Lothar Nettelmann:
Zur Abwehrhaltung der
Menschen in Polen gegenüber dem Sozialismus
Es handelt sich um Skizzen und Thesen zur
Nichtakzeptanz des Sozialismus in der Gesellschaft Polens, das Problem
westlicher Sichtweise, Vergleiche mit historischen
gesellschaftlich-politischen Kampfformen, Parteienbildung, die Rolle
der Eliten, die technologische Entwicklung. Es werden z.T. wenig geläufige
Beispiele und Vergleiche herangezogen.
Historische Voraussetzungen
Der Sozialismus hat mit dem Ziel einer Egalisierung
der Gesellschaft die Emanzipation der Unterprivilegierten und sozial
Deprivierten erreichen wollen. Sein Ziel war, soziale Ungerechtigkeit
u.a. durch innergesellschaftlichen Ausgleich zu beseitigen. Dies sollte
vor allem durch die Verbesserung der sozialen Situation sowie die
rechtliche Gleichstellung und den kostenlosen Zugang zu Bildung und
Ausbildung geschehen. Er wollte primär das Elend der sich im 19.
Jahrhundert herausbildenden Arbeiterklasse sowie der abhängig
Beschäftigten im Allgemeinen abmildern und als Finalziel aufheben. Dies
sollte wesentlich durch die Aufhebung des Prinzips ökonomischer
Abhängigkeit geschehen.
Die soziale Basis dieser zur Ideologie gewordenen
Gleichstellungsforderung: dem Anspruch auf rechtliche und soziale
Gleichstellung mit der Bourgeoisie sowie der spätfeudale Herrenschicht
(z.B. in „Ostelbien“) waren in Westeuropa die Industriearbeiter, also
das Proletariat.
In Polen hatte sich bis 1914 nur eine begrenzte
Industriearbeiterschaft im preußischen Teilungsgebiet herausgebildet,
vor allem im Posener Raum und in Oberschlesien. Anfänge einer
Industrialisierung gab es im russischen Teilungsgebiet u.a. in Lodz
und dem östlichen Oberschlesien. Der Prozess der Industrialisierung des
Landes wurde nennenswert erst nach Bildung des Staates 1919 gefördert.
Er konnte somit nur begrenzt zu Bewusstseinsbildung dieses neuen im
Entstehen begriffenen polnischen Proletariats beitragen.
In der anwachsenden Mitgliedschaft der
Sozialistischen Partei Polens [PPS] gab es einen recht hohen Anteil
Mitglieder jüdischer Abstammung und polnischer Identität. Diese Menschen
werde in einer partiell ablehnenden Bezeichnung als assimilierte Juden
bezeichnet, unabhängig davon seit wie vielen Generationen sie sich als
loyale Polen verstehen und selbstverständlich getaufte und zumeist
praktizierende katholische Christen sind. Die polnischen Juden waren
zumeist im Bund organisiert, der Sozialistischen Partei der polnischen
Juden. Der Bund arbeitete eng mit der PPS zusammen, der linke Flügel mit
der KPP.
Auch Juden waren sozial benachteiligte und
entwickelten aus ihrer spezifischen Situation heraus angesichts des
wachsenden polnischen Nationalismus sowie in dessen Folge dem wieder
angestiegenen Antisemitismus, soziale und politische Kampfformen u.a.
auf der Basis politischer Parteien in den Teilungsgebieten Polens. In
der Zweiten Republik, dem wiedergebildeten polnischen Staat, waren
ökonomische und soziale Verdrängungsmechanismen gegen Juden
gerichtet. Diese bezogen sich auf die Juden als abhängig Beschäftigte,
Selbständige (Handwerker) wie auch die in der Ausbildung befindlichen
Akademiker.
Pilsudski war kein Antisemit. Unter seinen Anhängern
waren viele Juden. Den im Osten lebenden Polen, also im Bereich der
heutigen östlichen Staatsgrenze, im heutigen Westgalizien, Wolhynien,
Podolien, dem westlichen Weißrussland sowie dem südlichen Litauen war der
Antisemitismus nicht ausgeprägt! In diesen Regionen war im 19. Jh. keine
Nationalstaatsbildung erfolgt. Mehrere Völker lebten in der jeweiligen
Region zusammen, oft in eigenen Dörfern (Juden). Die Bevölkerung
unterschied sich wesentlich durch ihre slawischen Dialekte. Die
weißrussische und ukrainische Sprache hatten sich noch nicht als
klammernde Hochsprache ausgebildet, so dass es Übergänge zum Polnischen
einerseits und dem russischen andererseits gab. Die Zuordnung erfolgte
über die Konfession: katholisch, uniert oder orthodox. In Zeit vor dem I.
Weltkrieg konnte man den nicht abwertend verstandenen Begriff
„Völkergemisch“ verwenden.
Kennzeichnend dafür ist, dass die Nationaldemokraten
[ND, Endecja] um Dmowski ihre Anhängerschaft zumeist in Zentral- und
Westpolen hatte. Die galizischen Nationaldemokraten kämpften politisch
zusammen mit Pilsudski gegen die Ukrainer, die in dieser Region den
nationalen und politischen Gegner darstellten und – vor dem I. Weltkrieg –
als Hauptgefahr bei der Bildung des angestrebten polnischen Staates
angesehen wurden.
Vor dem II. Weltkrieg gab es keine antisemitischen
Gesetze. Es existierten ca. 15 jüdische Parteien. Die Gründung von
Parteien war in der Zweiten Republik gestattet. Nur den Deutschen war
verboten die NSDAP zu gründen – aus nahe liegenden Gründen. Die in Polen
lebenden Nazis gründeten entsprechende Tarnorganisationen. Nur die
Endecja hatte eine partiell antisemitische Zielsetzung.
Die soziale Basis für eine Politisierung der
sozial-ökonomisch Unterprivilegierten und Deprivierten war relativ
klein gegenüber dem industrialisierten Deutschland, England, Frankreich
oder auch Belgien. Die verarmte kleinbäuerliche Bevölkerung entwickelte
kein Identifikationsverhalten mit den Industriearbeitern, dem
Proletariat.
Andererseits ließ der relativ kurze
Zivilisationsprozess der polnischen Arbeiterschaft den
Bewusstseinsmäßigen Bezug zur Bauerngesellschaft bestehen. Konkret: Die
Industriearbeiter der fünfziger Jahre identifizierten sich aufgrund ihrer
Abkunft eher mit ihren „Wurzeln“, also ihrer bäuerlichen Familie, als die
Bauern mit der Arbeiterschaft. Dies gilt bei vergleichbarer
Einkommenssituation. Ein Unterschied bestand in der Wohnungsvergabe von
Neubauwohnungen. Diese wurden im Zusammenhang mit Industriekombinaten
etc. gebaut und an deren Beschäftigte vergeben. Das bedeutete zugleich
eine Bevorzugung der Industriearbeiter.
Die Folge war, dass es keinerlei affektive oder auch
politisch-rationale Beziehungen zwischen der Industriearbeiterschaft und
den abhängig Beschäftigten sowie der bäuerlichen Bevölkerung gab! Dieses
wird seit dem Ende kommunistischer Herrschaft bzw. der Machtausübung
durch die PVAP nicht mehr mit ideologischer Verklärung überdeckt.
Dies wiederum hatte zur Folge, dass das ideologische
Ableitungsmuster der Kommunisten aus der Arbeiterbewegung, für die
polnische Gesellschaft in vergleichbarer Weise nicht gelten konnte. Es
war nicht anwendbar und konnte nur aufgrund der Ausübung einer fremden
Gewalt mit brutalen Mitteln umgesetzt werden. Voraussetzung war aber,
dass dieser Zwang aufrechterhalten werden konnte.
Die ideologisch abgeleiteten und dadurch vorgeblich
legitimierten Herrschaftsmuster konnten durch den Partei- und
Staatsapparat in der Volksrepublik Polen durchgesetzt werden. Der Grad
der Intensität ihrer Durchsetzung in der Praxis erzeugte aber die
entsprechende Abwehrhaltung als affektiven Gegendruck. Diese
korrelierte nun mit der historisch-politischen Widerstandserfahrung!
In Deutschland – hier im Bereich der SBZ/DDR befand
sich bereits eine im Vergleich zu Polen erhebliche industrielle Basis,
mit einer Bevölkerung, die in einem lange währenden Industrialisierungs-
und Zivilisierungsprozess auch eine bewusstseinsmäßige Adaption vollzogen
hatte im Sinne der Kommunisten in der SED. Dies macht deutlich, warum in
der neu gebildeten DDR in höherem Maße eine Umsetzung der „Ideologie der
Arbeiterbewegung“ erfolgen konnte.
Die Idee des Sozialismus hat sich in Deutschland
wesentlich in den kommunistisch oder sozialdemokratisch orientierten
Milieus im gesellschaftlichen und ideologischen Konsens mit
ideenspezifischer Zuordnung aufgrund regionaler, stadtteilbezogener oder
konfessioneller Zugehörigkeit entwickelt. Die SED konnte damit auf die
vor der Zerschlagung durch den NS-Staat vorhandene kommunistische oder
sozialdemokratische Arbeiterschaft zurückgreifen.
Man berücksichtige zum Vergleich den relativ hohen
KP-Anteil konfessionell katholisch geprägter Gegenden Deutschlands, wie
z.B. im Ruhrgebiet oder dem Industrierevier an der Saar. Dort war eine
vollständige politische Konversion aufgrund des Bruches mit der
katholischen Kirche notwendig. Deren religiöser und gesellschaftlicher
Totalitätsanspruch machte eine Totalumkehr ins extreme Gegenteil
notwendig; daraus resultierte die Hinwendung zur kommunistischen
Ideologie. Die dortigen politischen und sozialen Prozesse entsprachen
damit einem Prozess auf gleicher sozialer Bewusstseinsebene und
entsprechenden gesellschaftlichen Praxis.
Andererseits erfolgte in protestantischen Gegenden
Deutschlands eine stärkere Hinwendung zur Sozialdemokratie. In diesen
Regionen, z.B. in Sachsen und Thüringen, war in den geistigen und
organisatorischen Brüchen mit der Kirche in den zwanziger Jahren nicht
mehr die Zwangsläufigkeit zur Totalumkehr erforderlich, da der
Protestantismus aufgrund seines reformorientierten Selbstverständnisses
keinen allgültigen oder allumfassenden – katholischen – Anspruch auf die
Definition und Interpretation von Glaubensinhalten mehr erhob und die
Einhaltung von Glaubensdoktrinen und -regeln nicht mehr verlangen und
durchsetzen konnte. Zudem war der deutsche Protestantismus durch die
Ausrufung der Republik 1919 deutlich in der Wirkung seines politischen und
gesellschaftlichen Einflusses beschränkt worden.
Der Unterschied zwischen der konfessionellen
Entwicklung in Deutschland und Polen bestand wesentlich darin, dass es im
deutschen Sprachraum einen mehrere Generationen dauernden Machtkampf
zwischen Katholiken und Protestanten bzw. zwischen kaiserlich-katholisch
und protestantisch orientierten Landesherren gegeben hatte einschließlich
den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges.
In Polen gab es dagegen eine konsequente und
kompromisslose aber unblutig verlaufene Konter-Reformation. In
westeuropäisch-protestantischen Darstellungen wird oft – als Stereotyp
– die intrigante Praxis der Durchsetzung hervorgehoben. Die nahezu
vollständige Katholisierung des Landes hatte zugleich die Funktion des
Erhalts nationaler Identität und Existenz und war deshalb erfolgreich. Sie
war historisch verbunden mit dem Krieg gegen die lutherischen Schweden.
Im polnischen Geschichtsbild wird dies als „schwedische Sintflut“
kolportiert und ständig im Sozialisationsprozess der Gesellschaft
bewusstseinsmäßig reproduziert. Aus diesem historischen Kontext
resultiert die bis heute gültige Beziehung „Pole gleich Katholik“ als
Ausdruck eines gesellschaftspolitischen Paradigmas.
Die Frage, warum der Kommunismus bezüglich seiner
ideologischen hier: atheistischen Ausprägung keinerlei affektive Resonanz
in der Gesellschaft erfuhr, ist somit historisch ableitbar.
Die Anhebung des Lebensstandards der Arbeiterschaft,
Versorgung der Industrie- bzw. der Werftarbeiter der Küstenregion Polens
mit Wohnungen hatte zur Folge:
- eine zunächst nur formale (äußerliche) Akzeptanz
der Partei durch die Werktätigen;
- die Minderung des politischen Widerstandspotentials,
sowie
- die Beeinflussung der Aspirationen sowie Erweckung
einer sich steigernden Bedürfnishaltung.
Es erfolgte aber seitens der Arbeiter keine
Identifikation mit den Urhebern dieser „Errungenschaften“ und der
erkennbaren positiven wirtschaftlichen Entwicklung in der
Nachkriegszeit.
Die systembedingte Unerfüllbarkeit erweckter
Aspirationen sind Schlüssel zur lediglich zeitweiligen Akzeptanz der
politischen Herrschaft in einer fließenden Übergangssituation. Danach
handelte es sich eher um Erduldung und pragmatischen Hinnahme. Mit diesem
Prozess geht eine zunehmende innere Abwendung von der kommunistischen
Herrschaft in Polen und eine wachsende Gegnerschaft einher.
Auch die ideologische – oder besser programmatische
Verknüpfung der deprivierten Basis d.h. der Arbeiterklasse und der
ärmeren Bauern, fand in Polen kaum Resonanz. In der DDR gab es in der
frühen Nachkriegszeit eine gewisse Akzeptanz seitens der Bauern, die als
Immigranten aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten als Kleinlandwirte
oder ehemalige Landarbeiter den in der Bodenreform von 1946 enteigneten
Grund und Boden der Großgrundbesitzer und „Kriegsverbrecher“ übereignet
bekamen.
In Polen gab es nur eine kleine vergleichbare Gruppe
von Neubauern. Dazu gehörten faktisch nur die Neuansiedler in den neuen
Westgebieten.
Dabei ist zu unterscheiden zwischen denjenigen, die Grund und Boden
übereignet bekamen und denjenigen, die Arbeitnehmer in den Staatsgütern
oder Genossenschaften wurden.
Die Ideologie des vorgeblichen Bündnisses von
Arbeitern und Bauern zeigte in Polen faktisch keine Wirkung; wenn, dann
eine kontrainduktive. Das Postulat wurde dort als propagandistisch und
ohne Bezug zur gesellschaftlichen Realität gesehen und in keiner Weise
verinnerlicht. Zu den Bauern zählten im engen Sinne die selbständigen und
bewusstseinsmäßig verwurzelten Kleinlandwirte in Zentral- und Ostpolen.
Wesentlich für die polnische Agrargesellschaft ist
nicht die eigentums- sondern die bewusstseinsspezifische Trennung zwischen
Bauern als dem Volk (pln. „lud“) und dem Adel (pln. „Narod“ = Nation).
Diese Adelsgesellschaft, (pln. Szlachta), zu der sich auch viele
Kleinbauern Ostpolens rechnen, repräsentiert die Nation. Sie ist deren
Träger und definiert sich als die Nation
selbst.
Die Problematik kann nur skizziert werden. Der
Schlüssel liegt wesentlich in der historisch herausgebildeten affektiven
Identität zur polnischen Nation und der emotional verinnerlichten
Affinität der Menschen zu ihr. Diese überhöhte Darstellung und
Reproduktion ist in der Gesellschaft durchaus bewusst, tritt aber
eindeutig in den Hintergrund bzw. wird verdrängt.
Folgende Problemebenen der Ablehnung des Sozialismus
sind zu beachten:
- die Ablehnung der Ideologie der „Arbeiter und
Bauern“;
- die Aspiration der Unterprivilegierten auf
Umsetzung im wirtschaftlichen Sinne;
- Ablehnung einer fremden Ideologie.
- die Umsetzung des Gleichheitsanspruches in der
Gesellschaft.
Das Feindbild entspricht den historischen
Feindbildschemata: einerseits den Russen und andererseits den
Preußen-Deutschen. Es enthält auch partielle Assoziationen zum
Antisemitismus und richtete sich gegen jüdische Intellektuelle in
Regierung und Partei.
Die Annahme der sozialen Komponente dieses
Staatsozialismus durch die Werktätigen ist im pragmatischen Sinne logisch
und stellt bis zur ersten Hälfte der siebziger Jahre ein durchaus
verständliches und nachvollziehbares Verhalten in der polnischen
Gesellschaft dar. Sie hat ihre Grenzen in der Akzeptanz der Ideologie des
Systems, das die sozialen Errungenschaften vermittelte, in Ansätzen
realisierte, Garantien und Versprechungen gab, diese dann aber nicht mehr
entsprechend den Versprechungen der Ideologie einhalten konnte. Die
gesellschaftliche Ablehnung ist in der polnisch-nationalen und
konfessionell-ideologischen Sicht zu sehen.
Bewusstseinsprägend für die Kriegsgeneration
polnischer Kinder, die als Jugendliche in die Aufbauphase hineinwuchsen,
sind z.B. Kriegserfahrungen:
- allgemein als Kinder in den an das Reich
angeschlossenen Gebieten Polens während der Okkupation;
- die selbst erfahrenen Leiden durch
Zwangsaussiedlungen in den sog. „Warthegau“;
- durch Zwangsdienste bei Deutschen; sie erfolgten
z.B. bei Bauern oder in kriegswirtschaftlich relevanten
Produktionsbetrieben in den an das Reich angeschlossenen Gebieten wie
auch im „Altreich“
– wie man es in der Posener Diktion benannte.
- die passive Wahrnehmung von Kriegs- und
Okkupationsverbrechen;
- Erfahrungen der Zwangsarbeiter in deutschen
Rüstungsbetrieben des Reiches: Kinderarbeit! typ. Beispiel: Bremer Wolle
etc.;
- Verschleppung von Kindern;
- Konzentrationslager, dort zumeist im Zusammenhang
mit Rüstungsbetrieben;
- die psychischen Folgen für die Kinder.
Als Kollektiverfahrung war ihnen gemeinsam die
Überlebens- und Widerstandserfahrung in ihrem inneren Zusammenhang. Die
Kinder waren in einer entscheidenden Phase ihrer Sozialisation nachhaltig
geprägt worden. Historisch schließt sich dann der wiederum
bewusstseinsbildende Prozess an in der Plausibilität der als
antifaschistisch propagierten bzw. definierten Lehre, dem Sozialismus.
Damit wird der gesamte Lebensweg dieser jungen Menschen einbezogen.
Dieser wurde vermittelt durch das Lehr- und
Definitionsmonopol der Partei bzw. der Staatsmacht. In den ehemaligen
deutschen Ostgebieten wurde die Erziehung zunächst durch die
sowjetische Militäradministration ausgeübt. Gleichzeitig erfolgte der
Aufbau der polnischen Zivilverwaltung und ersetzte ab etwa 1947 durch die
sowjetische Administration in den neuen polnischen Westgebieten. Im
übrigen Polen gibt es die Übergangsphase mit zunehmender Dominanz durch
das nahezu vollständige Informationsmonopol der polnischen Kommunisten.
In diesem Zusammenhang ist der organisatorische Zusammenschluss von
Kommunisten und Sozialisten durch die Bildung der PVAP von nebenrangiger
Bedeutung.
Die bewusstseinsbildenden Erklärungsmuster für
Politik und Gesellschaft waren dem Definitionsmonopol der katholischen
Kirche entglitten. Außerdem war diese in den Augen der neuen Machthaber
diskreditiert aufgrund ihrer engen Beziehung zu der nun als reaktionär
definierten Zweite Republik
der Zwischenkriegszeit.
Die monopolartige Vereinigung von Informationsträgern
(Medien), in der Folge die gezielte Verbreitung manipulierter
Informationen wie selektiver Wissensvermittlung auf der Basis von
Machtkonzentration Nachkriegspolen begünstigte bei jungen Menschen den
Prozess der Bildung einer neuen Elite unter sozialistischem Vorzeichen.
Dies war verbunden mit zurückliegenden Erfahrungen sowie der Hang zum
dichotomischen Freund-Feind-Denken und dem damit verbundenen
Schwarz-Weiß-Malerei.
Der Grad des Überzeugtseins war partiell recht hoch,
zumindest in der Anfangsphase. Hinzu kam die pragmatische Akzeptanz bzw.
Erkenntnis, dass sich nur zusammen mit der Sowjetunion ein neues
unabhängiges Polen aufbauen ließ. Dies schloss die Übernahme aller
Prinzipien ein. Der unmittelbar nach der Befreiung des Landes ab 1944
vorhandene aktive Widerstand gegen die vollständige Machtübernahme der
Kommunisten erlosch dann nach und nach wegen Aussichtslosigkeit in der
Zeit 1947/48. Der äußere Okkupant war in der subjektiven Wahrnehmung durch
den inneren ersetzt worden.
Andererseits begann im Stalinismus der
wirtschaftliche und vor allem der industrielle Aufbau des Landes. Die
Bodenreform wurde akzeptiert. Das dreimalige „Ja“
signalisierte Sicherheit und eine gewisse Hoffnung. Die neue polnische
Westgrenze wurde dann auch durch die DDR im Vertrag von Görlitz 1950
anerkannt. Die Angst vor dem revanchistischen Feind westlich der Elbe
blieb.
Der politische Konfrontationskurs der
Adenauer-Regierung verstärkte das noch. Neuere Untersuchungen zur
deutschen Nachkriegspolitik
gegenüber der UdSSR belegen dieses. Der von der Adenauer-Regierung zu
verantwortende Teil der Politik des Kalten Krieges rief maßgeblich Angst
um nationale und staatliche Existenz der Menschen in Polen hervor,
verstärkte und perpetuierte sie. Dieses konnte aufgrund sowjetischer
Militärmacht instrumentalisiert werden. Davon profitierten wiederum die
polnischen Kommunisten.
Man kann diese historische Phase mit ihren
Existenzängsten, den Hoffnungen auf besseres Leben, die Anfangsentwicklung
und zweifellos das Ausgeliefertsein gegenüber der kommunistischen
Propaganda – vor allem in der Zeit des Korea-Krieges – als Paradigma für
die Bewusstseinsbildung der neuen Eliten in Polen ansehen.
Hinzu kommt mit entscheidendem Gewicht die positive
visionäre Antwort des Sozialismus auf das Scheitern bürgerlich
kapitalistischer Ordnungen in den zwanziger und dreißiger Jahren in
Europa und den USA. Es handelte sich um nationalistische, partiell
spätfeudalistische Strukturen, wie in Rumänien, Bulgarien und Ungarn oder
um in den zwanziger Jahren entstandene faschistische Bewegungen, wie in
Italien und Deutschland.
Da ein Beispiel für ein gescheitertes sozialistisches
System bewusstseinsmäßige in den fünfziger Jahren nicht als
Negativbeispiel vorlag, erfolgte die Hinwendung der Intellektuellen in Ost
und West
zum Marxismus und Existentialismus ohne kritische Hemmnisse. Polen
fehlte der Kontakt zum Intellektualismus Westeuropas, der dort maßgeblich
getragen wurde von der Linken in der Verbindung mit dem Existentialismus
und Marxismus. Dies gilt vor allem für Frankreich und die Beziehung der
französischen Intellektuellen zur Organisation der KPF.
Dass die historische Realität über die Phase der
zwanziger und dreißiger Jahre der Sowjetunion, die Massentötungen sowie
der GULAG weitgehend verschwiegen, tabuisiert oder geleugnet wurde,
betätigt dieses noch.
Die Prägungen aus der Kriegszeit sowie die
Erkenntnisse der unmittelbaren Nachkriegszeit standen zweifellos im
Zusammenhang mit dem Macht- und Informationsmonopol sowie der von den
Kommunisten induzierten Negativwirkung durch das als anachronistisch
angesehene bzw. definierte zerbrochene gesamte „Bisherige“, die
Rzeczpospolita Polska als Zweite Republik. Das alte überlebte System war
in Polen bestimmt durch einen spezifischen Nationalismus, partiellen
Chauvinismus, Klerikalismus und Antisemitismus. Auch die Tatsache, dass
ca. dreihundert Priester Opfer der Okkupation geworden sind, muss in die
Überlegungen einbezogen werden.
Aus diesem gesamten historischen und
gesellschaftlichen Zusammenhang resultierten die bewusstseinsbildenden
Paradigmen für die junge Intelligenz der Nachkriegszeit.
Vielleicht spielt auch die Ablehnung der vorgegeben
rational-ableitbaren Idee des Marxismus/Leninismus gegenüber der
bisherigen mythologische eine wesentliche Rolle. Andererseits bietet die
Ablehnung des Paradigmensystems einer Epoche des Sozialismus die Chance zu
einem wirklichen ideellen Neubeginn.
Im Unterschied zu Westeuropa gelten in Polen
nationsspezifische Bewusstseinsmuster in der polnischen Gesellschaft. Die
Ursache liegt im Vorhandensein der sozialen Basis für die ideologische
oder politische Ableitung begründet.
Im Westen ist die Beziehung „Pole gleich Katholik“
sprachlich geläufig. Sie ist zwar sehr unspezifisch und daher nur begrenzt
akzeptabel, im Kern aber durchaus zutreffend. Dies gilt vor allem für die
bäuerliche Gesellschaft. Die Arbeiterklasse stellt keine Ausnahme dar; die
Intelligenz ist differenziert zu betrachten.
Die polnische Intelligenz der Vorkriegszeit wurde im
Holocaust weitgehend vernichtet, wie nahezu die gesamte jüdische
Intelligenz. Diese stellte in einigen Bereichen der Gesellschaft einen
sehr hohen Anteil der Intelligenz, vor allem Juristen, Mediziner und
Finanzkaufleute.
Die sich in der frühen Nachkriegszeit herausbildende
neue Intelligenz hatte die Hoffnung und in ihrer Sicht auch eine
realistische Chance unter den Spezifika von Okkupation, Krieg, auf
politischen und sozialen Neubeginn. Außerdem hatte der Krieg die
Kontinuität der Einflussnahme der katholischen Kirche unterbrochen. Dass
diese Chance zu einem innerkirchlichen Neubeginn, d.h. einem Nachvollzug
der Modernisierung des westeuropäischen Katholizismus, nicht erfolgte, lag
u.a. auch im orthodoxen, unsensiblen und eine totale Gegnerschaft
provozierenden und induzierenden Stalinismus.
Das Problem für Polen ist, dass die – grundsätzlich
legitime – Vertretung des Proletariats nicht unter verantwortlicher
Haltung gegenüber dem Ganzen, d.h. unter Beachtung
gesamtgesellschaftlicher wie -staatlicher Interessen erfolgte. Dafür
fehlten die Voraussetzungen: Das Funktionieren
parlamentarisch-demokratischer Mechanismen im Sinne einer Vertretung von
Teilen der Gesellschaft. Eine positive Identifikation mit der gesamten
Gesellschaft kann nur über den Staat bzw. unter Einbeziehung desselben
erfolgen. In Polen ist dies undenkbar.
Eine Identifizierung mit dem Staat ist in Polen nur
sehr begrenzt möglich. Innerhalb gesellschaftlicher Loyalitätsmuster
nimmt der Staat eine nachrangige Qualität ein. Das antiobrigkeitliche
Verhalten wird in z.T. erheblichen Vorbehalten oder gar prinzipieller
Ablehnungen deutlich. Ein Pole identifiziert sich mit der Nation, nicht
mit der Gesellschaft oder gar dem Staat. Es bietet sich die Nation im
Sinne einer Zielbestimmung für das Identifikationsmuster an. Die Nation
ist aber wieder ein Abbild einer überhöhten visionären Betrachtung, denn
die Umsetzbarkeit eines historischen Phänomens. Die Gestaltung als
Figuration
liegt völlig jenseits einer denkbaren Realität.
Wenn man von gesellschaftlichem Konsens sprechen
will, dann im Sinne einer Überlagerung beider sich ergänzender Paradigmen.
Ein Konsens im Sinne erkenntnishafter Übereinstimmung oder Toleranz
gegenseitiger Akzeptanz auf der Basis eines pluralistischen
Grundkonsenses ist (noch?) nicht möglich. Er befindet sich deshalb
jenseits des erlaubt Denkbaren.
Aufgrund der historisch-psychischen Überlagerung des
visionären Nationsbegriffes wird Parteibildung als negativ zu bewertender
Partikularismus angesehen und damit als dem Interessen der Polnischen
Nation widersprechend empfunden. Diese Einschätzung gilt nicht nur für
nationalkonservative Parteien in Polen.
Die genannten Zusammenhänge verdeutlichen die
Schwierigkeiten oder gar die Unmöglichkeit der Bildung politischer
Parteien als Träger miteinander konkurrierender gesellschaftlicher
Gruppen. Polnische Parteien verstehen sich eher als Sammlungen; sie sind
rhetorisch geprägte soziale Agglomerationen. Fluktuationen zwischen ihnen
sind rel. häufig und gelten nicht als ehrenrührig. Man vermeidet auch den
Begriff „Partei“. Man benutzt stattdessen z.B. den Begriff „stronictwo“
(dt.: Seite) oder „oboz“ (Lager). Die Kommunisten und Sozialisten haben
ihn dagegen benutzt. Bezeichnend für die PVAP ist, dass sie kein
Parteiabzeichen besaß!
Die Herausbildung und Akzeptanz eines
gesellschaftlichen Partitivums, der gesellschaftliche Konsens über dessen
Anerkennung widersprechen per se dem visionären und verklärten Anspruch
des Nationsbegriffes. Es überlagert sich dabei der historisch entstandene
Anspruch, für das Ganze, also die Nation, zu sprechen. Dieses Motiv war
auch im Widerstand im II. Weltkrieg tragend. Aufgrund der zurückliegenden
fünfundvierzigjährigen Entwicklung im 20. Jahrhundert ist ein neuer
Wertmaßstab im Sinne eines Alleinvertretungsanspruches – nunmehr des
ganzen Volkes – propagiert worden. Dieser war zwar dem historischen
entgegengerichtet, lag aber auf gleicher Ebene.
Der Wirkungsgrad kommunistischer Ideologie war in
Polen denn auch viel geringer als in der DDR oder in der ČSR bzw. ČSSR.
Der Sozialismus hat in Polen nie die Vision entwickelt, von der
Vertretung einer sozial unterprivilegierten und benachteiligten
gesellschaftlichen Formation – der Arbeiterschaft – zu deren
Emanzipation beigetragen zu haben, um dann endgültig entsprechend der
Selbstdefinition) zu deren Herrschaft zu gelangen – was aber realiter
bedeutete, über sie Macht auszuüben.
Die polnischen Kommunisten haben zwar versucht, das
Modell der UdSSR oder der DDR zu kopieren, der Nachvollzug gelang jedoch
faktisch nicht. Die dazu notwendige Resonanz war zu gering. Es gab nur
Ansätze von gewissen Überformungen. Deren partiell erfolgreiche Wirkung
war – unter Vorbehalten – im prinzipiellen Antinazismus der neuen
Machtgruppe begründet. Man lehnte das Ideologische als Prinzip ab, nicht
aber die sich herausbildende sozial-ökonomische Praxis.
Parteien sind in Polen keine formal umrissenen
Gruppierungen; sie repräsentieren keine gesellschaftlichen Gruppen. Sie
entstehen aus einem Kerngedanken heraus; an den Rändern zerfließen sie.
Es sind deutliche programmatische Überlagerungen mit anderen Parteien
sowie starke Fluktuationen festzustellen.
In Deutschland bedeuten Übertritte zu anderen
Parteien oft „Erschütterungen“. Sie sind moralisch diskreditiert,
zumindest etwas anrüchig. In Polen stellt ein Parteiübertritt einen
durchaus „normalen“ Vorgang dar. Es lässt sich dort auch eine relativ
schnelle Kompromissbereitschaft und -fähigkeit erkennen. Kurzfristige,
aber nicht auf Dauer angelegte Kompromisse gehören zum politischen
Gebrauchsinstrumentarium.
In der polnischen Geschichte wird von Ausländern
nicht verstanden, dass sich Pilsudski z.B. von den Sozialisten getrennt
hat, dass er „an der Haltestelle Unabhängigkeit ausgestiegen sei“.
Sowohl bei Pilsudski als auch bei Jaruzelski ist eine große politische
Flexibilität erkennbar. Beide handelten moralisch-politisch nicht
verwerflich.
Das politische Denken in Polen ist kein
„Festungsdenken“, wie z.B. in Deutschland in den sich gegenüberstehenden
großen Lagern CDU/CSU und SPD. Parteien formulieren nicht den Anspruch,
gesellschaftliche Gruppen zu repräsentieren. Etwas anderes ist eine
Bezugsorientierung wie z.B. zum Christentum, vertreten durch die
katholische Kirche. Abgesehen von den neuen Sozialdemokraten versichern
alle Parteien, dass sie sich als christlich verstehen. In diesem
Zusammenhang ist eine gewisse Legitimierung durch die Kirche gegeben. Die
katholische Kirche hat bei der Parlamentswahl 1991 eine Liste von für
Christen wählbaren Parteien aufgestellt.
Kennzeichnend ist auch, dass oft bei Bauern
Einzelpersonen oder kleine Gruppen Kristallisationskerne von Parteien
darstellen. Dies ist als Ausdruck des der polnischen Adelstradition
entstammenden Individualismus zu werten. Um den höheren Adel gruppierte
sich der mittlere und darum der niedere. Die Bauern standen immer am
Rande.
Die auch für die Parteienbildung entscheidende
historische Phase war das 19. Jh. (nach dem 48er Aufstand und noch mehr
nach dem Januaraufstand) sowie die Zeit bis zum Ende des I. Weltkrieges.
Aufgrund der politischen Rahmenbedingungen hatte der Zwang zur Einheit
der Nation als Ratio des Kampfes um den Erhalt der Nation und die
Wiedererlangung staatlicher Existenz eindeutigen politischen,
gesellschaftlichen und moralischen Vorrang.
In Deutschland förderte die Herausbildung sowie das
Anwachsen politischer Parteien im Zusammenhang mit der
Nationalstaatsbildung und der Industrialisierung das Bewusstsein,
gesellschaftliche Auseinandersetzungen zwischen den politischen
Parteien, aber innerhalb des Parteiensystems bzw. durch die Parteien
auszutragen.
Die sich noch vor der Jahrhundertwende
herausbildenden polnischen Parteien standen im Konflikt, gemeinsam für die
übergeordneten Primärziele einzutreten. Man denke an die Konkurrenz
Dmowskis (Nationaldemokrat) zu Pilsudski
(Sozialist). Beide strebten für Polen das identische Primärziel an: die
staatliche Unabhängigkeit. Sie bekämpften sich politisch sehr massiv.
Kennzeichnend für beide ist ihr Zusammentreffen in Tokio 1904, obwohl die
dies vermeiden wollten. Beide versuchten, den russisch-japanischen
Konflikt für Polen nutzbar zu machen.
Sie legten der japanischen Regierung in getrennten
Gesprächen ihre Vorstellungen dar, „nur dass dabei der eine genau das
wollte, was der andere zu verhindern suchte“.
Da alle polnischen politischen Bewegungen von der
russischen und preußischen Teilungsmacht beobachtet und ggf.
sanktioniert bzw. verfolgt wurde, konnten politische Auseinandersetzungen
nur diskursiv und sehr eingeschränkt öffentlich ausgetragen werden. Dies
geschah häufig in Exil. Eine west- bzw. mitteleuropäischen Parteien
vergleichbare Erfassung der entsprechenden gesellschaftlichen Basis war
deshalb aufgrund der administrativen und strafrechtlichen Maßnahmen der
Teilungsmächte unmöglich. Gegenüber dem politischen Kampf wäre sie
dysfunktional gewesen.
Hinzu kam die diesbezügliche Dreiteilung des Landes
und die u.a. damit zusammenhängende räumliche Trennung der politischen
Köpfe von ihrer regionalen Basis. Die Ursache war entweder ein direkt oder
indirekt erzwungenes Exil durch Ausweisung bzw. Flucht. Aufnahmeländer
waren vor allem Frankreich und die USA, aber auch die Schweiz und
Großbritannien. Eine beliebte Methode war auch die Ausweisung aus einem
Teilungsgebiet in ein anderes. Man ging dann aus Posen oder Warschau oft
ins österreichische Lemberg oder Krakau. Die dritte Möglichkeit war die
Haft als politischer Gefangener in einem Gefängnis bzw. einer Festung oder
die Deportation nach Sibirien durch die zaristische Staatsmacht.
Zu dem Kriterium der durch Fremdzwang erfolgten
Erschwerung der Bildung und Konsolidierung von größeren gesellschaftlichen
bzw. politischen Einheiten kam das innere Prinzip des Untergrundkampfes.
Dies machte die Organisationsstruktur von Kleingruppen notwendig.
Außerdem musste das Prinzip der Dezentralisierung eingehalten werden.
Hinzu kam, dass die Führer der Gruppen sich oft im Exil aufhielten.
Die Zusammenhänge machen deutlich, warum z.B. Rosa
Luxemburg in Polen kaum Resonanz gefunden hat. Als Internationalistin
konnte sie das auch für die polnischen Arbeiter gültige Primärziel nicht
akzeptieren.
Die PVAP wurde in der Bevölkerung u.a. auch deshalb
abgelehnt, weil sie sich als Partei der Arbeiterklasse definierte. Sie hat
übrigens nie an ihre Mitglieder Parteiabzeichen ausgegeben, bzw. ihre
Mitglieder haben nie Parteiabzeichen getragen!
Die sich in der Nachkriegszeit herausbildende neue
Intelligencja und Funktionärsschicht Polens hat sich die politische und
soziale Lücke zu nutze gemacht und neue Herrschaftsebenen gebildet. Im
Unterschied zur DDR hat die polnische Elite kaum mehr als mit
propagandistischen Ansätzen den Anspruch auf Legitimierung ihrer
Herrschaft auf der Basis von „Arbeitern“ und „Bauern“ betrieben.
Die Teilkompensation sozialer Benachteiligung wurde
in der Industriearbeiterschaft sowie von den im Agrarbereich tätigen
Mitarbeitern von Genossenschaften und staatlichen Agrarkombinaten als
positiv hingenommen. Weiterhin wurde ihre subjektiv empfundene soziale
Statusanhebung innerhalb allgemeiner Einkommensangleichung bzw.
Nivellierung affektiv positiv empfunden.
Der soziale Druck gerade dieser Gruppe entlud sich
z.B. 1956, 1970 und vor allem 1980, als die Kluft zwischen den erweckten
Erwartungen (Aspirationen) bezüglich der Sicherung und Steigerung des
Lebensstandards und der erfahrbaren psycho-sozialen und materiellen
Wirklichkeit dieses realsozialistischen Systems so groß wurde, dass
Hoffnung und Illusionen zerbrachen.
Wahrnehmungsdefizite und Irrtümer wurden von den
Kommunisten als Fehler oder Deformationen eingestanden. Die Verdrängung
der Erkenntnis, dass die Idealbilder des „Sozialismus“ auf der Basis
marxistisch-leninistischer Lehre mit dem sich entwickelnden und von der
Bevölkerung realiter erfahrbaren Ausprägung des Systems nichts mehr zu tun
hatte, waren vornehmlich Probleme westlicher Intellektueller sowie der
Funktionsträger und Mitglieder dieser sich als sozialistisch bezeichnenden
Gruppen.
Diese Erkenntnisabwehr konnte im Westen bis zum Ende
der achtziger Jahre aufrechterhalten werden. Westliche Intellektuelle
verfolgten offensichtlich den Gedanken einer Doch-Machbarkeit des
Sozialismus. Sie leisteten ihrerseits eine aktive Verdrängungsarbeit in
der Realwahrnehmung östlicher Entwicklungen. Sie haben auch den permanent
notwendigen Zwang nicht wahrhaben wollen, das System im Osten mit
diktatorischen Maßnahmen aufrecht zu erhalten, das dort niemand mehr so
haben wollte.
Zwar wünschten die „Werktätigen“ in Polen eine
Anhebung des Niveaus sozialer Sicherheit oder gar eine Garantie dessen,
vor allem aber die Beibehaltung lieb gewonnener Arbeitspraktiken
einschließlich Leistungs- und Aufwandsminimierung im Zusammenhang mit
als solche definierten „Errungenschaften“. Aber: „sie wollten so gut
leben wie im Westen – mit den Bequemlichkeiten des östlichen
Sozialismus“. Mit diesen Worten kolportierte man bereits in den achtziger
Jahren die Diskussionen über den Übergang zur Markwirtschaft
Der Prozess des politischen und ökonomischen
Zusammenbruchs sowie der Bewusstwerdung der sozialökonomischen Realität
dauerte in Polen fort über das Jahr 1989 hinaus. Soweit es den Wechsel
bzw. das Ablegen daraus entstandener arbeitnehmerspezifischer
Verhaltensweisen gibt, ist eine Prognose nicht zu erstellen. Diese Frage
müsste noch einmal gesondert reflektiert werden.
Geblieben sind Apathie und Enttäuschung vieler
Menschen in Polen angesichts der bereits seit 1975 erkennbaren
Krisenerscheinungen. Die Daten zur Wirtschaftsentwicklung ließen 1992 noch
keine Tendenzumkehr erwarten. Letzte Daten zur Jahreswende 1992/93
lassen einen gedämpften Optimismus für 1993 zu.
Ein leistungsstarker sich z.T. in rechtlichen Grauzonen der Wirtschaft
mit krimineller Energie operierender Teil der Gesellschaft profitiert von
den Chancen des sich öffnenden Marktes.
Dem Ende des Traumes vom schönen Leben im Sozialismus
folgten Ernüchterung, soziale Kälte und Brutalität der legalen wie
illegalen Distributionskämpfe. Besonders kennzeichnend sind die
ökonomisch-rechtlichen Grauzonen. Diese neuen Realitätserfahrungen
erklären z.T. die gleichzeitige Hinwendung zur Kirche zwecks Trostsuche,
Richtungsgebung von Hoffnung und Heilserwartung im Transzendenten.
Gleichzeitig ist eine Abwehr des Machtanspruchs dieses gesellschaftlichen
multifunktionalen Apparates Kirche in seinem zunehmenden Anspruch auf
fundamentalistischen Totalitätsanspruch zu erkennen.
Wenn eine Akzeptanz von Ideologie und System in Polen
vorlag, dann seitens der Intellektuellen und der Industriearbeiter in der
unmittelbaren Nachkriegszeit.
Das Hauptproblem für Polen, resp. für die östlichen
Gesellschaften der früheren Zaristischen oder Habsburgischen Monarchie
ist, dass der Sozialismus in westlichen Industriegesellschaften entstanden
ist. Zunächst ist dabei die Industriegesellschaft als Folge der
Industrialisierung entstanden. Dann erfolgte im Zusammenhang mit der
Arbeiterbewegung die ideologische Überformung, die in wesentlichen
Sektoren marxistisch geprägt worden ist.
Linke – zumeist dem Bürgertum entstammende
Intellektuelle – adaptierten die Ideologie als politische Glaubenslehre
und versuchten, sie über die Arbeiterschaft gesellschaftlich umzusetzen.
Sie verstanden sich daher als „Arbeiterführer“. Rosa Luxemburg und Julian
Marchlewski hatten wohl in Berlin Erfolge – vor allem natürlich bei
deutschsprachigen Intellektuellen – nicht aber in der polnischen
Gesellschaft oder der polnischen Arbeiterklasse. Deren Ziel war bis 1919
die nationale Befreiung und nicht das, was man als „Befreiung der
Arbeiterklasse“ definierte und propagierte.
Die sterblichen Überreste Marchlewskis wurden 1951
nach Abschluss des Grenzabkommens zwischen der Polen und der DDR nach
Warschau überführt und auf dem Heldenfriedhof Powazki beigesetzt. SED und
polnische Kommunisten der PVAP stellten es als einen Akt
deutsch-polnischer Freundschaft dar. Sie ehrten einen polnischen
Kommunisten, der auch in Deutschland agitiert hatte und dort gestorben
war.
Rosa Luxemburg wird aber in Polen nicht affektiv
abgelehnt weil sie Jüdin war, sondern weil sie nicht im Interessen der
polnischen Nation handelte und handeln konnte aufgrund der von ihr
vertretenen internationalistischen Position. Dies galt als nationaler
Verrat und wird bis heute so empfunden. Diese Ablehnung hat eine gewisse
Rolle als Instrumentalisierungsmechanismus im polnischen Antisemitismus
gefunden. Es erklärt aber keineswegs seinen Kern.
Die einen – sie hatten ihre politische Heimat im
Spektrum der westeuropäischen Linken – erwarteten 1980 von der Solidarnosc
die sozial-gerechte und echt-revolutionäre Bewegung. Sie verstummten nach
dem Ende euphorischer bzw. euphemistischer Berichterstattung im Westen.
Andere sind zu charakterisieren wie z.B. der KPÖ oder
anderen linken Gruppen nahe stehende junge Leute aus Wien, die der
Verfasser im Frühjahr 1983 in einem Warschauer Hotel traf. Es handelte
sich zumeist um Angehörige der Universität Wien. Über der Rezeption des
Hotels befand sich zum damaligen Zeitpunkt noch ein großes Hinweisschild
mit dem Text, dass das Telefonieren über den Bereich der Wojewodschaft
hinaus sowie ins Ausland aus technischen Gründen nicht möglich sei. Es war
während der Zeit des Kriegszustandes.
Diese jungen Leute waren als Mitglieder einer
österreichischen KP-Delegation mit einer Reisegruppe nach Warschau
gekommen. Die Teilnehmer waren überdurchschnittlich qualifiziert und
gehörten zumeist der Universität Wien an. Nach polnischer Diktion waren
sie Angehörige der Intelligenz. Sie wollten mit Vertretern der PVAP und
offiziellen Vertretern des Staates und Betrieben oder anderen Experten
über die Entwicklung des Sozialismus sprechen. Den österreichischen
Kommunisten wurde nach einigen Tagen ansatzweise klar, dass sie weder mit
Vertretern ihrer polnischen „Bruderpartei“ noch mit offiziellen
Vertretern dieses formell sozialistischen Staates eine gemeinsame Sprache
finden konnten.
Die polnischen Experten waren wohl daran
interessiert, über die verschiedenen Ansätze von Wirtschaftsreformen,
die Förderung von Investitionen, Kooperationen mit Firmen des
Dollar-Bereiches, sowie der Lösung der Verschuldensproblematik und
Wirtschaftskrise zu sprechen, nicht aber über die Entwicklung des
Sozialismus in Polen.
Enttäuscht saßen die jungen österreichischen
Intellektuellen Linken, Kommunisten an der Bar und tranken bulgarischen
Rotwein oder französischen Brandy. Polnischer Wodka war nicht zu
bekommen. Die Österreicher klagten über ihre polnischen Gesprächspartner
und Genossen: Die Polen seien undankbar, sie hätten die Revolution
geschenkt bekommen und gar nichts dafür tun oder gar kämpfen müssen.
Diese westlichen Kommunisten hatten nichts ihren
gesetzten und begrenzten Denkkategorien Fernes wahrgenommen. Sie hatten
nichts von den Problemen des Landes begriffen, das sie besuchten.
In diesem Zusammenhang ist an das Beispiel
westdeutscher Kommunisten, Anhängern der KPD/ML erinnert, die in den
siebziger Jahren eine Busreise durch Albanien gemacht hatten und dort
den neuen revolutionären Menschen „entdeckt“ hatten. Man sieht, was
man weiß (Max Weber).
Ein ehemaliger Leiter
(SED-Mitglied/Staatsbürgerkunde) einer Ostberliner POS berichtete
dem Verf. süffisant, dass er in seiner Amtszeit als Schulleiter, aber
auch als ehrenamtlicher SED-Funktionär, öfters mit westdeutschen
Delegationen oder Besuchergruppen zu tun gehabt habe.
Auf solche Besuche bereitete man sich entsprechend
vor. Es waren schematische Programmabläufe ausgearbeitet worden, die
jeweils erfolgreich angewandt wurden, so dass jeder das zu sehen und zu
hören bekam, was ihm zugedacht war. Hinterher fuhren die die
westdeutschen Gäste zumeist befriedigt nach Haus. Vor allem die
DKP-Genossen und Genossinnen sollen jeweils gestärkt im Glauben und voll
von revolutionärem Elan zurückgefahren sein.
Zu dem vor allem in einigen Segmenten der
westeuropäischen Linken – z.B. bei Trotzkisten, dem ehem. KBW, dem KB
oder der KPD/ML und anderer K-Gruppen, die sich in Westdeutschland in den
siebziger Jahren herausbildeten und nach und nach wieder auflösten – und
dem von ihnen benutzten ebenfalls mythischen „Volks“-Begriff, fand man in
Polen keine Adäquanz. Es ergab sich keinerlei Resonanz gegenüber den von
diesen Gruppen vertretenen politischen Aussagen. Das Beispiel
veranschaulicht die Nichtakzeptanz der Arbeiter- und Bauernideologie in
der polnischen Gesellschaft.
- Wie teuer war der Sozialismus in Polen?
- Kann man Ineffektivität im Nachhinein berechnen?
- Gibt es zuverlässige Zahlen über die gesamte Höhe
der Subventionen, die Vergeudung von Volksvermögen, den Schlendrian
etc.?
- Inwieweit kann man per Saldo auch von einer
sozialen oder volkswirtschaftlichen Positivbilanz sprechen?
Ein Warschauer hoch talentierter Journalist (Janusz
Tycner) gab einmal die treffende Antwort und brachte es auf den Punkt:
„Wir wollen nicht wieder Versuchskaninchen sein. Wir wollen einfach
eine normale Wirtschaft haben.“ Vermutlich kann man die Problematik
nur historisch bewältigen.
Gern wurden folgende Witze kolportiert: Frage an
Radio Eriwan: „Kann man in Amerika den Sozialismus einführen?“ Antwort:
„Im Prinzip ja; nur würden ihn die Amerikaner vorher an Hunden bzw.
Schimpansen ausprobieren.“ Frage an Radio Eriwan: „Kann die Sowjetunion
den Sozialismus in die USA exportieren?“ Antwort: „Im Prinzip ja; wer aber
versorgt dann die Sowjetbürger mit Weizen?“
Die genannten Beispiele und Zusammenhänge hatten eine
negative Folgewirkung im Sinne einer self-fulfilling prophecy. Die
betroffenen Bürger erwarten vom Sozialismus nur Negatives – also tritt es
auch ein. Die Bissigkeit der polnischen Witze drückt dabei ein Höchstmaß
an opferspezifischer Betroffenheit und Resignation aus. Allerdings sind
die Witze nach Ausrufung des Kriegszustands am 13. Dezember 1981, nachdem
in der Anfangsphase noch Witze über den Kriegszustand in Umlauf gesetzt
wurden, im Laufe des Jahres 1982 nach und nach als Ausdruck von
Resignation und Apathie verschwunden.
Man wollte nur irgendwie das Schicksal erdulden, das System ertragen.
Es muss klar gesehen und ausgesprochen werden, dass
wir uns als Westler gegenüber der Politik und den gesellschaftlichen
Mechanismen dieser ehemals sozialistisch organisierten Räume der eigenen
subjektiven Sichtweise bewusst werden müssen. Auch diese ist aufgrund
eigener subjektiver und kognitiver Erfahrungen in den eigenen
Lebensbereichen entstanden.
Auch wir reproduzieren in der Betrachtung und Bewertung des Anderen den
eigenen Sozialisierungs- bzw. Zivilisierungsprozess.
Auch die Beschreibung von Zwang, Unterdrückung und
Leiden in der Wahrnehmung von scheinbar oder vorgeblich immanenten
Verhaltensweisen des Sozialismus bildet die Realität nicht objektiv ab.
Wir sollten versuchen, eine nüchterne distanzierte Haltung einzunehmen,
vielleicht im Sinne wohlwollender Neutralität?
Der Opfergedanke hat für Polen eine
Mehrfachbedeutung. Man versteht sich dabei aber immer als Opfer fremder
Gewalt. Dabei lässt sich ein historischer Bezug herstellen, der über das
negative Verhältnis zu Russen und Preußen (bis zum Ersten Weltkriege), zu
den Schweden (im 17. Jahrhundert), den Kreuzrittern (im 14./15.
Jahrhundert) zu den Mongolen (im 13. Jahrhundert) zurückführt. Vor allem
bezüglich der Abdrängung der Mongolen
vor Liegnitz (1241) aber auch der Abwehr der Türken vor Wien 1683 – der
polnische König Jan Sobieski war Oberkommandierender des „christlichen“
Heeres – resultiert die Legende, man habe Opfer für das Abendland
gebracht.
Polen will aktives Opfer sein. Dies ist ableitbar aus
der durch den Romantismus
genährten Vision von Messias
der Völker. Es ist zu vermuten, dass es sich um freiwillige psychische
Zwänge handelt. Im gegebenen Zusammenhang kann aber darauf nicht
eingegangen werden.
Westliche Besucher verstanden oft nicht, dass die von
der Partei und staatlichen Institutionen vertretenden Ideologie, die eine
Identität von Nation – Volk – Partei – Arbeiterklasse etc. vorgab und
herbeiführen wollte, und dadurch dem Fortschritt dienen sollte, in Polen
nur mehr als propagandistische Phrase aufgenommen wurde. Dass partiell
Jugendliche im Rahmen ihres Sozialisationsprozesses diese Überzeugung
annahmen, ist nachvollziehbar aber ephemer. Die von der Propaganda
benutzten Vokabeln waren austauschbar und wurden im Wesentlichen nicht
wahrgenommen. Man verdrängte z. B. propagandistische Schriftzüge im
Straßenbild. Plakate nahm man überhaupt nicht mehr wahr!
Dieses wiederum verstanden westliche Besucher nicht,
die sich z.B. von polnischen Dolmetschern solche Schriftzüge übersetzen
lassen wollten. Die polnischen Reisebegleiter, die „Piloten“, erklärten
schon in den siebziger Jahren, dass sie derartige Propaganda einfach nicht
mehr sähen. Das Problem westlicher Besucher war es, die gesamte polnische
Systemrealität nicht wahrnehmen zu können, vielleicht auch gar nicht zu
wollen. „Sie sahen, was sie wussten“. Man reproduzierten eigene Bilder und
politische Vorstellungen.
Die Schwierigkeit, sich in die Bewusstseinsrealität
der Menschen in den realsozialistischen Ländern hineinversetzen zu können,
war ein besonderes Problem für sich als kritisch verstehende,
links-alternative Westeuropäer. Ihr kritischer Ansatz bezog sich primär
auf das eigene System in eigener, ideologisch beeinflusster Wahrnehmung.
Gegenüber dem östlichen waren sie wahrnehmungsunkritisch, wenn nicht
gar -unfähig. Dies ist wesentlich in einem ursächlichen Zusammenhang
darin zu sehen, dass das östliche sozialistische System ideologisch
vorgab, die Negation des kapitalistischen (westlichen) darzustellen, also
des eigenen, kritisch in Frage gestellten.
Westliche Besucher nutzten 1980/81 die Chance zur
eigenen Visionsbildung, dort in Polen gäbe es die im sozialen
Emanzipationsprozess befindliche Arbeiterklasse. Man vertrat die
euphorische Ansicht, dies sei nunmehr die Chance auf einen eigenen
humanen Dritten also wirklich sozialistischen Weg im politischen System
dieses „realen“ Sozialismus. Da nur der Sozialismus menschlich sein könne
– so die Diktion der westlicher Linken – und der Kapitalismus damit per
Definitionen nicht, musste stringenterweise dort die Lösung der
Problematik in der Umsetzung eigener Visionen liegen: in der Realisierung
des Sozialismus in Polen.
Ein typisches Problem westlicher Besucher dieser
Länder lag darin, z.B. bei Gesprächen mit Vertretern der Administrationen
oder Experten dieser Länder etwas herauszufragen, was der eigenen
vorformulierten Ansicht oder Sichtweise entsprach und andererseits
spezifische Dinge in die vorgegebenen Zusammenhänge hineinsehen zu wollen.
Es sollte noch in anderem Zusammenhang das Problem
möglicher Denkverbote bzw. barrieren bei westlichen
Entspannungspolitikern und -willigen untersucht werden und ihre
Wechselwirkung mit dem Denken und Handeln der Menschen in Polen. Der
Wille, das politische Ziel der Normalisierung und Entspannung zwecks
Kriegsverhinderung war offensichtlich verantwortungsethisch
übergeordnet.
- Die neue soziale Differenzierung in der VR Polen
knüpft an die alte an der Zweiten Republik an und überlagert sie. Sie
hebt die alte Differenzierung aber nicht auf durch Ersetzen mit etwas
Neuem!
- Die Linke in Deutschland hat jahrelang sog.
Strategiediskussionen geführt. Diese waren aber weder an realen Zielen
noch an darauf abzustimmenden Methoden orientiert sondern eher an
visionären und utopischen Vorstellungen – was aber keineswegs eine
Infragestellung der Legitimität dieser Diskussionen sein soll.
- Polen ist der Vision nationaler Einheit gefolgt
ist. Dieser Ansatz ist methodisch vergleichbar mit der Zielorientierung
an gesellschaftlicher Utopie seitens der westeuropäischen Linken.
- Die polnische katholische Kirche konnte –
historisch bedingt – nicht vergleichbar der ev-luth. Kirche in
Deutschland Interessenvertreterin einer bürgerlich oder
agrarisch-wohlhabenden Schicht bzw. Klasse werden.
- Die polnische Gesellschaft ist gekennzeichnet durch
eine Einigungspsychose, bzw. ein Einheitssyndrom. Es steht im
Widerspruch zu ihren individualistischen Alltagsverhalten.
Polen befindet sich in einer Situation der Unmöglichkeit einer
Annäherung seiner innergesellschaftlichen Widersprüche: es käme einer
Vereinigung von Entgegengesetztem gleich.
Ein Motiv für die zeitweilige Akzeptanz des
Sozialismus in den fünfziger Jahren und auch der Studierenden in den
sechziger wie siebziger Jahren war die Negativbelegung der Vorkriegszeit
seitens der Kommunisten als reaktionär. Sie beanspruchten das
Definitionsmonopol für das Neue und zugleich das Alte. Die Kommunisten
vermochten es auch, ihre Definitionen – einschließlich aller
Veränderungen – konsequent durchzusetzen. Es geschah unter Androhung
von Sanktionen gegenüber denen, die Nichtakzeptanz zeigten oder
Widerstand übten. Die diktatorischen Maßnahmen mit denen dieses
praktiziert wurde, sind bekannt.
In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre waren
zunehmend Ansätze einer Verklärung oder gar Glorifizierung der
Vorkriegszeit erkennbar, deren Äußerungen über den familialen oder
engen privaten Kreis hinausgingen. Sie stellten in hohem Maße einen
Ausdruck von Nostalgie dar.
Mit der Bewusstwerdung und Offenlegung der zweiten
Nachkriegsinflation
erinnerte man sich an den Zloty der Vorkriegszeit, der damals „mehr
wert gewesen sei als der US-Dollar
und eine Golddeckung aufwies“ – so die Volksmeinung. Dass diese
Auffassung finanztheoretisch unzutreffend war und die restriktive
Finanzpolitik, d.h. die rigide Geldmengenbeschränkung im
sozial-ökonomischen Kontext der Zweiten Republik gesehen werden muss, war
den Menschen, die von der Inflation betroffen waren, gleich – sicherlich
auch nicht vollständig bewusst. Sie litten unter der sich verschärfenden
Krise. Deren Bewusstwerdung erforderte – trotz gegenteiliger staatlicher
Propaganda – oder auch gerade deswegen – zunehmend ein Ventil. Die sich
herausbildenden und deutlich spürbaren Negativerscheinungen wurden mit
dem Sozialismus in ursächlichen Zusammenhang gebracht.
Auf dieser subjektiven Wahrnehmungsebene verglich man
die mindere Qualität der polnischen Konsumartikel des Lebensbedarfs mit
der hohen Qualität der Vorkriegsware. In einer verklärten Erinnerung
verdrängte man die unterschiedlichen Qualitäten der Vorkriegsprodukte
und vor allem das damalige Preis-Leistungs-Verhältnis. Wenn man in den
siebziger Jahren einmal ein qualitativ gutes Landesprodukt erwarb, dann
war die stereotype Aussage, „dieses ... Produkt ist so gut wie vor dem
Kriege“. Wenn man sich andererseits über die geringe Qualität und vor
allem die mangelnde Verarbeitung beklagte, dann war die stereotype
Aussage: ja, vor dem Kriege, da waren unsere Schuhe noch von hoher
Qualität ....; aber jetzt im Sozialismus...!?“
Dass die breite Armut in der Vorkriegszeit vor allem
für die Landbevölkerung bedeutete, einfache Holzschuhe zu tragen und
einen Arzt wie auch das Schulgeld kaum bezahlen zu können, ist
wahrnehmungsspezifisch in diesem Zusammenhang ephemer.
Andererseits waren die Produkte der RGW-Länder mit
ihrer selbstbenannten sozialistischen Wirtschaftsordnung aufgrund
minderwertiger Materialien und mangelnder Verarbeitung oftmals
schlecht. Sie waren es vor allem im Vergleich zu westlichen Produkten und
wurden auch so empfunden. Die Mechanismen der self-fulfilling
prophecy sowie der Sozialpathologie mögen als Erklärungsmuster
gelten, zumindest haben sie Verstärkereffekte. Die Bewusstwerdung für
Produzenten und Verbraucher – also die „Werktätigen“ – hatte nur weitere
Demotivierungen und eine weiter absinkende Qualität zur Folge. In
diesem Zusammenhang sind positive Beispiele für Produkte aus der
Vorkriegszeit bezeichnend für die Einschätzung der Nachkriegsökonomie, die
soziale Situation der Menschen und die psychische Wirkung.
Man weist in Polen oft stolz auf die technologischen
Entwicklungen der dreißiger Jahre hin. Polnische Intellektuelle
haben in Diskussionen mit Westdeutschen darauf hingewiesen. In
polnischen militärhistorischen Publikationen der Nachkriegszeit wird
– selbstverständlich verstanden im patriotischen Sinne – auf die Rolle der
polnischen Rüstungstechnologie hingewiesen.
Man will mit der Darstellung dieser Entwicklungen
die technologischen Fähigkeiten Polens in dem Prozess vom Agrar- zum
Industriestaat deutlich machen. Ebenso möchte man zeigen, dass die
Polnische Armee der Zweiten Republik nicht nur mit vorwiegend
französischem Militärmaterial ausgerüstet worden ist. Außerdem haben
die in Gold bezahlten Importe aus Frankreich die industrielle Entwicklung
des Landes aufgrund des Kapitalmangels stark beeinträchtigt.
Als Beispiele werden die von polnischen Ingenieuren
entwickelte Militärflugzeuge genannt sowie die Rolle polnischer
Mathematiker bei der Aufdeckung des Codes der deutschen
Dechiffriermaschine Enigma angeführt.
Polen hat auf einer Flugschau in Paris 1938
Prototypen eines Jagdflugzeuges und eines Bombers vorgestellt, die in
Militärkreisen in Paris und London positiv beurteilt worden sind.
Einige Bomber sind von der polnischen Luftwaffe beschafft worden.
Einige wurden nach Rumänien exportiert. Das polnische Jagdflugzeug soll
flugtechnisch dem deutschen Jagdflugzeug Me 109 gleichwertig gewesen
sein. Wegen Finanzmangel ist es nicht in Serie gegangen.
Unmittelbar nach Kriegsbeginn hat man Großbritannien
die technischen Unterlagen zur Verfügung gestellt. Auf dieser Basis
soll das britische Jagdflugzeug „Spitfire“ konstruiert worden sein –
der Gegner der genannten deutschen Maschine im II. Weltkrieg.
Auf den hohen Anteil, den polnischen Mathematiker an
der Entschlüsselung der Enigma hatten, wurde ebenso hingewiesen. Die
mathematischen Unterlagen sind unmittelbar nach Kriegsbeginn über die
Schweiz nach Frankreich gelangt. Dort hatten Ingenieure versucht, die
technischen Grundlagen aufzudecken. Nach der Kapitulation Frankreichs im
Juni 1940 wurden die gesamten Unterlagen den Briten übergeben. Auf der
Basis polnischer und französischer Vorarbeiten haben dann britische
Experten die Enigma nachgebaut und den deutschen Geheimcode entschlüsselt.
Ein Beispiel aus der Tschechoslowakei: In deutschen
militärhistorischen Schriften wird auf die hohe Qualität der Produkte der
tschechischen Rüstungsindustrie verwiesen. Nach der vollständigen
Okkupation der Tschechoslowakei 1939 hat die deutsche Wehrmacht
tschechisches Gerät, so u.a. einen von Skoda produzierten leichten Panzer
übernommen und auch im September 1939 im Krieg gegen Polen eingesetzt.
Besonders das Fahrwerk soll technisch sehr gut gewesen sein. Die
tschechoslowakische Rüstungsindustrie
ist sehr schnell und vollständig in die deutsche integriert worden.
Im gegebenen Zusammenhang handelt es sich auch
wesentlich darum, dass die genannten Länder – wie auch Ungarn – nach der
Befreiung durch die Rote Armee (die Umbenennung in Sowjetische Armee / CA
ist erst nach Stalins Tod erfolgt) als Besatzungstruppen empfanden.
Symbol in Polen für diesen als neue Okkupation wahrgenommenen und
bewerten Vorgang ist der sowjetische Marschall polnischer
Nationalität Konstantin Rokossowski,
der bis 1956 – dem polnischen Oktober – Kriegsminister in Polen und
Oberkommandierender der Polnischen Armee war.
Um nicht missverstanden zu werden: Es kann im
gegebenen Zusammenhang keine hinreichende Darstellung oder historische
Wertung des sowjetisch-polnischen Verhältnis gegeben oder gar bezüglich
des Kalten Krieges und der Systemkonkurrenz vorgenommen werden. Basis
der Aussagen sind Wahrnehmungen der Bevölkerung und die Darstellung
meinungsbildender wie wertsetzender Prozesse in der polnischen
Gesellschaft und deren Auswirkung bzw. Umsetzung in
innergesellschaftlichen Polens.
Man hebt in Polen die (militär)-technologischen
Leistungen hervor um die kollektive psychische Selbstherabsetzung
aufgrund der geringeren Qualität der polnischen Produkte zu überwinden
und als ein Akt von Selbstbehauptung die prinzipielle Leistungsfähigkeit
zu belegen. Zugleich wird dadurch in der Vorstellung der Bevölkerung
deutlich gemacht, dass die Ursache für die Misere, die sich auf alle
Ebenen ausdehnende Krise, beim „neuen Okkupanten“ liegt: der
Sowjetunion, die seit 1989 auch offen als solcher benannt wird.
Im Zusammenhang mit dem technologischen und
ökonomischen Rückstand wird die Frage der (in der damaligen Sicht gut
gemeinten – bzw. der ökonomisch durchaus dem damaligen Verständnis
entsprechenden) technologischen und produktbezogenen Arbeitsteilung im
RGW genannt, also der Konzentrierung einzelner Produktionszweige in
jeweils einem oder zwei Mitgliedsländern.
Dass sich diese ideologisch begründete und
machttheoretisch ableitbare Entscheidung als ökonomisch dysfunktional
und für das Gesamtsystem als destruktiv erwiesen hat, ist dabei sekundär.
Man hat aufgrund ideologischer Prämissen, als Ablehnung von als dem
Kapitalismus immanenten Mechanismen, das Kosten-Nutzen-Rechnen in
Kenntnis möglicher und auch wahrscheinlicher Konsequenzen
vernachlässigt. Aufgrund ideologischer Prämissen haben sie in der
Ökonomie des Sozialismus nicht den für eine funktionierende, d.h.
konkurrenzfähige Wirtschaft notwendigen Stellenwert erhalten. Eine
„bürgerliche“ Volks- oder Betriebswirtschaftslehre konnte sich nicht
herausbilden.
Der Ausfall eines „Kettengliedes“, eines „Zahnrades“
– z.B. in Folge der Ereignisse in Polen 1980/81 – konnte aufgrund
mangelnder Voraussetzungen nicht in der erforderlichen Zeitspanne
kompensiert werden. Die Streiks waren der Schlüssel zur endgültigen
Zusammenbruchsphase des sozialistischen Gesamtsystems. Sie waren aber
nicht die Ursache. Diese lag auf ökonomischer Ebene in der irrigen
Konzeption und mangelnden Organisation des Systems!
Das Gesamtsystem offenbarte denn auch seine
konzeptionsbedingte Strukturschwäche, den außerordentlich hohen
ökonomischen Integrationsgrad, nachdem das Zwischenglied Polen ausfiel.
Es waren keine Sicherheiten eingebaut, da dieser Eventualfall nach der
ideologischen Vorgabe nicht eintreten konnte, weil er es nicht durfte.
Auf weitere Ansätze ökonomischer Dysfunktionalität, wie die in Kenntnis
möglicher oder wahrscheinlicher Konsequenzen erfolgte bzw. mit
diktatorischen Mitteln durchgesetzte Inkaufnahme der daraus
resultierenden Inflexibilität soll nur hingewiesen werden.
Ein Vorwurf der gegenüber der Sowjetunion vor allem
in der Region Danzig erhoben wird, ist die Konzentration des militärischen
Schiffbaus in der UdSSR und der DDR. Dadurch konnte der militärische
Zweig des Schiffbaus – so die Meinung Danziger Schiffbauer – nicht zur
allgemeinen Technologieentwicklung im Schiffbau beitragen. Auch in
diesem Zusammenhang wird die Leistung der Schiffbauer in Gdingen
hervorgehoben, die in den dreißiger Jahren gute Schiffe für die polnische
Marine gebaut hatten. Die ersten der polnischen Kriegsschiffe in den
zwanziger Jahren waren noch französischer Produktion gewesen. Ein
Zerstörer dieser polnischen Marine der Vorkriegszeit liegt als
Museumsschiff im Hafen von Gdingen.
Die Konzentrierung aller ökonomischen Kräfte der
RGW-Länder auf einen oder sehr wenige Standorte erwies sich auch deshalb
dysfunktional, weil das Konkurrenzprinzip als Motor, d.h. in seiner
aufgrund ökonomischer Zwänge und möglicher Einkommenssteigerungen
motivationsstiftenden Funktion zur Vollbringung hoher
Arbeitsleistungen im unfassenden Sinne aufgrund ideologischer Vorgaben
nicht vorlag. Dies gilt für Dienstleistungen und technische
Arbeitsabläufe. Auf die ökonomisch und sozial kontrovers geführte
Diskussion um das Recht auf Arbeit und die daraus resultierende
Garantie des Arbeitsplatzes sei nur hingewiesen. Die Immanenz der
strukturökonomischen Erzwingung von Qualitätssteigerung durch das
Konkurrenzprinzip war für die sozialistischen Länder nicht gegeben. Die
Bedingungen waren im Militärsektor anders, da in diesem Zusammenhang
die Systemkonkurrenz dominierte.
Die Fortentwicklung der Militärtechnologie wurde in
der Sowjetunion in hohem Maße auf der Basis von „Blaupausenspionage“
betrieben. Schwierigkeiten ergaben sich zunehmend in den siebziger
Jahren als die Beschaffung von auf der Cocom-Liste stehenden Produkte
nicht aus finanziellen sondern auch aus technologischen Gründen
erschwert worden war. Die Fortentwicklung der
Datenverarbeitungstechnologie befand sich als faktisches Monopol lange
Zeit in der Hand eines amerikanischen Unternehmens (IBM). Wenige
leitende Mitarbeiter und Experten befanden sich dadurch in der Rolle der
„Hüter des Geheimnisses“ – so ein westdeutscher Computerexperte. Der
Aufbruch dieses Monopols erfolgte erst im Laufe der achtziger Jahre.
Die genannten ökonomischen Beispiele machen im
Zusammenhang deutlich, dass die sog. Breschnew-Doktrin zur Erhaltung des
Systems auch aus ökonomischen Gründen eine gewisse Immanenz aufwies. Die
Streiks als Form des politischen Kampfes bei der Befreiung von
Kommunismus – wie es die Danziger Werftarbeiter 1980 verstanden – mussten
aufgrund der genannten strukturell-ökonomischen Voraussetzungen
stringenterweise eine systemzerstörende und -aufhebende Wirkung.
Die militärische Antwort der Sowjetunion und des
Warschauer Paktes, die Ausdehnung der Frühjahrsmanöver über den Sommer
1980 hinaus, an die sich die Herbstmanöver gleich anschlossen, wie auch
der Truppenaufmarsch des Warschauer Paktes östlich und westlichen
Grenze Polens sowie der Einsatzbereitschaft der sowjetischen Truppen
innerhalb Polens, sind auch in diesem Zusammenhang zu sehen. Vielleicht
wirft dieses auch ein neues Licht auf die Praxis, der Solidarność 1980/81
Streiks auszurufen, weil sie sich gegen die entscheidende Schwachstelle
des ganzen Systems richten mussten.
Die RGW-Staaten waren aber längst von der
technologischen Weiterentwicklung, d.h. der kapitalintensiven
High-Tech-Produktion abgekoppelt. Die technologische Lücke wurde immer
größer, die Intervalle der „Phasenverschiebung“ kürzer. Der Rückstand in
den beiden modernen Produktionsfaktoren Technologieentwicklung
(know how) und Kommunikationssysteme vergrößerte sich
zunehmend. Es gab keine Chancen mehr, ihn auszugleichen. Der
ökonomische Abstand zu den hoch entwickelten westlichen
Industrieländern wurde zunehmend größer. Der Wettbewerb beschränkte
sich nur noch auf die ökonomischen Weltzentren, die Triade USA,
Westeuropa (die EG-Region der sog. „Blauen Banane“)
und Japan mit wachsender Bedeutung der asiatischen Industriestandorte.
Ein politischer Witz aus der DDR
verdeutlicht die Problematik, die dann ab November, als westdeutsche
Experten und Betriebsprüfer Einblicke in die Betriebsunterlagen und
Produktionsstandorte bekamen, nach umfangreichen Berichterstattungen in
den Medien zur allgegenwärtigen Realität wurde. Sowjetische Produkte
genießen bis heute in den ehemaligen westlichen RGW-Regionen
Ostdeutschland, Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik den Ruf
robust, schwer und z.T. einfach zu sein – aber unzeitgemäß.
Die Verhinderung illegaler Exporte in die WPO-Länder
aufgrund eigenen Firmeninteresses beschleunigte den ökonomischen
Zusammenbruch. Seit dem letzten militärischen Konflikt zwischen Israel
und Syrien
(1982-?) war die technologische Unterlegenheit des sowjetischen Systems
offenkundig geworden. Damals waren höchste sowjetische Militärs und
Experten vor Ort gebracht worden. In dieser Region des Nahen Ostens hat es
danach keinen in militärtechnologischem Zusammenhang stehenden
Schlagabtausch mehr gegeben.
Im Zusammenhang mit dem US-amerikanischen
Luftangriff 1986-? auf Ziele in Libyen, bei denen bei denen
amerikanische Kampfflugzeuge nicht durch Einwirkung der libyschen
Luftabwehr verloren gingen, wurde in Polen zum Anlass genommen,
antisowjetische politische Witze
zu kolportieren. Der Golfkrieg 1991 kann nur begrenzt unter den Aspekten
sowjetisch-amerikanischer Technologiedifferenz eingeordnet werden.
Für die Betrachtung Polens ist nicht die
militärtechnische Seite an sich relevant, sondern der erhobene Vorwurf,
dass man – abgesehen von geringen Ausnahmen – im eigenen Lande keine
militärischen Hochtechnologieprodukte entwickeln durfte und dadurch
in den Möglichkeiten des Rüstungsexportes beeinträchtigt war. Wojciech
Jaruzelski weist in seinen Memoiren mit Stolz auf einige polnische
Entwicklungen hin. Die Projekte verkörpern aber eher ein soldatisches denn
ein ökonomisches Denken, da auf eine volkswirtschaftliche
Kosten-/Nutzen-Rechnung verzichtet wird. Allein ein Hinweis auf den hohen
Spionageaufwand bei der Beschaffung von westlicher Hochtechnologie lässt
Rückschlüsse zu.
Die gegebene Darstellung entspricht einer
dominierenden subjektiven Sichtweise in Polen. Es kann und soll an dieser
Stelle keinesfalls der Eindruck eines Versuchs einer objektiven
Beurteilung entstehen! Dieses scheint auch – zumindest für einen
überschaubaren Zeitraum – kaum möglich. Der Zugang zu notwendigen
Unterlagen ist unter den gegenwärtigen Bedingungen faktisch unmöglich.
Die ehemaligen Partner haben zudem ein Interesse an grundsätzlicher
Instrumentalisierungsmöglichkeit angesichts sich deutlich
herauskristallisierender Konfliktlagen. Die Gefahr der Spekulation ist
sehr hoch. Inzwischen wird deutlich, dass in diesem Zusammenhang die Rolle
der Sowjetunion in den von ihr abhängigen Ländern in Teilbereichen
überbewertet worden ist. Dies gilt zumindest seit den siebziger Jahren.
Im Bewusstsein der Menschen in Polen hatte sie aber diese Rolle! Die
nahezu totale Geheimhaltung im Militärbereich verstärkte diesen Effekt.
Polnische Experten, Absolventen ökonomischer und
technologischer Fakultäten polnischer Hochschulen und Universitäten,
emigrierten seit den siebziger Jahren zunehmend. Viele erwogen es, hatten
aber keine Realisierungschance. Sie alle sahen – und sehen nach wie vor –
subjektiv für sich kaum mehr adäquate berufliche
Betätigungsmöglichkeiten und damit Realisierungschancen für
persönliche Aspirationen in Polen. Es gab und gibt sie auch objektiv nur
begrenzt – zumindest nicht in Relation zur Nachfrage. Dies gilt für Polen
aber – nach wie vor – immer im Vergleich zur maßstabsetzenden
Lebenssituation in Amerika und der BRD.
Das polnische Bildungssystem hatte noch in den
siebziger Jahren einen Westeuropa vergleichbaren Standard. Die Ausbildung
erfolgt in traditioneller Weise. Wissenschaftler, die als
Auslandsstipendiaten westliche Universitäten besucht haben, sind oft
an polnische Universitäten als Lehrer zurückgekehrt. Dies gilt aber in
der Regel für die technisch weniger relevanten Disziplinen. Junge
Ökonomen bevorzugen gegenwärtig stattdessen die Gründung privater
Beratungs- bzw. Consultingfirmen oder arbeiten in Joint
Ventures.
Das generelle Problem des brain-drain der
europäischen Peripherieländer in die Zentren ist auch der Regierung der
Republik Polen durchaus bewusst.
Die heraufziehende Krise der polnischen
Hochschulausbildung ist bezüglich ihrer Dimensionen und Konsequenzen
noch nicht absehbar. Vor allem ist die Ausbreitung des privaten
Bildungssystems im Schul- und Hochschulbereich gegenwärtig
unübersichtlich. Andererseits sieht man es oft pragmatisch: Man
importiert privat Computer; Polnische Informatiker gehen als
Stipendiaten in die USA; Datenverarbeitungssysteme sind international
vernetzbar, dem Wissensfluss sind keinerlei Grenzen mehr gesetzt. Ein
Problem ist eher, dass die technologieabhängige Breitenausbildung in
den ehemaligen sozialistischen Ländern – auch auf mittlere Sicht – nicht
im notwendigen Maße betrieben werden kann. Leistungsstarke Studenten
können zwar selbstständig Defizite kompensieren. Aber gerade diese
wandern ab.
Ein weiteres Problem ist die Konservierung
wissenschaftlichen Selbstverständnisses in Polen, das an dem der
Nachkriegszeit orientiert ist und in gewisser Weise durch das
sowjetische überformt worden war. Letzteres ist aber nicht zu hoch zu
bewerten, da der geistige Widerstand gegenüber den sowjetischen
„Kontrolleuren“ hoch war und an die traditionelle antirussische Haltung
anknüpfen konnte. Auf jeden Fall wurden die Wandlungsprozesse im Westen
nicht oder mit großer Verspätung nachvollzogen.
Die nach dem II. Weltkrieg in den sozialistischen
Ländern entstandenen neuen Eliten verhinderten bzw. beschränkten
Fortentwicklungen. Die neue Machtelite erwies sich sehr schnell als
konservativ. Die Motive sind gegenwärtig noch zu wenig erforscht. Die
entscheidenden Aspekte waren aber Machterhalt und sicherung. Die obere
politische Klasse sicherte ihr relatives Privilegiensystem durch
konsequente und z.T. drakonische Ausübung ihres Machtmonopols ab und
verhinderte – soweit es (auch technologisch) durchsetzbar war – den
Informationsfluss von außen.
Es ist bezeichnend, dass in Ungarn 1956 und der
Tschechoslowakei 1968 die Veränderungsprozesse von technokratischen
Reformern intendiert wurden. Von den jeweiligen politischen
Reformflügeln wurde versucht, diese durchzusetzen. Man hatte die
politische und ökonomische Notwendigkeit zu qualitativen Reformen
erkannt. Die unteren und mittleren Kader der politischen Klasse wirkten in
diesem Zusammenhang kontraproduktiv.
Ein Beispiel für das soldatisch-traditionelle Denken
polnischer Offiziere: Wojciech Jaruzelski erwähnt in seinen
Memoiren
Ein Gegenwartsbeispiel, das an die Betrachtung der
Technologieentwicklung aus der Vorkriegszeit anknüpft: In den achtziger
Jahren wurde von einem flugtechnischen Betrieb in Polen ein neuer
Hubschrauber entwickelt und von der Fa. STAR des Kombinates Starachowice
ein neuer LKW. Beide waren für den zivilen und militärischen Einsatz
konzipiert worden. Die Polnische Armee verfügt aber nur über
unzureichende finanzielle Mittel zur Beschaffung dieser Landesprodukte.
Der genannte Betrieb wurde im Laufe des Jahres 1992 von Volvo übernommen.
Es ist in Aussicht gestellt worden, dass an diesem Standort künftig
Volvo-LKW in Lizenz gebaut werden.
Hinzu kommt, dass die amerikanische Konkurrenz auf
dem Flugsektor über Mittel verfügt, denen polnische Firmen nicht
gewachsen sind. Von der US-amerikanischen Firma Bell wurde z.B. für den
Papstbesuch 1991 ein Hubschrauber zur Verfügung gestellt, der jetzt vom
Präsidenten der Republik Polen benutzt wird. Die erhoffte Werbewirkung
durch die polnischen Patrioten Karol Wojtyla und Lech Walesa blieb aus.
Sie wurde versagt.
Den Begriff der Solidarität glaubte die Linke belegt
zu haben, bis er in den siebziger Jahren von rechts bzw. aus dem
bürgerlich-liberalen Bereich instrumentalisiert wurde. Man versuchte,
über Medien diesen Begriff als gegen Linke gerichteten Kampfbegriff neu zu
besetzen. Als dieser Prozess nach und nach auch in der Öffentlichkeit
transparent wurde, war der Linken aber noch nicht die Irrealität bewusst,
bzw. sie klammerte sich an ihre Vorstellung von der Existenz und
Machbarkeit der Solidarität – es war ein Trugschluss.
Davon unberührt ist, dass es in spezifischen
historischen Phasen unter kapitalistischen Zwängen – in den
proletarischen Vorstadtsiedlungen und Gesellschaften – reale Beispiel
für Ausübung solidarischer Verhaltensweisen gegeben hat, in Hannover
z.B. in den Stadtteilen Linden, Ricklingen, Döhren, Stöcken, Badenstedt
während der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Versuch, aus Teilbereichen
der Arbeiterschaft abgeleitete bzw. in der Arbeiterbewegung entstandene
Verhaltensweisen in der gesamten Gesellschaft zu installieren und damit
den genannten Prozess zu reproduzieren und zu perpetuieren ist
gescheitert. In Polen hat ein entsprechender Versuch zu ambivalentem
Verhalten geführt, es dominierte aber die Gegenbewegung.
Das Phänomen ist durchaus vergleichbar mit dem
Kameradschaftsbegriff in Männergesellschaften, die sich unter
militärischen Bedingungen – oft Zwangssituationen – herausbilden und
in den gegebenen Situationen überlebensnotwendige Mechanismen und
Verhaltensweisen entwickeln. Religiös bestimmte Begriffe, wie
Nächsten- oder Feindesliebe etc. sind ebenso unter vergleichbaren
gruppendynamischen Gesichtspunkten zu sehen. Entsprechendes gilt für den
hohen Stellenwert der Gastfreundschaft in nomadisch-islamischen
Gesellschaften und die religiöse Vision der islamischen Umma, der
islamischen (Lebens )gemeinschaft.
Zu beachten ist dabei jeweils die Funktion einer
Projektion von Wünschen, Hoffnungen und Zielvorstellungen, verbunden mit
dem Mittel der Idealisierung.
Problematisch wird es, wenn Begriffe oder
Sachverhalte, die gesellschaftliche notwendige oder zumindest positiv
gewertete Inhalte belegen, zu Leerformeln bzw. Passepartout-Begriffen
degenerieren oder umfunktioniert werden.
Das Prinzip Hoffnung
ist als Zielbestimmung in der sozialistischen Ideologie psychologisch wie
therapeutisch von eminenter Bedeutung. Gesellschafts-politisch betrachtet
hat es unter dem Aspekt einer Umsetzung in Sozialisations- bzw.
Zivilisationsprozessen kaum eine Relevanz.
Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass
Begriffsgegensätze wie Revolution–Konterrevolution, rechts–links,
fortschrittlich–reaktionär seit Beginn der Postmoderne in den sechziger
Jahren und endgültig seit der Selbstverabschiedung des realen Sozialismus
1989 ihrer bisher gültigen Inhalte entkleidet worden sind.
Selbst Herrn Kohl geht der Begriff Revolution seit 1989 „sanft über die
Lippen“ (Die Zeit; 22.1.93). Frühere Kommunisten – östlich von Elbe, Oder,
Bug, Dnjestr und Dnjepr waren als konservativ zu definieren. Es treffen
auf sie viele Attribute zu. Begriffe wie Fortschritt und Solidarität sind
aber inadäquat.
Wir müssen uns auch klar werden, dass sehr viel von
dem, was in der Historiographie und den Sozialwissenschaften gilt, jetzt
so nicht mehr gelten kann. Auch wissenschaftshistorisch ist eine Phase zu
Ende gegangen – auch wenn akademische Zirkel noch viel Mühe verwenden
müssen, neue Erkenntnisse zu erarbeiten und oftmals auch zu verkraften.
Wissenschaftler sollten dazu übergehen, wieder mehr konkret darzustellen
und zu belegen, anstatt im Übermaß zu versuchen, etwas theoretisch zu
erklären, in der illusorischen Hoffnung, die Voraussetzungen für
Veränderungen zu „erkennen“ und zu erstellen.
Wenn Deutsche der Überzeugung waren, eine bessere
Gesellschaft aufzubauen, Polen haben nicht daran geglaubt und sich den
entsprechend angeordneten Versuchen kollektiv widersetzt.
Wir können uns im Grunde gar nicht fragen, warum der
Sozialismus in Polen unmöglich bzw. nicht realisierbar war. ohne die
eigene Sichtweise zu vergegenwärtigen und das bisherige System zu
charakterisieren.
Deshalb ist die Darstellung der Wendezeit für
Westdeutsche so unendlich erschwert, weil als Maßstab für Westdeutsche zur
Darstellung der Menschen östlich der Oder immer noch die bisherigen
Beschreibungsmerkmale und Ansichten über die Menschen zwischen Elbe und
Oder gelten. Der Blickwinkel DDR ist noch nicht bewältigt.
Es klang als Platitüde, wenn man in den achtziger
Jahren über die ehemaligen real-sozialistischen Länder zynisch sagte,
dort sei alles real, nur eben nicht der Sozialismus! Der Kern: Anlage und
Ausprägung des Systems sind bisher nicht hinreichend erforscht. Es gibt
noch großen Forschungsbedarf für Historiker und Sozialwissenschaftler,
Ökonomen, Geographen und Psychologen.
Man kann eine Trennung anhand
generationsspezifischer Verhaltensweisen in der
Nachkriegsgesellschaft beobachten:
Die erste (traditionelle, jetzt ältere) Generation
verhält sich nach traditionellen Verhaltensweisen der Politischen
Kultur: Kennzeichnend sind Ritualisierungen und Bezüge auf den
Freiheitsbegriff. Der ihr noch innewohnende polnische Anachronismus
wird gegenwärtig zwar manchmal zurückhaltend, in der Regel aber
konsequent kritisiert.
Zur zweiten Generation gehören die modernen
technologischen Eliten. Sie weisen zumeist ökonomische oder
technologische Qualifikationen auf. Im Alltagsverhalten zeigen diese
Menschen noch ein starkes symbolisches (bzw. an Symbolen orientiertes)
Verhalten. Sie lassen aber eine eindeutige Bereitschaft erkennen, einen
anwendungsbezogenen Fortschrittsbegriff zu akzeptieren und zu
adaptieren.
Dieser im Ursprung in einem durch eine
marktwirtschaftlich-kapitalistische (bürgerliche) Gesellschaft
definierte Begriff war aufgrund einer Zielübereinstimmung zeitweilig
parallel zum (real)-sozialistischen Fortschrittsbegriff zu verstehen.
Die genannte Beziehung gilt aber nur für die pragmatische, nicht für die
ideologische Ebene.
Das erklärt z.B. die problemlose Zusammenarbeit
westdeutscher (sozialdemokratischer, liberaler und eindeutig auch
christlich-demokratischer bzw. konservativer Politiker mit
technokratischen Reformkräften (soweit sich diese als solche
verstanden wie Kadar und Gierek) sowie begrenzt mit
Ceaucescu und Honecker, welche mit Begriffen wie
„Friedenspolitik“ und „Normalisierung“ Zusammenarbeit signalisierten,
der westlichen Industrie vor allem aber Ostgeschäfte verhießen. Der
prinzipielle ideologische Dissenz wurde dabei – im gegenseitigen
Einverständnis – ausgeblendet. Für nicht marxistisch orientierte
Sozialdemokraten wie Helmut Schmidt, der sich auf den
Positivismus Poppers bezog, war es kein Problem. Bei Willy Brandt
überwog denn wohl mehr die alte Hoffnung auf die Doch-Möglichkeit des
Reformsozialismus.
Die Folgen für die real-sozialistischen
Gesellschaften waren:
- Ernüchterung (vor allem bzgl. ihrer Aspirationen);
- gesellschaftliche Brüche;
- Konsequenzen aus dem Kriegserleben, sowie den
daraus resultierenden Erfahrungen und damit zusammenhängend:
- Verwerfungen zwischen den Generationen.
Zwischen beiden genannten Generationen ist ein tiefer
innerer Bruch feststellbar. Andererseits gab es aber äußerliche
Bemühungen um Kontinuität – auch aufgrund von
Zweckmäßigkeitserwägungen. Für Polen bedeutete es eine Ratio! Der Bruch
ist zeitlich nicht eindeutig zuzuordnen. Die ersten Ansätze ergaben sich
am Ende der fünfziger Jahre, bzw. nach 1956. Deutlich wurden Sie dann 1968
und 1970. Der entscheidende Ausbruch erfolgte 1980.
Der zweite Bruch erfolgte zur dritten Generation, den
bis zu fünfundzwanzigjährigen. Sie werden repräsentiert durch
Studenten, junge Auszubildende und Schüler; zunehmend auch arbeitslose
junge Männer und Frauen.
Was die Generationen zuvor jeweils erkämpft bzw.
erreicht hatten, und woraus sie ihr Selbstwertgefühl ableiteten, ist für
die neue Generation zur Selbstverständlichkeit geworden. Für sie ist die
Übernahme der materiellen Werte die Basis für eine erweiterte
Erwartungshaltung. Als logische Konsequenz erwarten sie einen relativ
hohen und (weiterhin) steigenden Lebensstandard.
Gegenwärtig – in Polen seit etwa 1985 – zeigt sich
eine deutliche Verwerfung in der Betroffenenperspektive: Die
strukturellen Versprechungen der der Machtinnehabenden in der
Gesellschaft stehen im Widerspruch zur erfahrbaren Realität. Der erste
(innere) Bruch hat sich zu einem zweiten (äußeren) entwickelt.
Kennzeichnend dafür ist ein Kampf um Existenzsymbole. Als Beispiel gelten
die Statussymbole des Westens. Vorrang hat das alte Westauto.
Die 2. Generation verhält sich konservativ, da sie
pragmatisch-rational Änderungen herbeiführen wollte. Sie wollte Inhalte
verändern, musste aber bis 1980 die äußere Form respektieren, die
Rahmenbedingungen konnten zum damaligen Zeitpunkt noch nicht
durchbrochen werden.
Vergleich zu Deutschland (1968): Die Systemveränderer
wollten Inhalte verändern, waren dann aber frustriert, als ihnen die
Gesellschaft die (permanente) Veränderung äußerlicher Bedingungen
gestattete und dieses gar als Ausdruck von Liberalität und Toleranz
instrumentalisierte. Ansätze innerer Veränderungen – vor allem
gewaltsame – wurden bedingungslos verfolgt.
Die Ambivalenz besteht im Westen in der Ausdehnung
von Freiräumen, dem liberalen Nachgeben und seiner Positivbewertung und
andererseits den sich verschärfenden Bedingungen – gesellschaftliche
Brutalität auf dem Arbeitsmarkt. Nicht zu vergessen: Die wesentlichen
tradierten Konfliktlagen wurden nach außen verlagert. Die Lösung bestand
in einer Peripherisierung sozialer Probleme.
Der zweite Bruch erfolgte in Polen etwa 1986/87. Er
ist zeitgeschichtlich ziemlich exakt zu bestimmen, da mehrere
Determinanten vorliegen: Beginn von Glasnost und Perestrojka nach dem
Amtsantritt Gorbatschows ab 1985 und die nahezu ergebnis- bzw.
folgenlose Beendigung des Kriegszustandes in Polen. Der Kriegszustand
war bewusstseinsmäßig verkraftet worden. Man hatte ihn einfach hinter
sich gelassen als einen Auswurf der kommunistischen Diktatur.
Die Befürchtungen vor einem erneuten Aufflackern des
Stalinismus waren langsam verschwunden. Die politische Klasse versuchte
– als ihre endgültig letzte Chance und zugleich letzte Hoffnung auf
Machterhalt – Reformen umzusetzen. Reisebeschränkungen etc. fielen
zunehmend. Der autoritäre Staat war bezüglich der Durchsetzung
diktatorischer Mittel kraftlos geworden. Zugleich dominierten seit dem
Amtsantritt Rakowskis 1987 die Reformer, die zuvor in der Partei eine
nicht entscheidende Minderheit dargestellt hatten. Ihnen blieb aber nur
noch die Rolle des Sequestors.
In einer heutigen Rückbetrachtung können sie auch in
der Alibifunktion für Machtpolitik im Realsozialismus gesehen werden.
Dies bedeutet aber die klare Definition als Machtpolitik im
herkömmlichen Sinne. Der Stalinismus hat Kraft Gewalt zur Durchsetzung
seines Dogmensystems den per se als positiv definierten
Sozialismusbegriff pervertiert. Man kann konzedieren, dass bis zum Ende
der achtziger Jahre galt, abgemildert nur durch Machtverlust. Das bedeutet
aber zugleich, dass er verglichen werden kann mit anderen ehemaligen
konservativen Systemen.
Für die innere Situation der polnischen Gesellschaft
in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ist kennzeichnend: Für die
heranwachsende Schülergeneration waren Solidarność und Kriegszustand
Geschichte geworden. Die Solidarność war zur Legende geworden, ohne dass
sie nach traditionellem Muster Helden hervorgebracht hatte. Die Toten
der Grube Wujek waren bewusstseinsmäßig eindeutig Opfer. Erst im
Nachhinein versucht man, sie als Helden zu instrumentalisieren.
Der Priester Jerzy Popielusko war ein Opfer! Er hatte
zwar zum (geistigen) Kampfe aufgerufen, dadurch war er intellektuell
betroffen, er hatte aber nicht im tradierten Sinne aktiv gekämpft. Er ist
einem Meuchelmord zum Opfer gefallen und wird entsprechend als Märtyrer
angesehen – nicht aber als Held. Man knüpft aber in bewährter polnischer
Tradition an Legendenbildungen an.
Jaruzelski war vielleicht zu klug, seinen Gegnern die
Chance zu geben, Helden zu werden. Vielleicht waren auch seine Gegner zu
klug! Es würde der These von den technologischen Reformern entsprechen,
die damit an die Tradition des polnischen Rationalismus bzw.
Positivismus anknüpften. Es handelte sich um Angehörige der
Mittelschichten und der emanzipierten Arbeiter, die in den siebziger
Jahren die Wandlungsprozesse herbeiführten, die als die Ereignisse von
1980 in die Geschichte eingegangen sind. Diese gesellschaftlichen Gruppen
hatten in der Geschichte der Aufstände eine nachrangige Rolle gespielt –
abgesehen vom Widerstand gegen den Okkupanten. Dieser war von der gesamten
Nation getragen worden.
Die Intellektuellen der Solidarność und die
Streikführer aus der Danziger Arbeiterschaft, die damit zugleich den
Beweis für die Emanzipation polnischer Arbeiter erbrachten, hatten in
Kenntnis der Geschichte der polnischen Nation bewusst darauf verzichtet,
an die Traditionen des Romantismus anzuknüpfen, der die geistige
Grundlage der großen Aufstände 1794, 1830 und 1863 darstellte.
Beide Symbole für den Machtkampf zwischen Überwindung
des Real-Sozialismus und Restauration desselben, waren Geschichte
geworden. Es hatte keine Entscheidung, sondern einen Aufschub gegeben,
bei dem die einen (die Partei) nicht mehr konnten und die anderen (die
Solidarność) nicht mehr in der Lage waren, die Macht zu übernehmen. In
diesem Auflösungsprozess von Macht – aber unter Beibehaltung
traditioneller Symbole – wurde der Bruch sichtbar.
Typisches Beispiel: Polnische Jugendliche waren zwar
1986/87 noch disziplinierbar, sie verhielten sich diesbezüglich auch noch
angepasst und diszipliniert: Sie wollten eindeutig das Zurückliegende
vergessen, sie verdrängten aktiv. Die inneren Brüche hatte sie schon
vollzogen: So äußerten polnische Jugendliche 1987 eindeutig, dass sie
nun nichts mehr von der problembelasteten Geschichte hören wollten. Man
müsse damit Schluss machen. Sie äußerten andererseits eindeutig ihre
Aspirationen in Richtung auf Konsum und individuelle Freizeitgestaltung;
allgemein eine Individualisierung ihrer Lebensplanung und gestaltung.
Etwa ein bis zwei Jahre nach dem politischen Wechsel
in Polen wurden auch nach außen hin die Konfliktlagen z.B. unter Schülern
deutlich. Sie ließen sich nicht mehr disziplinieren, Symbole bedeuteten
ihnen immer weniger, das bisherige Ritualverhalten – zumeist bezogen auf
nationale und religiöse Symbole und Rituale – änderte sich.
Letztere hatten zuvor die Qualität von
Widerstandsverhalten – dieses war nun (1990/91) nicht mehr notwendig. Die
Voraussetzungen für das bisherige entsprechende Verhalten waren eindeutig
aufgehoben.
Die Rest-Solidarność reproduzierte mehr und mehr ihre
eigen Legende bzw. strickte an derselben. Zum Handeln war sie 1988
nicht mehr fähig. Auch hatten ihr die Reformer den wind aus den Segeln
genommen, bis auch diese am Ende waren. Die polnischen Kommunisten haben
freiwillig aufgegeben, ihr eigenes Ende beschlossen und dieses durch
Selbstauflösung der Partei besiegelt. Ihre Nachfolger definieren sich als
Sozialdemokraten. Ein Eingeständnis eines großen historischen Irrtums?
Die Perspektive zu den künftigen Problemlagen in
Polen deutet sich an. Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in Polen
keinen sozial-disziplinierten gesteuerten Wandel geben. Vertreter der
modernen technisch-ökonomischen Eliten widersprechen den Pessimisten,
die kein vernünftiges Handeln entsprechend dem Zweckrationalismus
westlich-kapitalistischer Gesellschaften erwarten.
Es gibt auch in Polen Neonazis und Skinheads. Es gibt
jugendliche Gewalttäter in Krakow, Katowice, Zgorzelec, Görlitz, Rostock
und Hannover.
Es genügt auch nicht, einen Begriff mit dem Attribut
„neo“ zu versehen. Man kann ihn nicht aus dem konkreten
historischen und gesellschaftlichen Kontext lösen.
Mehr noch als in Deutschland, ist in Polen die
Ohnmacht und Fassungslosigkeit wegen der Erscheinungen in der eigenen
Gesellschaft spürbar. Man kann nicht fassen, dass es nach all den Opfern
eine derartige gesellschaftspolitische kriminelle Energie freigesetzt
werden könne. Wir Lehrer müssen uns des Eingeständnisses der begrenzten
Wirksamkeit von schulischen Erziehungsprozessen bewusst werden.
Wir müssen aus unseren selbst verursachten
Wahrnehmungs- und Deutungszwängen heraustreten und die Realitäten
dieser östlichen Gesellschaften
sehen wie sie sind!
Anmerkungen
Inhalt
Gedanken in
historisch-soziologischer Sicht
Gesellschaftliche
Voraussetzungen
Aus den Prägungen
durch die Nachkriegszeit resultierende Paradigmen
Identifikationen: Staat-Gesellschaft-Nation
Gedanken zum
polnischen Parteienprinzip
Die Intelligenz –
Nationsbegriff contra Klassenbegriff
Ein Beispiel für
das Verhalten westlicher Intellektuelle
Thesen / Fragen /
Aussagen / Beispiele ...
Polen als Opfer des
Sozialismus?
Wahrnehmungsprobleme für Westler
Thesen
Zur technologischen
Entwicklung und Aspekten der Darstellung der Zweiten Republik sowie ihrer
Funktion in der politischen Auseinandersetzung in der Nachkriegszeit,
insbesondere in den siebziger Jahren in Polen
Zu den Ereignissen 1980
Zu den achtziger Jahren
Zum Bildungssystem
Die Rolle der politischen
Eliten im Sozialismus
Anmerkungen zu den
Begriffen Solidarität, Hoffnung und Perspektiven
Brüche – Trennung der
Generationen in der polnischen Nachkriegsgesellschaft
Nachbemerkungen
Anmerkungen
Quelle:
Druckausgaben "Die Wandlungsprozesse in
Osteuropa am Beispiel Polens. Studien und Berichte" -
Themenheft
von »Politik Unterricht Aktuell« I/1993
[April]. Herausgegeben vom
Verband der
Politiklehrer e.V., Hannover. Vorsitzender: Gerhard Voigt.
Die Wandlungsprozesse in
Osteuropa am Beispiel Polens: Studien und Berichte
Internetpublikation: 18. Feb. 2011. Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR
i.R.
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