Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt:
Franz Eberhard Otto
Jerzykiewicz, so der Taufname des Autors, wurde in einem Jahr großer
Umwälzungen in Nowy Tomyśł (dt.: Neu Tomischel) in der damaligen Provinz Posen
geboren. Im gleichen Ort hatte Paul von Hindenburg das Licht der Welt
erblickt, der dann in der Stadt Posen aufgewachsen ist. Diese alte polnische
Stadt
Poznań, deren Region als die Wiege Polens gilt, ist seit 1979 mit Hannover als
Partnerstadt eng verbunden.
Der kleine Franz E.O. wuchs
auf im Hause der deutschen Großeltern in Pniewy.
Als Zweijähriger erlebte er den Einmarsch der polnischen Truppen im
‚Polnischen Aufstand‛ in Wielkopolska (Großpolen). Er soll dabei, aus dem
Erkerfenster des großelterlichen Hauses auf den Marktplatz blickend, gesagt
haben: „Jetzt kommen die Kohlen.“
Von Anbeginn seines Lebens
prägte ihn das, was man als etwas ‚Doppeltes‛, ‚Widersprüchliches‛, etwas
‚Trennendes‛ und gleichzeitig wieder ‚Überbrückendes‛ das ‚Miteinander‛
suchende vielleicht auch als einen ‚Spagat‛ bezeichnen könnte. Die
komplizierten Zusammenhänge, das oftmals in sich ‚Widerspüchliche‛, wird im
Titel in einer seiner Publikationen deutlich.
Seine Vita spielt für das
spätere Leben eine erhebliche Rolle. Der Vater war polnischer Nationalität,
ein Pole aus dem Posener Land, Jurist und preußischer Beamter. Die Mutter
verfügte über eine ausschließlich deutsche Identität, sie war deutschnational
gesinnt. Auf Drängen der Mutter lehnte es der Vater ab, 1919 in den polnischen
Staatsdienst einzutreten. Stattdessen ging die Familie nach Stettin. Der Vater
änderte den Familiennamen
und verblieb im preußischen Staatsdienst.
Franz E.O. ‚genoss‛ die
humanistische Bildung eines Stettiner Gymnasiums. Sicherlich nicht ohne die
Intention einer Suche nach den Wurzeln und Dimensionen seiner doppelten
Identität begann er ein Studium der Geschichte und Slawistik an der
Leopoldina in Breslau. Ein ihn prägender Lehrer war Haushofer.
Aufgrund seiner polnischen
Abstammung ‚durfte‛ er nicht Soldat werden. Es gab dafür den zynischen
Ausdruck ‚wehrunwürdig‛. Jagemanns Vorteil war, dass er bis 1941 sein Studium
in Kleingruppen vertiefend betreiben konnte. Der Abschluss wurde ihm später
zuerkannt.
Die Kriegslage ‚erforderte‛
es 1941, alle jungen Männer zur Wehrmacht einzuziehen, deren man habhaft
werden konnte, so auch Franz E.O. Jagemann. Nach den üblichen Stationen
versetzte man ihn nach Lódż.[39]
Er wurde dort bei Vernehmungen von irgendwie Verdächtigten durch Polizei,
Gestapo, Wehrmacht und SS als Dolmetscher eingesetzt. Das dabei Vernommene und
Gesehene führte zu erheblichen inneren Konflikten, die zeitweilig medizinisch
behandelt wurden.
Seine doppelte Identität
führte zu der Gewissensentscheidung, Kontakt mit dem polnischen Widerstand
aufzunehmen; das bedeutete zugleich um den Preis des eigenen Lebens bei
Entdeckung. Sein Wissen um bevorstehende Maßnahmen – auch als Ordonanz im
Offiziersheim (das späteres Grand-Hotel) – führte dazu, dass er viele Menschen
vor deren drohender Verhaftung warnen und dadurch zur Flucht, zum
‚Untertauchen‛ verhelfen konnte. Bei einer Studienreise zeigte er mir (L.N.)
zwei miteinander über die Dächer verbundene Wohnhäuser, in denen sich damals
die konspirative Wohnung befand, in der er sich mit den polnischen
Widerstandskämpfern traf. Einer junger Frau, die ihm damals sehr nahe stand,
konnte er nicht mehr helfen. Sie ‚verschwand‛ ungeklärt.
Ein diesen Hintergrund
ahnender vorgesetzter Kamerad gab ihm einen Hinweis auf einen bestehenden
Verdacht gegen ihn. Er konnte sich dadurch entziehen, dass er sich zur ‚Front‛
meldete, in diesem Falle zur ‚Bandenbekämpfung‛ ins besetzte Jugoslawien,
genauer: den von der deutschen Wehrmacht besetzten Teil Sloweniens.
Auch dort setzte man ihn,
den Slawisten mit dem Zweitfach Slowenisch, als Dolmetscher ein. Inzwischen
zum Feldwebel befördert, nahm er auch dort Kontakt zu den Partisanen auf. Er
hielt sich zugute, private Waffenstillstandsvereinbarungen zu erreichen. Man
patrouillierte aneinander vorbei und vergoss dadurch kein Blut. Auch hier
geriet er bald in Verdacht zu konspirieren. Ein ehemaliger K.u.K.-Offizier gab
ihm den Tip, sich wegzumelden, diesmal zur ‚Ostfront‛. Das Kriegsende erlebte
er in Schlesien, konkret in den Abwehrkämpfen in und um Breslau. Hier wurde
dem Antimilitaristen, der anderen geistigen Dimensionen zugetane und im Herzen
Zivilist gebliebene, nach Abschuss von Feindpanzern das ‚EK I‛ verliehen,
verbunden mit der Beförderung zum Leutnant. Zuvor hatte ihn bereits nach
Kontaktaufnahme zum polnischen Widerstand, die ‚Heimatarmee‛[40]
zum Kapitan der ‚AK‛ ernannt.
Auf Grund seiner
Sprachkenntnisse konnte er sich durch die Tschechoslowakei bis nach Wien
durchschlagen, wo seine Familie wohnte. Die Österreicher wiesen ihn als
‚Reichsdeutschen‛ in die amerikanische Zone nach Bayern aus. Er gelangte
danach in den Raum Hannover. Dort ‚interessierte‛ sich der britische
Geheimdienst für ihn. Als Unbelasteter erhielt er die Lizenz, als Journalist
arbeiten zu dürfen. Diese berufliche Tätigkeit übte er in verschiedenen
Stationen in Funk und Presse als Redakteur und Chefredakteur aus. Danach war
er bis zu seinem Ruhestand in der Erwachsenenbildung leitend tätig.
Von Anfang an hat er sich
publizistisch mit Polen befasst. Die neuen Ziele waren die Beschäftigung mit
der Historie, die Bewältigung der Vergangenheit in Deutschland und
insbesondere die Initiierung und Mitgestaltung des Versöhnungsprozesses mit
Polen.
Ein Angebot der neuen
polnischen Regierung Anfang der 50er Jahren, die polnische Staatsbürgerschaft
anzunehmen und an verantwortlicher Stelle im Funk zu arbeiten, lehnte er ab.
Politisch war er nicht
meinungslos, dieses auch um den Preis des Dissenses mit einem Chefredakteur
oder Verleger. Auch in den Hochphasen des ‚Kalten Krieges‛ blieb er seinen
Grundsätzen treu und seinen Zielen verbunden. Sein organisatorischer Rahmen
war das Engagement in deutsch-polnischen Verbänden.
Die Herausgeber haben F.E.O.
Jagemann viel zu verdanken in ihrer eigenen fachlichen wie mentalen Hinwendung
zu dem Spannungsfeld Deutsche und Polen. Er ist für sie ein Vorbild in der
Verknüpfung von engagierter Arbeit und kritischer wissenschaftlicher sowie der
didaktischen Umsetzung in den Feldern der Bildung.
Die Vita vieler Menschen,
die durch Krieg und Nachkriegswirren geprägt sind, mag als ‚Schicksal‛ oder
‚tragische Verstrickung‛ angesehen werden. Es war immer schwer,
‚Menschlichkeit‛, ‚Würde‛ und ‚Anstand‛ zu bewahren. F.E.O. Jagemann hat
dieses in hohem Maße geleistet.
Das erstrebte Lebensziel des
jungen Franz, Historiker und Universitätslehrer zu werden, blieb ihm versagt.
Gleichwohl, er war als Journalist und Publizist der Geschichtswissenschaft im
weitesten Sinne, also der Nations- und Gesellschaftsgeschichte, verbunden.
Leider hat es keine
polnische Universität vermocht, seine Lebensleistung, sein vielfältiges
qualifiziertes Wirken, mit dem Doktor honoris causa zu würdigen.[41]
Vielleicht soll dies eher geschwätzigen Politikern vorbehalten bleiben.
F.E.O. Jagemann verbrachte
seinen Lebensabend hoch betagt in Norddeutschland und verstarb 2009.
Lothar Nettelmann und
Gerhard Voigt
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Anmerkungen (Fußnoten)