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Aus: Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen. Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt

Zur Fassung der Ausgabe von 1990

Lothar Nettelmann

Einleitung 1993

Zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutsch-polnischer Jugendarbeit als Folge des politischen Paradigmenwechsels
in Polen und ihrer Bedeutung für die Träger politischer Bildung
in Deutschland

1. Schüleraustausch – warum mit Polen?

Für jeden von uns, der einen Austausch mit einer Schule in einem frem­den Land anstrebt, stellt sich die Frage, worin die besondere Be­­deutung der Wahl dieser oder jener Stadt besteht. Die traditionellen Schul­­partnerschaften mit England oder Frankreich ließen sich didak­tisch und methodisch leicht begründen. Gleiches gilt für die beliebten London- oder Parisfahrten. Der Besuch der Stätten des Altertums ist ebenfalls durch Griechisch und Latein gut begründbar.

Eine andere Intention haben bereits die Partnerschaften zwischen Bil­dungs­einrichtungen in Ostfriesland, der Grafschaft Bentheim mit denen der Niederlande. Sie dienen eindeutig dem Aussöhnungs- und Nor­mali­sie­rungs­prozeß zwischen Jugendli­chen oder bereits im Beruf stehenden jun­gen Erwachsenen beider Länder. Diese primäre Auf­gabe gilt heute als er­le­­digt, die fruchtbare Zusammenarbeit ist geblieben.

Mit Bildung des Deutsch-Französischen Jugendwerkes erlangten die auf schu­lischer und universitärer Ebene bereits funktionierenden Kon­tak­te mit Frankreich, die von Beginn an neben dem Lernziel Sprache und Kul­­tur in den historischen Prozeß deutsch-französischer Aussöhnung ein­mün­­de­ten, den tragenden organisatorischen Rahmen sowie die staatlichen Un­­ter­stützungen. Man bedenke dabei, daß erste vorsichtige Ansätze in den spä­ten zwanziger Jahren der kulturellen Zerstörung durch die Nazis zum Opfer gefallen war.

Mit England gab es seit den frühen fünfziger Jahren eine Institu­tio­na­­li­sierung von Schüleraustauschfahrten, oft im Zusammenhang mit neu ent­­stan­denen Städtepartnerschaften. Dies gilt vor allem für den nord­deut­schen Raum – die Anstöße gingen dabei oft von den ehemaligen britischen Be­­satzungsbehörden aus.

Bei den unsere östlichen Nachbarn Polen betreffenden Aktivitäten wer­­den alle Ansätze, die über das Erlernen und Üben einer Sprache hin­aus­­ge­hen, in besonderem Maße deutlich.

Bei unseren Studienfahrten und Austauschprogrammen wurden die fol­gen­den in das deutsch-polnische historische Verhältnis einge­bundenen As­pekte deutlich:

– die historische Bedingtheit ist in Polen als Rahmen allgegen­wärtig;

– die polnische Schule hat eine andere Entwicklung er­fahren als Schu­len west­licher Industrieländer; auch bei Berücksichtigung deren se­pa­ra­ter Ent­wicklungen;

– die Sozialisationsbedingungen polnischer und west­deut­scher Jugend­li­cher weichen deutlich voneinander ab; für die Jugend­lichen der DDR gel­­ten wiederum andere Be­dingungen;

– Tra­dition und Religiosität haben einen besonderen Stel­lenwert bei pol­ni­­schen Jugendlichen;

– die individuellen Lebensziele unterscheiden sich ande­rerseits prak­tisch nicht von denen westlicher Länder;

– die Einschätzung des Materiellen ist ambivalent; der Wunsch nach per­­sön­lichem Besitz, der freien Verfüg­bar­keit über Ein­kommen sowie die Ziel­projektion der ei­genen Freizeitgestal­tung sind analog dem Le­bens­­stan­­dard;

– der Umgang erfolgt eher traditionell wertori­en­tiert.

2. Zur Konzeption

Die Aufsätze der hannoverschen Kollegen stellen selbstverständ­lich keine schul­­soziologischen Untersuchungen dar. Sie sind Berichte und Re­flexio­nen aus der pädagogischen Praxis. Aus den unterschiedli­chen Akzenten wird zugleich die Differenziertheit der Arbeit mit Polen deutlich wie auch die Vielfalt der Zusammenarbeit mit pol­nischen Kollegen und Kolleginnen und Schüler und Schülerinnen. Die Verfasser der Texte sind zumeist Mit­glie­­der der Deutsch-Pol­nischen Gesellschaft Hanno­ver oder arbeiten mit ihr im Bereich der Ju­gend und Bildung zusam­men. Die Aufsätze der pol­ni­schen Kollegen stellen eine Ergän­zung aus polnischer Sicht dar.

Beispielhafte Reiserouten sowie organisatorische Hinweise runden das ge­­samte Werk ab. Sicherlich werden künftig neue private pol­nische Rei­se­ver­­anstalter als Anbieter auf dem deutschen Markt er­scheinen. Von den Ver­­­fassern können die bewährten Kontakte, JUVENTUR und POLORBIS, em­pfoh­len wer­­den. Die von der Aktion Sühnezeichen angebotenen Aufenthalte wer­den eben­­falls über JUVENTUR abgewickelt. Alle polnischen Rei­se­un­ter­neh­men wur­den im Laufe des Jahres 1990 in die vollständige wirt­schaft­li­che Selbstän­dig­­­keit überführt. Sie erhalten die Rechtsform einer Aktien­ge­sell­schaf­t oder einer GmbH. Dieser Prozeß ist normal und längst überfällig. Daneben er­­scheinen eine Vielzahl neuer privater Reiseanbieter, die ihre Be­wäh­rungs­­probe noch vor sich haben. Die Koope­ration mit finanzstarken west­li­­chen Partnern, wie wir sie in Polen auch auf dem Dienstleistungssektor be­­obachten, muß positiv gesehen werden, auch im Hinblick auf unsere künf­­tige Zusammenarbeit. Die Angebote neuer Rei­seunternehmen sollten je­weils gut geprüft werden und vor allem bei besonders preisgünstig er­schei­­nenden Angeboten sollte eine vertrauens­volle, unabhängige Auskunft ein­­geholt werden, um folgenschweren unangenehmen Erfahrungen vor­zu­beu­gen.

3. Die Grundlagen der Jugendarbeit

Das Problem, politische und soziale Wandlungsprozesse sichtbar machen zu kön­­nen, liegt auf einer zunächst nicht unmittelbar wahrnehmbaren Ebene. Die „westlichen“ Träger der politischen Bildung sind zumeist durch die in den Industriegesellschaften Westeuropas und der USA entwickelten Theo­ri­en geprägt.

Diese Ansätze in Wissenschaft und politischer Bildung waren we­sent­lich durch die Sichtweisen bürgerlich oder proletarisch beschriebener Ge­sell­­schaf­ten bestimmt. Sie erhoben in einigen Ansätzen den Anspruch, so­zia­le Phä­nome strukturell zu erklären. Ihre Deutungsmuster entstammen den im 19. Jahrhundert gebildeten sozialen und liberalen Ideensystemen. Die­se wiede­rum sind Folgen der Aufklärung, und lassen sich bis zu Re­nais­­san­ce- und Reformationsdenken zurückverfolgen.

4. Zur Sichtweise der Intellektuellen

Der Zusammenbruch der in der Folge des Ersten und danach des Zweiten Welt­­kriegs entstandenen politischen und ökonomischen Systeme in den sich sozialistisch bezeichnenden Ländern hat – so ein Postulat eines han­no­­verschen Wissenschaftlers – zur Sprachlosigkeit der Intellektuellen ge­führt. Ist es wirklich die Sprachlosigkeit der Intellektuellen? Liegt die Ur­­sache nicht vielmehr in den Schwierigkeiten dieser durch „latines Den­ken“1 geprägten westeuropäischen Intelligenz, neue Prozesse in den öst­li­chen Gesellschaften zu begreifen, die nicht mit den bisherigen Er­klä­rungs­mustern und Theorien deutbar sind?

Es sind vor allem die linken Intellektuellen, die ihren Erkenntnisstand aus der Geschichte der sozialen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhun­derts, also maßgeblich aus der Arbeiterbewegung ableiten. In Polen wird von Historikern und Soziologen zunehmend die Frage gestellt, inwieweit die Geschichte der kommunistischen oder sozialistischen Parteien Ost­euro­pas noch den historischen Anspruch erheben kann, wesentlich als Be­stand­­teil dieser Arbeiterbewegung gelten zu können. Man fragt, ob nicht die politische Strukturen orthodoxer oder autoritärer Machtausübung viel­mehr auf der Basis formaler und ideologischer Legitimation definiert wer­den müssen.

Die Gesellschaften des Ostens haben in ihrer politischen Ziel­be­stim­mung, soweit es den von ihnen so bezeichneten gesellschaftlichen Fort­schritt betrifft, égalité und fraternité in dem Definitionsrahmen von So­li­da­­rität und Gerechtigkeit gestellt und über den gesellschaftlichen Gleich­heits­­anspruch zu erreichen versucht. Die Gefahr bestand darin, den Blick vor einer adäquaten Sicht zu versperren. Damit wurde eine realitäts­ge­rech­te Beschreibung dieser Gesellschaften zumindest sehr erschwert. Man sieht nur, was man weiß!

Das Verschwinden der postulierten Prinzipien dieser von den in den kom­­munistischen Parteien herrschenden Machtgruppen bis 1989/90 als so­zia­­listisch definierten Gesellschaften läßt die Schlußfolgerung zu, daß auf­grund von Irrtümern, Unvermögen, Ignoranz sowie der Tendenz zur Re­pro­­­duktion von Selbstbildern die Paradigmen dieser östlichen Gesell­schaf­ten nicht begriffen wurden. Die Ebenen der Wirklichkeit dieses von or­tho­doxem Denken geprägten Osten sind in ihrer mehrschichtigen Hi­sto­ri­zi­tät nicht wahrgenommen hat. Heute erhärtet sich zunehmend die These, daß sie keineswegs als sozialistisch definierbar waren.

Das Denken und die Erkenntnisprozesse westlicher Intellektueller war zu lange wesentlich an eigenem Denken und eigenem Erkenntnisstand auf der Basis der Historie eben der eigenen – westlichen – Gesellschaft ori­en­tiert. Diese westliche Sicht war damit Basis für die Analyse und Be­wer­tung der östlichen Gesellschaften, insbesondere Polens und Rußlands.

Die Irrtümer und Utopien bezüglich fehlgehender Einschätzungen und Un­­terschätzungen von Verhaltensweisen in östlichen Gesellschaften be­stan­den vor allem darin, eigene Erkenntnisse, Meinungen, Wertmaßstäbe und –setzungen und oft Selbstbilder auf östliche Regionen und Ethnien über­tragen zu haben, ohne die Anwendbarkeit aufgrund historischer und ge­­sellschaftlicher Voraussetzungen zu prüfen.

5. Machtausübung und gesellschaftliche Transformation

Um die Problematik dieses Transformationsprozesses zu begreifen, ist es not­­wendig, die Formen der Herrschaft bzw. Herrschaftsprozesse in diesen in­­nergesellschaftlichen und zwischenstaatlichen Machtstrukturen in ihrer In­­terdependenz zu diesen östlichen Gesellschaften zu skizzieren. Eine an sich nötige Darstellung der Wesensmerkmale dieser östlichen Ge­sell­schaf­ten selbst kann nur begrenzt erfolgen. Für die vorliegende Problematik ist dabei das Verhältnis Rußland – Polen von besonderer Bedeutung.

Polen betreffend läßt sich die Reproduktion dessen, was man weiß zu­min­­dest bis in die Literatur aus der Zeit der dreißiger Jahre des 19. Jahr­­hunderts nachweisen, als die Polenbegeisterung nach dem vom za­ri­sti­­schen Rußland niedergeschlagenen Novemberaufstand (1831) in Deutsch­land, das im Begriff war, sich als Nation zu definieren und als Ein­heits­staat herauszubilden, abgeklungen war und sich in ihr Gegenteil ver­kehr­te. Es fand dann in der Nazi-Ideologie seine höchste Perversion. Die Pro­ble­­matik läßt sich u.a. an dem seit dem 18. Jahrhundert mehrfach in­stru­men­­talisierten Sereotyp der polnischen Wirtschaft deutlich machen.2

Lenin hat mit Hilfe von aus der Reichskriegskasse bezahlten Re­vo­lu­tio­­nären mit militärischer Gewalt die Macht errungen, und diesen Vorgang als Revolution definieren können. Er, wie auch seine Nachfolger, setzten zu­­gleich aufgrund ihres historischen Interpretations- und De­fi­ni­tions­mo­no­­pols die uneingeschränkte Gültigkeit ihrer Darstellung von Verlauf und Ziel dieser Revolution in ihrem Lande durch. Das mehrfache (insgesamt sie­­benmalige) Umschreiben der `Geschichte der russischen Revolution' so­wie die Vernichtung der vorherigen Darstellungen durch seine Nachfolger sind hinlänglich bekannt. Die Zahl der dem Machterhalt Lenins und seiner Nach­­folger dienenden Menschenopfer wird in den Schätzungen der ehe­ma­li­gen UdSSR mit zwanzig Millionen angegeben, Während der Glasnost-Phase wur­de in der sowjetischen Presse auch die Zahl von bis zu fünfzig Mil­lio­nen genannt.

Die Aufzwingung eines ökonomischen Systems und die erzwungene und kon­­trollierte permanente Beschäftigung mit diesem Leninismus machte die pol­­nische Nation sehr sensibel für die zu verschweigenden Anteile dieser Ge­­schichte. Für Polen ist dabei nicht die Zahl wichtig, sondern die Tat­sache, daß der Sachverhalt im Zuge von Glasnost und Perestrojka nach und nach von sowjetischen Kommunisten zugegeben werden mußte! Im We­sten hatte man das ständige Insistieren polnischerseits und das bewußte Of­­fenhalten dieser nationalen Wunde nicht verstanden. Angestrebte Ver­stän­­digung bedeutete dort zugleich, wegen des höheren Zieles den Mantel des Vergessens zu akzeptieren. Vorrangiges Ziel in Deutschland war die Aus­­einandersetzung um die Bewältigung der eigenen Schuld!

In Polen mißt man der Tötung von fünfzehntausend polnischen Of­fi­zie­ren bei Katyn eine höhere Bedeutung zu. Dieser aus der polnischen Ge­schich­te heraus – weil für die Nation von existentieller Bedeutung – als trau­­matisch verstandene Vorgang hat in Polen gleichen Rang wie das di­rek­te und indirekte Zu-Tode-Bringen eigener Bevölkerung durch die rus­si­schen Komunisten. Auch die Tötung von in den dreißiger Jahren in die Sow­jetunion geflüchteten Angehörigen der Polnischen Kommunistischen Par­­tei – es wurde faktisch die gesamte Kommunistische Partei Polens durch Stalin liquidiert – wird in Polen im Zusammenhang mit einer primär Po­len betreffenden Verschweigung von Verbrechen gesehen. Wesentlich war dabei, daß es sich um Polen handelte, die in der Sowjetunion um­ge­bracht worden sind.

Im Vergleich dazu hat die Ermordung deutscher Kommunisten in der Sow­­jetunion sowie die Auslieferung an Nazi-Deutschland in bewußter Kennt­­nis der Tötung dieser Menschen in Konzentrationslagern keine ent­spre­chenden Reaktionen deutscherseits hervorgerufen. Wahrscheinlich deckt die Interpretation alles ab, der Kalte Krieg habe die Problematik über­lagerte. In Polen erfolgte die besondere Beachtung und Gewichtung u.a. auch dadurch, weil das Sprechen über diesen Teil der Geschichte wäh­­rend der Zeit des Stalinismus bei Strafe verboten war.

6. Zwischen Rückschritt und Fortschritt?

Die Belegung des Fortschrittsbegriffes durch Marxisten macht es not­wen­dig, sich mit dem Begriff der Rückständigkeit Rußlands auseinandersetzen. Kann das, was von den russischen Kommunisten durchgesetzt wurde, mit dem Begriff Fortschritt abgedeckt werden oder ist es die In­stru­men­ta­li­sie­­rung eigener Machtstabilisierung auf der Basis einer zunächst aus Über­­zeugung vertretenen Ideologie, die nach und nach zu einer starren Glau­­benslehre als Herrschaftsdoktrin des Machtapparates verkam?

Das Problem liegt in der aus diesem Rückständigkeitstheorem ab­ge­lei­te­ten Forderung nach Aufholung eben dieses Rückstands bzw. Differenz im Pro­zeß der Zivilisierung in Richtung auf den von Intellektuellen so be­nann­­ten Fortschritt. Es geht dabei – so die unter polnischen In­tel­lek­tu­el­len vertretene Auffassung – um den mangelnden bzw. mit Kommunisten grund­­sätzlich nicht zu erreichenden Konsens gesamtgesellschaftlicher Ziel­bestimmung von Fortschrittskriterien. Außerdem handelt es sich um die Durch­setzung von Dogmen seitens der den Machtapparat do­mi­nie­ren­den Kom­­munisten ohne die Einhaltung demokratischer Regeln, d.h. auf der Ba­sis von demokratischer Legitimation, Kontrolle von Macht, prinzipieller Re­ver­sibilität von Entscheidungsprozessen und zeitlich begrenzter Man­dats­ausübung.

Diese Kritik an der realen Machtausübung polnischer und sowjet-rus­si­scher Kommunisten ist von polnischen Intellektuellen nie verdrängt wor­den. In ihr äußert sich auch der wesentliche Vorwurf der Menschen in Po­len gegenüber den ehemals über die Macht Verfügenden, bzw. den De­zi­den­ten. Dies gilt eindeutig auch für diejenigen, die loyal gegenüber ihrem Staat und seiner Gesellschaft ihrer Werktätigkeit nachgegangen sind, ins­be­sondere für die höher Qualifizierten! Man versteht diese Kritik in Polen zu­gleich als im Interesse der Nation liegend. Den Nationsbegriff verwendet man dabei im innergesellschaftlichen Konsens als einen der eigenen Ge­schich­te adäquaten Terminus und vermeidet dadurch zugleich den su­spek­ten Gesellschaftsbegriff!

7. Die Aufbruchbewegung der 68er in West und Ost

Es bietet sich an, die Aufbruchbewegungen in Westeuropa, die dort oft sum­­marisch als „68er-Bewegung“ apostrophiert wird, mit dem Aufbruch in Ost­europa zu vergleichen.

In Westeuropa steht die 1968 vor allem in Westdeutschland und Frank­­reich kulminierende Entwicklung im Zusammenhang mit der Pro­test­be­­we­gung der frühen fünfziger Jahre in den USA. In der Bundesrepublik Deutsch­land führte sie zunächst zu der Einstellungsform, die als skep­ti­schen Generation [Schelski] etikettiert wurden.

In Osteuropa handelte es sich weniger um einen Jugendprotest, denn um einen zunehmenden geistigen Widerstandskampf junger Intellektueller ge­gen den Partei- und Staatsapparat. Dieses ist vor dem Hintergrund der Ver­­nichtung eines großen Teils der polnischen Intelligenz als Folge der Ok­­kupationszeit zu sehen. Stichworte dieses Verhaltens sind: die Tau­wet­ter­periode in der UdSSR, der ungarische Freiheitskampf 1956, der pol­ni­sche Arbeiteraufstand in Posen sowie der Intellektuellenprotest insgesamt in Polen 1956; der Prager Frühling und der Warschauer Herbst 1968, dann der Arbeiterprotest 1970 und die Ereignisse 1980 vor allem in der Kü­sten­region Nordpolens.

Westliches Protest- und östliches Widerstandsverhalten stehen zwei­fel­los im zeitlichen Kontext der Nachkriegszeit. Sie unterscheiden sich aber auf Grund unterschiedlicher historischer Voraussetzungen bezüglich Ziel­rich­tung, Inhalt, Methode und vor allem ihrer Träger.

Die „Vision“ der 68er-Bewegung in Frankreich und Westdeutschland soll­te dabei zunächst einmal entideologisiert werden. Sie ist wesentlich als eine Antwort zu verstehen auf ein Restaurationsphänomen einer für West­europa zunehmend anachronistischer werdenden stagnierenden Ge­sell­schafts- und Herrschaftsordnung. Für die gedankliche Bewältigung und Über­windung dieser als unbefriedigend erlebten Lebenssituation gerade der jüngeren Generation war es notwendig, neue Ideologeme auf der Basis eines Gegenmodells zum herrschenden liberal-kapitalistischen System zu ent­wickeln, das sich in die „verdrängte“ Geschichte der sozialistischen Ideen einfügte. Eine besondere Rolle zur Formulierung alternativer und fort­schrittlicher Zielsetzungen bestand im Rückgriff auf bestehende vor­han­dene Utopien sowie die Formulierung daraus abgeleiteter neuer Vor­stel­lungen und Visionen.

In den „östlichen Gesellschaften“ unterscheidet sich die Problematik zu­nächst deutlich. Die Intelligenz – insbesondere aber die polnischen In­tel­lektuellen3 – befanden sich in einer Auseinandersetzung mit dem Sta­li­nis­mus. Dieser zeichnete sich primär nicht durch Anachronismus aus. Sei­ne Selbstdefinition als Ideologem war die des Fortschritts per se auf der Ba­sis der veränderten ökonomischen Beziehungen. Wesentliches Ziel der Kri­tik war denn auch die Ausprägung der inzwischen in Polen mit dem Sam­melbegriff stalinistisch bezeichneten Ökonomie wie Gesellschaftsform. Der Begriff der Kommandowirtschaft ist dagegen eine westdeutsche jour­na­listische Prägung.

8. Zur Ökonomie des Sozialismus in Polen

Die stalinistische Ökonomie wurde von polnischen Ökonomen als rück­schritt­lich definiert, da sie – vor allem in den Außenbeziehungen – tausch­wirtschaftliche Elemente enthielt und ihre Währung auf die Funk­tion einer Binnenwährung reduziert war. Hinzu kam seit den siebziger Jah­ren aufgrund des sich abzeichnenden Liquiditätsüberhangs das Phä­no­men der zurückgestauten Inflation. Man kritisierte, daß aus offensichtlich ideo­logischen Gründen, weil das Kapital als Ursache des Bösen schlechthin an­gesehen wurde, auf eine moderne Geldwirtschaft verzichtet worden war, man also auf vorkapitalistische Formen der Verkehrswirtschaft zu­rück­gegriffen hatte.

Da eine wesensbestimmende Funktion einer modernen Verkehrswirt­schaft aufgrund dieser ideologischen Vorgabe nicht vorlag, sah man die­ses stalinistische Wirtschaftsmodell insgesamt als nicht tragbar an. Der Man­gel an Devisen als Ausdruck sinkender Konkurrenzfähigkeit der sich in Polen seit dem Ende der siebziger Jahre zur „Mangel-Verwaltung“ ent­wickelnden Planungsbürokratie, drückt den Mangel an für eine moderne Wirt­schaft Existenznotwendigem aus, dem Investivkapital.

Der durch die unzureichenden Planungsinstrumente praktizierte Vor­rang von Quantität vor Qualität innerhalb der Zentralen Plan- und Ver­tei­lungs­wirtschaft ist ebenfalls dem ökonomischen Fortschrittsbegriff dia­me­tral entgegengesetzt. Er ist also in verschiedenen Abstufungen – um in die­ser Begriffsebene zu bleiben – partiell als rückschrittlich zu de­fi­nie­ren! Die gilt bezüglich der Produktion im allgemeinen wie auch konkreter Kon­sumwünsche, beziehungsweise dem Bedarf der Bevölkerung, die so­ge­nann­te Tonnage-Ideologie.

Die polnischen Ökonomen lehnten sehr früh (etwa ab 1958) diese For­men der Ökonomie einer zentral gesteuerten Wirtschaft ab.

Nach den er­sten Lockerungen am Ende der eigentlichen diktatorischen Sta­li­nis­mus­pha­se, also Ende 1956, wurden Reformversuche in den ökono­mi­schen Fa­kul­täten einiger polnischer Universitäten diskutiert, vor allem in War­schau und Krakau. Man kam damals zu dem Schluß, daß der Sozialis­mus nicht reformierbar sei4. Dies erklärt vielleicht die Aufgabe ent­spre­chen­der Ver­suche innerhalb der polnischen im Gegensatz zur ungarischen Wirtschaft!

Dort wurden die Entwicklungen oft positiver eingeschätzt. Vor allem in west­lichen Darstellungen wurde ein positiver Eindruck aufgrund der Re­form­ansätze vermittelt. Möglicherweise spielten bezüglich des Re­form­kom­mu­nismus in Ungarn in der Kadar-Ära ungarische Propaganda, das Set­zen auf Illusionen – weil unter den damaligen Bedingungen der einzige Aus­­weg – und westliches Illusionsdenken eine entscheidende Rolle. Die Ver­knü­pfung mit der westlichen Wirtschaft (EG und Österreich) war um­fang­rei­cher; Ungarn verfügte außerdem durch den Tourismus über ge­gen­über der CSSR und Polen höhere Deviseneinnahmen.

Seit dem ökonomischen Zusammenbruch auch Ungarns, bleibt kaum noch etwas von dem positiven Selbstbild der Ära Kadar übrig. Im Ge­gen­teil: Der Begriff »Reform« ist dort seit Aufhebung des prinzipiellen Ver­bo­tes der Äuße­rung grundsätzlicher Kri­tik nach der Entmachtung Kadars 1986/87 zu einem Negativ-Stereo­typ geworden!

In Polen wirkten die Ökonomen auf ihren Arbeitsplätzen im Pla­nungs­ap­parat und den Betrieben im Sinne einer zwangsläufigen Akzeptanz des vor­gegebenen Rahmens. In den Hochschulen versuchten vor allem jüngere Wis­senschaftler bis etwa Ende der siebziger Jahre Reformmodelle zu ent­wer­fen. Dies geschah aber nur solange westliche wirtschaftswissen­schaft­liche und marktwirtschaftliche orientierte Ansätze als dem Kapitalismus im­manent tabu waren und man kaum über westliche Wissenschafts- und Tech­­nologieent-wicklungen informiert war. Der Zugang zu neuem Wissen war vor allem durch die eigene Administration versperrt. Das Wis­sens­de­fi­zit bestimmte damit auch die wissenschaftliche Ausrichtung. Der Zugang zu westlichem wissenschaftlichen Material im Verlauf der siebziger Jahre be­endete nach und nach diese Phase.

Die einen – auch dem Marxismus nahestehenden Intellektuellen – sind emi­griert oder wurden zur Ausreise in den Westen gedrängt. Die anderen haben nach Versuchen, den `realen' Sozialismus zu reformieren und für die Ökonomie des Landes als notwendig erkannte marktwirtschaftliche Ele­men­te einzubauen, bereits in den fünfziger Jahren aufgegeben, nachdem sie die Begrenztheit politischer Durchsetzung eindeutig erkannt hatten. Das bedeutet aber, daß die Ökonomie bis zum Ende des Sozialismus im Rah­­men der gesetzten Bedingungen gelehrt, geplant und dabei zunehmend im­­provsiert hat.

Heute äußern polnische Ökonomen, daß sie in ihrer jeweiligen in­di­vi­duel­len Vita durchaus phasenweise geglaubt haben, innerhalb des Systems auch produktiv zu arbeiten. Sie machen aber deutlich, daß dies wesentlich eine Folge der praktizierten wissenschaftlichen Abschottung bis zum Ende der siebziger Jahre war. Danach hat die polnische Ökonomie nicht mehr an die Realisierbarkeit von im Kriegszustand 1981 begonnen Re­for­men in Richtung auf mehr Selbständigkeit geglaubt. Diese Reformen waren üb­ri­gens auf der Basis von der Linken zugehörigen Solidarnosc-Intellek­tu­ellen zustandegekommen! Die Jaruzelski-Administration hat wesentlich de­ren Entwürfe übernommen.

Andererseits rekurriert der stalinistische Fortschrittsbegriff denn auch mehr auf dem Postulat des sozialen Fortschritts, der sich in den sog. Errungenschaften des Sozialismus ausdrückte. Diese Wech­sel­be­zie­hung kann in ihrer Gesamtheit als Beispiel und Beleg für die Inkohärenz des Systems verstanden werden.

9. Dysfunktionalität (in) der Ökonomie des Sozialismus

Das pragmatische Funktionieren des als soziale Marktwirtschaft definierten bun­­desdeutschen Wirtschaftssystems, wurde in der „68er Bewegung“ hin­ter­fragt und ideologisch abgelehnt. Die Überwindung von Pragmatismus und abgelehntem ideologischen System konnte also nur mit Hilfe einer neuen andersartigen Ideologie erfolgen! Dies verdeutlicht des Stellenwert von Utopien für diese Bewegung.

Die östlichen Kritiker spürten primär das zunehmende Nicht­funk­tio­nie­ren der sozialistischen Wirtschaftsgesellschaft, aber im pragmatischen Sinne. Das System dieser Gesellschaft wurde insgesamt als dysfunktional er­kannt. Die Ursache lag in der Umsetzung einer aus einer Ideologie ab­ge­leiteten Herrschaft. Die Ablehnung konnte also ebenfalls nur auf prag­ma­tischer Ebene erfolgen, durch einem dem herrschenden System ent­ge­gen­gerichteten Pragmatismus, da sich auf dieser Ebene die Notwendigkeit zur Negation des gesamten Systems herausbildete! Zugleich verbot sich eine Gegenideologie. Dies hat zwei Gründe.

Erstens: Die real erfahrbare gesellschaftliche Misere sowie die Dys­funk­tionalität des Systems, wurden allein der oktroyierten Ideologie bzw. der auf ihr basierenden Machtausübung angelastet. Damit mußte das Prin­zip abgelehnt werden, einen Staat und eine Gesellschaft über eine Ideo­lo­gie zu definieren und zu steuern.

Utopie und gesellschaftliche Realität vs. westliche Intellektuelle und kom­munistische Gruppierungen

Das wesentlich bestimmende Motiv der Intellektuellen war der Kampf ge­gen die Form und Ausprägung kommunistischer Machtausübung. Da es sich zugleich um eine Auseinandersetzung mit einer als fremd em­pfun­de­nen oder gar feindlich aufgenommenen Ideologie handelte, war die Me­tho­de der Auseinandersetzung an Pragmatismus orientiert. Sie war deshalb zu­gleich ideologiefern und ablehnend! Dies erklärt die Haltung polnischer In­tellektuellen zu Ideologie und Utopie.

Das Dogma von der anzustrebenden Utopie – auch wenn diese als rea­le und wissenschaftlich-sozialistische Utopie definiert wurde – ist ge­gen­wär­­tig nicht mehr existent. War es aber jemals existent? Für Polen kann als Ant­wort gegeben werden: Im Sinne der zielbestimmten Umsetzung einer Ideo­logie oder Theorie in Richtung auf eben den Sozialismus hat sich die pol­nische Intelligenz niemals festlegen lassen, marxistisch-le­ni­ni­sti­sche Ideo­logie in gesellschaftliche Realität umzusetzen, wie es z.B. von fran­­zö­si­schen Intellektuellen innerhalb der KPF in der Nachkriegszeit an­ge­­strebt wurde. Vergleichbares war in Polen in dieser Weise nicht der Fall!

In Westeuropa tut man sich gegenwärtig schwer mit dem Begriff »Uto­pie«5. In einem Teil der Wissenschaft – zunehmend im Kreise linker In­tel­lek­tueller – wird er weiterhin diskutiert. Andere folgen nicht mehr diesem Weg politischer Diskussion. In Polen hat er unterhalb einer bestimmten Ab­straktionsebene nie eine Rolle gespielt.

Es ist anzumerken, daß in der jüngsten Zeit die Ideologie-Diskussion in der Linken deutlich abgenommen hat. Gleichzeitig sind Tendenzen kon­ser­vativer Publizisten (z.B. in der FAZ) zu beobachten, die dieses Thema an­gesichts des Zusammenfallens der linken Diskussionen neu zu besetzen und als Beleg für das Scheitern linker Utopien zu verwenden und damit zu instrumentalisieren.

Einigen in der Sowjetunion vor 1944 geschulten Kommunisten, die nach den damals in Moskau gültigen Maximen die marxistisch-leninistische Dok­trin adaptiert hatten, haben zwar über den Propagandaapparat ent­spre­­chend im Sinne einer Umsetzung der gewonnenen Lehrmeinung ge­wirkt, eine innergesellschaftliche Resonanz und partielle Akzeptanz wie in der ehem. DDR hat es aber in Polen nicht gegeben. Das Pflichtprogramm des M/L wurde an den Universitäten als solches durchlaufen. Ab 1948/49, der end­gültigen Machtübernahme durch die sog. Moskau-Fraktion der pol­ni­­schen KP, hat es eine Phase bis 1956 gegeben, die als stalinistische Herr­­schafts­ausübung gekennzeichnet werden kann, nicht aber als Ver­such, den Sozialismus bzw. die sozialistische Utopie zu realisieren.

Daß ein Wirtschaftsmodell staatlicher Steuerung übernommen wurde, er­­folgte zwangsläufig, da alle Systeme in Krisen- oder Kriegssituationen ihre Wirtschaft mehr oder weniger stark steuern, schließlich hat Lenin sein System gesteuerter Wirtschaft dem Modell der deutschen Kriegs­wirt­schaft und der Reichsbahn- und Post übernommen.

Die Position polnischer Wissenschaftler können im gegebenen Zu­sam­men­­hang nicht wiedergeben werden. Es ist aber wesentlich, darauf hin­zu­wei­­sen, daß sie auch als Mitglieder der PVAP tatsächlich politische und so­­ziale Reformen, den Abbau alter Herrschaftsstrukturen mit dem Ziel grund­­sätzlicher Demokratisierung anstrebten. Sie sind allerdings ge­schei­tert. Sie haben loyal in ihren Staat, der VR Polen gearbeitet, müssen sich jetzt den Vorwurf des Opportunismus oder der Vorteilsnahme er­weh­ren. Aber ist das nicht in jedem System der Fall, das prinzipielle Macht­wech­sel erfährt?

Es übersteigt den gegebenen Rahmen, zu fragen, ob denn jemals in den Ländern des früheren RGW eine realistische Möglichkeit auf an­satz­weise Umsetzung der sozialistischen Utopie bestanden hat oder auch nur eine minimale Chance auf Ansätze zu einer Realisierbarkeit, die über die Re­produktion von Selbstbildern anstelle von historische und gesell­schaft­liche Gegebenheiten berücksichtigende Analysen hinausgehen? Mög­li­cher­wei­se wird die politische und wissenschaftliche Diskussion – auch in­ner­halb der europäischen Linken – in dieser nachsozialistischen Phase zur Klä­rung beitragen.

Utopien können konzipiert und diskutiert werden als Modelle für hu­mane Menschengesellschaften. In Polen haben sich die Intellektuellen kaum an Utopiediskussionen beteiligt, vor allem nicht mit Gästen aus dem We­sten. Bezüglich ihrer Gesprächspartner aus den Bruder-Ländern haben sie sich sehr höflich zurückgehalten. Man wies auch auf das Fremd­wör­ter­lexikon hin: Utopia bedeutet im Griechischen Nicht-Ort bzw. Nirgend-Land, das Wunschland eines wirklichkeitsfremden Welt­ver­bes­se­rungs­pla­nes. Der Utopist hat die schwärmerische Neigung zum weltfremden Welt­ver­bessern. Die Ablehnung des Utopiedenkens bezieht sich auf fort­schritt­­liche Systeme. Bezogen auf die eigene Nation und den eigenen Staat ist polnisches Denken allerdings eminent utopisch! Beispiele dafür lassen sich u.a. in der Geschichte des 19. Jahrhunderts finden. Eine besondere Rol­le spielt in diesem Zusammenhang auch der Romantizismus in der pol­ni­schen Literatur.

Wird es nicht jetzt, nach dem Ende einer oktoyierten, in z.T. hi­sto­ri­scher Erduldung und andererseits mit historischen Widerstandswillen ge­tra­genen gegenwärtigen historischen Phase Zeit, sich der historischen Di­men­sioniertheit verfestigter Theorien bewußt zu werden. Muß nicht die Ka­tegorie kritisch auf die eigene Sichtweise angewandt werden und Hin­ter­fragen von gesellschaftlichen Zusammenhängen dazu führen, sich an­ge­sichts dieses Zerfalls zunächst die eigene Begrenztheit von Sicht, Analyse, Wertung bewußt zu werden.

10. Die polnische Utopie: die Nation!

Nicht die intellektuelle bzw. ideengeschichtliche Auseinandersetzung um so­zia­le Utopien, und ihre mögliche Richtschnurfunktion für ge­sell­schaft­li­che und politische Zielbestimmungen ist im gegebenen Zusammenhang ent­schei­dend. Kennzeichnend ist, daß im Unterschied zum damaligen west­li­chen Nachbarland Polens, der DDR, niemals von Intellektuellen der Ver­such gemacht wurde, Utopie im sozialistischen Sinne als Zielbestimmung in der Lehre in Universität und Schule umzusetzen.

Wie ist es z.B. zu deuten, das ein Begriff wie `Volk der DDR' niemals in von Teilungen betroffenen Ethnien wie Polen oder Ungarn (Ab­tre­tun­gen von Gebieten mit z.T. geschlossen ungarisch sprechender Bevölkerung im Frie­den von Trianon, 1919) hätte entstehen können.

Für Polen ist die Nation nicht teilbar! Diese Polnische Nation hat in ihrer Geschichte in konsequentem Verhalten – nach den Kriterien ra­tio­na­len Denkens – unsinnig viel Blut vergossen zur Wiederherstellung und dem Erhalt eben dieser polnischen Nation. Im Begreifen dieses Phänomens, tritt dieses Problem an uns heran, ob wir es uns bewußt machen wollen oder nicht. Dies ist namentlich für die Linke in Deutschland, die einen dif­­ferenzierten Gesellschaftsbegriff bevorzugt, schwer nachvollziehbar.

Nun ist der polnische Nationsbegriff stark mystifiziert; er ist kaum sprach­­lich und auch nicht ethnisch (eindeutig) definierbar. Nation und Staat sind in Polen aufgrund der mehrere Generationen andauernden Tei­lungs­­zeit mythisch verknüpft. Die bewußtseinsmäßige Bildung einer Staats­­gesellschaft konnte in der Zwischenkriegszeit – auch aufgrund der po­­litischen Rahmenbedingungen – nicht erfolgen. Als wesentlich ist aber die bewußte Historizität im Zusammenhang mit der polnischen Nation kon­sta­tierbar. Als Problem bleibt für Polen die Überlagerung von Utopie und Politik.

Wir Deutsche haben in unserer neuen Gesamtheit wieder eine ge­mein­sa­me Grenze mit Polen, die Ausdehnung des eigenen Wirtschaftsraumes, die Mi­grationsbewegungen von Ost nach West mit ihren Folgen für Schule und Leh­re, gemeinsames Lernen und die Pädagogik und wesentlich: die po­­li­ti­sche Bildung!

11. Kirche: Machtbalance zwischen Staat und Gesellschaft

Das zweite spezifisch polnische Moment in der Ablehnung des Systems ist die historisch gewachsene Rolle der katholischen Kirche. Dies gilt zugleich als Motiv und background im gesellschaftspolitischen Kampf. Da die Kirche im gesamten Prozeß des Abwerfens kommunistischer Herrschaft den sozia­len, institutionellen auch psychischen bzw. affektiven Rahmen darstellte, er­hebt sie zwangsläufig den Anspruch, der Alleinbestimmung im geistigen bzw. ideologischen Sinne. Sie fordert gegenwärtig das Recht ein, die al­lei­nige Ideologievermittlerinstanz zu sein. Das bedeutet, sie erhebt nach­drück­lich den Anspruch auf Alleingültigkeit ihrer Lehre sowie das Defi­ni­tions­monopol für Ethik und Moral.

Aufgrund ihrer gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Position sowie des in Polen noch stark vertretenen Volkskirchencharakters kann sie die­sen Anspruch auch in sehr hohem Maße durchsetzen. Die Folge ist u.a. die zunehmende Ignoranz anderer Konfessionen in Polen sowie der mas­si­ve Druck auf Parlament und Regierung, z.B. die Lernziele und –inhalte für den nicht konfessionsgebundenen Ethikunterricht zu bestimmen.

Die Ambivalenz der Rolle der katholischen Kirche in Polen wird da­durch deutlich, daß sich eine seit 1990 zunehmende Gegenbewegung ge­rade gegen diesen Aspekt der versuchten ideologischen bzw. glaubens­spe­zifischen Einflußnahme in der polnischen Gesellschaft herausbildet! In­dikatoren sind die deutliche Abnahme des Kirchenbesuches, sinkende Spen­­deneinnahmen und zunehmende Abmeldungen polnischer Schüler und Schü­­lerinnen von Religionsunterricht, vor allem in den Städten. Die Ge­gen­­be­we­gung wird von der Intelligenz getragen, ist wahrscheinlich aber um­fas­sen­der. Genaue Informationen über dies gegenwärtige Phänomen wie auch die Austragung zunehmender innerkirchlicher Span­nungs­pro­zes­se liegen der Öffentlichkeit nicht vor.

Die Rolle der katholischen Kirche Polens wird im Westen oft miß­ver­stan­den. Ihr gegenwärtiges Wirken ist gewiß als Machtstreben und Macht­er­halt zu charakterisieren. Die geäußerte Kritik greift aber wesentlich zu kurz, wenn die reale Situation, die zwar kein Machtvakuum darstellt, kei­nes­falls aber ein schon austariertes politisches oder soziales Gleichgewicht ist, außer acht gelassen wird. Eine Situation, die durch nicht erfolgtes Aus­pendeln von Machtgleichgewichten sondern eher von zunehmenden Di­ver­­­sivizierungsprozessen jenseits von ethisch bestimmten oder politisch ver­antwortlichem Handeln abläuft.

Für Polen typisch sind die lange Zeit falsch verstandenen Macht­ba­lan­cen zwischen der Machtausübung dieses kommunistisch dominierten Staa­tes und den Gegenkräften in Kirche und Gesellschaft. Wesentliche Basis war dabei das Gleichgewicht ideologisch entgegengerichteter Ideologeme: Die atheistische Lehre des Marxismus wurde verstanden bzw. empfunden als konkurrierende Glaubensdoktrin gegenüber der gesellschaftlich ver­wur­zelten Doktrin des Katholizismus. Eine besondere Bedeutung hat auch die Praxis der Volkskirche. Die Verbissenheit und Kompromißlosigkeit im Kam­pfe verdeutlicht die Gegnerschaft auf gleicher Ebene.

Die Kenntnis dieses Zusammenhangs ist notwendig, um die sozialen Pro­zes­se zu verstehen, dessen Ausfluß bzw. Abbild die Schule darstellt.

Die historisch gewachsene Gesellschaftsdoktrin hatte eine nationale Funk­tion. Dies erklärt, warum die polnische Gesellschaft weitgehend re­si­stent war gegenüber der neuen (ab 1947/48) oktroyierten atheistischen Dok­trin. Eine individuelle Abkehr konnte nur um den Preis psychischer Brü­che und familialer und sozialer Spannungen erfolgen. Dies macht die we­sentliche Funktion des Marxismus-Leninismus als Glaubensdoktrin deutlich.

Diese Glaubensdoktrin konnten die herrschenden und über die De­fi­ni­tions­gewalt verfügenden Gruppen innerhalb der kommunistischen Par­tei(en) des `sozialistischen Lagers' aufgrund ihrer Macht politisch-mi­li­tä­risch durchsetzen. Sie vermochten auch, diese als wissenschaftlich ab­leit­bar bezeichnen und damit nicht nur als für ein partitum politisch gültig und zielbestimmend deklarieren. Die Kommunistische Parteien verfügten zeit­weilig über die Möglichkeiten, ihre Doktrin als modern i.S. von fort­schrit­tlich zu definieren. Diese Phase ist nun beendet.

Die Kirche ist zu klug, um nicht nur die einmalig vorhandene Chance auf Macht- und Einflußzementierung nicht wahrzunehmen und rechtlich auf ewig zu fixieren. Als Beispiel gilt die Rückgabe nach 1944/45 ent­eig­ne­ten kirchlichen Besitzes an Grund und Boden. Gegenwärtig wird ein Ge­setz beraten, dem zufolge auch ehemaliger kirchlicher Besitz zu­rück­ge­geben werden soll, der nach dem Januaraufstand 1864 oder der Revolution von 1905 vom zaristischen Rußland als Sanktion gegenüber der polnischen Na­tion enteignet worden ist.

Offensichtlich nutzt die Kirche die Gunst der Stunde, solange die in­ner­gesellschaftlichen Widerstände nicht zu stark werden und die anti­kirch­liche Bewegung zunimmt. Sie kämpft bereits verbal gegenüber dem neuen Antiklerikalismus. Andererseits ist sich die katholische Kirche Po­lens mit Sicherheit ihrer Rolle als langfristig notwendiger in­ner­ge­sell­schaftlicher Stabilisierungsfaktor bewußt. Nur sie kann aufgrund der hi­sto­rischen Erfahrung der Polnischen Nation in Krisenphasen stabilisierend oder mäßigend wirken.

Dies erklärt vielleicht die Hast innerkirchlicher Konsensfindung, die Do­minanz konservativer – auch die kirchliche Macht erhaltender – Me­cha­nis­men und die Vermeidung aller Unruhe, Konflikte oder gar eine neue Spal­tungen vermeidende Modernisierungsprozesse. Die Überreaktion des von katholischen Konservatismus geprägten Vatikans auf die be­schlos­se­nen Frauenordination in der Anglikanischen Kirche – die bekanntlich theo­­logisch der katholischen Kirche weiterhin sehr nahe steht – ist ein In­diz dafür. Der Klerus, vor allem insoweit er durch Karol Wojtyla re­prä­sen­tiert wird, fährt offensichtlich die Strategie, alle innerkirchlichen Kon­flik­te unterdrücken oder vermeiden zu wollen – und sei es durch Ver­schieben.

Die sehr nervösen Reaktionen gerade in der polnischen katholischen Kir­che, ihre Hinwendung zur Machtdemonstration, zu übermäßigen Sym­bo­lik sind auch in diesem Zusammenhang zu verstehen. Sie versteht sich als im Notfall letzte Ordnungsmacht in Polen. Diese Rolle hat sie mehrfach hi­sto­risch ausgeübt. Sie ist eben nicht die katholische Kirche der Slowakei, Kroa­tiens (in der Zeit des II. Weltkrieges) oder der Tschechoslowakei und Un­garns in der Zeit des Stalinismus.

Bei allen polnischen Aufständen hat die Kirche vorher mäßigend und mah­nend gewirkt! Erst während des je­wei­ligen Aufstandes hat sie sich ak­tiv im Sinne des polnischen Ver­ständ­nis­ses am Kampf zur Befreiung der Na­tion beteiligt und mußte die Sank­tio­nen der Fremdmächte (vor allem Ruß­lands) und der Okkupanten erdul­den.

12. Bilder der polnischen Gesellschaft: Jugend, Schule und Universität

Wie haben wir Westdeutschen es empfunden, als Schüler und Schülerinnen eines in der Nähe des Dzierzynski-Platzes gelegenen Warschauer Gym­na­si­ums ab 1988 die Hände dieser Denkmalfigur rot angestrichen haben. Sie de­­mon­strier­ten und klagten an: Feliks Dzierzynski, Gründer der Tscheka, hat Blut an den Händen! Anfangs hatte die Polizei die Farbe noch ent­fernt. Im März 1990 wurde das Denkmal unter dem Beifall Tausender ab­ge­rissen. Ist es ein Zufall, daß es ein Kran der Firma Warynski war, die be­nannt wurde nach Ludwik Warynski, einem polnischen Arbeiterführer des 19. Jahr­hun­derts? In Warschau wird es so kolportiert: Der Proletarier Ludwik Waryns­ki stieß den Kampfgefährten Lenins vom Sockel!

Gibt der Zeitraum 1988/89 nicht zu denken? Die Zeit, in der Schüler der DDR sich noch bewarben, als Freiwillige im STASI-Wachregiments `Fe­liks Dzierzynski' Dienst zu tun, u.a. um Vorteile bei der Studien­platz­ver­gabe zu haben? Schüler, die offenbar nicht in die Lage versetzt worden wa­ren, nachzufragen, wer denn nun wirklich dieser Feliks Dzierzynski war und was seine Taten waren!

Die Presse ist gegenwärtig voll von Berichten über Polen. Es wird z.B. ge­schrieben, daß das Bild von der Radieschen-Gesellschaft (außen rot, in­nen weiß) nicht stimme, da die Polen innen schwarz seien! Als Beleg wird z.B. das Bild eines Religionsunterricht erteilenden katholischen Priesters in frommer Pose6 veröffentlicht. Es soll die katholische Gesellschaft beweisen.

Das Verhalten der polnischen Gesellschaft ist z.T. als Fas­sadenver­hal­ten, als passives Resistenzverhalten zu kennzeichnen. Es handelt sich da­bei um eine je nach Situation bewußte Passivität. Dieses partiell aktive Wi­derstandsverhalten, äußert sich u.a. durch Subversion und Kon­spi­ra­tion. Die genannten Verhaltensweisen zogen in dem kommunistisch-auto­ri­tä­ren System oft Chancenminderungen nach sich. Diese wurden in er­heb­li­chen Maße in Kauf genommen. Inwieweit Gruppendruck ausgeübt wurde im Zu­­sammenhang mit kollektivem Verhalten gar in Großgruppen ist in diesem Zu­sammenhang sekundär. Andererseits diente das kollektive De­mon­stra­tions­verhalten zur individuellen und gruppenspezifischen psychosozialen Sta­bilisierung in der Gesellschaft!

Die These von der katholischen Gesellschaft entspricht keinesfalls der Rea­lität! Sie basiert wesentlich auf Außenbeschreibungen. Diese dienten – in erheblichem Maße auch in der DDR – Instrumentalisierungen als Be­stand­teil eigener Propaganda. Weder das schwarz, noch das angeblich fromm-katholische in diesen jungen Menschen ist nachweisbar! Auch die Teil­nahme Jugendlicher an Pilgerfahrten mit dem Zwecke, gegen Ab­trei­bung zu demonstrieren sagt nicht viel mehr aus, was über das Ge­mein­schafts­erlebnis hinausgeht.

Die gleichen Jugendlichen, die aus Überzeugung bis 1989 an zumeist nicht von der Kirche organisierten sondern aufgrund eigener Absprachen ent­standenen sternenförmigen Anmärschen zu den katechetischen Punkten teil­nahmen, an denen der Religionsunterricht stattfand, widerstehen heute dem Totalitätsanspruch der katholischen Kirche auch in der Person des gleichen Priesters. Sie melden sich wegen mangelnder real zu­ge­stan­dener Freiwilligkeit von diesem Unterichts ab, der Kirchgang geht ein­deu­tig zurück; die Spendenbereitschaft ebenso! Die polnischen Bürger sind keinesfalls gewillt, die Errichtung eines katholischen Civitas dei hin­zunehmen.

Abtreibungen sind in privaten Kliniken oder Praxen sehr teuer ge­wor­­den – oder man fährt in eine Klinik nach St. Petersburg. Die ge­nann­ten Ver­haltensbeobachtungen sind auch nicht mehr auf Stadtge­sell­schaf­ten be­schränkt, sondern sie gelten im Zusammenhang mit Mobilität und un­­ge­hin­derter Ausbreitung moderner Medien auch in den Kleinstädten und länd­­lichen Gesellschaften.

Die polnische Jugend ist eben nicht so, wie wir im Westen meinten, sie auf­­grund unserer eigenen Wahrnehmung und auf der Basis der Repro­duk­­tion von Stereotypen darstellen zu können. Sie ist – zumindest ge­gen­wär­­tig – nicht mehr disziplinierbar. Die Verhaltensweisen sind kaum er­klär­bar, wenn auch die historischen Dimensionen immer wieder deutlich wer­den. Eine Jugend, die Resistenzverhalten im Widerstand sowie hi­sto­risch-gesellschaftliche Uberlebensstrategien des Untergrunds zu re­pro­du­zieren lernt, verhält sich in manchen Fällen anders als die westlichen Ju­gendgenerationen der Nachkriegszeit. Jene kann im Prozeß der Nach­kriegs­jahre über skeptisch, kritisch, engagiert, dann frustriert oder als Pro­dukt der neuen Wohlstandsgesellschaft als Yuppie oder als he­do­ni­stisch bzw. philantrop beschrieben werden.

Für die polnischen Schüler und Schülerinnen fallen Disziplinierungs­me­cha­nismen weg. Das bisher aufgebaute und gegen den Kommunismus ge­rich­tete und prak­tizierte Widerstandspotential richtet sich zunehmend ge­gen den To­ta­li­tätsanspruch des Katholizismus. Man muß Kenntnis haben von der so­zia­len Praxis dieses spezifisch polnischen Katholizismus, der in sei­nen so­zia­len Mechanismen oberflächlich und fassadenhaft wirkt, dieses als Aus­druck von Untergrundmentalität, sich andererseits aber als na­tio­nal iden­tisch definiert. Dem gegenwärtigen Versuch des polnischen Klerus zur Ver­klammerung wird seitens der Schüler und Schülerinnen in zu­neh­men­den Maße Wi­der­stand entgegensetzt.

Es gibt in der Schule und Universität spezifische Formen der Äuße­rung von Kritik, nicht aber ein `Ausdiskutieren-Wollen'. Die polnische Men­talität steht den bürgerlich-liberalen Attitüden fern! Die Praxis der Ver­weigerung zeigen die polnischen Schüler und Schülerinnen durch Ignoranz, Nicht­engagieren oder durch Nichtbefolgen von Anweisungen; diese hat hi­sto­rische Tradition.

Durch die Verschärfung der ökonomischen Krise, bzw. soziale Di­ver­gie­rungs­prozesse bis hin zur Verelendung hat das Armsein der ehemals so­zia­listischen Länder neue Qualitäten und Ausprägungen erfahren, ein­schließ­lich einer schleichenden Verelendung. Von diesem Prozeß betroffen sind auch Schüler und Schülerinnen und Lehrer und Lehrerinnen. Ein Schü­leraustausch kann nicht kompensierend wirken oder gar die Folgen be­heben. Hilfestellungen und Abmilderungen des Mangels kön­nen aber durch­aus erfolgen.

Neben den Spezifika des politischen und ökonomischen Umbruchs bil­den sich für polnische Jugendliche psychisch schwer zu bewältigende Pro­blemlagen im Zusammenhang mit nationaler Identitätsfindung und –be­wah­­rung heraus. Nicht alle Parameter in diesen jüngsten ge­sell­schaft­lichen Prozessen sind außerhalb Polens bekannt oder gar bewußt. In­ner­halb der polnischen Gesellschaft werden sie kaum reflektiert. Re­pro­duk­tion tradierten Verhaltens und Verdrängung neuer und zugleich alter Pro­blemlagen verschmelzen leicht zu paradoxen Verhaltensweisen, die im We­sten oft mit dem Plakat des `irrationalen Verhaltens' versehen werden.

13. Pädagogik und politische Bildung

Für Pädagogik und Politische Bildung Westeuropas werden sich gewiß Pro­­blemlagen ergeben, die außerhalb bisheriger pädagogischer oder so­zio­lo­gischer Einschätzung liegen. Die Besonderheit für Polen: Es liegt im Über­lappungsbereich „westlichen“ und „östlichen“ Denkens und Ver­hal­tens­weisen. Es ist nach wie vor der Osten des Westens und der Westen des Ostens.

Für die Schule und die politische Bildung bedeutet es: neue Wahr­neh­mungs­fähigkeiten zu entwickeln, bereit zu sein eigene Denkmuster `kri­tisch hinterfragen', individuell abgeschlossene Erkenntnisse und Wer­t­set­zungs­prozesse nach Bewußtmachung neuer Problemlagen mit diesen kom­pa­tibel zu machen.

Für die Pädagogik und Politische Bildung ist mehr als die fach­spe­zi­fi­sche Auseinandersetzung in den einzelnen universitären Disziplinen not­wen­dig. Es ist die Feststellung und Berücksichtigung der psychischen Fol­gen real-sozialistischer Erziehung (in Selbstdefinition) sowie sozialen De­formationen der betroffenen Menschen. Es ist die Sozialpathologie des Zu­sammenbruchs, der nicht aufgehalten ist, sondern sich weiterhin in Rich­tung einer »Dritt-Welt-Ökonomie« entwickelt – zumindest wird es so wahr­genommen.7

Die genannten Probleme sind pädagogisch nicht auffangbar, müssen aber klar ausgesprochen werden. Gegenwärtige soziale Prozesse und Si­tua­tionen sind faktisch nicht beeinflußbar! Es stellt sich aber die Frage, in­wieweit die westliche Pädagogik betroffen ist durch Migrationen junger Men­schen nach Westeuropa. Die Kinder dieser Migranten müssen als Schü­ler in das deutsche Schulsystem integriert werden. Die Eltern ent­spre­chend den Schulgesetzen der Länder einbezogen werden. Im Bereich der Pä­dagogik im allgemeinen und der politischen Bildung im besonderen ent­stehen dadurch permanent neue Aufgaben. Diese müssen von uns geleistet werden.

Dieses gilt in besonderem Maße im Zusammenhang mit Schüleraustausch oder Studienfahrten bezüglich der Wahrnehmung von Verhaltensweisen. Der Zwang für die jungen Menschen in Polen, eigene Verhaltensmuster zu ver­stecken und sie mit oberflächlich Erlerntem zu überdecken, ist auf­ge­hoben.

Ob die Migrationen aus Räumen östlich der Oder zum Mosaik einer mul­­ti­kulturellen Gesellschaft beitragen oder es sich eher bei diesem En­kul­­tu­ra­tionsprozeß um Adaptionen in die bestehenden westlichen Gesell­schaf­ten han­delt, kann gegenwärtig nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Das Ruhr­gebiet und der Berliner Raum sind aber als historische Beispiele her­­anzuziehen.

Für uns Westdeutsche war es vor 1989 opportun – oder besser – es ent­­sprach unserem Selbstverständnis und der von uns definierten Ratio, das Anderssein z.B. der polnischen Schüler und Schülerinnen wahrnehmen und to­le­rie­ren zu wollen. Regelmäßig stellten wir fest, daß sich das An­ders­sein auf Äußerlichkeiten oder Randerscheinungen reduzierte. Im Grun­­de genommen hatten die polnischen Schüler und Schülerinnen die glei­chen Wünsche, Perspektiven und altersspezifischen Probleme. Man ver­stand sich in der Regel sehr gut und entwickelte ein herzliches Mit­ein­ander.

Aber: War diese (unsere) Sichtweise nicht oft ephemer? Haben wir das, was wir als als problemlos empfanden wirklich richtig wahr­ge­nom­men? Er­ga­ben Konzert, Fußball, Abschiedsfeste, und gemeinsames Singen oder Wan­dern wirklich die Sichtbarmachung des dortigen ge­sell­schaft­li­chen Ich?

Noch einmal: Es kann im gegeben Zusammmenhang nicht darum gehen, in einen innerpolnischen Diskussionsprozeß einzugreifen oder gar diesen zu werten oder auch nur zu kommentieren! Wesentlich ist die Abbildung des­­selben sowie die Feststellung der unterschiedlichen Ausprägungen der Po­­litischen Kultur.

Für die politische Bildung ist es wichtig, die polnische Situation dif­fe­­ren­ziert und auch aus der Perspektive der „Innenwelt“ heraus zu ver­ste­hen. Dies hat Folgewirkungen auf das deutsch-polnische Verhältnis und hier maßgeblich die psychischen und sozialen Entwicklungen bei den be­trof­fenen Jugendlichen.

Das, was bei Russen, Esten, Letten, Litauern, Tschechen, Ungarn Po­len ab­lief, darf bei uns in Westdeutschland nicht zu Sprachlosigkeit und Ver­­ständ­nislosigkeit führen. Die Feststellung von sozialen Prozessen außer­halb eigener sozialer Wahrnehmungen und üblicher Urteilsmuster kann und muß zur realitätsgerechten Beschreibung dieser sozialen Pro­zes­se füh­ren. Dies setzt voraus, sich der Historizität dieser Nach­bar­eth­nien zu ver­gegenwärtigen. Die Fähigkeit, Alternativen der politischen All­tags- und Kri­senbewältigung wahrnehmen zu können, eigene Maßstäbe zu re­­la­ti­vie­ren, ist auch ein Beitrag zur eigenen Politischen Kultur.

Das weitgehende Schweigen in Deutschland, vor allem auch der po­li­tisch Sensiblen, darf nicht zu weiteren Lähmung und Perspektivlosigkeit der Politischen Bildung beitragen. Die politische Bildung darf auf keinen Fall wie bisher oft der politischen Instrumentalisierug dienen. Die Träger der politischen Bildung haben dabei auch Verantwortung gegenüber den Kol­­legen und Kolleginnen) – vor allem in den ehemaligen RGW-Ländern – zu zeigen, die auf längere Sicht weder die Voraussetzungen noch die Mög­lichkeiten haben, dieses zu tun.

Der skizzierte soziale und politische Spannungsrahmen ist jetzt deut­lich in der polnischen Schule erkennbar, seine Folgen sind spürbar. eine Ver­­schärfung tritt dadurch ein, daß sich – mehr oder weniger kontrolliert – ein privates Bildungswesen von Grundschul- bis zum Hochschulbereich her­­ausbildet, das einerseits für sozial privigelgierte für Ventile sorgt (klei­ne Klassen, gute Lehrmittelversorgung etc), andererseits aber ein neues Spannungspotential darstellt.

14. Feindbilder

Seit einiger Zeit werden in Polen – zunächst von der politischen Rechten – auch die sowjetischen Truppen, nachdem diese bis auf einige Stabssol­da­ten die Kampfeinheiten abgezogen sind, zunehmend als Okkupanten de­fi­niert und sprachlich mit der Rolle des deutschen Militarismus in zwei Welt­kriegen gleichgesetzt. Die Formulierung von der Befreiung vom Fa­schis­mus durch die Rote Armee8 wurde in Polen in dieser Form nie ak­zep­tiert! Die kommunistische Propaganda sprach immer von Antisowjetismus. Sie hatte in diesem Falle recht! Für die polnische Gesellschaft sind die hi­storischen Feindbilder gegenwärtig und werden je nach Si­tua­tions­wechsel als mehr oder weniger bedrohlich rezipiert. Die Einschätzungen an­derer Völker in Smpathie-Antipathie-Skalen zeigen in der gesamten Nach­kriegszeit beachtliche Schwankungen. Dies gilt insbesondere für Deut­sche, Russen und auch Juden bzw. Israeli.

Die neue Doktrin wurde mit den primären historischen Feindbildern ver­knüpft. Lenin stand dabei für das Russische! Marx stand glei­cher­maßen für das Deutsche und Jüdische. Auch in diesem Zusammenhang er­folg­te die Reproduktion von negativen Stereotypen, die zweifellos in einem pro­blematischen Zusammenhang stehen zum polnischen Katholizismus und der Praxis der Kirche.

15. Die neue Nomenklatura – Machtausübung

Der gegenwärtige Versuch der siegreichen Machtgruppe einschließlich der Aus­­übung seiner Doktrin durch feste institutionelle Verankerung nach Selbst­auflösung der gegnerischen Machtgruppe zeigt sich im Ver­schwin­den seiner Träger und Symbole hat neue Prozesse, die Macht aus­zuba­lan­cieren, zur Folge.

Die abgelaufenen sozialen Prozesse politischer Selbstbestimmung sind ggf. machttheoretisch deutbar, kaum aber mit Hilfe von aus dem Mar­xis­mus abgeleiteten und fortentwickelten Ansätze Kritischer Theorien! Es scheint, daß eher Prozesse ablaufen, in denen der Rückgriff auf hi­sto­ri­sche Symbolik Indiz für die Nichtbewältigung der Geschichte dieser Pol­ni­schen Nation ist.

In der Beseitigung der Symbole der kommmunistischen Vergangenheit un­terscheidet sich Polen deutlich von Rumänien oder auch Ungarn. In Ru­mä­­nien schnitt man das verhaßte Symbol aus den Fahnen heraus und zeig­­te triumphierend die Fahne mit dem mit dem Loch! In Ungarn hat man we­­niger affektiv und eher pragmatisch reagiert. Man übermalte die Staats­wappen an öffentlichen Dienstgebäuden bis auf die grün-weiß-roten Far­ben und ersetze dann nach und nach diese Schilder. In der Endphase der DDR hat man sich ambivalent verhalten. Dort gab es auch Bürger, die mit Trauer und Wehmut Abschied genommen haben von den DDR-Symbolen.

In Polen war dies einfacher. Auch die Volksrepublkik Polen hatte die weiß-rote Fahne beibehalten. Auch die Nationalhymne stand niemals zu Dis­kussion. Es gab diesbezüglich bei Exil-Polen, den Anhängern der Hei­mat Armee [AK] und den Kommunisten in den vierziger Jahren keinerlei Dif­ferenzen. Auch das traditionelle Wappen behielt man prinzipiell bei. Man ent­fernte nur die Krone auf dem Kopf des weißen Adlers als Ausdruck des Feudalismus, wie man es offiziell begründete. Graphisch war der Adler von den Kommunisten nicht verändert worden. Die Harmonie des Bildes war aber gestört und man hatte in Polen immer den Eindruck, daß da etwas fehle.

In Sejm wurde 1990 beschlossen, daß der Adler seine Krone zu­rück­be­kom­men sollte. Ein Abgeordneter erklärt, daß die Polen wieder besser ar­bei­ten würden, wenn der Adler seine Krone wieder auf dem Kopf trüge! Ein treffendes Beispiel für mythologische Nationalutopien (s.o.).

Bezeichnend ist der Umgang mit der polnischen Stasi, der Bezpieka: Man hat einige Spitzenleute ausgetauscht, mehr nicht. die Bevölkerung ge­steht jedem Staat die Existenz eines Geheimdienstes zu, also auch dem eige­nen. Den von Geheimdienstbeamten begangenen Mord an einem Priester ist bereits in der Jaruzelski-Ära strafrechtlich verfolgt worden.

Polen betonen, daß selbstverständlich eine Abrechnung resp. straf­recht­liche Verfolgung erfolgen muß. Polen bleibt aber das System der Halb­heiten und tut wahrscheinlich in dieser Richtung strafrechtlich recht wenig. Dies mag als kennzeichnendes polnisches Verhaltensmuster, als pol­ni­sche Spezifikum, als Paradoxon in diesem System der Halbheiten gelten.

In Polen laufen diese personellen Austauschprozesse seit dem po­liti­schen Wechsel sehr milde ab. Die neuen Machtgruppen wissen dort, daß man auf die bisherigen Experten nicht verzichten kann, wenn man wil­lens ist, einen bestehenden Staat und eine bestehende Wirtschaft in einer kom­plizierten Situation und angesichts einer hoch sensiblen Bevölkerung um­zubauen! Die neue Nomenklatura kann den alten Staatsapparat nur sehr be­grenzt gegen einen neuen austauschen. Die Wandelbarkeit dieses ver­blie­benen Restes der Träger bisheriger Macht mag zwar moralisch als ver­werflich bezeichnet werden, man reagiert aber höchst pragmatisch.

Die Versuche systemspezifischer Kriminalisierungen halten sich in Gren­zen. Sie erfolgen deklamatorisch im Sejm und in der Rechtspresse, ernst­haft denkt aber wohl niemand daran. Im Gegenteil, die Bevölkerung zeigt zunehmend Unmut gegenüber der Regierung und den Par­la­men­ta­riern wegen der ausgeprägten Neigung, sich mit Nebensächlichkeiten nach­haltig zu beschäftigen und andererseits nicht den Eindruck zu er­wecken, man kümmere sich um die auf den Nägeln brennenden Probleme!

Wesentlich ist in diesem Zusammenhang die innergesellschaftliche At­mo­sphäre, die Auswirkungen in Hinblick auf Apathie, Resignation und Miß­trau­en gegenüber der Regierung und den neuen politischen Eliten ins­ge­samt. Der Austausch der leitenden Kader erfolgte dann auch sehr be­grenzt. Einige Schulleiter wurden entlassen oder bekamen Zeitverträge. Die Einflußnahme der Kirche bei der Auswahl neuer Schlüsselpositionen in Schu­len Und Universitäten haben zunehmende Kritik hervorgerufen. Die Mecha­nismen der Machtausübung laufen jetzt zunehmend öffentlich­keits­fern ab. Die Tagespresse berichtet nur teilweise darüber.

Rechtsstaatlichkeit und Gewaltmonopol des Staates implizieren die Im­ma­nenz eines existierende Machtsystems. Dies wird auch in Polen zu­neh­mend bewußt.

Hervorzuheben sind drei Zeitungen, die überregionale GAZETA WY­BORCZA, die Wochenzeitung NIE [»Nein«] sowie das dem SPIEGEL nachempfundene Blatt W PROST. Die erstere wird von Adam Michnik herausgegeben, die zweite von Jerzy Ur­ban. Beide waren früher erbitterte Feinde! Michnik war Exponent der So­lidarnosc und mehrfach in Haft. Urban war langjähriger Re­gie­rungs­spre­cher und als Zyniker vor allem während des Kriegszustandes wohl die meist­gehaßte Person in Polen. Beide sind sehr kritisch gegen­über der Re­gie­rung und betreiben einen schonungslosen Aufdeckungsjour­nalismus! Plu­­ralismus und Demokratie funktionieren, was die „vierte Säu­le“ betrifft, be­reits sehr gut und werden von einer kritischen Öf­fent­lich­keit bewußt wahr­genommen.

Wojciech Jaruzelski wurde in Ehren entlassen. Sein erbitterter Gegner Adam Michnik zollt ihm, dem übrigens Hochgebildeten, in einem ge­mein­sa­men Interview Respekt. Jetzt schreibt Jaruzelski seine Memoiren und plau­­dert ab und zu mal im polnischen Fernsehen. [12/92]

Zur zweiten Auflage

Die den vorliegenden Aufsätzen zugrundeliegende Arbeit wurde im Mai 1989 – zehn Jahre nach Gründung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Han­nover – in ei­nem Symposium sowie einer damit verbundenen Ausstel­lung dokumentiert. Sie spiegeln die deutsch-polnischer Jugendarbeit der achtziger Jahre wider.

Die Formulierung der Aufsätze und die technischen Arbeiten erfolgten in einer Zeit, nachdem im Frühsommer 1989 in Polen das Ende der Herr­schaft einer kom­mun­istischen Partei begann. Die Zeit der Drucklegung wur­de überlagert durch die Übereinkunft zwischen dem Tadeusz Mazo­wiecki, dem ersten demo­kratischen Ministerpräsidenten Polens nach dem Zwei­ten Weltkrieg und Bundes­kanzler Helmut Kohl.

Inzwischen ist das für Mitteleuropa entscheidende Friedensvertrags­werk abge­schlossen. Europa ist zur Tagesordnung übergegangen, zur Be­wäl­tigung neuer Aufgaben, die möglicherweise die bisherigen an Komple­xität und Gewicht noch übertreffen.

Wir befinden uns damit am entscheidenden Punkt der Über­gangs­pha­se, in dem die Nachkriegsphase zwar historisch abgeschlossen, keinesfalls aber psychisch ver­­arbeitet oder gar bewältigt ist.

Das Problem der inner­euro­päischen Vergan­gen­heitsbewältigung ist nicht erledigt, neue Problem­be­reiche erfordern neue Lösungen und ma­chen Jugendarbeit unter den ver­änderten Bedingungen und neuen Ge­sichts­punkten dringend notwen­dig.

Die gegenwärtigen politischen, sozialen und psychischen Veränderun­gen werden von allen Beteiligten individuell unterschiedlich wahrgenom­men – von den betroffenen mittel-osteuropäischen Jugendlichen oft in brutaler Offenbarung erfahrenen!

Die Überarbeitung der vorliegende Ausgabe erfolgte im Herbst 1992 zu einem Zeit­punkt, in dem in Polen zumindest eine längere Phase politischer und sozialer Instabilität sowie ökonomischer Krisenhaftigkeit nicht ausge­schlossen ist.

Unsere Dokumentation kann nur vergangene Problemstellungen, Lö­sungs­­stra­te­gien und die Vielfalt kleiner Ansätze darstellen. Eine Konti­nui­tät zur künftigen Jugendarbeit in Schule und Verbänden ist in der ge­gen­wärtigen Situation nicht mehr möglich.

Für Pädagogen und andere Jugendbetreuer ergibt sich die Notwendig­keit, sich auf völlig neue Problemlagen einzustellen. Kaum jemand ist dar­auf vorbeitet – nicht in Deutschland und nicht in Polen. Um so notwendi­ger ist es, daß Polen und Deutsche, Erwachsene und Jugendliche in ge­mein­samer Arbeit neue Erfah­rungen machen und neue Erkenntnis ­ge­win­nen können, um mit viel Mut und Hoffnung die vorliegende Aufgaben zu be­wältigen.

Sehr erfreulicher sind die neue Motivationen stiftenden Beispiele: Ju­gend­­be­geg­nungen in der Sekundarstufe I. Schülerinnen und Schüler prak­­tizieren gemein­sames Lernen und Leben und schließen Freundschaft in dieser wichtigen Phase ihrer Entwicklung.

Hannover, im März 1993

Lothar Nettelmann

1 nach Imanuel Geiss, Bremen

2 vgl.: Hubert Orlowski `Polnische Wirtschaft' in: Ewa Kobylinska u.a. (Hg): Deutsche und Po­len. 100 Schlüsselbegriffe. Piper-Verlag, Mün­chen und Zürich 1992

3 Der Begriff der Intelligenz (polnisch und russisch: Intelligencja bzw. In­telligentia umfaßt alle hoch Qualifizierten, er geht deutlich über den Be­griff der Intellektuellen hinaus.

4 Bezug: Gespräche des Verf. mit Ökonomen der Universitäten bzw. Hoch­schule für Ökonomie in War­schau, Krakau und Kattowitz. Die Wis­sen­schaftler haben sich vor 1989 manchmal zu­rück­hal­tend ausge­drückt. In schriftlichen Stellungnahmen haben sie sich nur im Rahmen ge­ge­be­ner Themenstellungen geäußert. Sie haben ihre z.T. grund­sätz­li­che Kritik aber in Aufsätzen wie auch in mündlichen Beitragen un­miß­verständlich ausgedrückt.

5 vgl. F.R. Pfetsch: Politische Utopie, oder: Die Aktualität des Mög­lich­keits­denkens in: Aus Po­li­tik und Zeitgeschichte, Heft 52-53/90; Hg.: Bun­deszentrale für politische Bildung, Bonn; s.auch: Richard Saage: Ver­tragsdenken und Utopie nach dem Zusammenbruch des Real­sozia­lis­­mus, in: Gegenwartskunde 3/1992, S.309 ff; Leske + Budrich, Opladen; bzgl. Frankreich s. M.Christadler: Das Ende der Utopien, in: Frank­reich-Jahrbuch 1988, Hrsg. L.Albertin u.a., Op­laden 1988, [pp. 117-133]. – Der hier eher skeptische Gebrauch des Begriffes »Utopie« ver­weist auf einen Formwandel politischen Denkens; normative und wertende Vorstellungen von Staat und Gesellschaft wurden in der Antike wie in der Aufklärung durch literarischer kon­kretisierte »Staatsentwürfe«, also »Utopien« ausgeführt; in dieser Tradition seit Platon und Aristoteles steht auch die begriffsbildende »Ur-Utopie«: Thomas Morus: De optimo rei­pub­licae statu, deque noua insula Vtopia, libellus uere aureus, nec minus salutaris quam fe­stiu­us. 1515 [Löwen 1516, Paris 1517, Basel 1518]. Vgl. dazu die kenntnis- und auf­schluß­rei­chen Anmerkungen zum Wesen der klassischen Staatsutopien von Klaus J. Heinisch in: Der uto­pische Staat. Morus, Utopia; Campanella, Sonnenstaat; Bacon, Neu-Atlantis. Reinbek 1960 (rde 68/69). In unserem Zusammenhang wichtig ist vor allem der Verweis auf die re­vo­lu­tio­nä­re Brisanz der »klassischen Utopien«!

6 z.B. in Der Spiegel, Nr. 46 v. 9.9.1992, S. 210f

7 zum Realitätsgehalt dieser Einschätzung vgl. Gerhard Voigt: Zur Analyse der aktuellen Krisen in Osteuropa und in der Dritten Welt – Möglichkeiten und Grenzen geographischer und po­li­to­logischer Entwicklungsmodelle. Oldenburger Vor-Drucke, Heft 167/92, 1992, Zentrum für pä­da­gogische Berufspraxis der Carl v.Ossietzky-Universität Oldenburg

8 Die `Straße der Roten Armee' in Posen hat 1990 wieder ihren alten Namen: `Straße des Hl. Mar­tin erhalten. Die Bevölkerung hatte den kom­munistischen Namen nie akzeptiert und trotz Sank­tionen in den fünf­ziger Jahren weiterhin den historischen Namen benutzt. An­de­rer­seits ist der Name: `Siedlung des Großen Oktober' – pln. OWP – als Kür­zel erhalten geblieben. Es ist zu vermuten, daß, da man den Hin­ter­grund der Phrase verdrängt oder bewußt nicht wahr­genommen hat, das Kürzel problemlos benutzt wurde. Man wird in der Umgangs­spra­che also weiterhin das kommunistische Kürzel verwenden anstelle des neu­en Namens: `Siedlung unter den Linden'! Übrigens stehen in der ge­nannten Siedlung aus den fünfziger Jahren tat­sächlich viele Linden!

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Herbert Schmalstieg: Vorwort

Zeitgeschichtliche Notiz 1990

Lothar Nettelmann: Einleitung: Schüleraustausch - warum mit Polen?

Zur Konzeption

Lothar Nettelmann: Der Schatten der Geschichte im Jahre 1989 - die Mahnung des 1. September 1939

Ulrich Bauermeister: Schüleraustausch zwischen jungen Deutschen und Polen als Auftrag der UNESCO

Gerhard Voigt: Polenreisen der Bismarckschule Hannover - Modellbeispiele und Alternativen

Lothar Nettelmann, Günther Fuchs, Dr.Wolfgang Scholz: Der Schüleraustausch der UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule Hannover

Wolfgang Jordan, Lothar Kutsch: Ein Schulchor, eine Theatergruppe und ein Leistungskurs fahren...

Siegfried Riedel: Schüleraustausch im Geist der Ökumene

Michael Droldner, Matthias Bömeke: Ein Schüleraustausch zwischen katholischer Schule und Pfarrgemeinde

Werner Fink, Ursula Ruehr: Gedanken zu einem Arbeitsbesuch mit Schülern im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof

Dr. Olgierd Lissowski, Poznań: Jugendaustausch und Politik

Piotr Korek, Poznań: Ein Schüler- oder Schulenaustausch?

Joachim Dallwig: Polenkontakte heute (1989)

Lothar Nettelmann: Perspektiven für die neunziger Jahre

Anhang: Autorenverzeichnis

Impressum für diese Publikation

Herausgeber: Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt

Redaktion Gerda Heinemann Lothar Nettelmann Gerhard Voigt Armin Walthemate

Herausgegeben für die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Hannover e.V. und den UNESCO-Club der Bismarckschule Hannover e.V.

Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und Studienrei­sen. Hrsgg. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt - Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. (An der Bis­marckschule 5, Hannover) und Deutsch-Pol­nische Gesellschaft Hannover e.V., 1990.

Satz und Layout: Ritterdesign, Laatzen

Printed in Germany

(Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Masch­see, Bis­marckschule Hannover, e.V.) 1. Auflage 300

Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Bereich von Schule und Hochschule ist zugestanden. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren bzw. des Herausgebers. Zitate bitte mit vollständigem Quellennachweis.

Internetpublikation auf http://www.polen-didaktik.de August 2009

Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de

http://www.unesco-club-hannover.de

Vgl. dazu Impressum

Überarbeitet August 2009

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Bearbeitungsstand: 10. August 2009

URL: http://www.polen-didaktik.de

Verantwortlich: Gerhard Voigt, vgl. Impressum

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