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F.E.O. Jerzykiewicz-Jagemann:

Polonitas – Komponenten einer Nation in der Mitte Europas

Zum Thema in knapper Form etwas zu sagen – das hat seine Schwie­rig­keiten. Nicht nur wegen der vie­len Fakten, die ihre Bedeutung haben, auch wegen der Tiefendimensionen des dazugehörigen psycholo­gischen Bereichs. Zahlen, Daten, Erfahrungen sind wenigstens anzudeuten, um ihre Aus­wirkungen und die Reaktionsweisen bei den betroffenen Men­schen verständlich zu machen. Mit anderen Worten: Es geht nicht nur um exak­te messbare Normen; es spielen Unterschwelligkeiten eine nicht un­be­deu­tende Rolle bis hin zu Mythen, zu schwer Wägbarem. Und sogar ins My­stische reichende Komponenten fallen dabei ins Gewicht. Aus alledem ra­gen gleichsam einige zentrale Eigenheiten hervor, die das Bild der Po­lo­ni­tas markant machen: Latinität, Libertät, Messianität, Marianität sind zu­nächst zu nennen, aber ihnen gesellen sich hinzu gewisse Züge, die sich als Tole­ranz deuten lassen, oder nur darin bestehen, dass man Ent­wick­lun­gen und Probleme nicht dogmati­siert, sondern offenlässt. Dadurch entsteht leicht der Ein­druck einer Halbherzigkeit im Sinne des Unzulänglichen. Das kann anarchische Züge haben. Doch die Befähigung zur Improvisation, zur Krea­tivität zeigt sich als korrelativ. Und weiter ist zu nennen – der Hang zum Nominalismus (Be­nennungseifer): „Das Wort als Stellvertreter der Rea­li­tät“, so sagt es Witold Wirpsza („Pole, wer bist Du?“). Nicht vergessen sei die besondere Fähigkeit zur Adaptierung und damit Einstimmung auf Ver­arbeitung von Sachverhalten und Notwendigkeiten.

Was in dieser andeutungsweisen Skizzierung geradezu diffus wirken muss, das lässt sich mit dem Blick auf die Vergangenheit Polens und der Polen, besonders in den letzten zwei Jahrhunder­ten, verständlicher ma­chen. Denn es geht um Konsequenzen aus den Tragödien der polnischen Ge­schichte. Bedenkt man, dass aus polnischer Sicht das 19. Jahrhundert „das verlorene Jahrhundert“ war, was die Existenz Polens unter den euro­päischen Staatlichkeiten betrifft, so wird auch ver­ständlich, dass der be­reits genannte Wirpsza von „patriotischer Neurose“ spricht, die seit 1772 (erste Teilung) in Polen herrsche. Und er ergänzt die selbstkritische Ein­schätzung durch den Hin­weis, dass für ihn die Ära des sozialistischen Ex­­periments die „stilistische Fremdheit eines Aben­teuers“ habe. Angespielt wir damit auf die großen Brü­che in der staatlichen und gesellschaftlichen Ent­wicklung Polens bis zum heutigen Tag.

Der Begriff Polonitas umfasst die Prägung durch Erfahrung nicht nur der Nation, des Staates, der Kultur, Gesellschaft, sondern auch alle jene gei­stigen und habituellen Affinitäten, die die Polen, auch die der Emi­gra­tion in aller Welt mit diesem Lande verbinden. Polonitas ist ein Begriff, der sowohl die Quantität aller geschichtlichen, geographischen und so­zia­len wie ökonomischen Fakten in Polen, aber auch die Qualität der Er­fah­run­gen und Prägungen, sowie Verhaltensgewohnheiten der Polen umfasst. Ge­rade die letzteren haben mit der nationalen Selbstdarstellung und Selbst­deu­tung zu tun. Die eingangs genannte Latinität steht für das euro­päische Kulturerbe, für dessen Denk­kategorien. Etwas vierundzwanzig Pro­­zent des polnischen Wortschatzes dürften aus lateinischen Wurzeln stam­men, Folge und Vehikel der Christianisierung durch Rom. In Polens „gol­denem“ Zeitalter (15./16. Jahrhundert) war die Beziehung zum Italien der Renaissance sehr intensiv. Es ist daran zu erinnern, dass Polen sich als „Vormauer des römischen Christentums“, also des Katholi­zismus gegen den prawoslawisch-orthodoxen Osten Russland, und gegen die Mächte des „Halb­mondes“, Türken und Tataren, gedeutet hat. Im 17. Jahrhundert wurde Polen durch den Kampf mit dem protestantischen Schweden an den Rand des Zusammenbruchs ge­drängt. In mythisch verklär­ter Rückschau stell­te sich das Überleben Polens als ein Mysterium dar – die Hilfe der Mut­tergottes, die sodann zur Grundlage der Marianität wurde: Maria als Köni­gin der Krone Polens. – Ergebnis eines kirchlich-staatlichen Aktes 1656. Das stelle man sich nicht als versunkene ge­schichtliche Le­gende vor, so problematisch es sich in einem rationalistisch verstandenen Kalkül aus­­nehmen mag. Als nämlich bald nach 1772 Polen als Staat von der Land­karte gelöscht wurde, blieb die Königin als Schützerin der geteilten Na­tion präsent. Ihr Behelfshoheitsgebiet waren die Hallen der ka­tholischen Kir­chen. Maria als Hüterin der Polonität – symbolisch verkörpert in den bei­den Bildern, zu Czenstochau (Zentralpolen) und an der Ostra Brama in Wilna (dem Zentrum der litauischen Reichs­hälfte des alten Polen). Das alles hat in der Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte einen starken emo­tio­nalen Wert.

Aber noch ein weiterer Faktor hat große Bedeutung. Es handelt sich um die genannte Werte­setzung durch den Nominalismus – laut Wirpsza die Nei­gung, durch Benennen (Titelgebung) eine Einrichtung oder einen Sach­ver­halt mit den eigenen Vorstellungen und Wünschen in Einklang zu brin­gen. Durch Generationen hindurch bildete sich diese Eigenheit im Umgang mit der Realität her­aus. Realität, das war die Anwesenheit der Tei­lungs­mächte in Polen, zugleich die Entbehrung der politisch-gesellschaftlichen Selbst­bestimmung im Sinne der polnischen Traditionen. Man wich den Rea­li­täten aus, beschwor Gewe­senes, Vergangenes, wieder Erhofftes als eine Art Gegenrealität. Die polnische Literatur des 19. Jahr­hunderts bietet Bei­spie­le in Fülle. Das Bewusstsein des „als-ob“ wird zum Widerpart der ab­ge­lehnten Realität. Das kann sich zu einer grundsätzlichen Haltung ver­fe­sti­gen, sofern ihr nicht kompensatorisch begegnet wird. In Konfrontation mit den Realitäten (den Teilungen 1772-95, den wiederholten Aufstän­den im 19. Jahrhundert und den Katastrophenjahren von 1939 bis 45, sowie dem oktroyierten soziali­stischen Experiment bis in die achtziger Jahre) ha­ben sich irgendwie symptomatische Verhaltensweisen herausgebildet. Adam Krzeminski sagt dazu: „Dieses ganze Syndrom von Opfermut, Mystik, Lei­den und dennoch Hoffnung kommt in der polni­schen Tradition in Mo­men­ten der Katastrophe und Ausweglosig­keit zum Vorschein und schwin­det in Zeiten der Stabilisierung und der Chancen auf eine normale Ent­wick­lung. Dann tritt an die Stelle der pathetischen, erbauenden (...) „zur Stär­kung der Herzen` geschrie­benen Literatur eine andere Quelle der pol­ni­schen Romantik – Selbstironie, grotesker Witz und Weltoffenheit“. („Po­len im 20. Jahrhundert“).

Der sog. Messianismus, Ausdruck einer romantischen Denkungsart der pol­nischen Literatur und Gei­steshaltung im vorigen Jahrhundert hat die Tei­lung des eigenen Landes verklärend gedeutet als Opfer der in der Staa­tengeschichte vorherrschenden Gewalt. Doch von diesem Opfer sollte die messianische Botschaft an die Völker ausgehen, die zu künftiger Brü­der­lichkeit führen werde. Diese Grundkompo­nente des Märtyrertums hat sich dann bis in die jüngste Vergangenheit erhalten. Sie lebt in Nuancen fort. Die polnische Libertät ist ein Begriff aus dem 18. Jahrhundert. Er lei­tet sich von dem damaligen Pragmatismus in der politischen Szenerie Polens her, die verfassungs­rechtlich parlamentarisch gestaltet war und die zunehmend den Trend zur Individuation entwickelt hatte, eine oft über­betonte Freiheit­lichkeit zugunsten des politisch allein tonangebenden, zah­lenmä­ßig starken Kleinadels (8-10 % der Be­völkerung). Es war eine re­pu­blikanische Kultur mit einem König als Staatsoberhaupt, der nicht re­gier­te, sondern repräsentierte. Das Parlament (der Sejm) machte die Poli­tik. Infolge dieser Austarierung der Machtstrukturen entwickelten sich bei allen Auseinandersetzungen und Unzulänglichkeiten doch stilbil­dende For­men einer demokratischen Kultur. Es ist zu erinnern an die weithin be­kannte Toleranz, die in Polen während der Religions­kämpfe im 16. und 17. Jahrhundert herrschte. Sie war eine Folge der Ein­sicht, dass bei den vor­han­denen Machtstrukturen einseitige Lösungen nicht möglich waren. Klug ausge­drückt in den Worten König Sigismund des Alten: „Ich bin nicht der Herr Eurer Gewissen.“ Prinzipien ließen sich nach Lage der Din­ge nicht durchsetzen. Was man Prinzipienfestigkeit nennt, das hatte in der notwendig gewordenen Überlebenskultur der Polen einen zu ein­sei­ti­gen, also unflexiblen Stellenwert. So konnte in der jüngeren und jüng­sten Geschichte dieser Nation kein Dogmatismus letztlich dominie­ren – auch nicht der leninistisch-stalinistischer Art. Dadurch blieb das kom­mu­ni­stische Experiment in Polen weithin halbherzig, weil schwer zumutbar.

In der politischen Entwicklung Polens gibt es wenig Verständnis für ein Untertanenverhältnis zur Obrig­keit. Eine solche Tradition fehlt völlig. Im Gegenteil: Opposition bzw. Widerstand auch gegen den König und ir­gend­welche Mehrheiten wurde in Konföderationen ausgelebt, bis hin zum Waf­fengebrauch. In der Teilungszeit wurde der Widerstand in Konspiration um­gesetzt oder als Aufstand praktiziert. Die Kon­föderation als Denkmodell be­stimmt die politische Landschaft bis in die Gegenwart. Das kann schwer ver­ständliche Züge annehmen, wenn die Relationen von Libertät und An­ar­chi­tät verschwimmen. Bei Be­trachtung der Politik im nachkommunistischen Polen lassen sich rudimentär die späten Auswirkungen der Kon­föde­ra­tions­kultur (als Modell) in den vielen Par­teien, Klubs und Gruppierungen er­kennen – kein Grund von außen her den Zeigefinger zu heben, wie ge­sche­hen! Es ist politische Gärung, ein Umbruch, der auf spezifischen Prä­mis­sen der polni­schen Tradition beruht.

Bis etwa zur Mitte dieses zu Ende gehenden Jahrhunderts standen sich zwei Konzeptionen in Bezug auf die Wiederherstellung Polens gegenüber. Die eine (ältere) ging von der Rekonstruktion des alten pol­nisch-li­tau­ischen Staates aus, so etwa wie er vor den Teilungen bestand, ein Mehr­völ­kerstaat mit Spra­chenvielfalt. Die andere Konzeption strebte einen fast rein polnischen National­staat an, wie er im 19. Jahrhundert als Modell er­dacht worden war. Das Zwischenkriegs-Polen hatte Merkmale beider Kon­zep­tionen. Durch die Entscheidungen von Jalta/Potsdam 1945 verlor Polen acht­undvierzig Prozent sei­nes Territoriums im Osten und erhielt als Kom­pen­sation die Grenze an der Oder. Das Polentum ost­wärts des Bug wurde de­zimiert, zur Hälfte nach Polen ausgesiedelt, zur anderen Hälfte in der Sow­jet­union verblieben, war dieser Tatbestand ein politisches Tabu. Im So­zi­alismus galten Minderheitenpro­bleme als irrelevant. Deshalb hatten für die „Polonia“, die Dachor­ganisation der polnischen Auslands­gruppen und deren Kontakte zum Mutterland, dieses Problem nicht zu existieren. Seit Ende des Sowjet­staates hat das Thema wieder eine gewisse Aktualität er­langt. Insgesamt sind durch den Krieg, die Tei­lung Polens 1939, durch Be­satzung und Terror, sowie durch Deportationen und Umsiedlungen vom ei­gent­lichen (ethnischen) Polentum, das unmittelbar nach dem Kriege ca. zwei­undzwanzig Millionen Men­schen umfasste, rund elf Millionen durch Zwang zu Heimatverlust und Wanderung getrieben worden. (Diese Angaben be­ruhen auf Schätzun­gen aus deutschen Quellen.) Etwa dreißig Prozent aller Polen lebt heute außerhalb des Landes. Die Polonitas umfasst auch sie, soweit sie sich deren Traditionen verbun­den fühlen. Inzwischen ist die „Polonia“ als Kontaktorganisation zur Emigration durch die „Wspálnota Polska“ (Poln. Gemein­schaft) – mit Kontakten nach West und Ost – ersetzt worden.

Und immer wieder entflammst du in dir

Wie eine Pechfackel lohenden Zunder,

Und brennend fragst du, ob größere

Freiheit dir wird, oder ob alles, was dein,

Zuschanden gehen soll? Ob Asche nur bleibt

Und Staub, der mit dem Wind verweht?

Oder ob auf der Asche Grund

Strahlend ein Diamant erscheint,

Der Morgen des ewigen Sieges...

Cyprian Kamil Norwid (1821-1883)

Motto des Filmes ¯Asche und Diamant® [1958]

von Andrzej Wajda nach dem gleichnamigen Roman

von Jerzy Andrzejewski, 1947. – Vgl. dazu die

interessanten und kontroversen Interpretationen

in den Interviews in Jan Stanislaw Skorupski:

»... um die Polen zu verstehen«. Berlin 1991

Vgl.auch: [F.E.O. Jagemann / Franz Eberhard Otto Jerzykiewicz] Feo Jernsson: Der Jammer mit dem ‚Historismus‛ und seinen Verfremdungen - Unsystematische Gedanken (etwa 2000)
und Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt: Feo Jernsson – Der Jammer ... anstelle einer Einleitung: Nachgedanken

Quelle: Druckausgaben "Die Wandlungsprozesse in Osteuropa am Beispiel Polens. Studien und Berichte" - Themenheft von »Politik Unterricht Aktuell« I/1993 [April]. Herausgegeben vom Verband der Politiklehrer e.V., Hannover. Vorsitzender: Gerhard Voigt.
Die Wandlungsprozesse in Osteuropa am Beispiel Polens: Studien und Berichte
Internetpublikation: 18. Feb. 2011. Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.

   
   

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Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

   
   

 

     
   

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