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Aus: Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt

Lothar Nettelmann

Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 - die Mahnung des 1. September 1939

Die Fertigstellung der Manuskripte erfolgte zumeist in der Zeit, in der sich das schicksalträchtige Datum des 1. September zum fünf­zigs­ten Male jährte. Dies gibt Anlaß zu einem historischen Rück­blick und zum Nachdenken über die aus der jüngsten Geschichte wachsen­den Verpflichtungen.

Der 1. September 1939 kann - aus der historischen Perspektive be­trachtet - als das Datum dieses Jahrhunderts begriffen werden, das in der ganzen Welt, insbesondere in Europa, und hier vor allem in Deutschland, Polen und der Sowjetunion und außerdem in Israel größte Trauer hervorruft und gerade für uns Deutsche Anlaß gibt zu tiefem Gedenken - auch zu schamhaftem Schweigen.

Dieser Tag hat eine andere Qualität als der 1. August 1914, an dem der I. Weltkrieg begann. Der II. Weltkrieg wurde auf Befehl Hit­lers durch den Überfall auf Polen entfesselt.

Erklärtes Ziel dieses Nazi-Deutschlands war die Gewinnung des „Raumes im Osten“. Dieses hieß aber: Sowjetunion. Doch der Weg dorthin führte durch Polen und mußte zwangsläufig über den Krieg mit Frankreich und England und weitere Umwege geführt werden.

Deprimierend an diesem Krieg ist bereits die Inszenierung seines Beginns. Wenige Tage nach einer zwischen Hitler und Stalin im ge­heimen beschlossenen Aufteilung Polens wurde dieses Land von deutschen Truppen überfallen. Der 1934 mit Polen auf die Dauer von zehn Jahren abgeschlossene Gewaltverzichtsvertrag zur Herstellung „gutnachbarlicher Verhältnisse“ war im Juli 1938 noch durch einen Wirtschaftsvertrag scheinbar festgeschrieben worden.

Es würde jetzt zu weit führen, die einzelnen Schritte der Organi­sation dieser Kriegsvorbereitung nachzuzeichnen, die bereits im Jahre der sogenannten „Machtergreifung“ 1933 begannen. Wir müssen uns deshalb auf wenige Aspekte beschränken.

Auf Befehl Heydrichs besetzten polnisch sprechende SD-Angehö­rige den unmittelbar an der Grenze in Oberschlesien be­findlichen Sender Gleiwitz und hielten eine polnische Ansprache. Gleichzeitig überfielen als polnische Soldaten verkleidete SS-Männer die Grenz­station Hohenlinden. Mit Blut beschmierte Leichen - es handelte sich um ermordete KZ-Häftlinge, die ebenfalls polnische Uniformen tru­gen - hatte man als „Beweismittel“ gleich mitgebracht und am Tatort hin­terlassen.

Diese an der Grenze gefallenen Schüsse waren der Hintergrund für die Worte Hitlers, „seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen“. Die weite­ren besonders hervorzuhebenden Schüsse fielen in der Danziger Bucht. Dort war ein deutsches Kriegsschiff zu einem Freundschafts­besuch eingelaufen, wie es unter vielen Marinen in der Welt Brauch ist. Daß das Schulschiff „Schleswig-Holstein“ mit seinen größeren Geschützen einlief anstelle eines vorgesehenen kleineren Schiffes, sei nur am Rande erwähnt. Wie unter Marinesoldaten und Matrosen üb­lich, feierte man bis in die Nacht und schloß Freundschaften. Einige als Freunde neu gewonnene polnischen Offizierskameraden verließen erst spät in der Nacht das Schiff, sicherlich nicht ohne genügend auf die Freundschaft und Kameradschaft angestoßen zu haben.

Der Kommandant des Schiffes wußte bereits zu diesem Zeitpunkt, daß die Mannschaft im Morgengrauen auf Gefechtsstation befohlen werden mußte, um mit den Geschützen der „Schleswig-Holstein“ das Feuer auf die „Westerplatte“, ein polnisches Munitionsdepot auf dem Gebiet des damaligen Freistaates Danzig, zu eröffnen.

Es ist müßig, den Propagandarummel nachzuzeichnen, der in den deutschen und polnischen Medien vor diesen ersten Schüssen ablief. Auch die Auseinandersetzungen um die Korridorfrage waren diplo­matisches Geplänkel. Das letzte „Verhandlungsangebot“ Hitlers war mit Sicherheit ein bloßer Kriegsvorwand.

Zur Mahnung bleibt die Tatsache, daß der Krieg mit diesem Über­fall begann, und die perfide Art und Weise, wie er begann!

Unser Augenmerk sollten wir weiterhin richten auf die Frage, wa­rum dieses militärisch weitaus schwächere Land gegenüber der da­mals stärksten Militärmacht Europas so heldenhaft gekämpft hat. Ein we­sent­licher Grund war die Hoffnung auf einen Kriegseintritts der westlichen Verbündeten Frankreich und England. Trotz Kriegs­eintritt dieser Garantiemächte fand der Krieg im Westen zunächst nicht statt. Der polnische Dichter und Nobelpreisträger Ceslaw Mi­losz, der die Katastrophe als Soldat erlebt hat, schreibt dazu: „Eine der polnischen Eigenheiten ist die tiefe Überzeugung, Gott würde persönlich in die Angelegenheiten der Geschichte eingreifen und sich auf die Seite der Gerechten stellen. Aufgrund dieser Überzeugung haben sich die Be­wohner dieses Landes so manches Mal in hoff­nungslose Kämpfe ge­stürzt, und später waren sie erstaunt, daß Gott ihnen nicht geholfen hatte.“

„Nie war Polen so gottverlassen, wie in jenem blutigen September. Zwar hat die legendäre Attacke polnischer Ulanen gegen deutsche Panzer in Wirklichkeit wohl nicht stattgefunden, doch sie symboli­siert treffend die Mentalität, mit der Polen dem deutschen Angriff be­geg­nete. Niemand hatte eine Vorstellung von der vernichtenden Feu­er­walze einer mechanisierten Armee, von der demoralisierenden Wir­kung von Flächenbombardements und Tieffliegerangriffen - ob­wohl der polnische Generalstab genaue Kenntnis von Hitlers Wehr­macht besaß, obwohl jedermann in Warschau die Wochenschauen aus Spa­nien gesehen hatte, wo Hitler seine neuen Sturzkampfbomber er­prob­te.“ (H. Jaenecke, S.92)

Am 17. September, als sowjetische Truppen in Ostpolen einmar­schierten, verschwand die Hoffnung. Wenige Tage später kapitulier­ten die Reste der Polnischen Armee.

Trotz gegenteiliger Propaganda war der Krieg kein „Spaziergang“ für die Wehrmacht. 10.500 Gefallene und 30.000 Verwundete gab es auf deutscher Seite. Die Materialverluste und -schäden waren so hoch, daß der Krieg im Westen nicht wie vorgesehen im November weitergeführt werden konnte.

Dies ist aber reine Kriegsgeschichte. Worüber sollten wir aber nachdenken? Vielleicht darüber, daß die Bomber, die ihre tödliche Last nach Warschau brachten, auch in Wunstorf bei Hannover aufge­stiegen sind? Oder darüber, daß die Bombadierung Warschaus der bri­tischen Führung Anlaß gab, die Aufstellung großer Bomberver­bän­de zu planen, die wiederum für Hamburg, Bremen und Hannover be­stimmt waren? Den Bombenkrieg hat die deutsche Bevölkerung bald, den Einbruch der modernen militärischen Phalanx erst gegen En­de des Krieges erfahren, dann aber in der apokalyptischen Totali­tät. Die Weichen für dieses sechsjährige grauenvolle Geschehen wur­den aber an diesem 1. September 1939 gestellt.

Polen wurde nach der Kapitulation seiner Truppen nicht in glei­cher Weise besetzt, wie z.B. Frankreich oder Holland. Dort respek­tierte man den Fortbestand des Staates. Der jeweilige Verwaltungs­ap­parat unterstand der deutschen Kontrolle und handelte nach ent­sprechenden Weisungen. In Frankreich existierte in Vichy eine ab­hängige Regierung, die aber noch bis 1942 die Befehlsgewalt über die in Nordafrika stationierte französische Armee und die Flotte hatte. In Norwegen gab es die Quislingregierung. Der sich in den westlichen Ländern herausbildende Widerstand, die Résistance, stand in keinem Verhältnis zur zumeist willfährig mit den deutschen Be­hörden paktierenden bzw. kollaborierenden Verwaltung und Polizei. Selbst der als „Schlächter von Lyon“ bezeichnete Gestapochef Barby konnte seine Mordbefehle nur mit Hilfe französischer Kollaborateure umsetzen.

In Polen war alles anders. Ziel Hitlers war (zitiert nach dem Ge­dächtnisprotokoll des Generalobersten Halder vom 22.8.39): „die Ver­nichtung Polens - Beseitigung seiner lebendigen Kraft. Es handelt sich nicht um die Erreichung einer bestimmten Linie oder einer neu­en Grenze, sondern um Vernichtung des Feindes, die auf immer neu­en Wegen angestellt werden muß.“ Keiner der an diesem Tage auf dem Obersalzberg anwesenden höchsten Generale hat sich ange­sichts des Wissens um den zwingend folgenden Krieg gegen England und Frankreich geweigert mitzumachen. Sie, die sie alle im preußi­schen Geiste erzogen waren, haben eben nicht um ihre Entlassung gebeten, die sie wohl ihren Posten, nicht aber ihren Kopf gekostet hätte.

Im Urteil des Internationalen Gerichtshofes vom 1.10.46 heißt es über die Angehörigen der militärischen, politischen und wirtschaftli­chen Elite Deutschlands, die diesen Krieg erst ermöglicht hat und zu­meist nicht aus fanatischen Nationalsozialisten bestand: „Hitler be­nötigte die Mitarbeit von Staatsmännern, militärischen Führern, Di­plomaten und Geschäftsleuten. Daß ihnen ihre Aufgaben von ei­nem Dik­tator zugewiesen wurden, spricht sie von der Verantwort­lichkeit für ihre Handlungen nicht frei.“

Verantwortung - wessen? Gar Schuld? Mahnung an die Nachfol­genden? Wir sollten über all diese Begriffe nachdenken!

Im veröffentlichten Befehl Hitlers an die Truppe vom 9.9.39 hieß es: „Diese Operationen gegen das polnische Heer sind mit so starken Kräften so lange fortzuführen, bis die Gewähr gegeben ist, daß den Polen der Aufbau einer zusammenhängenden, deutsche Kräfte fes­selnden Front nicht mehr gelingen kann.“ Diese wie für einen typi­schen konventionellen Krieg klingenden Formulierungen könnten auch von einem Befehl von Moltkes (1870) oder von Ludendorffs des Jahres 1915 stammen. Die Worte Hitlers sollten offenkundig über die wah­ren Ziele und das einsetzende Geschehen hinwegtäuschen.

Die von der Propaganda ausgestreute Saat des Hasses und Unheils ging schnell auf. Eine Augenzeugin, Jüdin aus Lodz, schreibt am 8.9.39, dem Tag des Einmarsches der deutschen Truppen: „Diese so­genannte 'unterdrückte Minderheit' ist jetzt plötzlich aufgetaucht und füllt die Straßen mit hallenden 'Heil'-Rufen.“ Am Tag danach schreibt sie: „'Jude'! Wir hören diese wilden Schreie aus dem Mund deutscher Einwohner, die bis gestern unsere Nachbarn waren. Der Wolf hat sein Lammfell abgestreift, seine Zähne hungern nach Beute. Die deutschen Jugendlichen liegen im Hinterhalt und warten auf vorbeigehende Juden. Sie greifen sie erbarmungslos an und ziehen sie an den Bärten und reißen sie an den Haaren, bis das Blut fließt, glühend vor sadistischer Freude über ihren wilden Sport. Das ist zu ihrer 'nationalen Mission' geworden, und sie führen sie mit sprich­wörtlicher deutscher Gründlichkeit aus.“ Das Leiden der Men­schen in diesem Lande, der Polen und Juden, und heute muß man auch sa­gen, der Roma und Sinti, begann. Es ist andererseits wichtig zu wis­sen, daß seit dem Aufbau dieser in Mittelpolen gelegenen Stadt, Lodz, Polen, Deutsche und Juden friedlich und zumeist gut­nach­barlich nebeneinander gelebt haben. Auch diejenigen Deutschen, die zum Teil seit mehreren Generationen in diesem Polen - zumeist in den ehemaligen preußischen Provinzen - gelebt haben, beteiligten sich nicht an Exzessen. Sie pflegten - soweit möglich - ein normales Verhältnis zu ihren Nachbarn.

Kurze Zeit nach der polnischen Kapitulation schreibt Lily Jung­blut, die Frau eines Gutsbesitzers im Kreis Hohensalza, an Göring: „...sind Tausende und Abertausende unschuldige... Menschen er­schos­­sen worden: sämtliche Lehrer und Lehrerinnen, ─rzte und ─rztinnen, Rechtsanwälte und Notare, Richter und Staatsanwälte, Groß­kaufleute und Gutsbesitzer - soweit sie noch lebten - sind zu Tau­senden aus den Schulen vor den Augen der Kinder, aus den Stel­len, in die die Wehrmacht sie wieder eingesetzt hatte, aus der Praxis, aus den Klini­ken, aus den Gütern, wo sie gingen und standen, von der Danziger Gestapo verhaftet und in Zuchthäuser und Gefängnisse ge­sperrt wor­den. Heute beginnt die gleiche Tragödie mit Kleinbauern und Arbei­tern..... Welchen Ruhm erwerben sich Volksdeutsche und Treuhän­der, wenn sie fast sämtliche Marienkreuze an den Wegen ab­sä­gen und zerschlagen lassen, in die Häuser der Arbeiter eindringen und heilige Bilder von den Wänden reißen und mit den Füßen zer­treten...“

Auch die Ereignisse in Bromberg (polnisch: Bydgoszcz) sollten nicht unerwähnt bleiben. Sicher ist, daß eine polnische Artillerieein­heit, die am Sonntag, dem 3.9., die Stadt passierte, als deutsche Trup­pen noch nicht das Umland erreicht hatten, die Stadt aber schon von deutschen Flugzeugen bombardiert wurde, aus einigen Häusern her­aus von sogenannten Heckenschützen beschossen wurde. Die pol­ni­schen Soldaten schossen zurück und töteten jeden, bei dem sie eine Waffe fanden. Als deutsche Truppen dann am 7.9. in die Stadt ein­marschierten, richteten sie ein Blutbad an (so eine englische Augen­zeugin). Zur Vertuschung wurden polnische Leichen entstellt und als deutsche Tote fotografiert und diese Bilder veröf­fentlicht. Die Anga­ben über die Zahl der Opfer schwanken zwischen 3000 und 5000. Die deutsche Propaganda sprach dann ab 1940 von mindestens 50.000 Ermordeten an dem von ihr so bezeichneten „Blutsonntag“. Es ist nicht auszuschließen, daß deutsche und pol­nische Zivilisten aufeinander schossen und sich umgebracht haben. Wesentlich ist aber, daß nach dem Weiterziehen der Wehrmacht die Einsatzgruppen der SS und die Gestapo sofort zum systematischen Terror wie Gei­sel­erschießungen übergingen. Die Toten von Brom­berg sollten zur Rechtfertigung dienen.

Es stellt sich immer wieder die Frage, ob es sich um atypische Verkettungen unglücklicher Umstände handelt.

Wir müssen aber feststellen, daß neben den militärischen Aktio­nen ein systematischer Feldzug gegen die Menschen in diesem Lan­de, gegen Polen und Juden einsetzte. Im Erlaß Hitlers vom 7.10.39 ist die Rede von der „Ausschaltung des schädlichen Einflus­ses von sol­chen volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuten.“ Was das bedeutete, hatte Hitler bereits am 12.9. seinen Generälen mitge­teilt. In jedem mili­tärischen Bezirk sollte nämlich der Posten eines zivilen Be­voll­mächtigten geschaffen werden, der dann mit der Volksausrottung be­traut werden sollte. Diese als „politische Flur­bereinigung“ be­zeich­nete Maßnahme sollte praktisch der Liquidie­rung der gesamten poli­tischen und kulturellen Führungskräfte dienen. In einer Denkschrift des Rassenpolitischen Amtes der Reichsleitung der NSDAP vom 25.11.39 über die „Behandlung der Bevölkerung der ehemaligen pol­nischen Gebiete nach rassenpolitischen Gesichts­punkten“ ist dies im einzelnen dargelegt: „Unter den Begriff der pol­nischen Intelligenz fal­len in erster Linie polnische Geistliche, Lehrer, Hochschullehrer, Ärzte, Offiziere, höhere Beamte, Großkaufleute, Großgrundbesitzer, Schriftsteller, Redakteure sowie sämtliche Per­sonen, die eine mittlere oder höhere Schulbildung erhalten haben.“

Die einzelnen Phasen des Krieges haben verhindert, daß die Pläne vollständig umgesetzt wurden. Insgesamt verlor Polen ca. sechs Mil­lio­nen Menschen, darunter drei Millionen Juden. Hinzu kommt eine große Zahl Menschen, die aus den von der Sowjetunion besetzten Gebieten Ostpolens verschleppt worden sind. In Polen spricht man heute ebenfalls von einer Million Menschen, von denen nur ein klei­nerer Teil zurückgekommen ist. Die anderen wurden ermordet oder sind umgekommen. Es ist zu hoffen, daß durch Glasnost auch in die­sem Zusammenhang die historische Forschung ermöglicht wird.

Angesichts der grauenvollen Zahlen, die sich auf den ganzen Krieg beziehen, fällt es schwer, eine detaillierte Aufschlüsselung vor­zunehmen. Sofort nach Ende der Kampfhandlungen im Oktober 1939 wur­de mit einer Aufteilung des polnischen Staatsgebietes be­gonnen. Vor­her hatte es wohl mehrfache Überlegungen, aber keine detaillierte und vor allem zusammenhängende Planung gegeben. Aber auch die­se Kompetenzüberschreitungen, das Neben- und Durcheinander wa­ren typisch für das Nazi-Deutschland. War es doch eine Herr­schafts­methode, die sich im Verlaufe des Krieges auswei­tete! Für Polen be­deutete es, daß sofort im Oktober die ehemaligen preußischen Pro­vinzen Posen und Westpolen etwas vergrößert als die Reichsgaue „Danzig-Westpreußen“ und „Wartheland“ dem Reich zu­geschlagen wurden.

Die polnische Bevölkerung dieser neuen Reichsgaue wurde nach und nach vertrieben, und zwar in das sogenannte Generalgouverne­ment. Zum Gouverneur wurde bereits am 12.10.39 Dr. Hans Frank, zuvor Reichsjustizminister, ernannt.

In einem Gebiet von ca. 100.000 km und einer Bevölkerung von mindestens 15 Millionen Menschen entstand - eine Verwaltung war natürlich noch nicht aufgebaut! - (nach Kuby:) „ein chaotischer Zu­stand, der den Mörderbanden der SS und der politischen Polizei die Aus­führungen ihres blutigen Handwerks außerordentlich erleich­ter­te.“ Die Wehrmacht war nämlich bereits am 26.10.39 von ihren Ver­waltungs- und Ordnungsaufgaben befreit worden und weitgehend nach Westen abtransportiert worden. Am 15.11. wurden alle Gymna­sien und Universitäten geschlossen. Erlaubt war im Generalgouver­nement für polnische Kinder nur der Besuch von Grund- und Berufs­schulen mit begrenztem Unterrichtsprogramm. Ab dem 1.12. mußten Ju­den den Davidsstern tragen. Straßenbahnen waren ihnen verboten.

In den eingegliederten Gebieten wurden sämtliche polnische Schulen geschlossen. Die Benutzung der polnischen Sprache war in der Öffentlichkeit verboten. In den Großstädten Posen und Łodź gab es kein polnisches Theater oder Kino mehr. Polen erhielten geringere Lebensmittelrationen und Löhne; Vermögen wurden beschlagnahmt, Firmen enteignet. Im Generalgouvernement gab es - bei allem Elend - noch die polnische Kirche, polnische Krankenhäuser, Firmen und eine Złoty-Währung.

In Krakau hatte man am Ende Oktober die Professoren zu einer Sit­zung eingeladen, auf der über die Wiedereröffnung des Lehrbe­trie­bes gesprochen werden sollte; alle wurden verhaftet und in Kon­zen­tra­tionslager gebracht: Dachau, Sachsenhausen; dann Groß Rosen und Stutthof. Letzteres KZ war 1937 bereits auf dem Gebiet des da­ma­li­gen Freistaates Danzig geplant und gebaut worden. Es war vor­ge­se­hen für die polnische Intelligenz!

Auschwitz, eine ehemalige Kaserne aus k.u.k. Zeiten, wurde ab 1941 als KZ benutzt. Physischer und psychischer Terror, Mord, Hun­ger und Infektionen waren die Methoden, das polnische Volk als po­li­tisches Subjekt, als Staatsvolk und als Kulturnation zu vernich­ten. Nach Himmler sollten die Polen nur einfaches Rechnen und den Na­men schreiben lernen und im wesentlichen für die Deutschen arbeiten und ihre Kultur bewundern. Von den Goralen z.B. sollte in fünfund­zwan­zig Jahren niemand mehr etwas wissen. Es ist unfaßbar, daß Men­schen, die vorgeben, einer höherstehenden Kultur anzugehö­ren, zum Zerstörer wesentlicher Teile der europäischen Kultur wer­den konn­ten.

1941 wurde der sogenannte „Generalplan Ost“ entwickelt. Er sah im wesentlichen eine weitere Besiedlung des Ostens vor (gemeint ist hier der Westteil der Sowjetunion) durch Deutsche, verbunden mit Um­siedlungsaktionen der einheimischen Bevölkerung. Die Pläne wa­ren an sich völlig irrsinnig. Gleichwohl wurde begonnen, sie umzu­setzen!

Ansätze waren in der Schaffung der sogenannten Volkslisten zu se­hen, die bei einer Einteilung in vier Kategorien den Zweck hatten, frem­de Bürger nach und nach zu Reichsdeutschen zu machen. Eine be­sonders üble Methode war der Raub von Kindern. Sie wurden nach vor­geblich rassischen Gesichtspunkten untersucht und ihren Eltern ge­raubt. Anschließend bekamen sie neue Papiere und wurden Adop­tiv­eltern überstellt. Viele Schicksale konnten nach dem Kriege auf­ge­klärt werden; es gelang aber nicht immer, da die Originalpapiere ver­nich­tet worden waren. Es gibt noch heute Männer und Frauen in Deutsch­land, die eine dunkle Ahnung davon haben, daß sie damals als Kinder verschleppt worden sind.

Im Januar '42 ist dann in der Wannsee-Konferenz die sogenannte „End­lösung der Judenfrage“ beschlossen worden. Die hierzu nötige Tö­tungsmaschinerie wurde ausschließlich auf polnischem Boden in­stal­liert: Die Vernichtungslager Birkenau (Auschwitz II), Majdanek, Tre­blinka, Sobibor und Belzec.

Der Widerstand begann in Polen sofort, nachdem die polnische Armee kapituliert hatte. Symbol für das „Kämpfende Polen“ (Polska walczaca), wie es sich nannte, war das „P“ über einem „W“, das an ein urchristliches Symbol erinnert.

Eine wesentliche Wurzel der Motivation zum Widerstand liegt in dem, was in unserer heutigen Welt als Mangel beklagt wird: im Ge­schichtsbewußtsein. Dieses ist im wesentlichen zurückzuführen auf den Kampf um die eigene Identität in der polnischen Geschichte.

Die polnische Nation war am Ende des 18. Jahrhunderts unfähig und ohnmächtig, sich der Zerteilung und der territorialen Zuordnung zu den Teilungsmächten Rußland, Preußen und Ísterreich zu wi­der­set­zen. Daran änderte auch der verzweifelte Aufstand unter Ge­neral Kosciuszko - eines Teilnehmers am amerikanischen Unabhängig­keits­krieg - nichts. Polen verschwand 1795 von der Landkarte. Das Mo­tiv, kämpfend Widerstand zu leisten, steht in der Tradition aller Auf­stände, zumeist gegen die russische Teilungs­macht. Die Gefalle­nen der Aufstände, die Opfer der Deportationen wurden und werden auf dem Warschauer Heldenfriedhof (Powazki) geehrt. Dort gibt es auch Gräber von Kindern, Zehn- bis Vierzehnjäh­rigen, die als Melder am Warschauer Aufstand 1944 beteiligt waren und fielen. Der ge­sam­te Krieg wird damit einbezogen in den histori­schen Kampf um die Existenz der Nation und des Staates.

Die Polen haben im Land und an fremden Fronten gekämpft. Pol­ni­sche Marineeinheiten, die 1939 nach England haben entweichen kön­nen, nahmen am Kampf im Atlantik teil, polnische Piloten an der Luft­schlacht um England. Polnische Soldaten kämpften in Narvik im April 1940, an der französischen Ostfront (1940) sowie 1944 in der Nor­mandie.

Aus Überlebenden von in die Sowjetunion Deportierten wurde 1942 die polnische Armee unter General Anders gebildet, die an der Sei­te der Engländer in Nordafrika und Italien kämpfte. Es waren über­wiegend Polen, die bei Monte Cassino gegen SS-Einheiten - man kann hier den Soldatenausdruck benutzen: - „verheizt“ wurden. Sie ga­ben ihr Leben in der Hoffnung auf ein freies und unabhängiges Po­len, das eben mit Beginn dieses 1. September 1939 zerstört und aus­gelöscht werden sollte. Ich muß erinnern an das Lied polnischer Sol­da­ten, die unter Napoleon für eine trügerische Hoffnung auf ein un­ab­hängiges Polen kämpften. In Italien sangen sie damals:

„Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben,
Was fremde Übermacht uns nahm, nehmen wir uns mit dem Säbel zurück.
Marsch, marsch, Dabrowski, von italienischer Erde nach Polen!
Unter Deiner Führung vereinigen wir uns mit der Nation.“
(1796)

Mit dieser Nationalhymne auf den Lippen starben Menschen vor den Erschießungskommandos der SS in Auschwitz an der Todeswand, auf Marktplätzen oder in den Wäldern bei Warschau.

Der Kampf eines Volkes, dem nach dem Willen Hitlers, Himmlers oder anderer Machthaber dieses Nazideutschlands die Existenzbe­rechtigung genommen werden sollte, fand während des ganzen Krie­ges statt. Er verstärkte sich mit den zunehmenden Repressionen. Nur in Deutschland wußte man von all diesen Dingen zumeist wenig oder nichts. Die Wehrmacht wurde weitgehend abgezogen, SS, SD und Gestapo hatten die Gewalt und übten den Terror aus. Die jüdi­sche Be­völkerung wurde in Ghettos zusammengepfercht und wartete auf den Abtransport in die Vernichtungslager. Nachdem aus dem War­schauer Ghetto bereits 300.000 Menschen nach Treblinka abtrans­por­tiert worden waren, wollten die restlichen 60.000, das Schicksal klar vor Augen, ihr Leben teuer verkaufen. Ihr Aufstand dauerte vier Wochen, vom 19.4. bis zum 16.5.1943. Es gab eine Handvoll Überle­ben­der; der Ort wurde völlig zerstört und später ein­geebnet. Heute ste­hen dort Wohnblocks. Vor diesen befindet sich das Denkmal zum An­denken an die jüdischen Opfer.

Dies ist das Denkmal, vor dem Bundeskanzler Brandt 1970 kniete. Das Warschauer Ghetto und Auschwitz-Birkenau, das von Papst Johannes Paul II. als das „Golgatha unserer Zeit“ bezeichnet wur­de, sind die Symbole für diesen gegen Millionen Menschen ge­rich­teten Vernichtungskrieg in Europa. Dieser Krieg begann vor fünf­zig Jahren!

Als Folge des bereits genannten „Generalplans Ost“ begann man im östlichen Teil des Generalgouvernements mit Aussiedlungsaktio­nen. Ziel war es, einen zunächst 60 bis 70 km breiten Streifen in die­sem Teil des heutigen Ostpolens „polenfrei“ zu machen. In den ge­räum­ten Dörfern und Städtchen sollten Deutsche angesiedelt werden. Man wollte eine Siedlungsbrücke zwischen den Wohngebieten Deut­scher im Südosten (Galizien und Rumänien) bis zum Baltikum schaf­fen. Die Menschen sollten aus ihren Dörfern „rausgeschmissen“ wer­den und möglichst „verschwinden“. In diesem Bereich wurden 1942/43 auch in hohem Maße die Kinderverschleppungsaktionen durch­ge­führt.

Eine bekannte Stadt in dieser Region, Zamosc, in der es heute noch im Stadtzentrum wunderschöne Häuser gibt, die im Renais­sance­stil von italienischen Baumeistern errichtet worden sind, hatte sich Himmler persönlich vorbehalten: Sie sollte in „Himmlerstadt“ um­benannt werden. Dazu ist es aber verwaltungsrechtlich nicht mehr ge­kommen. Es sei in diesem Zusammenhang an die Nazinamen „Go­ten­hafen“ für Gdingen (polnisch: Gdynia) und „Litzmannstadt“ für Lodsch (Lodz) erinnert.

Die Aussiedlungsaktionen wurden 1943 gestoppt; inzwischen hat­te es bereits die Niederlagen bei Stalingrad und in Italien gegeben. An­dererseits waren sie aber für viele Männer Anlaß gewesen, sich der polnischen Untergrundarmee anzuschließen und in die Wälder zu ge­hen. Im Sommer 1944 zog man in den Wäldern um Warschau ca. 300.000 Mann dieser „Heimatarmee“ (polnisch „Armia Krajowa“, AK) zusammen. Sie stand übrigens unter dem Befehl der nach der pol­nischen Verfassung legitimen Exilregierung in London. Die Alli­ierten standen bereits in der Normandie. Die Rote Armee war bereits in Ostpolen eingedrungen - zusammen mit einer aufgestellten pol­ni­schen Armee, die den Namen Kosciuszkos trug. Sie hatten am öst­lichen Ufer der Weichsel angehalten und die Warschauer Vorstadt Praga besetzt. Am 1.8.44 brach der Warschauer Aufstand los, getra­gen von den Soldaten der Heimatarmee. Sie wollten ihre Hauptstadt be­freien, um die Unabhängigkeit Polens sicherzustellen. Stalin ließ sei­ne Truppen aber auf dem östlichen Weichselufer halten und war­tete, bis deutsche Truppen (Wehrmacht, SS und Polizei) den Auf­stand niederschlugen. Den polnischen Truppen auf dem Ostufer wur­den Entsatzangriffe untersagt. Mit der Vernichtung dieser Heimatar­mee hatte Stalin zugleich das nichtkommunistische Machtzentrum ver­nichten lassen. Reste der Heimatarmee wurden von Stalin depor­tiert, Offiziere zum Teil erschossen. Den Überlebenden des War­schauer Aufstandes wurde deutscherseits der Kombattandenstatus zu­er­kannt; sie gingen in deutsche Kriegsgefangenschaft. Das nahezu men­schenleere Warschau wurde von deutschen Truppen durch Sprengungen vollständig zerstört.

Neben dem opfervollen physischen Widerstandskampf gab es den geis­tigen: Zeitungen wurden im Untergrund hergestellt und verteilt. Bü­cher in polnischer Sprache, die vor der Vernichtung durch deut­sche Dienststellen gerettet wurden, las und verlieh man im geheimen. Auf diese Weise wurden polnische Geschichte und Literatur weiter­ver­mittelt. Schulen und Universitäten existierten im Untergrund. Es fan­den sogar Doktorprüfungen statt. All dies geschah unter der stän­di­gen Angst, entdeckt und ins KZ gebracht zu werden.

Es ist eines besonderen Hinweises wert, daß und wie Menschen für ihre Existenz in Polen gekämpft haben. Alle für den Verlauf des Krie­ges und das Nachkriegseuropa wichtigen Entscheidungen wur­den aber über ihre Köpfe hinweg gefällt und durchgeführt. Ange­sichts der sich durch den II. Weltkrieg herausbildenden Machtkon­stel­lation: USA - Sowjetunion und Großbritannien war Polen zu schwach, um eine angemessene Mitentscheidung durchzusetzen, ja, sich gar Gehör zu verschaffen. Bis heute leidet man unter den depri­mie­renden Erkenntnissen, opfervoll gekämpft zu haben, aber ohn­mächtig zu sein, wenn es um die Bestimmung der Geschicke des ei­genen Landes geht. Es sind die traumatischen Erlebnisse der jüngsten Ge­schichte, die das Bestreben nach dem Selbstverständlichen deut­lich machen: als Gesprächs-, Verhandlungs- und Vertragspartner ernst­genommen und als vollwertige europäische Nation akzeptiert zu wer­den. Das, was am 1.9.1939 begann, endete für Polen und Deut­sche tragisch. Dem östlichen und südlichen Mitteleuropa wurden Re­gie­rungen und Systeme aufgezwungen, die sie nicht wollten. All die sich im sofort anschließenden Kalten Krieg ungelösten Probleme füh­ren heute zum Teil noch zu Streit.

Der 1. September mahnt aber, alle Probleme in Europa mit den Mit­teln des Friedens zu lösen. In der jüngsten Zeit hat sich die Hoff­nung ergeben, daß wir von einem gemeinsamen Haus Europa spre­chen können. Dies bedeutet aber nicht nur eine gemeinsame Verant­wor­tung, sondern auch für alle, die in den Zimmern dieses Hauses leben, eine Garantie für stabile und unumstößliche Wände. Ange­sichts Millionen Toter, Geschädigter, Gedemütigter und Ge­schun­de­ner bleibt uns die Verpflichtung, an diesem Haus sinnvoll und fried­lich zu bauen.

Aber gibt es auch Hoffnungen angesichts der Armut und Depres­sion bei den östlichen Nachbarn dieser reichen Bundesrepublik?

Ich meine, auch diese Frage ist aus der politischen und wirtschaft­li­chen Entwicklung Nachkriegseuropas und der Bundesrepublik Deutschland zu beantworten.

Das deutsche Volk hat mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland vor vierzig Jahren durch sein frei gewähltes Parlament, den Deutschen Bundestag, und seine demokratisch legitimierte Re­gie­rung ein eindeutiges Bekenntnis abgelegt, alle politischen Pro­ble­me in Europa nur mit friedlichen Mitteln regeln zu wollen.

Ausdrücklich sei die Charta der Vertriebenen erwähnt, in der 1952 eben­falls das Bekenntnis zum Gewaltverzicht erhalten ist. Die politi­schen Spannungen in Europa dauerten über Stalins Tod (1953) hinaus an. Die Abkommen der Siegermächte hatten nicht zu eindeutigen Er­geb­nissen geführt und wurden vielfach in Frage gestellt. Eine echte Ost­politik fand deutscherseits in der Ära Adenauer kaum statt. Das große innenpolitische Verdienst Adenauers, die Eingliederung der Flücht­linge und Vertriebenen, wurde ergänzt durch die Aussöhnung im Westen mit diesen ehemaligen Kriegsgegnern. Am Ende der fünf­ziger Jahre begannen die politischen und wirtschaftlichen Kontakte un­serer westlichen Partnerländer mit den Ländern Osteuropas. Sie er­öff­neten Botschaften und schufen Fakten durch steigenden Waren­aus­tausch und geschäftliche Abschlüsse. Die ersten Fühler deutscher Po­litiker gab es dann bereits unter Adenauer, als offizielle Kontakte im Namen der Hallsteindoktrin an sich noch tabu waren: Ich nenne die Namen Ludwig Erhard und Gerhard Schröder. Sie waren es, die dann nach Abschluß der Ära Adenauer (1963) auch offiziell die Füh­ler nach Osten ausstreckten. Die deutsche Wirtschaft hatte längst - ihren westlichen Partnern folgend - Osteuropa als Markt und Han­dels­partner entdeckt.

Ne­ben den genannten christdemokratischen Politikern war es Willy Brandt, der als Regierender Bürgermeister von Berlin Ver­stän­digung mit dem Osten forderte. In den außenpolitischen Do­ku­men­ten der frühen sechziger Jahre ist schon so manches enthalten, was über die öffentlich verkündeten Maximen der deutschen Politik hinaus­ging und von der Presse auch nur begrenzt wahrgenommen wurde.

Im Jahre 1965 entfachte dann die Denkschrift der EKD harte kon­­troverse Diskussionen, als die evangelischen Christen feststellten, daß eine Versöhnung mit Polen nunmehr notwendig sei und nach ei­ner Entwicklung von zwanzig Jahren der Rechtsstandpunkt nicht mehr starr zu vertreten sei. In der theologischen Sprache der damali­gen Zeit war die Aussage eindeutig.

Die katholischen Christen folgten mit der Erklärung von Bens­berg (1968) mit ähnlichen Aussagen. Zur Zeit der großen Koalition wur­­den die Vorstufen der Normalisierung mit Polen erreicht. Han­dels­missionen wurden in Warschau und Köln errichtet, mit den übri­gen osteuropäischen Staaten wurden Botschafter ausgetauscht. Die Bun­desrepublik war ihren Partnerländern politisch gefolgt. Man kann aber auch feststellen, daß ein gewichtiges Argument der sich ent­wickelnde Osthandel war, an dem man angemessen partizipieren wollte. Der Forderung Polens und den mit ihre verbündeten Ländern nach Garantie aller Grenzen in Europa mußte deshalb in entspre­chen­der Weise im Sinne einer positiven Entwicklung Rechnung ge­tragen wer­den.

Ein entscheidender Schritt erfolgte unter der sozialliberalen Ko­a­li­tion. Nach Abschluß des Moskauer Vertrages als Vorstufe wurde am 7.12.1970 der Vertrag zu Warschau abgeschlossen, in dem die Bun­desrepublik Deutschland die bestehende polnische Westgrenze als west­liche Staatsgrenze feststellt und die Unverletzlichkeit der Grenze ga­rantiert. In Polen wird dieser Vertrag als der wichtigste au­ßen­po­li­tische Vertrag angesehen. Der polnischen Nation wurde end­lich ver­traglich das garantiert, was sie 123 Jahre, bis zum Ende des Ersten Welt­krieges, nicht hatte und was man ihr vor jetzt genau fünf­zig Jah­ren wieder rauben wollte: den eigenen Lebensraum, die Un­ver­letz­lichkeit ihrer Grenzen. In dem langen Prozeß der Versöhnung zwi­schen den Völkern gebührt ein hohes Maß an Dank den Christen in bei­den Ländern, die die Mahnung des 1. September 1939 umge­setzt ha­ben in verantwortliches Handeln in Europa - jeweils in Zei­ten, als die verantwortlichen Politiker aufgrund komplexer Zusam­menhänge oder Hemmnisse nicht oder nur teilweise dazu in der Lage waren. Ich möchte an dieser Stelle noch an das Wort der polnischen Bischöfe er­in­nern, das sie bereits im Jahre 1957 an ihre westdeut­schen Amts­brüder gerichtet haben: „Wir bitten um Vergebung und wir gewähren Vergebung“. Dieses Wort wurde von den damals Re­gierenden in Po­len nicht verstanden.

An einem solchen Tage wie dem 1. September 1989 sollte ver­stärkt darüber nachgedacht werden, ob wir nicht eine gemeinsame Ver­pflichtung in Europa haben. Die Leiden der Menschen vergange­ner Jahrzehnte und Jahrhunderte mahnen, die Besinnung auf jahr­hun­der­te­langes gemeinsames friedliches Zusammenleben in Europa kann er­mutigen.

Aber auch Skepsis ist angebracht. Es stimmt traurig, wenn - wie in der ZEIT vom 25.08.1989 erwähnt - ein christdemokratischer Ober­bürgermeister seine Mühen, eine Partnerschaft mit einer polnischen Stadt durchzusetzen, mit den Worten schildert: „Die Deutschen füh­len sich eben doch zu oft als die Herren und betrachten die Polen ins­geheim als ihr Dienervolk“. Dies ist zweifellos kein repräsentatives oder gar parteipolitisches Phänomen.

Wenn Peter Sattler in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ in seinem Abschlußbericht zur allgemein sehr positiv aufgenomme­nen Informationsreise der niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion 1985 nach Polen einen Abgeordneten mit den Worten zitiert: „Das, was in Polen alles geschah, das haben wir ja gar nicht gewußt!“, so wird hier - stellvertretend für viele Bürger in unserem Lande - ein großes Defizit im Wissen um unsere jüngste Geschichte deutlich.

Wenn fünfzig Jahre nach Kriegsbeginn, der Bundesjustizminister beklagt, daß eine Bewältigung der Rolle der Justiz eben nur biolo­gisch erfolge, dann ist dies mehr als ein enttäuschendes Eingeständ­nis. Zur Erinnerung: Dr. Hans Frank, der Mord und Terror in Polen maßgeblich zu verantworten hatte, war bis zu seiner Ernennung zum Ge­neralgouverneur oberster Repräsentant der deutschen Nazi-Justiz.

Heute darf und muß man aber auch sagen, daß es in der für unser Land verantwortlichen Politik einen breiten Konsens gibt. Ich zitiere den Bundesaußenminister: „Bei meinem Besuch in Warschau im Ja­nuar 1988 hat Staatspräsident Jaruzelski den Willen Polens zur Er­öff­nung eines neuen Kapitels in den deutsch-polnischen Beziehungen zum Ausdruck gebracht und damit auch zur Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen. Das entspricht auch unserem Willen und unse­ren Vorstellungen. ... Die Bundesrepublik Deutschland wird zum Er­folg der Reformpolitik durch wirtschaftliche Zusammenarbeit we­sent­liches beitragen. ...Sie wird es tun in der historischen und morali­schen Dimension des deutsch-polnischen Verhältnisses, sie wird es tun in der Verantwortung für die Entwicklung in Europa...“

Ich meine, wir haben die Pflicht, das gemeinsame Haus Europa in Ordnung zu bringen, in dem Sinne, wie es kürzlich Staatspräsident Gorbatschow und Bundeskanzler Kohl bekräftigt haben. Die gewalti­gen Probleme wie die Verschmutzung der europäischen Flüsse, die Vergiftung der Ostsee und der Atemluft müssen angefaßt werden. Die wirtschaftlich gesunden und reichen Brüder müssen es zusam­men mit den wirtschaftlich kranken und bitter armen schaffen. Erst wenn alle gesund und friedlich leben wollen und können, dann kön­nen und müssen die Grenzen fallen, und dann wird niemals wieder ein Panzer darüber hinwegrollen.

Literaturauswahl

Neal Acherson: Der Traum vom freien Vaterland. Köln 1987

Martin Broszat: Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik. Frankfurt 1972

Martin Broszat: Nationalsozialistische Polenpolitik. Stuttgart 1961

Heinrich Jaenecke: Polen - Träumer, Helden, Opfer. Hamburg 1981

Erich Kuby: Als Polen deutsch war. 1939-1945. München 1986

Jörg Hoensch: Geschichte Polens. Stuttgart 1983

Wladyslaw Bartoszewski: Aus der Geschichte lernen? München 1986

DIALOG - Magazin für Deutsch-Polnische Verständigung, 3/4, Sept. 1989

Inhaltsverzeichnis

Herbert Schmalstieg: Vorwort

Zeitgeschichtliche Notiz 1990

Lothar Nettelmann: Einleitung: Schüleraustausch - warum mit Polen?1

Zur Konzeption

Lothar Nettelmann: Einleitung 1993. Zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutsch-polnischer Jugendarbeit als Folge des politischen Paradigmenwechsels in Polen und ihrer Bedeutung für die Träger politischer Bildung in Deutschland

Lothar Nettelmann: Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 - die Mahnung des 1. September 19392

Ulrich Bauermeister: Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen und Polen als Auftrag der UNESCO (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen der Bismarckschule Hannover - Modellbeispiele und Alternativen (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen in Zeiten der gesellschaftlichen Krise [Didaktische Konzeption, Reiseroute, Reiseziele] (1993)

Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr.Wolfgang Scholz: Der Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover3

Wolfgang Jordan, Lothar Kutsch: Ein Schulchor, eine Theatergruppe und ein Leistungskurs fahren... (1989)

Siegfried Riedel: Schüleraustausch im Geist der Ökumene (1989/1993)

Michael Droldner, Matthias Bömeke: Ein Schüleraustausch zwischen katholischer Schule und Pfarrgemeinde (1989)

Werner Fink, Ursula Ruehr: Gedanken zu einem Arbeitsbesuch mit Schülern im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof (1989)

Dr. Olgierd Lissowski, Poznań: Jugendaustausch und Politik (1989)

Piotr Korek, Poznań: Ein Schüler- oder Schulenaustausch? (1989)

Joachim Dallwig: Polenkontakte heute (1989)

Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991)

Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992)

Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993)

Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991)

Elisabeth Goldmann: Bericht über den ersten Besuch einer Gruppe von 20 Schülern der Realschule I, Burgdorf (1993)

Lothar Nettelmann: Thesen zu den veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Polen und ihre Bedeutung für die deutsch-polnische Jugendarbeit (1993)

Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990

Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924

Anhang: Autorenverzeichnis

Impressum für diese Publikation

Herausgeber: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt

Redaktion Gerda Heinemann Lothar Nettelmann Gerhard Voigt Armin Walthemate

Herausgegeben für die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Hannover e.V. und den UNESCO-Club der Bismarckschule Hannover e.V.

Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienrei­sen. Hrsgg. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt - Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. (An der Bis­marckschule 5, Hannover) und Deutsch-Pol­nische Gesellschaft Hannover e.V., 1990.

Satz und Layout: Ritterdesign, Laatzen

Printed in Germany

(Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Masch­see, Bis­marckschule Hannover, e.V.) 1. Auflage 300

Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis.

Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009

Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de

http://www.unesco-club-hannover.de

Vgl. dazu Impressum

Überarbeitet August 2009

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

   
   

 

     
   

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