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Aus: Junge
Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen.
Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt
Lothar Nettelmann
Perspektiven
für die neunziger Jahre
Unsere Intentionen bleiben:
-
der Wunsch, nach erfolgter Normalisierung das
Verständigungs- und Versöhnungswerk fortzusetzen;
-
den europäischen Einigungsprozeß in der
Bewegung junger Menschen.
Die Vereinigung der Deutschen sollte uns
ermutigen, neue Brücken zu bauen - vor allem über die Oder. Diese sind in jeder
Hinsicht dringend notwendig. Die Bundesregierung hat sich zusammen mit der
Regierung der Volksrepublik Polen verpflichtet, „in allen Bereichen und auf
allen Ebenen die Begegnung und den Austausch von Schülern, Studenten, jungen
Berufstätigen und anderen Jugendlichen sowie die Zusammenarbeit der
Jugendorganisationen, der Schulen und der in der Jugendarbeit tätigen
Institutionen und Organisationen“ zu unterstützen (Artikel I des Abkommens).
Doch guter Wille - oder besser - feste Überzeugungen wie erkannte
Notwendigkeiten sind nur eine wesentliche Voraussetzung.
Die andere Frage ist: Kann die polnische Seite
ebenfalls die ihrerseits nötigen Voraussetzungen erfüllen; ist sie in der Lage,
die ökonomischen und politischen Voraussetzungen zu erfüllen? Nach Artikel 6
„vereinbaren die Vertragsparteien die beiderseits devisenlose Durchführung des
Jugendaustausches“ (Abs.1) und „stellen die Mittel für den Jugendaustausch und
für die Sekretariate nach Maßgabe der in jedem Land geltenden
Rechtsvorschriften“ (Abs. 2).
Damit stellt sich die Frage der Perspektive auf
der Basis der Situation der Jahre 1989 und 1990, die für Polen zweifellos
tiefgreifende Veränderungen ergaben. Die politischen Umwälzungen sind das
eine, die Wirtschaftsreform das andere. Den politischen Weg zur
parlamentarischen Demokratie, der jetzt irreversibel begangen wird, begrüßen
wir aus ganzem Herzen. Nur ein frei gewähltes Parlament und eine demokratisch
legitimierte Regierung kann das Vertrauen der Bürger für sich beanspruchen,
angesichts der erfolgten wie auch der in den nächsten Jahren zu erwartenden
Entscheidungen.
Erwachsene und Jugendliche in Polen befinden sich
in einer
schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Lage.
So schmerzhaft die drakonischen wirtschaftspolitischen Maßnahmen waren, so
unbestritten notwendig sind sie andererseits. Die Inflation wurde drastisch
von 80% pro Monat im Januar 1990 auf 5% im März 1990 herabgesetzt. Die Freigabe
der Marktkraft verspricht wesentliche Impulse. Die lähmende Dollarspekulation
wurde eingedämmt! Die verfügbaren Rahmendaten sehen aber nicht rosig aus: Die
Auslandsverschuldung von ca. 40 Mrd. US-$ wird allein aufgrund der gestundeten
Zinsen p.a. mit steigender Tendenz um mindestens 2 Mrd. US-$ anwachsen.
Tilgungen erfolgen z.Zt. nicht. Die Umstellung im RGW-Bereich vom
Transferrubel auf eine Hartwährungsbasis kann in den folgenden Jahren neue
Defizite bringen.
Trotzdem ist der Weg des Abbaus von Subventionen,
der Schlies-sung von unrentablen Betrieben und damit der Zwang, effizient und
konkurrenzfähig zu produzieren, gegenwärtig die einzig mögliche Alternative.
Für die Betroffenen ist es schmerzlich, die individuellen Notgroschen, die man
in Form von kleineren Dollar- oder DM-Noten gespart hat, jetzt opfern zu
müssen, um dringend nötige private Investitionen zu tätigen, weil diese aus
dem laufenden Einkommen nicht bezahlt werden können. Die Aktivierung dieser
stillen Reserven ist für die gesamte Volkswirtschaft unabdingbar. Trotz
empfindlicher Reallohneinbußen von etwa 30% im Januar 1990 hat der Bürger die
Beseitigung des entwürdigenden Zwanges der Mangelverteilung mit seinen
diversen Negativauswüchsen mit großer Erleichterung und prinzipieller
Zustimmung aufgenommen.
Die wichtigen psychologischen Folgewirkungen
werden hoch eingeschätzt. Man bedenke das Spannungsverhältnis in diesem
ehemals autoritär regierten Staat mit seinem strengen Normsystem, in dem sich
nach den siebziger Jahren nach und nach ein System der Halb- oder gar
Illegalität entwickelt hat. Die Praktiken der Schattenwirtschaft, der graue
Markt, sind - soweit systembedingt - verschwunden.
Nicht zu unterschätzen ist der dem Abbau des
Spannungsverhältnisses folgende Umbruch des Wertesystems. Die dadurch
entstehenden Lücken werden gegenwärtig - wo dies vorher nicht schon geschehen
ist - durch den zunehmenden Einfluß der katholischen Kirche ausgefüllt.
Für unsere gesamte Jugendarbeit haben die
Veränderungen im sozialen, ökonomischen und politischen Bereich nachhaltige
Folgen. Dies zu wissen ist notwendig für unsere künftige Arbeit. Alle
gegenwärtigen Untersuchungen und Stellungnahmen gehen davon aus, daß Polen
die bevorstehenden Schwierigkeiten nicht allein bewältigen kann.
Die Verantwortung des Westens besteht nun
eindeutig darin, alles Íkonomische zu tun und Politische zu lassen, was einer
erneuten Stabilisierung in Polen Vorschub leisten könnte. Ermutigendes
verspricht in diesem Zusammenhang der Besuch des Bundeskanzlers in Polen im
November 1989 sowie der Abschluß der bilateralen Verträge zwischen der
Bundesrepublik und Polen. Im IWF scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu
haben, daß ein Stillhalten bzw. die Gewährung neuer Überbrückungskredite zu
einer Gesundung der polnischen Volkswirtschaft zwingend notwendig sind.
Andernfalls droht eine konkursähnliche Situation. Diese wäre aber im
Zusammenhang mit der Weltverschuldungskrise zu sehen und zu lösen.
Man denke aber auch daran, daß der massive
politische Druck der westlichen Kreditgeberländer den innenpolitischen
Demokratisierungsprozeß nachhaltig gefördert hat. Leider sind in der
Vergangenheit die Kreditvergaben, waren sie in erster Linie doch ein Geschäft
mit starkem Vorteil des Westens, in der innenpolitischen Auseinandersetzung
manchmal als vermeintliche Unterstützung eines kommunistischen Regimes
mißinterpretiert worden.
Gegenwärtig gibt es die Tatsache, daß der
bereitgestellte Stabilisierungskredit der Weltbank von einer Mrd. US-$ nicht
abgerufen zu werden brauchte, einen ermutigenden Ausblick auf durchaus
vorhandene Selbstheilungskräfte.
Sicherlich werden in den polnischen Schulen ─nderungen
erfolgen. Für uns bleibt dabei nur die Rolle des Beobachters dieser
Komponente des Reformprozesses. Für Schüler(-innen) und Lehrer(-innen) gilt
das gleichermaßen.
Weil aber dieses Geschehen, daß in Mitteleuropa am
eine einer unglücklichen Periode abläuft, auch ein von uns gewolltes
selbstbestimmtes Handeln ist, haben wir eine gemeinsame Verantwortung für alle
jungen Menschen in diesem gemeinsamen Haus: EUROPA.
Wie gehen wir aber miteinander um? Aufeinander
zugegangen sind wir ja bereits. Diese Frage bleibt bzw. stellt sich immer neu.
In den Einzelaufsätzen wurden je nach erlebter Situation nach
unterschiedlichen Ansätzen und Intentionen inhaltlich argumentiert. Jedes
Gespräch, jede Begegnung, jede Problemlage ist für sich einmalig - also auch
individuell zu lösen. Wir haben versucht, die verschiedenen Beispiele
deutsch-polnischer Begegnungen so darzustellen, wie wir sie erlebt und
verarbeitet haben. Soweit es der Gegenstand zuließ, wurden die Problemebenen
herausgearbeitet. Rezepte lassen sich aus all dem nicht ableiten. Wohl aber
Ansatzpunkte für eigene Vorhaben bezüglich eines Schüler- und
Jugendaustausches. Ein wesentlicher Aspekt aller Mitwirkenden muß aber deutlich
geworden sein: Betreuer und Jugendliche, Schule, Kirche oder Verein können nur
als gemeinsam Erlebende und Handelnde nach Polen fahren. Vorbereitungen, das
gemeinsame Gespräch auf der Reise und die Nachbereitung sind unabdingbar. Wir
meinen, für diese Phasen der Begegnungen und der Reisen Grundlagen, Beispiele,
Erfahrungen, Problemsituationen beigesteuert zu haben, die es erleichtern,
alle Erfahrungen selbst zu machen.
Ein Anliegen muß deutlich bleiben: die
Sensibilität in Polen für seinen geschichtlichen Rahmen, für Stolz und
erbrachte Leistungen auch in sehr schwierigen Zeiten und damit der Anspruch der
Menschen auf Achtung ihrer selbst. Dies ist für uns alle selbstverständlich,
nur eben schwierig umzusetzen. Wenn unsere Arbeit eine Hilfestellung gibt, die
Menschen in ihrer Umwelt bewußt wahrzunehmen, sie bewußt anzunehmen mit dem Ziel
gegenseitiger Wertschätzung, dann ist ein wesentliches Ziel erreicht.
Inhaltsverzeichnis
Herbert Schmalstieg: Vorwort
Zeitgeschichtliche Notiz 1990
Lothar Nettelmann:
Einleitung: Schüleraustausch - warum mit Polen?
Zur Konzeption
Lothar
Nettelmann: Einleitung 1993. Zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
deutsch-polnischer Jugendarbeit als Folge des politischen Paradigmenwechsels in
Polen und ihrer Bedeutung für die Träger politischer Bildung in Deutschland
Lothar
Nettelmann: Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 -
die Mahnung des 1. September 1939
Ulrich
Bauermeister: Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen
und Polen als Auftrag der UNESCO (1989)
Gerhard Voigt: Polenreisen der Bismarckschule
Hannover - Modellbeispiele und
Alternativen
(1989)
Gerhard Voigt:
Polenreisen in Zeiten der gesellschaftlichen Krise [Didaktische Konzeption,
Reiseroute, Reiseziele] (1993)
Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr.Wolfgang
Scholz: Der
Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover
Wolfgang Jordan, Lothar Kutsch: Ein
Schulchor, eine Theatergruppe und ein Leistungskurs fahren...
(1989)
Siegfried Riedel: Schüleraustausch im Geist der Ökumene (1989/1993)
Michael Droldner, Matthias Bömeke:
Ein Schüleraustausch zwischen katholischer
Schule und Pfarrgemeinde (1989)
Werner Fink, Ursula Ruehr: Gedanken zu einem Arbeitsbesuch mit Schülern
im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof
(1989)
Dr. Olgierd Lissowski, Poznań: Jugendaustausch
und Politik
(1989)
Piotr Korek,
Poznań: Ein Schüler- oder Schulenaustausch? (1989)
Joachim
Dallwig: Polenkontakte heute (1989)
Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften
(1991)
Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft
lädt Hannoveraner ein (1992)
Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte
(1993)
Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen...
(1991)
Elisabeth Goldmann: Bericht über den ersten Besuch
einer Gruppe von 20 Schülern der Realschule I, Burgdorf (1993)
Lothar Nettelmann: Thesen zu den veränderten
gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Polen und ihre Bedeutung für die
deutsch-polnische Jugendarbeit (1993)
Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger
Jahre im Jahre 1990
Henryk Wolkonskis: Ist der Weg
deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 1992
Anhang: Autorenverzeichnis
Impressum für diese Publikation
Herausgeber: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt
Redaktion Gerda Heinemann Lothar Nettelmann
Gerhard Voigt Armin Walthemate
Herausgegeben für die
Deutsch-Polnische-Gesellschaft Hannover e.V. und den UNESCO-Club der
Bismarckschule Hannover e.V.
Junge Deutsche und Polen begegnen sich.
Schüleraustausch und Studienreisen. Hrsgg. von Lothar Nettelmann und Gerhard
Voigt - Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule
Hannover, e.V. (An der Bismarckschule 5, Hannover) und Deutsch-Polnische
Gesellschaft Hannover e.V., 1990.
Satz und Layout: Ritterdesign, Laatzen
Printed in Germany
(Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.) 1. Auflage 300
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von
Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren
bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis.
Internetpublikation auf
http://www.polen-didaktik.de August 2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de
http://www.unesco-club-hannover.de
Vgl. dazu
Impressum
Überarbeitet August 2009
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