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x nach Piekarski; die Zahlen für 1937 entstammen dem Star. Jahrbuch der Kath. Kirche, Lublin; die Zahl der Geistlichen enthält auch die anderer Konfessionen; die Zahlen für 1944, 1965 und 1972 entstammen dem offiziellen Stat. Jahrbuch, Warschau 1973. y nach: Zdanienicz – kann als offizielle Quelle der Katholischen Kirche angesehen werden; die Differenzen zu 1979 und 1982 erklären sich aus der unterschiedlichen Zuordnung mehrfach genutzter Gebäude (Beioder Versammlungsraum) oder von Gebäuden mit nur provisorisch ausgebesserten Kriegsschaden. z aus unveröffentlichten Quellen der Katholischen Kirche. In den Jahren 1934 1937 wurden in Polen 10 neue Kirchen gebaut. Von 1970 1980 wurden 410 Baugenehmigungen erteilt. Allein 1981 331 Genehmigungen. In den 60er Jahren wurden weniger Baugenehmigungen erteilt als in den 50er Jahren. Gomulka (1956 1970) war sehr antikirchlich eingestellt. Er lehnte z. B. die auf Versöhnung ausgerichteten Kontakte der polnischen zu den deutschen Bischöfen als zu frühe Schritte zur Freundschaft ab („Bitte um Vergebung und Gewährung um Vergebung“ im Brief der polnischen Bischöfe 1966!). In den sechziger Jahren wurden 60 Kirchen legal und 120 Kirchen illegal gebaut. Letzteres bedeutet, dass eine Baugenehmigung nicht erteilt oder gar nicht beantragt wurde. Einen Einblick in die Verteilung „zentraler Objekte“ im Rahmen der fünfjährigen Wirtschaftsplanung ergab sich am 1.1.1982 durch die „Maßnahme 47“ des Vorsitzenden des Ministerrates vom 24. 11. 1981 bezüglich Planung und Durchführung sakraler und kirchlicher Investitionen (einschließlich des differenzierten Modus solcher Investitionen). Die Diözesen übernehmen die Investitionen ab einer Größe der Kirchen von 600 m’ Innenraum. Die Vorbereitung dieser Kirchenbauten erfolgt im Rahmen des Fünfjahrplanes „auf dem Wege der Übereinkunft zwischen den Woiwodschaften und den bischöflichen Ordinariaten“. Kleinere Kirchen sind nicht in dieser Planung enthalten. Sie können von den Baubehörden der Gemeinden genehmigt werden. Die Zahl der im Bau befindlichen Objekte wird für 1982 mit 906 angegeben. Es handelt sich dabei um 666 Neubauten, 47 Wiederaufbauten und 193 Ausbauten, Renovierungen oder sog. Adaptionen. Das sind vorher mehrfach genutzte Gebäude, die nach entsprechendem Umbau nur noch als Kirche dienen sollen. Fertiggestellt wurden 1982 insgesamt etwa 300 Kirchen oder Kapellen. In der Gesamtzahl von 906 sind 200 den Orden zugeordnete Objekte enthalten. Hinzu gezählt werden müssen noch 24 Objekte anderer Konfessionen. Für das Jahr 1985 wird die Zahl der im Bau befindlichen Kirchen mit 950 an gegeben. Es handelt sich überwiegend um Neubauten. Die Priesterseminare in Bialystok, Lomia und Sandomierz wurden 1981 ausgebaut. Neue Objekte für Priesterseminare wurden 1981 genehmigt und sind inzwischen gebaut in: Warszawa, Częstochowa, Koszalin, Olsztyn und Szczecin. In „Katechetischen Punkten“, die den Kirchengemeinden zugeordnet sind, wird Religionsunterricht auf freiwilliger Basis erteilt. Die Pfarrer, Kaplane oder Schwestern werden durch den Staat bezahlt. Es gibt 10 private Mittelschulen in der Trägerschaft der Orden. Sie führen bis zur Hochschulreife (Matura). Die theologische Ausbildung ist an der (privaten) Katholischen Universität Lublin (KUL), der (staatlichen) Katholischen Theologischen Akademie (ATK) in Warschau und der dem Ökumenischen Rat unterstehendenTheologischen Akademie in Warschau möglich. Im Studienjahr 1978/79 gehörten zur: KUL: 2.309 Studenten, darunter 937 Geistliche, 267 akademische Lehrer; ATK: 870 Studenten, darunter 348 Geistliche, 106 akademische Lehrer. Nach eigenen Angaben sind gegenwärtig (1986) ca. 3.530 Studenten an der KUL eingeschrieben. Sie werden von 532 akademischen Lehrern – darunter 126 Geistlichen – unterrichtet. Quelle: Zdanzenicz Im Jahre 1985 wurden 964 Priester geweiht. Die Zahl der Seminaristen stieg auf 8.500 gegenüber 6.300 im Jahre 1980. Die Zahl der Priester wurde bereits mit 22 000 angegeben. Die Zahl der Mönche beträgt 11.000, die der Nonnen 27.000. Über die Zahl der Eheschließungen und Kindtaufen wird keine offizielle Statistik geführt. Nach Schätzungen werden 94 Prozent aller Kinder getauft und 97 Prozent aller Paare lassen sich in der Kirche trauen. Karte 1: Diözesen in Polen | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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1. Białystok 2. Chemno 3. Częstochowa 4. Drohiczyn 5. Gdańsk 6. Gniezno 7. Gorzów, WLKP 8. Katowice 9. Kielce 10. Koszalin-Kolobrzeg |
11. Kraków 12. Lubaczöw' 13. Lublin 14. Łomża 15. Łódż 16. Opole 17. Plock 18. Poznań 19. Przemysł 20. Sandomierz |
21. Siedlce 22. Szczecin-Kamień 23. Tarnów 24. Warmia 25. Warszawa 26. Włocławek 27. Wrocław ' Rest der Diözese Lwów (Lemberg) |
Unterscheidet sich die Jugend in Polen von dem spezifischen Verhalten Heranwachsender in anderen europäischen Staaten? Nicht – soweit es sich um offene Gesellschaften handelt. Es gibt keine starr einzuhaltenden Richtlinien und keine geschlossene Konzeption!
Die Erziehungsprinzipien sind durch sich gegenseitig hemmende und korrigierende Einflussnahmen gekennzeichnet. Sie gehen im wesentlichen von den bereits mehrfach angesprochenen ideologischen Ansprüchen des Staates bzw. der Partei wie auch den Glaubensaussagen der Kirche aus. Ein Schema soll dieses verdeutlichen (S. 113).
Von früher Kindheit an konkurrieren verschiedene Erziehungsprinzipien miteinander. Es beginnt in der katholisch geprägten Familie. Die Prägung erfolgt dabei aufgrund der Berufstätigkeit beider Eltern wesentlich durch die Großmutter. Daran ändert auch die Beurlaubungsmöglichkeit der Mutter in den ersten drei Lebensjahren des Kindes nicht viel, da die geringen Einkommen bei einem Verdienst trotz Kindergeld nicht ausreichen.
Der familiäre Einfluss wird in der frühkindlichen Sozialisation durch das staatliche Erziehungssystem im Kindergarten überlagert. Den Versuchen einer atheistischen Beeinflussung in der Schule durch manche Lehrer steht die christliche Erziehung im Religionsunterricht gegenüber. Dieser findet außerschulisch statt und wird schätzungsweise von 85 % aller Schüler freiwillig besucht. Die Priester müssen zwar am 1. September den staatlichen Behörden ihre Jahresplanung vorlegen, der Unterricht wird aber von der Kirche selbst überwacht. Inwieweit Schüler politisch beeinflusst werden, lässt sich nicht feststellen. Der Staat hat sich seit 1963 durch die Verdrängung des Religionsunterrichts aus der Schule selbst seiner Kontrollmöglichkeit beraubt.
Jüngere Priester gelten vielen jugendlichen als Vorbilder. Sie organisieren Freizeitveranstaltungen und betreuen Fußballvereine und Gesangsgruppen. Damit bietet die Kirche der Jugend das, was die Schule nicht bieten kann: Ungezwungenheit und Engagement.
Die Schule hat sich zwar an den Prinzipien des Marxismus-Leninismus zu orientieren; aber gerade in Polen verstehen sich die Lehrer in der Regel nicht als der verlängerte Arm der Partei.
Nach der Entstalinisierung wurde in den sechziger Jahren der traditionelle autoritäre Stil des Unterrichts beibehalten; die fachliche Qualität der Lehrerausbildung hat aber gleichzeitig europäisches Niveau erreicht und auf diese Weise die unzureichende Situation der vierziger und fünfziger Jahre als Folge des Krieges ausgeglichen. Die Reformdiskussionen sind nicht so ausgeprägt, erfolgen aber im Prinzip vergleichbar denen der westlichen Länder Europas. Die gegenwärtige Schülergeneration leidet eher unter organisatorischen Problemen (Schichtunterricht) als Folge der Krisen.
Gesellschaftliche Konflikte entladen sich dann im Streit um die Anbringung des Kreuzes in Klassenzimmern. Als bezeichnende Folge der verfügten Verbote ergibt sich der Rückzug ins Private: jugendliche haben in der Wohnung eine Ecke, in der sie die selbst aufgenommenen Bilder vom Papstbesuch 1983 oder der Mutter Gottes von Tschenstochau aufbewahren.
Die im staatsbürgerlichen Unterricht verlangten Formulierungen werden mechanisch gelernt. Der Schule gelingt es nicht, die Schüler ideologisch zu beeinflussen. Sie ist zu sehr damit beschäftigt, den vorgeschriebenen umfangreichen Unterrichtsstoff zu bewältigen. Heikle Themen werden nicht angesprochen, man wendet die Taktik des Verschweigens an. Polnische Studenten wollen nicht begreifen, dass ihre Kommilitonen aus der DDR auch tatsächlich das glauben, was sie sagen (müssen). Der Wehrkundeunterricht bzw. regelmäßige militärische Übungen während der Schulzeit, der Lehre oder des Studiums, werden aber nicht in Frage gestellt.
Es ist geradezu falsch, aus der administrativen Einflussnahme auf die Jugend in Schule und Betrieb auf ihr tatsächliches Verhalten und Wertmaßstäbe zu schließen. Gerade an der polnischen Jugend kann man erkennen, dass bestimmte Einflussnahmen vielfältige Formen von Abwehr und Ausweichmechanismen hervorrufen.
Von 37 Millionen Einwohnern Polens sind etwa 18 Millionen jünger als 30 Jahre. Nur ca. 25 % gehören zu den „politischen“ Jugendorganisationen wie dem „Verband der Polnischen Sozialistischen Jugend – ZSMP“, dem „Verband der Landjugend – ZMW“, dem „Verband der Polnischen Studenten – ZSP“. Der „Verband der Polnischen Pfadfinder – ZHP“ kann nicht mitgezählt werden, Er ist allen Bemühungen der Machthaber zum Trotz weitgehend eine unpolitische Organisation geblieben. Es gibt in Polen keine einheitliche Jugendorganisation, die vergleichbar wäre mit dem „Komsomol“ der UdSSR oder der „FDJ“ der DDR.
Während der Zeit von 1949 bis 1956 gab es nur eine Organisation: den „Verband der Polnischen Jugend – ZMP“. Dieser ist aber zerfallen bzw. hat sich selbst offiziell aufgelöst. Es entstanden danach separate Organisationen – wieder unter der Kontrolle des Staates.
Im Jahre 1973 erfolgte unter dem Druck der Parteiführung ein Zusammenschluss des „Verbandes der Sozialistischen Jugend ZMS“ und des „Verbandes der Landjugend – ZMW“ zum „Verband der Polnischen Sozialistischen Jugend –ZSMP“. Gleichzeitig wurde der „Verband Polnischer Studenten – ZSP“ umgebildet zum „Sozialistischen Verband Polnischer Studenten – SZSP“. Dieser wurde 1982 wieder in „ZSP“ umbenannt.
Nach 1980 trat eine weitgehende Lähmung der offiziellen Jugendorganisation ein. Es entstanden unabhängige Organisationen wie der „Unabhängige Verband der Studenten – NZS“, der „Verband der Demokratischen Jugend – ZMD“ wie auch eine Katholische Studentenorganisation z. B. in der Universität Poznań (Posen). Diese Organisationen wurden nach Verhängung des Kriegsrechts 1981 suspendiert und dann 1982 aufgelöst. Gegenwärtig existieren nur die oben genannten. Alle Organisationen des Staates für jugendliche erwiesen sich in Krisensituationen als ausgesprochen schwach und instabil. Hieraus sind auch die vielen Umbenennungen und Umbildungen zu erklären. Der Staat kann die Jugend nicht dauerhaft „in den Griff“ bekommen. Auf dem Lande spielt sich das geistige Leben der Jugend –es ist eher ein Vegetieren – weitgehend außerhalb der Jugendorganisationen ab. Sie sind zu bürokratisch und unbeweglich, da sie nicht die jugendlichen gegenüber dem Staat repräsentieren, sondern ein Werkzeug des Staates im Umgang mit jugendlichen sein sollen. Zu dieser Aufgabe sind sie aber zu schwach.
Nach 1981 gab es unter den jugendlichen zuerst eine starke Phase des Protests, dann zunehmend eine Selbstisolierung –von Staat und Politik. Nur ein Prozent der 360.000 Studenten Polens sind Parteimitglieder.
In einer Umfrage gaben 1984 94 Prozent der jugendlichen an, heiraten und Kinder haben zu wollen. Pro Tausend Einwohner wurden 1984 8,4 Ehen geschlossen (Bundesrepublik zum Vergleich: 7,0) und 1,3 Ehen geschieden worden (1,9). Die Zahl der Geburten lag bei 19,7 (9,7). Polen hat die höchste Geburtenrate in Europa(!) und einen Bevölkerungszuwachs von 10,2 pro Tausend Einwohner ( 2,0). Die Schulen sind überfüllt. Ein Viertel aller Schüler haben Nachmittagsunterricht.
Die Motive für das Verhalten der jugendlichen können hier nur kurz angesprochen werden.
Eine große Rolle spielt die Langeweile des offiziellen politischen Lebens. Es zeigt sich im Feiern der verschiedensten Jahrestage, in Kranzniederlegungen, im Verabschieden wortreicher aber inhaltsleerer Appelle. Es gibt Trotzreaktionen verschiedenster Art und Protest gegen die Bevormundung durch die Schule.
Maßgebend sind jeweils der Mangel an Perspektiven, die Aussicht auf nur geringe Einkünfte nach Abschluss der Ausbildung oder des Studiums. Hinzu kommt die große Unsicherheit, einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden – ganz zu schweigen von der Hoffnungslosigkeit einer jungen Familie, eine eigene Wohnung zu bekommen.
Es entsteht bei vielen jugendlichen das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, obwohl man fleißig,~var und sich qualifiziert hat – also den gültigen Regeln entspricht. Man kommt zwangsläufig zu dem Schluss, dass die eigene Leistung nicht honoriert wird und die totale Routine in Betrieben, Behörden und anderen staatlichen Institutionen nicht durchbrochen werden kann. Die Aussicht des Heranwachsenden, fünfzehn oder zwanzig Jahre mit den Eltern auf engstem Raum leben zu müssen, erzeugt, um eine Formulierung westlicher jugendlicher zu gebrauchen, den „totalen Frust“.
Aus all dem gibt es keine Auswege mehr. So bleibt für viele nur die Flucht: die innere oder äußere Emigration!
Der Rückzug in private gesellschaftspolitische Zirkel entspricht dabei schon wieder der historischen Tradition. Der andere Weg – und auch dafür gibt es historische Vorläufer – ist die Ausreise. Nach offiziellen Angaben sind zwischen 1980 und 1984 ca. hunderttausend Polen im Westen geblieben. Die meisten waren jünger als 35 Jahre.
Die USA, Kanada und Australien sind die Wunschziele vieler junger Polen. Für die Intellektuellen ist der Verbleib in der Bundesrepublik Deutschland mit inneren Konflikten verbunden. Kaum einer ist darunter, dessen Familie nicht während der Besatzungszeit unter den Deutschen gelitten hat. In ihrer Schulzeit haben diese jungen Menschen bis in die siebziger Jahre hinein die Deutschen als das Feindbild schlechthin erfahren.
Eine weiter zunehmende Erscheinung ist die Flucht in den Alkohol, ja sogar Rauschgift wird genommen. Man schätzt in Polen, dass es dort mindestens hunderttausend ernsthaft alkoholgefährdete jugendliche gibt und eine mindestens ebenso große Zahl vom Rauschgift bedrohter jugendlicher. Die Schätzungen darüber schwanken stark. Zudem war das Thema bisher in Polen tabuisiert. Es gibt gegenwärtig 15 000 offiziell registrierte rauschgiftsüchtige jugendliche. 1980 gab es 33 Rauschgifttote, 1983 bereits 110 und 1984 dann 115. 10 Prozent der Berufsschüler und 12 Prozent Gymnasiasten gaben offen zu, mehrere Male mit Rauschgift in Berührung gekommen zu sein. Das Rauschgift wird aus dem Mohnstroh durch Extraktion gewonnen. Seit 1983 ist den Bauern der Verkauf des Strohs verboten. Der illegale Verkauf führte dann nur zu höheren Preisen.
In den Städten bilden sich zunehmend Subkulturen heraus. So gab es im Herbst 1984 regelrechte Straßenschlachten zwischen Poppern und Punks wie in Nowa Huta bei Krakau.
Es drängt sich geradezu die Frage auf: Worin unterscheiden sich denn nun die polnischen jugendlichen von den deutschen, französischen oder englischen? Gar nicht.
Überlagerung der Erziehungsprinzipien zwischen den Institutionen
(im Buch auf S. 113)
Seit der Mitte des Jahres 1985, seitdem in Tausenden von Bürgerversammlungen zu den Wahlen zum Seim (Oktober 1985) mangelnder Umweltschutz – neben Wohnungsbau, Versorgung und Gesundheitswesen – Hauptgrund für die bitteren Klagen der Teilnehmer war, berichteten die polnischen Zeitungen häufiger und genauer über die Umweltverschmutzung im Lande.
Es ist „fünf vor Zwölf“, warnen polnische Wissenschaftler in zahlreichen Expertisen und öffentlichen Auftritten.
Im Gegensatz zu den siebziger Jahren, als die Regierung Gierek ein „zweites Polen“ aufbauen wollte und Kritik kaum geduldet wurde, ist die Umweltzerstörung – genauso wie die verheerenden Folgen der Rauschgiftsucht unter jugendlichen heute kein Tabu mehr. Alle hier angegebenen Zahlen konnten offiziellen polnischen Publikationen entnommen werden.
Zu offensichtlich sind die Zerstörungen, die durch die forcierte, oft unbedachte Wirtschaftswachstumspolitik der sechziger und siebziger Jahre und das krampfhafte Bemühen, das Land zu modernisieren, angerichtet worden ist. Große Fabriken entstanden – ohne Filter und Kläranlagen. Gemeinsam mit den alten extrem die Umwelt belastenden Betrieben verpesten sie in weitem Umkreis ihre Umgebung. Dieses Problem lässt sich nicht mehr totschweigen. Auch Partei und Regierung machen keinen Hehl mehr aus ihrer Besorgnis. Der Anfang 1986 veröffentlichte „Entwurf des Programms der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei“, der nach einer Diskussion in den Parteiorganisationen im Juni 1986 dem 10. Parteitag der PVAP zur Verabschiedung vorgelegt werden soll, stellt u. a. fest.
„Langfristige Ziele im Bereich des Umweltschutzes sind die Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts, die Harmonisierung der sozialen und ökonomischen Entwicklung des Landes mit der Umwelt. Die volle Verwirklichung dieser Ziele verlangt mindestens 25 Jahre intensiver Anstrengungen im Einklang mit dem Nationalen Programm für Umweltschutz und Wasserwirtschaft bis zum Jahr 2010’. Die Regierung bereitet ein solches Programm vor.
Die dringlichste Aufgabe jedoch ist das Aufhalten der Wasserverschmutzung, die Wiederherstellung der Sauberkeit der Flüsse und Seen. Zu den dringenden Aufgaben gehört auch die Verringerung der übermäßigen Schwefeldioxid Emission.
Um diese Ziele zu erreichen, werden neue Kläranlagen gebaut, vor allem an den oberen Läufen der Flüsse. Intensiviert werden sollen Forschungs und Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiet der Kraftstoff- und Abgasentschwefelung. Die Produktion von Entschwefelungsanlagen wird erweitert. Neben mehr Investitionen sind mehr gesellschaftliche Aktivität und Verantwortungsbewusstsein notwendig. Die Anlagen und Ressourcen sollten besser genutzt werden.“
Werden diese Absichtserklärungen die Umweltkatastrophe verhindern können? Die Autoren des Entwurfs jedenfalls mussten sich vorwerfen lassen, dass diese „allgemeinen Feststellungen ... zu wenig konkret und aussagekräftig sind“. Die Ausmaße der Umweltzerstörung – schrieb das Parteiorgan , „Trybuna Ludu“ (3. 3. 1986) weiter – verlangen, dass man diesem Problem ein ganzes Kapitel widmet, die Aufgaben genauer definiert, Wege zeigt, wie man das Umweltbewusstsein fördern könnte.
Die Einwände scheinen insoweit berechtigt zu sein, als trotz öffentlicher Unruhe, trotz der Warnungen, unter den Industriemanagern immer noch große Verantwortungslosigkeit herrscht. „Trybuna Ludu“ (21. 2. 1986) berichtete von einer Tagung der Staatsanwälte zum Thema Umweltschutz: „Einer der Diskussionsteilnehmer brachte folgendes Beispiel: Die Klärung von einem Kubikmeter Wasser kostet 10 Złoty, die Strafe für seine Verunreinigung 1,20 Złoty. Die Betriebe zahlen lieber Strafgelder statt Kläranlagen zu bauen. Dasselbe gilt für die Zerstörung von Wäldern, Böden und Luftverschmutzung. Aus Sorge um ökonomische Ergebnisse werden in Betrieben Entstaubungs- und Kläranlagen abgeschaltet.“ Meistens geschieht das in der Nacht.
Die Betriebe kämpfen um Prämien, viele von ihnen haben große Probleme mit Zulieferern, Ersatzteilen, sie werden vom Staat und vom Handel geradezu gedrängt, mehr für den von Versorgungsengpässen geplagten Markt herzustellen, zu exportieren. Kein Wunder, dass der Umweltschutz meistens an letzter Stelle auf der Liste der Prioritäten rangiert. Zu oft aber werden ökonomische Zwänge von Leichtsinn, Gleichgültigkeit, einer geradezu selbstmörderischen Ignoranz überboten. „Die Vernichtung der Wasservorräte, die Luftverschmutzung und Vergiftung von Böden in solchen Ausmaßen, wie das in den meisten Industriestaaten geschieht, sind für die Bewohner dieser Länder eine neue geschichtliche Erfahrung“ schrieb die Warschauer Tageszeitung „Zycle Warszawy“ (30.8.1985). „So ist es auch in Polen.... Derselbe Mann, der leidet und sich ärgert, weil man ihm verboten hat, in der dreckigen Ostsee zu baden, macht nach der Rückkehr in sein Zementwerk bei Kielce keinen Finger krumm, wenn die Filter ausfallen oder in der Nacht abgeschaltet werden. So ist es bequemer, obwohl im großen Umkreis der Wald bereits durch Zementstaub vernichtet wurde. Das, was wir der Umwelt in unserem Land antun, geschieht nicht nur, weil es an Geld fehlt. Es ist auch ein Maßstab dafür, wie das allgemeine Bewusstsein den Möglichkeiten der Selbstzerstörung, über die wir als Industriegesellschaft verfügen, hinterherhinkt.“
Nicht selten aber stehen die Verantwortlichen vor schier unlösbaren Dilemmata. In Polen spricht man von einem Dilemma der zu kurzen Decke: entweder frieren die Beine oder der Oberkörper.
Ein sehr typisches Beispiel beschrieb die Regierungszeitung „Rzeczpospolita“ (29. 11. 1985). Unter dem Titel „Heilt und vergiftet“ veröffentlichte das Blatt einen Bericht über die Arzneimittelfabrik „Polfa“ in Trachomin bei Warschau. Jeden Tag leitet sie 7.000 Kubikmeter hoch giftige Abwässer ungereinigt in die Weichsel. Nach Inbetriebnahme einer neuen Antibiotika-Produktionsanlage soll sich diese Menge auf 11.000 Kubikmeter erhöhen.
„Polfa“ hat bereits 230 Mill. Złoty (1 DM = ca. 70 Zł.) in den Bau einer kommunalen biologischen Kläranlage für die ganze Region investiert. 600 Mill. Złoty soll der Anteil der Fabrik an dieser Investition betragen. Aber der Bau verzögert sich. Er sollte schon 1982 fertig sein. Oft fehlte es jedoch an Material; für viele Monate wurden Fachkräfte von der Baustelle zum Wohnungsbau geschickt, der mittlerweile absolute Priorität genießt (auf eine Wohnung wartet man in Polen 15 20 Jahre; vor langer Zeit schon überstieg die Zahl der Wartenden eine Million). Bei dem chronischen Mangel an Arzneimitteln im Lande ist an die Einstellung der Produktion bei „Polfa“ nicht zu denken. Der Teufelskreis schließt sich, und die Weichsel ist tot.
Oft fehlt es den Betrieben an Fachkräften, die sich um den Umweltschutz kümmern könnten. Der Anteil der Mitarbeiter mit einer Ausbildung, die die konzeptionelle und organisatorische Arbeit in den Betrieben ermöglicht, ist viel zu klein, um den Aufgaben auf dem Gebiet des Umweltschutzes gerecht zu werden. Neben materiellen Anreizen, die vor allem Ingenieure und Techniker dazu motivieren würden, für den Umweltschutz zu arbeiten (diese Tätigkeit wird in den Betrieben in der Regel schlechter bezahlt als die Tätigkeit in der Produktion) müssen umfangreiche Möglichkeiten für Schulungen geschaffen werden. („Rzeczpospolita“, 28.2.1986)
Der Kreis derjenigen, die sich für den Umweltschutz einsetzen, ist noch verhältnismäßig klein, aber sehr aktiv. Im September 1980 entstand in Krakau der Polnische Ökologische Klub (Polski Klub Ekologiczny PKE). Seine Gründungsmitglieder: Naturwissenschaftler, Ärzte, Journalisten waren nicht bereit, die Vernichtung der Umwelt länger tatenlos hinzunehmen. PKE wählte zu seinem Wappen ein Buchenblatt mit einer weißen und einer roten Rippe – den polnischen Nationalfarben. Heute hat er 17 Regionalbüros und ca. 3000 Mitglieder, davon über 700 allein in Krakau. Durch Publikationen, Expertisen, in öffentlichen Veranstaltungen versucht PKE das Umweltbewusstsein zu wecken und zu retten, was noch zu retten ist.
Im Juni 1985 erklärte der Seim 23 Landstriche zu „ökologisch bedrohten“ und 4 zu „ökologischen Katastrophengebieten“. Zu den letzten gehören Krakau, das Kupferbecken Legnica Glogów, das oberschlesische Industrierevier und die Danziger Bucht. Alle 27 Gebiete – meldete „Zycle Warszawy“ (30. 8. 1985) – umfassen eine Fläche von 37000 qkm und werden von 11 Mill. Menschen bewohnt, d. h. von fast einem Drittel der Bevölkerung des Landes.
dass diese Gebiete nicht noch größer sind, hat Polen in einem wesentlichen Teil seiner einzigartigen Agrarstruktur zu verdanken. Mitten in Europa blieb ein Agrarsystem erhalten, das sich in vielen Merkmalen, besonders den ökologischen, nicht weit von dem alteuropäischen Agrarsystem entfernt hat.
84 mehr als 16 der 19 Mill. Hektar Gesamtfläche, werden von privaten Bauern bestellt. Mehr als 3 Mill. Bauernhöfe gibt es. Sie sind im Durchschnitt weniger als 5 Hektar groß. Die 5600 Staatsgüter und rund 1000 landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften haben im Durchschnitt etwa 360 Hektar Fläche.
Polens Agrargebiete sind eine geschlossene bäuerliche Kulturlandschaft geblieben. Der Unterschied zu den west und osteuropäischen Ländern liegt vor allem in der Beibehaltung des biologisch orientierten Bodennutzungssystems der Dreifelderwirtschaft; Roggen und Hafer spielen eine überragende Rolle. Beide Pflanzenarten sorgen langfristig für eine gute Bodenbeschaffenheit.
Der zweite Unterschied liegt in der umfangreichen Nutzung aller Rest- und Nebenflächen. 6 Mill. Kühe finden ihr Futter vor allem an Flurrainen, Wegrändern und Gräben, die sie mit Schafen und Ziegen abweiden. Diese sehr urtümlich anmutende Art der Viehhaltung ist von hohem wirtschaftlichen und ökologischen Wert.
Sehr typisch ist auch der hohe Pferdeeinsatz. 785.000 Traktoren stehen auf dem Lande mehr als 3 Mill. Pferde gegenüber. Eine Landwirtschaft, die meistens mit Pferden arbeitet, ist nicht auf große Flurzusammenhänge angewiesen. Knicks und Hecken, Heckraine und Buschgruppen stören nicht. Das Gespann passt sich dem kleinsten Hindernis in der Landschaft an. Die ökologischen Zellen und Biotope, auf großen Gebieten Europas zerstört, sind in Polen als eine selbstverständliche Nebenerscheinung der Art, wie die Bauern arbeiten, erhalten geblieben.
Eine andere Frage ist, ob das von den Menschen auf dem Lande überhaupt bemerkt wird.
Viele von ihnen – klagen polnische Wissenschaftler – gehen mit Dünger und Pestiziden nach dem Motto „viel hilft viel“ um. In Polen werden durchschnittlich 1,1 kg Pestizide pro Hektar verwendet (Japan 11 kg, DDR 5,7 kg, ČSSR 2,6 kg). Der Verbrauch an NPK Dünger ist in den letzten Jahren sogar gesunken: 192,2 kg pro Hektar (1979) auf 169,7 kg (1983). Grund dafür waren aber nicht ökologische Erwägungen, sondern die ökonomische Krise.
Die polnische Landwirtschaft, umweltschonend, aber mit vielerlei strukturellen und ökonomischen Problemen behaftet, leidet in einem immer größeren Maße unter den Folgen der Industrialisierung. Im Sommer 1985 veröffentlichte die Polnische Akademie der Wissenschaften (PAN) einen Bericht mit dem Titel „Chemische Bedrohung der Umwelt in Polen“. Er wurde fragmentarisch von „Zycle Warszawy“ (30. 8. 1985) wiedergegeben und erweckte großes Aufsehen. Regierungssprecher Jerzy Urban bezeichnete ihn während einer seiner offiziellen Pressekonferenzen als übertrieben. Vor allem kritisierte er die Behauptung der Wissenschaft, die sich auf die Feststellung der Europäischen Umweltkommission stützten, dass Polen den ersten Platz in Europa einnimmt, was die Umweltverschmutzung angeht. Die Zerstörung der Umwelt – schreiben die Autoren – ist unverhältnismäßig groß im Vergleich zur Beschäftigtenzahl, zur Größe der Produktion und zum Lebensstandard.
„In die Lebensmittel“– ist in diesem Bericht zu lesen „dringen vor allem Schwermetalle, radioaktive Elemente (u. a. als Folge von Kohleverbrennung und Phosphordüngerproduktion), schädliche Substanzen wie Plastifikatoren, Stabilisatoren, Pigmente, Farbstoffe, Bestandteile von Kunststoffen etc. ein. Die maximale Konzentration von Blei in grünem Salat, der in der Nähe der Hüttenwerke „Bolesław“ und „Miasteczko Sląskie“ (Oberschlesien) wächst, beträgt 230 Milligramm pro Kilogramm. Ohne Gesundheitsschäden kann ein Mensch wöchentlich höchstens 3 Milligramm Blei zu sich nehmen. In manchen Industriegebieten ist die Konzentration von Cadmium in den Pflanzen 230mal, von Zink 165mal, von Blei 134mal, Kupfer 21mal, Nickel 13mal, Fluor 34mal, Thor 23mal und Uran 2,4mal stärker als unter natürlichen Bedingungen.
Die Warschauer Abendzeitung „Kurier Polski“ (20. 8. 1985) bezifferte die Fläche der durch die Industrie zerstören Böden auf 100.000 Hektar und nannte zugleich die am meisten betroffenen Woiwodschaften. An erster Stelle befindet sich Oberschlesien (11.000 Hektar), an zweiter und dritter Stelle die Braunkohlenreviere Konin (5600 Hektar) und Jelena Góra (5.100 Hektar), dicht gefolgt von Tarnobrzeg (4300 Hektar), wo große Mengen Schwefel gefördert werden. „Rzeczpospolita“ (12.1.1986) fügte noch hinzu, dass allein in der Umgebung von Belchatów, wo große Kraftwerke arbeiten, 300.000 Hektar Boden aufgrund hastiger Braunkohleförderung vom Austrocknen bedroht sind. Nach der Fertigstellung weiterer Braunkohlekraftwerke könnten weitere 50.000 Hektar davon betroffen sein. In Poznań gelang es Journalisten, Bauern und Umweltschützern Ende der siebziger Jahre, die Regierung davon abzubringen, in Polens besten und ertragreichsten landwirtschaftlichen Gebieten mit der Braunkohleförderung zu beginnen.
Sehr schlecht sieht es mit der Sauberkeit der polnischen Gewässer aus. Der PAN Bericht besagt, dass fast die Hälfte der Abwässer Polens (4,7 Mrd. Kubikmeter jährlich) ungeklärt und über 30 Prozent nur nach einer mechanischen Klärung in Flüsse, Seen und die Ostsee geleitet werden. Die Autoren fügen hinzu, dass mechanisch geklärte Abwässer praktisch ungeklärt bleiben. Von 3650 größeren Betrieben führen 2400 ihre Abwässer ohne jegliche Klärung ab.
„Kurier Polski“ (20.8.1985) berichtet, dass zu den größten Verschmutzern die Metallindustrie (340 Mill. Kubikmeter Abwässer pro Jahr ), die Kraftwerke (170), die chemische Industrie (über 80) und die Papier und Zelluloseindustrie (50 Mill. Kubikmeter) gehören. Allein die Lenin Hütte bei Krakau leitet 200 Mill. Kubikmeter Abwässer in die Weichsel. In diesem Werk, das 33.000 Menschen beschäftigt und 15 Mill. Tonnen Rohstahl herstellt (ein Drittel der Landesproduktion), wird jetzt eine Kläranlage gebaut, die das Wasser, das zur Hütte fließt, säubern soll. Das Weichsel Wasser eignet sich nicht zur Produktion, weil es zu viele Salze und Chlor Verbindungen enthält. Indirekt wird diese Investition aber auch der Weichsel zugute kommen – zu 80 % sollen die Abwässer der Hütte, im Kreislauf geklärt, zurück fließen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Qualität der polnischen Gewässer ständig verschlechtert, heißt es im PAN-Bericht weiter. 1967 wurde das Wasser der Flüsse auf 33 % ihrer Fläche in die Güteklasse 1 eingeordnet. 1977 verdienten nur noch 9% diese Qualifizierung, während bereits 33% als „unklassifiziert“ und damit als total verschmutzt galten. In einem nicht gerade wasserreichen Land wie Polen hat das schwerwiegende Folgen für die Versorgung der Städte und der Landwirtschaft. Dazu kommt noch, dass der Wasserverbrauch überdurchschnittlich hoch liegt; in Warschau z.B. bei 220 Kubikmetern pro Tag und Einwohner (in London 140-160). Schuld dafür tragen vor allem undichte Leitungen und die Tatsache, dass das Wasser immer noch fast umsonst geliefert wird.
In vielen Flüssen Oberschlesiens – heißt es im PAN Bericht ist das Wasser genauso salzhaltig wie das der Ostsee. 70% der Seen wurde bereits durch die Industrie mehr oder weniger verschmutzt. Über die Hälfte der Städte, unter ihnen Warschau, Łódż, Bialystok, Elbląg und Rzeszów, verfügen über keine Kläranlagen. In Warschau soll die erste große biologische Kläranlage nach über zehnjähriger Bauzeit 1987 in Betrieb genommen werden. In der Nähe der Großstädte und Industriegebiete wurde eine verstärkte Verseuchung des Untergrundwassers durch undichte Kanalisation und Müllkippen registriert.
Ein besonders schwieriges Problem stellt die Verunreinigung der Ostsee dar. jedes Frühjahr drucken die Zeitungen amtliche Verlautbarungen über Strände ab, an denen absolutes Badeverbot gilt. Am stärksten davon betroffen ist die Danziger Bucht im Bereich der Weichselmündung. „Um das ökologische Gleichgewicht im Küstenstreifen wiederherzustellen, sind sofort Investitionen im Wert von 100 Mrd. Złoty notwendig“ berichtete „Trybuna Ludu“ (17.2.1986). „Mit Geld für Umweltschutz wird nicht gespart, aber aus verständlichen Gründen ist die sofortige Verwirklichung solcher Vorhaben nicht möglich. im Augenblick werden in der Küstenzone 46 Kläranlagen gebaut. Ihre Inbetriebnahme in der nächsten Zeit wird ermöglichen, die Menge der geklärten Abwässer um 710.000 Kubikmeter pro Tag zu erhöhen. Neun weitere Kläranlagen sollen bis 1990 fertig sein.“ Die Zahl der Kläranlagen, die im ganzen Land sofort nötig wären, beträgt 7000. Nach Angaben des Ministeriums für Umweltschutz und Naturressourcen sollen ab 1990 400 pro Jahr fertiggestellt werden. Bis vor einigen Jahren gab es in Polen keine Betriebe, die Kläranlagen bauen konnten. Erst jetzt werden die ersten Fabriken auf diese Art von Produktion umgestellt.
Besser entwickelt ist die Filteranlagenindustrie, aber diejenigen, die die Luft in polnischen Großstädten einatmen müssen, spüren wenig davon. Die Autoren des PAN Berichts behaupten sogar, dass Polen seit 1983 den ersten Platz in Europa belegt, was die Luftverschmutzung angeht. Auch diese Behauptung wurde von Regierungssprecher Jerzy Urban im Herbst 1985 zurückgewiesen.
Die Ursachen für diesen Zustand liegen lt. PAN Bericht darin, dass Energie hauptsächlich durch Kohleverbrennung erzeugt wird, aber auch im Ausbau von energieintensiven Industrien und der steigenden Autozahl, ohne dass man sich um die Qualität der Motoren kümmert.
Ein extremes Beispiel für die Auswirkungen der Luftverschmutzung ist Krakau. Die Stadt, die während des Zweiten Weltkrieges wie durch ein Wunder nicht zerstört wurde, leidet seit Jahren unter qualmenden Industrieschloten. Saurer Regen, Staub und Abgase beschleunigen hundertfach den natürlichen Alterungsprozess der 1700 Baudenkmäler. Schwefel und Stickdioxide verwandeln gotische Kalksteinfassaden zu Gips. Gesimse und Portale aus Sandstein zerfallen bei stärkerem Wind, verlieren ihre Konturen. Fluor verfärbte eines Nachts die schwarzen Marmoraußenwände der Königskathedrale grün. Vor ca. 2 Jahren musste sogar das goldene Dach der Sigesmund-Kapelle auf dem Wawel Hügel gründlich renoviert werden.
Am Beispiel Krakaus – meinen die PKE Mitglieder – kann man sehen, dass Atomkraftwerke diese Entwicklung aufhalten könnten. Aber in Polen gibt es noch keine AKWs. Zwei werden erst im Norden des Landes gebaut, das erste soll 1988 ans Netz angeschlossen werden.
Solange die Luftverschmutzung nicht vermindert wird, solange wird auch die Renovierung Krakaus, und nicht nur dieser Stadt, eine Sisyphusarbeit sein. Die Restaurierung ist in vollem Gange. Das „Bürgerkomitee für die Rettung der Krakauer Baudenkmäler“ konnte über 20 Mrd. Złoty aus Spenden ansammeln. jährlich wird eine Milliarde verbaut, 311 Gebäude werden wieder instand gesetzt, aber die Häuser zerbröckeln schneller als die Restaurateure arbeiten können.
Die Jugendzeitung „Sztandar Młodych“ (17.7.1985) zitierte dazu Angaben des Woiwodschaftsamtes Krakau für das Jahr 1984. Auf dem Gebiet der Woiwodschaft (15.335 Quadratkilometer) setzen sich 134.000 Tonnen Luftschadstoffe ab. Darunter waren 102.000 Tonnen Schwefeldioxid, 18.000 Tonnen Eisen, 470 Tonnen Zink, 170 Tonnen Blei, 7 Tonnen Cadmium. 60 % der staub und 80 % der gasförmigen Emissionen entstehen in einem einzigen Betrieb: der Lenin Hütte, die – laut „Kurier Polski“ (20. 8. 1985) – 0,5 Mill. Tonnen Luftschadstoffe ausstößt. Der Rest kommt aus Oberschlesien.
In Oberschlesien, dem industriellen Zentrum Polens, werden 98 % der Steinkohle des Landes gefördert, 100 % des Bleis und Zinks, 52 % des Stahls und 50 % der Energie produziert. Auf 1000 Quadratkilometern Fläche (halb so groß wie das Ruhrgebiet), wo 2,5 Mill. Menschen wohnen (6 % der ganzen Bevölkerung) befinden sich über 2800 Betriebe, darunter 18 Eisen und Stahlhütten, 7 Buntmetallhütten, 48 Kraftwerke, 30 chemische Betriebe, 80 Maschinenfabriken, 4 Buntmetall und 60 Kohlebergwerke. Viele von diesen Betrieben stammen noch aus dem vorigen Jahrhundert. Mitten in einigen Städten Oberschlesiens kann man noch heute von der Straße direkt in glühende Öfen von Eisengießereien hineinsehen.
Aber nicht nur solche veralteten Anlagen belasten die Umwelt auf das schwerste. Auch die in den 70er Jahren erbaute Eisenhütte „Katowice“ emittiert, wie „Kurier Polski“ (20.8.1985) berichtet, 0,4 Mill. Tonnen Staub und Abgase; ein Beweis dafür, dass der Umweltschutz lange Zeit nicht ernst genommen wurde. In Oberschlesien – informiert „Sztandar Młodych“ (17.7.1985) – entstehen 35 % der Staubemissionen Polens (600 000 Tonnen pro Jahr) und 60 % der Industrieabfälle (90 Mill. Tonnen jährlich).
All das kann nicht ohne Auswirkungen auf die Menschen bleiben. „In den Grundschulen Oberschlesiens – schreiben die Autoren des PAN Berichts – wurde ein erschreckendes Wachstum der Zahl der Kinder mit Entwicklungsstörungen festgestellt. Man kann das direkt auf erhöhte Anwesenheit von Schwermetallen, besonders von Blei, in Umwelt und Nahrungsmitteln zurückführen.“ Nach offiziellen Angaben liegt in diesem Gebiet die Quote der Atemwegserkrankungen um 40 %, der Kreislaufkrankheiten um 15 %, der Krebserkrankungen um 20 % und der Säuglingssterblichkeit um 3 % über dem polnischen Durchschnitt.
Erst in den 80er Jahren begann man gegen diese Verhältnisse vorzugehen. 1981 wurde endlich, unter starkem Druck der Öffentlichkeit, eine der am meisten die Umwelt belastenden Abteilungen der Zinkhütte „Silesia“ in Katowice geschlossen. Auch an hellen Sommertagen mussten in ihrer Umgebung Straßenlaternen brennen und Autos mit eingeschalteten Scheinwerfern fahren. Kurz danach zwang man die Laziska Hütte, eine Entstaubungsanlage für 6 Mill. Złoty einzubauen. Das Werk stieß pro Stunde eine halbe Tonnen Staub aus! Beides konnte der oberschlesische „Ökologische Klub“ als seine Erfolge verbuchen, aber immer noch sind es Tropfen auf den heißen Stein.
„Neben der Industrie – heißt es im PAN Bericht – stellt das Transportwesen die größte Luftverschmutzungsquelle dar. In Polen ist die Abgasemission aus Fahrzeugmotoren unverhältnismäßig groß im Vergleich zur Zahl der benutzten Pkw’s, Lkw’s und Busse. Sie verbrauchen fast zweimal soviel Benzin pro Kilometer im Vergleich zum Durchschnittsverbrauch in der Welt. Eine paradoxe Situation, wenn man bedenkt, dass der Kraftstoffmangel unser Land empfindlich trifft. Benzin wird in Polen rationiert.
„Sztandar Młodych“ (27.8.1985) berichtet weiter, dass von 8,5 Mill. Hektar Waldfläche (27,6 % des gesamten Staatsgebietes) 17 % krank und 3 % bereits abgestorben sind.
„Allein in Oberschlesien sind fast 145.000 Hektar Wald durch überhöhte Schwefeldioxid Emissionen krank. Es gibt fast keine Fichten mehr, Tannen und Kiefern sind vom Aussterben bedroht. Ähnliche Erscheinungen gibt es in den Swietokrzyskie Bergen, in der Tatra, in den Bieszczady Bergen. Die Fichtenwälder in den Sudeten sterben, genauso wie Kiefernbestände in der Nähe von Pulawy, Włoclawek, Toruń und Police“ – schreibt „Rzeczpospolita“ (12.1.1986).
Polen nimmt selbstverständlich auch am europäischen „Schadstoffaustausch“ teil. In derselben Ausgabe berichtet „Rzeczpospolita“, dass das Land jährlich z. B. 19.000 Tonnen Schwefeldioxid in die Tschechoslowakei „exportiert“, 4600 Tonnen in die DDR, 4.400 Tonnen nach Österreich, 400 Tonnen nach Bulgarien etc. Der „Schwefeldioxidimport“ liegt wesentlich höher: 42.200 Tonnen aus der DDR, 27.200 Tonnen aus der Tschechoslowakei, 7000 Tonnen aus Österreich, 1600 Tonnen aus Bulgarien.
Der hier gegebene Überblick streift nur viele Erscheinungen, erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, zeigt aber, wie bedrohlich die Situation bereits ist. Immer schärfer formulierte Umweltschutzgesetze helfen wenig, wenn es an moderner Technologie mangelt, wenn riesige Versorgungsprobleme zu bewältigen sind, wenn der Export forciert werden muss, um die enorme Schuldenlast abzubauen, wenn es darum geht, gegen Ignoranz von Planerfüllungsfetischisten anzukämpfen. Die ökonomische und gesellschaftliche Krise sind in Polen auf das engste mit der ökologischen gepaart. Keine von ihnen lässt sich einzeln lösen.
Die Liberalität in der Kultur war neben der wirtschaftlichen Öffnung durch Gierek zum Westen die zweite maßgebliche Komponente im Polen der siebziger Jahre.
Andrzej Wajda kämpfte ab 1958 dreizehn Jahre darum, seinen berühmten Film „Der Mann aus Marmor“, eine Abrechnung mit dem Stalinismus, drehen zu dürfen. Die erste Liberalisierungsphase nach Gomułkas Machtantritt im Oktober 1956
währte kaum mehr als ein Jahr. Zu Beginn der siebziger Jahre schienen unter Gierek nahezu alle Beschränkungen im Bereich der Kultur aufgehoben. In der Wissenschaft entwickelte sich als eine politische Folge der Entspannung ein reger Austausch von Meinungen und Publikationen. Zwischen einzelnen deutschen und polnischen Universitäten oder Instituten entstanden Partnerschaften. in Hochschulen, Bibliotheken oder Pressezentren Polens waren die wichtigsten westlichen Zeitungen zugänglich. Als zunehmendes Problem erwies sich die Bereitstellung der Devisen. Polnische Studenten konnten sich die von ihnen benötigte Literatur aus dem Westen beschaffen – unter anderem machte dies der Schwarzarbeitertourismus möglich. Die von der Zensur gestrichenen Stellen der in Polen erschienenen Bücher kursierten als private Abschriften. Die Kulmination in der politischen Kunst erfolgte während der Erneuerungsphase 1980/81. Es machten sich aber schon die Einschränkungen durch den Devisenmangel bemerkbar. Die Frage, ob dann während des Kriegszustandes die Eindämmung des Informationsimportes aus politischen oder finanziellen Gründen erfolgte, erübrigt sich dabei.
Der Niedergang des politischen Kulturschaffens als Ausdruck einer restriktiven Kulturpolitik nach dem 13. Dezember 1981 war denn mehr eine Folge der Resignation und des stummen Protestes gegenüber allen Maßnahmen des Staates. Diejenigen „Kulturschaffenden“, die sich 1982 nicht von der Bühne, dem Film oder Fernsehen zurückzogen, waren in den Augen der Bevölkerung diskreditiert. Die Vorwürfe gipfelten im Begriff der Kollaboration. Begleitet durch die Lockerungen des Kriegsrechts erfolgte die Einfügung in das Unabwendbare. Spätere Kulturhistoriker werden sicherlich die Zäsuren im Bereich der Kunst und Literatur der Jahre 1982/83 aufarbeiten.
Bei der Einschränkung der Genehmigungen für Filme und Publikationen spielen bis heute Kostenfaktoren und Materialknappheit eine große Rolle. Zugleich können sie bequem als Gründe vorgeschoben werden.
Für Maler und Kunsthandwerker lässt sich ein Rückzug ins Private feststellen. Seit 1983 ist die Eröffnung von vielen privaten Galerien zu beobachten, in denen die Künstler darauf warten, dass ein Interessent die oft weniger als ein Dutzend Exponate: Bilder, Kunstgegenstände aus Glas, Keramik, Holz oder Leder, ansieht. An diesen Orten findet zugleich eine angeregte
Kommunikation bei einer Tasse Tee oder einer Zigarette statt. Die Künstler gehören in der Regel der Altersstufe der Dreißiger an, die wohl ihre Ausbildung absolviert, sich aber noch keinen Namen gemacht haben bzw. dieses um den Preis der Anpassung auch nicht wollen oder können.
Sehr schön lässt sich das in den Seitenstraßen des Marktplatzes von Krakau beobachten. Man kann dort stöbern und Wunderschönes entdecken. So hat dort z. B. der in Polen sehr bekannte Karikaturist Andrzej Mieczko seine Galerie. Die dort Anfang 1983 erstandenen Postkarten (vgl. Abb. 1 und 2) stellen je einen Weihnachts- und Neujahrsgruß dar. Die Anspielung auf den Kriegszustand und die Versorgungsmisere ist typisch.
Es scheint, dass Kunst und Literatur in Polen eigene Wege suchen.
Neben den trotz allem positiven Ansätzen gibt es auch eine offiziell geförderte – oder geduldete – Übernahme westlicher Primitiventwicklungen. Fragwürdige Videoimporte aus dem westlichen Ausland – gegen teures Geld privat in einer Wohnung oder gar in Urlaubszentren vorgeführt – haben ihren Markt gefunden. Zu einer anderen Größenordnung gehört aber noch die Flut der importierten Filme oder Fernsehserien, die dann in Kinos oder im Fernsehen gezeigt werden. Die ob ihrer Qualität und Liberalität in den siebziger Jahren geschätzte Kultur wird jetzt von einer Vermassung überlagert. Zu dieser an sich schon beklagenswerten Tatsache kommt die bisher auch in Polen noch nicht abschätzbare subjektive Auswirkung auf die Konsumenten hinzu.
Damit hat Polen bewusst Anteil an der kulturellen Degeneration breiter Kreise der Bevölkerung. Amerikanische Filmserien, die bereits in den wohlhabenden europäischen Ländern ihren finanziellen Einsatz wieder eingespielt haben, werden für ein „Butterbrot (sollte es nicht besser heißen: anstatt?) an ärmere Länder abgegeben und erfüllen ihren Zweck – vor allem in der Jugend.
Lange Zeit war die Grenzfrage betreffend Oder und Neiße Ausdruck für die Nicht Konsensfähigkeit in der europäischen. Politik. Die Widersprüche: Grenzanerkennung und Ausreisegenehmigung oder -verweigerung für die verbliebenen Deutschen waren nicht lösbar. Die Überlagerung durch den“ Kalten Krieg“ kam erschwerend hinzu. Fünfundzwanzig Jahre Ungewissheit waren der Preis für die Betroffenen. Deutsche und Polen litten unter dem Missbrauch ihrer Gefühle,
Die Londoner Konferenz (von 1947) war mehr eine Suche nach einem Alibi vor der Geschichte. Die Gewaltverzichtserklärung der Vertriebenen dann ein erster wichtiger Teilschritt als Zeugnis des Friedenswillens. Er blieb lange Zeit der einzige. Einen Antwortschritt der Polen konnte es in den fünfziger Jahren noch nicht geben, da deutscherseits durch die Fixierung auf Rechtspositionen ein politischer Schritt unmöglich war. Erst die späten fünfziger Jahre führten unter dem Einfluss wirtschaftlicher Erwägungen zu einer langsamen Überwindung der politischen Starre – zunächst bei den westlichen Partnern.
Die späte Entdeckung des östlichen Marktes durch die deutsche Wirtschaft, das Heraustreten aus dem Adenauerschen Schatten konnte erst unter den CDU Politikern Erhard und Schröder erfolgen.
Das Handeln von Christen im Geiste der Versöhnung, das Verfassen von Denkschriften durch Protestanten (1965) und Katholiken (1968) führte zur ernüchterten Aufgabe des politisch unhaltbar gewordenen Zustandes mit dem Ergebnis der „Feststellung der westlichen Staatsgrenze der VR Polen an der Oder und Neiße“ im Vertrag von Warschau am 7. 12. 1970. Die innenpolitischen Nachwehen folgten. Auch das ist legitim in einer Demokratie. Die völkerrechtliche Bindungswirkung des Vertrages und die grundsätzliche Anerkennung aller Grenzen von Mitgliedsländern durch den Beitritt zur UNO haben die Deutschen geehrt und das friedliche Zusammenleben in Europa erleichtert.
Die Resolution des Bundestages vom 17. Mai 1972 ist als Ausdruck der politischen Spannbreite, aber auch des Willens und der Fähigkeit zum Konsens in diesem innenpolitisch schwierigen Jahr zu werten.
Sie ist aber auch Beleg für die Inkongruenz zwischen der Weiterentwicklung der Politik unter dem Primat der Verständigung einerseits und dem Primat von Rechtspositionen in der Festlegung durch Grundgesetzpostulat, BVG Urteil und Deutschlandvertrag andererseits.
Es handelt sich dabei um eine typisch deutsche Nachkriegseigenschaft. Die Tabuisierung des selbst unter Partnern Unverstandenen wird kaum durchbrochen. Die Erklärung des italienischen Außenministers Andreotti 1984 zur Deutschlandfrage war eine Ausnahme. Die deutsche Problematik bildete andererseits keinen Hemmschuh für die Weiterentwicklung in der Außen und Deutschlandpolitik. Die innenpolitischen Kontroversen sind denn mehr Randerscheinungen und verbale Gefechte. Von den ehemals innergesellschaftlichen Konflikten blieben nur mehr Wort Hülsen als Wahlkampfmunition. Das Festhalten an den „Rechtspositionen“, die zudem nie als konkrete politische Ziele benannt wurden, degenerierte realpolitisch zur Farce und wurde für die Nachkriegsgeneration weitgehend zur unverstandenen Nostalgie. Für viele Angehörige der betroffenen Generation blieb es aber ein innerer Halt. All dieses ist in der pluralistischen Gesellschaftsordnung zu respektieren,
Die Unredlichkeit beginnt beim Schüren der Emotionen. Damit wird der Polen betreffende Teil der Deutschen Frage zur offen gehaltenen Wunde. Die innenpolitischen Auseinandersetzungen schließen ein, dass die „Perlenschnur“ (die Kennzeichnung der Grenze von 1937) auf den physikalischen Landkarten der ministeriell zugelassenen Schulatlanten bleibt. Aber ist der Preis der Glaubwürdigkeit nicht zu hoch, wenn im bildungspolitischen Kompromiss unseres Kulturföderalismus die Anerkennung von Gesamtschulabschlüssen gegen die Beibehaltung der „Perlenschnur“ ausgehandelt wird (Beschluss der Konferenz der Kultusminister von 1982)?
Kann nun politische Moral den Handlungsrahmen setzen? Gibt es überhaupt noch verbindliche Wertmaßstäbe? Die historischen sind überholt oder durch Modebegriffe entwertet. Zudem wurden sie ob ihrer Ideologie entlarvt.
Der Schmerz über erlittenes Unrecht hinderte uns Deutsche zunächst daran, die Frage nach der Schuld zu stellen. Schlechte Antworten gab es durch Verdrängung der Ursachen. Die Aufrechnung wurde leicht zum Ersatz für Bewältigung.
Die Kirchen gaben eine christliche Antwort: Sie baten um Vergebung und sie gewährten Vergebung. Das Versöhnungsgebot wurde zum Schlüssel für politisches Handeln.
Die Frage nach der Schuld muss heute einmünden in die Frage nach der Verantwortung für den Frieden in Europa, eine Verantwortung aller. Aus der Vergangenheit ist die Verpflichtung erwachsen, die Moral zur Richtschnur politischen Handelns zu machen. Dies bedeutet für die Menschen, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und Achtung vor dem anderen zu entwickeln.
Wir wollen dem in diesem Buch Rechnung tragen durch:
Würdigung der Leistungen beim Aufbau und der Weiterentwicklung im Lande;
durch Darstellung der (begrenzten) Möglichkeiten, der Hoffnungen und der Schwächen;
zur stärkeren Herausbildung der Konturen des Bildes: Polen.
Dieses alles, wohl wissend, dass die Diagnose oft der schmerzlichste Teil der Krankheit ist, dass es nicht immer möglich ist, eine Krankheit zu hellen. Man kann aber lernen, mit der Krankheit zu leben und ihre Erscheinungen zu mildern!
Es kann für uns nicht Gegenstand sein, politische Perspektiven der deutschen Außenpolitik zu entwickeln. Wir wollen aber einen Beitrag leisten zur Absteckung des Rahmens, der gegenwärtig das deutsch polnische Verhältnis bestimmt.
1 . Das in der Rede des Bundespräsidenten vom 8. Mal 1985 zum Ausdruck kommende Versöhnungsgebot muss Richtschnur für außen- und rechtspolitisches Handeln sein.
2. Die Bindungswirkung verfassungsgemäß entstandener und demokratisch legitimierter Verträge darf nicht in Frage gestellt werden.
3. Der Aussöhnungsprozess mit dem polnischen Volk sollte als Chance zur (abschließenden?) Bewältigung der Vergangenheit genutzt werden.
4. Das Bekenntnis zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland muss ein Bekenntnis sein zum gebrochenen Verlauf deutscher Geschichte. Politische und rechtliche Postulate dürfen nicht dogmatisch, sondern müssen als Bestandteil historischer Abläufe begriffen werden.
5. Politische Moral verpflichtet zu verantwortungsbewusstem Handeln auf der Basis gegenseitigen Vertrauens.
„Denn was ist Kontinuität? Das Wort ist in die historischen Wissenschaften eingeführt worden, um ein bestimmtes Verhalten in der Zeit – ein Gleichbleiben oder ein nur relativ langsames Sich-Wandeln – zu bezeichnen. Aber es ist nicht klar umgrenzt. Es ist auch von seinem Gegenteil her nicht zu umfassen. Denn sein wichtigstes Gegenteil ist seine einfache Verneinung, die Diskontinuität. Man kann allerdings auch »Sprung«, »Bruch«, »Katastrophe«, »Auflösung« oder »Revolution« dafür setzen. Aber damit differenziert man nur verschiedene Arten der Diskontinuität. Die Frage, was je zur anderen Seite der von Kontinuität zur Diskontinuität führenden Skala hin eingeordnet werden soll, ist ungewöhnlich schwierig. Argumente lassen sich meist dafür und dagegen anführen, Immer ist der Anteil der Wertungen relativ groß. Um Maßstäbe und Kriterien für Kontinuität hat man sich kaum je bemüht. Das ist auch erst möglich, sobald man weiß, was dieses Wort begreifen, was alles man von einem solchen Begriff aus zutage fördern kann, ob er überhaupt zu mehr taugt als zu einer oberflächlichen Klassifikation oder zum Ausdruck bestimmter Bekenntnisse. Mit diesem Wissen aber scheint es innerhalb des Faches Geschichte nicht allzu weit her zu sein.“
Christian Meier31
Der Versuch, Europa historisch-geographisch in definierte Teilräume aufzugliedern, stößt in seiner vielschichtigen Problematik an Grenzen der Gültigkeit, wobei immer auch zu sehen ist, dass Gliedern auch Ausgliedern und Abtrennen bedeutet und damit politische Sprengkraft erhält. Es wäre sehr kurzsichtig, unser heutiges politisches West-Ost-Schema auf geschichtlich-kulturelle Zusammenhänge übertragen zu wollen.
Eine ganze Reihe historischer Phänomene haben Europa im Laufe der Jahrhunderte zergliedert: die Grenzen des römischen Reiches am Limes und die Grenze der klassischen Latinität; die Sprach- und Kulturterritorien von Kelten, Germanen und Slawen; Integration und Zerfall des Frankenreiches; später Protestantismus und Katholizismus oder schließlich die neuzeitliche Herausbildung territorialer Hegemonialmächte. Diese verschiedenen Teilungen – man halte es sich noch einmal deutlich vor Augen – decken sich in Reichweite und Grenzziehung keineswegs. Doch ist die Betroffenheit von den durch die Teilungen induzierten Spannungen und Konflikten in Europa nicht gleichmäßig verteilt. Am wechselvollsten war die Prägung durch die Wechselfälle der Geschichte in einem Raum etwa zwischen Rhein und Weichsel, in dem fast alle diese Teilungen ihre Spuren hinterlassen haben, einem Raum, dem wir allein dieses Kriteriums wegen zunächst einmal die Bezeichnung Mitteleuropa zuschreiben wollen.
Eigentlich alle großen Konflikte im unfriedlichen Kontinent, der Europa nun einmal war, konzentrierten sich auf Mitteleuropa. Weniger Kontinuität und kulturelle Homogenität sind Charakteristiken dieses Raumes, als Unterwerfung unter das Prinzip von Konflikt und Auseinandersetzung, als Aufnahme widersprüchlicher politischer und kultureller Einflüsse und Ansprüche, als Anpassung und Erneuerungsstreben. Das bedeutete aber auch, dass die Zeiten inneren Friedens kurz und die soziale und persönliche Not oft groß war in Mitteleuropa. Diese Einflüsse haben sich tief in die politische Kultur der mitteleuropäischen Völker eingeprägt. Es stellt sich auch heute die grundsätzliche Frage nach der Friedensfähigkeit (nicht nach dem Friedensbedürfnis!) der aus Mitteleuropa hervorgegangenen modernen Industriegesellschaft. War auf der einen Seite das wechselvolle politisch-kulturelle Schicksal Mitteleuropas Anstoß und Motiv für die Dynamik des Fortschrittsprinzips, so wuchsen gleichermaßen die selbstzerstörerischen Potentiale und wendeten ihre aggressiven politischen Vokabulare auch nach innen. Deutsche und Polen sind gleichermaßen einbezogen in diese mitteleuropäische Geschichte. Ihr Verhältnis, ihre Fähigkeit zum friedlichen und freundschaftlichen Zusammenleben werden daher zum Prüfstein für die Fähigkeit Mitteleuropas, die selbstzerstörerischen aggressiven Potentiale, die tief in der eigenen Geschichte verwurzelt sind, zu überwinden und die konstruktive Seite der gesellschaftlichen Dynamik politisch umzusetzen. Diese besondere Seite im Verhältnis zwischen den beiden Völkern ist auch denen, die den aktiven Kontakt suchen, noch nicht hinreichend gewahr geworden.
Um die gemeinsamen geschichtlichen Wurzeln Mitteleuropas deutlicher ins Bewusstsein zu heben, ist es hilfreich, auch die andere Funktion dieses Raumes zu sehen: Mitteleuropa, und damit eingeschlossen Polen, ist ein Brückenraum zwischen Völkern und Kulturen, durchquert seit alters her von einer Vielzahl von Handelswegen, geprägt auch von Bevölkerungsverschiebungen, Völkerwanderungen und Siedlungsbewegungen.
Dabei sollte man sich vor Augen halten, dass Mitteleuropa in der Frühzeit bis hin zum ausgehenden Mittelalter ein anderes Gesicht hatte als heute. Die wesentlich geringere Bevölkerungsdichte ließ zwischen den Siedlungszentren ein Netz weitgehend unberührter Landschaften frei, Sümpfe, Flussauen und Wälder, die erst nach und nach durch das dichter werdende Geflecht von Handels- und Heerwegen erschlossen und schließlich für eine Besiedlung nutzbar gemacht wurden.
Die Gesellschaftsstruktur entsprach dieser dezentralen, ungleichmäßigen Bevölkerungsverteilung; staatliche Zentralität im heutigen Sinne gab es nicht, das auf persönlicher Verpflichtung beruhende Feudalprinzip war noch nicht durch die territoriale Administration abgelöst worden; daher kann man im ausgehenden Mittelalter auch noch nicht von wohldefinierten staatlichen Grenzen sprechen, die sich auch als Kultur- und Wirtschaftsgrenzen in die Raumstruktur einprägen. Der Siedlungsraum war insgesamt durchlässiger, so dass sich schon erstaunlich früh Handels- und Kulturkontakte über weite Entfernungen, ja über die Grenzen des Kontinents hinaus entwickelten. Man muss erkennen, dass dieses Phänomen der frühen Austauschbeziehungen auch für den mitteleuropäischen Raum nachgewiesen werden kann. Erst dadurch können überraschende Entwicklungsimpulse in diesem Raum richtig eingeordnet werden. Von den Küsten ausgehend gab es ein Geflecht von Handelswegen, die Mittel-, West- und Nordeuropa verbanden und im Osten weit in slawisches Gebiet hinein griffen. Auf diesen Wegen findet man zunächst, nicht immer in friedlicher Weise, Wikinger und Normannen. Später wird das nämliche Netz von der Hanse benutzt. Aber die Handelsbeziehungen greifen weiter. Seit sehr früher Zeit ist eine Beziehung über den Ostseeraum hinaus nach Südosten bis hin nach Mittel- und Vorderasien anzunehmen. Vorderasiatische Händler kamen nicht nur von Westen, sondern auch über die Schwarzmeerroute in den slawischen Siedlungsbereich und erwarben dort unter anderem Felle, Lebensmittel, Holzwaren etc.32
Die ansässige Bevölkerung beteiligte sich mehr und mehr an diesem Austausch und profitierte letztlich von den ökonomischen Impulsen. Waren zu Zeiten der »Streifzüge« der Wikinger33 diese Beziehungen noch eher sporadisch, vertiefte sich der Handelsimpuls im Laufe des Mittelalters im nordmitteleuropäischen Bereich vor allem durch die Hanse. In diese Zeit fällt auch der bedeutsam Schritt vom Präsenzhandel »nomadisch« durch die Länder streifender Händler, deren Auftauchen eher etwas Zufälliges anhaftete, zum »Distanzhandel« von zentralen Handelshäusern aus, die sich verstärkt um Schutz und Privilegien der sich herausbildenden territorialen Autoritäten bemühen mussten.34 Für den polnischen Raum ist dies die Zeit der ersten staatlichen Organisation.35 Man kann dabei das Entstehen des organisierten Fernhandels mit seinen Implikationen: Ausweitung des Warenangebotes, Geldwirtschaft und Überwindung der rein agrarischen Subsistenzwirtschaft und Aufkommen der Städte und damit modernere Formen von Herrschaft und Verwaltung, als dialektisch aufeinander bezogene Ausprägungen der gleichen zugrunde liegenden gesellschaftlichen Entwicklung begreifen, in der die mittelalterliche Wirtschaftsform langsam überwunden und die neuzeitliche Herrschaft begründet wird.
Ein Brückenraum zu sein, bedeutet, vielfältigen Einflüssen ausgesetzt zu werden und gleichzeitig gestaltend wirken zu können bei der Vermittlung friedlicher oder kriegerischer Impulse, die von den Nachbarn ausgehen.
Europäische Ideen und Konflikte treffen in Polen aufeinander. Verfolgt man den Brückencharakter Polens in die Neuzeit, so drängt sich eine wertende Betrachtung auf: Wird Polen als Vermittler europäischer Impulse und Ideen in aktiver Form einbezogen in den Kulturkontakt zwischen West und Ost, zwischen den romanischen Ländern, Deutschland, Russland und Südosteuropa, entwickelt sich eine große Chance friedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritts. Einige Phasen in der Zeit der Jagiellonen wie auch die Rolle Polens im Zeitalter der Reformation und der Glaubenskriege, unter dem Stichwort der »Polnischen Toleranz« zu fassen, oder, selbst schon unter dem Druck der schrittweisen Teilungen, in seiner Beziehung zum aufkommenden Liberalismus36, sind deutliche Hinweise auf die aktiven Gestaltungspotenziale dieses Landes. Immer stärker versuchten dann aber die benachbarten Großmächte, über Polen hinweg Politik zu machen, was zu einer Unterdrückung der Brückenfunktion und damit zur unmittelbaren Konfrontation der Großmächte führte. Der Prozess der polnischen Teilungen steuerte mit erstaunlicher Konsequenz auf den Ersten Weltkrieg und Hitlers Konfrontation mit Russland hin. Bei dieser Auseinandersetzung musste in konsequenter Weise zunächst die Eliminierung des polnischen Staates, und wie es die deutsche Okkupationspolitik plante: die Vernichtung der polnischen Kultur erfolgen.
Gegenüber dieser kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung Polens für eine europäische Friedensordnung treten die oft emotional geführten Auseinandersetzungen um polnische und deutsche Anteile an der gemeinsamen Geschichte völlig in den Hintergrund. Polen als struktureller Faktor europäischer Geschichte lässt die Frage nach dem polnischen oder deutschen Entwicklungsanteil an Städten, deren politische Zuordnung im Laufe der Geschichte wechselte, uninteressant erscheinen. Interessant wird demgegenüber die Frage, ob in dem heute räumlich viel weiter greifenden West-Ost-Konflikt Polen wieder eine vermittelnde Rolle einnehmen könnte. Ein Versuch in dieser Richtung, der Rapacki-Plan 1957 über die Errichtung einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa, ist an dem Misstrauen der Großmächte gescheitert. Vielleicht muss es uns ins Bewusstsein kommen, dass heute Mitteleuropa insgesamt die Brückenfunktion einzunehmen hat, die Jahrhunderte hindurch Polen übernommen hatte. Deutschland wird dabei immer mehr an die Seite Polens zu rücken haben: Es gilt Abschied zu nehmen von überlebten europäischen Hegemonialvorstellungen, deren letztes Scheitern mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Deutschen eine neue historische Rolle zugewiesen hat. Waren letztlich auch in Polen über Jahrhunderte alte Hegemonialträume von Piasten und Jagiellonen gescheitert, so kann Deutschland aus seinem Kontakt mit Polen heraus lernen, aus einer subhegemonialen Position heraus als Brückenland an einer konstruktiven Friedensordnung in Europa teilzunehmen. Damit schließt sich der Kreis unserer Vorüberlegungen, in denen die Rolle Mitteleuropas entweder als Konflikt- oder als Brückenraum definiert und Polen und Deutsche gleichermaßen als Partner im mitteleuropäischen Schicksal angesprochen wurden.
2. Polen war selten Subjekt, öfters Objekt der europäischen Geschichte
Man verbleibe noch eine Weile bei den allgemeinen Überlegungen darüber, was an Rahmenbedingungen die Situation Polens charakterisiert und eventuell erhellen kann. Stellte man zunächst ein räumliches Merkmal in den Vordergrund, so soll dieses Element nun auf eine abstraktere Ebene verlegt und nach den eigenen Gestaltungsmöglichkeiten seiner Situation, die Polen im Laufe seiner Geschichte wahrnehmen konnte, gefragt werden.
Ich habe die These aufgestellt, dass ein aktives Eingreifen Polens in die kulturellen und politischen Austauschbeziehungen positive Potentiale für eine europäische Friedensordnung enthalte. In der neueren Geschichte war Polen jedoch nur selten in der Lage, positive Wirkungen aktiv zu vermitteln. Objekt hegemonialer Ansprüche politisch aggressiver Nachbarn zu sein, ist eine Grunderfahrung Polens, die sich tief in die politische Kultur dieses Volkes eingegraben hat. Geschichte wird oft als Leidensgeschichte verstanden; aus einer irrationalen Erlösungshoffnung leiten sich dann widersprüchliche politische Verhaltensmuster ab, wobei Duldungsfähigkeit unvermittelt neben Ausbrüchen spontaner Revolte stehen. Die politische Wirksamkeit von Literatur und Kunst bis auf den heutigen Tag entspringt diesem historisch gewachsenen Bedürfnis, der eigenen Geschichte einen Sinn zu geben. Jernsson37 beschäftigt sich mit der Bedeutung der nationalen Dichtung, wenn er zum Beispiel schreibt: „Dichterisch verschafften Juliusz Slowacki38 und in der radikalsten Art Adam Mickiewicz39 diesem Messianismus eine weite Verbreitung. Slowacki sprach von dem Erlebnis, das in der Verbrüderung der gesamten Menschheit zu Gott führe und den herrschenden Glaubensformalismus anprangere. Er zog aus dem Schicksal seines Landes allgemein-menschliche Schlüsse, Polen solle nicht mehr konkrete politische Ziele verfolgen, es solle in einer kommenden Revolution, die seinen Stempel tragen werde, das eigene Volk erhöhen und sodann die Menschheit auf eine neue, bessere Ebene führen.“
Mit diesem Zitat wird ein Leitmotiv des polnischen Dilemmas in seiner jüngeren Geschichte angedeutet: in der eigenen politischen Opferrolle einen Sinn zu sehen, der über das eigene Schicksal hinaus weist und Polen zumindest auf einer geistigen Ebene über seine Unterdrücker triumphieren lässt. Dieses Motiv wird auch heute in den innenpolitischen Auseinandersetzungen ausgespielt, indem der katholische Glaube politisch funktionalisiert wird. Der Hang zu politischen Symbolen und Ritualen, die Vielzahl von Denkmälern und historischen Gedenkstätten – man denke dabei nur an das von streikenden Arbeitern vor der Danziger Leninwerft errichtete monumentale Denkmal für die Opfer von 1970 – ist ebenso Ausdruck des Versuchs, Geschichte zu transzendieren und dabei der transzendenten Sinnvermittlung materiellen Halt zu geben, wie die fast unbegreifliche Konsequenz, mit der in Polen alte Städte wieder aufgebaut und historische Gebäude restauriert werden.
In diesen Zusammenhang gehören auch einige Überlegungen zum Thema Nationalismus, die vielleicht auch helfen, etwas kritischer der eigenen deutschen Identität nachzuspüren. Polen gilt, jeder Augenschein wird das bestätigen, als besonders krasses Beispiel einer überschwänglich-emotionalen nationalistischen politischen Kultur. Wie lässt sich dies vereinbaren mit den katastrophalen Folgen von Nationalismus, die Europa in diesem Jahrhundert zweimal ertragen musste und deren Hauptopfer gerade auch Polen gewesen ist? Kann die politische Forderung nicht nur lauten, Nationalismen jeglicher Art zu überwinden? Es ist an sich schon ein Widerspruch, dass Regierungen, die sich in der Tradition einer sozialistischen Arbeiterbewegung sehen, welche aus ihrer Sicht zu Recht schon im letzten Jahrhundert als Gegenthese zum sich aggressiv verdichtenden europäischen Nationalismus das Postulat eines proletarischen Internationalismus aufgestellt hat, wenn ebendiese Regierungen in Polen und Russland und in anderen Ostblockstaaten unverhohlen auf Nationalismus und nationalistische Abgrenzungen setzen? Der Kampf der nationalistischen Flügel im Kommunismus gegen die Internationalisten, deren wichtige Repräsentantin in diesem Jahrhundert auch die aus dem Renaissance-Städtchen Zamość stammende Rosa Luxemburg war40, hat eine lange Tradition. Dies gilt vor allem auch für Polen, wo die Verbindung von sozialer Revolution mit nationaler Befreiung einen besonderen Stellenwert einnahm41. Das führte dann zu einer Zersplitterung der Arbeiterbewegung, die bis in den Widerstand gegen die Hitlerokkupation zu verfolgen ist und die in der Gründungsphase der Volksrepublik zu fast bürgerkriegsähnlichen Machtkämpfen der verfeindeten Flügel führte.
Doch zurück zur Grundfrage dieses Abschnittes: Ist dieser polnische Nationalismus der deutschnationalen Tradition vergleichbar? Diese Frage lässt sich nicht dadurch beantworten, dass die äußere Repräsentanz des Nationalismus vordergründig verglichen wird. Sonst wäre ja die naiv-schwärmerische Gedichtzeile, die so viele Fehlinterpretationen in der nachfolgenden Zeit beschworen hat, »Deutschland, Deutschland über alles...«, als legitime Ankündigung eines aggressiven Nationalismus zu verstehen, der dann zwangsläufig in der Hitler-Barbarei endete ... Das ist unhistorisch gedacht. Nationalismen sind auf ihre politische Funktion im historischen Kontext hin zu untersuchen. Und hier ist ein grundsätzlicher qualitativer Unterschied festzuhalten, ob ein unterdrücktes, okkupiertes und fremdbestimmtes Volk Überlebenswillen und Widerstandsfähigkeit schöpft aus dem bewussten Erlebnis gemeinsam erduldeter Geschichte und der Erfahrung von Leid und Widerstand, die erst Grundlage einer neuen politischen Kultur werden, oder ob im Gegensatz dazu eine saturierte Gesellschaft ihre Privilegien und Freiheiten dazu missbraucht, nationalistische Ideologien als Legitimation für Überlegenheitslegenden und hegemoniale Ansprüche zu benutzen und daraus das Recht gegenüber dem schwächeren Nachbarn abzuleiten, aggressive Politik zu betreiben. Die eine Seite kämpft um ihre Menschenrechte und um den Erhalt von Würde, Freiheit und Gleichberechtigung, die andere Seite baut zu ihren Gunsten neue hierarchische Ungleichheiten und Unterdrückungsverhältnisse auf. Es ist interessant, dass diese beiden Formen des Nationalismus oft im historischen Zusammenhang als dialektisches Verhältnis begriffen werden können. Der Nationalismus des Widerstandes und der Befreiung als Gegenthese zum Unterdrückungsnationalismus der Vormächte. Doch bleibt die Frage nach der historischen Überwindung dieses Widerspruchs gerade unter heutiger weltpolitischer Bedrohung notwendig.42
Die Realität ist jedoch nicht ganz so einfach, wie unser Geschichtsmodell es glauben machen will. Der "gute" und der "böse" Nationalismus gehen im historischen Prozess beim Wandel der äußeren politischen Bedingungen ineinander über, werden ambivalent. Schafft der gemeinsame Kampf gegen die Unterdrückung auch die notwendige Gruppenidentität, so verankern sich die Form und der Ausdruck der Nationalismen einer gemeinsamen politischen Kultur tief in der Emotionalität der Gruppe; der symbolische Ausdruck der Kampferfahrung, seine Ritualisierung, überdauern den Entstehungsanlass, werden zum Ausdruck der Gruppe an sich. Die historische Persistenz der nationalistischen Form lässt den politischen Inhalt dann in sein Gegenteil umschlagen, wenn die Nation ihren Befreiungskampf gewonnen hat und selbst in die Rolle des potenziell Überlegenen hinein wächst. Umso wichtiger wird die Frage, wie mit der nationalistischen Form unter veränderten Zeitbedingungen umzugehen ist. Auch in Polen wird diese Frage heute gestellt.
Doch seien noch historische Beispiele für diesen postulierten Umschlag des politischen Inhalts ursprünglich gerechtfertigter Nationalismen erwähnt: Im Bereich der »Dritten Welt« ist der Dekolonisationsprozess meist unter der Flagge nationalistischer Ideologien erfolgreich erkämpft worden. Einige der heutigen Nationen, wie unter anderen Algerien, haben ihre nationale Identität gar erst im Prozess des Befreiungskampfes gegen die Kolonialmacht gewonnen, da eine vergleichbare staatliche, territoriale oder soziokulturelle Einheit in der vorkolonialen Zeit gar nicht vorhanden war. Aber auch in Deutschland liegen die Wurzeln des später so verhängnisvollen Nationalismus anders, als man aufgrund späterer Erfahrungen mit diesem Nationalismus vermuten könnte. Der Kampf gegen die napoleonische Okkupation war ebenso Anlass, nationale Formen des Widerstandes zu finden, wie der revolutionäre Widerstand gegen die im Wiener Kongress etablierten Restaurationsregime im deutschen Vormärz. Auf die polnischen Parallelen habe ich schon hingewiesen. Doch dann läuft die historische Erfahrung der beiden Völker auseinander, als sich der deutsche Nationalismus bei der Reichsgründung für eine aggressive Außenpolitik, z. B. gegen Frankreich, z. B. gegen Polen, funktionalisieren lässt. Der Nationalismus hat damit seine Unschuld (wohl für immer) verloren. Betrachtet man das heutige Polen, trotz aller aktueller Konflikte und Abhängigkeiten sicherer und in seiner nationalen Identität unbestrittener als je in der neueren Geschichte, so ist das Umschlagen der Qualität des Nationalismus als Gefahr nicht von der Hand zu weisen. Das zeigt sich allein schon daran, dass der Appell an die nationalen Gefühle zur Herrschaftssicherung der Parteikader wie zur Verschleierung gesellschaftlicher Konflikte und Fehlentwicklungen benutzt wird. Zeigten sich zwar auch schon in der Geschichte Ansätze eines solchen verschleiernden Gebrauchs nationalistischer Geschichtsmythen – Beispiele davon sind »Maria, Königin von Polen« oder das »Wunder an der Weichsel«43 –, so zeigt die heutige Situation doch deutlich ein Ende der positiven Funktion des polnischen Nationalismus. Hier treten Irritationen der politischen Kultur des Landes zutage, mit denen Volk, Intelligenz und Herrschaft noch umzugehen lernen müssen. Solange jedoch noch Unbestimmtheiten sowohl in der Rolle Polens gegenüber der östlichen Führungsmacht Sowjetunion bestehen als auch das Verhältnis zu Deutschland durch die widersprüchliche rechtliche Interpretation der völkerrechtlichen Verhältnisse (Friedensvertragsvorbehalt in Fragen der Grenzziehung, These vom Fortbestand des Deutschen Reiches) durch die Bundesrepublik Deutschland nicht von Irritationen frei ist, kann eine unbefangene Auseinandersetzung über die Überwindung nationalistischer Emotionen nicht stattfinden; zu sehr bestätigt sich im öffentlichen Bewusstsein die Deutung der Nationalgeschichte als permanenter Existenzbedrohung auch heute noch.
Dass Polen im europäischen Bewusstsein als kleine Nation fungiert, wirft an sich schon ein seltsames Licht auf die Einordnungsstereotypien, nach denen wir andere Völker in unser Weltbild einpassen. Dabei ist Polen als eine erstaunlich große territoriale Formation in die Geschichte eingetreten. Jernsson44 zitiert dazu den orientalischen Kaufmann Ibrahim Ibn Jakub, der um 966 den ersten polnischen Staat unter seinem Herrscher Mieszko45 als das „ausgedehnteste der Slawenländer“ kennzeichnet, wenn diese Einschätzung für das etwa 200.000 km² große Polen auch sicherlich nicht ganz richtig ist. Doch zeigt diese Einschätzung von Bedeutung und Größe der damaligen Staaten eine andere Perspektive, als sie heute, auch in der geschichtlichen Retrospektive, üblich ist. Das Piastenreich verharrt mit einigen Fluktuationen etwa in dieser Größenordnung. Seine recht beachtliche Größe wird aus heutiger Sicht dadurch oft unterschätzt, dass man es unzutreffend vergleicht und parallel setzt zu einer übergeordneten Herrschaftsstruktur wie dem Deutschen Kaiserreich. Noch eine erhebliche Ausdehnung erfuhr Polen vor allem in Richtung Osten durch die Einbeziehung Litauens unter den Jagiellonen von der Union von Krzewo 1386 bis hin zum gemeinsamen Staat der Union von Lublin 1569.46
Einschließlich dynastischer Verflechtungen konnte man Polen durchaus als großen und mächtigen Staat bezeichnen; doch sowohl durch eine gewisse innere Instabilität, durch unklare Herrschaftsverhältnisse wie durch die niemals gesicherten Grenzen dieses Staates gelangte letztlich auch das scheinbar so große und mächtige Polen immer wieder in existentielle Krisen und damit ins Hintertreffen gegenüber den politischen Nachbarn, die ihren Einfluss auf Polen auszudehnen suchten.
Dennoch wurde die Einschätzung Polens und das eigene Selbstverständnis als kleine Nation ungeachtet der tatsächlichen territorialen Ausbreitung polnischer Kultur und Sprache erst im Zeitalter der Nationalstaaten verfestigt, als
das Zarenreich im Osten im Zuge seiner territorialen Erweiterungen im asiatischen Raum und seiner Aktivität in Südosteuropa an weltpolitischem Gewicht gewann,
das Habsburgerreich im Süden den Kampf gegen das Osmanische Reich siegreich bestand, wenn auch in einer entscheidenden Phase bei der Belagerung von Wien 1683 nur durch die wirkungsvolle Unterstützung durch den polnischen König Johann III. Sobieski, und damit zur Hegemonialmacht im europäischen Südosten aufstieg,47 und
als schließlich Preußen, seit jeher im engen Kontakt zu Polen z. B. durch den Staatsanteil Ostpreußen, in den Auseinandersetzungen zwischen den deutschen Kleinstaaten und schließlich in den napoleonischen Kriegen zur kleindeutschen Führungsmacht aufstieg, die sich militärisch auch gegenüber dem Habsburgerreich behaupten konnte.
Seitdem wurde Polen von drei Seiten unter Druck gesetzt. Die Entwicklungsdynamik dieser drei Hegemonialmächte trieb auf einen unmittelbaren Konflikt um die Vorherrschaft in Europa zu, von dem sich auch Westeuropa, Frankreich und England, betroffen zeigte; für Polen war dazwischen kein Platz Die Folge waren die polnischen Teilungen.
Polen ist nicht »von Natur aus« klein; es wurde in den Hegemonialkonflikten Mitteleuropas klein gemacht. Das unterscheidet polnische Geschichte von der historischen Erfahrung von Staaten wie der Schweiz oder den Niederlanden, die ihre staatliche Existenz und Unabhängigkeit einem Ausgliedern aus vorher bestehenden größeren Herrschaftszusammenhängen verdanken. Hier geht die Erfahrung der hegemonialen Bedrohung durch die eigene Kleinheit eine Verbindung ein, gerade in dieser Form politisch resistent zu sein; ein gewisser Geschichtsoptimismus verbindet sich mit der Identifikation mit der eigenen Nation, während Polen vor allem das Bewusstsein der Gefährdung seinem gesellschaftlichen Selbstverständnis zugrunde legt.
Dennoch können angesichts der bedrohlichen Perspektiven, die sich heute aus der Entfaltung globaler Hegemonialkonflikte abzeichnen, gerade die Erfahrungen kleiner Nationen ein Element des gesunden politischen Realismus, des Interessenausgleichs und der Entspannung in die weltpolitischen Konfliktlagen einbringen. Auch in Deutschland könnte das ein Ansatz sein, sich in einer Reihe mit den »Kleinen« um eine Erneuerung der politischen Kultur in Mitteleuropa zu bemühen.
Zusammengefasst: Die Beschäftigung mit Polen kann für Deutsche zu einer Reflexion über notwendige Veränderungen in der politischen Kultur Mitteleuropas führen. Wurde die Funktion von »Brückenländern« in einem aktiven Ausgleichen der einwirkenden Hegemonialansprüche schon angesprochen, so kann jetzt geradezu gesagt werden, dass die Umsetzung politischer Potentiale der so genannten »kleinen Nationen« ein Spiegel, ja ein moralischer Prüfstein der jeweiligen politischen Situation in Europa ist. Aus der europäischen Perspektive suchen wir die Möglichkeiten zu erkennen, dass sich in Staaten wie z. B. Polen neue kulturelle Kristallisationspunkte für die erneuerte politische Kultur finden lassen.
4. Die Einheit des mitteleuropäischen Wirtschafts- und Siedlungsraumes
Auch die räumliche Lage Polens zeigt die enge Verflochtenheit dieses Landes mit seinen Nachbarn. Es ist müßig, eine Wirtschaftsgeographie Polens zu schreiben, ohne den Wirtschafts- und Siedlungsraum in mitteleuropäische Zusammenhänge zu stellen. Die großen Züge der Landschaftsgliederung weisen über die Staatsgrenzen hinaus; Polen hat Anteil an den großen Landschaftstypen zwischen den Gebirgszügen im Süden und der Meeresküste im Norden. Die nord-südliche Abfolge der natürlich vorgeprägten Landschaften spiegelt sich in den typischen Formen der Siedlung und in ihrer wirtschaftlichen Nutzung. In west-östlicher Richtung fehlt eine solche Vorprägung; wir sprechen hier von den „offenen Grenzen Polens“; der deutliche West-Ost-Wandel der Kulturlandschaft spiegelt vor allem die wechselvolle Geschichte dieses Raumes, mit ihren zwischen Ost und West verlaufenden Eroberungszügen, Bevölkerungsverschiebungen und ständigen Änderungen der politischen Grenzen. Feste räumliche Beziehungen sind kaum über die Geschichte hin festzuhalten; wir haben es mit oszillierenden politisch-ökonomischen Raumerschließungen zu tun.
Zunächst zu der Süd-Nord-Gliederung des Landes. Wie im gesamten mitteleuropäischen Raum ist auch die Nord-Süd-Gliederung Polens naturgeographisch vorgeprägt; Ursache ist vor allem die in verschiedenen Phasen und Vorstößen erfolgte eiszeitliche Überformung (vgl. Karte 2 *).
In seinem südlichsten Teil hat Polen Anteil an dem Gebirgszug, der als nördlicher Ast des alpinen Orogen im Karpatengebirge die ungarische Tiefebene (Alföld) als intramontane Scholle einschließt und ein Glied der ganz Europa und Asien durchquerenden letzten großen Gebirgsbildungsphase ist. Dadurch, dass sich in Osteuropa die einzelnen Faltungszüge weiter auffächern als in den Alpen selbst, reduzieren sich die Anteile mit im engeren Sinne Hochgebirgscharakter. Eine klare Trennung von Mittel- und Hochgebirge wie in Süddeutschland ist im Bereich der böhmisch-mährischen Gebirge ebenso wenig durchführbar wie im polnischen Anteil dieses Gebirgszuges. Um so interessanter für eine touristische Nutzung sind daher die eher isolierten höheren Gebirgsstöcke, die wie die Hohe Tatra aus ihrer eher Mittelgebirgscharakter tragenden Umgebung aufragen und durch ihre Höhe noch vereinzelt Formreste einer eiszeitlichen Vergletscherung tragen.
Dieser Formenschatz – Karmulden, Gletschertäler und steile Grate – ist ohnehin morphologisch eher als Hochgebirgscharakteristikum anzusprechen, als der zu Grunde liegende geologische Faltungstyp, der nur sehr bedingt die äußere Gestalt eines Gebirgszuges prägt. So konzentriert sich Hochgebirgstourismus und Wintersport in Polen auf den Bereich der Hohen Tatra bei Zakopane. Ähnlich wie in den Alpen ergeben sich dabei auch hier alle ökonomischen und ökologischen Probleme einer einseitigen Überbeanspruchung eines eigentlich gegenüber menschlichen Eingriffen sensiblen Naturraumes.
Erst in den letzten Jahren wird versucht, durch Naturschutzgesetze und durch die Dezentralisierung touristischer Angebote diese Probleme zu lösen, bisher noch mit nur fraglichem Erfolg.
Karte 2: Natürliche Landschaftszonierung
Nördlich des Gebirges, diesem direkt vorgelagert, findet man Ansätze einer relativ ebenen Bördenlandschaft. Wie in den entsprechenden Räumen in Deutschland ist die Grundlage dieser landwirtschaftlich ertragreichen Landschaftsform der Löß, der weiter nach Norden aber schon bald in sandigen Lößlehm und verschiedene Formen von weniger ertragreichen Sandböden der Geest- und Moränenlandschaften übergeht. Am Ende der letzten Eiszeit, dem Weichselglazial, in periodischen Rückzugsphasen des Eises wie in der darauf folgenden trocken-kalten Zeit des Boreal wehte ein starker, kalter und trockener Nordwind von den skandinavischen Eisresten herunter über das noch weitgehend vegetationslose Gebiet der norddeutschen und polnischen Tiefebene.
Aus den von dem Eis zurückgelassenen Ablagerungen, Hügelzügen der Endmoränen und ebeneren Flächen der Grundmoränen, weht der Wind kontinuierlich über einige Jahrhunderte das Feinmaterial, Sand und Staub, heraus. Mit abnehmender Windstärke beim Auftreffen auf die ersten Hügelzüge und schließlich im Süden auf das Gebirge sedimentieren sich diese Verwehungen in einer Abfolge nach Süden immer feiner werdenden Ablagerungen, deren feinste, am Gebirgsfuß zurückgelassene Form der Löß ist. Die damaligen Sandstürme sind für uns heute kaum vorstellbar. Da die Transportentfernung dieser „äolischen Sedimente“ in Polen geringer ist als in Westdeutschland und zudem das Eis des letzten Glazials näher an die südlichen Gebirgszüge herangerückt ist, verlieren die eigentlichen Lößgebiete an Größe und werden schnell ersetzt von den nördlich anschließenden Sandböden. In Polen werden auch im Süden nicht ganz die Bonitäten der Lößböden erreicht, wie sie in Norddeutschland z. B. in der Magdeburger oder Hildesheimer Börde vorliegen. Den Bodenqualitäten folgend findet sich auch in Polen eine Anbaustruktur mit entsprechendem Ertragsgefälle von Süd nach Nord. Im Süden finden wir Weizen und Zuckerrüben, denen sich nach Norden hin zunehmend Roggen, Gerste und Kartoffeln, teilweise auch Futterpflanzen anschließen. in Pommern wird versucht, durch Verbesserung der Anbautechnik wie durch den Einsatz verbesserter Sorten auch im Kartoffelanbau zu lohnenderen Erträgen zu kommen (z. B. durch die Arbeit des Saatzuchtbetriebes in Biesiekierz bei Kolobrzeg).
Mittelpolen wird landschaftlich gegliedert durch flache, im Großen und Ganzen west-östlich verlaufende Hügelzüge, die sich in einzelne Staffeln der Endmoränenzüge und die dazwischen liegenden leicht welligen Grundmoränenflächen der Eiszeit aufgliedern lassen. Vor allem das letzte Glazial war hier formbestimmend. Der südlichste Vorstoß reichte bis fast an die südlichen Randgebirge heran. Eine Mittelgebirgslandschaft wie sie Mitteldeutschland charakterisiert, fehlt in Polen weitgehend.
Ebenfalls den Leitlinien eiszeitlicher Urstromtäler folgend, zerschneiden die großen Stromsysteme von Oder, Warthe und Weichsel mit ihren Nebenflüssen die Ebene Zentralpolens. Sie wurden zu Achsen der wirtschaftlich n Erschließung des Landes. Nordpolen – das heißt vor allem: Pommern, der Danziger Raum und Masuren – liegt im Formungsbereich der jüngsten Endmoränenzüge, die damit, vergleichbar mit Schleswig-Holstein ein „jungglaziales Relief“ ergeben. In den Jahrtausenden seit dem Rückzug des Eises gelang es den Flüssen noch nicht, ein regelmäßiges Entwässerungsnetz durch die Vielzahl der vom Eis hinterlassenen Moränenzüge und Senken, in denen die einzelnen „Gletscherzungen“ (Eisloben) fest lagen, hindurch zuziehen. Eine Vielzahl von Seen und Sümpfen, unregelmäßigen Entwässerungslinien, sandigen Rücken und Dünen verstärken daher den Eindruck einer kleinräumig gegliederten Landschaft.
Die Verkehrserschließung und die Anlage kontinuierlicher Siedlungslinien wird dadurch sehr erschwert; zudem ist der Wechsel zu trockenen Sandböden mit Sümpfen und durch Staunässe über Geschiebelehm aus der Eiszeit verdorbenen Böden nicht gerade günstig für eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung. In einer späteren Betrachtung des Gefälles der ökonomischen Potentiale in Polen werden wir auf diesen strukturschwachen Raum zurückkommen.
Auch die Ostseeküste selbst ist für eine wirtschaftliche Nutzung durch Schifffahrt und Fischfang unbegrenzt geeignet. Sie ist zu flach und zudem durch lang gestreckte Strandwälle vom Hinterland abgeschnitten, die sich im Osten (und weiter im sowjetischen Gebiet des ehemaligen Ostpreußens) durch eine kontinuierliche Ostdrift im Bereich der flachen Buchten der Küstenlinie von dieser ablösen und als Nehrungen küstenparallel eine zusätzliche Barriere vor das Land legen. In Polen ist die Halbinsel Hela vor der Danziger Bucht zu erwähnen. Dennoch hat sich vielleicht gerade dadurch die Danziger Bucht vor der Weichselmündung als einziger polnischer Küstenabschnitt für eine geschützte Hafenlage qualifiziert. So gibt es heute nur zwei ausbaufähige größere Hafenstandort: Stettin an der Odermündung, direkt an der Grenze zur DDR und damit in einer nicht sehr günstigen Randlage für die polnische Wirtschaft, und das genannte Gebiet der „Dreistadt“ Danzig (Gdansk), Zoppot (Sopot) und Gdingen (Gdynia). Auf die ökonomische Bedeutung dieser Häfen werden wir später noch eingehen.
Neben dem Süd-Nord-Wandel der polnischen Landschaften findet sich aber auch ein deutlicher West-Ost-Wandel in Siedlung, Infrastruktur und ökonomischer Inwertsetzung,27 für den sich naturgeographische Leitlinien wohl kaum ausmachen lassen, in dem sich aber um so deutlicher die Probleme der mitteleuropäischen Geschichte, der „offenen Grenzen“ Polens ablesen lassen.
Letztlich können auch die Einzugsbereiche der großen
Städte, vor allem Warschau (Warszawa), Krakau (Kraków), Breslau (Wroclaw,)
oder der Agglomerationsraum des Oberschlesischen Industriereviers (GOP
= Górnósląski Okreg Przemysłowy um Kattowitz/Katowice),
als eigene, abgrenzbare Kulturlandschaften verstanden werden. Das
weist wieder darauf hin, dass der Landschaftsbegriff in Mitteleuropa
schwerlich naturgeographisch determiniert aufgefasst werden darf,
sondern dass heutige Landschaftsgrenzen, besser als Raumgrenzen zu
bezeichnen, vor allem den Prozess der wirtschaftlichen Inwertsetzung
widerspiegeln. Nur noch die großlandschaftlichen Leitlinien spiegeln
noch die von der physisch-geographischen Karte her bekannten Gebirgszüge
und Flusssysteme wider.
B) Ressourcen und Standortbedingungen für Wirtschaft und Besiedlung
Es kann an dieser Stelle weder eine genaue lagerstättenkundliche Übersicht über Polen vorgelegt, noch die Diskussion über eine die polnischen Realitäten zutreffend erschließende Standorttheorie nachgezeichnet werden (vgl. dazu Droldner 1980).49 Lijewski (1978)50 stellt für die grundsätzlichen Standortunterschiede in Polen in einer Karte (vgl. Karte 3 *) verschiedene Standorttypen nebeneinander, die zusammen ein recht plastisches Bild von den ökonomischen Potentialen des Landes ergeben. Folgen wir in einer knappen Übersicht seinem Ansatz:
a. Mineralische Ressourcen: Das Vorhandensein von Lagerstätten und Rohstoffen konzentriert sich auf einen Streifen im Süden des Landes von der Region im äußersten Südwesten bei Breslau über das Oberschlesische Industrierevier (GOP) bis hin zum Lubliner Becken im Osten; ein Seitenarm erstreckt sich noch nach Zentralpolen hinein vor allem in den Raum Łódź und Konin.
Karte 3: Standortregionen und mineralische Ressourcen
Produktionszahlen
|
Produkt |
|
Menge |
Entwicklung |
Fund- |
|
Steinkohle |
1983 |
191,9 Mio. t |
1980207,5 Mio. t* seit 1981 wieder zunehmend, ‚ 82 auf ‚83 um ca. 13 % |
GOP, Waldenburg, Lublin, Westpolen, Konin – |
|
Braunkohle |
1983 |
42,5 Mio. t |
||
|
Erdgas |
1983 |
5474,0 Mrd.m³ |
stagnierend |
Tarnów, Südostpolen |
|
Zink |
1983 |
170,3 Tsd. t |
|
Beuthen (Bytom), Sandomierz, Lubliner Becken |
|
techn. Schwefel |
1983 |
4960,0 Tsd. t |
||
|
Kupfererz |
1960 |
1,9 Mio. t |
|
**Lubin (Lüben)/ Glogów |
|
1975 |
17,0 Mio. t |
|||
|
1980 |
>30,0 Mio. t |
(Plan!) |
|
|
|
Elektrolyse |
1960 |
22,0 Tsd. t |
|
|
|
Kupferschmelze (99,99 % Cu) |
1975 1980 1983 |
249,0 Tsd. t >430,0 Tsd. t 360,1 Tsd. t |
davon 90 Tsd. t Export, (Plan!) (Produktion) |
Die Steinkohleförderung hat ihren Tiefpunkt durchschritten und erhöhte sich seit 1982 wieder leicht; 35 Mio. t (+ 21,2 % mehr als im Vorjahr) gingen in den Export, wodurch dem Inland ca. 3 Mio. t weniger verblieben (Gabrisch 1984).
Die Kupfererzförderung, die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung erhält, hat ihre Grundlage in den 1957 entdeckten Kupfererzlagerstätten des Lübener Raumes in WestpoIen
Quellen: Rocznik Statystyczny 1982, Interpress 1976, Gabrisch 198451
Durch die ungleichmäßige Verteilung mineralischer Ressourcen ist der Süden Polens und darin wieder der Südwesten in seiner wirtschaftlichen Entwicklung bevorzugt. Vor allem das Altindustriegebiet von Oberschlesien und Krakau hat in jeder Hinsicht einen Strukturvorsprung gegenüber den übrigen Teilen des Landes.
Die Industrialisierungsbemühungen der polnischen Wirtschaftsplanung, soweit sie auf Erschließung und Nutzung von Rohstoffquellen basiert, verlagern sich dabei immer weiter in den Osten des Landes, wo vor allem im Lubliner Becken ertragreiche Steinkohle- und Schwefelvorkommen erschlossen wurden. Demgegenüber ist das alte Steinkohlenrevier von Waldenburg heute erschöpft und wird aufgegeben. In Zentralpolen wird vor allem die Region Konin gefördert, wo eine moderne Aluminiumproduktion angelaufen ist (mit 44,4 Tsd. t Produktion 1983). Die Erschließung der Kupfervorkommen in Westpolen wurde schon in der Produktionstabelle angesprochen. Doch auch diese neuen Investitionsschwerpunkte der Grundstoffindustrie liegen im Südteil des Landes, so dass das Süd-Nord-Gefälle nicht aufgehoben wird, sondern jetzt über die gesamte Ost-West-Erstreckung des Landes deutlich festzustellen ist (vgl. Karte 8).
Gerade wegen der ökonomischen Bedeutung der Ressourcen für die Entwicklung regionaler Disparitäten in einem Wirtschaftsraum muss doch noch einmal grundsätzlich daran erinnert werden, dass für die Volkswirtschaft insgesamt das Verfügen über Rohstoffe nur ein untergeordneter Faktor in der Entwicklung der ökonomischen Potentiale ist. Wirtschaftsgeographisch sind Ressourcen wichtiger als in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, obwohl die (in der Theoriegeschichte auf die Physiokraten zurückgehende) Auffassung vom Reichtum der Rohstoffländer in der öffentlichen Meinung immer noch eine allzu große Rolle spielt. Viel wichtiger für die Bewertung einer Volkswirtschaft und für die Erschließung dynamischer Entwicklungspotentiale sind neben den weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen (z.B. terms of trade und die Zugehörigkeit zu Wirtschaftsblöcken, RGW / EG / OECD etc.) vor allem komplexe Binnenfaktoren wie Binnenmarktdichte, technologischer Standard der Produktion, Infrastruktur und Distributionswege des Binnenmarktes, Qualifikationsstruktur der Bevölkerung, Binnenkaufkraft etc. Wir werden sehen, dass im Bereich dieser, nur sehr exkursorisch angesprochenen Faktoren in Polen einige Defizite und Strukturdisparitäten herrschen, die die Wirtschaftsentwicklung stärker beeinträchtigen, als die positiven Potentiale der Rohstofferschließung es vermuten lassen. Dennoch kann eine kompetente Wirtschaftspolitik Rohstofferträge gezielt zur Überwindung ökonomischer Strukturdeformationen einsetzen.
b. Land- und forstwirtschaftliche Standortvoraussetzungen: Der größte Teil Polens wird noch heute, trotz abnehmender volkswirtschaftlicher Bedeutung, von landwirtschaftlichen Strukturen beherrscht. Dennoch zeigen sich kaum Ansätze, dieses Potential zu entwickeln. Für die Wirtschaftsentwicklung sind die Räume vorherrschender Primärproduktion vor allem Passivräume, von denen kaum Impulse ausgehen und deren immanente Strukturschwäche eher zu einer Belastung der Gesamtentwicklung geworden ist.
Landwirtschaftliche Kenndaten
|
Produktion von |
Jahresdurchschnitt |
|
Ertrag q/ha |
|
|
|
|
1966/70 | 1971/75 | 1983 | 1971/75 | |
|
Getreide |
16,3 | 19,6 | 22,1 | 25,5 | |
|
Kartoffeln |
47,9 | 47,1 | 34,5 | 177 | |
|
Zuckerrüben |
13,6 | 13,8 | 16,4 | 309 | |
|
- davon in Privatbetrieben: |
|||||
|
- Getreide |
14,0 | 16,5 | 25,0 | ||
|
- Kartoffeln |
44,1 | 43,1 | 178 | ||
|
- Zuckerrüben |
13,6 | 11,6 | 318 | ||
|
Fleisch (Mio. t) |
2,3 |
(Schlachtgew.) |
|||
|
Milch (Mrd. l) |
16,0 | ||||
|
Eier (Mrd. Stück) |
7,6 | ||||
|
Import |
Export |
|||||
|
|
1970 |
1979 |
1982* |
1970 |
1979 |
1982* |
|
Lebensmittel |
5,5 |
5,6 |
8,5 |
9,8 |
6,1 |
5,1 |
|
Landwirtschaft |
7,0 |
7,7 |
8,1 |
4,7 |
2,6 |
2,0 |
(* Berechnungsumstellung, nur bedingt vergleichbar!)
|
Landwirtschaftlich genutzte Flächen in Polen: |
|||
|
in Tsd. ha |
1960 | 1970 | 1975 |
|
LNF insgesamt |
20.403 | 19.543 | 19.209 |
|
- davon privat: |
17.727 | 16.304 | 15.179 |
|
Ackerfläche |
15.961 | 15.088 | 14.781 |
|
- davon privat: |
13. 846 | 12.637 | 11.838 |
|
Wiesen |
2.390 | 2.523 | 2.545 |
|
- davon privat: |
2.117 | 2.102 | 1.966 |
|
Weiden |
1.790 | 1.694 | 1.580 |
|
- davon privat: |
1.523 | 1.351 | 1.104 |
Quellen: Polen, Statistische Daten 1976; Gabrisch 198452
Die Krise der polnischen Landwirtschaft wird durch die Landflucht ebenso deutlich wie durch die Daten der im internationalen Vergleich recht geringen Produktivität und der nicht immer ausreichenden Ertragslage.
Die Landflucht schlägt sich in folgenden Daten nieder:53
|
|
1946 | 1982 | |
|
Anteil der Bevölkerung in Städten über 10000 Einwohner |
in % | 33,9 | 59,6 |
|
Anteil der ländlichen Bevölkerung |
in % | 66,1 | 40,4 |
|
Gesamtbevölkerung Polens |
in Mio. | 23,6 | 36,4 |
|
Steigerung der städt. Bevölkerung |
in % | 271 | |
|
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c. Arbeitskräftereserve: Dieser „Standortfaktor“ spiegelt eigentlich nur die Unterbeschäftigung der vornehmlich landwirtschaftlich dominierten Gebiete Ostpolens; indem dieser Faktor einzeln ausgewiesen ist, wird die grundsätzliche Frage gestellt, ob in der Wirtschaftspolitik die Arbeitsplätze dem Arbeitskraftangebot oder die Arbeitskräfte dem Arbeitsplatzangebot folgen sollen. Das erste Modell, und nur dabei kann man von einem „Standortfaktor“ Arbeitskräftereserve sprechen, bedeutet, das Wirtschaftswachstum so weit es nicht von anderen gebundenen Standortfaktoren abhängig ist, zu entagglomerieren und zu dezentralisieren, der zweite Ansatz beschreibt die Landflucht, die in Polen ja in hohem Maße für die Bevölkerungsentwicklung kennzeichnend geworden ist.
Der Standortfaktor „Arbeitskräftereserve“ würde auch dann an regionaler Bedeutung verlieren, wenn sich die Situation in der Landwirtschaft wesentlich verbessern würde. Dieser Standortfaktor ist also auch wieder ein Indikator für strukturschwache Räume. Da wir ihn im Gebiet Ost- bzw. Südostpolens vorherrschen sehen, den Faktor Landwirtschaftsdominanz überlagernd, zeichnet er ein Element des ökonomischen West-Ost-Gefälles nach.54 Wichtig ist es, sich deutlich zu machen, dass auf der Ebene der Verteilung der Standortfaktoren die Situation der Landwirtschaft weitgehend unabhängig von den naturgeographischen Voraussetzungen auftritt; die „natürliche“ Landschaftsgliederung schlägt hier nicht mehr als Raumstruktur durch. Die Krise der polnischen Landwirtschaft schlägt sich jedoch nieder in den aktuellen Versorgungsproblemen, die es erschweren, in einer konstruktiven Wirtschaftspolitik die Gesamtstruktur der polnischen Volkswirtschaft zu verbessern. Das vermindert die Erschließung vorhandener ökonomischer Potentiale.
d. Meeresküste: Die Probleme der Nutzung der zudem auch noch recht kurzen polnischen Ostseeküste wurden schon angesprochen. Ein wesentlicher wirtschaftlicher Impuls ist von dieser Region kaum zu erwarten. Im Gegenteil: Im Bereich der „Zwischenküste“ bei Köslin (Koszalin) und Kolberg (Kolobrzeg) sollen umfangreiche regionale Förderungsprogramme zumindest einen gewissen Ausgleich vorhandener Strukturschwächen bewirken. Küstentypische Einschränkungen der wirtschaftlichen Entwicklung sind zu berücksichtigen, so die typische Grenzlage, die Verkehrsprobleme und landwirtschaftliche Einschränkungen. Das Meer bietet demgegenüber gewisse Chancen, die in den größeren Häfen genutzt werden: Welthandelsorientierung, Verbesserung der Umschlagtechnologien Schiffbau und Fischfang; in jedem dieser Bereiche begibt sich jedoch ein Land in die Abhängigkeit von Entwicklungen die es selbst nicht ohne weiteres steuern kann, wie es die auch Polen stark betreffende Weltschiffbaukrise zeigt. Eine weitere Möglichkeit der Inwertsetzung des Standortfaktors Küste liegt naturgemäß auch im Tourismus. Hier ist aber zu prüfen, ob ein Angebot im internationalen Vergleich konkurrenzfähig ist. Für die polnische Ostseeküste trifft das bislang nur in begrenztem Maße zu, da das Angebot an Urlaubsküsten in Europa überreich ist. Für die Entwicklung des Binnentourismus ist aber eine positive Einkommensentwicklung die Voraussetzung. Die vier bisher genannten Standortfaktoren bewirken sich überlagernd ein Süd-Nord-Gefälle und ein West-Ost-Gefälle, was im weiteren Verlauf der Untersuchung noch exakter dargestellt werden soll (vgl. Kapitel XI/6 mit Karten 7 und 8). Ohne Bezug zu dieser Grundstruktur der Standortverteilung legt sich darüber das große Netz des Flusssystems: Oder, Warthe und Weichsel.
e. Flussläufe: Wie überall in Europa haben die großen Flüsse seit dem Mittelalter eine ausschlaggebende Bedeutung für die Standortentwicklung von Handel, Gewerbe und Siedlungsgeschichte übernommen, sei es durch ihre Funktion als Schifffahrtsstraßen, sei es an den Stellen, wo sie von Handelswegen überquert wurden, als ökonomische Knotenpunkte, die zur Stadtentwicklung führten. Gerade solche Handelspunkte sind ja von vornherein durch die Überlagerung verschiedener Standortfaktoren bedingt: Kreuzung und Bündelung von Wegen, Abhängigkeit von Wasserstand und Wetter, Möglichkeiten für Stapelplätze und Schutz des Lagers, Möglichkeit auch des administrativen Zugriffs auf Handelsströme, die sich andernorts durch weite Fächerung diesem Zugriff entziehen konnten: Zollerhebung, Marktrechte und Kontrollen waren die Folge.
Abweichend vom generalisierenden Kartenbild von
Lijewski liegen auch andere polnische Städte an solchen
Knotenpunkten an alten Flussüberquerungen, wie z. B. Poznań und
Łódź55.
Das Interesse an diesen Flusslagen führte dann oft auch zu unmittelbaren
Gründungsakten durch die Landesherren; dies kann dann nicht mehr als
eine autonome Standortwahl bezeichnet werden, sondern muss unserer
Standortkategorie subsumiert werden. Im Laufe der Geschichte
konzentrieren sich Handelsfunktion und Siedlungsverdichtung um diese
frühen Stadtgründungen; daraus entwickelt sich konsequent der letzte in
der Karte aufgeführte Standortfaktor:
f. Agglomerierte Standortfaktoren: Erreichen Siedlungsräume eine bestimmte Größe und Verdichtung, tritt oft der ursprüngliche Standortfaktor, der die Gründung des Ortes bedingt hat, zurück gegenüber einem Komplex von Gunstfaktoren, die wir als Agglomerationsvorteile bezeichnen: Verdichtung der Infrastruktur, kurze Wege bei allen wirtschaftlichen Beziehungen, Entwicklung eines aktiven Binnenmarktes, günstige Versorgungsmöglichkeiten, differenzierter Arbeitsmarkt, Konzentration administrativer und kultureller Funktionen, also alles das, was einen zentralen Ort, der die Potentiale eines größeren Ergänzungs- und Versorgungsraumes zusammenfasst, ausmacht. Es entwickelt sich eine Wachstumsdynamik, die nicht mehr von vorgegebener Standortgunst abhängig ist. Dennoch wird die Dichte und Anfangsdynamik dieses Netzes zentraler Orte sehr stark beeinflusst durch die Anzahl der sich zunächst am Ort überlagernden Standortfaktoren. So finden wir in den Bereichen der mineralischen Ressourcen im Süden des Landes auch einen Vorsprung in der Entwicklung der Agglomerationszentren, die sich im GOP56 heute zu einem großen multizentralen Agglomerationsraum zusammengeschlossen haben. Dass damit besondere ökonomische und ökologische Probleme verbunden sind, wird am Beispiel Krakaus im Kapitel XI/5 ausgeführt.
Die bisher erläuterten Standortfaktoren, geben zunächst noch ein grobes Raster für die unterschiedlichen Entwicklungsvoraussetzungen des polnischen Raumes. Bis hierhin können wir drei Ebenen des Inwertsetzungsprozesses unterscheiden:
1. Die natürliche Landschaftsgliederung, die durch Ressourcen auf Industriestandorte Einfluss nimmt, durch differenzierte landschaftliche Potentiale Versorgungslage und Siedlungsgeschichte beeinflusst und durch die morphologische Großgliederung bzw. auch durch die Flussverläufe bestimmte Richtungen der Verkehrserschließung und Infrastrukturentwicklung begünstigt oder behindert.
In Polen ist auf dieser Ebene die Nord-Süd-Zonierung mit den einzigen natürlichen Grenzen im Norden (Ostseeküste) und Süden (Hohe Tatra) ebenso festzuhalten wie die Ressourcengebundenheit des südlichen Agglomerationsraumes (GOP und Krakau) und die kulturlandschaftliche Entwicklung entlang der Flüsse Oder (Breslau bis Stettin) und Weichsel (Warschau).
2. Die Standortanalyse legt nun unter Einbeziehung des Ergebnisses des historischen Inwertsetzungsprozesses einen ökonomischen Bewertungsmaßstab an die gegenwärtige örtliche Situation an. Dadurch erhält man ein differenziertes Raummuster von ökonomischen Gunst- und Ungunstgebieten und kann zudem die Gunst und Ungunst qualitativ klassifizieren.
Die Karte „Standortregionen und mineralische Ressourcen“ (Karte 3) erschließt dieses Raummuster und zeigt die hauptsächliche räumliche Wirksamkeit der Standortfaktoren:
Ressourcen und Rohstoffe, vor allem mineralische Rohstoffe (z. B. Südpolen),
landwirtschaftliche Passivräume (landesweit zwischen den Agglomerationen),
Arbeitskräftepotentiale, latente Unterbeschäftigung im ländlichen Bereich (vor allem im kleinbäuerlichen, wenig produktiven Osten bzw. Südosten),
Küstenstandorte (Hafenfunktionen und Fischerei, in Polen eine Problemzone) – Flusssysteme (vor allem Oder und Weichsel, siehe auch Punkt 1.),
agglomerierte Standorte, in denen mehrere Standortfaktoren akkumuliert sind und die gewerbliche und siedlungsgeographische Ballung selbst zu einem wirkungsvollen sekundären Standortfaktor werden. Hier liegen die eigentlichen wirtschaftlichen Aktivräume mit einer erheblichen Sogwirkung in bezog auf die Wanderungsbewegungen der Bevölkerung (Landflucht; vgl. Kapitel XI) und die Zusammenfassung neuer Gewerbestandorte.
3. Dieses noch relativ starre Raummuster gilt es zu dynamisieren, indem nach Prozessen und Entwicklungsrichtungen gefragt wird. Zu unterscheiden sind hier ökonomische Trends, die sich aus der Eigendynamik der jeweiligen Standortsituation herleiten lassen, Entwicklungslinien, die von den ökonomischen und politischen Randbedingungen her zu erklären sind (so z. B. Änderungen, die sich aus Konjunkturschwankungen der internationalen wirtschaftlichen Einbindung oder durch soziale Krisenerscheinungen erklären lassen) und politisch induzierte Entwicklungen im Rahmen von Wirtschaftsplanung und Regionalentwicklungsplänen. Dieser letzte Aspekt wird im Kapitel XI ausführlicher zu untersuchen sein. Hier gilt es zunächst einmal, die Eigendynamik der Wirtschaft zu erörtern und in einem weiteren Abschnitt auf das Verhältnis zum Weltmarkt zu verweisen.
Da sich aus den verfügbaren Angaben für die innere Entwicklung der polnischen Wirtschaft, abgesehen von den Planungstendenzen, kein klares und eindeutiges Bild ergibt, soll hier ein Exkurs mit eher methodischem Schwerpunkt eingeschoben werden, der Hinweise auf die wirtschaftsimmanenten Trends vermitteln kann.
Regionale Klassifikationen – Indikatoren für die wirtschaftliche Eigendynamik
Die folgenden Ausführungen stützen sich vor allem auf Untersuchungen von Droldner58 (1980), der auf die Notwendigkeit verweist, von einer traditionellen, rein beschreibenden territorialen Gliederung zu einer quantifizierbaren regionalen Klassifikation zu gelangen. Die Grundlage ist dabei die Analyse ökonomischer Variabler auf der Basis funktionaler Modellvorstellungen. Droldner59 folgend liegen derzeit moderne geographische Arbeiten, die den quantifizierenden Methoden von Faktorenanalyse, Imageprofilen und der klassifizierenden „Clusteranalysis“ folgen, für Polen noch nicht vor. Bis 1980 haben sich die wirtschaftsgeographischen Arbeiten der traditionellen qualitativen Untersuchungsmethoden bedient, bei der Faktorengruppierungen nach dem geographischen „Augenschein“ vorweg vorgenommen worden sind. Der statistische Wert dieser Untersuchungen ist nur begrenzt, da schon in den Ansatz Wertungen und qualitative Gruppierungsmerkmale eingegangen sind. (So z.B. Annahmen über den funktionalen Zusammenhang zwischen „Arbeitsproduktivität“ und „industriellem Wachstum“, zwischen „Siedlungsverdichtung“ und „Agglomerationsproblemen“ oder zwischen „Versorgungslage“ und „infrastrukturellen Standards“, ohne dass diese Zusammenhänge vorab quantitativ-funktional überprüfbar wären.) Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind daher sicher in Kürze durch moderne statistische Mittel zu korrigieren. (Ansätze dazu finden sich schon bei Regionalanalysen aus dem Danziger Raum bei Dutkowski60.)
Die qualitative Faktorenuntersuchung hier aufzuarbeiten, würde den Rahmen unseres Ansatzes sprengen. Wir verfolgen daher ein integratives Konzept. Droldner* sieht als wesentliches Klassifikationselement daher auch nicht ein neues willkürliches Bündel einzelner statistischer Fakten, sondern den Strukturwandel in den einzelnen Regionen. Als hervorragendes quantifizierbares Maß bietet sich dabei die Bevölkerungsentwicklung, d. h. vor allem die Wanderungsbilanz, an. Droldner stellt dabei fest, dass auch innerhalb der einzelnen Woiwodschaften durchweg Binnenwanderungen zwischen den Dörfern und den Städten festzustellen sind (vgl. dazu im Vorgriff schon die Karte 5 im Kapitel XI/5). Diese aus allen Ländern während der Industrialisierungsphase feststellbare Landflucht setzt sich auch zwischen den Woiwodschaften fort als Wanderung in die größeren Ballungsräume. Droldner zitiert dabei die vier Hauptgründe aus wirtschaftsgeographischer Sicht:
Unzufriedenheit über die Lebensbedingungen auf dem Lande,
Vorstellungen über eine bessere Bedürfnisbefriedigung in den Städten,
Lohnunterschiede und besseres Arbeitsplatzangebot in den Städten sowie
Agglomerationsvorteile.61
Zur Erklärung dieser Situation sollen nachfolgend einige Überlegungen Droldners62 zur Klassifizierung der Regionen ausführlicher zitiert und zusammengefasst werden: Ziel bisheriger Klassifikationsversuche sei es gewesen, möglichst homogene Regionen auszusondern, die als Grundlage der Landesplanung dienen könnten. Die hohe Anzahl der berücksichtigten Variablen (Suszynski: 22 Variablen in den Feldern „ökonomisches Niveau“, „soziales Niveau“ und „sozioökonomisches Niveau“; Parysek: 18 Variablen, die zu den Faktorenkomplexen „Industrie und Urbanisierung“ und „Landwirtschaft“ zusammengefasst werden; im übrigen ist dies einer der ersten Versuche, EDV-unterstützte moderne Auswertungsmethoden einzubeziehen)63 ist dabei besonders zu bemerken. Droldner64 selbst versucht dagegen eine geringe Zahl von Schlüsselfaktoren zur Klassifikation heranzuziehen; in den Vordergrund stellt er die Begriffe „Industrialisierung“ und „Urbanisierung“, mit denen er die Gesamtentwicklung Polens glaubt hinreichend charakterisieren zu können. Das Ergebnis auf Woiwodschaftsbasis ist eine Gliederung in vier Gruppen unterschiedlicher Entwicklungstrends :
„Gruppe I: Woiwodschaften, die sowohl im Anteil der städtischen Bevölkerung als auch im Anteil der Industriebeschäftigten unterdurchschnittlich entwickelt sind. Zu dieser Gruppe gehören 24 Woiwodschaften.
Gruppe II: Woiwodschaften (10) mit überdurchschnittlichem Anteil der Industriebeschäftigten aber städtischer Bevölkerung unter dem Landesdurchschnitt.
Gruppe III: Woiwodschaften mit überdurchschnittlichem Anteil städtischer Bevölkerung, aber unterdurchschnittlichem Anteil der Industriebeschäftigten. Hierzu gehören ebenfalls 10 Woiwodschaften.
Gruppe IV: Woiwodschaften, die sowohl im Anteil der städtischen Bevölkerung als auch im Anteil der Industriebeschäftigten über dem Durchschnitt liegen. Zu dieser Gruppe gehören 5 Woiwodschaften.“ 65
Karte 4: Klassifizierung der Woiwodschaften (nach Droldner, a.a.O.:
Droldner fasst die Ergebnisse folgendermaßen zusammen (Korrektur der Schreibweise der Ortsnamen: G. V.):
„Die große Zahl unterdurchschnittlich entwickelter Woiwodschaften (Gruppe I) im Gegensatz zu nur 5 überdurchschnittlich entwickelten Woiwodschaften (Gruppe IV) weist auf doch recht beträchtliche Disparitäten hin.
Die Woiwodschaften mit überdurchschnittlichem Anteil der Industriebeschäftigten befinden sich sämtlich südlich der Linie Łódź -Kalisz.
Mit Ausnahme der drei städtischen Woiwodschaften Stoleczne warszawskie, Miejskie Lódzkie
und Miejskie krakowskie sind alle Woiwodschaften der Makroregionen
Nordost, Mitte, Mittelost und Südost unterdurchschnittlich verstädtert,
so dass ein deutliches West-Ost-Gefälle in bezog auf Urbanisierung
besteht. Darüber hinaus ist der Nordwesten insgesamt stärke verstädtert
als der Süden, zumal sich auch noch die Woiwodschaften Elbląskie und
Zielonogorskie in Richtung Gruppe III entwickeln könnten.
Zu den Woiwodschaften der Gruppe II gehören mit Radomskie, Kieleckie, Tarnobrzeskie, Tarnowskie und Krosnienskie fünf Woiwodschaften des Südostens mit relativ junger Industrie, die noch sehr weit vom Landesdurchschnitt der städtischen Bevölkerung entfernt sind. Falls für sie die bisherige Entwicklung Polens – beschleunigte Industrialisierung, verbunden mit verzögerter Urbanisierung – ebenfalls zutreffen sollte, steht ihnen der Verstädterungsprozess erst noch bevor.
Mit den Woiwodschaften Łódzkie, Katowickie und den drei niederschlesischen Jeleniogórskie, Legnickie und Wałbrzyskie sind die alten Industriestandorte auch heute noch die am stärksten industrialisierten Regionen.“66
Bezogen auf die eingangs gestellte Frage nach den immanenten Entwicklungstendenzen des polnischen Wirtschaftsraumes wird die „Vorreiterfunktion“ der Industrialisierung deutlich, der die übrigen sozialen Entwicklungen mehr oder weniger konsequent folgen. Die zeitliche Disparität von Industrialisierung und Urbanisierung verursacht das Spannungsfeld, aus dem heraus sich die regionalen Disparitäten begründen lassen. Die regionalen Disparitäten treten nicht nur in den äußerlichen ökonomischen Daten auf, sondern sind Grundlage der sozialen Lebensverhältnisse in den einzelnen Regionen. Das führt, wie in anderen Ländern auch, zu Bevölkerungsverschiebungen von den weniger zu den mehr entwickelten Räumen. Das Problem dieses Prozesses ist es aber, dass gerade die Bevölkerungsmobilität, die wir als Landflucht kennzeichnen können, die Agglomerationsvorteile der ohnehin schon besser ausgestatteten Ballungsräume verstärkt und die regionalen Disparitäten verfestigt. Die immanenten ökonomischen Kräfte wirken hier also zumindest mittelfristig nicht ausgleichend, sondern spannungsverschärfend. Daraus ergeben sich die Aufgaben einer gezielten Wirtschafts- und Regionalpolitik, auf die im Abschnitt XI noch weiter eingegangen wird.
Die äußeren Rahmenbedingungen der Wirtschaftsentwicklung: Außenhandel
Die zwei wesentlichen Rahmenbedingungen, mit denen polnische Wirtschaftspolitik heute zu rechnen hat, sind allgemein bekannt:
Integration in den „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW), in dem die Austauschbeziehungen zwischen den sozialistischen europäischen Ländern langfristig geregelt sind und
hohe Verschuldung bei den westlichen kapitalistischen Staaten als Folge des auf Kreditbasis finanzierten technologischen Innovationsschubs der siebziger Jahre.
Die Einzelheiten dieser Wirkungsprozesse, für die inneren Verhältnisse in Polen werden an anderer Stelle erörtert. Wie widersprüchlich die Lage ist, sollen jedoch einige Bemerkungen aufzeigen: Die RGW-Integration entspricht der planwirtschaftlichen Konzeption der polnischen Wirtschaft. Sie sichert die notwendige längerfristige Sicherheit für die Rohstoffversorgung, das Investitionsvolumen und die Währungsstabilität. Doch fehlen hier noch weitgehend die für den Binnenmarkt notwendige wirtschaftliche Flexibilität, der Innovationsimpuls, der zum Bestehen auf dem Weltmarkt notwendig ist und die ökonomische Wachstumstendenz (deren grundsätzliche Kritik in Polen, verständlicherweise, noch kaum rezipiert wurde). Zum Ausgleich dieser Mängel und unter dem Druck sozialer Spannungen versuchte Polen den WesthandeI zu verstärken, brachte sich dabei aber in ökonomische und politische Abhängigkeiten, die im Widerspruch zur eigenen Wirtschaftsordnung stehen.
Gruzewski67 weist aber auf eine Rahmenbedingung im Westhandel hin, die wohl noch zu wenig beachtet wird und die wohl auch von der polnischen Regierung selbst unterschätzt worden ist, indem sie dem Dogma des westlichen Liberalismus vertraute, der auf offene Märkte und politikfreie Austauschbeziehungen abhebt. In der Praxis sah es aber so aus, dass immer wieder Marktrestriktionen der EG und der USA den Zugang der polnischen Konkurrenz erschwerten, dass aber andererseits erheblicher politischer Druck für eine Öffnung des polnischen Binnenmarktes für westliche Produkte ausgeübt worden ist. Es entstehen dadurch Handelsungleichgewichte, die durch die westliche Marktmacht, die längst nicht mehr mit den Begriffen der „freien Anbieterkonkurrenz“ zu fassen ist, noch verstärkt wird.
Konsequenz aus diesem außenwirtschaftlichen Widerspruch ist eine Zersplitterung der tatsächlichen ökonomischen Aktivitäten in Polen, wobei sektoral unterschiedliche wirtschaftliche Leitvorstellungen und Zielorientierungen herrschen, die kaum noch koordinierbar erscheinen:
Rohstoffproduktion und Schwerindustrie sind vor allem an RGW-Normen orientiert und in Preis, Menge und Qualität auf die Bedürfnisse dieses Marktes langfristig festgelegt. Dabei dominiert die Mengennachfrage vor der Verbesserung des qualitativen Standards, die auch in anderen Ostblockstaaten noch nicht weiter entwickelt sind.
„Moderne“ Industriezweige orientieren sich heute weitgehend am Weltmarkt, ohne die notwendige Konkurrenzfähigkeit durchweg schon erreicht zu haben. Flexibles und diversifiziertes Warenangebot und permanente technologische Fortentwicklung sind hier Leitvorstellungen, denen oft die solide Basis in der Grundlagenindustrie fehlt.
Die Versorgungsgüterindustrie muss sich notwendigerweise am Binnenmarkt orientieren, der durch das Anwachsen regionaler und sozialer Disparitäten immer unübersichtlicher und für den sozioökonomischen Kollaps immer anfälliger wird. Weder eine reine Marktorientierung, die die sozialen Probleme nicht lösen könnte, noch die langfristige Bedürfnisplanung, die für die hochdifferenzierte Gesellschaft längst keine adäquaten Planungsmittel mehr zur Verfügung hat, kann hier eine Krisenlösung bringen.
Auf der Ebene der strukturellen Betrachtungen versteht man die polnische Krise jetzt als eine Krise durch sich selbst verstärkende Strukturdisparitäten im ökonomischen, sozialen und sozioökonomischen Bereich, die geographisch vorgeprägt, historisch induziert und durch die heutigen ökonomischen Wirkungskräfte zumindest nicht hinreichend ausgeglichen worden sind. Es ist daher danach zu fragen, welche gesellschaftlichen oder politischen Potentiale für eine rationale Krisenlösung herangezogen werden können. Die Konfliktfelder, die im ersten Teil dieses Buches aufgezeigt worden sind, lassen die Probleme einer solchen politischen Krisenlösungsstrategie sehr deutlich werden. Sicher wird es notwendig sein, die Krisengenese noch einmal stärker unter historischer Sichtweise zu betrachten.
Der Ansatz dieses Kapitels war es, Polen als räumlich-staatliche Individualität vorzustellen. Gerade bei diesem Land ist es nicht leicht, da auf der einen Seite starke innerräumliche Differenzierungen eine einheitliche Charakteristik des Staates kaum möglich machen, Heterogenität also der vorherrschende Eindruck ist, und andererseits räumliche, ökonomische und gesellschaftliche Kontinuitäten heute und in der Geschichte die staatlichen Grenzen überspannen und äußere Dependenzen herstellen. Es gibt also weder aus geographischer noch aus regionalgeschichtlicher Sicht eine fest vorgezeichnete Lage, Größe und Identität Polens. Die Wurzeln der „polonitas“ sind daher durchaus auf dem ideellen Gebiet zu suchen: In der Erfahrung, als Pole gemeinsame Geschichte erduldet und erlebt zu haben, als Pole von anderen ausgegrenzt worden zu sein, liegt die Wurzel des polnischen Nationalismus.
Der Wille, ein polnisches Volk, ein polnischer Staat zu sein, ist eine politische Option, die sich mit den natürlichen Gegebenheiten des Raumes ebenso auseinanderzusetzen hat, wie mit den gesellschaftlichen und machtpolitischen Verhältnissen in Mitteleuropa. Es muss daher immer eine neue Antwort auf die Frage gefunden werden: Wo liegt Polen?
Einen systematischen Aufriss der langen und vielschichtigen Geschichte Polens zu geben, kann nicht Aufgabe dieser kurzen Einführung in die polnische Problematik sein. Marksteine der Chronologie finden sich im Anhang als „Daten zur polnischen Geschichte“.
Im Folgenden sollen einige historische Aspekte thesenhaft angesprochen werden, die die polnische Individualität in besonderem Maße geprägt haben. Drei Perspektiven der Beurteilung führen zu Thesen darüber, was Polen ist oder sein kann:
1. Historiographie kann versuchen, das Individuelle einzubinden in übergeordnete Zusammenhänge, es aus diesen Zusammenhängen heraus zu erklären. Aus diesem allgemeingeschichtlichen Ansatz heraus entwickeln sich Leitideen, Ordnungsgrundlagen und Urteilsmaßstäbe. Zwei solcher Kategorien haben Polen vor allem geprägt: Europa und Christentum. Dabei wird sowohl die Zugehörigkeit zu Mitteleuropa wie zum Katholizismus, weil geschichtlich spät vollzogen und damit im Ansatz weniger selbstverständlich, bewusster erlebt und bewahrt als in westeuropäischen Ländern.
2. Eine andere geschichtliche Perspektive stellt den prozessualen Ablauf der Ereignisse in den Vordergrund und fragt nach den Ursachen des Heute. Durch diesen Ansatz erschließt sich die soziale und Wirtschaftsgeschichte Polens. Die Analyse des Wandels der Produktionsverhältnisse, der Gestaltung und Nutzung des Lebensraumes und der damit verbundenen Machtverschiebungen in der Gesellschaftsordnung führen zur Erkenntnis eines weiteren grundlegenden Aspektes der polnischen Geschichte: der Herausbildung räumlicher und sozialer Disparitäten, die sich letztlich als Legitimationshemmnisse des polnischen Nationalstaates erweisen.
3. Eine letzte Perspektive verändert unser Bild von Polen noch einmal, wenn wir uns bewusst mit der Individualität des Landes befassen und nach einer gesonderten politischen Kultur fragen. Stärker als in den beiden ersten Ansätzen kommt hier die das individuelle Verhalten steuernde subjektive Dimension zum Vorschein: Wie wird Geschichte erfahren und erlebt? Dies verdichtet sich zu Werturteilen, Mythen und Selbsteinschätzungen. Bezogen auf Polen äußert sich dies in konkurrierenden Staatskonzeptionen: nach innen hin im Wechsel zwischen Territorialstaat mit zentraler Staatsgewalt und den Auflösungstendenzen, die als „Polnischer Anarchismus“ in die Geschichte eingegangen sind; nach außen hin im Wechsel der West- oder Ostorientierung des politischen Bewusstseins, von Jerzykiewicz-Jagemann (1967)68 als „piastische“ bzw. „jagiellonische Konzeption“ bezeichnet.
Aspekte des polnischen Lebens, die sich vielleicht besser verstehen lassen, wenn diese historischen Perspektiven vertieft werden, sind in den vorangegangenen Kapiteln schon im aktuelleren Bezugsrahmen diskutiert worden. Polen im Spannungsfeld zwischen Ost und West, die gesellschaftliche Bedeutung des Katholizismus, sind Fragestellungen der Kapitel VI und VIII gewesen; die Untersuchung struktureller Disparitäten und ihrer Wirkungen auf die politischen Spielräume des heutigen Polens sind maßgebliches Thema der „Leitlinien der Landesentwicklung“ (IX); sie werden wieder aufgegriffen und problematisiert im letzten zusammenfassenden Kapitel über „Strukturdeformationen“ (XI), einem Stichwort, das gewisse Charakteristiken Polens auf einen Nenner bringen will; schließlich klingt das Thema der besonderen politischen Kultur Polens schon in der Einleitung an und wird aufgefaltet im V. Kapitel, wo der Zusammenhang zwischen politischen Spannungen und politischer Kultur dargestellt wird.69
Aus der aktuellen Problemanalyse folgt ganz zwangsläufig die Frage nach den Ursachen heutiger Problemlagen; im Rahmen der entsprechenden Untersuchungen wurde diese Frage auch immer wieder explizit gestellt. Überblicken wir die einzelnen Ansätze, die bis hierher verfolgt worden sind, so stellt sich die Frage nach den historischen Wurzeln tiefer und umfassender; es wird gefragt nach übergreifenden Leitlinien der polnischen Geschichte, ohne damit den gewählten vom aktuellen Erscheinungsbild her argumentierenden Ansatz des Buches auf zugeben.
Ein Beispiel, das der dritten Perspektive des historischen Zugangs zuzuordnen ist, soll dies noch verdeutlichen. Der polnische Partikularismus lässt sich bis in die früheste Geschichte des Landes zurückverfolgen; er dürfte zu den charakteristischen Kontinuitäten der polnischen Geschichte zählen und ist aus der Gesellschafts- und Sozialgeschichte heraus zu verstehen; schon zu Zeiten der piastischen Staatsgründung im 10. Jahrhundert, auf der Basis der mittelalterlichen Grundherrschaft, entwickelt sich eine erstarkende Magnatenschicht,70 die den Großgrundbesitz repräsentiert. Diese soziale Schicht zeigt charakteristische Unterschiede zum entstehenden Hochadel im deutschen (fränkischen) Reich,. Eine dauerhafte königliche Zentralgewalt wird durch die Macht der Magnaten verhindert. Die Macht der frühfeudalen Magnaten wird seit dem 11. Jahrhundert jedoch schon wieder in Frage gestellt durch die Umwandlung einer weitgehend unabhängigen Schicht freier Bauern unterhalb der Großgrundbesitzerschicht in die, in ihren Wertvorstellungen am mitteleuropäischen Rittertum orientierten Szlachta, einer an Personenzahl großen Landadelsschicht, die die polnische Geschichte späterhin maßgeblich bestimmt.71 Es zeigt sich in beiden Prozessen, dass das Fehlen der „Reichsidee“ im römisch-deutschen Sinne in Polen zu einer modifizierten, weniger strukturierten Form der Feudalherrschaft geführt hat, die einerseits flexibler war und deshalb länger andauerte als in Westeuropa, zum anderen aber auch typische politische Verhaltensweisen dezentraler Machtauseinandersetzung hervorrief, die bis heute in der politischen Kultur des Landes nachzuweisen sind und manche Abweichungen in den Krisenlösungsstrategien der jeweiligen Regierenden von dem, was nach westeuropäischen Maßstäben zu erwarten gewesen wäre, leichter verständlich werden lässt.
Diese Vorüberlegungen verweisen uns auf die Tatsache, dass Polen, dass die Polonität, nicht ein fester Ort, nicht eine sichere historische Gegebenheit sind, sondern dass der Prozesscharakter der Geschichte, dass die vielfältige, oft ambivalente Verwurzelung in größerer zeitlicher Tiefe gesucht werden muss. Aus dieser fast unübersehbaren Fülle von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, die in ihrer Gesamtheit erst die Herausbildung dessen, was wir heute als Polen bezeichnen, ermöglichten, können nur einige wenige herausgegriffen und bewertet werden in der gebotenen Kürze ein problematisches Unterfangen, das insgesamt wie im einzelnen Widerspruch provozieren kann. Doch soll es vor allem dazu anregen, selbst die, durch die reichhaltige vorhandene historische Literatur erleichterte, Auseinandersetzung mit der polnischen Geschichte zu suchen.72
Eingangs wurde festgestellt, dass Polen sich kaum aus dem Raum und dem Staatsgebiet heraus definieren kann, sondern dass man in der polnischen Geschichte einer Idee der „polonitas“ nachspüren muss. Besondere historische Erfahrungen und Prozesse haben das entstehen lassen, was sich heute als geistiger Ort „Polen“ darstellt. Geschichtliche Wertungen müssen versuchen, die Weichenstellungen in der polnischen Geschichte aufzuspüren, die die Eigenart der historischen Erfahrung des Landes bewirkt haben, die schließlich zu einer besonderen politischen Kultur führten, unterscheidbar von seinen geographischen Nachbarn, mit individuellen, aber keineswegs zufälligen Problemen und Entwicklungschancen, die uns im folgenden Kapitel zu einer Einschätzung der Möglichkeiten einer materiellen Krisenlösung in der heutigen Gesellschaft führen sollen.
Die Widersprüchlichkeit, vielleicht auch die scheinbare Ausweglosigkeit der polnischen Krise führt auch in Polen selbst dazu, in der Geschichte die Wurzeln der heutigen politischen Identität des Landes aufzuspüren; das auch, weil die Etikettierung der Krise als Ergebnis der Blockzugehörigkeit und der nach dem Kriege angenommenen sozialistischen Wirtschaftsform und Gesellschaftsordnung nicht befriedigt. Die Krisenursachen liegen tiefer. Chancen der Krisenlösung finden sich nur in der Erkenntnis auch widersprüchlicher Ursachen. In vier Problemfeldern erkennt man historisch verursachte Konflikte und Besonderheiten, die das heutige Polen nachhaltig prägen: Im Verhältnis von Staat und Gesellschaft, in den sozioökonomischen Entwicklungen, im sozialpsychologischen Verhältnis von Geschichtserfahrung und Nationalidentität, und schließlich in den politischen Verhaltensmustern und Werturteilen des Alltags.
Das Verhältnis von Staat und Gesellschaft hat sich seit dem Mittelalter anders als im deutschen Reichsgebiet entwickelt. Vor allem die Fortexistenz des frühmittelalterlichen freien Bauerntums (als Wurzel der späteren Szlachta), das zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht wie in Deutschland oder stärker noch im späteren zaristischen Russland durch den spätfeudales Lehenswesen überformt und unfrei gemacht worden war, führte seit dem Mittelalter zu einer Schwächung der Zentralmacht und dem Fortbestehen von Freiheits- und Autonomievorstellungen, die noch heute die private Landwirtschaft zu einem anachronistischen Tabu polnischer Politik machen. Auf der Gegenseite konnte sich daher auch kein Hochadel wie in Westeuropa entwickeln. Eine nach unten abgeschottete höfische Gesellschaft Voraussetzung der späteren Entwicklung zum Absolutismus fehlt in Polen weitgehend; Herrschaft wird stärker als in Deutschland als zugestanden und nicht als auferlegt verstanden. Dass zudem die Obrigkeitsgläubigkeit des deutschen Protestantismus, der im Schutze des Staates das Gegengewicht gegen die weltliche Macht des Katholizismus fand, in Polen nicht Fuß fassen konnte, verstärkt diese Tendenz der Relativierung der Herrschaftslegitimität. Dass diese Herrschaft auch aus eigener Kraft heraus sich nicht effektiver und dauerhafter durchsetzen konnte, liegt in seinen Wurzeln schon im Fehlen der fränkischen Grafschaftsordnung des Deutschen Reiches begründet. Herrschaftshierarchie als effektives Instrument und als überdauernde Institution kann sich in Polen nicht durchsetzen. Herrschaft wird in durchaus frühmittelalterlichem Sinne als persönliche Macht auf Abruf erlebt. Ein institutionalisierter Absolutismus kann sich auf dieser Basis nicht entwickeln; gerade in der absolutistischen Zeit in Westeuropa entwickelt sich die in anachronistischen Freiheitsvorstellungen verwurzelte polnische Adelsrepublik, die allein durch ihre Existenz die europäische Staatsentwicklung provoziert und revolutionären Freiheitsvorstellungen in Westeuropa Hoffnung macht, da Alternativen zum absolutistischen System denkbar werden. Anachronistisch ist diese Adelsrepublik dennoch, weil sie keine Antwort auf die sich anbahnenden zeitgenössischen gesellschaftlichen Umwälzungen der bürgerlichen Revolution und des Heraufziehens des Industrialismus weiß, sondern in einer rückwärts gewandten Utopie verharrt.
Der Staat selbst ist als Institution in Polen immer schwach gewesen und wird von der Gesellschaft mit Misstrauen betrachtet. Das hat sich bis heute nicht gewandelt. Der Primat inhaltlicher Zielsetzungen Glaube, Freiheit, Widerstand gegenüber pragmatischen Vorteilen des institutionalisierten Herrschaftserhaltes ist evident und behindert einheitliche, staatlich kontrollierte Problemlösungen. Die Elemente des Liberum Veto73 und des Konföderationsrechtes sind als Teil der politischen Kultur auch heute noch präsent: Die endlosen Verhandlungen über Reformkonzepte, die an vereinzeltem Einspruch doch immer wieder scheitern, die spontanen Oppositionsgruppen bis hin zur unabhängigen Gewerkschaftsbewegung, die sich selbst wieder fraktionieren und durch Einsprüche paralysieren, stehen in der Tradition politischer Verhaltensweisen, die aus der geschichtlichen Erfahrung heraus erklärt werden können.
Die wirtschaftliche Geschichte Polens im Vergleich zu den westlichen Nachbarländern ist durch zeitliche Verzögerungen und durch Disparitäten gekennzeichnet. Schon im Mittelalter finden sich beide Charakteristiken, als die mitteleuropäische Städtegründungsphase (die mit dem Begriff „deutsche Ostkolonisation“ nur unzureichend charakterisiert wird) Polen erst relativ spät erreicht und im Gegensatz zum deutschen Gebiet (im 11. bis 13. Jahrhundert) keine grundlegende gesellschaftliche Transformation einleitet. Die Städte bleiben lange Zeit ein gesellschaftlicher Fremdkörper in der noch durch das Bauerntum geprägten polnischen Region; mit dem Aufkommen eines spezifisch polnischen Nationalgefühls, auch evoziert durch die Kämpfe gegen den Ritterorden, werden die Städte immer mehr mit Deutschland identifiziert bzw. sie verstanden sich in der Abwehr der kulturellen Überlegenheitsansprüche des Landadels selbst immer stärker als „nichtpolnisch“, was den Gründungsbedingungen, auch wenn sie nach auswärtigem Recht organisiert waren, durchaus nicht gerecht wird. Die Stadt-Land-Disparität war deshalb für lange Zeit nicht nur ökonomischer Übergang, sondern politischer Gegensatz.
Darin begründet sich die sehr frühe Ideologisierung des gesellschaftlichen Bewusstseins, indem sozioökonomische Realitäten in anachronistischer Weise umgedeutet und negiert wurden. Die Lebenskraft der bäuerlichen polnischen Adelsrepublik wurde weniger aus einer ökonomischen Stabilität als aus einer innergesellschaftlichen Wertorientierung heraus gesichert. Auch die zweite gesellschaftliche Transformation der Neuzeit, die Industrialisierung, erfolgte verspätet und kaum aus den eigenen sozioökonomischen Bedingungen heraus. Drei Gründe kamen dafür zusammen: Die antigewerbliche und antiproduktive Haltung der Szlachta, gegen die sich z. B. in Łódź vor allem jüdische Fabrikanten durchsetzen konnten, die damit eine entscheidende Rolle in der Modernisierung der polnischen Gesellschaft spielten; daneben die ökonomische Randlage gegenüber den sich nach Westen und in die Kolonialreiche hinein orientierenden mittel- und westeuropäischen Wirtschaften; und schließlich vor allem der Prozess der polnischen Teilungen, der jede an den eigenen Bedingungen und Bedürfnissen orientierte Wirtschaftsentwicklung unmöglich machte. Nach dem Wiederentstehen des polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg war das Land gegenüber den westlichen Nachbarn völlig ins Hintertreffen geraten. Erst die Volksrepublik konnte einige wesentliche Schritte in Richtung auf eine grundlegende Modernisierung der Volkswirtschaft vollziehen. Neben die Retardierung der sozioökonomischen Entwicklung tritt die Herausbildung regionaler und sozialer Disparitäten in der Zeit der polnischen ‚Teilungen ungeachtet einmal der schon den polnisch-litauischen Staatsverbund der Jagiellonenzeit ohnehin prägenden Disparitäten. Die Tendenz, die Entwicklung in den besetzten Teilgebieten an den Interessen der Hegemonialmächte auszurichten, entspricht in etwa einer kolonialen Penetration. Doch ging dieser Angriff nicht so weit wie in den eigentlichen Kolonien der imperialistischen Großmächte, da bedingt durch die regionale Nähe und eine stärkere kulturelle und historische Affinität in den besetzten polnischen Gebieten keine bedeutendere „brückenkopfartige“ Oberschicht herausgebildet wurde, deren politische Interessen dem nationalen Gesamtinteresse grundsätzlich widersprochen hätte.
Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch in den politischen Führungsschichten des geteilten Polens die Diskussion über eine mögliche West- oder Ostorientierung der polnischen Nation und verschiedene Grade der Annäherung an die Nachbarvölker kontrovers und emotional geführt worden wäre. Die disparate Entwicklung hatte daher ihren Schwerpunkt bei den materiellen Lebensbedingungen und der Wirtschaftsstruktur. In der Zwischenkriegszeit im neu entstandenen Polen konnten weder der ökonomische Rückstand aufgeholt noch die Strukturdeformationen ausgeglichen werden. Die pilsudskische Staatskonzeption eines nach Osten expandierenden Vielvölkerstaates in Anlehnung an die jagiellonische Tradition (wenn dabei auch die aggressive Komponente oft maßlos überschätzt wird) war nicht mehr zeitgemäß und in sich selbst zu disparat und verschwommen und gleichzeitig zu wenig auf die notwendige soziale Integration hin angelegt, als dass sie einheitliche Entwicklungsimpulse zu vermitteln in der Lage gewesen wäre. Einige positive Ansätze, wie die Entwicklung einer „zentralen Planungsregion“ (C.O.P., Centralny Okreg Przemyslowy, im Raum Lublin-Kielce-Rzeszów), darüber hinaus interessante Industrievorhaben in der Region Warschau und Łódź, können über die ökonomischen Strukturdefizite des Staatswesens nicht hinwegtäuschen.
Die Kriegs- und Okkupationszeit brachte zunächst alle positiven Ansätze zum Erliegen. Nicht nur die grausamen Bevölkerungsverluste sondern auch der Verlust von nahezu der Hälfte des Produktivvermögens des Landes erzwangen vom Nachkriegspolen mehr als von jedem anderen Staat Europas einen wirklichen Neubeginn. Die wirtschaftliche Entwicklung war noch weiter zurückgestoßen worden; die sozialen Probleme erschienen fast unlösbar und ein ganzer Katalog zusätzlicher regionaler Disparitäten durch die Westverschiebung des Staatsgebietes machten Wirtschaftspolitik im Nachkriegspolen zu einem waghalsigen, wenn auch erzwungenem, Glücksspiel, bei dem das Ziel, den Entwicklungsrückstand auszugleichen, oft in diametralem Gegensatz zu den Erfordernissen stand, die genannten Disparitäten auszugleichen. Einen Ausgleich zwischen beiden Zielen zu finden, ist bis heute Hauptaufgabe aller wirtschaftlichen Reformen und Krisenlösungsmodelle gewesen.
Die Bewusstseinsmäßigen Folgen der Geschichtserfahrung wurden dargelegt. Die materiellen Besonderheiten des Landes, der staatlichen wie der sozialen Entwicklungen, haben in auffallender Kontinuität immer wieder zwei Grunderfahrungen als Leitmotiv anklingen lassen : Die Erfahrung der Widersprüchlichkeit geschichtlicher Ereignisse, Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Erdulden und Erhoffen, materielle Widersprüchlichkeiten zwischen Stadt und Land, zwischen Herrschaft und Autonomie, und die Erfahrung des Anachronismus, des Vorauseilens der Ideen und des Zurückbleibens der gesellschaftlichen Entwicklung, der Anachronismen, die gesellschaftliche Widersprüche hervorrufen, und der Anachronismen, die sich aus der Unfähigkeit ergeben, gesellschaftliche Widersprüche zu bewältigen. Die Dialektik von Widersprüchlichkeit und Anachronismus ist eine Besonderheit der politischen Kultur Polens. Materielle Lösungen der Widersprüche werden durch das Angebot anachronistischer Krisenlösungsversuche (z.B. Adelsrepublik gegen Stadtkultur) immer wieder erschwert und hinausgezögert.
Polen prädestiniert sich dadurch immer stärker als Opfer für Eingriffe und Aggressionen von außen. Die Reaktion darauf ist gleichfalls widersprüchlich, indem eine duldende Opferrolle unmittelbar neben mutigem Widerstandswillen steht.
Polen als Idee und Realität: Kaum ein Land verdankt seine materielle Existenz in dem Maße dem Bewusstsein seiner selbst, dem Festhalten an der Idee der eigenen Nation, wie gerade Polen; gleichzeitig stellt aber der Primat der Idee von Polen alle materiellen Staatskonzeptionen immer wieder in Frage und stellt sich in Widerspruch zur politischen Realität. Auch heute noch sind polnischer Nationalismus und Staatstreue nicht auf einen Nenner zu bringen. Ist ein solcher idealistischer Nationalitätenbegriff nicht wiederum ein Anachronismus? Ein Ausweg bietet sich wohl nur über die sehr konkrete Erfahrung des gemeinsamen Widerstandes gegen den Faschismus an, eine Erfahrung, die aus der Dialektik von Widerspruch und Anachronismus in ein inhaltlich bestimmtes Politikverständnis überleitet.74
Die Verhaltensweisen in der heutigen polnischen Gesellschaft sind vielfältig und widersprüchlich. Viele Beobachtungen müssen immer wieder neu auf die zu Grunde liegenden historischen Erfahrungen oder geschichtlichen Sinngebung zurückgeführt werden. Konkret können hier nur einige Stichworte zur inhaltlichen Abgrenzung dieser politischen Kultur gegeben werden:
Eine Konstante ist sicher das schon angesprochene Auseinanderfallen von Nationalen Staatsbewusstsein, das sich in tief greifendem Misstrauen gegen staatliche Machtpolitik ausdrückt. Dieser alltägliche Anarchismus macht staatlich gelenkte Politik ineffizient und lässt sie an der alltäglichen Subversion scheitern (was das Misstrauen gegen die Kompetenz des Staates nur noch stärkt). Über das gebrochene Verhältnis Polens zu Legalität und Illegalität ist im ersten Teil des Buches einiges konkret ausgesagt worden.75 Das Scheitern der großen politischen Entwürfe fordert vom einzelnen Nüchternheit und Pragmatismus im Alltag. Duldungsfähigkeit gegenüber den großen Bedrohungen auf der einen Seite und alltäglicher Aufbau von Gegenmacht im subversiven Widerstand lassen nur zu deutlich das Misstrauen gegen jedes Handeln erkennen das über den eigenen Erfahrungsbereich hinaus weist. An die Stelle der „großen Politik“ tritt oft eher die Metaphysik, d. h. die Orientierung am Glauben. Dass damit der katholischen Kirche, legitimiert durch den Glauben, eben die Machtpolitik zugestanden wird, der man sich im Staate immer wieder zu entziehen sucht, ist ein weiterer Widerspruch der polnischen politischen Kultur, der nur historisch erklärbar erscheint.
Nur ein politischer Bereich bricht auch im Alltag aus diesen Widersprüchlichkeiten aus und ist in großer Eindeutigkeit eine Folge der Naziokkupationszeit: Die sehr reale Angst vor politischer und militärischer Einmischung durch die Nachbarländer und die erstmals fast schon überängstliche Identifikation Polens mit dem heutigen nach dem Kriege abgegrenzten Staatsgebiet. Die unerbittliche Haltung Polens in allen Grenzfragen ist ein zeitgeschichtliches Erbe, das durch leidvolle Erfahrung tiefer und fester verankert ist als manche überkommene Widersprüchlichkeit der polnischen Alltagskultur.
Wo liegt Polen? Zum ersten Mal seit langer Zeit besteht eine weitgehende Identität von Staatsgebiet und Staatsidee und eine Identifikation Polens mit seinem abgegrenzten Lebensraum. Das und nur das kann schließlich in einem langen historischen Prozess zu einer Wiederannäherung der „beiden Polen“ führen und damit einen Weg aus den Anachronismen und Widersprüchlichkeiten der historischen Erfahrungen und der darin wurzelnden politischen Kultur des Landes weisen.
Die Katastrophe der Naziokkupation hat es für Polen unverzichtbar gemacht, sich den gewandelten Aufgaben des 20. Jahrhunderts zu stellen. Das neue Polen ist sich seiner Lage in Mitteleuropa und seiner geographischen Brückenfunktion bewusst geworden. Auf der anderen Seite sind jetzt materielle Krisenlösungswege einzuschlagen, um Strukturdisparitäten und soziale und politische Widersprüche abzubauen und damit auch zu einer positiven Weiterentwicklung der politischen Kultur zu gelangen. Von dieser Aufgabe wird im nächsten Kapitel die Rede sein.
Im Gegensatz zu anderen europäischen Nationalstaaten, in denen sich Wirtschaft und Gesellschaft weitgehend ungestört von grundsätzlichen staatlichen Zusammenbrüchen entwickeln konnten (Deutschland ist dabei ein Sonderfall, der eine eingehendere Untersuchung erfordert, aber grundsätzlich positivere Entwicklungsbedingungen zeigte als Polen), im Gegensatz zu Staaten wie England oder Frankreich zum Beispiel ist unser östliches Nachbarland von mehreren tief reichenden Einschnitten in seine Entwicklung gekennzeichnet. Die polnischen Teilungen, das schließliche Verschwinden des eigenen Staates von der politischen Landkarte Europas, bewirkten innergesellschaftlich eine Abwendung von der materiellen sozioökonomischen Dynamik hin zum Primat der politischen Aufgabe, eine polnische politische Identität wiederherzustellen, zudem wurde die Wirtschaft unter den beherrschenden Einfluss der Teilungsmächte gestellt. Diese Fremdbestimmung und innere materielle Instabilität wurde auch nach der Wiederherstellung des polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg nicht vollständig aufgehoben. Die Okkupation durch Nazideutschland 1939 vernichtete dann auch die spärlichen Ansätze einer autonomen gesellschaftlichen Entwicklung. 1945 wurde der neu gegründete polnische Staat zudem noch vor die fast unlösbare Aufgabe gestellt, ein neu umgrenztes Staatsgebiet aus verschiedenen heterogenen Landestellen zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfügen zu müssen.
Die Nachkriegssituation Polens ist gekennzeichnet
1. durch die historisch bedingten Entwicklungsrückstände in der industriellen Erschließung und dem Ausbau der Infrastruktur,
2. durch das Auseinanderfallen der ökonomischen Orientierung der einzelnen Landestelle,
3. durch Strukturdeformationen, die durch die historische Ausrichtung von Wirtschaftsverbindungen und Verkehrslinien auf die ökonomischen Interessen und Zentren der alten Vormächte entstanden waren.
Diese Merkmale stimmen verblüffend mit der Situation heutiger Entwicklungsländer überein. Es ist daher kein Wunder, wenn Polen manchmal unter der ökonomischen Perspektive der Entwicklungspolitik betrachtet wird. Auch der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg, der zeitweise alle ökonomischen Kräfte auf umfassende Industrialisierungsprogramme konzentrierte, wird mit der Politik des „big jump“ in Schwellenländern wie Brasilien, Taiwan oder Iran vor Khomeni verglichen.
Dennoch greift diese Parallele zur „Dritten Welt“ zu kurz und schärft nur den Blick für eine Reihe wirtschaftlich gesellschaftlicher Problemlagen, mit denen sich auch Polen konfrontiert sieht. Halten wir Folgendes dagegen: Vor allem dadurch, dass Polen in der Vergangenheit und in der Gegenwart fest eingebunden ist in die gemeinsame mitteleuropäische Kultur, dass Polen zudem im Laufe seiner Geschichte nicht nur als beherrschtes Land, sondern auch als europäischer Partner in Politik und Kultur aufgetreten ist, unterscheidet die reale Abhängigkeit Polens von den umgebenden Hegemonialmächten von einer kolonialen Penetration, die auf Kulturunterdrückung und Zerstörung der historischen Identität aus ist. Das verbessert die Chancen Polens, vorhandene Deformationen sowohl orientiert an eigenen nationalen Interessen als auch im Rahmen einer europäischen Friedensordnung aufheben zu können. Dazu trägt auch bei, dass im Gegensatz zu einigen Regionen in der_ Dritten Welt“ die polnische Oberschicht im großen und ganzen stärker an den eigenen polnischen Interessen orientiert ist und eine völlige kulturelle Umorientierung an den Werten und Interessen der jeweiligen Vormächte kaum anzutreffen ist. Das liegt vor allem auch daran, dass diese Vormächte kaum je kulturelle Alternativen und grundsätzlich attraktivere Lebensformen für eine privilegierte kooperationsbereite Oberschicht anzubieten hatten, so dass die gesellschaftliche Identität in Polen Primat vor außenpolitischem Opportunismus behielt. Erst die Vernichtungsstrategie in der Okkupationszeit aus dem Ungeist der Naziideologie heraus, wäre sie schließlich siegreich geblieben, hätte Polen in eine echte koloniale Rolle gezwungen. Die Bedrohlichkeit dieser Perspektive ist im heutigen Polen als historische Erfahrung durchaus gegenwärtig.
Die Nachkriegssituation 1945 war nicht nur durch die katastrophale Bilanz des Zweiten Weltkrieges gekennzeichnet (das Industriepotential war um 40% vermindert, so dass erst 1950 der Stand der Vorkriegsproduktion wieder erreicht werden konnte (Kortus 1980 77), sondern eröffnete durch die Neuabgrenzung des Staates auch gewisse Chancen. Das geschlossene Staatsgebiet macht die notwendige autozentrische Entwicklung der Wirtschaft erst möglich. Durch die „Westverschiebung“ des Staates ist eine gleichmäßigere Verteilung städtischer Ballungsräume im Gesamtwirtschaftsraum Polens erreicht worden. Die größere Einheitlichkeit der Staatsstruktur, auch als Folge von Flucht, Umsiedlung und Vertreibung der deutschen Bevölkerungsteile aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ist für eine einheitliche Landesentwicklung Polens eine günstige Voraussetzung gewesen.
Auf der anderen Seite ergeben sich aus dieser Situation die wichtigsten Aufgaben der Landesentwicklung der Nachkriegszeit:
Unterschiedlich entwickelte Landesteile müssen integriert und sozioökonomische Gefälle müssen abgebaut werden;
Strukturbeziehungen der Wirtschaft und Verflechtungen der Infrastruktur mit den ökonomischen Zentren der alten Vormächte bzw. den Zentren der deutschen Wirtschaft für die ehemals deutschen Gebiete müssen zwar nicht abgerissen aber doch auf die polnischen Entwicklungsschwerpunkte hin umorientiert werden;
die Bruchstücke der noch vorhandenen Vorkriegsinfrastruktur müssen vernetzt und durch neue, von den polnischen Zentren ausgehende Beziehungen zu den Nachbarländern ergänzt werden.
Das Problem der „Bevölkerungsverschiebung“ muss an dieser Stelle noch etwas genauer quantifiziert werden. Den Angaben von Buchhofer (1981)78 folgend verringerte sich zwar das Territorium Polens von (1938) 388 600 auf (1946) 312.700 km², wobei jedoch der Standard der wirtschaftlichen Infrastruktur und der industriellen Entwicklung, die Kriegszerstörungen nicht gerechnet, durch die hinzugekommenen neuen Westgebiete gegenüber Vorkriegspolen etwas verbessert wurde. In diesen zu Polen gekommenen Gebieten vollzog sich 1945 1947 nahezu ein vollständiger Bevölkerungswechsel; dabei wurden regionale Gruppen der Bevölkerung der von der Sowjetunion annektierten ehemals polnischen Ostgebiete nahezu geschlossen in bestimmte Zielgebiete Westpolens umgesiedelt, so zum Beispiel aus dem Gebiet um Lemberg in die Region Breslau.79 Es mag dabei auch eine gewisse Berücksichtigung landschaftlicher Entsprechungen gegeben haben. Dass es dabei vor allem unter dem Aspekt politischer Unsicherheiten im Nachkriegseuropa über längere Zeit hinweg Anpassungs- und Integrationsschwierigkeiten gegeben hat, ist selbstverständlich, Hervorgehoben werden muss aber, dass über die reine Verschiebung hinaus demographische Veränderungen das Bild Nachkriegspolens kennzeichnen:
1. Die großen Kriegsverluste haben gerade die produktiven mittleren Jahrgänge der männlichen Bevölkerung dezimiert. Die Produktion musste daher zunächst unter der Anleitung überalterter Führungskader von sehr jungen und oft unterqualifizierten Arbeitskräften aufgenommen werden, und das in der sehr schwierigen Situation des Wiederaufbaus einer völlig vernichteten Industrie.
2. Die polnische Oberschicht, vor allem die für den Wiederaufbau so wichtige Intelligenz, war durch die hitlersche Vernichtungspolitik in erschreckender Weise vermindert worden; die im Vorkriegspolen am gesellschaftlichen Leben maßgeblich beteiligte jüdische Minderheit war in den Vernichtungslagern fast vollständig ermordet worden; es fehlte an Lehrern, Ärzten, Technikern und Wissenschaftlern.
3. Die aus dem Osten stammenden Neusiedler zogen fast ausschließlich in die städtischen Ballungsräurne Westpolens, da die dortige Landwirtschaft, aus Großgrundbesitz hervorgegangen, kaum Ansiedlungschancen bot. Der dadurch wachsende Urbanisierungsgrad führte zu sozialen Problemen, Wohnungsnot und Unterbeschäftigung in den Großstädten. Auf der anderen Seite entstand dadurch ein Arbeitskräftereservoir, das die Industrialisierungspläne förderte. Landflucht ist bis heute ein strukturelles demographisches Problem geblieben (vgl. Karte 3: „Standortregionen“ und Karte 7. „Standortpolitik“).
Eine politisch umstrittene kleinere Bevölkerungsgruppe, die sich der bisherigen undifferenzierten Darstellung entgegenstellt, soll hier nur am Rande erwähnt werden: die sogenannten „Autochthonen“. Buchhofer 80 quantifiziert das Problem folgendermaßen:
„Lediglich in den oberschlesischen Gebieten rechts der Oder sowie in Masuren und dem südlichen Ermland wurde die einheimische (‚autochthone‘) Bevölkerung, die noch zu Beginn dieses Jahrhunderts in Teilen einen polnischen Dialekt gesprochen hatte, in der Heimat zurückgehalten, da sie als ‚repolnisierungsfähig‘ betrachtet wurde. 1950 lebten in den neuen Westgebieten 5,9 Mio. Menschen, darunter 1,2 Mio. ‚Autochthone‘ und 1,5 Mio. polnische ‚Repatrianten‘, die im Zuge eines Bevölkerungsaustausches an der Ostgrenze des neuen Staates aus den früheren Ostwojewodschaften umgesiedelt worden waren (Osteuropa Handbuch Polen 1959).“
Die Bevölkerungsverschiebungen haben zwar im Nachkriegspolen zunächst schwere soziale und ökonomische Probleme hervorgerufen, waren dann aber schließlich eine Chance, sich von überkommenen Strukturen zu lösen und tatsächlich einen neuen staatlichen Anfang zu wagen.
2. Voraussetzungen einer autozentrierten ökonomischen Entwicklung
Die neuen Grenzziehungen teilen an manchen Stellen ehemals zusammenhängende Wirtschaftsstrukturen, heben demgegenüber an anderen Stellen ältere ökonomische Grenzsituationen auf. Hier entsteht auf regionaler Ebene die Aufgabe einer wirtschaftspolitischen Umorientierung, die den Ausbau einer aktiven Raumordnungspolitik erforderlich macht.
Vor allem in den folgenden ökonomischen Teilräumen wurde die Umstrukturierung der traditionellen Lagebeziehungen, wurde die Neuausweisung bisheriger Versorgungsräume und der peripheren Ergänzungsräume um die zentralen Orte herum zur Konstituante der Entwicklungsziele nach 1945:
Stettin (Szczecin) ist, unmittelbar an der Grenze zur DDR liegend, wohl der von der Grenzproblematik am stärksten betroffene Ort Polens. Die Stadt verlor mit dem Kriegsende ihr gesamtes südwestliches Hinterland; vor allem da im Ostblock grenzüberschreitende räumliche Integrationsprozesse kaum anzutreffen sind und wohl auch nicht im Vordergrund des politischen Interesses stehen. Zudem gerät die Stadt stärker als zuvor in eine ökonomische Randlage, die z. B. dem Hafen einiges an Bedeutung für die Versorgung und für die Wirtschaft Polens nimmt; die Entwicklung der Hafenfunktionen ist daher vor allem im Vergleich mit Danzig stark beeinträchtigt. Eine Entwicklungsverzögerung durch die politische Unsicherheit über die Dauerhaftigkeit der Grenzziehung ist, auch nach dem Grenzvertrag mit der DDR (1950: Görlitzer Abkommen), vor allem in den fünfziger Jahren in Stettin stärker als in anderen polnischen Regionen zu verzeichnen.
Nicht ganz so deutlich, aber ökonomisch bemerkbar ist der Abtrennungsprozess vom alten Hinterland in der Region Breslau (Wrocław) festzustellen. In beiden Fällen ist aber abzuwägen, ob die Neudefinition des Wirtschaftsraumes oder der vollständige Bevölkerungsaustausch das gravierende wirtschaftspolitische Problem gewesen ist.
In umgekehrter Weise ist aber durch den Wegfall der Grenzen zwischen dem Oberschlesischen Industrierevier (GOP) und dem Raum Krakau (Kraków) die Möglichkeit einer einheitlichen wirtschaftsräumlichen Entwicklung eröffnet worden. Das führt in neuerer Zeit zu einem Zusammenwachsen dieses großen polnischen Urbanisierungsraumes, das erhebliche Planungsprobleme nach sich zieht (vgl. Kapitel X/5 und XI/6, ausgeführt bei Kortus, „The Role of Industry …“, 1980).81
Die Nachkriegsinvestitionen in Nowa Huta (Lenin Hütte) (vgl. Kortus/Vlassenbroek 19796*) und der Huta Katowice sind nur ein Hinweis auf die gestiegene ökonomische Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Südpolen.
Ähnliche Ausweitungsmöglichkeiten ergeben sich nach dem Fortfall der Vorkriegsgrenzen für den Großraum Danzig. Das Zusammenwachsen des ehemaligen polnischen Hafens Gdynia (Gdingen) im „polnischen Korridor“ mit der ehemaligen „Freien Stadt Danzig – heute mit den Stadtteilen Gdańsk und Sopot – zur sogenannten „Dreistadt“ ermöglicht eine Konzentration und rationelle Arbeitsteilung im Bereich der Hafenfunktionen und der Werftindustrie, was einem Wachstumsimpuls für die gesamte Region gleichkommt.
Auch eine stärkere ökonomische Zuordnung der sogenannten „Zwischenküste“ im ehemals deutschen Pommern mit den regionalen Zentren Stolp (Slupsk), Köslin (Koszalin) und Kolberg (Kolobrzeg) zu den eingrenzenden Agglomerationen der „Dreistadt“ im Osten und Stettins im Westen eröffnet die Möglichkeit einer gezielteren Entwicklung dieses traditionell strukturschwachen Raumes vor allem mit den Schwerpunkten Versorgung, Naherholung, Tourismus und Standortentwicklung für Auslagerungsindustrien aus den Ballungsräumen.82
Neben diesen regionalen Konsequenzen der Umgestaltung des Wirtschaftsraumes sind auch überregionale Strukturveränderungen angezeigt. Vor allem die sich schon im eben Gesagten andeutende Bipolarität der wirtschaftlichen Aktivräume zwischen Süden (GOP/Kraków) und Norden (Dreistadt) macht die
Aufgabe einer großräumigen Verflechtung deutlich. Werden die strukturellen Eigenheiten beider Wachstumspole genauer untersucht, stellt sich heraus, dass sie funktional aufeinander bezogen sind:
Die rohstofforlentierten Industriestandorte des südpolnischen Wirtschaftsraumes (Primärproduktion, Schwerindustrie und Rohstoff , vor allem Kohleexport) sind in ihrer Entwicklung eng mit dem Welthandel verflochten (wobei die besonderen Beziehungen zur Sowjetunion eher als ausgleichendes Korrektiv gewertet werden können); nur ein kleiner Teil des Warenaustausches kann über den Landweg abgewickelt werden. Vor allem die Kohleausfuhren machen es offensichtlich, wie stark die Entwicklung Südpolens vorn Funktionieren des größten polnischen Hafens und von funktionierenden Verkehrswegen nach Norden abhängig ist.
Gdańsk und Gdynia sind in ihrer Entwicklung von den Sektoren Handel, Dienstleistungen und Verkehr abhängig. Da die Nachbarstaaten Polens über eigene entwickelte Weltmarktzugänge (die ČSSR wickelt z. B. einen großen Teil ihres Handels über die Elbe und Hamburg ab) oder eigene Ostseehäfen verfügen, spielt der Transitverkehr über die polnischen Hafenstädte nur eine untergeordnete Rolle. Die „Dreistadt“ als größte polnische Hafenagglomeration hat daher vor allem die Aufgabe, den polnischen Im und Export zu sichern und Versorgungsaufgaben für das eigene Land wahrzunehmen. Jede konjunkturelle Schwankung in der polnischen Wirtschaft, und die wird im industriellen Bereich von Südpolen dominiert, zeichnet sich im Umschlag der Danziger Häfen ab.
Wie sensibel diese Beziehung zwischen den beiden Industrieräumen ist, zeigte sich in der Krisensituation 1980/81, als der Versuch einer ökonomischen Krisenlösung aus eigener Kraft immer wieder an der mangelnden Kapazität der Nord Süd-Eisenbahnmagistrale83 scheiterte. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Rohstoffen für die Wiederaufnahme der Produktion war unzulänglich, so dass immer größere Verteilungsprobleme den wirtschaftlichen Kreislauf beeinträchtigten. Vor allem der Kohletransport nach Norden von den Gruben im GOP, für die Zahlungsfähigkeit Polens auf dem Weltmarkt ein unerlässlicher Vorgang, wurde dadurch behindert, dass nicht genügend leere Waggons bereit standen.
Das lässt an die scherzhafte „wirtschaftsgeographische Analyse der polnischen Wirtschaftskrise denken: „Die Krise ist allein auf drei unbewältigte Probleme zurückzuführen: 1. Die Unfähigkeit, Flaschenleergut wieder rechtzeitig zum Nachfüllen in die Brauerei zu bringen. 2. Die Unfähigkeit, Straßen einigermaßen gleichmäßig zu pflastern, ohne dass sie gleich wieder aufreißen. 3. Die Unfähigkeit, einen einigermaßen vernünftigen Wagenumlauf im Güterverkehr der Eisenbahn zu organisieren. . .
Ob nicht in dieser im Spaß geäußerten These etwas mehr als nur ein Körnchen Wahrheit steckt?
Strukturdeformationen kennzeichnen die historischen Ursachen von Entwicklungsrückständen und fremdbestimmten Fehlentwicklungen der Raumerschließung. Vierzig Jahre Nachkriegspolitik sind über diese Ausgangsposition hinweg gegangen und haben eine neue für das heutige Polen typische Situation geschaffen. Die Wirtschaftskrise Anfang der achtziger Jahre zeigt, dass diese Situation von einer Reihe Disparitäten gekennzeichnet ist. Ungleichgewichte auszugleichen – das ist die Kardinalaufgabe heutiger polnischer Politik. Wie Ungleichgewichte in das Alltagsleben des einzelnen eingreifen und so zum Prüfstein staatlicher Legitimität werden können, wird uns noch später im Zusammenhang mit der Analyse der Ursachen der aktuellen Wirtschaftskrise beschäftigen. An dieser Stelle zunächst ein Überblick über die materiellen Ausprägungen der grundlegenden Disparitäten (nach Kleer und Kortus 84) :
Traditionelle Ungleichgewichte sind
1. die Disparitäten zwischen den „produktiven“ und den „unproduktiven“ Sektoren der Volkswirtschaft;
2. die Disparität zwischen städtischen und ländlichen Räumen und
3. die territorialen Disparitäten.
Die letzteren Ungleichgewichte sind noch zu differenzieren in
das „Süd Nord Gefälle“, das schon im Rahmen der Darstellung der Standortfaktoren angesprochen wurde,
das historisch bedingte „West Ost Gefälle“, das zunehmend an Bedeutung verliert, aber vor allem noch als Ungleichgewicht der landwirtschaftlichen Produktivität eine Rolle für die aktuellen Versorgungsprobleme Polens spielt, und
das zentral periphere Gefälle um die wirtschaftlichen Aktivräume herum, das sich weitgehend mit den Stadt Land-Ungleichgewichten deckt.
Diese Disparitäten sind jedoch nicht in erster Linie als statische Gegebenheiten aufzufassen, sondern unter dem Aspekt des Strukturwandels zu untersuchen.
Produktive und unproduktive Sektoren 85
Die Unterscheidung zwischen „produktiven“ und „unproduktiven“ Sektoren in der Volkswirtschaft geht letztlich auf die marxistische Wirtschaftsanalyse und Wertlehre zurück. Die Bevorzugung bestimmter als für die volkswirtschaftlichen Produktivkräfte besonders wertvoll erachteter ökonomischer Produktionsbereiche – und damit ist meist die Schwerindustrie gemeint – führte zu ungleichmäßigen Entwicklungen durch die ungleichmäßige Bereitstellung von Investitionsmitteln seitens der Planungsinstanzen.
Die polnische Volkswirtschaft wird auch im Hinblick auf die Beschäftigungssituation durch einen tief greifenden Strukturwandel geprägt.
Beschäftigungsanteile in den volkswirtschaftlichen Sektoren
(nach Kleer) 86
|
Sektor: |
1950 |
1981 |
|
|
I |
Land und Forstwirtschaft |
54,5 % |
30,3 % |
|
II |
Industrie, Bauwirtschaft |
25,7 % |
37,7 % |
|
Ill |
Dienstleistungen |
19,8 % |
32,0 % |
|
|
insgesamt |
100,0 % |
100,0 % |
Dabei wachsen die absoluten Bevölkerungszahlen stärker als im übrigen Europa (von [1946] 23,6 Mio. auf [1982] 36,4 Mio.) und der Beschäftigungsgrad bezogen auf die Gesamtbevölkerung wächst, was vor allem auf einen wachsenden Frauenanteil bei den Industriebeschäftigten zurückzuführen ist (weibliche Beschäftigte [1959] 30,6 % und [1982] 43,3 %).87
Da die im primären Sektor Beschäftigten nicht nur prozentual sondern auch, wenn auch nicht so stark wie in anderen europäischen Ländern, absolut abnehmen, ist daraus der Entwicklungs- und Industrialisierungsprozess Polens nach dem Kriege abzulesen. Die Investitionen der ersten beiden Jahrzehnte polnischer Wirtschaftspolitik zeigen, mit geringen Schwankungen das Primat der Industrialisierung im engeren Sinne. Der tertiäre Sektor wuchs eher nebenbei nach den Bedürfnissen des Industrialisierungsprogrammes mit und ist in seiner inneren Struktur recht heterogen. Bis 1970 war ein umfassendes Strukturprogramm für den Dienstleistungsbereich nicht entwickelt worden, was sicher mit zu den Ursachen der Strukturkrise Anfang der achtziger Jahre gehörte. Die Investitionsschwerpunkte dieser ersten wirtschaftlichen Phase zeigt folgende Tabelle:
Die Investitionen in Polen nach Wirtschaftsbereichen 1950-1970
(zu Preisen von 1961)
|
Wirtschaftsbereiche |
Durchschnitt |
|||
|
|
1950-55 |
1956-60 |
1961-65 |
1966-70 |
|
|
Mrd. Złoty |
|||
|
Investitionen insgesamt |
54 |
83 |
124 |
164 |
|
|
% |
|||
|
Industrie |
44 8 |
40 7 |
41 |
40 2 |
|
Land- und Forstwirtschaft |
10,4 |
12,5 |
13,0 |
15,9 |
|
Verkehr und Nachrichtenübermittlung |
12,7 |
9,4 |
10,9 |
12,1 |
|
Wohnungsbau |
12,3 |
19,5 |
16,1 |
13,9 |
|
Sozialer und kultureller Bereich |
5,3 |
6,5 |
6,3 |
5,2 |
|
Sonstige Wirtschaftsbereiche |
4,5 |
11,4 |
11,4 |
12,7 |
Quellen: Concise Statistical Yearbook of Poland, Warschau 1965; – Narodowy Bank Polski, Information Bulletin, Warschau 1969/70!71; Poland in figures 1944 1964, Warschau 1944: – zit. ach: BAW, VR Polen, Bremen. 1972 88
Die Industrialisierungspolitik der Nachkriegszeit war mit ihrer Akzentsetzung auf die Schwerindustrie zu sehr rohstofforientiert. Die zufällige Ausstattung des Landes mit Rohstoffen bestimmte die Produktionsentwicklung, während die Konsumgüterversorgung und die Infrastruktur lange vernachlässigt wurden. Polen wiederholte damit einen Fehler der sowjetischen
Wirtschaftspolitik vor allem der zwanziger und dreißiger Jahre, den zu korrigieren auch intensive Anstrengungen der letzten Jahre nicht vollständig in der Lage waren. Die zu geringen Transportkapazitäten zwischen Süd- und Nordpolen sind eine Folge dieser falschen Prioritätensetzung.
Kortus bewertet die Rohstoffsituation im Lande im Überblick wie folgt:89
|
a. |
Rohstoffe von internationaler Bedeutung: Steinkohle, Zink, Kupfer, Schwefel, Steinsalz |
|
b. |
Rohstoffe von Landesbedeutung: Braunkohle, Erdgas, Blei, Kalksteine, Glassande |
|
c. |
Rohstoffe von lokaler Bedeutung („Ubiquitäten“). Steine und Erden |
|
d. |
fehlende Rohstoffe: Eisen, Mangan, Bunt und Leichtmetalle mit Ausnahme von Zinn und Blei, Phosphate, Kalisalze, Kaolin, Graphit, Asbest u. a |
Aus dieser Rohstoffsituation ergeben sich zum einen regionale und strukturelle Ungleichgewichte und zudem Abhängigkeiten von anderen Rohstoffländern (z. B. der Sowjetunion) oder vom Weltmarkt.
Auch die Energiebasis zeigt charakteristische, der Rohstoffsituation entsprechende Züge: Zwar ist sie quantitativ ausreichend, qualitativ aber mit 85 % Steinkohle, 10 % Braunkohle, 4% Erdgas, 0,5% Erdöl, 0,5% Wasserkraft ungünstig.90
Materielle Folgen dieser Situation sind:
1. Die starke Industrialisierung Südpolens (GOP/Kraków).
2. Der große Transportaufwand von Süd nach Nord.
3. Die große Abhängigkeit von Erdöleinfuhren.
4. Die schwache Entwicklung der Petrochemie.
5. Die starke Umweltbelastung durch die Kohleverbrennung.91
Die sektoralen Ungleichgewichte unterstützen somit die „natürlichen Ungleichgewichte der Ressourcenverteilung und schlagen sich nieder in zwei negativen Haupttendenzen des Strukturwandels der polnischen Wirtschaft:
1. Die Überschätzung der Bedeutung großer Investitionen (die „economies of scale“)92 führt zu einer Vernachlässigung des Effizienzkriteriums bezogen auf den funktionalen Zusammenhang der Gesamtwirtschaft (das heißt: grundlegende Regelmäßigkeiten des Ertragsgesetzes werden aus dem Auge verloren).
2. Parallel dazu findet eine zunehmende Zentralisierung der Wirtschaft statt. In der Industrie fiel der Anteil der regional gesteuerten Unternehmungen von (1970) 14% auf (1980) 4%.93
Kortus sieht für diese Entwicklung einen zusätzlichen Anstoß in der neuen administrativen Neueinteilung Polens 1975. Die verkleinerten Woiwodschaften waren als politisches Gegengewicht zur zentralistischen Planung entmachtet; der Versuch, Makroregionen als Planungseinheiten ohne autonomen administrativen Unterbau zu etablieren, hat sich nicht bewährt.94
Die genannten wirtschaftsstrukturellen Disparitäten führten unmittelbar in die Wirtschaftskrise Anfang der achtziger Jahre. Ineffektive Pläne, im Bewusstsein unzureichender Rahmenbedingungen schlampige Planerfüllung und sprunghafte Wechsel in den wirtschaftspolitischen Grundsatzentscheidungen, die von mangelnder Problemanalyse wie vom Fehlen eines tragfähigen Erneuerungskonzeptes für die polnische Volkswirtschaft zeugen, bewirkten:
sektorale und regionale Mangelerscheinungen, die die Versorgung der Bevölkerung beeinträchtigen,
Zweifel an der Planungskompetenz des Staates und
Forderung nach stärkerer Einbeziehung der Betriebe in die Planerstellung, das heißt letztlich Forderung nach betrieblicher und lokaler Mitbestimmung.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade polnische Wirtschaftstheoretiker schon in den fünfziger Jahren Modelle zur Demokratisierung der Wirtschaft entwickelt hatten, welche die Polen aus politischen Rücksichten nicht verwirklichen konnten, die aber in Ansätzen mit erstaunlichem Erfolg Grundlage des neuen wirtschaftspolitischen Kurses in Ungarn geworden sind.
An dieser Stelle, noch vor der Analyse weiterer ökonomischer Disparitäten, ist es notwendig, sich die Struktur und Funktion des polnischen Planungsapparats in seinen Grundzügen zu verdeutlichen. Dabei ist es notwendig, sich konkret mit den wirtschaftspolitischen Prämissen der Planerstellung seit dem Zweiten Weltkrieg auseinanderzusetzen. Buchhofer sieht drei Voraussetzungen für die Planungskonzeptionen der ersten Nachkriegsdekade.95
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1. |
die unterschiedliche Zerstörung des Industriepotenzials im Krieg, wobei vor allem die relativ modernen Anlagen in Warschau, Stalowa Wola (GOP) und Breslau besonders betroffen waren, |
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2. |
die Forderung nach dem Primat der Industrialisierung nach sowjetischem Vorbild und |
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3. |
die „wechselnden sektoralen und regionalen Industrialisierungsstrategien“, |
Gerade die Forderungen 2. und 3. kamen in einen Zielkonflikt, da effektive Industrialisierung entweder rohstofforientiert, und damit regional gebunden, oder aber agglomerationsabhängig und damit auf zentralistische Tendenzen hin orientiert ist, während zunächst als regionale Planvorgabe die Deglomeration, d. h. die gleichmäßige Verteilung der Industriestandorte über das Staatsgebiet, Vorrang erhalten sollte. Das Konzept bildete, nach Buchhofer 96, den Kern der sozialistischen Standorttheorie der frühen fünfziger Jahre, die sich an den Forderungen Fr. Engels in seinem „Anti-Dühring“ orientierte. Die mit diesem Konzept verbundene ineffektive Kapitalstreuung, bei der Erträge, d. h. Wirtschaftswachstum nur mit sehr hohem finanziellen und materiellen Aufwand zu erzielen waren, ließen die Grenzen der polnischen Leistungsfähigkeit bald erreichen. Nach Kortus 97 kommt es damit zu einer Oszillation zwischen Deglomerations und Konzentrationsphasen der polnischen Industriepolitik. Die Konzentrationsphasen wurden immer wieder notwendig, um Agglomerationsvorteile nutzen und die polnische Volkswirtschaft international leistungs- und konkurrenzfähig halten zu können. Die günstigen Standortfaktoren der existierenden Industriegebiete führten dann beinahe zu einer Umkehr der anfänglichen „Utopie von der gleichmäßigen Standortverteilung“. Doch wurde dann vor allem Gewicht auf die Entwicklung neuer Schwerpunkte gelegt, auch wenn hier wieder eine rohstofforientierte Standortfestlegung Vorrang gewann. Insgesamt am meisten gefördert wurde im Gesamtzeitraum 1946 1976 das neue Kohleabbaugebiet im Osten (Lubliner Becken) und die Kupferregion im Westen (Lubin). Das Förderungsminimum befindet sich im traditionellen Industriegebiet um Kattowitz, wo sich 1946 noch etwa 25 % der Industriepotentiale, 1980 aber nur noch etwa 17% befinden. Der Florence Index der Konzentration fiel in dieser Region in diesem Zeitraum von 51 auf 37, die Verteilung der Bevölkerung von 34 % auf 13 %.98 Der Gesamteindruck der Wirtschaftsentwicklung deutet also auf eine gewisse Dekonzentration, die angesichts der regionalen und sektoralen Disparitäten unvermeidlich war, hin, die Deglomerationsutopie der Anfangszeit ließ sich jedoch nicht durchsetzen. Neue Industrieschwerpunkte wurden unter Ausnutzung von Agglomerationsstrategien durchaus effektiv gefördert. Das Hauptproblem liegt also gar nicht auf dem Gesamterfolg der Wirtschaftsentwicklung, der so schlecht gar nicht ist, sondern in der Konzeptionslosigkeit der langfristigen Planung, in dem zu schnellen Wechsel der Planungsziele und in der Verkennung objektiver Strukturdefizite. Es ist also notwendig, das Planungsinstrumentarium selbst einer kritischen Sicht zu unterziehen.
Doch zunächst, zur Verdeutlichung der wechselhaften Planvorhaben, eine Übersicht über die Ziele der einzelnen Wirtschaftspläne nach 1945 (nach Eckart):99
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1947 |
Wiederherstellung der durch Krieg und Demontage zerstör ten Kapazitäten |
Wiederaufbau von Warszawa |
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1949 |
Aufbau der Grundlagen des Sozialismus; Aufbau neuer Zentren der Grundstoffindustrie |
Neubauten der Eisenhüttenkombinate Lenin bei Kraków / Nowa Huta und Bierut bei Częstochowa und Edelstahlwerk Warszawa |
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1955 |
Ziel gleichmäßige Verbreitung der Industrie wird nicht mehr genannt |
Grundsteinlegung zu drei neuen Industriezentren: Konin (Braunkohle, Energie), Tarnobrzeg (Schwefel) und Chelm (Zement,) |
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1960 |
Energiewirtschaftliche Umstellung auf heimische Braunkohle und sowjetisches Import-Rohöl |
Bau der Erdölleitung Freundschaft durch Polen, Aufbau des Petrochemischen Kombinats Plock |
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1965 |
Entwicklung der chemischen Industrie |
Forcierter Ausbau des Schwefelbergbaus, weiterer Ausbau des Koniner Reviers |
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1970 |
Ökonomische Erwägungen dominieren bei der Standortwahl, Förderung der konsumnahen „B“- Industrien“ |
Kauf zahlreicher Produktionsaggregate und Lizenzen im Westen (Beginn der gewaltigen Verschuldung) |
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1975 |
Fortsetzung der Aktivitäten in den Schwerpunkten „Huta Katowice“, Danzig und im entstehenden Lubliner Steinkohlerevier |
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Seit der Krisenentwicklung Anfang der achtziger Jahre kann von einer funktionierenden Wirtschaftsplanung nicht mehr gesprochen werden.
1980/81 lokale und regionale Unterschiede, Verhandlungen um eine ökonomische „Odnowa“ (Erneuerung) unter dem Druck von Streiks, eine einheitliche Wirtschaftspolitik ist nicht mehr zu erkennen; Versorgungslage und Produktivität verschlechtern sich zusehends; die internationalen Wirtschaftsverbindungen brechen nahezu ab, aber die Verschuldung bleibt bestehen.100
Seit 1982 wird eine ökonomische Sanierung versucht (international z. B. mit Umschuldungsverhandlungen und Tilgungsmoratorium/Paris 1984); die ökonomischen Grunddaten bleiben jedoch katastrophal (vgl. Schema 2).101
Schwerpunkte der Sanierungspolitik (nach von der Lippe)102
Drosselung der Importe, Förderung von Rohstoffexporten
Erhöhung der industriellen Wachstumsraten (z. T. auf Kosten der Konsumquote)
Abschöpfung überflüssiger Geldmengen durch Preiserhöhungen (durch den „gespaltenen Währungsmarkt“ und den Schwarzmarkt fast wirkungslos)
Entwicklung eines Leistungslohnsystems
Reform des Planungsapparats (siehe unten)
Kenndaten der polnischen Wirtschaftsentwicklung (nach: von der Lippe)103
Nach Gabrisch104 sind 1983/84 erste Erfolge dieser Politik zu beobachten. Gabrisch nennt dabei vor allem:
Sinken der Importintensität gemessen am Bruttonationaleinkommen von 17,7 % (in den Jahren 1974 83) auf ca. 15 % (1984) durch Erfolge in der Wirtschaftsreform,
Zuwachs an Bruttoinvestitionen um ca. 4,8 %, nachdem Anfang des Jahres 1984 nur etwa 1,6 % erwartet worden waren,
Einfuhrwachstum bei Rohstoffen, Halbwaren und Vorprodukten, was positive Wirkungen auf das Produktionswachstum zeigt.
Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass diese Erfolge, die sich durchaus den Plandaten des Dreijahresplanes 1983 85 annähern, Z. T. nur auf kurzfristige Maßnahmen, d. h. auf die Mobilisierung interner Reserven zurückzuführen sind. „Dazu sind vor allem Arbeitszeitverlängerungen in der Industrie und eine vermehrte Förderung bzw. Produktion von Rohstoffen zu zählen. Hinzu kommt, dass sich Importe und Investitionen positiv entwickelt haben.“ (Gabrisch)105
Im Mal 1985 begann unter diesen etwas optimistischer stimmenden Voraussetzungen die Diskussion um die Erstellung des neuen Fünfjahresplanes 1986 1990. Entsprechend den noch zu diskutierenden Reformvorstellungen für die Planerstellung soll diesmal der Plan eingehenden öffentlichen Diskussion unterzogen werden. Es werden drei Planvarianten vorgelegt, die keine vollständige Charakteristik aller Sektoren der Volkswirtschaft geben, sondern nur eine Auswahl von „Generalien“ (vgl. Kap. III/3).
Die drei Varianten sollen in einer offiziösen Darstellung106 vorgestellt werden:
„Variante I stellt die Aufgabe, 1990 den Pro Kopf Verbrauch des Jahres 1980 zu erreichen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, müsste das Konsumniveau – unter Berücksichtigung der Bevölkerungszunahme – im Laufe der nächsten 5 Jahre um etwa 11 Prozent zunehmen, pro Einwohner gerechnet müsste es durchschnittlich um 1,5 Prozent jährlich wachsen. Die Lösung dieser Aufgabe erfordert für das ganze Jahrfünft eine Zunahme des erzeugten Volkseinkommens um 16 Prozent und des verteilten um 14 Prozent.
Eine der Hauptbedingungen der Verwirklichung dieser Aufgabe ist das Aufhalten der Verschleißprozesse der Grundmittel, ihre Modernisierung und, in manchen Bereichen, ihren Ausbau. Nur um den Verschleiß aufzuhalten sind in der Produktionssphäre Anlagen in der Größenordnung von 5,3 Billionen Zloty notwendig. . . . Insgesamt würden die Investitionsauflagen in der Produktionssphäre 6,35 Billionen Złoty betragen. Dazu kommen noch – Baukosten für 1, 15 Millionen Wohnungen – 2,63 Billionen Złoty, gesellschaftliche Infrastrukturauflagen (Bildung, Gesundheitsdienst) – 0,62 Billionen.
Die Gesamtheit der Investitionsauflagen nach der Variante 1 erreicht die Höhe von 9,6 Billionen Zloty, gegenüber 7,945 für die Jahre 1981 85. Das bedeutet eine Zunahme um etwa 21 Prozent und eine Vergrößerung des Anteils der Investitionen im verteilten Volkseinkommen von 18,3 Prozent im Jahr 1985 auf 20 Prozent 1990.
Variante II geht von der Voraussetzung aus, dass das Verbrauchsniveau von 1980 um ein Jahr früher, als das in der Variante 1 geplant ist, erreicht werden kann. Dabei würde der jährliche Verbrauchszuwachs pro Einwohner 1,8 Prozent betragen. Diese Variante stützt sich auf einen Zuwachs des erzeugten Volkseinkommens um 19 Prozent, sowie des verteilten um 17,2 Prozent.
Die Investitionsauflagen der Variante II würden 10 Billionen Złoty betragen, während sie strukturmäßig der Variante 1 ähnlich wären, wobei drei Viertel dieser Auflagen für den Zuwachs der Grundfonds in der Produktionssphäre vorgesehen wären. Insgesamt kämen auf die Produktionsinvestitionen 6,64 Billionen Złoty, für Investitionen in der Konsumsphäre wären 3,36 Billionen vorgesehen.
Die Realisierung dieser Variante bedeutet eine Zunahme der Investitionsauflagen in der Volkswirtschaft um fast 26 Prozent und einen Zuwachs des Anteils der Investitionen im verteilten Volkseinkommen bis auf 21,1 Prozent.
Variante III sieht einen durchschnittlichen jährlichen Verbrauchszuwachs pro Einwohner von 2 Prozent vor, was eine Zunahme des erzeugten Volkseinkommens um 21,5 Prozent und des verteilten um 19,8 Prozent erfordert.
Die Investitionsauflagen erreichen in dieser Variante 10,3 Billionen Złoty, wobei wiederum ihr Hauptanteil für den Zuwachs der Grundfonds in der Produktionssphäre vorgesehen ist. Die Zunahme der Auflagen erreicht 26,6 Prozent (davon für die materielle Produktion 29,2 Prozent), während ihr Anteil am verteilten Volkseinkommen 1990 22 Prozent erreichen soll.
Vom Standpunkt der gesellschaftlichen Erwartungen versprechen im Grunde genommen alle drei Varianten, einschließlich der ehrgeizigsten unter ihnen – der dritten –, keine spürbare Verbesserung der Lage. Der Konsumzuwachs von 1,5 2 Prozent überschreitet nicht die Grenzen eines statistischen Irrtums und gilt, darüber hinaus, als gesellschaftlich unspürbar. So stellen sich jedoch, nach Meinung der Plankommission, die Möglichkeiten der Wirtschaft dar.
Der Präsentation der Planvarianten geht im zur Diskussion vorgelegten Dokument ein Kapitel voraus, das den Titel trägt „Bedingungen der Entwicklung“, das uns ein Bild von den Schwierigkeiten vermittelt, mit denen die Plankommission bei der Konstruktion des Plans fertig werden musste. Diese Bedingungen stellen sich folgendermaßen dar:
In den Jahren 1986 bis 1990 wird ein Bevölkerungszuwachs von 37,4 auf 38,6 Millionen erwartet, wobei das die Periode des niedrigsten Zuwachses der Bevölkerung im Produktionsalter während der letzten dreißig Jahre sein wird. Er wird 325000 Personen betragen (gegenüber 1,6 Millionen in den Jahren 1971 1975 und 1,2 Millionen für 1976 1980).
Das Angebot an Rohstoffen und Versorgungsmaterialien inländischer Herkunft kann 1990 um 10 Prozent höher sein als 1985, wobei das Zuwachstempo je nach den Branchen und Rohstoffarten stark differenziert sein wird. 70 Prozent der importierten Brennstoffe, Rohstoffe und Materialien werden 1990 aus den RGW Ländern stammen, wobei es gegenwärtig keine Grundlagen für die Annahme gibt, dass die Erdöl und Baumwolllieferungen aus diesen Ländern über das Niveau von 1985 hinausgehen werden. Im Austausch mit den westlichen Ländern muss damit gerechnet werden, dass während des ganzen Jahrfünfts weiterhin Spannungen in der Zahlungsbilanz auftreten werden, aus ökonomischen und nichtökonomischen Gründen. Unter günstigen Bedingungen lässt sich ein Importzuwachs aus diesen Ländern um 13 Prozent erwarten. Die gesamte Versorgung der Volkswirtschaft mit Grundrohstoffen und Materialien wird 1990 um 9 Prozent höher liegen als 1986.“
Wieweit die Planziele in einer der drei Varianten realisierbar sind, hängt vor allem von den Erfolgen der eingeleiteten Wirtschaftsreform ab. Die Krise ist noch nicht überwunden.
Die grundlegenden Probleme der polnischen Volkswirtschaft und der Strukturmängel der Planungsinstrumente bestehen fort und verlangen nach einer konsequenten Fortsetzung der Reformpolitik. Von der Lippe charakterisiert die Probleme der Planung folgendermaßen:
extensives Wachstum (d. h. überproportionaler Kapital- und Arbeitseinsatz zur Erzielung der Wachstumsziele) und Hang zur Überinvestition, da institutionelle wie persönliche Anreize zur Sparsamkeit systemimmanent fehlen,
mangelnde institutionelle Organe, Entwicklungen in der Bevölkerung, Bedürfnisse und Wachstumsprobleme in rationales ökonomisches Handeln kurzfristig umzusetzen,
eine „ungenügende Ausnützung von Stimulierungsmöglichkeiten und anderen, ökonomischen Hebeln“,
unelastische Planungs- und Lenkungsbürokratien,
Fehlen eines widerspruchsfreien Systems ökonomischer Kennziffern (Parameter), die erst zu einer objektiven Einschätzung der Wirtschaftslage und damit zu einer sachgerechten wirtschaftspolitischen Entscheidung führen könnte,
Kurzfristigkeit und Perspektivlosigkeit der Reformversuche. „Das Wirtschaftssystem versucht sich durch ständige Reformen und Re Reformen im Bereich der Organisation und Erfolgsbeurteilung der Betriebe zu stabilisieren“ (von der Lippe). 107
Dass über den Charakter der polnischen Wirtschaftskrise vor allein auch auf theoretischer Ebene Dissens besteht, versteht sich fast von selbst, wenn man die nahezu unvereinbaren volkswirtschaftlichen „Schulen“ miteinander vergleicht. Von polnischer Seite wird dabei darauf hingewiesen, dass die derzeitige Krise grundsätzlich anderen Charakter trägt als die „kapitalistischen Krisen“ aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts und dass damit auch die „klassischen“ Krisenlösungsmechanismen z. B. von Keynes in Polen nicht greifen. Auf die Frage „Eine Krise? Aber welche?“ antwortet Stanisław Chełstowski 108 folgendermaßen:
„Der Stand unserer Wirtschaft wird häufig als Krise bezeichnet. Wenn man die Erscheinungen in Betracht zieht – den Produktionsrückgang, die Inflation usw., so trifft diese Bezeichnung zu. Wenn man dagegen die Quellen analysiert, hat dieser Zustand nicht viel mit der klassischen von Ökonomen geschilderten Krise und auch nicht mit der großen Krise Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts zu tun, an die man am häufigsten denkt.
Vor allem ist die polnische Krise keine Krise der Überproduktion, die aus dem Übergewicht des Angebots über die Nachfrage entspringt. Im Gegenteil, sie ist vor allem eine Knappheitskrise, die in einem krassen Mangel an Produktionsmitteln und Waren, vor allem aber von Materialien, Rohstoffen, Energie, aber auch vielen Maschinen und Ausrüstungen und in einigen Gebieten auch im Mangel an Arbeitskräften zum Ausdruck kommt.
Zweitens ist dies eine Krise der niedrigen Effektivität in der Nutzung vieler Produktionsfaktoren, was ihre Knappheit noch vertieft. Der Verbrauch an Rohstoffen und Energie pro Produktionseinheit oder pro Einheit des Nationaleinkommens ist bei uns höher als in anderen industriell entwickelten Ländern, während die Produktivität der Grundmittel und die Arbeitsproduktivität niedriger sind.
Drittens ist dies eine Strukturkrise. Dies bedeutet, dass die Struktur der Wirtschaft nicht den Bedürfnissen entspricht. Einerseits handelt es sich hier um Disproportionen zwischen den einzelnen Zweigen wie die Industrie, Landwirtschaft, Transport oder Bauwesen und andererseits um die fehlerhafte brancheninterne Struktur. So klafft in der Industrie eine Lücke zwischen den entwickelten Kapazitäten der Endproduktion und den Kapazitäten für Halbprodukte, Baugruppen usw. Es besteht eine Unterentwicklung der Branchen, die Konsumgüter und Produktionsmittel für die Landwirtschaft produzieren, im Vergleich zu den Branchen, die Investitionsgüter fertigen. Ein anderer Ausdruck dieser Strukturmängel ist der hohe Konzentrationsgrad der Produktion in großen Betrieben bei gleichzeitiger Unterentwicklung kleiner und mittlerer Betriebe, was bei einer geringen Elastizität des Produktionsapparates die Kooperation noch zusätzlich erschwert. Man könnte noch viele andere Beispiele anführen. So stützt sich z. B. der Transport weitgehend auf die Eisenbahnen bei Unterentwicklung des Wassertransports und des Kraftverkehrs. In der privaten Landwirtschaft überwiegen kleine Betriebe unter 10 ha Nutzfläche, was die Mechanisierung ungemein erschwert und den agrotechnischen Fortschritt hemmt.
Viertens liegen den ökonomischen Spannungen auch negative gesellschaftliche Quellen zugrunde. In ihrem Ergebnis trat 1981 eine totale Loslösung des Anstiegs der Löhne von der Arbeitsproduktivität in Erscheinung. Bei einem tiefen Produktionseinbruch erfolgte ein äußerst rasanter Lohnanstieg, bei gleichzeitiger Blockierung sämtlicher Versuche von Preiserhöhungen. Dies musste zur Rationierung vieler Artikel führen und schuf den sogenannten „Inflationsgeldüberhang“ in Gestalt von vielen Milliarden Złoty Zwangsersparnissen. Dies ist „heißes Geld“, welches den Binnenmarkt desorganisierte, Spekulationserscheinungen hervorrief usw.
Hinzu kommt noch die ungemein schwierige Lage im Außenhandel. Sie entspringt einerseits aus der unverantwortlichen Politik der Kreditaufnahme in den siebziger Jahren, deren Tilgung in den geplanten Terminen nicht möglich war und andererseits aus den Restriktionen, die von den westlichen Ländern, vor allem von den Vereinigten Staaten aus politischen Gründen angewendet wurden. Diese Restriktionen machen es bisher unmöglich, die neuen Grundsätze der Tilgung der Verschuldung festzulegen und erschweren andererseits die normalen laufenden Handelsbeziehungen. Im Endergebnis ist unser Import aus den kapitalistischen Ländern in den letzten 3 Jahren um über 40 Prozent in laufenden Preisen und um die Hälfte in festen Preisen zurückgegangen. Dies hat die bestehenden Knappheiten an vielen Rohstoffen und Produktionsmaterialien noch weiter erhöht.
Schließlich – vom Standpunkt des Auswegs aus der Krise –der wichtigste Unterschied von allen: Die Krisen in der kapitalistischen Wirtschaft riefen elementare Anpassungsprozesse hervor, die, früher oder später unter geringeren oder höheren gesellschaftlichen Kosten zur Überwindung der rückläufigen Tendenzen, zur allmählichen Belebung der Konjunktur und zum Produktionsanstieg führten. Auf einen solchen Automatismus ist im Falle der polnischen Krise nicht zu rechnen. Die Überwindung der Krise ist nur bei einer bewussten, koordinierten Wirtschaftspolitik möglich, die sowohl vom Leitungszentrum als auch von allen Unternehmen geführt wird.“
Ein Vergleich mit der Strukturkrise der frühen achtziger Jahre in den westlichen Industrieländern lässt jedoch erkennen, dass heute die grundsätzlichen Unterschiede gar nicht mehr so im Vordergrund stehen, wie Chełstowski meint. Die klassische Akkumulation (Hofmann 1969; „Politische Ökonomie“ 1974 109) ist auch im Westen nicht mehr Haupt Krisencharakteristikum, wie vor allem die „Stagflations“ Erscheinungen 110 zeigen und die durch weltweite ökonomische Disparitäten 111 verfestigt wird. Strukturkrise, Verschuldung und ineffektiver Ressourceneinsatz (zumindest in einigen Regionen und Sektoren: Vernichtung von „Überschussproduktion“, Energieverschwendung, Rüstungsausgaben etc.) sind heute weltweit zu beobachten, was es für ein einzelnes Land, wie z. B. Polen, um so schwerer macht, effektiv gegenzusteuern. Typisch für eine Planwirtschaft, die in der Vergangenheit eher durch Inkompetenz im einzelnen aufgefallen ist, sind jedoch die von Chełstowski 112 aufgeführten „polnischen Krisenmerkmale , wie der schon an anderer Stelle erörterte Devisenschwarzmarkt und die damit verbundene Złoty Entwertung und die mangelnde Legitimation der Wirtschaftsführung.
Während die grundlegenden Strukturprobleme wohl nur auf internationaler Ebene, durch die Etablierung einer „Neuen Weltwirtschaftsordnung“, wie sie die UNO fordert, zu lösen sind 113, können die typisch polnischen Krisenelemente durchaus mit innerstaatlichem Pragmatismus angegangen werden.
Dabei wird die staatliche Verwaltung immer wieder vom Misserfolg der eigenen Bemühungen überrascht, ohne, wie die Vergangenheit zeigt, in der Lage zu sein, die Wurzeln der Krise langfristig aufzudecken und daraus eine grundlegende Krisenlösungsstrategie zu entwickeln. Reaktionen auf ökonomisch politische Krisen erfolgen auf der Ebene kurzfristiger Reformversprechen und der Reorganisation der Führungsspitze. So sind die ökonomisch bedingten Arbeiterunruhen 1970 Anlass zu einem Führungswechsel, gleichzeitig aber auch ein Einschnitt in die formulierten Ziele der Wirtschaftsplanung. Dass durch die damals eingeleitete „Öffnung zum Weltmarkt“ durch E. Gierek, bei gleichzeitigem Ausbleiben von begleitenden Strukturmaßnahmen in der eigenen Produktionssphäre, die ökonomische Krise nur kurzfristig verlagert und verschoben wurde, zeigte sich in der viel heftigeren Krise 1980/81, als die Kosten dieser Politik eingefordert wurden. Aber auch hier steht zu bezweifeln, dass die Konsequenzen aus dieser Krise, die zunächst mit einer Verstärkung der politischen Repression durch das Kriegsrecht nur sehr vordergründig als „Befriedung“ der Situation in Erscheinung traten, einen grundlegenden Reformimpuls nach sich ziehen könnten.
Die bisherige Planungspraxis zeichnet sich vor allem durch ihre Realitätsferne aus. Die beiden folgenden Tabellen114 zeigen dies an den grundlegenden Daten der polnischen Volkswirtschaft ganz deutlich:
Tabelle 1: Die Entwicklung ausgewählter gesamtwirtschaftlicher Größen 1971-1980 (in Prozent)
Tabelle 2: Die Entwicklung der Umsätze und der Verschuldung im Handel mit den nichtsozialistischen Ländern 1971-1980
Drei Entwicklungsphasen sind zu unterscheiden.
1. Bis 1971 ungleichgewichtige Planerfüllung; die politischen Schwerpunktsetzungen wechselten kurzfristig und das Planungskonzept gerät aus dem Gleichgewicht.
2. 1972 1975: „Prosperitätsphase“ parallel zur Weltkonjunktur mit großer Übererfüllung aller Plandaten auf Kosten internationaler Verschuldung.
3. Seit 1976 Weg in die Krise bei veränderten weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und innenpolitischen Strukturproblemen.
Die den theoretischen Konzepten widersprechende Funktion der Pläne wird durch diese Daten verdeutlicht. Edward Böhm115 sieht die Krisenursachen daher auch vor allem in folgenden Bereichen:
Funktionsmängel des zentralisierten Planungssystems und Inkompetenz der Planer;
kurzfristige politische Umorientierungen, Lavieren zwischen sich ausschließenden Reformvorstellungen und Konsolidierungskonzepten;
Nichtrealisierung der grundsätzlichen Strukturreformen unter Gierek 1971, die in Polen einen „ungarischen Weg“ eröffnet hätten (siehe weiter unten*,**);
Entscheidung zugunsten einer kreditfinanzierten Wirtschaftspolitik, die Polen in zu große ökonomische und politische Abhängigkeit von den weltwirtschaftlichen Vormächten USA, BRD in der EG etc. gebracht hat;
binnenwirtschaftliche Ungleichgewichte, die zum Währungsverfall, Inflation und zu geringen Produktivitätssteigerungen führten (1974 75: Steigerung der Arbeitsproduktivität um 7,6 %, Lohnerhöhungen von 9,8 %; vgl. Tabelle 1); diese Lohnerhöhungen konnten vom Konsumgütermarkt nicht absorbiert werden; der daraufhin erfolgte Versuch einer Kaufkraftabschöpfung durch ein neues Preissystem führte zu sozialen Spannungen und Legitimitätsverlusten der Regierung;
Probleme der privaten Landwirtschaft (mangelnde Produktivität, verdeckte Unterbeschäftigung, Versorgungsdefizite, Subsistenzorientierung der traditionellen Landwirtschaft).
Ein Krisenlösungsversuch muss daher zunächst beim Lenkungsinstrumentarium selbst ansetzen.
Die Planungsbürokratie besteht im Grundsatz aus drei Handlungs- und Entscheidungsebenen, deren Verhältnis und relative Autonomie je nach politischer Situation unterschiedlich geregelt wurden. Zentrale ist das jeweils zuständige Industrieministerium; die eigentlichen Planungsvorgänge, das Planmanagement, liegen auf der Ebene der „Vereinigungen“, die als „sozialistische Konzerne“ die regionale und sektorale Produktionsabstimmung und Investitionsverteilung zu regeln haben – nach den politischen Direktiven des gültigen Planes und der zentralen Planungsinstanzen. Die Unternehmungen als unterste Ebene der Planhierarchie sind“ weitgehend Ausführungsorgane der Vereinigungen; die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Betriebsbelegschaften bei der Gestaltung von Produktion, Beschaffung und Absatz sind minimal“ schreibt Buchhofer 116. Er setzt dies aber auch in einen interessanten internationalen Bezugsrahmen, indem er darauf hinweist: „Alle diese Züge sind auch aus kapitalistischen Industriekonzernen wohl bekannt; sie kollidieren in Polen jedoch mit dem hohen ideologischen Anspruch, der sich mit der Vergesellschaftung der Industrie einst verband, nämlich der wirtschaftlichen Machtübernahme durch die Arbeiterklasse.“ Hier liegt auch die Wurzel der Legitimationskrise, in die die Wirtschaftspolitik seit 1980 ganz grundsätzlich geraten ist. Neuere Reformversuche müssen daher, nicht nur aus der Erkenntnis der verbesserten Anpassungs und Motivationsmöglichkeiten heraus, bei einer Neubestimmung der betrieblichen Autonomie und der funktionalen Umgestaltung der „Vereinigungen“ ansetzen.
Schon in der Krise 1971 ließ die neue Regierung Gierek durch eine Kommission in diesem Sinne neue Planungsstrukturen ausarbeiten. Im Mittelpunkt stand dabei aber das Ziel der Erhöhung der Produktivitätssteigerung in der Industrie. Die Betriebe sollten ihre eigenen Pläne aufstellen, die mit den Vorstellungen der zentralen Planungskommission nur noch in der Tendenz abgestimmt werden sollten. Einzelentscheidungen sollten an der Basis getroffen werden. Einige Bereiche, die in den Sicherheitsbereich gerechnet wurden oder RGW Vertragsbestimmungen unterlagen, wurden von diesen Reformüberlegungen ausgespart. Der Staat sollte sich dann auf eine Globalsteuerung durch Preisbildungsregeln, Steuersätze, Gewinnverwendungsregeln, Entlohnungsrichtlinien etc. beschränken. Vorteile einer verbesserten Produktion und Distribution sollten somit den Unternehmen selbst zufließen. Böhm 117, dem wir in dieser Darstellung weitgehend folgen, schreibt aber über die Prämissen der Reform auch: „Eine unerlässliche Voraussetzung für diese dezentralisierte Lenkungsweise war die Korrektur der längst überholten Preisrelationen. Denn bei der dezentralisierten Lenkungsweise haben die Preise einen entscheidenden Einfluss auf die wirtschaftlichen Entscheidungen der Unternehmungen. Ein verzerrtes Preissystem induziert Fehlleistungen der Betriebe. Insbesondere war es nötig, die Preise für Brenn- und Rohstoffe auf das Niveau der Produktionskosten anzuheben, damit die polnische Wirtschaft einen Anreiz erhielt, von den material und energieintensiven Produktionstechnologien abzugehen. Auch die Anhebung der Preise für eine Reihe von Konsumgütern, die seit Jahren nicht die Kosten deckten, war unvermeidlich.“
Von diesen Reformimpulsen sind nur formale Elemente übrig geblieben, die z. T. kontradiktorische Wirkungen zeigten: z. B. die Mittelinstanz der Planbürokratie, die industriellen „Vereinigungen“ (Wirtschaftsorganisationen) und gewisse Zentralisierungsbestrebungen an der Basis, um leistungsfähigere Betriebsgrößen zu erhalten. Beim 6. Parteitag wurde statt dessen nur ein allgemeines Reformbekenntnis abgelegt; Gierek wählte jetzt den kurzfristig weniger einschneidenden Kurs der Kreditfinanzierung auf den internationalen Kapitalmärkten. Einige objektive Hindernisse für die Umsetzung der genannten Reformvorstellungen seien noch genannt, da sie z. T. auch heute noch grundlegende Reformansätze behindern können:118
die sozialen Kosten einer Preisreform sind so lange nicht zu tragen, als große Gruppen der Bevölkerung wie auch einige strukturschwache Regionen ohnehin so benachteiligt sind, dass eine Verschlechterung ihrer ökonomischen Verhältnisse sie existentiell gefährdet; Umverteilung über staatliche Sozialhilfe überfordert die Finanzkraft des Staates und gefährdet auch gerade wieder die Erfolge des Reformprogramms; eine umfassende Einkommens und Rentenreform müsste also zunächst durchgesetzt werden;
die Weltmarktentwicklung weicht von der innerpolnischen Entwicklung soweit ab, dass eine Produktion für beide Märkte nach gleichen wirtschaftlichen Maßgrößen nahezu ausgeschlossen erscheint; eine gespaltene Produktion führt zu einem gespaltenen Markt, der jegliche Form des Schwarzhandels, der Devisenspekulation und des Unterlaufens staatlicher Prioritätensetzungen herausfordert; eine konsequente Abschottung vom Auslandsgeschäft ist aber auch nicht möglich, da die ökonomische Verflechtung schon heute einen sehr hohen Grad erreicht hat und die Versorgungslage der Bevölkerung ernsthaft gefährdet wäre;
die »terms of trade« entwickeln sich, verstärkt in der Zeit der heutigen Krise, zuungunsten der RGW Länder, so dass deren Weltmarktzugang erschwert und verteuert wird, ohne dass adäquate binnenwirtschaftliche Vorteile dies aufwiegen würden.
Kurzfristig ist die Distanzierung von den Reformvorschlägen 1971 durchaus verständlich, langfristig war sie aber für Polen eine Katastrophe.
Die heutige Wirtschaftsorganisation des Landes lässt sich mit Kortus am besten im folgenden Schaubild verdeutlichen:119
Schema 3: Das polnische Industriesystem [nach Kortus]
Noch einmal hervorzuheben ist dabei die Bedeutung der internationalen Beziehungen der polnischen Wirtschaft zwischen RGW Verflechtung auf der einen Seite und Welthandelsorientierung auf der anderen Seite bis hin zu „joint venture“Unternehmungen, die vor allem polnischen Auswanderern in den USA angeboten wurden, um dadurch einen Teil der Auslandseinkommen in den polnischen Binnenmarkt zu lenken. Auf die grundsätzliche politisch ökonomische Kontrolle dieser Unternehmungen hat der polnische Staat jedoch nicht verzichtet; demgegenüber stehen jedoch großzügige Gewinnversprechungen für den ausländischen Teilhaber.120
Noch fußend auf den Reformimpulsen der „Solidarność“Zeit 1980/81, aber ihrer politischen Dimension entkleidet, gleichzeitig unter dem Druck der sich verschärfenden Wirtschaftskrise wurde wieder einmal eine „grundlegende Wirtschaftsreform“ eingeleitet. Diesmal soll das Prinzip der Dezentralisierung und Selbstverwaltung der Betriebe weiter vorangetrieben werden als in den halbherzigen Reformversuchen zuvor. Die Voraussetzung der Preisreform ist 1983/84 in Angriff genommen worden, wenn auch der soziale Druck für den Konsumgüterbereich noch immer Preisungleichgewichte beibehalten lässt. Nach Ansicht des Reformministeriums sind jetzt ca. 30 40% der vorgesehenen Strukturänderungen durchgeführt worden. Vor allem wurde im Bereich der Planbürokratie die Stellung der „Unternehmensvereinigungen“, der früher omnipotenten Planungs-Mittelinstanz neu geordnet. War vorher der Entscheidungsgang strikt zentralistisch, wobei, wie schon dargestellt, die Mittelinstanz die eigentliche Umsetzung der politischen Vorgaben durchführte und den Betrieben Direktiven erteilte, sind die Vereinigungen heute mit Ausnahme der strategisch wichtigen Branchen (Bergbau, Stahl, Werften etc.) freiwillige Koordinations und Informationsinstanzen.121 Wieweit die politische Infrastruktur, festgemacht an den persönlichen Machtbeziehungen in Partei und Staat, diese Freiwilligkeit unterläuft, wieweit informelle Entscheidungshierarchien entstehen, lässt sich dagegen noch nicht absehen. Der hinhaltende Widerstand traditioneller Entscheidungsgremien gegen die Reform ist jedoch offensichtlich. Spezielle Wirtschaftsprogramme, z. T. über Regierungsaufträge abgewickelt, können aber weiterhin direkt von der Ministerialebene aus initiiert und durchgesetzt werden.
Schema 4: Entscheidungsgänge (nach Dutkowski)122
Zur politischen Bedeutung der Reformkonzeption noch einmal Chełstowski 123, der im Prinzip der Selbstverwaltung den eigentlichen Kern der Veränderungen sieht:
„Die Idee der Selbstverwaltung der Werktätigen blickt in Polen auf ehrwürdige Traditionen zurück. Alle von unten kommenden Versuche einer Wirtschaftsreform hingen damit zusammen. Sie war eng mit dem Begriff der Vergesellschaftung der Unternehmen und ihrer Übernahme ins Staatseigentum verbunden. Die Verstaatlichung wurde in der Reform als Anfang des Vergesellschaftungsprozesses angesehen. Im Maße des Wachstums des Bewusstseins und der Qualifikationen der Belegschaften dürfte dieser Prozess zum Anstieg der Rolle der Werktätigen im Leitungsprozess der Unternehmen führen.
Die Anerkennung der Rolle der Selbstverwaltungen der Werktätigen verlieh der Reform einen bestimmten gesellschaftlichen Charakter. Es ging dabei nicht ohne scharfe Auseinandersetzungen ab, in denen mit dem Argument gestritten wurde, dass die Wirtschaftsführung bestimmte Qualifikationen und Kenntnisse erfordert, dass sie sich auf wissenschaftliche Grundsätze stützen muss und nicht durch Abstimmung verwirklicht werden kann. Dies sind berechtigte Argumente, nur dass sie dem Prinzip der Selbstverwaltung nicht widersprechen. Die Selbstverwaltung hat die Aufgabe, die Entwicklungsperspektiven des Unternehmens, die Verteilung der Fonds, die Lohngrundsätze u. a. Entscheidungen zu treffen. Die laufende Leitung des Unternehmens liegt in den Händen einer fachlich versierten Direktion mit der Einschränkung, dass sie für ihre Entscheidungen nicht nur vor den übergeordneten Dienststellen, sondern auch vor der Vertretung der Belegschaft verantwortlich ist.
Somit hat die Reform bei uns nicht den Charakter einer „Manager Reform“ oder, genauer gesagt, einer technokratischen Reform. Sie festigt vom gewissen Gesichtspunkt aus die Stellung des Direktors, der mit Unterstützung der Selbstverwaltung wirklich um die Selbständigkeit des Unternehmens kämpfen und sich Entscheidungen widersetzen kann, die für das Unternehmen ungünstig sind. Dies jedoch unter der Bedingung, dass die Belegschaft gute ökonomische Ergebnisse erzielt und effektiv arbeitet.
Das Prinzip der Selbstverwaltung gilt für alle Unternehmen, obwohl ihr Befugnisbereich in öffentlichen Betrieben etwas beschränkt ist.
Dasselbe trifft auf Fabriken von besonderer Bedeutung für die Landesverteidigung, auf die Kraftwirtschaft usw. zu.
Das Prinzip der Selbstständigkeit und der Selbstverwaltung des Unternehmens hat die Rolle der zentralen Planung in der Wirtschaftsführung auf die Tagesordnung gesetzt.“
Diese Veränderung des Vorgangs der Planung selbst, die zunächst noch Zielvorstellung und nicht aktuelle Realität ist, bezeichnet Chełstowski124 als „Vergesellschaftung der Planung“ und will damit deutlich machen, dass die Reform weder pragmatische Krisenlösung noch gar „Annäherung an westliche Marktmodelle“ darstellt, sondern gerade aus den Vergesellschaftungsvorstellungen des Sozialismus heraus abgeleitet werden soll. Ideologiegeschichtlich wird hier deutlich, dass Elemente der „sozialistischen Linken“ gegenüber der „staatssozialistischen Orthodoxie“ ein etwas stärkeres Gewicht zugewiesen bekommen.
Elemente dieser Reformvorstellungen sind in der Konsequenz der Reform des Planungsapparates125:
gesellschaftliche Konsultation bei der Planerstellung, z. B. durch Vorlage von Planungsvarianten;
Feststellung der Planungsgrundlagen und –ziele an der Basis; demokratische Willensbildung über die Prioritäten (Gewinnaufteilung, individueller und kollektiver Verbrauch, etc.);
Einsatz indirekter Steuerungsinstrumente durch die Zentrale (staatliche Investitionsprogramme z. B. in der Ernährungswirtschaft, im Wohnungsbau und in der Kommunalwirtschaft; Steuer und Kreditpolitik, vgl. Karte 7);
Selbstfinanzierung der Unternehmungen im gegebenen ökonomischen Rahmen.
Diese Reformvorstellungen waren schon 1971 diskutiert worden und sind in den siebziger Jahren teilweise in Ungarn realisiert worden. Doch ergeben sich (nach Böhm 126) politische Probleme bei der Umsetzung dieser Vorstellungen. Vor allem fehlt noch eine „rechtliche Infrastruktur“, die den Beteiligten die notwendige Rechtssicherheit für langfristige ökonomische
Verhaltensweisen sichert. Auch das Problem der notwendigen Preisreform kann solange nicht gelöst werden, als die extremen Ungleichgewichte des Binnenmarktes nur zu verzerrten Preisrelationen führen würden. So entsteht das Dilemma, dass freie Preisbildung Voraussetzung für eine Eigenfinanzierung und Dezentralisierung der Betriebe ist, dass andererseits die freie Preisbildung gleiche Zugangschancen zum Markt voraussetzt, wofür die vorhandenen Ungleichgewichte auf sektoraler und betrieblicher Ebene vorher beseitigt werden müssen. Gerade bei der großen internationalen Verflechtung der polnischen Industrie kann die Preisreform (leistungs- und marktgerechte Preisgestaltung) zur Erhöhung der Effizienz der Produktion und zu sparsamerem Ressourcenverbrauch führen.
Ein erhebliches Defizit, d. h. ein deutliches Regelungsbedürfnis, besteht auch noch im Bereich der internationalen betrieblichen Kooperation, wo eine störende Rechtsunsicherheit herrscht. Für Kontakte mit dem westlichen Markt müssen verbindliche Vertragsgrundlagen z. B. zwischen RGW und EG bzw. OECD geschaffen werden; diese Forderung stößt sich aber derzeit an der „frostigen Situation“ zwischen den beiden Führungsmächten USA und UdSSR. Das Experiment der „joint venture“-Investitionen in Polen und der internationalen Kooperationsverträge hat noch recht vorläufigen Charakter, wenn es auch in den derzeitigen Planvorstellungen gefördert wird (vgl. das Schema von Kortus,127 Schema 3). Bezeichnenderweise ist auch auf diesem Wege Ungarn vorangegangen (Kulke 128).
Ungarische Großbetriebe (lkarus, Tungsram etc.) pflegen, gesetzlich abgesichert, vielfältige internationale Kooperationen und Verflechtungen und entwickeln sich teilweise schon zu internationalen Konzernen. Im Zusammenhang mit der in Polen noch nicht so weit entwickelten Situation können die grundsätzlichen Probleme der Kooperation über die „Systemgrenzen“ hinweg hier nicht weiter dargestellt werden. Es genügt der Hinweis, dass dieser rechtlich ökonomische Komplex in Zukunft eine erhebliche Bedeutung erlangen wird129.
Der Prozess der Verstädterung ist wohl der auffälligste Strukturwandel im Nachkriegspolen.
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Nationaleinkommen |
1950 |
1980 |
jährliche Wachstumsrate |
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- aus Industrie |
24,3,“ |
50,911. |
8,0 % |
|
- aus Landwirtschaft |
60,3 % |
12,7% |
3,4 % |
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(wobei berücksichtigt werden muss, dass die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise künstlich niedrig gehalten werden) |
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Beschäftigte: |
1950 |
1981 |
|
|
- in. der Industrie |
25,7 |
3 7,7 |
|
|
-in der Landwirtschaft |
54,5 % |
30,3 % |
|
|
-im Dienstleistungssektor |
19,8 % |
32,0 % |
|
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Einwohner: |
1946 |
1982 |
|
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insgesamt |
23,6 Mio. |
36,4 Mio. |
(= 55 % Wachstum) |
|
- in. Städten |
33,9 % |
59,6 % |
(über 10000 Ew.) |
|
- im ländlichen Bereich |
66,1 % |
40,4 % |
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Wachstum der Städte Städtische Bevölkerung Zuwachs von (1946) 8,02 Mio. auf (1982) 21,7 Mio. |
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relative, Zuwachs 1946-1982 |
271 % |
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Wohnungszuwachs (Stadt) 1950-1982 |
236 % |
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Wohnungszuwachs (Land) 1950-1982 |
113 % |
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Die Wohnungsnot von 1950 ist also bestehen geblieben! |
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Quelle: Kleer 130 |
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Vergleicht man die verschiedenen historischen Teilgebiete Polens, so ergibt sich folgendes Bild:
Städtischer Bevölkerungsanteil 1970/1977 (in %)
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1970 |
1977 |
|
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Neue Westgebiete |
55,1 |
59,4 |
|
|
Alte Westgebiete |
58,9 |
62,7 |
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|
Oberschlesien (GOP) |
85,0 |
86,9 |
|
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Zentralpolen |
44,0 |
48,9 |
|
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- Polen insgesamt |
52,8 |
57,4 |
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Quelle: Buchhofer 131 |
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Hieraus geht hervor, dass der Verstädterungsprozess auch in den siebziger Jahren unvermindert anhält und nicht nur ein vorübergehender Nachkriegsprozess gewesen ist. Die Bezeichnung als Strukturwandel der polnischen Gesellschaft ist daher gerechtfertigt. Der „Landes Raumbewirtschaftungsplan bis zum Jahre 1990“ sieht die „intensive Entwicklung“ von 23 statistisch definierten städtischen Agglomerationen vor, von denen heute schon 10 als entwickelt gelten (nach Buchhofer).
Der Verstädterungsprozess konterkariert gleichermaßen die wirtschaftspolitische Zielvorstellung der gleichmäßigen Standortverteilung in den fünfziger Jahren und steht heute als agglomerierendes Moment gegen den Versuch, zumindest die Entwicklungsextreme der wirtschaftlichen Aktiv und Passivräume dezentralistisch auszugleichen. Dabei steigt insgesamt die Zahl der Beschäftigten stärker als die Zahl der Gesamtbevölkerung (vgl. Tabelle; hier 1950-1982 ca. 55% Bevölkerungswachstum und ein Zuwachs der Beschäftigtenzahl um etwa 76%; das umfasst auch eine Zunahme der Zahl der weiblichen Beschäftigten von 30,6 % [1950] auf heute 43,3 % aller Beschäftigten. Nach Kleer 132).
Mit der Zunahme der städtischen Bevölkerung drückt sich auch die mangelhafte Produktivitätsentwicklung der Landwirtschaft aus, die zu einer verdeckten Arbeitslosigkeit und zu einer Verschlechterung der sozialen Lage auf dem Lande geführt hat. In allen Regionen Polens zeigt die Wanderungsbilanz der Dörfer Verluste an. Doch der Zuwachs in den einzelnen städtischen Regionen ist durchaus unterschiedlich verteilt und charakterisiert, wie aus der Karte ersichtlich (Karte 5), den unterschiedlichen Urbanisierungsgrad der einzelnen Woiwodschaften und damit die divergente Verteilung der wirtschaftlichen Aktivräume.
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Karte 5:Wanderungsbilanzen zwischen Stadt und Land und zwischen den Woiwodschaften 1978 (nach Droldner 136, vgl. dazu die Erläuterungen in Kapitel IX/5 und die Karte 4). < Legende |
Der Landesdurchschnitt liegt 1978 nach Droldner 133 schon bei 57,5 % städtischer Bevölkerung (Kleer 134) gibt den neueren Wert von 59,6 % für 1982 an); extreme Abweichungen von diesem Durchschnittswert finden wir in der Woiwodschaft Zamoskie mit 21,2% und in der Stadtwoiwodschaft Miejskie tádikie mit 91,1% städtischer Bevölkerung. Die hohen Werte einiger städtischer Agglomerationen wie Łódź ergibt sich aber auch aus dem Zuschnitt der Verwaltungseinheit; die relativ kleine Woiwodschaft wird heute schon von der Fläche des verstädterten Einzugsgebietes der Großstadt übertroffen. Droldner 135 nennt noch folgende Verstädterungsgebiete in der Urbanitätsskala Polens.
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Stoleczny warszawski |
88,2 % |
städtische Bevölkerung (Stadtwoiwodschaft) |
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Katowickie |
87,2 % |
städtische Bevölkerung |
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Gdańskie |
75,8 % |
städtische Bevölkerung |
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Wałbrzyskie |
72,2 % |
städtische Bevölkerung |
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Wrocławskie |
71,5 % |
städtische Bevölkerung |
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Poznańskie |
68,6 % |
städtische Bevölkerung |
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Miejskie krakowskie |
68,9 % |
städtische Bevölkerung (Stadtwoiwodschaft) |
Die Woiwodschaften vor allem des Nordostens, des Mittelostens und des Südostens erreichen nicht die Durchschnittswerte.
Der starke Urbanisierungsprozess zieht Probleme im sozialer und ökonomischen Bereich nach sich. An erster Stelle steht dabei das Wohnungsproblem, das durch die Daten in der einleitenden Tabelle schon angerissen wurde. Die überall im Lande zu beobachtende Neubauaktivität sowohl des Staates als auch durch Wohnungsbaugenossenschaften, die meist die qualitativ etwas besseren (und teureren) Wohnungen errichten, prägen das Bild der großstädtischen Agglomerationen von Nowa Huta bei Kraków im Süden, wo schon Anfang der fünfziger Jahre im Zusammenhang mit der Errichtung der Leninhütte die „erste sozialistische Stadt“ Polens, noch im „Stalin-Stil“, gebaut wurde, bis hin nach Gdańsk im Norden, wo im Stadtteil Oliwa eine ganze Stadt aus Wohnhochhäusern errichtet wurde, gruppiert um die Versorgungsleitungen von Heizkraftwerken, wo sich auch eines der längsten Wohnhäuser des Landes (vielleicht auch darüber hinaus) findet: ein abschreckendes Bild der Gigantomanie städtebaulicher Leitvorstellungen der siebziger Jahre, aber auch ein Zeichen für die bedrückende Wohnungsnot, die alle Maßstäbe üblichen Bauens obsolet werden lässt
Das oben genannte Wachstum der Zahl der Wohnungen vermittelt nur global ein positives Bild, vor allem wenn es mit dem Wachstum der städtischen Bevölkerung verglichen wird. Das Problem wird noch dadurch verschärft, dass das hohe Bevölkerungswachstum eine überdurchschnittliche Zahl neuer Familiengründungen der jungen Generation nach sich zieht. Das junge Durchschnittsalter der polnischen Bevölkerung drückt sich in folgenden Zahlen aus:
Anteil der Bevölkerung bis 29 Jahre: 46,6 % der Gesamtbevölkerung
Anteil der Bevölkerung bis 34 Jahre: 58,2 % der Gesamtbevölkerung137
Abgesehen von den sozialen Kosten für Familienunterhalt und Erziehung verstärkt sich vor allem die Nachfrage nach Wohnraum, da in der jetzt überwiegend städtischen Bevölkerung, die in kleinen Mietwohnungen lebt, ein Zusammenleben der Generationen bei allem in Polen noch vorhandenen Familiensinn kaum möglich oder zumutbar ist. je nach Region dauert die Wartezeit bis zum Erhalt einer eigenen Wohnung heute zwischen sieben und zwanzig Jahren, also fast schon eine Generation im Extremfall, die nicht mit Wohnraum versorgt werden kann. Es nimmt daher nicht Wunder, dass der Versuch zur Selbsthilfe weit verbreitet ist. Neben offiziellen Eigenhilfeprojekten vor allem im ländlichen Bereich finden sich am Rande der Großstädte oft große illegale Siedlungen, die solange geduldet werden (müssen), bis der Staat Alternativen anbieten kann. Did so geschaffenen Strukturen“ die rationalen Planungsvorstellungen und infrastrukturellen und sozialhygienischen Leitvorstellungen durchaus widersprechen, gewinnen aber im Lauf der Zeit eigenes Gewicht und konterkarieren eine ausgewogene Stadtentwicklung nachhaltig. Gleichzeitig verstärken Sie aber kurzfristig, z. B. durch Familiennachzug, die Landflucht und verstärken somit die sozialen Probleme des Urbanisierungsprozesses. Hier finden sich, wenn auch nicht in so katastrophaler Weise, wieder einmal strukturelle Ähnlichkeiten mit Prozessen in der Dritten Weit.
Auch in ökonomischer Hinsicht hat die wachsende Stadt-Land Disparität negative Folgen, indem ohnehin schon agglomerierte Regionen weiter belastet werden, Kortus 138 sieht heute eine so starke Konzentration der Industrie, dass von einer Überagglomeration gesprochen werden kann, vor allem in Oberschlesien um Kattowitz, in Warschau, Łódź, Krakau und Danzig. Vor allem die Hüttenindustrie ist zu stark agglomeriert und befindet sich zu etwa 90 % in der Region zwischen Kattowitz und Krakau. Zwar versucht die Wirtschaftspolitik dem entgegen zu steuern. Vor allem folgende Maßnahmen werden ergriffen, deren regionale Verteilung die Karte 7 aufzeigt:
Ansiedlungsverbote für neue Industrien in überagglomerierten Räumen;
Ansiedlungsbeschränkungen für nicht genügend umweltfreundliche Industrien;
Erhöhung der Kreditzinsen für die Investitionsfinanzierung durch den Staat;
Schutz der historischen Innenstädte vieler Städte vor ungeplantem Strukturwandel, verbunden mit Sanierungsprogrammen,
Verbesserung der Umweltgesetzgebung;
Regionalplanung und Industrieansiedlungsprogramme für strukturschwache Räume;
Bereitstellung zusätzlicher Investitionsmittel für wirtschaftliche Passivräume.
Nicht alle diese Programmpunkte sind bisher durchsetzbar. So sind Umsiedlungsmaßnahmen für umweltschädliche Industrien, die bisher in den städtischen Regionen lagen, so z. B. Zementwerke und Baufirmen, am hinhaltenden Widerstand der Betriebsleitungen, die hier oft von ihrer Belegschaft unterstützt wurden, gescheitert. Kompetenzschwierigkeiten, „informelle“ machtpolitische Verfilzungen im Partei und Staatsapparat haben manche notwendige Maßnahme verzögert bzw. verhindert. An diesem Punkt setzte auch die Kritik lokaler Solidarność-Initiativen 1980 ein; in Krakau konnte ein besonders umweltbelastendes Aluminiumwerk geschlossen werden.139
Auch die Umweltgesetzgebung ist im Prinzip auf aktuellem Stand, z. T. mit rigideren Grenzwertfestlegungen als in westlichen Ländern. Der Augenschein beweist aber ebenso wie entsprechende Untersuchungen durch die Universitäten, dass die gesetzlichen Instrumente nicht greifen (vgl. die aktuellen Ausführungen in Kapitel VIII/6). Vor allem scheitert die Durchführung von Umweltschutzmaßnahmen daran, dass sie am Betrieb als Institution ansetzen und nicht bei der Person der Entscheidungsträger. So werden von Jahr zu Jahr Umweltstrafen In die Betriebskalkulation hinein genommen und in die Haushalte abgerechnet, ohne dass daraus ein Anreiz zur Veränderung entstehen würde. Das Prinzip einer persönlichen Haftung für den mangelhaften Zustand mancher Produktionsanlagen könnte hier eventuell Abhilfe schaffen. Anregungen in dieser Richtung aus der Zeit der „Solidarność“sind seit dem Kriegsrecht aber nicht wieder aufgegriffen worden. Hier zeigen sich auch schon die prinzipiellen Mängel des polnischen Rechtssystems, auf die in Kapitel VIII/3 eingegangen worden ist: eine erschreckende Diskrepanz zwischen formalem Rechtssystem und praktischem politischen Handeln zeigt die unzureichende Kontrolle des Machtapparats durch rechtlich abgesicherte Instanzen.
Etwas erfolgversprechender sind einige regionale Planungsinitiativen, die auf eine regionale Deglomeration der Industrie durch Gründung von Zweig und Tochterwerken hinzielen. Als Beispiel soll hier die Regionalplanung des Industriegebietes GOP/Kraków charakterisiert werden. Kortus fasst die Grundgedanken des Regionalkonzeptes in folgenden Punkten zusammen: 140
Das Zusammenwachsen der städtischen Entwicklungszentren, die jeweils einen eigenen, historisch gewachsenen Charakter haben, soll durch Schutzzonen und Grüngürtel verhindert werden.
Die Verlängerung der sich in den Zentren kreuzenden Entwicklungsachsen soll die Verbindung zu anderen Wirtschaftsräumen verbessern und das Umland in geplanter Form erschließen.
Den einzelnen Entwicklungsregionen wird eine definierte Aufgabe zugewiesen, die in ein übergreifendes Raumordnungskonzept eingepasst wird.
Die große West Ost Achse wird durch zwei, den Kern entlastende neue Agglomerationszonen, Oppeln und Tarnów, ergänzt.
Die kompakte Agglomerationsform, die sich in den Zentren um Kattowitz und Krakau entwickelt hat, wird auf diese Bereiche begrenzt; weitere Agglomerationsvorgänge werden nur im Rahmen einer funktionalen Aufgabenzuweisung zugelassen.
Die agrarischen Randgebiete werden vor einer Zersiedlung geschützt.
Neu und Erweiterungsinvestitionen von Krakauer Betrieben werden nur als Zweigwerkgründungen an ausgewiesenen Industriestandorten in der weiteren Region zugelassen (den derzeitigen Entwicklungsstand zeigt Karte 6).
Das Vorgebirgsland südlich von Krakau bis zur Grenze zur ČSSR im Gebirge selbst wird größtenteils unter Naturschutz gestellt; Ziel ist die Errichtung eines Naturparks, der in geordneter Weise dem Tourismus zugänglich bleibt.
In dieser geschützten Region werden in den Städten Zywlec, Nowy Targ und Nowy Sacz nur besonders umweltfreundliche Industrien zugelassen, z. B. Lederverarbeitung, die hier traditionell heimisch ist, oder elektronische Industrie.
Wir haben es hier mit einem der wenigen Beispiele in Polen zu tun, dass eine die administrativen Grenzen überschreitende Regionalplanung über einen längeren Zeitraum hinweg mit langfristigen Zielen verfolgt und in wesentlichen Elementen auch in die Praxis umgesetzt wird. Ursache dafür ist wohl die besonders hautnahe Erfahrung der Überagglomerationsprobleme, die zu einer Zusammenarbeit staatlicher Instanzen (z. B. des Planungsbüros Katowice) und der Universitäten führte. Eine landesweite Erfassung der Umweltsituation wird dabei von der Universität Kraków durchgeführt.
Doch sollten auch hier die bürokratischen Hindernisse nicht unterschätzt werden. Dass in der Solidarność Zeit die Industriepolitik in der Region GOP/Kraków einer harschen Kritik unterzogen wurde, zeigt aber auch, dass die Bevölkerung selbst die Probleme der Überagglomerierung in immer stärkerem Maße wahrnimmt. Gleichzeitig ist, nach der Erneuerungsperiode, dieses aktive Interesse an der Regionalplanung auch ein politisches Hemmnis, da doch die Regierung heute Basisaktivitäten möglichst zurückschrauben möchte. In dieser politischen Zwickmühle sind die Chancen für eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Planungen nicht allzu gut.
Auch zusammenfassend ist zu diesem Abschnitt eher eine skeptische Bewertung der Situation angebracht. Das Stadt-Land Verhältnis ist heute weder funktional noch sozioökonomisch ausgewogen. Offensichtliche Disparitäten in den Lebensverhältnissen lassen die Landflucht anhalten. Gewisse Erfolge bei einer großräumigen Dezentralisation der Wachstumsschwerpunkte lassen sich nicht klein und mittelräumlich umsetzen. Auch das zeigt die schon erörterte Karte der Wanderungsbilanzen, die auch bei einer Fortschreibung auf den heutigen Tag im Prinzip kein anderes Bild zeigen würde.
Karte 6: Zweigwerke der Krakauer Industrie: Marktorientierte Dezentralisation 141
Zusammenstellung: Kortus (umgezeichnet)
Die Gründung von Zweigwerken bestehender Firmen will die Konzentrationsvorteile mit einer flexibleren Nutzung von Standortbedingungen verbinden und die Nachteile der Überagglomeration des Krakauer Raumes (bezüglich Verkehr, Wohnverhältnissen und Umweltproblemen) ausgleichen.
Fassen wir die Strukturdisparitäten der polnischen Wirtschaft noch einmal in Stichworten zusammen, so können wir im Laufe der Nachkriegsentwicklung eine Verschiebung der Wertigkeit feststellen, die auch Ergebnis bewusster Regionalplanung ist:
1 . Süd Nord Gefälle
2. West Ost Gefälle
3. Zentral Peripheres Gefälle
a. sowohl kleinräumig als Stadt Land Gefälle
b. als auch großräumig als Wertigkeitsgewinn der Zentralregion um Warschau.
Das Süd Nord Gefälle hat heute noch eine erhebliche, wenn auch sich deutlich abschwächende Bedeutung; die Raumordnungspolitik trägt zum Abbau dieses Gefälles durch regionale Investitionsplanung, Industrieansiedlungsverbote in überagglomerierten Räumen (GOP um Kattowitz, Krakau etc.) und verschärfte Umweltschutzbestimmungen (deren Ineffizienz andere Gründe hat, die an anderer Stelle erörtert werden) ebenso bei wie durch Investitionsbeihilfen, zinsvergünstigte Investitionskredite und zentrale Investitionsprogramme und Standortentwicklungspläne für die strukturschwachen Regionen (vgl. Karte 7: „Standortpolitik“). Ebenso zielt die Erschließung neuer Rohstoffvorkommen auf eine regionale Diversifikation der industriellen Ballungsräume.
Karte 7: Standortpolitik
Das West Ost Gefälle vermindert sich durch den Prozess der staatlichen Integration in den konsolidierten Nachkriegsgrenzen. Da der West Ost Wandel vor allem auch im Agrarsektor begründet liegt und sich auf Betriebsgröße, Technisierungsgrad und Erträge erstreckt (die historischen Gründe sind andernorts erläutert), nimmt die Bedeutung dieses Gefälles mit zunehmendem Vordringen des produzierenden Sektors gegenüber der Landwirtschaft ab.
Vierzig Jahre nach Kriegsende, vierzig Jahre staatliche Wirtschaftspolitik konnten Polen soweit strukturell entwickeln, dass sich die genannten Disparitäten durchaus im üblichen europäischen Rahmen halten und nicht mehr als von außen induzierte Strukturdeformationen erscheinen. Die eingangs gestellte Frage, ob Polen in sozioökonomischer Hinsicht mit einem Entwicklungsland vergleichbar wäre, muss also unter diesen Prämissen verneint werden. An die Stelle einseitiger struktureller Abhängigkeiten ist eine ökonomische Verflechtung getreten, die Polen eine autozentrische Wirtschaftsentwicklung ermöglicht.
War da zunächst bis in die siebziger Jahre hinein polnische Politik vor allem Aufarbeitung historischer Hypotheken und Deformationen, so ist Polen im großen und ganzen heute für die Entwicklung vorhandener Disparitäten selbst verantwortlich, vor allem auch im Hinblick auf die ausführlich dargestellten Defizite im politischen und administrativen System. Dass hierbei grundlegende Wandlungen wie bei allen blockabhängigen kleineren Staaten Europas nur im weltpolitisch vorgezeichneten Rahmen stattfinden können, ist an vielen Stellen dieses Buches schon deutlich gemacht worden.
In den Rahmen der selbst verantworteten Disparitäten fällt heute auch das Stadt Land Gefälle, auch wenn sich in ihm eine allgemeine ökonomische Gesetzmäßigkeit ausdrückt. Dieses Gefälle nimmt derzeit an Bedeutung zu und ist von Polen planerisch noch nicht bewältigt worden. Dahinter steht auch das Scheitern der Landwirtschaftspolitik, der es nicht gelungen ist, überalterte und sozial nicht mehr tragfähige Besitzverhältnisse und Betriebsstrukturen zu reformieren. Solange die Landbevölkerung jedoch keine sinnvolle ökonomische Perspektive, Ordnungssicherheit auch in einer Reformphase, erkennen kann, ist ihre Tendenz, kleinbetriebliche Selbstversorgung als wirtschaftliches Ziel in den Vordergrund zu stellen, nicht zu überwinden. Die besonderen Probleme der Landwirtschaft liegen auch in der geschichtlichen Erfahrung des Landes; die Solidarität des eigenen Landbesitzes ist sowohl ökonomisch wie auch ideologisch als Gegengewicht zur Unsicherheit gesellschaftlich staatlicher Entwicklungen in den letzten Jahrhunderten zu verstehen. Daher trifft sich hier das subjektive Interesse der Landbevölkerung mit dem Gegenmachtanspruch der katholischen Kirche; das „Unterstützungsprogramm für die private Landwirtschaft“, das die Kirche nach dem Scheitern der Reformphase Anfang der achtziger Jahre eingeleitet hat, ist Ausdruck der gegenseitigen Stabilisierung der überkommenen Gesellschaftsstruktur und ihrer ideologischen Absicherung in den ländlichen Gebieten. Aber auch konkreter Planungswirrwarr und administrative Inkompetenz haben das Stadt-Land-Gefälle anwachsen lassen. Es wird Aufgabe einer neu definierten Planungskonzeption sein, regionale Ungleichgewichte abzubauen, ohne die Agglomerationsvorteile, deren Nutzung für die Volkswirtschaft unumgänglich ist, aufzugeben. Das kann unter Umständen durch den Ausbau eines flächendeckenden Netzes hierarchisch geordneter zentraler Orte und ausgewogener Versorgungsgebiete geschehen. Gerade in den Mittelstädten sind noch ökonomische und soziale Potentiale ungenutzt, die zu einer besseren Vernetzung der gesamten Volkswirtschaft beitragen können. Ein solches Konzept ist in den bisherigen Planungsvorstellungen nicht zu erkennen. Es ist noch einmal hervorzuheben, dass ein großer Teil der Versorgungsprobleme nicht auf ein mangelhaftes Produktionsvermögen der polnischen Wirtschaft zurückzuführen ist, sondern auf Verteilungsprobleme in räumlicher und zeitlicher Hinsicht. Bis zu einem gewissen Grade ist dies sicher auch, wie ähnliche Beispiele aus anderen Ostblockstaaten bestätigen, auf die traditionelle Geringschätzung der „nicht produktiven“ Sektoren der Wirtschaft (Distribution/Handel, Dienstleistungen, Verkehr/ Infrastruktur) in der klassischen marxistischen Wirtschaftstheorie zurückzuführen, die die tatsächliche ökonomische und soziale Wirksamkeit von Strukturdisparitäten noch nicht ausreichend erkannt hat.142
Wie sieht Polen heute aus? Der Ausgleich der großräumigen Disparitäten wird von Lijewski 143 als Verlagerung des Industrieschwerpunktes von 1946 1975 nachgewiesen. Auf der Karte 8: „Anlagevermögen in der Industrie“, die den Stand des Süd-Nord bzw. West Ost Wandels in quantifizierten Säulendiagrammen aufzeigt (1976), ist diese Schwerpunktverlagerung als Bewegung nach Norden (von a nach b) bzw. in geringerem Maße von Westen nach Osten (von in nach n) eingezeichnet. Der rechnerische Industrieschwerpunkt lag 1946 in Częstochowa und damit direkt am Rande des GOP und rückt heute über Piotrków Tryb. weiter in Richtung auf Warschau. Damit verbunden ist natürlich das wirtschaftliche Wachstum der Zentralregion, das regionalpolitisch gewollt ist und die traditionellen Disparitäten nach und nach überlagern soll.
Karte 8: Verlagerung des Industrieschwerpunktes 1956-1975.
Es wird dabei deutlich, dass eine wirtschaftliche Zustandsbeschreibung nur Augenblickscharakter haben kann. Die Wandlungsprozesse sind die politischen Aufgaben für die Zukunft.
Fazit dieser Überlegungen: Polen ist wieder einmal in einem ökonomischen Strukturwandel begriffen, dessen Konsequenzen noch nicht zu übersehen sind. Nach gescheiterten Anläufen zu Beginn jeweils der Regierungszeiten von Gomulka und Gierek, nach sozialen Unruhen von 1956 in Posen144, über die Arbeiter und Studentenunruhen 1970 in Danzig und Gdingen145 bis zu den Erneuerungsversuchen („Odnowa“) der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung 1980/81: nach großartigen Programmen und Aufbrüchen, die dann doch die Realität kaum veränderten, eröffnet sich für Polen zwar eine neue Perspektive der Krisenlösung, doch sind die Chancen für eine dauerhafte Stabilisierung der Lage noch nicht endgültig abzuschätzen.
Erst die Jahre 1986-88 werden zeigen, ob die Ansätze für eine Planreform ernst gemeint sind und ob der Wille zur politischen Durchsetzung ausreicht, objektive Strukturschwächen, soziale Krisenerscheinungen, bürokratischen Schlendrian und politischen Vertrauensverlust in der Bevölkerung zu überwinden.
Der Leser wird am Ende einer länderkundlichen, historisch-geographischen und politischen Darstellung eines Landes, das in dem Maße im Umbruch begriffen ist wie Polen, eine zusammenfassende Wertung erwarten, die es ihm ermöglicht, zukünftige Entwicklungen in Polen verständnisvoll zu beobachten und wertend einzuschätzen. Dieser Abschnitt, ja dieses Kapitel fehlt in unserem Buch! So sehr die Verfasser selbst eine absichernde und beruhigende Gesamtschau der Ereignisse in Polen begrüßen würden, müssen sie doch als Ergebnis ihrer Beschäftigung mit diesem widersprüchlichen Lande feststellen, dass gerade dieser Charakterzug, die Widersprüchlichkeit, der Anachronismus, der abrupte Wechsel zwischen Konfliktbereitschaft und Solidarität, der Aufruhr und die Duldsamkeit, die konkurrierenden politischen Konzeptionen das Typische nicht nur des gegenwärtigen Polens sind. So knüpfen unsere abschließenden Überlegungen unmittelbar an die Diskussion gegenwärtiger Planvarianten an. Diese Betonung des ökonomischen Konfliktfeldes hat für uns symbolische Bedeutung: Die Lösung der Wirtschaftskrise wird zeigen, ob den Reformvorstellungen die notwendige materielle Grundlage gegeben ist, ob sie sich dem Prinzip des Realismus verpflichtet haben. Ohne die Lösung der wirtschaftlichen Probleme kann Polen auch politisch und sozial keine neue Stabilität erringen. Damit steht Polen für eine Entwicklung, die mehr und mehr globale Züge einnimmt: den Primat der Ökonomie gegenüber Politik und Kultur.
Es ist zu fragen, ob diese Entwicklung wünschenswert, sozial akzeptabel und im Hinblick auf eine humanere Zeit unabwendbar ist. Auf der einen Seite bestätigt diese Entwicklung den gesellschaftstheoretischen Ansatz des Marxismus; die konkrete Form, in der sich dieser Primat der Ökonomie auch in den sozialistischen Ländern durchsetzt und auswirkt – durchaus systemwidrig – stellt wesentliche Elemente des Selbstverständnisses sozialistischer Wirtschaftstheorie auf den Kopf. Weltweit stellt sich die Frage, ob mit den klassischen und kontroversen wirtschaftstheoretischen Erklärungsansätzen in West und Ost überhaupt noch ein Krisenlösungskonzept gefunden werden kann oder ob nicht dieser Primat der Ökonomie selbst in Frage gestellt werden muss. Vor diese Problematik sieht sich auch die polnische Gesellschaftswissenschaft gestellt, ohne überzeugende Antworten bereit zu haben.
Wo die traditionellen Wirtschaftswissenschaften weltweit in der Politikberatung versagen, wo die Grenzen politischer und ökonomischer Interessen auf nationaler Ebene verschwimmen (was zwar ein marxistischer Allgemeinplatz zu sein scheint, worauf aber die sozialistischen Staaten kaum je angemessen reagiert haben), muss zwangsläufig ein von der Bevölkerung politisch getragener, durch Willensbildung von der Basis her geprägter neuer Zugang zur Krisenlösung gefunden werden, der weniger materielle Strukturmerkmale als politische Akzeptanz in den Vordergrund stellt.
Wir sagten: Polen hat eine solche Chance. Polen kann anknüpfen an spezifische Merkmale der eigenen Kultur, die die Verpflichtung der Herrschenden durch das Volk zu einem wesentlichen Merkmal des politischen Systems gemacht hat. An diese historischen Wurzeln der gemeinsam erkämpften „Polonitas“ anzuknüpfen, kann Ansatz für eine neue Legitimation des politischen Systems sein. Der im Laufe der Geschichte entwickelte polnische Individualismus, die Neigung zu unkonventionellen politischen Lösungen und Improvisationen sind Qualifikationsvoraussetzungen für eine basisorientlerte Willensbildung.
Skepsis und Widerstandsfähigkeit, historisches Traditionsbewusstsein, entwickelt aus der historischen Erfahrung der „Opferrolle“, lassen die notwendige Zähigkeit, auch gegen objektive Widerstände Lösungen durchzusetzen, wahrscheinlicher werden.
Polen als mitteleuropäische Macht ist sich sowohl seiner Mittlerrolle als auch seiner Abhängigkeit von einer erfolgreichen Friedens und Entspannungspolitik bewusst. Das lässt neue internationale Anstöße zum Abbau der west östlichen Konflikte gerade von Polen ausgehend erwarten, zeigt aber gleichzeitig die Grenzen einer souveränen Friedenslösung im eigenen Lande.
Was bedeuten diese Perspektiven nun für uns Deutsche? Die ausführlich dargestellten strukturellen Disparitäten sind nur zu einem Teil, zu einem nicht größeren Teil als in anderen europäischen Ländern von der Landesnatur bedingt; sie sind daher üblicher Strukturplanung zugänglich; zu einem großen Teil sind die Disparitäten historisch bedingt als von außen induzierte Deformationen. Dabei unterscheiden wir folgende Problembereiche als Entwicklungsfolgen historischer Einwirkungen auf Polen:
mangelnde Staatsidentität, fast anarchistische Züge in der politischen Kultur in der Folge der Szlachtagesellschaft, die erst aus heutiger Sicht als Anachronismen, als historische Problemlagen in der Auseinandersetzung mit kulturellen Einwirkungen auf Polen erkennbar geworden sind;
auf der anderen Seite direkte außeninduzierte Deformationen durch die Hegemonialpolitik der Nachbarländer seit den polnischen Teilungen, deren negative Folgen schon aus zeitgenössischer Sicht erkennbar waren und Polen in die schon mehrfach beschworene Opferrolle gedrängt haben.
Hier stellt sich die Frage nach der historischen Verantwortung – auch einmal in die Zukunft gewandt: Ist nicht vielleicht angesichts der bedrohlichen Weltlage die historische Erfahrung von Schwäche und Opferrolle, die Erfahrung moralisch gegründeten Widerstands und die Erfahrung der Gemeinsamkeit im Leid politisch fruchtbarer als die Auseinandersetzung um nationale Stärke und Überlegenheit? Ist nicht daher die ständige Auseinandersetzung mit der historischen Rolle Deutschlands als moralisch verantwortlicher Täter gegenüber den Aggressionsopfern so bitter notwendig, um für immer die Probleme einer Politik der Stärke im Gedächtnis zu behalten? Politische
Kulturen können von den einzelnen Bürgern nicht frei gewählt werden; historische Erfahrungen können nur gegen Widerstände nachvollzogen werden. Die Begegnung mit Polen lenkt unseren Blick auf eine gemeinsame Vergangenheit, in der die beiden europäischen Staaten zu oft auf verschiedenen Seiten gestanden haben. Europäische Verantwortung bedeutet. die spezifische politische Erfahrung des Nachbarn ernst zu nehmen und zur Grundlage des Verständigungsbemühens zu machen. Gerade die Begegnung mit Polen zeigt uns, dass nationale Interessenpolitik und das Festhalten an historischen „Rechtspositionen“ ohne soziale Basis kein Fundament für eine gesamteuropäische Verständigung bilden, ebenso wenig wie politischer Kontakt zwischen Polen und Deutschen allein auf der Ebene des ideologischen Dissens gefunden werden kann.
Die menschliche Ebene der deutsch polnischen Beziehungen liegt viel tiefer in der historischen Erfahrung und ist im kulturellen Austausch im Mittelalter verwurzelt. Die gegenwärtige Krise in Polen ist daher nicht nur eine innenpolitische Angelegenheit Polens, sondern erfüllt uns ob ihrer politischen Konsequenzen mit Sorge. Mit Freimut Duve 146 fragen wir uns daher nach unserer „Verantwortung für Polen“.
Diese Verantwortung, die nichts mit Einmischung und Hineinregieren in die souveränen polnischen Entscheidungen zu tun hat, erwächst uns aus der Geschichte und aus der gegenwärtigen europäischen Nachbarschaft. Sie ist eine Forderung an unser eigenes Verhalten, über jegliche karitative Hilfe hinaus die politischen Bedingungen zu schaffen und gerechte ökonomische Grundlagen zu sichern, damit zunächst einmal in unserem mitteleuropäischen Bereich allen Völkern Entwicklungsperspektiven erhalten bleiben und vernünftige Krisenlösungen auf der Grundlage internationaler Solidarität möglich gemacht werden.
Zur Aussprache polnischer Wörter
ą offenes nasales ,0’ wie frz. in Balkon
c wie ,z’ in Zwirn
ch wie ,ch’ in Bach
ck wie ,zk’, also nicht wie im Deutschen
cz wie ,tsch’ in deutsch
ę nasales ,e’ wie frz. in Teint
ie wie ,i+ä', keinesfalls langes i!
ł wie engl. ,w’ oder ganz kurzes, ‚u’
ó wie ,u’ in Union
rz wie ,g’ in Gelee, manchmal wie ,sch’ in Schuh
s immer wie ,ß’ in reißen oder ,ss’ in Wasser
ś Laut zwischen ,s’ und ,sch’
sz wie ,sch’ in Schuh
y wie ,i’ in bitte
z wie ,s’ in reisen, sagen
ż wie ,g’ in Gelee oder ‚j’ in Journal
ź stimmhaftes Gegenstück zu s (siehe oben)
Die übrigen Laute wie im Deutschen.
Quelle: Langenscheidts Universal-Wörterbuch Polnisch, Berlin 1963
C.O.P. Centralny Okręg Przemyslowy (Zentraler Industriebezirk: Planungsregion der dreißiger Jahre im Raum Lublin-Kielce-Rzeszów)
GOP Górnośląski Okręg Przemyslowy (Oberschlesisches Industrierevier)
PGR Państwowe Gospodarstwo Rolne (Staatsgut)
RGW Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (engl. Abk.: COMECON)
dt Dezitonne (= 1 Doppelzentner)
Quelle: Buchhofer, a. a. O.
Politische Parteien und Organisationen
PPS: Polska Partia Socjalistyczna / Polnische Sozialistische Partei, 1892-1948
PPR: Polska Partia Robotnicza / Polnische Arbeiterpartei, 1942-1948
PZPR: Polska Zjednoczona Partia Robotnicza / Polnische Vereinigte Arbeiterpartei - PVAP-
SD: Stronnictwo Demokratyczne / Demokratische Partei (Blockpartei)
ZSL: Zjednoczone Stronnistwo Ludowe / Vereinigte Bauernpartei (Blockpartei)
KOR: Komitet Obrony Robotnikow / Komitee zur Verteidigung der Arbeiter, gegründet. 1976
KSS: Komitet Samoobrony Społecznej / Komitee für gesellschaftliche Selbstverteidigung – aus dem KOR hervorgegangen
KPN: Konfederacja Polski Niepodleglej / Konföderation Unabhängiges Polen – eine nationalistisch orientierte Oppositionsgruppe
NSZZ: Niezalezny Samorządek Związek Zawodowy / Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft – Solidarność
PRON: Patriotyczny Ruch Odrodzenia Narodowego / Patriotische Bewegung der nationalen Erneuerung
SZMP: Socjalistyczny Związek Młodzieźy Polskiej / Sozialistischer Verband der Polnischen Jugend
ZMW: Związek Młodzieźy Wiejskiej / Verband der Landjugend
ZSP: Zrzeszenie Studentow Polskich / Verband Polnischer Studenten
SZSP: Socjalistyczne Zrzeszenie Studentów Polskich / Sozialistischer Verband Polnischer Studenten - 1982 aufgelöst
ZHP: Związek Harcerstwa Polskiego / Verband der Polnischen Pfadfinder
ZMP: Związek Młodzieźy Polskiej / Verband der Polnischen Jugend – 1956 aufgelöst
NZS: Niezależne Zrzeszenie Studentów / Unabhängiger Verband der Studenten – 1980-1982 aufgelöst
ZMD: Związek Młodzieźy Demokratycznej / Verband der Demokratischen Jugend – 1981-1982 aufgelöst
Deutsch-Polnisches Ortsverzeichnis
Allenstein ― Olsztyn
Bielitz ― Bielsko Biala
Breslau ― Wrocław
Bromberg ― Bydgoszcz
Danzig ― Gdańsk
Elbing ― Elbląg
Gleiwitz ― Gliwice
Glogau ― Glogów
Grünberg i. S. ― Zielona Góra
Hirschberg ― Jelenia Góra
Kalisch ― Kalisz
Kattowitz ― Katowice
Köslin ― Koszalin
Krakau ― Kraków
Landsberg ― Gorzów Wielkopolski
Liegnitz ― Legnica
Oppeln ― Opole
Posen ― Poznań
Stettin ― Szczecin
Tarnowitz ― Tarnowskie Góry
Thorn ― Toruń
Tschenstochau ― Częstochowa
Waldenburg (S.) ― Wałbrzych
Warschau ― Warszawa
* Die Ausführungen dieses einleitenden Kapitels stellen ein Resume vieler Gespräche und Eindrücke während Polenreisen zu Beginn der 80er Jahre mit Schülern der Oberstufe der Bismarckschule Hannover dar, wobei die gegenseitigen Verständnisschwierigkeiten und Kommunikationsbedürfnisse gut zu beobachten gewesen sind. Der moralische Aspekt dieser Ausführungen wird vor allem gestützt durch die fruchtbaren und für uns überraschend vertrauensvollen Gespräche mit Opfern der Konzentrationslager und der Nazi-Okkupation. Einen besonderen, von uns dankenswert empfundenen Stellenwert haben dabei Gespräche im polnischen Verband der Widerstandskämpfer (ZBoWiD) gehabt, vor allem mit Dr. Nowak und Herrn Jasko.
1 Barbara Büscher et al.: „Solidarność“ Die polnische Gewerkschaft „Solidarität“ in Dokumenten, Diskussionen und Beiträgen 1980 bis 1982. Köln 1983 (Bund). - Reinhard Fenchel und Anna-Jutta Pietsch (Hrsg.): Polen 1980-82, Gesellschaft gegen den Staat. Hannover 1982 (SOAK). – Lothar Nettelmann: Odnowa - Der Versuch einer Erneuerung 1980-1981. Die Ereignisse in Polen im Spiegel von Dokumenten und Presseberichten: Eine kommentierte Materialsammlung. Dortmund 1983 (Pädagogische Arbeitsstelle Dortmund/pad).
2 Martin Broszat: 200 Jahre deutsche Polenpolitik. Frankfurt 1974 (Suhrkamp). – Gotthold Rhode: Geschichte Polens. Ein Überblick. 3. Aufl. Darmstadt 1980 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). – Hans Roos: Geschichte der polnischen Nation 1918-1978. 3. Aufl. Stuttgart 1979 (Kohlhammer). – Als Ergänzung dazu noch die Quellenwerke: Enno Meyer: Deutschland und Polen. 1. Bd.: 1772-1914; 2. Bd.: 1914-1970. Stuttgart 1971/72 (und spätere Auflagen. Klett Quellen und Arbeitshefte).
3 Feo Jernsson: Polen. Gesellschaft, Wirtschaft und Staat im Wandel. München 1971 (Olzog, Geschichte und Staat Bd. 156).– Auf die Ausführungen dieser Studie werden wir noch mehrfach zurückgreifen.
4 a. a. O. (Anm. 1).
5 Publikation des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten, Warschau.
6 Dies entsteht z. T. dadurch, dass in dem erneuerungsbedürftigen Wasserleitungssystem in Warschau ca. 25 Prozent des Trinkwassers versickert.
7 Gesetz über die Selbstverwaltung der Belegschaften. Der Begriff „zaloga“ für Belegschaft, Besatzung, Mannschaft wird z. T. mit dem sehr missdeutigen Begriff „Werktätige“ in der deutschsprachigen Veröffentlichung „Polens Gegenwart“ übersetzt. Dies kann als Versuch gewertet werden, den Mitbestimmungsgedanken wieder dem ideologischen Postulat von der Herrschaft der Arbeiterklasse, also den „Werktätigen“, zuzuordnen und damit den Reformgedanken von 1981 zu unterlaufen.
8 Nach „Polens Gegenwart“ 22/81; es handelt sich um die letzte Ausgabe vor Verhängung des Kriegsrechts.
9 Der Begriff Egalisierung ist z. T. im Sinne einer Klassengleichheit zu verstehen. Andererseits kann er je nach Zusammenhang auch abfällig „Gleichmacherei“ bedeuten.
10 Dies wird als eine „Bestrafung“ der Intelligenz interpretiert wegen der Unterstützung der Streikaktionen 1980 und der Belegschaftsdelegationen in der Formulierung von Forderungen sowie der führenden Rolle junger Intellektueller in der Solidarność.
11 Die im wesentlichen durch den Warschauer Ökonomen Oskar Lange konzipierte Wirtschaftsreform wurde in Ungarn durch die Regierung Kádár nach 1956 erfolgreich eingesetzt; weitere Ausführungen dazu in Kapitel XI/4.
12 Es bezieht sich auf die gegenüber dem Angebot wesentlich höhere Nachfrage.
13 S. Gabrisch, Polen 1983/84, S. 74: "Unter ,Dekapitalisierung’ wird die Verringerung des Wertes der Anlagen durch fehlende Generalreparaturen und Ersatzinvestitionen verstanden. Besonders groß ist die Gefahr der Dekapitalisierung in den Unternehmen, die in den 70er Jahren mit aus dem Westen importierten Anlagen ihr Produktionskapital modernisiert hatten. Dazu gehören der Maschinenbau, die Bauwirtschaft, die Chemie-, Leicht- und Metallindustrie, denen nun die Devisen für die Wiederbeschaffung importierter Anlagen fehlen."
14 Gabrisch gibt die für 1983 insgesamt fällige Summe mit 9,9 Millionen US-Dollar an; gezahlt wurden 2,7 Mrd. Für 1984 betrug die Summe 9,7 Mrd. US-Dollar zuzüglich 2,7 Mrd. aufgelaufener Zins rückstände der Jahre 1982 und 1983. Andererseits haben die westlichen Banken der polnischen Regierung von Jahr zu Jahr günstigere Bedingungen eingeräumt. "Mittlerweile wurden von den polnischen langund mittelfristigen Verbindlichkeiten ca. 7 Mrd. US-Dollar umgeschuldet" (ebenda, S. 95).
15 Um der Arbeitspflicht formell zu genügen, kann man pro forma bei einem Verwandten oder Bekannten in dessen Privatfirma arbeiten und in Wirklichkeit anderen „Tatigkeiten“ nachgehen.
16 Die preußische Zuverlässigkeit gilt nicht als Vorbild an sich. Sie ist Mittel zur Selbstbehauptung der Nation! Der nationaldemokratische Politiker Dmowski sagte einmal (sinngemäß): Wir müssen die Methoden der Preußen anwenden, um uns der Deutschen zu erwehren.
17 In Danzig und Stettin wurden Leute aus Wilna (poln.: Wilno) und aus Zentralpolen angesiedelt; die Bevölkerung in Breslau stammt aus dem Lemberger Raum und Zentralpolen. Die ursprüngliche Absicht war eine starke Vermischung der Bevölkerungsgruppen, um dem Ziel einer ideologisch begründeten Gesellschaft zu entsprechen. Dies konnte aber aus praktischen Gründen (Mangel an Transportkapazitäten etc.) nicht durchgeführt werden (vgl. Karte 10 über die Umsiedlungen im Anhang und Kapitel XIII).
18 Die I. Polnische Armee hatte mit Einverständnis des sowjetischen Oberbefehlshabers Angriffe über die Weichsel beiderseits der Eisenbahnbrücke zum Stadtteil Powisle begonnen, die aber scheiterten. Der Kommandeur dieser I. Armee, General Berling, wurde später „auf Wunsch Stalins“ von seinem Kommando abgelöst, weil er die Aufständischen unterstützt hatte. Die Genehmigung für britische Hilfsflugzeuge zum Überflug wurde hinausgezögert, bis der Aufstand zusammenbrach.
19 Der Schuss vom Panzerkreuzer Aurora war das Signal zur Erstürmung des Winterpalais (Sitz der provisorischen Regierung Kerenskt) in Petrograd am 7.11.1917 - Beginn der „Oktoberrevolution“
20 Das Nationaleinkommen schließt nur das Einkommen aus produktiver Tätigkeit ein – keine Dienstleistungen (vgl. Kapitel X/3; z. B. + „economies of scale“).
21 General Jaruzelski wurde am 6. 11. 1985 durch die Ernennung zum Staatsoberhaupt geehrt. Er bleibt aber Parteivorsitzender. Damit gilt in Polen die gleiche Ämterzusammenfassung wie in der DDR: „Vorsitzender des Staatsrates“ und „Erster Sekretär“. M. Rakowski wurde ebenfalls am 6. 11. 1985 mit dem Posten eines stellv. Parlamentspräsidenten betraut und hat dadurch an politischem Einfluss eingebüßt.
22 Witold Wirpsza starb im September 1985. v
23 Das "Gesetz über die Selbstverwaltung der Betriebe" ist komplementär zum "Gesetz über die staatlichen Unternehmen", das wiederum das "Dekret über die staatlichen Unternehmen" ablöste. Beide Gesetze bilden eine funktionelle Einheit. Als Betriebe gelten Institutionen wie z. B. Museen, die kein Geld verdienen, sondern aus dem Staatshaushalt und anderen Einnahmen finanziert werden. Dies gilt nach dem Finanzrecht. Nach dem Wirtschaftsrecht habe.n die Betriebe aber eine Arbeitgeberfunktion. In den von der "Solidarność" ausgearbeiteten Gesetzesvorschlägen war 1981 der Begriff: "gesellschaftliche Betriebe" vorgesehen. Eingeführt wurde aber der Begriff: "staatliche Betriebe".
24 Derjenige Bürger, der keine Arbeit nachweisen kann und bei Kontrollen mehrfach registriert wird, kann zwangsweise zu einer Arbeit in einem Betrieb beordert werden. Da die Lohnhöhe von der Zugehörigkeit zum Betrieb abhängt, beginnt er auch mit der niedrigsten Lohngruppe. Das Gesetz kann dazu dienen, politische Gegne~ zu disziplinieren, da diese Schwierigkeiten haben, selbst emen adäquaten Arbeitsplatz zu finden. Hinzu kommt, daß das sog. Rowdytum auch strafrechtlich verfolgt werden kann.
25 Das Verfassungsgericht nimmt seine Tatigkeit am 1.1.1986 auf.
26 in Grube/Richter: Der Freiheitskampf der Polen. Hamburg 1981
27 in Uschakow: Polen - Das Ende der Erneuerung. München 1982.
28 Geri Nasarski: Noch ist Polen nicht verloren. Wien 1962.
29 ZNAK ist eine katholische Intellektuellenvereinigung.
30 Über die Konflikte zwischen polnischem Staat und Katholischer Kirche bzw. Vatikan: s. Castellan, S. 273 ff. oder P. Bingen in Uschakow, S. 152 ff. Vgl. auch: A. Michnik: Die Kirche und die polnische Linke. München 1980.
* Verfasser: Gerhard Voigt
31 (Motto zum Zweiten Teil): Christian Meier: Kontinuität – Diskontinuität im Übergang von der Antike zum Mittelalter. In: Hans Trümpy, Kontinuität – Diskontinuität in den Geisteswissenschaften. S. 53-94. Darmstadt 1973 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), S. 54.
32 Vgl. Sigrid Hunke: Kamele auf dem Kaisermantel. Frankfurt 1978 (Fischer), S. 113 f. – Helmut Böhme: Morgenland und Abendland. Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bd. 1. Frankfurt 1977 (Fischer), S. 125 ff. – Henri Pirenne: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas im Mittelalter. 1964 (UTB).
33 Jernsson (a.a.O., Anm. II/3), S. 26, weist dabei wohl zu Recht die auf der Untersuchung der Wikingerzüge aufbauende These zurück, dass die frühen polnischen Staatsbildungen der Piasten durch einen warägischen Impuls eingeleitet worden wären.
34 Rippel (Die Entwicklung der Kulturlandschaft am nordwestlichen Harzrand. Schriften d. wirt.-wiss. Ges. zum Studium Niedersachsens, NF Bd. 69, Hannover 1958) beschreibt diesen Übergang für eine Region Norddeutschlands im Rahmen einer historisch-geographischen Untersuchung in sehr anschaulicher Art anhand des Funktionswandels der Marktorte und der noch heute nachweisbaren Führung der damaligen Handelswege. Dass damit ein wesentlicher Schritt der »Umwertung eines Wirtschaftsraumes« vollzogen wird, ist dargestellt bei Voigt (Umwertung von Räumen, in: Jander/Schramke/Wenzel: Metzler Handbuch für den Geographieunterricht. Stuttgart 1982. S. 489-493).
35 Vgl. Geschichtstabelle im Anhang.
36 Janusz Tazbir: Geschichte der polnischen Toleranz. Warschau 1977 (Interpress). – Vgl. auch: J. Adamczewski: Polnische Kopernik-Städte. Warschau 1977 (Interpress) und einige Aufsätze in: „Europäische Hefte“, 2/77 (April 1977): Thema Polen. – Zum Verhältnis zum Liberalismus: Eberhard Kolb: Polenbild und Polenfreundschaft der deutschen Frühliberalen. Zu Motivation und Funktion außenpolitischer Parteinahme im Vormärz. „Saeculum“ XXVI, Heft 1 (1975), Freiburg/München (Karl Alber). – Adam Galos: Der Völkerfrühling in der polnischen und deutschen Historiographie. Wroclaw o.J.
37 a.a.0. (Anm. II/3), S. 76.
38 Juliusz Slowacki, 1809-1849, ging nach der Niederschlagung des Novemberaufstandes 1831 ins Exil nach Paris. Gehört mit Mickiewicz und Krasinski zu den bedeutenden nationalpolnischen Romantikern, die durch die Bewegung „Mloda Polska“ (junges Polen) politische Bedeutung erlangten. Hauptwerke: „Genesis aus dem Geist“ 1844, „Der silberne Traum Salomeas“ 1843, „Pfarrer Marek“ 1843 u. a. 1927 wurden seine Überreste in die Königsgruft des Krakauer Wawel-Schlosses überführt.
39 Adam Mickiewicz, 1798-1855, wurde 1823 wegen Kontakt zu studentischen Geheimbünden nach Zentralrussland deportiert. Sein Versuch, 1831 über Deutschland zu den aufständischen Polen zu gelangen, scheiterte; danach begleitete er die Fliehenden ins Exil. Wissenschaftliche Tätigkeiten in Paris und politische Aktionen bei der polnischen Legion in Italien und beim Krimkrieg in Konstantinopel, wo er starb. Literarische Werke der früheren Schaffensperioden im schwärmerischen Stil der Romantik, z.B. „Balladen und Romanzen“ 1822, „Krim-Sonette“ 1833, „Ahnenfeier“ 1822; später vor allem politische Publizistik. Als Zentralfigur der polnischen Nationalliteratur bis heute von außergewöhnlicher Bedeutung für Polen.
40 „Die zweite dringende Aufgabe des Sozialismus ist die geistige Befreiung des Proletariates von der Vormundschaft der Bourgeoisie, die sich im Einfluss der nationalistischen Ideologie äußert. Die nationalen Sektionen haben ihre Agitation ... dahin zu richten, um die überlieferte Phraseologie des Nationalismus als bürgerliches Herrschaftsinstrument zu denunzieren...“ Aus dem Entwurf zu den »Junius-Thesen« 1916. Zitiert nach: Rosa Luxemburg, „Ein Leben für die Freiheit“. Hrsg. von Frederik Hetmann. Frankfurt 1980 (Fischer), S. 240.
41 Vgl. Jernsson (a. a. 0, Anm. II/3), S. 102-106 und 122 f.
42 Man könnte noch einen Schritt weiter gehen. Die beiden Formen des Nationalismus spiegeln auch zwei Formen des Umgangs mit der gesellschaftlichen Realität. Versucht die eine Form, ein möglichst großes Maß an Realitätskenntnis zu gewinnen, Realitäten zu erkennen, um sie überwinden zu können und politisch handlungsfähig zu werden, wird die Realität in der anderen Form durch den Willen zur Herrschaft unterdrückt, verdrängt, im eigenen Sinne manipuliert. Abkehr vom politischen Realismus und Abheben auf eine verschleiernde Ideologie ist geradezu notwendiger Bestandteil des aggressiven Nationalismus der Vormächte. Diese Missachtung von Realität ist auch innerstes Wesensmerkmal der NS-Ideologie. Die dummdreiste Realitätsverleugnung heutiger Neonazis findet sich daher in der legitimen Nachfolge der damaligen Herrschaftsideologie.
43 „Gläubige Polen sehen die Welt geprägt, geführt von der Hand des Höchsten, und die polnische Geschichte zumal ist verwoben mit Heiligenlegenden, genauer gesagt: vor allem mit Legenden um die Mutter Gottes, deren Ergebnis eine fast mythische Überhöhung der Kirche ist. In dieser Betrachtung zieht sich vom Jahr 163 7, von der wundersamen Wirkung der Mutter Gottes, seitdem Königin Polens' genannt, bei der Schlacht gegen die Schweden auf dem Jasna Gora, dem hellen Berge bei Tschenstochau, bis zur Berufung Wyszynskis, eine logische Linie. War Polen auch oft in Not, so fühlte es sich stets in der Obhut Gottes. Als Messias der Völker' hat der polnische Dichter Słowacki sein Volk einmal beschrieben, und das soll heißen, dass die Polen zwar Grausamkeit und Spott zu ertragen hätten, dass ihnen aber auch Erlösung aufgegeben sei, das heißt dass sie beispielgebend sein würden wie der Nazarener.“ Eduard Neumaier: Das Gewissen der polnischen Nation. Stefan Wyszynski – unbeugsamer Priester und unerschrockener Patriot. Nachruf in der Süddeutschen Zeitung vorn 29. 5. 1980. – Das »Wunder an der Weichsel« beschreibt Jernsson (a. a. 0., Anm. 11/3), S. 121, wie folgt: „Die polnischen Armeen stießen im Mai 1920 bis nach Kiew vor. Doch vor dem nun einsetzenden roten Gegenangriff geriet die polnische Front ins Wanken. Der Zusammenbruch schien bevorzustehen, als die Roten unter Tuchatschewskij bis nach Warschau vorstießen. Doch mit eilends zusammengerafften Reserven wurden sie unter dem Befehl Piłsudskis gegen den Rat des französischen Generals Weygand von Süden her Mitte August 1920 in der Flanke gepackt und geschlagen. Das 'Wunder an der Weichsel' brachte eine abermalige Wende. Die roten Armeen fluteten zurück, die Polen folgten, und im Oktober 1920 kam es nach wochenlangen Verhandlungen zu einem Vorfrieden, in dem Polen sich mit einem wesentlich geringeren Erwerb begnügte, als er von sowjetischer Seite noch vor dem Waffengang angeboten worden war.“ Die angebliche Marienerscheinung vor der Schlacht an der Weichsel konnte von Pilsudski so politisch funktioniert werden, dass nach den tatsächlichen militärischen Verdiensten, die für ihn nicht allzu schmeichelhaft ausgefallen sind, nicht mehr gefragt werden musste, sondern dass der Wunderglauben das Ergebnis der Kämpfe höherer Fügung zuschreiben konnte.
44 a. a. 0. (Anm. 11/3), S. 27. – Die VR Polen hat heute eine Fläche von rd. 313 Tsd. km² bei ca. 35 Mio. Einwohnern. Zum Vergleich die BRD: Nur rd. 248 Tsd. km² bei etwa 61 Mio. Ew. (Quelle: Fischer Weltalmanach, 1984).
45 Mieszko I., 962-992, erster polnischer Herrscher; vgl. »Daten zur polnischen Geschichte«, Kapitel XII.
46 Wladysław Jagiełło, 1386-1434, Großherzog von Litauen, wird zum polnischen König gekrönt. Seine Vermählung mit Jadwiga ist Grundlage der Union mit Litauen, Sie begründet die Dynastie der Jagiellonen. Am Ende dieser Dynastie werden dann beide Landesteile auch kulturell und religiös in der verfassungsrechtlichen »Union von Lublin« unter Zygmunt August, 1548-72, verbunden. Dem folgt dann 1573 die erste freie Königswahl durch die Adelsversammlung und damit die Schwächung der Königsmacht. Vgl. »Daten zur polnischen Geschichte«, Kapitel XII.
47 Der weiteste Vorstoß der osmanischen Truppen in der Regierungszeit Sultan Mohammed (Mehmet) IV. (1649-1687) unter seinem Feldherrn Kara Mustafa bei der zweiten Belagerung von Wien 1683 konnte von den Habsburger Truppen nicht mehr alleine zurückgeschlagen werden. Erst die Militärhilfe des polnischen Königs, Jan II. Sobieski, führt zum Sieg der vereinigten christlichen Heere in der Schlacht am Kahlenberg bei Wien. Vgl. auch als Quelle der anderen Seite: Kara Mustafa vor Wien. Hrsg. von R. F. Kreutel. Graz 1955 (Styria).
48 Diesem Abschnitt liegt vor allem die Karteninterpretation unterschiedlicher polnischer und deutscher Atlanten zugrunde. Wir verweisen hier vor allem auf den polnischen Schulatlas „Atlas Geograficzny Polsky“ mit den Karten auf S. S-9, 12-15 und 34/35.
* Polen – natürliche Landschaftszonierung. (S. 144 im Text – vgl. Kap. XIII. Statistische Stichworte)
49 Michael Droldner: Sozioökonomische regionale Disparitäten in Polen (unter besonderer Berücksichtigung der Industrie). Hannover 1980 (unveröffentlichte schriftliche Examensarbeit am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie der Universität Hannover, Prof. L. Schätzl), S. 40 ff.
50 T. Lijewski: Uprzemyslowienie Polski 1945-1975. Przemiany strukturalne i przestrzenne. Warszawa 1978 (PWN/Polnische Akademie der Wissenschaft), erläutert von B. Kortus, vgl. Anm. XI.1. – Vgl. dazu auch: Lijewski: Tendencies in the Location of New Industrial Plants in Poland in the Years 1945-1970. In: Geographia Polonica 33/197b, S. 157-169, Warszawa 1976 (PWN), diskutiert bei Droldner, a.a.0. (Anm. IX/19).
* Standortregionen und mineralische Ressourcen. (S. 148 im Text – vgl. Kap. XIII. Statistische Stichworte)
51 ROCZNIK STATYSTYCZNY PRZEMYSLU 1982. Glówny Urzad Statystyczny 9. Warszawa 1982 (Industriestatistik). ROCZNIK STATYSTYCZNY WOJEWÓDZTW 1982. Glówny Urzad Statystyczny 3. Warszawa 1982 (Regionalstatistik). Polnische Agentur Interpress: Die Entwicklung des Bergbaus und der Buntmetall-Verarbeitung in Polen. Warschau, Mai 1976 (Hektographie). Hubert Gabrisch: Polen 1983/84. Unerwartet hohes Wirtschaftswachstum, aber zunehmend Probleme mit Investitionen und Exporten. Hamburg 19H4 (Hamburger Weltwirtschafts-Archiv/ HWWA), Manuskriptdruck.
52 Polen. Statistische Daten, Hauptamt für Statistik. Warszawa 1976. – Gabrisch, a. a. 0. (Anm. IX/21).
53 Nach Angaben von Jerzy Kleer (Vortrag am 5. 5. 1984 in Husted; vgl. Anm. X1.1) u. a.
54 ibid.; nach Angaben von Bronislaw Kortus (Vortrag im Geographischen Institut der Universität Hannover am 22. 5. 1980) nimmt die Bedeutung dieses Standortfaktors seit Ende der 70er Jahre ab; der Zuwachs der berufstätigen Bevölkerung verringert sich seit 1979/80; qualifizierte Arbeitskräftereserven sind erschöpft. An ihre Stelle tritt zunehmend, wie in westlichen Industrieländern, die Kapitalintensivierung, Rationalisierung und Automatisierung der Produktion.
55 Das Stadtwappen von Łódź, seit dem 16. Jh. als Stadtsiegel überliefert, zeigt das goldene Boot auf rotem Grund; gleichzeitig ist es ein „sprechendes“ Wappen, da poln. „lódz“ auf deutsch „Boot“ heißt.
56 GOP = Górnóslaski Okreg Przemyslowy (Oberschlesisches Industrierevier)
57 Inwertsetzung: geographischer Fachausdruck für die Tatsache, dass ein Raum keinen festen natürlichen Wert besitzt, sondern seinen Wert erst durch die gesellschaftlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten in einem länger dauernden Prozess zugewiesen bekommt.
58 Droldner, a. a. O. (Anm. IX/19).
59 ibid., S. 9 ff.
60 Marek Dutkowski: Polarisierungseffekte im Verdichtungsraum Gdansk – Gdynia. Misserfolg einer Planungskonzeption. In: Gedenkschrift für Dietrich Bartels „Geographie des Menschen“. In Vorbereitung. (Verwendung aus dem MS mit Genehmigung des Vf.) – Vgl. auch Ausführungen von Dutkowski in einem geographischen Colloquium am Geographischen Institut der Universität Hannover über wirtschaftsgeographische Methoden zur Untersuchung der Agglomerationsprobleme von Danzig (17. 11. 1983), siehe Anm. XI/1.
* Droldner, a. a. 0., S. 39 (Anm. IX/19).
61 ibid., S. 40.
62 ibid., Karte 14, S. 44.
63 Andrzej Suszynski: „The Socio-Economic Differantation of the Northern Macroregion.“ International Conference „Demography – Regional Policy – Socio-Economic Development“, Bialowieza, Sept. 3-7, 1979; – J.J. Parysek: Analiza skupien jako metoda klasyfikacji w geografii. Sympozjum nt. „Zastosowania metod matematyczny w geografii. Instytut Geografii UAM Poznan 1977; beide zitiert nach Droldner, a.a.0., S. 40 (Anm. IX/19).
64 Droldner, a.a.0., S. 40 (Anm. IX/19)
65 Droldner, a. a. O., S. 42 (Anm. IX/19).
66 ibid., S. 42/45.
67 Aus einem „Digest“-Artikel der „Polnischen Perspektiven“, Warschau Jg. 14/H. 4, 1984, S. 36ff., nach den Quellen: S. Dlugosz, aus „Zycie Warszawy“ Nr. 171/84, und S. Gruzewski, aus „Polityka Nr. 29/84.
68 F.E.O. Jerzykiewicz-Jagemann: Der Untergang Polens und seine Erneuerung. (Drei Thesen zur polnischen Geschichte.) Studien zum Geschichtsbild. Historisch-politische Hefte der Ranke-Gesellschaft, Heft 22. Göttingen 1967 (Musterschmidt).
69 Vgl. S. 45 und 58 ff.
70 Vgl. Ekkehard Buchhofer: Polen. Raumstrukturen – Raumprobleme. Studienbücher Geographie. Frankfurt (Diesterweg) und Aarau (Sauerländer) 1981 . 5. 12. – Das Magnatentum spielt im gesamten osteuropäischen Raum eine entscheidende Rolle; doch während es in Ungarn durch die Reichsgründung durch István I. (Stephan den Heiligen), 1001-1038, in eine feudale Lehenshierarchie nach christlich-deutschem Muster eingebunden werden konnte, ist es in Polen ein selbstbewusstes Element der dezentralen Gegenmacht der Grundherrschaft gegen das zentrale Königtum geblieben. Vgl. István Dienes: Die Ungarn um die Zeit der Landnahme. Budapest 1972 (Corvina), und C. Aylmer Macartney: Geschichte Ungarns. Stuttgart 1971 (Kohlhammer), 5. 39f. – In Polen hat sich das Magnatentum noch einmal in der Union mit Litauen, wo diese Grundbesitzerschicht länger mächtig geblieben war, machtpolitischen Einfluss sichern können.
71 Vgl. Jernsson (a.a.0., Anm. II/3), S. 11 ff.
72 Vgl. Anmerkungen zu Kapitel III
73 „Liberum veto“, das Recht, bei Entscheidungen des Sejm Einstimmigkeit zu verlangen, d.h. durch ein Gegenvotum die Entscheidung blockieren zu können, war in der Verfassung der „Adelsrepublik“ verbrieftes Adelsrecht; gleichzeitig war es dem Szlachta-Adel erlaubt, untereinander Bündnisse auch gegen die Zentralgewalt zu schließen. Dass sich diese „Konföderationen“ schließlich aus machtpolitischen Gründen mit ausländischen Mächten (Russland, Deutschland) verbündeten, trug maßgeblich zum Untergang des polnischen Staates in der Zeit der „Polnischen Teilungen“ bei. Doch sollte hier, da es gerade um diese Prinzipien bei Historikern immer wieder Bewertungsunterschiede gibt, eine interessante Einschätzung von Jernsson (Anm. II.3), S. 60 f. mitgeteilt werden: “So erfolgreich diese Szlachta das Aufkommen eines königlichen Absolutismus verhindert hat, sie ließ das Pendel nach der anderen Seite ausschlagen – nicht zum Segen des Staatswohles. Im Hinblick auf ihr antiabsolutistisches Verdienst kommt H. Laeuen sogar zu einer Rechtfertigung ihrer politischen Rolle. „Man muss sich der geistigen Auseinandersetzungen mit dem Aufkommen des Absolutismus bewusst sein, um zu verstehen, dass das ‚Liberum Veto'‘ das Polen in der Welt einen schlechten Ruf eingetragen hat, mehr ist als eine ausgefallene Idee der Szlachta-Gesellschaft. Der ‚communis consensus‘ (die allgemeine Übereinstimmung) soll als einhellige Genehmigung der Staatsgesetze durch die Vertreter aller Landschaften entstehen.“ Die Diskrepanz zwischen positiver ‚Theorie und immer mehr zum Nachteil ausschlagender Praxis wird offensichtlich. Solange die ursprüngliche Solidarität sich in Übereinstimmung mit dem Wohle der Gesamtheit befindet, ist der politische Brauch der Szlachta überzeugend. Geht diese Übereinstimmung infolge des Wandels der Inhalte verloren, schlägt das einst Positive ins Negative um. Der einstige Vorzug wird zum Ballast. Dass dieser Ballast eine Mitschuld – keineswegs die nicht mehr reparierbare Alleinschuld – an Polens Katastrophe trug, darüber kann es keinen Zweifel geben.” – Kleine Anmerkung am Rande: Ich meine, dass uns das Thema in Zukunft wieder mehr beschäftigen wird, da traditionelle Mehrheitssysteme in der demokratischen Willensbildung mehr und mehr in eine Legitimationskrise geraten. Die polnische Geschichte kann daher durchaus wieder sehr aktuell werden.
74 Über die Unfähigkeit, sogar aus der Katastrophe die richtigen historischen Lehren zu ziehen und über die Schlüsselrolle eines richtig verstandenen Antifaschismus hat für Deutschland kürzlich Walter Dirks Entscheidendes gesagt in seiner Rede zum 8. Mai 1985: „Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen den drei Weltkriegen. Gedächtnis und Erinnerung – 70 Jahre deutsche Zeitgeschichte.“ In Auszügen abgedruckt in der „Frankfurter Rundschau“, Nr. 5, Dienstag, 7. 1. 1986, S. 10. Mit „Faschismus“ bezeichnet. Dirks nicht nur die NS-Herrschaft selbst, sondern das konservativ-reaktionäre Interessenbündnis von Militär, Wirtschaft und populistischer „nationalsozialistischer Bewegung“ zur Abschaffung der parlamentarischen Demokratie und zur Abwehr sozialistischer Reformen. Nur aus dieser Begriffsbestimmung heraus lassen sich weitreichende inhaltliche Konsequenzen aus dem Antifaschismus ziehen, da hier die gesellschaftliche Rolle der herrschenden Schichten, des Militarismus und der ökonomischen Interessen mitreflektiert werden muss. – Zur genaueren Bestimmung der polnischen Situation zwischen Naziokkupation und Antifaschismus vgl. vor allem Roos, Geschichte der polnischen Nation 1918-1978. Stuttgart 19793 (Kohlhammer).
75 Kapitel VI. : Abschnitt „legal – illegal – völlig egal“.
76 Wegen der unsicheren Quellenlage statistischer und volkswirtschaftlicher Veröffentlichungen haben wir uns, sowohl was bestimmte mitgeteilte Daten als auch die dazu gehörenden Wertungen angeht, in diesem Kapitel mehr als an anderer Stelle auf mündliche Mitteilungen aus akademischen Kreisen gestützt. Namentlich nennen wollen wir vor allem drei Freunde, die uns ihre Informationen zusätzlich in einigen in deutscher Sprache gehaltenen Referaten zusammengefaßt haben und denen wir hiermit besonders danken wollen. Natürlich können diese mündlichen Mitteilungen nicht als wissenschaftliche Veröffentlichungen gelten; die Verantwortung für die Verwendung bleibt daher bei den Verfassern des Buches. Wo immer möglich, wurden die Daten mit polnischen Veröffentlichungen abgeglichen; bei Abweichungen wurde nach unserer Auffassung von Plausibilität vorgegangen. Nun die verwendeten Referate, z. T. als Mitschriften von G. V., z. T. als verteilte Arbeitsmaterialien vorliegend: Marek Dutkowski (wiss. Ass. am geogr. Inst. der Universität Gdansk): 17. 11. 1983, Colloquium am geogr. Ins!. d. Univ. Hannover zum Thema: Agglomerationsraum Danzig; Ostern 1985: Informationen über Danzig, Wirtschaftsplanung und Schiffbau für eine Reisegruppe aus Hannover; - Zusammenstellung von Informationsmaterialien 1985. - Prof. Jerzy Kleer (Warszawa): Vortrag bei einem Seminar in Husted, 5.5. 1984 zum Thema: Wirtschaftspolitik; - Vortrag vor einer Reisegruppe aus Hannover in Warschau, Ostern 1985. - Prof. Bronislaw Kortus (Geogr. Inst. d. Univ. Krak6w): Vortrag am 22. 5. 1980 zum Thema: " Aktuelle Fragen der Industrialisierung in Polen" im Geogr. Inst. d. Univ. Hannover; - Vortrag Ostern 1983 vor einer Reisegruppe aus Hannover in Krak6w zum Thema: Agglomerationsraum Krak6wINowa Huta; - Vortrag bei einem Seminar in Husted, 5.5.1984 zum Thema: Wirtschaftsgeographie und Raumplanung in Polen. - Von Kortus stammen auch die Vorlagen zu einigen Karten dieses Buches. Die These von Polen als Entwicklungsland wurde vor allem mit Prof. Kleer diskutiert, der wissenschaftliche Vergleichsstudien über die Dritten Welt veröffentlicht hat.
77 Kortus s. vorherige Anmerkung .
78 Buchhafer, a. a. O. (Anm. X/3), S. 34 f. jerzykiewicz-jagemann (a. a. 0., Anm. XII, S. 28) stellt ergänzend Bevölkerungszahlen gegenüber: Polen am Kriegsende: 23 Mio., Reichs- und Sudetendeutsche 1946: 71 Mio.; Polen 1946 in der VR: 33 mio., Deutsche (BRD + DDR) 1976: 75 Mio.
79 ibid., S. 36. Vgl. auch Anm. VI/2!
80 ibid., S. 35, vgl. Karte 10 im Anhang.
81 Bronisław Kortus: The Role of Industry in Regional Development. The Case of the City of Cracow. Folia Geographica, Series Geographica-Oeconomica Vol. XIII 1980; - B. Kortus/W. Vlassenbroeck: A new industrial town and the steel plant in Cracow - Nowa Huta (Poland). De aardrijkskunde. 1979 - 4, p. 347-358. - Zu Stettin vgl. vor allem: Prognozowanie rozwoju przestrzennego obszar6w stykowych morzelad. Komitet Badan i Prognoz "Polska 2000", 1976, nr 1; - und: P. ZarembalH. Orlinska: Urbanistyczny rozw6j Szczecina. Poznan, Instytut Zachodnipomorski w Szczecinie. 1965.
* ibid.
82 Mitteilung Dutkowski 1985, s. 1. Anm. zu Kap. XI / 1.
83 Magistrale: Hauptverkehrslinie; Begriff aus der russischsprachigen Literatur, in Polen gebräuchlich.
84 auf dem Seminar in Husted 1984, s. 1. Anm. zu Kap. XI / 1.
85 Kleer 1984, s. 1. Anm. zu Kap. XI / 1.
86 ibid. (modifiziert).
87 ibid. (und amtl. Statistik).
88 BAW (Bremer Ausschuß für Wirtschaftsforschung): VR Polen. Land, Volk, Staat, Wirtschaft. Bremen 1972.
89 Kortus 1984, s. Anm. 88.
90 ibid.
91 ibid.
92 ibid.
93 ibid.
94 ibid., bestätigt von Kleer.
95 Buchhofer, a. a. O. (Anm. X/3), S. 84 f.
96 ibid., S. 85.
97 Kortus 1983/84, s. Anm. 1.
98 Kortus 1980, s. Anm. 1.
99 Kar! Eckart: Polen. Regionale und strukturelle Entwicklungsprobleme eines sozialistischen Landes. Paderborn 1983 (Schöninghl UTB 1246). S. 17 f.
100 Vgl. Nettelmann, a. a. O. (Anm. II/l), S. 27ff. - Eckart, a. a. O. (Anm. 24), S. 18.
101 Eckart, ibid. - Peter von der Lippe: Wirtschaftspolitik und wirtschaftliche Entwicklung in der Volksrepublik Polen. "aus politik und zeitgeschichte", B 6/84, Bonn, 11. Februar 1984 (Bundeszentrale für politische Bildung), S. 16-34.
102 Lippe ibid.
103 ibid., S. 18.
104 Gabrisch, a. a. O. (Anm. IX/21), S. 68 f.
105 ibid., S. 68.
106 Zitiert nach: Teresa Brodzka in "Polnische Perspektiven" 3/1985.
107 Lippe, a. a. O. (vgl. Anm. 27), S. 16 f.
108 Stanislaw Chelstowski: Die Wirtschaftsreform. In: "Polnische Perspektiven" 1/1984.
109 Werner Hofmann: Grundelemente der Wirtschaftsgesellschaft. Reinbek 1969 (rororo), S. 90 ff. - V gl. auch: (Autorenkollektiv) Politische Ökonomie - Kapitalismus. Berlin/DDR 1974 (Dietz), S. 91.
110 Kunstwort aus „Stagnation + Inflation“, eine Zusammenstellung, die es nach der klassischen Krisenzyklentheorie nicht geben dürfte, und die wohl für die derzeitige Funktionsschwäche des keynesianisehen Staatsinterventionismus verantwortlich ist. Zur Klärung dieser Zusammenhänge empfiehlt es sich, dem von Hofmann angesprochenen Gesichtspunkt der "Vermachtung der Märkte" (a. a. 0., S. 92) weiter nachzuspüren. - Vgl. dazu auch den pessimistischen Aufsatz von Joan Robinson (Cambridge): Zur Krise der ökonomischen Theorie. In: Simmert, ed.: Wirtschaftspolitik - kontrovers. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Band 146. Bonn 1979.
111 Vieles, was in unserem Buch als regionale ökonomische Disparitäten erläutert wird, kann auch im globalen Maßstab wieder gefunden werden; vor allem die daraus entstehenden politischen Machtdisparitäten und die Selbstverfestigungstendenzen von ökonomischen Disparitäten sind Erkenntnisgegenstand der "Dritte- Welt-Forschung". Eine erste Einführung bietet: Rudolf H. Strahm: Warum sie so arm sind. Arbeitsbuch. Wuppertal1985 (Peter Hammer Vlg.). - Die Wirkungen weltwirtschaftlicher Rahmenbedingungen auf die nationalen Ökonomien können besser verstanden werden durch: Glismann u. a.: Weltwirtschaftslehre. Eine problemorientierte Einführung. München 19822 (dty). - Dietmar Goralczyk: Weltmarkt, Weltwährungssystem und westeuropäische Integration. Gießen 1975 (focus).
112 Chelstowski, a. a. O. (vgl. Anm. 33).
113 Vgl. Ergebnispapiere der UNCTAD (United Nations Conference on Trade and Development) - Konferenzen, die z. B. auch reflektiert werden im: Bericht der Nord-Süd-Kommission: Das Überleben sichern. Köln 1980 (Kiepenheuer & Witsch).
114 Edward Böhm: Im Wachstums rausch das Maß verloren. Ursachen und Verlauf der Wirtschaftskrise in Polen. Osteuropa-Info. Herausgegeben vom Sozialistischen Osteuropakomitee. Nr. 53 (3/83): Krise der osteuropäischen Ökonomien. S. 9-33; Tabellen auf S. 20/ 21.
115 ibid.
* Böhm, a. a. O. (Anm. 39), - vgl. auch Kapitel IV/3 mit Anm. IV/5.
** Ulrich Kulke: Risiken einer umfassenden Weltmarkt-Orientierung der ungarischen Wirtschaft. In: Osteuropa-Info Nr. 53 (wie Böhm, Anm. 39), S. 83-94.
116 Buchhofer, a. a. O. (Anm. X/3), S. 83.
117 Böhm (vgl. Anm. 39), S. 15.
118 Vgl. die Ausführungen im ersten Teil dieses Buches. (Vgl. Literatur in Anm. 35/36).
119 Von B. Kortus zur Verfügung gestellt (aus dem Englischen von G. V.).
120 Diese internationale Kooperation ist in Polen seihst sehr umstritten. Wenn in den letzten Jahren (z. T. nach ungarischem Vorbild) jointventure-Investitionen gefördert worden sind, vor allem um polnisches Fluchtkapital wieder ins Land zurück zu lenken, ist derzeit wieder ein eher restriktiver Kurs zu vermerken; einzelne kompetente Stimmen sagen sogar eine Abschaffung dieser Unternehmensform voraus. Zur rechtlichen Problematik der systemgrenzüberschreitenden Wirtschaftskooperation folgen noch einige Anmerkungen (vgl. Anm. XI/53/54).
121 Wir folgen mündlichen Ausführungen von Marek Dutkowski 1985 (vgl. Anm. 1).
122 ibid.
123 Chełstowski, a. a. O. (vgl. Anm. XI/33), S. 17f.
124 ibid.
125 Dokumentation über den Wirtschaftsplan 1986-90 in "Polnische Perspektiven" 3/1985. Daneben: Hubert Gabrisch: Der neue polnische Dreijahresplan 1983-1985. In: Osteuropa-Info Nr. 53 (wie Böhm; Anm. 39) sowie Lippe, a. a. O. (Anm. 26).
126 Böhm, a. a. O. (Anm. 39), - vgl. auch Kapitel IV/3 mit Anm. IV/5.
127 Vgl. Anm. 44.
128 Ulrich Kulke: Risiken einer umfassenden Weltmarkt-Orientierung der ungarischen Wirtschaft. In: Osteuropa-Info Nr. 53 (wie Böhm, Anm. 39), S. 83-94.
129 Lajos Ficzere und Tamas Stirközy: Grundlegende Rechtsfragen der internationalen wirtschaftenden Organisationen der RGW-Länder. Budapest 1981 (Akademiai Kiad6).
130 Kleer 1984 (vgl. Anm: 1); mit amtlicher Statistik abgeglichen.
131 Buchhofer, a. a. O. (Anm. X/3), S. 107.
132 Kleer 1984 und 1985 (vgl. Anm. 1).
133 Droldner, a. a. O. (vgl. Anm. IX/19), S. 21.
134 Kleer 1984 und 1985 (vgl. Anm. 1).
135 Droldner, ibid.
136 ibid., S. 38 (Kam 12).
137 Kleer und Kortus 1984 (vgl. Anm. 1), mit amtl. Statistik abgeglien.
138 Kortus 1984 (v gl. Anm. 1).
139 Mitteilung von Kortus 1983 (vgl. Anm. 1).
140 Vgl. Karte „Zweigwerke der Krakauer Industrie“ im Anhang. Quellen siehe folgende Anmerkung.
141 Karte „Zweigwerke der Krakauer Industrie“: Zur Verfügung gestellt und aus dem Polnischen übersetzt von B. Kortus; - Zusätzliche Informationen zum Fallbeispiel: Wrzosek, Bromek,Jelonek, Kortus, Kwiecien, Waszynska, Mydel: The Development and present Socialeconomic Structure of Cracow (Summary). Folia Geographica. Series Geographica-Oeconomica, Vol. VIII 1975. - Zoltan Antal and Bronislaw Kortus: Cracow - Its Economic Structure and Development Trends. Annales. Universitatis Scientiarum Budapestiensis. Separatum. Sectio Geographica. Tomus XIII-XIV, 1978-1979. - B. Kortus, W. Vlassenbroeck, a. a. O. (Anm. XI/6).
142 Bezüge vgl vorherige Anmerkungen.
143 Buchhofer, a. a. o. (vgl. Anm. X.3), S. 96. - Lijewski, a. a. O. (Anm. IXI20). - Weitere Literatur zur Karte "Standortpolitik": A. Kuklinski, M. Najgrakowski: Industrialization, Urbanization and Regional Development in Poland. International Conference "Demography - Regional Policy - Socio-Economic Development", Bialowieza, Sept. 3-7, 1979. - dieselben: Karte in "Aura", Nr. 10, 1983 (Stand 1980).
144 Übrigens ein Anstoß für die im gleichen Jahre folgenden Ereignisse in Ungarn, die dann das Ende einer gewissen "Tauwetterperiode" im Ostblock markierten. Die ungarischen Voraussetzungen werden anschaulich geschildert bei S:indor Kopacsi: Die ungarische Tragödie. Stuttgart 1979 (DVA).
145 Der Film „Der Mann aus Eisen“ von A. Wajda setzt diesen Ereignissen ebenso ein Denkmal, wie das von Arbeitern der Lenin- Werft vor dem Werfttor 1980 errichtete Mahnmal in Form von drei Hochkreuzen aus Eisen, die von Ankern geschmückt werden.
146 „Moral der Entspannungspolitik“ , in: Böll/ Duve/Staeck (Hg.), Veranrwortlich für Polen? Reinbek 1972 (Rowohlt), S. 73 f.
Zur Aussprache polnischer Wörter
Politische Parteien und Organisationen
Deutsch-Polnisches Ortsverzeichnis
Einführung: Polen - ein belastetes Thema für Deutsche (Voigt)
I. Persönliche Kontakte und Selbstbefragung
Erster Teil: Reform in der Krise (Nettelmann)
Es gibt in Polen keine Witze mehr.
V. Gleichgewicht – Ungleichgewicht
VI. Gesellschaftliche Identität
VII. Der Sozialstaat in Polen.
VIII. Der Spannungsrahmen in Politik, Gesellschaft und Kultur.
Die neue polnische Gretchenfrage - oder die Unmöglichkeit, über die „Solidarność“ zu schreiben.
Die Jugend in
Polen.
a) Einflussnahmen
Zweiter Teil: Kontinuität und Diskontinuität? (Voigt).
IX. Leitlinien der Landesentwicklung
Polen war selten Subjekt, öfters Objekt der europäischen Geschichte
Die Einheit des mitteleuropäischen Wirtschafts- und Siedlungsraumes
B) Ressourcen und Standortbedingungen für Wirtschaft und Besiedlung.
b) Sozioökonomische Entwicklungen
c) Geschichtserfahrung und Nationalidentität
d) Verhaltensmuster des politischen Alltags
XI. Strukturdeformationen – Ist Polen ein Entwicklungsland?
Anhang
XII Daten zur polnischen Geschichte
XIII. Statistische Stichworte zu Polen
XIV. Topographische Karten von Polen
XVI. Anmerkungen zum Text, Quellenverweise
Karte 1: Diözesen in Polen
Karte 2: Natürliche Landschaftszonierung
Karte 3: Standortregionen und mineralische Ressourcen Karte 4: Klassifizierung der Woiwodschaften
Karte 4: Klassifizierung der Woiwodschaften (nach Droldner, a.a.O.)
Karte 5: Wanderungsbilanzen
Karte 6: Zweigwerke der Krakauer Industrie: Marktorientierte Dezentralisation.
Karte 7: Standortpolitik
Karte 8: Anlagevermögen in der Industrie
Karte 9: Verwaltungsgliederung und Bevölkerungsdichte
Karte 10: Umsiedler in Polen nach 1945
Karte 11: Bodenschätze und Industriestandorte
Karte 12: Verkehr
Impressum der Buchausgabe / Quelle:
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Nettelmann, Lothar:
Polen - Nation ohne Ausweg? : Eine Einf. in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur u. Umwelt / Lothar Nettelmann; Gerhard Voigt. München: Olzog, 1986.
(Geschichte und Staat; Bd. 274)
ISBN 3-7892-7289-2
NE: Voigt, Gerhard:; GT
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Umschlagentwurf: Beate C. Eberle Gesamtherstellung: H. Mühlberger GmbH, Augsburg
Internetpublikation 15.04.2010 redigiert und durchgesehen durch die Verfasser.
Verwendung, Nachdruck und Weiterbearbeitung durch die Autoren mit freundlicher Genehmigung des
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Bearbeitungsstand: 1986 / 2010.
Letzte Bearbeitung: 19.02.2011
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