Die Wandlungsprozesse in
Osteuropa am Beispiel Polens
Studien und Berichte
I/1993 [April]
Das Thema Osteuropa, in diesem Heft dargestellt am
Beispiel Polens, ist in seiner Aktualität und Brisanz von größter
Bedeutung und wird damit auch einen entsprechend wichtigen Stellenwert im
Politikunterricht in den Schulen einnehmen. Aus diesem Grunde hat das
„nli“ im Februar 1993 einen Lehrerfortbildungskurs in Braunlage zum Thema
„Der Umbruch in Osteuropa, dargestellt am Beispiel Polen“
veranstaltet, der durch eine Reihe von besonders qualifizierten Referaten
zu wichtigen neuen Einsichten führte. Die Referate der polnischen
Referenten, des Historikers Prof. Jerzy Centkowski und des
Geographen Prof. Bronisław Kortus sowie die Referate von F.E.O.
Jerzykiewicz-Jagemann und Gerhard Voigt werden in diesem Heft
von „pua“ abgedruckt und ergänzt von einem Aufsatz von Lothar Nettelmann,
der auf einige Grundprobleme der Soziologie und der Politischen Kultur
Polens und ihrer Auswirkungen auf die politischen Einstellungen und
Verhaltensweisen in Polen näher und vertiefend eingeht.
Das intellektuell sehr anspruchsvolle Referatprogramm
des Lehrerfortbildungskurses setzte Fachwissenschaften, Fachdidaktik
und alternative Unterrichtskonzepte in Zusammenhang, wobei der
unmittelbaren Begegnung in Studienfahrten, Schüleraustausch und
Schulpartnerschaften eine zentrale Bedeutung zugemessen wurde. In
diesem Bereich entwickelte sich ein intensiver Erfahrungsaustausch unter
den Teilnehmern, die überdurchschnittlich motiviert und für das Thema
Polen engagiert waren, so dass von auch multiplikatorischen Wirkungen
des Kurses ausgegangen werden darf. Dabei war die kontinuierliche
Beteiligung der Professoren Centkowski und Kortus aus Polen ein
Glücksfall, da sie in ihrer großen Sachkompetenz für uns neue und
weiterführende Innensichten zum Thema vermitteln konnten.
Als inhaltliches Kursergebnis ist auch festzuhalten,
dass zentrale Problembereiche der polnischen Geschichte und Politischen
Kultur von ganz unterschiedlichen fachlichen Ausgangspunkten aus gesehen
zu Angelpunkten einer Beschäftigung mit Polen wurden und damit auch
zentrale Ausgangspunkte für eine, in diesem Sinne nur interdisziplinär
vorstellbaren Beschäftigung mit Polen werden müssen, so. z.B. der
polnische Freiheitsbegriff, der „Messianismus“ und die
Funktionalisierung des Glaubens, die Symbolwelten der Alltagskultur,
die auf die Szlachtagesellschaft zurückgeführt werden können, die
Unterdrückungs- und Fremdherrschaftserfahrung seit den polnischen
Teilungen mit ihrer „Bestätigung“ durch die deutsche Okkupation im
Zweiten Weltkrieg sowie die differenzierte Krisendynamik in der
gegenwärtigen politisch-ökonomischen Umbruchsituation.
Dass aktuelle gesellschaftswissenschaftliche
Theorieansätze (Zivilisationstheorie, Symboltheorie und symbolischer
Interakationismus, System- und Kommunikationstheorie) zum
Verständnis des kulturellen Wandels immer notwendiger werden, zeigte die
Diskussion sehr deutlich; eine entschiedene fachdidaktische
Aktualisierung der Gemeinschaftskunde mit Betonung der
projektbezogenen interdisziplinären Unterrichtsformen ist
ausdrückliches und übereinstimmendes Ergebnis der Diskussion der
beteiligten Kolleginnen und Kollegen.
Das veranlasst eine grundsätzliche Warnung: Nach
einer gewissen Theorielastigkeit des Politikunterrichtes in seiner
Etablierungsphase ist heute im Gegenteil, wie auch andere angebotenen
Fortbildungsveranstaltungen zeigen, gerade eine Theorie- und
Reflexionsflucht zu beobachten, die letztlich Qualität und Relevanz des
Faches und die Kompetenz der unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen
beeinträchtigt. Gerade jetzt, wo im Rahmen der Diskussion um die
Verkürzung der Schulzeit nicht nur die Orientierungsstufe in
Niedersachsen sondern gerade auch von konservativer Seite das Fach
Sozialkunde/Gemeinschaftskunde infrage gestellt wird, kann nur die
Kompetenz und Begründbarkeit des Unterrichtes den Politikunterricht
legitimieren. Dazu gehört auch, dass zentrale gesellschaftliche und
politische Konflikt- und Krisenbereicht durch die Kolleginnen und
Kollegen intensiv bearbeitet und didaktisch umgesetzt werden.
Im Heft II/93 von „pua“ werden wir in Fortsetzung des
im Dezember 1992 begonnenen Themenschwerpunktes „Europa in der Krise“
auf andere Länder des europäischen Umbruchsprozesses eingehen und dabei
auch verstärkt die Situation in den neuen Bundesländern aufgreifen. In
Hinblick auf die didaktische Umsetzung möchten wir unsere Mitglieder
bitten, über Unterrichtserfahrungen und Unterrichtsentwürfe zu diesem
Thema zu berichten, für die die Seiten des nächsten „pua“-Heftes zur
Verfügung stehen.
Nachfolgend geben wird noch die Anschriften der
Referenten des Lehrerfortbildungsseminahres in Braunlage bekannt. Diese
Referenten haben sich bereit erklärt, mit Tipps und Ratschlägen zum Thema
Polen und vor allem zur Durchführung von Schulpartnerschaftsprojekten und
Schülerreisen in Polen auf Anfrage zur Verfügung zu stehen.
Laatzen, 20.04.93
Gerhard Voigt
Referenten des Lehrerfortbildungskurses in
Braunlage im Februar 1993:
Prof. Dr. J. Centkowski [Pädagogische
Hochschule Rzeszow]
StD“ Eva Heemann [Gymnasium in der Wüste Osnabrück]
Doz.i.R. F.E.O. Jerzykiewicz-Jagemann [†
2010]
Prof. Dr. B. Kortus [Jagiellonen-Universität
Krakau, Geographisches Institut]
OStR Lothar Kutsch [Ganztagsgymnasium
Barsinghausen]
Dr. Theo Mechtenberg
Gesamteuropäisches Studienwerk Vlotho
OStR Lothar Nettelmann [Bismarckschule
Hannover
OStR Gerhard Voigt, seit 2009 i.R:
[Bismarckschule Hannover]
Inhalt
Jerzy Centkowski:
Deutsche und Polen im
Geschichtsunterricht:
Nachbarschaft ohne Feindbild?
Bronisław Kortus:
Wirtschaftlich-räumliche Wandlungsprozesse in
Polen
F.E.O. Jerzykiewicz-Jagemann:
Polonitas – Komponenten einer Nation in
der Mitte Europas
Gerhard Voigt:
Erfahrungen aus der Praxis des
Schüleraustausches mit Polen
Ein Beitrag zur interkulturellen Pädagogik der UNESCO-Schul-Arbeit
Lothar Nettelmann:
Zur Abwehrhaltung der Menschen in
Polen gegenüber dem Sozialismus
Gedanken in historisch-soziologischer Sicht
Lothar Nettelmann:
Die polnische Roßkur (1990)
Quelle:
Druckausgaben "Die Wandlungsprozesse in
Osteuropa am Beispiel Polens. Studien und Berichte" -
Themenheft
von »Politik Unterricht Aktuell« I/1993
[April]. Herausgegeben vom
Verband der
Politiklehrer e.V., Hannover. Vorsitzender: Gerhard Voigt.
Internetpublikation: 18. Feb. 2011. Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR
i.R.
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