrer in polnischen Städten, ein charakteristisches Beispiel für erfahrenes und zu­gleich bezüglich der Wiederholung vermutetes Fehlverhalten bei diesen Fahrern von Linien­bussen: Auf Linienbusse wartende Fahrgäste in Posen machten folgende charak­teristische Beobachtung: Mehrere Busse sind offen­sichtlich ausgefallen. Plötzlich kommen drei Busse der gleichen Linie unmittelbar hintereinander nach fast einer Stunde Wartezeit zur gleichen Halte­stelle. Der dritte Bus ist dabei schon vor seinem Abfahrt­termin da, fährt somit deutlich zu früh ab. Die Fahr­gäste reagieren in ohnmächtiger Wut, mit Beklemmung, oder aggressiv. Es entstand bei den betrof­fenen Dauerfahrgästen aufgrund langer leidvoller Erfahrungen der entsprechende Ein­druck, daß Busse grundsätzlich unpünktlich bzw. daß die Busfahrer un­zuverlässig seien.

Es handelt sich dabei um die häufig zu beobachtende Unmöglichkeit, der zuverlässigen gesicher­ten Arbeits­ab­läufe, hier der Dienstleistung des Busfahrers. Man vermutet, daß unab­hängig von - leider recht häufig auf­treten­den Pannen - die Fahrer gemeinsam eine längere Pause gemacht haben. Teilweise ist noch ein Alkohol­­genuß der Fahrer bemerkbar. Da zeit­liche Abweichungen von Bussen mit relativ hoher Abfolgefrequenz prinzipiell nicht mehr feststellbar sind und zudem die Fahrpläne oft entwendet werden, ist kaum der Beweis zu erbringen, daß Busse tatsächlich unpünkt­lich fahren. Eine zusätzliche Problematik entsteht dadurch, daß der Vorwurf der Unpünkt­lichkeit nicht widerlegbar ist. Der stets latent vor­handene Vorwurf, Busse seinen grundsätzlich unpünktlich, perpe­tu­iert und verfestigt sich somit. Da die Benutzung öffent­licher Verkehrsmittel eine tägliche Übung für jeder­mann darstellt, wiederholt und beweist sich die subjektive Alltags­erfahrung ständig aufs Neue. Dieser Zustand wird mit mehr oder weniger Geduld hingenommen - oder führt als eine von vielen sich gegenseitig bedingenden Ursachen zu Resignation und Fata­lismus. Die Geduld verliert der gestreßte Busbenutzer erst, wenn - wie oben skizziert - drei Linien­busse hinter­einander an der Haltestelle antreffen.

Die Wahr­schein­lichkeit ist sehr hoch, daß sozialpathologisches Verhalten der Fahrer vorliegt. Sie nutzen vermeint­liche Verfü­gungs­gewalt in ihrem Teilbereich aus und üben da­durch vermeintlich Macht aus. Diese ist subjektiv empfunden höher, um so länger die Fahr­gäste warten. Der erzeugte Unwille der Fahrgäste sowie diverse Unmuts­äußerungen führen nicht zu Erklärungen, da es diese system- und situationsbedingt nicht geben kann. Wenn, dann sind sie von vornherein unglaub­würdig. Also kann die aggressive Energie nur abgelei­tet und nicht mal kanalisiert werden. Objekte und Folgen der Aggressionen sind vielfältig im polnischen Alltag wahrnehmbar.

2. Ein Verwaltungsangestellter der Adam-Mickiewicz-Universität Poznan, der Auslandsrei­sen der Studenten organisatorisch vorbereiten soll. Der offensichtlich mit seiner Aufgabe überforderte und erheblich demotivierte und Mann hatte in der Universität Poznan 1987 die Aufgabe, einen längeren für das Germanistikstudium notwendigen Studienaufenthalt der Germanistikstudent-(innen) in Halle (DDR) organisatorisch vorzube­rei­ten. Er versäumte die gesetzten Termine, regelte die vorgesehenen finanziellen Dinge und die damals notwen­di­gen Visa- und Paßforma­li­täten etc. nicht rechtzeitig. Auf Einwendungen der betreuenden Lek­torin hat er es im letzten Moment noch erledigt, so daß die Student(-innen) zumindest fah­ren konnten. Auf die Frage, warum er seine Arbeit nicht erledigt habe, bekam die Lektorin, die ihrerseits sehr qualifiziert und engagiert ihre Student(-innen) ausbildet, zur Antwort. »Nun, dann fahren sie eben nicht, was wollen sie überhaupt im Ausland«?

3. Eine besondere Rolle hatten Pförtner und Hausmeister in öffentlichen Gebäuden, Wohn­sied­lungen und auch Studentenheimen inne. Sie verstanden es, ihre Schlüssenstellungen zu nutzen und verfügten dadurch über Nebeneinkünfte. Einige arbeiteten zweifellos für 'ein zweites Gehalt', d.h. für den Geheimdienst. Von Haus­meistern wird berichtet, daß sie ihre Position für Neben­ein­künfte nutzten und weiterhin nutzen.287 Die Macht­stellung der Haus­meister ist weiterhin unge­brochen, wenn auch durch die Entwicklung der Verwal­tungs­­gerichtsbarkeit als Ausdruck der Staats­gesellschaft gewisse Begrenzungen ihrer Praxis ggf. durchgesetzt werden können.

4. Ein Fahrlehrer aus Posen, ein pensionierter Feldwebel, soll jahrelang grund­sätzlich alle Frauen in der Fahr­prüfung durchfallen lassen und dies verbal mit ent­sprech­enden Bemer­kungen kom­men­­tiert haben. Proteste der betroffenen Frauen sollen nichts genutzt haben, da offensichtlich niemand zuständig war bzw. auch niemand Interesse daran hatte, etwas zu unternehmen. Nie­mand konnte diesen Fahr­­lehrer offensichtlich daran hindern, Frauen auf die genannte Weise zu schikanieren. Den in der Prüfung durch­­gefallenen Frauen blieb nichts anderes übrig, als sich um Termine zu bemühen, an denen andere Fahr­prüfer Dienst hatten, bei denen die Prüfungs­kri­te­rien angemessen angewandt worden sind.

5. Als gesellschaftspolitisch charakteristisch kann das Verhalten der Bergleute in Jastrze­bie288 gelten. Während der Streikaktionen im Sommer 1980 haben die Bergleute der ober­schle­sischen Gruben in der Regel ihre Grube gesichert und gepflegt. Einsickerndes Wasser muß z.B. regel­mäßig abgepumpt werden, damit die Grube intakt bleibt. In Jastrzebie ist das nicht geschehen. Die Berg­leute fuhren bei den damaligen Streik­aktionen zumeist nach Hause. Das bedeutete in der Regel, sie suchten ihre Familien in den Dörfern der näheren Umgebung oder der Region auf, um bei der Ernte zu helfen oder selbst ihre Neben­erwerbs­stellen zu bearbeiten. Die Grube litt in dieser Zeit sehr. Die entstan­denen Schäden mußten hinterher mühevoll wieder beseitigt werden. Die Instandsetzung nahm längere Zeit in An­spruch. Die Ursache ist darin zu sehen, daß es sich in diesem Falle um eine relativ junge Grube handelt, die erst in den fünfziger Jahren abgeteuft worden war. Die dortigen Arbeiter waren in der Regel keine Bergleute mit langer familia­ler Berg­arbeitertradition. Sie waren als damals arbeitslose junge Männer, Landarbeiter oder Klein­land­wirte aus der Umgebung an­geworben worben und erhielten in der neuen Grube einen Arbeits­platz. Der Identi­fi­ka­tions­prozeß dieser Bergarbeiter mit ihrer Grube war aber noch nicht abge­schlos­sen. Ihren prä­genden Lebensbezug hatten diese neuen Bergleute noch zum heimatlichen Dorf. Es domi­nierte die Sozialisation der bäuerlichen Gesellschaft mit den ihr eigenen Prioritäten. Berg­­leute dagegen, die einer langen familialen Tradition entsprechend ihre Grube nicht nur als Arbeits­­ort ansehen, sondern zu ihr in einem ausgeprägten Lebensbezug stehen, schützen auch in kritischen Zeiten diesen Ort, ihre Sorge gilt primär dem Erhalt ihrer Existenzgrund­lage.

Es ist andererseits erklärbar, daß in der Grube Wujek, einer Grube am Stadtrand von Kattowitz, zu Beginn des Kriegszustandes anhaltender Widerstand geleistet worden ist und die Bergleute ihren politischen Kampf mit dem Erhalt der Grube verbanden. Bis etwa 1985 wurden Bergleute von Wujek, die als politisch mißliebig betrachtet waren, von Angehörigen der Geheimpolizei schwer mißhandelt.289 In der Presse fand sich dann in der Regel eine Mitteilung, daß die betref­fen­de Person verletzt und betrunken im Stadtpark aufgefunden worden war. Für die Kumpel stellte sich dies anders dar. Sie erfuhren die Kluft zwischen ihrer geschlossenen Gruppe und ›oni‹.290

6. Das Beispiel der Farbreste bei Malerarbeiten in einer Werft stellte symptomatische Pro­bleme der Wirt­schaft der VR Polen dar. Es besteht u.a. darin, daß es nur sehr große Farb­töpfe gibt. Der Farblack darf aber nicht anderweitig verbraucht werden, trocknet deshalb ein und wird unbrauch­bar. Ein volkswirtschaftlicher Wert wird vernichtet.

7. individualisierbare Alltagskonflikte:291 Das Fundament eines neu zu bauenden Hauses südlich Krakau hatte in der Horizontalen eine Neigung; d.h. es war auf der Rückseite ca. 15 cm höher. Das lag daran, daß der Boden durch die Hanglage eine Neigung aufwies und nicht korrekt abge­tra­gen worden war. Die Baufirma störte das nicht. Man meinte, man könne das schon irgendwie beim Bauen ausgleichen, ›man würde das schon regeln‹. Der Bauherr und die Bauherrin hatten Mühe durchzusetzen, daß ein architek­to­nisch korrektes Fundament errichtet wurde.

Ein Bürger in Lublin hatte ein Haus auf dem relativ schmalen Nachbargrundstück ge­baut. Er hatte eine Geneh­migung erhalten für einen eineinhalbgeschossigen Bau. Er hatte dann aber ein weite­res ungeneh­migtes Stockwerk errichtet. Die Behörden versuchten, den illegalen Ausbau zu ver­hindern, verfügten aber nicht über die Möglichkeit, einen entspre­chenden Abriß durch­zusetzen. Andererseits durfte der Bauherr nicht den Innenausbau fort­setzen und konnte das Haus somit nicht beziehen. Er setzte provisorische Türen ein, verrie­gelte die Fenster mit Brettern und ver­kündete in der Nachbarschaft, wenn man seitens der Behörde nicht akzeptiere, was er wolle, dann ginge er eben zurück nach Amerika, um dort wieder Geld zu verdienen. Zum Zeit­punkt des Besuches war er bereits über ein Jahr ver­schwunden. Das Haus stand im Rohbau und warf sei­nen Schatten.

In den letztgenannten Beispielen sind tradierte Mechanismen erkennbar: die Versuche partiell individua­listisch Konflikte zu eigenen Gunsten unter Umgehung staatlicher Regelun­gen zu lösen. Der Bürger versucht qua eigener Macht zu handeln, nicht aber als Bürger ei­nes Rechtsstaates, der z.B. die Verwal­tungs­gerichtsbarkeit in Anspruch nimmt. Der Betref­fende hatte in Amerika Geld verdient und will das Geld investieren - handelt also durchaus zum Wohle der polnischen Volks­wirtschaft - aber eben so, wie er persönlich es will.

8. Beispiele für Realerfahrungen im Alltag: Fenster schließen nicht wegen mangelnder Ver­arbei­tungs­­quali­tät; Heizkörper sind nicht regulierbar; man regelt die Zimmer­temperatur durch Öffnen und Schließen des Fensters. Die Folge ist, man versucht es irgendwann gar nicht mehr, man äußert nur noch seinen Unmut oder reagiert ironisch. Die Regulierung der Heizung durch Öffnen und Schließen der Fenster wird nach und nach zur Normali­tät. Die Hoch­sub­ven­tio­nierung von Energie (Stromkosten, Heizung, Warmwasser) und Frisch­wasser führt zur Ver­schwen­dung und damit zur Mißachtung des grundlegenden ökono­mischen Prinzips der Knappheit. Hinzu kommt die Ohnmachtsempfindung: ›Man kann da nichts ma­chen, das ist eben so‹, ist die stereotype Meinungs­äußerung.

Die Bürger in Gdynia trauen z.B. der Funktionstüchtigkeit ihrer zentralen Warmwas­seranlage in den Häusern aus der Vorkriegszeit. Man mißtraut den Produkten der siebziger Jahre. Man hat Bedenken, eine Reno­vie­rung durchzuführen, weil etwas kaputt gehen kann und man Schwierig­keiten bekommt betr. der Reparatur. In Neubauten hat man Bedenken, einen Nagel in die Wand zu schlagen oder eine Bohrung anzubringen, da man nicht weiß, wo die Leitungen liegen. Es gibt praktisch keine zur Verfügung stehenden Pläne und wenn, hat man keinerlei Sicher­heit, daß sie auch mit den montierten Anlagen übereinstimmen. Die zwischen Danzig und Gdingen verkeh­ren­den S-Bahn-Wagen bestanden waren nach dem Kriege als Repara­tions­leistung requirierte Wagen der Berliner S-Bahn. Sie liefen ohne Pro­bleme bis 1959. Die heutigen sind technisch und qualitativ schlechter; sie haben eine ungün­stigere Arbeitsspannung.292

Das genannte Verhalten ist z.T. Folge von Unwissen i.S. der Unkenntnis des techni­schen Zuam­men­hangs und der Unmöglichkeit, a) den Mißstand durch den Fachmann abstel­len zu lassen (Ersatz­teilproble); b) der Verzicht auf die Initiative, überhaupt etwas zu tun. Die langfristige Folge ist dann die grundsätzliche Demotivation verbunden mit Hemmnissen zur Entfaltung von ›ökono­misch rationalem Verhalten‹.

9. Die polnische Staatsbahn [PKP]: Im April 1990 trug sich folgender Vorfall zu: Auf der Strecke Warschau - Frankfurt/O. bzw. Berlin verlangten Schaffner der polnischen Staats­bahn, neben der Fahrkarte auch die Platzkarten zu sehen. Dies ist zunächst korrekt, da man in einem polnischen Zug eine Platzkarte gegen eine geringe Gebühr lösen muß, wenn man einen Sitzplatz bean­spruchen möchte. Auf einer Auslandsstrecke ist die Gebühr etwas hö­her. Der betreffende Rei­sende besaß zwar eine Fahrkarte von Warschau zu seiner Heimat­stadt in West­deutsch­land. Er wollte nun - etwa zwischen Konin und Poznan - die Karte nachlösen. Dies ist ebenfalls üblich und kostet einen geringen Aufschlag von 10.000,-- Zloty, damals etwa DM 1,50. Der Schaffner behauptete, man müsse die Platzkarte vorher lösen, andernfalls müsse man Strafe zahlen. Der westdeutsche Reisende hatte nur einen re­lativ geringen Betrag polnischer Währung dabei, da man zum dama­ligen Zeitpunkt offiziell noch keine Landeswährung ausführen durfte. Auf seine Frage wieviel, schaute der Schaffner in das geöffnete Portemonnaie, sah einige Zlotyscheine im Werte von ca. 25.000 Zl. und meinte, das sei auch genug. Er könne aber nur eine Quittung über den Betrag von 10.000 Zl. auststellen. Ein Widerspruch war zwecklos. Da der Betrag an sich sehr gering war, be­zahlte der westdeutsche Reisende. Ein Protestbrief an die Botschaft der Republik Polen wurde höflich mit dem Ausdruck des Bedauerns beant­wortet. Die Botschaft wollte das Problem an die PKP weiterleiten. Eine weiterer Antwort kam nicht.293

Der betreffende Reisende hat im Juli 1990 die gleiche Strecke befahren. Er hatte im War­schauer Zentral­bahn­hof für die Rückfahrt nach Deutschland kurzfristig keine Platzkarte mehr erstehen können. Der dortige Schalter­beamte versicherte aber, daß man dieses ohne Probleme im Zuge tun könne. Die Rückfahrkarte kauft man üblicherweise bereits vor Antritt der Reise in Deutsch­land. Zwischen Poznan und dem Grenz­bahnhof Swiecko wurden wie­derum die Platzkarten kon­trol­­liert. Im Nachbarabteil hatte es bereits Unruhe gegeben, da dort mehrere Studenten einer schottischen Universität saßen, die sich auf der Rück­reise von einer Exkursion befanden und niemand von ihnen polnisch sprach. Im Abteil befand sich noch ein weiterer Deutscher, dazu eine polnische Germanistikstudentin, die dolmetschte und zu vermitteln versuchte. Der Schaffner nahm eine drohend-aggressive Haltung ein und er­klärte, die Strafe koste 250.000,--- Zl, damals ca. DM 35,-. Er erklärte sich bereit, von den Reisenden ohne Platzkarte das polnische Geld, daß sie noch besaßen, zu nehmen und stellte wiederum eine Quittung über den Betrag von 10.000,-Zl. aus. Vom genannten Reisenden hatte er auf diese Weise zusätzlich 60.000,-- Zl. abge­nom­men, einen Betrag von ca. 10,-- DM. Bei Nachforschungen in den anderen Abteils und zum Teil auf dem Gang ergab sich, daß der Schaffner von den Briten und von einem Holländer Beträge von umgerechnet 5.- bis 20,- DM pro Person abgenommen hatte.

Vom genannten deutschen Reisenden wurde beim Botschafter der Republik Polen in Köln pro­testiert, der Sachverhalt benannt und dabei auch auf die Stimmung wie Unmuts­äußerungen der anderen Westeuropäer hingewiesen, und der mit einer Unterschrift und ei­ner lfd. Nr. verse­hene Beleg beigefügt. Wenige Wochen nach Eingang einer entsprechenden Antwort der Botschaft traf ein Brief einer Zentralstelle der PKO aus Brom­berg ein. Der Reisende wurde höflich gebeten, ein Konto anzugeben, man würde ihm die bean­stan­de­ten 60.000 Zl. überweisen. Die Überweisung ist unverzüglich auf das dann angegebene Konto eines pol­nischen Freundes erfolgt. Auf eine disziplinarische Weiterbehandlung des Falles hat man seitens der PKO nicht hinge­wiesen. Es ist aber davon auszugehen, daß der betreffende Schaffner zumindest straf­ver­setzt wurde. Es war üblich, Angehörige der Bahn und des Zolls, die in Korrupions- oder Betrugs­fälle verwickelt waren, nach Ostpolen zu versetzen, wenn möglich an die Grenze zur (ehe­ma­li­gen) Sowjetunion. Im Oktober 1990 hat der Be­treffende so bald wie möglich versucht, am Bahn­hof in Warschau eine Platz­karte zu erste­hen. Alle dortigen Bahnangestellten waren sehr höflich und hilfsbereit und wie­sen darauf hin, daß man aber auch im Zug nachlösen könne.

Weitere Ansätze aufgrund von Alltagswahrnehmungen sind signifikante Fälle von aus­geprägter Disziplin­losig­keit, z.T. demonstrativer oder gar extremer Gleichgültigkeit. Die Ursachen bzw. Rahmen­bedingungen sind: rechtliche Inkohärenz, Inkompetenzen, gewisse personelle gegen­seitige Abhängigkeiten als Ausdruck historischer Prozesse, die sich in Mentalität, Sachzwängen äußern, sowie im Einzelfall in Entschuldbarem aufgrund von Un­zulänglichkeiten und ähnlichen Voraus­­setzungen. Einige typische Erscheinungsweisen sind bereits beschrieben worden, wie z.B. das Verhalten eines polnischen Malers, der kleinere Flächen zu strei­chen hatte, dem aber nur große Farbdosen zur Verfügung standen. Die Farb­reste konnten nicht mehr sinn­voll verwendet werden, da sie nicht über den Bereich die­ser Organi­sa­tions­einheit hinaus innerhalb des insge­­samt staatlichen Bereichs verwendet werden durften. Das Prinzip der ökonomisch sinnvollen Bedarfs­­deckung wurde ausgehebelt. Das Einhalten des Legalitäts­prin­zips wurde dysfunktional und ihr Sinn auf­grund der Sach­lage ins Gegenteil verkehrt.

Die Zweckentfremdung staatlichen Eigentums zur privaten Nutzung ist dagegen in sei­nem sub­jektiven Empfinden nicht diskreditiert. Personen, die die Möglichkeiten hatten, ihre Tätigkeit als Schlüsselpositionen auszunutzen, wie z.B. Hausmeister, sind bereits darge­stellt. Erwähnens­wert als typisches sozial-patholo­gisches Beispiel ist der Arbeiter eines Be­triebes, der wichtige Auf­sichts­aufgaben nicht wahrnimmt bzw. Wartungsarbeiten an Ma­schinen nicht durchführt oder z.B. ein ausgefallenes Filtersystem nicht repariert oder gar das Austreten toxischer Substanzen nicht meldet.294

Ein zentrales Problem läßt sich am 'Kühlschränke'-Beispiel verdeutlichen: Während in den Agglo­me­rationen ein hoher Mangel an Kühlschränken herrschte, lagerten in peripheren Gebieten, in Klein­städten diese Geräte z.T. mehrere Jahre lang.295 Die Nachfrage war deut­lich geringer als die im Verteilungssystem bereitgestellte Ware. Der Leiter des örtlichen Geschäftes der Handels­orga­ni­­sation hat seinen Bestand nicht gemeldet.296 Die Motive wa­ren: Desinteresse und Auf­wands­mini­mierung sowie die Möglichkeit etwas 'falsch' zu machen. Letztere Möglichkeit war vermutlich die entscheidende. Das Problem liegt in der prä-temporären Entscheidung, um Sanktionen zu ver­meiden eher nichts zu tun, d.h. eigenes (sinnvolles) Handeln zu unterlassen.

Die Fa. STAR in Ostpolen hat für den polnischen Markt bestimmte LKW in guter Quali­tät pro­du­ziert. In der Alltags­wahr­nehmung waren aber polnische Produkte als relativ min­derwertig ange­sehen. Man hatte generell einen Vorbehalt, der sich darin äußere, daß man Waren aus den USA, aus der Bundes­republik297, England oder Frankreich als qualitativ bes­ser ansah. Die Folge war, daß man seit dem Ende der siebziger Jahre zunehmend gebrauchte oder durch Unfall geschädigte Autos im­por­­tierte und entsprechend in eigenen Werk­stätten reparierte. In Polen produzierte Fahrzeuge haben auf dem polnischen Markt nur Chancen, wenn sie erheblich billiger sind.

Eine vergleichbares Problem besteht in der Geringschätzung polnischer Dienst­leistungen. Man ver­­traut z.B. eher Baufirmen aus dem Bereich der EG. Andererseits sind pol­nische Architekten in den USA oder in Frankreich erfolgreich. Im gleichen Kontext steht auch die Schwierigkeit zur Pri­va­ti­sie­rung polnischer Unter­nehmen. Nach langen Verhand­lun­gen mit mehrern europäischen und außer­eu­ro­pä­ischen LKW-Prodzuenten hat die Fa. VOLVO die Fa. STAR übernommen, in der Folge, daß weit­gehend Montage und Lizenz­fer­ti­gung erfolgen, verbunden mit einer erheblichen Reduzierung der Beleg­schaft.

Westliche Diskussionspartner, oftmals wohlmeinende Akademiker aus der BRD, die in die­ser Zeit mit Ökonomen oder Wirtschaftsgeographen diskutierten, argumentierten z.B. betreffend der Versorgungsprobleme stets, daß ‘man es doch nur hätte melden müssen’ und glaubte, daß damit die Verteilungs­problema­tik aufgehoben wäre, da die Zahl der produzierten Kühl­schränke tatsächlich - von den Experten unbestritten - so hoch war, daß sie die Versorgung der Bevöl­kerung hätte sicher stellen müssen.298 Entscheidend ist dabei die Feststellung der Tatsache, daß dieses nicht geschehen ist. Dieser Sachverhalt wurde als solcher nicht zur Kenntnis genommen, er war für diese Gruppe nicht wahrnehmbar. Er war nicht mit den eigenen gedanklichen Model­­len kompati­bel, der Hintegrund für dieses paradoxe und dys­funktio­nale Verhalten war nicht vor­stellbar. es reproduziete zugleich die eigene - west­deut­schen Habi­tus­entwicklung, mög­lich­er­weise die eigenen verdrängten zivilisatorischen Bedin­gun­gen, die wohl bestimmte Segmente der Gesellschaft 'kritisch' sahen, aber über das eigene Wahr­nehmungs­modell nicht hinaus­gelang­ten. Die skizzierte Problematik deutlich zu machen - ver­bunden mit einem spezifischen Distanzie­rungs­grad des jeweiligen Betrachters - ist u.a. Ziel der Arbeit.

Aus der Tatsache, daß es der Betreffende Funktionsträger nicht getan hat, leitet sich die Frage ab, warum es ein typisches Problem war und inwieweit es sich um eine generalisierba­res Phäno­men handelte. Charakteristisch ist, daß es sich bei diesen Betriebsleitern oder Ver­käufern um ein Ver­halten macht­schwacher subalterner Individuen handelt, daß als ein systemspezifisches Pro­blem einzuordnen ist. Die Ausübung verschiedener Fremdzwänge führt zu den spezifischen Selbstzwängen. Diese sind für die volkswirtschaft dysfunktional. Sie sind primär nicht gegen das System gerich­tet gedacht. Im Gegenteil: Durch die Perpetu­ierung der Verhaltensweisen verliert man das Bewußt­sein, es überhaupt anders machen zu können. Dieses würde selbständiges ver­ant­wort­liches Handeln voraussetzen. Entsprech­endes Handeln erfolgt als tradierte Übelebens­technik primär im familialen Bereich, in einer Situation sozialer Nähe299 praktiziert.

Intellektuellen oder Beschäftigte, die durch ihre persönlichen Kontakte Systemgrenzen über­wan­den, wie z.B. Seeleute300, sahen dort erst, was 'man' anders machen könne.301 Hierin zeigen sich letzlich die Zivilisations­bedingungen betrefend den ›Homo sovieticus‹.

Kennzeichnend ist, daß prä-situatives, also vorausschauendes Handeln im System nicht belohnt wurde. Post-situatives Handeln induzierte oft ein Gegenverhalten. Es bestand für den Betreffen­den die Gefahr, den individuellen Machtbereich von Vorgesetzten zu durch­dringen, also von Macht­stärkeren. Die Folgen waren Praktiken wie z.B. das versuchte Um­gehen sowie das Igno­rie­ren von Anweisungen oder das Nicht­durch­führen von notwendigen Verrichtungen. Ein polnischer Arbeiter, insbesondere Landarbeiter, so kolportierte seitens Angehöriger der Intelligenz, 'ruhe sich bei der Arbeit aus'.302 Die Arbeiter - oft Handwerker - wirkten aber zunehmend im zweiten Wirt­schafts­kreislauf.

Die Generalisierbarkeit der Verhaltensweisen des ›Homo sovieticus‹ ist machttheore­tisch zu sehen. Der psychosoziale Zusam­­menhang ist damit interdependent verbunden. Tischner sieht die Lösung wesentlich in dem von ihm vertretenen Glaubenssystem.

Im gegebenen Zusammenhang werden auch Stereotype reproduziert, bzw. instrumenta­lisiert. In einigen Regionen, wie Oberschlesien oder Raum Danzig, werden negative Stereo­type insbeson­dere Angehörigen von Migranten­gruppen aus Ostpolen (Wolhynien, Ost-Ga­lizien etc.) zugeord­net, die ›nicht richtig arbeiten würden ... und die den Umbau zur moder­nen Wirtschaft hemmen‹ etc. - so die Meinung der altein­ge­sessenen etablierten Schlesier.303 Die Stereotype sind vergleich­bar entsprechenden Negativstereotypen Deutscher gegen­über Polen. In spontan geäußerten Meinungen werden häufig Vorbehalte gegenüber der Polizei sowie den staatlichen Behörden, den Verwaltungen deutlich.

Das Stereotyp von den ›faulen Arbeitern‹ betreffend kann die These vertreten werden, daß die Motivation zu arbeiten mit der Nähe des Loyalitätsbezuges korreliert; d.h. je ferner sie ist, desto geringer ist sie. Die durch den Sozialismus erzwungene Produktionsweise im­pliziert einen zuneh­mend ferneren Bezug des Menschen zum gegenstand seiner Arbeit. Das hat zur Folge, daß man nur arbeitet bei als adäquat empfundener Bezahlung, bei entspre­chendem Kontroll­druck ver­bun­den mit wirksamen Kontrollen.

Die Summe der Alltagserfahrungen resümiert sozialpathologisches Verhalten aus Er­scheinungen des Alltags und ist zugleich die Ursache für ihre Dauerhaftigkeit. Was - zumin­dest vorläufig - bleibt, ist die gar nicht oder schlecht verrichtete Arbeit polnischer Arbeit­nehmer. Das Problem der ›self-fullfilling-prohecy‹ steht in Wechselwirkung mit den wirk­lichen Erfahrungen. Beides ergibt die Stimmungslage, die zu verschie­denen Ausbrüchen führt.

Folgende Ansätze, die relevant sind für gesellschaftliches Handeln, können nicht be­rücksichtigt werden in ihrer Wechselwirkung mit Armut und als Folgen der Verarmungsten­denzen und der ökono­mischen Krise der Sozialpathologie. Vergleiche zu Dritte-Welt-Öko­nomien sind angebracht. Indivi­duelle Lösungsstrategien z.B. von ›Flucht­strategien‹ in der spezifischen Herausbildung des tertiären Sektors durch Herausbildung einer 'Abfallwirt­schaft' an der Peripherie der Großstädte, z.B. die verwertung von technischen Abfällen oder das Reparieren von technischen Geräten, insbeson­dere Autos, das in westlichen Ländern aufgrund der Kosten­situation nicht mehr erfolgen kann. Das Anwachsen des Dienstlei­stungssektors ist vergleichbar dem in Slumgebieten von Mega­städten. In der Kleinlandwirt­schaft entwickeln sich spezifische Formen der Subsistenz­wirt­schaft. Dazu gehört auch die Ausbildung von 'Improvisationstalenten' etc.

3.8 Stellung der Menschen zu ihrem Staat auf der Basis des Alltagsverhaltens

Es handelt sich in der polnischen Gesellschaft um ein grundsätzliches Mißtrauen der Polen gegenüber dem eigenen Staat; d.h. ein Mißtrauen gegenüber der Akzeptanz staatlicher Regel­systeme durch die Mitbürger. Beispiel: Man kauft lieber westeuropäische, vor allem deutsche Produkte, weil man meint, davon ausgehen zu können, daß nur die Substanzen darin enthalten sind, die auch auf der Verpackung angegeben sind. Außerdem geht man davon aus, daß es in Deutschland eine hinreichende Kontrolle gibt und daß auch das Verfall­­datum korrekt angegeben worden ist. Dieses Phänomen ist besonders seit 1989 und dem relativ ungehin­­derten Zugang von Konsumgütern relevant. Begonnen hat diese Entwicklung aber bereits seit der Mitte der siebziger Jahre. Die daraus resultierenden Alltagserfahrungen prägten das Bewußtsein und damit das Handeln der Menschen 1980.

In einem modernen Rechtsstaat wie der Bundesrepublik Deutschland kann ein Bürger davon ausgehen, daß ein irregulärer Fall bei Bekanntwerden als rechtswidriger Akt der Strafverfolgung unterliegt. Ein polnischer Bürger geht davon aus, daß von vornherein die Angaben bei polnischen Produkten nicht stimmen, zumindest aber potentiell falsch sein kön­nen. Es gibt auch keine nen­nens­­werten sozialen Bewegungen in Polen, die Forderungen nach einer umfangreichen Aus­zeichnungs­pflicht stellen. In Polen geht man im Regelfall da­von aus, daß die Wasserqualität schlecht ist und daß vom Wasser­werk oder einer staatlichen Untersuchungsbehörde Angaben verfälscht oder unterschlagen werden, also 'gemogelt' wird. Es ist also die von vornherein erfol­gende Unterstellung und die grundsätzliche Annahme der Mogelei, der Unwahrheit, des Betru­ges, von der man ausgeht.

In polnischen Städten wurde in der Übergangsphase 1990/91 auf den Straßen aus der Bundes­republik privat importierte Lebensmittel in Kunststoffverpackungen etc. verkauft, deren Haltbar­keitsdaten deutlich überschritten waren. Kaum jemand störte sich daran, so­lange diese Lebensmittel dem Augenschein nach noch genießbar waren. Obwohl sicherlich mit Mitteln der Homogenisierung, Konservierung etc versetzt und damit gegenüber den eher naturbelassenen Mitteln polnischer Molkereien nach physiologisch geringer­wertig, wurden diese - obwohl und weil teurer - gekauft.

Die Wertbestimmung erfolgt eben nicht nach Kriterien ökologisch bewußter Ernährung wie es in Westeuropa304 zunehmend der Fall ist. Es wird unterschwellig unterstellt, die pol­nische Molkerei mogele von vornherein, z.B. dadurch, daß sie die Milch verdünne. Daß aber nicht homogenisierte Milch anders aussieht oder der leicht natürlich-säuerliche Geruch von Sahne deshalb vorliegt, weil diese nicht mit Konservie­rungs­mitteln versetzt wird, ist im Bewußtsein der Menschen noch nicht verankert. Daß andererseits Besucher aus dem Westen in Polen naturbelassene bzw. natür­lich schmeckende Produkte bevorzugen, ist auf­grund der Phasenverschiebung im Konsum­verhalten305 nicht bewußt.

Es wundert nicht, wenn in polnischen Cafés aus der Bundesrepublik importierte Kaffee­sahne in kleinen Portionsbehältern aus Kunststoff zu 8g angeboten wird. Das Milchkänn­chen gibt es auch dort nicht mehr, weil das westliche Produkt als besser eingestuft wird. Die höhere Preiskalkulation ist dabei sekundär, da die teuren Cafés der Stadtzentren zumeist nur von Touristen oder über hohe Einkommen verfügende Ein­hei­mische aufgesucht werden oder bei besonderen Anlässen. Außer­­dem trinkt man in Polen den Kaffe in den traditionellen Kaffeestuben nach altpolnischer, der türkischen Art enstrechend, in einem Glas frisch aufge­brüht und ggf. mit Zucker. In Polen wird auf Lebensmittelverpackungen zwar oft das Pro­duktionsdatum aufgedruckt. Es werden aber kaum Angaben über Zusatzstoffe gemacht. Wenn, dann ist es fraglich, ob diese korrekt sind. Für die Bür­gerin und den Bürger ist das aber nicht das entscheidende Problem, sie sind grundsätzlich skeptisch. Der Verfasser geht davon aus, daß im Regelfall die Angaben der Tatsache ent­sprechen. Das Problem liegt also auf der psycho­sozialen Ebene. Die Menschen gehen davon aus bzw. befürchten, daß das zur Her­stel­lung von Lebensmitteln benötigte Wasser sowie das Roh­­produkt von geringer Quali­tät sind und unwahre Anga­ben gemacht werden. Die genan­nten Beispiele erklären die Schwierigkeiten im Adaptions­prozeß zur EU.

Man mißtraut auch von vornherein einem unbekannten Landsmann. Ein vorübergehend in der Bundes­repu­blik lebender polnischer Bürger, der in seine Heimatstadt zurückziehen möchte, und von einem polnischen Besitzer eines Transportfahrzeugs, ein selbständiger kleiner Transport­unter­nehmer, seine Möbel in seine Heimat­stadt transportieren lassen möchte, hat Bedenken, ob derjenige sich auch an die mündliche Preis­verein­barung hält. Der Bürger muß befürchten, daß der 'Unternehmer' kurz hinter der Grenze einen hohen Zu­schlag verlangt - in Devisen selbst­ver­ständlich.306 Hinzu kommt, daß derartige Vertragsab­schlüsse im Regel­fall auf einer informellen Ebene zustande kommen und nicht schriftlich fixiert werden. Damit können sie weder durch den Staat kontrolliert werden noch sind sie gerichtlich überprüfbar oder gar durchsetzbar. Der Nachteil für die betroffenen Bürger ist, daß entsprechende Vereinbarungen rechtlich nicht durchgesetzt werden können. Ein weite­res Problem ist, daß konsequenterweise keine oder nur geringe Steu­ern gezahlt werden. Dies ist ein sehr gravierendes Grau­zonen­problem eines Staates, der große Deckungspro­bleme seines Staathaushalts hat und unter dem permanenten Druck des IWF und der Welt­bank steht.

Ein interessanter Zusammenhang ergibt sich mit Umweltorganisationen, ›Ökologischen Clubs‹ und den gegründeten sich als ›ökologische‹ oder ›grüne Parteien‹ bezeichnenden politischen Gruppen. Auch sie unter­liegen in der politischen Realität dem Mißtrauensprinzip bzw. einer potentiellen Unglaubwürdigkeit. Veröffent­lichungen dieser Gruppen werden in der Gesamt­bevöl­kerung nur in geringen Ansätzen wahr­genommen. Diese ›grünen Parteien‹ haben eine enttäu­schende Niederlage bei der Sejm-Wahl im Oktober 1991 wie auch 1993 hinnehmen müssen, obwohl westliche Meinungsumfragen im Sommer 1991 ein Potential von 15-18% ergeben haben.307

Es fehlte die zum politischen Erfolg einer gesellschaftlichen Gruppe unbedingt nötige Unter­stüt­zung der katholischen Kirche. Nur sie ist die anerkannte und dominante Macht, die ein 'Glaub­wür­dig­keitszertifikat' erteilen kann. Eine Gruppe, die nicht vehement - zumindest verbal - gegen den Schwangerschaftsabbruch eintritt oder gar dafür ist, bekommt diese Un­terstützung nicht und wird bekämpft. Die Kirche hat den Kreis der von ihr als wählbar defi­nierten Parteien auf fünf sich als christlich verstehende Parteien eingeengt.

3.9. Mentalität im Alltag, spezifische Formen von Habitualisierung in Spannungsbe­reichen der polnischen Gesellschaft

Man kann als Ausgangsthese durchaus Verhaltensweisen der polnischen Gesellschaft, da histo­risch ableit­bar, mit dem Begriff der ›Mentalität‹308 belegen. Man kann darin u.a. das kollektive Geschichts­verständnis, bzw. das subjektive Geschichts­bewußt­sein erkennen. Kennzeichnend ist der Übermittlungs­pro­zeß histo­rischer Wahrnehmung und die Transfor­mation in die Alltags­wahr­neh­mung. Die Rück­koppelung damit hat in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert, die Repro­duktion dieses Verständnisses stellt eine Über­lebens­kate­gorie dar. Die Mentalität ist damit ambi­valent. Sie hat zumindest zwei Ausprägungen, die kurz­fristig umschlagen können. Dies würde dann einer revolutionären Situation entsprechen.

Die Ambivalenz ist in Polen verbunden mit den beiden Staatskonzeptionen, dem ›jagiellonischen‹ und dem ›piastischen‹ Modell. Es sind auch Ambivalenzen im Alltag beob­achtbar, z.B. im rituali­sierten Freund­schafts­verhalten der Menschen gegenüber anderen. Es gilt aber auch für die Men­schen unter­einander, d.h. für solche, die in einer hohen Loyalitäts­beziehung zueinander stehen. Das hochritualisierte Freund­schafts­ver­halten ist in diesen Ge­sellschaften begründet durch eine prinzipielle Feind­schafts­vermutung. Die Gruß­formel: ›lubia cie‹ (Lieben wir uns) ist eine mora­lische Aufforderung. Sie macht nur einen Sinn, wenn sie etwas bekämpft, was eigent­lich anders ist bzw. aufgrund des Wunsches einer Gruppe so sein sollte. Die genan­nte Auf­forde­rung ist z.B. ein typischer Ausdruck eines Ri­tuals. Sie ist nicht Ausdruck einer Über­zeu­gung. Die Aus­übung sichert einen temporären Frieden. Je freundlicher ein Ritual im Alltag gehandhabt wird, um so mehr ist die Vermu­tung naheliegend, daß untergründig eine Bereitschaft zur Feindschaft vorliegt.

Dem entspricht gegenüber Polen das Negativstereotyp von der Falschheit, also deren vorgeblich distan­zierte Beziehung zur Wahrheit wie auch zum Eigentum. Die DDR hat die­sen Falsch­heits­vor­wurfs funktio­nalisiert und u.a. zur Abgrenzung benutzt. Er wurde dort mit dem katholischen Polen verknüpft.309

Eine Gesellschaft, die den Frieden nicht durch Institutionali­sierung sichert, muß ihn durch Rituale sichern und durch gemeinsame Symbole stabilisieren. In einer Staatsgesell­schaft, wie sie sich in Deutschland wesentlich bis zum 19. Jahrhundert herausgebildet hat, wird der Frieden durch das Gewalt­monopols des Staates gesichert. Seitdem erfolgt also eine Friedens­sicherung aufgrund des umfas­sen­den Machtanspruchs des Staates bzw. das Postulat der Recht­mäßigkeit des Gewalt­monopols und seine Durchsetzung Die Selbstzwänge der Menschen zeigen sich in fried­lichem Verhalten.

Auf gleicher Ebene verstehen sich die gegen­einander gerichteten Konföderationen. Im Alltag muß man aber Frieden halten. Deshalb entwickelte man ein Wertbewußtsein, daß der Brüder­schafts­ideologie entspricht bzw. es bildeten sich entsprechende Ver­hal­tens­standarde heraus. Konfödera­tionen bedrohen den ein­zelnen, Adels­angehörige oder Adelsgruppen. Niemand ist da, der einen selbst beschützen kann. Das geschieht ebenfalls in der Konföde­ration.

Ein entsprechendes Verhalten ist im polnischen Katholizismus eben­falls erkennbar; bzw. es hat dessen spezi­fische Prägung bewirkt. Im Sozialismus haben sich diese Verhal­tensweisen eben­falls entwickelt. Sie wurden unter den neuen Bedingungen reproduziert.

Völker, die den Bruderschaftskuß im Alltag pflegen, sind unsichere Gesellschaften. Bei­spiele: Polen, Ruß­land, Türkei. Diese Rituale vermitteln Sicherheit. Das militärische Gruß­ritual ist dem vergleich­bar: Man legt die rechte Hand - die Schwerthand - an die Kopfbe­deckung. In manchen Ländern öffnet man sie mit der Innen­fläche nach außen, damit der andere erkennen kann, daß man völlig unbewaffnet ist. Grund­sätzlich kann man sagen, je unsicherer Gesellschaften sind - bzw. je unsicherer sich Menschen in Gesell­schaften fühlen - desto ausgeprägter sind ihre Rituale. Die Ursache für das Ritual ist jeweils die Ver­sicherung des Grüßen­den, daß man Frieden stiftet, dessen sich der Gegrüßte vergewissern kann. Der Handkuß dagegen ist die Übernahme höfi­scher Begrüßungs­rituale, insbesondere nach dem Muster der französischen Tradi­tion. Man küßt der unerreichbaren Frau die Hand.

Ein wesentlicher Aspekt, die Mentalität der polnischen Gesellschaft zu definieren, muß über die bäuerliche Gesellschaft erfolgen. Bäuerlichen Gesellschaften reproduzieren indivi­duell Rituale. Es handelt sich um nicht­staat­liche Modelle der Sozialisation. In etatistischen Gesellschaften wird dieses überlagert von durch staatliche Sozialisations­instanzen gesetzte Ri­tuale. In der polnischen Gesell­schaft erfolgte eine Synthese aus beidem. Beide mentali­tätsprägende Ebenen liegen vor. Es ist nicht von der Dominanz einer Ebene zu sprechen. Der diesbezügliche Entwicklungsprozeß ist vor allem untre Gesichtspunkten der Urbanität zu differenzieren.

Das Thema 'Bauern' kann nicht als weiterer Schwerpunkt einbezogen werden. Die pol­nischen Autoren lassen einen hohen Grad nationsspezifischer Involviertheit erkennen. Ein aus hoher Distanz heraus geführte Betrachtung, insbesondere aus deutscher Sicht er­schwerte aber den Zugang zu der spezifischen polnischen Bauernmentalität. Ein kritisch-distan­zier­ter Zugang, der die Betrachtung der Involviertheit polnischer Autoren zum Gegenstand hat, wäre aber notwendig. Die Involviertheit polnischer Wissenschaft hat zwei Ursachen: Erstens die bäuerliche Herkunft selbst. Es handelt sich um einen Zugang, der die Betrachtung der Unterprivilegierten in der sozia­lis­tischen Phase begünstigte.

Zweitens ist der Zugang aus der Sicht der verarmten Szlachta, die sich ursprünglich ab­gegrenzt hat und möglicherweise Zugang gefunden hat aufgrund von Schuldgefühlen und deshalb die Rolle der Bauern mit der Opferrolle der gesamten polnischen Nation verknüpft.

Es kann insgesamt konzediert werden, daß Verhaltensweisen aus der Ruralgesellschaft - da dem gegen­wärtigen Modernisierungsprozeß dysfunktional - einer hohen Dynamik von Veränderungs­prozessen unterliegen.

Alle Bürger sind in ihrer Ohnmacht gegenüber dem Staat gleich. In einer Staatsgesell­schaft braucht man prinzipiell keine Angst zu haben, bzw. sie ist auf Mindestmaße reduziert, je nach potentieller Einsatz­mög­lich­­keit und Wirksamkeit der Staatsgewalt. Die Institutionen des Staates sichern die körperliche Unver­sehrt­heit. In Polen muß man Angst haben vor der Mafia sowie vor demjenigen, der einen selbst betrügt. Dazu gehört auch der Vorwurf der Bereicherung und der Veruntreuung von Staatsgeldern. Die illegalen Praktiken von Betriebsdirektoren wurden schon in der Phase des 'Runden Tisches' angeprangert.310

3.10 Antistaatliches Alltagsverhalten in einem halbperiperen Land

Man erforscht nicht die Bereiche antistaatlichen Verhaltens, sieht aber sehr wohl die Para­doxien, die grotesken Situationen etc. Man karikiert in ›NIE‹, ›w Prost‹ oder auch in der ›Gazeta Wyborcza‹.311

Zivilisationstheoretiker haben sich überwiegend konzentriert auf die Untersuchung und Beschreibung von inzwischen herausgebildeten Staats­gesell­schaften wie Deutschland, Frank­reich oder der Nieder­­lande, weniger auf die semiperipheren wie Griechenlands oder der Türkei.

Polen ist begrenzt ein halbperipheres Land. Es ist historisch von einer Zentrumsregion durch die Teilung anderen Zentren als jeweiliges Randgebiet zugeordnet worden. Die Fol­gen waren unter­schied­liche Partial­ent­­wicklungen. Diese sind nach den beiden Weltkriegen unter neuen Bedin­gun­gen wieder zusammen­geführt worden. Subjektiv (mental) hat man diese erzwungene Peri­phe­rielage nicht akzeptiert. Man hat binnen­ökonomisch versucht, dagegen zu steuern, insbe­son­dere in der Gierek-Ära. Man möchte jetzt wieder durch den angestrebten Beitritt zur EU sich dem Nahbereich des Zentrums nähern. Die Schwierigkei­ten liegen dabei nicht nur auf der ökono­mischen Ebene. Ein großes Problem stellt die men­tale Ebene des Alltags­geschehens dar. Der Publizist Janusz Tycner schreibt über diese Pro­blematik in größeren Abstän­den in der ›Zeit‹. Er beklagt den Abgrund an Unkenntnis, Des­interesse und gegenseitiger Abneigung.312

Eine Methode, diese subjektive Peripherielage zu überwinden sind messianistische An­sätze der Politik, wie sie u.a. von Lech Walesa im Zusammenhang mit dem von ihm seit seinem Amtsantritt geforderten NATO-Beitriff propagiert werden. Polen soll dabei den Vorposten des Abendlandes darstellen, so Walesa.

Insgesamt ist die Situation sehr komplex, da es sich um eine Mehrebenen­problematik handelt. Auf der ökonomischen Ebene ist die Situation der Peripherielage, genauer der Halb­peri­pherie­lage, zweifellos gegeben.313 Die anderen Ebenen, die ihre Wirkung ins All­tags­bewußtsein aus­strahlen, überlagern diese dadurch subjektiv.314

Für Polen gilt ein ›Mehrebenen-‹ bzw. ›Bruchlinienmodell‹.315 Ein Segment der Gesell­schaft, der verarmte Adel, insbesondere die Intellektuellen, erfährt objektiv eine Entmach­tung sowie einen Rollen­­wechsel. Die gesamte Gesellschaft ist aber überklammert durch die subjektiv-mentale Beziehung zur alten Situation.

Das bedeutet, daß die Voraussetzung für eine zivilisationstheoretische Betrachtung nicht modell­haft als funktional zum Staatenbildungsprozeß gegeben ist. Es können andere wissens­sozio­lo­gische bzw. figurationssoziologische Modelle heran­gezogen werden, die jetzt aber nicht vertieft werden können:

  1. das Modell Etablierte/Außenseiter; in die polnische Nation und die daraus entstehenden Inter­de­pen­­denz­ver­flechtungen:
    -  Hineindiffusion bzw. unterschichtend: die deutsche und jüdische Migration;
    -  Überlagerung durch fremde Machtgruppen und deren Familienangehörige, die wegen des Machtbezuges privile­giert sind; andererseits aber unterschichtend: arme deutsche Bau­ern; Handwerker aus dem deutschen Sprachraum,

  2. Die Individualismusprolematik; spezifische Ausprägung der Individualität; Wechsel­bezie­hung Individuum - Gesellschaft in der Adelsrepublik und der Zeit der Teilungen.

  3. Eine symboltheoretische Betrachtung; verschiedene Symbolebenen in ihrer Wechselwir­kung.

Als Kern­überlegung bleibt: nicht Untergrundgesellschaft als solche ist charakteristisch, son­dern das ›Bruchlinienverhalten‹; es erfolgt ein raumzeitliches Absinken, das objektiv (ökonomisch) spürbar ist; aber subjektiv (mental) um so mehr durch überhöhtes visionäres Denken kompensiert wird.

Marcin Kula sieht im antistaatliches Alltagsverhalten der Nation einen symbolischen Wider­stand im sozialpolitischen System. Sein Ansatz soll im folgenden skizziert werden.316

Der nationale Befreiungskampf kann mit dem Kampf um die Veränderung des sozialpoli­tischen System eins werden, wenn das System als fremd empfunden wird. Die zentrale Frage ist dabei: Ist der Real­so­zia­lismus in Polen ein fremdes System?… Man darf nicht behaupten, daß der So­zialismus ein für Polen frem­des System sei. Es wurde aber von einer Min­der­heit eingeführt, und diese Minderheit wurde von Frem­den unterstützt und nahm fremde Hilfe in Anspruch. Das System wurde daher nicht als ›eigen­es System‹ akzeptiert. In der Psyche der Gesellschaft gab es eine deutliche Abgrenzung zwischen ›wir‹ und ›sie‹. In der Realität war diese Grenze sehr aber fließend. Von den sechshundert Mitgliedern des Streik­komi­tees waren z. B. 1980 zweihundert auch Parteimitglieder. … Die Gründe, warum sich jemand an die Seite des Systems - der ›Macht‹ stellte, waren selten ideolo­gischer, viel öfter pragmatischer Natur.317 Die meisten schimpften über das System, haben aber mit ihm bestens zusammengearbeitet und alle mögli­chen Vorteile ausgenutzt. Es war eine Art 'Symbiose' mit dem System, d.h. einerseits ein ein­deutiges 'Nein' in psychisch-moralischem Sinn, aber trotzdem ein 'Ja' zu all seinen Vorteilen und Vergünstigungen. … Die Distanzierung zum System nimmt verschiedene Formen an: der Rück­zug ins Private, in die Kirche; bewußte Ver­geu­dung von Material; Zeit - in d. Arbeit; keine Identifizierung mit den staatlichen Institutionen; demon­­strative Gleichgültigkeit; Flucht in die 'normale Welt' , z.B. in Höflich­keits­symbole. Hervor­he­bung von national-religiösen Symbolen - weiß-rote Fahne, Muttergottes v. Tschen­stochau; Feier­lichkeiten an Feiertagen, die das System verschweigt bzw. nicht anerkennt ­- Katyn, den Warschauer Aufstand, den Todestag Pilsudskis, den 11. November usw. … Eine wichtige Ursache dafür, daß sich die Menschen mit dem System nicht identifizieren können, ist das Gefühl, daß sie im eigenen Land (in der Stadt, der Region, der Fabrik und der Schule) nicht selber bestim­men und ent­schei­den können - alle Ent­scheidungen kommen von ›oben‹, von ›ihnen‹ und nicht von ›uns‹.

Das System wehrt sich dagegen dadurch, daß es die polnischen Wurzeln des Systems, die Zuge­hörig­keit von dessen Repräsentanten zur polnischen Nation besonders stark hervorhebt. Die Gespräche zwischen den Arbeitern und der Regierung im August 1980 z. B. in Gdansk, werden von der Regie­rung als ›Gespräch zwischen uns Polen‹ bezeichnet. Seit 1981 erfolgte ein Ver­such des Systems, den Bezug zur Nation neu zu 'interpretieren: durch allmähliche Libe­rali­sie­rung, durch populistische Akzente in der Tätig­keit der Regierungsmitglieder. Das System wird 'normal'. … In den national gefärbten Revolutionen wird die nationale und revolutionäre Option vereint, wenn man glaubt, das System ermögliche eine Fremdherrschaft im Land. Folg­lich muß man das System ändern, um sich von der Fremdherrschaft zu befreien. Man hat z. B. in Polen geglaubt, daß das System schuld daran sei, daß das Land von der SU ausgebeutet wurde. … Ein System, das die Menschen erniedrigt, muß mit dem Widerstand rechnen; dabei ist die psy­chische Erniedrigung gefährlicher als die wirtschaftlich-materielle. Auf die Frage einer Jour­na­listin an Anna Walentynowicz, "worum geht es hier eigentlich?" gab sie im August 1980 die Antwort: "Um die Menschenwürde".

Ein System, das die nationalen Werte, Traditionen, Kultur und Geschichte vernachlässigt, ver­gißt, raubt, mit den Füßen tritt, muß auch darauf gefaßt sein, daß sich der nationale Befrei­ungs­kampf auch gegen das System richten wird. es gab in Polen z. B. die allgemeine Über­zeugung, daß die offizielle Geschichts­schreibung lüge.

3.11. Beispiele für tragische Situationen sowie Paradoxa

Es sollen charakteristische, nationsgeschichtlich relevante Beispiele aus der Nachkriegszeit als Ausdruck der spannungsreichen Nachkriegsgesellschaft vorgestellt werden. Der Priester und Publizist Twardowski vergleicht die Zuwendung in der Gesellschaft gegenüber dem Sozialis­mus mit der Akzeptanz des Sanacja-Regimes:

»Denn was immer man der Sanacja-Regierung auch anlas­­ten mag, die schlechteste war sie ge­wiß nicht, sie ließ die Phantasie wachsen, behütete die Träume­rei­en der Polen, ihre Visio­nen und Sehnsüchte von der absoluten Freiheit … . Neben den Zwangs­maß­nah­men … konnte man auch viel Euphorie ent­decken, Enthusiasmus für das neue System und eine ziem­lich ver­brei­tete Begei­sterung. Mit eigenen Augen konnte ich das entdecken … und kenne auch viele der heuti­gen ›Solidarnosc‹-Funktionäre. Da gibt es sogar Abgeordnete aus diesem Lager, die seinerzeit sehr eifrig die roten Fahnen geschwenkt haben. … Man … muß das unter dem Aspekt sehen, daß damals die gesamte Gesell­schaft von einem gewissen Virus infiziert war. … Ich glaube, die gesamte Gesellschaft war damals in einem Rausch. Entschiedene Gegner waren rar, nur Aus­nahmen. Jetzt aber scheint es, als wäre jeder zweite damals erwachsene Bürger ein Kämpfer ge­gen den Kommunismus gewesen. … Ich erinnere mich an einige früher recht wohlhabende Aristokraten, ach - wie begeistert die waren.«318

Ein Paradoxon - ohne als solches benannt zu werden - kommt in dem Gespräch zwischen Skorupski und Twar­dowski zum Ausdruck.

›Auf der einen Seite bestanden unterschiedliche Formen des Zwan­ges, anderseits die Kollek­tivhaltung der Gruppe, der Gemeinschaft, des Volkes und eine neue Moralität. … Unter ande­rem lehnten sich viele gegen das auf, was voraufgegangen war, z.B. die feige Flucht der gesam­ten polnischen Regierung unmit­telbar nach Kriegsausbruch im September 1939. … Erst haben sie gerufen, »Keinen einzigen Knopf geben wir her«, und dann waren sie die ersten die ausrück­ten. Daß der Kommu­nis­mus in Polen ein so leichtes Spiel hatte, war auch eine Rebel­lion gegen diese »Knöpfe«. (S.141) Anderer­seits - so Twar­dowski - haben viele gekämpft, der erste war Major Hubal, Rydz-Smigly ist zurück­gekehrt, andere Generäle haben an der Seite der Alli­ierten gekämpft. … Die Mehrheit aber huldigte der »neuen Ordnung«, und sei es um des lieben Friedens willen oder weil das »Alte« ausgespielt hatte. (S. 142)

Wajda weist darauf hin, daß in der Nachkriegszeit ein beispielloses Ereignis stattgefunden hat: Der Zusam­men­schluß der Arbeiter mit der Intelligenz.

»das Schicksal der Intelligenzler war immer tragisch, weil die Ereignisse sie stets an den Rand der Geschichte geschoben haben. Sie handelten gemäß dem eigenen Gewissen, der eigenen Vor­stel­lungs­kraft, der eigenen Werteskala, was von der übrigen Bevölkerung aber nicht immer ak­zeptiert wurde.«319

Der wegen der Verhängung des Kriegsrechts in höchstem Maße moralisch angegriffene wird in den Medien als 'Ehren­­mann' präsentiert und diskutiert z.B. mit Adam Michnik, als seinem ehe­mals kompromißlosen Widersacher oder auch seinem Nachfolger Lech Walesa. Der ›Dicke Strich‹ ist als Ausdruck politischer Klugheit einerseits von Mazowiecki gefor­dert bzw. verkündet wor­den. Andererseits erfolgt eine historische Aufarbeitung der Akten, einschließlich einer weit­ge­hen­den Offenlegung der Akten des Staates und der PVAP. Das Archiv steht Wissenschaftlern zur Verfügung. Die Offenlegung (der Geheimakten) erfolgt in höherem Maße als die der DDR.320 Die Paradoxie besteht darin, daß sich kaum jemand dafür in der Alltagskultur interessiert. Die harten Auseinandersetzungen der nachkommunistischen Phase halten auf allen Ebenen an, ins­be­­­sondere unter Intellektuellen.

Auf Jaruzelski und Urban konzentrierte sich der Haß der Bevölkerung während der achtziger Jahre. Urbans mit beißender Kritik an der gegenwärtigen Entwicklung sehr erfolg­reich operie­ren­de Zeitung NIE wird sehr erfolgreich mit von Anfang an hoher Auflage ver­kauft. Auf die Frage Skorupskis nach der Beurteilung des Paradoxons, daß ›der Mensch, der das Kriegsrecht ver­hängt hat, nach 1989 noch das Präsidentenamt bekleidet‹, antwortet Wajda ausweichend, ›er ist die letzte Persönlichkeit, über die ich tiefer nachdenken möchte.‹ (S.40) Die historische Dimen­sion der gesellschaftlichen Auseinandersetzung wird in der Aussage Wajdas deutlich:

»Einunddreißig Jahre nach der Entstehung des Filmes 'Asche und Diamant' ist nicht der Kom­mu­nist Szuka unser Held, sondern Maciej Chelmicki, der Kämpfer der Landesarmee.«321

Charakteristisch ist die Behandlung nationaler Symbole. Man benutzt sie, möchte sich aber nicht dazu bekennen. Ein Zitat aus dem Dialog zwischen Skorupski und Wajda macht dieses deutlich:

Skorupski: Glauben sie nicht, daß unter den Polen immer noch ein Ehrenkodex herumgeistert, zu dem viel­leicht auch sie … beigetragen haben? Nämlich: die Vorliebe der Polen für den Sä­bel322 und den Ulanen­­wimpel, die Privilegierung des militärischen Schliffs?

Wajda: … Es ist ganz normal, daß die in ihrer Identität bedrohten Staaten sich mehr um ihre Geschichte bemühen und ihr größeren Wert beimessen als diejenigen, die nicht gefährdet sind. Die fremde Ideo­lo­gie, die vom Osten zu uns kam, wollte die Polen um jeden Preis ihrer ruhmrei­chen Vergangenheit berau­ben …. Die Polen wehrten sich mit ihrer Geschichte, denn sie hofften darauf, ihre Freiheit und Unab­hän­gigkeit wieder­­zugewinnen. Wiedergewinnen - das bedeutet sie gehabt zu haben. Deshalb müssen sie sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Wir waren frei, wir hatten Freiheit, wir haben diese Freiheit verloren, … vielleicht sogar haupt­sächlich durch unsere Schuld. Deshalb müssen wir sie wiedererringen, müssen an ihr arbei­ten. Ich glaube, das ist gewissermaßen die Hauptidee von ›Solidarnosc‹: die Hoff­nung, daß wir mit eigenen Kräften unsere Existenz wiederaufbauen können. Den ganzen Krieg und all die Nachkriegs­jahr­zehnte haben wir doch gewußt, daß wir von niemandem Beistand zu erwarten haben. Kein Europa, kein Amerika hat uns geholfen, denn der in Jalta geschaffene Status quo ist für das beste­hen­de Kräfteverhältnis wichtiger als alles andere. Wenn wir nicht selbst diesen Vertrag von Jalta zer­brechen, nicht selbst eine neue Situation schaffen, werden wir weiter in Gefangenschaft bleiben. Diese Gefangenschaft darf aber nicht länger andauern. Ich spreche von der Kommunistischen Partei, von allen Kräften, die sich bemühen, unser Land am Rande des Ruins zu halten, nur damit es leichter regierbar war.« (S.40/41)323

Jerzy Urban vergleicht Wojciech Jaruzelski mit Lech Walesa: »Wir haben es mit einem pol­ni­schen Adligen und General zu tun, der das traditionelle Ehrgefühl repräsentiert und diese edle Hal­tung vertritt. … Er ist das ganze Gegenstück zu Walesa. Walesa ist es völlig gleich­gültig was er redet. Er selbst gibt zu, daß er früh das und am Abend jenes, am nächsten Tag wieder etwas anderes sagen kann‹.324

Auf Skorupskis Frage bzgl. des Sarmatismus325 antwortet Jaruzelski:

›Die 'goldene Freiheit' … betraf doch nur eine ganz bestimmte Schicht, eben die Sarmaten, den Adel. Auch ich stamme von einer Familie mit sarmatischer Tradition ab. In jener Zeit lebten vor allem die Preußen und die Russen in absolutistischen Regimen, in denen die Freiheit weit­aus mehr beschnitten wurde als bei uns. Dennoch haben sie weitaus mehr erreicht als Polen, sie ha­ben auf Polens Leiche ihre Macht­positionen gefestigt. Wir waren nach dem damaligen Ver­ständnis frei, und wir sind in Gefan­gen­schaft geraten, als Nation und als Volk.‹326

Die Frage nach der 'Mission' der Polen 'in der Welt' beantwortet Jaruzelski folgenderma­ßen:327

›Ich stimme mit Ihnen überein, daß das polnische Volk mehr als viele andere Nationen von sei­ner Beson­­der­heit überzeugt ist. Darin steckt so ein Polonozentrismus, Messianismus. … Das re­sultiert, glaube ich, aus dem historisch bedingten Minderwertigkeitskomplex eines Vol­kes, das einst eine Blüte­zeit hatte. Dann wurde es degradiert, sein Staatswesen ausradiert. Das Volk aber kämpfte mit einem beispiel­losen Helden­mut um seine Unabhängigkeit. Es setzte sich aber nicht nur für seine eigene Befrei­ung ein, sondern auch für die Freiheit anderer Völker. Das berühmt gewordene Motto »Um eure und unsere Freiheit« zeugt davon. Es gibt die eine Übereinstim­mung, gleichsam eine Wechselbeziehung zur roman­­tischen Strömung in Litera­tur, Kultur und Denkweise; in keiner anderen Nation war die Romantik so kämpferisch geprägt wie in Polen, der Positivismus spielte dann längst nicht mehr diese Rolle.

Das Romantik-Modell funktioniert praktisch bis heute als eine Art intellektuelles und mora­li­sches Erbe. Und es birgt in sich durchaus schätzenswerte Nuancen, die uns – wie bereits er­wähnt – gehol­fen haben, zu überleben, unsere Identität zu bewahren. Gleichzeitig blieb aber die Neigung bestehen, oberflächlich und allzu emotional zu reagieren, was beim Erreichen von be­stimmten Zielen nicht be­sonders förderlich war im Ver­gleich zu anderen Völkern, die glück­li­cher, zumindest aber wohl besser organisiert und viel diszi­­plinierter sind. Es gibt ein Gedicht von Juliusz Slowacki: „Polen ... / Aus deinem Namen wollen wir weben / Gebets­klage, Blitz­schlag und Donnerbeben ... “ Wir haben dort das Gebet und den Donner­schlag, die Tränen und den Blitz. Und wo bleibt die Ar­beit? Wo die Pflicht? So wurden wir erzogen. Tränen, Mär­tyrer­tum, Schmerz und Blitz, der Kampf und das Heldentum. Das ist unser Erbteil. Ich wieder­­hole: Ich sehe dort große Werte, auch für die Zukunft. Aber auch eine große Gefahr, leben wir doch heute in einer Zeit, wo diejenigen siegen, die vor allem pragmatisch und weitsichtig den­ken, die aufge­­schlossen sind für das Neue.

Während die anderen für den technischen Fortschritt kämpften, mußten wir uns unablässig für unsere Unabhängigkeit schlagen. Die Großen unseres Volks haben das wohl erkannt, … z.B. daß die Polen als Volk ein ge­waltiges Banner seien, als Bürger hingegen rechte Taugenichtse. … Ein unterdrücktes, seiner nationa­len Rechte beraub­tes Volk erreicht einen sozusagen über­pa­triotischen Geisteszustand, aus dem unter gewissen Umstän­den natio­nalistische Merkmale er­wachsen können, es treten da Phobien auf, allen voran der Anti­semitismus. Das ist amora­lisch, schädlich und sehr gefährlich. Deshalb sollten wir alles daransetzen, den Patrio­­tismus in seiner edelsten Form zu wahren und zu fördern. Das ist ein ganz wichtiger Begriff, ein Wert, der nicht nur auf Bannern und in Parolen verewigt werden sollte, er muß vor allem im täglichen Leben praktiziert werden. Patriot sein, das heißt das Vaterland lieben, aber Patriot sein bedeu­tet vor allem für das Vaterland das Beste tun und seinem guten Ruf nicht schaden. Wir haben auch ei­nen gewis­sen Hang zum Mystischen. … Es geht darum, was heute wichtig ist in dem sich unab­lässig wandeln­den Europa; angesichts eines Deutschlands, das immer mächtiger wird, und der zuneh­menden Schwächung der Sowjetunion. Wo ist da unser Platz? Wie sollen wir ihn fixieren, damit Polen einerseits in einem vereinten Europa eine Brückenfunktion über­nehmen und ande­rerseits sich selbst die volle Souverä­nität und das größte Maß an Sicherheit und Unantastbarkeit der Grenzen sichern kann?

Die Probleme der Einschätzung und Selbstbewertung der Polen, sind außeror­dentlich wichtig; besonders für jene, denen die »Herrschaft über Leib und Seele« anvertraut ist. Eine große Rolle kommt hier der Kirche zu, die im historischen Kontext schon immer eine tragende Rolle bei der Pflege des Polentums, der Formung moralischer Standpunkte wie der nationalen Überein­künfte gespielt hat. Aber es gab auch Schwach­stellen. Nicht immer war ihre Art der Meinungsmani­pu­lation dem neuen Denken förderlich. Die Kirche hat eine gewichtige Mission, besonders in Po­len, wo die Mehrheit der Bevölkerung gläu­big ist, wenn auch in unterschied­lichem Grad. … Hinzu kommt die Aufgabe der Intellektuellen, Wissenschaftler und Kultur­schaf­fenden, also aller Menschen, die dazu beitragen können, daß sich das polnische Volk von dem Klotz am Bein, der es auf seinem Vormarsch ins 21. Jahrhundert hindert, endlich befreit.‹

Skorupski: ›Herr Staatspräsident, die Auseinandersetzung, die unlängst im Sejm und im Senat über das Für und Wider der Krone auf dem Haupt unseres Wappenadlers ge­führt wurde, war keineswegs so seriös, wie es den doch sehr angesehenen Persönlichkeiten in diesem Parla­ment ent­sprochen hätte. … Aber gerade in dieser Aus­sprache wurden einige der genannten kleinen Nationalismen sichtbar. Wir wol­len doch ehrlich sein, nicht die überwiegend von den Piasten »aus­geborgten« polnischen Könige haben den pol­nischen Patrio­tismus geprägt, son­dern die Poeten und Schrift­steller, vor allem die Dichter-Pro­phe­ten der polnischen Romantik. Viel­leicht wird jetzt weniger Lyrik gelesen und dafür um so mehr pala­vert, wie in dieser Parla­ments­sit­zung, aber die über ein solches Detail geführte Debatte förderte, selbst auf dieser so wesent­lichen Ebene der Macht­ausübung, derartig kleine, subtile Nationalismen zutage.‹

Jaruzelski: ›Der Punkt war bereits besiegelt, die Krone wurde als wich­tig für den historischen Bezug anerkannt, als Zeichen unserer Souveränität. Die Auseinanderset­zung kam zustande durch einen Antrag über das Kreuz in der Krone. Nach dem Motto: Polen ist ka­tholisch, ergo – jeder Pole ein Katholik. Mit diesem Zeichen sollte eindeutig der katholische Ursprung des pol­ni­schen Staats­wesens unter Beweis gestellt, zugleich aber auch der moderne polnische Katho­li­zismus manifestiert werden. … Dennoch, das Ganze ist ein Symptom dafür, daß es Kräfte gibt, deren Blickwinkel rückständig ist und durch das Vorgestrige be­engt wird. Das Kreuz ist ein starkes moralisches Symbol, es darf aber nicht miß­braucht werden. Ins­besondere sollte alles gemieden werden, was spalten und das Prinzip der Toleranz verletzen könnte. Wir sprachen eben über die Freiheit. Und es gibt keine Freiheit ohne Toleranz.‹

3.12 Paradoxien in der Übergangsphase

Handlungen, Argumentationen, Entscheidungen und Verhaltensweisen erscheinen dem west­lichen ›rational‹ oder analytisch-logisch Denkenden oft paradox. In Polen sind Para­doxien Aus­druck für ein historisch ableitbares Beziehungsgeflecht aus zumeist mystisch verklärten Zusam­men­hängen. Hintergrund ist der nationale Überlebenskampf mit seinen Widersprüchlichkeiten. Bei­spiele finden sich in der jüngsten Geschichte, z.B. in der beson­deren Rolle des polnischen Geheim­dienstes und der Sondereinheiten der Polizei (ZOMO). Es wäre interessant, die soziale Herkunft der Polizei­angehörigen zu untersuchen. Im All­tagsbewußtsein wird Polizisten oft man­geln­de Intelligenz unterstellt.

Einerseits muß man aus moralischen Gründen sowie aufgrund rechtsstaatlicher Prinzi­pien straf­rechtlich das Verhalten prüfen und ggf. Anklage erheben. Andererseits sind Konti­nuität, Regier­barkeit bzw. Machtausübung notwendig. Der Staat als solcher ist dabei die ‘Schwachstelle’ folg­lich kann man ihn nicht schwächen, da er benötigt wird. Seine Existenz und sein Funktio­nie­ren sind unabdingbar, seine Macht­funktion muß stabilisiert werden. Es muß alles getan werden, um sein Machtmonopol wieder herzustellen. In Polen sind gesell­schaftliche Agonie und staatliche Schwäche zentrale Probleme. Ziel kann deshalb nur sein, eine innere Stabilisierung der Gesell­schaft und Stärkung des Staates in gegen­seitiger Be­dingtheit zu bewirken. Damit sind zwei Not­wen­digkeiten gleichzeitig vorhanden und in der Zielrichtung gegenläufig.

Hinzu kommt die Funktion der ›Moral‹. Sie tritt als Ersatzwert für Macht auf, weil das Prinzip moderner Staat­lichkeit, das Gewaltmonopol des Staates, verknüpft mit dem Rechtsstaatsprinzip, der Fähigkeit zur Umsetzung der Prinzipien in der Gesellschaft, ggf. auch der Durchsetzung gegen Widerstände sowie demo­kra­tischer Kontrollen nicht existier­ten und nicht offiziell ange­strebt werden konnten. Der Begriff der ›Moral‹ durfte und konnte nicht definiert werden, da er für alle, die herrschende kommunistische oder die der Partei nahestehende und von ihr abgeleitete Elite, wie auch den intellektuellen Gegnern und der Kirche gleicher­maßen als ‘Brückenvokabel’ zur Verfügung stand. Die kommunistischen Funktionäre, die Universi­täts- wie Staats­bür­ger­kun­de­lehrer, konnten sie in entsprechenden Varianten instrumen­tali­sieren. Für den Klerus gilt ent­sprech­endes. Die ›Moral‹ wurde zur Ersatzfunktion.

In dieser Gesellschaft des kollektiven ‘Sich-entziehens’, des oft eklatanten Wider­spruchs zwischen Fassade und tatsäch­lichem Denken und Handeln spielte es keine Rolle. Man bewegte sich problemlos in diesem Muster. Kontrolle und Sanktionen gab es kaum. Inwieweit Beichte und Sündenvergebung, Buße und andere religiöse Kategorien und Ri­tuale einbezogen werden kön­nen, muß ausgeklammert werden, es ist tabu.328 Die ›Moral‹ war das schützende Dach für die eigene Gesellschaft. Unterhalb dessen konnte man sich in gegenseitigem Einvernehmen bewe­gen. Es galt das Prinzip des ›Augenzwinkerns‹. Dies kann als Erklärung für die Wechsel­bezie­hung zwischen Kirche und Partei, zwischen Woi­wode und Bischof, Funktionären und Priestern gelten.

Das Mitnehmen eines Sackes Zement, das 'Organisieren' von knappem privat dringend benötig­tem Material ist im Realsozialismus moralisch nicht diskreditiert. Die kleinen Dieb­stähle, das 'Besorgen' war über­lebensnotwendig in der Mangelwirtschaft. Wenn jemand im Jahre 1995 Inha­ber eines Betriebes ist und vor 1989 nichts besaß, dann wird in der Alltags­meinung unterstellt, er habe 'das Volk beraubt'. Dieser Sachverhalt erzeugt Frustrationen. Sie richten sich auch gegen Priester. Die Kirche hat gewisse Zoll­pri­vi­legien bei Importen. Ein großes Problem sind ihre Steu­er­zahlungen, da sie ihre Rechnungsführung nicht offen legt. Bezüglich der Durch­setzung des Steuer­monopols hat die Kirche eine Funktion als 'Staat im Staate'. Dieses Thema ist zum Gegenstand der Wahl­kämpfe der neunziger Jahre geworden.

Die historische Phase des Realsozialismus ist beendet. Psychosoziale Spannungen bre­chen auf und müssen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft werden. Das sind wiederum die bisher als Über­lebens­weisen angewandten Prinzipien der zurückliegenden fünfundvierzigjährigen dikta­torischen bzw. autoritären Herr­schaft von 1944 bis 1989. Wenn der Begriff der Moral gewählt wird um das Prinzip zur psychosozialen und politischen ‘Bewältigung’ der Vergangenheit zu kennzeichnen, so schließt es zwar die Assoziation straf­recht­licher Prüfung und damit rechts­staat­licher Vorgehensweise ein - aber nur suggestiv und oberflächlich.

Tatsächlich wird keineswegs daran gedacht, dieses Prinzip durchzusetzen. Man kann dies mit den Versuchen zur juristischen Bewältigung der DDR-Vergangenheit vergleichen. Die BRD hat die staatliche Existenz und die Legitimität ihres Gewaltmonopols im Staats­vertrag prinzipiell aner­kannt. Eine straf­recht­liche Verfolgung von Tatbeständen zu DDR-Zeiten sind nur dann möglich, wenn sie bereits in der DDR Unrecht waren. Die Festlegung dessen was ›rechtens‹ war, ist aber aufgrund der Inkompatibilität von ›real­sozia­listischem‹ und ›bürgerlich-rechts­staat­lichem‹ Rechts­begriff, also dem Widerspruch zwischen inkohä­ren­tem Maßnahmenstaat und kohärentem Rechts­­staat prinzipiell schwer möglich.329 In Polen wird keines­wegs ernsthaft der Versuch gemacht, dieses Problem zu lösen. Es soll sich of­fensichtlich durch den sich entwickelnden Pro­zeß in der Gesellschaft ‘historisch’ lösen.

Der Ausweg ist im Parlament (Sejm) eine Instrumentalisierung innerhalb politischer Machtkämpfe zwischen den rivalisierenden, zumeist kleinen Gruppen. Nach außen hin - vor allem im westlichen Ausland - wird der Eindruck erweckt, daß eben nach rechtsstaatlichen Gründen bewältigt und damit geahndet wird - und gleichzeitig moralische Prinzipien gelten.

Das Problem ist dabei, daß dieses nun gerade nicht geschieht und geschehen kann. Ausnahmen sind z.B. Rakowski und Urban. Man versuchte, ihrer juristisch habhaft zu wer­den mit naiven Metho­den, die aber einerseits verbissen-konsequent mit Härte angewandt werden, andererseits zugleich lachhaft wirken und Werbung für die Zeitschrift ›NIE‹ bedeu­ten und außerdem kaum Resonanz in der Bevölkerung finden. Dies ist ein Beleg dafür, daß die neue Elite inhomogen ist und nicht über die Macht verfügt, um diese ausüben zu kön­nen. Dieses Verhalten wird im Westen mit Unverständnis, gar Arroganz aufgenommen, weil es nicht ›logisch‹ ist und einem spezifisch paradoxen Pragmatismus entspricht.

Rakowski hat den Staat nicht betrogen, man konnte ihm strafrechtlich keine Verfehlung nach­wei­sen. Er ist also 'sauber'. Er hat zwar eine 'weiße Weste', obwohl er als Regierungs­schef demon­­strativ ein Symbol der Solidar­nosc, die Lenin-Werft, verkaufen wollte. Dadurch hat er aber zugleich die Wunde der polnischen Widersprüchlichkeit offengelegt. Dies schmerzt bis heute.

Die politische Rechte versucht nicht, die wirtschaftlichen und finanziellen Betrügereien zu diskre­ditieren - vielleicht weil man den intelligenten Betrüger bewundert, es ihm gar nei­det.330 Tyminski wurde 1990 von fast einem Drittel der Wähler(-innen) gewählt. Dieses ist charakteristisch. Die ›linken‹331 Intellektuellen, die - wie Urban - diese Widersprüche scho­nungslos aufdecken, kari­kie­ren oder ironisch darstellen und gar mit Zynismen bloßstellen - sie sind die Zielscheibe. Das skiz­zierte Bild ist für den west­europäischen Beobachter para­dox, für Polen aber Ausdruck spezi­fischer Entwicklungen, die eben so verlaufen und psy­chosoziale Reproduktionen darstellen. Nur mit Mühe läßt man Jaruzelski unbehelligt. Man übt andere politische Aggressionen aus. Man will ihn über den ›Fall Kiszak‹ treffen oder durch die Situation in ›Wujek‹. Man weiß um die Tragik der Situation. Man weiß aus der Geschichte um das sinnlose Blutvergießen. Man verfolgt die aktuelle Berichterstattung über den Balkan und die ehemalige UdSSR sehr genau.

Die Tatsache, daß Pilsudski durch einen Militärputsch 1926 an die Macht gekommen ist u.a. durch sein Arrange­­ment mit den alten Eliten, daß er das System einer Militärdiktatur praktizierte mit insgesamt tausenden politischer Häftlingen (über­wiegend in Brest)332 - das zählt alles nicht - möglicherweise, weil es sich um Linke und Liberale handelte. Pilsudski wird als Marschall verehrt - auch das ist (scheinbar) paradox - aber nur für Außen­stehende.

3.13 Anarchismus als Ausdruck von Anachronismus

Teilbereiche des Alltagsverhaltens können durchaus als ›Alltagsanarchie‹ bzw. ›Anarchismus‹ kekenn­zeichnet werden. Der Anarchismus ist als Beschreibungskriterium auf die Zeitspanne 1980/81 anwendbar und wurde in der Zeit des Kriegszustandes instrumenta­lisiert. Der Anarch­is­mus wurde in den Ausein­an­der­setzungen 1980/81 und während des Kriegszustandes danach als Kampf­begriff seitens der Partei gegenüber der Solidarnosc ge­braucht.333 Er muß auch in diesem Bezugs­rahmen gesehen und von seinem sozialistischen Definitions- bzw. Beschreibungskriterien ent­kleidet werden. Die kommu­nistische Sicht des Realsozialismus, der Bezug zu den Partei-Dok­trinen, muß heraus­genommen werden. Der Anarchismus ist im Sinne der polnischen Gesell­schafts­­entwicklung, als eine Gesell­schaft 'ohne Staat', oder auch antistaatlich zu verstehen, zumindest ist sie mit einem geringen Zen­tralisierungs- und Organi­sationsgrad versehen. Der Anarchismus wird in Polen tendenziell als Freiheit verstanden und positiv definiert, in Westeuropa dagegen i. S. eines negativ be­setzten anti­staat­lichen Verhaltens.

Das Verhalten der Nation ist gegen alles ›Staatliche‹ gerichtet, gegen die eigene Herr­schaft, bzw. deren eigene Macht­aus­übung. Der Anarchismus stellt den Versuch einer Be­hauptung der eige­nen - individuellen wie familialen - Verfügungsgewalt dar. Er korreliert mit den Mechanismes der Szlachtagesellschaft, der von staatlicher Legitimation abgeleiteter Machtausübung über ganze Dörfer. Er dient der Erhal­tung der eigenen Macht, der Verhin­­derung einer Ver­änderung der eige­nen Situation, nämlich einer Verschie­­­bung der Macht­balance zugunsten Dritter. Dies gilt auch für eine potentielle Macht­ver­la­gerung in Richtung auf den Zentralstaat. Er ist damit dem Demokratie- und Legitimitätsprinzip entge­gen­ge­richtet. Das gilt selbst dann, wenn diese durch eine Mehr­heits­­ent­scheidun­gen bestimmt wurde.

Alltagsanarchismus bedeutet, daß der Staat zumeist als der Feind angesehen wird. Der im Alltag prakti­zier­te Anarchismus steht in Korrelation zum Heldentum. Man bedenke z.B. an die darauf aufbauende Rolle der Melder - auch der Mädchen - während der Okkupa­tionszeit in Jugend­filmen als Pfadfinder(-innen).

Wenn man diese Aussagen über den Anarchismus in Polen, bzw. gegen Polen gerichtet formu­liert, dann wird das zweifellos als eine Beleidigung empfunden. Es würde zu kurz greifen, wenn man ihn für 1980 situations­be­zo­gen bzw. tagespolitisch erklärt. Er ist prozes­sual zu verstehen. Es handelt sich um Werte der Szlachta, d. h. um Denk- und Verhaltens­weisen, die in einem zeit­lichen und gesell­schaft­lichen Umfeld reproduziert werden, aber bereits anachro­nistisch geworden sind. Sie sind zunächst z.T. Ausdruck für ein bewußtes Negieren von Zwängen um sich indivi­duelle Freiheiten zu verschaffen. Dadurch haben sie eine Rahmen­funktion bekommen. Dieses spezi­fische Verhalten wird in der westeuropäisch-rationaler Betrach­tungs­weise als Anarchismus inter­pretiert. Die Menschen in Polen würden es selbst nicht als anarchistisch betrachten.

Korrelierend mit dem Anarchismus kann der Anachronismus genannt werden. Er läßt sich z.T. aus dem ›Sarmatismus‹ ableiten. Im Aufsatz über den Sarmatismus334 wird der Anachro­nismus nicht angeführt. Es kann die These formuliert werden, das Anachronismus wie Paradoxien eine spezifische Funktion in der polnischen Gesellschaft haben und sich in paradoxem Verhalten zei­gen.

Anarchie‹ steht als Führerlosigkeit, bzw. Herrschaftslosigkeit im nations­gesellschaft­lichen, vor­staat­lichen Zusammenhang. Ursprünge sind in der Szlachta­gesellschft zu su­chen.335 Während des Krieges wurde das Leben im Konflikt mit dem Gesetz nicht nur ak­zeptiert, sondern gar hoch geschätzt. Dies hatte sich nach dem Krieg nicht geändert, das Prinzip der ›moralischen Anarchie‹ ist zu einer Norm geworden.336

3.14 Messianismus

Ein historisches Charakteristikum der polnischen Gesellschaft, dessen Reproduktion latent erfolgt und deutlich wird, ist der Messianismus.

Ausgehend von der ursprünglichen Konzeption soll versucht werden, die Fortschrei­bung gewisser Formen des Habitus der Adelsgesellschaft in der Gruppe der Intelligenz - insbesondere der Intel­lektuellen - nach­zu­weisen sowie andererseits Verhaltensweisen der Bauerngesellschaft seitens der Arbeiter.

Obwohl im Alltagsverhalten der Intelligenz partiell in selbstironisierender Darstellung durchaus darauf rekurriert wird und gewisse Indizien für den Beobachter erfahrbar sind, kann der Ansatz nicht fortgeführt werden. Dieses steht auch im Zusammenhang mit Instru­men­tali­sie­rungs­ver­suchen spezifischer Gruppen der Gesellschaft. Der Messianismus stellt ein charakteristisches Phäno­men dar, das in seinen wesentlichen Aus­prägungen - sowie die Darstellung derselben z.B. durch Mickiewicz - ein Problem des 19. Jahrhunderts. Auch in diesem Zusammenhang können spezifische Untersuchungen nicht erfolgen. Es soll auch auf das Phänomen hingewiesen werden, soweit Beispiele in den Interviews sichtbar werden.

Die Stichworte - ›Szlachtaverhalten‹ - ›Messianismus‹ stellen gewisse Tabubereiche dar, da sie Basis waren für inner­­gesell­schaftlichen wie auch nach außen gerichtete Instru­men­tali­sie­rungs­ver­suche. Aus den Ansätzen zur Instru­men­talisierung hat sich eine Funktio­nalisierung entwickelt. Der Messianismus, korrelierend mit dem ›Moral­postulat‹ bzw. ›Moralglauben‹ hat eine macht­spezi­fische Funktion für für polnische Nation.337 Das Prinzip ist weiterhin gültig und wird zweifellos in einer Über­gangs­phase erkennbar und im Alltags­bewußtsein mental gegenwärtig bleiben.

Die schon klassisch gewordene Beschreibung des polnischen Messianismus gibt Adam Mickie­wicz:

»Polens Geschichte ist die Geschichte einer Folge von Ver­sammlungen, die, sei es geschlos­sen, sei es getrennt, oft miteinander zerstritten, manchmal feindselig [...] und scheinbar ohne ein bestim­mtes Ziel handeln. Es gibt dennoch einen moralischen Brenn­punkt [...] die soge­nannte General­ver­sam­mlung oder die Freie Versammlung: das ist das Parlament [der Sejm]. … Was hat die polnische National­dich­tung zu bestimmen? Der Messianismus. Die polnische Literatur, Philo­so­phie und Poesie sind messia­nis­tisch [...] Was ist darunter zu verstehen? [...] Das philoso­phisch-mathe­ma­tische System des soeben erschie­nenen Werks [von Antoni Bukaty] ›Polen in der Apostasie, das heißt im Russo-Slawentum, und in der Apotheose, das heißt im Gallo-Kosmopolitis­mus‹, haben wir bereits erklärt. Dieser Titel drückt bei seiner gan­zen Ab­sonderlichkeit doch einen tie­fen Gedanken aus. … Die drei Kardinalpunkte der Philo­so­phie, de­ren Ansätze wir in Gedichten, in der Geschichte und in den Schriften polnischer Staatsmänner gefun­­den haben, sind folgende: Erstens, die Notwendigkeit des Opfers. Man kann keine Tat, nicht ein­mal sinnvolle Gedankenarbeit, beginnen, ohne etwas zu opfern; das ist die Grund­wahr­heit, zu der sich die Gesamtheit der bedeu­tendsten, äußerst nationalen pol­nischen Schriftsteller bekannt hat. Zweitens, die christliche Sendung des polnischen Volkes: die Notwendigkeit sei­nes Todes und seiner Wieder­geburt. Drittens, die Allgemeinheit, das all­gemeine Streben zum Messia­nis­mus. Unter den fremden Philo­so­phen haben nur die katho­lischen auszulegen unter­nommen, was Opfer heißt. Ich sprach von der unklaren Theorie Hegels. Die erhabenste und tiefste Theorie ist die von Baader [...] Die Theorie der polnischen Philosophen aber ist anders. Diese schluß­folgern die unab­dingbare Notwendigkeit des Opfers folgen­dermaßen: Alle Zwistig­keiten zwischen den Menschen wie zwischen den Völkern rühren vom Egoismus her. Das Ich und die Eigenliebe der einen kämpft mit dem Ich und der Eigen­liebe der anderen [...] Um zu entscheiden, was in einem Streit richtig und was unrichtig ist, muß man zunächst seine eigene Sache, seine Indivi­dua­li­tät, sein Ich beiseitestellen. … So basiert auch das Christentum seit dem Erlöser und seit den Märtyrern darauf, keine Rücksicht darauf zu nehmen, ob und wie seine Lehren die Inter­essen der weltlichen Macht berühren. Dennoch ist das Christentum, begündet in der großen Gemein­­schaft, die da Kirche heißt, noch nicht das ganze Volk. …Ich füge … hinzu, daß er [Bukaty] diese [die christ­liche] Sendung in Polen sieht, vor allem deshalb, weil Polen die Taufe gemeinschaftlich ange­nom­men hatte. Seine Bekehrung bestand nicht aus einer Reihe von Einzelbekehrungen, sondern sie war ein einmaliger, fast akuter Akt; Polen hatte das Christen­tum als Volk angenommen, es als Volk ins Leben und Handeln einbezogen, und so hat es dieses auch als Volk in der Folge weiterzu­entwickeln.

Die Frage nach der Mission der Völker taucht zum ersten Mal in der Philosophie der Neuzeit auf. Bemer­kens­­wert, daß der Protestantismus, der die geistige Macht der weltlichen Macht ge­opfert hat, einer Mission der Völker widersprach, christliches Leben in der Gemeinschaft in Frage stellte [...] Buchez, der katho­lische Philosoph, der an der logischen Methode festhält, widerlegt die Lehre von der indi­vi­du­ellen Erlösung. Er erkannte, daß es Pflicht eines Christen ist, für die Erlösung der Näch­sten Sorge zu tragen, und er erwei­terte diese Pflicht auf den Nächsten im allgemeinen Sinn, auf die ganze Menschheit [...] Erinnern wir uns, was wir von der Exaltation sagten. Erinnern wir uns, daß sie die einzige Triebkraft der ganzen Geschichte des polnischen Volkes war, daß alle Polen in den großen Augen­blicken ihrer Tat immer exal­tierte Menschen [»edelmütige Feuereiferer« nennt es M. an einer anderen Stelle seiner Vorle­sung] waren. Sogar den fremden Theorien zufolge ist dem polni­schen Volke also das göttliche Stigma, das die Philosophie gegen­wärtig in der Exaltation sieht, in der wahren Exal­ta­tion, ei­gen.« 338

Die polnische Historiographie schweigt über einen möglichen jüdischer Messianismus im rabbi­nisch-mystischen Ostjudentum, seine Reaktion auf unerträgliche Lebens­ver­hält­nisse in der Diaspora. Die Denk- und Interpretationsmotive könnten mit den sozial­psycholo­gischen Situati­onen für das Polentum ver­glichen werden. Die Parallelität kann Aggressionen wecken und Kon­flikte hervorrufen, z.B. im polnischen Antisemi­tis­mus. Der Spaltung im Judentum im 19. Jh. (Lódz/Lemberg) in assimilierte und traditionale Gruppen entspricht die Spaltung im west- wie ostorien­tierten Polentum. Vielleicht könnte man das Bild der Beziehungen zwischen Polentum und Judentum als eine Art auswegslosem »X-Haken« kennzeichnen: Abhängigkeit materiell und ideologisch (Messianismus)/Parallelität materiell und ideologisch (Abgrenzung oder Integration)/ Freiheitsvorstellungen (zwischen Überlegenheitsmythen und Abwehr­ideologien.

3.15. Reflexion des Alltagsverhaltens - die Psyche der polnischen Nation

Eine Auseinandersetzung über Ableitung des Alltagsverhaltens findet in der polnischen Wis­sen­schaft kaum statt. Ein gesellschaftshistorischer Ansatz ist tabu. In der Publizistik wird aber die Proble­matik essayistisch beschrieben und z.T. polemisch dargestellt. Insoweit ist es berechtigt und notwendig, Bochenski als Vertreter dieser Gruppe zu skizzieren. Auf ag­gressive und selbst­iro­nische Darstellungen, wie z.B. in den Zeitschriften NIE und W Prost oder auch entsprechenden Karikaturen von Mlecko muß im gegebenen Rahmen verzichtet werden. Sie wären als Spiegelbild einer spezifisch erfahrenen Wirklichkeit unter­suchens­wert und müßten mit entsprechenden empi­rischen Untersuchungen dieser entsprechenden ebenen der Wirklichkeit in der Gesellschaft ver­knüpft werden.

Beachtenswert ist der Umgang der Intellektuellen untereinander, ihre ritualisierten Macht­kämpfe, ihr spezifisch zentrifugales Individualverhalten. Andererseits ist ein mit Nationalpa­thos ver­knüpf­tes Sozial­ver­hal­ten unter spezifischen Fremdzwangbedingungen erkennbar. Es bezieht sich auf den oktroyierte wie auch geglaubte. Es würde sich z.B. eine Untersuchung der Argu­men­ta­tions­strukturen und -mechanismen - weniger der Inhalte - vor Abschluß der deutsch-polnischen Ver­träge im Jahre 1990 anbieten.

Es gibt z.B. ein deutliches Nebeneinander konkurrierender, zumeist sehr kleiner Gruppen, die alle eine Präsidenten- sowie Vize­prä­si­den­tenfunktion haben. Es hat z.B. in Poznan und im Raum Danzig/Gdingen mehrere bestehende polnisch-deutsche Vereinigungen gegeben, die keines­wegs miteinander kommu­nizier­ten. Die Mitglieder dieser Vereinigungen waren über­wie­gend Intel­lektuelle. Man stellte die jeweilige Gruppe auf Kongressen vor und sprach höflich von Kontakten, die man aufnehmen müsse. In der Realität erfolgte kaum jemals eine Umsetzung. Die konkrete Vereinsarbeit wurde zudem von einer sehr kleinen Gruppe, von einigen wenigen Mitglie­dern geleistet. Die Dynamik des Gründens und Schließens dieser Vereinigungen ist nicht abge­schlos­sen. Man hatte den Eindruck, daß die versuchte Instru­mentalisierung zur Stärkung eigener jeweils beruflicher oder politischer Machtpositionen dominierte.

Die Fähigkeit der differenzierten Wahrnehmung dieser Zusammenhänge ist für westliche Beob­ach­ter sehr schwierig. So hat der Verfasser diese erst nach längerem eigenen Distanzie­rungs­­prozessen gewonnen, die aber sein eigenes Engagement prinzipiell nicht in Frage stel­len - zwei­fellos aber die Wahr­neh­mungs­fähig­keit beeinflußt haben. Ein spezi­fisches Wahr­neh­mungs­beispiel ist das 'Ver­schie­ben von Ent­schei­dungs­vor­gän­gen auf ver­schie­­denen Schreibtischen.'

Ein befreundeter Wissenschaftler aus Posen, ein früherer Mitarbeiter des Westinstitutes, hat in einem Gespräch erklärt, warum in der Vergangenheit Entscheidungsprozesse oft in für die west­deutschen Partner unerträg­lich­em Maße hinausgezögert worden sind. Es handelte sich insbe­son­dere solche, die in bezug standen zur sog. wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem westlichen Ausland, aber auch solche mit kulturellem Hinter­grund z.B. im Bereich der Städtepartnerschaften, Die Tragik besteht u.a. darin, daß die polnischen Geschäfts­partner, damals zumeist Funktions­trä­ger des Staates, und dadurch die gesamte Gesellschaft - in Mißkredit geriet, was den Abschluß von Verträgen z.T. verzögerte oder gar konterkarierte.

Es handelte sich zumeist um verzweigte Entscheidungsvorgänge, bei denen die Beteiligten oft nur aus formalen Gründen beteiligt waren. Die Funktionsträger erhöhten aber allein da­durch ihre Wichtig­keit, ihr Ansehen, daß sie manchmal nur den Vorgang durch Liegenlassen auf ihrem Schreibtisch verzögerten, oder durch gering­fü­gige sprachliche Veränderungen im Vertrags­ent­wurf ihre eigene Macht scheinbar erhöhten. Insgesamt trug ihr Verhalten damit zur Dys­funk­tio­na­lität des gesamten System bei.

Eine Zeitlang bestand seitens des Verfassers der Gedanke, Aussagen westdeutscher Politiker und Wirt­schaft­ler über mögliche Beobachtungen im Zusammenhang mit den skiz­zierten para­doxen Verhaltens­weisen zu untersuchen. Die Absicht wurde fallengelassen zu­gunsten einer Beschrän­­kung auf die Befragung polnischer Beteiligter oder anderer Invol­vierter. Eine derartige Unter­­su­chung wird vom Verfasser nach wie vor als sinnvoll angese­hen. Auch sie müßte sich über­­wiegend auf den Zeitraum bis zur polnischen Wende 1989 beziehen.

IV. Der polnische Katholizismus als Paradigma für gesellschaftliches Handeln

1. Wechselwirkung katholische Kirche - polnische Gesellschaft (politische Funktion)

Ein wesentlicher Anteil gesellschaftlichen Verhaltens ist durch die enge - vielfach symbio­tische - Beziehung zwischen Gesellschaft und Katholizismus, zwischen polnischer Nation und der polni­schen katholischen Kirche bestimmt. Sie ist historisch ableitbar und mehrfach dar­gestellt.339 Einige Spezifika des polnischen Katholizismus sind hervor­zuheben, insoweit sie gegenwärtiges gesell­­­schaftliches Verhalten beeinflussen bzw. den Rahmen sowie Organisa­tionsstrukturen abstecken und sowie Verhaltensnormen setzen, dekretie­ren, aus einem reli­giösen System ableiten und Denk­katego­rien bestimmen.

Die katholische Kirche Polens hebt sich vom westeuropäischen Katholizismus u.a. da­durch ab, daß sie kaum von der Aufklärung beeinflußt wurde und sich gegen entsprechende Ansätze abge­grenzt hat. Es ist zu berücksichtigen, daß die Aufklärung ein wesentlich gegen den Absolutismus in Westeuropa gerichtetes System war. Die polnische Adelsgesellschaft des 17./18. Jahrhunderts verstand sich als Adelsdemokratie. Ihr Selbstverständnis war durch das Wahl­königtum gekenn­zeich­net. Dadurch fehlten wesentliche gesellschaftliche und poli­tische Voraus­­setzungen für das Entstehen einer gegen Adels­herrschaft und Kirche gerichte­ten Bewegung.

Der Klerus - namentlich der höhere - führte ein angenehmes Leben. Das auf Friedrich den Gro­ßen zurückzuführende Wort von der ›Polnischen Wirtschaft‹ beleuchtet dieses: Es bezieht sich auf die nach der ersten Polnischen Teilung an seinem Hofe im Exil lebenden Bischöfe aus den 1772 an Rußland gefal­lenen Gebieten Weißrußlands. Diese Bischöfe ge­dachten auch am preu­ßischen Hofe ihr gutes Leben fort­zu­setzen. Das war dem auf Spar­samkeit und genüg­same Lebensführung bedachten König zuwider. Ein anderer Bezug ist zur Epoche der Sachsen­könige gegeben. Sie bedeutete für den Adel eine Zeit guten Lebens und barocker Ausschweifungen und politisch zugleich den Niedergang der Rzeczpospolita. Die Umwertung des Zitates sowie die adjek­tivische Benutzung als Negativstereotyp ist erst im Laufe der vierziger und fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts erfolgt.340 In diesem Zusam­men­hang ist es beachtenswert, daß der Nieder­gang der Wirtschaft in Polen ab dem Ende des 17. Jahrhunderts beschleunigt wurde, als Polen von den sächsischen341 Königen regiert wurde.

Erst nach Ende der Existenz des selbständigen polnischen Staates mit der Dritten Tei­lung 1795 und der entsprechenden Bestätigung auf dem Wiener Kongreß 1815 erhielt die polnische katho­lische Kirche eine zunehmende gesellschaftliche und politische Funktion.342

Der sprachlich-religiöse Abwehrkampf - vor allem gegenüber Rußland - wurde vom Adel und Kle­rus getragen. Eine Identifizierung erfolgte über die Institution Kirche, durch den gemeinsamen Glau­ben und Ritus sowie die polnische Sprache. Mit zunehmender Schwäche bzw. abneh­mender ökonomischer Stärke wie sozialer Macht ging eine Stär­kung des Klerus einher. Parallel dazu entwickelte sich eine geistig-kulturelle und gesellschaftspo­litische Unter­grundtätgkeit. Polnische Sprache, Kultur und Geschichte und damit die gei­stige Dimension der ›Polonitas‹ werden über die Kirche reproduziert und damit definiert. Dies gilt zunächst in höherem Maße für das russische, nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 aber auch für das preußische Teilungs­­gebiet.

Die Rolle der Kirche in den Auseinandersetzungen um den polnisch-sprachigen Religi­ons­­unterricht, die aktive Rolle des Klerus im nationalen Abwehrkampf gegenüber Rußland und Preußen soll hier nicht im einzelnen dargelegt werden. Die davon abgeleitete Funktion als Träger der ›Polo­nitas‹ - auch angesichts des Universalanspruches der Kirche - ist bis heute in Polen gegen­­wärtig. Aus dem aufge­zeigten Zusam­men­hang leitet die Kirche letztlich auch im aus­gehen­den zwan­zigsten Jahrhundert in Polen ihren Anspruch auf Einfluß und gesell­schaftliche Macht­aus­übung die Verweigerung einer wirtschaftlichen und fiskalischen Kontrolle durch den Staat und eine Dominanz im Bereich der Wertsetzung von Ethik und Moral ab.

Die 1939 sofort mit Beginn der Okkupation Polens erfolgte Bildung des Untergrund­staates sowie das Einsetzen der Untergrundtätigkeit hat diese Funktion verstärkt. Die Zahl der von den Nazis ermordeten polnischen Priester wird mit mehr als dreihundert ange­ge­ben. Pater Maximilian Kolbe, der bis zur Deportation nach Auschwitz eine aktive politische Rolle im Wider­stand u.a. durch die Edition von Zeitungen innehatte und der sein Leben für einen polnischen Familienvater gab, der als Geisel getötet werden sollte, wird in Polen hoch ver­ehrt. Papst Johannes Paul II. hat aus diesem Grunde zunächst eine verkürzte Selig-, dann eine Heiligsprechung auf Wunsch polnischer Katholiken durchgesetzt.

Der Hl. Pater Maximilian drückt für Polen beispielhaft die ›Polonitas‹ aus. In ihr sind der Wider­stands­­kampf gegenüber Fremdherrschaft und Okkupation, die Opferung für das Vaterland, die Nation und die Familie im gemeinsamen Glauben enthalten. Die Folge ist ein tiefgreifender mentaler Bezug. Es erschwert anderer­seits einen Distanzgewinn sowie eine kritische Betrachtung und Beurteilung auch Maximilian Kolbes bezüglich seiner politisch extrem rechten Positio­nen, des nationalistischen und ten­den­tiell anti­se­mitischen Tenors sei­ner Zeitungen und anderer Publika­tionen. Im Bewußtsein der Menschen ist er wegen der Dominanz der religiösen und auf die Opfer­rolle bezogenen Betrachtungsweise der Mensch, mit dem man sich in der messianischen Rolle als Opfer sowie als moralischen Helden identi­fi­zieren kann. Würdigung und Vereh­rung erfolgen in einem ausgeprägt mentalen, weniger reflektiv-bewußten Zusammen­hang. Dadurch wird gleich­zeitig die Unter­suchungs­bedürftig­keit der anderen menschlich-politischen Seite erschwert.

Der gesellschaftspolitische Kampf der Nachkriegszeit mit seinem Höhepunkt 1980/81 und seinem Abschluß 1989 mit der Wahl Mazowieckis zum Ministerpräsidenten, der bald darauf erfolgten Selbst­­­auflösung der PVAP und der damit verbundenen Selbstaufgabe eines ab 1944 formulierten gesell­­schaftlichen Machtanspruchs sowie der Wahl Walesas zum Prä­sidenten 1990, ist wesent­lich auf dem historischen Hintergrund zu verstehen. Es ist die ak­tive gesellschaftliche und poli­tische Rolle einschließlich der Unterstützung des bewaff­neten Kampfes, die die katholische Kirche in Polen kennzeichnet. Sie steht im deutlichen Gegen­satz zur Kirche in Tschechien, der Slowakei, Ungarn oder Kroatien.

Der Politologe Kula weist z.B. darauf hin, daß der Einfluß der Religion auf den Verlauf des Befreiungs­kampfes in Polen generell sehr hoch ein­ge­schätzt wird. Er sieht das ›Leiden‹ bzw. ›Märtyrium für die Heimat‹ als geschichtlich begründet und etwas Normales und Posi­tives: Die Religion ist die einzige Alternative zum System. Er sieht Parallelen zwischen der Auferstehung Christi und Aufer­ste­hung der Nation. ›Viele Men­schen behaupten, die Lehre der Kirche hätte ihnen Kraft und Zuversicht im Kampf gegeben und die eigene Identität gestärkt. Die Religion gilt als ein gemeinsamer Nenner für alle, die am Kampf beteiligt sind‹.343

Es ist auch Ausdruck des historisch in der Teilungszeit entstandenen Selbstverständnis­ses der ›Polonitas‹ im polnischen Katholizis­mus. Aus polnischer Sicht entsprechen aber die Teilnahme am Kampf gegen den Okkupanten der Tradition um die Selbstbehauptung der polnischen Nation.344

Ein typisches Problem im Zusammenhang mit der Betrachtung der Kirche liegt in dem Erkennen und Trennung der Ebenen, d.h. auch einer im Bewußtsein homogenen, ver­schmolzenen Situa­tion. Der Priester beansprucht z.B. ein unbedingtes Vertrauen seitens seiner Gemeinde, der Gläu­bigen. Der gläubige Katholik ist dabei vollständig integriert in die Glaubensüberzeugung. Er hat inneres Vertrauen zum Priester und bringt ihm dieses auch entgegen.

Es ist notwendig, den historischen Kontext deutlich zu machen: Priester haben in den vergan­gen­en Jahrhunderten für die Menschen in Polen, für die Existenz der Nation ge­kämpft. Sie haben nicht kollaboriert oder paktiert, sie wurden für ihre Glaubensüberzeugung und ihren Kampf um den Erhalt nationaler Identität verfolgt und getötet.

Vorab ist zu berücksichtigen, daß in der Gesellschaft Polens und den im Vergleich mit West­eu­ropa relativ geringen Durchschnittseinkommen bis 1990, der materielle Besitz eine geringere Bedeu­­tung hat. Die Ursache liegt aber eher in der bisherigen niedrig nivellierten Einkom­mens­struk­tur und der nahezu gegebenen Unmöglichkeit, ohne Deviseneinkommen legal in Polen ein hohes Ein­kom­­men zu erwerben. Der Handel mit knappen und qualitativ hoch­wertigen (west­lichen) Gütern sei ausgeklammert, zumal in diesem Zusammen­hang be­züglich der Einfuhrzölle und Steuern in Polen 'Grauzonen' existierten. Es wird berichtet, daß Priester hochwertige tech­nische Geräte einführen, ohne Zoll zu zahlen. Sie werden zumeist als Spenden deklariert. Es gibt keine offi­ziellen Dienstanweisungen, man praktiziert es nur. Die Tatsache, daß es keine klaren Regeln und Ausführungsvorschriften gibt, ist Ausdruck einer in diesem Bereich nur partiellen gegebenen Staats­­gesellschaft. Eine Macht­bi­lan­­zierung entsprechend der in modernen demo­kratisch verfaßten Staatsgesellschaftenen ist noch nicht erfolgt. Es ist kein kohärentes Recht vor­handen, dessen Regelsystem von den Organen des Staates und in der Gesellschaft allgemein einge­hal­ten und umgesetzt wird.345

Zielprojektionen und Wunschvorstellungen haben sich in der Bevölkerung und auch in den Vor­stellungen der Priesterschaft der jüngsten Zeit seit Beginn der postsozialistischen Phase in Rich­tung auf die westliche Konsumgesellschaft verändert.

Kennzeichnend für Polen ist das ausgeprägte Gehorsamsprinzip, der Absolutheitsan­spruch des Klerus respektive der gesamten Kirche. Die Vermittlung des Glaubens als ein geschlossenes Lehr­­system immanenter und nicht in Frage zu stellender Dogmen mit absolu­tem Wahr­heits­anspruch geschieht in einer tradierten und bisher unumstößlichen Weise. Ausdruck dieser Pro­blematik ist z.B.:

  • Der Religionsunterricht wird wesentlich als katechetischer Unterricht zur Glaubens­ver­mittlung durch die Priester verstanden.

  • Andere 'kritische' Ansätze und vergleichende Fragestellungen sowie Informationen über andere Konfes­sio­nen oder Weltreligionen sind bisher kaum vorstellbar.

  • Das katholisch erzogene Kind erfährt kaum etwas über die Reformation, oder die ge­mein­samen Wurzeln der drei mono­theistischen Weltreligionen - schon gar nichts über die geistes­geschichtlich-theologische Fortent­wicklung religiöser Aussagen des Alten Testa­mentes über das Neue Testament zum bis hin zum Koran. Historisch-theologische Zusammenhänge sind damit für das in diesem Sinne informierte Kind nicht existent.

  • Das Selbstverständnis im Anspruch auf Alleingültigkeit des eigenen Wahrheitsanspruches bzw auf das Definitions- und Auslegungsmonopol und in seiner Folge die subjekive Alleinexistenz als Kirche, erschwert ökomenische Ansätze oder gar eine geistige Öffnung in erheblichem Maße.

  • Hoffnungsvolle Ansätze in Hinblick auf eine Öffnung oder gar Liberalisierung, die sich in den achtziger Jahren in einer Phase relativer Schwäche als Folge des gesellschaftlichen und geistigen Kampfes mit dem Kommunismus zeigten, scheinen seit 1989 wieder ver­schüttet zu werden.

Ökumenische Ansätze werden in Polen vor allem von der Evangelisch-Augsburger Kirche (Lutheraner) getragen. Nicht das zahlenmäßige Übergewicht der katholischen Kirche allein ist das Problem: Es ist die Dominanz im Selbst­verständnis, die Nichtakzeptanz gleichbe­rechtigter ›Brüder in Christo‹. Dieses Wort Johannes Paul II., benutzt bei seinem ersten Besuch einer evan­ge­lischen Kirche in Rom (1984), ebenfalls auch auf einer Pastoral­reise in der BRD, läßt kaum Rück­schlüsse auf eine Verhaltensänderung des Katholizismus in seinem Heimatland zu.

Bei einer gemeinsamen ökumenischen Andacht in der Trinitatiskirche Warschau 'darf' z.B. der evan­­gelische Theologe zwar einen Psalm verlesen oder aus einem Paulusbrief zitie­ren; das Evan­gelium - also das Wort Gottes zu verlesen - behält sich der katholische Priester vor. Ein gemein­sames, gar reflek­tierendes Gespräch, auf der Basis der Ökumene scheint in weitere Ferne gerückt.346

Eine für die religiöse Praxis der polnischen Katholiken bezeichnende Situation ergibt sich seit 1990. Bis zur polnischen Wende 1989 war der in ›katechetischen Punkten‹, also in kirchlichen Räu­men abgehaltene Religions­unterricht nahezu von hundert Prozent aller Kin­der freiwillig besucht.347 Teilweise hat man den Weg zum Unterricht demonstrativ in Stern­märschen aus dem jeweiligen Stadtteil zurückgelegt. Seit der Regie­rungs­übernahme durch Mazowiecki wird der Religionsunterricht obligatorisch in der Schule durchgeführt.

Seit 1990 gibt es andererseits die Tendenz religionsmündiger Schüler(-innen) ab dem vier­zehn­ten Lebens­jahr, sich aus diesem Unterricht abzumelden. In Großstädten sollen es z.T. mehr als fünfzig Prozent gewe­sen sein. Die betroffenen Schüler(-innen) wenden sich gegen den doktri­nä­ren, eng an der Glaubens­lehre orientierten Unterricht und seine veralte­ten Unter­richts­metho­den. Offenkundig fehlt aber das bis­herige, bis Ende der achtziger Jahre geltende wesent­liche Motiv einer freiwilligen Teilnahme am Religions­­unterricht: der kollek­tive Protest als demon­stra­tiver Akt gesell­schaftlichen Kampfes. Inhalt und Methoden, gar konkrete Ziele gesell­schaft­licher Aus­ein­andersetzungen, waren dabei unerheblich. Es zählte allein die kollektiv-demon­stra­tive Teil­nahme.

Seit 1990 wird in der Presse auch vom Rückgang des sonntäglichen Kirchenbesuches oder auch von Kirchen­­aus­tritten berichtet. Klaus Bachmann skizziert die Problematik wie folgt:

»Seit die Kirche als Vermittler zwischen Gesellschaft und Staatsmacht nicht mehr gebraucht wird, versucht sie, den verlorenen Einfluß wieder zurückzugewinnen. Vordergründig betrachtet ist ihr das auch gelungen: Statt der Ideologie­offiziere gibt es inzwischen die Militärkaplane in der Armee. Pilger­fahrten für ganze Polizei­regimenter werden organisiert, und die Einführung des Religionsunter­richts konnte das Episkopat gewissermaßen durch die Hintertür durchset­zen. Doch besonders dieser Punkt wirkte sich für die Kirche besonders ungünstig aus. Durch­ge­drückt wurde der Religionsunterricht ohne öffentliche Debat­te in der paritätischen Kommis­sion zwischen Staat und Kirche. Weniger der Unterricht selbst erreg­te die Gemüter als viel­mehr die Art und Weise seiner Durch­setzung. ... Das Episkopat wollte auch noch das 'christ­liche Werte­system' als maßgebend für die staatlichen Schulen verankern. Der Religions­unter­richt dort wird indessen von den Priestern vor allem zur Agitation für eine Verschärfung des Abtrei­bungs­para­graphen genutzt. ... Für den Naturkunde- oder Geschichtsunterricht stehen in den wenigsten Schule Video­geräte zur Verfü­gung. Das Erziehungs­ministerium ist längst nicht so wohlhabend wie die Kirche - ein weiterer Grund für böses Blut zwischen Priestern und Leh­rern.« 348

Nach Piwowarczyk hat ›die Konsumhaltung bei Priestern nicht nachgelassen, ... so ein Priester möchte eben alles auf einmal haben: Auto, Bibliothek, Hi-Fi-Anlage, Video.‹ Es ›befinden sich gerade noch 15 Prozent der polnischen Katholiken in völliger Übereinstim­mung mit der Kirche.‹ Als Ursache spielen Neid­kom­plexe eine Rolle, ›in einem Land, in dem eine eigene Wohnung oder gar ein Auto zum uner­schwing­lichen Luxus gehören.‹349

Die Kirche nimmt in der Zeit der Ablösung des Machtfaktors PVAP aktiv am Kampf um Einfluß in Staat und Gesellschaft teil. Mittel in diesem Kampf um die Ausbalancierung der Macht ist die Aus­ein­­an­­der­setzung um das Abtrei­bungs­­verbot. Die innergesellschaftli­chen Auseinandersetzungen der neun­ziger Jahre erfolgen gleichzeitig in der Kirche, die sich damit in spezifischer Weise als Volkskirche begreift und darstellt. Durch eine…

»Allianz von Vertretern des Episkopates mit Vertretern nationaler, katholischer Parteien im Parlament und der ehe­mals kommunistisch gelenkten katho­lischen Organi­sation 'PAX'... erhielt die Kirche die Mög­lich­keit, noch stärker die Politik und die öffentliche Mei­nung zu beeinflus­sen, ohne direkt politische Verant­­wortung über­nehmen zu müssen. … Ob das an der Basis gut ankommt, ist mehr als zweifelhaft. Schon jetzt haben sich viele katholische Intellek­tuelle von der Kirchenführung abgewandt, erschreckt durch die betont nationale Linie Glemps. Und sogar der Klerus ist mittlerweile so pluralistisch, daß klare poli­­­tische Vorgaben von oben kaum noch ohne Konflikte durchzusetzen sein dürften. Priester enga­gieren sich inzwischen in fast allen po­litischen Gruppierungen - von der Zentrums­ver­ei­ni­gung« über die Christ­demo­­kra­ten und die National­katho­lischen bis zu den Linksliberalen um Tadeusz Mazowiecki. ... Dieses poli­tische Egnagement wird von den Laien so lange akzeptiert, wie nicht versucht wird, dafür die Autori­tät der Kirche als Ganzes in die Waag­schale zu werfen.« (ebd.)

Die aktive innergesellschaftliche Rolle der Kirche, ihrer Priester und des Klerus erfährt in der post­kommu­nistischen Ära eine Ausformung, die aber an eine Kontinuität des Handelns anknüpft. Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der neunziger Jahre lassen dabei Rückschlüsse zu auf das Wirken der Kirche in der Phase des gesellschaftlichen Kampfes im kommunistischen Polen. Helga Hirsch skizziert die Rolle der Kirche in Polen mit den Worten:

»Noch nie war die Kirche im Nach­kriegs­polen so stark wie in den achtziger Jahren. Gegenüber dem als auf­­gezwungenen und fremd empfun­denen kommunistischen Staat vertrat sie den ›Glauben der Väter‹, der neben den religiösen Inhalten auch eine patriotische Verpflichtung enthielt. Zur Zeit der Teilungen von 1772 bis 1918 hatte die katholische Kirche 'ihre erste' Chance erhalten, schreibt der Historiker Janusz Tazbir. ›Die Teilungen hielten die Prozesse der Verweltlichung zweifellos auf. In allen drei Teilungs­­gebieten wurden die Kirchen zum ein­zigen Ort, an dem man sich zu patriotisch-religiösen Feier­lich­­keiten versammeln konnte‹. Die zweite Teilung - zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der kommunistischen Sowjet­union - hatten nach Tazbir dieselbe Wirkung. Entsprechend gerieten auch im kommu­nistischen Polen Messen, Wallfahrten, Prozessionen zu nationalen Demonstrationen. Das Kreuz ver­schmolz mit dem Solidarnosc-Zeichen zum Symbol des Widerstandes; in den religiö­sen Ritu­alen versicherten sich die Gläubigen ihres Zusammen­ge­hörig­keitsgefühls als Nation. ... Nirgendwo sonst in Osteuropa konnte die Kirche eine derart integrative Kraft entfalten. Ent­weder verhin­der­ten dies frühere Säkularisierungen oder die Existenz mehrerer Konfessionen ..., oder die Kir­che hatte sich durch Zusam­menarbeit mit Hitler-Deutschland während des Zweiten Weltkrieges moralisch diskreditiert ... . In Polen entstand die paradoxe Situation, daß die Umwäl­zun­gen zwar wesentlich durch die Anziehungskraft des Westens und seiner bürger­lich-demokratischen Werte ausgelöst wurden, die Menschen aber ohne die die Kirche nicht jene Widerstandskraft hätten entwickeln können, die das Land schließ­lich zum Vor­reiter des Umbruchs in Europa wer­den ließ.«350

Die Kirche hat, so Hirsch, mit dem Kommunismus auch den Feind verloren, der Streng­gläu­bige, Gele­gen­­­heitskirchgänger und Atheisten, die für Freiheit, Gerechtigkeit und Unab­hän­gig­keit kämpfen wollten, unter ihr Dach geführt hatte.

»Wir sind uns dessen bewußt, daß eine ein Viertel­jahrhundert dauern­de Epoche in der Ge­schichte der pol­nischen Kirche zu Ende gegangen ist, ... eine Epoche, in der sie ver­schie­­­dene Er­satzfunktionen wahr­ge­nommen hat, die nun von Institu­tionen des öffentlichen Lebens aus­ge­­füllt werden. Die Zeit der Kirche als belagerte Festung ist vorbei. … Wohin führt der Weg nun?« Die Publi­zistin Anna Tartarkiewicz ant­wor­tet lt. Hirsch mit einer einfachen Formel: »Von oben, schreibt sie, werde der Klerikalismus wachsen, von unten hingegen - zumindest auf län­gere Sicht - der Anti­klerikalis­mus.«

Die Haltung der katholischen Kirche skizziert Hirsch unter Bezugnahme auf ein 1988 in der Kul­tura (Paris) veröffent­lichtes Papier des Primas Jozef Glemp, in dem dieser gegen liberale Auf­fas­sungen polemisiert habe:

»Für Polen ... sei die Entwicklung der Kirche in den westlichen Län­dern kein Vergleichsmaß­stab und schon gar kein Orientierungsmuster. Die polnische Nation sei besonders durchdrun­gen vom Glauben und besonders standfest gegenüber dem atheis­tischen Kommunismus. Und weil ›ein wahrer Pole in gewissem Sinne im­mer ein Katholik‹ sein werde, könne die Nation auch besondere Staatsstrukturen verlangen. Mit einer Ab­drän­gung des Religiösen in die Privatsphäre werde sich die Kirche so wenig einver­standen erklären wie mit der Gleichstellung von katholischem Glauben und Weltanschauungen: ›Da die Kirche die Gefühle der Nation am vollständigsten ausdrückt, kann sie auf eine christliche Vision von Staat und Schule nicht ver­zichten.‹ Das rechtskonserva­tive, Glemp nahestehende Ratsmitglied Maciej Giertych, pran­gerte die welt­an­schauliche Neutrali­tät des Staates ... als ›freimaurerisches Modell‹ an ... . ›Das soziale Leben muß nach einer einzi­gen Ethik organisiert sein, und unsere Aufgabe ist es, da­für zu kämpfen, daß dies die katholische Ethik sein wird‹.« (ebd.)

Interventionen gegen die als Ausdruck des Integralismus verfügte sofortige Wiedereinführung des Religions­unterrichts z.B. ›der polnischen Ombudsfrau Ewa Letowska, die die Rechtmäßigkeit dieses Vorha­bens bezweifelte, wurde vom Verfassungsgericht abschlägig beschieden.‹ Die Mehr­­heit des Gerichts sah die Trennung von Staat und Kirche gegen das Votum von drei Verfas­sungs­­­richtern nicht in Frage gestellt und hielt eine Nivellierung des Gesetzes von 1961 nicht für erforderlich. Helga Hirsch fährt fort:

»Daß nationalistisch-religiöse Auffassungen selbst in höchsten Juristen­kreisen zu finden sind, demon­strierte der stellvertretende Generalstaatsanwalt Janusz Eksner in seinem Plädoyer: ›Einer der Gründe für die gesellschaftliche Pathologie ist, daß der Geist mit dem der Atheis­mus ver­seucht ist - der übelsten aller Religionen, die Gedanken und Herzen verwüste. Die Ideen­losig­keit der Jugend, ihr konsum­­­orien­tier­tes Verhalten im Leben, die Sitten­losig­­keit und der Exodus ins Ausland - all das ist mit dem atheis­tischen Erzie­hungsmodell verbun­den. Dank der Konfron­tation mit religiösen, universellen Werten wird der Mensch für Gesell­schaft und Staat wertvoller und besser. Deshalb braucht niemand die Religion in der Schule zu fürchten.‹ Wenn die zitierte Auf­fassung nicht repräsentativ ist und Eksner auch sein Amt verlor, so ver­körpert sie doch einen nicht unerheblichen Teil des polnischen laikalen Katholi­zismus. … Den politischen Kampf in der postkommunistischen Gesellschaft führt die Kirche ›zur Eindäm­mung der Sitten­­losigkeit‹ nicht mit theologischen, sondern mit juristischen Mitteln: ›Scheidungen können bereits nicht mehr auf regionaler, sondern nur noch auf der Ebene der Wojewodschaft ent­schieden werden - weiter ent­fernt vom Bürger, teurer, komplizierter. Der 1990 und '91 dis­kutierte und mehrfach über­ar­bei­te­te Gesetz­entwurf zum Schwangerschaftsabbruch bedeutet ein Abgleiten ins andere Extrem. Der Kampf des politischen Katholizismus ist offenkundig pri­mär am Kampf gegen Atheismus und Kommu­nis­mus orientiert. Vertreter der Kirche verneinen stets den Beginn einer Klerikalisierung. … Viele Intel­lek­tu­elle und Jugendliche halten dies inzwischen für Abwiegelei. Die polnische Kir­che sei in ihrer augen­blicklichen Form den Anfor­derungen einer modernen Gesellschaft weder in­tel­lek­tuell noch moralisch gewach­sen, sagen sie, eine Lern­fähigkeit der Hierarchie sei bis jetzt nicht erkennbar. Die Kirche verhalte sich inkonsequent und argumentiere einseitig.‹ Begründet wird dies mit der Nichtablehnung der Todes­strafe sowie der Verehrung von Märtyrern in der polnischen Geschichte. In dieser natio­nalen Mythologie han­­delte es sich schließlich um indivi­du­elle oder kollektive Selbstopfer. In der Presse wird die Wider­sprüch­­lichkeit z.B. in der Unter­stüt­zung litauischer Menschenrechtsopfer durch Glemp, nicht aber der mos­le­mischen und christ­lichen Opfer im Irak diskutiert. Es sind keine Menschen­rechts­verletzungen der 'Roten', so der Publizist Jan Turnau, der allerdings den Papst lobte wegen seiner Bemü­hungen im Golf­krieg, mensch­liches Leiden zu schützen.«351

Die Diskrepanz zwischen der verbalen Anerkennung kirchlicher Lehren und der geringen Beach­tung der Regeln im täglichen Leben ist seit Generationen ein zwischen Klerus und Kirchen­mit­glie­dern eingeübter Mechanismus.352 Typische Beispiele sind:

  • Das kirchliche Verbot vorehelichen Geschlechtsverkehrs - ca. neunzig Prozent der Paare hält sich nicht daran, die Hälfte der Frauen kommen schwanger zur Trauung.

  • Die Kirche führt einen permanenten Kampf gegen das Abtreibungsverbot. Dazu gehören z.B. dras­­tische Foto­aus­stellungen im Vorraum einer Kirche, Kindern und Jugendlichen vorgeführte ameri­­kanische Anti­-Abtrei­bungsfilme durch Video, Messen verbunden mit einem Meer bren­nen­der Kerzen z.B. in der Brigitten­kirche in Danzig zum Gedenken an 'fünfunddreißig Millionen Abtrei­­bungs­­opfer' seit dem Kriege. Junge Mädchen äußerten gegenüber Gynäkologen, die Abtrei­­bun­gen vornahmen, kaum Beklemmungen. Für sie war nach der Beichte und der anschlie­ßenden Wall­­fahrt nach Tschenstochau als übliche Kirchenbuße der 'Fall' erledigt.

  • Die Bereitschaft Antikonzeptiva zu nehmen oder Kondome zu benutzen, war sehr gering. Kennt­­nisse aufgrund schulischer Aufklärung - auch vor 1989 gab es weder Sexual­kun­de­­unterricht noch eine entsprech­ende Aufklärung in Biologie - waren bzw. sind völlig un­zu­reichend oder gar nicht vorhanden. Unter­suchungen an der psychischen, sozialen und medizinischen Pro­bleme an der Abteilung für Gynäko­logie der Universitätsklinik Poznan (1982/83) wurden auf Druck von Kirche und Partei nicht veröffentlicht.353 Partei und Kirche verschwiegen die Proble­matik gemein­sam.

  • Das wesentliche Problem innerhalb der Sozialpathologie, der Alkoholismus, wird eben­falls vehe­ment von der Kanzel aus bekämpft. Eine Wirkung ist nicht nachweisbar. Der gläubige Katholik hört die Worte des Priesters. Es ist zu bezweifeln, ob er sie bewußt wahrnimmt, zumin­dest hält er sich nicht an die Mahnungen.

Czeslaw Milosz beschreibt in einer autobiographischen Abhandlung die eigene katholische Erzie­hung, und reflektiert die Merkmale des polnischen Katholizismus. Treffend charakteri­siert er den in nicht- oder antikatholischen Kreisen oft als immanente Wider­sprüch­lichkeit oder Heuchelei miß­gedeuteten Dualismus:

»Die katholische Kirche imponierte mir durch ihr riesenhaftes Gefüge, sie wandte sich an mich und ver­langte nichts weiter, als daß ich mich der Disziplin fügte und kein endgültiges Urteil fällte. … Man kann nicht aufhören, Mitglied der katholischen Kirche zu sein - so lehrt die Dok­trin. Und beide Verhal­tens­wei­sen, die Fügsam­keit wie der Widerstand, bestätigen das. … Ich habe mich später übezeugt, daß die dua­lis­t­ischen Elemente im Katholizismus sehr stark sind. Nehmen wir als Beispiel die Mäd­chen, die aus Sport die Nacht mit irgendeinem verbringen und wissen, daß sie morgens recht­zeitig aufwachen müs­sen, um nicht zu spät zur Messe zu kom­men - darin ist etwas mehr als nur gewöhnliche Heuchelei; ent­sprechend darf man einen Priester, der im Konkubinat lebt, nicht einen Heuchler nennen. Das Mit­ein­an­der der körper­lichen Not und des geistigen Strebens, vom Katholizismus mit gewisser Ruhe behandelt, steht im Widerspruch zu den extremen Neigungen einer Jünglingsseele, die sich entscheiden will: Es soll so oder so sein.«354

Es handelt sich bei der Kirche um separates Machtsegment innerhalb der polnischen Gesell­schaft. Man kann diesen Sachverhalt durchaus mit dem Modell des 'Staates im Staate' an­wen­den.

Ein besondere Spezifikum des polnischen Katholizismus355 ist das faktische Fehlen von ka­tho­lischen Laien­organisationen, wie sie sich in Frankreich, Deutschland, Österreich und Ita­lien gebil­det haben. Die starre Identität zwischen ›polnisch‹ und ›katholisch‹ ist Ausdruck des in hohem Maße verzö­gerten Moder­ni­sie­rungs­prozesses der polnischen Gesellschaft im Zusammenhang mit der zwar zu erzwin­gen versuchten Digergenz von Kirche und Staat aber der dadurch begünstig­ten Aufrechterhaltung und Festigung der Symbiose von Kirche und Gesellschaft. Zumindest gilt dieses für die Zeit bis 1989. Dziewanowski kritisiert zwar in diesem Zusammenhang vergleichend ›den religiösen Indifferentismus Westeuropas‹, stellt aber gleichzeitig klar, daß man die demon­strative Teilnahme an religiösen Zeremonien‹ nicht als ›wahre, wirk­liche Religiösität identifizie­ren‹.356

2. Der Klerus

Die Situation in Polen ist nur sehr begrenzt vergleichbar mit der in der Slowakei, in Ungarn oder Kroatien, vor allem während des Zweiten Weltkrieges. Dieses ist besonders hervorzu­heben ange­sichts des als Versagen, zumindest aber als umstritten zu bewertende politische Verhalten des Vatikans während des Zweiten Welt­krieges.

Polnische Priester leiten aus diesem historischen Zusammenhang ihr Selbstverständnis ab im Sinne einer Integration des ›Doppelten‹, einer Interdependenz mehrerer Ebenen. Es ist für einen pol­nischen katholischen Priester unmöglich, seine subjektiven Glaubens­über­zeu­gun­gen in poli­tische Entscheidungen und Wertungen nicht einzubringen. Zweifellos kann und muß jedem gläu­bi­gen Menschen, gar einem Priester die Dominanz seiner als Wahrheit erkannten - oder defi­nier­ten - Glaubensüberzeugung über jegliche weltliche Regelungen und Normen­­­systeme konzediert wer­den. Es geht hierbei um das besondere Maß, das aufgrund der histo­rischen Entwicklung ab­leitbar ist.

Daraus läßt sich die These bezüglich der begrenzten Toleranzfähigkeit ableiten. Damit ver­bun­den ist die sehr begrenzte Wahrscheinlichkeit zur bewußt­seins­mäßigen Akzeptanz des Prinzips des Pluralismus in Polen. Die katho­lische Kirche kann andere Glaubensrichtun­gen nicht als gleich­wertig anerkennen aufgrund ihres erho­ben­en Eigenanspruchs auf Wahr­heitsvermittlung. Für die katholische Kirche Polens gilt das in besonderem Maße.

Der höhere Klerus kann sich nach außen hin diplomatisich geschickt verhalten. Dieses sollte aber als vordergründige Taktik oder gar Strategie gedeutet werden. Es handelt sich um politische Klug­­heit, gewachsen und reproduziert in Jahrhunderten. Ein Beispiel für eine solche sehr kluge Entschei­dung ist das Hirtenwort der katholischen Bischöfe, die ›Bitte um Vergebung und das Gewähren von Vergebung‹. Die Entscheidung der polnischen Bischöfe, auf ihre deutschen Amtsbrüder zuzugehen, die ihrerseits diesen Schritt nicht erwartet hatten und auch nicht imstande waren, angemessen und früh­zei­­tig zu reagieren, ist als Einleitung des Versöhnungs- und Entspan­nungs­prozesses zwischen Polen und Deutschen zu würdi­gen.357 Der Vorgang war zugleich wesentlich gegen die Macht­aus­übung der Kommunisten gerichtet. Der Klerus machte selbst auf hoher Ebene Politik. Er deklassierte zugleich die Macht­innehabenden. Die Kirche postu­lierte dadurch, daß sie selbst und allein moralisch berufen und in der Lage sei, die Nation zu vertreten. Die Folge war, daß Gomulka sehr ag­gressiv reagiert und der Kirche nationalen Verrat vorwarf.

Ein weiteres charakteristisch Beispiel für die Einschätzung des Verhaltens der polni­schen Katho­liken gibt Kardinal Wyszynski: Er hat die Ergebnisse des Zweiten Vatika­nischen Konzils nicht den pol­nischen Gläubigen übermitteln lassen, er ließ abwarteten. Er hat aber sehr wohl in den Kirchen für das Konzil beten lassen.

Der höhere Klerus kann sich von bestimmten Problembereichen auch abstrahieren und mit dem niederen Klerus konfli­­gieren sowie bei den Gläubigen Unverständnis, auch ausge­prägten Unmut bis hin zu Nichtbefolgung bischöf­lichen Rates in Kauf nehmen.

Der niedere Klerus steht dagegen mitten im gesellschaftlichen Konflikt. Er ist interde­pendent ein­bezogen und kann sich ihm deshalb auch nicht entziehen. Er darf es nicht, da an ihn Anfor­derun­gen seiner Gemeinde, der Gläubigen gerichtet sind. Er lebt mitten unter ih­nen im Wohn­gebiet, er ist immer für sie da - auch am Arbeitsplatz, in der Werft, der Fabrik­halle, der Grube. Er ist ein­ge­­bun­den in ein System historisch gewachsener Verhaltenswei­sen, Denkvorstellungen und zu befolgender, damit auch zu reproduzierender Normen. Grundsätzlich gilt für ihn aber das Höchst­maß an subjektiver Integrität und Unanfechtbar­keit.

Die in den entwickelten Gesellschaften zu beobachtenden Fluchterscheinungen aus so­zialen Beziehungen heraus in private Lebensnischen (Familie, Kleingarten, Vereinsleben, Ausstei­ger­verhalten, Realitäts­ver­drän­gungen - auch Alkoholismus und die Zunahme der 'Workaholics' - müssen im gegebenen Zusammen­hang ausgeklammert werden.

Eine Flucht des Priesters in das Private, das Pfarrhaus, ist nur begrenzt möglich. Er ist Bestand­teil der Öffent­­lichkeit, er verkörpert sie geradezu für seine Gemeinde. Die gegen­wärtige Situation zeigt sich in neueren Zeitungsberichten: Konsumdenken, Statussymbole auch für Priester die sich vor allem auf die junge sehr selbstbewußte Priestergeneration be­zieht.358

Andererseits zeichneten sich die Priester gerade im Jahre 1980 und während und nach dem Kriegs­­zustand durch ausgesprochenen persönlichen Mut, Überzeugungskraft und Durch­set­zungs­­­vermögen aus, basierend auf Würde und Ansehen.

Das Zurückziehen in die innere Emigration in der Hochphase des Stalinismus während der fünf­zi­ger Jahre war klug und stringent. Es diente der Selbstbesinnung der Kirche und Gläubigen, der Festi­gung im Glauben, der Stabilisierung für den gesellschaftlichen und poli­tischen Kampf. Den Beweis ihrer Stärke lieferte die Kirche in der Phase 1980/81. Aus dem Kriegszustand 1981 bis 1983 ging sie gestärkt hervor. Sie konnte in der Zeit des politischen Zerfalls der Partei, des Macht­­verlustes im Staat - aber auch der Schwächephase der Solidar­nosc - ihre eigene Stärke zeigen und stabilisieren, den Wechsel 1989 maßgeblich herbeifüh­ren und eine Machtpartizipation bewirken.

Als charakteristisches Beispiel gilt der in Polen sehr bekannte Priester Henryk Jan­kowski. In einer Fachzeitschrift für Autofahrer war folgendes Interview mit ihm enthalten:

»Seit zwanzig Jahren fahre ich Mercedes. Dieses Auto ist für mich eine rechte Hand bei der Ar­beit. Es geht nicht darum, Luxus zu demonstrieren, weil ein Auto nie ein Luxus für mich war. Es ist eine erwor­bene Sache, die man leicht verlieren kann. Es geht mir um den Komfort und darum, daß ich nicht wochen­­lang auf den Autoservice warten muß. Ein Mercedes braucht keine Reparaturen, Konser­vierung und all das was mit dem Auto verbun­den ist. Einige Leute setzen Mercedes gleich mit Reichtum; aber das ist nicht richtig. Mercedes ist ein Auto für jeden, denn wenn man einmal investiert, hat man jahre­lang seine Ruhe. Was hätte ich davon, wenn ich einen FIAT besäße wie mein Schwager? Ich würde viel zu viel Zeit für Reparaturen verlieren. Im Au­genblick besitze ich ein Modell 450 SEL mit einem Benzinmotor in blau-schwarz metallic.359 Ich habe dieses Auto als Geschenk zum Jubiläum der Priesterweihe bekom­men. Ohne zu überlegen, werde ich immer für diese Firma plädieren.«360

Man akzeptiert, das Priesteramt als gesellschaftlicher Aufstieg mit wirtschaftlichen Vorteilen ver­bunden ist.361 Priester machen Geschäfte und zeigen ihren Wohlstand. Tempo, Ausmaß und die Art und Weise der Entwicklung bzw. des Vorgehens werden kritisiert. Man vermu­tet und unter­stellt, daß der größte Teil derer, die in der Transformatinsperiode zu Reichtum oder auch nur bescheidenem Wohlstand gekommen sind, dieses nicht auf regulärem, legalen Wege erreicht haben. Man rechnet auch automatisch die Priester dazu. Es ist zumindest in der Volksmeinung fest­zu­stellen, daß man heute die Kirche einbezieht in die kritische Beur­teilung von finanziellen Transaktionen, d.h. konkret unter Ausschluß des Zugriffs des Fi­nanzamtes. Der nicht legale Weg zu Wohlstand ist dadurch gesellschaftlich in der potentiel­len Aufsteigergruppe 'moralisch' legiti­miert, als er als der einzig mögliche angesehen wird, der zu Wohlstand führt. Diskreditiert ist der Weg bei den Chancenarmen. Man neidet den Klugen das Entdecken und die Nutzung von Gesetzes­lücken.

Ein in möglicherweise erheblichem Maße den polnischen Klerus betreffendes Problem, das aber in der Gegen­wart weitgehend tabuisiert wird, ist das des Antisemitismus, der seine Ausprägung sicherlich nicht ohne den polnischen Katholizismus erfahren hätte.362 Stefan Zeromski363 beschreibt in einer die Endphase des polnisch-sowjetischen Krieges364 - im Herbst 1920 - betreffenden Hand­lung eine Episode auf einem Gutshof im Osten des neuen nach dem Versailler Vertrag gebil­de­ten Polens. Zur Familie gehören u.a. der Priester Anastazy als Halbbruder und Fräulein Karoline Szar­la­towiczowna, eine Cousine des nach dem vor­läu­figen Friedensvertrag im Herbst aus dem Kriege heimkehrenden Sohnes Hipolit Wie­loslawski. Das Gut von Karolines Familie in der Ukraine wurde enteignet.

Vikar Anastazy, offensichtlich sehr dem Branntwein zugetan und als ›Tomate‹ tituliert, äußert sich gegenüber Hipolit und dessen Freund und Kriegskameraden Cezary Baryka, der Schlüsselperson des Romans. Anlaß ist die Frage nach dem Rufnahmen des Cezary:

»“Czarus - und damit basta”, entschied der Priester und kippte in einem Zug ein ordentliches Glas 'Harten' hinunter. Er war von mittlerem Wuchs, stämmig und korpulent, trug die Haare in kurzem Bürsten­schnitt, hatte ein pausbäckiges ovales Gesicht, das an den Seiten, unter der Nase und am Kinn vom Rasieren bläulich war. Seine Augen, sein Gesicht, seine prächtige Gestalt strahlten Gesundheit und Fröh­lichkeit aus. Er klatschte sich in einem fort auf Knie und Schen­kel, wartete stän­dig auf eine Gele­gen­heit, um vor Lachen loszuprusten. Noch ehe die Runde 'Harter' geleert war, schlug ›Tomate‹ Baryka auf die Knie und rief: “Aber den Juden habt ihr doch die Hucke voll­ge­hauen. Ha-ha-ha. Die Hucke voll. So eine Hucke voll, wie man es in den Geschichts­büchern mit der Lupe suchen kann. Da hat Pilsudski365 zuge­schlagen, daß es nur so krachte. Wie mit dem Mes­ser hat er sie abgestochen. Da hat sie unser from­mer Haller366 gejagt und verdroschen. Da hat Sikorski367 draufgehauen wie auf die Pauke. Gottes Wunder … Warum konnte sich danach der Antisemitismus wieder ausbreiten? Erklärung?” … Da bekreu­zigte er sich heimlich, hielt die kurzen, dicken Händchen noch eine Weile gefaltet und murmelte ein paar Augenblicke lang etwas auf lateinisch vor sich hin. … “Gegeben haben wir es ihnen, alles was recht ist, aber es hat auch Märsche gekostet”..., seufzte Hipolit Wieloslawski.«368

Eine weitere Darstellung des Priesters gibt Jeromski in der folgenden Szene, in der Priester Anastazy so betrunken ist, daß er seine Soutane, die sich in einer Fichte des Gartenweges ver­fangen hat, nicht mehr lösen kann. Er beginnt in Französisch zu singen: “Caroline, Caro­line,/ prends ton chapeau fleuri,/ ta robe blanche/ de dimanche/ et tes petits souliers vernis... .«369 »Anastazy. Was läßt du nachts für Choräle hören?« kicherte Fräulein Karolina. “Ich bin im Urlaub in meinem Elternhaus, Caroline.” “Die Tante hört's.” “Oh soll sie's hören. Wenn schon. ... Die Nacht ist so dunkel, wo will da einer was hören. Ein Priester muß eo ipso Misanthrop sein. Als ich in Paris war... .” (S.146)

Die in ›Vorfrühling‹ zum Ausdruck kommende kritische Haltung, das Ersetzen des idealisierenden Gesell­­schafts­bildes durch realitätsnahe und dadurch zugleich dokumenta­rische Milieu­schil­de­run­gen370 zeigen zugleich das in der polnischen Gesellschaft auch vor­handene und erfahrene Bild des Priesters, das den inner­gesellschaftlichen Dualismus wider­spiegelt.

Zeromski gibt einen versteckten, aber wichtigen Hinweis auf ein besonderes Verhältnis der Szlachta zum Katholizismus, wenn er Karolina zu Cezary sagen läßt:

“Dieses Haus ... ist so eine Art Gotteshaus der Arianer gewesen, das vielfach umgebaut wor­den ist. Jetzt befin­den sich hier die Wohnung des Verwalters, die Kanzlei und die Gästezim­mer.” (S.145)

Im 15. und 16. Jahrhundert gab es eine ausgeprägte Beziehung zwischen Adel und Refor­mation: Hussiten, Lutherische, Calvinisten, böhmische Brüder, Antitrinitarier und Unitarier, Arianer und Sozinianer verkörper­ten reformatorisches, humanistisches und Renaissance-Denken.371

Inwieweit die Hinwendung zur Reformation, der lange Kampf gegen die Rekatholisie­rung, vor allem unter König Stefan Batory und seinem Berater, dem Jesuiten Piotr Skarga, dessen religiöse Intoleranz auch die katholische Szlachta beunruhigte und zum 'Aufruhr des Zebrzydowski' von 1606 - 09 führte, eine paradigmatische Funktion für das Selbstverständ­nis der Szlachta und damit prägend für das Denken und Verhaltensweisen der Szlachta zu werten sind, kann im gegebenen Zusam­menhang nicht untersucht und reflektiert werden. Es stellt zudem einen der großen Tabubereiche der polnischen Nationsgeschiche dar. Eine am­bivalente Beziehung, die als Paradigma für die ›Doppelgesellschaft‹ als Hypothese ange­nommen werden kann.

Die aktive Hinwendung zur Reformation und die spätere Zurückwendung der Szlachta zum Katholizismus sind damit gesellschaftspolitisch unter übergeordneten, weil dem höhe­ren Ziel des Erhalts der Nation dienend sowie politisch-pragmatischen Gesichtspunkten zu sehen. Sie drüc­ken vermutlich ein inneres in sich widersprüchliches Verhältnis Szlachta - Katholizismus aus.

Folgende Thesen können formuliert werden:

Die Katholische Kirche Polens verkörpert in ihrer eigenen historischen Entwicklung eine beson­dere Form der Doppelexistenz. Der polnische Katholizismus ist Ausdruck von Dop­pel­identität und Doppelbewußtsein einschließlich innerer Widersprüchlichkeit.372

Der polnische Katholizismus ist nicht durch die Begriffe Fundamentalismus oder gar Fana­tis­mus zu kenn­zeichnen; eher als konservativ-traditioneller emotionaler, mystischer Dogma­tis­mus.

Die Szlachta ist geprägt durch ihr Verhältnis zum Katholizismus, reproduziert in Ansätzen aber gleich­zeitig ihre Zuwendung zu reformatorischem und Renaissancedenken.

Die tiefe mentale Hinwendung zur katholischen Kirche ist charakteristisch für die Bauern­gesellschaft.

3. Die Rolle der Kirche in der gegenwärtigen polnischen Gesell­schaft, insbesondere im Jahre 1980.

Leitgedanke373 der Fragestellung soll sein, die Frage nach den Trägern der Ereignisse 1980. In diesem Zusam­men­hang werden die Berater (die Intellektuellen) und die Arbeiter genannt. Daneben wirkt die katholische Kirche als Institution und durch die Priester selbst.

Bezüglich der Kirche in ihrer Gesamtheit ist nun zu differenzieren, inwieweit sie unter den folgenden Aspekten ihre Rolle spielt:

  1. als Institution;

  2. durch die Bischöfe, insbesondere Kardinal Wyszynski und den Bischof von Danzig;

  3. die Priester in den Gemeinden, insbesondere in Gdansk (Danzig) und Gdynia (Gdingen);

  4. durch den Heiligen Vater, Papst Johannes Paul II.

Drei Ansatzpunkte bieten sich an, die zeitgeschichtlich zu klären sind:

  • Sind die Arbeiter an sich die tragende Gruppierung?

  • Sind die Intellektuellen an sich bzw. (konkret) die ›Berater‹ entscheidend impulsgebend?

  • Hatte die Kirche eine Rolle inne, die aufgrund der gegenwärtigen Betrachtung nicht nur als wesentlich bestimmend, sondern als entscheidend zu bezeichnen ist?

Bezüglich der Arbeiter ist es eine Rolle, die nicht als entscheidendes Aktivum - aber auch nicht als Passivum darzustellen ist. Die Arbeiter waren keine geführte, oder gar mani­pulierte bzw. indok­tri­nierte Gruppe. Es stellt sich die Frage, inwieweit sie als Gruppe han­deln konnten und da­bei äußerer Impulse oder auch nur einer gewissen Stabilisierung bzw. Ermutigung bedurften. Dies ist an anderer Stelle auszuführen. (Rolle der Spontaneität)

Die paradigmatische Funktion der Teilungszeit aufgrund der historischen Rahmenbe­dingungen, insbesondere bezüglich der Intelligenz, wird an anderer Stelle ausgeführt.

zu a) Die Rolle der Kirche ist als Institution durch ihre besondere Beziehung zur Nation, einge­bun­den in die Geschichte Polens, zu verstehen. Dies ist anderer Stelle dargestellt.

zu b) die Rolle der Bischöfe erscheint auf Grund der offiziellen Zurückhaltung, der politisch klu­gen, abwägenden, weniger taktisch, mehr langfristig-strategisch die Emotionen dämp­fenden Ver­hal­tensweisen, Verlautbarungen und Predigten in der Öffentlichkeit geringer, als der tat­säch­lichen Bedeutung angemessen.374

zu c) Die Rolle der Priester kann nicht generalisiert werden. Es ist bezüglich der Küstenre­gion namentlich die Rolle des Priesters der Brigittenkirche in Danzig, Prälat Henryk Jan­kowski. Eine ähnliche Rolle hatte in Gdingen der Priester Dr. Jastak inne. Beide haben in der entscheidenden Phase in der Lenin-Werft (Danzig) sowie der Gdingener Werft gehan­delt.

Priester Jankowski stellt die damalige Situation folgendermaßen dar: »Ich bin in die Werft gegan­gen, als schon fast alles vorbei war. Es war wohl der Samstag, die meisten Leute waren schon nach Hause gegangen. Die Regierungsdelegation und Walesa hatten sich nach zwei Tagen ver­ständigen können. Es war alles unter Dach und Fach. Am Montag sollte die Arbeit weiter­­gehen. Es war der 17. August 1980. An diesem Tage gab es auch schon Flugblätter der Macht­haber.«375 In diesen Flugblättern wurde schon die die Einigung bekanntgegeben.

Plötzlich hatte es sich Walesa anders überlegt. Dazu sagt Jankowski, daß er selbst die­ses veran­laßt habe. »Ich und Walesa haben alles bewirkt.« Jankowski betont dabei mehr­fach, daß er, Priester Jankowski, das alles bewirkt habe, daß er den entscheidenden Impuls gegeben habe. »Man hat mit der Regierungs­dele­gation verhandelt und am folgenden Tage haben die Beschäf­tig­ten wieder gearbeitet.«

Die Arbeiter kamen nach der (vorläufigen) Einigung mit der Regierungsdelegation am Montag wieder in die Werft. Dort haben sie weitergestreikt.376

zu d) die Rolle des Papstes ist 1979 weniger direkt als indirekt aber prinzipiell zu verstehen. Es besteht die Gefahr der Überbewertung oder gar die einer Mystifizierund und Glorifizie­rung. Man bedenke, daß seit 1990 in sehr vielen polnischen Städten Denkmäler für Johann Paul II. errichtet worden sind.

Paradigmatisch ist der erste Besuch als Papst im Juni 1979 zu werten. Bei dieser Reise ent­stand das entscheidende Wir-Gefühl, das Gefühl der Stärke gegenüber der Staatsmacht. Zum dama­li­gen Zeitpunkt spielte in Polen noch der Kardinal Wyszynski die entscheidende Rolle. Auf ihn als die Vaterfigur bezog sich das Vertrauen und die Hoffnung.

Wesent­lich ist bezüglich der Kirche weniger die Rolle, als die prinzipielle Bedeutung im Zusam­men­hang mit der historischen Bedingtheit. Es ist ein Zusammenwirken von affekti­ven, sozialen und ökono­mischen Faktoren sowie der Nutzung sakraler Symbole - vermutlich weniger bewußt intendiert als dem traditionellen Selbst­verständnis entsprechend. Kirche, Religion und ihre Sym­bole gewähren subjektiven Schutz - zumal in einer Angst bewirken­den Situation. Diese mußte auf­grund der Erfahrungen von 1970 und 1956 gegeben sein.

Die Arbeiter haben also in ihrer Lebenssituation entsprechend ihren (dörflichen) Tradi­tionen gehan­­delt, wie ein Bauer oder ein Bergmann den Segen des Priesters erbittet und erhält; wie er mit seiner religiösen Symbolik lebt und seinen Glauben praktiziert. Seitens des Priesters Jan­kowski scheint es sich um eine spontane, geschickte, klug die Gunst der Stunde nutzende Reak­tion zu handeln. Er versah pflichtgemäß seinen Dienst und wirkte als Seel­sorger. Dies war ver­bunden mit der begründeten Sorge um die Arbeiter der Werft, die in hohem Maße zugleich seine Gemeinde­mitglieder waren.

Für die Arbeiter war sich sicherlich ein Gefühl der Bedrohung, vergleichbar mit histori­schen Situa­tionen. Wie immer wurden Gebetsprozessionen mit der Bitte um die Hilfe Ma­riens abge­halten. Es ergibt sich also ein religiöser Zusammenhang zum angstbesetzten er­fahrbaren Gegen­warts­zustand. Erst die Folge ist der Umschlag in gesellschaftliche und poli­tische Wirkungen. Es han­delt sich also nicht um eine bewußte Intendierung, sondern um eine mehr oder weniger zufällige Folge einer entstandenen Situation. Daraus ergibt sich dann wieder die Möglichkeit einer erneu­ten Legenden­bildung. Daß durch den glücklichen Umstand der Sakrifizierung der Werft durch das Marienbild, das Papstbild etc. ein entschei­dender Schutz gegeben war, mag ebenso als nicht bewußt intendiert gewertet werden.

Die religiösen Überzeugungen und Verhaltensmuster, sozialen Überlebensrituale, also die Prakti­ken zum Erhalt sozialer, d.h. individueller, familialer wie nationaler Existenz wer­den ergänzt durch die Verhaltensweisen, die aus der Arbeiterbewegung entstanden sind: Streik und solida­risches Gruppenverhalten. Dabei werden zweifelsfrei auch die Parolen der Partei umgesetzt und ein Kampf der Arbeiterklasse für soziale Ziele praktiziert.

4. Die polnische katholische Kirche aus katholischer deutscher Sicht

Ausdruck des ambivalenten Verhältnisses zwischen deutschem und polnischem Katholizis­mus ist das Buch des Moraltheologen Franz Scholz.377

Scholz stellt die besondere Rolle des Kardinals Hlond beim Übergang der ›Amtsgewalt in Ost­deutsch­­­land in polnische Hände‹ dar.378 Er beschreibt die Mechanismen der Amtsüber­nahme wie z.B. die Ernennung polnischer Admini­stra­to­ren für die Bistümer und Freien Prä­laturen in den von der Roten Armee besetzten deutschen Gebieten östlich der Elbe im Juli und August 1945. Sie erfolg­ten z.T. noch vor Abschluß der Potsdamer Konferenz (2.8.1945) und verliefen zeitlich paral­lel zu den Einrichtungen polnischer Administra­tionen in Kommunen und Verwaltungen der erober­ten Gebie­te. Die Ernennungen der Administra­toren erfolgten ›namens des Heiligen Stuhles auf­grund außer­ordentlicher Vollmachten‹ und wurden vorläufig geheim gehalten.379 Die Vollmachten waren dem Kardinal vom Papst mündlich erteilt worden, die daraus erfolgenden Rechts- und Verwal­­tungs­­akte waren kir­chenrechtlich umstritten, erfolgten aber offenkundig im Konsens mit dem Vatikan.

Seine Hinweise auf Konspiration und den Untergrundkampf der Angehörigen des pol­ni­schen Kle­rus im Zweiten Weltkrieg sind zu beachten. Stellvertretend seien genannt: Dr. B. Kominek, später Kardinal und Erzbischof von Breslau, hatte während des Krieges in Kat­towitz im Unter­grund gearbeitet. Dr. Wronka, Administrator im Bereich der Erzdiözese Breslau war Teilnehmer des großpolnischen Aufstandes Ende 1918. Dr. Karol Milk, Admi­nistator für Niederschlesien, war zunächst polnischer Militärpfarrer gewesen. Aus deutscher Sicht werden die genannten Personen als in nationalpolnischer Hinsicht und nationalpolitisch gesehen als besonders qualifiziert dar­ge­stellt.380

Der deutschen propagandahaften Darstellung der Vorkriegszeit als polnischer Chauvi­nismus oder Expan­­sions­­bestrebung nach Westen, entspricht die ethnozentristische Sicht in den Vertriebenen-verbänden oder auch einzelner Wissenschaftler und Autoren, die eine un­rechtsspezifische Betrachtung wesentlich auf die eigene Gruppe beziehen.

In einer die Praxis des polnischen Klerus an den Rand des Chauvinismus drängenden und in den polnischen Nationalismus einbeziehenden Darstellung stellt Scholz die an die eigene seel­sor­­gerische Arbeit gegenüber Polen in Ost-Görlitz (Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter) die christlich geprägten Hoffnung gegen­über: »Es war mir am Tage des Abschieds im Mai 1946 eine tiefe Genug­tuung, daß mein Nachfolger aus Innerpolen diese Tradition bewußt in St. Bonifatius weiter­ge­führt hat. Nicht weniger erfüllt es mich mit Dank gegen Gott, daß auch die späteren polnischen Pfarrer von St. Bonifatius ›Brückenbauer‹ waren und sind.«381

Es handelt sich im wesentlichen darum, den Eindruck zu vermitteln, daß die polnische katholische Kirche eine national­pol­nische Kirche ist, d.h. ein nationalpolnisches bzw. pa­triotisches Bewußt­sein hat. Die historische Ableitung ihres Handelns wurde dargestellt. Die Kirche ist eingebunden in gesellschaftliche und politische Prozesse; m ehr noch, sie beein­flußt diese Prozesse und ver­sucht sie zu steuern bzw. maßgeblich zu beinflussen.

Nach 1945 entsprach es durchaus ihrer Ratio, zur Neubildung und Konsolidierung des polnischen Staates beizutragen. Der innere Rückzug erfolgte erst nach Stabilisierung kom­munistischer Herr­schaft - zumal nachdem der nationalkommunistische Flügel der Partei durch die moskau­orien­tierte Gruppe um Bierut abgelöst worden war und die Kirche nicht wieder die Machtfülle der Präsi­di­al­­diktaur in der Pilsudski-Ära erhielt.382 Der Kampf gegen die Laisierung und die begonnene und gescheiterte Atheisierung ist dabei nur eine Kompo­nente. Daß die Kommunisten gerade an der Atheisierung gescheitert sind und Gegenbewe­gungen indu­zier­ten, ist in diesem Zusammenhang sekundär.

V. Genese und Bedeutung der ›Inteligencja‹

1. Vorbemerkungen

Der gesellschaftshistorische Zusammenhang soll durch folgende Stichworte gekenn­zeichnet werden:

  1. Die Entwicklung der Adelsgesellschaft in Polen hebt sich von der in West- und Westmit­tel­europa (Frankreich und Deutschland) ab.

  2. Im agrarisch bestimmten Mittelosteuropa hat sich eine auf dem Besitz von Grund und Boden beruhende Adelsgesellschaft herausgebildet.

  3. Auf der Basis dieser Adelsgesellschaft (der Szlachta) hat sich vor allem durch Mi­gra­tionen seit dem Mittelalter ein städtisches Bürgertum entwickelt. Aus der Ver­knüpfung beider Figurationen entwickelte sich die polnische Intelligenz.

  4. Parallel dazu erfährt der polnische Nationsbegriff eine spezifische Ent­wick­lung. Er hebt sich deut­lich vom französischen und deutschen Nationsbegriff ab.

  5. Die Herausbildung der Intelligenz und die Entwicklung des Nations­begriffes stehen in enger Wechsel­wirkung zum Staaten­bildungsprozeß in Polen, der erstens durch die Spe­zifika der Szlachta und zweitens durch die Nach­bar­mächte (polnische Teilungen) be­stimmt ist.

Im folgenden soll versucht werden, die Entwicklung der Intelligenz sowie ihre Beson­derheit auf der Basis der skizzierten Zusammen­hänge darzustellen. Zunächst soll eine Ab­grenzung und Charakteristik der Begriffe 'Intelligenz', und 'Intellektuelle' vorgenommen werden. Danach soll die Rolle der Migranten für die Entwicklung der Intelligenz anhand historischer Beispiele dargestellt werden. Die gewählten Beispiele sind - soweit sie nicht durch Literaturangaben belegt sind oder in Polen gut bekannte und kolportierte typische Beispiele darstellen - von mit dem Verfasser befreun­deten Wissen­schaftlern383 übermittelt worden. Ihnen wird hiermit gedankt.

Schwerpunkt ist die Darstellung der Herausbildung der Intelligenz im gesellschafts­histo­rischen Zusammenhang. In besonderem Maße sollen die Ansätze der pol­nisch­en Sozio­logie berück­sich­tigt werden. Die Spezifika der Nach­kriegs­ent­wick­lung sollen einbezogen werden. Einen weiteren Schwerpunkt stellt der Prozeß der Intellektualisierung und darin ent­halten der techni­schen Intelli­genz dar sowie seine Verbindung mit dem Staaten­bil­dungs­prozeß Polens und der zweimal voll­zo­ge­nen Restitution des Staates 1919 sowie 1944.

Die Spezifika der Okkupationszeit und der Nachkriegszeit können nur kurz skizziert werden. Sie müssen an anderer Stelle genauer betrachtet werden. Ein Ausblick auf die pol­nische Wende von 1989 und die Rolle der Intelligenz kann ebenfalls nur kurz erfolgen.

2. Der Nationsbegriff in Frankreich, Deutschland und Polen

Es bietet sich an, die polnische Entwicklung mit der in Frankreich und Deutsch­land zu ver­glei­chen. Weiterhin müßte die Wechsel­wir­kung zwischen Adel und Intelli­genz sowie der Nations­be­griff verglichen werden. Dazu einige skizzierende Gedanken:

In Frankreich bildete sich ein zentraler Hof heraus, an dem sich die Intelligenz ent­wic­keln konnte. In Deutschland gab es mehrere dezentrale Höfe, die ihrer­seits zu klein waren, in entsprechender Weise die Herausbildung der Intelligenz zu gewährleisten. Der Hochadel grenzte sich gegen­über der Intelligenz ab. 'Deutschland' wurde von den Intellektuellen kon­statiert. Die 'Nation' stellt ein Ideo­logem dar und hat die Funktion eines revolu­tio­nären Kampfbegriffes des Bürgertums. Der Be­griff Nation ist zunächst leer. Man projiziert ihn in die Vergangenheit, in einen gemein­samen Ursprung. Frankreich und Spanien sind keinen biologistischen Weg gegangen. Sie haben den Weg über die Amtssprache zur Definition der Nation gewählt. Träger ist eine Spra­chen­gemein­schaft, die von der Zentralmacht hergestellt wurde. Bis heute wird die Staats­angehörigkeit ent­sprech­end der Zugehörigkeit zur Nation in die­sen Ländern nicht über das 'ius sanguinis' definiert.

In Deutschland kann der Gebrauch der französischen Sprache an den Höfen ein Beleg für die Illegitimität von Herrschaft angesehen werden. Man kann die Heraus­bildung einer Volkstums­ideo­logie in Deutschland als Antwort auf die Schwä­che des Adels verstehen. Die Volkstums­ideologie hat sich (mit rassistischen An­sätzen) in West­mitteleuropa am Ende des 18. Jahrhunderts heraus­gebildet. Der deutsche und der französische Adel sind ursprünglich aus einer anti­intel­lek­tuellen Krieger­­kaste hervorgegangen. In Frankreich besaß der Adel den Zugang zu den Ressourcen der Intel­li­genz. In Deutschland nicht, da dort die Höfe der Für­sten zu klein waren.

In Deutschland wird der Nationsbegriff in der innerstaatlichen bzw. inner­gesellschaft­lichen Aus­einan­der­set­zung bis 1848 gegen die Für­sten­herrschaft verwendet. Er ist damit ein Kampfbegriff des Bürgertums gegen den Feudalstaat und hat eine antiabsolutistische Funk­tion. In Frankreich ist der Nationsbegriff ein Integrationsbegriff aufgrund der ange­streb­ten Teilhabe an der Macht. Die Intelligenz partizipiert dort an der zentralen Macht. Wegen die­ser Teilhabe werden dort die Begriffe 'Nation' und 'Intelligenz' zusammen­ge­führt.

Vor 1789 steht in Frankreich das Verhältnis Nation/Staat in engem Zusam­men­hang. Die Stände­ver­samm­lung verfügte über Macht, da sie über das Steuer­er­he­b­ungs­recht ver­fügt. Die Re­vo­lution war auch eine Antwort darauf, daß die Stände meh­re­re Jahre nicht einberufen worden waren. Sie kämpften also durch die Re­vo­­lu­tion um die Wiedererringung ihrer Machtteilhabe. Nach 1789 bleibt die Identität von Staat und Nation erhalten. Die National­ver­sammlung als hö­here, weil durch die Revolution legi­ti­mierte Vertretung der Na­tion, verfügt über die entscheidende Macht, das Budgetrecht. Es ist in höherem Maße Kon­tinuität als ein Wechsel konstatierbar. Der reale gesell­schaft­liche Wandel war in Frank­reich gering. Nach der französischen Revolution erfolgte relativ schnell und pro­blem­los die Restitution der Bourbonen. Sie übernahmen wieder die Macht. Die gesell­schaft­liche Struk­tur hatte sich nur wenig verändert.

Die deutschen Intellektuellen waren z. T. wegen der partiell noch vorhandenen Prinzi­pien der Revolution pro Napoleon eingestellt. Sie waren andererseits gegen Napo­leon auf­grund dessen Verrates an der Revolution. Beethoven hat z.B. seine 'Eroica' ursprünglich Napoleon widmen wollen. Er hat die ursprüngliche Widmung im Manuskript durchgestri­chen und eine Umwidmung vor­genommen: für die Freiheit.

In Polen gab es weder einen dominierenden zentralen Hof noch dezentral größere Höfe, statt­des­sen das Spezifikum der besitzenden Szlachta bzw. der Magnaten.384 Dadurch ergab sich eine von nationaler Herrschaft relativ unabhängige Entwicklung der Intelli­genz. Die Folge war eine gewisse Abkapselung der Intelligenz bzw. eine separate Ent­wicklung. Die Intelligenz hat ein Selbst­ver­ständ­nis 'aus eigenem Recht' her­aus­­gebildet. Deshalb ist für Po­len im Vergleich zu Frankreich und Deutschland eine Neudefinition der Intelligenz nötig.

Man könnte bezüglich Polens von einer strukturellen Identität der Szlachta und der polnischen Nation sprechen und folgende These formulieren: Die Intelligenz über­nimmt den Nationsbegriff der Szlachta und überträgt ihn auf sich selbst. Es er­folgt eine relativ problem­lose Integration der beiden Wurzeln, Szlachta und Stadtbürgertum, in die sich ent­wickeln­de Intelligenz, die sich als neue Schicht begreift und sich in relativ hohem Maße verselbstän­digt. Ihre beson­dere Rolle er­fährt sie, als während der Teilungszeit die alten Macht­eli­ten depri­viert und (dadurch) ent­machtet werden.

Die Angehörigen der polnischen Intelligenz unterliegen anderen Enkultu­rationsbedin­gungen385 als die Intelligenzschichten in Westeuropa. Dadurch unterscheiden sie sich Haltung zu Inhalt und Methoden wissenschaftlich und edukativen Tätigkeiten. Dieser Prozeß begann in der Phase des Niedergangs der Adels­re­pu­­blik und schloß in der Teilungszeit (vorläufig) ab. Es ist dabei sekun­där, ob die Mit­glieder der Intelligenz von 'innen' oder von 'außen' ge­kommen sind. Die pol­nische Intel­li­genz hatte insgesamt eine hohe Inte­gra­tionsfähigkeit.

Charak­ter­istisch für die Szlachta ist, daß sie nur sich selbst repräsentiert. Sie defi­­nierte sich nicht über den Staat und nicht über Herrschaft nach unten. Über letzteres wird von den Eliten nicht gesprochen, man geht darüber hinweg. Die Szlachta entspricht in ihrem Selbst­verständnis einer patri­­monialen Gesell­schaft mit einem patriarchalisch-groß­bäuerlichem Be­wußt­sein. Die Religion hat dabei eine (stützende) ideo­­logiestiftende Funktion. Eine bäuer­liche Gesellschaft braucht ihre Ressourcen nicht zu erkämpfen; sie besitzt diese per se. Ein Patriarch dieser Gesellschaft defi­niert sich nicht.

Symbolisch wurde diese Phase in Polen durch die Neudefinition der Nation abge­schlos­sen. Diese wurde nun lingual durch den Adel, das Bürgertum und die Bau­­ern bestimmt. Vor allem im agra­risch bestimmten Ostpolen wurden die Bauern sei­­tens der Eliten weiterhin durch klare Schichtung abge­grenzt. Es mag daran liegen, daß dort in diesen weitgehend agrarisch strukturier­ten Gebie­ten der gegen­sei­ti­ge Adaptionsbegriff zwischen Adel und Bürger­tum in ihrer Wechsel­wirkung zur Intelli­genz nur begrenzt erfolgte. Der dortige ver­armte Adel hatte nur begrenzte Ent­wick­lungs­möglichkeiten - es sei denn er wanderte in die Städte. Der verbliebene verarmte Adel befand sich dann objektiv in gleicher Lage wie die Bauern - subjektiv aber nicht.

3. Zum Begriff der Intelligenz,386 der Intellektuellen387 und der technischen Intelligenz

Gegenstand ist wesentlich die Verknüpfung von histo­rischer und sozio­logischer Betrach­tungs­weise. Dieser Ansatz wird von pol­nisch­en Wissen­schaftlern388 in der Regel nicht ver­wendet.

Es gibt in Polen - entsprechend auch der russischen Tradition - eine dominante Ver­wendung des Begriffes 'Intelligenz'. Man vermeidet zumeist eine genaue defi­ni­to­rische Ab­grenzung der Begriffe 'Intelligenz' und 'Intellektuelle'. Oft werden sie inhaltlich überlappend in einer 'definitorischen Grauzone' verwendet oder auch ohne nähere Abgrenzung nebenein­ander benutzt. Besonders seit der 'pol­nisch­en Wende' 1989 ist es schwierig, eine Definition vor­zu­nehmen. Ein Zentral­pro­blem sind dabei die gegenwärtigen Instrumentalisierungsver­suche. Da in Polen zumeist der Be­griff 'Intelli­genz' trägt, soll im folgenden überwiegend dieser Ter­­mi­nus in Anlehnung an den Sprach­gebrauch pol­nischer Soziologen verwendet werden. Wo eine Spezi­fi­zie­rung notwendig ist, wird auf die 'tech­nische Intelligenz' oder die 'Intellektuellen' verwiesen.

Die Kommunisten übernahmen von vornherein die Identifi­kations­muster der Intel­lek­tuellen des 19. Jahrhunderts: Einheit der Nation und Staatsbegriff. Das impliziert die Inte­gri­tät des Staates. Die 'Ga­rantie der Grenzen über die Sowjetunion und den Warschauer Pakt' hatte höchste Prio­ri­tät in der Politik. Zugleich wurde da­durch eine Eigengestaltung von Politik nahezu unmöglich ge­macht. Ein Beispiel dafür ist der Rapacki-Plan, der im Westen, vor allem von Adenauer, gar nicht zur Kennt­nis genommen wurde.

Den Kommunisten war die Herausbildung der neuen Intelligenz aufgrund ihrer Bez­ieh­ung zur Intel­li­genz der Vorkriegszeit suspekt. Intellektuelle wurden in der Propaganda oft als westlich de­ka­­dent dis­kreditiert. In den Machtkämpfen der Nach­kriegszeit erfuhr der Be­griff eine Funktio­nali­­sierung im politischen Kampf.

Nach einem polnische Lexikon389 ist 'Intellektua­lismus' die Fähigkeit, Ursprünge zu er­kennen und philosophische Schluß­folgerungen zu zie­hen. Als Definition für den Begriff der Intel­lektu­ellen wird gegeben: be­trach­ten, beschreiben, erkennen und analysieren von Prozes­sen. Als Angehörige der 'Inteligencja' wer­den quali­fi­ziert und zwar geistig und künstlerisch ausgebildete Menschen angesehen. Man müßte hin­zu­fügen.

Die Abgrenzung der 'Intelligenz' gegenüber den 'Intellektuellen' stellt ein Mehrebenen­problem dar. Der Be­griff der 'In­telligenz' wurde aus dem Russischen übernommen. Er ist seit dem 19. Jahr­­hundert tragend. Später wurde er von den Kommunisten übernommen.

In Polen wird die Selbstbezeichnung 'Intellektueller' seltener verwendet. Man ver­steht sich als Angehöriger der polnischen 'Intelligenz'. Das nach außen gerich­tete tra­ditionelle Identi­fi­ka­tions­muster sollte ge­sell­schaftliche Seg­men­tie­run­gen vermeiden. Die Problematik ist im Zu­sammen­hang mit der Problematik des Staaten­bildungs­prozesses zu se­hen oder gar als dessen integraler Bestandteil.

Adam Michnik z.B. präsentierte sich bewußt als Intellektueller. Die Systemgegner re­kla­mier­ten im allgemeinen ebenfalls den Begriff für sich. Man bezeichnete die katho­lischen Abge­ord­neten im Sejm (vor dem Sejm des 'runden Tisches' 1988) in der Öffentlichkeit als Intellektuelle. Aber: Sie gehörten zumeist einem Verband an, der sich 'Klub der Katholi­schen Intelligenz' [KIK] nannte. Ihrem Selbstverständnis entsprechend ver­standen sich aber als Intellektuelle.

Golczewski/Reschke390 und Ronge391 sowie Vogel392 beziehen sich als westdeutsche Auto­ren auf den polnischen Diskussionsstand.

Kwasniewicz rezipiert die für Polen relevanten Positionen. Er bezieht sich we­sent­lich auf Chala­sinski, Szczepanski, Markiewicz und Wiatr. Auch er weist auf den historischen Hintergrund393 so­wie auf das Selbstverständnis der Intelligenz als Span­nungs­­figuration hin:394 Die auf die achtziger Jahre bezogenen quantitativen Aspekte der polnischen Intelli­genz395 werden im gegebenen Zu­sam­­menhang nicht vertieft.

»...one of the pecularities of the intelligentsia emer­ging in the 19th century was the tendency of its mem­bers to imagine that they were representatives of the polish nation as a whole, and as such they were supposed to strenthen the nation's will to regrain its independence. Some re­­pre­sentatives of the intelli­gentsia had thus to take over the function of up­hol­ding the national iden­tity. This involved the myth of the vanguard, which stressed the the intelligentsias's function of creating ideas which determine the right course of action for the whole society. Connected with this was the myth of leading the nation, based on the conviction that the plebeian masses ... were un­able to take the initiative in the fields of politics, eco­nomy, or culture. There was also the myth of the arbitrator, which expressed the conviction that the intel­li­gentsia was capable of making objective judge­ments, which the other social classes or strata, with their particularism of thought, were not capable of.«

Man kann bis zur Teilungszeit am Ende des 18. Jahrhunderts den (besitzenden) Adel als Träger des Wis­sens und der Intel­lektualisierung bezeichnen. Kenn­zeich­nend sind die Bezie­hun­gen zum französischen und auch italie­nischen Kulturraum. Inner­halb der Intelli­genz bil­deten sich die Intel­lektuellen heraus. Ursprünglich war die Intelligenz geprägt durch die Geisteswissenschaften. Der land­besitzende Adel und das städtische Bürgertum waren die Träger des Intel­lektu­a­li­sierungs­pro­­zesses. Man arbeitete nicht, sondern man lebte vom Be­sitz. Aus dem be­sitz­losen Adel entstan­den im 18. und 19. Jahrhundert die Angehörigen der Ver­waltung, die Leh­ren­den und das Offi­zierskorps. Die Intellektualisierung der polnischen Nation erfolgte damit erstens in der Schicht des be­sit­zen­den Adels und zweitens in den Stadt­gesell­schaften.

Ronge definiert die Intelligenz wie folgt:

»Wollte man die Kategorie ›Intelligenz‹ bis zu ihren An­fängen verfolgen, so müßte man auf viele Jahr­hunderte zurück­blicken; dabei würde nicht die In­telligenzschicht erfaßt werden, son­dern eher ein­zelne Berufe, die jeweils einem bestimmten Stand oder einer Klasse an­ge­hörten wie Be­amte, Ärzte usw. Doch von größerem Interesse ist hier das Auf­­tre­­ten dieser Intelli­­genzschicht als eine soziale Kategorie, deren Existenz von den ökono­­misch­en und ideologischen Interessen bedingt ist. … Als soziale Kategorie tritt sie in Erscheinung zusammen mit den sich ent­wickeln­den kapitalis­ti­schen Verhältnissen in der pol­ni­schen Gesell­schaft, wobei zweifel­los ihre Entste­hung noch weiter zurückliegt, die eng mit der Teilung Polens ver­bunden und in der eine der Ur­sachen für ihr Zusammenschmelzen auf Grund ei­n­er gemein­samen Aufgabe zu suchen ist. … In dieser Zeit würden sie eher mit dem Begriff 'Intelligenz-Beruf' ver­deut­licht wer­­den, der sich aus zwei Kategorien zusammensetzt: einmal können hierzu die Leh­­rer, Offi­ziere, der Klerus, Be­amte und andere geistige Arbeiter gezählt wer­den, zum anderen Künstler, Schrift­steller sowie journa­listische Berufe u.ä.m.«.396

Der Übergang von der Intelligenz zur technischen Intelligenz (etwa ab dem 19. Jahrhundert) und den Intellektuellen kann als Ausdruck des Intellektualisierungsprozesses gewertet wer­den.

4. Die polnische Intelligenz - Beispiele für ein durch Migra­tio­nen geprägtes Segment der Gesellschaft397

Ein Historiker aus Zielona Gora (Grünberg), Nachkomme einer holländischen Familie, trägt z.B. den Namen Ei­ke. Ein bekannter Ökonom, Nachkomme französischer Ein­wanderer, trägt den Namen Kleer (von frz. Claire). Franzosen waren u.a. als Folge der napo­leo­nisch­en Krie­ge in Po­­len zurückgeblieben. Zumeist sind die ge­nannten Immigranten der technischen Intelligenz zuzu­rechnen.398

Eine italienische Immigrantenfamilie sind z.B. die Marconis. Diese Familie lebt seit dem Ende des 17. Jahrhundert in Polen. Auch der gegen­wär­tige Nach­komme, Prof. Mar­coni, ist Archi­tekt. Be­kannte Gebäude in War­schau wurden von den Architekten Mar­coni entwor­fen. Eine andere Ein­wandererfamilie aus Italien ist die der Baccia­rellis. Es handelte sich um einen Maler im 18. Jahr­hundert. Ein gegen­wär­tig in War­schau lebender Bacciarelli ist Schauspieler.

Ein Beispiel für das Stadtbürgertum ist die aus Deutschland stammende Kauf­manns­familie der Fugger. Polo­ni­siert nannten sie sich Fukier. Unter diesem Aspekt ist auch der Streit um Koper­ni­cus zu ver­ste­hen. In Polen wird er als Ange­höriger der polnischen Nation ver­stan­den. In der Phase des deut­schen Nationalismus wurde er als Deut­scher reklamiert. Ein Teil seiner Vor­fah­ren stam­mte von Deut­schen ab. Er sprach deutsch und schrieb in der Wissen­schafts­sprache Latein. Sein Onkel war der Bischof des Erm­landes, Lucas Wat­zen­rode. Dessen Nachfolger - ein Zeit­genosse von Kopernicus - war Jan Dan­tis­cus.399 Sein ur­sprünglicher Familienname war Flachs­binder. Er war als Sekretär Karl V. Bot­schafter in mehreren Ländern gewesen. Danach wurde er Bischof des Ermlandes. Er stand dem Humanismus sehr nahe und schrieb Gedichte.

Migrationen nach Polen erfolgten vor allem aus Westeuropa, weniger aus Italien. Dies gilt vor allem für die Zeit der (religiösen) Toleranz im 16. Jahrhundert. Aus Ita­lien floh z.B. der Humanist Kallimach [Callimachus], der dort im Verdacht stand, ein Attentat auf den Papst verübt zu haben. Zusammen mit Kallimach hat der aus politischen Gründen aus der Habsburger Monarchie ge­flüchtete Konrad Zeltes, ebenfalls Humanist, die Ideen der Renaissance in Polen verbreitet. Sie lebten und lehrten in Krakau. Beide waren befreundet mit Kopernikus. Zeltes hat in Krakau einen 'Verband der Humanisten' gegründet.

Ein anderes Beispiel ist die Familie Breyer,400 sie lebte in Pommerel­len. Im 17. Jahrhun­dert ge­hörte sie zu den pro­test­an­ti­schen Emigranten aus dem Salzburger Land, die nach Polen geflohen sind. Ihre deutsche Identi­tät und Fami­lientra­ditionen behiel­ten sie zumeist bei. Anfang des 19. Jahrhunderts hat Gloger ein Wörterbuch der deutschen Sprache heraus­gegeben. Militärge­schichtlich bekannte Familiennamen sind Unrug, Rommel, Haller und Anders.401 Bis heute lebt in Warschau die aus Deutschland stammende Familie Weyssenhoff. Ein Weys­sen­hoff ist Ingenieur und betreibt eine Autowerkstadt in Warschau. Ge­gen Ende des 18. Jahr­hun­derts war ein Weys­senhoff aktiv im ›großen Sejm‹ und gilt als einer der Schöpfer der Verfas­sung des 3. Mai 1791.

Eine größere Zahl von Migranten kam im 17. Jahrhundert aus Sachsen nach Polen im Zu­sam­­men­hang mit den sächsischen Wahlkönigen. Sie gingen vor allem nach Warschau und stellten als Beamte oder Ärzte402 einen großen Teil der Intelligenz. Eini­ge die­ser Migranten sind geadelt worden.

Es hat auch Adoptionen seitens des pol­nischen Adels gegeben.403 Reiche Migranten kauf­ten Gü­ter und übernahmen dann deren Adels­namen. Diese Prozesse verliefen ohne staatliche Zwangs­­­ausübung. Die­se Phase der die Mittelschichten - in ihrer Wechselbezie­hung zur Intelli­genz - be­treffende Polo­ni­sie­rung ist keinesfalls mit der Ger­mani­sie­rungs­politik Bismarcks zu ver­glei­­chen. Polnische Bauern dagegen wurden relativ selten, d.h. nur bei großen Verdiensten in Krie­gen in die Szlachta auf­genommen.404

Die Angehörigen der Intelligenz haben sich zumeist als loyale Polen verstanden und wurden wäh­rend der Okkupation keine Nazis. Viele lehnten als polnische Bür­ger die An­nahme der deutschen Staatsbürgerschaft ab und büßten dafür mit dem Konzentra­tions­lager. Andere gingen in den Un­tergrund und schlossen sich der AK405 an. An­ders verlief die Ein­wanderungswelle in das östliche Polen. Die z.B. in Gar­wolin, ca. 80 km süd-östlich War­schaus lebenden Bauern waren weit­ge­hend polo­ni­siert worden. Viele von ihnen ha­ben wäh­rend des Krieges mit den Nazis kollaboriert und andere (deutsch­stämmige) Unter­­grund­kämpfer denun­ziert.

Hand­werker (vor allem Weber) kamen in hohem Maße aus Sachsen. Sie gingen am Ende des 19. Jahrhunderts nach Lódz und fanden Arbeit in der sich entwickelnden Textil­industrie.406

Ziel der Migrationen von Angehörigen des Bürgertums oder der Handwerker war die Gründung oder Erweiterung von Städten. In diesem Prozeß der Stadt­urbani­sie­rung bildeten die Migranten und ihre Nachkommem vielfach erst das Stadt­bür­ger­tum und damit die Mit­telschicht(en). Bis zum 19. Jahrhundert dominierte die­ses von (ehemaligen) Migranten­fami­lien bestimmte Stadtbürger­tum. Ziel der bäuerlichen Migrationen war die Kolonisation und damit die Urbani­sie­rung. Sie er­folg­te von Beginn des 11. bis zum 13. Jahrhundert. Eine weitere größe­re Einwanderungswelle erfolg­te im 17. und 18. Jahrhundert. Die Kolonisten wan­der­ten damit (inselartig) zwischen vorhan­de­ne, zumeist bäuerliche Gesell­schaf­ten. Die Neugründung von Dörfern erfolgte zu­meist in ei­nem für die Urbanisierung vorgesehenen Gebiet, oft neben vor­han­denen polnischen oder ost­sla­wischen Dörfern. Eine sprachliche Integration oder die Dominanz der deutschen Sprache in den Sied­lungsgebieten ergaben sich regional unter­schiedlich. In beiden typischen Fäl­len erfolgt in der Regel weder eine gesell­schaftliche Über- noch Unter­schich­tung. Individuell war die Migra­tion eine Chance, länger­fristig der Pau­pe­risierung zu entrinnen oder auch für den sozialen Auf­stieg.

Die Migranten kamen überwiegend aus Deutschland, Frankreich und Italien nach Po­len. Migran­ten aus den Niederlanden, Irland und Schottland wa­ren oft Fach­leu­te, die Ent­wäs­serungen durch­führten oder intensive Land­wirt­schaft betrieben, vor allem im Küstenbereich. Aus Italien kamen vorwiegend Künstler und Architekten. Die Inte­gration in die polnische Gesellschaft erfolgte über­wiegend in die Stadt­ge­sell­schaften, weniger in den Landadel.

Erst im 19. Jh. erfolgte eine Migration des verarmten polnischen Adels in die Städte und damit eine Durchdringung des Stadt­bürgertums. Kennzeichnend für pol­ni­sche Städte waren sowohl Durch­dringung wie auch Abgrenzung polnischer (katho­lischer), deutscher (protestantischer) oder jüdischer Gruppen. Vor allem letztere lebten in bestimmten Stadt­teilen.

5. Überlegungen zur historischen Entwicklung der Intelligenz407

Die polnische Intelligenz hat ihre Basis in der Adelsgesellschaft, der Szlachta. Bis in die Gegen­wart hinein sind spezifische Aus­prä­gun­gen und Ver­haltens­wei­sen erkennbar, die vor allem auf das ›gol­­dene Jahrhundert‹ zurückgehen, das wesentlich die Zeit des 16. Jahrhun­derts umfaßt. Die spezifischen Ver­hal­tens­weisen der Szlach­ta­ sind im Zusammenhang mit Blüte und Nieder­gang der Adels­republik und damit der Adelsdemokratie zu sehen. Eine wei­tere Prä­gung erfuhren Adel und das relativ kleine (städtische) Bür­gertum durch die Tei­lungszeit bis 1918. Hierzu einige kennzeichnende Stichworte: Im polnischen Adel galt und gilt bis heu­te das Gleich­heits­prinzip als Selbst­verständnis. Der polnische Adel, die Szlach­ta, kennt keine Hie­rarchisierung. Der polnische Adelstitel war Herr.408 Die Ad­li­gen unterschie­den sich zwar durch ihren (Land)-Be­sitz und ihr Ein­kommen sowie den daraus resul­tie­ren­­den Einfluß. Die ein­zige (ur­sprüngliche) Fürsten­fa­mi­lie stellten die Piasten dar. Die übri­gen Für­­stenfamilien waren aus dem litau­isch­en und ru­the­nischen Adel adaptiert (Union von Krewo, 1384). Diese Fürsten mit oft relativ klei­nem Besitz, z.B. die Radzi­wills, Czarto­ryskis etc. behielten ihre Ti­tel. In der Teilungs­zeit wurden Gra­fen­­titel u.a. vom habs­bur­gischen Kaiser ver­lie­hen. Die Träger wurden und werden in Po­­len verächt­lich als 'galizi­sche' Grafen be­zeichnet.

Die Teilungszeit führte zur Verarmung des mittleren und niederen Adels. Russen und - in noch höherem Maße - Preußen besetz­ten die Verwaltungsstellen zu­meist mit eigenen Beamten. Dies geschah aus Gründen der Machtausübung und -sicher­ung aufgrund unter­stellter Illoya­lität der polnischen Bevölkerung mit der jewei­li­gen Teiler­macht. Eine beson­dere Rolle spielten die Enteig­nungen aufgrund der Teil­nahme an den Aufständen409 sowie der Teilnahme an den napoleo­ni­schen Krie­gen gegen Rußland. Die polnischen Adligen verstan­den die Kriege als Befrei­ungs­kampf der pol­nischen Nation.410 Loewenstein411 führt dazu aus:

»Polen wurde geteilt, bevor die Umwandlung der al­ten Adelsnation in einen ho­mo­genen Natio­nalstaat ange­kündigt werden konnte. Der an der alten Rzeczpospolita orien­tierte polnische romantische Nationa­lis­mus dach­te noch im 20. Jahrhundert nicht daran, seinen Anspruch auf die ethnisch polnische Bevölke­rung zu be­schrän­ken - mit den bekannten frustrierenden Folgen.«

Nach den Niederlagen der Aufstände erfolg­ten außerdem De­por­­ta­tionen412 nach Sibirien. Wer konnte, emigrierte nach Deutschland und vor allem nach Frankreich. Unter den Emi­gran­ten be­fan­­den sich viele Künstler und Li­ter­a­ten. Mickiewicz, Slowacki, Sienkiewicz u.a. haben in der Emigration ge­schrie­ben. Wissenschaftler wie Lelewel waren in Paris und Brüs­sel poli­tisch aktiv. Emi­grierte Offiziere nahmen an den Freiheitskriegen im 18. Jh. in Nord­amerika teil: u.a. Kosci­uszki und Pu­lawski. In Verbindung mit dem Adel ist auch der Klerus zu sehen. Kenn­zeich­nend für Polen ist die für Europa relativ hohe Zahl von Klerikern und Ordens­ange­hörigen. Die Wissen­­schaft wurde maßgeblich im Rahmen der Kirche betrieben: Theologie, Philo­sophie, Geschichte und Kunst.

Kwasniewicz weist auf die ideologische Differenzierung der pol­nisch­en Intelligenz im 19. Jahr­hun­dert hin: erstens durch den Katholizismus und zwei­tens, daß aus der gleichen Intelligenz ›viele Intel­lektuelle kamen, die eine wichti­ge Rolle in der Verbreitung von Evo­lutionismus, Positi­vismus, Marxismus und anderer philosophischer Orientierungen in den gebildeten Kreisen der pol­nisch­en Gesellschaft‹413 spielten.

Die handlungs­orientierten Wissenschaften414 haben im Vergleich zu Westeuropa erst später ihren Stellen­wert er­halten. Die Träger dieses Wissens entstammen über­­wiegend den Stadt­gesell­schaf­ten. Dort hatten sich in mehreren Migra­tions­wel­len, vor allem aus dem deutschen Sprach­raum, aber auch aus Italien, den Nie­der­­lan­den, Irland, Schottland und Böhmen Menschen nieder­gelas­sen, die aus reli­giösen oder politischen Gründen geflohen sind oder eine neue Existenz suchten.

6. Zur Integration der Migranten

Man kann die These aufstellen, daß die Integration der immigrierten Intelligenz bzw. der Intellek­tuellen in die polnische Nation erfolgte. Damit erfährt der Nations­begriff eine Erwei­terung. Er war (bis 1795) wesentlich über die Szlachta defi­niert. Nach wie vor waren aber die Bauern vom Adel nicht als zur Nation zugehörig betrachtet, son­dern als das Volk, pln.: 'lud'.

Die genannten Deutschen verstanden sich in der Tradition des preuß­ische Polen­tums. Diese 'preußischen' Polen hatten ein preuß­isches Staatsbewußtsein, waren aber loyale polni­sche Staatsbürger wie z.B. Kopernikus. Sie verstanden sich in der Teilungszeit als 'gute' Polen. Sie waren mit der polnischen Kultur ver­bun­den, spra­chen zu Hause aber zumeist deutsch. Die preu­ßischen Polen betei­lig­ten sich oft an Aufständen bzw. Kämpfen gegen den Deutschen Orden. Zu ihnen gehörte u.a. die Familie Manteuffel. Sie stammte aus dem Balti­kum (Kur­land) und war früh­zeitig polonisiert worden. Aus ihr stammten mehrere Ge­ne­ra­tio­nen von Wissenschaftlern (Histo­ri­ker). Lucas Watzenrode, war als Bischof des Erm­landes dem Deutschen Orden verhaßt. Er hatte näm­lich dem polnischen König vor­­ge­schlagen, den Orden an das Schwarze Meer umzu­sie­deln zum Kampf gegen die Tataren.

Die Immigranten des 17. Jahrhunderts identifizierten sich als Angehörige der In­tel­li­genz oder Kauf­leute mit dem Deutschtum, d.h. mit der deutschen Kultur, der sie zumeist über die lutheri­sche Konfession verbunden waren. Die in mehreren Kolo­­nia­li­sierungswellen in das Land gekom­menen Bauern und Hand­wer­ker (soweit die­­se nicht in Städten lebten) wurden zumeist seit dem 16. u. 17. Jahr­hundert po­lonisiert. Anders die nach Pommern und Schle­sien gerichteten Kolo­ni­­sie­­­­rungs­wel­len. In diesen Regionen verschob sich die Sprachen­grenze nach Osten bzw. Süd­osten. Die in den Städten ansässigen Migranten bildeten dort im ausgehenden Mittel­alter und der be­ginnenden Neuzeit das sehr selbstbewußte Stadtbürger­tum: Danzig, Thorn, Krakau. Zeit­weilig stel­lten die deutschen Bewohner die Majorität der Stadtbevölkerung und auch den Bürger­meister.

Am Ende des 14. Jahrhunderts gab es in Krakau einen gegen die Politik der Piasten gerichte­ten Putsch. Die Bür­­ger wollten eigene Beziehungen zu Habsburg und Böhmen knüpfen. Der Putsch wur­­de nieder­ge­schlagen. Als Antwort hat der pol­nische König, Kasi­mir der Große, die Stadt Kazi­mierz bauen lassen als Kon­kurrenz zu Krakau. Diese Stadt, die später zum Stadtteil Krakaus wurde, war wie das später gegründete, am Mittellauf der Weichsel gelegene Kazimierz dolny, von jü­di­schen Kauf­leuten bewohnt. Die jüdische Kolo­nisation wurde zur Kompensation der deut­schen gefördert. Zuvor hatten die Deutschen in Krakau mit dem polnischen König Kasi­mir loyal zusam­men­­gear­beitet. Der Bürger Wirzing baute ein großes zentral gelegenes Haus, das noch heute ein sehr bekanntes gutes Restau­rant enthält, das nach Wierzynek be­nannt ist. So nannte sich dieser Deut­sche und bekannte sich damit zu seiner pol­nischen Identität. Ein ähn­liches Beispiel ist das der mittel­alterlichen Familie Fugger. Ein nach Po­len emigrierter Zweig nannte sich dort Fukier. Bis heute gibt es in War­schau eine bekannte Weinstube dieses Namens.

In den Stadtgesellschaften bildeten sich schwache Mittelschichten heraus, die z.B. in Krakau, Posen, Thorn und Danzig eine deutsche Identität behielten und z.T. Mehrheiten in den Städten stellten. Vor allem die Migranten aus dem deut­schen Sprachraum haben ihre deut­sche Identität über Jahrhunderte bewahrt. Eine besondere Rolle spiel­te in diesem Zusammenhang die evange­lische Kirche. In eini­gen Bereichen erfolgte in Polen eine Adap­tion in die polnische Nation: 'Pole ist, wer polnisch spricht, denkt und träumt', eine in Polen geläufige Definition für die Zugehörigkeit zur polnischen Nation.

Die Stadtgesellschaften bildeten ein eigenes Bewußtsein heraus, das primär gegen den Adel, ge­rich­­tet. war. Die Szlachta dominierte gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Polen. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts dominierte die Stän­de­gesellschaft: König-Adel-Bürger. Nur ei­nige Städte (Dan­­zig, Thorn u. Kra­­kau) hatten das Recht, Vertreter in den Sejm zu entsen­den. Die preu­ßi­schen Stän­de be­­sa­ßen eine begrenzte Autonomie. Zu den preußischen Stän­den gehörten auch Ma­su­ren (Polen, die aus Mazowien zugewandert waren). Zu den Preu­ßen gehör­ten also preu­­ßisch- und polnischstämmige Bürger. Die Sprachen hatten sich über­lagert, in der Regel war man zwei­sprachig. Ebenen gesellschaftlicher Differenzierung waren: Sprache, Kon­fession, Recht so­wie ethnische Identität. Sie werden in der pol­nisch­en Geschichts­schreibung we­gen des über­la­gern­­den Zieles der Restitution des Staates sowie der damit ver­bundenen Einheit der Nation als ne­­ben­­rangig betrachtet oder gar aus­ge­blendet. Es domi­niert die Vision von der homogenen Nation.

Anders verhält es sich mit der Immigration von Bauern und Hand­wer­kern über­wie­gend aus dem deutschen Sprachraum. In Schlesien erfolgte von Nieder- nach Ober­schlesien die Durchsetzung der deutschen Sprache. In Ostpolen erfolgte eine Polo­nisierung.

Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen die Angehörigen der pol­nischen Intelli­genz, die als Religionsflüchtlinge nach Polen ge­kommen sind und das Re­for­mations- und Renais­sancedenken in Polen ge­prägt haben. Es wurde in hohem Maße vom Adel aufgenommen bzw. stellte eine Brücke dar zwischen Adel und Bürgertum. Der pol­nische Adel war zu ei­nem höheren Pro­zent­satz protestantisch (calvi­nistisch) als der Adel im deutschen Sprachraum. Einige gehör­ten zu den Ari­anern bzw. Sozi­nianern.415 Lutheraner waren vor allem die deutschen Immigranten.

In der Phase der Gegenreformation wurden die Calvinisten zurück­ge­drängt, die Aria­ner zur Aus­reise gezwungen - wenn sie nicht die kathol­ische Konfession an­nahmen. Nicht er­forscht und von der katholisch dominierten Geschichts­schrei­bung tabuisiert ist die Frage scheinbarer Konversio­nen aus Gründen prag­ma­tischer Anpassung. In Romanen, u.a. bei Zeromski416 gibt es Hinweise. Die er­zwun­genen Emigrationen von Intel­lektuellen bedeuteten für Polen zweifellos einen Ver­lust an Intellektualität.

Konflikte gab es nach der Okkupation durch Nazideutschland, als massiv ver­sucht wurde, aus Migrantenfamilien stammende polnische Bürger zu (re)-ger­ma­ni­sieren. Die Evangelisch Augs­burger Kirche in Polen (Luther­aner) stehen bis heute im Ruf, 'Deutsche' zu sein. Sie sind aber loyale polnische Bürger und entstammen nur zum Teil Immi­gran­ten­familien.

Das dogmatische Verhalten des polnischen Katholizismus heute ist gewiß auch zu ver­stehen auf dem Hintergrund einer kirchen­kri­tischen bzw. antikatholischen Intelligenz, die sich zunehmend in der Tradition der langen Phase der einstigen religiösen Toleranz versteht. Übrigens gibt es in Po­len gegenwärtig nicht nur eine zunehmende Zahl von Kir­chen­austrit­ten, sondern auch eine Zunah­me von Konver­sionen, überwiegend zum Cal­vinismus. Es han­delt sich um Angehörige der Intel­ligenz, zumeist um Intel­lek­tuelle. Entsprechendes gilt für Agnostiker, die in der sozialistischen Phase die Kirche ver­lassen haben und sich jetzt dem Calvinismus zuwenden. Eine andere Vari­ante ist, daß sich - wiederum zumeist Intellektuelle - auf ihre partiell pro­test­antischen Familien­­tra­di­tio­nen besinnen. Die Phase des Er­zwingens des Postu­lates von kon­fessioneller Gschlos­senheit scheint beendet zu sein. Ander­erseits kämpft die katholische Kirche um ihre 'Schäf­chen'.417

7. Die Verhaltensweisen der Intelligenz als Ausdruck der Adelsgesellschaft

Eine Einschätzung auf der Basis von Chalasinski:418

»Im Laufe des ganzen 17. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts entfernt sich Polen sehr rasch von Europa auf allen Ge­bieten. Wir bleiben zu­rück in unserer wirt­schaft­lichen Struktur. Ein klarer Beweis dafür ist der Nie­der­gang der Städte, des Bürgertums und der An­fänge der Berufskultur. Wir blei­ben auf dem geistigen Gebiet zurück, denn wir nehmen ja am kulturellen Le­ben in Europa nicht mehr aktiv teil. Wir bleiben auch in poli­tischer Hinsicht zu­rück, denn unser politisches System gleicht mehr einem System der primitiven Stämme als dem eines modernen Staates. Der polnischen Kultur ge­hen gesamt­eu­ro­päische Kultur­ele­men­te ver­lo­ren. Nur auf einem Gebiet behalten wir unseren Ehr­geiz und riva­li­sieren mit den füh­ren­den Völ­kern, und zwar wenn es gilt, Über­fluß, Pracht und Aufwand zu zei­gen. Während sich die ande­ren euro­pä­­ischen Länder durch produktive Arbeit und Konkur­renz in mo­derne Staa­­ten ver­wan­delten, kannte das polnische Adelsvolk nur einen Ehr­geiz: alle anderen Län­der in Hinsicht auf Überfluß, Prunk und Auf­wand zu überholen. ... Europa schuf neue, moderne Pro­duk­­tions­stät­ten, die polnischen Magnaten beuteten aber wei­ter ... die Reich­tümer ihres Landes aus. Sie blende­ten durch ihren Reichtum, ihre feinen Umgangsformen und ihre vollen­de­te Dilettanten­kul­tur, zu­gleich ver­ach­te­ten sie dieses arbeitssame Europa, das die Funda­mente für eine neue bür­ger­liche Kultur legte. Von den Hollän­dern spricht Jerzy Ossolinski mit Gering­schät­zung und Verachtung, er spricht von der 'rusticitas', dem hochmütigen Bau­ern­volk, den Herren des Lan­des'...«419.

Die polnische Intelligenz tritt nach Chalasinski wesentlich im Zusammenhang mit den Tei­lungen und den sich ent­wickelnden kapitalistischen Ver­hält­nissen in Erscheinung. Die Ur­sachen waren poli­tischer und ökonomischer Natur, d.h. der Untergang des Staat­es, der Adelsdemokratie, die gescheiterten Aufstände am Ende des 18. und im 19. Jahrhundert. Im ursächlichen Zusam­men­hang stehen auch die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland und die Verarmung der Szlachta beim Über­gang von der Fronhof- zur kapitalistischen Wirt­schaft. Chalasinski postu­liert, daß die polnische Intelligenz ein Nebenprodukt aus der Um­gestaltung des vorkapitalistischen, land­ad­ligen fronhof-herrschaftlichen Polens in ein kapi­talistisches, städtisches und industrielles Polen sei.420 Die Entwicklung des Landes ist maß­geblich mit Hilfe von Ausländern erfolgt.

»Im Ver­hält­nis zur ständisch-adligen Tradition erscheint der Kapitalismus als ein Besen, der den Boden für das Bür­gertum leerfegte. Wir [Polen] besaßen einen solchen Besen nicht. … Viele Züge der pol­ni­schen Intelligenz ... sind dege­nera­tive Überreste der adligen Tradition, die der Kapi­tal­ismus nicht so gründ­lich wie anderswo hinausgefegt hatte, weil er in Polen zu schwach war und nicht die Mas­se des Adels erfaßte, aus der sich die polnische Intelligenz her­ausgebildet hat­te. Es ist kein Zufall, daß die west­lichen Provinzen - Posen und Pommerellen - in technisch-wirtschaftlicher Hinsicht am stärksten zivi­lisiert und verstädtert sind, sie hatten näm­lich keine Intelligenz der 'Warschauer' oder 'Krakauer' Art. ... Ich habe die These aufgestellt, daß die Herausbildung der polnischen Intelli­genz in en­ger Verbindung mit der Ent­wicklung des Kapitalismus in Polen stand. Jetzt gilt es, näher zu unter­suchen, worauf diese Ver­bindung be­ruhte. War der Adel das bahnbrechende Element bei der Entwicklung des polnischen Kapi­ta­lis­­mus? Hat sich die polnische Intelligenz aus dem Adel während der für die Blüte­zeit des Libe­ra­l­kapitalismus so charakteristischen Zivili­sa­tions­expansion heraus­ge­bildet? Nein. Der Kapi­ta­lis­mus in Po­len entwickelte sich mit Hilfe der Aus­län­der, bei sehr schwacher Teil­­nahme des polni­schen Adels. Die pol­nische Intelli­genz entstand als ein Nebenprodukt und nicht als bahn­bre­chendes Element der kapi­ta­l­istischen Entwicklung. Fremde Elemente haben ange­fangen, neue Pro­duk­ti­ons­formen zu entwickeln, fremde, die frei von polnischer traditioneller Passivität wa­ren..., und die deklassierte adlige Intelligenz machte sich das zunutze, daß die anderen für sie fertige Lebensstellungen schufen.«421

Nach Chalasinski hatte dieses Phänomen die Nichtverantwortung der Szlachta für das Wirt­schafts­leben des Landes sowie die mangelnde Solidarität mit den ›pro­duk­tiven Gesell­schafts­klas­sen, den Bauern und Arbeitern‹. Zur Bedeutung der Bildung für die Intelligenz führt er aus:

»Die Bildung, den geisti­gen Besitz, be­trachtete die Intelligenz als einen Anspruch darauf, daß ihr die Gesell­schaft ganz von sich aus die ökonomische Grundlage für eine ent­sprech­ende so­ziale und stan­des­gemäße Position lie­ferte. Aus dieser Sicht war das Ver­hältnis der Intelli­genz zum Land sehr ähnlich der schma­rot­zen­den Höf­linge zum Hof. Die Intelligenz betrachtete sich als ein unentbehrliches Element der Gesell­schaft, das berechtigt war, vom Staate unterhalten zu werden. Sie empfand keinerlei Ver­pflich­­tung gegenüber dem Wirtschaftsleben des Landes und keine Solidarität mit den produktiven Gesell­schafts­klassen, den Bauern und Ar­bei­tern. ... Der Intelligenzangehörige wurde zum Schmarotzer des Kapitalis­mus in Polen, so wie er früher schmarotzender Höfling am herrschaft­lichen Hofe ge­we­sen war. Jemand anders arbei­tete und dachte produktiv für ihn, er selbst fühl­te sich nur dazu berufen, geistig und nicht mate­ri­ell aktiv zu sein, nur die Her­ren- und nicht die Bau­ernarbeit zu leisten. ... der Beam­ten­beruf behagt sogar dem seßhaften Adligen der des Bodens unter seinen Füßen nicht mehr sicher war. Deshalb war es so schwierig, in diese Bürostuben vor­zudringen, die von ei­ner Unzahl bezahlter und unbe­zahl­ter Kandi­da­ten, Hilfsbeamten, Kanzlisten voll­gestopft war.«422

Die Angehörigen der Intelligenz dachten niemals, so Chalasinski, in ökono­mischen Katego­rien, beteiligten sich niemals am wirt­schaftlichen Aufbau des Landes, weil für sie die Auf­stände und der Kampf um die Unabhängigkeit des Landes Ehrensache wa­ren.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert wurden als Folge der Schwedenkriege die Städte und damit das Bür­gertum geschwächt. Die Schweden zerstörten vor allem die Städte, die Bürger wa­ren - soweit möglich - geflohen. Als Folge wurde dadurch der Adel gestärkt, d.h. die Macht­ba­lance, die sich leicht in Richtung auf das Stadtbürgertum verscho­ben hatte, entwickelte sich zu­rück.

Bei diesen Betrachtungen werden die Bauern außer acht gelassen. Die Bauern waren in der Re­gel vom Adel abhängig. Sie erfuhren - wie in Rußland - erst im 19. Jahrhundert ihre Be­freiung. Dadurch spielten sie im Staatenbildungsprozeß des 19. Jahrhunderts eine unter­geordnete Rolle. Ein für das westliche Teilungsgebiet kennzeichnendes Beispiel ist der Bauer Dzymala.423

Chalasinski wird seit der polnischen Wende der Vorwurf gemacht, daß er zu sehr die negativen Seiten der polnischen Ge­sell­schaft aus der Adels­ge­sellschaft abgeleitet und ande­rerseits die Bauern in seine Negativ­stereo­typ­isierung zu wenig mit einbezogen habe. Er macht sich anderer­seits durch seine Forschungen auch zum Anwalt der Bau­ern. Er sieht die Intelligenz in einer Wechsel­beziehung zur Szlachta. Die kapi­tal­ist­ische Entwicklung des Landes verbindet er mit der Intel­li­genz, nicht mit dem Adel. Dem stimmt man in Polen all­gemein zu. Die nicht auf­lös­bare Span­­nung424 be­steht in den Negativ­stereotypen im sozia­listisch regierten Po­len und gleich­zeitig der Notwendigkeit, die Intelligenz zu fördern. Man vernachlässigt in der kommunistischen Geschichts­­­schrei­bung die Opfer der In­telligenz wäh­rend des Krie­ges. Man ver­schwieg sie zwar nicht, die Kommunisten taten sich schwer im Um­gang mit diesen Bereichen der Widerstands­ge­schichte. Sie selbst lei­teten sich ideolo­gisch von der (in Po­len nur begrenzt vorhandenen) Arbeiter­klasse ab.

Chalasinski differenziert nicht bzgl. der polnischen Gesellschaft als einer durch Migra­tionen ge­prägtenen Gesell­schaft, bzw. einer multi­kulturellen Gesellschaft. Dies war aber aufgrund der ge­sell­schaft­lichen und politischen Rah­men­be­din­gun­gen bisher im 20. Jahrhun­dert in Polen nicht üblich. Er leitet zwar das Verhalten der Intelli­genz aus der Szlachta ab, untersucht jedoch nicht die spezifischen Ableitungen für das Verhalten der Intelligenz. Er differenziert kaum die Begriffe Intelli­genz, technische Intelligenz und Intellektuelle (vgl.o.). Als ein besonderes Phänomen er­wähnt Chalasinski die 'Europa­orien­tie­rung' der Intelligenz:

»Das großartige Aufblühen der polnischen Literatur im Zeitalter der Romantik und später zu Zei­ten Sien­kiewiczs, Zeromskis, Wyspianskis war nichts anderes als ein Suchen nach der Volks­seele und nach der eigenen Seele der Intelligenz. Das Leben der polnischen Gesell­schaft wurde zum Problem des eige­nen Ge­wissens, ... . Die Phraseologie vom Europäertum und vom 'Europäerkult' ge­hö­ren auch heute noch zu den wesentlichsten Merk­malen der pol­nisch­en Intelli­genz. Die polnische In­telli­genz fühlt sich als eine Schicht 'pol­nischer Europäer'. ... Das Euro­pä­er­tum der polnischen In­telli­genz besteht in einem hedo­nisti­schen Konsum der kul­tur­ellen euro­pä­isch­en Werte ohne aktive Beteiligung am europäischen Aufbau und ohne europäisches Mit­ver­antwortungsgefühl. Der Intelli­genz­an­ge­­­hö­ri­ge ... ist ein We­sen, daß sich weder für Polen noch für Eu­ro­pa ver­antwortlich fühlt. Das Euro­päertum ist für die polnische In­telli­genz eine Frage des he­donistischen Kon­sums und keine Frage der kollektiven Mühe. ... Es ist eine kultu­relle Unter­­hal­tung der Lieb­haber und keine Verpflichtung und Verantwortung. … In der Kultur der polnischen Intelli­genz fehlt das Grundelement, das für die west­europäische Kultur charak­te­ristisch ist. Es ist das Element der Treue zum ent­stehenden objektiven Werk, die Treue zur zivi­li­satorischen Arbeit. … In der gesell­schaftlich-ideologischen Veranlagung der polnischen Intel­ligenz kämp­fen noch immer der ehemalige Ad­lige (der Mensch ohne Beruf, der Lieb­haber mit verschiedenen Interessen) mit dem moder­nen Berufs­menschen. Hier liegt einer der wesent­lichen Unterschiede zwischen der Psyche der Intelli­genz, der sog. 'herrschaftlichen' Psyche, und der Psyche des Bauern oder Ar­beiters. Die Psyche des Bauern oder Arbei­ters ist stärker vom Beruf her geprägt als die Psy­che der Intelligenz.«425

8. Der Prozeß der Intellektualisierung in der polnischen Gesellschaft

Ein historischer Überblick in Stichworten: Im 10. Jahrhundert waren die Angehörigen der Intelli­genz Ausländer. Durch sie (Mönche und andere Missionare, also frühe Intellektuelle) erfolgte die Christi­anisierung Polens. Im 11. Jahr­hun­dert wurden die ersten kathedralen Schulen (für den Nach­wuchs des Klerus) ge­gründet. Im 13. Jahrhundert wurden Kloster­schulen gegründet, die Pfarreien zugeordnet waren. Von Kasimir dem Großen426 wurde 1364 die Krakauer Universität gegründet. Von sei­nem Nachfol­ger, Ludwig dem Ungarn, wurde der Universitätsbetrieb ver­nach­lässigt. Dieser gründete statt dessen die Universi­tät Pecs in Südungarn. Unter Jagiello427 erfolgte die Neugründung der Uni­versität, die deshalb bis heute ihren Na­men 'Jagiellonische Universität' trägt. Im 16. Jahrhundert wurden die Universitäten Wilna und Lemberg gegründet.

Reiche Adlige studierten seit dem Mittelalter in Italien oder Frankreich, ärmere in Deutschland, häufig an der Viadrina in Frankfurt/O. Einer der ersten Stu­den­ten in Paris, Sta­nislaw Szcze­pa­nowski, war einer der ersten bekannten Stu­denten (der Theo­logie) an der Pariser Hoch­schule (vor der offi­ziellen Gründung der Uni­ver­sität). König Boleslaw der Kühne hat ihn als Ver­räter und Ver­schwörer zum Tode verurteilt. Er wurde als Hl. Stanis­laus der Schutz­patron Polens und Kra­kaus. Vincenty Kadlubek, Bischof von Krakau war Intellektueller. Er ging ins Kloster, um dort Bü­cher lesen und schreiben zu können. Er hat in der 2. Hälfte des 12. Jahr­­hunderts die erste Geschichte Polens,428 die 'Kronika Polonorum' verfaßt. Spä­­ter wurde er selig gesprochen.

Im 13./14. Jahrhundert studierten viele reiche Polen in Italien429 Jura, in Frankreich und Prag Theologie. Im 16. Jahrhundert studierten fast alle Polen (Angehörige des Adels und Bürgertums) in Italien; später dann in Deutschland. Die­ses Jahrhundert wurde als das 'gol­dene Jahrhundert' bezeich­net. In Polen entwickelte sich aus der 'Stände­monarchie' die 'Adelsdemokratie'; in West­europa dage­gen der Absolutismus. Das vorhandene Gleich­gewicht der Stände wur­de ge­stört. Aus Bauern wurden Untertanen, die Bürger erfuhren eine Min­der­ung ih­res Einflusses und ihrer Bedeutung. In der Gegen­reformation wurden dann die Jesu­iten aufgrund ihrer errungenen Macht­positionen Träger der Bildung.

Im 17. Jahrhundert befand sich die 'Lateinschule' in einer politisch-kulturellen Krise, eben­so die Universitäten. In dieser Barockzeit stand die 'Sarmatenkultur' sehr hoch, die Massenkultur aber niedrig. Am Ende des 17. Jahrhundert war bereits von Stanislaw Konarski eine Schule für Adlige, das 'Collegium Nobilium' gegründet wor­den. Im 18. Jahr­hundert entwickelte sich aus dem 'Colle­gium Nobilium' das Mittelschulsystem. Im 19. Jahr­hundert wurde nach Ende der Napoleonischen Ära in Kongreßpolen430 durch Grün­dung technischer Fach- bzw. Hochschulen die Ausbildung der tech­nisch­en Intelligenz gefördert.

Mit der Bildung der Universitäten ist ein wesentlicher Intellekt­ua­li­sie­rungs­pro­zeß ver­bunden. Man kann das Datum der Gründung der Krakauer Universität als den Beginn der ersten Phase eines bewußten Intellektuali­­sierungs­prozesses be­zeich­nen. Das Motiv für die Gründung der Universität Krakau war die Ausbildung von qualifizierten Juristen u.a. zur Moder­ni­sierung der Verwaltung des Königreiches sowie die Ausbildung von Me­di­zi­nern im eigenen Land. Eine Fakultät für Theologie war nicht vorgesehen, da Karl IV. der Uni­ver­sität Prag (gegründet 1348) das Monopol für Theolo­gie vor­be­halten hatte. Das Jahr 1364 kann damit als Beginn der Phase der bewußten Intel­lektua­lisierung der Gesellschaft zur Förde­rung handlungs­orientierten Wissens431 bezeichnet wer­den.

Die mit der Intellektualisierung verbundene Universitätsgründung kann zugleich als ein Ausdruck von Souveränität verstanden werden. Der König war das Ober­haupt432 der Uni­versität. In seinem Namen war zumeist ein Bischof Kanzler der Uni­versität. In Deutschland wurden in der Zeit deut­lich mehr Universitäten gegründet. Zunächst in Leipzig und Heidel­berg, insgesamt ca. zwanzig.

Im 18. Jahrhundert wurden Schulreformen durchge­führt. Die meisten Abgeord­neten waren Absol­venten dieser reformierten Schulen und traten für wei­tere Refor­men ein. Auch Kosciuszko hatte eine 'Ritter­schule' absolviert, die aber eher die Funktion einer Kadetten­an­stalt hatte. Diese Reformschulen stellten seit dem 18. Jahrhundert die Basis für eine hand­lungs­orien­tier­te Aus­bil­dung dar. In ihnen wurden die späteren Angehörigen der Intelli­genz ausgebildet. Die­se wiederum setzten sich für gesellschaftliche Reformen ein und damit ge­gen die Privilegien des Adels. Paral­lel dazu erfuhren die Universi­tä­ten in der 2. Hälf­te des 18. Jahrhunderts bis zu den Teilungen433 ihre Blüte­zeit. Eine wich­ti­ge Reformrolle spielten die Piaristen. Dieser Orden stand in gewisser Kon­kur­renz zu den Jesuiten. Letzterer Orden wurde 1772 in Polen auf­ge­löst. Auf­grund eines Sejm­­beschlusses wurde sein Ver­mögen zur Finanzierung der Schul­reform verwendet.

9. Die Phase der Teilungen - Emigrationen

Ein wichtiger an rationalem Denken und an gesellschaftlichen Reformen orien­tier­ter Poli­tiker war Staszic.434 Sein Ziel war es, das Schul- und Hochschulwesen zu re­for­mieren und auszuweiten. Im 19. Jahrhundert wurde unter ihm, dem ersten 'Kultusminister',435 die Bil­dung der tech­nischen Intel­li­genz gefördert. Die von Staszic geleitete Polnische Edu­ka­tions­kom­mission wurde 1807 unter na­poleonischer Herrschaft im Herzogtum War­schau gegründet. Die Universität Warschau war von Staszic nach der Tradition der 'Ritter­schu­len', den Kadet­ten­anstalten, 1795 gegründet worden.

Eine wich­tige Rolle hatte auch Hugo Kollataj436 inne. Er war Priester und Rektor der Ja­giel­loni­schen Uni­­versität Krakau und hat wesentlich zur Reform des Schul- und Hoch­schul­we­sens beige­tragen. Dem Reformprinzip entsprach, daß die Uni­ver­si­tät als 'Haupt­schule' das Gymnasium, die 'Mittelschule'437 kontrollierte438; diese wie­derum die 'Grund­schule'. In­nerhalb dieses Mechanismus ergab sich eine ge­wis­se Durch­lässig­keit zur Begab­ten­förderung - einer Basis des Intellek­tu­­alisie­rungs­pro­zesses.

Vor dem Ersten Weltkrieg gab es bereits in Kongreß­polen natur­wissen­schaft­lich­­ technisch aus­gerichtete Hochschulen.439 In Lem­berg und Krakau befanden sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts die beiden einzigen polnischsprachigen Universitäten.

Nach dem Novemberaufstand (1831) wurde die Warschauer Universität ge­schlos­sen. In dieser Zeit bildeten sich die Untergrund­uni­ver­sitäten. Wielopolski440 hat da­nach die Uni­versitäten als 'Haupt­schulen' wiedereröffnet. Nach dem Januar­auf­stand (1864) wurde sie eine kaiser­lich-russi­sche Universität. Russisch wur­de als einzige Unterrichtssprache zugelas­sen. Dies galt bis zur deut­schen Besetzung War­schaus im Ersten Weltkrieg.

Die­se nach dem Januaraufstand verfügte Russifizierung der Hochschulen ist im Zusammenhang zum Intellektuali­sie­rungs­prozeß sekundär. Sie hat aber eine wesent­liche Bedeutung für die In­ten­si­­vie­rung des antirussischen Abwehrkampfes und die Akzent­verla­gerung in der pol­nischen Intel­ligenz. Insbesondere die Rolle der Intellektuellen, der Schrift­steller, Maler, Komponisten und Wissen­schaftler wuchs.

Innerhalb der zweiten Phase des Intellektualisierungsprozesses erfolgt im 19. Jahr­hun­dert die wesentliche Zielorientierung der polnischen Intellektuellen an der kulturellen Auf­rechterhaltung der Identität der polnischen Nation und der Wie­der­erlangung staat­licher Existenz.

Die beiden Prinzipien, der Erhalt der Existenz der Nation und die Restitution des Staat­es prägten Ziele, Verhal­tens­weisen und Denken der gesam­ten polnischen Intelli­genz. Die Intellektu­ellen ord­ne­ten sich selbst dabei einen besonderen Stellenwert zu. Die in dieser Zeit bis zum Ersten Welt­krieg entstandene Literatur, Musik und Kunst hat bis heute einen her­ausragen­den politischen, aber auch psy­chisch-moralischen Stellenwert behalten. Auch das heutige Verhal­ten der Intelli­genz kann in wesentlichem Maße auf die Spezifika des gebro­chenen Staaten­bil­dungs­prozesses zurück­geführt werden. Beides, Erhalt der Nation und Restitution des Staates, prägte das Nations­be­wußt­sein der Intelli­genz. Dem entsprach auch der Wille, zu stu­die­ren. Man ging, um zu studieren u.a. nach Wilna, Kiew oder St. Peters­burg. Viele Po­­len begannen ihre Karrieren in Rußland oder in der KuK-Monar­chie. Sie gin­gen dort zumeist nach Wien.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das gymnasiale Schulwesen zwei­glie­­d­rig: Neben der offiziellen Schule existierte zusätzlich die Untergrundschule, der­en Betrieb in der Regel in pri­va­ten Räumen abgehalten wurde. In den preußischen Provinzen Posen und Westpreußen kon­nte sich ein (relativ) un­ab­­hängiges pol­nisch­es Schulwesen nur in kirch­licher Träger­schaft bilden. Es war stark kathol­isch geprägt und wesent­lich gegen den Ger­manisierungsdruck ge­rich­tet.

Auf dieser Basis entstand der national-polnisch geprägte polnische Kon­ser­vatismus. Sein Reprä­sen­tant war Dmowski. Im russischen Teilungsgebiet war das von der polnischen Intelligenz im Untergrund organisierte Bil­dungs­system gegen den Russi­fizie­rungs­prozeß gerichtet. Die Sozial­de­mo­kraten und Sozi­alisten hatten in die­sem östlichen Teilungsbereich ihre Schwer­punkte. Pil­sudski, der Gegenspieler Dmowskis,441 war zunächst Sozialist.442

Auf die Diskrepanz zwischen dem Nations­bewußtsein443 und der Ein­stellung der pau­perisierten bäu­erlichen Bevölkerung kann im gegebenen Zusammen­hang nicht eingegangen werden. Es sei aber darauf hingewiesen, daß polnische Migran­ten als Arbeiter in zumeist west­deut­schen Indu­strie­regionen zumindest ein star­kes polnisches Traditionsbewußtsein konser­vier­ten. Sie grün­deten z.B. polnische Gesang- oder Kleintierzuchtvereine. Oft waren sie, wie die Bergleute oder Eisen­bahner, berufs­spezifisch organi­siert. Beispiele lassen sich aus dem Ruhr­gebiet, dem Ber­li­ner Raum, aber auch aus Hannover anführen.

Um in Rußland Offizier zu werden, war die Konversion (zumindest nach außen hin) zur ortho­­doxen Kirche notwendig. Ein Pole konnte dann aber höherer Offizier und sogar Gene­ral werden, in Preußen Oberst.

Fürst Drucki-Lubecki,444 ein Zeitgenosse von Staszic, hat als Fin­anz­minister (im russi­schen Teilungsgebiet) Banken gegründet; er war bereit, loyal mit dem zar­istischen Rußland zusammen­zu­arbeiten. Wirt­schaft hatte für ihn die Funktion ei­ner Waffe im nationalen Un­ab­hängigkeits­kampf. Bis heute gibt es in Polen ei­nen Streit darü­ber, ob dieser Intellektuelle in seinem rationa­len und ziel­ori­en­tierten Han­deln als Verräter oder als Held zu beurteilen ist. Er ist vergleichbar mit Alexander Wielopolski. Dmowski hat ihn später geehrt. Er wollte die Tradition Drucki-Lubeckis und Wie­­lo­polskis fortset­zen durch eine nach Westen hin orien­tierte rationale Poli­tik. Sein Gegen­spieler Pilsudski setzte sich aber durch. Er, der frühere Sozialist, der später höchst pragmatisch und machtorientiert re­giert hat, stand eher in der nach Osten hin orientierten 'jagiellonischen' Tradition.

Vor­bild des sozialen Lebens in Polen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert war nicht der Unter­nehmer, sondern der Roman­­schriftsteller. Die von Sienkiewicz verfaßte Tri­lo­gie ist in Polen sehr populär und wird als Nationalliteratur445 bis heute als Pflichtlektüre an den Schu­len gelesen. Sien­kiewicz wurde als nationaler Pro­phet anerkannt. Sein Roman 'Die Kreuzritter' war als historisch-psycho­lo­gische Waffe gegen die Germani­sie­rungs­politik ge­dacht. Die in den sechziger Jahren erfol­gte Verfilmung wurde seitens des sozialistischen Staates gegen den 'deut­schen Revanchis­mus' instrumentalisiert. Der Freiheitsroman 'Quo vadis' wurde in viele Sprachen über­setzt; Italie­ner, Griechen, Rumänen etc. identifizierten sich damit. Sienkiewicz, Wyspianski und Prus setzten die Phase des Romantismus fort.

Die polnische Intelligenz strebte nach Größe, Heroismus und Heldentum. Ein Schrift­steller (wahr­schein­lich Sienkiewicz) formulierte: 'Unglücklich das Land, das keine Helden hat'; dagegen Brechts Gali­lei: 'Unglücklich das Land, das Hel­den nötig hat.' Witold Gom­browicz hat Sienkiewicz später ein hohes Maß an Schuld beim Niedergang Polens zugewie­sen.

Der historische Zusammenhang besteht im von der Intelligenz getragenen natio­nal­en Abwehr­kampf, der intellektuell und ökono­misch ausgetragen wurde, in dem aber auch die Bauern seit 1794 eine zunehmende Rolle spielten. Die polnische Intelligenz stellte dadurch eine gesell­schaft­liche Ge­gen­­­­macht gegen die Teiler­mächte dar. Dies gilt im öster­reich­ischen Teilungs­ge­biet in relativ höherem Maße. Im preußischen Teilungsgebiet gab es keine pol­nischen Hochschulen.

Eine besondere Rolle im Zusammenhang mit der Gründung von Hoch­schulen und Aka­de­mien (bereits in der Gründungsphase in Kongreß­polen, vor allem aber seit Gründung der Zweiten Re­publik 1919) hatten die Rückwanderer inne. Die Pro­fessoren der neu gegründe­ten Hoch­schu­len waren in der Regel Absolventen ausländischer Hochschulen. Im 19. Jahr­hundert hatte sich der Aus­wanderungsdruck der polnischen Intelligenz nach 1831 und nach 1864, also nach den beiden großen Aufständen verstärkt. Der Histo­ri­ker Le­lewel,446 (Universität Wilna), emigrierte z.B. nach Paris und später nach Brüssel. Hauptsächliches Ziel der Emigranten, die als Folge der Auf­stände fliehen mußten, war Paris. Dazu gehörten z.B. die Humanisten Mickiewicz, Slo­wacki und Chopin:

»Während der Dichter Adam Mickiewicz mit seinen 'Büchern der polnischen Nation und der polnischen Pil­gerschaft' (1832) und dem National­epos ›Pan Tadeusz‹ (1834) ebenso wie der Kom­ponist Frédéric Cho­pin mit sei­ner den polnischen Nationalcharakter verherrlichenden Mu­sik um Sympathie für ihr ge­teil­tes Land warben, ... wurden als Höhepunkt der Polen­begeiste­rung der deut­schen Liberalen die pol­ni­schen Redner, unter ih­nen Krepowiecki enthu­si­ast­isch auf dem Hambacher Fest (1832) gefeiert ...«.447

Zu den der technischen Intelligenz angehörenden Emigranten gehört Ignacy Domej­ko. Er emi­grierte nach Chile und hat die bis heute größte Brücke Latein­ame­ri­­kas gebaut. Er begründete in Chile das Bergbauwesen und wird dort als Natio­­nal­held angesehen. Nach Nordamerika emi­grier­ten polnische Ingenieure, die z.B. Spezialisten für den Eisen­bahn­bau waren. Es emigrierten also nicht nur Landarbeiter oder Bau­ern aufgrund des Pauperismus.

In Sibirien waren polnische Geologen, Geographen und Ingenieure tätig. Zumeist wa­ren sie Absolventen pol­­­nischer Hochschulen. Sie arbeiteten bzw. lehrten z.T. in Uni­versitä­ten bzw. Hochschulen wie in St. Peters­burg. Manche waren poli­tische Häft­linge oder als Opfer von Ver­bannungen aufgrund ihrer Teilnahme an den Auf­ständen oder Re­vo­lutio­nen448 nach Rußland ge­kommen. In vielen Fällen wurde ihnen von der zaristischen Admini­stration die Rückkehr nach Verbüßung einer Strafe ver­sagt. Sie mußten bleiben, konnten un­ter den gegebenen Umständen aber ar­beiten und forschen. Ein Forscher, der Geo­lo­ge und Botaniker Józef Przewalski,449 hat in der Mongolei die nach ihm benannten Wild­pferde ent­deckt.

Über die Situation im 19. Jahrhundert schreibt Chalasinski:

»Die gesell­schaftlich politische De­gradierung großer Teile des Land­adels infolge der politischen Kata­strophe, des Untergangs des Staates und der ... Aufstände, die eine Beschlag­nahme adliger Landgüter zur Folge hatten, die Degradierung der Gutsbesitzer, ihrer Macht und ihrer gesell­schaftlichen Bedeutung durch die Ab­­schaf­fung der Leibeigenschaft, die Degra­dierung infolge der Ver­ar­mung, die beim Übergang von der Fronhof-Wirtschaft zur kapi­tal­is­tischen Wirtschaft her­vor­­gerufen wurde - dies alles ergibt ei­nen gewal­tigen Fakten­komplex, den man bei einer Struktur­analyse der pol­nischen Intelli­genz beachten muß. … Die polnische Intelligenz formte sich aus dem polnischen Adel in der Zeit seiner öko­­nomischen, gesellschaftlichen und politi­schen De­gra­dierung. Die Emigration des Landadels in die Stadt hatte kein eroberndes Gepräge, es war keine er­obern­de Expansion, sondern eine Flucht vor dem ge­sellschaftlichen und kul­tu­rel­len Bankrott. Man flüchtete in die Stadt aus einem Selbst­erhaltungs­trieb, um die bedrohte ge­sellschaftlich-geistige Position zu retten. Man flüchtete in die Stadt ... mit einem Gefühl der Ohnmacht angesichts des neuen sozialen Pro­zesses, die das Dorf nach der Aufhebung der Leib­eigenschaft beweg­ten. Man flüch­­te­te, weil man nicht fähig war, an diesen Prozessen teilzuneh­men und in Er­­man­gelung des Verant­wor­tungs­gefühls450 für sie. ... Auf diese Weise entstanden in der Stadt adlige Ghettos, periphere Ent­schei­dun­gen, ohne Bedeu­tung für die kapitalistische Struktur der Stadt. Es waren An­häu­­fungen der Schiffbrüchigen und Flüchtlinge aus den Kreisen des Landadels. Ge­wiß, ein Teil von ihnen waren Ele­mente, die ein geistiges Betätigungsfeld such­ten, aber auch sie folgten mehr ihren traditionellen adligen Liebhabereien, ih­rem Interesse für Literatur, Kunst und selten­er der Wissenschaft. … Dabei muß betont werden, daß sowohl diejenigen, die in die Stadt als dem Mittel­punkt des sozial-kulturellen Lebens streb­ten, als auch diejenigen, die in die Stadt flüchteten, um sich in den 'Guts­herren-Ruhestand' zu begeben, ein ge­mein­samer psycho­lo­gischer Zug auszeichnete, der für das Begreifen der sozial­psy­­cho­lo­gi­schen Struktur der städtischen Intelligenz in Polen sehr wesentlich ist. Es war die Angst vor dem Verbauern, der Wunsch, die Kinder vor nicht­stan­des­gemäßen Be­rufen zu schützen.«451

Die wissenschaftliche Intelligenz konnte sich in Polen im 19. Jahrhundert auf­grund unzurei­chen­der wirtschaftlich-technischer Entwicklung nur begrenzt her­aus­bilden und faktisch nicht etablie­ren.452

»In verschiedenen Staaten, wie etwa in England, Frankreich oder Polen werden die Intellek­tu­el­len deut­licher vom Adel beeinflußt als beispielsweise in den deut­schen Kleinstaaten. Ort intel­lek­tuel­ler Diskurse bleibt lange der vornehme Salon als das universitäre Seminar.«453

Da die Herausbildung beruflicher Macht der Teilermächte in deren Zentren ge­för­dert und konzen­triert wurde, war der Prozeß der Legitimierung physischer wie symbolischer Gewalt nur begrenzt unter spezifischen Bedingungen möglich. Eine moralische abge­lei­tete Gegen­legi­ti­ma­tion erfolgte in den entsprechenden Fi­gu­ra­tionen im Untergrund wie im Exil­. Sie hatte zugleich eine Ersatz­funktion für die Nation.

Es kann die These formuliert werden, daß die Ausbildung kritisierender, in Uto­­pien denkender Intellektueller, bis 1918 primär auf die Nation ge­­richtet war. Sie war damit als spezifisch polni­sches utopisches Denken gegen die fremde, äußere ungerechte Macht ge­richtet, nicht aber ge­gen die innere (so­ziale) Ungerechtigkeit. Im Gegenteil, es liegt eine spezifische Ambivalenz vor in dieser großen Spannungsfiguration und ihren mehrfachen Ebenen.

Es wird in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den dem polnischen Ra­ti­o­nalis­mus zuzu­ordnenden Intellektuellen die Notwendigkeit erkannt, eine wissen­schaf­t­liche tech­nische Intelli­genz in Polen auszubilden (Staszic, Wielopolski) sowie einen eigenen (natio­na­len) Indu­stria­li­­sie­rungsprozeß einzuleiten. Ein charak­ter­ist­isch­es Beispiel für die Heraus­bil­dung der technischen Intelligenz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist Cegielski. Er war ursprünglich Gymna­sial­lehrer für Grie­chisch und Latein. In den achtziger Jahren gründete er in Posen als Ant­wort auf die preußische Ger­mani­sierungspolitik eine Maschi­nen­­fabrik. Sie be­steht bis heu­te. Ihren Namen Cegielski-Werke hat sie 1956 zurück­erhalten. Im Raum des preuß­isch­en Teilungsgebietes wurde der nationale Abwehrkampf in höher­em Maße öko­no­misch geführt, als im russischen.

Andererseits bedeutet die Migration tech­nischer Intelli­genz aus diesem dreifachen Peri­phe­rieraum, den Polen bis zum Er­sten Weltkrieg darstellt, in die jeweiligen Zen­tren einen 'brain-drain', der die politische und nationale Ge­gen­macht stärkte. Kon­terkariert wird dieser jedoch durch die Auf­recht­er­hal­tung der Identifikation mit der Nation. So erfolgt denn auch ab 1919 eine Rück­­wan­derung emi­grierter Wis­sen­schaftler - auch von Facharbeitern und anderen Indu­strie­ar­beitern - in den neu ge­bil­deten Staat, der zunächst zwei Jahre im Osten und Süd­westen (Ober­schle­sien) um seine Grenzen kämpfte.

Durch die Verwirklichung des Traumes von der Staatsbildung wird zugleich der über ein Jahrhun­dert dauernde Kampf auf der Basis symbolischen Wissens legi­ti­miert. Das eine Ziel wurde er­reicht. Das andere, die Einheit der Nation, bleibt Vi­sion. Der Versuch, die Vision polnischer Intel­lektueller von der 'einen pol­nisch­en Nation' in der Gesellschaft der Zweiten Republik umzusetzen, erweist sich als Illusion. Das logische Mittel, die Polonisie­rung der Minderheiten, fordert de­ren Widerstand heraus und erweist sich als kontraproduk­tiv für den neuen Staat.

Hervorzuheben ist der Anteil literarischer, musischer und künst­ler­ischer Intel­lek­tueller. Diese intel­lek­tuelle Bildungselite hat es in Polen in hohem Maße ver­mocht, in ihren Utopien die ganze Ge­sell­schaft auszurichten.454 Ein Gegensatz zwischen technischer Intelligenz und kritischen Intel­lek­tu­ellen bildet sich in Polen, vergleichbar den Niederlanden,455 aufgrund der Über­klam­mer­ung durch die Nationalutopien nicht heraus.

Im wechselseitigen Intellektualisierungsprozeß werden die in die Gesellschaft inte­grier­ten jüdi­schen Migranten und ihre Nachkommen von 'beiden Seiten' re­kla­miert. Juden, die in die Intelli­genz aufgestiegen waren, sind in der Regel den Intel­lektuellen zuzuordnen (Ju­ris­ten, Ökonomen, m.E. Mediziner). Zugleich stellt das Problem intellektueller Migran­ten­fa­mi­lien ein polnisch-israeli­sches Tabuthema dar.

In einer besonderen Situation befinden sich die Theologen: Nur ein Segment kann als Intellektu­elle verstanden werden. Bis heute werden die Priester eher seminaristisch ausge­bildet. Sie ha­ben keinen unge­hin­der­ten Zugang zum Wissen. Es war bisher völlig problem­los, sie als Träger spe­ziell ausgesuchten und dogmatisch orientieren Wissens auf ihren Beruf vorzubereiten. Wenigen Intellektuellen wurden die machtrelevanten Posi­tionen in der Kirche vorbehalten.

10. Die Zweite Republik - Intellektualisierung, Beginn industrie­gesell­schaftlicher Entwicklung

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Polen relativ wenig Hochschulen.456 Der wiedergebil­dete pol­ni­sche Staat, die Zweite Republik, wollte Polen zu einem Indu­strieland aus­­bauen und mußte die Menschen entsprechend qualifizieren. Die Ent­wickung der technischen Intel­ligenz wurde des­halb stark gefördert. Rei­che Leute haben zuvor im Ausland studiert. Die Professoren waren in hohem Maße Rück­wan­derer aus dem zumeist (westlichen) Ausland: aus den USA, Groß­bri­tan­nien, Deut­sch­land, Frankreich, Schweiz. Ihr Motiv wird in Polen in der Regel mit Pa­tri­o­tismus angegeben.457

In Polen dominierten bis zum 19. Jh. die humanistischen Wissen­schaften, vor allem die Geschichts­wissenschaft. Vornehmlich die Historiker verstanden sich als Träger nationaler Identi­tät. Langjähriger Forschungs- und Streitgegenstand - insbesondere zwischen der 'Kra­kauer' und der 'Warschauer Schule' - war die Ausein­an­der­setzung um die Frage von Ursache und Schuld am Nieder­gang Po­lens. Es handelte sich wesentlich um die Frage: Waren die Teilungen primär das Verschulden 'der Polen' selbst, also des Adels auch der Intelligenz oder waren es primär äu­ßere Ur­sachen aufgrund der Übermacht der Teilermächte. Seit dem Ersten Welt­krieg hat ein Wandlungsprozeß bezüglich des Stellenwerts der Wissenschaften stattgefunden.

Nach dem Ersten Weltkrieg hat sich ein entscheidender Wandel in der polnischen Intel­li­genz voll­zogen, da sie Funktionen im Staats­apparat übernahm. Es wuchs vor allem die Experten­intelli­genz. Gleichzeitig stieg der Anteil der Arbei­­ter- und Bau­ernkinder auf ca. 30% an.458 Die tech­nische Intelligenz der polnischen Rückwanderer spielte eine große Rolle bei der Neu­grün­dung von Universitäten nach Gründung der Zweiten Republik 1919. Pil­sudskis während des Ersten Welt­krieges aufgestellte Legionen umfaßten alle sozia­len Schichten und Nationalitäten, auch Ju­den. Sie stellten die Kader für das Offi­zierskorps in der Zweiten Repu­blik.

11. Der Zweite Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkrieges erfolgte seitens der deutschen Okkupanten die versuchte Vernichtung der Intelligenz als Schicht. Die Verluste betrugen ca. 30%.459 Insge­samt hat Polen ca. sechs Millionen Menschen verloren, darunter ca. drei Millionen Juden. Ein erheb­licher Teil der Intelli­genz verblieb im Lande, arbeitete und kämpfte im Untergrund und übte mili­tärischen und poli­tisch­en Widerstand. In der Tradition des 19. Jahrhundert arbeitete man im Unter­grund auch im Bereich Bildung und Kultur. Kriegs- und Nachkriegszeit wirkten in hohem Maße prägend.460 Kwasniewicz461 führt dazu aus:

»During the World War II the Polish intelligentsia su­stained heavy losses. The invaders, both Nazi Germany and stalinist Soviet Union were conscious of the ideo­locical power of the intelli-gent­sia in the nation's struggle to retrain political independance. For this reason, the intelli­­gent­sia members were exter­mi­nated with particular brutality. Only about 60 Per­cent of them sur­vived the war. In addition, due to the war conditions, many people belonging to intelligentsia found themselves abroad and did not decide to return to Poland after 1945.«

12. Die Volksrepublik Polen: Die dritte Phase der Intellektualisierung

Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich eine Umgestaltung der Intelligenz, so daß ihr nur mehr die Möglichkeit blieb, unter der Führung der kommu­n­ist­ischen Partei gesellschaft­lich aktiv zu sein. Die polnische Regierung benötigte Experten, die auch politisch für die sozia­list­ischen Ideen eintraten und damit geeignet waren, für Volkspolen, wie es nun ge­­nannt wurde, einzutreten.462

Dies gilt aber nur für einen Teil der Intelligenz. Viele versagten sich bewußt dem neuen sozialis­tischen System. Diejenigen, die im Lande blieben, begaben sich in eine Art innerer Emigration.463 Oft hatten sie von den die Macht aus­üben­den Kommunisten keine Chance für eine berufliche Karriere erhalten. An­dere emigigrierten wieder in der Phase 1947/48, also nach Stabili­sie­rung der kom­mu­nistischen Herrschaft. Wieder andere beabsichtigten 1945 zwar im Prinzip zu­rück­­zu­keh­ren, warteten aber zunächst ab. Sie blieben oftmals endgültig in den USA oder Großbritan­nien.

Aufgrund des Bedarfs an Kadern wuchs die Zahl der Qualifi­zierungen. Die Zahl der studierenden Bauern- und Arbeiterkinder erhöhte sich. Zur heutigen Intelligenz werden diejenigen gerechnet, die mindestens 'mittlere' Ab­schlüsse464 ha­ben, in der Regel mindestens Abitur. Zu den Intel­lek­tu­el­len werden Wissen­schaftler und Philoso­phen gerechnet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zwei Synonyme für die neue Intelligenz: die 'Stroh­­intelligenz' und die 'Spagatintelligenz'.465 Sie entstammten bäuer­lichen Fami­lien. Diese hatten (im Winter) noch Stroh in den Schuhen. Außer­dem unter­stellte man, daß sie nicht mit Messer und Gabel um­gehen konnten. Es war eben­falls ein Synonym für ihre bäuerliche Her­kunft. Man versuchte, über ein Bonussystem die Nachteile der sozialen Herkunft (Bau­ern oder Arbeiter) zu kompensieren. Zulas­sungs­kriterien waren: a) die Abitur­no­ten, b) die Be­urteilung durch den Kommunistischen Jugend­verband und c) die Her­­kunft. Aus Gründen möglicher Überkompensa­tion sozialer Benach­tei­ligungen wur­den von den Prü­fungs­kommis­sio­­nen diesen Kandidaten in manchen Fällen schwie­­rigere Fragen gestellt und dadurch eine leistungsorientierte Auslese durchgeführt.

Der Intellektualisierungsprozeß wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auf drei Ebenen ge­för­dert:

  1. durch Ausbau des allgemeinen Schulsystems;466

  2. durch einen Ausbau des Hochschulwesens u.a. durch Neugründungen;

  3. durch Neugründungen technischer Fachschulen.

Ziel war es, über Qualifizierung Polen zu einem Industriestandort auszubauen. Golczewski und Reschke führen über die Intelligenz der Nachkriegszeit aus:

»Die Pro­fessio­nalisierung und strukturelle Differenzierung der pol­nisch­en Intelligenz hat sicher­lich nicht unerheblich dazu beigetragen, daß diese so­ziale Schicht im Hinblick auf ihre ur­sprünglichen Füh­rungs­ansprüche erheb­liche Abstriche zugunsten der politischen Machtelite machen mußte. Markie­wicz467 schreibt in diesem Zusammenhang (S.208): ›Der politische Rea­lis­mus der mo­der­nen pol­nischen Intelli­genz hat seine objektiven Gründe im Umstand ihrer weit­gehenden und ständig fortschreitenden Diffe­renzierung, die dieser Schicht die Möglichkeit ent­zogen hat, als eine ein­heitliche und selbständige politi­sche Kraft aufzutreten und sich dieser oder jener Art, unabhängig vom Charakter des bestehenden Sy­stems und der herr­schen­den so­zialen Klassen, zu betätigen.' Die zunehmende Pro­fessio­nalisierung von Intelli­genz­berufen, die das ur­sprüng­lich gel­tende Vor­bild eines 'allgemein gebildeten Mannes' zurück­­ge­drängt haben, legt es daher auch nahe, die ein­zelnen Intelli­genz­gruppierungen im folgenden an­hand be­ruflicher Kategorien kurz zu be­schreiben‹468 … Die erste Gruppe der polnischen Intelligenz bildet die sog. 'kreative Intelligenz' (Schrift­steller, Künstler, Schauspieler, Journalisten usw.), einschließ­lich von Wis­sen­schaftlern an Hochschulen und anderen Institutionen. .... Eine zweite Schich­tung bildet der Teil der pol­nischen Intelligenz, der aus seinen hohen be­ruf­lichen und fachlichen Qua­lifikationen Einfluß und Pre­stige ableitet. Die tech­­nische Intelligenz mit akademischer und höhe­rer Berufsausbildung gewann im Zuge der Industrialisierung des Landes zunehmend an Bedeu­tung. Sie ... fühlt sich oft durch Entschei­dun­gen des bürokratischen Apparates nicht nur in ihrer Tä­tigkeit behindert, sondern darüber hinaus auch in Widerspruch zu ihrer ei­gen­en, auf wissen­schaftlichen und technischen Fortschritt aus­ge­richteten Ideo­logie gesetzt. Eine zahlenmäßig kleinere, an den planwirtschaftlichen Ent­schei­dun­gen jedoch wesentlich stärker beteiligte Gruppe bilden Wirtschaftsmanager, die sich zuneh­mend aus Absolventen von Hoch­schulen ... rekrutieren. Es ist eine im Wachstum begriffene Gruppe, die ... in ihren Vorstellungen mit dem Modell ei­ner bürokratisch gelenkten zentralen Planwirtshaft nicht voll übereinstimmt, son­dern zu ei­nem neuen Wirtschaftsmodell neigt. Die wachsende Kom­plexität des Wirt­schaftslebens verstärkt ihre Rolle im Entscheidungs­prozeß und gibt ihr die Chan­ce, die anstehenden Entschei­dungen in ihrem Sinne zu beeinflussen.«469

Die positive Haltung der Linken gegenüber dem sozialistischen Polen beschreibt Andrzej Szczy­piorski:

»Noch in der Vorkriegszeit war die polnische Intelligenz mit dem Lager der gesell­schaft­lichen Linken verbunden. … Man sollte nicht vergessen, daß Polen seine 1918 wiedergewonnene Unabhängigkeit gerade den Aktivitäten der Linken und nicht der Rech­ten, die an eine solche Möglichkeit nicht glaubten, verdankte. … Nach 1945 war die polni­sche Intelligenz die einzige Schicht, die … diese soziale Umwälzung unter­stützte. … Die Tatsache, daß Polen ein sozialistisches Land geworden ist, hat keine besonders große Bedeu­tung, am wichtigsten ist, daß es überhaupt existiert.‹ Für die Lehrer, Ärzte war deren Tätig­keit notwendig, um die Existenz des Volkes zu sichern. ›Es unterliegt keinem Zweifel, daß jede Handlung dieser Art objektiv die kom­mu­nistische Regierung in Polen stärkte.«470

Mit dieser Unter­­stützung meint Szczypiorski nicht nur die von den Kommunisten so ›diskreditierte berufliche und gesell­schaftliche Aktivität der Intel­ligenz‹.

… »Meiner Meinung haben die sogenannten geistigen Eli­ten den poli­tischen Um­sturz bewußt unterstützt. Sie glaubten wirklich, daß er sich im Namen der gesellschaftlichen Gerech­tigkeit und menschlichen Freiheit vollzöge und daß diese nicht erst durch den Natio­nal­sozialis­mus, sondern bereits durch den schwachen und habgierigen polni­schen Vor­kriegs­kapitalismus verletzt worden sei.«471

In seinen Ausführungen charakterisiert Szczypiorski deutlich die frühen Positionen ei­nes großen Teils der Intellektuellen der Nachkriegszeit, aber auch schon die der Zwischen­kriegszeit. Er recht­fertigt damit die Haltung einer großen Gruppe der gesamten Intelligenz als Träger des Umwäl­zungs­prozesses der Nachkriegszeit in der polnischen Gesellschaft, nicht ohne hinzuzufügen, daß deren Denken ›ein schwerwiegender Fehler‹ gewesen ist. Als großes Problem erkennt er, ›daß die kollektivistische Zivilisation die Negation der indivi­dualistischen Zivilisation bedeutete, in der die polnische Gesellschaft erzogen wurde.‹ (ebd.) Kennzeichnend für die Intellektuellen ist, so Szczypiorski, ihr Fideismus. ›Haben sie dem alten Glauben abgeschworen, sichern sie oft ge­waltsam nach einem Neuen. Als Ersatzglaube galt ihnen damals die neue kollektivistische Zivili­sation, die in der Überzeugung ihrer An­hänger eine neue Welt schaffen und eine neue Ordnung herzustellen vermochte‹ (S.41).

Er gibt damit eine deutliche Stellungnahme aus eigener Involviertheit heraus: die Selbst­be­schrei­bung einer Gruppe, ihren Glauben, die Rechtfertigung für Machtpartizipation als nationale Not­wen­dig­keit, die Recht­fertigung für den Glaubenswechsel. Die jeweilige Situa­tion als positiv gewer­­tet. Voraussetzung für die positive Wertsetzung ist aber, daß man sie rechtzeitig wechselt. Er knüpft an klassische Konflikt­lagen für nahezu alle Angehörigen intellektueller oder Funktions­eli­ten als Folge wechselnder Machtbalancen an. Inso­fern ist seine Deskription als definito­risches Beschreibungsmerkmal einerseits nur begrenzt geeig­net, andererseits aber charak­teris­tisch für die Dynamik des Wech­sels der Machtbalancen und die Höhe des Spannungs­niveaus der Gesell­schaft.

Szczypiorski beschreibt die in der Nachkriegszeit überwiegend linken Intellektuellen - zu denen er sich selbst zählt - ohne sie macht­­spezifisch oder auch bezüglich ihrer Zuordnung zu den jewei­ligen Eliten zu differenzieren. Damit repräsentiert er ein Manko der Intellek­tuel­len in deren Selbst­beschreibung, wie auch der polnischen Soziologie. Auch Szacki z.B. blendet diese Kategorien aus. Der machtspezifische wie soziohistorische Zu­gang stellt einen wenig berührten Forschungs­gegen­stand dar.

Die positive Wirkung des Intellektualisierungsprozesses der Nachkriegszeit hebt Mar­kiewicz her­vor:

»Der politische Aufstieg der … Arbeiterklasse bewirkte die revolutionären … Wandlungen in der Lei­stungs­struk­tur … in Richtung ihrer Demokratisierung; er beschleunigte im gleichen Maße wie … die kul­turelle und die Bildungsrevolution fortschritten, die Steigerung des Zivili­sa­tionsgra­des und der ma­te­ri­el­len wie intel­lek­tuellen Möglichkeiten und Wünsche der ehemaligen Proleta­rier; er veränderte von Grund auf die Bezie­hungen zwischen den Klassen, Schichten … und demzufolge auch die Psyche des pol­ni­schen Volkes.472 ... »Ein charakteris­tisches Entwick­lungs­merkmal der Intelligenz während des 40­jäh­ri­gen Bestehens der VRP ist neben ihrem quantitati­ven Wachstum der dynamische Prozeß der Dif­fe­ren­zie­rung ihrer inneren Struktur …die Profes­sionalisierung … unter dem Einfluß des technischen und gesell­­schaftlich-ökono­mischen Fort­schritts« (S. 14).

13. Ausbildung der technischen Intelligenz und Industrialisierung

Zur Problematik der Interdependenzbeziehung zwischen der Industrialisierung und der dafür not­wendigen Intellektualisierung sowie andererseits der Problematik der Verhaltensweisen der Codi­ces der Szlachta­gesell­schaft vertritt Bochenski bezüglich der Endphase des 18. und etwa dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Novemberaufstand folgende Positio­nen:473 ›Sien­kie­wicz hat in seinen Werken den Kampf verherrlicht, es gab aber keinen bedeu­tenden Schrift­stel­ler, der auf dieselbe Weise die Arbeit, die Technik, den Fortschritt verherrlicht hätte.474 Die größte Gefahr für das angesammelte Kapital der Kaufleute und Bürger ist: es wurde nicht für die Inves­­ti­­tionen im Bereich der Industrie und Technik ver­wendet, sondern für die Verwirklichung des Trau­mes der Bür­ger, d.h. für die Assimilation mit der Szlachta. Die Privilegien, der soziale Status, der Lebensstil der Szlach­ta waren für das polnische Bürgertum anziehender als die Mög­lich­keiten der Investitionen des Kapi­tals in die Industrie. So wurde das meiste Kapital nicht für die Industrie, sondern für Kunst und Kultur verwendet (S. 45).

In der polnischen Geschichte gibt es nur wenige Adlige, die begabt, fortschrittlich ge­sinnt und aktiv wa­ren und sich dadurch vom Durchschnitt deutlich abhoben. Ihre Namen sind in Verges­sen­heit geraten, und der durchschnittliche Pole kennt nur jene, die sich für Kultur oder Kampf ver­dient gemacht haben (S. 47).

»Floß das Kapital in den Bau von Werkstätten, für die Entwicklung der Technik? Nein. Das mei­ste Geld wur­de verschwendet und vertrunken. Der Rest ging für Kunst und Kultur, für die Wirt­schaft blieb nichts mehr übrig.« (S. 49)

Damit sich die Industrie ent­wickeln kann, braucht sie den Schutz des Staates. In Polen hat sich der Staat um die Entwicklung der Industrie nicht geküm­mert. Den Grund sieht er in der all­gegen­wärti­gen Hegemonie der Szlachta, die gegen die Indu­strie war, die keine Steuern zahlen wollte und die alle Initia­tiven ver­hinderte. (S. 95) In der polni­schen Geschichts­schreibung, in Enzy­klo­pä­dien und anderen Werken wimmelt es von Bio­gra­phien der Dich­ter, Schriftsteller, Künstler und Kämpfer, nur selten findet man aber Biographien von Leu­ten, die sich um die Entwicklung der Industrie verdient gemacht haben. (S. 150)

Es blieb eine einzige Möglichkeit zur Rettung der Nation: es war das Programm des Rationalis­mus, der Arbeit, der Wissenschaft, der Technik der Industrialisierung. Nur wenige sahen das ein. (S. 221) »Der Staat­liche Kartographische Verlag hat unzählige Karten polni­scher Schlacht­felder veröffentlicht. Ist es nicht richtig? Doch, es ist sehr richtig. Aber es scheint mir, daß man der pol­nischen Jugend nicht nur Karten der Nieder­lagen und des Kampfes, sondern auch Karten des Sieges zeigen sollte – die Karten der Arbeit, der Pro­duktion, der Maschinen.« (S. 241)

Kosciuszko wurde zum Symbol des Freiheitskampfes und der Auflehnung gegen ein Vakuum der Träume und des Pessimismus. Dieses Vakuum spürte jeder Patriot nach dem Verlust eigener Staat­lichkeit durch Polen. Kosciuszko versuchte, dieses Vakuum mit be­waffnetem Kampf aufzu­fül­len und stellte sich an die Spitze der Nation, die seit 200 Jahren nicht mehr kämpfen wollte und die zum Kampf nicht mehr fähig war. Auch Staszic fühlte die Gefahr dieses Vakuums und ver­suchte, dagegen anzukämpfen, jedoch nicht mit der Waffe in der Hand, sondern durch die Förde­rung der Industrie und des technischen Fort­schritts. Konnte die Erlösung der Nation von der Ar­beit kommen? Wir wissen es nicht, denn Staszic konnte seine Ideen nicht in die Tat umsetzen. Die Schuld daran tragen nicht die Teilungsmächte, sondern die Romantiker und ihre Propaganda. Kosciuszko hat viele Denk­mäler, eine Reihe von Straßen und Plätzen trägt seinen Namen; die Verdien­ste von Staszic wurden aber nie genügend gewürdigt. (S. 254)

Für die junge polnische Intelligenz gab es kein klar abgestecktes Ziel. Staszic hat den einen Weg ge­zeigt, Mickiewicz und die Romantiker den anderen. Es war nicht möglich, den Gedichten von Mickiewicz zu widerstehen. Zweitens waren die guten und die schlechten Eigenschaften der Szlachta in der polnischen Mentalität stark verwurzelt, und so folgte die junge Intelligenz dem Aufruf von Mickiewicz und blieb im Dienst der Romantik bis in die Zeit des Positivismus hinein und noch länger. (S. 313)

Die polnische Romantik schuf das Bild des ›verhaßten Fabrikanten‹, verurteilte ›das Glas des Weisen‹, verhöhnte die Sorgen um die materielle Seite des Lebens. In den Werken polnischer Romantiker kam die Erlösung der Nation vom Gefühl, nicht von der Arbeit. Die gefühlsbetonte Romantik vernichtete den rationellen Plan von Staszic, Soltyk und vielen anderen - es war der Plan der Wiedergeburt der Nation durch die Entwicklung der Technik und Industrie (S. 314).

»König St. A. Poniatowski sah ein, daß das Fehlen des nationalen Ehrgeizes und die Gleich­gül­tigkeit ge­gen­­­über dem Schicksal des Staates an dem Untergang Polens schuld waren. Er wollte die Vater­lands­lie­be aufs neue aufblähen lassen durch die bewußte Erziehung. Das ist ihm gelun­gen. Warum aber lehrte er nur Ehrgeiz und Stolz und keine Disziplin? Die Welle des Egois­mus in der Regierungszeit der Sach­sen­könige lähmte alle Kräfte der Nation. Die Welle der Vater­lands­liebe hat dann starke, jedoch un­ver­nünf­tige Kräfte zum Ausbruch kommen lassen.« S. 324

Zur Problematik der Trägerschaft von Entwicklung führt Bochenski aus:475

»Wer konnte die Entwicklung der Industrie in Polen tragen? Die wichtigste Schicht, die Bauern? Nein, denn sie hatten keine Ausbildung und kein Kapital. Das Bürgertum? Nein, denn das pol­nische Bürger­tum war erst im Entstehen begriffen, hatte kein Geld und keine Ausbil­dung. Die Intel­li­genz? Nein, denn sie war zwar ausgebildet, hatte aber kein Geld und keine Lust in der In­du­strie zu arbeiten. Die Szlachta? Nein – sie war zwar ausgebildet und hatte Geld genug um in­ves­tie­ren zu können, hielt jedoch die Arbeit in der Industrie für eine Schande. Wer also sollte die Indu­strie in Polen aufbauen? Entweder Juden oder Ausländer« (ebd.).476

Bis auf wenige Ausnahmen hielt sich die Szlachta bis Mitte des 19. Jahrhundert von der Industrie und vom Handel fern. Beides galt ihnen als unwürdig. Es war auch ›unehrlich‹, durch Industrie oder Handel reich zu werden. Noch im 19. Jahrhundert verbot es der Ehrenkodex der Szlachta, anders als nur durch Heirat oder Landwirtschaft reich zu werden. (S. 22) In der zwölfbändigen Allgemeinen Enzyklo­pädie finden wir z.B. zwei Wysockis: einen General und einen Auf­ständi­schen; Stanislaw Wysocki, ein Zivilist und Baumeister der ersten pol­nisch­en Eisenbahn wird dort mit keinem Wort erwähnt (S. 60).

In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts ent­stand das Programm der »organischen Arbeit«; das Ziel war, den Staat durch rationellen, wissen­schaftlich begrün­deten und klug verwirklichten tech­nischen und wirt­schaftlichen Fortschritt wiederherzustellen (S. 88). Als die wichtigsten Tugen­den einer Nation werden genannt:

»Enthusiasmus für die eigene Nationalität, Ausdauer, Geduld, Vernunft und Vorsicht, Konse­quenz, aktive Arbeit für das Gemeinwohl. Fehler, die die Nation zur Katastrophe bringen, müs­sen sind: die Mißachtung der nationalen Frage, Verzweif­lung, wahnsinnige Ausbrüche, Wich­tig­tuerei, Leichtsinn und Faulheit, Nei­gung zu Strei­tig­keiten. Die wichtigste Tugend jedes Bür­gers ist die Opferbereitschaft. Die materielle Grundlage der Nationalität ist die Scholle, die Indu­strie und der Handel. Wer die Scholle, die Industrie oder den Handel an Ausländer ver­kauft, ist ein Verräter an der Nation. Die ideelle Grundlage der Natio­nalität ist die Ausbil­dung; wer seine Ausbildung vernachlässigt, begeht einen Verrat an der Nation.«477

Zur Problematik Zwischenkriegszeit führt Bochenski aus: ›Das Fehlen polnischen Kapitals und pol­nischer Kapitalisten wurde zum Verhängnis für die pol­nische In­dustrie der Zwi­schenkriegszeit. Deshalb waren die Kapitalisten aus dem Ausland will­kom­men, denn man hat endlich eingesehen, daß fremdes Kapital besser als gar kein Kapital ist‹.478 Das polnische Schulwesen in der Zwi­schenkriegszeit war unfähig, hochqualifizierte Arbeiter für die Indu­strie auszubilden.

»Die Schule vermittelte den Schülern humanistische Bildungsideale. Es gab fast keine Schulen, die auf die Arbeit in der Industrie vorbereiteten. Es wurde die Gering­schätzung der Arbeit vermit­telt und die Schu­len ›produzierten‹ entweder ausgebildete Konsu­men­ten oder gute Beamte. Nicht die guten Kennt­nisse der lateinischen oder griechischen Sprache, sondern Enthu­siasmus für die wirtschaftliche Ent­wick­lung, Arbeitsamkeit und entsprechende Kennt­nisse sind die notwendigen Grundlagen des Wohl­stands und des Reichtums S. (156) … Das Fehlen des Enthusiasmus und des Verständnisses für die Industrie ist ein Charakteristikum der polnischen Psyche. Die Gründe dafür liegen in der polnischen Geschichte. Die Industrie ist unpopu­lär, und die Folge ist, daß in Polen Gesetze erlassen werden, die für die weitere Ent­­wick­lung der Indu­strie ein großes Hindernis sind« (S. 180).

14. Die Ideologisierung der polnischen Gesellschaft - eine Gedankenskizze

Im Zusammenhang mit der Diskussion über die Intellektuellen bietet sich eine Reflexion über die durch sie getragene Ideologie an. Je stärker zentralisiert ein Land ist, desto stärker ist die Ideo­lo­gie als Zentral­ideo­logie zu verste­hen. Diese korrespondiert mit der zentralen Machtausübung. In Polen gibt es weniger zentrale Ideologeme. Polen ist deshalb weniger anfällig für derartige Zen­tra­l­ideologien. Anderer­seits ist man in Polen hoch anfällig für All­tags­ideologien. Sie beziehen sich auf Familien, die eigene Gruppe, den Glauben und Aber­glauben.

Der Glaube kann als die dogmatisierte Form religiöser Überzeugung verstanden wer­den, bzw. er ist dogmatisierungsfähig. Der Aber­glaube stellt den nicht dogma­ti­sierungsfä­higen Bereich dar. Dieser wird oft aus (tradierten) Alltags­mythen abgeleitet. Sie decken zumeist den Ideologiebedarf des Einzelnen. Der Katholizismus enthält in Polen starke Ele­mente des Aber­glaubens. Der 'Alltags­­katholizismus' stellt sozusagen eine Form katholisier­ten Volksglaubens dar. Der Begriff Aber­glaube sollte aber, da er zugleich einen theolo­gischen Kampf­­begriff darstellt, wenn möglich ersetzt werden durch Begriffe wie: einfacher Volksglaube' bzw. 'volkstumsspezifische Glaubens­in­halte und -aussagen'.

In Polen ist eine Zentralideologie (gegenwärtig) nicht nötig. Wegen der Volks­ver­bun­denheit und der Alltagsfrömmigkeit sind theologische Größen als religiöse Führer­per­sön­lichkeiten nicht not­wendig. Die Anerkennung erfolgt im Alltag.

Ein typisches Beispiel ist der Umgang mit der Ökumene.479 Frau Pastorin Senta Riedel berichtete dem Verfasser, daß sie im ge­schil­derten Falle die jungen Seminaristen gefragt habe, wer denn schon ein­mal mit der Ökumene zu tun gehabt habe. Da sich niemand mel­dete, habe sie ein­zelne Teilnehmer einer früheren Fahrt direkt auf die dama­lige Begegnung ange­sprochen. Diese haben aber nur einen roten Kopf bekommen und nicht ge­antwortet.

Dies verdeutlicht, warum der polnische Katholizismus der Ökumene, die in ihrer Methode einer etwas rationaler480 orientierten Theologie entspricht, distanziert ge­gen­­über­steht. Die Schwäche der aus­zu­bildenden polnischen Theologen äußerte sich in Sprachlosig­keit. Man muß ergänzend hin­zufügen, daß die Theologie - und vor allem die Insti­tu­tion Kir­che - in Po­len gegenwärtig eine große Spannungs­konfiguration dar­stellt. Wenigen libera­leren Reformern steht die Mehrheit der Tra­ditionalisten gegen­über. Die Machtkämpfe zwi­schen beiden Gruppen finden auch ihren Aus­druck in der Theologenausbildung und führen zur 'Sprachlosigkeit'. Die jun­gen Semi­naristen, die bisher wesentlich an entsprech­enden Vorgaben orientiert waren, stehen in einem Appetenz-Aver­sions-Konflikt.

Der Schwäche der polnischen Theologie und der Amtskirche, von der sich die Intel­lek­tuellen zu­neh­mend distanzieren, steht gleich­zeitig ihre Stärke gegenüber, nämlich die tiefe Volks­ver­bun­den­heit, die Verankerung in der Bevölkerung. Dort, vor allem in der bäuer­lichen Bevölkerung hat sie ihre eminente soziale Funktion.

Die Kirche ist in Polen nicht primär zentraler Ideologiegeber, sondern sie gibt Hand­lungs­an­wei­sun­gen im Alltagsverhalten. Dies gilt z.B. für das Verhalten gegen­über Familie, Staat, Gemeinde, Arbeit und Fremden.

Die spezifische Rolle der katholischen Intelligenz, ihre Involvierung in der Spannungs­konstellation kann im gegebenen Zusammenhang nicht vertieft werden. Die katholische Intelligenz gruppierte sich wesentlich um ›Znak‹, ›Tygodnik Powszechny‹ und den ›Klub der Katholischen Intelligenz (KIK)‹.481 Sie befolgt nach Holzer im allgemeinen einen an Traditionen ausgerichteten 'Volks'-Katho­lizismus. Eine besondere Rolle hatte die von Piasecki482 gegründete Organisation PAX. Eine historiographische Darstellung des Dialogs von lai­zistischer Intelligenz mit der katholischen Kirche in der relativ stabilen Machtkonstel­lation der siebziger Jahre stellt Adam Michnik dar. Michnik verdeutlicht die Entwicklung ›von der Konfrontation zum Dialog‹ in den siebziger Jah­ren.483 Ohne nähere Definition beschreibt Szczypiorski ›die meisten katholischen Intellektuellen in Polen‹ als ›entschieden antitotalitär‹.484

15. Bewältigung - Abrechnung

In der POLITYKA wurde in März 1993 unter dem Titel 'Die Schweigenden und die Un­sicht­baren' eine Liste von Autoren genannt, die gegenwärtig keine Bücher mehr ver­öffent­lichen. Sie erhalten seit 1989 nur negative Rezensionen. Dazu ge­hört z.B. Ernst Bryll, der frühere Leiter des Polni­schen Kultur­zentrums in London. Vor 1989 hatte er eher kritisch-distanziert geschrieben. Er wird aber als Reprä­sen­tant des alten Regimes angesehen.

Es handelt sich zumeist um Schriftsteller und Künstler, die in 'Volkspolen'485 vom Staat Unterstüt­zung er­fuh­ren. Dazu gehören z.B. die Schauspieler S. Mikulski und Emil Karewicz. Letzterer war sehr bekannt in Polen durch die Fernsehserie 'Stawka wieksza niz zycie'; [der Einsatz ist mehr wert als das Leben]; 'Kapitän Kloss' [ein polnischer Abwehrof­fizier in deutscher Uni­form] oder: 'Vier Panzer­soldaten und ein Hund'486. Es handelt sich um Soldaten der Berling-Armee.487

Die der Intelligenz - und vor allem den Intellektuellen - ange­hörenden Träger des 'alten' Systems werden in der ersten post-kommunistischen Phase diskreditiert und z.T. aus ihren Positionen verdrängt.

Es erfolgt eine Pseudo-Bewältigung in der Intelligenz insgesamt, die dem Macht­kampf der post­kommunistischen Ära untergeordnet ist, wesentlich dabei unter dem Aspekt, wer im alten Regime eine Rolle innehatte oder nicht. Innerhalb die­ser Kämpfe versuchen die rivali­sierenden Gruppen und Personen alles Frühere ab­­zu­­quali­fizieren und zu diskreditieren. Man möchte sich mit Hilfe des Anti­kommu­­nismus der siebziger und achtziger Jahre profilieren.

Man kann andererseits feststellen, daß die wirklichen politischen Opfer des Real­so­zia­lismus in Polen, wie Jacek Kuron,488 Adam Michnik489 und Karol Modze­lewski,490 die jahre­lang in Gefäng­nis­sen gesessen haben, sich gegenwärtig in hohem Maße bezüglich einer 'Bewältigung' i.S. von 'Abrechnung' durch Klugkeit und voraus­schau­endes Denken aus­zeichnen und dadurch zur Be­wältigung bei­tra­gen. Dies geschieht durch politische, publi­zistische oder durch wissen­schaft­liche Tätigkeit.

Eine tragische Rolle spielte der Historiker Ludwik Hass. Er hat aus politischen Gründen - er ist überzeugter Trotzkist - insgesamt 17 Jahre in stali­nistischen Gefängnissen ver­­bracht, darunter vier Jahre in Polen. Nach seiner Freilassung aus der Sowjetunion hat er später die Möglichkeit bekommen, an der Warschauer Universität zu arbeiten. Kenn­zeich­nend: Er wurde in pri­vaten Zir­keln oder auch Parteigrupen der Univer­sität zu Diskussionen einge­la­den. Es wurde dabei von den Initiatoren eine 'halbe Öffentlich­keit' sowie eine be­stimmte Gruppen­größe gewählt, um den Anschein der Konspriration zu ver­meiden.

Von einem Professor der Universität Danzig, der etwa 1964 aus der PVAP aus­ge­tre­ten ist, wird berichtet, daß er später in Gesprächen über die Partei sich an nichts mehr erinnerte. Er hatte seine eigene Ver­gangenheit völlig verdrängt.

Diejenigen, die während der Endphase der PVAP-Herrschaft eine sekundäre Rolle spiel­­ten, z.T. loyal arbeiteten, aber zugleich in der Solidarnosc oder durch 'aktiven Kirch­gang' ihre oppo­si­tio­nelle Haltung betonten, benötigen die Auf­recht­er­haltung und Reproduk­tion des früheren Span­nungs­systems für ihren gegen­wärtigen Machtkampf.

In der ZChN, der Christlich-Nationalen-Vereinigung, die nach eigenen Angaben ca. 3000 Mitglie­der hat, war der einzige wirklich Verfolgte Stefan Niesiolowski.491 Lopuszanski, ein Intellek­tueller in der ZChN hat in den fünfziger Jahren Lobgesänge auf Stalin verfaßt.

Jerzy Andrzejewski wurde durch seinen verfilmten Roman 'Asche und Diamant' be­rühmt. Er hat in seinem Nachkriegswerk den Sozialismus propagiert und sich später distan­ziert. Gegenwärtig ist er in Polen nicht wohl gelitten.

Der Historiker Moczulski492 war in den fünfziger Jahren Sta­li­nist. Er gab seit den sech­ziger Jahren die Zeitschrift über 'Ver­gangen­heit und Gegenwart', ›Stolica‹, heraus, eine polnisch-national­i­s­tisch orien­tierte Zeit­schrift. Moczulski entwickelte sich vom (ge­wünsch­ten) Antizionisten der sech­­ziger Jahre zu einem Antisemiten. In den sechziger Jahren wandte er sich gegen den 'west­deut­schen Im­peri­alismus' und stand dem Moczar-Flügel nahe, also dem natio­nal­istische Flügel der PVAP. Ende der sechziger Jahre veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel ›September‹. In dieser Arbeit hat er Stalin die Haupt­schuld am Krieg gegen Polen im Sep­tember 1939 zuge­ord­net. Das Buch befand sich eine Woche im Buchhandel, (erst) danach wurde es zurückgezogen. Man kann da­von aus­gehen, daß eine Fraktion in der PVAP Interesse an der Veröffentlichung hatte. Seine Frau wurde in den siebziger Jahren aus der Partei ausgeschlossen. Sie hat dagegen Be­schwer­de eingelegt, die vom Parteitag zurückgewiesen wurde. Moczulski re­präsentiert die KPN.493 Sie wurde im Untergrund wäh­rend der siebziger Jahre ge­grün­det und ist seit 1991 im Sejm vertreten.

Ein Wissenschaftler der Universität Danzig berichtete dem Ver­fas­ser, er sei im Oktober 1980 aus der Partei aus­ge­treten. Ein Kolle­ge folgte ihm im März 1981 nach den Ereignissen von Brom­berg. Letzterer kommentierte es gegenüber erster­em mit den Worten, "damals was es noch zu früh".

Zur Frage der Motivation des Engagements für eine politische Richtung lassen sich wesentlich Pragmatismus, Opportunismus und gesellschaftlicher Über­lebens­wille konstatie­ren. Einem klei­nen Teil der Intellektuellen ist eine aus den Er­fah­rungen des Krieges heraus entstandenen Über­zeugung zur Notwendigkeit funda­men­taler Veränderungen zu konzedie­ren, die in der Sicht der Nachkriegszeit Po­lens nur unter sozialistischem Vorzeichen zu erreichen waren.

An der Parteihochschule [ANS]494 lehrte ein Historiker, Prof. Henryk Cimek, der als Antikommunist dort publizieren konnte. Er hat in einem Moskauer Archiv über die Polnische KP der Vorkriegszeit ge­forscht.

16. Anmerkungen zur Solidarnosc nach 1989495

Seit 1989 hat sich in erheblichen Maße eine Veränderung der Anforderungen er­ge­ben. Trä­ger dieses Prozesses stehen u.a. in der Tradition des polnischen Rationalismus. Es müßte aber noch geprüft wer­den, ob der Begriff der 'Rationalisten' mit dem in Polen historisch ableit­baren Begriff, der über Träger wie Kollontaj, Staszic oder Wielopolski definiert wer­den kann, übereinstimmt.

Als Beleg könnte das mit einer herkömmlichen (rationalen) Methode nicht erklär­bare Handeln einzelner, z.B.: Kuron, Michnik und Modzelewski, angesehen werden. Sie haben bewußt (mög­lich­erweise als Ausdruck von Opfermentalität) mehrfach lange Haftstrafen in Kauf ge­nom­men. Es hat keinen systematisch organisierten Kampf auf inneren oder äußer­en Ebenen bis 1989 gege­ben. Im Gegenteil: Es war offenkundig, daß, sich die restliche Soli­darnosc arrangierte und abwar­te­te. Erst der Papstbesuch 1988 hat eine Wende gebracht. Die Solidarnosc wurde durch Karol Wojtyla (Johannes Paul II.), aus ihrer Schwäche her­ausgeführt. Dies korrelierte zeitlich mit dem öko­nomischen Zusam­men­bruch des Systems.

Man hat nach Verhängung des Kriegszustandes 1981 seitens der Intellektuellen in der Solidar­nosc nahezu nichts ge­tan, um diesen Zusammenbruch aktiv zu beschleunigen, er erfolgte als Schlußakt eines nicht gesteuerten Prozesses.496 Außerdem haben die abtre­ten­den Machteliten sich 1989 'sang- und klanglos' verab­schiedet - ebenfalls ohne Kampf.497 Einen erheblichen Anteil an dem friedlichen und ohne Gewaltakte abgelaufenen Übergang hat Mieczyslaw Rakowski.498

Die Überleitung in einen historisch ableitbaren kampfbezogenen Freiheitsbegriff ist in Polen im wesentlichen ein Mythos. Diese Einschätzung ist auch gegenüber den Kämpfen im 19. Jahrhun­dert ebenso anzuwenden. Die polnischen Schriftsteller (des 19. Jahrhunderts) haben in hohem Maße Visionen produziert.

Die überhöhte Glorifizierung der Solidarnosc nach 1989 erfolgte vermutlich nur des­halb nicht mehr, weil unterschiedliche Gruppen und Institutionen bzw. Kör­per­schaf­ten den Begriff Solidar­nosc für sich, d.h. für ihre eigenen Interessen zu instru­mentalisieren versuch­ten. Das Symbol Solidar­nosc wird gegenwärtig von extrem rechten wie linken politischen Kräften funktio­nali­siert, so z.B. von einer kapi­talistischen Institution, der in Danzig ansässi­gen Soli­­darnosc-Bank, die zu­dem noch durch fragwürdige Geschäfte von vornherein in Mißkredit gekommen ist, anderer­seits von mehreren z.T. regionalen gewerkschaftlichen Gruppierungen mit diver­gie­render poli­tischer Orientierung.

Der deskriptive Freiheitsbegriff der Solidarnosc wird dadurch in einen Kampf­begriff umgeleitet. Sub­jektiv gilt nach wie vor, daß die polnische Freiheits­kultur von den pol­nisch­en Intellektuellen selbst als die überlegene angesehen wird.

Schlußbemerkungen:

Man ist in Polen nicht gezwungen, die (bisherigen) Maximen in der Gesellschaft, die Para­digmen der poli­tischen Kultur, des Denkens und Handelns einer Revision zu unterziehen. Es handelt sich in Polen um eine Liberum-Veto-Kul­tur, die aus einer bäuerlichen Freiheitskultur ent­standen ist und für die die Aufklärung nicht not­wendig war. In Frankreich war sie sinn­voll, da sie dort die Funktion eines Kampfmittels des Bürgertums hatte. Der Ratio­nalis­mus ist in Polen im wesent­lichen gescheitert.

Der Prozeß der Intellektualisierung ist im Jahre 1980 stark beeinflußt worden - we­ni­ger dagegen durch die 'polnische' Wende 1989. Der Konflikt zwischen 'ratio­na­lem' und 'roman­tischem' Denken unter den Intellektuellen des 19. Jahrhunderts wird bis in die Gegenwart in der polnischen Intelligenz re­pro­duziert. Es ist unter den Intel­lektuellen eine starke Diver­genz in der Bestimmung der Intel­lek­tualität zu spüren.

Die Träger des Kampfes (1980) waren hoch qualifizierte Intellek­tu­elle, die einen auf intel­­lek­­tueller Ebene abgeleiteten Kampf geführt haben. Der Kampf steht in mentalem Bezug zur Denktradition des Romantismus, seine Ausdrucksformen entsprechen dem Habitus des 19. Jahr­hun­derts und sind dabei zugleich in der Tradition des Romantizismus verblieben. Es sollte in einem anderen Zusammenhang die These diskutiert werden, inwie­weit eine Inwertsetzung eines alten Feiheits­begriffes erfolgt ist, der zwar deskriptiv über­höht ist, in dessen über­­höhte Tradition man sich aber weiterhin befindet.

VI. Reformbegriff und Reformdiskussion in Wechsel­beziehung zu Fragen der Machtbalancen

Bei den Begriffen ›Reform‹ und ›Erneuerung‹ handelt es sich um positiv besetzte Begriffe, die eine Auseinandersetzung auf wissenschaftlicher, auf wirtschaftlicher, aber auch auf affek­ti­ver Ebene bedeuten. Sie sind politisch unver­fänglich und inkonkret. Sie verschleiern das letztliche Ziel, den Kampf um die Macht, und suggerieren geglaubte positive Veränderun­gen sowie eine schrittweise 'legitime' Mitarbeit der ›Opposi­tio­nel­len‹ unterhalb der Schwelle der Macht­partizipation. Die ›Oppositionellen‹ müssen sich dabei weder als solche definieren und zu erkennen geben, noch müssen sie sei­tens der Macht­haben­den als solche definiert und anerkannt werden.

Als ein Zentralproblem der Arbeit kristallisiert sich die Frage nach der Wechselbezie­hung zwi­schen Macht und Reform heraus. ›Macht‹ bedeutet im gegebenen Zusammenhang das erklärte Ziel, den Willen zur Übernahme derselben und das Ersetzen der gegnerischen, die Macht inne­habenden Gruppe, also Veränderungen anzustreben in einem vollständigen und ausschließlichen Sinne.499

Der ›Reform‹-Begriff ist unterhalb der politischen Tabuebene angesiedelt und impliziert gedul­dete oder auch konsensuale Veränderungen auf der unter dieser liegenden sozio-öko­no­mischen Ebene. Letzteres ist subsu­mier­­bar unter das Legitimitätsprinzip, da Verän­derungen unter Aus­sparung des prinzipiellen Macht­wechsels - zumindest verbal - geduldet werden können. Sie sind ›legitim‹, weil sie von den Machthabenden anerkannt werden und gleichzeitig für die Macht­habenden die Bereitschaft zu Ausgleich und Verständigung, also zum Diskurs, signalisieren, ohne daß ein Realisierungsanspruch besteht und ohne daß ernst­hafte Versuche gemacht wer­den müssen.

Im folgenden soll versucht werden, Aussagen zu machen über die macht­spezifische Situation, über den Reformbegriff sowie die Überklammerung beider Ansätze.

1. Das entscheidende Ziel: der Machtwechsel (Grundsätzliches)

Das Auspendeln neuer Machtbalancen ist Ausdruck und Gegenstand jeglicher gesellschaft­licher Prozesse. Eine Gruppe, die über die Macht verfügt, soll von einer anderen abgelöst werden, bzw. eine andere Gruppe hat den erklärten eindeutigen Willen, die Machtinne­habenden abzulösen. Das bedeutet, daß hierbei ein Versuch erfolgt, die Macht­balance zu Gunsten der eigenen Gruppe zu verändern.

Der durch die UdSSR seit 1944 ausgeübte Fremdzwang wurde in Polen aufgrund der spezi­fischen Rahmenbedingungen nur temporär und partiell akzeptiert. Der Wider­stand war dagegen in spezifischer Weise eher längerfristig angelegt. Dabei reprodu­zierte man die tra­dierten Hand­lungsmaximen und apostrophierte diese als ‘Werte’. Die Methode war ab­ge­stimmt auf das rela­tive Über­maß der Machtstärke seitens der über die Macht Verfügenden. Mit abneh­men­der Machtstärke dieser Gruppe, vor allem gegen Ende der sechziger Jahre, veränderten sich die Wider­­standsformen. Sie wurden zunehmend differen­zierter. Sie beweg­ten sich auf intellektueller Ebene, weni­ger auf der physischen. Dies mag u.a. an der poli­tischen Praxis der Staats­admini­stration gelegen haben.

Die Intellektualisierung hatte sich in der Gesellschaft erhöht. Es war das erklärte Ziel der Partei- und Staats­führung, über Qualifizierung breiter Bevölkerungsschichten - verbun­den mit dem Ziel der Egali­sierung - die Entwicklung zur Industrie­gesellschaft zu fördern.

Davon profitierten in hohem Maße Angehörige der alten Eliten. Es handelte sich um macht­ärmere Nach­fahren der alten Eliten, die zu intellektuellen Eliten geworden waren. Sie stellten zumeist die Funktions- und Macht­eliten der Zwischenkriegszeit dar, und waren des­halb in besonders hohem Maße von der Vernichtung betroffen. Überlebende waren zurück­gekehrte Flüchtlinge, Emigranten bzw. deren Nachkommen. Da in bildungsfernen bäuer­lichen Schichten nur eine geringe Motiva­tion bestand, die Chance höherer Qualifi­ka­tio­nen wahr­zunehmen, bedeutete dies eine vergrö­ßerte Chance für Angehörige alter Eliten. Diese sind zumindest nicht ausge­schlos­sen oder beein­trächtigt worden wie in der UdSSR oder der DDR. Eine rigide schichtspezifische Steuerung des Zugangs zu höheren Bildungs­abschlüs­sen bestand in Polen nicht.

Daneben orientierten sich Angehörige der intellektuellen Eliten zunehmend gegen den Staat. Es spielten dabei zweifellos gewandelte Überzeugungen eine Rolle: z.B. Kuron, Modze­lewski, Geremek, Holzer, Kolakowski, Schaff. Es handelte sich um Personen, die sich ent­weder vom Marxismus geistig völlig losge­sagt hatten oder solche, die eine zunehmende Diskrepanz zwischen der Entwicklung im ›Real­sozialismus‹ und der marxistisch-leninis­tischen Lehre sahen. Die Vita eines jeden ist dabei im Kontext der gesell­schaft­lichen Ent­wicklung zu sehen.

Kennzeichnend ist, daß besonders für die junge Generation der Intellektuellen, die in den sieb­ziger Jahren ausgebildet worden ist, der Zugang zu entscheidenden und gut dotierten Funktions­stellen schwieriger wurde, und sich damit die persönlichen Machtchancen für diese recht große Gruppe relativ verringert hatten. Gleich­zeitig bedeutete es für diese Gruppe, daß sich bei erkenn­bar abnehmender Machtfülle des Staates sowie verringerter Durchsetzbarkeit seiner Macht eine Erhöhung der Chancen ergab, bei einem fun­da­men­talen Machtwechsel als Gruppe wie auch individuell zu profitieren. Die Tatsache, daß der Macht­wechsel von Intellektu­el­len vorbereitet wurde, daß der entscheidende Kampf auf intellek­tueller Ebene erfolgte, bestätigt dieses. Man denke an Untergrundorganisationen wie KOR oder ROPCIO500

Andererseits bestand in den siebziger Jahren zunächst für die Arbeiter kein Bedarf für einen Wechsel. Sie waren diejenige Gruppe, die vom System in relativ hohem Maße profitiert hatte. Auf sie konzentrierte sich auch die staatliche Propaganda. Die mit ihnen um staatliche Ressourcen konkurrierende Gruppe der Bauern konnte sich dagegen in ihrer Mehrheit benachteiligt fühlen. Des­halb war ihre Enttäuschung auch so groß, als die aus der Solidar­nosc kommende Macht- und Funktionselite sich etablierte und die Träger der Massen­basis der Aktionen von 1980/81 - die Industriearbeiter - aufgrund des Umstruk­tu­rie­rungs­pro­zesses im Produktions­sektor zu den Opfern zählten.

Die scheinbare Umsetzung in einen Selbstzwang bestand in einer zeitweiligen Akzeptanz der Gegebenheiten. Diese war durch­aus - nach west­lich­em Muster - partiell ‘rational’ anzuse­hen. Sie war funktional bezogen auf ein konkretes Ziel, und zwar solange, wie Polen bezüg­lich seiner nationalen und staatlichen Unabhängigkeit bedroht war bzw. sich be­droht fühlen mußte und der Garantie seiner Grenzen bedurfte. Daß dieses ambivalent war und die Phäno­mene ›Bedrohung‹, ›Existenz‹ und ›Garantie‹ als Machtinstrumente funktionali­siert worden waren, ist im gegebenen Zusammenhang sekundär.

In den Jahren 1979 und 1980 spürten die oppositionellen Kräfte die wachsende eigene Stärke im Zusammenhang mit der sich mehr und mehr offen­barenden Macht­schwäche des Staatsappara­tes, also die abnehmende Machtstärke des Staates insgesamt, die geringer wer­dende Durch­setzbarkeit seines Machtmonopols.501 Es ist nicht die Frage von ›rationalem Handeln‹, sondern u.a. eine Frage der realen Einschätzung der Macht­schwäche des Geg­ners.502

Das genannte Handeln sollte nicht dem Rationalitätsprinzip untergeordnet werden. Es kann angesehen werden als temporär funktional, bezogen auf ein bestimmtes Ziel, zunächst bis 1970. Es bedeutet etwas inhaltlich Wertge­setztes und zu dem jeweiligen Zeitpunkt Gelten­des nicht zu akzeptieren, weil das Vertrauen darauf, daß es wie zuvor weitergeht, verloren ist.

Folgende Fragen können im gegebenen Zusammenhang aufgeworfen werden:

  • Warum wird zu einem bestimmten Zeitpunkt ein System503 instabil?

  • An welcher Stelle brechen die Erhaltungs­mechanismen der Macht zusammen?

  • Warum verliert ein System zu einem bestimmten Zeitpunkt die Massenloyalität?

  • Welches sind die Voraussetzungen und Kriterien zur Beeinflussung der Spannungs­kon­stella­tion bzw. der Verschiebung der Machtbalancen?

  • Wann schwächt sich der durch Fremdzwang erzeugte Selbstzwang gegenüber der herr­schen­den Macht­gruppe ab und richtet sich gegen diese selbst?

Ursache ist der legitime Wunsch des Menschen nach Ordnungssicherheit, einem Bedürfnis, dem in der Alltagsrealität entsprochen werden muß. Die Umsetzung dieses legitimen Rechts ist ab 1979 nicht gesichert. Die versuchten Befriedungs­ansätze über Saturie­rungs­phänomene zu errei­chen, sind im Real­sozia­lismus gescheitert. Das Motiv der Arbeiter besteht dabei generell im Stre­ben nach Sicherheit bezüglich Wohnung, Versorgung, verbesserten Sozial­staatsleistungen. Die­ses Ziel der Arbeiter - die Verbesserung des seit langer Zeit sich ver­schlech­tern­den wirtschaft­lichen und sozialen Zustandes - war gefährdet. Hierin liegt die zunehmende Instabilität des Systems sowie die sinkende Massenloyalität begründet.

Der versuchte Machtwechsel bedeutete damit die Aberkennung der Legitimität der herrschenden Gruppe. Dies setzt die Fähig­keit voraus, der herrschenden Gruppe die Durch­setzbarkeit von Ord­nungs­sicher­heit zu garan­­­tieren und zu gewähr­leisten, abzusprechen. Das relativ starre Macht­gleich­gewicht war getragen von einer zunehmend in die Minderheit gelangten Gruppe. Die macht­schwächere Gruppe, nahm zahlenmäßig ständig zu und um­faßte in einer 'Grenz­betrach­tung' nahezu die gesamte Bevölkerung. Die gesamte Bewe­gung kann nicht über eine kleine Per­so­nen­­gruppe repräsentativ abgebildet werden. Es bietet sich deshalb an, repräsentativ Beteiligte zu befragen, die sich in einer spezi­fischen Inter­depen­denz zum Geschehen befinden. Um eine Aussage über die in der damali­gen Phase ablaufen­den Prozesse zu bekommen, soll dabei über die intellek­­tuelle Kerngruppe hinausge­gan­gen werden und inter­dependent Verflochtene mit in die Betrachtung einbezogen werden.

Zunächst erfolgte die Akzeptanz dieser Figuration PVAP und ihrer jeweils dominieren­den Macht­gruppe als Selbstzwang aufgrund eines außerordentlich hohen Fremdzwanges durch die UdSSR. Die Abnehmende Akzeptanz hängt zusammen mit der spürbar abneh­men­den Macht dieser Gruppe. Diese ist wesentlich bedingt durch den Verlust ihrer Macht­quellen. Dies äußerte sich im ökono­mischen Nieder­gang sowie im Verlust der affektiven Akzep­tanz, verbunden mit dem Anwachsen des konkurrie­renden Machtfaktors, der Kirche. Die Menschen haben nicht mehr daran geglaubt, daß die Herrschenden das garantierten, was Herrschaft wesentlich ausmacht, nämlich Ordnungssicherheit. Deshalb sollten sie abge­löst, d.h. die Machtbalance entscheidend verändert werden. Das glaubhafte Versichern, die Vorgabe einer Garantie der Ordnungs­­sicherheit waren zuvor wesentliche Machtquellen der Kommunisten gewe­sen. Diese Quellen verringerten sich von 1975 bis 1980 entscheidend. Die Macht wurde bis dato noch anerkannt, infolge der Machtreduktion abnehmend und bei völligem Machtverlust gar nicht mehr.

Die Solidarnosc hat sich als Garant einer besseren Ordnungs­sicherheit angeboten. Sie hat vor­gegeben, eine Perspek­tive zu haben. Dieses hatte primär den Machtwechsel als sol­chen zur Folge, die Frage einer Konzeption für das 'danach' war deshalb sekundär. In Polen ist die Vor­aussetzung zur Veränderung der Machtbalance in höherem Maße gegeben als in anderen Län­dern (des damaligen RGW), weil in der polnischen Gesellschaft die Herrschaft kritischer gesehen, dies zumindest deutlicher artikuliert wird. Die Anforde­run­gen an Herr­schaft sind höher, und die Menschen sind sensibler. Man sieht die Unsicherheit deutlicher, die mit Herrschaft verbunden ist.

Es ist allerdings zu prüfen, ob und ggf. bis wann die Arbeiter 1980 ihr Handeln unter das Prinzip der Legitimität subsumiert haben und inwieweit sie sich der immanenten Proble­matik bewußt wa­ren, oder ob sie - unreflektiert in einem System lebend - das Regelsystem temporär akzeptiert, die Maximen geglaubt, den von außen vorgegebenen Fremdzwang hin­genommen und als Selbst­zwang umgesetzt haben, also von Fragen nach Legitimität von vornherein nicht tangiert waren.

Der Begriff der Legitimität ist dabei primär als ein Hinneh­men von einer durch die Herrschaft ge­ge­benen Situation zu verstehen, er bedeutet die Unterordnung und temporären Akzeptanz der jewei­ligen Macht­gruppe. Die Frage der Motivation politischen Handelns läßt sich primär machtspezifisch beant­worten. Die Antriebskräfte können aus dem sozio-historischen Kon­text abgeleitet werden. Die Frage konzen­triert sich damit wesentlich auf die Auslösung des nationsspezifischen Selbstzwanges.

Anhand der Interviews soll geprüft werden, inwieweit bei den Intellektuellen die Errin­gung und Verfügung von Macht im Vordergrund stand, und in welcher Wechselbeziehung dies auf der Basis der übrigen gesell­schaftlichen Verhältnisse erfolgte. Gegenstand der Auswertung soll sein, welchen Stellenwert der Reform­begriff für die Intellektuellen hatte und inwieweit konkrete Modelle vorlagen.

Zunächst kann man dabei von der These ausgehen, daß in diesem Zusammenhang die Frage nach 'Reformen' bzw. 'Reformpolitik' nicht gegeben ist. Es bleibt aber z.B. die Frage, inwieweit zum Vergleich der Begriff der Reformen für die Ära Kadar berichtigt ist.504 Es müßte festgestellt werden, inwieweit es konkrete Vorbe­rei­tungen von Reform­ansätzen gab, und inwieweit man ver­sucht hat, diese umzusetzen bzw. damit begonnen hat.

Im Zusammenhang mit der Darstellung der Motivationen soll versucht werden, die Wechselbezie­hung zwischen der Richtung gesellschaftlichen Handelns sowie die Motivatio­nen der Handelnden im Zusammen­hang mit der Psychogenese und der Soziogenese der Nation zu reflektieren und aufzuzeigen.

Soziale Prozesse können prinzipiell als nicht steuerbar im Sinne des Eintretens einer erwarteten und erhofften Wahrscheinlichkeit angesehen werden.505 Man kann kaum die Richtung vorgeben. Aber es sind die gesellschaftlich-historischen Voraussetzungen da. Es ist sozusagen eine gewisse ›innere Energie‹ vor­han­den. Diese gesammelte Energie wird dann freigesetzt.

Die Reihe der Voraussetzungen sind zu benennen, wie z.B.:

  • psychisch verinnerlichtes Wissen der Nationsgeschichte;

  • sozioökonomische Veränderungen als vom behandelten Geschehen wahrnehmbare, aber nicht beein­fluß­bare Abläufe, die sich gleichwohl in einem Interdependenz­verhältnis befinden;

  • Legitimationsverluste der Herrschenden und Akzeptanzreduktion seitens der Beherrschten;

  • die Definition von Machtverhältnissen als moralisch illegitim.

Dies kann im Zusammenhang mit dem ›gebrochenen Staatenbildungsprozeß‹ gewertet wer­den. Macht ist in Polen generell mit einem Vorbehalt versehen, besonders wenn sich dieser auf die fremde Macht bezieht.

Als These kann formuliert werden:

Die polnische Gesellschaft ist gekennzeichnet durch die Ver­innerlichung von Vor­be­hal­ten. Es besteht ein Selbst­zwang als innere Abwehr zunächst gegen die äußere bzw. prinzi­piell gegen jede fremde Bedrohung. Dies kann durch­aus als spezifische Form einer Xeno­pho­bie interpretiert werden.

Im genannten Zusammenhang kann die Frage angesprochen werden, wann und inwie­weit die eigene Macht als legitime Macht partiell oder temporär akzeptiert wird. Die Partei hatte es eine Zeitlang vermocht, in einer ökono­mischen Aufwärtsphase der fünfziger Jahre dem Bürger das Gefühl der Lebenssicherheit zu vermitteln. Dieses erfolgte allerdings um den Preis der Unter­drückung anderer Informationen, so daß der Wirkungsgrad der eigenen Propaganda recht hoch war.

In der polnischen Nation ist die Akzeptanz ‘legitimer’ Macht in dieser Epoche faktisch nie erfolgt. Es gab die Vision bezogen auf die Solidarnosc. Diese Hoffnungen zerbrachen bald. Danach erfolgten vielfältige Ent­täuschungen. Seitdem befindet man sich wieder in ei­ner vergleichbaren Situation: Eine relativ kleine Machtgruppe wurde 1989 durch eine Gruppe abgelöst, die sich legi­timieren konnte als Vertreterin der Mehrheit der Gesellschaft, die aber nicht auf historisch austa­rierte Macht­balancen zurückgreifen konnte. Daraus folgt, daß mit Beginn des Prozesses der Über­nahme der Macht die Dynamik des Auspendelns neuer Balancen beginnt: die post­kommu­nis­tischen Machtkämpfe.

2. Reformwille und Machtproblematik

Die Reformdiskussion bewegt sich auch nach Abschluß der Machtverschiebungen 1989 auf zwei Ebenen: Zum einen gibt es die Ebene qualitativer Veränderungen des sozio-ökono­mischen Struktur­modells in Richtung auf eine Marktwirtschaft. Die zweite Ebene ist die Veränderung der Machtbalance bis zum voll­stän­digen Ersatz der die Macht innehabenden Gruppe durch andere Personengruppen. Beide Prozesse sind inter­dependent und damit inte­grale Bestandteile einer Spannungskonstellation. Sie sind nicht abge­schlos­sen und setzen sich fort.

In der Vorphase (bis z. 31.8.1980) und der ersten Frühphase der Solidarnosc nach der Bildung im Herbst 1980 und der Manifestierung wie Bewußt­werdung ihrer eigenen Macht­stärke kann auf der ersten Ebene noch vom Wunsch nach einer Reformierung des sozialist­ischen Systems in Rich­tung auf eine soziale Markt­wirtschaft gesprochen werden und zwar durch das Anstreben markt­wirt­schaft­licher Teil­bereiche, d.h. einer partiellen Privati­sierung sowie einer Partizipation an der Macht durch Legiti­mierung einer neuen mit der etablierten Macht konkurrie­renden Gruppe auf einer zweiten Ebene unterhalb der offiziellen und sich - per se - als legitim definierenden Herr­schaft. Beide Ebenen stellen Grenzsituationen interde­pendenter Prozesse dar, deren wesentliche Phasen in kurzen Intervallen im Sommer und Herbst 1980 ablaufen.

In der organisatorischen Bildungs- sowie der Konsolidierungsphase einschließlich der Bewußtwerdung um die eigene Gruppenstärke Ende 1980 verschiebt sich nach und nach die Zielrichtung in Hinblick auf mehr und mehr voll­ständige Abschaffung des bisherigen Wirt­schafts­modells und der Forderung nach Plura­lismus und parlamen­tarischer Demokratie - einem Synonym für die völlige Verän­derung des Modells der Herr­schafts­ausübung, also das Ziel der Macht­übernahme. Letzteres kann aber öffentlich nicht benannt werden.

Auf wirtschaftlicher Ebene ist die Forderung früher und in höherem Maße erkennbar, da die öko­no­mische Negativ­entwicklung sich beschleu­nigt, die Krisensymptome der polni­schen Volks­wirt­schaft sich mani­festieren und für jedermann spürbar und sichtbar werden. Die Bestrebung und Veränderung auf der politischen Ebene geht damit einher. Sie erreicht zunehmend die Grenze des kurzfristig Anstrebbaren und tangiert die Frage der Staats­raison.506 Dadurch ergibt sich die Dimension der Entwicklung der Staats­gesell­schaft.

Einer ihrer Teilbereiche ist die sich in diesem Prozeß zwingend herauskristallisierende Frage nach der politischen Veränderung als Voraussetzung und Rahmenbedingung für die öko­no­mische Reform. Kern­pro­blem ist also nicht die Darstellung verschiedener Reform­ansätze oder der Vergleich verschiedener Modelle, sondern die Funktionali­sierung des Reformgedankens im postulierten Prozeß der ›Erneuerung‹.507

Der über den 'Reformismus' oder den 'Revisionismus' belegte Begriff der Reform508 kann nicht mehr adäquat ver­­wendet werden. Beim Revisionismus handelt es sich um eine abgestufte Vor­gehensweise mit dem Ziel der Umwälzung unter Einhaltung des Legali­tätsprinzips. Die Bezeich­nung 'legal' ist immanent proble­ma­tisch. Auf legale, also erlaubte Weise, die Macht zu erringen, d. h. eine Machtgruppe zu ersetzen, muß unter den Bedin­gun­­gen eines nicht demokratisch ver­faßten Staates zugleich den nachhaltigen Widerstand her­vorrufen. Die Lösung besteht wohl darin, daß es sich um theoretische Begriffe handelt, deren Umsetzung realiter per se nicht erwogen wurde. Sie wurden nie umgesetzt und dadurch nicht verifiziert. Dadurch sind sie prinzi­piell nicht falsifizierbar.

Sozialpolitik bedeutete den Versuch einer schrittweisen behutsamen Verschiebung der Macht­balancen durch relativ geringe Umverteilungen mit Hilfe einer Ausweitung des Sozial- bzw. Ver­sorgungs­staates und durch den erweiterten Zugang in der Gesellschaft zu höheren Qualifikatio­nen.

Es stellt sich die Frage, inwieweit man die Antriebskräfte und Motive der Handelnden bezüglich das angestrebten 'Ersetzen einer Machtelite' überhaupt erklären muß. Psycholo­gische Erklä­rungs­ansätze - letztlich für das Machtmotiv selbst - sollen dabei ausgeklammert werden. Die Fra­gestellung ist eher auf die Bedingungen zu lenken, unter denen Machterhalt und Macht­ablösung stattfinden.509

Die Frage der Ablösung muß wesentlich aus dem Blickwinkel der Solidarnosc betrach­tet werden. Der Ansatz ist also durch 'Vorgaben' wie Normen und Bedingungen seitens der 'Ablösenden' in den gegebenen Gesellschaften zu sehen. Andererseits handelt es sich um ein Interdependenz­geflecht in einem umkämpf­ten Spannungsrahmen. Da zudem die zumindest indirekt angestrebte Macht­übernahme 1981 scheiterte und die entschei­den­den Schritte zur Macht­­übergabe erst durch den Erosionsprozeß kommunistischer Macht, bzw. Degeneration der Machtausübung erfolgte, bestätigt sich in diesem Beispiel die Aussage. Das bedeutet, sie ist notwen­di­ger­weise einzube­ziehen. Dies gilt vornehmlich für die Zeit bis 1981.

Die Vertreter der Gegenseite510 - die Solidarnosc - klammerten in der Regel die Pro­blematik aus. Die Inter­view­partner sind auf die Frage nach konkreten Modellen ausge­wichen. Sie haben z.T geantwortet, man habe gar keine Modelle gehabt. Man hat also ande­rerseits auch nicht versucht, etwas vorzutäuschen. Eine häufige Formulierung war: Es ging darum, die Kommunisten abzulö­sen. Dies ist per se nicht erklä­rungs­­bedürftig, es entspricht menschlichem Verhalten und wird per se als legitim empfunden: Wenn man kann, dann tut man es.

3. Die polnische Gesellschaft als Spannungsfiguration

Eine Sichtbarwerdung der Machtkämpfe erfolgt bereits in der Phase März/April 1981 im Zusam­menhang mit den Fragen des General­streiks sowie den Macht- und Richtungs­kämpfen in der Solidarnosc einschließlich sich heraus­bildender regionaler Disparitäten sowie andererseits den Aktionen der ›Provokateure‹, z.B. den Miß­handlungen in Bromberg im März 1981.511

In der polnischen Historiographie wurde die regionale Gliederung der Solidarnosc pri­mär als strategisches Mittel im Kampf gegen die zentralistische Macht­gruppe verstanden. Man muß in die Betrachtung aber auch die inner­gewerkschaft­liche Macht­ver­tei­lung sowie den lang­fristigen Machtkampf in der Spannungsfiguration der Gesellschaft einbeziehen.

Den Parteiapparat betreffend stellt sich ebenfalls die Frage eines sich beschleu­nigenden Macht­verfalls seit Gründung der Solidarnosc. Offenkundig wird dieses u.a. in der Konfron­tation zwischen den sog. ›Betonköpfen‹ und dem kompro­mißbereiten Reformflügel. Die ersteren wollen mit allen Mitteln ihre Macht erhalten. Eine Fraktion greift zu Mitteln der Provokation, um die physi­sche Macht des Staates zu demon­strieren und Zwangsmittel bis hin zum Militär zum Einsatz zu bringen.

In der parallel ablaufenden Erosion der Macht von Partei und partei­nahen Vereinigun­gen und Institutionen - den offiziellen Gewerk­schaften und den später mit der Solidarnosc konkurrierenden Neu­gründungen, den sog. Branchengewerkschaften - spaltet sich diese Gruppe. Die einen sehen keine Chance mehr und wenden sich der Solidar­nosc zu oder tre­ten nur aus den Parteien (PVAP, Block­parteien) sowie den ent­sprech­enden Vereinigungen aus.

Andere sind loyal, weil sie im Erhalt des Staates die einzige Möglichkeit sehen, die Ver­sorgung der Bevöl­kerung sicherzustellen und ein Chaos als nationale Katastrophe zu ver­hindern. Diese Gruppe steht aufgrund ihrer Loyalität deshalb oft in inneren Konflikten, weil sie sich ebenfalls gegen die dikta­tor­ische Macht­aus­übung wendet. Andererseits stellt sie die Träger für das Funk­tionieren des Staates, zusammen mit loyalen Solidarnosc-Mitgliedern und Nahestehenden in al­len wesentlichen Bereichen der Gesellschaft: Verwaltung, Produk­tion, Distribution, Bildungswe­sen, Hoheitsbereiche.

Die Personengruppe ist relativ groß, sie weist aber keine klaren Konturen auf. Sie bildet keine eigenen Reprä­sen­tan­ten und tritt nicht über gemeinsame Symbole in Erscheinung. Es handelt sich zumeist um auf verschiedenen Ebenen tätige Personen. Es handelt sich wohl um eine prin­zipielle Loyalität, weniger gegenüber Staat oder dem System, eher gegenüber der Gesellschaft, durchaus auch verstanden im Sinne des Verant­wortungs­begriffes. Es ist eine Gruppe, die auf­grund der Rahmenbedingungen zwar fremd­zwang­bestimmt ist, sich aber zeitbezogen loyal gegenüber der eigenen Gesellschaft in einer positiven Selbst­zwang­­orien­tierung befindet. Diese Personen­­­­gruppe ist auf verschiedenen Ebenen tätig. Sie sind reform­orientiert und zumeist Anhänger einer prinzipiellen aber unspezi­fischen Modernisierung.

Man kann auch von einem breiten gegen die ›Methoden der Herrschaftsausübung‹ (so Rakowski 1980) gerichteten Handeln im Verlauf prinzipieller Veränderung ausgehen. Zugleich schätzt die­ser Personenkreis die Chancen auf Veränderungen aber resignativ und durchaus nüchtern ein. Sie stehen eher in der rationalen Denk­tradi­tion, sind qualifiziert und können nur auf einen länger­fristigen Prozeß der Reformen auf verschie­denen Ebenen setzen. Ihre Hoffnung richtet sich auf Zusammenarbeit mit dem Westen. Man versteht darunter zumeist Hilfen in techno­logischer und finan­zieller Hinsicht. Man ist aber grundsätzlich loyal 'werktätig' und stellt zugleich ein großes Widerstandspotential dar. Die Gruppe der aktiv Widerstand leistenden bleibt relativ klein.

Gegen diese Gruppe richtet sich nach 1989, der Kampf der z.T. später zur Solidarnosc hinzuge­stoßenen: der Indiffer­enten sowie der Opportu­nisten. Ziel derer ist es zumeist, ihre Macht­chancen in dem sozio­öko­no­mischen Wandlungsprozeß zu erhöhen, zumeist durch Verdrängung Diskredi­tierter von den entsprech­en­den Funktions­stellen, also besser bezahlten Arbeitsplätzen. Eine Bereinigung ist auf diesen Ebenen relativ schnell erfolgt.

Die Gruppe der Technokraten und Reformer hat dann gezwungenermaßen die Ausru­fung des Kriegs­zustandes am 13. 12. 1981 mitge­tragen als Schlag in einer damals prinzipiell als aussichts­los geltenden Situation. Diese Menschen befinden sich seitdem in einer Situa­tion tendenzieller moralischer Diskredi­tierung. Aufgrund anderer Paradigmen bezüglich des Erhalts der Staatsge­sellschaft bestehen nicht die ent­sprech­­enden Voraussetzungen wie bei der Entmachtung der SED-Klientel im Jahre 1990. Die Betrachung soll im gegebenen Rah­men auf Polen beschränkt bleiben, wenngleich eine vergleichende Untersuchung und Dar­stellung an anderer Stelle ange­bracht wäre.

Nach Beendigung der konfrontativen Konstellation, beginnend mit der Zeit des 'Runden Tisches' Ende 1988 bis zur Bildung der ersten Solidarnosc-Regierung unter Mazowiecki 1989, also in dem Prozeß von nur wenigen Monaten Dauer, werden sofort die Diversifi­zierungs­bestrebungen sicht­bar. Der Prozeß zentri­fu­galer Tendenz beschleunigte sich sehr stark. Dieser erfolgte über lange Phasen hinweg. Bünd­nisse wurden jeweils in den verschie­denen Regierungen pragmatisch ein­gegangen. Dies gilt bis zur Regierung Pawlak im Okto­ber 1993.

Erst danach hat sich die Demokratische Union (UD) - die Gruppe um Geremek, Mazowiecki und Kuczynski - mit den in der Parlamentswahl im Oktober 1993 unter­le­genen Liberalen zusammen­geschlossen. Auch dieses Bündnis, das eher den Charakter eines Wahl­bünd­nisses, denn eines Zusammenschlusses von Parteien hat, soll primär der erneuten Machterringung bzw. Macht­parti­zipation dienen. Es ist nicht dadurch entstanden, daß sich in steigendem Maße pro­gram­matische Über­schneidungen oder identische Ziel­set­zungen dieser beiden Solidarnosc-Zweige ergeben haben. Offensichtlich ist der Fremdzwang, dieses Bündnis zu bilden, angesichts der Niederlagen der Solidarnosc-Nach­folge­organisationen so groß, daß das Bündnis gebildet worden ist.

In den kurzen Wellen nach 1989, von der Politik des 'dicken Striches' bis zur Abwahl der Solidar­nosc-Parteien sowie der Rückkehr des Reformflügels der PVAP in Gestalt der SLD 1993, sind durch demokratische Wahlentscheidungen Fakten gesetzt worden.

Die Beantwortung der Fragen nach politischen Zielen, Reformvorstellungen und Zusammenarbeit ist verbunden mit einem Rück­blick auf eine Zeit zunehmender Spannungen zwischen den Kräfte­feldern und den Tenden­zen zur Verschiebung der Machtbalancen. Kennzeichnend ist die hohe Dynamik des Geschehens in den Jahren 1980 und '81. Ein Pro­blem ist der Rückblick aller Betei­ligter auf eigenes Invol­viert­sein aus einer Distanz heraus, in der ein Prozeß, der damals noch nicht denkbar war, nunmehr in seinem entscheidenden Schritt vollzogen ist, der aber noch nicht abgeschlossen ist und sich gegenwärtig fortent­wickelt, ohne daß Richtung oder die Chance auf konsens­haftes Vorgehen erkennbar ist. Letzteres ist ein Indiz für die Bestimmung der Langsicht sowie des Grades der Ausprägung der Zivilgesellschaft.

4. Spannungsniveau zwischen der Arbeiterschaft und der PVAP sowie den Funktionsträgern des Staates

Die Mitgliedschaft der Partei sowie in diesem Zusammenhang auch die staatlichen Funk­tions­träger in Polizei, Verwaltung,512 auch der Lehrerschaft, rekru­tierte sich in der Nach­kriegszeit in hohem Maße aus dem 'Stadt­­randmilieu'. Es ist eine Figuration, die man nicht als Sub- oder Lum­penproletariat bezeichnen kann. Es handelte sich z.B. um ehemalige Tage­löhner oder Klein­handwerker, also um machtarme Gruppen mit ehemals sehr geringen Chancen zu sozialem Aufstieg oder gar steigender Macht­partizi­­pa­tion, die unter Bedin­gungen von Armut oder Armse­ligkeit lebten.513

Diese Gruppenangehörigen waren damals gegenüber den neuen Macht­verfügenden loyal. Sie hatten nur in geringem Maße Selbst­steu­erungs­mechanismen herausgebildet. Dies zeigte sich z.B. bei Ein­sätzen gegen streikende Arbeiter. Die schein­bar paradoxe Situation, die sich histo­risch in andere für die polnische Nation tragische Situationen einreiht, bestand darin, daß die ›Arbeiter‹ 1956 (Posen), 1970 (Danzig/Gdingen), 1981 (Grube Wujek) von der ›bewaffneten Macht der Arbeiterklasse‹ nieder­ge­schossen wurden, daß die Industrie- und Werft­arbeiter wie auch die Bergleute ihrerseits nicht verstehen konnten, daß ›Arbeiter‹ jemals auf ›Arbeiter‹ schie­ßen. Es handelte sich in deren Verständnis um (macht)-loyale Gruppen, die auf - in ihren Augen - nichtloyale geschossen haben.

Die Polizei- bzw. Militärangehörigen waren in der Gesellschaft der VR Polens durch gewisse Privi­legien und ideolo­gische Beein­flus­sun­gen subjektiv macht­stärker geworden. Das bedeutete, sie haben aus eigener Position von geglaubter materieller und affektiver Machtstärke heraus ihre eigene und zugleich bessere Situation verteidigt. In der Propaganda wurde diese abgeleitete Situation und der zu schütze*nden des Staates wie des Systems gleichgestellt.

Die Angehörigen der Polizeitruppen514 verteidigten als Organe des legitimen Macht­monopols - aufgrund des von ihnen durchlaufenen Prozesses vorgegebener Indoktri­nierung - den sozialis­tischen Staat. Zugleich schützten sie davon abgeleitet subjektiv ihre eigene individuelle Position. Mög­liche Identifi­ka­­tionen oder gar Solidaritätseffekte mit den Arbei­tern sollten verhindert werden. Die Ausbildung von Identifi­kations­mustern gegenüber dieser Gruppe erfolgte wenn, dann unge­wollt.

Beeinflußt wurde die Spannung sowie die Auseinanderentwicklung außerdem durch den Woh­nungsbau und die Zuweisungspraxis von Mietwohnungen. Aus pragmatischen Gründen hatte man Wohnblocks für die Werft- Industrie- oder Gruben­arbeiter soweit mög­lich in der Nähe der Arbeitsplätze geplant, später dann, in den siebziger Jahren, in neu ange­legte Wohngebiete, die an Netze des ÖPNV angeschlossen waren. Die ursprüng­lich inten­dierten und begonnenen Inte­grations­bestre­bun­gen der Gesellschaft wurden gerade bzgl. dieser Gruppen, von Indu­strie­arbei­tern und den staats- bzw. systemloyalen Ange­hörigen der 'Staatsmacht' nicht durchgeführt.

Inwieweit die Einschränkung oder gar Verhinderung eines Integra­tions­prozesses bewußt inten­diert worden war, ist noch kaum erforscht. Es handelt sich dabei um ein Zentral­problem der post­sozia­listischen Phase: Die ehemaligen Dezidenten stehen aus ver­schiedenen Gründen nicht für Untersuchungen zur Verfügung. Die ehemals dem System nahe­­stehenden Wissenschaftler haben sich zumeist unpolitischen Forschungs­gebieten zuge­wandt, um den Grad von Involviert­heit in das alte System zu minimieren oder diese gar abzuwerfen.