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Aus: Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt

Siegfried Riedel

Schüleraustausch im Geist der Ökumene

Am 7. Oktober 1988 traf eine evangelisch-katholische Schü­ler­grup­pe aus Gehrden (bei Hannover) mit dem Krakauer Diözesanbischof Kazimierz Nycz im Erzbischöflichen Palais zu einem Gespräch zu­sam­men. Wir be­richteten: in unserer kleinen Stadt sind die evan­gelische und die katholische Ge­meinde durch gemeinsame öku­me­ni­sche Praxis vielfältig verbunden, z.B. Gebetsgottesdienste, Gemein­de­seminare, Tagesfahrten, Taizé-Andachten, ökumenische Hilfe Zim­babwe e.V. und anderes. Und wir fragten den Bischof: Würden Sie der kath. Gemeinde der Marienkir­che erlauben, in vergleichbarer Wei­se zusammenzuarbeiten, mit der evangelisch lutherischen Ge­mein­de, deren Kirche wenige hundert Meter entfernt steht? Nycz ant­wor­tete, er bekenne sich im weltweiten Horizont zur Íku­menischen Be­wegung und bejahe grundsätzlich in der Praxis eine Zu­sam­men­ar­beit konfessionsverschiedener Gemeinden, während für alle theo­lo­gi­schen Fragen die Experten zuständig seien. Als wir die Frage konkret für die Stadtmitte Krakaus wiederholten, vermied der Bischof eine klare Antwort.

Diese doppelbödige Antwort scheint mir symptomatisch zu sein für die ökumenische Konstellation der Kirchen in Polen - Katholi­sche Kirche (etwa 90% der Gesamtbevölkerung von 37,5 Millionen) und andere Konfessionen (etwa 3%) entwickeln sich im wesentli­chen be­ziehungslos. Jüngste Impulse aus beiden Feldern kirchlichen Le­bens seien deshalb zunächst gesondert skizziert.

1. Impulse aus der Römisch-Katholischen Kirche

Seit dem Mord an dem Warschauer Vikar Jerzy Popieluszko am 19.10.1984 kam es zu einer neuen Welle der Konfrontation zwischen Staat und Kirche. Bischöfe und Priester wurden am Rande des Thor­ner Prozesses rechtswidriger Aktivitäten beschuldigt; der Kirche wurde ein Rückfall in den alten Klerikalismus vorgeworfen, und es wurde von ihr Selbstbeschränkung auf ihre religiösen Aufgaben ver­langt. Demgegenüber verteidigte die 207. Plenarkonferenz der

Bischöfe das Recht der Priester, moralische Meinungen zu politi­schen Fragen zu äußern, und protestierte gegen die Verschärfung des Strafrechts. Kardinalprimas Glemp zeigte sich in der Praxis jedoch bereit zum Einlenken gegenüber dem Staat, indem er z.B. einen reli­giös-national aufflammenden Popieluszko-Kult ablehnte und ange­sichts des „stabilen Gegensatzes“ von Staat und Kirche den aktuellen Kurs der Kirche dahin abwandelte: Rückzug aus der Politik und Konzentration auf die kirchliche Bildungsarbeit als wichtigste Auf­gabe.

Auf dieser Linie legte der Bischof von Przemysl, Ignacy Tokarc­zuk, 1987 ein intensives und konkretes Seelsorgeprogramm vor, das den Weg der Kirche bis zum großen Jubiläum 2000 vorrangig cha­rakterisieren sollte. Summarisch läßt sich sagen: das dominierende Modell der Römisch-Katholischen Kirche Polens bleibt die Volkskir­che, wobei der Akzent mehr auf der nationalen als auf der sozialen Bedeutung dieses Begriffes liegt.

Bemerkenswert bleibt eine Episode zum polnischen Gedenken „40 Jahre nach Kriegsende“. Am 23.06.1985 feierte in Stettin unter Teil­nahme aller Bischöfe die Katholische Kirche in Polen ihre „Rückkehr“ in die Oder-Neiße-Gebiete vor 40 Jahren. Gegen den Triumphalismus des polnischen Episkopats wandten sich die Apo­stolischen Visitatoren der Katholiken im Erzbistum Breslau mit einer Erklärung, in der sie es begrüßten, daß kein deutscher Bischof der Einladung nach Stettin gefolgt war. Jüngstes Anzeichen eines sol­chen Triumphalismus ist das Tauziehen um den - ökumenisch geson­nenen - Oppelner Bischof Nossol, der Bundeskanzler Kohl im Rah­men sei­ner Polenreise 1989 auf den Annaberg einlud. Vor seiner Einladung war er vom polnischen Primas dem Vatikan als Kandidat für den Kardinalshut präsentiert worden. Die Ausladung Kohls vom Annaberg ging vom polnischen Episkopat aus, der sich einer offi­ziellen Zulassung deutschsprachiger Messen für die deutschstämmi­gen Oberschlesier widersetzte. Danach wurde Nossols Kandidatur suspendiert.

Die hier skizzierten jüngsten Impulse aus der Römisch-Katholi­schen Kirche Polens sind m.E. einzubeziehen in die tiefergehende Emotion, die das katholische Polen erfaßte, als der Krakauer Erzbi­schof Karol Wojtyla am 16.10.1978 zum Papst gewählt wurde. An diesem Tage begrüßte Stefan Kardinal Wyszynski Papst Johannes Paul II. in Rom mit den glühenden Worten: „...Mutter der polnischen Erde, freue Dich, Du hast der Kirche ihren besten Sohn gegeben, ge­prägt und gehärtet in den Schlachten und Leiden der Nation.“

Für die Gläubigen der Römisch-Katholischen Weltkirche ist das An­laß genug, nach dem Wesen des polnischen Katholizismus zu fra­gen. Dieselbe Frage stellt sich auch für Nichtkatholiken, jedoch mit dem spezifischen Interesse zu erkunden, ob der polnische Katholi­zismus auf eine weltoffene Ökumenizität geschichtlich vorbereitet ist. Hat er die Ökumenische Bewegung, die seit 1910 die nichtpol­nische Welt anspricht, wahrgenommen?

Ich verhehle nicht meine persönliche Skepsis in Richtung dieser Frage. Sie sei hier in einer knappen geistesgeschichtlichen Perspek­tive arti­kuliert. Aleksander Swietochowski, führender Publizist (1849 - 1939), faßte polnische Selbstkritik in den Aphorismus: „Im Erguß der Gefühle sind wir die Meister, im Handeln des Verstandes schwach. Deshalb haben wir hervorragende Poeten, aber überhaupt keine Phi­losophen und nur wenige Genies der Wissenschaft.“ Eine Generation später klagte Waclaw Berent, Warschauer Naturwissen­schaftler und Romanschriftsteller (1873 - 1940): „Die für alle Völker kostbarste und für Polen seltenste Gabe ist das Organisationstalent.“ 1973 schrieb der Chefredakteur der Wochenzeitung Tygodnik Pows­zechny des Erzbistums Krakau, Jerzy Turowiczu: „Der Durch­schnittspole empfindet Treue und Bindung an die Kirche und Glau­ben sehr tief, in einer traditionalistischen und gefühlsbetonten Weise. Unglücklicherweise haben wir keinen rationaleren Zugang zu unse­rem Glauben entwickelt. Mit wenigen Ausnahmen hatten wir in Po­len nie große Theologen, weder in der Vergangenheit noch in neuerer Zeit.“ Auch das Urteil eines Widersachers, des marxistischen Mini­sters für die Glaubensgemeinschaften Kakol, sei hier nicht unbeach­tet, 1976 aus­gesprochen: „Im Gegensatz zu den westlichen Ländern gibt es in Po­len keine Krise der religiösen Praxis. Die Gläubigen ge­hen zur Kir­che. Aber ist das denn ein Zeichen der Stärke der Katholi­schen Kir­che? Keineswegs! Die Tatsache, daß die Kirche in Polen keine Kri­sen erlebt, die den Westen erschüttern, bezeugt gerade ihre Schwä­che. Die Frömmigkeit der polnischen Katholiken ist ober­flächlich und emotional. Ohne eine Krise durchzumachen, ist die Kirche in Polen dabei, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzt. Die pol­nischen Katholiken sind dogmatisch unwissend: sie wissen weder etwas von der Erbsünde noch etwas von der Schöpfung. Das interes­siert sie einfach nicht.“ Am eingehendsten hat der französische Kirchenhistori­ker Georges Castellan die „Geschichte des polnischen Katholizismus 1795 - 1982“ dargestellt. Er dokumentiert die Haltung des polnischen Episkopats unmittelbar nach der Ausrufung des Kriegsrechts am 13.12.1981 wie folgt: „Wieder einmal in der pol­nischen Geschichte Polens erhebt sich die Kirche Polens als 'eherne Festung' inmitten ei­nes verwüsteten öffentlichen Lebens, bereit, die Nation zu verkör­pern. So stark ist der historische Mythos von der Gleichsetzung des 'Polonismus' mit dem Katholizismus.“

2. Impulse aus dem Polnisch-Ökumenischen Rat der Kirchen

In ihm sind zusammengeschlossen die Evangelisch-Augsburgische Kirche (etwa 80000 Mitglieder), die Evangelisch-Reformierte Kirche (etwa 5000 Mitglieder), die orthodoxe Kirche (etwa 320000 Mitglie­der) sowie mehrere sehr kleine Freikirchen. Der PÍR führt seine Ta­gungen in Warschau durch, zumeist in den Räumen der Christlich-Theologischen Akademie, die den Pfarrernachwuchs der lutherischen Kirche Polens heranbildet. Deren Bischof, Janusz Narzynski, tritt in der Íffentlichkeit zumeist als Wortführer des PÍR auf. Die folgende Skizze muß sich auf Impulse aus der Evangelisch-Augsburgischen Kirche beschränken, weil allein sie ökumenisch aktiv geworden ist, während alle anderen Kirchen und Freikirchen Polens in den Zustand eine Ghetto-Menta­lität zu geraten und Minderheiten- und Minder­wertigkeitskom­plexe zu entwickeln drohen.

Zumeist fällt dem Besucher Evangelisch-Augsburger Gemeinden in Polen auf, daß in den achtziger Jahren ein Netz von Gemeinde­partnerschaften entstanden ist. Heute pflegt jede lutherische Ge­meinde Polens die Beziehung zu einer evangelischen Gemeinde im Ausland, zumeist in der Bundesrepublik. Solche Beziehungen sind dort aus vier Gründen wichtig: die Auswirkungen einer jahrzehnte­langen politischen Abrie­gelung zu überwinden - die Mitgliedschaft im Lutherischen Welt­bund durch Gemeindepartnerschaften zu einem erprobbaren Rückhalt im Glauben werden zu lassen - Anschauung über fruchtbare Íku­mene-Praxis für die polnische Situation zu ge­winnen - materielle Unterstützung für ihre fortlaufende Arbeit zu er­langen.

Charakteristisch für die Evangelisch-Augsburgische Kirche Polens ist sodann die Pflege der Kirchenmusik. 1985 fanden in den lutheri­schen Schwer­punkten Warschau und Teschen zum Gedenken an den 300. Geburts­tag Johann Sebastian Bachs und Georg Friedrich Hän­dels Musiktage statt. Nachdem durch westliche Spenden eine neue Orgel für die bis 1945 evangelische, seitdem katholische Marienkir­che in Danzig fi­nanziert wurde, erstrebt jetzt die evangelisch-augs­burgische Gemeinde in Warschau eine neue Orgel für ihre Trinitatis­kirche. Hierfür werden zur Zeit Spenden in der Bundesrepublik ge­sammelt. Jerzy Toeplitz, Mitglied des Oberkirchenrats in Warschau, belegt bei Vortragsreisen in der Bundesrepublik eindrücklich die An­ziehungskraft, die die Or­gelkonzerte der Trinitatiskirche seit langem auf die polnische Metro­pole ausübt.

Im Mai 1985 trat die 8. Synode der Evangelisch-Augsburgischen Kirche zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen, konzentriert auf die Losung des Lutherischen Weltbundes von Budapest von 1984: „Seid immer be­reit zum Zeugnis der Hoffnung, die über Euch ist.“ In seinem Grund­satzreferat beleuchtete Bischof Janusz Narzynski die aktuelle Lage seiner Kirche wie folgt: Die Verbindungen zum Luthe­rischen Welt­bund seien erfreulich, Ökumenische Kontakte zu Kir­chen im Ausland seien ergiebig, seine Kirche erlebe eine „Renais­sance des Glaubens“, die Zahl der Gemeindemitglieder sei im Wach­sen, Neubauprojekte für Kirchen, Kapellen und Katechesezen­tren seien sichtbarer Aus­druck einer Aufwärtsentwicklung; mit Evan­gelisationen und Zeltla­gern habe man sich besonders an die junge Generation gewandt. Während die Stimme der Evangelisch-Augs­bur­gischen Kirche Polens im Rahmen in­ternationaler kirchlicher Ver­bände geschätzt werde, sei der Ökumeni­sche Dialog mit der Rö­misch-Katholischen Kirche Polens bedauerli­cherweise weitgehend auf dem Papier geblieben.

Den letzten Hinweis des Bischofs greife ich kritisch kommentie­rend auf. Sein Amtssitz und das Palais des polnischen Primas stehen Haus­wand an Hauswand. Lange Jahre hindurch wurde nachbar­schaft­lich kein Gruß getauscht. Erst als die gemeinsame Dachrinne einen Defekt hatte, kam es zum ersten „Ökumenischen Dialog“ zwi­schen An­gestellten beider Häuser betreffend Schadensregulierung. Diese Episode wirft ein Schlaglicht auf die tatsächliche Vereisung, die das katholisch-lutherische Verhältnis seit langem charakterisiert und die durch diplomatische Floskeln nach außen beiderseits nur schlecht kaschiert wird. Ihre Entstehungsursache hat diese Vereisung haupt­sächlich in der gegensätzlichen Positionsbestimmung beider Seiten im Verhältnis von Staat und Kirche. Die Katholische Kirche, Anwalt der Volksmassen, kämpfte jahrzehntelang gegen den Atheis­mus im Lande und das leninistische Herrschaftssystem. Wenngleich in den achtziger Jahren viele Intellektuelle, kritische Künstler, Wis­senschaftler und Journalisten in der Solidarnosc mitarbeiteten, schreibt die katholische Masse des Volkes doch die Ablösung des kom­munistischen Regimes 1989 hauptsächlich der Standhaftigkeit ihrer Kirche zu. Demgemäß wurde auch ein praktizierender Katholik ers­ter Ministerpräsident einer nichtkommunistischen Regierung. Im Un­terschied hierzu wurde dem im PÍR tonangebenden Bischof Nar­zyn­ski bei zahlreichen Anlässen bis 1989 attestiert, daß seine allzu de­monstrativ bekundete Staatsfrömmigkeit bei der Masse der pol­ni­schen, d.h. katholischen Bevölkerung die Evangelisch-Augsburgi­sche Kir­che immer mehr in Miskredit bringe. Der kirchenpolitische Kurs Nar­zynskis versetzte zudem seine Pfarrer und Gemeinden in einen an­haltenden Gewissens- und Loyalitätskonflikt.

Mei­nes Erachtens ist diese Problemlage maßgebend dafür, daß es zu ei­ner konstruktiven ökumenischen Beziehung zwischen der Römisch-Katholischen und der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen noch nicht kommen konnte.

3. Ausblick

Am 15.10.1986 traf eine andere Gehrdener Schülergruppe zu einem Gespräch mit dem Krakauer Kardinal Franciszek Macharski zusam­men. Eine der an ihn gerichtete Fragen bezog sich auf seine Beurtei­lung der ökumenischen Beziehungen zwischen den Kirchen Polens. Da­mals antwortete er uns: „Eine meiner wichtigsten Aufgaben sehe ich darin, meine Kirche auf eine fruchtbare ökumenische Zusam­men­ar­beit mit allen kleineren Kirchen unseres Landes vorbereiten zu hel­fen. Das wird uns noch viel Geduld abverlangen.“

Die polnische Umwälzung 1989 hat rascher, als wir damals ahnen konn­ten, eine der belastenden Barrieren fortgeräumt. Diese Umwäl­zung konfrontiert alle Kirchen Polens mit ganz neuartigen Heraus­for­derungen, sie hat aber auch die Perspektive des Kardinals freige­setzt.

Nachtrag 1993. Polnische Wende 1994:
Ein Rückschlag für ökumenische Deutsch-Pol­nische Partnerschaft?

Von 1986 bis1989 engagierten sich ökumenische Schülergruppen des Mat­thias-Clau­dius-Gymnasi­ums Gehrden beim Aufbau einer Partnerschaft mit Ju­gendlichen der kleinen evangelischen Kirchen­gemeinde Krakau und mit den etwa 80 Schülern der franziskanischen Klosterschule in Kalwaria Ze­brzy­dowska, dem zweit­größ­ten pol­nischen Wallfahrtsort nahe Krakau. Je zwei 14-tägige Besuche dort und hier hat­ten zu Briefwechsel und zu per­sön­lichen Einzelbegegnun­gen zwi­schen­zeitlich ge­­führt, und die polnische Wen­de 1989 hatte begonnen, die Phanta­sie beider Part­ner zu beflügeln.

Der Sommer 1989 veränderte dann die Ausgangslage dieses Brücken­baus grund­­legend. Zu den frühesten Regierungsentscheidungen des Mi­ni­ster­­prä­si­den­ten Tadeusz Mazowiecki gehörte es, eine langjährige For­de­rung der Solidarnosc zu erfüllen: der polnische Staat gab den Kirchen des Landes mehrere hundert Ge­bäude zurück, die das marxistisch-lenini­sti­sche Regime nach 1945 beschlag­nahmt hatte, darunter auch einen grös­se­ren Gebäudekomplex in Łódź, der bis 1939 eine leistungs­starke fran­zis­ka­nische Ordensschule beherbergt hatte. Ohne Zögern ord­nete der fran­zis­kanische Provinzialrat an, diese Gebäude zu sanieren, in Lódz ein neu­es Lehrerkollegium aufzubauen und unsere Partnerschule in die 350 km ent­­fernte Industriestadt zu verlegen. Dies wurde im Sommer 1990 voll­zo­gen, und im Herbst sondierte ich in Łódź, Krakau und Kalwaria, welche Kon­sequenzen zu ziehen seien:

a. Da uns in Gehrden zwei Partnerschaften nach Südpolen und Zen­tral­po­len über­fordern würden, gaben wir die Klosterschule Łódź auf, nicht zuletzt auch deshalb, weil das Gehrde­ner Gymnasium inzwischen in mehreren anderen Ost­­europäischen Ländern aktiv geworden war und ein gesondertes Interesse an Polen zurücktrat.

b. Die kleine evangelische Gemeinde in Krakau, nach 1989 einem uner­war­teten Schrumpfungsprozeß ausgesetzt, zog sich auf die Pflege einer seit zehn Jah­ren anhaltenden Bezie­hung zu einer holländischen Ge­meinde zurück und bat um Verständnis: „Es fehlen uns die Kräfte, die zweite Partnerschaft mit Gehr­dener Jugendlichen fortzusetzen.“

c. In Kalwaria hingegen erklärte der neue Direktor des Priestersemi­nars, Dr. Ed­mund Swierczek, Studenten und Dozenten seien interessiert, eine öku­me­ni­sche Partnerschaft mit Gehrden zu pflegen. Daraufhin er­klär­ten die Ver­ant­wort­lichen der evangelischen und der katholischen Kir­chengemeinden in Gehrden, der weitere deutsch-polnische Brüc­ken­bau sei erwachsenen Gemeinde­mitgliedern an­zu­ver­trauen.

So kam es im Herbst 1991 zum V. Brückenschlag: Zwölf Gehrdener be­such­­ten das Priesterseminar Kalwaria und hatten für gemeinsame Ge­sprächs­runden insbe­sondere drei Themen vorbereitet, die aus polnischer Sicht vordringlich seien:

1. Deutscher, russischer und polnischer Antisemitismus im 20. Jahr­hun­dert und die Chan­cen eines christlich-jüdischen Dialogs –

2. Ökumenische Zusammenarbeit – wie kann sie vor Ort gestaltet wer­den?

3. Was kann in einem demokratischen Staat der einzelne Bürger tun, um Got­tes Schöpfung zu bewahren?

Im Kloster wurden wir, franziskanischer Gastlichkeit gemäß, freundlich auf­­ge­nom­men und im Refek­torium feierlich empfangen von den versammel­ten Studenten und Dozenten. Entscheidend sollten die Rundgespräche zu den drei vereinbarten The­men werden. Drei Termine wurden verabredet. Das erste Thema führte uns zu einer ergiebigen Diskussion. Zum zweiten Thema erschienen die Studen­ten nicht – der Pater Magister, der nachmit­tags das Kommando führt, hatte sie zum Apfel­pflücken geschickt. Einer der Professoren – er lehrt u.a. „Ökumenismus“ – stellt seine zwei Kolleg­stun­den am nächsten Vormittag zur Verfügung. Der dritte Ter­min platzte völlig.

Auf solche Art sahen wir uns einem heftigen Konflikt ausgeliefert, der die Patres und Dozenten des Klosters entzweit hatte. Abt und Seminardi­rektor ent­schul­digten sich und gaben uns Einblick in die brisanten Fra­gen, deren Beant­wor­tungsversuche zur Zeit nicht nur den Klosterkonvent, son­dern die gesamte Ka­tholische Kirche Polens bis hin zum Episkopat in Span­nung versetzen und eine tief­grei­fende Orientierungskrise des Katho­li­zismus nach der Wende 1989 anzeigen. Nach­stehend eine Auswahl aktuel­ler Streitfragen:

a. Wer hat den unblutigen Kampf gegen das atheistische Regime ge­won­nen – ka­tho­lische Frömmigkeit oder polnischer Nationalismus in katho­li­schem Gewande?

b. Ist die Gleichung „Polonismus = Katholizismus“, die sich in den Be­dräng­­nis­sen der Tei­lungszeit verfestigt hatte, für die Zukunft eines de­­mokratischen Po­lens noch tragfähig?

c. In welchem Maße wurden die Kirche bei ihrem Befreiungskampf in­stru­­men­ta­li­siert und in welchem Maße jetzt vernachlässigt, nachdem sie ihre Schul­dig­keit getan hat?

d. Erklärter Wille der polnischen Gesellschaft ist es, über Demokratie und Markt­wirtschaft den Weg „zurück nach Europa“ zu beschreiten – wel­che Rolle spielt hierbei die Kirche?

e. Die Zwei-Stockwerke-Theorie prägte den Abwehrkampf der Kirche ge­gen den le­ninisti­schen Totalitarismus: „Für das ewige Heil ist exklusiv die Kirche, für Po­litik und Wirtschaft exklusiv der Staat ver­ant­wort­lich“. Erkennt die Kirche ihre aktuelle Verantwortung, dem Volk mit einer christlichen Sozialethik und So­ziallehre zu helfen?

f. War für den Volkskatholizismus der Atheismus ein Feindbild, das den Zu­sam­men­halt der Kirche förderte? Wenn ja, muß jetzt ein neues Feind­bild her, z.B. der materialistische, säku­larisierte Westen?

g. Hat der lange Kampf um Religionsfreiheit in der Praxis zum Siege ge­führt (je­der Bürger darf Konfession und kirchliche Praxis frei wäh­len), wie verhält sich dann die Kirche zur nega­tiven Religionsfreiheit unter dem Vorzeichen der Demokratie (jedermann kann Konfession und kirch­li­che Praxis abwählen)?

h. Ist Meinungsfreiheit auch als Kirchenkritik ernstzunehmen oder ver­steift sich die Kirche auf neue Bevormundung der Bürger?

i. Ist die Ökumenische Bewegung christlicher Kirchen seit 1910 ein ver­pflich­­ten­der Impuls jetzt auch für die katholische Kirche Polens oder ist in einem ge­­schlos­senen Konfessionalis­mus die Zukunft der Kirche zu artikulieren?

Das Schlußgespräch mit Abt und Seminardirektor in Kalwaria war ver­söhn­lich. Wir sprachen die Ein­ladung an Studenten und Dozenten aus, im Som­mer 1992 in Gehr­­den zu sein. Doch im Januar 1992 erreicht uns ein be­trübter Brief des Se­mi­nar­­direktors: der Provinzialrat habe ohne Angabe von Grün­den sämtliche Aus­lands­reisen der Studenten unbefristet unter­sagt.

Polnische Wende 1989 – ein Rückschlag für ökumenische deutsch-pol­ni­sche Partnerschaft? Nach unserer Erfahrung zu urteilen: zunächst ja. Doch wir wollen mit Geduld abwarten, wie sich die polni­schen Entschei­dun­gen entwickeln.

Literatur

Georges Castellan, Gott schütze Polen! Geschichte des polnischen Katholizismus 1795 - 1982, 1983

ed. Karl Dedecius, Die Dichter Polens, Polnische Bibliothek I, 1982

ed. Peter Hauptmann, Kirche im Osten, Studien zur Osteuropäischen Kirchengeschichte und Kirchenkunde, Band 30/1987. Band 31/1988

Janusz Marianski, Die Katholische Kirche in der polnischen Gesell­schaft, Vortrag 1988 (Hektografie)

Janusz Marianski, Die Kontinuität der Religiosität in der polnischen Gesellschaft, Vortrag 1988 (Hektografie)

Siegfried Riedel, Dokumentation eines Brückenschlags, I/1986, II/1988 (Hektografien)

Inhaltsverzeichnis

Herbert Schmalstieg: Vorwort

Zeitgeschichtliche Notiz 1990

Lothar Nettelmann: Einleitung: Schüleraustausch - warum mit Polen?1

Zur Konzeption

Lothar Nettelmann: Einleitung 1993. Zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutsch-polnischer Jugendarbeit als Folge des politischen Paradigmenwechsels in Polen und ihrer Bedeutung für die Träger politischer Bildung in Deutschland

Lothar Nettelmann: Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 - die Mahnung des 1. September 19392

Ulrich Bauermeister: Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen und Polen als Auftrag der UNESCO (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen der Bismarckschule Hannover - Modellbeispiele und Alternativen (1989)

Gerhard Voigt: Polenreisen in Zeiten der gesellschaftlichen Krise [Didaktische Konzeption, Reiseroute, Reiseziele] (1993)

Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr.Wolfgang Scholz: Der Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover3

Wolfgang Jordan, Lothar Kutsch: Ein Schulchor, eine Theatergruppe und ein Leistungskurs fahren... (1989)

Siegfried Riedel: Schüleraustausch im Geist der Ökumene (1989/1993)

Michael Droldner, Matthias Bömeke: Ein Schüleraustausch zwischen katholischer Schule und Pfarrgemeinde (1989)

Werner Fink, Ursula Ruehr: Gedanken zu einem Arbeitsbesuch mit Schülern im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof (1989)

Dr. Olgierd Lissowski, Poznań: Jugendaustausch und Politik (1989)

Piotr Korek, Poznań: Ein Schüler- oder Schulenaustausch? (1989)

Joachim Dallwig: Polenkontakte heute (1989)

Aleksandra Hoffmannowa: Neue Freundschaften (1991)

Gertrud Irmler: Eine polnische Dorfgemeinschaft lädt Hannoveraner ein (1992)

Phoebe Koch: Verständigung – auch ohne Worte (1993)

Aleksandra Hoffmannowa: Ein Brief aus Polen... (1991)

Elisabeth Goldmann: Bericht über den ersten Besuch einer Gruppe von 20 Schülern der Realschule I, Burgdorf (1993)

Lothar Nettelmann: Thesen zu den veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Polen und ihre Bedeutung für die deutsch-polnische Jugendarbeit (1993)

Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre im Jahre 1990

Henryk Wolkonskis: Ist der Weg deutsch-polnischer Verständigung am Ziel? Reflexionen 19924

Anhang: Autorenverzeichnis

Impressum für diese Publikation

Herausgeber: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt

Redaktion Gerda Heinemann Lothar Nettelmann Gerhard Voigt Armin Walthemate

Herausgegeben für die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Hannover e.V. und den UNESCO-Club der Bismarckschule Hannover e.V.

Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienrei­sen. Hrsgg. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt - Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. (An der Bis­marckschule 5, Hannover) und Deutsch-Pol­nische Gesellschaft Hannover e.V., 1990.

Satz und Layout: Ritterdesign, Laatzen

Printed in Germany

(Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Masch­see, Bis­marckschule Hannover, e.V.) 1. Auflage 300

Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis.

Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009

Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de

http://www.unesco-club-hannover.de

Vgl. dazu Impressum

Überarbeitet August 2009

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

   
   

 

     
   

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