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Aus: Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt

Zur überarbeiteten Fassung 1993

Gerhard Voigt

Polenreisen der Bismarckschule Hannover

Die Polenkontakte der Bismarckschule Hannover haben eine lange Tradition. Die Bismarckschule war eine der ersten bundesdeutschen Schulen, der eine offizielle Partnerschaft gelungen ist. Dazu waren viele bürokratische Hindernisse und politische Widerstände in der BRD wie in der VR Polen zu überwinden. Doch die Einbindung in die Städtepartnerschaft zwischen Hannover und Poznan, die Zusam­menarbeit mit der aktiven und politisch renommierten Deutsch-Pol­nischen Gesellschaft Hannover e.V. und das intensive Engagement des Schulleiters wie vieler Kollegen hat dann schließlich auch einen offiziellen beidseitigen Schüleraustausch ermöglicht. Darüber wird an anderer Stelle in diesem Heft ausführlicher berichtet. Die Kon­takte wurden dadurch erleichtert, daß seit Beginn unserer Bemühun­gen vor etwa zehn Jahren regelmäßig Ferienreisen mit Schülern unter der Leitung von Lothar Nettelmann, der auch Vorstandsmitglied der DPG Hannover ist, und von Gerhard Voigt durchgeführt worden sind und auch für die Zukunft wieder geplant werden. Beide haben ihre langjährigen Polenerfahrungen vor drei Jahren in einer gemeinsamen Monographie über „Polen - Nation ohne Ausweg?“ beim Olzog-Verlag in München niedergelegt. Was sind die inhaltlichen Zielset­zungen von Polen reisen mit Schülern? Eine Studienfahrt nach Polen mit einer altersmäßig heterogenen Gruppe muß an die unterschiedli­chen Erfahrungs- und Lebenssituationen anknüpfen.

Während Schüler vor allem durch eine an schulischen Vermitt­lungsformen orientierten inhaltlichen Vorbereitung durch die Einbin­dung der Reisevorbereitung in einen übergreifenden Arbeitsschwer­punkt „Polen“ der Schule motiviert werden können, müssen die übri­gen Reiseteilnehmer, Eltern, Kollegen, ehemalige Schüler - und wir legen Wert auf die Einbeziehung dieser Gruppen in die Poleninitiati­ven! - vor allem durch den persönlichen sozialen Kontakt in das Rei­segeschehen integriert werden. So entsteht ein vielfältiges inhaltliches Programm mit historischen, zeitgeschichtlichen, geogra-phischen, politischen und kulturellen Aspekten.

Neben dem Schüleraustausch mit dem V. Liceum in Poznan wur­den von der Bismarckschule Hannover verschiedene Studienfahrt­programme in Polen erprobt. An dieser Stelle wird von drei „exemplarischen Reisen“ berichtet, die jeweils in den Osterferien der Jahre 1983, 1985 und 1987 stattfanden.

Als Organisationsform wurde die Busreise für ca. 30 Teilnehmer mit Hotelübernachtung (Kat. II) und Halbpension (gebucht bei JU­VENTUR, Warszawa) gewählt. Bei einer Reisedauer von ca. 10 Ta­gen entstanden so pro Teilnehmer Reisekosten von ca. 600,- DM, wobei ein Reisekostenzuschuß der Landeszentrale für politische Bil­dung von 100,- DM pro Teilnehmer noch hinzugerechnet werden muß.

Die Programmvorbereitung konnte auf die vielfältigen persönli­chen Kontakte der Bismarckschule Hannover ebenso zurückgreifen wie auf die Unterstützung durch die Deutsch-polnische Gesellschaft Hannover e.V. Seit 1987 wird die Organisation dieser Polenreisen noch stärker in den Arbeitsschwerpunkt der UNESCO-Schulen, zu denen die Bismarckschule Hannover gehört, hineingestellt, was be­deutet, daß pädagogische Konzepte der interkulturellen Erziehungen bewußt mit berücksichtigt werden. Als Träger der Vorbereitung (nicht aber als Reiseveranstalter) tritt seither der UNESCO Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., auf. Die Betreuung der drei hier vorgestellten Reisen übernahm StR Gerhard Voigt, Politik- und Geographielehrer an der Bismarckschule Hannover. Auf diesem breiten Fundament der inhaltlichen Konzep­tion und Vorbereitung war es dann auch möglich, das Reiseangebot über die zunächst angesprochenen Schülerinnen und Schüler der Bismarckschule Hannover hinaus für Kollegen, auch von anderen Schulen, ehemalige Bismarckschüler und Eltern und Freunde der heutigen Schüler zu öffnen.

Wichtig war es uns jedoch, nicht im Sinne eines „Rei­se­ver­an­stal­ters“ öffentlich anzubieten (was auch rechtlich pro­blematisch gewe­sen wäre), sondern eine Gruppe zusammenzustellen, die durch per­sön­liche Bekanntschaft und Beziehungen eine eigene inhaltliche Rei­se­motivation entwickeln konnte, die sich in Vor- und Nach­be­rei­tungs­seminaren und der gemeinsamen Veröffentlichung eines Reise­be­richtes doch wesentlich anders und gehaltvoller aus­drückte als es bei üblichen kommerziellen Polenreisen üblich ist.

So stand immer das inhaltliche Vermittlungsangebot im Vorder­grund der Reiseplanungen. Dem Thema Polen kann man sich in un­terschiedlicher Weise nähern. Ausgehend von der aktuellen Krise sollte vor allem im Rahmen einer materiellen Analyse der sozioöko­nomische Aspekt in den Vordergrund gestellt werden, der sich in der unmittelbaren Beobachtung im Stadt- und Wirtschaftsraum verifizie­ren läßt. Weiter in die Tiefe gehende fachliche Gespräche, auf die wir bei unseren Polenkontakten großen Wert legen, vermitteln unter­schiedliche Deutungsmuster für die polnische Entwicklung und die historisch-kulturelle Identität dieses Landes. Sehr überraschend ist es dabei zu beobachten, in wie starkem Maße in Polen geschichtliche Erfahrung präsent ist und heutiges politisches Verhalten prägt.

Das gilt schließlich in besonderem Maße für die belasteten deutsch-polnischen Beziehungen, denen wir uns immer wie der an den Zeugnissen des Naziterrors in Polen und an den Mahnmalen der Okkupationszeit stellen müssen, um auch selbst einen neuen Zugang zu unserer eigenen Geschichte zu erlangen.

In die Zukunft weist der Kontakt mit den Jugendlichen unserer Partnerschule, dem V. Liceum in Poznan. Viele Freundschaften und persönliche, überdauernde Kontakte konnten während der Besuche in unserer Partnerschaft geknüpft werden, die immer wieder unter neuen fachlichen Schwerpunkten stehen - Sport, Geographie etc. - und von einer Vielzahl von Kollegen, darunter unserem Schulleiter Herrn Bauermeister begleitet wurden.

Unsere Polenkontakte sind ein Hoffnungsträger der UNESCO-Ar­beit! Die drei hier vorgestellten Polenreisen sind insofern typisch und maßstabsetzend, da sie drei unterschiedliche Routen durch Polen mit einem jeweils dazu spezifisch entwickelten inhaltlichen Informati­onsprogramm darstellen:

  • die „Nordroute“ (Szczecin, Gdansk, Warszawa, Poznan),

  • die „Südroute“ (Wroclaw, GOP, Krak¾w, Warszawa, Poznan),

  • das „Profil“ (Poznan, Gdansk, Warszawa, Krak¾w, Wroclaw).

Die Intensität der Begegnung mit den einzelnen Städten und Re­gionen ist natürlich durch die jeweiligen inhaltlichen Programm­schwerpunkte bedingt; für die Bismarckschule Hannover ist der Be­such in Posen (Poznan) durch die Schulpartnerschaft mit dem dorti­gen V. Liceum natürlich für jede Reiseplanung eine besondere At­traktion und die Chance für die Schüler zur persönlichen Begegnung mit Gleichaltrigen. Hier berühren sich Schulpartnerschaftsarbeit und Reiseprogramm unserer Schule, die sich beide gegenseitig stützen und intensivieren - auch eine Aufgabe der bewußten UNESCO-Schul-Arbeit!

In den knappen Anmerkungen zu den drei Reisen soll, durch Fotos unterstützt, ein erster Eindruck von Routen- und Programmplanung und der inneren „Dramaturgie“ einer jeden solchen Reise vermittelt werden.

Erläuterungen zur Konzeption der „Nordroute“

Die „Nordroute“ führt durch die strukturschwächeren Regionen Po­lens, in denen durch das ehemalige Vorherrschen des Großbau­erntums ebenso wie durch die geographischen Lagenachteile die in­dustrielle Entwicklung zurückgeblieben ist.

Polens Entwicklung wird vor allem von den Industriegebieten des Südens gesteuert.

Eher isoliert, aber dafür modellhaft für eine ganze Skala pol­nischer Probleme, sticht daher der Agglomerationsraum der „Dreistadt“ Gdansk-Sopot-Gdynia heraus. Eine Route, die zunächst über Szczecin durch die pommerschen Moränen- und Dünengebiete führt und dabei der wechselvollen Geschichte dieses deutsch-pol­nischen Durchdringungsraumes nachgeht, findet dann in Danzig einen inhaltlichen Schwerpunkt, der in seiner Spannweite ausgereizt werden kann.

Geschichtliche Tiefe (Langer Markt, Marienkirche, Krantor), zeit­geschichtliche Problemlagen (Polnischer Korridor, Freie Stadt Dan­zig, Gründung von Gdingen), der brutale Einschnitt von Okkupation und Krieg (Westerplatte, Stutthof) und Brennpunkte der Nachkriegs­entwicklung (Wiederaufbau, Unruhen 1970/71, Nucleus der Solidar­nosc-Bewegung) geben dieser alten Stadt Aktualität und exemplari­sche Bedeutung.

Dies kann am Beispiel der Arbeiterdenkmäler erläutert werden:

Polen lebt mit seinen Widersprüchen. Die von der Solidarnosc er­richteten Denkmäler in Posen - in Erinnerung an die Aufstände vn 1956 - und in Danzig - in Erinnerung an die Unruhen von 1970/71, Ereignissen, die jedesmal Todesopfer forderten und dabei zu Ablö­sungen in der Staats- und Parteispitze führten - überdauerten Kriegs­recht und Verbot und haben im Bewußtsein dieser Städte „offiziösen“ Charakter angenommen. Sie sind Anlaß, sich mit dem Problem des Konfliktes um Staatsloyalität und Gruppenidentität, mit der grundsätzlich anderen (vielleicht auch positiv zu wertenden?), skepti­schen Haltung der polnischen Bevölkerung zur Staatsautorität zu beshäftigen. Hier lernt der Schüler, vielleicht anwendbar, was Zivil­courage bedeutet, ganz im Gegensatz zu den heute wieder bevorzug­ten affirmativen Gesellschaftsbildern.

Warschau als zweiter Großstadt (nach einem Besuch von Mal­bork auf dem Wege) führt dann wieder in die großstädtisch-metropo­litane Realität der Gegenwart und kann Ort für vorbereitete Gesprä­che und Kontakte sein, die zu einer ersten Sichtung und Klärung der eigenen Eindrücke beitragen. Der Besuch in Posen zum Abschluß der Reise vertieft diese persönliche Besinnung und ist Atemholen wie Abrundung der Polenerfahrungen. An einigen Fotos sollen die Erfah­rungsmöglichkeiten verdeutlicht werden:

Gdansk (1) Blick von der Marienkirche auf die Altstadt. Danzig ist in mehrfacher Hin­sicht ein lohnendes und aufschlußreiches Reise­ziel. Stellt sich doch hier sehr intensiv, wenn man die historischen materiellen Zeugnisse zu sehen und zu deuten weiß - was, übrigens, einiger vorheriger historischer Infor­mation und Einstimmung bedarf -, die Frage nach den deutsch-polnischen Beziehungen, nach der Ge­schichte des Zusammenlebens, nach Kulturkon­takt und auch, tragi­scherweise, Konflikt, Krieg und Okkupation!

Gdansk (2) Langer Markt. Die Restaurationsbemühungen und - erfolge, die Polen in den kriegszerstörten Städten gezeigt hat, bewahren ge­samt­eu­ropäisches Erbe der polnischen wie der deutschen Geschichte - ein not­wen­diger Akt der Selbstfindung und Selbstbehauptung nach dem Versuch der deutschen Okkupationsmacht, die polnische historische Identität zu vernichten.

Gdansk (3) Vortreppen der Mariengasse (Mariacka) im Schnee. Die Funktion der Alt­stadtgassen hat sich nach dem Wiederaufbau ge­ändert.

(3a) Jetzt finden sich hier, tourismusorientiert, Schmuckhändler, Kunsthandwerker u.ä.

Gdansk (4) Krantor, alter Hafen. Das alte Symbol dieser Stadt wird bald wieder in eine mittelalterlich wirkende „Speicherfront“ einbezogen sein. Der Übergang von Restauration und Nostalgie ist fließend. Die sozialen Probleme der Großstadt müssen anders und anderswo gelöst werden. Eine Fahrt in die Wohnsiedlungen um Dan­zig herum, im Stadtteil Oliwa - mit dem längsten Hochhaus Polens -, in die wilden Laubensiedlungen um Gdynia herum, die sogar schon eine Hafenbeckenerweiterung verhindert haben, in die Arbeitersied­lungen am Hafen rückt die Nostalgie wieder auf den gebühren­den Platz. Besucher müssen beide Seiten des heutigen Polens sehen: das ingenieuse Kulturland in seinem Geschichtsbewußtsein und seinem nationa­len Zusammenhalt und das wirtschaftlich ausgepowerte, von sozialen Kri­sen bedrohte Staatswesen, das nun seit Jahrzehnten ver­bissen aber recht er­folglos um eine grundsätzliche Reform von Staat und Gesellschaft ringt. Beides ist für die Zukunftsperspektive gleich wichtig. Nur deutschtümelnde Reminiszenzen und besserwisserische Einmischungen von deutscher Seite her sind unerwünscht und deplaziert.

Gdansk (5) (Foto: Wehking) Orgel im Dom von Oliwa. In der hi­storischen Abteikirche Kirche, in der 1660 der Frieden von Oliwa ge­schlossen wurde, der die langjährigen Schwedischen Kriege been­dete, finden auf der barocken Monumentalorgel regelmäßig Or­geldemonstrationen statt - ein beeindruckendes Klangerleb­nis.

Gdansk (6) Arbeiterdenkmal vor der Leninwerft. - Polen lebt mit seinen Wider­sprü­chen. Von der Solidarnosc illegal errichtet, wurde dies Denkmal erst zu ei­ner Sehenswürdigkeit und dann zum Kristallisationspunkt eines neuen Staatsverständnisses.

Poznan (7) Bus vor dem V. Liceum, der Partnerschule der Bis­marckschule Hannover. Für die „Dramaturgie“ einer Polenreise hat es sich als sehr vorteilhaft her­ausgestellt, einen „festen Anlaufpunkt“, in unserem Falle unsere Partner­schule in Posen zu haben, wo durch langjährige Kontakte und gegenseitige Besuche schon Vertrauen und Vertrautheit und das Angebot persönlicher Beziehungen existieren, die auch den polenunerfahrenen Schüler einbinden und einbeziehen. Doch sollte diese „Fermate“ einer Reise nicht gleich am Anfang ste­hen, um das „Ertasten und Beobachten“ der polnischen Realität durch jeden einzelnen Reiseteilnehmer nicht zu behindern.

Poznan (8) Rathaus bei Nacht, Flutlicht (Foto: Wehking) - Reise­ästhetik und „Genuß und Geschmack“ können trotz der Gefahr, manipulierend zu wirken und Vorurteile zu bestätigen, eingebunden in eine auf inhaltliche Vermittlung angelegte „Reisedramaturgie“ ein Ferment der Zuneigung und der emotio­nalen Verankerung des Polenbildes werden.

Eine Polenreise im „Nord-Süd-Profil“

Diese Route ist wegen ihrer Länge und Vielfältigkeit eher problema­tisch und verlangt besonders motivierte Teilnehmer der Reisegruppe. In Teilstücken folgt sie den beiden anderen Routen, doch setzt sie weniger deutliche städtische Schwerpunkt, ist dynamischer im Ab­lauf und gewinnt ihren Reiz vor allem aus der Abwechslung und dem Vergleich, der zwischen Nord- und Südpolen gezogen und durchaus gehaltvoll ausgewertet werden kann. An die Reiseleitung sind recht hohe Anforderungen gestellt, wobei sich eine geographische Schwer­punktsetzung anbietet.

Positiv hat es sich hier ausgewirkt, wenn wir die Reise verankern mit einer ersten etwas intensiveren Beschäftigung mit der zentralen und eher mitteleuropäisch wirkenden Landschaft Wielkopolskas um Posen und Gnesen. Diese beiden historischen Städte lenken das In­teresse auf die Piastenzeit, die Geburtsstunde Polens.

Eine Reihe von Museen und historischen Grabungsgeländen (Biskupin) machen diese Beschäftigung anregend und spannend.

Neben diesem kleinräumigen Einstieg wird der Blick auf die Größe Polens im Profil von Danzig über Warschau bis Krakau umso überzeugender.

Danzig und Krakau müssen exemplarischer und geraffter besich­tigt werden als bei den beiden anderen Routen; Städtebau, Stadtge­schichte, Stadtsanierung und heutige sozi-ökonomische Probleme können hier im Vordergrund stehen. Dabei sollte man sich der Unter­stützung durch örtliche Fachleute versichern. Der urbane Mittelpunkt der Reise, Gegenstück zu Posen am An­fang, ist dann Warschau, wo diesmal die historische und aktuell-po­litische Schwerpunktsetzung des Fahrtablaufes erfolgt.

Um das ganze Gewicht der Zeitgeschichte zu erleben, sollte je­doch unmittelbar vor dem Warschauaufenthalt auf einen Besuch in der KZ-Gedenkstätte Stutthof bei Danzig nicht verzichtet werden. Bei einer Umkehrung der Route sollte entsprechend die Gedenk­stätte Auschwitz im Programm auftauchen. Krakau und das oberschlesi­sche Industrierevier ermöglichen dann noch einmal industriege­schichtliche Besichtigungen und, wenn ent­sprechend vorbereitet, Be­suche in polnischen Industriebetrieben, bei denen vor allem Gesprä­che mit Betriebsleitung und Gewerkschafts­vertretern interessant sind. Wieweit die Zeit zu einem abschließenden „Atemholen“ in Breslau noch reicht, hängt dann von der individuel­len Reiseplanung der Gruppe ab; für uns war die Zeit von 11 Tagen für das Gesamtpro­gramm eher zu kurz. Auch diese Reise soll durch einige Fotos doku­mentiert werden.

Warszawa (9) Popieluszko-Grab

Das Thema Polen und der Katholizismus kann hier nicht vertieft werden. Es wird sicher ein wichtiger Punkt jeder Reisevorbereitung, der Gespräche in Polen und der eigenen Beobachtungen sein. Die emotionale Macht der Kir­che wird in der Verehrung des von staatli­chen Sicherheitsorganen ermor­deten Pater Popieluszko deutlich. Der überreiche Blumenschmuck, der jetzt seit Jahren sein Grab ziert, und die regelmäßige „Messe für das Vaterland“, die hier aus der Kirche durch Lautsprecher einer tausendköpfigen Menge übertragen wird, sprechen beredt Zeugnis...

Warszawa (10) Ghettodenkmal

Das Ghetto wurde von deut­schen Soldaten nach dem blutig niedergeschla­genen Ghettoaufstand dem Erdboden gleichgemacht. Das berühmte Denk­mal ist Erinnerung an dieses Geschehen und Mahnung zugleich. Willy Brandt hat das richtig gespürt, als er hier in Ehrfurcht vor den Opfern nie­derkniete und damit ein neues Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen möglich machte. Diese Bezüge, Kontinuitäten und historischen Ver­ankerungen der Gegenwart deutlich und bewußt zu machen, ist Auf­gabe ei­ner Polenreise mit Schülern.

Warszawa (11) Altstadtmarkt

Ganz Warschau wurde nach dem Warschauer Aufstand von deutschen Truppen dem Erdboden gleich­gemacht. Es war eine schier unmögliche und von Polen doch bewäl­tigte Leistung, die alte Stadt wiederaufzubauen und dazu ein moder­nes Warschau zu entwickeln. Nicht alles ist zuende geführt. Wo in den letzten Jahren sogar das Schloß wieder erstanden ist, setzen die zunächst rekonstruierten Häuser am Altstadtmarkt selbst schon wie­der Pa­tina an; auch Zeitgeschichte ist Geschichte, die Spuren hinter­läßt. Wir ler­nen in Polen mehrschichtig denken.

Warszawa (12) „Fliegender Händler und Drehorgelspieler“ auf dem Altstadtmarkt. Eine folkloristische Szene für Touristen.

Anmerkungen zur „Südroute“:

Bei der Südroute - Einreise über Wroclaw/Breslau - ist Kraków Zentrum und Angelpunkt, ähnlich wie bei der Nordroute Danzig. So ist die „Dramaturgie“ dieser beiden Reisen sehr ähnlich, auch was den abschließenden Besuch in Posen angeht (aus bestimmten äußeren Umständen mußte unsere letzte Reise in den Süden hier Abstriche machen; doch bleibt unsere Empfehlung für einen Aufbau der Süd­route wie im Folgenden beschrieben bestehen).

Breslau führt, auch im Blick auf die noch deutlich sichtbaren „Narben“ aus der Kriegszeit, als ein Wahnsinnsbefehl der deutschen Führung Breslau zur „Festung“ machte und damit ihre völlige Zerstö­rung geradezu provozierte, tief in die wechselvolle Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen hinein. Der Weg nach Krakau führt dann auch bald zum unbegreiflichen Schreckensort Auschwitz.

In Krakau selbst bietet sich eine solche Vielfalt thematischer Schwerpunktsetzungen an (Industrie/Nowa Huta, Städte­bau/Stadtsanierung, Geschichte der Jagiellonen, Bergbau von Wie­liczka bis Tarnowskie Gory, Kultur, Buchläden, Kunstgallerien und vieles andere), daß hier darauf nicht weiter eingegangen werden kann.

In Krakau lohnen sich auch individuelle „Streifzüge“ der Fahrt­teilnehmer. Warschau als zweiter Schwerpunkt - u.U. nach einem Besuch in Czestochowa - tritt dann wieder, ebenso wie abschließend Posen, in gleicher Funktion auf wie bei der Nordroute.

Wenn die Zeit reicht kann bei den Routen ein Tagesaufenthalt in L¾dz noch erheblichen thematischen Gewinn bringen. Gerade nach den industriegeographischen Themen des Südens - Bergbau und Metallverhüttung - bietet die manufakturell verwurzelte Textilindu­strie noch eine zusätzliche Perspektive zur Beurteilung der Wirt­schaftsgeschichte Polens und Osteuropas. Zu den zeitgeschichtlichen Aspekten eines Aufenthalts in L¾dz finden sich nachfolgend Anmer­kungen bei den Fotos.

Łódź (13) Textilindustriemuseum

Łódź wird (als „graue Industrie­stadt“) von Touristen nur wenig besucht. Doch gerade hier lassen sich wertvolle Eindrücke aus der polnischen Ge­schichte und Gegenwart - die auch eine Geschichte der Erneuerungsbestre­bungen und des Kampfes um Modernität war und ist - gewinnen. Das Textilindu­striemuseum mit seiner sehenswerten Sammlung historischer Textil­maschinen zeigt die ökonomische Wurzel des Aufstiegs dieser zen­tralpolnischen Stadt zu einem Handelsknotenpunkt zwischen Ost und West, aber auch die tragisch beendete Geschichte des polnischen Ju­dentums, das sich hier, in der Textilindustrie erstmals eine solide ei­gene wirtschaftliche Existenz schaffen konnte und eine Brücke der Modernisierung zwischen assimiliertem mitteleuropäischem und traditionellem Ostjudentum schuf.

Łódź (14) Gedenkstätte Radogoszcz. In der alten Textilfabrik er­richtete die GESTAPO während der Okkupationsjahre, als Łódź de­monstrativ „Litzmannstadt“ genannt wurde, ihr Polizeigefängnis Radegast. Hier in den Ruinen der heutigen antifaschistischen Gedenkstätte liegen die Gebeine von rund zwei­tausend Häftlingen, die verbrannten, als, zwei Tage vor der Befreiung durch die Sowjettrup­pen (hier ist diese Bezeichnung sicher ein­mal adäquat! Auch die GE­STAPO-Wärter unmittelbar vor ihrer Flucht das Gefängnis ver­­rammelten, Benzin in das Kellergeschoß leiteten und die In­sassen le­ben­dig verbrannten. Fluchtversuche durch einen Sprung aus den Fen­stern des vier­ten Stocks brachten den Bewachern lebende „bewegliche Ziele“, auf die um die Wette Schießübungen gemacht wurden. Fotos, die die „Kameraden“ davon als „Andenken“ machten, sind erhalten, im an­schließenden Dokumentationsraum ausgestellt und beweisen das grausige Treiben...

Łódź (15) Mahnmal auf dem Gelände des ehemaligen Kinder-Konzentrationslager Nur wenige Reste sind erhalten von einer weite­ren schrecklichen Einrich­tung der Nazi-Okkupanten in Łódź: dem Kinder-KZ, in dem Kinder und Jugendliche verhafteter oder ermor­deter Eltern aus dem ganzen Reich zu­sammengetrieben wurden zur „Selektion“ und zu einem großen Teil zur Ermordung in Auschwitz oder Treblinka...

Kraków (16) (Foto: D.Voigt) Sanierungsgebiet Uliza Kanonicza

Krakau ist die alte Königstadt, vom Schloß auf dem Wawel be­herrscht und von einem fast südländischen Reiz der Altstadt. Vieles ist hier tatsächlich noch alt und nicht wie in den völlig zerstörten nördlicheren Städten nach dem Krieg erst wieder rekonstruiert wor­den. Doch das bringt umso brutaler die Schwierigkeiten vor allem fi­nanzieller Art zum Vorschein, ein solch großes bauliches Erbe zu er­halten und zu bewahren. Nur in diesem Sinne kann auch der Gang durch die verfallenden Sanierungsgebiete zu einem po­sitiven Erleb­nis werden und Polen als alte Kulturnation ebenso wie als Gesell­schaft mit großen heutigen ökonomischen Problemen im Bewußtsein halten.

Kraków (17) (Foto: Schultz) Sanierungsgebiet

Krakau beher­bergt neben seiner traditionsreichen Universität eine Vielzahl von Gruppen („Bürger initiativen“), die sich um ökologische, stadtökolo­gische und stadtplanerische Probleme kümmern. Hier Gesprächs­kontakte aufzunehmen, ist sehr lohnend.

Tarnowskie Góry (18) Grubenfahrt im Silberbergwerk-Museum

Industriegeschichte ist spannend, wenn sie hautnah vermittelt wird im Gang durch die nur 1.60 m hohen Stollen des alten Silberbergwerkes am Nor­drand des Oberschlesischen Industriere­vieres (GOP) oder bei der Fahrt in einem schmalen Kahn auf einem unterirdischen Kanal: der einzigen Er­leichterung, die den Bergleuten bei ihrer schweren und langdauernden Ein­fahrt gewährt wurde.

Auschwitz (19) (Foto: Dallwig) Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationsla­gers bei der südpolnischen Industriestadt Oswiecim: von erschütter­ten Besuchern mit Blumen ge­schmückte Verbrennungsöfen.

Auschwitz (20) (Foto: Dallwig) Gedenkstätte

Eingangsgebäude zum Ver­nichtungslager Birkenau, mit er berüchtigten „Rampe“, dem Bahnan­schluß, zu dem die Reichsbahn nach einem speziel­len Sonderfahrplan regelmäßig aus allen besetzen Gebieten und aus „dem Reich“ Häft­lingszüge zur „Selektion“ und zur „Vernichtung“ in den Gas­kammern und Krematorien von Birkenau fahren ließ.

Tips für Polenreisen (1989)

1. Was bietet Polen für Reisemöglichkeiten?

a. Polen ist nicht das Land traditioneller touristischer Programme, wenngleich sich auch in diesem Bereich interessante bieten, denen eine größere Bekanntheit zu wünschen wäre. Zu nennen wäre hier u.a. der Winterurlaub in der Hohen Tatra (Zakopane); die Masuri­schen Seen bieten landschaftliche Reize für Wandern, Zelten, Rad­fahrten und Wassersport und viele abgelegene und ruhige, ro­mantische Winkel für Entspannung und Erholung - Zeltplätze und günstige Übernachtungsmöglichkeiten sind vorhanden; Segeltouren auf der Ostsee sind von der pommerschen Küste (Pomorze) aus zu organisieren. Die Anreise kann mit der Bahn oder mit dem eigenen Bus erfolgen.

b. Städtetouren und Kurzreisen sind auch nach Polen möglich, wenn auch zu fragen ist, ob für eine solche kurze Reise, so erlebnisreich sie auch sein mag, der notwendige zeitliche und finanzielle Aufwand an­gemessen ist; für Schülergruppen kommt diese Reiseform wohl kaum in Frage. Gdansk/Danzig kann unter Umständen in einer kombinier­ten Bahn-/Schiffspassage über die Ostsee besucht werden. Sonst sind sicher Warszawa/Warschau und Krak¾w/Krakau sehenswerte Reise­ziele auch für ein verlängertes Wochenende.

Zu berücksichtigen ist aber, daß derzeit die Bahnverbindungen noch sehr zu wünschen übrig lassen. Stadtbesichtigungen und kul­turelle Programme (Museen, Theater, Musik etc.) stehen im Vorder­grund von Kurzreisen, die sich vor allem für Einzelreisende und Kleingruppen eignen.

c. Shopping-tours sollten skeptisch beurteilt werden, vor allem we­gen der besonders kritischen ökonomischen Lage in Polen. Die öko­nomische Seite ändert sich sehr schnell; doch Not und Armseligkeit greifen um sich und lassen ein behutsames Auftreten des deutschen Touristen notwendig erscheinen. Auch bei stark steigenden Preisen hat das mitgebrachte Reisegeld immer noch eine hohe Kaufkraft. So stellt sich immer noch das - auch psychologische - Problem: Ist es denn natürlich und für uns selbst akzeptabel, wenn das mitgebrachte Taschengeld unserer Schüler, das in der BRD gerade für einige Disko-Besuche reicht, in Polen plötzlich dem Monatslohn eines Facharbeiters oder Lehrers entspricht? Sensibilität ist hier ange­bracht.

Als für Polen typische Gegenstände, die auch gerne den Touristen angeboten werden, sind zu nennen: kunstgewerbliche Artikel aus Holz, Leder (z.B. Hand- und Aktentaschen) sowie entsprechende Textilien meist folkloristischen Zuschnitts (Cepelia-Läden, Tuchhal­len in Krakau), kunsthandwerklicher Schmuck (aber auf das Aus­fuhrverbot von Gold und auf die hohen Zölle auf Silberwaren ist zu achten!), Bücher (z.B. in der Internationalen Buchhandlung im Kul­turpalast in Warschau oder im nahebei gelegenen DDR-Kulturzen­trum; aber auch in mehreren Buchhandlungen im Zentrum Krakaus), Musikalien und Schallplatten (in allen größeren Städten), Kunst und Druckgraphik (in Krakau z.B. beim Florianska-Tor), Bernstein (in Danzig; wegen Ausfuhrbeschränkungen - wie auch für das beliebte geschliffene Bleiglas - nur in konzessionierten Läden kaufen und an der Grenze den Kaufbeleg vorlegen). Achtung: Für alle Gegenstände - Bücher, Noten, Drucke, Kunstwerke etc. -, deren Herstellung bzw. Herausgabe vor dem 9. Mai 1945 lag, muß im Hauptzollamt in War­schau eine besondere Exportgenehmigung eingeholt werden. Die Ausfuhr von nationalen Kulturgütern ist (wie überall auf der Welt) verboten; Besitz und Ausfuhr von Schriften, Geld, Briefmarken etc. aus der Okkupationszeit ist grundsätzlich strafbar und sollte unbe­dingt vermieden werden.

d. Für katholische oder ökumenische Reisegruppen können interes­sante Kontakte über ihre Kirche geschlossen werden (die EKD in Hannover hat einen eigenen Polenbeauftragten); Reisen von kirchli­chen Gruppen sollten diese Kontakte nutzen und kirchliche Stellen in Polen anschreiben und besuchen. Neben Gemeindebesuchen kann zum Beispiel das Kloster Czestochowa/Tschentstochau mit der ver­ehrten Ikone der „Schwarzen Madonna“ besucht werden. Zu erwäh­nen ist, daß die katholische Kirche in Polen stärker als in der BRD eine eigene politische Kraft in Staat und Gesellschaft ist und daher auch über die rein religiösen Fragen hinaus als Ansprechpartner in­teressant ist.

e. Für Schülergruppen, die sich über das Land, seine Geschichte, Ge­genwart und Kultur informieren wollen, kommt - wenn ein Auf­enthalt im Rahmen einer Schulpartnerschaft nicht möglich ist - vor allem die organisierte Rundreise in Frage. Wenn auch oft versucht wird, diese mit einem traditionellen touristischen Programm zu ver­binden - z.B. einem Wanderurlaub in den Masuren -, so reichen Zeit und Geld, vor allem bei dem Wunsch, doch ein etwas umfassenderes Bild des Landes zu gewinnen, meist nicht aus, über eine etwa 10- bis 14tägige Busrundfahrt auf erprobten Routen hinaus offenere Reise­formen zu finden. An anderer Stelle werden drei von uns erprobte „Standardrouten“ (Südroute, Nord-Süd-Profil, Nordroute) inhaltlich genauer vorgestellt. Daher beziehen sich die nachfolgenden organi­satorischen Ratschläge vor allem auf diesen Reisetyp.

2. Was ist im Lande selbst zu beachten?

Der zeitgeschichtliche Hintergrund (Nazi-Okkupation) macht für uns Deutsche ein zurückhaltendes, sensibles Verhalten selbstverständlich; treffen wir doch Tag für Tag auf Menschen, die bis 1945 in Gefäng­nissen und im KZ festgehalten und gequält worden sind oder wäh­rend dieser Zeit enge Angehörige durch die deutsche Besatzungs­macht verloren haben. Deutschnationale Attitüden oder selbstge­rechtes Auftreten sind fehl am Platz. Daß deutsche Besucher dennoch fast immer herzlich und gastfreundlich aufgenommen werden, ist eine bewundernswerte Leistung der polnischen Kultur und kann von uns sicher nicht erwartet oder gar eingefordert werden. Offenheit, Kontaktbereitschaft und Freundlichkeit werden auch von uns erwar­tet. Symbolen und Erinnerungen aus der nationalen Geschichte des Landes und zeitgeschichtlichen Mahnmalen und Gedenkstätten aus der Okkupationszeit ist mit Respekt und dem notwendigen Ernst zu begegnen (Flagge, Wappen, Gedenktafeln, Denkmäler, Museen der Zeitgeschichte etc.).

Ein Besuch zeitgeschichtlicher Gedenkstätten (KZ-Gedenkstätte Auschwitz oder Stutthof; Ghettodenkmal in War­schau; Polizeige­fängnis Radogoszcz und Gedenkstätte für das Kinder-KZ in Łódź und viele andere mehr) gehört zu einem Besuch in Polen notwendig da­zu und vermittelt eine wesentliche Verständnisdimen­sion für das Bewußtsein des heutigen Polens wie für die zeitge­schichtliche Si­tu­a­tion in Mitteleuropa wie im Verhältnis zwischen Polen und Deutsch­land. Die polnischen Änderungen der letzten Zeit ändern an diesen Rat­schlägen nichts, im Gegenteil, der deutsch-deut­sche Einigungs­prozeß weckt in Polen eher neue Besorgnisse!

3. Rechtlicher Rahmen für Reisen in Polen

Reisende aus der BRD benötigen ein Visum. Gegen eine Aufhebung der Visapflicht bestehen bei der Bundesregierung noch Bedenken.

Bislang gilt noch: Die Ein- und Ausfuhr von Zloty und anderer nichtkonvertierbarer Währung ist verboten. Es sollten zu erwartende Änderungen der Rechts- und Wirtschaftslage sorgfältig betrachtet werden. Devisen und Edelmetalle (in unbegrenztem Wert) müssen bei der Einreise deklariert und bei der Ausreise nachgewiesen wer­den. Der Umtausch im Lande sollte, zumindest bei größeren Beträ­gen, amtlich bescheinigt werden (Bankquittung); doch werden mä­ßige Fehlbeträge bei der Ausreise akzeptiert, da das begrenzte Ver­schenken von ausländischen Sorten an polnische Bürger ebenso wie Trinkgeldzahlungen in DM nicht verboten sind.

Fingerspitzengefühl für die Glaubwürdigkeit und Angemessenheit der Auskünfte an den Zoll bei der Ausreise ist notwendig, vor allem, da die Rechtssicherheit und Gleichbehandlung nicht immer gewähr­leistet sind.

Im Lande selbst herrscht für die Gruppe wie für einzelne Teilneh­mer Freizügigkeit auch bei kurzfristigen Programmänderungen oder zusätzlichen (z.B. privat vereinbarten) Besuchen. Der Kontakt zu polnischen Staatsangehörigen ist jederzeit und unkontrolliert mög­lich.

Die polizeiliche Anmeldung wird bei Hotelübernachtungen vom Hotel selbst übernommen. Der Reisegruppenleiter hat sich darum nicht zu bemühen, sollte aber zur Vereinfachung bürokratischer Ab­läufe immer genügend Kopien einer Teilnehmerliste der Reisegruppe verfügbar haben. Nur privat untergebrachte Reisende müssen sich, so die bislang gültige Regelung, zur Anmeldung zur Polizeistation be­geben und den entsprechenden Stempel im Visumformular einholen, da sonst Schwierigkeiten bei der Ausreise auftreten können.

Der Reisebegleiter („Pilot“) des Reisebüros hat ausschließlich Über­setzer- und Serviceaufgaben und braucht zu privat organisierten Pro­grammpunkten nicht notwendigerweise mitgenommen zu werden (erst recht nicht zu privaten Besuchen). Doch ist seine Anwesenheit bei Gruppenprogrammen meist recht hilfreich und für die oft zeitrau­benden Verhandlungen mit Restaurants und Hotels, aber auch bei Kontakten mit Behörden geradezu unentbehrlich.

Vorsicht beim Fotografieren! Wie in fast allen Ländern der Welt dürfen auch nach den politischen Änderungen Militäranlagen, -fahr­zeuge und -personen, Polizei/Miliz, Brücken, Eisenbahnen, Bahn­höfe, Häfen und wichtige Industriekomplexe nicht oder nur mit amt­licher Genehmigung fotografiert werden. Da nicht in jedem Falle die international bekannten Schilder (durchkreuzte Kamera) auf solche Fotografierverbote hinweisen, sollte im Zweifelsfalle vorher beim „Piloten“, bei der Polizei oder einem anwesenden uniformierten Diensthabenden nachgefragt, oder auf das Fotografieren verzichtet werden.

4. Reiseorganisation (1989!)

Nach unseren Erfahrungen empfiehlt es sich, ein polnisches Reise­büro für die Vorbereitung einer Gruppenreise zu beauftragen. Wir ar­beiten zusammen mit dem Jugendreisebüro:

JUVENTUR, 01-633 Warszawa, Gdanska 27

Tel. 33-04-45

Der Flexibilität, mit der dieses Reisebüro auf alle Programmwünsche eingeht, und den relativ günstigen Preisen steht eine nicht allzu ent­wickelte organisatorische Sorgfalt und Kompetenz gegenüber. Für höhere Ansprüche und vor allem für Einzelreisende ist daher das staatliche Reisebüro zu empfehlen:

ORBIS, Warszawa, ul. Bracka 16, Tel. 26-02-71

mit seiner deutschen Niederlassung:

POLORBIS, Hohenzollernring 99-101, D-5000 Köln 1
Tel. 0221-521185-9

Den Bustransport haben wir immer selbst organisiert. Hier haben die örtlichen Reisebusunternehmen vielfältige und differenzierte Ange­bote, die wohl am besten durch eine Ausschreibung erfahren werden können. Für den Raum Hannover empfehlen wir das in Polenreisen erfahrene und im Preis für Schülerreisen angemessene Unternehmen:

Lehrter Omnibusbetrieb Albert Grund OHG, Everner Str. 8-10,
D-3160 Lehrte, Tel. 05132-2833,

das seit langem eng mit der Deutsch-polnischen Gesellschaft Hanno­ver e.V. zusammenarbeitet. (Fahrtkosten (1987) für zehntägige Rund­reisen je nach Kilometerzahl und Busgröße zwischen 5.500,- und 6.500,- DM.)

Wir buchen grundsätzlich Halbpension, da die zusätzliche warme Mahlzeit in Polen zu geringen Kosten (ca. 10,- DM p.P. und Tag bei guter Qualität mit Getränken) und zeitlich unabhängiger an Ort und Stelle zu bestellen und in Zloty zu bezahlen ist. Der „Pilot“ wird je­weils beauftragt, die notwendige Bestellung und Reservierung durch­zuführen.

Ein Hinweis für die Reiseleiter: Informieren Sie sich über die Rechtslage! Nach meiner Erfahrung ist es empfehlenswert, sich von den Reiseteilnehmern (bei Jugendlichen von den Erziehungsberech­tigten) schriftlich und rechtsverbindlich bestätigen zu lassen, daß Sie nicht als Reiseveranstalter auftreten, sondern daß das beauftragte Reisebüro der Veranstalter ist, und daß Sie für die Reisedurchführung keine Haftung übernehmen. Lassen Sie nicht den Eindruck entstehen, daß Sie finanziellen oder sonstigen geldeswerten Gewinn aus der Reise ziehen würden oder daß Sie die Reisedurchführung in irgend einer Form gewerblich und regelmäßig übernehmen würden. Sie könnten sonst Schwierigkeiten mit dem deutschen Reiserecht be­kommen. Bei privat organisierten Ferienreisen mit Schülern, die von Lehrkräften begleitet werden, ist zusätzlich der Hinweis aufzuneh­men, daß es sich um keine Schulveranstaltung im Sinne des Gesetzes handelt und daß eine Diensthaftung ausgeschlossen ist. Denken Sie aber daran, daß Ihnen dennoch nach dem Dienstrecht auch in den Fe­rien gegenüber Schülern erweiterte Aufsichts- und Fürsorgepflichten zufallen, die bei Mißachtung u.U. zu Rechts- und Disziplinarfolgen führen können.

Grundsätzlich bestehen Rechtsunsicherheiten, die eine besondere Sorgfalt der Reisevorbereitung und Reisebetreuung wichtig erschei­nen lassen!

Bei Studienreisen in der Schulzeit gelten in den einzelnen Bundes­ländern unterschiedliche Genehmigungsvoraussetzungen. In Nieder­sachsen z.B. ist nach der Genehmigung der Fahrt durch Schulleitung und Gesamtkonferenz ein rechtzeitiger Genehmigungsantrag bei der zuständigen Bezirksregierung einzureichen (etwa sechs Monate vor dem geplanten Reisetermin), der die organisatorischen Daten, einen Kostenvoranschlag (auch auf den einzelnen Schüler umgerechnet) und die pädagogische Begründung der Fahrt enthält (Erlaß MK vom 17.07.1979-304-32.021). Vor der Genehmigung dürfen keine Ko­stenverpflichtungen eingegangen werden. (Auf Anfrage können wir gerne weitere Auskünfte geben und Musterreisebedingungen und Mustergenehmigungsanträge zur Verfügung stellen.)

5. Reisekostenzuschüsse in Niedersachsen

Für Schüler- und Jugendreisen mit politisch bildendem Themen­schwerpunkt nach Polen wurden bislang von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung Hohenzollernstraße 46, 3000 Hannover 1, Zuschüsse von i.d.R. etwa 100,- DM p.P. gezahlt. Ob diese Möglichkeit angesichts der politisch geänderten Situation wei­ter bestehen bleibt, ist fraglich. Eine informelle, inhaltlich begrün­dete, mit Programmentwurf und Kostenvoranschlag versehene Vor­anfrage muß spätestens im Oktober/November des Vorjahres der ge­planten Reise bei der Landeszentrale eingegangen sein. Rechnen Sie mit einem erheblichen „Papierkrieg“ und der Pflicht zur Rech­nungslegung und Berichterstattung nach Abschluß der Reise. Die Zu­schüsse werden erst nachträglich gezahlt, wenn die Abrechnung ak­zeptiert ist. Dennoch sind Sie selbst für die Zahlung der Gesamtko­sten der Reise verpflichtet. Machen Sie daher gegenüber den Reise­teilnehmer einen Kostenvorbehalt. Um das Geld nicht selbst voraus­zahlen zu müssen, können Sie ggf. mit dem Busunternehmen Rech­nungserstellung nach der Reise vereinbaren und die Zahlungsfrist ausnutzen.

Für Schulveranstaltungen (schulische Studienfahrten) werden von der Landeszentrale keine Zuschüsse gezahlt. Hier empfiehlt es sich nach­zufragen, ob ggf. über den kommunalen Schulträger im Rahmen be­stehender Städtepartnerschaften mit Polen o.ä. (in Hannover z.B. mit Poznan) Förderungsmittel verfügbar sind.

Über Förderungs- und Vorbereitungsmöglichkeiten in anderen Bun­desländern, vor allem in Nordrhein-Westfalen gibt gerne Aus­kunft:

Gesamteuropäisches Studienwerk Vlotho
Dr. Theo Mechtenberg
Südfeldstraße 2-4
D-4973 Vlotho/Weser
Tel. 05733-2258/5110

6. Camping in Polen von Gerda Heinemann und Armin Walthemate

In Polen gibt es sehr viel mehr Campingplätze, als im ADAC-Führer stehen, nämlich rund 170 Plätze, die in drei Kategorien eingeteilt sind. Generelle Íffnungszeit ist 15. Juni bis 31. August, in großen Städten und in einigen touristisch attraktiven Orten sind die Cam­pingplätze - in der Regel der ersten Kategorie - ab Mitte Mai bis Ende September geöffnet. Auf den Plätzen der ersten Kategorie ste­hen Cabanen (Bungalows) zur Verfügung. Außerhalb der polnischen Sommerferien (Juli/August) sind sie in jedem Fall zu mieten.

Auf unseren Reisen sind wir niemals auf einen überfüllten Cam­pingplatz gestoßen. Vorbestellung ist nicht möglich, aber auch nicht notwendig. Die Ausstattung der sanitären Anlagen entspricht zwar nicht gerade der 5-Sterne-Ideologie des ADAC, die Anlagen sind aber durchaus ohne Einschränkung zu benutzen. Die Übernachtungs­kosten betragen pro Person umgerechnet etwa DM 3,- bis DM 6,- pro Nacht.

Ein wesentlicher Vorteil dieser Reiseart gegenüber den herkömmli­chen Studienreisen für Schüler liegt in der Flexibilität, mit der die Organisatoren planen können.

  • Man braucht sich nicht schon Monate vor der Reise auf be­stimmte Aufenthaltsorte festzulegen.

  • Man braucht sich nicht schon im Voraus um Quartier zu bemü­hen.

  • Man braucht die endgültige Teilnehmerzahl nicht frühzeitig festzulegen.

  • Man braucht die Planung in Polen nicht wegen organisatori­scher Abmachungen einzuhalten, sondern kann sie bei Bedarf jederzeit ändern.

  • Man braucht sich nicht um Essensmöglichkeiten in Restaurants zu bemühen, man beköstigt sich selbst.

Natürlich ist das Ganze nur realisierbar, wenn der Busfahrer nicht auf Hotelunterkunft besteht, sondern die Reiseform für seine Person ak­zeptiert. Derart aufgeschlossene Busunternehmen gibst es in zuneh­menden Maße, sie verfügen darüber hinaus über Campingküchen (Küchenausrüstung, Tische und Bänke) die eine Beköstigung bis zu 40 Personen erlauben.

Dadurch ist es möglich - wie bereits einmal realisiert und für den Sommer 1990 vorgesehen - eine Gruppe polnischer Schüler zur Fahrt einzuladen. Da die Teilnahme unserer Schüler am polnischen Unter­richt wegen Unkenntnis der polnischen Sprache unergiebig ist und da nicht in jeder polnischen Familie die Möglichkeiten für die Unter­bringung eines Gastschülers über längere Zeit gegeben sind, ermög­licht diese gemeinsame Fahrt ohne finanzielle und organisatorische Hindernisse das Zusammenkommen deutscher und polnischer Schü­ler in Polen. Nach unseren Erfahrungen gibt es keine Vorbehalte von Seiten der polnischen Familien, unsere Schüler ein bis zwei Tage zu Beginn, bzw. am Ende der Reise zu beherbergen.

Konkreter Finanzierungsplan für Sommer 1990 (9 Tage) für 20 deut­sche Schüler als Gastgeber von 20 polnischen Schülern:

Bus (ca. 2500 km) ca. DM 275,- pro Teilnehmer
Visa ca. DM 45,- pro Teilnehmer
Campingplatzgebühren/Eintritte ca. DM 30,- pro Teilnehmer
Verpflegung (Essen+Trinken) ca. DM 40,- pro Teilnehmer
gesamt ca. DM 390,- pro Teilnehmer

In der Regel gibt die Landeszentrale für politische Bildung einen Zu­schuß von DM 100,- pro Teilnehmer.

Der Finanzierungsplan zeigt einen weiteren wesentlichen Vorteil die­ser Reiseart. Neben größtmöglicher Mobilität und organisatorischer Flexibilität ermöglicht der geringe Fahrtpreis vielen Schülern - sowohl von polnischer als auch von deutscher Seite - die Teilnahme an der Fahrt.

Inhaltsverzeichnis

Herbert Schmalstieg: Vorwort

Zeitgeschichtliche Notiz 1990

Lothar Nettelmann: Einleitung: Schüleraustausch - warum mit Polen?

Zur Konzeption

Lothar Nettelmann: Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 - die Mahnung des 1. September 1939

Ulrich Bauermeister: Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen und Polen als Auftrag der UNESCO

Gerhard Voigt: Polenreisen der Bismarckschule Hannover - Modellbeispiele und Alternativen

Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr.Wolfgang Scholz: Der Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover

Wolfgang Jordan, Lothar Kutsch: Ein Schulchor, eine Theatergruppe und ein Leistungskurs fahren...

Siegfried Riedel: Schüleraustausch im Geist der Ökumene

Michael Droldner, Matthias Bömeke: Ein Schüleraustausch zwischen katholischer Schule und Pfarrgemeinde

Werner Fink, Ursula Ruehr: Gedanken zu einem Arbeitsbesuch mit Schülern im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof

Dr. Olgierd Lissowski, Poznań: Jugendaustausch und Politik

Piotr Korek, Poznań: Ein Schüler- oder Schulenaustausch?

Joachim Dallwig: Polenkontakte heute (1989)

Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre

Anhang: Autorenverzeichnis

Impressum für diese Publikation

Herausgeber: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt

Redaktion Gerda Heinemann Lothar Nettelmann Gerhard Voigt Armin Walthemate

Herausgegeben für die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Hannover e.V. und den UNESCO-Club der Bismarckschule Hannover e.V.

Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienrei­sen. Hrsgg. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt - Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. (An der Bis­marckschule 5, Hannover) und Deutsch-Pol­nische Gesellschaft Hannover e.V., 1990.

Satz und Layout: Ritterdesign, Laatzen

Printed in Germany

(Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Masch­see, Bis­marckschule Hannover, e.V.) 1. Auflage 300

Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis.

Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009

Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de

http://www.unesco-club-hannover.de

Vgl. dazu Impressum

Überarbeitet August 2009

   
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

   
   

 

     
   

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