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Lothar Nettelmann /
Gerhard Voigt
Polen – Nation ohne
Ausweg?
Eine Einführung in Politik,
Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Umwelt
Geschichte und Staat; Band. 274
Dieses Buch ist unseren polnischen Freunden gewidmet,
ohne deren Hilfe, Informationen und Gesprächsbereitschaft es nicht hätte
geschrieben werden können. Dafür danken wir!
Das Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung,
sondern allein der Versuch, angeregt durch Besuche und Kontakte im
heutigen Polen, „polnische Perspektiven“ für den deutschen Leser
aufzubereiten und ihm Diskussionspunkte nahe zu bringen, die heute in
Polen selbst aktuell sind; so soll zu einem besseren Verständnis der
derzeitigen „polnischen Krise“ beigetragen werden.
Viele Äußerungen, Informationen und Anregungen sind
uns nur in mündlicher Form übermittelt worden; dennoch haben wir auf ihre
Verwendung nicht verzichtet. Nur in einigen Fällen konnte,
verständlicherweise, diese mündliche Quelle auch benannt werden; in allen
Fällen müssen wir als Autoren aber die Verantwortung für die inhaltliche
Vermittlung übernehmen. Wo immer es möglich war, haben wir uns mit
unseren Gesprächspartnern darüber verständigt, in welcher Form ihre
Angaben und Wertungen in unserem Buch erscheinen sollten. Darüber hinaus
haben wir das Manuskript einigen polnischen Freunden zur Korrektur und
Ergänzung vorgelegt und haben dabei noch wichtige Anregungen für die
endgültige Fassung erhalten. Dafür danken wir besonders! Hannover und
Laatzen, im Sommer 1986
Lothar Nettelmann Gerhard Voigt
„Das Gefühl der Zerbrechlichkeit und der
Nichtigkeit des menschlichen Lebens wirkt weniger deprimierend, wenn man
es in die Kette der Geschichte einordnet, die ein Weiterreichen des
Glaubens an den Sinn unseres Tuns und Wollens ist. Auf diese Weise
verwandelt sich sogar der Schrei des Schreckens in einen Ruf der
Hoffnung.“
Zbigniew Herbert
Polen ist auch heute für uns Deutsche ein besonderes
Thema, Prüfstein des deutschen Geschichtsbildes und der deutschen
Identität. Eine übliche länderkundliche Monographie über Polen zu
schreiben, würde dem Thema nicht gerecht werden; wir müssen auch über uns
selbst, über unser Polenbild sprechen, um zu einem verantwortlichen
Zugang zu unserem Nachbarvolk zu finden.
Die beiden Autoren dieses Buches, aus der ersten
Nachkriegsgeneration, sind zum Thema „Polen“ durch die
Auseinandersetzung mit der eigenen jüngsten Geschichte gekommen, durch
das mühevolle Begreifen des Schreckens, der in deutschem Namen in der
Nazizeit während des Zweiten Weltkrieges über Mitteleuropa verbreitet
worden ist und der die geographische und politische Landschaft unseres
Kontinents ebenso nachhaltig verändert hat wie das politische Bewusstsein
der Völker. Die persönliche Betroffenheit von diesem Thema wird auf den
nachfolgenden Seiten immer wieder durchscheinen.
Das Ringen um eine erneuerte politische Kultur, die
eine bloße Fortschreibung der staatlichen und ideologischen Konflikte aus
der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts überwinden kann, ist eine Aufgabe,
deren Bedeutung noch kaum erkannt worden ist. Zumindest die herrschenden
Kreise in West und Ost vermeinen immer noch, mit alten Rezepten die
bedrohte Zukunft meistern zu können. Bewusstseinsarbeit, diese
gefährlichen Regressionen zu überwinden, darf nicht an nationalen Grenzen
Halt machen. Nach vielen Reisen durch unser Nachbarland Polen haben die
Autoren dieses Buches erfahren, dass die Sensibilität für das historisch
Neue und für die Bereitschaft, sich neuen politischen und
gesellschaftlichen Forderungen zu stellen, in Polen weiter verbreitet ist
als bei uns, wenn auch nicht unbedingt in den herrschenden Kadern der
staatlichen Administration. Auch in der Auseinandersetzung mit diesen
neuen geistigen Strömungen in Polen kann ein erneuertes Polenbild
wachsen: Es bedeutet, von Polen zu lernen.
Eine Idealisierung der heutigen schwierigen,
konfliktbeladenen Situation oder auch des herrschenden politischen
Systems in Polen liegt uns fern. Unser Zugang, von Sympathie und Zuwendung
getragen, soll dennoch zu allererst der sachlichen Information, der
nüchternen Darstellung der Konflikte und dem sorgfältigen Abwägen und
Erörtern von Entwicklungstendenzen und --potentialen dienen. Wir glauben,
mit dieser Haltung einem gerechten und dauerhaften
gutnachbarschaftlichen Verhältnis zwischen den Völkern, zumindest den
Angehörigen der jüngeren Generation, mehr zu dienen als mit einer
unkritischen, wie auch immer gearteten politischen Bekenntnisschrift.
Die letzten Jahre haben - erfreulicherweise - eine
immer größer werdende Anzahl persönlicher Kontakte und Reisen nach Polen
gebracht. Die Welle der Hilfsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung in
den polnischen Krisenjahren 1981/82 hat Spuren auf beiden Seiten
hinterlassen, die eine geistige Annäherung erleichtern könnten.
Der Wert der persönlichen Kontakte soll nicht
unterschätzt werden. So sehr hier Subjektivität und Emotion im
Vordergrund stehen mögen, so sehr öffnet er auf der anderen Seite auch
die Bereitschaft, sich auf die Probleme und Vorstellungen des Nachbarn
ohne Vorbehalte einzulassen, sich das Thema wirklich anzueignen. Die
Verfasser haben dies vor allem bei Studienfahrten mit Schülern beobachten
können. Daher sollte es uns gestattet sein, etwas von diesen persönlichen
Erfahrungen und Erlebnissen mit einfließen zu lassen, auch um den Leser
anzuregen, selbst seine Kontakte nach Polen zu vertiefen - selbst das
persönliche Gespräch zu suchen, ohne das die nachfolgenden Ausführungen
einer politischen Länderkunde leicht zum unverbindlichen akademischen
Wissen verkommen könnten.
Studienfahrten gehören heute in vielen Schulen zu den
zentralen pädagogischen Veranstaltungen, die dem Schüler tiefere und
persönlichkeitsbildendere Eindrücke vermitteln können als herkömmlicher
Unterricht. Das Reiseziel Polen spielt dabei eine besondere Rolle; sind
doch vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte Kontakte zwischen Deutschen
und Polen niemals so unproblematisch wie Kontakte zwischen den Völkern in
den „klassischen“ Urlaubsländern. Dabei ist es bedauerlich, dass die
deutschen Bemühungen um einen offiziellen Schüleraustausch bisher an den
Kontroversen um die politischen Grundlagen des deutsch-polnischen
Verhältnisses gescheitert sind. zentrale Erfahrung aller sorgfältig
vorbereiteter Reisen nach Polen ist die unmittelbare Konfrontation mit den
Zeugnissen und Zeugen der Zeitgeschichte, mit den Kriegsereignissen und
dem Terror der Naziokkupation. Das Schlüsselerlebnis Auschwitz hat bei
vielen deutschen Besuchern, Schülern und Erwachsenen, tiefe innere
Spuren hinterlassen, deren Wert für die Gewissensentwicklung und
Persönlichkeitsentfaltung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Auschwitz wird dabei zum Symbol und zum Synonym für die Leidenserfahrung
nicht nur eines Volkes, Polen zum Ort der letzten Konsequenz
nationalsozialistischen Vernichtungsterrors.
Es wird nun häufig eingewendet, dass die
Konfrontation mit den unbegreiflichen Schrecken der Vernichtungslager bei
Schülern einen verhängnisvollen seelischen Schock auslösen würde. Wir
sind anderer Meinung. Anders als durch Massenmedien aufbereitete,
vergegenwärtigte und dargestellte Grausamkeiten und Horrorvisionen, die
den Zuschauer in eine passive, unfreie Objektrolle drängen, die auf ihn
einstürzen und ihm momentan sein Ichbewusstsein zerstören, ist die
Auseinandersetzung mit den stummen Zeugen des realen Bösen in dem
ehemaligen KZ und Vernichtungslager Auschwitz/Birkenau, nur unterstützt
durch wenige, sachliche, aber erschütternde bildliche und schriftliche
Dokumente und Zeugnisse, ein Vorgang, der sich im Betrachter selbst
vollziehen muss, der im Nachleiden, im Verstehen-Wollen und im
Nichtverstehen-Können die eigene Person mit einbezieht. Es ist ein Akt der
Kontemplation und Meditation: Trauerarbeit. Ich habe viele Tränen
gesehen; stille, nach innen gekehrte Trauer - in Auschwitz oder auch in
Łódź, am Mahnmal des Kinder-KZ ...
Jede polnische Familie hat in der Okkupations- und
Kriegszeit Angehörige verloren; viele durch Mord und Willkürakte der
deutschen Besatzer, viele in den Lagern. Es waren nicht nur wenige
„abartige“ Sadisten und Mörder aus den Gestapo- und SS-Gliederungen der
Nazis; es waren viele, unbegreiflich viele „normale“ Deutsche, die das
Leid über Polen brachten. Im Krieg zerfließen die Grenzen menschlicher
Achtung und Würde; Tod wird zum Massenereignis, billig und
abgewirtschaftet, ohne Heldentum und Größe. Wer will dort noch die
Grenzen der „Normalität“ abstecken, wer die Grenze zwischen Kampf und
Mord? War es wirklich noch ein so großer Schritt von der
„Materialschlacht“ des Weltkrieges zum industrialisierten fühllosen
Massenmord in den Lagern – Sinnbild dessen, was Menschen anderen Menschen
Böses antun können?
Im Gespräch im Verband der Widerstandskämpfer in
Warschau sitzen deutsche Schüler Menschen gegenüber, die KZ- und
Gestapo-Haft erlitten haben, die Unsägliches mitgemacht und gesehen haben.
Aber gerade hier, wo auch über eigenes Leid sachlich und offen gesprochen
wird, schlägt uns eine ehrliche, tief empfundene Bereitschaft zum
Miteinander, zur gemeinsam getragenen Zukunft entgegen, die den Schülern
eine Lektion in Humanität erteilt. Hier wird deutlich, dass sich die
nachfolgenden Generationen nicht aus der geschichtlichen Verantwortung
schleichen können, es sei denn um den Preis des Verlustes geschichtlicher
Erfahrung und kultureller Identität. Verantwortung ist daher kein Begriff
der persönlichen Schuld, sondern Ausdruck der Freiheit, die Wahrheit der
geschichtlichen Bedingungen akzeptieren zu können, und des Wollens, die
richtigen Handlungskonsequenzen aus dieser Erfahrung zu ziehen. Ich halte
es daher für unabdingbar, dass auch die Rolle Deutschlands als Täter im
historischen Bewusstsein wach gehalten wird. Es gibt keine Opfer ohne
Täter! Friedenswille bedeutet auch, dass jeder deutsche Schüler als
Deutscher schmerzlich mit Auschwitz konfrontiert wird! Die Schmerzlichkeit
dieser Erfahrung soll Maßstab dafür sein, in unserer Gegenwart und in der
Zukunft das Böse zu erkennen, seine Bedingungen zu erforschen und in uns
selbst zu bekämpfen. Frieden bedeutet den Verzicht auf die äußeren
Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten, die das Negieren des Bösen, das
Verschließen der Augen vor Ungerechtigkeit und Machtanmaßung, vor Hass
und ideologischer Verblendung, vor hegemonialem Sicherheitsdenken für
den Augenblick gewähren könnte. Diese Erfahrung ist die gemeinsame
Erfahrung aus der leidvollen Geschichte der Nachbarn Polen und
Deutschland.
Für die unmittelbare Konfrontation mit dem heutigen
Polen müssen aber die zeitgeschichtlichen Grundlagen vorab erarbeitet
werden. Auch die Erscheinungsbilder des heutigen Polen, die dem Reisenden
ins Auge springen, bedürfen der Einbettung in ein umfassenderes
historisches Verständnis. Greifen wir nur ein Problem heraus, auf das wir
im Verlauf unserer Untersuchungen noch mehrfach stoßen werden, die
politische Rolle der katholischen Kirche. Immer wieder wird dem Besucher
Polens deutlich, dass heute trotz aller staatlicher Repressionsversuche in
Polen ein Klima geistiger Liberalität herrscht, das sich aber in
merkwürdiger Weise immer wieder mit kirchlicher Dogmatik mischt. Kritik am
Staat ist weit verbreitet; Mut zur Mitwirkung am öffentlichen Leben, Mut
auch zur individuellen Gestaltung seiner alltäglichen Freiheiten findet
man allenthalben. Kritik an der Kirche hört man aber fast nur in der
Propaganda der Staatsorgane. Die Kirche wird in der Öffentlichkeit als
Gegengewicht zum Staat, als Garant individueller Freiräume gesehen.
Gleichzeitig ist aber innerkirchlich eine merkwürdige Gegenbewegung zu
beobachten, indem sich Institution, Klerus und Hierarchie der öffentlichen
Kritik, aber auch innerkirchlicher theologischer Auseinandersetzung
entziehen. Wie ein protestantischer Theologe in Warschau es einmal
formulierte: Die katholische Kirche ist heute das einzige Tabu in der
öffentlichen Auseinandersetzung. Gleichzeitig warf er, der sich dem
ökumenischen Gedanken verpflichtet fühlt, den Polen einen Verfall in
spirituelle Frömmigkeit vor; ein oberflächlicher Marienkult,
ritualisierte Volksfrömmigkeit, Massenemotionalisierung und politischer
Missbrauch des Glaubens träten an die Stelle des theologisch
verantworteten Christusglaubens.
Der Besuch einer „Messe für das Vaterland“ am Grabe
des ermordeten Priesters Popieluszko, der diese Form der politischen
Andacht hier in seiner ehemaligen Warschauer Pfarrkirche eingeführt
hatte, zeigt jedem Besucher die unerhörte emotionale Gewalt einer
Versammlung Tausender von Polen, die zum Teil sogar in Sonderbussen zur
Kirche kommen und nun in einer unübersehbaren Menschenmenge Kirche und
umzäunten Kirchhof auf den umliegenden Straßen umgeben und der durch
Lautsprecher nach außen übertragenen Zeremonie lauschen. Und dann die
gemeinsamen Gebete, die gemeinsamen Gesänge - „Noch ist Polen nicht
verloren“ und, ganz zum Abschluss: „Maria, Königin von Polen“! Nicht nur
das gemeinsame „V“Zeichen, der den Gottesdienst unterbrechende Beifall
(!) signalisieren eine Macht, die sich längst staatlicher Kontrolle
entzogen hat. Wird hier vielleicht die Heiligsprechung Popieluszkos
vorbereitet? Polen braucht die Kirche - ist diese Kirche aber in der
Lage, als weltlicher Hoffnungsträger ihre geistige Identität zu wahren?
Was ist dies für eine Kirche, die in Polen so anders erscheint als in
anderen Industrienationen?
Wege aus der Krise? Auch diese Frage stellt sich dem
Polenbesucher mit unverminderter Heftigkeit. Polens geschichtliche
Erfahrung ist immer auch die äußere Krisenerfahrung gewesen. Der Weg aus
der Krise war nie der Weg äußerlicher Macht- und Hegemonialmacht, der
Export der Not auf Kosten der Nachbarn. Der Weg aus der Krise war immer
auch ein Weg nach innen, ein Weg der Rückbesinnung auf die „polonitas“,
aber auch ein Weg nach Europa - es war der Weg der Sinngebung des
abverlangten Opfers. Staatliche Gewalten hatten es dabei immer schwer;
Misstrauen gegen Machtanmaßung und ein privater, emotionaler Anarchismus
bestimmen immer wieder die Stimmung im Lande. Aber reicht die geistige
Substanz dieses Jahrhunderts noch aus, einem krisenerprobten Volk einen
Ausweg über einen „inneren Weg aus der Krise“ zu gewähren? Hat nicht die
Macht und Attraktion institutionalisierter und bürokratisierter
Krisenlösungsstrategien längst „andere Weichen gestellt? Auch das ist
eine notwendige Frage an uns Deutsche, die wir Krise fast immer nur nach
außen gewendet erlebt haben, die wir unsere Probleme auf selbstgewählte
Feinde projiziert haben. Unsere exponierte Stellung im West-Ost-Konflikt
spricht auch heute noch eine beredte Sprache davon. muss eine geistige
Erneuerung, die allen Völkern Chancen zu einem Weg aus der Not gibt, nicht
auch von uns ausgehen, von dem selbstgerechten, immer wieder
privilegierten, sich von seiner eigenen Geschichte und Schuld abkoppelnden
Deutschland?
Fragen, denen sich der deutsche Besucher in Polen
ausgesetzt sieht; Fragen aber auch, die das Motiv des vorliegenden Buches
sind. Wenn das Buch einige dieser Probleme klarer ausbreiten kann, wenn es
zum besseren Verständnis Polens beiträgt, wird es auch ein Beitrag zu
einer erneuten Frage an die eigene Identität sein, wird es ein Beitrag
zur Selbstprüfung werden können.
Über Polen wurde in der letzten Zeit viel
geschrieben; auch an Quellenwerken über die Krise und die
Solidarność-Bewegung ist kein Mangel (Büscher et. al. 1983,
Fenchel/Pietsch 1982, Nettelmann 1983)
und die historisch-länderkundlichen Standardwerke haben nur wenig an
Aktualität verloren (hier sei nur genannt Broszat 1982, Rhode
1980, Roos 1979);
ein neuer Versuch sich mit dem heutigen Polen auseinanderzusetzen, bedarf
daher einer Vorüberlegung. Schon 1971 legte Feo Jernsson
in dieser gleichen Buchreihe eine verdienstvolle Studie über „Polen -
Gesellschaft, Wirtschaft und Staat im Wandel“ vor, die in der damaligen
Zeit noch nicht so ohne weiteres auf ein breiteres, für das Thema „Polen“
sensibilisiertes und an de.n Problemen Polens interessiertes Publikum
hoffen durfte, wie das die Autoren heutiger Untersuchungen zum
Gegenstand ohne Frage tun können. Die Rezeptionsbedingungen für das Thema
haben sich seither in Deutschland verändert. Ist das aber ausreichend für
eine Revision des damaligen Ansatzes? Wir haben in der vorliegenden
Untersuchung von den Ausführungen von Jernsson unvermindert
profitieren können; auch heute noch schärft dieses Buch den Blick für das,
was sich im Laufe der Jahrhunderte in Politik und Gesellschaft als das
spezifisch „polnische“ entwickelt hat.
Für die Generation der Deutschen, die den Krieg
miterlebt haben, die den Geschichtsverfälschungen des NS-Regimes zum
Opfer gefallen sind, die Polen eigentlich nur als Feindbild erlebt haben
und das deutsch-polnische Verhältnis als Feindschaft meinten begreifen zu
müssen, war der historische Ansatz von Jernsson notwendig und
heilsam. Wo die NS-Propaganda dem östlichen Nachbarvolk Kultur und
Geschichte versagen wollte, war gerade ein Bestehen auf geschichtlicher
Tiefe und kultureller Kontinuität notwendiger Bestandteil des Versuchs,
den Deutschen wieder den Blick für die Realitäten zu öffnen.
Auch in Polen hat das auch heute noch vor allem in
der älteren Generation spürbare demonstrative Beharren auf dem
historischen Blickwinkel bei der Betrachtung der Gegenwart die Funktion
einer historischen Gegenthese zu dem Vernichtungsverdikt der deutschen
Okkupanten. Das bewusste Beharren auf Traditionen und staatlichen
Symbolen ist aber nicht gleichzusetzen mit politischem Konservativismus!
Die Rekonstruktion historischer Stadtkerne bis hin zur symbolträchtigen
Marienburg (Malbork) findet hier ihren gesellschaftlich-kulturellen
Bezugsrahmen.
Eine neue Generation in Deutschland (wie in weniger
ausgeprägtem Maße auch in Polen) hat ganz andere Probleme mit der
eigenen Geschichte als die „Generation der Väter“. An die Stelle der
bewussten Geschichtsmanipulation durch den Staat ist eine (enttäuschte?)
emotionale Abwendung vom Geschichtsbewusstsein getreten. Die Ideologie der
„Stunde Null“ nach dem Zweiten Weltkrieg suggerierte in Deutschland wie in
Polen einen Neuanfang ohne Bezug zur historischen Kontinuität. Die
Beschäftigung mit der Geschichte schien überflüssig zu sein. Auch wenn
heute eine Revision dieser Abwendung von der Geschichte zu beobachten
ist, finden doch Ansätze der Auseinandersetzung mit falschen
Geschichtsbildern mangels fest geprägter Geschichtsbilder in der jüngeren
Generation nur wenig Verständnis. Es geht deshalb heute darum, erst einmal
wieder ein grundlegendes Verständnis für Geschichte aufzubauen. Ein
historischer Ansatz, so sehr er sich auch der aufklärerischen Tradition
verpflichtet fühlt, öffnet nicht mehr in notwendigem Maße den Blick auf
die Realitäten eines Landes, wie dies früher ganz selbstverständlich
vorausgesetzt werden konnte. Polen ist heute (von einigen extremen Kreisen
einmal abgesehen) kein Feindbild mehr; eher verbinden sich mit dem
Begriff „Polen“ fast exotisch-entrückte, doch noch immer wenig positive
Vorstellungen von einem Volk, dessen Verhalten und dessen Lebensumstände
mit den bei uns gewohnten Maßstäben kaum erklärt werden könnten. Eher noch
schlägt das Urteilsraster des Ost- West-Konfliktes auch auf die
Beurteilung der Situation in Polen durch. Eine kritische Untersuchung
Polens muss sich daher auch mit den Auswirkungen dieser weltpolitischen
Situation befassen und (sich) fragen, wieweit innerhalb dieses Systems
objektive Urteilsmaßstäbe überhaupt noch zu finden sind. Heute Interesse
und Verständnis für Polen zu wecken, aus dem sicheren Wissen heraus, dass
dieses Verständnis für die politische Gestaltung unserer eigenen Zukunft
unabdingbar sein wird, bedeutet nicht mehr den Entwurf eines historischen
Gegenbildes gegen die NS-Geschichtsklitterer, sondern bedeutet, erst
einmal ein greifbares Bild von der Situation unseres Nachbarvolkes heute
zu zeichnen.
Die aktuellen Bezüge und Erfahrungen: Krise;
politische Kontroversen, die in letzter Zeit wieder aufgebrochen sind;
Hilfsaktionen für Polen - sind Ausgangspunkte unserer Überlegungen. Es
erschließt sich auch. das Geschichtsbild Polens neu. Leichter vielleicht,
als es bei einer Darstellung unserer eigenen Situation gelingen würde, da
für viele Polen auch heute noch stärker als für uns, historische
Verhaltensmuster als Urteilsmaßstäbe für heutige Situationen eine
wichtige Bedeutung behalten haben. Ob das ausreicht, die heutigen Krisen
zu meistern, wird zunehmend auch in Polen selbst diskutiert und in Frage
gestellt.
Auch in Polen, das deutet sich hier schon .an,
:werden die Krisenursachen immer stärker nicht nur Im
historisch-staatlichen Kontext gesucht. Die Auseinandersetzungen um die
unabhängige Gewerkschaftsbewegung lässt Soziale und ökonomische
Urteilsansätze stärker in den Vordergrund treten, was sich in einer Fülle
neuer, qualitativ beachtlicher gesellschaftswissenschaftlicher,
ökonomischer und wirtschaftsgeographischer Arbeiten im heutigen Polen
ausdrückt, die wenigstens teilweise in unsere Untersuchung mit einbezogen
werden sollen.
Unser eher gesellschaftswissenschaftlich auf die
Gegenwart Polens bezogener Ansatz unterscheidet das vorliegende Buch
grundsätzlich von der Studie Jernssons. Dies ist das Ergebnis der
veränderten Perspektive einer nachfolgenden Generation, die sich den
geschichtlichen Zugang über die politische Krisenanalyse erst wieder
erschließen muss, ohne die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der
Geschichte darum gering zu achten.
Durch vielfältige Berichterstattungen in den .Medien
(vgl.: Nettelmann 1983)
ist die Erscheinung der „Polnischen Krise“ – sei es unter dem
ökonomischen oder dem politischen Aspekt – Allgemeingut des westlichen
Weltbildes und Stereotyp in der West-Ost-Ideologie geworden. Die Frage
nach .den, durchaus nicht immer offen zutage tretenden Gründen dieser
Entwicklung wird dabei nicht in ausreichender Schärfe gestellt, obwohl
gerade in der richtigen Einschätzung der Problemlagen Chancen
entspannungsorientierten politischen Verhaltens liegen könnten.
Machen wir die Krisenanalyse zum Ausgangspunkt
unserer Untersuchung, müssen wir uns zunächst mit gängigen
Erklärungsstereotypen auseinandersetzen, die den Blick in größere Tiefe
verstellen können und die im öffentlichen Bewusstsein mehr oder weniger
deutlich repräsentiert sind:
-
Polen ist „von Natur aus“ zu einem disziplinierten
Aufbau seiner Wirtschaft unfähig; die Arbeitsmoral ist schlecht, die
Organisationsfähigkeit unterentwickelt;
-
Polen ist das Opfer der „sowjetischen Ausbeutung“
und subventioniert mit seinem Industriepotenzial die sowjetische
Rüstung und mit seinen landwirtschaftlichen Produkten die Ernährung
Russlands;
-
Polen ist ein Musterbeispiel dafür, dass
Sozialisten und Kommunisten „nicht mit Geld umgehen können“ und den
Staatshaushalt „in die Pleite treiben“; nur eine Entscheidung für ein
privatwirtschaftliches Marktsystem bietet einen Ausweg aus der Krise.
Die „Begründungen“ sind untereinander höchst
widersprüchlich und unklar. Sie entziehen sich dadurch einer
unmittelbaren Überprüfung durch den Augenschein. Dies ist das typische
Merkmal ideologischer Aussagen. Daher ist ihrer naiven Anwendung in dem
populären Bild, das wir uns von Polen machen, auch so schwer argumentativ
zu begegnen, können doch Einzelaspekte der polnischen Situation immer
wieder mit diesen Begründungen „erklärt“ werden, ohne dass dadurch eine
treffende Gesamterklärung zu entwickeln ist. Daher soll jetzt nicht
versucht werden, diese Ideologie im einzelnen zu widerlegen, sondern
eine umfassendere Krisenerklärung angeboten werden. Ein erster Ansatz zu
einem erweiterten Krisenverständnis ergibt sich schon dadurch, dass es –
merkwürdigerweise? – ganz ähnliche Krisenerscheinungen in anderen
Ländern mit unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen gibt. Man denke
dabei nicht nur an krasse Beispiele von Verschuldung, technologischer
Abhängigkeit und Ernährungskrise in der „Dritten Welt“, sondern auch an
Züge der Krise in den westlichen Industrieländern, die mit ihrer
Arbeitslosigkeit, mit dem wachsenden Anteil der armen Bevölkerung, mit
Umweltproblemen und Marktzusammenbrüchen ebenso wenig zu Rande kommen, wie
die zuvor genannten Länder. Die Analyse muss daher ein Gleichgewicht
zwischen der für Polen typischen Ausprägung der wirtschaftlichen und
politischen Krise auf der einen und der überregional vergleichbaren Züge,
die den internationalen Kontext aufzeigen, auf der anderen Seite finden.
Das erschwert es aber auch, allein auf nationaler Ebene Auswege aus der
Krise zu finden. Wirtschaftliche Krisenlösungsstrategien
internationalisieren sich zusehends. Es ist daher auch nicht müßig, nach
strukturellen Parallelen zwischen äußerlich entfernten Staaten zu suchen,
so z. B. der Frage nachzugehen, ob die ökonomischen Probleme der
„Schwellenländer“, die den technologischen „big jump“ erproben, mit den
Problemen des heutigen Polens etwa mehr als nur oberflächliche
Erscheinungen gemein haben. Wie ist dabei die Rolle von einseitigen
ökonomisch-technologischen Abhängigkeiten, ein politisches Problem für
Polen wie für Länder der „Dritten Welt“, zu qualifizieren?
In der polnischen Diskussion über diese Probleme
lassen sich drei unterschiedliche Erklärungsansätze unterscheiden:
-
die strukturellen Ursachen der Krise, die sich aus
den zwangsläufigen Disparitäten im Industrialisierungsprozess und in
der Phase des Wiederaufbaus nach dem Kriege ergeben haben und die in
Teilbereichen mit Ungunstfaktoren in der Landesnatur korrespondieren;
-
soziale und politische Ursachen, die sich aus den
Problemen der Anpassung an den raschen Strukturwandel und der Suche
nach einer neuen staatlichen Identität nach den Erfahrungen von Krieg
und Okkupationsterror ergeben und die durch demographische
Verschiebungen noch verstärkt werden;
-
weltwirtschaftliche und weltpolitische Ursachen, in
denen sich die weltweiten Anpassungs-- und Strukturprobleme und die
ungleichen Macht- und Verteilungsstrukturen auf dem Weltmarkt spiegeln.
Eine sorgfältige Ursachenanalyse muss folglich sowohl
eine ausreichende historische Tiefe anzielen, um den Charakter von
Prozessen und Veränderungstendenzen richtig einschätzen zu können, als
auch über die nationalen Grenzen hinausschauen, um übergreifende Ursachen
und Dependenzen zu erkennen und gerechtfertigte Maßstäbe zur Beurteilung
einer politischen Situation zu finden. Damit ergeben sich auch
methodologische Überlegungen, um über das Beispiel Polen hinaus zu einem
besseren Verständnis weltpolitischer Zusammenhänge zu gelangen.
Einige Einzelprobleme sollten schon hier angesprochen
werden, da sie leitmotivisch in dieser Untersuchung immer wieder
anklingen werden:
-
Polen ist eines der demographisch am schnellsten
wachsenden Länder außerhalb der „Dritten Welt“ (wieweit dabei
Faktoren wie der tief verwurzelte Katholizismus, die soziale
Unsicherheit in der industriellen Umbruchsituation oder die
ökonomischen Risiken des Lebens mit unsicher gewordenen
wirtschaftlichen Perspektiven eine Rolle spielen, ist nicht eindeutig
erkennbar);
-
das Städtewachstum im Rahmen des industriellen
Aufbaus wie auch die Umsiedlung einer großen Zahl von Bewohnern der
ehemaligen polnischen Ostgebiete in der heutigen UdSSR in die nach dem
Kriege zu Polen gekommenen Gebiete des ehemaligen Deutschen Reiches
führen zu einer überproportionalen Landflucht, die auf der einen Seite
die Siedlungskapazitäten der Städte sprengen und zum andern das
ökonomische Stadt-Land-Gefälle kritisch verstärken.
Während der materielle Zugang über die Analyse der
Krisenerscheinungen zunächst einmal den unmittelbarsten Kontakt zum
heutigen Polen, zu den Alltagsproblemen des polnischen Menschen herstellt
und damit den Blick auf die Situation öffnet, um Polen als Realität und
nicht als Ideologie verstehen zu können, muss dieser Ansatz wieder
historisch reflektiert werden. Dazu schon hier einige Vorüberlegungen, auf
die wir im Lauf unserer Untersuchung wieder eingehen werden.
Polens Identität in ihrer wechselvollen Geschichte
kann man nicht an einem deutlich abgegrenzten und definierten Raum und
Staatsgebiet festmachen; die Wurzeln liegen in einer Kultur, die aus der
gemeinsamen historischen Erfahrung, aus gemeinsamem Leid und dem
gemeinsamen Widerstand erwächst. Ihre materiellen Zeugen sind dabei oft
europäisch-integrativ. „Polnische“ Gebäude, Siedlungen, Orte sind nicht
die Grundlage der Erfahrung der „polonitas“, sondern die spezifische
Sinngebung, die aus der historischen Erfahrung erwächst. So kann das
heutige Polen Baudenkmäler unterschiedlicher geistig-historischer
Herkunft restaurieren und der eigenen, heutigen nationalen Substanz
einverleiben, ohne dem Gegenstand selbst historisch Gewalt anzutun.
Danziger Altstadt Breslau oder die Marienburg sind dafür Beispiele.
Polen hat sich dabei um die Erhaltung des gemeinsamen
europäischen Kulturerbes mehr als jeder andere Staat verdient gemacht.
Auch dies zu sehen, ist Aufgabe einer genaueren Bewertung des heutigen
Polens. Die kulturelle Weltoffenheit Polens die sich materiell ebenso
erschließt wie im persönlichen Kontakt kann für Besucher aus der
Bundesrepublik, wo geistige Provinzialität zur Lebensnorm geworden ist,
als heilsamer Schock erfahren werden. Diese historisch-kulturelle Tiefe
Polens vor Augen, erscheinen die für die heutige Situation bestimmenden
Ereignisse der Naziokkupation noch viel deutlicher in ihrer brutalen
Barbarei. Polens grundsätzliche politische Entscheidungen nach dem Kriege,
sein~ staatliche Rekonstruktion sind nur vor dem Hintergrund dieser
zeitgeschichtlichen Erfahrung zu verstehen. Westverschiebung des
Staatsgebietes, Bevölkerungsströme, interne Umstrukturierung fast aller
sozioökonomischen Raumbeziehungen, unsägliche Opfer unter den Menschen,
fast völlige Zerstörung der ökonomischen Potentiale und die
Reorganisation der Machtblöcke in Europa verlangten einen völlig neuen
Anfang.
Auf Grund dieser sehr persönlichen Erfahrungen stellt
sich für Polen die Frage nach Staat, Macht und Herrschaft in ganz anderer
Weise als in Deutschland. Das Problem der institutionalisierten
Gegenmacht tritt heute mit ganzer Schärfe an d!e Öffentlichkeit, wenn die
Rolle der Katholischen Kirche und die Rolle der, heute verbotenen,
unabhängigen Gewerkschaftsbewegung „Solidarność“ untersucht werden soll.
Der Frage nach den Auswegen aus der. Krise geht man
in Polen mit weniger Vertrauen in bürokratische und staatliche
Fähigkeiten nach; Basisansprüche werden unmittelbarer,. auch emotionaler
geäußert; die Skepsis gegenüber der Legitimität von Herrschaftsansprüchen
und Eliten ist fundamentaler als in Deutschland – dies kann nicht als
antikommunistische Haltung verstanden werden, sondern ist viel
grundsätzlicher die Konsequenz leidvoller geschichtlicher Erfahrung mit
den Herrschenden.
Im ersten Teil soll - eingebettet in den
Rahmen der wirtschaftlichen Situation - ein Bild der wichtigsten
gesellschaftlichen Bereiche Polens gezeichnet werden unter
Berücksichtigung der immer gegenwärtigen historischen Dimension.
Da ein Anspruch auf Objektivität grundsätzlich nicht
erfüllbar ist, soll ein differenziertes Bild erreicht werden durch den
weitgehenden Erhalt der Originalsprache polnischer Wissenschaftler und
Publizisten sowie die Gegenüberstellung mit der westdeutschen Betrachtung.
Hierzu bedienen wir uns der Wiedergabe regierungsamtlicher Aussagen, der
Aufsätze offiziöser Propagandisten wie auch kritischer Wissenschaftler,
die in polnischen Medien, wie der angesehenen Wochenschrift „Polityka“,
der Tageszeitung „Trybuna Ludu“, der „Rzeczpospolita“ oder der
vielfältigen katholischen Presse schreiben. Die dadurch vermittelte
relativ ausgeprägte kulturelle Liberalität soll zu diesem Bild beitragen,
wie auch die Wiedergabe polnischer Stimmen, die im Lande,
wenn nicht in den Medien dann im Rahmen der Wissenschaft zu Worte kommen.
Die in Zitaten oder Zusammenfassungen polnischer Autoren
verwendeten Formulierungen sind z.T. im deutschen Sprachgebrauch
unüblich, wurden aber soweit wie möglich übernommen.
Unser Ziel ist es, eine gewisse Sensibilisierung zu
erreichen für die innerpolnischen Probleme und die Grenzen des Machbaren
in der Zwickmühlensituation, in der sich Polen befindet. Wir sind
uns der Unzulänglichkeiten vieler Antworten bewusst Bei der Beschäftigung
mit Polen dürfen wir aber nie außer acht lassen, das jede Polenreise zu
einem Gewinn macht: die Begegnung mit Europa.
Der politische Witz hat in Polen eine
Tradition die bis in die Zeit der Teilungen zurückreicht,
einer Zeit fremder und autoritärer Herrschaft. Phasen innerer Liberalität
haben sich auch in der Zwischenkriegszeit kaum herausbilden können.
Der Witz half, die Zeit der Okkupation durchzustehen, dann den
Stalinismus zu ertragen. Unter Gomulka (bis 1970) war es der Spott
über die kleinen Schwächen der Funktionäre, die Klagen angesichts der
Unzulänglichkeiten des Lebens. Man hatte wenig Geld, aber irgendwie ließ
es sich schon leben.
Die Gierek-Ära ist da schon schwieriger: In
der ersten Phase (bis 1975) spottete man über das zu langsame Tempo der
Prosperierung, man witzelte über die „naiven“ Polizisten, die „Erfolge“
der Politiker in ihrer unbekümmerten Selbstdarstellung und über
sich selbst. Es ging einem zwar nicht sehr gut, aber man durfte fröhlich
sein. In der zweiten Phase, ab 1976, mit den Streiks und Unruhen in
Ursus und Radom wurden die Witze bissiger und verletzender. Sie wiesen
wie ein fallendes Barometer auf das bevorstehende Gewitter hin. Es gab
zunächst zwar noch keinen Grund, sich nicht unbekümmert und fröhlich zu
geben, man konnte sich den Anzeichen der Krise aber auch nicht entziehen.
Durch die geöffneten Grenzen strömten Informationen
ins Land. Wenn auch das Ausmaß der Kreditverschuldung verborgen blieb, so
waren die westlichen Maschinen, die in Lizenz gefertigten Autos und Busse,
die importierten Lebensmittel Indizien, vor denen man nur schwer seine
Augen verschließen konnte. Da war das verstärkte Bemühen der Medien, zur
Erklärung der Versorgungsengpässe die Witterung als Sündenbock
heranzuziehen. Dann wieder war Gierek im Fernsehen zu sehen, wie
er in Bergmannskleidung unter Tage die steigenden Förderleistungen der
Kumpel lobte oder wie er in einem sauberen lichten Musterkuhstall die
Steigerung der Fleisch- und Milchproduktion hervorhob – dies angesichts
sich verschärfender Versorgungsengpässe bei Heizmaterial und hochwertigen
Lebensmitteln.
Die zunehmenden Spannungen entluden sich in der
Aggressivität politischer Witze. Nicht nur der kleine Funktionär oder
belächelte Polizist, sondern der Privilegierte wurde mit Häme oder Ironie
bedacht. Die eigene Situation mit Sarkasmen wie „Früher gab es vier
Krisen im Jahr: Frühling, Sommer, Herbst und Winter – jetzt gibt es nur
noch eine – sie dauert von Januar bis Dezember“. Oder bezüglich des
zweiten Geldkreislaufes in Devisen: „In Polen ist alles wie in den USA,
in den USA kann man für Dollars alles kaufen, in Polen kann man für
Dollars alles kaufen – in den USA kann man für Złoty nichts kaufen, in
Polen kann man für Złoty nichts kaufen.“ł
Nach 1980 entfiel die Notwendigkeit, Witze zu machen.
Wenn über Wałęsa gewitzelt wurde, dann um ihn seiner Bedeutung
entsprechend aufzuwerten, vergleichbar zu machen mit den Mächtigen, über
die man Witze gemacht hatte.
Die Witze über den polnischen Papst hatten und haben
eine andere Funktion: einmal die klassische, Schwächen indirekt
aufzuzeigen, dann natürlich der Ausdruck des Nationalstolzes – unser
Papst! Nach dem 13. Dezember 1981, der abrupten Beendigung dessen, was
euphorisch begonnen hatte, wurden unerwartet nur wenig neue Witze
produziert: Über den Polizisten, der 10 Minuten vor Beginn der
Sperrstunde um 23.00 Uhr Jemanden erschießt, obwohl sich dieser
ordnungsgemäß ausweisen kann und dann zu seinem Kollegen sagt, der Mann
hätte seine Wohnung in zehn Minuten ja doch nicht erreichen können! Es
gab wenig boshafte Witze über Jaruzelski. Da war wohl die kleine
Anspielung, der Vergleich mit dem chilenischen Militärdiktator Pinochet
wegen des Tragens der Sonnenbrille, die Rolle der polnischen Soldaten
wurde aber nicht in Frage gestellt! Es sei auch erwähnt, dass sich die
Armee auf Überwachungsaufgaben beschränkt hat. Verhaftungen, Verhöre,
Internierungen, Misshandlungen, das gewaltsame Auflösen von
Demonstrationen blieb der ZOMO (Bereitschaftspolizei) überlassen.
Der Schock, der zweifellos nach Ausrufung des
Kriegszustandes vorhanden war, war nicht die Ursache für das Ausbleiben
politischer Witze! Es war vielmehr das Gefühl der Ohnmacht. und
Hilflosigkeit gegenüber den Kräften, denen man ausgeliefert war. Die
Hoffnungslosigkeit nach dem Scheitern der Ideen und Träume. Zugleich
wusste man, es gab keine realistische Alternative. Das Unangenehme und
Ungewollte musste irgendwie ertragen werden.
Die Versorgung mit dem Nötigsten war zermürbend. Die
große Hoffnung nach Gründung der Gewerkschaft Solidarität war schon. etwa
ab April 1981 einer Ernüchterung und vielfach auch einer Resignation
gewichen. Die Euphorie der ersten Phase war nach endlosen Diskussionen
dahin; jegliche Aussichten auf Verbesserung waren lange schon verflogen.
Die verbissenen Auseinandersetzungen innerhalb der , Solidarność und mit
der Regierung, die Angst vor äußeren’ Einwirkungen angesichts
unverhohlener Drohgebärden sowie den entsprechenden Warnungen hoher
Funktionäre in Partei und Staat, all dieses hatte schon vor dem
Kriegszustand den Optimismus in der Bevölkerung paralysiert. Das trotzige
Verbleiben einer Gruppe Bergleute in der Grube Wujek bei Katowice
(Kattowitz) war nur noch symbolisch wichtig.
Ein nennenswerter Widerstand z. B. durch Stilllegung
der Produktion war völlig unrealistisch - und zwar nicht aufgrund der
Vorschriften des Ausnahmezustandes (Arbeits-- und Anwesenheitspflicht)
sowie der Kontrollen mit aufgepflanztem Bajonett sondern das Absinken
der Produktivität um ca. 45 % bedeutete auch, dass fast die Hälfte aller
Maschinen still standen. Diese schmerzliche Realität, wie auch die
Ursache des Mangels an Ersatzteilen und an Rohstoffen, war allen
Arbeitern bewusst Die Streiks der ersten Phase des Erneuerungsprozesses
hatten wichtige gesellschaftspolitische Folgen - danach haben sie die
Depression beschleunigt. Da es aber im Winter 1981/82 dringend notwendig
war, den für jeden spürbaren Mangel zu beheben, blieb den Arbeitern keine
andere Wahl als in die Fabriken zu gehen.
Zugleich befanden sich die Arbeiter, die in ihrer
überwiegenden Mehrheit „Solidaritäts“-Mitglieder gewesen waren, in einer
Zwickmühlensituation: Arbeiten bedeutete zugleich
Akzeptanz der Militärregierung des Generals Jaruzelski – Verweigerung
hätte eine Vergrößerung der Not bewirkt.
Aus dieser Zwangslage führte kein Ausweg heraus,
selbst das Ventil schwieriger Zeiten – der politische Witz –
funktionierte nicht mehr.
Die Reaktionen zeigten sich denn auch in
demonstrativer Passivität:
-
dem Nicht-Fernsehen; man ging demonstrativ auf der
Straße spazieren, während die Tagesschau lief. Manche Fernsehgeräte
standen eingeschaltet mit dem Bildschirm zum Fenster gerichtet;
-
dem Rückzug ins Private, nicht zuletzt wegen der
ungeheuren Belastung aufgrund der Organisationsschwierigkeiten beim
Verteilen des Mangels, dem Schlange stehen;
-
dem Rückzug in die Familie oder die Kirche;
-
dem Ausweg ins Symbolische; das stumme Auslegen von
Blumen zu einem Kreuz. Vielleicht ein Gebet, ein Lied, „Maria, Du
Königin Polens …“,
-
der Weigerung, den Aufrufen der Partei zu folgen,
den neu gegründeten Gewerkschaften beizutreten.
Diese Phase dauerte bis Mitte 1983. Erst allmählich
wirkten sich die leichte Besserung .der Versorgung und die Lockerungen
des.Kriegsrechts bis zu seiner Suspendierung aus. Direkter und indirekter
Druck, die Mitgliederzahlen der neuen Gewerkschaften zu erhöhen, hatte
allmählich Erfolg.
In der Geschichte Polens hat der politische Witz
seinen Platz als Spiegel.
Es gibt noch immer keine neuen Witze!
Statt einer erwarteten Analyse der vergangenen
Periode sowie entsprechenden Reflexionen und Schlussfolgerungen aus
gemachten Fehlern verstand sich die Militärregierung ausdrücklich in der
Kontinuität des Erneuerungsprozesses und versprach die Verwirklichung der
Vereinbarungen von Danzig vom 31.8.1980.
War dies nun eine gezielte Taktik, um den Kritikern
im Westen zu. begegnen, die von einem „Militärputsch“, einem
„Staatsstreich“ Jaruzelskis sprachen und zwar bis zur Aufhebung
des Kriegsrechts durch das „Gesetz über die Beendigung des
Kriegszustands“ am 22.7.1983 – dem Nationalfeiertag? Es handelt sich dabei
wohl eher um eine Frage der politischen Orientierung der westlichen Presse
und ist somit im Zusammenhang mit den innerpolitischen Prozessen der
westlichen Länder zu sehen.
Eine besondere Rolle spielt der verbale
Schlagabtausch im Kontext zu den militär- und wirtschaftspolitischen
Auseinandersetzungen der USA und der Sowjetunion.
Innerpolnische Probleme sind per se eingebunden in
das Ost-West-Spannungsfeld und verdienen eine besondere Aufmerksamkeit.
Das relativ gezügelte Vorgehen des polnischen Militär- und
.Staatsapparates, z.B. im Vergleich zum nahezu zeitgleichen Militärputsch
in der Türkei, lässt auf eine detaillierte und die „Weltpsychologie“
beachtende Planung schließen.
Ob die bewusste Fortführung des Reformansatzes Taktik
war, bleibt offen.
Es geht auf keinen Fall darum, den Kriegszustand zu
rechtfertigen, ihn aber auch nicht unreflektiert zu verdammen. In
unserem Zusammenhang ist er als gegebenes historisches Faktum, als
politisch-rechtlicher Rahmen zur Durchführung wirtschaftlicher Reformen
zu sehen. So der Ansatz von Partei und Regierung.
Eine mögliche Frage, ob die nahezu völlige
Ausschaltung des dritten Faktors im Machtdreieck: 1. Staat (Partei), 2.
Kirche und 3. Gewerkschaft (Solidarność) die Durchführung der Reform
begünstigt, bleibt noch zu offen. Andererseits ist diese Frage durch die
Entwicklung der „Nach-Kriegszustands-Zeit“ überholt. Sie wurde überlagert
durch neue Problematiken. In der Bevölkerung war es übrigens üblich,
Formulierungen zu benutzen wie: „vor dem Kriege“ oder „nach dem Kriege“
jeweils aber bezogen auf den Kriegszustand!
Es bleibt also die Frage nach den Reformen und ihren
Bedingungen selbst; d. h., welche Funktion der Kriegszustand hat
bezüglich der Entwicklung und Durchsetzung der Reformansätze.
Es soll an dieser Stelle keine Analyse oder Kritik
der polnischen Medien in ihrer Gesamtheit erfolgen. Veröffentlichungen
z. B. der Presseagentur „Interpress“, der von der Polnischen Vereinigten
Arbeiterpartei - PVAP - herausgegebenen Tageszeitung“ Trybuna Ludu“ oder
der angesehenen Wochenzeitung „Polityka“ geben ein deutliches Bild
amtlicher oder zugelassener Versionen. Die Lockerung der Zensur und die
zunehmende kulturelle Liberalität werden nach Beendigung des
Kriegszustandes deutlich sichtbar. Es sei ausdrücklich darauf
hingewiesen, dass polnische Journalisten trotz Zensur und Kriegszustand
größere Freiräume hatten als ihre Kollegen in anderen sozialistischen
Ländern: Wissenschaft und Kultur hatten 1980 ein Maß an innerer
Unabhängigkeit erreicht, das auch nach 1981 kaum zurück geschraubt werden
konnte und in der DDR z. B. undenkbar wäre.
Zunächst wurde in den polnischen Medien der Eindruck
vermittelt, dass die Krisenentwicklung des Jahres 1981 gestoppt wurde.
Typisch ist z. B. folgende Formulierung aus einer Rede Jaruzelskis,
gehalten auf einer RGW-Tagung in Budapest am 8.6.1982: „Der Komplex der
ungünstigen Erscheinungen in der Wirtschaft Polens, die sich seit Ende der
70er Jahre angehäuft haben und durch destruktive anarchistische Aktionen
des Gegners noch verstärkt wurden, hatte tief greifende ökonomische
Folgen. Die Produktion sank drastisch. Allein im vergangenen Jahr
verminderte sich das Nationaleinkommen um über 13 Prozent. In diesem Jahr
sinkt es weiterhin, allerdings immer langsamer. Im Ergebnis haben sich die
Lebensbedingungen der Bevölkerung bedeutend verschlechtert. Die Einführung
des Kriegsrechts bewahrte Polen vor der Katastrophe, in die das Land um
ein Haar geraten wäre. Der Zerfallsprozess der Wirtschaft wurde
aufgehalten.“ (Bulletin Nr. 11/82)
Die Verantwortung für die negative wirtschaftliche
Entwicklung, die zu den Ereignissen von 1980 geführt hat, wird
verdrängt. Es erfolgen nur unspezifische Schuldzuweisungen an
„anarchistische Kräfte“. Allgemeine und in den Medien immer wiederkehrende
Diktion ist die „Rettung des Vaterlandes“, der „Stopp des
Zerfallsprozesses“ in wechselnden Formulierungen und neuen Varianten. Der
Begriff „Anarchismus“ gilt dabei in den sozialistischen Ländern als
Synonym für jegliche nichtkapitalistische, der marxistisch-leninistischen
Ordnung widersprechende politische Zielrichtung.
Die Reformansätze werden unterteilt in:
1. Reformen zur allgemeinen Demokratisierung;
2. Reformen im (nicht ‚des’ ...!)
Wirtschaftssystem(s);
3. Reformen in den sozialen Bereichen.
Zu 1): Es zählen dazu u. a.
-
das Gesetz über den Verfassungsgerichtshof,
-
das Gesetz über den Staatsgerichtshof,
-
das Gesetz über die Gründung des sozialökonomischen
Rates,
-
die Berufung des Verfassungswirtschaftsrates (als
Beratungs-- und Gutachterorgan der Regierung, d. V.),
Zu 2): Hierzu zählen
-
der Beginn der Durchsetzung der Komplexreform der
Volkswirtschaft am 1. Januar 1982 (eine offizielle Formulierung; später
wird dann von „Realisierung“, „Vertiefung“, „Festigung“ etc.
gesprochen);
-
die Schaffung des Preisgesetzes v. 26. 2. 1982 zur
Vorbereitung der Preisreformen;
-
mehrere Gesetze zu Einzelbereichen der
Wirtschaftsreform wie auch der Landwirtschaft.
Zu 3): Hierzu gehören
-
die Bekämpfung der Trunksucht und des
Schmarotzertums (z. B. Verweigerung der Arbeitspflicht, Schwarzhandel
und Devisenspekulation; es sollten aber auch im Untergrund lebende
Anhänger der verbotenen „Solidarität“ getroffen werden);
-
allgemeine Sozialstaatsmaßnahmen vor allem ältere
Menschen und Mütter mit Kindern betreffend;
-
jugendpolitische Maßnahmen und
-
Förderung des Wohnungsbaus (nach: „Wichtige Akte
des Reformprogramms 13.12.1981 – 31. 5.1982“ in ‚Bulletin’ 11/82)
Die Einbeziehung der Bevölkerung in die Diskussion
war wesentliches Element der Wirtschaftsplanung 1982. Mitte August 1982
wurden drei Pläne veröffentlicht. „Bei der Diskussion ergriffen Vertreter
verschiedener Bevölkerungs- und Berufskreise das Wort, auch der
Sozial-Wirtschaftliche Rat äußerte seine Meinung“. Angenommen wurde die
Variante Nr. 2: Ziel war „die allmähliche Wiederherstellung des
Gleichgewichts auf dem Binnenmarkt und im Staatsbudget sowie die
Anbahnung von Entwicklungsprozessen in der Volkswirtschaft und ein Umbau
ihrer Struktur“ [Polens Gegenwart 2/83]. Die Reform sollte in engem
Zusammenhang zur Reform des Vorjahres (1981) stehen. Diese war auf dem
IX. Parteitag der PVAP beschlossen worden und ist unter indirektem
Einfluss der „Solidarność“ zustande gekommen. Die genannten Ziele bedeuten
nun aber nichts mehr als den Abbau der Inflation und den
Haushaltsausgleich. Die musterhafte aber zwanghaft wirkende
Vorgehensweise ist mehr als der vorgegebene Beweis für den guten Willen,
den Erneuerungsprozess fortzusetzen. Er ist die demokratische
Legitimierung staatlichen Handelns und sei es nur formell. Für Polen ist
die Miteinbeziehung der Bevölkerung in die Entscheidungen über
Preiserhöhungen unabdingbare Voraussetzung. Schließlich waren es in
erster Linie die Preiserhöhungen, die Anlass und Ursache waren für
soziale Unruhen – so 1956, 1970, 1976 und 1980.
Der Bevölkerung wurde 1982 indirekt aber eindeutig
die schrittweise Anhebung der Preise bis zum Gleichgewicht angekündigt,
gleichzeitig nur eine Hoffnung auf eine längerfristige Verbesserung der
Versorgungslage angedeutet. Die wichtigsten veröffentlichten Angaben zum
Dreijahresplan sind: Das zu verteilende Nationaleinkommen soll um 10-12
Prozent steigen. Die Industrieproduktion soll insgesamt um 14-15 Prozent
steigen, die „Produktion für den Markt“ und den Export noch höher, um
21-24 Prozent. Mit „Markt“ ist der Binnenmarkt, mit „Export“ der
Westexport gemeint; der Warenaustausch im RGW-Bereich wird aufgrund
gegenseitiger Lieferverpflichtungen abgewickelt.
Die polnischen Publikationen weisen darauf hin, dass
eine Produktionssteigerung nur unter der Voraussetzung erfolgen kann,
dass alle vorhandenen Hemmnisse beseitigt sein werden. Im Handel soll eine
Verlagerung zum sog. SW-Gebiet (sozialistische Länder) stattfinden.
Die Investitionsvorhaben sollen auf ein Minimum
herabgesetzt werden. Folgende Verteilung wird angestrebt:
-
30 % Produktion im sogenannten Ernährungskomplex,
30 % Wohnungsbau und Kommunalwirtschaft,
-
14,3 % Ausbau des Brennstoff- und Energiekomplexes,
25,7% sonstige Investitionen.
Eine verhalten skeptische Stellungnahme zur Reform
gibt der Wirtschaftswissenschaftler Professor Mujzel in einem
Interview mit der Zeitung „Slowo Powszechne“, zitiert nach „Polens
Gegenwart“ 11/83: „Die Reform ist eine gewaltige Operation mit einem
geradezu ungewöhnlichen Kompliziertheitsgrad, mehr noch, es ist eine
Operation, für deren Verwirklichung unser gegenwärtiger Wissensstand
keine genügend konkretisierten und außer Zweifel stehenden theoretischen
Grundlagen gewährleisten kann. Angesichts dieses Sachverhalts wäre es
völlig irreal, sich vorzustellen, dass ein solches Vorhaben auf tadellose
Weise projektiert werden kann.
An den Äußerungen Mujzels wird das
Spannungsfeld deutlich, in dem sich der Wissenschaftler befindet: Einer
wissenschaftlich relativ problemlosen Analyse und Darstellung von Ursache
und Erscheinungsbild der Depression sowie den sehr skeptischen Prognosen
aufgrund vorliegender Daten und Zusammenhänge, stehen äußerst gering
veränderbare Rahmenbedingungen (RGW und System) und der Zwang zum
Zweckoptimismus gegenüber.
Der Fünfjahresplan (1986-90) schließt in Inhalt und
Methode an den vorhergehenden Dreijahresplan an. Seine Ziele werden
zurückhaltend formuliert (nach „Polnische Perspektiven“ 3/1985, S. 57 ff.
– Vgl. auch Kapitel XI/4!):
-
Erreichen und Festigen des Marktgleichgewichts bei
ständig zunehmendem Verbrauch auf der Grundlage der individuellen
Einkommen ohne eine Verschlechterung des Befriedigungsgrades der
Bedürfnisse.
-
Beschleunigung der Modernisierung der
Volkswirtschaft, Kontaktaufnahme mit dem wissenschaftlich-technischen
Fortschritt in der Welt, Schaffung von Bedingungen für die Entwicklung
der Produktion und Anwendung moderner Materialien sowie sparsamer
Technologien.
-
Verbesserung der Effektivität des Exports und
Schaffung von Bedingungen, um die Zunahme der Verschuldung einzudämmen.
Die vorgesehenen Investitionen sollen 10 Billionen
Złoty betragen. Die Importe sollen zu 70 Prozent aus dem RGW-Bereich
kommen (Anstieg um 19 Prozent). Mit einer Steigerung der Erdöl- und
Baumwollimporte kann nicht gerechnet werden. Rohstoffe und Materialien
sollen möglichst inländischer Herkunft sein.
In die Diskussion um den Fünfjahresplan ist die
Fortführung der begonnenen Investitionen mit 3,4 Billionen Złoty
einbezogen. Ein gravierendes Problem ist das Wasserdefizit2 ,
das 1985 mit 12,5 Prozent angegeben wird und für 1990 auf 25 Prozent
geschätzt wird. Hinzu kommt die zunehmende Umweltverschmutzung. Es gelten
27 Regionen als ökologisch stark gefährdet. In ihnen lebt ein Drittel
der Bevölkerung (hierzu näheres in Kapitel VIII/6 und XI/5).
Schon in der Plandiskussion wird die Frage
aufgeworfen, nach „der Wahl gleich brennender Bedürfnisse“: Bau von
Wohnungen oder Schulen; Zunahme des Verbrauchs oder der Umweltausgaben.
Bezüglich des letzten Dilemmas ist zu befürchten, dass dringend
überfällige Investitionen im Umweltbereich zur Begründung der
Nichterfüllung von Konsumbedürfnissen dienen und trotzdem nicht erfolgen.
Im Vergleich zu 1983 werden 1985 kaum noch genaue
Informationen oder Prognosen veröffentlicht. Man weist zwar stolz darauf
hin, dass die Planvorgabe des Dreijahresplanes (1983-85, Steigerung des
Nationaleinkommens um 12 Prozent) bereits nach zwei Jahren erreicht war,
die Zahlen für 1985 werden aber zurückgehalten (vgl. Tabellen 1 + 2 in
Kapitel XI/4).
Es gibt auch keine konkreten Zieldaten für das
Nationaleinkommen bis zum Jahre 1990. Man schätzt nur, dass bei einem
angenommenen Bevölkerungswachstum von 11 Prozent das Konsumniveau um 1,5
Prozent jährlich zunehmen müsste, um das Pro-Kopf-Einkommen des Jahres
1980 zu erreichen (vgl. Anm. VIII 1).
Skepsis zeigt sich auch in den Worten des
Vorsitzenden der Planungskommission Manfred Gorywoda über die
„Parameter des Fünfjahresplanes 1986-1990 (nach „Polnische Perspektiven“,
4/85, S. 8 ff).
Er fordert eine „ehrliche, realistische Einschätzung
der vorhandenen Kräfte“ und weist auf die „starken Rückwirkungen der
Einbrüche der Jahre 1980-1981“ hin.
Für den Export in die kapitalistischen Länder werden
keine konkreten Prognosen gegeben. Über die abgeschlossene Periode des
Dreijahresplanes werden ebenfalls keine Angaben gemacht. Andererseits
lassen Angaben über den Verschleiß der „Grundmittel“ Schlussfolgerungen
zu. Die Angaben schwanken:
-
Baulichkeiten: 26 Prozent,
-
Maschinen und Anlagen: 59 Prozent,
-
Transportmittel: 51 Prozent (nach P.P. 3/85)
Gorywoda weicht in seinen Angaben ab:
Kunststoffindustrie 78 Prozent, Werkzeugmaschinen,
Anlagen der Leicht- und Werkzeugindustrie und Fernmeldetechnik jeweils
ca. 70 Prozent.
„Die Konsequenz davon sind u. a. die
Überholungskosten, die Verschlechterung der Produktionsqualität und die
Schwächung ihrer Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt. Eine derartige
Situation schränkt die Möglichkeiten für eine Steigerung der
Arbeitseffektivität und die Senkung des Energie- und Materialaufwandes
der Produktion ein“ (ebenda; vgl. auch Anm. VI 2!).
Diese sind aber die Voraussetzungen für die Umsetzung
des Fünfjahresplanes.
Bis 1990 wird eine Senkung des Energieverbrauchs um
10,6 Prozent und des Materialverbrauchs um 8,6 Prozent angestrebt. Die
Arbeitsproduktivität soll um 19 Prozent steigen. Die Methode, eine
Rücknahme der Arbeitszeitverkürzungen, wird schon angedeutet.
„Eine Verlängerung der bisherigen Trends würde
negative Konsequenzen für die langfristige Gestaltung der
Lebensbedingungen der Nation, den Platz Polens auf der ökonomischen und
politischen Weltkarte haben“ (ebenda).
In den polnischen Medien wird zur Beschwichtigung der
Bevölkerung zunehmend auf das Vorhandensein von Rohstoffen hingewiesen:
Kohle, Schwefel, Kupfer und Zink. Die Preise für Rohstoffe steigen auf den
Weltmärkten aber geringer als die der Industrieprodukte. Zudem ist für
Polen die Möglichkeit einer Steigerung der Rohstoffexporte erschöpft.
Gorywoda fordert qualitative Veränderungen, „welche eine Verringerung
des Bedarfs der Wirtschaft an Energie, Treib- und Rohstoffen sowie eine
Steigerung der Arbeitseffektivität garantieren“. Sie wären eine
Voraussetzung für die Verbesserung der Qualität der Produkte.
Dies alles ist aber nur möglich um den Preis einer
weiteren Kreditaufnahme. Das Dilemma ist nicht lösbar.
Die Frage nach der mangelnden Motivation der
wirtschaftlich Handelnden ist in polnischer Sicht nicht einfach zu lösen.
War doch das Reformprogramm auf dem außerordentlichen Parteitag im August
1981 Ausdruck einer optimistischen Einschätzung. Gesellschaftliche
Verständigung und Konsolidierung waren dadurch Voraussetzung und Ziel
zugleich. „Da sich die Überwindung der Krise unter dem Beschuss des
Gegners, der zu allem bereit war – einschließlich der Bedrohung der
nationalen Existenz, der Katastrophe des Staates und des wirtschaftlichen
Zusammenbruchs – als unvergleichlich schwieriger erwies, und es sogar
erforderlich machte, nach außerordentlichen Mitteln zu greifen, wie
konnten die Erneuerungsbeschlüsse des Parteitages unter diesen extrem
schwierigen Bedingungen verwirklicht werden und wie sollten sie
verwirklicht werden?“ (Polens Gegenwart 6/84). Jurkiewicz, ein
Kommentator der Presseagentur „Interpress“, deutet damit der polnischen
Lesart entsprechend die Problematik am Ende des Jahres 1981 an. Es müsste
nun der Quadratur des Kreises gleichkommen, bei dem großen passiven
Widerstand die genannten Voraussetzungen und den Erfolg zu erreichen.
Sicherlich haben Schock und Ausweglosigkeit nach dem 13. Dezember 1981 vor
dem Hintergrund bitterer Not Hand-in-Hand gearbeitet. Jurkiewicz hebt
noch hervor, „dass die organisatorisch umgruppierte und mit dem Programm
des IX. Parteitages (1981) ausgerüstete Partei imstande war, freilich mit
größter Anstrengung und um den Preis der Schwächung der eigenen Reihen,
den Sozialismus vor der Vernichtung, die Existenz des Volkes vor dem
Zusammenbruch zu bewahren“. In den Publikationen ist das ausgesprochene
Bemühen erkennbar, zu vermitteln, dass die Erneuerung, die Prinzipien der
sozialistischen Demokratie, durchgesetzt und dass die
„Hauptgesetzmäßigkeiten der weiteren Entwicklung“ geschaffen werden.
Handelt es sich bei diesen Formulierungen polnischer Publizisten nur um
Worthülsen und Propaganda? Teilweise ja – aber nicht nur!
Die Situation zwingt in absehbaren Zeiträumen zum
Handeln: Änderungen im Rechtssystem, Beseitigung der „Fehler der
Gesellschaftsordnung“, Verhinderung von Ungesetzlichkeiten in der
Machtausübung und damit auch mehr Demokratie dieses kann nicht nur
propagiert werden. Auch Jaruzelski muss mehr Demokratie geben,
Ventile müssen geöffnet werden.
Allein 1985 sind knapp eine Million polnischer Bürger
in westliche Länder gereist. Die deutsche Botschaft in Warschau hat
800.000 Besuchs- oder Transitvisa ausgestellt. Den für die Ausreise
nötigen Pass kann ein Pole relativ problemlos bekommen, wenn er eine
offizielle oder private Einladung aus dem Westen vorweist.
Wesentlicher Bestandteil der Wirtschaftsreform
sollten die drei ,S’ werden:
-
Selbstständigkeit der Betriebe
-
Selbstverwaltung der Belegschaften und
-
Selbstfinanzierung der Betriebe.
Die Selbstständigkeit der Betriebe war ein Ansatz in
der Reformdiskussion der Erneuerungsphase. Die innere Ausführung der „Selbstständigkeit“
wurde aber bereits im Oktober 1981 ad acta gelegt und auf die Finanzreform
reduziert: „Das Prinzip der Selbstständigkeit wird durch die
Selbstfinanzierung der Unternehmen praktisch verwirklicht“ (nach K.
Rzemienicki in „Polens Gegenwart“ 19/1981).
Zentraler Gedanke in den Gesetzesvorlagen zur
Selbstverwaltung der Belegschaften sollte die“ Teilnahme der Belegschaft
an der Verwaltung der Betriebe“ sein. Die Arbeiterselbstverwaltung sollte
von den politischen, gewerkschaftlichen und anderen Organisationen
innerhalb der Betriebe abgegrenzt werden und zu einer realen
Mitbestimmung der Arbeitnehmer führen. Die Belegschaften sollten ihr
Mitbestimmungsrecht indirekt durch die Generalversammlung und direkt
durch einen demokratisch gewählten Rat ausüben. Die Bildung des Rates,
Berufung und Abberufung des Direktors sollten ebenfalls nach
demokratischen Prinzipien erfolgen. Der Direktor sollte die „Beschlüsse
der Belegschaft realisieren; sofern sie nicht geltendes Recht oder
gesellschaftliche Interessen verletzten“ (ebenda). Für Streitfälle waren
Schlichtungsinstanzen vorgesehen. Das Gesetz über die Selbstverwaltung
der Belegschaften!
wurde am 25. 9.1981 verabschiedet. Dem Prinzip der
Arbeiterselbstverwaltung wurde nur bedingt Rechnung getragen: „Der zweite
Grundsatz (der Selbstverwaltung) soll durch ausgebaute Befugnisse der
Selbstverwaltung der Betriebsbelegschaft mit gleichzeitig vergrößerter,
strategischer Rolle der Zentralplanung gesichert werden.“ (Rzemienicki,
ebenda). Die direktiven Aufgaben der Unternehmen sowie die Verteilung
der Produktionsmittel (Zuteilungen, Limite) sind durch das Gesetz nicht
betroffen. „Die ,Selbstverwaltungen’ werden die ökonomischen
Arbeitspläne der Betriebe beschließen und deren Erfüllung überwachen, die
Bilanzen und Berichte bestätigen, über die Aufteilung der Entwicklungs-
und Sozialfonds der Unternehmen entscheiden und die Beschäftigungs- und
Lohnpolitik in den Betrieben beeinflussen.“ (ebenda) Die Ausweitung des
Gesetzes auf die Wahl der Betriebsdirektoren konnte durch den Gesetzgeber
nicht mehr vor Ausrufung des Kriegsrechts erfolgen. Zu Art. 49 des
„Gesetzes über die Selbstverwaltung der Belegschaft eines staatlichen
Betriebes“ :
„Der Ministerrat bestimmt durch eine Verfügung den Umfang der Anwendung
dieses Gesetzes auf Betriebe, von denen in Art. 5 des, Gesetzes über
staatliche Betriebe’ die Rede ist und auf Betriebe, die ganz oder
teilweise außerhalb der Landesgrenzen arbeiten“ (vgl. auch Kap. VIII/3).
Die Selbstfinanzierung war zur Einführung
marktwirtschaftlicher Elemente in die polnische Volkswirtschaft gedacht.
Sie wurde benutzt als Mittel zum Abbau des“ Ungleichgewichts“ und diente
somit der Rechtfertigung von Preiserhöhungen (vgl. IV/3). Eine 1984
durchgeführte Umfrage unter hundert Direktoren verschiedener Betriebe
ergab, dass die Direktoren die Selbständigkeit der Betriebe in erster
Linie als Selbständigkeit der Direktoren mit entsprechendem
Prestigevorteil betrachten. Sie sehen in den Ministerien weiterhin die
alten Kader sitzen und damit den Fortbestand alter Entscheidungskriterien.
Die Selbstfinanzierung ist für sie nur ein „beschwerlicher und unbequemer
Zustand“ (nach P.P. 2/85, S. 43).
Im „Rechenschaftsbericht der Regierung zum Stand der
Wirtschaftsreform“ werden die Ziele im Vergleich zu den Reden
Jaruzelskis 1982 und 1983 entdramatisiert dargestellt. Die Rückblicke
als Pflichtübung zur Rechtfertigung des Kriegszustandes werden stark
reduziert.
„Das Programm (der Reform) sah vor allem vor, die
Talfahrt in der Wirtschaft und den sinkenden· Lebensstandard in der
Bevölkerung zu stoppen. Als Hauptaufgabe galten, die Investitionsfront in
Ordnung zu bringen, das Marktgleichgewicht wiederherzustellen, die
wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ausland auf die sozialistischen
Länder umzuorientieren und unsere Zahlungsprobleme allmählich zu lösen.
Ein wichtiges Mittel zur zügigeren Verwirklichung dieser Hauptziele
sollten die Reform unseres Wirtschaftssystems werden ... „ (aus „Trybuna
Ludu“ v. 17.3.1984).
Die Restriktionen durch westliche Staaten, vor allem
die USA und im Gegensatz dazu die Hilfe der Sowjetunion und der anderen
sozialistischen Länder wird hervorgehoben – aber nicht durch konkrete
Angaben belegt. Die Erfolgsbilanz wird im Bericht so eingeleitet: „Bereits
Ende 1982 hatte der Sejm zahlreiche Gesetze zur Umgestaltung des
Wirtschaftssystems verabschiedet. Sie haben neue Bedingungen und
Mechanismen dafür geschaffen, um die Werktätigen zu aktivieren, sie zu
Initiativen anzuregen und ihre Mitverantwortung für die
Wirtschaftsentwicklung und den sozialen Fortschritt auszubauen. Die
Betriebe erlangten organisatorische Selbständigkeit. Es verstärkte sich
allmählich auch das Prinzip ihrer Selbstfinanzierung. Die
Arbeiterselbstverwaltung hat laut eigenen Statuten ihre Tätigkeit
aufgenommen… Die ersten Anzeichen für eine allmählich besser werdende
Situation in der Wirtschaft machten sich im Bergbau und in den anderen
Rohstoffindustrien bemerkbar. Im zweiten Halbjahr 1982 stieg die
Produktion in der verarbeitenden Industrie und im Bauwesen“ (s.o.).
Die Methode, die Erhöhung der Kohleförderung durch
Einführung der „vierten Schicht“ zu erreichen, wird verschwiegen. Diese
dient an sich nur zu Reparatur- und Sicherungsmaßnahmen, nun aber der
maximalen Förderung. Der Umfang der Privilegierung polnischer Bergleute
durch Sonderzuteilungen und hohe Lohnzuschläge wurde nicht offiziell
bekannt gegeben. Während des Kriegszustandes befanden sich „unter Tage“
Läden für Bergleute. Jetzt gibt es höhere Zuteilungen. In der polnischen
Öffentlichkeit ist auch nicht bekannt, dass die oberschlesische Kohle auf
westlichen Märkten bis zu 10 Prozent unter dem Weltmarktpreis
verschleudert wird.
Die Erfüllung des Dreijahresplanes wird dargestellt
als:
-
eine Steigerung der Arbeitsproduktivität um ca. 12
Prozent,
-
Einsparungen von Rohstoffen und Materialien und
-
das Erreichen einer positiven Handelsbilanz mit
westlichen Ländern. Der Anstieg der Industrieproduktion um 6,3 Prozent
wird dadurch relativiert, dass „die einfachen Möglichkeiten der
Produktionsrekonstruktion teilweise erschöpft waren“.
Im Bereich der Investitionen wurde der Plan um 16
Prozent überschritten, aber nicht alle Objekte planmäßig übergeben.
Probleme bestehen in:
-
der Dekonzentration der Mittel,
-
den Verspätungen bei der Realisierung des
Sachprogramms,
-
der schlechten technischen Struktur der
Investitionsaufwendungen und
-
der ungenügenden Einhaltung des Sparprogramms durch
die Betriebe.
Eine folgenschwere Aussage ist: „Ein Teil der
Betriebe zeigte auch mangelndes Interesse, eine praxis bezogene Forschung
für moderne Neuentwicklungen zu initiieren oder durchzuführen. Die
Kontakte zwischen den Wissenschaftlern und der Wirtschaftspraxis haben
sich gelockert; es wurden weniger Forschungsergebnisse und Erfindungen in
die Praxis umgesetzt.“
Die nicht erfolgte Verbesserung der Qualität wird auf
die Devisenknappheit, sinkenden Beschaffungsimport, den Zwang zur
Verwendung von Ersatzmaterialien und den sich verschlechternden
technischen Zustand der Maschinen und Einrichtungen zurückgeführt.
Als Ursachen werden auch subjektive Faktoren genannt:
-
fehlerhafte Arbeits- und Produktionsorganisation,
-
wirkungslose Motivationssysteme,
-
Abweichungen von den Qualitätsnormen und
Pfuscherei,
-
nachlässige Kontrolle der Produktionsqualität,
-
mangelndes Verantwortungsbewusstsein und
Misswirtschaft.
Es ist zu berücksichtigen, dass Regierung und Partei
während des Kriegszustandes unter einem besonderen Erfolgsdruck standen.
Dadurch bestand gleichzeitig die Gefahr einer Manipulierung der
Ergebnisse aus propagandistischen Gründen.
Hervorzuheben ist auch der in der Veröffentlichung
dieses kritischen Berichts der Regierung zum Ausdruck kommende größere
publizistische Spielraum des Jahres 1984.
Ein ernüchterndes Urteil wird von Professor
Pajestka, einem Mitglied der ökonomischen Beratergruppe des Sejm,
abgegeben (aus: Polens Gegenwart 6/84). Zwei Jahre nach Beginn der Reform
sind aus dem Komplex der drei „S“ im finanzökonomischen Teil bis zu 30
Prozent erreicht worden. In den übrigen Bereichen der
„Selbstregelungsmechanismen“, die Pajestka unterteilt in
Selbstfinanzierung, Einführung von Marktmechanismen und Anpassung der
zentralen Leitungs- und Planungsmethoden an die Reformansprüche, sind
wohl 10 Prozent erreicht worden. Als Ursachen sieht Pajestka die
institutionellen und gesellschaftlichen Widerstände sowie mangelnde
Unterstützung wie auch Unverständnis in breiten Bevölkerungskreisen.
Vorsichtig erwähnt er die „bestimmten gesellschaftspolitischen
Verhältnisse“ als weiteres Hemmnis.
Die Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler sind mit
der Reform nicht einverstanden, da ihnen ein „ideal funktionierender
Marktmechanismus als Endresultat vorschwebt“. Ein anderer Teil hat lt.
Pajestka die Reformrichtung akzeptiert, aber die katastrophalen
Bedingungen vergessen, unter denen das Modell durchzusetzen ist.
Ein Beispiel für einen Versuch, die „Preistreiberei“
der Firmen zu verhindern, ist der Vorschlag einer „Inflationssteuer“ zur
Abschöpfung der Gewinne.
Der Vorschlag konnte aber nicht umgesetzt werden, da
dem Finanzapparat die technischen Möglichkeiten zur Berechnung einer
solchen Steuer einfach fehlen.
Der in einigen Wirtschaftszweigen vorhandene
Arbeitskräftemangel wird begründet mit Schwierigkeiten in
„Motivationsmechanismen“. Dies sind i.d.R. zu geringe Einkommen für höher
Qualifizierte die durch den „Egalitarismus“,
d. h. ein Lohnsystem nach sozialen Kriterien bedingt sind. Hierzu sei
anzumerken, dass vor allem nach Ausrufung des Kriegsrechts
Produktionsarbeiter höhere Löhne erhielten. Im Bergbau waren es bis zu
40000 Zł., in der Metallindustrie bis zu 25000 Zł. pro Monat. Gleichzeitig
wurde an Angehörige akademischer Berufe nur 12.000 – 15.000 Zł. gezahlt.
Zeitweilig gab es eine delikate Diskussion in Kliniken, in denen die
Putzfrauen ein größeres Gehalt bekamen als die Stationsärzte oder die
Krankenschwestern. Die Begründung: Sie machten schließlich die
unangenehmste Arbeit. Dem partiellen Arbeitskräftemangel steht eme
Überbesetzung der Betriebe mit Arbeitskräften von ca. 30 Prozent
gegenüber.
Im „Gesetz über den Berufsaktivierungsfonds“ wurde
als Novum die Möglichkeit zur Finanzierung des Sozialunterhalts für
„zeitweilige Arbeitslose“ aufgenommen. In diesem Zusammenhang sei auf das
in der Verfassung verankerte Recht auf Arbeit hingewiesen. In der
polnischen Wirtschaftswissenschaft wird aber schon eine Arbeitslosenquote
von ca. 1-2 Prozent als durchaus vernünftig angesehen.
Pajestka schließt treffend: „Wir wursteln wie
bisher bei der Eigenfinanzierung herum“ (s.o.).
Es stellt sich die Frage, ob die Reform misslungen
ist – wie ihre beiden Vorläufer auch: Die Reformansätze von 1956 sind
gescheitert, bevor sie umgesetzt werden konnten. Gomulka – er war
.im Oktober 1956 nach Ende der Stalinismusphase wieder an die Macht
gekommen – lehnte die damaligen Reformansätze aus ideologischen Gründen
ab. Er meinte, dass es sich um den Versuch handele, in den Sozialismus
fremde, dem Kapitalismus entnommene Lösungen einzuschleusen,
(nach Pajestka, in „Polens Gegenwart“, 19/1985, S. 7).
Die Reform der achtziger Jahre ist rechtlich
abgesichert worden. Pajestka sieht die Problematik ihrer Umsetzung
in der „Konspiration kleiner Interessen“ und in der „Funktionsweise des
homo biurocratius“. Dieser strebe zu einem „Höchstmaß an Privilegien, die
der Macht innewohnen, bei einem Mindestmaß an Verantwortung“. Er
kritisiert, dass die Machtorgane „das Problem der Zentralisierung nie als
ein Problem ihres rationalen Umfanges betrachtet haben“. Ein Ministerium
ist deshalb auch kein großer sozialistischer Konzern, denn jener trägt die
volle ökonomische Verantwortung mit der Konsequenz des Bankrotts. Ein
Ministerium fällt nur Entscheidungen, trägt jedoch nicht deren Folgen!
Dies begünstigt das Privatinteresse (der Bürokraten), sich selbst
Vorteile zu verschaffen.
Die Konzentrierung des Problems auf das
Privatinteresse ist nicht nur auf den „Zentralen Apparat“ beschränkt,
sondern gilt ebenso für die Mitarbeiter in den Betrieben: „Ein System, das
die Verantwortung in der Zentrale ausschließt, schließt auch im Betrieb
die Verantwortung aus. Ein solches System charakterisiert sich auch durch
große Nachsicht gegenüber den Betrieben _ daher all die Subventionen,
Dotierungen, die die Kosten decken, usw. Ein System, das gegenüber den
Betrieben nachgiebig ist, muss gegenüber dem Bürger hart sein“ (ebenda)
Pajestka sieht eine Lösung darin, dass das
System gegenüber den Betrieben hart wird, damit die Krankheit – das
Syndrom des Privatinteresses – beseitigt wird. Ihm ist aber auch das
Problem der Durchsetzung bewusst: „Die Reform hat seit 30 Jahren eine
solide theoretische Basis. Des Pudels Kern steckt darin, dass es an
politischem Willen fehlte, sie einzusetzen“ (S. 9). Die einzige
Lösungsmöglichkeit sieht er in der Durchsetzung der Reform durch eine
starke und leistungsfähige politische Führung. Nicht nur die
theoretischen und technischen Lösungen müssen richtig sein, „die Reform
ist eine gesellschaftlich-politische Bewegung“ (S. 10). Dazu muss die
Gesellschaft von der Notwendigkeit der sozialökonomischen Sanierung
überzeugt werden!
Zentrales Problem der polnischen Volkswirtschaft ist
das wirtschaftliche Ungleichgewicht.
Die Depression der Jahre 1979 und 1980 war zwar für jedermann spürbar, die
Wirtschaft schien aber, als man Ende 1980 begann, das Reformprogramm
auszuarbeiten, noch fähig, auf Steuerungsmechanismen zu reagieren.
Der völlige Zusammenbruch des Gleichgewichts erfolgte
erst ein Jahr später, als nahezu die Hälfte der Produktionskapazität
brach lag und Polen gegenüber den Devisenländern zahlungsunfähig wurde.
Die Zinsen für die 26 Milliarden US-Dollar konnten nicht mehr bezahlt
werden. Die Schulden betrugen Ende 1985 etwa 30 Mrd. US-Dollar.
Die Arbeitsproduktivität war um ca. 25 Prozent, das
Realeinkommen um 17 Prozent gesunken, die Inflationsrate bei 100 Prozent
angelangt. Das Anlaufen der Reform erfolgte zeitgleich mit dem
Kriegszustand, nicht als dessen Folge. Wenn also „aus objektiven Gründen
die Entscheidung gefällt wurde, das gesamte Leitungsgefüge umzustellen“
(Jurkiewicz, „Polens Gegenwart“ 16/84), dann bleibt die Frage, welche
Alternative noch bestand: Die Wiederherstellung des alten Modells war
diskreditiert, da es ja gerade zur Krise geführt hatte! Ob nun
tatsächlich objektive Gründe vorlagen und nicht eher psychologische
Momente aufgrund der Doppelfunktion des Kriegszustandes (vgl. oben)
bleibt fraglich. Es gibt zumindest keinen Beweis. Wurde also doch nur
gewurstelt? Die Modifizierungen im System sind keineswegs zu
unterschätzen. Neben den drei „S“ – selbständig wirtschaftend, selbst
verwaltend und selbst finanzierend – ist es die Eröffnung einer
grundsätzlichen Chance zur Einbeziehung sämtlicher Wirtschaftsebenen. Es
bleibt zumindest eine gewisse Hoffnung zum Übergang vom „Direktiven- und
Verteilungssystem“ zu ökonomischen Instrumenten staatlicher Steuerung in
Produktion, Dienstleistung und Handel.
Weiterhin ist die Entwicklung eines Lohnsystems, das
Effektivität und Produktivität berücksichtigt, ein Schritt zu
marktwirtschaftlichen Mechanismen.
In den polnischen Medien wird das „langsame Tempo bei
der Überwindung des Ungleichgewichts“ beklagt und den Betrieben die
Schuld wegen einer „Bindung der Produktionskapazität“, die den
„ungedeckten Geldfluss auf dem Verbrauchermarkt“ verursacht, angelastet.
Die positiven Ansätze der Jahre 1983 und 1984,
Anstieg der Industrieproduktion um 4,8 bzw. 6,7 Prozent jeweils im ersten
Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum, sind seit 1985 rückläufig. Der
Anstieg der Industrieproduktion wird am Jahresende 1985 mit 3,1 Prozent,
der Arbeitsproduktivität mit 3,9 Prozent angegeben. Das Hauptamt für
Statistik gibt im Februar 1986 das erzeugte Nationaleinkommen 1985 um ca.
3 Prozent höher an als 1984, pro Kopf der Bevölkerung um „über 2 Prozent
höher“ (P.G. 2/86).
Angesichts der fortdauernden Depression werden
kleinere positive Ansätze stark hervorgehoben. Zbigniew Jurkiewicz,
Zweckoptimist der Presseagentur „Interpress“, skizziert sie in seinem
Aufsatz „Sechs positive Tendenzen in der Wirtschaft“ (nach „Polens
Gegenwart“ 8/85).
Bezeichnenderweise beginnt er mit der Natur, die
durch den „harten Winter“ und den „verspäteten Frühling“ der Wirtschaft
Polens „in dem Moment einen Schlag versetzt hat, in dem sie sich gerade
von der Krise der letzten Jahre erholt“. Die sechs positiven Tendenzen
sind „nur die wichtigsten, die sich schon in hohem Grade gefestigt haben
und uns optimistisch in die Zukunft blicken lassen“:
|
1. |
„Das rasche, ja geradezu hohe Zuwachstempo des
erzeugten Nationaleinkommens. Es betrug 1983 und 1984 über 5 % jährlich
... Zwar war das NE 1984 noch um 14 % niedriger als vor der Krise
(1979), doch hat die Bevölkerung in jener Zeit um 2 Millionen Menschen
zugenommen.“ |
|
2. |
„Die rasche Entwicklung der Industrieproduktion und
die 13,4 % betragende Steigerung der verkauften Konsumgüterproduktion
... In der Industrieproduktion sind (schon) 94,2 % des Höchstniveaus von
1979 erreicht worden. |
|
3. |
Die Landwirtschaft erzielte 1984 bereits 97 % des
höchsten Produktionsniveaus von 1978. Andererseits fehlt angesichts der
Versorgungsengpässe nicht der Hinweis auf die „Depression in der
Tierproduktion“! |
|
4. |
Die gestiegene Arbeitsproduktivität (1983: +7,5%,
1984: +6 %); sie liegt ca. 5,5 % höher als 1979. Jurkiewicz
begründet sie mit einer Vision von der sich „immer stärker
durchsetzenden Denk- und Handlungsweise ... in eine qualitativ höhere
Entwicklungsphase“. Dies zu einer Zeit, „als die Aufwendungen für die
technische Ausrüstung der Produktionsprozesse wegen des
Verbraucherschutzes rigoros zusammengestrichen wurde und die
Dekapitalisierung
der Grundmittel schon seit 1980 anhält ... |
|
5. |
Die Erhöhung der Exporte (1983 und 1984) um
insgesamt 17,6 % (in den Bereich der nicht sozialistischen Wirtschaft
um 25,1 %); im Vergleich dazu der geringe Zuwachs der Importe um 12,5 %,
bei den „Dollarumsätzen“ um 19,5 %. Die Handelsbilanz war positiv, die
„Schuldabzahlungen in den NSW-Bereich 4 Mrd. Dollar jährlich.“
Der Anteil der Zinsen und Tilgungen wird in der polnischen Presse nicht
gen au genannt; gleiches gilt für die Umschuldungsabkommen.
|
|
6. |
Der Anstieg der Realeinkommen von ca. 2-3 %
jährlich, „der sich ungleichmäßig auf die einzelnen Bevölkerungsgruppen
verteilte und kaum bemerkt wurde.“ |
Von „der anderen Seite der Bilanz“ wird das mangelnde
wirtschaftliche Gleichgewicht im allgemeinen und das fehlende
Gleichgewicht beim Geld- Waren- Kreislauf im besonderen genannt.
Kurz wird auf die vielen Einschränkungen bei der
Versorgung mit Rohstoffen, Energie und Materialien, die fehlenden
Importmittel und die drastisch eingeschränkten Investitionen hingewiesen.
Die „Kosten für die raschere Überwindung des fehlenden Gleichgewichts
mussten in der Wirtschaft getragen und die Investitionsaufwendungen auf
Kosten der Einfrierung der Bevölkerungseinkommen aufgestockt werden“. Der
„Planungsrückstand wird für 1985 auf 1000 Mrd. Złoty, gleich 1 % des
Gesamtwerts des Jahresplanes“ geschätzt. In einer grundsätzlichen Kritik
wertet H. Gabrisch alle Entwicklungen von Bruttonationaleinkommen,
Investitionen, Konsum und inländischer Ersparnis nur als grobe Annäherung
an die Wirklichkeit, „da die polnische Statistik gegenwärtig keine
längeren Zeitreihen zuverlässiger Daten bietet.“ (in ,Polen 1983/84’, 71)
Seit etwa der Mitte des Jahres 1985 werden praktisch
keine aussagefähigen Daten mehr veröffentlicht. Man spricht wohl von der
verminderten Anbaufläche für Roggen zugunsten der intensiveren
Getreidearten Weizen und Gerste und gibt auch einige Durchschnittserträge
an: 28,9 q/ha bei Getreide, 174 q/ ha bei Kartoffeln und 336 q/ha bei
Zuckerrüben. Die Zahl der gezüchteten Schweine wird mit 17,6 Millionen
angegeben. (Angaben für 1985 nach P.G. 2/86). In einem anderen Falle gibt
man die Zahl der Pferde und Schweine in einer Region an für das Jahr 1946
und ergänzt, dass heute, nach vierzig Jahren, alles besser sei.
Die Diskussion über das wirtschaftliche
Ungleichgewicht wird in der Öffentlichkeit generell unter Vermeidung des
Begriffes selbst geführt: „Man befindet sich auf dem Wege zum
Gleichgewicht“ und: „es gilt, den Weg konsequent zu beschreiten“.
Wie äußert sich nun das Ungleichgewicht für den
Bürger? Es soll zunächst nicht mit Hilfe von Produktionsziffern oder Daten
über die Einkommenssituation ein realistisches Bild gezeichnet werden,
sondern durch Darstellung subjektiver aber typischer Erfahrungen.
In der westlichen Presse wird zumeist im Rahmen von
Reisebeschreibungen vom grauen Alltag berichtet, vom Schlange stehen, der
schlechten Qualität der Waren und der Unterversorgung auf dem Land. Die
Selbstversorgung mit Obst, Gemüse und Fleisch sowie der aus dieser Form
von Disparitäten entstandene „private Warenausgleich“ sind bekannt. Die
leeren Ladenfenster sind im Jahre 1985 teilweise wieder gefüllt mit
Konsumgütern. Daraus kann aber noch keine Verbesserung der Situation
abgeleitet werden. Es ist nahezu unmöglich, ein bestimmtes Produkt zu
einer bestimmten Zeit an einem Ort zu kaufen. Es ist aber unzulässig,
allein aus diesem Sachverhalt auf eine Unterversorgung zu schließen.
Es gibt zwar eine starke Diskrepanz zwischen Bedarf
und angebotenen Waren. Das Problem kann man aber lösen: „Man muss nur
etwas suchen und hin und wieder mal Glück haben“, so ein polnischer
Bürger.
Es ist den Geschäftsleitern unmöglich, konkrete
Angaben über Zeitpunkt und Umfang bestimmter Lieferungen zu machen.
Vorbestellungen sind in der Regel untersagt. Die Versorgung mit
Grundnahrungsmitteln erfolgt aber ausreichend.
Wer einen technischen Konsumartikel oder höherwertige
Lebensmittel sucht, muss regelmäßig in Geschäften nachfragen und ein
unfreundliches „nie ma“ („gibt’s nicht“) in Kauf nehmen. Es ist
unumgänglich, dass man eine Tasche und stets genügend Bargeld dabei hat,
damit man, wenn man das langjährig gesuchte Kleidungsstück bestimmter
Farbe und Größe oder das Schränkchen bestimmter Breite entdeckt, sofort
zugreifen kann. Der nächste Kunde blickt dann neidvoll auf den
Glücklichen. Die entwickelte „Eichhörnchenmentalität“ führt zwangsläufig
zu einer Vergrößerung der Versorgungsmisere. Zudem können diejenigen, die
über genügend Freizeit verfügen, wie Frührentner oder Schwarzhändler, die
nur pro forma einen Arbeitsplatz z. B. beim Schwager haben,
die knappen Güter aufkaufen, um sie gegen Aufpreis wieder zu verkaufen.
Eine gewisse Marktstabilisierung ist durch einen
anderen Umstand erfolgt. Bedingt durch den Rückgang der Realeinkommen
sind die Spareinlagen abgehoben worden und jetzt aufgebraucht. Da ein
durchschnittliches Familieneinkommen ohnehin nicht ausreicht, um den
Lebensunterhalt zu bestreiten, bleibt der Kauf eines neuen Anzuges für
8000 Zł. ein Wunschtraum. Durch die sinkende Nachfrage entsteht dadurch
ein scheinbar größeres Angebot in den Textilgeschäften.
Trotz strenger Kontrollen sind unerlaubte Praktiken
beim Verteilen der „Mängel“ nicht zu unterbinden. Andererseits:
Wo der Übertritt zur Regel und die Abweichung zur
Norm werden, wird derjenige belächelt, der das System von Verboten und
Vorschriften einhält. Das ist selbstverständlich nicht nur in Polen so,
nur hat man es dort perfektioniert. Einerseits führt dies dazu, dass die
Polen es verstehen, trotz dieser äußeren Zwänge sarkastisch unbekümmert zu
leben – wie schon oft in ihrer Geschichte. Andererseits führt die
schlechte Versorgungslage trotz optischer auch objektiver Verbesserungen
zu einer Zermürbung. Die Menschen sind physisch müde und gesellschaftlich
apathisch. Es ist sicherlich die Not, die Menschen dazu bringt, die Marken
für ihre monatliche Fleischration von 2,5 kg auf dem Schwarzen Markt zum
Preis von 500 Zł zu verkaufen. Manuell tätige Arbeiter erhalten 4 kg,
Schwerarbeiter weitere Zulagen und Bergarbeiter 7 kg Fleisch pro Monat.
Ein kg kostet je nach Qualität mit Knochen 150-450 Zł., Wurst kostet
zwischen 240 und 1200 Zł. und Schinken 900 Zł. pro kg.
Offizielle Quellen zu wirtschaftspolitischen Fragen,
der „Behebung des Ungleichgewichts“ sind:
-
die Mitteilung des Hauptamtes für Statistik,
-
der Rapport über den Realisierungsprozess und
-
der Entwurf für den Zentralplan 1985 (der Plan für
1986 wurde nicht veröffentlicht).
Als Ausdruck positiver Ergebnisse werden z. B. im 1.
Halbjahr 1984 die bessere Nutzung der Produktionskapazität um 4 %, die
Steigerung der Produktivität um 8 % sowie eine positive Zahlungsbilanz
gegenüber der „Dollarzone“ und eine über den Erwartungen liegende Nutzung
der Roh- und Werkstoffe genannt. Daneben wird ein Verbrauchsrückgang um
2-3 % erwähnt. Eine dünne Waren decke und geringe Steigerungsrate bei
Konsumgütern sowie die Vergrößerung des Geldüberhanges werden
festgestellt.
Neben der ungünstigen Produktionsstruktur werden noch
andere hemmende Faktoren bei der Überwindung des Ungleichgewichts
genannt:
-
die miserable Lage im Investitionsbereich,
-
die Überschreitung der Auflagen, die weit über den
Planprognosen liegen,
-
eine nur „einfache“ Regeneration des verschlissenen
Potentials,
-
die Belastungen durch die Investitionsprogramme der
70er Jahre,
-
Lücken in der Struktur des Erzeugungsapparates (d.
h. z.B. nicht ersetzte bzw. reparierte Maschinen).
Als dringende Probleme werden angeführt:
-
die Behebung der Wohnungsnot (40 % der
Investitionsmittel),
-
der Viehbestand ist immer noch unter
Vorkrisenniveau; bei Schweinen ca. – 20 %; der Fleischaufkauf lag 1984
um ca. 50 % unter dem von 1979! 1985 stieg die „tierische Produktion“ um
4,6 Prozent.
Da die Produktionssteigerungen (1983) weitgehend auf
die „Erschließung von Reserven“ zurückzuführen waren, die sich
erschöpften, sind für die zweite Hälfte der 80er Jahre
Produktionsfortschritte nur durch Effektivitätssteigerungen möglich.
Damit werden im „Rapport“ der Problemkreis
angesprochen und dringende Modifizierungen vorgeschlagen. Neben der
Hervorhebung der Eigeninitiativen in den selbstständig gewordenen
Wirtschaftssubjekten sind es folgende Forderungen: „Die Strukturen der
zentralen Schaltstellen müssen dem Zielmodell für die Leitungsarbeit
angepasst werden, ihre Wirtschaftspolitik muss sich dahingehend verändern,
dass sie sich auf ökonomische, vom Marktmechanismus beeinflusste
Steuerungsverfahren für die Entwicklungsprozesse, für die Versorgung, das
Lohn-Preisgefüge einstellen und im Endergebnis das
Wirtschaftsgleichgewicht wiederherstellen“ (s.o.). Jurkiewicz meint dazu,
„dass die Reform vor dem Wirtschaftszentrum halt gemacht hat“; dies ist
aber der Planungs- und Lenkungsapparat des Staates selbst! Insgesamt
entsteht der Eindruck, dass sich die Wirtschaftsjournalisten schwer tun,
aus wenigen exakten Angaben, Schätzungen, Teilergebnissen und nur
begrenzt zulässigen Zahlenvergleichen ein halbwegs realistisches Bild zu
zeichnen. Als Ausweg ersinnen sie für den Laien bombastisch klingende aber
inhaltsleere Begriffe. Die Erwartung, bis Ende 1985 90 Prozent des
Bruttosozialproduktes von 1979, dem Jahr vor der Krise, zu erreichen,
wurde nicht erfüllt: 86 Prozent war das Ergebnis. 1984 hat man das BSP von
1970 erreicht. Es war das Jahr vor der Aufschwungphase unter Gierek.
Eine gewisse Hoffnung wird in Polen mit der Ernennung
des Wirtschaftlers Professor Zbigniew Messner zum neuen Premier
verbunden. Aber auch er kann die bisherigen Grundsätze nur neu
akzentuieren.
Thesen aus seiner Sejmrede (nach P.G. 23/85):
-
Entwicklung und Modernisierung des
Produktionspotenzials und intensivere Umstrukturierung in der
Wirtschaft.
-
Eine grundlegende Beschleunigung des
wissenschaftlich-technischen Fortschritts und eine effektivere Nutzung
seiner Ergebnisse.
-
Eine umfassendere Teilnahme Polens an der
internationalen Arbeitsteilung.
-
Gewährleistung des ausgeglichenen Geld- Waren-
Kreislaufs.
-
Eine größere Wirksamkeit der Mechanismen der
Wirtschaftsreform und die Einhaltung der von ihr vorgegebenen Regeln.
Um die Qualität der Produktionsmittel zu erhöhen,
soll die Investitionspolitik entsprechend umgestaltet werden. Der
wissenschaftlich-technische Fortschritt soll dazu dienen, „die Wirtschaft
dazu zu zwingen, sich den von den Gesetzen der Weltwirtschaft diskutierten
Standards der Modernität und der Produktionseffektivität anzupassen“. Dies
entspricht den seit langem entwickelten Vorstellungen der polnischen
Ökonomen. Ob und wie es umgesetzt werden kann, bleibt zu erwarten. Auf
jeden Fall wird der Zufluss neuer westlicher Technologien als unabdingbar
angesehen. Die dazu nötigen Lizenzen können nur über weitere
Dollarkredite erworben werden. Der Warschauer Wirtschaftswissenschaftler
Jerzy Kleer hofft auf „exportfördernde Investitionsvorhaben“. Das Gesetz
über Gesellschaften mit ausländischem Kapital, joint ventures, soll dies
ermöglichen (vgl. Kapitel XI/4 mit SCHEMA 3!).
Versprechungen gibt es nicht mehr: „Neu an unserer
heutigen Denkweise sollte etwas anderes sein, nämlich das tiefe
Bewusstsein, dass eine richtige Realisierung der Innovationsprozesse uns
erst an der Schwelle des Jahres 2000 erlauben wird, unsere
Wirtschaftsziele zu erreichen“. (Zbigniew Szalftjda, stellv.
Ministerpräsident und Vorsitzender des Komitees für .Wissenschaft und
technischen Fortschritt in P.G. 2/86.)
Zur Frage möglicher systembedingter Unvereinbarkeiten
können folgende Thesen gebildet werden:
Ansätze des anderen
(marktwirtschaftlich-kapitalistischen) Modells sind im eigenen Bereich der
sozialistischen Planung und Lenkung ausgeschlossen.
Es erfolgt eine stillschweigende Duldung
marktwirtschaftlicher Ansätze unter der Oberfläche zentralistischer
Planung.
Die Prinzipien des Marxismus/Leninismus sind längst
zu Worthülsen degeneriert. Sie bleiben noch Pflichtvokabeln als Alibi für
Parteitage.
Die Schwäche (Agonie?) des in Polen 1948
durchgesetzten Wirtschaftssystems offenbart sich dadurch, dass sich
ökonomische Kräfte als Sachzwänge ständig weiterentwickeln. Die Stärke des
Systems verlagert sich dabei auf die staatliche Ebene: Militär, Polizei,
Verwaltung (im Hoheitsbereich).
Der sich auf die wirtschaftlichen Bereiche beziehende
Teil der Verwaltung (in Zentral-, Woiwodschafts- oder Stadtbehörden) ist
besonders anfällig für Korruption, da in ihnen die Überlagerung (markt-
)wirtschaftlicher und (hoheits-) staatlicher Prinzipien erfolgten.
Die aus allem folgende Konsequenz wäre die
Ungültigkeit des marxistisch-leninistischen Systems in einem Akt der
Selbsterklärend.
Gerade in Bezug auf Polen kann in dieser Diskussion
leicht ein Abdriften in die Reproduktion von Vorurteilen erfolgen.
Ein Vergleich mit dem Gelingen des ungarischen
Reformmodells, dem Scheitern der Jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung
und dem „Mustersozialismus der DDR“ helfen nicht weiter. Die Erfolge der
Ungarn liegen nicht in der Qualität der Theorie begründet, sondern in der
Duldung von Experimenten, der Ausschöpfung und Ausweitung von Freiräumen
nach 1956 (evtl. auch der Machtlosigkeit des Staatsapparates).
Die Misserfolge in Jugoslawien liegen nicht in der
theoretischen Konzeption begründet, da dort die Schwächen der Diktatur
durch die Mitentscheidung der Handelnden im Ansatz kompensiert wurden. Sie
lagen eher in zunehmenden historisch ableitbaren nationalen Rivalitäten
zusätzlich zum Herausbilden der gesellschaftlichen Strukturen in ihrer
Mischung aus Resten des Feudalismus, Elementen des bürgerlichen und (nach
Djilas) des neuen Klassensystems. Hinzu kam die Überlagerung durch
die soziale Ungleichheit der modernen Industriegesellschaft.
In der DDR ist ebenfalls nicht das „System“ die
Ursache für wirtschaftlichen Erfolg, auch wenn man sich ständig dessen
rühmt.
Es erfolgte ein Aufstieg trotz Unterbrechung aller
historischen ökonomischen und infrastrukturellen Bindungen zum Osten und
Westen des Landes. Es gab unzureichend Bodenschätze aber qualifizierte
und motivierte Fachkräfte – ob aufgrund äußerer Bedingungen oder
preußischen Pflichtbewusstseins und sächsischer Emsigkeit sei ungeprüft.
Folgende Gedanken können in die Überlegungen einbezogen werden, die sich
aber als Maßstab verbieten: Die nationale Identität der Polen und Ungarn
einerseits, nationale Rivalitäten in Jugoslawien und Ablehnung gegenüber
dem Teilstaat DDR andererseits. Die Identifizierung der Bürger mit der
DDR trat erst als Folge wirtschaftlicher Erfolge ein! Zuvor war die
Ablehnung im Bürgertum, in der Landwirtschaft und auch bei einem großen
Teil der Arbeiterschaft ein Hemmnis.
Die DDR hat gegenüber den anderen RGW-Ländern und
Jugoslawien den erheblichen Vorteil der Quasi-Mitgliedschaft in der EG,
da ihre Waren in Fortsetzung des „Interzonenhandels“ über die
Bundesrepublik in den gesamten EG-Markt fließen. Hinzu kommen die
Deviseneinnahmen im Zusammenhang mit den Transit- und
Berlinvereinbarungen.
Aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen und
Bedingungen ist ein Vergleich mit den genannten Ländern kaum möglich.
Das Verhältnis Polens zur DDR ist zudem aus anderen
Gründen sehr belastet, obwohl es sich zunächst nach Abschluss des
Grenzvertrages von Zgorzelec (Görlitz) am 6. 7. 1950 scheinbar problemlos
unter dem gemeinsamen Dach der Paktsysteme und des Sozialismus
entwickelte. Die ablehnende Haltung und aggressive Propaganda der DDR
gegenüber Polen in der Erneuerungsphase ist in Polen mit großer
Bestürzung aufgenommen worden. Man fühlte sich angesichts der
Drohgebärden durch die Sowjetunion und die DDR wieder in der
historischen Zweifrontenstellung zu Russen und Deutschen bzw. Preußen.
Man empfand plötzlich wieder die alten Ängste gegenüber den herrischen,
besserwisserischen und mächtigeren Deutschen. Im Bewusstsein der Menschen
in Polen wurde es schlagartig deutlich, dass die potentielle Bedrohung
durch die Deutschen nun nicht mehr entsprechend der Propaganda der 50er
und 60er Jahre von denen aus der fernen Bundesrepublik ausging, sondern
nunmehr von denen aus der nahen DDR! Das Sympathie-/ Antipathieverhältnis
hatte sich umgekehrt. Auf der anderen Seite hatten sich die traditionellen
antirussischen Gefühle und Ängste wieder verstärkt. Diese waren aber nie
beseitigt gewesen.
Es wurde auch in Polen schmerzlich klar, dass der
faktische Boykott durch die DDR, d. h. die Verweigerung von Lieferungen
wegen ausstehender polnischer Warenlieferungen, eine Bestrafung des
starken und gesunden „Bruders“ gegenüber dem schwachen und kranken
darstellte.
Aufgrund der Integration im RGW-Bereich wirkte sich
der Lieferboykott vor allem der DDR und der ČSSR krisenverschärfend aus.
Besonders schmerzlich war der Zusammenbruch der Medikamentenversorgung in
den Jahren 1981 und 1982. Die Situation war so bedrohlich, dass
lebenswichtige Medikamente nicht mehr vorhanden waren. Das bedeutete
konkret, dass die einsetzenden Hilfstransporte aus der Bundesrepublik,
aber auch aus Schweden, Großbritannien, Frankreich und anderen westlichen
Staaten die Lebensrettung von Kindern und Herzpatienten bewirkte. Der
Wert der Medikamente, die von den kirchlichen oder karitativen
Organisationen nach Polen gebracht wurden, liegt im Bereich dreistelliger
Millionenbeträge in DM. Allein die Deutsch-Polnische Gesellschaft Hannover
hat im Zeitraum von 1981-1985 Medikamente für an Leukämie erkrankte Kinder
in Poznan (Posen) aus Geldspenden im Werte von fast DM 200.000,- gebracht.
Hinzu kamen Medikamente im Werte von mehreren Millionen DM, die von Ärzten
zur Verfügung gestellt worden waren. Es hat nicht nur eine menschliche
Bedeutung, dass man sich in Polen an das Wort: „Freunde erkennt man in
der Not“ erinnerte, sondern auch eine sozialpsychologische nach innen und
eine politische nach außen.
Man erinnerte sich in Polen aber auch daran, dass
Versorgungskrisen in der DDR in den 50er Jahren im Zusammenhang mit der
Zwangskollektivierung durch Nahrungsmittellieferungen aus Polen
abgemildert und dadurch der Zusammenbruch verhindert wurde. Außerdem
erinnerte man sich daran, dass nach Gründung des RGW im Jahre 1949 und
Bildung eines gemeinsamen Investitionsfonds aus politischen Gründen vor
allem den bei den westlichsten „Bruderländern“, der DDR und der
Tschechoslowakei zugute kamen. Erst im Verlauf der 50er Jahre wurde der
Verteilungsschlüssel geändert. Die Tatsache dass Polen noch bis
1959.Reparationen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten an die
Sowjetunion leisten musste und man bis heute meint, von der Sowjetunion
durch ungleiche Lieferverträge übervorteilt worden zu sein, belastet zudem
das Verhältnis zum östlichen Nachbarn.
Die ablehnende Haltung der polnischen
Bevölkerung gegenüber der DDR ist noch aus den Erfahrungen mit den
„Kontrollorganen der DDR auf den Transitstrecken entstanden. Sehr
betroffen war man davon, dass die Post der DDR an den Hilfssendungen des
Auslands ebenso viel Devisen eingenommen hat, wie oft der Inhalt an
Zucker, Mehl, Rosinen und Kaffee ausmachte.
Die .aus all dem resultierende
emotionsbesetzte Betrachtungsweise ist nicht vermeidbar. Sie ist im
Gegenteil eine Folge, die in alle weiteren politischen oder ökonomischen
Betrachtungen mit einbezogen werden muss.
Eine zuverlässige Prognose zu stellen, ist nicht nur
unmöglich, sondern auch unverantwortlich. Sie wäre unglaubwürdig,
weil man genau die Argumentationsebene offizieller und anderer
Propagandisten mit deren Gehalt an Dichtung und Wahrheit betreten müsste.
Die nicht nur systemkonformen Reformdiskussionen und
Praktiken Im RGW-Bereich lassen sich durchaus mit der Pluralität m den
kapitalistischen Staaten der EG vergleichen. Die Forderungen nach mehr
Marktwirtschaft in der Solidarność, die Praxis unter Jaruzelski
oder János Kádár in Ungarn sind mehr als nur die Anwendung
einzelner Methoden des anderen System~. Die Krise in den
ökonomischen Wissenschaften aller Industriegesellschaften ist neben den
individuellen und kollektiven Industriegesellschaften in Ost und West
Ursache für die Unmöglichkeit exakter Prognosen. Der
materialistisch-analytische Denkansatz einer an sich dem
Selbstverständnis nach marxistisch-leninistischen Wissenschaft ist in
den Veröffentlichungen dieses real-sozialistischen Staates nicht zu
finden (vgl. Kapitel XI/4 mit Anm. XI/35!).
Die treffend und oft mit Häme von Peter Gatter
(„Der weiß-rote Traum“) beschriebenen Situationen sind typisch für dieses
in keiner Weise mehr marxistisch-leninistische Land. Es ist
zulässig, wenn ein Journalist der „Polityka“ die These formuliert: „Der
Marxismus ist tot. Wer aber lebt?’
Die den Stalinismus überlagernden Phasen bis zur
Gegenwart seien hier nicht erörtert. Als Maßstab müssen aber die im
System selbst oder von anderen gesetzten Implikationen zur Beurteilung
bleiben. Darstellen lassen sich somit nur die politischen und sozialen
Rahmenbedingungen aus der Geschichte des Landes. Sie haben Aussagekraft,
nur eben nicht im Sinne von Prognosen. Es bleiben die Pläne,
Versprechungen und Beschwichtigungen der Regierung. Die Kritik der
Methoden des Systems sind deshalb entscheidend bei der Darstellung und
Analyse. Sie tragen zur Aufdeckung der Propaganda bei.
Ist damit die Reform gegenstandslos und ohne
Wirkung? Die Frage ist im positivistischen Sinne der Fragestellung nicht
zulässig. Das gesamte System von Wechselbeziehungen lässt zum einen keine
Alternative zu und zum andern hängt es davon ab, inwieweit alle
wirtschaftlich und politisch Handelnden motiviert, beeinflusst oder auch
gezwungen werden, zu agieren . Hinzu kommt die polnische
Lebensweise, der Hang zum „Laissez – faire“ .
Als langfristige Faktoren bleiben bestehen:
-
Die geopolitische Lage, die
Schlüsselfunktion der Integration in den RGW und WP in
wirtschaftlicher, verkehrstechnischer und militärischer Hinsicht.
-
Die Systemkonkurrenz – der alte“ Ost-
West-Gegensatz“.
-
Aufgrund zunehmender Kooperation in Technologie und
Ökonomie, durch steigenden Warenaustausch von Industrie- und
Agrarproduktion wie auch Rohstoffen entstehen aber Brücken, die eine
langfristige Überwindung nicht ausschließen.
-
Der gemeinsame europäische Planungszwang in Verkehr
und Umweltschutz. Gerade diesen Problemen wird mit Sicherheit noch in
diesem Jahrhundert Priorität eingeräumt werden müssen.
-
Die Geldströme zwischen den Devisenländern und
RGW-Ländern bezüglich Tilgung und Neuvergabe von Krediten sowie
Zinsleistungen werden noch steigen.
-
Die gemeinsame Einbeziehung in die dringender
werdenden Probleme der Nord-Süd-Problematik.
-
Die aus den genannten Zusammenhängen resultierenden
gegenseitigen Abhängigkeiten und Verflechtungen.
Als binnenwirtschaftliche Probleme bleiben bestehen:
-
Die Bestrebungen und Zwänge zur weiteren
Integration in den RGW.
-
Die nach wie vor starke und einseitige Abhängigkeit
von der Sowjetunion.
-
Die zunehmende Technologieabhängigkeit vom Westen.
-
Die zunehmende Abhängigkeit des polnischen
Binnenmarktes von Weltkonjunkturschwankungen.
-
Die zunehmenden sozialen Spannungen auch im
Zusammenhang mit den Erwartungshaltungen in der Bevölkerung.
-
Die kaum rücknehmbaren Liberalisierungen in
Gesellschaft und Wirtschaft.
-
Globale Rückkopplungen und Wechselbeziehungen.
In westlichen Ländern beschäftigt man sich in
Publizistik und Wissenschaft etwa seit den 70er Jahren verstärkt mit dem
Problem der „zweiten Wirtschaft“. Man versucht nicht nur die juristische
Ebene, sondern auch die ökonomische und soziale Bedeutung von
„Schwarzarbeit“ und nicht zuletzt die psychische und moralische
Auswirkung der grauen Wirtschaft zu erfassen.
In Polen ist es aber nicht so einfach wie in
Frankreich oder der Bundesrepublik, die Dimension der grauen Wirtschaft
zu schätzen, die in den EG-Ländern in Teilbereichen des Handwerks bis zu
40 Prozent beträgt.
Da in den westlichen Ländern die relativ hohen Löhne
der entscheidende Ansatzpunkt sind, „spart“ man dort folgerichtig an
Meisterlohn, Steuern und Sozialabgaben. Die Umschlagsmengen von Farben,
Tapeten, Autoersatzteilen, Sanitäreinrichtungen, Fliesen, Steckdosen,
Zement und Ziegelsteinen sind aber statistisch eindeutig erfassbar.
In Polen ist nun der Ansatzpunkt die Verfügung über
die knappen und begehrten Güter – wie in all den die Knappheit zentral
verwaltenden Wirtschaften. Man bezahlt den Inhaber der Verfügungsgewalt
technischer Einrichtungen (Maschinen, Werkzeuge), von Installationen (z.
B. Materialien des Sanitärbedarfs) oder an Termine gebundene
Dienstleistungen, wie z. B. die Ausstellung eines Passes rechtzeitig vor
Reisebeginn. Exakt erfassbare Beweise gibt es kaum; indirekte Hinweise und
Belege vielfach.
Die westliche Presse hebt es gern und mit Häme
hervor, wenn ein neuer Partei- oder Regierungschef mit „Korruption“ oder
„Schlamperei“ aufräumen will. Nehmen und Geben, mogeln oder betrügen sind
aber menschliche Schwächen und in vielen Systemen anzutreffen.
Das Erwirken eines Telefonanschlusses für einen nicht
Bevorrechtigten „kostet“ nach manchmal jahrelanger Wartezeit DM 500,-
zusätzlich zu der Anschlussgebühr von 20.000 Zł. Der Hausmeister in einem
Hochhaus beim Wasserrohrbruch gerufen, besieht sich den Schaden und
fragt: „Haben Sie ein Ersatzteil?“ Vielleicht erklärt er sich auch bereit,
eines zu besorgen – gegen Aufpreis natürlich. Sieht der Hausmeister. im
betreffenden Badezimmer eine größere Menge Waschmittel westlicher
Herkunft, dann erhöht sich der Preis oder er erwartet ein entsprechendes
Geschenk.
Das polnische Zauberwort dafür ist: „Japowka“, es
bedeutet etwa: „in die Hand“. Die Schwarzarbeit (nach Feierabend) wird
bei Arbeitern als „fucha“ bezeichnet. Im Dienstleistungsbereich spricht
man von „chaltura“. Dieser Begriff war ursprünglich nur auf Schauspieler
und Künstler bezogen. .
Der Handwerker, der sich während seiner regulären
Arbeitszeit nicht anstrengt, arbeitet dann nach Feierabend mit dem
Werkzeug und Material der staatlichen Firma gegen entsprechende
Sonderleistungen: Devisen, Kaffee oder Schokolade aus dem Westen.
In einem anderen Fall kann die Leistung ohne
Bezahlung erfolgen. Es entsteht eine „Schuld“, die später abgegolten
wird.
In einem anderen Fall können unerlaubte Handlungen
sogar sinnvoll sein – trotzdem ist der Apparat nicht in der Lage, die
Verbote aufzuheben: Beim Streichen eines Schiffes bleibt immer eine
größere Menge Farbe übrig. Sie trocknet ein oder wird vernichtet. Man
darf sie aber nicht mit nach Hause nehmen obwohl dort dringend etwas
gestrichen werden müsste – vielleicht sogar die Heizkörper in einer
Wohnung der (staatlichen) Wohnungsbaugesellschaft oder einer
Genossenschaft.
Es kann eine Operation in einem Krankenhaus notwendig
werden. Die Klinik kann den Termin aber erst in sechs Monaten in Aussicht
stellen. Die Familie befürchtet nun, dass sich der Gesundheitszustand in
dieser Zeit verschlechtert und möchte die Zeit verkürzen. Die Ehefrau
hinterlässt beim Besuch in der Station bei Ärzten und Schwestern kleinere
Geschenke. Die Folge ist: Der Ehemann wird wenige Tage später als Notfall
eingewiesen und sofort operiert.
Wenn die Familie nicht über die nötigen Päckchen
Kaffee und Schokolade verfügt, dann muss sie auf dem Schwarzen Markt
Dollar einkaufen, um im Devisengeschäft („Pewex“) die westlichen
Mangelwaren zu erstehen. Auf diese Weise werden z. T. Monatslöhne
geopfert!
Man kann auf den Wochenmärkten für 400 Zł. (das
entspricht ca. 2 DM nach „Schwarzkurs“) eine Tafel Aldi-Schokolade oder
für 1200 Zł. ein 250-g-Päckchen österreichischen Kaffee kaufen. In Poznan
(Posen) sollen die Ärzte besonders korrekt und unbestechlich sein; in
Wroclaw (Breslau) sollen ärztliche Leistungen oder Laboruntersuchungen
gesondert „abgerechnet“ worden sein.
Schwarze Märkte entwickeln sich aufgrund folgender
Voraussetzungen: Nachgefragte Waren sind knapp; sie werden rationiert und
subventioniert und unterliegen einem Verteilungsschlüssel nach sozialen
Kriterien.
|
1. |
Der Schwarzmarkt begünstigt im
Sinne einer (negativen) „Angebotsorientierung“ die Inhaber von
Schlüsselfunktionen. |
|
2. |
Der Schwarzmarkt hat sich in Polen
vom „Markt der Luxusgüter“ zum „Markt der Versorgungsengpassgüter“
entwickelt. |
|
3. |
Der illegale Devisenmarkt ist
integraler Bestandteil der polnischen Volkswirtschaft geworden.
|
Zu These 1:
Als Beispiele seien genannt: Schokolade und
Kalbfleisch.
Beide Güter sind begehrt. Kakaobutter muss gegen
Devisen gekauft werden, der Preis muss im sozialistischen Staat
„bezahlbar“ sein. Schokolade kostet gegenwärtig ca. 100 Zł. pro Tafel
(das sind 1985 offiziell DM 2,20; nach Schwarzkurs ca. 0,40 DM). Der Kauf
wird auf eine Tafel pro Monat beschränkt und gilt für Kinder bis zu 12
Jahren.
Kalbfleisch ist hochwertig und begehrt. Die vom Staat
festgesetzten Ankaufpreise sind relativ gering. Der Staat subventioniert
und kontingentiert die Ware. Die Folge ist: Die Bauern versuchen, Kälber
oder Schweine schwarz zu schlachten und verkaufen das Fleisch zum zwei-
bis dreifachen Preis an einen festen Kundenstamm. Kontrollen und
Bestrafungen haben diese Praxis zwar eingeschränkt, aber sie konnten sie
nicht aufheben.
Durch Preiserhöhungen sukzessive eine Anpassung der
Ankaufspreise an den „Marktpreis“ zu erreichen und durch strenges
Durchgreifen der Ordnungsmacht zu einer Marktstabilisierung zu gelangen
unter Berücksichtigung einer gewissen Verteilungsgerechtigkeit, sind daher
ökonomisch sinnvolle Maßnahmen.
Zu These 2:
Als typisches Beispiel gelten der Leiter oder die
Verkäuferin eines Geschäftes, in dem nicht (mehr) rationierte und
hochwertige Waren“ unter dem Ladentisch“ verkauft werden. Das Gut wird z.
B. für einen Bekannten reserviert oder nach Einigung über den Aufpreis
„unter dem Ladentisch hervorgezaubert“. Diese Praxis wird in einigen
Bereichen durch strenge Kontrollen durch Polizei oder Militär wirksam
eingeschränkt. In hohem Maße werden z. B. Tankstellen überprüft. Dies hat
andererseits dazu geführt, dass der Schwarzkurs von Benzin von 100,- auf
200,- Zł. gestiegen ist – bei einem Preis von 50,- Zł. pro Liter
zugeteiltem Kraftstoff. Die Wirkung der Rationierung von Kraftstoff ist
durch den Bürger angesichts des unveränderten Autoverkehrs nicht
erkennbar. Wer die Möglichkeit hat, ein (gebrauchtes – auch
unfallbeschädigtes) Fahrzeug zu importieren, beschafft sich ein
Dieselfahrzeug, da der Dieselkraftstoff von der Rationierung ausgenommen
ist und man ihn an einer Tankstelle billiger (40 Zł. pro Liter) als Benzin
kaufen kann.
Andererseits wird er von LKW-Fahrern illegal zu einem
noch billigeren Preis angeboten.
Eine wirksame Einschränkung des Schwarzen Marktes ist
durch das Absinken der Realeinkommen erfolgt sowie durch die Zunahme der
Devisengeschäfte.
Zu These 3:
Der illegale Devisenhandel diente bis Ende der 70er
Jahre dazu, sich Devisen z. B. für Auslandsfahrten als Touristen zu
beschaffen. Eine große Zahl polnischer Bürger reiste in westliche
Nachbarländer, um dort durch Schwarzarbeit Devisen zu verdienen. Der
wesentliche Devisenbedarf entstand aber durch den Wunsch, hochwertige
Lebens- oder Genussmittel zu kaufen. Eine grundlegende Versorgung war
1979 noch gesichert. Mit Anwachsen der Krise verlagerten sich die Käufe
z. B. im technischen Bereich auf Ersatzteile gegen Devisen. Dadurch war
ein Bauer gezwungen, sein Kalbfleisch auf dem Markt gegen Devisen
anzubieten, da er das dringend benötigte Ersatzteil auch nur gegen Dollar
kaufen konnte.
Ein anderes Motiv zum Ankauf von Devisen war lange
Zeit für die Bezieher überdurchschnittlicher Einkommen die
inflationssichere Geldanlage. So konnte es passieren, dass clevere Leute,
die Inflation des Złoty ahnend, 1980 beim Tiefstand des Dollars für 100
Zł. pro Dollar ihre gesamten Ersparnisse eintauschten. Die Dollarbeträge
konnten sie dann 1984/85, nachdem die Reisebeschränkungen aufgehoben
waren und zugleich der Dollar einen Höchststand erreicht hatte, in der
Bundesrepublik günstig anlegen oder wiederum zum Kauf von Konsumgütern
verwenden. Es sind Waren, die sich in Polen gut verkaufen lassen. Ein
Teil der in der Bundesrepublik lebenden Polen lebt von derartigen
Geschäften. Der polnische Staat profitiert durch regelmäßige
Zollerhöhungen. Außerdem wird die Versorgungslage verbessert.
Seit den 70er Jahren haben polnische Bürger zunehmend
Guthaben in westlichen Ländern, vor allem in der Bundesrepublik, in
Österreich und in der Schweiz – nach polnischem Recht unerlaubt!
Zu These 4:
Da ist einmal das Zustandekommen von teillegalen
Geldkreisläufen unter direkter staatlicher Beteiligung: Er betrifft alle
nicht frei konvertierbaren Währungen, die z. B. über Österreich und
Liechtenstein in die Devisenländer fließen und dort in Banken oder
Bahnhofswechselstuben gehandelt werden. Es sind Gelder, die von
staatlichen Firmen zur Beschaffung von Devisen benutzt werden. Der
Rückfluss erfolgt dann – illegaler weise – durch Touristen. Diese Form der
Devisenbeschaffung gilt aber in erster Linie für die DDR.
Die polnische Variante läuft unter indirekter
staatlicher Beteiligung ab. Sie hat sich aus den ursprünglich nur für
Westtouristen eingerichteten Devisengeschäften („Pewex“) entwickelt und
geht schon in die 60er Jahre zurück. Sie wurden zunächst in den Hotels
eingerichtet, dann auch an mehreren Plätzen einer Stadt. In diesen
staatlichen Geschäften wurden nun importierte Genuss- und Lebensmittel
sowie technische Produkte (Zündkerzen, Motoröl oder Rasierklingen)
angeboten. Der Dollar wurde zur Zweitwährung. In der zweiten Hälfte der
70er Jahre begann man neben polnischem Wodka auch heimische technische
Produkte zu verkaufen.
Ein Pole konnte nun einen Kühlschrank, eine
Waschmaschine, Baumaterialien, oberschlesische Kohle oder einen
Polski-Fiat in einem Pewex-Geschäft bestellen und in Dollar bezahlen.
Offiziell wurde es damit begründet, dass es eine größere Anzahl
polnischer Staatsbürger gibt, die aus den USA, Kanada oder Großbritannien
Renten in Devisen beziehen oder von Verwandten aus dem westlichen Ausland
unterstützt werden. Diese Leute sollten ihr Geld in Polen ausgeben
können.
Dieser zweite Geld- und Warenkreislauf, der Ausdruck
der ökonomischen Krise war, hat maßgeblich zur Vertrauenskrise
beigetragen, die sich 1980 entlud.
In den Forderungen der Streikenden von Danzig war
unter Punkt 12 die „Aufhebung der kommerziellen Preise und Beendigung des
Verkaufs gegen Devisen im ,inneren Export’„ enthalten. Unter Punkt 11
der Danziger Vereinbarungen hieß es dann: „Die sogenannten
kommerziellen Läden für Fleisch, die ihre Ware zu überhöhten Preisen
verkaufen, werden abgeschafft.“ Der Verkauf polnischer Produkte wurde
tatsächlich nach dem 1. 9. 1980 in den Pewex-Geschäften eingestellt.
Nach Ausrufung des Kriegszustandes wurde der Verkauf
von polnischem Wodka im Pewex wieder erlaubt. Bezüglich anderer
polnischer Waren hielt man sich zunächst an die Vereinbarungen von Danzig
– die übrigens nicht aufgehoben wurden!
Im Jahre 1984 verdoppelte man die Zahl der
Devisengeschäfte. Es werden zunehmend hochwertige technische Importwaren,
Fernsehgeräte, Stereoanlagen, PKWs verschiedener Marken mit stattlichem
Gewinn – für den polnischen Staat – gegen US-Dollar verkauft. Insgesamt
handelt es sich um Waren des für Mitteleuropa normalen oder gehobenen
technischen Bedarfs. Schinken in Konserven oder Lachsschinken werden
ebenfalls angeboten. Sie sind in Konserven oder Folien verpackt und „Made
in Denmark“. Ob letzteres nicht eher eine makaber-delikate Angelegenheit
ist angesichts des Exportes polnischer Schinken in die EG und eines
möglichen Etikettenschwindels, ist nicht nachprüfbar.
Die nötigen Devisen haben polnische Bürger u. a. als
Touristen im westlichen Ausland als offizielle Honorare oder durch
Schwarzarbeit erworben – den größeren Teil aber durch illegalen
Geldumtausch. Die Schwarzhändler, westliche Touristen und der Staat selbst
sind an den Übergängen beider Geldkreisläufe mit entsprechendem Gewinn
und unter Außerachtlassen rechtlich-moralischer Prinzipien beteiligt. Den
Nachteil hat der Nichtbesitzer von Devisen, der auf dem Schwarzen Markt
seine Dollars kauft.
Offiziell hat der Kampf gegen Schiebertum und
Arbeitsverweigerer Priorität – er wird nur auf polnische Weise geführt.
Das böse Wort von der Balkanisierung geht um: „Früher
begann der Balkan in Wien, jetzt bereits an der Oder.“ Diese
abfällig-ironische Äußerung kennt mancher Polenreisende.
„Balkanisierung“ als Sammelbegriff für angeblich
vorhandene bzw. übernommene südosteuropäische Verhaltensweisen? Oder nur
Ausdruck für Überheblichkeiten deutscher Kleinbürger – wenn auch in einer
großbürgerlichen Zeitung: Die“ Welt“ hat im Oktober 1983 in einem Artikel
über die Praktiken am Grenzübergang Frankfurt/Oder-Swiecko berichtet: Man
brauche nur einen Zehnmarkschein in den Pass zu legen, dann sei alles in
Ordnung, und man würde auch bevorzugt abgefertigt. Opfer seien dann die
anderen, die Dummen – so der Tenor des Artikels. Dem neidvoll drein
blickenden DDR-Zöllner würde in einem solchen Falle ein strenges
Disziplinarverfahren drohen, dem polnischen Kollegen, falls er erwischt
.würde, nur .. die unangenehme Versetzung an .die Ostgrenze. Einige Tage
später gab es mehrere Wochen lang intensive Überwachungen des polnischen
Zolls durch höhere Beamte aus Warschau! Die Folge waren lange
Wartezeiten.
Nach langjährigen Beobachtungen des Verfassers und
Befragungen Reisender sind die Erfahrungen Im Grenzübertritt
unterschiedlich und wechselnd. Im Personenverkehr wird stichprobenartig
kontrolliert – mal die PKWs, mal die LKWs intensiver, oft die polnischen
Landsleute etwas genauer.
Westtouristen dürften, sollten sie sich an die
Wertobergrenze von 2000 Zł. halten, praktisch keine Souvenirs ausführen.
Andererseits sollen Touristen aber möglichst viel Geld Im Land lassen.
Wie, das ist ihre Sache. Ein Wandteppich ist im Volkskunstgeschäft „Cepelia“
schon für 10.000 Zł. zu haben. Das sind offiziell DM 220,-; hinzu kommt der
Zollzuschlag von 200 Prozent, macht zusammen DM 660,-. Bei diesen: Preis
müsste bei der Einreise in die Bundesrepublik noch der Einfuhrzoll
gerechnet werden. Der gleiche Kelim ist aber im deutschen
Teppichfachgeschäft zu einem angemessenen Preis von DM 300,- zu bekommen.
Was macht der Tourist also? Er trägt zum zweiten Geldkreislauf bei und
hofft, dass der polnische Zöllner den Teppich als Geschenk akzeptiert und
ein Auge zudrückt oder ganz weg sieht – oder siehe oben. Einige
Bernsteinketten werden ab und zu auch verzollt. Die Stimmung der Reisenden
ist in solchen Situationen zwiespältig. Mancher äußert sich abfällig über
die Inkorrektheiten. Für einen anderen ist das höfliche kurze
Hineinschauen in den geöffneten Koffer Ausdruck für korrektes Verhalten.
Nicht jeder empfindet die Tafel Schokolade für den Polizisten oder
Zollbeamten als Bestechung. Viele, die aus der Überflussgesellschaft in
dieses wirtschaftlich kranke Land reisen, können sich nicht aus dem
Bereich Ihrer tradierten Wertvorstellungen lösen und bleiben verschlossen fur die Wahrnehmung des anderen. Die Empfindung des Spannungszustandes an
der Grenze wird verstärkt du:ch das Gefühl des Übergangs in eine andere
Welt. Es ist aber nicht das andere System, das man betritt – durch die
Transitstrecke ist man schließlich schon darin! Das andere
(sozialistische) System spürt man in Polen ohnehin nicht. Es ist der
Übergang zur kranken Wirtschaft. Dem Inhaber eines geregelten Einkommens
aus dem Westen wird der Unterschied im Selbstverständlichen bewusst
Zumindest kann er sich einer gewissen Ahnung nicht verschließen. Das
Erleben der Ein und Ausreise aus Polen erfolgt nie ohne das gewisse
Kribbeln in der Magengegend. Das Schimpfen über die manchmal lange
Abfertigungsdauer ist dabei nur Ventil.
Worin bestehen nun aber orientalische
Verhaltensweisen und Strukturen, die der Reisende wahrzunehmen glaubt?
In jedem modernen System sind Pflichten und Rechte
eines Bürgers auf den Staat bezogen oder werden durch seine Institutionen
überwacht und garantiert. Pflichtbewusstsein ist als gesellschaftliches
Phänomen bezogen auf Individuen, Gruppen, Klassen, die menschliche
Gemeinschaft oder abstrakt: den Staat.
Der einzelne hat in seiner sozialen Rolle als
Industriearbeiter, Handwerker, Kleinbauer, Verwaltungsangestellter oder
Zollbeamter seine rechtlich eindeutig durch Gesetze und
Verwaltungsvorschriften festgelegte Beziehung zum Staat (vgl. Kap. VIII/
3). Daneben hat er psychisch soziale Beziehungen, bei denen die Rangfolge
in Abstufungen variieren kann.
1. Die Familie im engen Sinne oder
als Großfamilie.
2. Der private oder berufliche
Freundes oder Bekanntenkreis.
3. Der durch Vereine, Verbände
oder andere Gruppen gebildete Kreis.
4. Der Kreis der Mitbürger in der
unmittelbaren Nachbarschaft bis hin zum Stadtteil, Stadt oder Bezirk
(Woiwodschaft) oder Region Oberschlesien, Groß Polen etc).
Die Abstraktheit des modernen Staates als Bezugs und
Verhaltensnorm ist eine Folge der entfremdeten Produktions und
Distributionsbeziehungen moderner Industrie und Handelsgesellschaften.
Erst die Verdinglichung der Austauschbeziehungen vermag ein Abstrahieren
von den persönlichen Bezügen der Handlungssituation nach sich zu ziehen.
Die im persönlichen Rahmen nicht mehr überschaubare
Komplexität und Verflochtenheit der heutigen Gesellschaft und Wirtschaft,
das heißt
-
die Reichweite der Distribution,
-
die Massenhaftigkeit der
Produktion,
-
die Häufigkeit notwendiger
Sozialkontakte rein funktionaler Natur,
-
die Partikularisierung der
persönlichen Qualifikation und
-
die Fülle und Redundanz der
öffentlichen Kommunikation
machen es dem einzelnen unmöglich, Verhaltens und
Wertmaßstäbe allein aus dem persönlichen Werdegang heraus zu entwickeln.
Diese lebensnotwendige Aufgabe der Orientierungssicherung übernimmt der
Prozess der Herausbildung des Rechtssystems und der Herrschaft in modernen
Staaten und Gesellschaften. Für Polen ist kennzeichnend, dass dieser
Prozess der Schaffung einer modernen Gesellschaftsstruktur nicht
widerspruchsfrei abgelaufen ist oder ganz fehlt. Deshalb sind die
sozialpsychologischen Verhaltensweisen anachronistisch geblieben.
Warum ist dieses Verhalten in Polen immer wieder
anzutreffen? Vermutlich liegen die Gründe einmal in den als rückständig
empfundenen Lebensbedingungen, zum andern aber auch in der Beibehaltung
traditioneller Gewohnheiten. Wo beides sich gegenseitig stützt, wird im
Sinne einer „self fulfilling prophecy“ gerade der objektive Defektzustand
verstärkt und das anachronistische Verhalten bestätigt (Mangelpsychosen,
Schwarzmarkt, Nichtfunktionieren der Staatskontrolle).
Es mag als Exkurs interessant sein, nach den
inhaltlichen Ausprägungen und Wertorientierungen dieses anachronistischen
Verhaltens (Alltagssubversion, Korruption, Rechtswillkür,
Vetternwirtschaft) zu fragen, denn nur aus unserer eigenen Wertperspektive
heraus sind diese Verhaltensweisen eindeutig negativ gekennzeichnet. Der
Vergleich mit der Feudalgesellschaft, die uns heute noch teilweise im
Orient begegnet, klärt den Sachverhalt teilweise auf:
Wenn Produktion und Distribution noch eindeutig dem
Handeln konkreter, bestimmbarer Personen zuzuordnen sind, wenn die
einzelne ökonomische Handlung in ihrem Gesamtzusammenhang noch in ihrer
direkten Beziehung zum Lebensunterhalt der Familie gesehen werden kann,
ist die Bedeutung der sozialen Kontakte noch nicht auf den Waren und
Austauschwert reduziert, sondern in ein soziales Wertgefüge gegenseitiger
Verantwortlichkeit und Verpflichtung eingebunden. Das hingebungsvolle
„Feilschen“ im Basar, das vom westlichen Touristen fast immer völlig
falsch eingeschätzt wird, ist ein solcher Prozess des Vertrauensaufbaus
und der gegenseitigen Verpflichtung (dass dieses „Feilschen“ auch wieder
in Polen anzutreffen ist, bestätigt die Gültigkeit unseres Vergleiches).
An die Stelle staatlicher rechtlicher Regelsysteme,
die dazu tendieren, die Handlungsfreiheit des einzelnen immer stärker
einzuengen in ein perfektes System der „checks and balances“, tritt in
diesen feudalen, orientalischen oder regressiven Gesellschaften ein
(meist metaphysisch legitimierter) Grundwertkonsens: Sitte, Tradition,
Moral, Ritual oder ein religiöses Menschenbild. (Hat folglich die
katholische Kirche in Polen ein Eigeninteresse an dem Aufrechterhalten der
industriegesellschaftlichen Defizite und Verhaltensanachronismen?)
Im islamischen Orient hat sich auf dieser Basis ein
funktionierendes, nichtstaatliches Gesellschaftssystem entwickelt, das
unter der Klammer des Wertkonsens der muslimischen Gemeinschaft ein
dezentrales System persönlicher Verpflichtungskreise und ebenen aufweist.
Drei Kategorien dieser Gruppenloyalitäten sind z. T. bis heute noch u. a.
in Iran anzutreffen:
1. die Familie (Großfamilie,
Verwandtschaft, Stammeszugehörigkeit)
2. die Klientel (wirtschaftliche
Verpflichtung, berufliche Gruppenzuordnung [z. B. die „Bazari“, die
Handwerksinnungen etc.], feudale Abhängigkeiten [Tribute])
3. die religiöse Loyalität (gegenüber
dem persönlichen Lehrer, dem Mullah, dem lokalen Schriftgelehrten oder
religiösen Sprecher, dem Ayatollah).
Alle drei Hierarchien können sich in vielfältiger
Weise überschneiden und verknüpfen, immer aber sind es Beziehungen zu
konkreten Personen, die nicht nur als Rollenträger in einer Institution
auftreten. Der Lebensunterhalt dieser, sicherlich auch
Herrschaftsfunktionen ausübender Hierarchieangehörigen wird dabei nicht
von „oben her garantiert und bestimmt, sondern ist Teil der
gegenseitigen Verpflichtungen. Diese Bezahlung kann freiwillig und aus
Überzeugung gewährt oder auch erzwungen oder erpresst sein.
„Amtshandlungen“ müssen, so will es uns von außen her erscheinen,
„bezahlt“ werden; abstrakter „Dienst am Menschen“ oder gar „im Interesse
der Sache ist unvorstellbar. Immer hat Verhalten einen konkreten
Adressaten der Mildtätigkeit, der gerechten Behandlung oder auch der
gegenseitigen Verpflichtung. Erst eine spätere Industriegesellschaft wird
dieses Verhalten als korrupt definieren meist jedoch noch nicht einmal aus
gewandelten Moralvorstellungen heraus, sondern ganz konkret, um den
„Hilfsorganen“ der staatlichen Herrschaft keine materielle Autonomie
zuzugestehen. Antikorruptionskampagnen sind meist nur der Versuch eines
weniger legitimierten Staates, seinen Herrschaftsanspruch zu
verabsolutieren und einen materiell abhängigen Herrschaftsapparat
aufzubauen.
Polen steht hier vor fast unlösbaren Widersprüchen:
1. Der Staat ist wenig legitimiert
und muss die Korruption bekämpfen; doch gerade diese Korruption
sichert breiten Bevölkerungsschichten und einem wichtigen Teil der
Volkswirtschaft erst die Existenz.
2. Die repressiven Verhaltensweisen
sind gegenüber der tatsächlichen Gesellschaftsverfassung anachronistisch,
aber dennoch nicht einfach aus einer vorherigen Gesellschaftsform
übernommen, sondern als Überlebensstrategie neu gebildet.
3. Die Bevölkerung teilt durchaus die
negative Beurteilung der Korruption (wie in jeder mitteleuropäischen
Industriegesellschaft); gefühlsmäßig treten die persönlichen
Verpflichtungsgefüge als lebenserhaltende Zonen sozialer Geborgenheit in
einen positiv erfahrenen Vordergrund. Es entsteht dadurch ein moralischer
Zwiespalt, der zum generellen Verdrängen der Unrechtsproblematik führt:
„Völlig egal“.
Polen ist keine orientalische Feudalgesellschaft.
Polen muss sich, um zu überleben, wie eine orientalische
Feudalgesellschaft verhalten und gerät dabei in Gefahr, die gemeinsame
Wertorientierung und Zukunftssicherheit zu verlieren. Die Lage ist völlig
verfahren!
Die Folgen aus der Überlagerung dieser beiden
Beziehungsebenen, der rechtlich politischen und der menschlich sozialen
sind in Polen deutlich zu beobachten. Die Überlagerung beider Ebenen
bedeutet dabei zugleich eine Konkurrenz zwischen dem sozialen und dem
staatlichen Pflichtensystem! Dies hat zur Konsequenz, dass die Ausübung
partieller Macht in einer Behörde oder Dienststelle zu einer Genehmigung
oder Ablehnung führen kann. Dieses geschieht nun nicht nach pflichtgemäßer
Auslegung der Vorschriften, sondern unter Berücksichtigung der
Klientelgruppen und Einbeziehung der Dollarnote in die
Ermessensentscheidung.
Die Hemmschwelle zum Unerlaubten sinkt dabei mit dem
Realeinkommen.
Ein anderes Moment ist die nach 1975 entstandene und
1980 kumulierte Vertrauenskrise als Folge und Bestandteil der
Wirtschaftskrise. Mit anderen Worten: Die 1980 offenbarten Missbräuche und
Korruptionsfälle am „Kopfe“ senkten die Bereitschaft der unteren Chargen
zu korrektem loyalen Handeln. Dieses konnte und kann nicht durch die
moralisch intakten Institutionen Kirche und Armee aufgefangen werden.
Nach dem anfänglichen Hochgefühl und der bald
folgenden Ernüchterung in der Solidarność-Zeit erfolgten Entmutigung und
Resignation „seit dem Kriege“. Die gesellschaftliche Apathie zeigt sich
dabei in der Wahl der Formulierung: Man spricht im Volksmund nicht vom
Kriegszustand, sondern von der Zeit vor oder seit dem „Kriege“. Damit wird
verbal nicht getrennt von der traumatischen Zeit während der Okkupation.
Unglücklicherweise hemmen sich psychosoziale und
wirtschaftliche Entwicklungen gegenseitig. Vielleicht oder gerade wegen
offizieller propagandistischer Klimmzüge.
Fazit: Der Vorwurf der „Balkanisierung“ trifft nur
die Oberfläche und ist Symptom einer tiefer liegenden Störung der
gesellschaftlichen Beziehungen in Polen, die eine Krisenlösung erheblich
erschweren kann.
Die Ableitung der polnischen Mentalität aus der
Geschichte erfolgt vor allem unter zwei Gesichtspunkten:
1. Sie ist in der Liberalität der
Adelsgesellschaft im 15. und 16. Jahrhundert, dem „goldenen“ Zeitalter,
geprägt worden.
2. Während der 123jährigen
Fremdherrschaft bis zur Neugründung des polnischen Staates im Jahre 1919
war sie Ausdruck der Abgrenzung gegenüber fremden Machteliten, vor allem
der russischen.
Im westlichen Teilungsbereich, den preußischen
Provinzen Posen und Westpreußen, war sie Mittel zur Selbstbehauptung der
polnischen Nation, vor allem angesichts der Germanisierungsprozesse in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Im polnischen Landadel galt es als fein, bei einer
Einladung zum Lunch statt um 11. 00 Uhr erst gegen 17. 00 Uhr zu
erscheinen. Der kleine Landadel umfasste bis zu 10 Prozent der
Bevölkerung. Während der Teilungszelt aber rechneten sich bis zu 25
Prozent dazu.
In Deutschland hatte sich im 19. Jahrhundert aus den
Kindern von Tagelöhnern, Handwerkern und Bauern in den Städten das
Industrieproletariat entwickelt. Gleichzeitig entstand aus dem
gewerblichen Mittelstand das selbstbewusste Bürgertum.
Ganz anders die Situation im 19. Jahrhundert in
Polen: Im zaristischen und habsburgischen Teilungsbereich gab es keine
nennenswerte industrielle Entwicklung, ausgenommen die Textilindustrie in
Łódź. Dort waren es aber die deutschen und jüdischen Fabrikanten und
Kaufleute, die die bürgerliche Mittel und Oberschicht bildeten. Die
Textilarbeiter waren Angehörige polnischer Kleinbauernfamilien oder
Tagelöhner. Im preußischen Teilungsbereich hat es in Posen Investitionen
im Bereich der Leicht und Schwerindustrie gegeben. Dieses ist Im
Zusammenhang mit der Integrationspolitik in das Deutsche Reich, bekannt
unter den Schlagworten „Germanisierungs“- und „Ansiedlungspolitik“. Die
Gründung der polnischen Cegielski Fabrik in Posen stellt eher die Ausnahme
dar. Angehörige der polnischen Nation konnten nur Meister oder
Unteroffizier werden. Grunderwerb war ihnen wohl in Brandenburg oder dem
Ruhrgebiet erlaubt, in Posen dagegen verboten. Den Polen blieb die
Integration ins Deutsche, d. h. Abwanderung in den Westen nach Berlin oder
Gelsenkirchen, verbunden mit der schrittweisen Aufgabe ihrer nationalen
Identität. In ihrer Heimat blieben sie Bürger zweiter Klasse. In
Oberschlesien gab es neben der Beibehaltung der Nationalität oder der
Abwanderung noch eine dritte Alternative: Die Integration ins Deutsche
unter Ablegung der polnischen Nationalität. Das Ergreifen qualifizierter
Berufe war an die Beherrschung der deutschen Sprache gebunden. Dies galt
für private Produktions- und Dienstleistungsberufe und alle Arten des
öffentlichen Dienstes. Aufstiegsmöglichkeiten waren an den relativ
problemlosen Wechsel der nationalen Identität geknüpft. Das Kind lernte
wohl zu Hause noch Polnisch, sprach dann aber in der Schule, im Beruf und
in der Armee nur noch Deutsch. Das Versetzen an fremde Dienstorte im Reich
begünstigte dies. Typisches Beispiel ist der Rekrut aus Katowice
(Kattowitz), der in Straßburg oder Köln seinen Militärdienst antrat.
Die aus all dem resultierende Uneindeutigkeit einer
ethnischen Zuordnung ist in Oberschlesien von der Zwischenkriegszeit bis
in die Gegenwart geblieben. Subjektive Faktoren haben nach
Opportunitätsprinzipien zu wechselndem Abstimmungsverhalten geführt. Die
Ausreiseanträge Autochthoner, in Polen manchmal neidvoll als
„Volkswagendeutsche“ abqualifiziert, sind Beispiel für das Verhalten
dieser nationalen „Schwimmschicht“, wie sie ein Historiker bezeichnete.
Die Herausbildung des polnischen Nationalbewusstseins hatte gegenüber dem
deutschen Nationalismus im historischen Bezug eine Abwehrfunktion.
Neben dem Katholizismus dienten als wesentliche
Klammer für den Erhalt der polnischen Nation subjektive
Abgrenzungsmechanismen, Erhalt und Herausbildung einer eigenen
Mentalität. Sie werden seltener erwähnt als die in der Historie bekannten
Phänomene der Untergrundkultur. Schulen, Universitäten und politische
Zirkel.
Die Verinnerlichung all der Mechanismen betreffend
Abwehr, Erduldung und Durchhalten, ihre Praxis während der Zeit der
Okkupation sowie die Würdigung, ja Hochstilisierung zum Heldenmythos sind
in der Nachkriegszeit unter den wechselnden autoritären Strukturen
wiederum Ausdruck des gesellschaftlichen Lebens und der politischen Kultur
geworden. Gegenwärtig versteht sich die Untergrund „Solidarität“ als
Träger dieses Gedankens und knüpft damit bewusst an polnische Traditionen
an.
Das Missachten von Anordnungen gehört zwar nicht zum
guten Ton, erregt aber nicht automatisch ein schlechtes Gewissen. Ein
indirekter Beleg für diese These ist in offiziellen Reden zu finden: Es
wird in der Regel nicht moralisiert!
Typisch sind statt dessen Heroisierung und nationales
Pathos. Das Vaterland ist dabei sehr oft „in Gefahr“. Die jeweils
aktuellen Wirtschaftsprobleme muss man bewältigen wie den Kampf um die
Befreiung Polens. Der Jahrestag der Schlacht an der Bzura im September
1939 oder der heldenmütige Kampf polnischer Soldaten um Monte Cassino
werden gern benutzt, um den Appell an bessere Arbeitsmoral zu
untermauern.
Die Mentalität ist keine klar definierte Größe in der
Charakteristik eines Volkes, dennoch hat sie eine bestimmte Bedeutung in
der Interpretation seiner Verhaltensweisen. Sie muss berücksichtigt
werden.
Es gilt, folgenden Zwiespalt zu überwinden: Den Hang
der Polen, alles Polnische einerseits abzuwerten landeseigene Produkte
zählen in einer subjektiven Bewertungsskala nur gering. Andererseits sieht
man sich aber als Nabel der Welt und hat auch besonders stolz zu sein auf
die eigenen Leistungen oder die eines berühmt gewordenen Mitbürgers. Wenn
nicht der Granitsockel, dann sind Gedenktafeln oder Straßenbenennungen
Ausdruck dafür.
Ein Exkurs, der uns Deutsche betroffen macht: Das
nationalsozialistische Deutschland hat nicht nur das polnische Volk
physisch vernichten wollen, es hatte auch begonnen, seine nationale und
kulturelle Identität zu zerstören: Die Sprengung der Denkmäler des
polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, Chopins oder
Kościuszkos, des Anführers im Aufstand von 1794, sind
traurige Beispiele.
In der Gierek Ära wurden Methoden des
nationalen Pathos zur Steigerung des Selbstwertgefühls benutzt. In der
Depressionsphase unter Jaruzelski wirken sie kaum noch.
Die stolzen Posener schauen auf die Warschauer herab,
die Krakauer ebenso. Die Leute in Łódź bewundern einerseits die tüchtigen
Posener in Wielkopolska (Großpolen), meinen dann aber, dass Jene gar nicht
zu „leben“ verstehen. Außerdem sind es halt die preußischen Polen! Man
weiß in Polen, dass im Posener und Danziger Raum sowie in Oberschlesien
alles am besten funktioniert. Ordnung und Zuverlässigkeit gehören dort
noch zu gültigen Wertmaximen.
Zweifellos ist die Beschäftigung mit den subjektiven
Phänomenen eine Gratwanderung zwischen wissenschaftlichen und
popularistischem Denken einschließlich der Reproduktion von Vorurteilen.
Nicht die Ordnungsvorstellungen der Preußen färbten
ab, sondern der höhere Grad industrieller Entwicklung war entscheidend!
Der Ruf, den die Bevölkerung in Wrocław (Breslau) im Vergleich zu anderen
polnischen Städten hat, ist nicht auf deren „Unlust, zu arbeiten“,
zurückzuführen. In Niederschlesien lebt heute überwiegend die
Landbevölkerung der Gebiete weit süd-östlich Warschaus aus Wolhynien und
Galizien.
Für die meisten dieser 1945/46 auf sowjetische Anweisung
umgesiedelten Menschen die letzten, ca. eine Million Menschen kamen erst
1956 bedeutete es einen Sprung aus vorindustrieller Agrargesellschaft
und ihren Resten feudaler Herrschaftsstrukturen in die Erfordernisse der
Industriegesellschaft. Hinzu kam der politische Wandel, der ebenfalls
gegen die große Mehrheit der Bevölkerung durchgesetzt wurde.
In Oberschlesien gibt es bis heute kaum eine
gesellschaftliche Integration zwischen den Alteingesessenen und den
Umsiedlern aus dem Osten sowie deren Nachkommen. Die gemeinsamen Klammern:
Nation, Kirche und gegebenenfalls Partei sind nur formeller Art. Die
jeweiligen Dialekte werden beibehalten, und man heiratet möglichst unter
sich. Ähnliches gilt in geringerem Maße auch für die Kaschubei, weniger
für Masuren, dort auf Grund der ländlichen Struktur und der dünnen
Besiedlung. In Polen wurden die Probleme der politisch gewollten und
sozioökonomisch notwendigen Integration in den neuen Westgebieten
überschätzt bzw. als nicht existent betrachtet. Überlagert wurde alles
durch die Egalisierungsansprüche beim „Aufbau der sozialistischen
Gesellschaft“. Die offizielle Verdrängung begünstigte und manifestierte
aber die emotionalen Abgrenzungsmechanismen sowie die Ausbildung von
Vorurteilen gegenüber den Umgesiedelten.
Die heutigen Eindrücke mancher westdeutscher Besucher
in ihren ehemaligen Häusern oder Höfen und die manchmal emotional
geäußerte Kritik an der „Vernachlässigung“ lassen sich weitgehend
erklären:
Da ist die vernachlässigte Landwirtschaft aufgrund
der Priorität des Aufbaus der Industrie seit 1947. Die Baumaterialien
wurden vorrangig zur Beseitigung der Wohnungsnot in den Städten verwendet.
Ein anderes Moment war lange Zeit zumindest bis zum Ende der 50er Jahre
die Ungewissheit der neuen Besitzer in den neuen polnischen Westgebieten
über dauernden Verbleib. Die Abwanderung der jungen Leute in die Städte,
und die wirtschaftliche Schwäche in der Gomulka Ära sowie die späteren
Krisen verstärkten die Probleme.
Die Klage eines weit gereisten Polen aus Lemberger
Familie in einem schlesischen Städtchen in seinem hübschen selbst gebauten
Haus über seinen Nachbarn, der in seinem Garten voller Unkraut nichts tut,
kann mit Mentalität oder Faulheit begründet werden. Dies ist aber kein
spezifisch polnisches, sondern wenn, dann ein sozialpsychologisches
Problem europäischer Dimension. Die „typisch deutschen“ Vorstellungen von
Ordnung und Sauberkeit sind eben nicht überall anwendbar und werden
außerdem zu einem Generationenproblem.
Für den Besucher der alten Heimat sind sie leider zu
oft Wertmaßstab. Der windschiefe Gartenzaun, der matschige Weg zum
Misthaufen sind bezüglich der eigenen Kindheit die verklärte Idylle. Heute
verkörpert die in den Dörfern stehen gebliebene Zeit demselben Besucher
nur Unordnung.
Der gegenwärtige Begriff des Antisowjetismus, von der
Propaganda eher als Synonym für jegliche Form nicht staatskonformen
Verhaltens benutzt, ist nicht gleichbedeutend mit dem historischen Begriff
des Antirussischen. Die traditionell antirussische Haltung aus der Zeit
der Teilungen wurde während der Zwischenkriegszeit in Staat und
Gesellschaft fortgeführt. Sie wurde durch den Verlauf des Krieges eher
gefördert als aufgehoben. Die offiziellen Beteuerungen der
Waffenbrüderschaft im gemeinsamen „Kampf gegen das faschistische
Deutschland“ überdecken nur mühevoll die im Bewusstsein der Bevölkerung
vorhandenen quälenden ungelösten Fragen: Der Mord an den 4000 polnischen
Offizieren in Katyn sowie die Deportation und Liquidierung
Hunderttausender im von der Sowjetunion ab dem 17. September 1939
besetzten Ostpolen; das Zuschauen der „Roten Armee“ vom rechten
Weichselufer beim Zerschlagen der Heimatarmee (AK = armia krajowa) während
des Warschauer Aufstands
im August 1944; die Liquidierung führender Köpfe der AK nach dem Rückzug
der deutschen Truppen; die Machtdurchsetzung und Festigung durch die
Kommunisten und der Stalinismus; die Einsetzung des Generals der
sowjetischen Armee Rokossowski als Oberbefehlshaber der polnischen Armee
bis zum Oktober 1956. All dieses ist nicht vergessen. Weil es nicht
genannt werden durfte, konnte es auch nicht bewältigt werden; statt dessen
wurden Emotionen genährt.
Dieser historische Hintergrund ist untrennbar mit den
vielfältigen Formen antistaatlichen, „antisowjetischen Handelns, dem
„privaten Anarchismus“ der Polen verbunden.
Manchmal ist es auch nur die Aufmüpfigkeit
jugendlicher (auf T-Shirts trug man 1981 z. B. den Aufdruck EA für“
antisozialistisches Element“). weil die Sowjetunion ständig als Garant der
staatlichen Sicherheit, des wirtschaftlichen und sozialen Erfolgs
hervorgehoben wird, eben deshalb machen die Bürger sie als Urheber und
Garanten des Systems auch für jeden Missstand verantwortlich. Es gibt
kaum einen Bürger, der nicht die wirtschaftliche Misere, die
Versorgungsmängel damit begründet, dass die Sowjetunion „ja doch alles
aus dem Land heraushole“, Eine Anekdote: jemand möchte für seinen Sohn
nach mehrfachen vergeblichen Anläufen die benötigte Hose mit Überlänge
kaufen. Er bekommt keine. Der Verkäufer, ein älterer Herr, bemerkt
achselzuckend, er sei schließlich nicht für den Schuss auf der Aurora
verantwortlich! Die partielle Antistaatlichkeit ist eine historisch
ableitbare und immer gegenwärtige antisowjetische Haltung. Sie war in
allen Phasen der Nachkriegszeit bis hin zur Solidarność Bewegung, dem
Kriegszustand und der Zeit danach gegenwärtig.
Die von der Bundesrepublik oft um ihr Nationalgefühl
beneideten Polen und ihr historisches Bewusstsein geben nur Teilaspekte
wieder. Auch Polen habe Probleme mit der Bewältigung des verlorenen
Ostens. In einer Diskussion mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten
Rakowski äußerte sich 1984 ein Teilnehmer: „Wir wollen die
Ukraine wieder haben.“ Die Antwort: „Na hol’ sie Dir doch, Du Dummkopf!“
Mit welcher Ernsthaftigkeit wäre ein deutscher Politiker auf solch einen
unqualifizierten Zwischenruf eingegangen!
Das Sozialstaatssystem entspricht in Polen dem
anderer Industrieländer. Die Sozialgesetzgebung wie auch die
innergesellschaftlichen Diskussionen sind durchaus mit denen der
Bundesrepublik vergleichbar.
Die Fürsorgepflicht des Staates ist zunächst
abgeleitet vom Sozialstaatspostulat des Sozialismus. Trotz Primat dieses
Prinzips befindet sich Polen im Dilemma anderer Industriestaaten: die
Sozialfunktion des Staates auszubauen oder genügend Mittel zur Förderung
der Wirtschaft bereitzustellen. Es ist damit der Konflikt, der für die
nach keynesianische Phase westlicher Marktwirtschaften typisch war.
Aussagen Jaruzelskis vom
November 1983 könnten dem Munde eines konservativen
westlichen Politikers entstammen: „In Polen wird dieses Aneinandergeraten
immer drastischer. Bei der Diskussion in unserem Lande werden sogar
extreme kontroverse Stimmen laut über das Anwachsen der
sozialfürsorglichen Funktionen des Staates ... Es muss jedoch nach dem
Axiom gehandelt werden, dass der Staat seinen Grundpflichten im sozialen
Bereich nachzukommen hat. Wir müssen die Möglichkeiten des sozial
unerlässlich wirksamen Schutzes für Menschen, die nicht durch eigenes
Verschulden hilfsbedürftig geworden sind, maximal nutzen.“
Preissteigerungen und Inflation treffen die am
meisten, die am wenigsten verdienen. Nach offiziellen Angaben lebten 1983
etwa 5,5 Millionen Menschen am Rande des Existenzminimums und weitere 2
Millionen unterhalb des Durchschnittseinkommens. Das bedeutet, dass mehr
als ein Fünftel der Bevölkerung auf Sozialunterstützung angewiesen war.
Die Zahl steigt weiterhin an. Die Verteilung der Mittel erfolgt nach
folgenden Gesichtspunkten:
-
Alters und Invalidenrenten;
-
Kinderreiche oder Alleinstehende
mit Kindern;
-
Familien mit Behinderten,
-
Personen, die nur Mindestlöhne
erhalten oder nur geringe Einkünfte aus der Landwirtschaft erzielen.
Zur Minderung der Inflationsschübe werden
Familienzulagen gewährt. Seit 1984 gibt es einen Verteilungsschlüssel, der
wesentlichen den Familienstand und die Einkommenshöhe berücksichtigt. Der
Ausgleich dient dabei nur der Linderung der Not.
Für die Jahre 1984 und 1985 wurden der Sozialpolitik
und dem Wohnungsbau höchste Priorität eingeräumt zugleich aber betont,
dass alles von der Überwindung der Rezession abhängt.
Dies bedeutet aber, dass die soziale Not
einschließlich des großen Nachholbedarfs an Wohnungen so groß ist, dass
die dringend notwendige Modernisierung der Wirtschaft nicht mehr vorrangig
betrieben wird. Man versucht damit kurzfristig dem sozialen Druck
entgegen zu wirken. Das führt aber gleichzeitig zu der Konsequenz, dass
die wirtschaftlichen Probleme verlagert werden. Eine Verzögerung um den
Preis der Verschärfung. Man hat aber keine andere Wahl.
Im folgenden soll anhand bisher unveröffentlichter
Studien polnischer Sozialwissenschaftler eine zwar nicht kontroverse,
aber doch von den in Polen veröffentlichten „offiziellen“ Darstellungen
abweichende Situationsanalyse gegeben werden. Einige Formulierungen werden
wörtlich übernommen.
In den siebziger Jahren war es die Rolle der
Gesellschaftswissenschaften, vornehmlich den amtlichen Optimismus von
„sich selbst erfüllenden Wünschen“ (self-fulfilling prophecy) in von der
Regierung unterstützten Untersuchungen zu beweisen. Man wendete sich
relativ spät der wirtschaftlichen Krise und den sozialen Konflikten zu.
In den siebziger Jahren war aufgrund steigender
Einkommen zunächst eine optimistische Vision einer Beseitigung von Armut
und Not entstanden. Der Trend hat sich aber bald in seine eigene Antithese
verkehrt. Die zunehmende Armut wurde ernst genommen; man „entdeckte“ die
„Deprivation“, und als Folge daraus entstand eine
„Gesellschaftspathologie“. Malanowski, ein radikaler Marxist, warf
in seinem Buch (_Polnische Arbeiter“, Warschau 1982) die Frage auf, ob der
Begriff der Armut als Wertkategorie Eingang in die
Gesellschaftswissenschaften gefunden hat. Den Begriff der Armut hat L.
Frąckiewicz durch ihr Buch „Die Sphären der Armut“, Warschau 1983, in
die Gesellschaftspolitik eingeführt. Sie begreift Armut als Kluft
zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen und der Befriedigung
materieller und nicht materieller Bedürfnisse wie auch der Kluft zwischen
der wirtschaftlichen Entwicklung und den Investitionen in verschiedenen
Regionen.
Die Begriffe „Dürftigkeit“ und „Wohlstand“ sind
relativ und damit ungenau. Der Regierungssprecher hat im Oktober 1984
folgendes gesagt. „Im August 1981 hat die Regierung beschlossen, das
soziale Minimum untersuchen und bestimmen zu lassen; das bedeutet aber
nicht, dass auch jeder Bürger das automatische Recht auf dieses Minimum
hat! So eine Meinung ist unrealistisch. Es kann gar nicht festgestellt
werden, wie die Bedürfnisse sind!“
Ein treffender Begriff wäre „Armseligkeit“. Er geht
auf R. S. Rowntree [England, 1901] zurück und bedeutet, dass das
gesamte Einkommen einer Familie nicht ausreicht zur physischen
Regeneration. Das benötigte Minimum in der Ernährung kann nach P.
Townsend (1976) nicht allein zur Bestimmung herangezogen werden. In
einer modernen Industriegesellschaft ist die Befriedigung psychischer
Bedürfnisse zum sozialen Überleben genauso notwendig. Voraussetzungen
dafür sind aber finanzielle Mittel.
Daneben gibt es ein Minimum sozialer Anforderungen an
Staat und Gesellschaft z. B. in Bildung und Kultur.
Nach Meinung polnischer Wissenschaftler ist die
Definition der Armut eher ideologisch als wissenschaftlich bestimmt.
Hierbei ist aber zu beachten, dass „Ideologie“ im Sprachgebrauch der
sozialistischen Länder positiv verstanden wird. Es ist ein in der Regel
auf das marxistisch leninistische System bezogener Begriff.
Da sich das Lebensniveau in Armseligkeit anders
gestaltet als beim Rest der Bevölkerung, wird das Entstehen von
stereotypen Meinungen in der Bevölkerung begünstigt. Es zeigt sich in
Meinungen wie: „Armseligkeit wird geerbt“; „die Leute sind zu faul zum
Arbeiten; „sie können nicht wirtschaften“ oder „das Sozialgeld ist zu
hoch.
Die Definition der Armseligkeit kann nur relativ
sein. Die Armseligkeit eines Individuums muss entsprechend der
Zugehörigkeit zu seiner gesellschaftlichen Gruppe gesehen werden.
Wichtige Kriterien sind dabei: Menschen sind arm,
wenn sie um ihre Lebenschancen gebracht werden, wenn sie sich nicht wohl
fühlen, wenn sie nicht das Gefühl eigener Würde haben (nach Atkinson).
Das durch die Vergesellschaftung der
Produktionsmittel entstandene staatliche Eigentum sollte eine
Eigentumsform auf höherer Ebene werden. Es brachte aber eine
„Zentralisationsfalle“ mit sich. Sie wurde von Oskar Lange (einem
polnischen Nationalökonomen; vgl. Anm. IV/5!) als „bürokratische
Entstellung“ bezeichnet. Die „Falle“ ist nicht zu vermeiden, sie ist ein
Beitrag, um den realen Sozialismus zu verstehen: Sie entsteht aus der
Bildung einer Hierarchie im staatlichen Entscheidungsapparat, der die
Hauptentscheidungen zum , , gesellschaftlichen Wohle trifft. Das
Funktionierendes Apparates, die Entwicklung von Armut und Reichtum, steht
aber im Widerspruch zur ideologischen Begründung der Tätigkeit eben
dieses Apparates.
Die Kritik ist nun daran anzusetzen, dass der Staat
wohl ein Programm zur Bekämpfung der Armut aufstellt, aber nicht imstande
ist, eine effektive und mobilisierende Aktion zu unternehmen, bzw. ihnen
Mittel in die Hand zu geben, damit sie von der Bedrohung befreit werden.
Die Armseligkeit ist somit ein politisches Problem so die polnischen
Wissenschaftler.
Die ansteigende Armut bezieht sich zunehmend auf
Rentenempfänger, junge Familien mit nur einem Ernährer oder
unvollständige und kinderreiche Familien. Nun einige Daten von 1982
anhand einer Untersuchung des Zentralamtes für Statistik, auf der Basis
von 200.000 Personen in 56.000 Haushalten:
Besonders ungünstig war die Situation der
Rentnerhaushalte:
Etwa 55 % der Einpersonen- und 60 % der Sechs und
Mehrpersonenhaushalte dieser Gruppe schätzt die eigene Situation
schlechter ein als der Durchschnitt. In 17 % der Rentnerhaushalte reichte
das Einkommen nicht aus zum Einkauf von billigsten Lebensmitteln und
einfachster Bekleidung.
Etwa 25 % aller Arbeitnehmerhaushalte schätzten ihre
Einkommenssituation schlechter ein, als der Durchschnitt. Bei den
Fünfpersonenfamilien waren es 31 % und bei den Sechs und
Mehrpersonenfamilien 37%. In den Familien mit nur einem Ernährer schätzte
die Hälfte die Situation als schlecht ein.
Sehr schwierig ist die Situation in den jungen
Familien ohne eigenes Einkommen, vor allem in den Städten. Es betrifft
dort jede siebente Familie.
Die zum Unterhalt verpflichteten Eltern befinden sich
ebenfalls in einer Zwangssituation.
Es handelt sich überwiegend um Eltern von Studenten
oder anderen Auszubildenden. Die Anhebung der Gebühren in den
Studentenheimen 1983 von 400 auf 2.000 Zł. pro Platz in einem
Vierbettzimmer führte dazu, dass viele Studenten, die keinen Anspruch auf
ein Stipendium hatten, aus Kostengründen die Studentenhelme verließen.
Andere wohnten, ohne Miete zu zahlen, bei Kommilitonen und schlugen sich
auf diese Weise durch. 1982 hatten 6,5 Mio. Menschen ein sog. niedriges
Einkommen von 5.000 Zł. Darunter waren:
-
in den Arbeitnehmerhaushalten: 3,1
Mio. entspricht: 16,8 %
-
in Arbeiter /Bauernfamilien
(Nebenerwerbsstellen): 1,1 Mio. entspricht: 22,1 %
-
in Bauernfamilien: 0,9 Mio.
entspricht:
21,7 %
-
in Rentner und Pensionärs
haushalten: 1,4 Mio. entspricht: 27,8 %
-
1983 hat sich der Bereich der
Armseligkeit noch vergrößert.
Ein „niedriges“ Einkommen von jetzt 6.000 Zł hatten:
-
in Arbeiterhaushalten: 5,4 Mio.
entspricht:
30,8 % und
-
in Rentner und Pensionärs
haushalten: 2,5 Mio. entspricht: 48,9 %.
Das bedeutet, dass im Jahre 1983 allein in den
Arbeiter und Pensionärs haushalten ca. 8 Millionen Menschen ein
Einkommen auf bzw. unter dem „niedrigen Niveau“ hatten.
Entsprechende Angaben über die Bauernhaushalte 1983
liegen nicht vor. Die Verarmungstendenz ist ähnlich, wird aber
unvergleichbar durch die zunehmende Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln
auf dem Land. Im Jahre 1981 erreichte jeder vierte, 1982 schon jeder
dritte nicht das Einkommen des „sozialen Minimums“; wobei diese Grenze
noch höher angesetzt ist als das „niedrige“ Einkommen. [1981: 5000 Zł.;
1981: 6000 Zł.] Das Realeinkommen ist von 1981 bis 1982 noch um ca. 20 %
gesunken. Die Lebensmittelkonsumption ist auf das Niveau von 1970
gesunken, vor allem im Bereich der höherwertigen Lebensmittel wie:
Fleisch, Butter und Käse.
Es wächst die Zahl derer, die zu wenig Eiweiß,
Vitamine etc. zur Verfügung haben.
1982 machten die Ausgaben für Lebensmittel in den
Familien mit niedrigem Einkommen schon ca. 60 % aus. In den ärmeren
Arbeitnehmerhaushalten waren 1982 die Einnahmen um ca. 30 % niedriger als
die Ausgaben; bei den Pensionären um ca. 15 %!
Das gesamte Unterstützungssystem hat sich von
1980 1983 gewandelt. Man kann es den folgenden Teilbereichen zuordnen:
1. Das staatliche System, das aus dem
Staatshaushalt finanziert wird.
2. Das System gesellschaftlicher
Unterstützung aus dem In- und Ausland; dazu gehören weltliche und
kirchliche Organisationen und Komitees.
3. Das nicht-organisierte System, das
Familie, Bekannte, Nachbarn, aber auch lokale Selbsthilfe oder private
Hilfe aus dem Ausland umfasst
4. Das System der „Eigenhilfe“, das
legale, auch halb oder illegale Wirken der einzelnen selbst.
Im Vergleich zu den 70er Jahren kann man die
erfolgten sozialen Leistungen wie folgt unterscheiden.
1. Der Anstieg der Sozialleistungen
im Nationaleinkommen,
1982: 25 %;
2. die soziale Hilfe durch
organisierte und nicht organisierte Systeme.
3. die erweiterte Abgabe von
Sachleistungen (Lebensmittel, Schuhe und Medikamente) dank karitativer
Hilfe, vor allem aus dem westlichen Ausland;
4. das karitative Wirken der Kirche;
5. die verstärkten Hilfeleistungen
seitens der Familie;
6. die zunehmenden Aktivitäten
innerhalb der Familien durch Selbsthilfe.
Man muss davon ausgehen, dass seit 1983 keine
wesentliche Verbesserung der Situation eingetreten ist und auch nicht in
absehbarer Zeit zu erwarten ist.
Wie hältst Du es mit der „Solidarność“? Dieser Satz
ist seit dem Kriegszustand zur politischen Gretchenfrage geworden. Er ist
Ausdruck der komplexen Problematik in seiner Gesamtheit. Er betrifft
sowohl das seit dem 13. Dezember von militärischen Korsettstangen
durchzogene und sich immer noch nicht ganz tragende Binnensystem als auch
das Spannungsfeld der westlich polnischen Beziehungen. Warum kann man aber
gegenwärtig nicht über die Solidarność schreiben?
Die Forschung über die „Solidarność“ von ihrer
Entstehung aus den Aktionen der Arbeiter in der Erneuerungsbewegung im
Sommer, der offiziellen Gründung durch die Gewerkschaftskomitees
am 17.9. und ihre Genehmigung durch das Warschauer Bezirksgericht am
24.10.1980 bis hin zu ihrer Suspendierung durch die Ausrufung des
Kriegszustandes am 13.12.1981, konnte nur in Ansätzen erfolgen.
Da ist zunächst einmal der Entwicklungsprozess der
„Solidarność“ von einer gewerkschaftlichen Bewegung zur gesellschaftlichen
Sammelorganisation. Diverse Gruppen mit völlig unterschiedlichen
Zielsetzungen versuchten, die Gewerkschaft als Forum zu benutzen. Bereits
in der Satzung waren neben den ureigenen gewerkschaftlichen Aufgaben
gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Ziele formuliert. Dazu
gehörten z. B.: „die Stärkung der Familie“ (Paragraph 6.4), die
„Verbreiterung der Demokratie“ (6.5), der „Einfluss auf die Gestaltung der
Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik“ (6.7) und die „Förderung
einer aktiven Haltung für das Wohlergehen des Vaterlandes“ (6.8),
die Förderung der „Entwicklung von Kultur, Bildungswesen, Wissenschaft und
technischem Fortschritt“ (7.8) (zitiert nach Nettelmann, a.
a. 0., vgl. Anm. II/l, S. 101).
Nun ist die Frage nach einer Eingrenzung respektive
Ausgrenzung selbst gesetzter Aufgaben und Ziele ein in der Geschichte der
Arbeiterbewegung bereits verwurzeltes Problem. In den kapitalistischen
Ländern parlamentarisch-demokratischer Prägung gilt der Anspruchsrahmen
gewerkschaftlicher Betätigung als Ausdruck des Selbstverständnisses wie
auch politischer Machtfragen.
Die in der Satzung der Gewerkschaft „Solidarität“
angestrebten Ziele entsprechen dem umfassenden Politik Begriff der
historischen Ziele der Arbeiterbewegung. Die spätere Trennung in der
Organisationsstruktur: Gewerkschaften und Arbeiterpartei(en) hatte eher
politisch pragmatische Gründe. Es sei in diesem Zusammenhang noch einmal
erwähnt, dass beispielsweise die Labour Partei eine Gründung der
britischen Gewerkschaften war mit dem Ziel, eine parlamentarische
Interessenvertretung zu haben.
Die Formulierung politischer Ziele durch eine
Gewerkschaft in einem sozialistischen Land ist aber keineswegs ein
Rückgriff auf die alte Identität in der Arbeiterbewegung. Im Marxismus/
Leninismus ist die Verlagerung der gesamten politischen,
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Macht allein auf die Partei eine
geschichtliche Realität geworden. Die damit verbundene Degradierung der
Gewerkschaften zum ausführenden Organ des Parteiwillens in den Betrieben
bis hin zur Degeneration zur Rolle als Freizeit und
Sommerurlaubsgestalter – in Polen bis noch mehr als in der UdSSR und der
DDR – sollte nun durch den Universalanspruch in der Satzung der
„Solidarność“ aufgehoben werden.
Ausgehend von diesem Spannungsverhältnis entwickelte
sich im Laufe des Jahres das konkurrierende Macht Dreieck:
Staat(Partei) Gewerkschaft „Solidarität“ Katholische Kirche. Aß die
Solidarität dabei aufgrund der Schwäche des Staates in ein partielles
Machtvakuum stieß, begünstigte ihre Entwicklung noch. Diese Phase ist
gekennzeichnet durch Machtverschiebungen innerhalb der Führungsebene und
zunehmende Distanz zur Basis. Hinzu kamen die an sie gerichteten sowie die
selbst gestellten, sie aber völlig überfordernden Ansprüche angesichts der
wirtschaftlichen Depression und teilweise widersprüchlichen und
irrationalen Verhaltensweisen: das gleichzeitige Belohnen der
Herbeiführung von unsinnigen Streiks und andererseits dem
verantwortungsbewussten Handeln vieler Solidarltätsmitglieder bei der
Bewältigung von Konflikten in anderen Betrieben. Während die Mehrheit der
Gewerkschaft zur Konsolidierung beitrug, war ein kleinerer Teil – vor
allem der mittleren Funktionärsschicht – auf totale Konfrontation
ausgerichtet. Alles ist in Ansätzen bekannt, aber gegenwärtig nur
unzureichend erforschbar. Der Kriegszustand, die Emigration einiger, die
innere Emigration vieler ehemaliger Mitglieder der „Solidarnośćg, die
ertragenen Demütigungen vieler ehemals aus innerer Überzeugung wie
nationaler Verantwortung Engagierter, das oft irrationale und im Westen
stark überschätzte Wirken von Exilgruppen und die alles überlagernde
Emotionalisierung und Mythologisierung hindern eine Aufarbeitung mit
nötiger wissenschaftlicher Distanz.
Das krampfhafte Bemühen der neuen Gewerkschaften um
Mitglieder mit unlauteren Methoden, mit Versprechungen von Vorteilen, dem
Drohen mit Nachteilen aufgrund der Schlüsselrolle bei der Vergabe von
Ferienplätzen durch die Betriebsorganisation, )a sogar die Ergäbe von
Wohnungen erzeugen für die betroffenen Kollegen in den Betrieben unlösbare
Konflikte: Die Mitgliedschaft in der neuen Gewerkschaft kann als Verrat an
den gemeinsamen Zielen angesehen werden und die Ächtung durch Kollegen zur
Folge haben. Andererseits kann aber der Beitritt nicht als
opportunistischer, sondern als verantwortungsbewusster Schritt im Sinne
einer einzig realistischen Alternative gewertet werden. Vor allem im
westlichen Ausland sollte sich jeder in der Zucht der Zurückhaltung üben
ob dieser schweren Entscheidung polnischer Arbeiter. Die
Entscheidungskriterien sind Sache der Polen selber!
Die in der Bevölkerung seit dem Kriegszustand
beobachtete und für Polen wiederum typische Verklärung der Rolle der
„Solidarność“ schlägt langsam um in ein Erkennen der Unabänderlichkeit der
Situation und führt damit auch zur Aufgabe der Vorbehalte gegenüber den
neuen Gewerkschaften. Es scheint sich auch das Bild Jaruzelskis vom
Zerstörer einer unabhängigen und freien Organisation zum „Retter des
Vaterlandes aus höchster Not“ zu wandeln. Umgekehrt entwickelt sich die
Einschätzung der Person des ehemaligen Vizepremiers M. Rakowski.
Auf ihn als den früheren Chefredakteur der angesehenen
Wochenschrift „Polityka“ richteten sich die Hoffnungen der Intelligenz und
der Liberalen – nicht nur in Polen! Auf ihn konzentriert sich jetzt die
Enttäuschung. Seine von Zynismus geprägte Haltung wird abgelehnt. Dies ist
aber auch ein Problem derjenigen, die mit ihm unrealistische Hoffnungen
verbanden. Er ist nun mal kein linksliberaler Intellektueller, sondern der
stalinistischen Schule entwachsen und in seinem Sinne Realist.’
Die einzelnen Aspekte können wir nur andeuten; das
sich aus all dem ergebende Spannungsfeld in seinem nur mühevoll
austarierten relativen Ruhezustand ist ein Grund für die Unmöglichkeit,
gegenwärtig über die „Solidarność“ zu schreiben.
Ein zweiter liegt in der Einschätzung der polnischen
Situation in den westlichen Ländern. Dort aber liegen unterschiedliche
Motive vor: Die westlichen Gewerkschaften müssen aus ihrem
Selbstverständnis heraus und aufgrund ihrer damaligen Beziehungen – sie
hatten die „Solidarność“ als einzige freie polnische Gewerkschaft
anerkannt und maßgeblich unterstützt – bei dieser Position bleiben. Sie
tun sich nach wie vor schwer, den inneren Entwicklungsprozess von der
Gewerkschaft des Jahres 1980 zum Sammelbecken aller nicht
marxistisch leninistischen Organisation 1981 zu begreifen. Ihr eigenes
Verständnis des Politischen begünstigt ihre Haltung.
Noch schwieriger wird die Beurteilung der Situation
durch konservative oder liberale Parteien und Regierungen.
Sie, für die die Gewerkschaften des eigenen Landes
oft den politischen Gegner darstellen, nehmen zu dieser aufgelösten
polnischen Gewerkschaft eine andere Position ein.
Die Motive für diese unterschiedliche Behandlung
liegen in der Gegnerschaft zum kommunistischen System begründet. Die
Einbindung in die seit Antritt der Reagan Administration wieder stärker
gewordene Betonung des Systemgegensatzes ist ein zweifellos legitimes
Mittel in der politischen Auseinandersetzung. Der ungeklärte Widerspruch
setzt aber dort ein, wo die politische Rolle der damaligen Gewerkschaft
dieses anderen Landes der Angelpunkt ist. Eben der politische Anspruch ist
es, der den westlichen Gewerkschaften nicht zugestanden wird!
Die Forderung nach „Freiheit für die Gewerkschaft
Solidarität“ bekam dadurch eine überwiegend binnenpolitische Bedeutung in
der politischen Auseinandersetzung westlicher Länder. Das zeitweilige in
den Mittelpunkt des Interesses Stellen in Politik und Publizistik des
Westens hat zudem eine Lösung erschwert. Dieses eher zum Nachteil der
Menschen in Polen.
Der dritte Grund liegt in der Bewertung des
Kriegszustandes. Es ist unmöglich für uns Westdeutsche, den Kriegszustand
in seiner Gesamtheit zu begreifen, weil durch ihn der politische Konsens
in den Wertmaximen der pluralistischen Gesellschaftsordnung berührt wird:
die persönliche, politische und gewerkschaftliche Freiheit und
Unabhängigkeit.
Der bezüglich politischer Lobhudelei unverdächtige
und kritische Journalist Daniel Passent tut sich schwer, wenn er in
der „Polityka“ vom 1.10.83 schreibt:
„Dank der Ausrufung des Kriegsrechts wurde der
Untergang Polens aufgehalten, und schon das ist ein historischer Schritt
dieser Regierung... Die Linie Jaruzelskis war allgemein gesehen klar
und die einzig mögliche. Es gab keine bessere reale Alternative. . . Diese
Entscheidung diente vor allem dazu, die politische Opposition zu
neutralisieren und der Anarchie Herr zu werden, und als die Staatsmacht
diese Aufgabe erfüllt hatte, stand sie vor einer neuen, wichtigen Aufgabe:
der Stabilisierung und dann der Umgestaltung des sozialökonomischen und
politischen Lebens in Polen. Die Regierung, die als eine Regierung ,des
kleineren Übels’, kleiner als das Blutvergießen, entstanden ist, brauchte
nunmehr Vertrauen seitens der Bevölkerung.“ (Zitiert nach „Polens
Gegenwart“, 18/83.)
Der in West Berlin lebende polnische Schriftsteller
Witold Wirpsza
kann im Nachwort zu seinem
1983 in Neuauflage erschienenen Buch: „Pole – wer bist du?“
kritisieren, dass im Osten, namentlich in Polen der Verrat tiefe Wurzeln
hat“ (S. 257). Er schreibt: „1981: Im Dezember schlägt die
Obrigkeit zu. Das Militär unter General Jaruzelski ersetzt die
völlig hilflose Partei und lähmt damit die ganze Gesellschaft. Anstelle
der kommunistischen Ideologie haben wir ein viel primitiveres Konzept:
Nackte Gewalt plus verblödetem verbalem Nationalismus. Und dazu noch das
Paradoxon . ein polnischer Nationalismus im Dienst des großrussischen
Chauvinismus“ (S. 260). „Mag sein, dass eine militärische Lösung die
bequemste war ... – eine Lösung jedoch, und zwar den Umständen gemäß eine
gewaltsame, war unumgänglich; die Nation war im Zuge, die wichtigsten und
heiligsten aller sowjetischen heiligen Kühe abzuschlachten und so den
Sowjetismus als staatserhaltende Kraft nicht nur in Frage zu stellen,
sondern gleichsam abzuschaffen“ (S. 262). Die Wendung ins Private
erklärt Wirpsza wie folgt: „Für die Millionen von Mitgliedern der
zerschlagenen Gewerkschaft Solidarność stehen die religiösen und
moralischen Werte an erster Stelle, die politischen Kategorien sind nicht
mehr fähig, Werte zu ersetzen.“ (S . 265)
Enttäuschung, Wut und Trauer, geschwundene Hoffnung,
aber auch die Gewissheit bleiben, dass die „geistige Sowjetisierung“ (Wirpsza)
nicht gelungen ist und man die Zeit nicht bis vor 1980 zurückdrehen
kann.
Es bleiben auch ungelöste Fragen:
-
Gilt der Erhalt der Staatsräson nur für
parlamentarisch demokratische Systeme?
-
Ist die Gestaltung der inneren Ordnung eines jeden
Landes grundsätzlich zu akzeptieren?
-
Hat ein Staat mit anderer Gesellschaftsordnung
nicht auch das Recht zur Verteidigung derselben?
-
Darf der Nichtbetroffene schweigen, wenn anderen
Unrecht geschieht?
-
Kann ein Europäer überhaupt nicht betroffen
sein?
-
Ab wann – oder bis wann – ist die „Zucht zur
Zurückhaltung“ (Willy Brandt am 4. 12. 1980 in der Ev. Akademie
Loccum) geboten?
Wann wird man die polnische Gretchenfrage nicht mehr
stellen müssen und kann über die Jahre 1981 und die Zeit danach
schreiben, ohne zwangsläufig in die Zwickmühle zu geraten zwischen dem:
„Wie hältst du es mit der „Solidarność“?“ und der Einschätzung des
Kriegszustandes? Dann, wenn nicht mehr Politik betrieben wird mit den
Gefühlen und Ängsten von Millionen Menschen>
Vielleicht ist das Nachdenken für eine gewisse Zeit
eine sinnvolle Alternative!
Für beide Institutionen liegt die Überlegung nahe,
dass sie als Ersatz der zerschlagenen „Solidarność“ gedacht waren. Die
beiden Komponenten dieser nicht mehr existierenden Gewerkschaft als
gesellschaftliche Bewegung und Arbeitnehmerorganisation sollten nun zwei
regimetreue Organisationen, eben PRON (Patriotyczny Ruch Odrodzenla
Narodowego, die „Patriotische Bewegung der nationalen Erneuerung“) und die
neuen Gewerkschaften übernehmen. Da auch die anderen Gewerkschaften
aufgelöst worden waren, die praktisch ausgezehrten alten Gewerkschaften
und die sog. Branchengewerkschaften, war für deren ehemalige Mitglieder
der Übergang zur Neugründung relativ problemlos. Das Vermögen aller
aufgelösten Gewerkschaften wurde der neuen übergeben.
Für PRON gab es keinen Vorläufer, abgesehen von den
Wahlzusammenschlüssen der Parteien und gesellschaftlichen Gruppen in der
Nationalen Front (FJN). Deren Aufgabe, die Durchführung der Parlamentswahl
am 13. 10. 1985, hat PRON übernommen. Sie stellt damit eine Organisation
dar, die an sich im realen Sozialismus überflüssig ist. Sie wurde am 20.
7. 1982 von den Parteien (PZPR, ZSL und PD) sowie den katholischen
Organisationen PAX, der Christlich Sozialen Vereinigung und dem Polnischen
Katholisch Sozialen Verband gemeinsam gegründet und hat auch
Einzelmitglieder, die aber zumeist gleichzeitig Mitglieder einer oder
mehrerer Korporationen sind. Heute sind praktisch alle gesellschaftlichen
und politischen Organisationen Mitglied der PRON – ca. fünfhundert. Die
Zahl der Aktivisten wird mit 950 000 angegeben.
Die Pläne einiger Persönlichkeiten, wie z. B. des
jetzigen Sejm Abgeordneten (ZSL, Bauernpartei), Prof. M. Kozakiewicz,
die PRON mit organisiert haben und zu einer unabhängigen Kraft innerhalb
des Systems entwickeln wollten, konnten nicht umgesetzt werden. PRON
sollte zu einer – systemimmanenten – Institution des Dialogs werden. In
der offiziellen Sprachregelung ist PRON eine Institution der nationalen
Verständigung. Die Opposition meint aber, dass sich nur die verständigt
haben, die sich ohnehin gut verstehen. Die Ernennung des angesehenen
katholischen Schriftstellers Jan Dobraczynski sollte den Eindruck
einer alle gesellschaftlichen und politischen Gruppen umfassenden
Institution verstärken.
Obwohl PRON theoretisch unabhängig ist, hat es sich
noch nie öffentlich eindeutig gegen Gesetzesvorhaben der Regierung
geäußert, abgesehen von einigen kritischen Stimmen zu einzelnen
Gesetzesvorlagen der Regierung, wie z. B. der Änderung des
Hochschulgesetzes. Um PRON aufzuwerten, erweckte die Regierung öfter den
Anschein, sie würde PRON als eigenständige Kraft ansehen. Praktisch hat
PRON nur einen unbedeutenden kosmetischen Einfluss auf die Politik der
Regierung. In der Bevölkerung wird die Autorität von PRON als gering
eingeschätzt. Man empfindet sie eher als eine weitere staatliche
Organisation, obwohl sie dem Status nach keine ist.
Als positiv sind die Diskussionsklubs innerhalb von
PRON anzusehen. Dort wird offen und hart diskutiert. Diese Veranstaltungen
haben aber im großen politischen Rahmen keine Bedeutung und werden auch
nur selten in der Presse wiedergegeben und erfüllen damit andererseits
wieder ihre Ventilfunktion für die Teilnehmer.
PRON hat insgesamt keine eigene politische
Zielsetzung, sondern erfüllt eine Legitimationsfunktion:
-
Sie knüpft an die „Hoffnung des
Jahres 1980 an“ und er weckt sogar die Vorstellung einer Verwirklichung
des „Werkes der (liberalen, d. Verf.) Verfassung vom 3. Mai 1791“
(Jan Dobraczynski in „Polens Gegenwart“, 17 18/1985).
-
Sie besteht aus regierungstreuen
„spontan’« in den ersten Tagen des Kriegszustandes gebildeten
Bürgerkomitees GOKON“). Deren Mitglieder waren in hohem Maße
pensionierte Polizeibeamte, Soldaten oder Angehörige der „Freiwilligen
Reserve der Bürgermiliz“ („ORMO“).
-
Sie gibt eine Unterstützung durch
Kardinal Glemp vor, der im Januar 1982 sagte: „Aus dem Niedergang
müssen wir uns selbst erheben. Aber einheitlich. Einheit lässt sich nur
im Dialog erringen, und der Dialog muss auf Wahrheit beruhen. Mögen sich
Bürgerkomitees für nationale Rettung bilden“ (ebenda).
-
Die auf Vorschlag Jaruzelskis
erfolgte einstimmige Wahl eines katholischen Schriftstellers zum
Vorsitzenden und die Einbeziehung der katholischen Organisationen.
Die Legitimation wird unterstützt
durch scheinbare Ziele oder geschickt zugeordnete Aktivitäten wie z. B.:
Zur Unterstreichung der Bedeutung wurde PRON
Verfassungsrang eingeräumt: PRON sei eine „Plattform, auf der sich die
Kräfte des Volkes zum Wohle der Volksrepublik Polen vereinen und auf der
die politischen Parteien, gesellschaftlichen Organisationen und
Vereinigungen sowie die Bürger – ungeachtet ihrer Weltanschauung –bei der
Lösung der Probleme der Arbeitsweise des sozialistischen Staates und der
allseitigen Entwicklung des Landes zusammenarbeiten“ (Art. 3 der
Verfassung der VR Polen).
PRON selbst formuliert unter seinen Zielen als
Hauptziel, „die Überwindung der Krise“ und in Nebenzielen.
-
engagierte staatsbürgerliche
Haltungen zu fördern;
-
den Dialog und die Verständigung zu
dauerhaften Instrumenten bei der Lösung von Widersprüchen und Konflikten
sowie bei der Überwindung gegensätzlicher Interessen sozialer Gruppen,
Klassen und Schichten zu machen;
-
für die ununterbrochene Entwicklung
der Demokratie zu sorgen;
-
das Niveau der allgemeinen Moral
des Volkes zu heben, damit sie die Strukturen des sozialökonomischen,
politischen und staatlichen Lebens durchdringt;
-
die Achtung vor der menschlichen
Arbeit wiederherzustellen und der Berufsethik erneut einen hohen
Stellenwert zu sichern;
-
den Anstieg der materiellen
Bedürfnisse der Bevölkerung und die Möglichkeiten zu ihrer Befriedigung
in Einklang zu bringen;
-
die Sozialpathologie zu bekämpfen;
-
sich um die Achtung der Würde des
Menschen zu kümmern und die weltanschauliche Toleranz zu fördern.
Im folgenden soll unter Verwendung von in der
polnischen wissenschaftlichen Diskussion gebrauchten Formulierungen und
unter Berücksichtigung kritischer oder nicht konformer Positionen das
Rechtssystem kurz dargestellt werden.
a) Vorbemerkungen
Die Unterzeichnung der Abkommen von Danzig und
Stettin weckte 1980 in Polen die große Hoffnung, dass ein breit angelegter
Reformprozess beginnen würde. Im ganzen Land wurden Stellungnahmen und
Reformvorschläge verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und
Organisationen an die politischen Instanzen versandt. Sie stellten
wichtige Anregungen für spätere Gesetzesinitiativen dar. Dabei war
wesentlich, dass alle Reformen auf gesetzlicher Basis durchgeführt werden
sollten.
Das Rechtssystem funktioniert in einem
real sozialistischen Land etwas anders als in den westlichen Ländern. Es
ist weniger unabhängig und in höherem Maße politisiert. Das Recht wird
dabei als rein instrumentell betrachtet. Für Rechtsstaatsideen, die ein
Normensystem auf der Basis grundlegender, auch die politischen Instanzen
bindende Wertentscheidungen aufbauen wollen, bleibt de facto kein Platz.
Die politische Praxis ist daher pragmatisch. Auch die ideologischen
marxistischen Bekenntnisse in der Verfassung liefern für die konkrete
Deutung des geltenden Normensystems keine verlässlichen Kriterien.
Ein von der Politik abhängiges Rechtssystem kann kaum
seine autonome Logik und Kohäsion erhalten. Seine Inhalte müssen daher
nicht juristisch logisch, sondern politologisch interpretiert werden. Das
Rechtssystem spiegelt die jeweilige Machtkonstellation in der Gesellschaft
wider. In den „realsozialistischen“ Ländern hat der Interessenkonflikt
zwischen der politischen Führungselite, die zugleich über die
Produktionsmittel und Massenmedien verfügt, und der von ihr beherrschten
Bevölkerung eine grundsätzliche Bedeutung. Wohl nirgends wird dieser
Konflikt so klar verstanden und empfunden wie in Polen.
b) Recht und Bürokratie
Die Divergenz in der Gesellschaft wird im
Rechtssystem deutlich im inhaltlichen Widerspruch zwischen dem formell
geltenden Verfassungsrecht und den praktisch geltenden detaillierten
Vorschriften.
Dies gilt für alle politisch relevanten Fragen. Auch
die allgemeine Gesetzgebung kann in diesem Zusammenhang oft nicht als
direkt geltendes Recht betrachtet werden. Die kontroversen Fragen sind in
der Regel durch vage Begriffe normiert. Gleichzeitig bevollmächtigt der
Gesetzgeber die entsprechenden Verwaltungsorgane zu detaillierten
Regelungen. Später stellt man dann fest, dass diese Detailregelungen bzw.
Ausführungsbestimmungen ganz andere Auslegungen zulassen, als man
eigentlich nach dem Gesetz er warten müsste So sind z. B. die politischen
Bürgerrechte und -freiheiten „konkretisiert“ worden. Ex definitionem
sollte hier der Staat Freiräume für die politischen Aktivitäten der Bürger
garantieren. De facto sind diese Freiheiten durch die detaillierten
Regelungen aber relativiert und letztendlich in die Entscheidung der
staatlichen Beamten gestellt worden. Ob also eine Kundgebung stattfinden
kann, ob man einen Aufsatz oder ein Buch veröffentlichen kann, ob eine
Gewerkschaft ihre Eigenentwicklung selbst bestimmen darf, ob gar die
gewerkschaftlichen Symbole legal sind usw., darüber entscheiden Beamte.
Die Bürgerprärogativen sind zu Beamtenprärogativen geworden!
Wie soll nun ein Jurist das geltende Recht
interpretieren, wenn er solche inhaltlichen Widersprüche feststellt? In
den politisch umstrittenen Fragen stellt meist die Regelungspraxis die
gesamte Hierarchie der Rechtsquellen auf den Kopf. Als Konsequenz muss man
annehmen, dass die höheren Rechtsakte nur insoweit gelten, als sie den
detaillierten Regelungen inhaltlich nicht widersprechen.
Dieses Prinzip ist inzwischen in der Praxis von allen
weitgehend verinnerlicht worden. Weder ein einfacher Bürger noch ein
Beamter verlässt sich auf seine Rechtskenntnisse. Er wartet, bis er
entsprechende Ausführungsbestimmungen oder am besten eine schriftliche
Instruktion seines Vorgesetzten in der Hand hat.
Vom logischen Gesichtspunkt aus könnte man das
Rechtssystem auf zweierlei Wegen inhaltlich abstimmen: indem man die
Verfassung an die Rechtspraxis anpasst – oder umgekehrt, indem man die
Rechtspraxis an die Verfassungsnormen anpasst
Aus nahe liegenden Gründen können die beiden Methoden
nur in einem sehr begrenzten Umfange angewandt werden. So bleibt eine
dritte Möglichkeit die inhaltliche Erosion der ideologischen
Verfassungsbegriffe. Dieser Prozess ist schon weit fortgeschritten. Man
weiß z. B., dass die Diktatur (des Proletariats) die höchste Form der
Demokratie darstellt, dass wahre Vergesellschaftung existiert, wenn der
Staat über die Produktionsmittel verfügt, dass die Friedenspolitik vor
allem die Stärkung der militärischen Verteidigungskapazität verlangt, dass
Freiheit bedeutet, die objektiven Zwänge zu verstehen, dass die objektiven
Interessen der Arbeiterklasse zu vertreten bedeutet, eben gegen die
eindeutig manifestierten, subjektiven Wünsche dieser Klasse zu handeln
etc.
Geltendes Recht soll öffentlich bekannt sein oder
sollte zumindest veröffentlicht werden. Die größte Wirtschaftsreform der
70er Jahre, bei der die „großen Wirtschaftsorganisationen“ (WOG) gegründet
wurden, wurde jedoch durch eine nicht öffentlich zugängliche Verordnung
eingeleitet.
Das Sozialrecht wird dagegen ohne Probleme publiziert, es ist nur so
instabil und kompliziert, dass es selbst für Juristen kaum durchschaubar
ist – von den betroffenen Rentnern ganz zu schweigen. Auch die
Wirtschaftsbürokratie produziert Tausende verschiedenster
Rechtsvorschriften, ohne sich sehr um die Transparenz und Kohäsion des
Systems zu kümmern. Es ist sogar vorgekommen, dass die neuen Akten nicht
unbedingt die aufgehobenen Vorschriften benennen, sondern das Problem mit
der Formel: „Alle Vorschriften, die mit der neuen Regelung nicht
übereinstimmen, gelten nicht mehr“ erledigen.
Theoretisch gilt das Prinzip, dass alles, was nicht
eindeutig verboten ist, rechtlich erlaubt ist. Versucht aber jemand z. B.
eine Druckmaschine über die Grenze zu bringen, so muss er erfahren, dass,
obwohl nicht verboten, es doch nicht gestattet ist. Genauso kann z. B.
eine Blumenniederlegung oder ein Privattreffen nicht erlaubt sein. Will
jemand legalistisch handeln, so ist ihm bei allen politisch wichtigen
Aktivitäten zu empfehlen, sich nach dem Prinzip zu richten, dass nur das
erlaubt ist, was ausdrücklich erlaubt ist.
c) Dilemmata
Juristische Interpretationsregeln können keine
Ausdeutungsmethoden zulassen, die der semantischen Tradition der Sprache
widersprechen. Dieses Prinzip wird in der „real sozialistischen“ Praxis
nicht eingehalten.
Gesetze sollen realisierbar sein. Wie kann aber das
Industriemanagement gesetzliche Umweltschutzmaßnahmen durchführen, wenn
diese weder in den Investitions noch in den Produktionsplänen
berücksichtigt werden? Wie kann man den Alkoholismus gesetzlich effektiv
bekämpfen, wenn die Alkoholausgaben der Bevölkerung sehr wichtig sind für
die Reduzierung des Inflationsüberschusses und sich auf den Märkten nur
ein begrenztes Warenangebot befindet? Die Bekämpfung der
Schwarzbrennerei dient zudem eher dem Schutz der Interessen des
staatlichen Alkoholmonopols.
Je mehr Unsicherheit, desto mehr Abhängigkeit von den
Machtträgern! Wollen die Menschen normal leben oder ihre Berufspflichten
richtig erfüllen, so sind sie oft gezwungen, die realitätsfernen
Vorschriften zu verletzen. Immer mehr wichtige Waren und Dienstleistungen
sind z. B. nur gegen Devisen erhältlich, aber in der Bank kann man sie
nicht bekommen, also muss man sie irgendwo privat kaufen – was wiederum
verboten ist. Will ein Einkäufer seinen Betrieb mit Mangelwaren versorgen,
so muss er oft mit Methoden operieren, die man formell als Bestechung
bezeichnet. Dasselbe trifft auf die Hausfrau zu, die ihre Familie
versorgt. Viele Bürger lesen die verbotene „underground“ Literatur, weil
sie sich auf den Wahrheitsgehalt der Massenmedien nicht verlassen können.
Allmählich zwingt die Situation jeden Bürger zu formal illegalen oder
halblegalen Handlungen. Fast jeder kann aber –falls nötig – strafrechtlich
oder zivilrechtlich verfolgt werden.
Die partielle Dekomposition des Rechtssystems schafft
für die Juristen schwierige Situationen. Sie verlieren das Bild von der
Ganzheit des Systems. Politisch weniger relevante Bereiche wie z. B, das
Familienrecht oder große Teile des Zivil und Strafrechts sind nicht so
stark betroffen. Es muss aber auch betont werden, dass das Berufsethos der
Juristen im Prinzip nicht gebrochen ist. Auch das Niveau der theoretischen
Fachausbildung ist gut. Wenn z. B. die politische Führung gegen die
erheblichen sozialen Probleme und steigende Kriminalität wie auch die
oppositionellen Tätigkeiten kein besseres Heilmittel als die übermäßige
Pönalisierung des Rechts finden kann, so hält sich die Rechtsprechung
trotz Weisungen oder Ermahnungen dicht an den unteren Grenzen der
Strafzumessung.
Oft er,eben sich moralische Probleme: Wie kann man z.
B. kleine Diebe bestrafen, die eine staatliche Bauruine bestehlen, die
sowieso nie genutzt werden kann, wenn die für die Vergeudungswirtschaft
Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden? Eindeutige
Kriterien sind oft schwer zu finden. Die Gesellschaft hat aus den o. a.
Gründen ein ziemlich tolerantes Verhältnis zum Diebstahl, sofern der
Staat bestohlen wird. Privatpersonen zu berauben gilt dagegen im Volk als
„Schweinerei“. Die formalrechtlichen Kriterien sind allerdings umgekehrt.
Ein Diebstahl zum Schaden des Staates wird erheblich härter geahndet.
d) Das Recht in gesellschaftlichen
Auseinandersetzungen
Die Zerschlagung der „Solidarność“ erfolgte nicht nur
durch Militär und Polizei, sondern auch mit Hilfe der Gesetzgebung und der
Justiz. Ihr Vermögen wurde auf gesetzlicher Grundlage beschlagnahmt und
später den neuen Gewerkschaften übergeben. In den Fällen, in denen sich
das Geld in den Händen bevollmächtigter Gewerkschaftler befand und diese
sich weigerten, es herauszugeben, wurde der Justizapparat bemüht. Die
Betroffenen hatten sich wegen Aneignung gesellschaftlichen Eigentums zu
verantworten.
Jegliche Gewaltanwendung gegenüber der „Solidarność“,
die offiziell als Terror Organisation bezeichnet und vom Vize-Premier
Rakowski mit der IRA gleichgesetzt wurde, ist per se
legitimiert. Die politische Führung kriminalisiert führende Anhänger der
aufgelösten „Solidarność“ als vom imperialistischen Ausland inspiriert.
Die rechtlichen Machtmittel werden aber nicht voll ausgenutzt.
Andererseits kann ein Teil der staatlichen Verantwortung für die
Wirtschaftsmisere mit Hilfe der Propaganda auf die „faulen Arbeiter“, das
Wetter, die amerikanischen Sanktionen und die „Solidarność“ abgewälzt
werden.
Das neue Gewerkschaftsgesetz von 1982 ist restriktiv
und wird restriktiv interpretiert. Nach der Verfassung gilt
Koalitionsfreiheit als ein allgemeines Recht aller Werktätigen. Das
Gewerkschaftsgesetz verbietet jedoch dieses Recht bzw. schränkt es
wesentlich ein für die Arbeitnehmer in den Organisationseinheiten, die dem
Verteidigungs und dem Innenministerium unterstehen. Parallel dazu wurden
auch wichtige Einschränkungen mit dem Gesetz über
„Staatsverwaltungsarbeitnehmer“ vorgenommen. Wie im internationalen Recht,
so verlangt das neue Gewerkschaftsgesetz für die Gründung einer
Gewerkschaft keine staatliche Genehmigung; bloß:
diese Gewerkschaft kann überhaupt erst dann handeln, wenn der Staat ihre
Satzung akzeptiert. Das Gericht kann auch eine Gewerkschaft auflösen, wenn
es z. B. feststellt, dass diese Organisation keine Gewerkschaft ist,
sondern etwas anderes, vor allem eine politische Partei. Wie können aber
Gewerkschaften apolitisch sein in einer durchaus politisierten Wirtschaft?
Im alten Gewerkschaftsgesetz gab es eine Formel über die aktive
Beteiligung der Gewerkschaften an der Volksmacht. Sie wurde nicht in das
neue Gesetz übernommen!
Das neue Gewerkschaftsgesetz garantiert den
Werktätigen das Streikrecht. Es müssen dabei aber so viele formelle
Vorbedingungen erfüllt werden, dass dieses Recht völlig abstrakt ist.
Nach Einführung des Kriegsrechts wurden zunächst alle
Arbeitnehmer Selbstverwaltungen suspendiert. Danach wurden sie durch ein
Gesetz über die „besondere Regulierung während der Suspendierung des
Kriegsrechts“ von den staatlichen Organen abhängig gemacht, die
entscheiden müssen, ob eine Arbeitnehmer Selbstverwaltung überhaupt
gestattet wird. Die Aktivitäten der Selbstverwaltungen können auch
jederzeit verboten werden, –wenn ein staatliches Organ feststellt, dass
sie „die Rechtsordnung bzw. die grundsätzlichen gesellschaftlichen
Interessen“ verletzen. Wichtige Befugnisse der Selbstverwaltungsorgane,
wie die Wahl des Direktors oder der wirksame Protest gegen die
Entscheidung der staatlichen Wirtschaftsverwaltung wurden gesetzlich
eingeschränkt oder suspendiert. Jetzt mehren sich die Stimmen, dass das
Gesetz über die Selbstverwaltung der Belegschaften grundsätzlich
novelliert werden soll. Kein Zweifel, in welche Richtung.
Die Einführung von „Gummiparagraphen“ ist in allem
zur Ausübung gesellschaftlicher Macht anwendbaren Recht (z. B. Straf-, Arbeits oder Hochschulrecht) zu beobachten. Doch ob und wann der
Staatsapparat seine Machtmittel anwenden kann, hängt in Polen stets von
einer Reihe anderer Faktoren ab.
Gegenwärtig erfüllen die Maßnahmen ihren Zweck als
Drohgebärde. Ob sie wirklich ernst genommen werden, steht auf einem
anderen Blatt. Die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen finden
eher verbal und in Schaukämpfen mit viel Pathos und Theaterdonner statt.
Der Schlüssel zur Lösung der Frage, ob die Regierung das Heft sicher in
der Hand hat, liegt weiterhin in der Bewältigung der Wirtschaftsmisere und
der Verbesserung der Versorgungslage. Einschüchtern lassen haben sich die
Polen selten in ihrer Geschichte.
e) Reformen im Rechtssystem
Als wichtiger Schritt gilt die Einführung des
Obersten Verwaltungsgerichts. Es wurde in September 1980 aufgrund eines
Sejm Gesetzes gebildet. Der Bürger kann Jetzt Einspruch in einer dritten
Instanz erheben. Außerhalb eines Gerichtsverfahrens werden Klagen
erledigt, die formell nicht in den Kompetenzbereich des OVG fallen; z. B.
Einsprüche gegen Urteile anderer Gerichte oder zivile Streitfälle. Diese
Fälle werden mit Gutachten versehen und an die zuständigen Organe zur
erneuten Überprüfung weitergeleitet. Die übrigen Streitfälle werden
dagegen innerhalb eines Gerichtsverfahrens von drei Richtern auf einer
Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit oder in einer Verhandlung
erörtert. In den Kompetenzbereich fallen z. B. Einsprüche gegen
Entscheidungen des Hauptamtes für Publikationen und Theateraufführungen
(Zensur); Steuerverpflichtungen von Staatseinheiten, Angelegenheiten aus
dem Hochschulwesen, Verfahren gegen Arbeitsverweigerer, Streitigkeiten
bezüglich Konzessionen im Außenhandel, nicht aber Entscheidungen in Sachen
öffentlicher Sicherheit, Verteidigungsbereitschaft, Pässe und die
Tätigkeit von Verbänden. 1982 deckte das Oberste Verwaltungsgericht bei
fast einem Drittel aller Fälle solche Mängel auf, dass die
Aufrechterhaltung der Entscheidung unmöglich war. Meistens waren es mit
dem Gerichtsverfahren verbundene Mängel, z. B. unvollständiges
Beweismaterial. Es kam auch vor, dass die Beamten sich nicht in den
Gesetzesvorschriften auskannten, was wiederum daraus resultiert, dass es
in Polen eine Vielzahl von amtlich unveröffentlichten Rechtsakten gibt.
Mehr als 32 % der beim OVG eingelaufenen Klagen waren mit der Kommunal
und Wohnungswirtschaft verbunden, 27 % mit den Ackerböden und
Waldgebieten, 13 % mit dem Bauwesen, 12,5 % mit den Steuern und dem Zoll
und 4 % mit Enteignungsentscheidungen. (Zusammenfassung aus „Polens
Gegenwart“ 6/1983.)
Auch wenn die rechtspolitische Entwicklung von vielen
polnischen Wissenschaftlern sehr skeptisch beurteilt wird, so sollten doch
drei Aspekte hervorgehoben werden:
Erstens: Die Chance für den Rechtsstaat in Polen
durch die Einführung der Verfassungs- und Verwaltungsgerichtsbarkeit
.sollte nicht unterbewertet werden. Polen ist neben China das einzige
„real sozialistische“ Land, das diese Gerichte einführte. Die „Dritte
Gewalt“ wurde auf jeden Fall gestärkt,
Zweitens: Die Entwicklung lässt sich nicht in die
Zeit vor 1980 zurückdrehen. Die restriktiven Ansätze der letzten
Jahre sind nicht unbegrenzt fortführbar; sie erzeugen zugleich
gesellschaftlichen Widerspruch. Andererseits dienen Freiräume im Bereich
von Wissenschaft und Kultur der Kompensation; ebenfalls die relativ
großzügig gewährte Freizügigkeit in Bezug auf das westliche Ausland. Die
Polen haben in ihrer Geschichte, auch der jüngsten, bewiesen, dass sie
nicht bereit sind, obrigkeitsstaatliches Handeln im Übermaß zu dulden.
Drittens: Ein typisch polnisches Phänomen, das der
Politologe Kazimierz Kakol (bis 1983 Religionsminister) wie
folgt beschrieben hat: „Polen ist das Land der ‚Halbheiten‘.“ Diese
„Halbheiten“ sind es, die Freiräume zugestehen, die offiziell nicht
existieren, die drakonische Strafen durch Amnestierung
oder vorzeitige Entlassungen abmildern, die das System von Verboten oder
Rechtsunsicherheiten zusätzlich durchlöchern. Als Beispiel gilt die
Zensur: Sie ist da und sie ist auch streng. Die gestrichenen Passagen
eines Buches sind aber besonders gut bekannt und werden
handschriftlich weitergereicht. Verbotene Bücher in polnischer
Sprache werden vornehmlich aus Frankreich, England oder Schweden
„eingeführt“.
Nicht zu vergessen ist der Vergleich mit den
Nachbarn, der jetzt nicht geführt werden kann, der aber allgegenwärtig
ist.
„Pole gleich Katholik“, „Tausend Jahre Polen gleich
Tausend Jahre Christentum in Polen“, „Identität zwischen polnischem
Katholizismus und polnischer Nation“, „Patriotismus und Religiosität“ –
all diese Gleichsetzungen sind typische Ansätze historischer Abhandlungen.
Sie liegen in umfangreichen Untersuchungen vor, wie z. B. bei Georges
Castellan, im Aufsatz von Andrzej Micewski in:
Grube/Richter’,
bei Janusz Zablocki in: „Polnisches Mosaik“, Peter Bingen
in: A. Uschakow
oder Geri Nasarski
. Eine öffiziöse Darstellung findet sich bei Adam Piekarski.
Die enge Verbindung der Katholischen Kirche mit der
Geschichte der polnischen Nation ist Gegenstand der Historiographie. Auf
diese Thematik soll nicht näher eingegangen werden. Es sei aber auf ein
historisches Phänomen hingewiesen: die Legendenbildung. Hierzu finden sich
Beispiele bei G. Nasarski, S. 110 ff.
Legendenbildung und die symbiotische Beziehung Pole gleich Katholik sind
als Folgen historisch politischer Konstellationen entstanden, d. h.: nicht
„die Polen“ sind aus sich heraus stark religiös. In einem Vorwort schreibt
Paul Wilhelm Wenger: „Castellan behandelt jene Ära, in der als
Reaktion auf die Germanisierung bzw. Russifizierungspolitik Berlins und
Moskaus die Identifizierung von ‚polnisch’ und ‚katholisch’ entstand, die
sich zum Mythos von Polen als dem gekreuzigten Christus unter den Völkern
Europas verdichtet hat. Diese Identifizierung hat es vor den drei
Teilungen 1772, 1793 und 1795 im religiös vielfarbigen Polen nicht
gegeben“ (S. 9). Eine fragwürdige Stellungnahme erwähnt Jernsson.
„Aus der heutigen Sicht der Trennung von Staat und Kirche wird wiederum
begreiflich, weshalb der Publizist Mikolaj Rostworowski die Feststellung
trifft: ‚Die irrige und heute besonders falsche Identifizierung des
Begriffes Polentum mit dem Begriff Katholizismus datiert erst seit der
Zeit der Teilungen Polens.‘ (S. 162)
Die Machtauseinandersetzung zwischen Staat und Kirche
der Nachkriegszeit ist nur zum Teil auf der Basis der besonderen Situation
während der Zeit der Teilung zu verstehen, als die Kirche als alleinige
Kraft die Existenz der Polnischen Nation aufrecht erhielt. Daneben ist die
beherrschende Rolle der Kirche im Polen Pilsudskis der
Zwischenkriegszeit zu berücksichtigen., als die Kirche durch die Erhebung
in den Verfassungsrang faktisch zur Staatskirche wurde und weitgehende
Privilegien eingeräumt bekam. Dies ist vergleichbar mit der Funktion der
Kirche in Spanien zur Zeit Francos.
Die Diskussion um die Katholische Kirche in Polen
kann nicht geführt werden unter Ausblendung einer der beiden Komponenten:
der religiösen und der gesellschaftlich/politischen. Eigener Standort oder
innere Beziehung zur Kirche hemmen aber den jeweiligen Betrachter in der
Umfassung der Problematik.
Die Phase des Stalinismus (bis 1956) und der
Gomułka Ära (bis 1970) ist einfach zu beschreiben. Die Kirche stand
im wesentlichen in einem geistigen und institutionellen Abwehrkampf mit
dem Staat in seiner atheistischen und kommunistischen Zielsetzung. Sie
ging aus diesem Kampf innerlich gestärkt hervor. Nach der Amtsübernahme
Giereks im Dezember 1970 löste sich das Spannungsverhältnis z.
B. durch die Lockerungen im Bereich der Baugenehmigungen für Kirchen (ab
1974), wurde aber zugleich komplizierter. Die relativ unbehelligte
und garantierte Rolle der Kirche wurde erwirkt in der Zeit staatlicher
Schwäche: 1956 (zunächst nur für wenige Jahre; ab 1961
begannen wieder die Restriktionen), dann in den Ereignissen 1970
und 1980, als die Kirche wesentlich zur Dämpfung der Emotionen und
Mäßigung der Forderungen beitrug (vgl. Nasarski28a, S. 120, und Micewski28b, S. 161). Ähnliches gilt für das äußerst schwierige aber politisch
geschickte und unter den Priestern und Gläubigen oft unverstandene Handeln
des neuen Primas, Kardinal Glemp. Er wagte die Gratwanderung, die
innere schmerzhafte Stabilisierung des Landes zu stützen, ohne das Ansehen
der Kirche als Anwalt der Nation zu verlieren. Dieses Meisterstück
politischer Kunst ist Glemp zusammen mit dem hohen Klerus gelungen.
Glemp wird übrigens nach der „Vaterfigur“ Wyszynski und dem
„Diplomaten“ Woytila als der „Politiker“ unter den polnischen
Bischöfen bezeichnet.
In der Phase der „Erneuerung“ (1980/81) hat
die Kirche nach einigem Zögern freilich – die
Emanzipationsbewegung polnischer Arbeiter unterstützt. Sie ist dabei mit
Bedachtsamkeit vorgegangen und hat ggf. jüngere Priester gezügelt.
Schließlich hat sie aus der Notwendigkeit zur Sicherung der eigenen
Existenz die „Solidarność“ fallen gelassen – besser: sie hat sich
rechtzeitig zurückgezogen und den Forderungen der Aktivisten in der „Soll
Solidarność nicht entsprochen. Der mäßigende Einfluss Wyszynskis
wie auch Wałęsas hatten bekanntlich nicht den umfassenden Erfolg
gebracht. Die aktive Rolle wurde danach auf die Seelsorge und die
Diplomatie verlagert. Die Wirkungen sind – wenn auch nicht messbar – so
doch zu würdigen (vgl. Bingen28c
S. 162 ff).
Das Verhalten der Kirche während der Erneuerungsphase
könnte nun als eine Art Koalition verstanden werden und nach 1981
als mögliches Gentlemen‘s Agreement. Micewski weist als aktives
ZNAK-Mitglied
die erste These engagiert zurück (S. 165 f). Das gegenwärtige Verhältnis
wird von Daniel Passent („Polens Gegenwart“ 18/831) wie folgt
charakterisiert: „Ein wichtiges Element der neuen Einstellung der
Regierung zum Problem der Machtausübung ist es, den Standpunkt anderer
Gesellschaftskräfte, insbesondere der Katholischen Kirche, die Besinnung
aufbrachte und Polen die schwierigste Zeit zu überstehen half, zu
berücksichtigen. Die Regierung weiß das zu schätzen ... Andererseits
könnten dadurch die Möglichkeiten derer, die sowohl außerhalb der Partei
als auch außerhalb der Kirche wirken wollen, begrenzt sein... Die
Regierung und das Episkopat haben ein Gleichgewicht, wo es keinen Platz
für andere gibt, erzielt ... Es ist ein Paradox, dass sich die bisherige
Tätigkeit der Regierung für die Kirche nützlich erwiesen hat, die sich
entschieden vom System, über das diese Regierung wacht, distanziert(S. 30
f).
Die gegenwärtige Situation ist eher Ausdruck des
bestehenden Kräfteverhältnisses, das aber zwangsläufig zur gegenseitigen
Akzeptierung der Positionen führt. Von Gentlemen‘s Agreements konnte nur
in den schwierigen Phasen 1945/46, 1956 und 1980 gesprochen
werden (s. auch Predigt des Kardinals Wyszynski, Nettelmann,
a.a.O., S. 7 + 19). Es gibt nun nach Jernsson (S.
163) eine Art Stillhalteabkommen: Die PVAP macht den Austritt aus der
Kirche nicht obligatorisch; andererseits verzichtet die Kirche auf die
Durchführung des Dekrets Pius XII., Angehörige marxistischer Parteien zu
exkommunizieren. Diese Praxis hat sich aber schon seit den fünfziger
Jahren eingespielt. Auf den unteren Ebenen, zwischen Parteisekretär und
Priester oder zwischen Woiwode und Bischof funktioniert die Zusammenarbeit
manchmal sogar sehr gut. Das hängt dann aber von den jeweiligen
Amtsträgern ab. Andererseits besteht nach wie vor die Konkurrenz zwischen
religiöser und atheistischer Grundhaltung und ihren gegenläufigen
gesellschaftspolitischen Ansprüchen. Beide Institutionen stehen in einer
Wechselbeziehung zur gemeinsamen Basis, den gesellschaftlichen Gruppen,
deren Angehörige zugleich Mitglieder von Partei und Kirche sind. Die
Interessenkonstellationen können sich verlagern und an jeweils konkreten
gesellschaftlichen Problemstellungen deutlich gemacht werden:
-
Die Lösungsprozesse in der Jugend
sowohl von den Ansprüchen des marxistisch/leninistischen Staates als
auch der Kirche.
-
Die oppositionelle oder abweisende
Haltung gegenüber dem Staat und gleichzeitige Hinwendung zur Kirche.
-
Das Ausfüllen vom Staat gewährter
Freiräume in Kunst, Literatur und Musik und die damit verbundene
Entfernung aus dem Einflussbereich der Kirche.
-
Andererseits die Reservierung
sozialpolitischer Freiräume in der katholischen Publizistik und die
Gewährung institutioneller Rahmen für eine unabhängige Kultur.
-
Die Inanspruchnahme staatlicher
Gesetze entgegen den Moralvorstellungen der Kirche wie z. B.
Ehescheidung oder Abtreibung. (Die verordnete kirchliche Buße im Falle
der Abtreibung ist in der Regel eine Wallfahrt nach Cęstochowa /
Tschenstochau).
-
Die im System mögliche Hinwendung
zu individuellem Verhalten und der daraus resultierenden Divergenz zum
Anspruch auf Verwirklichung sowohl im Sinne der marxistischen Ideologie
als auch des Katholizismus.
Der Einflussnahme des Staates durch antikirchliche
und atheistische Erziehung stehen andererseits Beeinflussungsversuche
durch Priester gegenüber. Diese in der öffentlichen Diskussion tabuisierte
Praxis ist selbstverständlich nicht typisch, es gibt sie aber: Eltern, die
sich persönlich von der Kirche getrennt haben, lassen ihre Kinder aufgrund
gesellschaftlichen Drucks taufen, nicht aus Tradition oder weil es die
Familie so wünscht! Es besteht in Großstädten eine latente Befürchtung von
Nachteilen, wenn Kinder nicht zum Religionsunterricht in der Kirche
angemeldet werden. In dem Falle, in dem eine Distanz zu beiden
Machtgruppen besteht, entfällt zugleich der aus der Machtbalance
resultierende Schutz.
Auf dem Land ist die Situation traditionell
unverändert. Die Religiosität ist auch in der Jugend sehr ausgeprägt – oft
aber mangels anderer Alternativen. Die Hinwendung der Jugend zur Kirche
kann auch ambivalent sein, wenn sie Mittel zur inneren Abwehr staatlicher
Konformitätsforderungen ist.
Die diffizilen Übergänge zwischen der Gesellschaft
und den Institutionen Staat und Kirche auf der staatlich politischen, der
gesellschaftlichen und der ideologischen bzw. religiösen Ebene können nur
angedeutet werden. Sie entsprechen in ihrer Komplexität grundsätzlich den
Strukturen in anderen Ländern. Für Polen trifft aber eine außergewöhnliche
Komprimierung aller Faktoren zu.
Die Katholische Kirche nimmt in Polen eine bewusst
verantwortungsvolle Haltung gegenüber der gesamten Nation ein. Daraus
erklärt sich die Praxis, in kritischen Situationen mäßigend auf die
Bevölkerung einzuwirken. Der Staat hat andererseits eine Taktik
entwickelt, die Kirche zu schwächen. Dies geschieht durch Versuche zur
Einbeziehung in die offizielle Politik. Der Versuch, den Anschein zu
erwecken, die Kirche oder zumindest Kardinal Glemp – unterstütze den Staat
und mache sich dadurch zum Komplizen, soll die Kirche in den Augen der
Gläubigen und anderer, dem Staat kritisch gegenüberstehender Bürger,
diskreditieren. Da die Kirche sich aber als unabhängige Institution
niemals binden oder bevormunden lässt, weder vom Staat noch der
Opposition, kann es aufgrund dieses Grundsatzes auch kein Gentlemen’s
Agreement geben. Andererseits wird offiziell eine große Übereinstimmung
betont: „Der Premier und der Primas stimmten darin überein, dass Polen als
ein im Zweiten Weltkrieg besonders leidgeprüftes Land besondere Gründe
habe, sich für die Rettung des Weltfriedens einzusetzen, wozu die
Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen der Staatsmacht der VR Polen
und dem Heiligen Stuhl beitragen könnte. Wie Regierungssprecher Minister
Jerzy Urban feststellte, sind „der Frieden und die
innerpolnischen Voraussetzungen ein Bereich der gemeinsamen Sorge des
Premiers und des Primas, die in diesem Gespräch vorherrschend war“. Und
weiter hob der Pressesprecher hervor . „Gute Beziehungen dienen der
Festigung Polens und damit dem Frieden, denn ein instabiles Polen
würde die Kriegsgefahr vergrößern“ (aus Pressemitteilung der Botschaft der
VR Polen zum Gespräch zwischen General Jaruzelski und
Kardinal Glemp am 5. 1. 1984, Köln, 4/84).
In diesem Zusammenhang könnte die Aufnahme
diplomatischer Beziehungen zwischen der VR Polen und dem Vatikan ein
positives Signal setzen. Ein Termin ist aber noch nicht festgesetzt worden.
Die Entwicklung zur gegenwärtigen Konstellation hat
noch einen beachtenswerten Nebeneffekt: Die nichtkatholischen Kirchen
konnten aus dem Schatten der Katholischen Kirche heraustreten.
In einem Gespräch mit dem Staatspräsidenten
Jablonski konnte der Vorsitzende des Ökumenischen Rates, der Bischof
der Evangelisch Augsburgischen Kirche, Janusz Narzynski,
feststellen, dass „erstmals in Volkspolen das Prinzip der
gleichberechtigten Beziehungen und der Handlungsfreiheit von Kirchen
verschiedener Konfessionen angewandt wurde“ und „religiöser und
weltanschaulicher Pluralismus“ eine Tatsache sei. Er hob weiterhin hervor,
dass es heute eine patriotische Pflicht der Kirchen und
Glaubensgemeinschaften sei, die Stabilisierungsprozesse in unserem Lande
zu unterstützen, den Stellenwert der Arbeit als der Grundpflicht des
Menschen und des Staatsbürgers zu heben, die Sozialpathologien zu
bekämpfen und an dem verantwortungsvollen Dialog zwischen Staatsmacht und
Bevölkerung teilzunehmen und an der Entfaltung der Bewegung für die
Nationale Verständigung mitzuwirken. (Nach: Pressemitteilung, ebenda)
In einer Antwort würdigte das Staatsoberhaupt die
_Rolle der Nichtkatholiken zur Entwicklung der polnischen Kultur und zur
Verteidigung des Vaterlandes . Heute komme, so Jablonski, „den Kirchen
sämtlicher Konfessionen eine große Rolle bei der Überwindung der
moralischen Krise zu, von der unser Volk erfasst werde“ (ebenda).
Näher zu untersuchen bleibt der Versuch des Staates,
z. B. durch Baugenehmigungen und Bereitstellung von Grundstücken und
Materialien Abhängigkeiten zu schaffen. Der Bau von Kirchen stärkt aber
gleichzeitig die Position der Kirche gegenüber ihren Gläubigen durch
Wahrnehmung ihrer seelsorgerischen Aufgaben.
Statistische Angaben
In der VR Polen wurden am 1.1.1979 35.136.203
Katholiken in 27 Diözesen statistisch erfasst. Es gab 12.213 Kirchen,
darunter: 7.022 Gemeindekirchen, 338 Rektoratskirchen, 2.975 Filialen, 196
Ordenskirchen und 1.682 Kapellen. Die Anzahl der Gemeinden betrug: 7.118
(nach: W. Zdanienicz). Für 1985 wird die Zahl der Kirchen offiziell
mit 11.000 angegeben (Gemeinde- und
Rektoratskirchen).
Tabelle I / Geistliche, Kirchen und Pfarrbezirke
|
Jahr |
Geistliche |
Kirchen |
Pfarrbezirke |
|
1937x |
11.394 |
7.257 |
2.125 |
|
1944x |
7.160 |
|
~5.000 |
|
1965x |
17.333 |
13.263 |
6.327 |
|
1972x |
18.267 |
13.518 |
6.497 |
|
1979y |
~20.000 |
12.213 |
7.118 |
|
1982z |
21.000 |
14.498 |
|
|
1985 |
22.000 |
|
|
x nach Piekarski; die Zahlen für
1937 entstammen dem Star. Jahrbuch der Kath. Kirche, Lublin; die Zahl der
Geistlichen enthält auch die anderer Konfessionen; die Zahlen für 1944,
1965 und 1972 entstammen dem offiziellen Stat. Jahrbuch, Warschau 1973.
y nach: Zdanienicz – kann als
offizielle Quelle der Katholischen Kirche angesehen werden; die
Differenzen zu 1979 und 1982 erklären sich aus der unterschiedlichen
Zuordnung mehrfach genutzter Gebäude (Beioder Versammlungsraum) oder von
Gebäuden mit nur provisorisch ausgebesserten Kriegsschaden.
z aus unveröffentlichten Quellen der
Katholischen Kirche.
In den Jahren 1934 1937 wurden in Polen 10 neue
Kirchen gebaut. Von 1970 1980 wurden 410 Baugenehmigungen erteilt. Allein
1981 331 Genehmigungen.
In den 60er Jahren wurden weniger Baugenehmigungen
erteilt als in den 50er Jahren. Gomulka (1956 1970) war sehr
antikirchlich eingestellt. Er lehnte z. B. die auf Versöhnung
ausgerichteten Kontakte der polnischen zu den deutschen Bischöfen als zu
frühe Schritte zur Freundschaft ab („Bitte um Vergebung und Gewährung um
Vergebung“ im Brief der polnischen Bischöfe 1966!).
In den sechziger Jahren wurden 60 Kirchen legal und
120 Kirchen illegal gebaut. Letzteres bedeutet, dass eine Baugenehmigung
nicht erteilt oder gar nicht beantragt wurde.
Einen Einblick in die Verteilung „zentraler Objekte“
im Rahmen der fünfjährigen Wirtschaftsplanung ergab sich am 1.1.1982 durch
die „Maßnahme 47“ des Vorsitzenden des Ministerrates vom 24. 11. 1981
bezüglich Planung und Durchführung sakraler und kirchlicher Investitionen
(einschließlich des differenzierten Modus solcher Investitionen).
Die Diözesen übernehmen die Investitionen ab einer
Größe der Kirchen von 600 m’ Innenraum. Die Vorbereitung dieser
Kirchenbauten erfolgt im Rahmen des Fünfjahrplanes „auf dem Wege der
Übereinkunft zwischen den Woiwodschaften und den bischöflichen
Ordinariaten“. Kleinere Kirchen sind nicht in dieser Planung enthalten.
Sie können von den Baubehörden der Gemeinden genehmigt werden. Die Zahl
der im Bau befindlichen Objekte wird für 1982 mit 906 angegeben. Es
handelt sich dabei um 666 Neubauten, 47 Wiederaufbauten und 193 Ausbauten,
Renovierungen oder sog. Adaptionen. Das sind vorher mehrfach genutzte
Gebäude, die nach entsprechendem Umbau nur noch als Kirche dienen sollen.
Fertiggestellt wurden 1982 insgesamt etwa 300 Kirchen oder Kapellen. In
der Gesamtzahl von 906 sind 200 den Orden zugeordnete Objekte enthalten.
Hinzu gezählt werden müssen noch 24 Objekte
anderer Konfessionen. Für das Jahr 1985 wird die Zahl der im Bau
befindlichen Kirchen mit 950 an gegeben. Es handelt sich überwiegend um
Neubauten.
Die Priesterseminare in Bialystok, Lomia und
Sandomierz wurden 1981 ausgebaut. Neue Objekte für Priesterseminare wurden
1981 genehmigt und sind inzwischen gebaut in: Warszawa, Częstochowa,
Koszalin, Olsztyn und Szczecin.
In „Katechetischen Punkten“, die den Kirchengemeinden
zugeordnet sind, wird Religionsunterricht auf freiwilliger Basis erteilt.
Die Pfarrer, Kaplane oder Schwestern werden durch den Staat bezahlt.
Es gibt 10 private Mittelschulen in der Trägerschaft
der Orden. Sie führen bis zur Hochschulreife (Matura). Die theologische
Ausbildung ist an der (privaten) Katholischen Universität Lublin (KUL),
der (staatlichen) Katholischen Theologischen
Akademie (ATK) in Warschau und der dem Ökumenischen Rat
unterstehendenTheologischen Akademie in Warschau möglich.
Im Studienjahr 1978/79 gehörten zur:
KUL: 2.309 Studenten, darunter 937 Geistliche,
267 akademische Lehrer;
ATK: 870 Studenten, darunter 348 Geistliche, 106 akademische Lehrer.
Nach eigenen Angaben sind gegenwärtig (1986) ca.
3.530 Studenten an der KUL eingeschrieben. Sie werden von 532
akademischen Lehrern – darunter 126 Geistlichen – unterrichtet.
Quelle: Zdanzenicz
Im Jahre 1985 wurden 964 Priester
geweiht. Die Zahl der Seminaristen stieg auf 8.500 gegenüber 6.300
im Jahre 1980. Die Zahl der Priester wurde bereits mit 22 000
angegeben. Die Zahl der Mönche beträgt 11.000, die der Nonnen 27.000.
Über die Zahl der Eheschließungen und Kindtaufen wird keine offizielle
Statistik geführt. Nach Schätzungen werden 94 Prozent aller Kinder
getauft und 97 Prozent aller Paare lassen sich in der Kirche
trauen.
Karte 1: Diözesen in Polen

|
1. Białystok
2. Chemno
3. Częstochowa
4. Drohiczyn
5. Gdańsk
6. Gniezno
7. Gorzów, WLKP
8. Katowice
9. Kielce
10. Koszalin-Kolobrzeg |
11. Kraków
12. Lubaczöw'
13. Lublin
14. Łomża
15. Łódż
16. Opole
17. Plock
18. Poznań
19. Przemysł
20. Sandomierz |
21. Siedlce
22. Szczecin-Kamień
23. Tarnów
24. Warmia
25. Warszawa
26. Włocławek
27. Wrocław
' Rest der Diözese Lwów (Lemberg) |
a) Einflussnahmen
Unterscheidet sich die Jugend in Polen von dem
spezifischen Verhalten Heranwachsender in anderen europäischen Staaten?
Nicht – soweit es sich um offene Gesellschaften handelt. Es gibt keine
starr einzuhaltenden Richtlinien und keine geschlossene Konzeption!
Die Erziehungsprinzipien sind durch sich gegenseitig
hemmende und korrigierende Einflussnahmen gekennzeichnet. Sie gehen im
wesentlichen von den bereits mehrfach angesprochenen ideologischen
Ansprüchen des Staates bzw. der Partei wie auch den Glaubensaussagen der
Kirche aus. Ein Schema soll dieses verdeutlichen (S. 113).
Von früher Kindheit an konkurrieren verschiedene
Erziehungsprinzipien miteinander. Es beginnt in der katholisch geprägten
Familie. Die Prägung erfolgt dabei aufgrund der Berufstätigkeit beider
Eltern wesentlich durch die Großmutter. Daran ändert auch die
Beurlaubungsmöglichkeit der Mutter in den ersten drei Lebensjahren des
Kindes nicht viel, da die geringen Einkommen bei einem Verdienst trotz
Kindergeld nicht ausreichen.
Der familiäre Einfluss wird in der frühkindlichen
Sozialisation durch das staatliche Erziehungssystem im Kindergarten
überlagert. Den Versuchen einer atheistischen Beeinflussung in der Schule
durch manche Lehrer steht die christliche Erziehung im Religionsunterricht
gegenüber. Dieser findet außerschulisch statt und wird schätzungsweise von
85 % aller Schüler freiwillig besucht. Die Priester müssen zwar am 1.
September den staatlichen Behörden ihre Jahresplanung vorlegen, der
Unterricht wird aber von der Kirche selbst überwacht. Inwieweit Schüler
politisch beeinflusst werden, lässt sich nicht feststellen. Der Staat hat
sich seit 1963 durch die Verdrängung des Religionsunterrichts aus der
Schule selbst seiner Kontrollmöglichkeit beraubt.
Jüngere Priester gelten vielen jugendlichen als
Vorbilder. Sie organisieren Freizeitveranstaltungen und betreuen
Fußballvereine und Gesangsgruppen. Damit bietet die Kirche der Jugend das,
was die Schule nicht bieten kann: Ungezwungenheit und Engagement.
Die Schule hat sich zwar an den Prinzipien des
Marxismus-Leninismus zu orientieren; aber gerade in Polen verstehen sich
die Lehrer in der Regel nicht als der verlängerte Arm der Partei.
Nach der Entstalinisierung wurde in den sechziger
Jahren der traditionelle autoritäre Stil des Unterrichts beibehalten; die
fachliche Qualität der Lehrerausbildung hat aber gleichzeitig europäisches
Niveau erreicht und auf diese Weise die unzureichende Situation der
vierziger und fünfziger Jahre als Folge des Krieges ausgeglichen. Die
Reformdiskussionen sind nicht so ausgeprägt, erfolgen aber im Prinzip
vergleichbar denen der westlichen Länder Europas. Die gegenwärtige
Schülergeneration leidet eher unter organisatorischen Problemen
(Schichtunterricht) als Folge der Krisen.
Gesellschaftliche Konflikte entladen sich dann im
Streit um die Anbringung des Kreuzes in Klassenzimmern. Als bezeichnende
Folge der verfügten Verbote ergibt sich der Rückzug ins Private:
jugendliche haben in der Wohnung eine Ecke, in der sie die selbst
aufgenommenen Bilder vom Papstbesuch 1983 oder der Mutter Gottes von
Tschenstochau aufbewahren.
Die im staatsbürgerlichen Unterricht verlangten
Formulierungen werden mechanisch gelernt. Der Schule gelingt es nicht, die
Schüler ideologisch zu beeinflussen. Sie ist zu sehr damit beschäftigt,
den vorgeschriebenen umfangreichen Unterrichtsstoff zu bewältigen. Heikle
Themen werden nicht angesprochen, man wendet die Taktik des Verschweigens
an. Polnische Studenten wollen nicht begreifen, dass ihre Kommilitonen aus
der DDR auch tatsächlich das glauben, was sie sagen (müssen). Der
Wehrkundeunterricht bzw. regelmäßige militärische Übungen während der
Schulzeit, der Lehre oder des Studiums, werden aber nicht in Frage
gestellt.
Es ist geradezu falsch, aus der administrativen
Einflussnahme auf die Jugend in Schule und Betrieb auf ihr tatsächliches
Verhalten und Wertmaßstäbe zu schließen. Gerade an der polnischen Jugend
kann man erkennen, dass bestimmte Einflussnahmen
vielfältige Formen von Abwehr und Ausweichmechanismen hervorrufen.
b) Institutionen – Daten
Von 37 Millionen Einwohnern Polens sind etwa 18
Millionen jünger als 30 Jahre. Nur ca. 25 % gehören zu den „politischen“
Jugendorganisationen wie dem „Verband der Polnischen Sozialistischen
Jugend – ZSMP“, dem „Verband der Landjugend – ZMW“, dem „Verband der
Polnischen Studenten – ZSP“. Der „Verband der Polnischen Pfadfinder – ZHP“
kann nicht mitgezählt werden, Er ist allen Bemühungen der Machthaber zum
Trotz weitgehend eine unpolitische Organisation geblieben. Es gibt in
Polen keine einheitliche Jugendorganisation, die vergleichbar wäre mit dem
„Komsomol“ der UdSSR oder der „FDJ“ der DDR.
Während der Zeit von 1949 bis 1956 gab
es nur eine Organisation: den „Verband der Polnischen Jugend – ZMP“.
Dieser ist aber zerfallen bzw. hat sich selbst offiziell aufgelöst. Es
entstanden danach separate Organisationen – wieder unter der Kontrolle des
Staates.
Im Jahre 1973 erfolgte unter dem Druck der
Parteiführung ein Zusammenschluss des „Verbandes
der Sozialistischen Jugend ZMS“ und des „Verbandes der
Landjugend – ZMW“ zum „Verband der Polnischen Sozialistischen
Jugend –ZSMP“. Gleichzeitig wurde der „Verband Polnischer Studenten – ZSP“
umgebildet zum „Sozialistischen Verband Polnischer Studenten – SZSP“.
Dieser wurde 1982 wieder in „ZSP“ umbenannt.
Nach 1980 trat eine weitgehende Lähmung der
offiziellen Jugendorganisation ein. Es entstanden unabhängige
Organisationen wie der „Unabhängige Verband der Studenten – NZS“, der
„Verband der Demokratischen Jugend – ZMD“ wie auch eine Katholische
Studentenorganisation z. B. in der Universität Poznań (Posen). Diese
Organisationen wurden nach Verhängung des Kriegsrechts 1981
suspendiert und dann 1982 aufgelöst. Gegenwärtig existieren nur die
oben genannten. Alle Organisationen des Staates für jugendliche erwiesen
sich in Krisensituationen als ausgesprochen schwach und instabil. Hieraus
sind auch die vielen Umbenennungen und Umbildungen zu erklären. Der Staat
kann die Jugend nicht dauerhaft „in den Griff“ bekommen. Auf dem Lande
spielt sich das geistige Leben der Jugend –es ist eher ein Vegetieren –
weitgehend außerhalb der Jugendorganisationen ab. Sie sind zu bürokratisch
und unbeweglich, da sie nicht die jugendlichen gegenüber dem Staat
repräsentieren, sondern ein Werkzeug des Staates im Umgang mit
jugendlichen sein sollen. Zu dieser Aufgabe sind sie aber zu schwach.
Nach 1981 gab es unter den jugendlichen zuerst
eine starke Phase des Protests, dann zunehmend eine Selbstisolierung –von
Staat und Politik. Nur ein Prozent der 360.000 Studenten Polens
sind Parteimitglieder.
In einer Umfrage gaben 1984 94 Prozent der
jugendlichen an, heiraten und Kinder haben zu wollen. Pro Tausend
Einwohner wurden 1984 8,4 Ehen geschlossen (Bundesrepublik zum Vergleich:
7,0) und 1,3 Ehen geschieden worden (1,9). Die Zahl der Geburten lag bei
19,7 (9,7). Polen hat die höchste Geburtenrate in Europa(!) und einen
Bevölkerungszuwachs von 10,2 pro Tausend Einwohner ( 2,0). Die Schulen
sind überfüllt. Ein Viertel aller Schüler haben Nachmittagsunterricht.
c) Gründe
Die Motive für das Verhalten der jugendlichen können
hier nur kurz angesprochen werden.
Eine große Rolle spielt die Langeweile des
offiziellen politischen Lebens. Es zeigt sich im Feiern der
verschiedensten Jahrestage, in Kranzniederlegungen, im Verabschieden
wortreicher aber inhaltsleerer Appelle. Es gibt Trotzreaktionen
verschiedenster Art und Protest gegen die Bevormundung durch die Schule.
Maßgebend sind jeweils der Mangel an Perspektiven,
die Aussicht auf nur geringe Einkünfte nach Abschluss der Ausbildung oder
des Studiums. Hinzu kommt die große Unsicherheit, einen angemessenen
Arbeitsplatz zu finden – ganz zu schweigen von der Hoffnungslosigkeit
einer jungen Familie, eine eigene Wohnung zu bekommen.
Es entsteht bei vielen jugendlichen das Gefühl, nicht
gebraucht zu werden, obwohl man fleißig,~var und sich qualifiziert hat –
also den gültigen Regeln entspricht. Man kommt zwangsläufig zu dem
Schluss, dass die eigene Leistung nicht honoriert wird und die totale
Routine in Betrieben, Behörden und anderen staatlichen Institutionen nicht
durchbrochen werden kann. Die Aussicht des Heranwachsenden, fünfzehn oder
zwanzig Jahre mit den Eltern auf engstem Raum leben zu müssen, erzeugt, um
eine Formulierung westlicher jugendlicher zu gebrauchen, den „totalen
Frust“.
Aus all dem gibt es keine Auswege mehr. So bleibt für
viele nur die Flucht: die innere oder äußere Emigration!
Der Rückzug in private gesellschaftspolitische Zirkel
entspricht dabei schon wieder der historischen Tradition. Der andere Weg –
und auch dafür gibt es historische Vorläufer – ist die Ausreise. Nach
offiziellen Angaben sind zwischen 1980 und 1984 ca.
hunderttausend Polen im Westen geblieben. Die meisten waren jünger als
35
Jahre.
Die USA, Kanada und Australien sind die Wunschziele
vieler junger Polen. Für die Intellektuellen ist der Verbleib in der
Bundesrepublik Deutschland mit inneren Konflikten verbunden. Kaum einer
ist darunter, dessen Familie nicht während der Besatzungszeit unter den
Deutschen gelitten hat. In ihrer Schulzeit haben diese jungen Menschen bis
in die siebziger Jahre hinein die Deutschen als das Feindbild
schlechthin erfahren.
Eine weiter zunehmende Erscheinung ist die Flucht in
den Alkohol, ja sogar Rauschgift wird genommen. Man schätzt in Polen, dass
es dort mindestens hunderttausend ernsthaft alkoholgefährdete jugendliche
gibt und eine mindestens ebenso große Zahl vom Rauschgift bedrohter
jugendlicher. Die Schätzungen darüber schwanken stark. Zudem war das Thema
bisher in Polen tabuisiert. Es gibt gegenwärtig
15 000 offiziell registrierte rauschgiftsüchtige jugendliche. 1980
gab es 33 Rauschgifttote, 1983 bereits 110 und 1984
dann 115. 10 Prozent der Berufsschüler und 12 Prozent Gymnasiasten gaben
offen zu, mehrere Male mit Rauschgift in Berührung gekommen zu sein. Das
Rauschgift wird aus dem Mohnstroh durch Extraktion gewonnen. Seit 1983
ist den Bauern der Verkauf des Strohs verboten. Der illegale Verkauf
führte dann nur zu höheren Preisen.
In den Städten bilden sich zunehmend Subkulturen
heraus. So gab es im Herbst 1984 regelrechte Straßenschlachten
zwischen Poppern und Punks wie in Nowa Huta bei Krakau.
Es drängt sich geradezu die Frage auf: Worin
unterscheiden sich denn nun die polnischen jugendlichen von den deutschen,
französischen oder englischen? Gar nicht.

Schema 1: Einflussnahmen auf die
Sozialisation von Kindern und jugendlichen durch Kirche, Staat und Partei
Überlagerung der Erziehungsprinzipien
zwischen den Institutionen
(im Buch auf S. 113)
Seit der Mitte des Jahres 1985, seitdem in Tausenden
von Bürgerversammlungen zu den Wahlen zum Seim (Oktober 1985) mangelnder
Umweltschutz – neben Wohnungsbau, Versorgung und Gesundheitswesen –
Hauptgrund für die bitteren Klagen der Teilnehmer war, berichteten die
polnischen Zeitungen häufiger und genauer über die Umweltverschmutzung im
Lande.
Es ist „fünf vor Zwölf“, warnen polnische
Wissenschaftler in zahlreichen Expertisen und öffentlichen Auftritten.
Im Gegensatz zu den siebziger Jahren, als die
Regierung Gierek ein „zweites Polen“ aufbauen wollte und Kritik
kaum geduldet wurde, ist die Umweltzerstörung – genauso wie die
verheerenden Folgen der Rauschgiftsucht unter jugendlichen heute kein Tabu
mehr. Alle hier angegebenen Zahlen konnten offiziellen polnischen
Publikationen entnommen werden.
Zu offensichtlich sind die Zerstörungen, die durch
die forcierte, oft unbedachte Wirtschaftswachstumspolitik der sechziger
und siebziger Jahre und das krampfhafte Bemühen, das Land zu
modernisieren, angerichtet worden ist. Große Fabriken entstanden – ohne
Filter und Kläranlagen. Gemeinsam mit den alten extrem die Umwelt
belastenden Betrieben verpesten sie in weitem Umkreis ihre Umgebung.
Dieses Problem lässt sich nicht mehr totschweigen. Auch Partei und
Regierung machen keinen Hehl mehr aus ihrer Besorgnis. Der Anfang 1986
veröffentlichte „Entwurf des Programms der Polnischen Vereinigten
Arbeiterpartei“, der nach einer Diskussion in den Parteiorganisationen im
Juni 1986 dem 10. Parteitag der PVAP zur Verabschiedung vorgelegt werden
soll, stellt u. a. fest.
„Langfristige Ziele im Bereich des Umweltschutzes
sind die Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts, die
Harmonisierung der sozialen und ökonomischen Entwicklung des Landes mit
der Umwelt. Die volle Verwirklichung dieser Ziele verlangt mindestens 25
Jahre intensiver Anstrengungen im Einklang mit dem Nationalen Programm für
Umweltschutz und Wasserwirtschaft bis zum Jahr 2010’. Die Regierung
bereitet ein solches Programm vor.
Die dringlichste Aufgabe jedoch ist das Aufhalten der
Wasserverschmutzung, die Wiederherstellung der Sauberkeit der Flüsse und
Seen. Zu den dringenden Aufgaben gehört auch die Verringerung der
übermäßigen Schwefeldioxid Emission.
Um diese Ziele zu erreichen, werden neue Kläranlagen
gebaut, vor allem an den oberen Läufen der Flüsse. Intensiviert werden
sollen Forschungs und Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiet der Kraftstoff-
und Abgasentschwefelung. Die Produktion von Entschwefelungsanlagen wird
erweitert. Neben mehr Investitionen sind mehr gesellschaftliche Aktivität
und Verantwortungsbewusstsein notwendig. Die Anlagen und Ressourcen
sollten besser genutzt werden.“
Werden diese Absichtserklärungen die
Umweltkatastrophe verhindern können? Die Autoren des Entwurfs jedenfalls
mussten sich vorwerfen lassen, dass diese „allgemeinen Feststellungen ...
zu wenig konkret und aussagekräftig sind“. Die Ausmaße der
Umweltzerstörung – schrieb das Parteiorgan , „Trybuna Ludu“ (3. 3. 1986)
weiter – verlangen, dass man diesem Problem ein ganzes Kapitel widmet, die
Aufgaben genauer definiert, Wege zeigt, wie man das Umweltbewusstsein
fördern könnte.
Die Einwände scheinen insoweit berechtigt zu sein,
als trotz öffentlicher Unruhe, trotz der Warnungen, unter den
Industriemanagern immer noch große Verantwortungslosigkeit herrscht. „Trybuna
Ludu“ (21. 2. 1986) berichtete von einer Tagung der Staatsanwälte zum
Thema Umweltschutz: „Einer der Diskussionsteilnehmer brachte folgendes
Beispiel: Die Klärung von einem Kubikmeter Wasser kostet 10 Złoty, die
Strafe für seine Verunreinigung 1,20 Złoty. Die Betriebe zahlen lieber
Strafgelder statt Kläranlagen zu bauen. Dasselbe gilt für die Zerstörung
von Wäldern, Böden und Luftverschmutzung. Aus Sorge um ökonomische
Ergebnisse werden in Betrieben Entstaubungs- und Kläranlagen
abgeschaltet.“ Meistens geschieht das in der Nacht.
Die Betriebe kämpfen um Prämien, viele von ihnen
haben große Probleme mit Zulieferern, Ersatzteilen, sie werden vom Staat
und vom Handel geradezu gedrängt, mehr für den von
Versorgungsengpässen geplagten Markt herzustellen, zu exportieren. Kein
Wunder, dass der Umweltschutz meistens an letzter Stelle auf der Liste der
Prioritäten rangiert. Zu oft aber werden ökonomische Zwänge von
Leichtsinn, Gleichgültigkeit, einer geradezu selbstmörderischen Ignoranz
überboten. „Die Vernichtung der Wasservorräte, die Luftverschmutzung und
Vergiftung von Böden in solchen Ausmaßen, wie das in den meisten
Industriestaaten geschieht, sind für die Bewohner dieser Länder eine neue
geschichtliche Erfahrung“ schrieb die Warschauer Tageszeitung „Zycle
Warszawy“ (30.8.1985). „So ist es auch in Polen.... Derselbe Mann, der
leidet und sich ärgert, weil man ihm verboten hat, in der dreckigen Ostsee
zu baden, macht nach der Rückkehr in sein Zementwerk bei Kielce keinen
Finger krumm, wenn die Filter ausfallen oder in der Nacht abgeschaltet
werden. So ist es bequemer, obwohl im großen Umkreis der Wald bereits
durch Zementstaub vernichtet wurde. Das, was wir der Umwelt in unserem
Land antun, geschieht nicht nur, weil es an Geld fehlt. Es ist auch ein
Maßstab dafür, wie das allgemeine Bewusstsein den Möglichkeiten der
Selbstzerstörung, über die wir als Industriegesellschaft verfügen,
hinterherhinkt.“
Nicht selten aber stehen die Verantwortlichen vor
schier unlösbaren Dilemmata. In Polen spricht man von einem Dilemma der zu
kurzen Decke: entweder frieren die Beine oder der Oberkörper.
Ein sehr typisches Beispiel beschrieb die
Regierungszeitung „Rzeczpospolita“ (29. 11. 1985). Unter dem Titel
„Heilt und vergiftet“ veröffentlichte das Blatt einen Bericht über die
Arzneimittelfabrik „Polfa“ in Trachomin bei Warschau. Jeden Tag leitet sie
7.000 Kubikmeter hoch giftige Abwässer
ungereinigt in die Weichsel. Nach Inbetriebnahme einer neuen
Antibiotika-Produktionsanlage soll sich diese Menge auf 11.000 Kubikmeter
erhöhen.
„Polfa“ hat bereits 230 Mill. Złoty (1 DM = ca. 70
Zł.) in den Bau einer kommunalen biologischen Kläranlage für die ganze
Region investiert. 600 Mill. Złoty soll der Anteil der Fabrik an dieser
Investition betragen. Aber der Bau verzögert sich. Er sollte schon 1982
fertig sein. Oft fehlte es jedoch an Material; für viele Monate wurden
Fachkräfte von der Baustelle zum Wohnungsbau geschickt, der mittlerweile
absolute Priorität genießt (auf eine Wohnung wartet man in Polen 15 20
Jahre; vor langer Zeit schon überstieg die Zahl der Wartenden eine
Million). Bei dem chronischen Mangel an Arzneimitteln im Lande ist an die
Einstellung der Produktion bei „Polfa“ nicht zu denken. Der Teufelskreis
schließt sich, und die Weichsel ist tot.
Oft fehlt es den Betrieben an Fachkräften, die sich
um den Umweltschutz kümmern könnten. Der Anteil der Mitarbeiter mit einer
Ausbildung, die die konzeptionelle und organisatorische Arbeit in den
Betrieben ermöglicht, ist viel zu klein, um den Aufgaben auf dem Gebiet
des Umweltschutzes gerecht zu werden. Neben materiellen Anreizen, die vor
allem Ingenieure und Techniker dazu motivieren würden, für den
Umweltschutz zu arbeiten (diese Tätigkeit wird in den Betrieben in der
Regel schlechter bezahlt als die Tätigkeit in der Produktion) müssen
umfangreiche Möglichkeiten für Schulungen geschaffen werden.
(„Rzeczpospolita“, 28.2.1986)
Der Kreis derjenigen, die sich für den Umweltschutz
einsetzen, ist noch verhältnismäßig klein, aber sehr aktiv. Im September
1980 entstand in Krakau der Polnische Ökologische Klub (Polski Klub
Ekologiczny PKE). Seine Gründungsmitglieder: Naturwissenschaftler,
Ärzte, Journalisten waren nicht bereit, die Vernichtung der Umwelt länger
tatenlos hinzunehmen. PKE wählte zu seinem Wappen ein Buchenblatt mit
einer weißen und einer roten Rippe – den polnischen Nationalfarben. Heute
hat er 17 Regionalbüros und ca. 3000 Mitglieder, davon über 700 allein in
Krakau. Durch Publikationen, Expertisen, in öffentlichen Veranstaltungen
versucht PKE das Umweltbewusstsein zu wecken und
zu retten, was noch zu retten ist.
Im Juni 1985 erklärte der Seim 23 Landstriche zu
„ökologisch bedrohten“ und 4 zu „ökologischen Katastrophengebieten“. Zu
den letzten gehören Krakau, das Kupferbecken Legnica Glogów,
das oberschlesische Industrierevier und die Danziger Bucht. Alle 27
Gebiete – meldete „Zycle Warszawy“ (30. 8. 1985) – umfassen eine
Fläche von 37000 qkm und werden von 11 Mill. Menschen bewohnt, d. h. von
fast einem Drittel der Bevölkerung des Landes.
dass diese Gebiete nicht noch größer sind, hat Polen
in einem wesentlichen Teil seiner einzigartigen Agrarstruktur zu
verdanken. Mitten in Europa blieb ein Agrarsystem erhalten, das sich in
vielen Merkmalen, besonders den ökologischen, nicht weit von dem
alteuropäischen Agrarsystem entfernt hat.
84 mehr als 16 der 19 Mill. Hektar Gesamtfläche,
werden von privaten Bauern bestellt. Mehr als 3 Mill. Bauernhöfe gibt es.
Sie sind im Durchschnitt weniger als 5 Hektar groß. Die 5600 Staatsgüter
und rund 1000 landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften haben im
Durchschnitt etwa 360 Hektar Fläche.
Polens Agrargebiete sind eine geschlossene bäuerliche
Kulturlandschaft geblieben. Der Unterschied zu den west und
osteuropäischen Ländern liegt vor allem in der Beibehaltung des biologisch
orientierten Bodennutzungssystems der Dreifelderwirtschaft; Roggen und
Hafer spielen eine überragende Rolle. Beide Pflanzenarten sorgen
langfristig für eine gute Bodenbeschaffenheit.
Der zweite Unterschied liegt in der umfangreichen
Nutzung aller Rest- und Nebenflächen. 6 Mill. Kühe finden ihr Futter vor
allem an Flurrainen, Wegrändern und Gräben, die sie mit Schafen und Ziegen
abweiden. Diese sehr urtümlich anmutende Art der Viehhaltung ist von hohem
wirtschaftlichen und ökologischen Wert.
Sehr typisch ist auch der hohe Pferdeeinsatz. 785.000
Traktoren stehen auf dem Lande mehr als 3 Mill. Pferde gegenüber. Eine
Landwirtschaft, die meistens mit Pferden arbeitet, ist nicht auf große
Flurzusammenhänge angewiesen. Knicks und Hecken, Heckraine und
Buschgruppen stören nicht. Das Gespann passt
sich dem kleinsten Hindernis in der Landschaft an. Die ökologischen Zellen
und Biotope, auf großen Gebieten Europas zerstört, sind in Polen als eine
selbstverständliche Nebenerscheinung der Art, wie die Bauern arbeiten,
erhalten geblieben.
Eine andere Frage ist, ob das von den Menschen auf
dem Lande überhaupt bemerkt wird.
Viele von ihnen – klagen polnische Wissenschaftler –
gehen mit Dünger und Pestiziden nach dem Motto „viel hilft viel“ um. In
Polen werden durchschnittlich 1,1 kg Pestizide pro Hektar verwendet (Japan
11 kg, DDR 5,7 kg, ČSSR 2,6 kg). Der Verbrauch an NPK Dünger ist in den
letzten Jahren sogar gesunken: 192,2 kg pro Hektar (1979) auf 169,7 kg
(1983). Grund dafür waren aber nicht ökologische Erwägungen, sondern die
ökonomische Krise.
Die polnische Landwirtschaft, umweltschonend, aber
mit vielerlei strukturellen und ökonomischen Problemen behaftet, leidet in
einem immer größeren Maße unter den Folgen der Industrialisierung. Im
Sommer 1985 veröffentlichte die Polnische Akademie der Wissenschaften
(PAN) einen Bericht mit dem Titel „Chemische Bedrohung der Umwelt in
Polen“. Er wurde fragmentarisch von „Zycle Warszawy“ (30. 8. 1985)
wiedergegeben und erweckte großes Aufsehen. Regierungssprecher Jerzy
Urban bezeichnete ihn während einer seiner offiziellen
Pressekonferenzen als übertrieben. Vor allem kritisierte er die Behauptung
der Wissenschaft, die sich auf die Feststellung der Europäischen
Umweltkommission stützten, dass Polen den ersten Platz in Europa einnimmt,
was die Umweltverschmutzung angeht. Die Zerstörung der Umwelt – schreiben
die Autoren – ist unverhältnismäßig groß im Vergleich zur
Beschäftigtenzahl, zur Größe der Produktion und zum Lebensstandard.
„In die Lebensmittel“– ist in diesem Bericht zu lesen
„dringen vor allem Schwermetalle, radioaktive Elemente (u. a. als Folge
von Kohleverbrennung und Phosphordüngerproduktion), schädliche Substanzen
wie Plastifikatoren, Stabilisatoren, Pigmente, Farbstoffe, Bestandteile
von Kunststoffen etc. ein. Die maximale Konzentration von Blei in grünem
Salat, der in der Nähe der Hüttenwerke „Bolesław“ und „Miasteczko Sląskie“
(Oberschlesien) wächst, beträgt 230 Milligramm pro Kilogramm. Ohne
Gesundheitsschäden kann ein Mensch wöchentlich höchstens 3 Milligramm Blei
zu sich nehmen. In manchen Industriegebieten ist die Konzentration von
Cadmium in den Pflanzen 230mal, von Zink 165mal, von Blei 134mal, Kupfer
21mal, Nickel 13mal, Fluor 34mal, Thor 23mal und Uran 2,4mal stärker als
unter natürlichen Bedingungen.
Die Warschauer Abendzeitung „Kurier Polski“
(20. 8. 1985) bezifferte die Fläche der durch die Industrie zerstören
Böden auf 100.000 Hektar und nannte zugleich die am meisten betroffenen
Woiwodschaften. An erster Stelle befindet sich Oberschlesien (11.000
Hektar), an zweiter und dritter Stelle die Braunkohlenreviere Konin (5600
Hektar) und Jelena Góra (5.100 Hektar), dicht
gefolgt von Tarnobrzeg (4300 Hektar), wo große Mengen Schwefel gefördert
werden. „Rzeczpospolita“ (12.1.1986) fügte noch hinzu, dass allein
in der Umgebung von Belchatów, wo große
Kraftwerke arbeiten, 300.000 Hektar Boden aufgrund hastiger
Braunkohleförderung vom Austrocknen bedroht sind. Nach der Fertigstellung
weiterer Braunkohlekraftwerke könnten weitere 50.000 Hektar davon
betroffen sein. In Poznań gelang es Journalisten, Bauern und
Umweltschützern Ende der siebziger Jahre, die Regierung davon abzubringen,
in Polens besten und ertragreichsten landwirtschaftlichen Gebieten mit der
Braunkohleförderung zu beginnen.
Sehr schlecht sieht es mit der Sauberkeit der
polnischen Gewässer aus. Der PAN Bericht besagt, dass fast die Hälfte der
Abwässer Polens (4,7 Mrd. Kubikmeter jährlich) ungeklärt und über
30 Prozent nur nach einer mechanischen Klärung in Flüsse, Seen und die
Ostsee geleitet werden. Die Autoren fügen hinzu, dass mechanisch geklärte
Abwässer praktisch ungeklärt bleiben. Von 3650 größeren Betrieben
führen 2400 ihre Abwässer ohne jegliche Klärung ab.
„Kurier Polski“ (20.8.1985) berichtet, dass zu
den größten Verschmutzern die Metallindustrie (340 Mill. Kubikmeter
Abwässer pro Jahr ), die Kraftwerke (170), die chemische Industrie (über
80) und die Papier und Zelluloseindustrie (50 Mill. Kubikmeter)
gehören. Allein die Lenin Hütte bei Krakau leitet 200 Mill. Kubikmeter
Abwässer in die Weichsel. In diesem Werk, das 33.000 Menschen beschäftigt
und 15 Mill. Tonnen Rohstahl herstellt (ein Drittel der
Landesproduktion), wird jetzt eine Kläranlage gebaut, die das Wasser, das
zur Hütte fließt, säubern soll. Das Weichsel Wasser eignet sich nicht zur
Produktion, weil es zu viele Salze und Chlor Verbindungen enthält.
Indirekt wird diese Investition aber auch der Weichsel zugute kommen – zu
80 % sollen die Abwässer der Hütte, im Kreislauf geklärt, zurück
fließen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Qualität der
polnischen Gewässer ständig verschlechtert, heißt es im PAN-Bericht
weiter. 1967 wurde das Wasser der Flüsse auf 33 % ihrer Fläche in
die Güteklasse 1 eingeordnet. 1977 verdienten nur noch 9% diese
Qualifizierung, während bereits 33% als „unklassifiziert“ und damit
als total verschmutzt galten. In einem nicht gerade wasserreichen Land wie
Polen hat das schwerwiegende Folgen für die Versorgung der Städte und der
Landwirtschaft. Dazu kommt noch, dass der Wasserverbrauch
überdurchschnittlich hoch liegt; in Warschau z.B. bei 220
Kubikmetern pro Tag und Einwohner (in London 140-160). Schuld dafür tragen
vor allem undichte Leitungen und die Tatsache, dass das Wasser immer noch
fast umsonst geliefert wird.
In vielen Flüssen Oberschlesiens – heißt es im
PAN Bericht ist das Wasser genauso salzhaltig wie das der Ostsee. 70%
der Seen wurde bereits durch die Industrie mehr oder weniger
verschmutzt. Über die Hälfte der Städte, unter ihnen Warschau, Łódż,
Bialystok, Elbląg und Rzeszów, verfügen über keine Kläranlagen. In
Warschau soll die erste große biologische Kläranlage nach über
zehnjähriger Bauzeit 1987 in Betrieb genommen werden. In der Nähe
der Großstädte und Industriegebiete wurde eine verstärkte Verseuchung des
Untergrundwassers durch undichte Kanalisation und Müllkippen registriert.
Ein besonders schwieriges Problem stellt die
Verunreinigung der Ostsee dar. jedes Frühjahr drucken die Zeitungen
amtliche Verlautbarungen über Strände ab, an denen absolutes Badeverbot
gilt. Am stärksten davon betroffen ist die Danziger Bucht im Bereich der
Weichselmündung. „Um das ökologische Gleichgewicht im Küstenstreifen
wiederherzustellen, sind sofort Investitionen im Wert von 100 Mrd. Złoty
notwendig“ berichtete „Trybuna Ludu“ (17.2.1986). „Mit Geld für
Umweltschutz wird nicht gespart, aber aus verständlichen Gründen ist die
sofortige Verwirklichung solcher Vorhaben nicht möglich. im Augenblick
werden in der Küstenzone 46 Kläranlagen gebaut. Ihre Inbetriebnahme
in der nächsten Zeit wird ermöglichen, die Menge der geklärten Abwässer um
710.000 Kubikmeter pro Tag zu erhöhen. Neun weitere Kläranlagen sollen bis
1990 fertig sein.“ Die Zahl der Kläranlagen, die im ganzen Land
sofort nötig wären, beträgt 7000. Nach Angaben des Ministeriums für
Umweltschutz und Naturressourcen sollen ab 1990 400 pro Jahr
fertiggestellt werden. Bis vor einigen Jahren gab es in Polen keine
Betriebe, die Kläranlagen bauen konnten. Erst jetzt werden die ersten
Fabriken auf diese Art von Produktion umgestellt.
Besser entwickelt ist die Filteranlagenindustrie,
aber diejenigen, die die Luft in polnischen Großstädten einatmen müssen,
spüren wenig davon. Die Autoren des PAN Berichts behaupten sogar, dass
Polen seit 1983 den ersten Platz in Europa belegt, was die
Luftverschmutzung angeht. Auch diese Behauptung wurde von
Regierungssprecher Jerzy Urban im Herbst 1985
zurückgewiesen.
Die Ursachen für diesen Zustand liegen lt.
PAN Bericht darin, dass Energie hauptsächlich durch Kohleverbrennung
erzeugt wird, aber auch im Ausbau von energieintensiven Industrien und der
steigenden Autozahl, ohne dass man sich um die Qualität der Motoren
kümmert.
Ein extremes Beispiel für die Auswirkungen der
Luftverschmutzung ist Krakau. Die Stadt, die während des Zweiten
Weltkrieges wie durch ein Wunder nicht zerstört wurde, leidet seit Jahren
unter qualmenden Industrieschloten. Saurer Regen, Staub und Abgase
beschleunigen hundertfach den natürlichen Alterungsprozess der 1700
Baudenkmäler. Schwefel und Stickdioxide verwandeln gotische
Kalksteinfassaden zu Gips. Gesimse und Portale aus Sandstein zerfallen bei
stärkerem Wind, verlieren ihre Konturen. Fluor verfärbte eines Nachts die
schwarzen Marmoraußenwände der Königskathedrale grün. Vor ca. 2 Jahren
musste sogar das goldene Dach der Sigesmund-Kapelle auf dem Wawel Hügel
gründlich renoviert werden.
Am Beispiel Krakaus – meinen die PKE Mitglieder –
kann man sehen, dass Atomkraftwerke diese Entwicklung aufhalten könnten.
Aber in Polen gibt es noch keine AKWs. Zwei werden erst im Norden des
Landes gebaut, das erste soll 1988 ans Netz angeschlossen werden.
Solange die Luftverschmutzung nicht vermindert wird,
solange wird auch die Renovierung Krakaus, und nicht nur dieser Stadt,
eine Sisyphusarbeit sein. Die Restaurierung ist in vollem Gange. Das
„Bürgerkomitee für die Rettung der Krakauer Baudenkmäler“ konnte über 20
Mrd. Złoty aus Spenden ansammeln. jährlich wird eine Milliarde verbaut,
311 Gebäude werden wieder instand gesetzt, aber
die Häuser zerbröckeln schneller als die Restaurateure arbeiten können.
Die Jugendzeitung „Sztandar Młodych“
(17.7.1985) zitierte dazu Angaben des Woiwodschaftsamtes Krakau für das
Jahr 1984. Auf dem Gebiet der Woiwodschaft (15.335 Quadratkilometer)
setzen sich 134.000 Tonnen Luftschadstoffe ab. Darunter waren 102.000
Tonnen Schwefeldioxid, 18.000 Tonnen Eisen, 470 Tonnen Zink, 170 Tonnen
Blei, 7 Tonnen Cadmium. 60 % der staub und 80 %
der gasförmigen Emissionen entstehen in einem einzigen Betrieb: der
Lenin Hütte, die – laut „Kurier Polski“ (20. 8. 1985) – 0,5 Mill.
Tonnen Luftschadstoffe ausstößt. Der Rest kommt aus Oberschlesien.
In Oberschlesien, dem industriellen Zentrum Polens,
werden 98 % der Steinkohle des Landes gefördert, 100 % des Bleis und
Zinks, 52 % des Stahls und 50 % der Energie produziert. Auf 1000
Quadratkilometern Fläche (halb so groß wie das
Ruhrgebiet), wo 2,5 Mill. Menschen wohnen (6 % der ganzen
Bevölkerung) befinden sich über 2800 Betriebe, darunter 18 Eisen und
Stahlhütten, 7 Buntmetallhütten, 48 Kraftwerke, 30 chemische Betriebe, 80
Maschinenfabriken, 4 Buntmetall und 60 Kohlebergwerke. Viele von diesen
Betrieben stammen noch aus dem vorigen Jahrhundert. Mitten in einigen
Städten Oberschlesiens kann man noch heute von der Straße direkt in
glühende Öfen von Eisengießereien hineinsehen.
Aber nicht nur solche veralteten Anlagen belasten die
Umwelt auf das schwerste. Auch die in den 70er Jahren erbaute Eisenhütte
„Katowice“ emittiert, wie „Kurier Polski“
(20.8.1985) berichtet, 0,4 Mill. Tonnen Staub und Abgase; ein Beweis
dafür, dass der Umweltschutz lange Zeit nicht ernst genommen wurde. In
Oberschlesien – informiert „Sztandar Młodych“ (17.7.1985) –
entstehen 35 % der Staubemissionen Polens (600 000 Tonnen pro Jahr) und 60
% der Industrieabfälle (90 Mill. Tonnen jährlich).
All das kann nicht ohne Auswirkungen auf die Menschen
bleiben. „In den Grundschulen Oberschlesiens – schreiben die Autoren des
PAN Berichts – wurde ein erschreckendes Wachstum der Zahl der Kinder mit
Entwicklungsstörungen festgestellt. Man kann das direkt auf erhöhte
Anwesenheit von Schwermetallen, besonders von Blei, in Umwelt und
Nahrungsmitteln zurückführen.“ Nach offiziellen Angaben liegt in diesem
Gebiet die Quote der Atemwegserkrankungen um 40 %, der
Kreislaufkrankheiten um 15 %, der Krebserkrankungen um 20 % und der
Säuglingssterblichkeit um 3 % über dem polnischen Durchschnitt.
Erst in den 80er Jahren begann man gegen diese
Verhältnisse vorzugehen. 1981 wurde endlich, unter starkem Druck der
Öffentlichkeit, eine der am meisten die Umwelt belastenden Abteilungen der
Zinkhütte „Silesia“ in Katowice geschlossen. Auch an hellen Sommertagen
mussten in ihrer Umgebung Straßenlaternen
brennen und Autos mit eingeschalteten Scheinwerfern fahren. Kurz danach
zwang man die Laziska Hütte, eine Entstaubungsanlage für 6 Mill. Złoty
einzubauen. Das Werk stieß pro Stunde eine halbe Tonnen Staub aus! Beides
konnte der oberschlesische „Ökologische Klub“ als seine Erfolge
verbuchen, aber immer noch sind es Tropfen auf den heißen Stein.
„Neben der Industrie – heißt es im PAN Bericht –
stellt das Transportwesen die größte
Luftverschmutzungsquelle dar. In Polen ist die Abgasemission aus
Fahrzeugmotoren unverhältnismäßig groß im Vergleich zur Zahl der
benutzten Pkw’s, Lkw’s und Busse. Sie verbrauchen fast zweimal soviel
Benzin pro Kilometer im Vergleich zum Durchschnittsverbrauch in der Welt.
Eine paradoxe Situation, wenn man bedenkt, dass der Kraftstoffmangel unser
Land empfindlich trifft. Benzin wird in Polen rationiert.
„Sztandar Młodych“ (27.8.1985) berichtet
weiter, dass von 8,5 Mill. Hektar Waldfläche (27,6 % des gesamten
Staatsgebietes) 17 % krank und 3 % bereits abgestorben sind.
„Allein in Oberschlesien sind fast 145.000
Hektar Wald durch überhöhte Schwefeldioxid Emissionen krank. Es gibt fast
keine Fichten mehr, Tannen und Kiefern sind vom Aussterben bedroht.
Ähnliche Erscheinungen gibt es in den Swietokrzyskie Bergen, in der
Tatra, in den Bieszczady Bergen. Die Fichtenwälder in den Sudeten sterben,
genauso wie Kiefernbestände in der Nähe von Pulawy, Włoclawek, Toruń und
Police“ – schreibt „Rzeczpospolita“ (12.1.1986).
Polen nimmt selbstverständlich auch am europäischen
„Schadstoffaustausch“ teil. In derselben Ausgabe berichtet „Rzeczpospolita“,
dass das Land jährlich z. B. 19.000 Tonnen Schwefeldioxid in die
Tschechoslowakei „exportiert“, 4600 Tonnen in die DDR, 4.400 Tonnen
nach Österreich, 400 Tonnen nach Bulgarien etc. Der „Schwefeldioxidimport“
liegt wesentlich höher: 42.200 Tonnen aus der DDR, 27.200 Tonnen aus der
Tschechoslowakei, 7000 Tonnen aus Österreich, 1600 Tonnen aus Bulgarien.
Der hier gegebene Überblick streift nur viele
Erscheinungen, erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, zeigt aber,
wie bedrohlich die Situation bereits ist. Immer schärfer formulierte
Umweltschutzgesetze helfen wenig, wenn es an moderner Technologie mangelt,
wenn riesige Versorgungsprobleme zu bewältigen sind, wenn der Export
forciert werden muss, um die enorme Schuldenlast abzubauen, wenn es darum
geht, gegen Ignoranz von Planerfüllungsfetischisten anzukämpfen.
Die ökonomische und gesellschaftliche Krise sind in Polen auf das engste
mit der ökologischen gepaart. Keine von ihnen lässt
sich einzeln lösen.
Die Liberalität in der Kultur war neben der
wirtschaftlichen Öffnung durch Gierek zum Westen die zweite
maßgebliche Komponente im Polen der siebziger Jahre.
Andrzej Wajda kämpfte ab 1958 dreizehn
Jahre darum, seinen berühmten Film „Der Mann aus Marmor“, eine
Abrechnung mit dem Stalinismus, drehen zu dürfen. Die erste
Liberalisierungsphase nach Gomułkas Machtantritt im Oktober 1956
währte kaum mehr als ein Jahr. Zu Beginn der
siebziger Jahre schienen unter Gierek nahezu alle Beschränkungen im
Bereich der Kultur aufgehoben. In der Wissenschaft entwickelte sich als
eine politische Folge der Entspannung ein reger Austausch von Meinungen
und Publikationen. Zwischen einzelnen deutschen und polnischen
Universitäten oder Instituten entstanden Partnerschaften. in Hochschulen,
Bibliotheken oder Pressezentren Polens waren die wichtigsten westlichen
Zeitungen zugänglich. Als zunehmendes Problem erwies sich die
Bereitstellung der Devisen. Polnische Studenten konnten sich die von ihnen
benötigte Literatur aus dem Westen beschaffen – unter anderem machte dies
der Schwarzarbeitertourismus möglich. Die von der Zensur gestrichenen
Stellen der in Polen erschienenen Bücher kursierten als private
Abschriften. Die Kulmination in der politischen Kunst erfolgte
während der Erneuerungsphase 1980/81. Es machten sich aber schon
die Einschränkungen durch den Devisenmangel bemerkbar. Die Frage, ob dann
während des Kriegszustandes die Eindämmung des Informationsimportes aus
politischen oder finanziellen Gründen erfolgte, erübrigt sich dabei.
Der Niedergang des politischen Kulturschaffens als
Ausdruck einer restriktiven Kulturpolitik nach dem
13. Dezember 1981 war denn mehr
eine Folge der Resignation und des stummen Protestes gegenüber allen
Maßnahmen des Staates. Diejenigen „Kulturschaffenden“, die sich 1982
nicht von der Bühne, dem Film oder Fernsehen zurückzogen, waren in den
Augen der Bevölkerung diskreditiert. Die Vorwürfe gipfelten im Begriff der
Kollaboration. Begleitet durch die Lockerungen des Kriegsrechts erfolgte
die Einfügung in das Unabwendbare. Spätere Kulturhistoriker werden
sicherlich die Zäsuren im Bereich der Kunst und Literatur der Jahre
1982/83 aufarbeiten.
Bei der Einschränkung der Genehmigungen für Filme und
Publikationen spielen bis heute Kostenfaktoren und Materialknappheit eine
große Rolle. Zugleich können sie bequem als Gründe vorgeschoben werden.
Für Maler und Kunsthandwerker lässt sich ein Rückzug
ins Private feststellen. Seit 1983 ist die Eröffnung von vielen
privaten Galerien zu beobachten, in denen die Künstler darauf warten,
dass ein Interessent die oft weniger als ein Dutzend Exponate: Bilder,
Kunstgegenstände aus Glas, Keramik, Holz oder Leder, ansieht. An diesen
Orten findet zugleich eine angeregte
Kommunikation bei einer Tasse Tee oder einer
Zigarette statt. Die Künstler gehören in der Regel der Altersstufe der
Dreißiger an, die wohl ihre Ausbildung absolviert, sich aber noch keinen
Namen gemacht haben bzw. dieses um den Preis der Anpassung auch nicht
wollen oder können.
Sehr schön lässt sich das in den Seitenstraßen des
Marktplatzes von Krakau beobachten. Man kann dort stöbern und
Wunderschönes entdecken. So hat dort z. B. der in Polen sehr bekannte
Karikaturist Andrzej Mieczko seine Galerie. Die dort Anfang 1983
erstandenen Postkarten (vgl. Abb. 1 und 2) stellen je einen Weihnachts-
und Neujahrsgruß dar. Die Anspielung auf den Kriegszustand und die
Versorgungsmisere ist typisch.
Es scheint, dass Kunst und Literatur in Polen eigene
Wege suchen.
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Bild 1: FROHES FEST! (Wanderausstellung) |
Bild 2: FROHES FEST! als Neujahrsgruß |
Neben den trotz allem positiven Ansätzen gibt es auch
eine offiziell geförderte – oder geduldete – Übernahme westlicher
Primitiventwicklungen. Fragwürdige Videoimporte aus dem westlichen Ausland
– gegen teures Geld privat in einer Wohnung oder gar in Urlaubszentren
vorgeführt – haben ihren Markt gefunden. Zu einer anderen Größenordnung
gehört aber noch die Flut der importierten Filme oder Fernsehserien, die
dann in Kinos oder im Fernsehen gezeigt werden. Die ob ihrer Qualität und
Liberalität in den siebziger Jahren geschätzte Kultur
wird jetzt von einer Vermassung überlagert. Zu dieser an sich schon
beklagenswerten Tatsache kommt die bisher auch in Polen noch nicht
abschätzbare subjektive Auswirkung auf die Konsumenten hinzu.
Damit hat Polen bewusst Anteil an der kulturellen
Degeneration breiter Kreise der Bevölkerung. Amerikanische Filmserien,
die bereits in den wohlhabenden europäischen Ländern ihren finanziellen
Einsatz wieder eingespielt haben, werden für ein „Butterbrot (sollte es
nicht besser heißen: anstatt?) an ärmere Länder abgegeben und erfüllen
ihren Zweck – vor allem in der Jugend.
Lange Zeit war die Grenzfrage betreffend Oder und
Neiße Ausdruck für die Nicht Konsensfähigkeit in der europäischen.
Politik. Die Widersprüche: Grenzanerkennung und Ausreisegenehmigung oder
-verweigerung für die verbliebenen Deutschen waren nicht lösbar. Die
Überlagerung durch den“ Kalten Krieg“ kam erschwerend hinzu.
Fünfundzwanzig Jahre Ungewissheit waren der Preis für die Betroffenen.
Deutsche und Polen litten unter dem Missbrauch ihrer Gefühle,
Die Londoner Konferenz (von 1947) war mehr eine Suche
nach einem Alibi vor der Geschichte. Die Gewaltverzichtserklärung der
Vertriebenen dann ein erster wichtiger Teilschritt als Zeugnis des
Friedenswillens. Er blieb lange Zeit der einzige. Einen Antwortschritt der
Polen konnte es in den fünfziger Jahren noch nicht geben, da
deutscherseits durch die Fixierung auf Rechtspositionen ein politischer
Schritt unmöglich war. Erst die späten fünfziger Jahre führten unter dem
Einfluss wirtschaftlicher Erwägungen zu einer langsamen Überwindung der
politischen Starre – zunächst bei den westlichen Partnern.
Die späte Entdeckung des östlichen Marktes durch die
deutsche Wirtschaft, das Heraustreten aus dem Adenauerschen
Schatten konnte erst unter den CDU Politikern Erhard und
Schröder erfolgen.
Das Handeln von Christen im Geiste der Versöhnung,
das Verfassen von Denkschriften durch Protestanten (1965) und Katholiken
(1968) führte zur ernüchterten Aufgabe des politisch unhaltbar gewordenen
Zustandes mit dem Ergebnis der „Feststellung der westlichen Staatsgrenze
der VR Polen an der Oder und Neiße“ im Vertrag von Warschau am 7. 12.
1970. Die innenpolitischen Nachwehen folgten. Auch das ist legitim in
einer Demokratie. Die völkerrechtliche Bindungswirkung des Vertrages und
die grundsätzliche Anerkennung aller Grenzen von Mitgliedsländern durch
den Beitritt zur UNO haben die Deutschen geehrt und das friedliche
Zusammenleben in Europa erleichtert.
Die Resolution des Bundestages vom 17. Mai 1972 ist
als Ausdruck der politischen Spannbreite, aber auch des Willens und der
Fähigkeit zum Konsens in diesem innenpolitisch schwierigen Jahr zu werten.
Sie ist aber auch Beleg für die Inkongruenz zwischen
der Weiterentwicklung der Politik unter dem Primat der Verständigung
einerseits und dem Primat von Rechtspositionen in der Festlegung durch
Grundgesetzpostulat, BVG Urteil und Deutschlandvertrag andererseits.
Es handelt sich dabei um eine typisch deutsche
Nachkriegseigenschaft. Die Tabuisierung des selbst unter Partnern
Unverstandenen wird kaum durchbrochen. Die Erklärung des italienischen
Außenministers Andreotti 1984 zur Deutschlandfrage war eine
Ausnahme. Die deutsche Problematik bildete andererseits keinen Hemmschuh
für die Weiterentwicklung in der Außen und Deutschlandpolitik. Die
innenpolitischen Kontroversen sind denn mehr Randerscheinungen und
verbale Gefechte. Von den ehemals innergesellschaftlichen Konflikten
blieben nur mehr Wort Hülsen als Wahlkampfmunition. Das Festhalten an den
„Rechtspositionen“, die zudem nie als konkrete politische Ziele benannt
wurden, degenerierte realpolitisch zur Farce und wurde für die
Nachkriegsgeneration weitgehend zur unverstandenen Nostalgie. Für viele
Angehörige der betroffenen Generation blieb es aber ein innerer Halt. All
dieses ist in der pluralistischen Gesellschaftsordnung zu respektieren,
Die Unredlichkeit beginnt beim Schüren der Emotionen.
Damit wird der Polen betreffende Teil der Deutschen Frage zur offen
gehaltenen Wunde. Die innenpolitischen Auseinandersetzungen schließen
ein, dass die „Perlenschnur“ (die Kennzeichnung der Grenze von 1937) auf
den physikalischen Landkarten der ministeriell zugelassenen Schulatlanten
bleibt. Aber ist der Preis der Glaubwürdigkeit nicht zu hoch, wenn im
bildungspolitischen Kompromiss unseres Kulturföderalismus die
Anerkennung von Gesamtschulabschlüssen gegen die Beibehaltung der
„Perlenschnur“ ausgehandelt wird (Beschluss der Konferenz der
Kultusminister von 1982)?
Kann nun politische Moral den Handlungsrahmen setzen?
Gibt es überhaupt noch verbindliche Wertmaßstäbe? Die historischen sind
überholt oder durch Modebegriffe entwertet. Zudem wurden sie ob ihrer
Ideologie entlarvt.
Der Schmerz über erlittenes Unrecht hinderte uns
Deutsche zunächst daran, die Frage nach der Schuld zu stellen. Schlechte
Antworten gab es durch Verdrängung der Ursachen. Die Aufrechnung wurde
leicht zum Ersatz für Bewältigung.
Die Kirchen gaben eine christliche Antwort: Sie baten
um Vergebung und sie gewährten Vergebung. Das Versöhnungsgebot wurde zum
Schlüssel für politisches Handeln.
Die Frage nach der Schuld muss heute einmünden in die
Frage nach der Verantwortung für den Frieden in Europa, eine
Verantwortung aller. Aus der Vergangenheit ist die Verpflichtung
erwachsen, die Moral zur Richtschnur politischen Handelns zu machen. Dies
bedeutet für die Menschen, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und Achtung
vor dem anderen zu entwickeln.
Wir wollen dem in diesem Buch Rechnung tragen durch:
-
Würdigung der Leistungen beim
Aufbau und der Weiterentwicklung im Lande;
-
durch Darstellung der (begrenzten)
Möglichkeiten, der Hoffnungen und der Schwächen;
-
zur stärkeren Herausbildung der
Konturen des Bildes: Polen.
Dieses alles, wohl wissend, dass die Diagnose oft der
schmerzlichste Teil der Krankheit ist, dass es nicht immer möglich ist,
eine Krankheit zu hellen. Man kann aber lernen, mit der Krankheit zu leben
und ihre Erscheinungen zu mildern!
Es kann für uns nicht Gegenstand sein, politische
Perspektiven der deutschen Außenpolitik zu entwickeln. Wir wollen aber
einen Beitrag leisten zur Absteckung des Rahmens, der gegenwärtig das
deutsch polnische Verhältnis bestimmt.
1 . Das in der Rede des
Bundespräsidenten vom 8. Mal 1985 zum Ausdruck kommende Versöhnungsgebot
muss Richtschnur für außen- und rechtspolitisches Handeln sein.
2. Die Bindungswirkung
verfassungsgemäß entstandener und demokratisch legitimierter Verträge darf
nicht in Frage gestellt werden.
3. Der Aussöhnungsprozess mit dem
polnischen Volk sollte als Chance zur (abschließenden?) Bewältigung der
Vergangenheit genutzt werden.
4. Das Bekenntnis zur Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland muss ein Bekenntnis sein zum gebrochenen
Verlauf deutscher Geschichte. Politische und rechtliche Postulate dürfen
nicht dogmatisch, sondern müssen als Bestandteil historischer Abläufe
begriffen werden.
5. Politische Moral verpflichtet zu
verantwortungsbewusstem Handeln auf der Basis gegenseitigen Vertrauens.
„Denn was ist Kontinuität? Das Wort ist in die
historischen Wissenschaften eingeführt worden, um ein bestimmtes
Verhalten in der Zeit – ein Gleichbleiben oder ein nur relativ langsames
Sich-Wandeln – zu bezeichnen. Aber es ist nicht klar umgrenzt. Es ist auch
von seinem Gegenteil her nicht zu umfassen. Denn sein wichtigstes
Gegenteil ist seine einfache Verneinung, die Diskontinuität. Man kann
allerdings auch »Sprung«, »Bruch«, »Katastrophe«, »Auflösung« oder
»Revolution« dafür setzen. Aber damit differenziert man nur verschiedene
Arten der Diskontinuität. Die Frage, was je zur anderen Seite der von
Kontinuität zur Diskontinuität führenden Skala hin eingeordnet werden
soll, ist ungewöhnlich schwierig. Argumente lassen sich meist dafür und
dagegen anführen, Immer ist der Anteil der Wertungen relativ groß. Um
Maßstäbe und Kriterien für Kontinuität hat man sich kaum je bemüht. Das
ist auch erst möglich, sobald man weiß, was dieses Wort begreifen, was
alles man von einem solchen Begriff aus zutage fördern kann, ob er
überhaupt zu mehr taugt als zu einer oberflächlichen Klassifikation oder
zum Ausdruck bestimmter Bekenntnisse. Mit diesem Wissen aber scheint es
innerhalb des Faches Geschichte nicht allzu weit her zu sein.“
Christian Meier
Der Versuch, Europa historisch-geographisch in
definierte Teilräume aufzugliedern, stößt in seiner vielschichtigen
Problematik an Grenzen der Gültigkeit, wobei immer auch zu sehen ist,
dass Gliedern auch Ausgliedern und Abtrennen bedeutet und damit
politische Sprengkraft erhält. Es wäre sehr kurzsichtig, unser
heutiges politisches West-Ost-Schema auf geschichtlich-kulturelle
Zusammenhänge übertragen zu wollen.
Eine ganze Reihe historischer Phänomene haben Europa
im Laufe der Jahrhunderte zergliedert: die Grenzen des römischen Reiches
am Limes und die Grenze der klassischen Latinität; die Sprach- und
Kulturterritorien von Kelten, Germanen und Slawen; Integration und Zerfall
des Frankenreiches; später Protestantismus und Katholizismus oder
schließlich die neuzeitliche Herausbildung territorialer
Hegemonialmächte. Diese verschiedenen Teilungen – man halte es sich noch
einmal deutlich vor Augen – decken sich in Reichweite und Grenzziehung
keineswegs. Doch ist die Betroffenheit von den durch die Teilungen
induzierten Spannungen und Konflikten in Europa nicht gleichmäßig
verteilt. Am wechselvollsten war die Prägung durch die Wechselfälle der
Geschichte in einem Raum etwa zwischen Rhein und Weichsel, in dem fast
alle diese Teilungen ihre Spuren hinterlassen haben, einem Raum, dem wir
allein dieses Kriteriums wegen zunächst einmal die Bezeichnung
Mitteleuropa zuschreiben wollen.
Eigentlich alle großen Konflikte im unfriedlichen
Kontinent, der Europa nun einmal war, konzentrierten sich auf
Mitteleuropa. Weniger Kontinuität und kulturelle Homogenität sind
Charakteristiken dieses Raumes, als Unterwerfung unter das Prinzip von
Konflikt und Auseinandersetzung, als Aufnahme widersprüchlicher
politischer und kultureller Einflüsse und Ansprüche, als Anpassung und
Erneuerungsstreben. Das bedeutete aber auch, dass die Zeiten inneren
Friedens kurz und die soziale und persönliche Not oft groß war in
Mitteleuropa. Diese Einflüsse haben sich tief in die politische Kultur der
mitteleuropäischen Völker eingeprägt. Es stellt sich auch heute die
grundsätzliche Frage nach der Friedensfähigkeit (nicht nach dem
Friedensbedürfnis!) der aus Mitteleuropa hervorgegangenen modernen
Industriegesellschaft. War auf der einen Seite das wechselvolle
politisch-kulturelle Schicksal Mitteleuropas Anstoß und Motiv für die
Dynamik des Fortschrittsprinzips, so wuchsen gleichermaßen die
selbstzerstörerischen Potentiale und wendeten ihre aggressiven politischen
Vokabulare auch nach innen. Deutsche und Polen sind gleichermaßen
einbezogen in diese mitteleuropäische Geschichte. Ihr Verhältnis, ihre
Fähigkeit zum friedlichen und freundschaftlichen Zusammenleben werden
daher zum Prüfstein für die Fähigkeit Mitteleuropas, die
selbstzerstörerischen aggressiven Potentiale, die tief in der eigenen
Geschichte verwurzelt sind, zu überwinden und die konstruktive Seite der
gesellschaftlichen Dynamik politisch umzusetzen. Diese besondere Seite im
Verhältnis zwischen den beiden Völkern ist auch denen, die den aktiven
Kontakt suchen, noch nicht hinreichend gewahr geworden.
Um die gemeinsamen geschichtlichen Wurzeln
Mitteleuropas deutlicher ins Bewusstsein zu heben, ist es hilfreich, auch
die andere Funktion dieses Raumes zu sehen: Mitteleuropa, und damit
eingeschlossen Polen, ist ein Brückenraum zwischen Völkern und Kulturen,
durchquert seit alters her von einer Vielzahl von Handelswegen, geprägt
auch von Bevölkerungsverschiebungen, Völkerwanderungen und
Siedlungsbewegungen.
Dabei sollte man sich vor Augen halten, dass
Mitteleuropa in der Frühzeit bis hin zum ausgehenden Mittelalter ein
anderes Gesicht hatte als heute. Die wesentlich geringere
Bevölkerungsdichte ließ zwischen den Siedlungszentren ein Netz weitgehend
unberührter Landschaften frei, Sümpfe, Flussauen und Wälder, die erst nach
und nach durch das dichter werdende Geflecht von Handels- und Heerwegen
erschlossen und schließlich für eine Besiedlung nutzbar gemacht wurden.
Die Gesellschaftsstruktur entsprach dieser
dezentralen, ungleichmäßigen Bevölkerungsverteilung; staatliche
Zentralität im heutigen Sinne gab es nicht, das auf persönlicher
Verpflichtung beruhende Feudalprinzip war noch nicht durch die
territoriale Administration abgelöst worden; daher kann man im
ausgehenden Mittelalter auch noch nicht von wohldefinierten staatlichen
Grenzen sprechen, die sich auch als Kultur- und Wirtschaftsgrenzen in die
Raumstruktur einprägen. Der Siedlungsraum war insgesamt durchlässiger, so
dass sich schon erstaunlich früh Handels- und Kulturkontakte über weite
Entfernungen, ja über die Grenzen des Kontinents hinaus entwickelten. Man
muss erkennen, dass dieses Phänomen der frühen Austauschbeziehungen auch
für den mitteleuropäischen Raum nachgewiesen werden kann. Erst dadurch
können überraschende Entwicklungsimpulse in diesem Raum richtig
eingeordnet werden. Von den Küsten ausgehend gab es ein Geflecht von
Handelswegen, die Mittel-, West- und Nordeuropa verbanden und im Osten
weit in slawisches Gebiet hinein griffen. Auf diesen Wegen findet man
zunächst, nicht immer in friedlicher Weise, Wikinger und Normannen. Später
wird das nämliche Netz von der Hanse benutzt. Aber die Handelsbeziehungen
greifen weiter. Seit sehr früher Zeit ist eine Beziehung über den
Ostseeraum hinaus nach Südosten bis hin nach Mittel- und Vorderasien
anzunehmen. Vorderasiatische Händler kamen nicht nur von Westen, sondern
auch über die Schwarzmeerroute in den slawischen Siedlungsbereich und
erwarben dort unter anderem Felle, Lebensmittel, Holzwaren etc.
Die ansässige Bevölkerung beteiligte sich mehr und
mehr an diesem Austausch und profitierte letztlich von den ökonomischen
Impulsen. Waren zu Zeiten der »Streifzüge« der Wikinger
diese Beziehungen noch eher sporadisch, vertiefte sich der Handelsimpuls
im Laufe des Mittelalters im nordmitteleuropäischen Bereich vor allem
durch die Hanse. In diese Zeit fällt auch der bedeutsam Schritt vom
Präsenzhandel »nomadisch« durch die Länder streifender Händler, deren
Auftauchen eher etwas Zufälliges anhaftete, zum »Distanzhandel« von
zentralen Handelshäusern aus, die sich verstärkt um Schutz und Privilegien
der sich herausbildenden territorialen Autoritäten bemühen mussten.
Für den polnischen Raum ist dies die Zeit der ersten staatlichen
Organisation.
Man kann dabei das Entstehen des organisierten Fernhandels mit seinen
Implikationen: Ausweitung des Warenangebotes, Geldwirtschaft und
Überwindung der rein agrarischen Subsistenzwirtschaft und Aufkommen der
Städte und damit modernere Formen von Herrschaft und Verwaltung, als
dialektisch aufeinander bezogene Ausprägungen der gleichen zugrunde
liegenden gesellschaftlichen Entwicklung begreifen, in der die
mittelalterliche Wirtschaftsform langsam überwunden und die neuzeitliche
Herrschaft begründet wird.
Ein Brückenraum zu sein, bedeutet, vielfältigen
Einflüssen ausgesetzt zu werden und gleichzeitig gestaltend wirken zu
können bei der Vermittlung friedlicher oder kriegerischer Impulse, die von
den Nachbarn ausgehen.
Europäische Ideen und Konflikte treffen in Polen
aufeinander. Verfolgt man den Brückencharakter Polens in die Neuzeit, so
drängt sich eine wertende Betrachtung auf: Wird Polen als Vermittler
europäischer Impulse und Ideen in aktiver Form einbezogen in den
Kulturkontakt zwischen West und Ost, zwischen den romanischen Ländern,
Deutschland, Russland und Südosteuropa, entwickelt sich eine große Chance
friedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritts. Einige
Phasen in der Zeit der Jagiellonen wie auch die Rolle Polens im Zeitalter
der Reformation und der Glaubenskriege, unter dem Stichwort der
»Polnischen Toleranz« zu fassen, oder, selbst schon unter dem Druck der
schrittweisen Teilungen, in seiner Beziehung zum aufkommenden
Liberalismus,
sind deutliche Hinweise auf die aktiven Gestaltungspotenziale dieses
Landes. Immer stärker versuchten dann aber die benachbarten Großmächte,
über Polen hinweg Politik zu machen, was zu einer Unterdrückung der
Brückenfunktion und damit zur unmittelbaren Konfrontation der Großmächte
führte. Der Prozess der polnischen Teilungen steuerte mit erstaunlicher
Konsequenz auf den Ersten Weltkrieg und Hitlers Konfrontation mit
Russland hin. Bei dieser Auseinandersetzung musste in konsequenter Weise
zunächst die Eliminierung des polnischen Staates, und wie es die deutsche
Okkupationspolitik plante: die Vernichtung der polnischen Kultur
erfolgen.
Gegenüber dieser kulturellen und gesellschaftlichen
Bedeutung Polens für eine europäische Friedensordnung treten die oft
emotional geführten Auseinandersetzungen um polnische und deutsche Anteile
an der gemeinsamen Geschichte völlig in den Hintergrund. Polen als
struktureller Faktor europäischer Geschichte lässt die Frage nach dem
polnischen oder deutschen Entwicklungsanteil an Städten, deren politische
Zuordnung im Laufe der Geschichte wechselte, uninteressant erscheinen.
Interessant wird demgegenüber die Frage, ob in dem heute räumlich viel
weiter greifenden West-Ost-Konflikt Polen wieder eine vermittelnde Rolle
einnehmen könnte. Ein Versuch in dieser Richtung, der Rapacki-Plan 1957
über die Errichtung einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa, ist an
dem Misstrauen der Großmächte gescheitert. Vielleicht muss es uns ins
Bewusstsein kommen, dass heute Mitteleuropa insgesamt die Brückenfunktion
einzunehmen hat, die Jahrhunderte hindurch Polen übernommen hatte.
Deutschland wird dabei immer mehr an die Seite Polens zu rücken haben: Es
gilt Abschied zu nehmen von überlebten europäischen
Hegemonialvorstellungen, deren letztes Scheitern mit dem Ende des Zweiten
Weltkrieges den Deutschen eine neue historische Rolle zugewiesen hat.
Waren letztlich auch in Polen über Jahrhunderte alte Hegemonialträume von
Piasten und Jagiellonen gescheitert, so kann Deutschland aus seinem
Kontakt mit Polen heraus lernen, aus einer subhegemonialen Position
heraus als Brückenland an einer konstruktiven Friedensordnung in Europa
teilzunehmen. Damit schließt sich der Kreis unserer Vorüberlegungen, in
denen die Rolle Mitteleuropas entweder als Konflikt- oder als Brückenraum
definiert und Polen und Deutsche gleichermaßen als Partner im
mitteleuropäischen Schicksal angesprochen wurden.
2. Polen war selten Subjekt, öfters
Objekt der europäischen Geschichte
Man verbleibe noch eine Weile bei den allgemeinen
Überlegungen darüber, was an Rahmenbedingungen die Situation Polens
charakterisiert und eventuell erhellen kann. Stellte man zunächst ein
räumliches Merkmal in den Vordergrund, so soll dieses Element nun auf eine
abstraktere Ebene verlegt und nach den eigenen Gestaltungsmöglichkeiten
seiner Situation, die Polen im Laufe seiner Geschichte wahrnehmen
konnte, gefragt werden.
Ich habe die These aufgestellt, dass ein aktives
Eingreifen Polens in die kulturellen und politischen Austauschbeziehungen
positive Potentiale für eine europäische Friedensordnung enthalte. In der
neueren Geschichte war Polen jedoch nur selten in der Lage, positive
Wirkungen aktiv zu vermitteln. Objekt hegemonialer Ansprüche politisch
aggressiver Nachbarn zu sein, ist eine Grunderfahrung Polens, die sich
tief in die politische Kultur dieses Volkes eingegraben hat. Geschichte
wird oft als Leidensgeschichte verstanden; aus einer irrationalen
Erlösungshoffnung leiten sich dann widersprüchliche politische
Verhaltensmuster ab, wobei Duldungsfähigkeit unvermittelt neben Ausbrüchen
spontaner Revolte stehen. Die politische Wirksamkeit von Literatur und
Kunst bis auf den heutigen Tag entspringt diesem historisch gewachsenen
Bedürfnis, der eigenen Geschichte einen Sinn zu geben. Jernsson
beschäftigt sich mit der Bedeutung der nationalen Dichtung, wenn er
zum Beispiel schreibt: „Dichterisch verschafften Juliusz Slowacki
und in der radikalsten Art Adam Mickiewicz
diesem Messianismus eine weite Verbreitung. Slowacki sprach von dem
Erlebnis, das in der Verbrüderung der gesamten Menschheit zu Gott führe
und den herrschenden Glaubensformalismus anprangere. Er zog aus dem
Schicksal seines Landes allgemein-menschliche Schlüsse, Polen solle nicht
mehr konkrete politische Ziele verfolgen, es solle in einer kommenden
Revolution, die seinen Stempel tragen werde, das eigene Volk erhöhen und
sodann die Menschheit auf eine neue, bessere Ebene führen.“
Mit diesem Zitat wird ein Leitmotiv des polnischen
Dilemmas in seiner jüngeren Geschichte angedeutet: in der eigenen
politischen Opferrolle einen Sinn zu sehen, der über das eigene Schicksal
hinaus weist und Polen zumindest auf einer geistigen Ebene über seine
Unterdrücker triumphieren lässt. Dieses Motiv wird auch heute in den
innenpolitischen Auseinandersetzungen ausgespielt, indem der katholische
Glaube politisch funktionalisiert wird. Der Hang zu politischen Symbolen
und Ritualen, die Vielzahl von Denkmälern und historischen Gedenkstätten –
man denke dabei nur an das von streikenden Arbeitern vor der Danziger
Leninwerft errichtete monumentale Denkmal für die Opfer von 1970 – ist
ebenso Ausdruck des Versuchs, Geschichte zu transzendieren und dabei der
transzendenten Sinnvermittlung materiellen Halt zu geben, wie die fast
unbegreifliche Konsequenz, mit der in Polen alte Städte wieder aufgebaut
und historische Gebäude restauriert werden.
In diesen Zusammenhang gehören auch einige
Überlegungen zum Thema Nationalismus, die vielleicht auch helfen,
etwas kritischer der eigenen deutschen Identität nachzuspüren. Polen gilt,
jeder Augenschein wird das bestätigen, als besonders krasses Beispiel
einer überschwänglich-emotionalen nationalistischen politischen Kultur.
Wie lässt sich dies vereinbaren mit den katastrophalen Folgen von
Nationalismus, die Europa in diesem Jahrhundert zweimal ertragen musste
und deren Hauptopfer gerade auch Polen gewesen ist? Kann die politische
Forderung nicht nur lauten, Nationalismen jeglicher Art zu überwinden? Es
ist an sich schon ein Widerspruch, dass Regierungen, die sich in der
Tradition einer sozialistischen Arbeiterbewegung sehen, welche aus ihrer
Sicht zu Recht schon im letzten Jahrhundert als Gegenthese zum sich
aggressiv verdichtenden europäischen Nationalismus das Postulat eines
proletarischen Internationalismus aufgestellt hat, wenn ebendiese
Regierungen in Polen und Russland und in anderen Ostblockstaaten
unverhohlen auf Nationalismus und nationalistische Abgrenzungen setzen?
Der Kampf der nationalistischen Flügel im Kommunismus gegen die
Internationalisten, deren wichtige Repräsentantin in diesem
Jahrhundert auch die aus dem Renaissance-Städtchen Zamość stammende
Rosa Luxemburg war,
hat eine lange Tradition. Dies gilt vor allem auch für Polen, wo die
Verbindung von sozialer Revolution mit nationaler Befreiung einen
besonderen Stellenwert einnahm.
Das führte dann zu einer Zersplitterung der Arbeiterbewegung, die bis in
den Widerstand gegen die Hitlerokkupation zu verfolgen ist und die in der
Gründungsphase der Volksrepublik zu fast bürgerkriegsähnlichen
Machtkämpfen der verfeindeten Flügel führte.
Doch zurück zur Grundfrage dieses Abschnittes: Ist
dieser polnische Nationalismus der deutschnationalen Tradition
vergleichbar? Diese Frage lässt sich nicht dadurch beantworten, dass die
äußere Repräsentanz des Nationalismus vordergründig verglichen wird.
Sonst wäre ja die naiv-schwärmerische Gedichtzeile, die so viele
Fehlinterpretationen in der nachfolgenden Zeit beschworen hat,
»Deutschland, Deutschland über alles...«, als legitime Ankündigung eines
aggressiven Nationalismus zu verstehen, der dann zwangsläufig in der
Hitler-Barbarei endete ... Das ist unhistorisch gedacht. Nationalismen
sind auf ihre politische Funktion im historischen Kontext hin zu
untersuchen. Und hier ist ein grundsätzlicher qualitativer Unterschied
festzuhalten, ob ein unterdrücktes, okkupiertes und fremdbestimmtes Volk
Überlebenswillen und Widerstandsfähigkeit schöpft aus dem bewussten
Erlebnis gemeinsam erduldeter Geschichte und der Erfahrung von Leid und
Widerstand, die erst Grundlage einer neuen politischen Kultur werden, oder
ob im Gegensatz dazu eine saturierte Gesellschaft ihre Privilegien und
Freiheiten dazu missbraucht, nationalistische Ideologien als
Legitimation für Überlegenheitslegenden und hegemoniale Ansprüche zu
benutzen und daraus das Recht gegenüber dem schwächeren Nachbarn
abzuleiten, aggressive Politik zu betreiben. Die eine Seite kämpft um ihre
Menschenrechte und um den Erhalt von Würde, Freiheit und
Gleichberechtigung, die andere Seite baut zu ihren Gunsten neue
hierarchische Ungleichheiten und Unterdrückungsverhältnisse auf. Es ist
interessant, dass diese beiden Formen des Nationalismus oft im
historischen Zusammenhang als dialektisches Verhältnis begriffen werden
können. Der Nationalismus des Widerstandes und der Befreiung als
Gegenthese zum Unterdrückungsnationalismus der Vormächte. Doch bleibt die
Frage nach der historischen Überwindung dieses Widerspruchs gerade unter
heutiger weltpolitischer Bedrohung notwendig.
Die Realität ist jedoch nicht ganz so einfach, wie
unser Geschichtsmodell es glauben machen will. Der "gute" und der "böse"
Nationalismus gehen im historischen Prozess beim Wandel der äußeren
politischen Bedingungen ineinander über, werden ambivalent. Schafft der
gemeinsame Kampf gegen die Unterdrückung auch die notwendige
Gruppenidentität, so verankern sich die Form und der Ausdruck der
Nationalismen einer gemeinsamen politischen Kultur tief in der
Emotionalität der Gruppe; der symbolische Ausdruck der Kampferfahrung,
seine Ritualisierung, überdauern den Entstehungsanlass, werden zum
Ausdruck der Gruppe an sich. Die historische Persistenz der
nationalistischen Form lässt den politischen Inhalt dann in sein Gegenteil
umschlagen, wenn die Nation ihren Befreiungskampf gewonnen hat und selbst
in die Rolle des potenziell Überlegenen hinein wächst. Umso wichtiger wird
die Frage, wie mit der nationalistischen Form unter veränderten
Zeitbedingungen umzugehen ist. Auch in Polen wird diese Frage heute
gestellt.
Doch seien noch historische Beispiele für diesen
postulierten Umschlag des politischen Inhalts ursprünglich
gerechtfertigter Nationalismen erwähnt: Im Bereich der »Dritten Welt« ist
der Dekolonisationsprozess meist unter der Flagge nationalistischer
Ideologien erfolgreich erkämpft worden. Einige der heutigen Nationen, wie
unter anderen Algerien, haben ihre nationale Identität gar erst im
Prozess des Befreiungskampfes gegen die Kolonialmacht gewonnen, da eine
vergleichbare staatliche, territoriale oder soziokulturelle Einheit in
der vorkolonialen Zeit gar nicht vorhanden war. Aber auch in Deutschland
liegen die Wurzeln des später so verhängnisvollen Nationalismus anders,
als man aufgrund späterer Erfahrungen mit diesem Nationalismus vermuten
könnte. Der Kampf gegen die napoleonische Okkupation war ebenso Anlass,
nationale Formen des Widerstandes zu finden, wie der revolutionäre
Widerstand gegen die im Wiener Kongress etablierten Restaurationsregime im
deutschen Vormärz. Auf die polnischen Parallelen habe ich schon
hingewiesen. Doch dann läuft die historische Erfahrung der beiden Völker
auseinander, als sich der deutsche Nationalismus bei der Reichsgründung
für eine aggressive Außenpolitik, z. B. gegen Frankreich, z. B. gegen
Polen, funktionalisieren lässt. Der Nationalismus hat damit seine
Unschuld (wohl für immer) verloren. Betrachtet man das heutige Polen,
trotz aller aktueller Konflikte und Abhängigkeiten sicherer und in seiner
nationalen Identität unbestrittener als je in der neueren Geschichte, so
ist das Umschlagen der Qualität des Nationalismus als Gefahr nicht von
der Hand zu weisen. Das zeigt sich allein schon daran, dass der Appell an
die nationalen Gefühle zur Herrschaftssicherung der Parteikader wie zur
Verschleierung gesellschaftlicher Konflikte und Fehlentwicklungen benutzt
wird. Zeigten sich zwar auch schon in der Geschichte Ansätze eines
solchen verschleiernden Gebrauchs nationalistischer Geschichtsmythen –
Beispiele davon sind »Maria, Königin von Polen« oder das »Wunder an der
Weichsel«
–, so zeigt die heutige Situation doch deutlich ein Ende der positiven
Funktion des polnischen Nationalismus. Hier treten Irritationen der
politischen Kultur des Landes zutage, mit denen Volk, Intelligenz und
Herrschaft noch umzugehen lernen müssen. Solange jedoch noch
Unbestimmtheiten sowohl in der Rolle Polens gegenüber der östlichen
Führungsmacht Sowjetunion bestehen als auch das Verhältnis zu Deutschland
durch die widersprüchliche rechtliche Interpretation der völkerrechtlichen
Verhältnisse (Friedensvertragsvorbehalt in Fragen der Grenzziehung,
These vom Fortbestand des Deutschen Reiches) durch die Bundesrepublik
Deutschland nicht von Irritationen frei ist, kann eine unbefangene
Auseinandersetzung über die Überwindung nationalistischer Emotionen nicht
stattfinden; zu sehr bestätigt sich im öffentlichen Bewusstsein die
Deutung der Nationalgeschichte als permanenter Existenzbedrohung auch
heute noch.
Dass Polen im europäischen Bewusstsein als kleine
Nation fungiert, wirft an sich schon ein seltsames Licht auf die
Einordnungsstereotypien, nach denen wir andere Völker in unser Weltbild
einpassen. Dabei ist Polen als eine erstaunlich große territoriale
Formation in die Geschichte eingetreten. Jernsson
zitiert dazu den orientalischen Kaufmann Ibrahim Ibn Jakub, der um
966 den ersten polnischen Staat unter seinem Herrscher Mieszko
als das „ausgedehnteste der Slawenländer“ kennzeichnet, wenn diese
Einschätzung für das etwa 200.000 km² große Polen auch sicherlich nicht
ganz richtig ist. Doch zeigt diese Einschätzung von Bedeutung und Größe
der damaligen Staaten eine andere Perspektive, als sie heute, auch in der
geschichtlichen Retrospektive, üblich ist. Das Piastenreich verharrt mit
einigen Fluktuationen etwa in dieser Größenordnung. Seine recht
beachtliche Größe wird aus heutiger Sicht dadurch oft unterschätzt, dass
man es unzutreffend vergleicht und parallel setzt zu einer übergeordneten
Herrschaftsstruktur wie dem Deutschen Kaiserreich. Noch eine erhebliche
Ausdehnung erfuhr Polen vor allem in Richtung Osten durch die Einbeziehung
Litauens unter den Jagiellonen von der Union von Krzewo 1386 bis hin zum
gemeinsamen Staat der Union von Lublin 1569.
Einschließlich dynastischer Verflechtungen konnte man
Polen durchaus als großen und mächtigen Staat bezeichnen; doch sowohl
durch eine gewisse innere Instabilität, durch unklare
Herrschaftsverhältnisse wie durch die niemals gesicherten Grenzen dieses
Staates gelangte letztlich auch das scheinbar so große und mächtige Polen
immer wieder in existentielle Krisen und damit ins Hintertreffen
gegenüber den politischen Nachbarn, die ihren Einfluss auf Polen
auszudehnen suchten.
Dennoch wurde die Einschätzung Polens und das eigene
Selbstverständnis als kleine Nation ungeachtet der tatsächlichen
territorialen Ausbreitung polnischer Kultur und Sprache erst im Zeitalter
der Nationalstaaten verfestigt, als
-
das Zarenreich im Osten im Zuge seiner
territorialen Erweiterungen im asiatischen Raum und seiner Aktivität in
Südosteuropa an weltpolitischem Gewicht gewann,
-
das Habsburgerreich im Süden den Kampf gegen das
Osmanische Reich siegreich bestand, wenn auch in einer entscheidenden
Phase bei der Belagerung von Wien 1683 nur durch die wirkungsvolle
Unterstützung durch den polnischen König Johann III. Sobieski,
und damit zur Hegemonialmacht im europäischen Südosten aufstieg,
und
-
als schließlich Preußen, seit jeher
im engen Kontakt zu Polen z. B. durch den Staatsanteil Ostpreußen, in
den Auseinandersetzungen zwischen den deutschen Kleinstaaten und
schließlich in den napoleonischen Kriegen zur kleindeutschen
Führungsmacht aufstieg, die sich militärisch auch gegenüber dem
Habsburgerreich behaupten konnte.
Seitdem wurde Polen von drei Seiten unter Druck
gesetzt. Die Entwicklungsdynamik dieser drei Hegemonialmächte
trieb auf einen unmittelbaren Konflikt um die Vorherrschaft in Europa zu,
von dem sich auch Westeuropa, Frankreich und England, betroffen zeigte;
für Polen war dazwischen kein Platz Die Folge waren die polnischen
Teilungen.
Polen ist nicht »von Natur aus« klein; es wurde in
den Hegemonialkonflikten Mitteleuropas klein gemacht. Das unterscheidet
polnische Geschichte von der historischen Erfahrung von Staaten wie der
Schweiz oder den Niederlanden, die ihre staatliche Existenz und
Unabhängigkeit einem Ausgliedern aus vorher bestehenden größeren
Herrschaftszusammenhängen verdanken. Hier geht die Erfahrung der
hegemonialen Bedrohung durch die eigene Kleinheit eine Verbindung ein,
gerade in dieser Form politisch resistent zu sein; ein gewisser
Geschichtsoptimismus verbindet sich mit der Identifikation mit der eigenen
Nation, während Polen vor allem das Bewusstsein der Gefährdung seinem
gesellschaftlichen Selbstverständnis zugrunde legt.
Dennoch können angesichts der bedrohlichen
Perspektiven, die sich heute aus der Entfaltung globaler
Hegemonialkonflikte abzeichnen, gerade die Erfahrungen kleiner Nationen
ein Element des gesunden politischen Realismus, des Interessenausgleichs
und der Entspannung in die weltpolitischen Konfliktlagen einbringen. Auch
in Deutschland könnte das ein Ansatz sein, sich in einer Reihe mit den
»Kleinen« um eine Erneuerung der politischen Kultur in Mitteleuropa zu
bemühen.
Zusammengefasst: Die Beschäftigung mit Polen kann für
Deutsche zu einer Reflexion über notwendige Veränderungen in der
politischen Kultur Mitteleuropas führen. Wurde die Funktion von
»Brückenländern« in einem aktiven Ausgleichen der einwirkenden
Hegemonialansprüche schon angesprochen, so kann jetzt geradezu gesagt
werden, dass die Umsetzung politischer Potentiale der so genannten
»kleinen Nationen« ein Spiegel, ja ein moralischer Prüfstein der
jeweiligen politischen Situation in Europa ist. Aus der europäischen
Perspektive suchen wir die Möglichkeiten zu erkennen, dass sich in Staaten
wie z. B. Polen neue kulturelle Kristallisationspunkte für die erneuerte
politische Kultur finden lassen.
4. Die Einheit des mitteleuropäischen
Wirtschafts- und Siedlungsraumes
Auch die räumliche Lage Polens zeigt die enge
Verflochtenheit dieses Landes mit seinen Nachbarn. Es ist müßig, eine
Wirtschaftsgeographie Polens zu schreiben, ohne den Wirtschafts- und
Siedlungsraum in mitteleuropäische Zusammenhänge zu stellen. Die großen
Züge der Landschaftsgliederung weisen über die Staatsgrenzen hinaus;
Polen hat Anteil an den großen Landschaftstypen zwischen den
Gebirgszügen im Süden und der Meeresküste im Norden. Die nord-südliche
Abfolge der natürlich vorgeprägten Landschaften spiegelt sich in den
typischen Formen der Siedlung und in ihrer wirtschaftlichen Nutzung. In
west-östlicher Richtung fehlt eine solche Vorprägung; wir sprechen hier
von den „offenen Grenzen Polens“; der deutliche West-Ost-Wandel der
Kulturlandschaft spiegelt vor allem die wechselvolle Geschichte dieses
Raumes, mit ihren zwischen Ost und West verlaufenden Eroberungszügen,
Bevölkerungsverschiebungen und ständigen Änderungen der politischen
Grenzen. Feste räumliche Beziehungen sind kaum über die Geschichte hin
festzuhalten; wir haben es mit oszillierenden politisch-ökonomischen
Raumerschließungen zu tun.
Zunächst zu der Süd-Nord-Gliederung des
Landes. Wie im gesamten mitteleuropäischen Raum ist auch die
Nord-Süd-Gliederung Polens naturgeographisch vorgeprägt; Ursache ist
vor allem die in verschiedenen Phasen und Vorstößen erfolgte eiszeitliche
Überformung (vgl. Karte 2 ).
In seinem südlichsten Teil hat Polen Anteil an
dem Gebirgszug, der als nördlicher Ast des alpinen Orogen im
Karpatengebirge die ungarische Tiefebene (Alföld) als intramontane
Scholle einschließt und ein Glied der ganz Europa und Asien
durchquerenden letzten großen Gebirgsbildungsphase ist. Dadurch, dass
sich in Osteuropa die einzelnen Faltungszüge weiter auffächern als in
den Alpen selbst, reduzieren sich die Anteile mit im engeren Sinne
Hochgebirgscharakter. Eine klare Trennung von Mittel- und Hochgebirge
wie in Süddeutschland ist im Bereich der böhmisch-mährischen Gebirge
ebenso wenig durchführbar wie im polnischen Anteil dieses Gebirgszuges.
Um so interessanter für eine touristische Nutzung sind daher die eher
isolierten höheren Gebirgsstöcke, die wie die Hohe Tatra aus ihrer eher
Mittelgebirgscharakter tragenden Umgebung aufragen und durch ihre Höhe
noch vereinzelt Formreste einer eiszeitlichen Vergletscherung tragen.
Dieser Formenschatz – Karmulden, Gletschertäler und
steile Grate – ist ohnehin morphologisch eher als
Hochgebirgscharakteristikum anzusprechen, als der zu Grunde liegende
geologische Faltungstyp, der nur sehr bedingt die äußere Gestalt eines
Gebirgszuges prägt. So konzentriert sich Hochgebirgstourismus und
Wintersport in Polen auf den Bereich der Hohen Tatra bei Zakopane.
Ähnlich wie in den Alpen ergeben sich dabei auch hier alle ökonomischen
und ökologischen Probleme einer einseitigen Überbeanspruchung eines
eigentlich gegenüber menschlichen Eingriffen sensiblen Naturraumes.
Erst in den letzten Jahren wird versucht, durch
Naturschutzgesetze und durch die Dezentralisierung touristischer Angebote
diese Probleme zu lösen, bisher noch mit nur fraglichem Erfolg.
Karte 2: Natürliche
Landschaftszonierung

Nördlich des Gebirges, diesem direkt vorgelagert,
findet man Ansätze einer relativ ebenen Bördenlandschaft. Wie in den
entsprechenden Räumen in Deutschland ist die Grundlage dieser
landwirtschaftlich ertragreichen Landschaftsform der Löß, der weiter nach
Norden aber schon bald in sandigen Lößlehm und verschiedene Formen von
weniger ertragreichen Sandböden der Geest- und Moränenlandschaften
übergeht. Am Ende der letzten Eiszeit, dem Weichselglazial, in
periodischen Rückzugsphasen des Eises wie in der darauf folgenden
trocken-kalten Zeit des Boreal wehte ein starker, kalter und trockener
Nordwind von den skandinavischen Eisresten herunter über das noch
weitgehend vegetationslose Gebiet der norddeutschen und polnischen
Tiefebene.
Aus den von dem Eis zurückgelassenen Ablagerungen,
Hügelzügen der Endmoränen und ebeneren Flächen der Grundmoränen, weht
der Wind kontinuierlich über einige Jahrhunderte das Feinmaterial, Sand
und Staub, heraus. Mit abnehmender Windstärke beim Auftreffen auf die
ersten Hügelzüge und schließlich im Süden auf das Gebirge
sedimentieren sich diese Verwehungen in einer Abfolge nach Süden immer
feiner werdenden Ablagerungen, deren feinste, am Gebirgsfuß
zurückgelassene Form der Löß ist. Die damaligen Sandstürme sind für
uns heute kaum vorstellbar. Da die Transportentfernung dieser
„äolischen Sedimente“ in Polen geringer ist als in Westdeutschland und
zudem das Eis des letzten Glazials näher an die südlichen Gebirgszüge
herangerückt ist, verlieren die eigentlichen Lößgebiete an Größe und
werden schnell ersetzt von den nördlich anschließenden Sandböden. In
Polen werden auch im Süden nicht ganz die Bonitäten der Lößböden
erreicht, wie sie in Norddeutschland z. B. in der Magdeburger oder
Hildesheimer Börde vorliegen. Den Bodenqualitäten folgend findet sich
auch in Polen eine Anbaustruktur mit entsprechendem Ertragsgefälle von
Süd nach Nord. Im Süden finden wir Weizen und Zuckerrüben, denen sich
nach Norden hin zunehmend Roggen, Gerste und Kartoffeln, teilweise auch
Futterpflanzen anschließen. in Pommern wird versucht, durch
Verbesserung der Anbautechnik wie durch den Einsatz verbesserter
Sorten auch im Kartoffelanbau zu lohnenderen Erträgen zu kommen (z. B.
durch die Arbeit des Saatzuchtbetriebes in Biesiekierz bei Kolobrzeg).
Mittelpolen wird landschaftlich gegliedert
durch flache, im Großen und Ganzen west-östlich verlaufende Hügelzüge,
die sich in einzelne Staffeln der Endmoränenzüge und die dazwischen
liegenden leicht welligen Grundmoränenflächen der Eiszeit aufgliedern
lassen. Vor allem das letzte Glazial war hier formbestimmend. Der
südlichste Vorstoß reichte bis fast an die südlichen Randgebirge heran.
Eine Mittelgebirgslandschaft wie sie Mitteldeutschland
charakterisiert, fehlt in Polen weitgehend.
Ebenfalls den Leitlinien eiszeitlicher Urstromtäler
folgend, zerschneiden die großen Stromsysteme von Oder, Warthe und
Weichsel mit ihren Nebenflüssen die Ebene Zentralpolens. Sie wurden zu
Achsen der wirtschaftlich n Erschließung des Landes. Nordpolen –
das heißt vor allem: Pommern, der Danziger Raum und
Masuren – liegt im Formungsbereich der jüngsten Endmoränenzüge, die
damit, vergleichbar mit Schleswig-Holstein ein „jungglaziales Relief“
ergeben. In den Jahrtausenden seit dem Rückzug des Eises gelang es den
Flüssen noch nicht, ein regelmäßiges Entwässerungsnetz durch die Vielzahl
der vom Eis hinterlassenen Moränenzüge und Senken, in denen die einzelnen
„Gletscherzungen“ (Eisloben) fest lagen, hindurch zuziehen. Eine Vielzahl
von Seen und Sümpfen, unregelmäßigen Entwässerungslinien, sandigen
Rücken und Dünen verstärken daher den Eindruck einer kleinräumig
gegliederten Landschaft.
Die Verkehrserschließung und die Anlage
kontinuierlicher Siedlungslinien wird dadurch sehr erschwert; zudem
ist der Wechsel zu trockenen Sandböden mit Sümpfen und durch Staunässe
über Geschiebelehm aus der Eiszeit verdorbenen Böden nicht gerade
günstig für eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung. In einer
späteren Betrachtung des Gefälles der ökonomischen Potentiale in Polen
werden wir auf diesen strukturschwachen Raum zurückkommen.
Auch die Ostseeküste selbst ist für eine
wirtschaftliche Nutzung durch Schifffahrt und Fischfang unbegrenzt
geeignet. Sie ist zu flach und zudem durch lang gestreckte Strandwälle
vom Hinterland abgeschnitten, die sich im Osten (und weiter im
sowjetischen Gebiet des ehemaligen Ostpreußens) durch eine
kontinuierliche Ostdrift im Bereich der flachen Buchten der Küstenlinie
von dieser ablösen und als Nehrungen küstenparallel eine zusätzliche
Barriere vor das Land legen. In Polen ist die Halbinsel Hela vor der
Danziger Bucht zu erwähnen. Dennoch hat sich vielleicht gerade dadurch
die Danziger Bucht vor der Weichselmündung als einziger polnischer
Küstenabschnitt für eine geschützte Hafenlage qualifiziert. So gibt es
heute nur zwei ausbaufähige größere Hafenstandort: Stettin an der
Odermündung, direkt an der Grenze zur DDR und damit in einer nicht sehr
günstigen Randlage für die polnische Wirtschaft, und das genannte Gebiet
der „Dreistadt“ Danzig (Gdansk), Zoppot (Sopot) und Gdingen (Gdynia). Auf
die ökonomische Bedeutung dieser Häfen werden wir später noch
eingehen.
Neben dem Süd-Nord-Wandel der polnischen Landschaften
findet sich aber auch ein deutlicher West-Ost-Wandel in Siedlung,
Infrastruktur und ökonomischer Inwertsetzung,27 für den sich
naturgeographische Leitlinien wohl kaum ausmachen lassen, in dem sich
aber um so deutlicher die Probleme der mitteleuropäischen Geschichte,
der „offenen Grenzen“ Polens ablesen lassen.
Letztlich können auch die Einzugsbereiche der großen
Städte, vor allem Warschau (Warszawa), Krakau (Kraków), Breslau (Wroclaw,)
oder der Agglomerationsraum des Oberschlesischen Industriereviers (GOP
= Górnósląski Okreg Przemysłowy um Kattowitz/Katowice),
als eigene, abgrenzbare Kulturlandschaften verstanden werden. Das
weist wieder darauf hin, dass der Landschaftsbegriff in Mitteleuropa
schwerlich naturgeographisch determiniert aufgefasst werden darf,
sondern dass heutige Landschaftsgrenzen, besser als Raumgrenzen zu
bezeichnen, vor allem den Prozess der wirtschaftlichen Inwertsetzung
widerspiegeln. Nur noch die großlandschaftlichen Leitlinien spiegeln
noch die von der physisch-geographischen Karte her bekannten Gebirgszüge
und Flusssysteme wider.
B) Ressourcen und Standortbedingungen für
Wirtschaft und Besiedlung
Es kann an dieser Stelle weder eine genaue
lagerstättenkundliche Übersicht über Polen vorgelegt, noch die
Diskussion über eine die polnischen Realitäten zutreffend erschließende
Standorttheorie nachgezeichnet werden (vgl. dazu Droldner 1980).
Lijewski (1978)
stellt für die grundsätzlichen
Standortunterschiede in Polen in einer Karte (vgl. Karte 3 )
verschiedene Standorttypen nebeneinander, die zusammen ein recht
plastisches Bild von den ökonomischen Potentialen des Landes ergeben.
Folgen wir in einer knappen Übersicht seinem Ansatz:
a. Mineralische Ressourcen: Das Vorhandensein
von Lagerstätten und Rohstoffen konzentriert sich auf einen Streifen im
Süden des Landes von der Region im äußersten Südwesten bei Breslau über
das Oberschlesische Industrierevier (GOP) bis hin zum Lubliner Becken im
Osten; ein Seitenarm erstreckt sich noch nach Zentralpolen hinein vor
allem in den Raum Łódź und Konin.
Karte 3: Standortregionen und
mineralische Ressourcen

Produktionszahlen
|
Produkt |
|
Menge |
Entwicklung |
Fund-
stellen u. a |
|
Steinkohle |
1983 |
191,9 Mio. t |
1980207,5 Mio. t*
seit 1981 wieder
zunehmend, ‚
82 auf ‚83 um
ca. 13 % |
GOP, Waldenburg,
Lublin, Westpolen, Konin – |
|
Braunkohle |
1983 |
42,5 Mio. t |
|
Erdgas |
1983 |
5474,0 Mrd.m³ |
stagnierend |
Tarnów, Südostpolen |
|
Zink |
1983 |
170,3 Tsd. t |
|
Beuthen (Bytom),
Sandomierz, Lubliner
Becken |
|
techn. Schwefel |
1983 |
4960,0 Tsd. t |
|
Kupfererz |
1960 |
1,9 Mio. t |
|
**Lubin (Lüben)/
Glogów |
|
1975 |
17,0 Mio. t |
|
1980 |
>30,0 Mio. t |
(Plan!) |
|
|
Elektrolyse |
1960 |
22,0 Tsd. t |
|
|
Kupferschmelze
(99,99 % Cu) |
1975
1980
1983 |
249,0 Tsd. t
>430,0 Tsd. t
360,1 Tsd. t |
davon 90 Tsd. t Export, (Plan!)
(Produktion) |
-
Die Steinkohleförderung hat ihren Tiefpunkt
durchschritten und erhöhte sich seit 1982 wieder leicht; 35 Mio. t (+ 21,2
% mehr als im Vorjahr) gingen in den Export, wodurch dem Inland ca. 3 Mio.
t weniger verblieben (Gabrisch 1984).
-
Die Kupfererzförderung, die zunehmende
wirtschaftliche Bedeutung erhält, hat ihre Grundlage in den 1957
entdeckten Kupfererzlagerstätten des Lübener Raumes in WestpoIen
Quellen: Rocznik Statystyczny 1982, Interpress 1976,
Gabrisch 1984
Durch die ungleichmäßige Verteilung mineralischer
Ressourcen ist der Süden Polens und darin wieder der Südwesten in
seiner wirtschaftlichen Entwicklung bevorzugt. Vor allem das
Altindustriegebiet von Oberschlesien und Krakau hat in jeder Hinsicht
einen Strukturvorsprung gegenüber den übrigen Teilen des Landes.
Die Industrialisierungsbemühungen der polnischen
Wirtschaftsplanung, soweit sie auf Erschließung und Nutzung von
Rohstoffquellen basiert, verlagern sich dabei immer weiter in den Osten
des Landes, wo vor allem im Lubliner Becken ertragreiche Steinkohle- und
Schwefelvorkommen erschlossen wurden. Demgegenüber ist das alte
Steinkohlenrevier von Waldenburg heute erschöpft und wird aufgegeben.
In Zentralpolen wird vor allem die Region Konin gefördert, wo eine
moderne Aluminiumproduktion angelaufen ist (mit 44,4 Tsd. t Produktion
1983). Die Erschließung der Kupfervorkommen in Westpolen wurde schon in
der Produktionstabelle angesprochen. Doch auch diese neuen
Investitionsschwerpunkte der Grundstoffindustrie liegen im Südteil des
Landes, so dass das Süd-Nord-Gefälle nicht aufgehoben wird, sondern
jetzt über die gesamte Ost-West-Erstreckung des Landes deutlich
festzustellen ist (vgl. Karte 8).
Gerade wegen der ökonomischen Bedeutung der
Ressourcen für die Entwicklung regionaler Disparitäten in einem
Wirtschaftsraum muss doch noch einmal grundsätzlich daran erinnert
werden, dass für die Volkswirtschaft insgesamt das Verfügen über
Rohstoffe nur ein untergeordneter Faktor in der Entwicklung der
ökonomischen Potentiale ist. Wirtschaftsgeographisch sind Ressourcen
wichtiger als in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, obwohl die
(in der Theoriegeschichte auf die Physiokraten zurückgehende)
Auffassung vom Reichtum der Rohstoffländer in der öffentlichen Meinung
immer noch eine allzu große Rolle spielt. Viel wichtiger für die
Bewertung einer Volkswirtschaft und für die Erschließung dynamischer
Entwicklungspotentiale sind neben den weltwirtschaftlichen
Rahmenbedingungen (z.B. terms of trade und die Zugehörigkeit zu
Wirtschaftsblöcken, RGW / EG / OECD etc.) vor allem komplexe
Binnenfaktoren wie Binnenmarktdichte, technologischer Standard der
Produktion, Infrastruktur und Distributionswege des Binnenmarktes,
Qualifikationsstruktur der Bevölkerung, Binnenkaufkraft etc. Wir werden
sehen, dass im Bereich dieser, nur sehr exkursorisch angesprochenen
Faktoren in Polen einige Defizite und Strukturdisparitäten herrschen,
die die Wirtschaftsentwicklung stärker beeinträchtigen, als die
positiven Potentiale der Rohstofferschließung es vermuten lassen.
Dennoch kann eine kompetente Wirtschaftspolitik Rohstofferträge gezielt
zur Überwindung ökonomischer Strukturdeformationen einsetzen.
b. Land- und forstwirtschaftliche
Standortvoraussetzungen: Der größte Teil Polens wird noch heute,
trotz abnehmender volkswirtschaftlicher Bedeutung, von
landwirtschaftlichen Strukturen beherrscht. Dennoch zeigen sich kaum
Ansätze, dieses Potential zu entwickeln. Für die
Wirtschaftsentwicklung sind die Räume vorherrschender Primärproduktion
vor allem Passivräume, von denen kaum Impulse ausgehen und deren
immanente Strukturschwäche eher zu einer Belastung der Gesamtentwicklung
geworden ist.
Landwirtschaftliche Kenndaten
|
Produktion von
(in Mio. t) |
Jahresdurchschnitt |
|
Ertrag q/ha
im Schnitt |
|
|
|
1966/70 |
1971/75 |
1983 |
1971/75 |
|
|
Getreide |
16,3 |
19,6 |
22,1 |
25,5 |
|
|
Kartoffeln |
47,9 |
47,1 |
34,5 |
177 |
|
|
Zuckerrüben |
13,6 |
13,8 |
16,4 |
309 |
|
|
- davon in Privatbetrieben: |
|
|
|
|
- Getreide |
14,0 |
16,5 |
|
25,0 |
|
|
- Kartoffeln |
44,1 |
43,1 |
|
178 |
|
|
- Zuckerrüben |
13,6 |
11,6 |
|
318 |
|
|
Fleisch (Mio. t) |
|
|
2,3 |
(Schlachtgew.) |
|
Milch (Mrd. l) |
|
|
16,0 |
|
|
|
Eier (Mrd. Stück) |
|
|
7,6 |
|
|
|
|
Import |
Export |
|
|
1970 |
1979 |
1982* |
1970 |
1979 |
1982* |
|
Lebensmittel
in % des Gesamt-außenhandels (Ex./Im.) |
5,5 |
5,6 |
8,5 |
9,8 |
6,1 |
5,1 |
|
Landwirtschaft
in % des Gesamt-außenhandels (Ex./Im.) |
7,0 |
7,7 |
8,1 |
4,7 |
2,6 |
2,0 |
(* Berechnungsumstellung, nur bedingt
vergleichbar!)
|
Landwirtschaftlich genutzte Flächen in Polen: |
|
in Tsd. ha |
1960 |
1970 |
1975 |
|
LNF insgesamt |
20.403 |
19.543 |
19.209 |
|
- davon privat: |
17.727 |
16.304 |
15.179 |
|
Ackerfläche |
15.961 |
15.088 |
14.781 |
|
- davon privat: |
13. 846 |
12.637 |
11.838 |
|
Wiesen |
2.390 |
2.523 |
2.545 |
|
- davon privat: |
2.117 |
2.102 |
1.966 |
|
Weiden |
1.790 |
1.694 |
1.580 |
|
- davon privat: |
1.523 |
1.351 |
1.104 |
Quellen: Polen, Statistische Daten 1976; Gabrisch
1984
Die Krise der polnischen Landwirtschaft wird durch
die Landflucht ebenso deutlich wie durch die Daten der im internationalen
Vergleich recht geringen Produktivität und der nicht immer ausreichenden
Ertragslage.
Die Landflucht schlägt sich in folgenden Daten
nieder:
|
|
|
1946 |
1982 |
|
Anteil der Bevölkerung in Städten über 10000 Einwohner |
in % |
33,9 |
59,6 |
|
Anteil der ländlichen Bevölkerung |
in % |
66,1 |
40,4 |
|
Gesamtbevölkerung Polens |
in Mio. |
23,6 |
36,4 |
|
Steigerung der städt. Bevölkerung |
in % |
271 |
|
|
|
|
|
c. Arbeitskräftereserve: Dieser
„Standortfaktor“ spiegelt eigentlich nur die Unterbeschäftigung der
vornehmlich landwirtschaftlich dominierten Gebiete Ostpolens; indem
dieser Faktor einzeln ausgewiesen ist, wird die grundsätzliche Frage
gestellt, ob in der Wirtschaftspolitik die Arbeitsplätze dem
Arbeitskraftangebot oder die Arbeitskräfte dem Arbeitsplatzangebot
folgen sollen. Das erste Modell, und nur dabei kann man von einem
„Standortfaktor“ Arbeitskräftereserve sprechen, bedeutet, das
Wirtschaftswachstum so weit es nicht von anderen gebundenen
Standortfaktoren abhängig ist, zu entagglomerieren und zu
dezentralisieren, der zweite Ansatz beschreibt die Landflucht, die in
Polen ja in hohem Maße für die Bevölkerungsentwicklung kennzeichnend
geworden ist.
Der Standortfaktor „Arbeitskräftereserve“ würde auch
dann an regionaler Bedeutung verlieren, wenn sich die Situation in der
Landwirtschaft wesentlich verbessern würde. Dieser Standortfaktor ist
also auch wieder ein Indikator für strukturschwache Räume. Da wir ihn im
Gebiet Ost- bzw. Südostpolens vorherrschen sehen, den Faktor
Landwirtschaftsdominanz überlagernd, zeichnet er ein Element des
ökonomischen West-Ost-Gefälles nach.
Wichtig ist es, sich deutlich zu machen, dass auf der Ebene der
Verteilung der Standortfaktoren die Situation der Landwirtschaft
weitgehend unabhängig von den naturgeographischen Voraussetzungen
auftritt; die „natürliche“ Landschaftsgliederung schlägt hier nicht mehr
als Raumstruktur durch. Die Krise der polnischen Landwirtschaft schlägt
sich jedoch nieder in den aktuellen Versorgungsproblemen, die es
erschweren, in einer konstruktiven Wirtschaftspolitik die Gesamtstruktur
der polnischen Volkswirtschaft zu verbessern. Das vermindert die
Erschließung vorhandener ökonomischer Potentiale.
d. Meeresküste: Die Probleme der Nutzung der
zudem auch noch recht kurzen polnischen Ostseeküste wurden schon
angesprochen. Ein wesentlicher wirtschaftlicher Impuls ist von dieser
Region kaum zu erwarten. Im Gegenteil: Im Bereich der „Zwischenküste“
bei Köslin (Koszalin) und Kolberg (Kolobrzeg) sollen umfangreiche
regionale Förderungsprogramme zumindest einen gewissen Ausgleich
vorhandener Strukturschwächen bewirken. Küstentypische Einschränkungen
der wirtschaftlichen Entwicklung sind zu berücksichtigen, so die
typische Grenzlage, die Verkehrsprobleme und landwirtschaftliche
Einschränkungen. Das Meer bietet demgegenüber gewisse Chancen, die in den
größeren Häfen genutzt werden: Welthandelsorientierung, Verbesserung
der Umschlagtechnologien Schiffbau und Fischfang; in jedem dieser
Bereiche begibt sich jedoch ein Land in die Abhängigkeit von
Entwicklungen die es selbst nicht ohne weiteres steuern kann, wie es die
auch Polen stark betreffende Weltschiffbaukrise zeigt. Eine weitere
Möglichkeit der Inwertsetzung des Standortfaktors Küste liegt naturgemäß
auch im Tourismus. Hier ist aber zu prüfen, ob ein Angebot im
internationalen Vergleich konkurrenzfähig ist. Für die polnische
Ostseeküste trifft das bislang nur in begrenztem Maße zu, da das Angebot
an Urlaubsküsten in Europa überreich ist. Für die Entwicklung des
Binnentourismus ist aber eine positive Einkommensentwicklung die
Voraussetzung. Die vier bisher genannten Standortfaktoren bewirken sich
überlagernd ein Süd-Nord-Gefälle und ein West-Ost-Gefälle, was im
weiteren Verlauf der Untersuchung noch exakter dargestellt werden soll
(vgl. Kapitel XI/6 mit Karten 7 und 8). Ohne Bezug zu dieser Grundstruktur
der Standortverteilung legt sich darüber das große Netz des Flusssystems:
Oder, Warthe und Weichsel.
e. Flussläufe: Wie überall in Europa haben die
großen Flüsse seit dem Mittelalter eine ausschlaggebende Bedeutung für
die Standortentwicklung von Handel, Gewerbe und Siedlungsgeschichte
übernommen, sei es durch ihre Funktion als Schifffahrtsstraßen, sei es an
den Stellen, wo sie von Handelswegen überquert wurden, als ökonomische
Knotenpunkte, die zur Stadtentwicklung führten. Gerade solche
Handelspunkte sind ja von vornherein durch die Überlagerung
verschiedener Standortfaktoren bedingt: Kreuzung und Bündelung von
Wegen, Abhängigkeit von Wasserstand und Wetter, Möglichkeiten für
Stapelplätze und Schutz des Lagers, Möglichkeit auch des administrativen
Zugriffs auf Handelsströme, die sich andernorts durch weite Fächerung
diesem Zugriff entziehen konnten: Zollerhebung, Marktrechte und
Kontrollen waren die Folge.
Abweichend vom generalisierenden Kartenbild von
Lijewski liegen auch andere polnische Städte an solchen
Knotenpunkten an alten Flussüberquerungen, wie z. B. Poznań und
Łódź.
Das Interesse an diesen Flusslagen führte dann oft auch zu unmittelbaren
Gründungsakten durch die Landesherren; dies kann dann nicht mehr als
eine autonome Standortwahl bezeichnet werden, sondern muss unserer
Standortkategorie subsumiert werden. Im Laufe der Geschichte
konzentrieren sich Handelsfunktion und Siedlungsverdichtung um diese
frühen Stadtgründungen; daraus entwickelt sich konsequent der letzte in
der Karte aufgeführte Standortfaktor:
f. Agglomerierte Standortfaktoren: Erreichen
Siedlungsräume eine bestimmte Größe und Verdichtung, tritt oft der
ursprüngliche Standortfaktor, der die Gründung des Ortes bedingt hat,
zurück gegenüber einem Komplex von Gunstfaktoren, die wir als
Agglomerationsvorteile bezeichnen: Verdichtung der Infrastruktur, kurze
Wege bei allen wirtschaftlichen Beziehungen, Entwicklung eines aktiven
Binnenmarktes, günstige Versorgungsmöglichkeiten, differenzierter
Arbeitsmarkt, Konzentration administrativer und kultureller Funktionen,
also alles das, was einen zentralen Ort, der die Potentiale eines größeren
Ergänzungs- und Versorgungsraumes zusammenfasst, ausmacht. Es entwickelt
sich eine Wachstumsdynamik, die nicht mehr von vorgegebener
Standortgunst abhängig ist. Dennoch wird die Dichte und Anfangsdynamik
dieses Netzes zentraler Orte sehr stark beeinflusst durch die Anzahl der
sich zunächst am Ort überlagernden Standortfaktoren. So finden wir in den
Bereichen der mineralischen Ressourcen im Süden des Landes auch einen
Vorsprung in der Entwicklung der Agglomerationszentren, die sich im GOP
heute zu einem großen multizentralen Agglomerationsraum
zusammengeschlossen haben. Dass damit besondere ökonomische und
ökologische Probleme verbunden sind, wird am Beispiel Krakaus im Kapitel
XI/5 ausgeführt.
Die bisher erläuterten Standortfaktoren, geben
zunächst noch ein grobes Raster für die unterschiedlichen
Entwicklungsvoraussetzungen des polnischen Raumes. Bis hierhin können
wir drei Ebenen des Inwertsetzungsprozesses unterscheiden:
1. Die natürliche Landschaftsgliederung, die durch
Ressourcen auf Industriestandorte Einfluss nimmt, durch differenzierte
landschaftliche Potentiale Versorgungslage und Siedlungsgeschichte
beeinflusst und durch die morphologische Großgliederung bzw. auch durch
die Flussverläufe bestimmte Richtungen der Verkehrserschließung und
Infrastrukturentwicklung begünstigt oder behindert.
In Polen ist auf dieser Ebene die Nord-Süd-Zonierung
mit den einzigen natürlichen Grenzen im Norden (Ostseeküste) und Süden
(Hohe Tatra) ebenso festzuhalten wie die Ressourcengebundenheit des
südlichen Agglomerationsraumes (GOP und Krakau) und die
kulturlandschaftliche Entwicklung entlang der Flüsse Oder (Breslau bis
Stettin) und Weichsel (Warschau).
2. Die Standortanalyse legt nun unter Einbeziehung
des Ergebnisses des historischen Inwertsetzungsprozesses einen
ökonomischen Bewertungsmaßstab an die gegenwärtige örtliche Situation
an. Dadurch erhält man ein differenziertes Raummuster von ökonomischen
Gunst- und Ungunstgebieten und kann zudem die Gunst und Ungunst
qualitativ klassifizieren.
Die Karte „Standortregionen und mineralische
Ressourcen“ (Karte 3) erschließt dieses Raummuster und zeigt die
hauptsächliche räumliche Wirksamkeit der Standortfaktoren:
-
Ressourcen und Rohstoffe, vor allem
mineralische Rohstoffe (z. B. Südpolen),
-
landwirtschaftliche Passivräume
(landesweit zwischen den Agglomerationen),
-
Arbeitskräftepotentiale, latente
Unterbeschäftigung im ländlichen Bereich (vor allem im kleinbäuerlichen,
wenig produktiven Osten bzw. Südosten),
-
Küstenstandorte (Hafenfunktionen
und Fischerei, in Polen eine Problemzone) – Flusssysteme (vor allem Oder
und Weichsel, siehe auch Punkt 1.),
-
agglomerierte Standorte, in denen
mehrere Standortfaktoren akkumuliert sind und die gewerbliche und siedlungsgeographische Ballung selbst zu einem wirkungsvollen
sekundären Standortfaktor werden. Hier liegen die eigentlichen
wirtschaftlichen Aktivräume mit einer erheblichen Sogwirkung in bezog
auf die Wanderungsbewegungen der Bevölkerung (Landflucht; vgl. Kapitel
XI) und die Zusammenfassung neuer Gewerbestandorte.
3. Dieses noch relativ starre Raummuster gilt es zu
dynamisieren, indem nach Prozessen und Entwicklungsrichtungen gefragt
wird. Zu unterscheiden sind hier ökonomische Trends, die sich aus der
Eigendynamik der jeweiligen Standortsituation herleiten lassen,
Entwicklungslinien, die von den ökonomischen und politischen
Randbedingungen her zu erklären sind (so z. B. Änderungen, die sich aus
Konjunkturschwankungen der internationalen wirtschaftlichen
Einbindung oder durch soziale Krisenerscheinungen erklären lassen) und
politisch induzierte Entwicklungen im Rahmen von Wirtschaftsplanung und
Regionalentwicklungsplänen. Dieser letzte Aspekt wird im Kapitel XI
ausführlicher zu untersuchen sein. Hier gilt es zunächst einmal, die
Eigendynamik der Wirtschaft zu erörtern und in einem weiteren Abschnitt
auf das Verhältnis zum Weltmarkt zu verweisen.
Da sich aus den verfügbaren Angaben für die innere
Entwicklung der polnischen Wirtschaft, abgesehen von den
Planungstendenzen, kein klares und eindeutiges Bild ergibt, soll hier ein
Exkurs mit eher methodischem Schwerpunkt eingeschoben werden, der
Hinweise auf die wirtschaftsimmanenten Trends vermitteln kann.
Regionale Klassifikationen –
Indikatoren für die wirtschaftliche Eigendynamik
Die folgenden Ausführungen stützen sich vor allem auf
Untersuchungen von Droldner
(1980), der auf die Notwendigkeit verweist, von einer traditionellen,
rein beschreibenden territorialen Gliederung zu einer quantifizierbaren
regionalen Klassifikation zu gelangen. Die Grundlage ist dabei die
Analyse ökonomischer Variabler auf der Basis funktionaler
Modellvorstellungen. Droldner
folgend liegen derzeit moderne geographische Arbeiten, die den
quantifizierenden Methoden von Faktorenanalyse, Imageprofilen und der
klassifizierenden „Clusteranalysis“ folgen, für Polen noch nicht vor. Bis
1980 haben sich die wirtschaftsgeographischen Arbeiten der
traditionellen qualitativen Untersuchungsmethoden bedient, bei der
Faktorengruppierungen nach dem geographischen „Augenschein“ vorweg
vorgenommen worden sind. Der statistische Wert dieser Untersuchungen ist
nur begrenzt, da schon in den Ansatz Wertungen und qualitative
Gruppierungsmerkmale eingegangen sind. (So z.B. Annahmen über den
funktionalen Zusammenhang zwischen „Arbeitsproduktivität“ und
„industriellem Wachstum“, zwischen „Siedlungsverdichtung“ und
„Agglomerationsproblemen“ oder zwischen „Versorgungslage“ und
„infrastrukturellen Standards“, ohne dass diese Zusammenhänge vorab
quantitativ-funktional überprüfbar wären.) Die Ergebnisse dieser
Untersuchungen sind daher sicher in Kürze durch moderne statistische
Mittel zu korrigieren. (Ansätze dazu finden sich schon bei
Regionalanalysen aus dem Danziger Raum bei Dutkowski |