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Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt:

Feo Jernsson – Der Jammer ...
... anstelle einer Einleitung: Nachgedanken
[34]

Franz Eberhard Otto Jerzykiewicz, so der Taufname des Autors, wurde in einem Jahr großer Umwälzungen in Nowy Tomyśł (dt.: Neu Tomischel) in der damaligen Provinz Posen geboren. Im gleichen Ort hatte Paul von Hindenburg das Licht der Welt erblickt, der dann in der Stadt Posen aufgewachsen ist. Diese alte polnische Stadt[35] Poznań, deren Region als die Wiege Polens gilt, ist seit 1979 mit Hannover als Partnerstadt eng verbunden.

Der kleine Franz E.O. wuchs auf im Hause der deutschen Großeltern in Pniewy.[36] Als Zwei­jähriger erlebte er den Einmarsch der polnischen Truppen im ‚Polnischen Aufstand‛ in Wielko­polska (Großpolen). Er soll dabei, aus dem Erkerfenster des großelterlichen Hauses auf den Marktplatz blickend, gesagt haben: „Jetzt kommen die Kohlen.“

Von Anbeginn seines Lebens prägte ihn das, was man als etwas ‚Doppeltes‛, ‚Widersprüch­liches‛, etwas ‚Trennendes‛ und gleichzeitig wieder ‚Überbrückendes‛ das ‚Miteinander‛ su­chen­de vielleicht auch als einen ‚Spagat‛ bezeichnen könnte. Die komplizierten Zusammen­hänge, das oftmals in sich ‚Widerspüchliche‛, wird im Titel in einer seiner Publikationen deut­lich.[37]

Seine Vita spielt für das spätere Leben eine erhebliche Rolle. Der Vater war polnischer Nationalität, ein Pole aus dem Posener Land, Jurist und preußischer Beamter. Die Mutter ver­fügte über eine ausschließlich deutsche Identität, sie war deutschnational gesinnt. Auf Drängen der Mutter lehnte es der Vater ab, 1919 in den polnischen Staatsdienst einzutreten. Stattdessen ging die Familie nach Stettin. Der Vater änderte den Familiennamen[38] und verblieb im preußi­schen Staatsdienst.

Franz E.O. ‚genoss‛ die humanistische Bildung eines Stettiner Gymnasiums. Sicherlich nicht ohne die Intention einer Suche nach den Wurzeln und Dimensionen seiner doppelten Identität be­gann er ein Studium der Geschichte und Slawistik an der Leopoldina in Breslau. Ein ihn prä­gender Lehrer war Haushofer.

Aufgrund seiner polnischen Abstammung ‚durfte‛ er nicht Soldat werden. Es gab dafür den zynischen Ausdruck ‚wehrunwürdig‛. Jagemanns Vorteil war, dass er bis 1941 sein Studium in Kleingruppen vertiefend betreiben konnte. Der Abschluss wurde ihm später zuerkannt.

Die Kriegslage ‚erforderte‛ es 1941, alle jungen Männer zur Wehrmacht einzuziehen, deren man habhaft werden konnte, so auch Franz E.O. Jagemann. Nach den üblichen Stationen versetzte man ihn nach Lódż.[39] Er wurde dort bei Vernehmungen von irgendwie Verdächtigten durch Polizei, Gestapo, Wehrmacht und SS als Dolmetscher eingesetzt. Das dabei Vernommene und Gesehene führte zu erheblichen inneren Konflikten, die zeitweilig medizinisch behandelt wurden.

Seine doppelte Identität führte zu der Gewissensentscheidung, Kontakt mit dem polnischen Widerstand aufzunehmen; das bedeutete zugleich um den Preis des eigenen Lebens bei Ent­deckung. Sein Wissen um bevorstehende Maßnahmen – auch als Ordonanz im Offiziersheim (das späteres Grand-Hotel) – führte dazu, dass er viele Menschen vor deren drohender Ver­haftung warnen und dadurch zur Flucht, zum ‚Untertauchen‛ verhelfen konnte. Bei einer Studienreise zeigte er mir (L.N.) zwei miteinander über die Dächer verbundene Wohnhäuser, in denen sich damals die konspirative Wohnung befand, in der er sich mit den polnischen Wider­stands­kämpfern traf. Einer junger Frau, die ihm damals sehr nahe stand, konnte er nicht mehr helfen. Sie ‚verschwand‛ ungeklärt.

Ein diesen Hintergrund ahnender vorgesetzter Kamerad gab ihm einen Hinweis auf einen be­ste­hen­den Verdacht gegen ihn. Er konnte sich dadurch entziehen, dass er sich zur ‚Front‛ mel­dete, in diesem Falle zur ‚Bandenbekämpfung‛ ins besetzte Jugoslawien, genauer: den von der deut­schen Wehrmacht besetzten Teil Sloweniens.

Auch dort setzte man ihn, den Slawisten mit dem Zweitfach Slowenisch, als Dolmetscher ein. Inzwischen zum Feldwebel befördert, nahm er auch dort Kontakt zu den Partisanen auf. Er hielt sich zugute, private Waffenstillstandsvereinbarungen zu erreichen. Man patrouillierte an­einander vorbei und vergoss dadurch kein Blut. Auch hier geriet er bald in Verdacht zu konspirieren. Ein ehemaliger K.u.K.-Offizier gab ihm den Tip, sich wegzumelden, diesmal zur ‚Ostfront‛. Das Kriegsende erlebte er in Schlesien, konkret in den Abwehrkämpfen in und um Breslau. Hier wurde dem Antimilitaristen, der anderen geistigen Dimensionen zugetane und im Herzen Zivilist gebliebene, nach Abschuss von Feindpanzern das ‚EK I‛ verliehen, verbunden mit der Be­förderung zum Leutnant. Zuvor hatte ihn bereits nach Kontaktaufnahme zum polnischen Wider­stand, die ‚Heimatarmee‛[40] zum Kapitan der ‚AK‛ ernannt.

Auf Grund seiner Sprachkenntnisse konnte er sich durch die Tschechoslowakei bis nach Wien durchschlagen, wo seine Familie wohnte. Die Österreicher wiesen ihn als ‚Reichsdeutschen‛ in die amerikanische Zone nach Bayern aus. Er gelangte danach in den Raum Hannover. Dort ‚interessierte‛ sich der britische Geheimdienst für ihn. Als Unbelasteter erhielt er die Lizenz, als Journalist arbeiten zu dürfen. Diese berufliche Tätigkeit übte er in verschiedenen Stationen in Funk und Presse als Redakteur und Chefredakteur aus. Danach war er bis zu seinem Ruhestand in der Erwachsenenbildung leitend tätig.

Von Anfang an hat er sich publizistisch mit Polen befasst. Die neuen Ziele waren die Be­schäftigung mit der Historie, die Bewältigung der Vergangenheit in Deutschland und ins­besondere die Initiierung und Mitgestaltung des Versöhnungsprozesses mit Polen.

Ein Angebot der neuen polnischen Regierung Anfang der 50er Jahren, die polnische Staats­bürgerschaft anzunehmen und an verantwortlicher Stelle im Funk zu arbeiten, lehnte er ab.

Politisch war er nicht meinungslos, dieses auch um den Preis des Dissenses mit einem Chef­redakteur oder Verleger. Auch in den Hochphasen des ‚Kalten Krieges‛ blieb er seinen Grund­sätzen treu und seinen Zielen verbunden. Sein organisatorischer Rahmen war das Engagement in deutsch-polnischen Verbänden.

Die Herausgeber haben F.E.O. Jagemann viel zu verdanken in ihrer eigenen fachlichen wie mentalen Hinwendung zu dem Spannungsfeld Deutsche und Polen. Er ist für sie ein Vorbild in der Verknüpfung von engagierter Arbeit und kritischer wissenschaftlicher sowie der di­dak­ti­schen Umsetzung in den Feldern der Bildung.

Die Vita vieler Menschen, die durch Krieg und Nachkriegswirren geprägt sind, mag als ‚Schick­sal‛ oder ‚tragische Verstrickung‛ angesehen werden. Es war immer schwer, ‚Mensch­lichkeit‛, ‚Wür­de‛ und ‚Anstand‛ zu bewahren. F.E.O. Jagemann hat dieses in hohem Maße ge­leistet.

Das erstrebte Lebensziel des jungen Franz, Historiker und Universitätslehrer zu werden, blieb ihm versagt. Gleichwohl, er war als Journalist und Publizist der Geschichtswissenschaft im wei­tes­ten Sinne, also der Nations- und Gesellschaftsgeschichte, verbunden.

Leider hat es keine polnische Universität vermocht, seine Lebensleistung, sein vielfältiges quali­fiziertes Wirken, mit dem Doktor honoris causa zu würdigen.[41] Vielleicht soll dies eher ge­schwät­zigen Politikern vorbehalten bleiben.

F.E.O. Jagemann verbrachte seinen Lebensabend hoch betagt in Norddeutschland und verstarb 2009.

 

Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt

 

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Anmerkungen (Fußnoten) 

[34]     Das Manuskript dieses Buches wurde zur Jahrtausend-Wende verfasst. Beim Korrekturlesen wurde die Recht­schreibreform angemessen berücksichtigt. Es wurde seitens der Herausgeber darauf geachtet, die Diktion des Autors zu er­halten. Sein Denk- und Formulierungsstil, der bereits in den dreißiger Jahren geprägt wurde, sollte als eigenes Zeitzeugnis erhalten bleiben.

[35]     Die deutschsprachigen Ankömmlinge machten daraus zunächst Posenau, woraus später Posen wurde.

[36]     Die deutsche Bezeichnung für diese Kleinstadt an der Achse Berlin – Posen war Pinne. Es lohnt sich, dort einen Abstecher zu machen zum Besuch der ehemals ev. Kirche. Sie ist eine der beachtenswerten Schinkel-Bauten im Posener Land aus preußischen Zeiten.

[37]     Feo Jernsson: Polen im Widerspruch. Eine geistig-politische Landschaftsbeschreibung. München 1987.

[38]     Aus Jerzykiewicz wurde Jagemann. Das zumeist verwendete Pseudonym Jernsson ist die Übertragung des polnischen Familiennamens ins Schwedische. Ein anderes Pseudonym war Jerrig.

[39]     Die polnische (damals noch multinationale bzw. multikulturelle) Stadt Lódż (dt.: Lodz oder Lodsch) wurde während der Okkupation in Litzmannstadt umbenannt. Es gibt Bundesbürger, deren Geburtsort von den Be­hörden unterschiedlich mit einer dieser Namensformen angegeben werden.

[40]     Die ‚Heimatarmee‛ (‚AK‛ = ‚Armia Krajowa‛) war die größte polnische Untergrund-Armee. Sie war politisch mit der Exilregierung in London verbunden. Viele ihrer Angehörigen wurden am Kriegsende von den Sowjets umgebracht. Die polnischen Kommunisten haben ihre Angehörigen Jahrzehnte diskriminiert.

[41]     Der Vf. (L.N.) hat in den 80er Jahren entsprechende Anregungen an die zuständigen Stellen in Poznań geleitet.

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Impressum der Druckausgabe:

Hannover 2008

Im Vertrieb der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

An der Bismarckschule 5

30173 Hannover

Sonderband S 2/08

Herausgegeben von Gerhard Voigt

bismarckschule.voigt@gmx.de

Feo Jernsson:

Der Jammer mit dem ‚Historismus‛ und seine Verfremdungen. Unsystematische Gedanken.

Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt

Hannover 2008

Verlag der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover

ISBN-10: 3-930307-18-9, ISBN-13: 978-3-930307-18-0, EAN: 9783930307180

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Bearbeitungsstand: 10. August 2009

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