Lothar Nettelmann
mit Ergänzungen von Gerhard Voigt:
Handlungsorientierung im Schüleraustausch mit Polen
Polen/Schulpartnerschaften/Handlungsorientierter Unterricht
1. Vorbemerkungen
Die »Entdeckung« des »Nachbarn Polen« Ende der
70-er Jahre vollzog sich nicht nur in der »Neuen Ostpolitik« und in den
Entspannungsbemühungen auf staatlicher Ebene, sondern fand ungeahnte,
ungeplante und oft begeisterte Resonanz in
Schulen, Kirchen und Jugendgruppen.
Erste vorsichtige Begegnungen und Reisen wurden bald durch den Wunsch nach
fester institutionalisierten
Schulpartnerschaften ergänzt. Die Bismarckschule Hannover war
dabei in vieler Hinsicht Vorreiter, auch, weil es ihr gelang, diesen
Schüleraustausch einzubinden
in die Städtepartnerschaft zwischen
Hannover und
Poznań
und zu verbinden mit den Aktivitäten der damals gegründeten Deutsch-Polnischen
Gesellschaft Hannover.
Eine gewisse
»Polen-Euphorie« – deren
Reichweite in der Bevölkerung, wie sich dann später herausstellte, durchaus
nicht so groß war, wie es damals den »Aktivisten« erschien – war doppelt
motiviert: einmal in der
Aufbruchstimmung, die die
Verkrustungen des im Ost-West-Konfliktes erstarrten Nachkriegseuropas mit all
ihren Bedrohungen durch Wettrüsten und Feindbildprojektionen aufzubrechen
versuchte, zum andern in dem bewußten Aufgreifen der
Konfrontation mit der Zeitgeschichte,
mit der schrecklichen Vergangenheit des deutsch-polnischen Verhältnisses mit der
»Begegnung mit Auschwitz«.
Das Eine war ohne das Andere nicht denkbar, und beide Motive waren primär
moralisch begründet und in
hohem Maße
emotional getragen.
Die
große Ernüchterung in der
heutigen Begegnung mit Polen zeigt, daß die alten Konzepte und Motive nicht mehr
tragen. Das, was üblicherweise als
Normalisierung des
deutsch-polnischen Verhältnisses verstanden wird – vielleicht sogar als
Ergebnis des aktiven Polenengagements der achtziger Jahre – äußert sich konkret
im in Deutschland heute dominierenden
Desinteresse an Polen, wenn
es nicht gerade um ökonomische Interessen geht, aber auch im beängstigenden
Wiederaufleben abwertender und aggressiver Nationalstereotypen. Diese sind
nicht mehr wie bei der Kriegs- und Fluchtgeneration geprägt vom persönlichen
Erleben im Zweiten Weltkrieg, sondern formieren sich heuten um die Vorstellungen
von polnischer Kriminalität, Autoschieberbanden, mafiöser Gewalt und
Schwarzarbeit. Diese negativen Prägungen werden verstärkt durch das durch die
ausgrenzende und rigide
Ausländerpolitik und das
Betonen der Thematik der
»Inneren Sicherheit« durch
die derzeitigen Bundes- und Landesregierungen, die ein Klima der Abwehr, der
Fremdenfeindlichkeit, der nationalen Feindbilder erzeugt haben.
Schulpartnerschaften, die allein durch die
Versöhnungs- und Begegnungsthematik
motiviert sind, kann es auch deshalb heute nicht mehr erfolgreich geben, weil
sich in Polen selbst die Bedingungen grundlegend gewandelt haben. Auch hier
sind nach der politischen Wende, nach Liberalisierung und Öffnung
internationale Kontakte und Reisen nach Deutschland nichts mehr Besonderes,
haben auch nur noch in der älteren Generation etwas mit der zeitgeschichtlichen
Vergangenheit zu tun. Die
Alltäglichkeit der Begegnung
läßt
utilitaristische und jugendtypische
hedonistische Motive – Sprachen lernen, Beziehungen knüpfen,
Spaß haben – in den Vordergrund treten. Und das auf beiden Seiten: die
Universalisierung der
Lebensstile gerade in der jüngeren Generation ist im deutsch-polnischen
Vergleich evident.
So stellt sich die Frage, mit welchen didaktischen
Konzeptionen wir heute
Schulpartnerschaften und
Schüleraustauschprogramme – von deren pädagogischen und
politischen Bedeutung wir weiterhin fest überzeugt sind – motivieren,
vorbereiten, durchführen und in einen größeren schulischen Zusammenhang
einbinden können.
Im Vordergrund der didaktischen Überlegungen muß
ein klares Verständnis für die
dynamischen Veränderungsprozesse in Europa
stehen. Der allgemeine politische Wandel vom West-Ost-Konflikt zur Auflösung von
WPO und RWG und zum Beitrittsprozess Polens zu NATO und EU steht neben dem damit
interdependent verbundenen gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel sowohl in
den sogenannten
»Transformationsländern« wie
auch im
»Westen«. Erst vor diesem
Hintergrund kann erneut die Frage nach der
Motivation und der
didaktischen Neubestimmung
der schulischen Begegnung mit Polen gestellt werden. Vor allem vordergründig
moralisierende Konzeptionen dürften heute eher das Gegenteil von dem bewirken,
was sie intendieren. Das ist ein besonderes Problem für die engagierte
kirchliche Polenarbeit, die
sich aus einer christlich-moralischen Motivation heraus begründet.
Es scheint daher sinnvoll zu sein, zunächst einmal
eine gewisse Bestandsaufnahme zu versuchen, einen
Rückblick auf jeder
Entwicklung des Schüleraustauschs zu geben, in dem gerade auch auf die sehr
unterschiedlichen Konkretisierungen Wert gelegt wird, um zu didaktischen
Konzeptionen vorstoßen zu können.
2. Rückblick
Schüleraustauschaktivitäten werden in der Regel
getragen, zumindest aber vor- und nachbereitet, von Kollegen/innen, die die
Fächer des Aufgabenfeldes »B« vertreten, von Fremdsprachler/innen wenig, da
zwar in manchen Schulen das Fach Russisch angeboten wird, Polnisch aber nur
höchst selten. Auch Deutschlehrer/innen tun sich oftmals sehr schwer: auf
Hauptmanns Spuren in Schlesien oder denen des Kaschuben Günter Grass in Danzig?
Weicher Physiker weiß schon, dass in Frauenburg/Fromburg ein
berühmtes Pendel hängt oder dass man in Thorn ein interessantes
Kopernikus-Museum besichtigen kann? Der Kollege, die Kollegin, die z.B. Biologie
und Sport vertreten und eine Gruppe begleiten wollen, die an einem See bei
Posen/Pozna½
das Wasser untersuchen und auch noch segeln möchten, fragt dann schon, ob man
nicht am Vorbereitungsnachmittag etwas ›über Polen‹ erzählen könne. Das wäre
sozusagen der Normalfall. Man sucht nach Beispielen aus der Geschichte und der
Politik, findet aktuelle gesellschaftliche Probleme über die man sprechen kann,
wie z.B. der bevorstehende Beitritt zur NATO und die sicherlich nach der
Jahrtausendwende erfolgende Integration in die EU.
Die historische Themenfülle ist schier
unerschöpflich. Sie reicht vom letzten ›friedlichen‹ Staatsbesuch - vor dem des
Bundespräsidenten Richard v. Weizsäcker - Otto III., über die immer noch
herumgeisternde Frage, ob Kopernikus nicht vielleicht doch ein Deutscher
gewesen sei und Veit Stoß nicht doch ein Pole, bis zum obligatorischen Thema,
dem »Zweiten Weltkrieg« und »Auschwitz«. Einstiegsfragen oder Motivationen
herbeiführende und Spannungen erzeugende Fragen und Hypothesen sind im
Lehrerdasein grundsätzlich legitimiert.
Nachdem drei wesentliche Phasen deutsch-polnischer
Jugendbegegnungen und -arbeit erkennbar und abgeschlossen sind, sollte nun über
eine neue Legitimation nachgedacht werden. Dies ist um so mehr nötig, als wir
uns im Übergang zur (abschließenden) europäischen Integrationsphase befinden.
Die
erste Phase war
die der »Versöhnung« und »Normalisierung« dienende der sechziger und siebziger
Jahre. Völkerrechtlicher Höhepunkt waren der Abschluß des »Warschauer Vertrages
vom 7. Dezember 1970« zwischen der BRD und der VRP – Kürzel, die inzwischen
historisch geworden sind. Ich denke, dass das Thema »Ostpolitik« im
Politik-
oder Geschichtsunterricht
seinen Stellenwert behalten wird.
Die »Ereignisse« und das »Abkommen von Danzig« im Jahre 1980 stellen den
Übergang zur
zweiten Phase
dar, einem schon auf nichtstaatlicher Ebene beginnenden »ungesteuerten«
Prozess der Normalisierung. Der Machtverfall kommunistischer Apparate und
Parteien, die besonders bedrückende Situation des »Kriegszustandes«, dann der
Auflösungsprozess der PVAP, der
Runde Tisch und
die Wahl des ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten
Tadeusz Mazowiecki
sind die Eckdaten. Die erste Karte des
Kartenhauses WPO/RGW
war fast ohne Geräusche gefallen. Die Geräusche beim
Fall der Mauer
in Berlin – der Bundeskanzler unterbrach bekanntlich seine Polenreise – wurden
nur noch verursacht durch hupende Trabbis, die Sektkorken und ersten
Mauerspechte.
In dieser zweiten Phase bis 1989 haben sich sehr
fruchtbare und bewegende Kontakte ergeben. Aufgrund ihren vielfältigen
Interdependenzen und hohen Spannungsbeziehungen war sie für unsere Arbeit sehr
fruchtbar, so deprimierend sie andererseits nach dem 13. Dezember 1981 eine
lange Zeit war.
Die
Dritte Phase
wurde in ihrem politisch-rechtlichen Rahmen gesetzt durch die deutsche
Vereinigung, das damit verbundene deutsch-polnische Vertragswerk, zu dessen
wesentlicher Folge die Bildung des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes
gehörte.
Der
weltpolitische Struktur- und Konfliktwandel, der auf der Reflexionsebene auch
als »Paradigmenwechsel« verstanden werden kann,
hatte vielfältige Veränderungen auf der Ebene von Jugend und Schule zur Folge.
Die Motivationen von Schüler/innen und Lehrer/innen wandelten sich in Polen wie
in Deutschland. Der
Neugiereffekt
verblasste, der Reiz des Exotischen,
des Besonderen,
war für die westdeutschen Schüler/innen dahin. Normalität stellte sich zunehmend
ein. Ostdeutscherseits gab es eine starke Abkehr vom Osten und Hinwendung zum
Westen, nachdem die alten staatlich-rituellen Beziehungen zwischen der DDR und
der VRP erloschen waren.
Erfreulicherweise ergaben sich vielfältige neue Kontakte, insbesondere z.B. im
Bereich der Sekundarstufe I wie auch dem Berufsschulsektor. Sie waren z.T. das
Ergebnis veränderter Motivationslagen und damit Ausdruck von veränderten
Verhaltensweisen Jugendlicher. Es kann nicht die These vertreten werden, dass
Schüler/innen der Sek. II generell ›weniger Interesse oder Lust‹ haben, nach
Polen zu fahren. Die Verlagerung bedeutet für den Sek.-I-Bereich eher
traditionelle Begegnungsfahrten. Im gymnasialen bzw. Sek.-II-Bereich finden
zunehmend an der gemeinsamen Durchführung von an Projekten orientierten
Studienfahrten oder der Erarbeitung von Thesen statt. Beispiele liegen aus den
Bereichen Ökologie
und Geographie vor, es gibt den Austausch von Theater- oder Musikgruppen (Chor
und Schulband), der gemeinsame Segelkurs in Masuren oder der Surf-Kurs an einem
norddeutschen See. Als sehr fruchtbar hat sich die internationale
Begegnungsstätte
Auschwitz/Oswiecim
und seit einiger Zeit Kreisau/Krzyszowa
erwiesen.
Ein sehr schönes Beispiel ist das der Goetheschule in Hannover. Schüler/innen
der Klassenstufen 7 und 8 haben zusammen mit dem Schulorchester die
Kinderoper Brundibar
aufgeführt.
Sicherlich wird es demnächst eine Aufführung in der Partnerschule in
Marienburg/Malbork
geben. Die Schulpartnerschaft schließt das gesamte Kollegium ein. So wurde z.B.
eine fünftägige Fahrt nach Marienburg zum Besuch der dortigen Partnerschule als
sog. SCHILF
durchgeführt. Die Kontaktbesuche, mit dem Ziel, über didaktische und
methodische Ansätze Gespräche zu führen und Erfahrungen auszutauschen, haben in
den meisten Schulen als Folge und Ergänzung der Schüler/innenaustauschprogramme
stattgefunden.
Die Erfahrungen vieler Schulen sind dokumentiert worden, leider selten in einer
öffentlich publizierten Form.
In einem projektorientierten Ansatz kann eine didaktische
Konzeption
allgemeiner Schulpädagogik,
die sich auf den Schüler/innenaustausch bezieht, sich am konzeptiven Ansatz der
Politischen Bildung orientieren. Als Basis bietet sich der inzwischen
traditionelle Ansatz Gieseckes an.
Fragen betreffend den Bezug zum Kommunikationssystem wie auch zu
kommunikationstheoretischen Ansätzen sind bezüglich ihrer
methodisch-didaktischen Übertragung auf die Schule bisher unzureichend rezipiert
worden. Zur Frage einer Anwendung im allgemeinen Bereich politischer Bildung
gibt es erst einen beginnenden Diskurs. Zur Legitimierung der gegenwärtig
beginnenden
vierten Phase
nach dem politisch und juristisch weitgehend bewältigten
Transformationsprozess
in den »Beitrittsländern« ist über die Kategorien der politischen Bildung im
allgemeinen, aufbauend auf dem politischen Unterricht, verbunden mit
Handlungsorientierung erfassbar. Die sozialpsychologische Ebene soll
ausgeblendet werden.
Auf unseren Kontext lassen sich in Anlehnung an
Giesecke folgende Thesen bzw. Fragen formulieren:
-
Welche Problemfelder zwischen jungen Deutschen
und Polen liegen vor?
-
Welche gemeinsamen oder unterschiedlichen
Ursachen und Bedingungen für Konflikte liegen vor?
-
Welche Tabubereiche gibt es?
-
Inwieweit liegen identische oder verschiedene
Interessen vor?
-
Welche Handlungsstrategien bieten sich an?
-
Welche Folgen können aus ihrer Umsetzung
resultieren?
-
Inwieweit kann Orientierungswissen gemeinsam
erarbeitet werden?
-
Welche rechtlichen oder anderen
Rahmenbedingungen liegen vor?
Ich denke, dass die Frage nach den Handlungs- und
Orientierungszusammenhängen die Leitschnur für den gemeinsamen Bildungs- und
Erziehungsauftrag darstellen werden und müssen.
Diese Fragen müssen Lehrerinnen und Lehrer jeweils
entsprechend dem Selbstverständnis ihres Auftrages, ihres Faches und ggf. ihrer
gesellschaftspolitischen – einschließlich der religiösen – Zuordnung und Bindung
diskutieren. Eine Entscheidung kann nicht im Konsens erfolgen. Sie muss im
Diskurs zu einem anzustrebenden Konsens erfolgen und von gegenseitigem Respekt
getragen werden.
Das Ziel möchte ich sehr einfach und traditionell
formulieren: der mündige in einem demokratisch verfassten System handelnde
junge Mensch.
Ein grundsätzlicher, vor allem
politikdidaktischer Dissenz, der deutlich in die Didaktik der sogenannten
»Wertfächer« hinweist, kann hier nicht hinreichend diskutiert, sollte aber als
Problem angesprochen werden. Auf der einen Seite steht die Vorstellung von z.B.
Sutor und
Gagel, daß dieser
»mündige, demokratischen Werten verpflichtete«
junge Mensch durch einen inhaltlich beschreibbaren
»Wertekanon« bzw.
»Wertekonsens« bestimmt und
erzogen werden kann; auf der anderen Seite stehen die eher methodisch oder
diskursiv argumentierenden Autoren wie
Hilligen,
Claußen oder
Voigt, die sich einer inhaltlichen
Wertdefinition weitgehend
verweigern und statt dessen
Befähigungen und
methodische Fähigkeiten,
aber auch die diskursive Einbindung in das
»Projekt der Aufklärung« in
den Mittelpunkt ihrer didaktischen Konzeptionen stellen.
Sicher sind gerade auch in der internationalen
Thematik solide kognitive Grundlagen im Bereich des
Orientierungswissens
notwendig. Es ist aber notwendig, sich über die schülerseitige
Rezeptionsbedingungen für
dieses Wissen pädagogische Gedanken zu machen. Dabei wird gerade unter dem
Gesichtspunkt des Motivationswandels in der Jugendkultur sichtbar, daß
herkömmliche repetitive und
»lernorientierte«
Vermittlungsstrategien an Bedeutung und Wirkungseffizienz verloren haben. Es ist
sinnvoll, fachorientierte und projektorientierte Unterrichtsmethodiken zu
überprüfen, wie sie in
Reformkonzepten vor
allem wieder seit den 70-er Jahren entwickelt worden sind. Interessant sind
dabei auch die
Überlappungen
zu religionspädagogischen Ansätzen, über die an anderer Stelle noch
Überlegungen anzustellen sind, da sie gerade in den Beziehungen zu Polen eine
besondere Rolle spielen.
3. Zur Problematik seitens der Unterrichtsfächer
a. Die didaktischen
Prämissen auf deutscher Seite
Ein praktisches Problem grundsätzlicher Natur
ergibt sich aus der Organisation schulischen Lernens in
Unterrichtsfächern. Ein
eigentlich sinnvoller
projektorientiert-interdisziplinärer Ansatz,
Schulpartnerschaften zu organisieren, vorzubereiten und auszuwerten, stößt an
die durch Stundenplan und Fachcurricula vorgegebenen Beschränkungen und Grenzen.
Daß dennoch
fachunabhängige Versuche
erfolgreich unternommen wurden, zeigt unser Rückblick auf die konkreten
Schulpartnerschaften. Oft dient das Modell eines
Arbeitsgemeinschaftsangebots
für die konkret an einem Besuchsprogramm beteiligten Schülerinnen und
Schüler als fächerunabhängiger organisatorischer Ausweg, der dennoch durch die
Fachbezüge der beteiligten Kolleginnen und Kollegen seine jeweils besondere
Färbung erhält.
Wenn wir die Beteiligung der einzelnen Fächer
Revue passieren lassen, zeigt sich, daß primär die
Geschichte, Politik und Geographie einer Vor- und Nachbereitung zur Verfügung
stehen.
Gerade auf letzteres sollte besonderen Wert gelegt werden.
An der Bismarckschule Hannover wird der Austausch
seit einigen Jahren vor allem von zwei (jüngeren) Kollegen betreut, die unser –
ökumenischen – Fachgruppe Religion angehören.
Es würde hier zu weit führen, im Einzelnen
auszuführen – was eigentlich allen Fachkolleginnen und -kollegen bekannt ist –,
wie stark die Fächer des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes
didaktisch und in ihren wissenschaftlichen Bezügen heterogen und auch
zerstritten sind, so daß sicherlich konsistente und konsensfähige fachlichen
Entwürfe kaum entwickelt werden können. Grundsätzlich lassen sich hier
Bruchlinien zwischen eher
affirmativen und
kognitiv betonten
Fachkonzeptionen und
kritisch-distanzierenden,
eher
handlungsorientierten
Ansätzen aufzeigen, wobei sicher Übergangsformen denkbar und vorfindlich sind.
Ganz bewußt ist hier der pädagogische Begriff der
»Handlungsorientierung« in den Vordergrund gestellt worden, obwohl er durchaus
umstritten und in seinen didaktischen Konsequenzen sicherlich noch nicht
hinreichend und konsensfähig entwickelt worden ist. Doch er steht für einen
pädagogischen Diskurs, von dem wir meinen, daß er auch für die Entwicklung und
Neubegründung von Schulpartnerschaften und Schüleraustauschkonzeptionen
fruchtbar gemacht werden kann. Uns ist, auch in den bisherigen Überlegungen,
klar geworden, daß einerseits die
moralisch-emotionale
Motivation zur Begründung
und Durchführung von Schülerbegegnungen nicht mehr tragfähig ist, und daß
andererseits ein rein
kognitiv-lernorientiertes didaktische
Vorgehen wenig Sinn in der aufwendigen Durchführung von
Studienfahrten, Projekten und
Schulpartnerschaftsprogrammen
sieht. Es scheint daher notwendig zu sein, curriculare »Scheuklappen« abzulegen
und ein
dennoch alltagstaugliches, pragmatisches
– das heißt damit auch: die Potentiale der vorhandenen Fächer optimal
ausschöpfendes –
didaktisches Konzept zu
finden, das vielleicht mit diesem allgemeinen pädagogischen Prinzip der
»Handlungsorientierung«
gefunden werden könnte.
Die entscheidende Frage ist, inwieweit Handlungsorientierung über
traditionelle Fachunterrichtsformen hinausgehen können: Es kann sich also nicht
nur darum handeln, einen Unterricht ›im Spagat‹ beider Schulen ggf. an einem
dritten Austragungsort, z.B. in der Tatra oder an der Ostsee
stattfinden zu lassen. Was kann aber
»Handlungorientierung« in
unserem Falle unter schulischen Bedingungen konkret bedeuten?
Im Fach Politik bedeutet das einmal, die
Möglichkeiten des selbständigen Umgangs und Kontakts mit
»gesellschaftlichen Handlungsträgern«
und auch mit Medien und Kommunikationsmitteln systematisch und kritisch zu üben
und anzuwenden, um z.B. mit den Mitteln des
Interviews, der Medienanalyse
oder – z.B. in Polen selbst – der bewußten und methodisch vorbereiteten
»teilnehmenden Beobachtung«
wesentlichen inhaltlichen Aufschluß über die
Situation in Polen und des
deutsch-polnischen Verhältnisses,
über die Lebensbedingungen der Gastgeber wie der Unterrichtssituation in der
Partnerschule zu erlangen.
Weiterführende Aktivitäten, wie z.B.
selbst in die Öffentlichkeit
zu treten, sind gut denkbar, müssen aber aus der konkreten Situation
heraus entwickelt und pädagogisch verantwortet sein. Das von vielen
Tageszeitungen angebotene Projekt
»Zeitung in der Schule«
(»ZiSch«) kann dabei eine wertvolle Hilfe sein und weiterführende Anregungen
bieten. So wurde kürzlich in der Hannoversche Allgemeine Zeitung
eine sehr anregende Berichtseite über eine Polenreise von Schülerinnen und
Schülern der IGS Langenhagen gestaltet, die selbst auch als Unterrichtsmaterial
zur Vorbereitung einer solchen Reise geeignet ist. Aber auch Zeitungen wie die
Frankfurter Rundschau und die FAZ beteiligen sich am »ZiSch«-Projekt. Eine
Nachfrage kann sich lohnen!
Berichtet werden kann hier auch von einem
älteren
Schülerprojekt, das
beispielhaft für eine handlungsorientierte
»Öffnung der Schule« stehen
kann. An der Bismarckschule Hannover haben Ende der siebziger Jahre Schüler
der Oberstufe ein Projekt durchgeführt, das in gewissem Sinne auch ein
»Startschuß« für die
folgenden Polenaktivitäten der Schule gewesen ist. In Zusammenarbeit mit einem
Freizeitheim der Landeshauptstadt Hannover (dem Freizeitheim Linden) haben die
in einer Arbeitsgemeinschaft organisierten Schüler eine »Polnische Woche«
gestaltet. Neben einer umfangreichen, selbst zusammengestellten dokumentarisch-zeitgeschichtlichen
Ausstellung im Foyer des Freizeitheimes wurde eine Woche lang jeden Abend eine
öffentliche Veranstaltung angeboten, vom geschichtlich-länderkundlichen Vortrag
über thematische Filmabende mit polnischen Dokumentar- und Spielfilmen aus der
niedersächsischen Medienzentrale, Lichtbilder-Reisebericht bis zur
abschließenden, von den Schülern moderierten Podiumsdiskussion mit Politikern
und Fachleuten, wurde das ganze Spektrum der damaligen deutsch-polnischen
Problematik erfaßt. Die »Polnische Woche« fand dann auch große Resonanz bei den
Besuchern und den lokalen Medien und war, trotz der ebenfalls erfahrenen
heftigen Anfeindung durch organisierte »Vertriebenen-Funktionäre« für die
beteiligten Schüler ein Höhepunkt ihrer Schulzeit gewesen. Eine solche
Veranstaltung würde sich heute in der Nachbereitung eines
Schulpartnerschaftsprogrammes anbieten.
Daß das Fach
Geschichte für das Thema
»Polen« eine ausschlaggebende Rolle spielt, dürfte offensichtlich sein. Gerade
auch das betonte, für die eigene Nationalidentität wichtige und affektiv vor
allem bei der älteren Generation hoch besetzte
Geschichtsbewußtsein in Polen
reizt einem kritischen eigenen historischen Zugang. Zwei Probleme ergeben sich
beim historischen Arbeiten zum Thema »Polen« auch in der Vorbereitung einer
Polenreise unmittelbar. Einmal ist das die fachliche Situation des
Geschichtsunterrichts in Deutschland, der mehr noch als das Fach Politik sich in
engen curricularen Systematiken eingebunden versteht und wenig offen ist für
neue kritische, z.B. an den historischen Sozialwissenschaften orientierten
Zugängen und Themenbestimmungen, die dann auch eine größere methodische und
didaktische Offenheit nach sich ziehen würden. Im Bereich der Wissenschaft
jedoch sind Umbrüche und Neuorientierungen nicht mehr die Ausnahme. Vor allem
die historische Soziologie, die Zivilisationsforschung und die sich derzeit
sehr schnell entwickelnden Kulturwissenschaften Regen zu fachlichen
Grenzüberschreitungen und Neuorientierungen an.
Auf der anderen Seite gibt auch das
polnische Geschichtsbewußtsein
Probleme auf. Gerade weil in Polen das
Überleben als Volk und Nation,
d.h. der
»Polonitas«, so eng mit dem
zugrunde liegenden
nationalen Geschichtsbewußtsein
als Ausdruck einer
nationalen Kontinuität, die
Teilungen und Okkupationen überdauert, verbunden ist, kann inhaltlich an dieses
Geschichtsbewußtsein nicht das Kriterium der historischen Objektivität angelegt
werden. Polnische Geschichte ist zu einem großen Teil
Geschichtsmythos und
funktionalisierte Wunschvorstellung.
Dies zu erkennen, in seiner Bedeutung richtig zu würdigen und dabei nicht
selbst in abwertende Beurteilungsmuster zu verfallen, ist eine für den
traditionellen Geschichtsunterricht beinahe unlösbare Aufgabe und verlangt um so
mehr nach einer gesellschaftswissenschaftlichen Fundierung, die nicht aus den
polnischen Quellen selbst zu ziehen ist.
In gewisser Weise offenbaren sich damit auch
unterschiedliche fachliche Selbstverständnisse zwischen den Fächern des
gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes.
Die von der Politik und der Geschichte ausgehenden Betrachtungsweisen
divergieren oftmals noch in höherem Maße, wenngleich es heute in der
Geschichtswissenschaft und -didaktik – damit auch in der Lehrer/innenausbildung
– es selbstverständlich
sein sollte, sozialwissenschaftliche Methoden anzuwenden, vor allem seit
die sogenannte »Münchener Schule« der »Geschichte als historischer
Sozialwissenschaft« breiter rezipiert worden ist.
Andererseits ist m.E. ein noch oft vorfindlicher
ahistorischer, systemkundlicher oder aktualistisch-kurzschrittiger
Ansatz in der Didaktik der Sozialwissenschaften inadäquat.
Für Reisevorbereitungen sind
Geographen immer wieder
gefragt, gilt doch länderkundliches Orientierungswissen als notwendige
Voraussetzung für das Verständnis des Lebens in einem fremden Land. Doch ist die
Didaktik der Geographie noch nicht besonders gut darauf vorbereitet, diese
Aufgabe kritisch und das eigene Denken und Urteilen der Schülerinnen und
Schüler fördernd zu übernehmen; zu sehr ist gerade die Schulgeographie noch
alten didaktischen Paradigmen verhaftet.
In jedem Falle können geographische Themenzugänge durch ihre materielle
Konkretheit und eine gewisse »untheoretische« Nüchternheit dazu beitragen,
Polen als sachliches und interessantes Thema zu begreifen und daraus sehr
konkrete Lern- und Arbeitsaufträge zu entwickeln, die den Bezug zu
handlungsorientierten didaktischen
Konzeptionen erleichtern. In der wissenschaftlichen Didaktik
des Faches gibt es mehre innovative Ansätze, deren Verankerung in der
Schulgeographie wäre. Da ist einmal das Konzept der
Geographie als politische Bildung,
das sein thematisch umfassendes unterrichtspraktisches Résumé in
Metlzers Handbuch für den Geographieunterricht
(HGU) gefunden hat, und zum andern in der
Praktischen Geographie, die
Neukirch in Gießen entwickelt und vielfach publiziert hat. Etwas
schwierig ist es für die Unterrichtspraxis, daß
handlungsorientierte geographische
Unterrichtsmodelle sich vor allem auf den
Nahraum orientieren, in dem
Schülerinnen und Schüler
im Gelände arbeiten können.
Im Rahmen eines Schulpartnerschaftsprogrammes kommen aus der Sicht der
Geographie vor allem drei
praxisorientierte unterrichtliche Konzeptionen
in Frage:
-
Einbindung in eine allgemeinere geographische
Thematik – orientiert an den verbindlichen Schlüsselproblemen –, u.U.
interdisziplinär verbunden mit anderen Fächern wie der
Biologie im
Baltic Sea Project, wobei
projektorganisierte Vorbereitungsarbeit am Schulort und die zentrale Empirik
(Messung, Kartierung, lokale Quellenarbeit) während des Aufenthalts in Polen
geleistet wird.
-
Organisation eines geographisch-empirischen
Vergleichs von räumlichen Strukturproblemen und entwicklungen, bei denen die
empirische Arbeit zwischen den Partnerschulen geteilt und die Auswertung und
der eigentliche Vergleich bei einem Besuch oder einem wechselseitigen
Besuchsturnus gemeinsam erfolgt. Hier wären vor allem Themen wie
Modernisierung und Marktorientierung der
Landwirtschaft, Stadtsanierung, Verkehrsprobleme etc.
denkbar. Um einer fachlichen Einseitigkeit vorzubeugen, sind hier sicherlich
ganz bewußt interdisziplinäre, gesellschaftswissenschaftliche oder
historische Fachphasen mit einzubauen.
-
Arbeit unter Einbeziehung der
»Neuen Medien« mit der
Chance, deutsch-polnische Beziehungen in größere internationale Kontexte
einzubeziehen. Sehr schnell werden hier aber engere geographische
Fachbezüge zu überschreiten sein, wenn man hier zwangsläufig auf Probleme der
Globalisierung und der
Universalisierung auch der
Lebensformen in den behandelten Ländern stößt.
In jedem Falle wird hier eine sorgfältige
Projektplanung, die
entsprechende didaktisch-methodische Kompetenzen der beteiligten Lehrerinnen und
Lehrer voraussetzt, notwendig sein. Leider ist der didaktische Diskurs über die
Projektarbeit gerade durch die modisch gewordenen
unverbindlichen Projektwochen
in den Schulen weitgehend eingeschlafen, obwohl auch auf kultusministerieller
Ebene Ende der 70-er Jahre hier interessante und pädagogisch anspruchsvolle
Konzepte auch für die Sekundarstufe II – in der sich diese Arbeitsform, die von
vielen Gymnasiallehrern als
»pädagogische Mätzchen«
abqualifiziert wird, noch am wenigsten durchgesetzt hat – entwickelt und
publiziert worden sind.
Das Thema
»Polen« ist bei Geographen
recht beliebt, da gerade wirtschafts- und sozialgeographische Grundtatsachen am
Beispiel Polens gut entwickelt werden können (Stadtrekonstruktion nach dem
Zweiten Weltkrieg; GOP; Ostseehäfen). Da das Thema in allen
Geographie-Rahmenrichtlinien verbindlich vorgeschrieben ist, findet sich eine
Fülle von Unterrichtseinheiten, die jedoch durch ihre starke fachliche Einengung
selten zur Vorbereitung von Schüleraustauschfahrten geeignet sind. Eine positive
Ausnahme macht das Themenheft
Polen der Zeitschrift
Praxis Geographie, 4/1992,
in dem auch Vorschläge für
Schülerreisen zu finden
sind.
Einen wesentlichen Anteil an der Neuorientierung
der deutschen Politik gegenüber Polen nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die
Kirchen. Polen selbst hat eine ganz besondere, ambivalente Beziehung zum
Glauben und zur katholischen Kirche, die sich immer auch als eine
politische Kirche verstand.
Dies sind sicherlich auch Voraussetzungen für eine Würdigung der neueren
religionspädagogischen Ansätze, die für die Entwicklung von
Schülerbegegnungsprogrammen mit Polen eine wichtige Rolle spielen.
Auch hier ergeben sich wieder die Probleme der
Funktionalisierung der
Inhalte einer Politischen Kultur, die schon im Zusammenhang mit dem Fach
Geschichte und dem
polnischen Geschichtsbewußtsein
angesprochen worden sind. Doch darf hier nicht übersehen werden, daß noch eine
zweite moralisch-politische Tradition der Begegnung mit der Zeitgeschichte im
deutsch-polnischen Verhältnis wirkungsvoll war und wesentlich zur
internationalen Entspannung beigetragen hat, nämlich die aus der
antifaschistischen Tradition
des politischen Widerstands herrührende Begegnung, die ihren Ausdruck z.B. in
der
»Aktion Sühnezeichen«
findet. Dies ist auch ein wichtiges Thema für die
Wertfächer außerhalb des
Religionsunterrichtes, die ebenfalls in die schuldidaktischen Überlegungen
einbezogen werden müssen, vor allem, da sie sich derzeit in der Bundesrepublik
Deutschland im Umbruch befinden und eine
Neubestimmung ihres Selbstverständnisses
durchmachen.
Ebenfalls im
Religionsunterricht wie auch
in den sonstigen
Wertfächern ist ausdrücklich
die Problematik des christlichen Selbstverständnisses angesichts des Holocausts
zu thematisieren, wobei es bekanntlich ja in Polen – vor allem in Bezug auf die
Nutzung der Begegnungsstätte Auschwitz/Oswiecim – christlich-jüdische
Rivalitäten gegeben hat und gibt. Das Problem des Antisemitismus ist daher über
den zeitgeschichtlichen Anlaß hinaus allgemeiner zu thematisieren und als
gesellschaftliches und politisches Problem zu verstehen. Ein solcher
Problemhorizont ist an den Schulen noch selten zu finden, in Polen eigentlich
noch überhaupt nicht, was mit den zeitgeschichtlichen Bedingungen der
gesellschaftlichen Entwicklung in diesem Land zu tun hat.
b. Der pädagogische
Diskurs mit den polnischen Kolleginnen und Kollegen
Mehrfach sind wir schon auf die Tatsache gestoßen,
daß die von der deutschen Entwicklung abweichende gesellschaftliche und
zeitgeschichtliche Entwicklung in Polen auch zu andern Situationen in den
polnischen Schulen und zu anderen Fachselbstverständnissen geführt hat.
Gerade am eben erörterten Beispiel des
Religionsunterrichts werden die unterschiedlichen Erfahrungen, Auffassungen und
Konzeptionen besonders deutlich. Es ist die Aufgabe einer sorgfältigen
Vorbereitung der Polenkontakte und Polenreisen, daß unterschiedliche Traditionen
und Auffassungen nicht zu gegenseitiger Sprachlosigkeit und zu Mißverständnissen
führen
Ich weiß aus Berichten über die verdienstvolle Arbeit im GESW
Vlotho, dass die Zusammenarbeit mit von polnischen Theologen begleiteten
Gruppen ambivalent war. Man arbeitete offenbar auf einer stärker moralischen
und emotionalen Ebene. Die offene, kritische und oftmals distanzierte Haltung
unserer Schülerinnen und Schüler war für diese Kollegen nur schwer
nachvollziehbar. Der Vorschlag eines begleitenden Theologen, ›man möge doch
gemeinsam das Evangelium lesen und deuten‹ ist als Überzeugung nachvollziehbar,
andererseits aber inadäquat.
Nun könnte man natürlich fragen, inwieweit
methodisch unterschiedliche Ansätze oder Divergenzen im Selbstverständnis bei
der Betreuung von Schüler/innengruppen relevant sind, zumal ein ›guter Lehrer‹
sachadäquat verschiedene Methoden abdecken müsste.
In der Zusammenarbeit mit polnischen Fachkollegen
und Fachkolleginnen zeigen sich die skizzierten Ansätze, nur dass in der
traditionellen Geschichts- und Geographielehrer/innen-Ausbildung die
traditionellen Methoden dominierten. Politik fand zudem (früher) als
affirmativer Staatsbürgerkundeunterricht statt. Während in der Lehrer/innen-Ausbildung
neuere westdeutsche Methoden seit länger Zeit Eingang gefunden haben, gibt es
andererseits faktisch noch keine Didaktik der Politischen Bildung in Polen, sie
ist erst noch im Aufbau.
Im Diskurs mit polnischen Kolleginnen mangelt es
zudem an der (eigenen) Sprachkompetenz. Die polnischen Lehrer/innen haben
zumeist die Fakultas in einem Fach erworben, so dass die Deutschlehrer/innen
kaum etwas von der Didaktik unseres Aufgabenfeldes »B« verstehen und die
polnischen Kollegen mit der Fakultas Geschichte oder Geographie in der Regel
eine (westliche) Fremdsprache nur unzureichend beherrschten.
Die Beiträge der polnischen Kolleginnen und
Kollegen waren in der Regel nationshistorisch orientiert und deutlich
symbolbesetzt. Die entsprechenden Wahrnehmungen waren für unsere Schülerinnen
und Schüler wichtig und auswertbar.
Die Unterschiede in den Voraussetzungen, im
Selbstverständnis etc. können sich im Rückblick als sehr fruchtbar erweisen. Wir
sollten gemeinsam entsprechende Ansätze und Beispiele finden und diskutieren.
Ein Ansatz könnte in der Handlungsorientierung
liegen.
4. Zur Handlungsorientierung
Handlungsorientierung ist zunächst einmal eine
sehr allgemeine Zielvorstellung und ein offenes pädagogisches Konzept, daß
seine fachlichen, unterrichtlichen und didaktischen Konkretisierung noch
erfahren muß.
Im Zusammenhang mit den Anmerkungen zu den
einzelnen Fächern wurde versucht, aus den jeweils dafür geeigneten
Fachkonzeptionen heraus handlungsorientierte Konkretisierungen und
Unterrichtsperspektiven zu entwickeln. Es ist hier nicht der Ort, eine
allgemeiner Theorie der Handlungsorientierung zu entwickeln, die für die Praxis
des Schüleraustausch zunächst einmal auch keine größere Relevanz hätte. Es
genügt hier, aus den knappen Anmerkungen heraus einige verallgemeinernde
Résumés zu ziehen, um eine weitere Entwicklung handungsorientierter
Unterrichtsprojekte anzuregen und zu fördern.
Vor allem erscheint uns das Konzept der
Handlungsorientierung geeignet, eine praktische und pragmatische
Verständigungsbasis mit den polnischen Kolleginnen und Kollegen zu begründen,
ohne in problematische theoretische Klärungen und Diskurse einzutreten, wo es
ganz praktisch um die Vorbereitung, Betreuung und Auswertung von Reisen in das
jeweilige Partnerland geht. Handlungsorientierung in diesem Zusammenhang
bedeutet also zunächst einmal nur, von den vorhandenen schulischen Strukturen
und den Fachtraditionen ausgehend Interaktionsformen des Unterrichts zu
entwickeln, die das eigene, ziel- und erfolgsgerichtete Arbeiten der
Schülerinnen und Schüler an den Themen und Probleme des Partnerlandes und
allgemeiner der deutsch-polnischen Beziehungen möglich macht. Vor allem sollen
auch Arbeitsformen gefunden werden, in denen deutsche und polnische Schülerinnen
und Schüler trotz aller Sprachprobleme gemeinsame Fragestellungen und
Beobachtungen finden können.
Handlungsorientierung führt letztlich bei seiner
Verfeinerung und Weiterentwicklung zum projektorientierten Lernen. Daher
könnten bestimmte Charakteristiken der Handlungsorientierung auch aus den
Charakteristiken des Projektarbeitens abgeleitet werden. Aber während sich in
der Konsequenz Projekte als
Alternativen zum
»traditionellen Lernunterricht«
verstehen, ist
Handlungsorientierung ein
ergänzendes und erweiterndes, d.h. auch: belebendes und motivierendes Attribut,
das den herkömmlichen Unterrichtskontexten und Fachcurricula zugeordnet wird.
Handlungsorientierung bedeutet aber immer die
Öffnung des Lernens für nicht vorhergesehene Ergebnisse und Einsichten, das
Hereinholen von Informationen und aktuellen Kommunikationsmitteln, die noch
nicht didaktisch prästrukturiert sind, und die Nutzung außerschulischer
Kommunikationsbeziehungen und Lernorte. Das erfordert und fördert rein höheres
Maß an Selbsttätigkeit bei den Schülerinnen und Schülern; von den Lehrerinnen
und Lehrern verlangt es, sich wenigsten ansatzweise für fachfremde und
fächerübergreifende Fragestellungen und Perspektiven zu öffnen.
Top
Anmerkungen
In den siebziger Jahren und 1980 waren bereits drei Versuche gescheitert. Ein
Versuch durch Rainer Barzel, einer durch Deutsch-Polnische Gesellschaften in
Norddeutschland und einer durch die sog. Deutsch-Polnische Gesellschaft der
BRD.
Als Gastgeschenk bietet sich z.B. ein Untersuchungskoffer für
Wasseruntersuchungen und ein tragbares pH-Meter an, die durch Spenden o.ä.
finanziert werden.
Im Bereich der DPG-Hannover hat z.B. die BBS... unter der Leitung von Jürgen
Riechers eine Fahrt nach
Auschwitz/Oswi�cim
durchgeführt. Die KGS-Barsinghausen hat unter der Leitung von Josef Samol
eine Tagung in Kreisau/Krzyszowa
durchgeführt.
In Niedersachsen war es bisher
möglich, dass ein Kollegium pro
Jahr
eine eintägige schulinterne Lehrerfortbildungsmaßnahme durchführt (oder zwei
Tage in zwei Jahren). Den Termin
konnte
man mit einem Feiertag und einem Wochenende verknüpfen.
Zu nennen sind z.B. die
Realschule
in Burgdorf [Elisabeth Goldmann] und die
Geschwister-Scholl-Schule
in Hannover [Herbert Kinkeldei]
Dem Verfasser liegen mehrere derartige Berichte aus dem norddeutschen Raum
vor. Aus diesem Grunde haben wir uns in der Bismarckschule entschieden,
unsere Publikationen durch Nachweis in Bibliotheken öffentlich zu machen. Der
UNESCO-Club unserer Schule fungiert dabei als offizieller Herausgeber: vgl.:
Nettelmann, Lothar / Voigt, Gerhard (Hg.):
Internationale Herausforderungen. Die
Bismarckschule stellt ihre UNESCO-Arbeit vor.
Hannover 1992. Nettelmann, Lothar / Voigt, Gerhard (Hg.):
Junge Deutsche und Polen begegnen sich.
Schüleraustausch und Studienfahrten.
2. Aufl. Hannover 1993; Kronig / Nettelmann / Voigt / Wehking:
Reform - vom Gedanken zur Praxis. Für Ulrich
Bauermeister.
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 10. Hannover 1998.
Giesecke, Hermann:
Kleine Didaktik des politischen Unterrichts.
Schwalbach/Ts 1997. Giesecke ist Prof. für Pädagogik und Sozialpädagogik an
der Universität Göttingen. Er hat lange Zeit in der Jugend- und
Erwachsenenbildung gearbeitet.
Die Defizite im Modernisierungsprozess in Ostmitteleuropa, einer Region, die
der näheren oder ferneren Semiperipherie zugeordnet werden
kann,
sowie die Phasenverschiebung im Zivilisationsprozess können im gegebenen
Zusammenhang nicht vertieft werden.
Vgl. die Kontroverse um die »Westbindung« bzw. die »katastrophenphobiehafte
West-Orientierung« in den Zeitschriften »Politische Bildung« und »politik
unterricht aktuell« zwischen
Gagel,
Wellie und
Claußen [PoBi 2/94, PUA 1-2/96, PUA 1-2/97, PUA 1/98] und den Aufsatz
über die
Widerständigkeit als Gültigkeitsproblem der
Politischen Bildung [Voigt
1999, i.V.].
Man vergleiche z.B. das Ostsee-Projekt [Baltic-Sea-Project] an dem vor allem
UNESCO-Projektschulen aus den Ostsee-Anrainerstaaten beteiligt sind
„Zeitung in der Schule (ZiS)“: Dzien dobry – „Wenn einer eine Reise
tut...“. Schülerinnen und Schüler der IGS Langenhagen berichten von einer
Polenreise. Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 153, Donnerstag, 3. Juli
1997, S. 22.
Da die Koedukation in der Bismarckschule Hannover damals noch am Anfang stand,
waren noch keine Schülerinnen beteiligt.
Vielleicht deutet sich hier doch eine Entwicklung zu einer umfassenderen
»Menschenwissenschaft« im Sinne von Norbert
Elias an!
Vgl. Lothar
Nettelmann:
Zivilisierungsprozesse in Mitteleuropa am
Beispiel Polens. politik unterricht aktuell 1-2/1996, S.
63-74.
Vgl. Gerhard
Voigt:
Geographische Grundpositionen im Widerstreit.
Zeitschrift für den Erdkundeunterricht, 46. Jg., Heft 11, 1994, S. 436-440.
Z.B. in Niedersachsen in den Erdkundekursen
Voigt, Gerhard / Günter
Fuchs / Wilfried
Eilers, 1978:
Sozioökologie. Gesellschaftliche Probleme
in einer sich wandelnden Umwelt. Handreichungen für den
Sekundarbereich II. Hrsg. vom Niedersächsischen Kultusminister, Hannover,
Folge B 4, Band 1: 89-209;
Behr, A. /
Friebe, G. /
Voigt, G., 1976:
Wirtschafts- und sozialgeographische
Feldstudien. Handreichungen für den Sekundarbereich II.
Hrsg. vom Niedersächsischen Kultusminister, Hannover, Folge B 3. In diesem
Kursentwurf findet sich auch der Versuch, Projektarbeit als graphisch
darzustellenden
Programmablauf zu
beschreiben und zu rationalisieren.
Voigt, Gerhard, 1992:
Schülerreisen nach Polen.
Praxis Geographie, Heft 4, 1992. S. 44-46. Vgl. im gleichen Heft:
Voigt, Gerhard /
Dutkowski, Marek, 1992:
Die Danziger Werft: Symbol der Krise und der
Erneuerung. Praxis Geographie, Heft 4, 1992. S. 26-31. In
diesem Aufsatz wird bewußt versucht, über die geographischen Fachbegrenzungen
hinweg auf die Wahrnehmung des gesellschaftlichen Wandels zu blicken.
Lt. Theo Mechtenberg, Vlotho.
Impressum für diese Seite:
Konzept: Nettelmann/Voigt; Bismarckschule Hannover
Dr. Lothar Nettelmann; 1998 stellv.
Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover
Gerhard Voigt; Vorsitzender des Verbandes
der Politiklehrer
Erstellt am 4.8.98; für Vortrag von Nettelmann 14./15.9.98 in Trier / im
November 98 in Vlotho (GESTW). [PL-HDLO5.DOC]
Internet Publikation
nach der Buchpublikation: Lothar Nettelmann, Hrsg.:
Europäische Umbrüche in deutsch-polnischer
Perspektive. Reflexionen zur Entwicklungsdynamik in
Mitteleuropa. Beiträge des Symposions »Politik und
Wirtschaft in Polen – ein Beitrag zur politischen
Bildung« der Deutsch-Polnischen Gesellschaft
Hannover e.V. und der Niedersächsischen
Landeszentrale für Politische Bildung im April 1999.
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., ISSN 0945-1536: Sonderheft 1 / 2001. Texte
aus der Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft
Hannover e.V. Hannover 2001, 104 S., A 4, kart. - Durchgesehen Fassung
auf der Grundlage des Vortrages von 1998 (2009). Alle Rechte
vorbehalten. Verwendung im Schul- und
Bildungsbereich zugestanden. Jede weitere Verwendung
nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Herausgebers,
UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V. –
Internetpublikation 27.07.2009
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.
eMail:
bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de
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