Lothar Nettelmann
Die polnische Roßkur (1990)
Das, was gegenwärtig in der polnischen
Volkswirtschaft abläuft, kann man gut als eine "Roßkur" bezeichnen. Die vom
offiziellen Polen gewählten Begriffe sind aus den westlichen Medien wohl
geläufig: hohe Inflationsrate, steigende Arbeitslosigkeit, steigende Preise,
sinkende Realeinkommen, steigendes Warenangebot, Verarmung der "breiten Masse".
Einige Daten:
Vorab ist zu sagen, daß es in Polen keine exakte
Umrechnungsmöglichkeit gibt; ein hoher Anteil der Schattenwirtschaft, die
Währungsspekulationen sowie die Unmöglichkeit, den Verrechnungsrubel, der im
RGW-Bereich gilt (oder besser bis zum 31.12.1989 galt), in Devisen umzurechnen,
erschweren alle Berechnungen. Es gibt aber relativ brauchbare Schätzungen. So
lag z.B. die Inflationsrate 1989 zwischen 1000 und 1200 %. Im Monatsdurchschnitt
wurde sie mit ca. 50% angegeben. Der Kurs des Zloty schwankte 1989 gegenüber dem
Dollar stark. Dies lag aber nicht an einem stärker werdenden Zloty, sondern
wesentlich an der Tatsache, daß seit der neuen Wirtschaftspolitik die Bürger
gezwungen worden sind - aufgrund der horrenden Preissteigerungen - ihre
angesparten Dollarbeträge, sozusagen die Notgroschen, in Dollar umzutauschen.
Das heißt im Klartext: Bürger kauften bei
sinkendem Dollarkurs einen inflationierenden, also sich abwertenden Zloty. Neben
dem Motiv des notwendigen Konsums gab es auch Investitionskäufe bzw. Käufe im
Zusammenhang von Firmengründungen.
Der kleine Kreis tonangebender Warschauer
Wirtschafts- und Finanzpolitiker liegt dabei auf der Linie amerikanischer und
britischer Monetaristen, z.T. der Angebotstheoretiker.
Das Ziel ist gegenwärtig schlüssig: Man will um
jeden Preis den Geldübergang abbauen und den Zloty nach und nach voll
konvertierbar machen. Die Methode ist dabei, bei stark steigenden Preisen das
Warenangebot zu erhöhen. Gegenwärtig kann man in Warschau grundsätzlich alles
kaufen. Besser: Man könnte, wenn man genug Geld hätte! Auf diese Weise sind die
Schlangen vor den Geschäften verschwunden. Natürlich nicht vor allen! Dort, wo
noch die wenigen subventionierten Waren verkauft werden, bilden sie sich nach
wie vor. Bei jedem Geschäfts-, Verwaltungs-, Buchungsvorgang oder dem Stempeln
von Briefen (weil es nicht genügend Briefmarken gibt) bilden sich dort die
bekannten Schlangen.
Der erste Teil der Wirtschaftsreform funktioniert:
die Preise sind gestiegen, Gebühren für Dienstleistungen wurden drastisch
erhöht, Subventionen z.T. abgebaut. Gegenwärtig halten auch die Arbeiter still.
Sie haben nun endlich die lang ersehnte Solidarnosc Regierung erhalten und
wollen die Reformpolitik (noch) nicht gefährden. Der zweite Teil der Reform1
funktioniert somit im Ansatz ebenfalls. Noch! Der dritte Teil müßte nun als
Folge bedeuten: Kostenreduzierung in den Betrieben, und zwar vor allem durch
Entlassung überflüssiger Arbeitskräfte. Dies hieße aber in seiner Konsequenz,
man müßte in kurzer Zeit ein Potential von zwei bis drei Millionen Arbeitslosen
bekommen.
Man weiß das, rechnet auch damit; nur konkrete
Planungen, Finanzierungsmodelle, etc. gibt es noch nicht. Die polnische
Bürokratie war bisher mit dem Problem nicht befaßt und ist auch jetzt damit
hoffnungslos überfordert. Die Vokabel "Umschulung" hat Dr. Rzepinski2
kürzlich in einem Vortrag an der VHS Hannover genannt, wohl wissend, daß es
keinerlei Chancen gibt, in andere Branchen umzusteigen! Es gibt weder konkret
ausgearbeitete Programme, noch irgendwelche finanzielle Reserven, die
Umschulungen zu finanzieren, noch die Möglichkeit, dieses aus dem Staatshaushalt
zu tun! Dieser soll ja gerade aufgrund der Inflationsbekämpfung reduziert
werden! Es bliebe nur das Gelddrucken wie unter den Regierungen Messner und
Rakowski. Dies darf aber auf keinen Fall geschehen, denn das oberste Ziel ist
eine Annähernde Stabilität der Währung. Wenn auch in den produzierenden
Betrieben und den meisten Verwaltungen kaum Arbeitskräfte freigesetzt werden, so
beginnt die Entlassungswelle schon zu rollen. Wahrscheinlich wird die
Arbeitslosigkeit in hohem Maße die Frauen betreffen: junge Mütter, deren
Produktivität gegenüber dem Durchschnittsarbeitnehmer mit ca. 30% angegeben
wird! Diese jungen Frauen konnten bisher großzügig einen bezahlten
Mutterschaftsurlaub antreten; jetzt werden sie nicht mehr eingestellt.
Kindergeldzahlungen sind im Gespräch, können aber die Einkommensverluste nicht
ausgleichen. Andererseits können dann qualifizierte Arbeitnehmer höhere Löhne
erwarten. Bis dahin vergeht aber noch viel Zeit: Zunächst müssen die ideologisch
oder politisch bedingten Ungleichheiten der Löhne abgebaut werden. Die
Reaktionen der Werftarbeiter in Danzig oder der Bergleute in Kattowitz auf
Lohnkürzungen bleiben abzuwarten.3
Verknappung des Geldes zwecks Stabilisierung der
Währung und dieses durch drastische Kostenreduzierungen sind aber unabdingbare
Voraussetzungen der monetaristischen Politik, der man sich verschrieben hat.
Können diese Voraussetzungen nicht durchgesetzt werden, fällt diese
Wirtschaftsreform zusammen.
Eine andere Komponente der Wirtschaftsreform war
die Stärkung der Betriebe u.a. durch steuerpolitische Maßnahmen, damit sie ihr
Warenangebot erhöhen können. Der gegenwärtig verordnete Zinssatz von 36% gegen
diesen an sich gewünschten Effekt! Konkret: Ein Traktorenwerk investiert nicht
in eine Modernisierung der Produktion, da die Zinsbelastung zu hoch ist!
Ein Käufer einer Maschine oder eines Traktors
investiert ebenfalls nicht und zwar aus dem gleichen Grunde! Für den Bürger, der
über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügt, lohnt sich aber das Sparen
nicht, denn die Zinsen liegen deutlich unter der Inflationsrate von mehr als 60%
im Januar 1990!
Wie man hört, ist die gegenwärtige Regierung, d.h.
die entscheidende Gruppe um Balcerowicz mit der Vorstellung angetreten, die
Radikalkur möglichst schnell anzusetzen (d.h. nicht durch überflüssiges
Debattieren zu verzögern) um dann festzustellen, ob es funktionieren wird - wenn
nicht, besteht noch die Möglichkeit "das Ruder herumzureißen".
Für die folgenden Monate kann man von folgendem
ausgehen:
1. Das Volk steht hinter der Regierung und harrt
auf die bessere Zukunft; wer kann ernährt sich durch die Hilfe von Verwandten
auf dem Dorf.
2. Das Bruttosozialprodukt wird nach
Expertenschätzungen gegenüber 1989 um ca. 5% fallen; dies würde nach westlichen
Erfahrungen zu einer Rezession, also einer weiteren Verschärfung der
Wirtschaftskrise führen. Auf jeden Fall gibt es zunehmend Betriebsschließungen
und damit steigende Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit.
3. Die Regierung Mazowiezki hat vielleicht 6
Monate Zeit und steht damit unter einem ungeheuren Erfolgszwang. Gibt es dann
keine Anzeichen der Besserung sondern eine Fortentwicklung der negativen
Entwicklung, hat damit die Solidarnosc ihren Mythos verloren und verspielt. Dann
bleibt - so befürchtet man in Polen - nur noch der Ruf nach dem "starken Mann".
Die gegenwärtig abschätzbaren Daten oder Anzeichen
sind alles andere als rosig. So wird der gegenwärtige Stand der
Auslandsverschuldung von ca. 40 Mrd. US-$ 1990 um ca. $ 2.5 Mrd. anwachsen und
zwar ausschließlich aufgrund nicht zurückzahlbarer Zinsen! Hinzu kommt
voraussichtlich ein zusätzliches Außenhandelsdefizit von rd. einer Mrd. US-$
allein dadurch, daß mit Wirkung vom
1.1.1990 die Verrechnungseinheit im noch
existierendenRGW der Dollar bzw. die DM sein wird. Die polnischen Waren müssen
dann auf den jetzt neu geschaffenen Markt mit den Waren der anderen (ehemaligen)
sozialistischen Länder konkurrieren. Da polnische Waren qualitativ noch
schlechter sind, vermutet man ein steigendes Außenhandelsdefizit im polnischen
Osthandel. Die Sowetunion hat bereits im Januar 1990 durch eine drastische
Reduzierung der Öllieferungen (um ca. 25%) reagiert. Der Effekt für die
polnische Volkswirtschaft wäre der gleiche! Zur Information: Der polnische
Schuldenberg ist seit 1980 von ca. 20 Mrd US-$ bis 1989 auf ca. 40 Mrd. US-$
nahezu ausschließlich durch nicht gezahlte Zinsen gewachsen, die durch
Umschuldungen sozusagen "oben drauf" gepackt worden sind. Von den polnischen
Auslandsschulden sind ca. 40% Kredite von Geschäftsbanken, die nicht durch
Regierungsgarantien der westlichen Länder abgedeckt worden sind. Die daraus
resultierenden Zinszahlungen sind zumeist - wenn auch mit Verzögerungen -
bezahlt worden. Die übrigen 60% Auslandsschulden sind staatlich verbürgte
Kredite. Deren Zinsen wurden nicht gezahlt und ergaben die Neuverschuldungen.
Das bedeutet, daß die Neuverschuldung der 80er Jahre nicht durch
Investitionskredite entstanden ist. Die Investitionen sind unter Gierek in den
70er Jahren erfolgt und damit inzwischen weitgehend veraltet. Das bedeutet, dß
praktisch keinerlei Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt mehr für polnische
Waren besteht, um durch Verkauf eigener Produkte die nötigen Importe wie
Lebensmittel, medizinische Güter, Ersatzteile oder gar moderne Technologie zu
bezahlen. Von Genußmitteln ganz zu schweigen.
Wie sieht es bei den Konkurrenten Ungarn und CSR
aus? Die DDR müßte wohl gegenwärtig ausgeklammert werden, da das westdeutsche
Kapitel nur auf den Starschuß zum hinüberfließen wartet.
In Ungarn hat man große Schwierigkeiten; durch die
behutsamen sich immer weiter entwickelnden Reformansätze schon zu Beginn der
Kadar-Ära gibt es auf gewisse Hoffnung verheißende Ansätze. Der Forint ist
bereits konvertierba; es gibt eine Reihe von Kooperationen, die auch gut
funktionieren. Ungarn hat auch nicht einen so langen innenpolitischen Kampf
geführt wie Polen. Man ist nicht so völlig apatisch; man kann auf keinen Fall
von einer Sozialpathologie sprechen. Man ist sich nun der Armut bewußt, hat aber
konkrete Ansätze der Hoffnung - trotz einer Auslandsverschuldung - die pro Kopf
der Bevölkerung höher ist als in Polen. Nur hat Ungarn eine stärkere
Wirtschaftskraft und auch der Aufbauwille der Bevölkerung ist eindeutig stärker.
Selbst in der CSR gibst es gewisse bessere Anzeichen als in Polen.
Zum einen hat die CSR bereits gegenwärtig in
einigen Teilbereichen auf dem Weltmarkt konurrenzfähige Produkte anzubieten und
muß nicht kostbare Rohstoffe und Lebensmittel billig verschleudern. Auch hat es
nach Pressemeldungen seit dem Wandel in der CSR offensichtlich seitens der
Wirtschaftswissenschaft und auch der in den Ministerien arbeitenden
Wissenschaftler Vorbereitungen für den Tag "X" gegeben. Man ist sich einig, daß
die Marktwirtschaft eingeführt wird und weiß auch prinzipiell wie! Außerdem gibt
es in der schmerzlichen Erkenntnis des Weges einen gewissen Konsens. Man muß und
will hindurch!
In Polen ist es erheblich komplizierter! Die
Ursachen sind dabei nur schwierig auszumachen; sie mögen in der historischen
Entwicklung und auch in gewisser Weise in einer entstandenen Mentalität
begründet liegen. Offensichtlich hat es aber in dem langjährigen Untergrundkampf
unter dem Dach der Solidarnosc keinerlei konkrete konsensfähige Planungen
gegeben, die man jetzt aus der Schublade ziehen kann.
Das Volk wartet in einer bewundernswerten
Disziplin und schaut hoffnungsvoll auf die nun wirklich eigene Regierung! Diese
ist aber - abgesehen von finanzpolitischen Dingen - absolut nicht die Lage, alle
die in kurzer Zeit nötigen Weichenstellungen durchzuführen, bzw. durchzusetzen.
Die Leute, die jetzt Minister sind, wurden jahrelang von den westlichen Medien
hoffiert; sie gaben Interviews, kritisierten die jeweilige alte Regierung. Was
aber offensichtlich nicht geschah, war : in dieser risiegen Opposition, die das
Vertrauen fast der gesamten Bevölkerung besaß, eine Schattenregierung
aufzubauen, konkrete Pläne zu entwickeln, mit westlichen Firmen Kooperationen
vorzubereiten, Rechtsformen vorzubereiten, damit westliche Investitionen
getätigt werden können. Man weiß genau, daß dies unabdingbar ist, und daß das
westliche Kapital nur dann investieren wird, wenn es Rechtstitel erwerben kann
und damit Besitz- und Gewinntransfergarantien hat. Offensichtlich ist nicht
vorher geschehen. Man hoffte allen Ernstes auf Spenden von Milliarden Dollar!
Jeder, der die westliche Politik kennt, weiß aber
genau, daß es allenfalls Almosen seitens der westlichen Staaten oder der EG gibt
und sonst nichts! Die durchgeführten Lebensmittelhilfen und auch die weiteren
Zusagen in Millionenhöhe sind dabei wesentlich eine Subventionierung der
EG-Landwirtschaft! So makaber es ist, aber: die Kühlung und Lagerung vieler
Produkte ist zu teuer! Sicherlich ist es auch ein humanitärer Akt, Lebensmittel
zu verschenken, nur um die politischen Zusammenhänge im Westen müßte man in
Polen eigentlich wissen. Für mich nicht nachvollziehbar ist der Optimismus den
Dr. Rzepinski als Wissenschaftler am 08.02.90 in seinem Vortrag in Hannover
bezüglich des gegenwärtig in Polen herrschenden Vertrauensgefühls zeigt. Dieser
ist zunächst mal positiv zu werten, ist aber sicherlich auch historisch und
psychologisch erklärbar - aber solche Phasen kollektiven Selbstbetruges enden in
der Regel bald - wenn auch in Polen etwas später. Auch die Bodenschätze werden
in Polen immer wieder als Plus angeführt. Sicherlich, Kohle, Kupfer und Zink
sind wertvoll - nur: es gibt keine saubere Kostenrechnung für die Förderung und
die Weltmarkrtpreise sind seit Jahren viel zu niedrig! Außerdem sind die
polnischen Rohstoffe in langfristigen Verträgen verplant - oder sollte man
sagen: verpfändet?4
In meinen Augen ist der vielfach vorgegebene
Zweckoptimismus - nicht von allen polnischen Politikern, Journalisten und
Experten - das leider in der Geschichte schon oft geprobte Allheilmittel: das
Verschließen der Augen vor der Realität. Vielleicht ist es sogar eine Form des
"Sich selbst in die Tasche lügen", in der fatalen Hoffnung, daß dann doch noch
ein Wunder geschieht. Die polnische Geschichte ist ja reich an solchen
historisch verklärenden Darstellungen, die man dem einfachen gläubigen Volk dann
auch als Wunder plausibel machen konnte. Hoffen wir, daß die Geschichte dem
Ganzen ihre Absolution erteilen wird und daß von der verordneten Roßkur nicht
nur - wie man in Hannover sagt - die Pferdeäppel zurückbleibe!
1 Gleichgewicht
Ware-Geld
2
Wirtschaftswissenschaftler an der Adam-Mickiewicz-Universität Posen
3 Sie werden für
polnische Verhältnisse fürstlich bezahlt mit umgerechnet mehr als DM 250,- pro
Monat.
4 Fast alle
Länderbeispiele zeigen, daß das Verfügen über Ressourcen heute keine
hinreichende Grundlage einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung ist, sondern
nur das Verfügen über Kapital, Technologie und gesicherte Beziehungen auf dem
Weltmarkt.
Quelle: Druckausgaben "Die Wandlungsprozesse in
Osteuropa am Beispiel Polens. Studien und Berichte" -
Themenheft
von »Politik Unterricht Aktuell« I/1993
[April]. Herausgegeben vom
Verband der
Politiklehrer e.V., Hannover. Vorsitzender: Gerhard Voigt.
Die Wandlungsprozesse in
Osteuropa am Beispiel Polens: Studien und Berichte
Internetpublikation: 18. Feb. 2011. Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR
i.R.