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Aus: Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt

Werner Fink, Ursula Ruehr

Gedanken zu einem Arbeitsbesuch mit Schü­lern im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof

Eine ehemalige Schülerin vier Jahre nach dem Besuch in Stutthof in klei­ner Runde auf einem Klassentreffen: „Die Polen haben Kinder­gar­tenkinder durch das ehemalige KZ geführt, das finde ich ungeheu­er­lich!“ Keine Entgegnungen oder Weiterführung des Themas durch an­dere Teilnehmer der damali­gen Polenfahrt, eher Zustimmung. Der Leh­rer zuckt zusammen, repräsentiert dieser Ausspruch das „Er­geb­nis“; sind Fahrten in dieser Form damit ad absurdum geführt?

Als ich beginnen will, den Artikel „Die Arbeit von Schülergruppen in ei­nem ehema­ligen Konzentrationslager“ zu schrei­ben, fällt mir die kurz skizzierte Situation ein, und meine Gedanken ge­hen 20 Jahre zu­­rück: Ich habe als Student im ehemaligen Stutthof erst­mals eine Wo­che „gearbeitet“, das Grauen der Vernichtung erst­mals ge­spürt. Es war eine Woche, die unter die Haut ging, die kaum zu ertragen war. Vie­le Filme waren in der Vorbereitungsphase an­ge­se­hen, Bergen-Bel­sen besucht worden. Auch ein Gespräch mit einem ehe­maligen Häft­ling war geführt worden. Wir wußten doch, was auf uns zu­kam.

Aber sechs Tage in einem ehemaligen KZ zu arbeiten - damals be­deu­­tete dies harte Aufräumarbeit und die Einrichtung eines Archivs - führ­te psychisch bis an die Grenze des Erträglichen. Die gnadenlose Kon­­frontation, nicht nur dadurch bedingt, daß wir uns tagelang auf dem ehemaligen KZ-Gelände aufhielten, sondern besonders durch das Berühren von Schuhen, Brillen und Kleidung ehemaliger Häft­lin­ge und das Indenhändenhalten von Originaldokumenten, wie z.B. von Todesurkunden und Verurtei­lungen, machte Verdrängung un­mög­lich. Ich erinnere mich an eigene Handlungen und Handlungen an­­derer, die die Polen erschüt­tern mußten, z.B. plötzlich lautes Ge­grö­le während der Arbeit, obgleich eine Besuchergruppe in der Nähe vor­beigeführt wurde. Drastischere Beispiele ließen sich anführen, sind wohl nur als offenbar psy­chisch unabdingbare Ent­las­tungs­hand-

lun­gen zu begreifen, wenngleich als völlig unan­gemessenes Verhal­ten zu beurteilen.

Nach einer Woche stellten sich allen Teil­nehmern die Fragen: Was machen wir mit un­seren Erfahrungen, wenn wir zurück sein wer­den, was wird vermittelbar sein, was können wir bewirken, wer wird uns zuhören? Wir ahnten, daß unsere Erfahrungen kaum wei­ter­ge­geben werden konnten, daß die Be­reitschaft, überhaupt zuzuhö­ren, ge­ring sein würde. Das war uns zu wenig und machte uns betrof­fen, ja schien den Sinn des Aufenthalts in Stutthof sogar zu entwer­ten.

Ich habe damals nicht begreifen können, daß MICH der Aufent­halt in Stutthof verän­dert hatte. Eine Woche der intensiven Kon­frontation hatte Spuren hinterlassen, Spu­ren, die nicht gradlinig zu formulieren sind, Spuren, die sich im Inneren festset­zen und viel­leicht mein Han­deln, ohne daß ich mir dessen immer bewußt bin, bis heute be­einflussen. Werden sich diese Spuren auch in heutigen Schülerinnen und Schü­lern festsetzen?

Heute, 1990, werden, wenn auch in anderer Form, ähnliche Ange­bote, wie ich sie 1970 wahrgenommen habe, z.B. von der Aktion Sühnezeichen ermöglicht. Eine Rundreise durch Polen wird gekop­pelt mit Restaurati­onsarbeiten und Einsichtsmöglichkeiten in die Ar­chive ehemaliger Konzentrationsla­ger. Die eingangs erwähnte Schü­leräußerung zeigt aber, daß Sensibilisierungen (von Politisierung wage ich nicht zu sprechen!) nicht zwangsläufig zu erwarten sind. Mit Abwehrmechanismen und natürlich auch Über­sprungs­hand­lungen ist zu rechnen, wenn eine solche Studienfahrt an­geboten wird, zumal der symbolische Wert von „Arbeit“ Schülerin­nen und Schülern nur schwer zu vermitteln ist. Bedingt durch meine ange­deuteten Er­fahrungen müßte klar sein, daß auch bei gutem Wil­len und starker Betrof­fenheit Peinlichkeiten und Konflikte nicht aus­bleiben werden. Vielleicht aber führt gerade Letzteres zu einer inten­siven Aus­einandersetzung, vielleicht bleiben doch Spuren, auch wenn sie sich erst im nach­hinein zeigen.

ANHANG (Stand 1988)

Kurzinformationen zur Organisation am Bei­spiel einer Fahrt im Juni 1988

Organisation: Die Reiseroute und die Planung der Pro­gramm­punkte wurden im Zusam­menhang ei­nes Wo­chenendseminars sowohl mit Ver­tre­tern der Ak­tion Sühnezei­chen/ Friedens­diens­te als auch mit der pol­nischen Part­ner­or­gani­sation ab­gesprochen

Termin: 08.06. - 22.06.1988

Teilnehmerzahl: 22 (11. bis 13. Jahr­gang)

Beförderungsmittel: Bus

Verpflegung: Vollpension

Kosten: DM 640,-/Teilnehmer nach Abzug der Zu­schüsse (Reisekostenzuschuß 50% aus Bun­des­jugendplan­mitteln; DM 100,-/Teilnehmer von Nds. Landeszentrale für po­litische Bil­dung)

Planung:

08.06. Seelze - Koszalin

09.06. Koszalin - Gdansk

10.06. Gdansk: Stadtführung mit Zeit­zeuge Leon Lendzion

11.06. Besichtigung der Leninwerft

12.06. Gdansk: Stegna: Führung durch das ehemalige KZ-Lager Stutthof

13.06. - 17.06. Stegna: verschiedene Arbeitsgruppen in der Gedenk­stätte (Arbeit im Archiv, gärtnerische und pflegeri­sche Arbeiten zur Erhaltung der Gedenkstätte; Besuch der Ausstellung mit Werken ehemaliger KZ-Häftlinge, Einblick in Filmmaterial)

18.06. Stegna - Warszawa (unterwegs Besichtigung der Mal­bork)

19.06. Warszawa: Film über die Zerstörung Warszawas; Stadtfüh­rung; abends Besuch einer Oper „Boris Go­dunow“;

20.06. Warszawa: Gespräch mit Herrn Twardecki (Journalist) über Polen gestern und heute

21.06. Warszawa - Poznan: Stadtbummel in der Partner­stadt Hanno­vers

22.06. Poznan - Seelze

Inhaltsverzeichnis

Herbert Schmalstieg: Vorwort

Zeitgeschichtliche Notiz 1990

Lothar Nettelmann: Einleitung: Schüleraustausch - warum mit Polen?1

Zur Konzeption

Lothar Nettelmann: Einleitung 1993. Zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutsch-polnischer Jugendarbeit als Folge des politischen Paradigmenwechsels in Polen und ihrer Bedeutung für die Träger politischer Bildung in Deutschland

Lothar Nettelmann: Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 - die Mahnung des 1. September 19392

Ulrich Bauermeister: Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen und Polen als Auftrag der UNESCO (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen der Bismarckschule Hannover - Modellbeispiele und Alternativen (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen in Zeiten der gesellschaftlichen Krise [Didaktische Konzeption, Reiseroute, Reiseziele] (1993)

Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr.Wolfgang Scholz: Der Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover3

Wolfgang Jordan, Lothar Kutsch: Ein Schulchor, eine Theatergruppe und ein Leistungskurs fahren... (1989)

Siegfried Riedel: Schüleraustausch im Geist der Ökumene (1989/1993)

Michael Droldner, Matthias Bömeke: Ein Schüleraustausch zwischen katholischer Schule und Pfarrgemeinde (1989)

Werner Fink, Ursula Ruehr: Gedanken zu einem Arbeitsbesuch mit Schülern im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof (1989)

Dr. Olgierd Lissowski, Poznań: Jugendaustausch und Politik (1989)

Piotr Korek, Poznań: Ein Schüler- oder Schulenaustausch? (1989)

Joachim Dallwig: Polenkontakte heute (1989)

Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991)

Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992)

Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993)

Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991)

Elisabeth Goldmann: Bericht über den ersten Besuch einer Gruppe von 20 Schülern der Realschule I, Burgdorf (1993)

Lothar Nettelmann: Thesen zu den veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Polen und ihre Bedeutung für die deutsch-polnische Jugendarbeit (1993)

Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990

Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924

Anhang: Autorenverzeichnis

Impressum für diese Publikation

Herausgeber: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt

Redaktion Gerda Heinemann Lothar Nettelmann Gerhard Voigt Armin Walthemate

Herausgegeben für die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Hannover e.V. und den UNESCO-Club der Bismarckschule Hannover e.V.

Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienrei­sen. Hrsgg. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt - Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. (An der Bis­marckschule 5, Hannover) und Deutsch-Pol­nische Gesellschaft Hannover e.V., 1990.

Satz und Layout: Ritterdesign, Laatzen

Printed in Germany

(Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Masch­see, Bis­marckschule Hannover, e.V.) 1. Auflage 300

Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis.

Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009

Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de

http://www.unesco-club-hannover.de

Vgl. dazu Impressum

Überarbeitet August 2009

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

   
   

 

     
   

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