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Janusz Tycner:
Jugend und Gesellschaft in
Polen heute
Unter den knapp 39 Mio. Einwohnern Polens machen die
15 bis 25jährigen ca. 6,4 Mio. Menschen oder 16,4 % der Bevölkerung
aus. Diese Gruppe wird sich in den nächsten etwa 10 Jahren noch deutlich
vergrößern, denn sie wird Zulauf aus der heute zahlenmäßig (ca. 5 Mio.)
stärksten polnischen Bevölkerungsgruppe der 7 bis 14jährigen bekommen
(siehe Graphik Nr. 1).
Das Ende der kommunistischen Diktatur und die
Einführung der Marktwirtschaft sind verständlicherweise nicht ohne
Folgen für die polnische Gesellschaft geblieben, dennoch wäre es
sicherlich verfüht, von dramatischen oder gravierenden Veränderungen
zu sprechen. Die Tendenzen, Angaben des Statistischen Jahrbuchs der
Republik Polen (1998) belegen es, sind jedoch eindeutig.
So haben die neuen Verlockungen des Konsums und das
enorm gestiegene Maß der Selbstverantwortung für das eigene
Wohlergehen zu einem starken Rückgang der Geburtenraten geführt.
Während 1990 noch knapp 550 Tausend Kinder geboren wurden, kamen 1997
nur noch ca. 400 Tausend Kinder zur Welt. 1990 wuchs Polens Bevölkerung
um ca. 157 Tausend; 1997 - nur noch um 32 Tausend. Die Zahl der jährlich
geschlossenen Ehen fiel zwischen 1990 und 1997 von 255 auf 205 Tausend,
die Zahl der Scheidungen jedoch blieb unverändert bei ca. 42 Tausend und
damit (pro 1000 Einwohner) halb so hoch wie in Deutschland.
Polen befindet sich im Umbruch, es ist ein Land im
Werden, gezeichnet von starken regionalen und sozialen Unterschieden.
Während die Großstädte Warszawa/Warschau, Kraków/Krakau, Gdańsk/Danzig,
Poznań/Posen
oder Wrocław/Breslau
und ihr Umland im rasanten Tempo den Anschluß an die Moderne finden,
reicht es von Warschau aus einhundert Kilometer in Richtung Nordosten zu
fahren, um in ländliche Gegenden zu gelangen, wo Bankkarten oder Handys
fast völlig unbekannt sind.
Dementsprechend unterschiedlich ist die materielle
und soziale Situation der polnischen Jugendlichen und dementsprechend
schwer fällt es die Lage dieser Bevölkerungsgruppe als ganzes eindeutig
zu definieren. Dank Meinungsumfragen kennen wir aber die
Vorstellungswelt der Jugendlichen. Die hier angeführten Angaben
entstammen einer repräsentativen (1500 Befragte) Umfrage des
angesehenen OBOP-Meinungsforschungsinstituts aus den Jahren 1997 und
1998.
Die Stellenwert der Familie ist bei der polnischen
Jugend ungebrochen hoch (siehe Graphik Nr. 2). Es wird weiterhin
verhältnismäßig früh (Frauen durchschnittlich mit 22-25, Männer mit
23-26 Jahren) geheiratet. 4/5 der 1997 geborenen Kinder hatten Mütter,
die nicht älter als 29 Jahre waren.
Die polnischen Familien sind zu einem erheblichen
Teil (geschätzt bis zu 60 %) Dreigenerations-Familien, was auch viel
mit der immer noch bescheidenen Wohnungssituation zu tun hat. Es sind
nur in den seltensten Fällen »Hotelfamilien«, in denen bereits
Vierzehnjährige zu Hause nur essen, sich umziehen, schlafen und
ansonsten fast frei über ihr Tun und Lassen entscheiden. Der Einfluß der
Eltern währt nach wie vor lange, was vor allem auf finanzielle Ursachen
zurückzuführen ist. Das 18-20-jährige allein wohnen kommt selten vor,
es sei denn die Kinder beginnen das Studium in einer anderen Stadt,
wo sie jedoch meistens in Studentenheimen unterkommen.
Soziologen bemerken, daß die heutige polnische
Elterngeneration (35-50 Jahre alt) in den materiell und geistig kargen
Zeit des Kommunismus aufgewachsen ist. Für viele der Eltern ist die
Wende zu spät gekommen. Sie sind zu alt, um die neuen Chancen voll
nutzen zu können. Der verspätete Ehrgeiz wird also auf auf die Kinder
übertragen. Eltern üben oft und mit Erfolg einen enormen Druck auf ihren
Nachwuchs aus, Sprachen zu lernen, zu studieren, dem Leistungsdruck
standzuhalten.
Typisch für das heutige Polen ist im Vergleich zu
Deutschland ein früherer voller Einstieg der jungen Generation ins
eigene Familien- und Berufsleben (oft schon mit 22-23 Jahren, noch
während des Studiums), bei einer wesentlich späteren finanziellen und
räumlichen Abnabelung vom Elternhaus.
Die Demokratie (siehe Graphik Nr. 2) ist der
polnischen Jugend wichtig, obwohl sie den mühsam ihre Autorität
aufbauenden neuen Institutionen des demokratischen Staates und den
Politikern eher mit Zurückhaltung begegnet (siehe Graphik Nr. 3).
Meinungsumfragen ergeben, daß die Jugend in ihren Auffassungen zur
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eher konservativ-liberal
veranlagt ist: weniger Staat, mehr Selbstverantwortung, niedrigere
Steuern, niedrigere Sozialleistungen, dafür höhere Gehälter. Das
spiegelt auch ihr Wahlverhalten bei den letzten Parlamentswahlen vom
September 1997 wieder. Insgesamt 53,5 % der jungen Wähler gaben ihre
Stimme entweder der konservativen Sammelbewegung Wahlbündnis Solidarność
oder der Liberalen Union der Freiheit, die seit Herbst 1997 die
Regierungskoallition bilden (siehe Graphik Nr. 4).
Wissen und gute Ausbildung gelten als die besten
Garantien für Erfolg (siehe Graphiken Nr. 2 und 5). Im Gegensatz zur
kommunistischen Zeit wird Wissen kaum mehr als ein Wert an sich
angesehen. Es ist eine Investition. In der Zeit des Aufbruchs in die
Marktwirtschaft, bietet der polnische Arbeitsmarkt gut ausgebildeten
jungen Leuten hervorragende Ein- und Aufstiegschancen, vor allem bei
den vielen ausländischen Firmen, die auf den polnischen Markt drängen.
Daher rührt das verbissene Sprachenlernen, der Drang
als Austauschschüler- oder Student ins Ausland zu gehen. Dabei ist diese
junge Generation der Polen seit langer, langer Zeit die erste, die
keinerlei Minderwertigkeitskomplexe bei der Begegnung mit Gleichaltrigen
aus dem Westen hat. Zur Zeit des Kommunismus wuchs die Zivillisations-
und Technologielücke ständig. Heute huldigt Polens Jugend derselben
Mode, guckt dasselbe MTV, benutzt dasselbe Internet, sieht dieselben
Filme, hört dieselbe Musik.
Gleichzeitig ist sie bereit für ihren sozialen und
materiellen Aufstieg viel zu leisten, weil sie, bedingt durch die
augenblickliche demographische Situation (geburtenstarke Jahrgänge
drängen in die Hochschulen und auf den Arbeitsmarkt) einem enormen
Konkurrenzdruck ausgesetzt ist. Es gilt die von den Eltern im
Kommunismus “vertane” Zeit aufzuholen.
Glaube und Gott sind der polnischen Jugend weiterhin
sehr wichtig (siehe Graphik Nr. 2) Als Institution und
gesellschaftlicher Bezugspunkt spielt die katholische Kirche im Leben
etwa der Hälfte der Jugend eine wichtige Rolle. Gleichzeitig ist sie
als moralische Instanz für Teile der Jugend umstritten, was jedoch nur
in den Ausnahmefällen zu einer strikten, zur Schau getragenen Ablehnung
führt.
Generell ergeben die Umfragen und die nach Außen
sichtbaren Verhaltensweisen ein widersprüchliches Bild. Die Teilnahme
der Jugendlichen an der sonntäglichen Heiligen Messe und anderen
rituellen Handlungen der Kirche ist ungebrochen hoch. Es gibt in Polen
auch zehn Jahre nach der Wende keine Anzeichen einer Krise der
Berufungen ins Priesteramt. Taufen, der Gang zur ersten Kommunion,
kirchliche Trauungen erfreuen sich ungebrochener Popularität.
Gleichzeitig befürwortet etwa die Hälfte der polnischen Jugend (wobei
man festhalten muß, daß es zu ca. 80 % Jungen sind) die Abtreibung und
21% sprechen sich für die Euthanasie aus (siehe Graphik Nr. 6).
Alles in allem jedoch gibt es keinen Anlaß von einer
generellen Abwendung der polnischen Jugend von Kirche und Religion zu
sprechen. Jedenfalls halten sich diejenigen jungen Leute, die ihre Angst
vor der Klerikalisierung Polens (was nicht automatisch mit einer
generellen Absage an die Kirche gleichzusetzten ist) und der Abwendung
von der Religion bekunden in etwa die Waage (siehe Graphik Nr. 7).
Auffallend ist, daß Werte und Ängste, die von der
deutschen Jugend bei ähnlichen Umfragen praktisch überhaupt nicht
erwähnt werden, den polnischen Jugendlichen weiterhin wichtig sind.
Hoch im Kurs stehen Patriotismus und die Unabhängigkeit des eigenen
Landes (siehe Graphik Nr. 2). Als nervend und unzeitgemß empfinden
viele der jungen Leute zwar die märtyrerhafte Aura, die manche
Gedenkfeierlichkeiten umgibt, was oft von oberflächlichen Beobachtern
als eine generelle Absage an patriotische Gefühle mißdeutet wird. Was
überwiegt ist der Stolz auf die aus eigener Kraft in den letzten zehn
Jahren von Polen erbrachten Leistungen.
Unter den Ängsten der Jugendlichen spielen
diejenigen, die auf eine äußere Bedrohung zurückzuführen sind (EU und
Nato, Hegemonie Deutschlands bzw. Rußlands, Amerikanisierung der Kultur)
eine nicht unerhebliche Rolle, wobei jedoch die z. B. von Teilen der
deutschen Jugendlichen geäußerten Ängste vor Ausländern völlig fehlen.
Überhaupt spielen Antisemitismus und Rechtsextremismus bei den
polnischen Jugendlichen praktisch überhaupt keine Rolle. Gruppen die
sich dazu bekennen sind eine absolute Randerscheinung. Auch der
Pazifismus spielt keine Rolle. Die Daseinsberechtigung der Armee wird
nur von einer verschwindend kleinen Gruppe der Jugendlichen in Frage
gestellt. Sehr stark dagegen äußer sich unter den männlichen
Jugendlichen die Forderung nach einer Armee, in der z.B. ältere
Jahrgänge Neueingezogene nicht drangsallieren können.
Generell gelten vor allem die USA als Leitbild.
Deutschland wird wegen seiner wirtschaftlichen und sportlichen
Leistungen geachtet, spielt aber als Vorbild praktisch keine Rolle.
Wie die gesamte Gesellschaft ist auch die polnische
Jugend gespalten. Chancen sind abhängig vom Wohnort (Stadt - Land), vom
materiellen und geistigen Status der Familie. Etwa 8 % der Jugend werden
als kriminell oder an der Grenze zur Kriminalität eingestuft. Leider
verkleinert sich diese Gruppe nicht, sie wird aber auch nicht größer.
Soziologen unterteilen die polnischen Jugendlichen in
drei etwa gleichstarke Gruppen: 1/3 hochmotivierte und begabte, 1/3
mittelmäßig motivierte und begabte, 1/3 sozial benachteiligte,
pädagogisch vernachlässigte, chancenarme.
Inhaltsübersicht
Einleitende
Bemerkungen
1.
Familie
2.
Politik
3.
Bildung
und
Beruf
4.
Die
Kirche
5.
Das
eigene
Land
und
das
Ausland
6.
Fazit
Impressum
zu diesem Aufsatz:
Internet Publikation
nach der Buchpublikation: Lothar Nettelmann, Hrsg.:
Europäische Umbrüche in deutsch-polnischer
Perspektive. Reflexionen zur Entwicklungsdynamik in
Mitteleuropa. Beiträge des Symposions »Politik und
Wirtschaft in Polen – ein Beitrag zur politischen
Bildung« der Deutsch-Polnischen Gesellschaft
Hannover e.V. und der Niedersächsischen
Landeszentrale für Politische Bildung im April 1999.
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., ISSN 0945-1536: Sonderheft 1 / 2001. Texte
aus der Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft
Hannover e.V. Hannover 2001, 104 S., A 4, kart. - Durchgesehen Fassung. Alle Rechte
vorbehalten. Verwendung im Schul- und
Bildungsbereich zugestanden. Jede weitere Verwendung
nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Herausgebers,
UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V. –
Internetpublikation 27.07.2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
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