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Aus: Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt

Piotr Korek, Poznań

Ein Schüler- oder Schulenaustausch?

Polen gehört mittlerweile zu den Ländern, in denen relativ früh von jun­gen und sehr jungen Leuten manche stichwortartige Deutsch­kennt­nisse erworben werden. Die 1960er und 70er Jahrgänge wur­den schon in ihren frühesten Lebensjahren von im Fernsehen fast re­gel­mäßig ausgestrahlten polnischen und sowjetischen Kriegsfilmen „be­glückt“, die die Zeit des 2. Weltkrieges auf verschiedene Art und Wei­se behandelten. Sei es ein spannender Aktionsfilm, eine rührende Kriegs­story, sei es aber auch eine Komödie, überall sprechen kerns­lawi­sche Schauspieler ein seltsames, beinahe unverständliches Deutsch, mit den folgenden Wendungen in der Hauptrolle: Hände hoch, raus, los, schießen, nicht schießen, Hitler kaputt!

Un­sere Rolle beruht aber nicht darauf, die Filmproduktion über die Zeit 1939-1945 einer analytischen Kritik zu unterziehen, obwohl sich zu diesem Thema viel sagen ließe, daß z.B. die als Mahnung an die heutige Generation konzipierten Filme durch die Überfrequenz auf dem TV-Schirm und die ideologische Eindringlichkeit ihren nicht sel­ten tieferen didaktischen und moralisierenden Sinn zugunsten eines primitiv generalisierenden Deutschlandbildes verloren haben. Sol­che Filme waren seinerzeit für die meisten polnischen Jugendli­chen die erste Begegnung mit Deutschland und Deutschen, für viele aber waren sie zugleich die letzte Begegnung. Man ist hier nicht da­rum bemüht, die Schuld an leicht gefällten Urteilen über Deutsch­land den Kriegsfilmen in die Schuhe zu schieben, aber an diesem Beispiel konn­te man deutlich machen, daß ein solch klischeeartiger Blick auf Deutsch­land in Polen noch heute keine Seltenheit ist.

Para­doxerweise konnte erst die tiefe wirtschaftliche Krise in Polen eine andere Deutschland- und genauer gesagt BRD-Perspektive schaf­fen. Die BRD erscheint vielen polnischen Touristen als das Gelob­te Land, in dem man relativ schnell ans Geld kommt. Wie es oft in solchen Fällen geschieht, ein Extrem schlägt in das andere um - von der filmischen Schwarzweißmalerei, wo der Pole letzten Endes dem Nazideutschen immer überlegen war, bis zum Bilde, in dem die devi­senhungrigen Polen nach dem Job in Westdeutschland suchen oder gar ihre in Polen gekauften Waren auf den Berliner Straßen feil-

bie­ten. Der hochgekurbelte Kurs der harten Devisen in Polen macht es möglich, daß auch der kleinste Gewinn eine große Verführung be­deu­tet.

Sollten wir also 1990 deutsche bzw. deutschstämmige Wörter zu­sam­­menstellen, die im polnischen Sprachgebrauch durchaus ver­ständ­lich sind, so hört man Begriffe wie Schwarzarbeit, Duldung, Tau­­schen, DM, ALDI. Und so entsteht die Gefahr, daß das neue ge­nau­­so wenig objektiv, wie das dem Kriege abgewonnene Deutsch­land­bild zur Einseitigkeit, Monothematisierung und oder auch Ver­zer­­rung jenes Bildes führt, um so mehr, als es im heute wirtschaftlich schwachen Polen den entsprechenden Nährboden für solche über­tünch­ten Feststellungen gibt.

Dafür wird weder von Ost noch von West plädiert. Solche Bilder be­wir­­ken aber zahlreiche Reaktionen in Ost und West.

Einerseits rufen die Wiedervereinigungs­prozesse Deutschlands pa­nik­­artige Angstreaktionen hervor, wo in Polen die sog. Nationalpar­tei­en zum Mißtrauen den Deutschen gegenüber aufrufen und vor der deut­schen „Gefahr“ warnen, andererseits die Pseudotouristen, die mas­­senweise Berlin überfluten, mit ihren nicht selten asiatischen Um­­gangsformen. Eine Pattsituation?

Glücklicherweise gibt es noch andere Wege, die BRD kennenzuler­nen. Einen der neuen Wege hat man vor relativ kurzer Zeit einge­schla­gen. Die im Westen bereits altbewährte Form des Schü­leraus­tau­sches scheint auch in Polen viele Befürworter gefunden zu haben. Die gegenseitigen Besuche könnten einen höchst positiven Ein­fluß auf die Annäherung der Deutschen in Polen haben. Das Ziel des Ju­gend­austausches sollte doch sein, Feindbilder und Vorurteile zum Po­­sitiven hin zu korrigieren, statt sie zu verfestigen. Aber genau in dem Punkt, wo man mit der gewissenhaften Arbeit ansetzen sollte, tür­­men sich Probleme und Schwierigkeiten auf. Ich möchte an dieser Stel­­le vier Gründe nennen, die meines Erachtens von Bedeutung sind.

  1. Das ökonomische Gefälle zwischen den beiden Ländern;

  2. Mängel in der geschichtlichen Ausbildung an westdeut­schen und polnischen Schulen (im Rahmenprogramm für den Ge­schichts­un­ter­richt in Westberlin wurden sechs Un­ter­richtsstun­den für den 2. Welt­krieg und sechs Un­ter­richts­stunden für die NS-Zeit vor­gesehen; der polnische Ge­schichtsunterricht war noch bis vor kur­zem durch die kom­munistische Ideologie stark be­einflußt);

  3. die allgemein herrschende Orientierung westdeutscher Ju­gend an der Konsumwelt des Westens - Europa be­deu­tet West­eu­ropa;

  4. der geringe Kenntnisstand der meisten deutschen und pol­ni­schen Lehrer über die Kulturen der beiden Länder.

Polnische Schüler sind hinsichtlich der deutschen Problematik nicht „sen­sibel“ genug. Wer aber soll ihnen dabei helfen, wenn der interes­san­­te Bericht über den ersten Besuch des bundesdeutschen Präsiden­ten in Polen erst kurz vor 24.00 Uhr in der Nacht im Fernsehen aus­ge­­strahlt wurde. Solche und ähnliche Probleme werden in den Schu­len nicht regelmäßig besprochen. Direkte Folgen dessen kann man in zum Teil naiven, zum Teil unüberlegten Antworten der polnischen Schü­ler in einem Zeitungsinterview spüren.

Hier einige Beispiele:

Die Leute hier sind nett und frei, sie können abends lange aufblei­ben und in die Kneipen gehen, das gefällt mir gut.“

Die deutschen Schüler müssen einfach nicht so viel lernen wie wir.“

In der DDR sind die Jugendlichen nicht so spontan, aber das liegt vielleicht an der politischen Ordnung.“

Es mangelt an Warmherzigkeit und Zusammenhalt in der Familie.“

Die hier vorgenommene Analyse soll die Vielfalt der präsentierten Aussagen systematisieren.

  1. Das positive Vorurteil: Leute sind nett, frei, können abends lange aufbleiben, sie lernen nicht viel.

  2. Das negative Vorurteil: Spontaneität liegt an der politischen Ordnung, das Fehlen an Warm­her­zig­keit, kein Zusammenhalt in der Fa­mi­lie.

Die Antworten der polnischen Jugendlichen sind teilweise naiv, schlicht und simpel, aber andere Worte wären ihnen unmöglich in den Mund zu legen. Dies hat folgende Gründe, die ich im nachfol­genden kurz rekonstruieren möchte. Es ist ein hypothetisches Bei­spiel einer Klassenfahrt, das in allen Punkten auffallende ─hnlich­kei­ten mit der geltenden Praxis aufweist.

Kein planmäßiges Vorbereitungsverfahren, das sowohl Schüler als auch Lehrer einbeziehen würde. Keine Gespräche mit dem Lehrer, keine Diskussionen. In dem mir bekannten Fall soll ein Vertreter der Schul­leitung gesagt haben, daß die Schüler der Geschichte mehr Auf­merk­samkeit schenken sollten, weil die Deutschen „ge­schichts­emp­find­lich“ seien. Die Schüler waren an der auf solche Art angebotenen Ver­tiefung der deutschen Problematik im Rahmen der überfüllten Un­­terrichtswoche nicht interessiert. Kein Wunder, daß es eine Fahrt ins Blaue gewesen ist.

Der solchermaßen unvorbereiteten Schülergruppe wird ein sehr in­ter­essantes, vielfältiges Aufenthaltsprogramm angeboten. Der BMW-Werk­besichtigung folgt die Ausstellung „Fragen an die deut­sche Ge­schich­te“, und das ganze schließt mit einem Besuch im Bade­paradies und auf der Rollschuhbahn.

Die polnischen Schüler nahmen alles hin. In der Einstellung der jun­­gen Polen ist keine Graduation, keine Abstufung des Wich­tig­keits­grades aufzuweisen: die angebotenen Programmpunkte riefen in ih­­nen allenfalls emotionale Reaktion (der Besuch im Bade­paradies war sicherlich „lustiger“ als der Besuch der Geschichtsaus­stellung). Daß aber die gemeinsame Geschichte weder etwas Trauri­ges noch et­was Lustiges, sondern etwas Aufschlußreiches für beide Nationen ist, blieb ohne Kommentar der polnischen Lehrer. Die pol­nische Gruppe kehr­te nach Hause zurück. Wenn Filme entwickelt werden, versucht man eine Ausstellung am schwarzen Brett zu ma­chen. Darüber hin­aus ist keine weitere Aufarbeitung zu erwarten. Und die Drohung, daß das scheinbar positive Bild (Leute hier sind frei etc.) ins Gegen­teil umschlagen könnte, wird nicht angenommen. Es wird von pol­ni­schen Jugendlichen nicht mitreflektiert, daß die Tatsache, die Deut­schen hätten so viel Zeit, vielleicht nur durch den Aufenthalt der Gä­ste aus Polen bedingt würde. Diese Beispiele könnte man häufen.

Und hier kommen wir zum Kern unserer Ausführungen: nicht die wir­tschaftliche Kluft zwischen Ost und West wird den Schüleraus­tausch verhindern, sondern die falsche pädagogische Betreuung, die in vielen Fällen einen Bärendienst erweist.

Ich will die Idee des Schüleraustausches nicht geringschätzen. Man kann aber stark befürchten, daß aus dem Desinteresse und der In­­kompetenz eines Teils der polnischen Lehrer, der Jugendaustausch zwi­schen den beiden Ländern eine gewiße Mentalitätsgrenze nicht durch­brechen wird und auf dem Wege zu ausgebauten zwischen­mensch­lichen Kontakten, die ja vom Austausch vorausgesetzt wer­den, stehen bleiben wird. Ich habe kein Interesse am Schulenaus­tausch, wo einzelne Schulen isoliert zusammenarbeiten, sondern am Schü­leraustausch und Lehreraustausch.

Meines Erachtens wäre ein möglicher Weg, die oben geschilderten Dis­krepanzen abzubauen, folgender. Es sollte versucht werden, die für die Thematik zu interessierenden Lehrer und Schüler zur Bildung von Arbeitsprojekten zu gewinnen und ihnen die Möglichkeit zum Aus­tausch ihrer Ergebnisse zu geben. Das Spektrum der möglichen The­men kann von ökologischen bis hin zu politischen Problemen rei­chen. Der Schüleraustausch soll unbedingt auch auf einer anderen Ebe­ne verlaufen als nur in der Schule, die ein zu stark fossilisiertes Or­gan der Verwaltung ist, um Spontanität und Natürlichkeit freizu­las­sen. Ist das nicht eine Aufgabe für die polnisch-deutschen Gesell­schaf­ten in Polen? Gleichzeitig stelle ich mir den Protestschrei von Sei­ten der Schulverwaltungen, die sich durch solch einen Vorschlag be­droht sehen.

Aber auf diese Art und Weise kann man breitere Kreise der Schü­ler und Lehrer gewinnen und dadurch diejenigen miteinander verbin­den, die wirklich ein Interesse an der Zusammenarbeit zwischen Deutsch­land und Polen haben. Ich habe lange gezögert mit der Über­sen­dung dieses Berichtes an Herrn Lothar Nettelmann, weil ich eine pol­nisch-deutsche Klassenfahrt beschreiben wollte, die im Mai 1990 quer durch Polen hätte reisen sollen. Diese Reise wurde seit über ei­nem Jahr sorgfältig geplant und vorbereitet. Die polnischen und deut­schen Schüler standen seit mehreren Monaten im Briefwechsel... Drei Tage vor der Reise stellte die Schulleitung des Posener Gymna­siums, das eigentlich Gastgeber war, fest, daß sie keinen Lehrer fin­den konnte, der mitfahren könnte. Die polnischen Schüler mußten al­so zu Hause bleiben. Die Enttäuschung in den Gesichtern der Ju­gend­lichen werde ich wohl niemals vergessen.

Aber wir versuchen es im nächsten Jahr - diesmal ohne Schule!

Inhaltsverzeichnis

Herbert Schmalstieg: Vorwort

Zeitgeschichtliche Notiz 1990

Lothar Nettelmann: Einleitung: Schüleraustausch - warum mit Polen?1

Zur Konzeption

Lothar Nettelmann: Einleitung 1993. Zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutsch-polnischer Jugendarbeit als Folge des politischen Paradigmenwechsels in Polen und ihrer Bedeutung für die Träger politischer Bildung in Deutschland

Lothar Nettelmann: Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 - die Mahnung des 1. September 19392

Ulrich Bauermeister: Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen und Polen als Auftrag der UNESCO (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen der Bismarckschule Hannover - Modellbeispiele und Alternativen (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen in Zeiten der gesellschaftlichen Krise [Didaktische Konzeption, Reiseroute, Reiseziele] (1993)

Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr.Wolfgang Scholz: Der Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover3

Wolfgang Jordan, Lothar Kutsch: Ein Schulchor, eine Theatergruppe und ein Leistungskurs fahren... (1989)

Siegfried Riedel: Schüleraustausch im Geist der Ökumene (1989/1993)

Michael Droldner, Matthias Bömeke: Ein Schüleraustausch zwischen katholischer Schule und Pfarrgemeinde (1989)

Werner Fink, Ursula Ruehr: Gedanken zu einem Arbeitsbesuch mit Schülern im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof (1989)

Dr. Olgierd Lissowski, Poznań: Jugendaustausch und Politik (1989)

Piotr Korek, Poznań: Ein Schüler- oder Schulenaustausch? (1989)

Joachim Dallwig: Polenkontakte heute (1989)

Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991)

Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992)

Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993)

Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991)

Elisabeth Goldmann: Bericht über den ersten Besuch einer Gruppe von 20 Schülern der Realschule I, Burgdorf (1993)

Lothar Nettelmann: Thesen zu den veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Polen und ihre Bedeutung für die deutsch-polnische Jugendarbeit (1993)

Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990

Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924

Anhang: Autorenverzeichnis

Impressum für diese Publikation

Herausgeber: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt

Redaktion Gerda Heinemann Lothar Nettelmann Gerhard Voigt Armin Walthemate

Herausgegeben für die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Hannover e.V. und den UNESCO-Club der Bismarckschule Hannover e.V.

Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienrei­sen. Hrsgg. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt - Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. (An der Bis­marckschule 5, Hannover) und Deutsch-Pol­nische Gesellschaft Hannover e.V., 1990.

Satz und Layout: Ritterdesign, Laatzen

Printed in Germany

(Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Masch­see, Bis­marckschule Hannover, e.V.) 1. Auflage 300

Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis.

Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009

Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de

http://www.unesco-club-hannover.de

Vgl. dazu Impressum

Überarbeitet August 2009

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

   
   

 

     
   

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