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Marek Dutkowski, Gdynia;
Gerhard Voigt, Hannover
Werftkrise: Krisendynamik
und Raumwirksamkeit
Zu den ökonomischen und
wirtschaftsräumlichen Folgen der Werftkrise in der Bundesrepublik
Deutschland und der Volksrepublik Polen
Zusammenfassung
Schiffbau in der Krise: Ein Vergleich der
polnischen und deutschen Werftindustrie. Der Schiffbau ist weltweit in der
Krise; Gründe dafür liegen bekanntermaßen in der ungünstigen Entwicklung
des Seefrachtverkehrs vor allem mit der „Dritten Welt“, den unerwartet
niedrigen Zuwachsraten im industriellen Wachstum und dem partiellen
Zusammenbruch des Ölmarktes. Japan hat mit staatlicher Hilfe
Werftüberkapazitäten aufgebaut, die gut die Hälfte des Weltschiffbaues
abwickeln. Traditionelle Schiffbaunationen werden auf schrumpfende
Marktsegmente verwiesen. Der Vergleich zwischen der Volksrepublik Polen
und der Bundesrepublik Deutschland zeigt den vergleichbaren Ablauf der
„Krisendynamik“. Die unterschiedlichen Wirtschaftssysteme führen jedoch zu
abweichenden Krisenlösungsstrategien. Anschließend kann festgestellt
werden, dass die ökonomische Bedeutung und die Raumwirksamkeit der Werften
ein Indikator für den ökonomischen und technologischen Entwicklungsstand
einer Volkswirtschaft sein kann.
Summary
The crisia in shipbuilding: A comparison between
the shipbuilding industries in Poland and West-Germany. All over the world,
shipbuilding is in a crisis; reasons for this are – as we know – the
unfavourable development of sea freights mainly with Third World countries,
the unexpectedly slow industrial growth, and the partial collapse of the
oil market. With financial aid Japan has developed overcapacities in
dockyards, wich cover more than half of the world shipbuilding.
Traditional shipbuilding nations have to compete in shrinking segments of
the market. The comparison between the People's Republic of Poland and the
Federal Republic of Germany shows the course of the dynamics of crises.
The different economic systems, however, have led to different strategies
of crisis management. Finally it may be pointed out that the national
relevance and regional importance of dockyards tend to indicate the
economic and technological state of a national economy.
1. Die Agonie der deutschen Werften 1986
Werftindustrie war an der deutschen Nordseeküste
einst der wichtigste Industriezweig, sicherte Beschäftigung,
Volkseinkommen und technischen Fortschritt. Gerade die vorbildliche
Entwicklung der deutschen Werften war für die Volksrepublik Polen Anregung
und Ansporn zu Aufbau einer eigenständigen Werftindustrie nach dem 2.
Weltkrieg.
Seit der ersten Hälfte der siebziger Jahre, als sich
die Bundesrepublik noch in der Spitzengruppe der Schiffsbauländer befand,
folgt eine Werftkrise der anderen, deren Ablauf ganz bestimmten
regelmäßigen Mustern folgt. Die Werftkrise fordert zwingend einen
grundlegenden ökonomischen und wirtschaftsräumliche Umbau der Struktur der
norddeutschen Küstenländer, dessen Ziel noch nicht deutlich erkennbar ist
und dem gravierende politische und wirtschaftsgeographische Hemmnisse
entgegenstehen.
Nachdem 1984 mit dem Sanierungskonzept für die Bremer
Werften zunächst eine Konsolidierung der Werftkapazitäten eingetreten war,
brach 1986 die Werftkrise in noch einmal verschärfter Form durch: im
ersten Halbjahr des Jahres 1986 konnten die deutschen Werften insgesamt
nur zwanzig Neubauaufträge, meist für kleinere Einheiten, hereinholen, was
zu einer Liquiditätskrise der Mehrzahl aller deutschen Werften führte. Die
Folge war der Zusammenbruch der ohnehin wirtschaftlich nicht gesunden
Harmsdorff-Gruppe mit Werften unter anderem in Hamburg und Flensburg und
damit verbundenen Massenentlassungen. Parallel dazu prognostizierte ein
Gutachten des Kieler Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts, zusammen mit
der Treuhand AG, Überkapazitäten im deutschen Werftbereich von mindestens
30% und damit den Zusammenbruch der meisten kleinen und mittleren Werften.
Inzwischen hat sich die Lage zwar etwas entspannt,
sowohl was die massive Konkurrenz aus Ostasien betrifft als auch in Bezug
auf Auftrags- und Subventionslage, seit die EG die Werftunterstützung in
den Mitgliedsländern weitgehend toleriert. Vor allem aber das florierende
Umbau- und Modernisierungsgeschäft im Kreuzfahrt- und
Passagierfährensektor belebte die Umsätze der darauf spezialisierten
Werften (Lloyd-Werft in Bremerhaven, Meyer in Papenburg u.a.).
Die Ausführungen über Polen müssen vorläufigen
Charakter tragen, wenn man die tief greifenden wirtschaftspolitischen
Umorientierungen zum Jahreswechsel 1988/89, die „Gespräche am Runden
Tisch“ verfolgt und sich seiner Prognosen noch durchaus nicht sicher ist.
Eine pikante Einzelheit in diesem Zusammenhang ist die angekündigte
Schließung der Danziger Leninwerft oder ihr Verkauf an eine ausländische
Investorengruppe. dass der Werftkomplex Gdansk/Gdynia einer
wirtschaftlichen Sanierung und Umstrukturierung bedarf, steht aber
sicherlich außer Frage. Hier wird Polen mit Widerständen und sozialen
Folgelasten konfrontiert, die im deutschen Werftbereich seit langem auf
der Tagesordnung stehen.
2. Die Situation der polnischen
Schiffbauindustrie
Die Entwicklung der polnischen Schiffbauindustrie ist
vor allem unter zeithistorischen Perspektiven zu sehen. Vorkriegspolen
hatte keine Erfahrungen im Schiffbau. Erst kurz vor 1939 wurde das erste
Seeschiff in Gdynia (Gdingen) gebaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde die eben
errichtete Schiffbauindustrie an der neuen polnischen Küste total
zerstört. Polen in den Nachkriegsgrenzen umfasst nun aber auch die
traditionellen Schiffbaustandorte Gdansk und Szczecin an der Weichsel-
bzw. Odermündung. Die Danziger und Stettiner Werften erlebten ihre
Blütezeit zwischen 1870 und 1920, waren jedoch im Zweiten Weltkrieg
technologisch ins Hintertreffen geraten. Auch diese Werftanlagen litten
unter starken Kriegszerstörungen, so dass der Wiederaufbau durch Polen
eher als völliger Neuaufbau einer Werftindustrie zu klassifizieren ist,
der kaum personell oder technologisch an die Vorkriegszeit anknüpfen
konnte. Umso bemerkenswerter ist das schnelle Wachstum dieser Industrie,
das 1975 ihren Höhepunkt erreicht hat. Die Daten sowohl der Zahl der vom
Stapel gelaufenen Schiffe wie die Zahl der Werftbeschäftigten zeigt, dass
auch die polnischen Werften von der internationalen Werftkrise betroffen
sind. 1985 wurden 54 Schiffe gebaut mit 345.725 BRT, davon 47 für
ausländische Rechnung mit 252.779 BRT, darunter drei für die BRD.
Überblick über die Struktur der polnischen
Werftindustrie:
Produktionswerften befinden sich in: Gdansk [Danzig] (3 Betriebe),
Gdynia [Gdingen] (1), Szczecin [Stettin] (2), Ustka [Stolpmünde] (1).
Reparaturwerften sind zu finden in: Szczecin (3), Gdańsk (2), Gdynia
(1) und Swinoujscie (Swinemünde) (1).
Binnenschiffwerften: 8 Betriebe an verschiedenen polnischen
Flussstandorten, die für unsere Untersuchung keine Rolle spielen.
Sonstige Werften: in Gdynia die Marinewerft, in Gdansk und Szczecin
zwei Yachtwerften und einige Reparaturwerften für die Fischerei [Stand:
1988].
Die gesamte Schiffsproduktion ist in der Branchen –
Interessengemeinschaft organisiert, die wesentliche Aufgaben bei der
Planerstellung und der wirtschaftlichen Koordination der Einzelunternehmen
erfüllt.
Im so genannten „inneren Kreis“ sind neben den
Werften 26 Zulieferbetriebe organisiert; der Interessengemeinschaft werden
darüber hinaus zwei Untersuchungs- und Entwurfbüros (CTO, PROMOR), ein
Rechenzentrum und die Außenhandelszentrale (ZENTROMOR) zugeordnet. Die
Reparaturwerften haben eine ähnliche Organisation, an der zusätzlich 4
Zulieferbetriebe, ein Konstruktionsbüro (PROREM) und die
Außenhandelszentrale (NAVIMOR) beteiligt sind.
Raumwirksame ökonomische Prozesse können nun im
Weltmaßstab, auf Landesebene, im regionalen Bereich und auf lokaler Ebene
untersucht und verglichen werden. Die effektive Wirksamkeit nimmt dabei
zur lokalen Ebene hin zu. Die Wirksamkeit im Weltmaßstab wird dagegen mit
dem Rückgang der Aufträge seit der Werftkrise in der Bedeutung
zurücktreten, obwohl Polen einen sehr hohen Exportanteil aufweist. Die
besondere wirtschaftliche Beziehung zur Sowjetunion, die einen relativ
hohen Anteil der in Polen gebauten Schiffe, wenn auch mit sinkender
Tendenz, abnimmt, stabilisiert das polnische Auftragsvolumen und schafft
räumlich fixierbare ökonomische Verbindungen zwischen den beiden Ländern.
Dabei sank der Anteil der von der UdSSR abgenommenen Schiffe aus
polnischer Produktion von ca. 80 % im Zeitraum von 1951 – 1970 auf 5,2 %
seit 1983 mit starken kurzfristigen Schwankungen.
In der Blütezeit der polnischen Werftindustrie in den
sechziger Jahren lieferte Polen zwei bis drei Prozent des Weltschiffbaues
und drei bis sieben Prozent des Weltschiffexportes. 1979 erreichte Polen
mit 3,3% die achte Stelle in der Rangliste der Schiffbauproduzenten und
rückte kurzzeitig mit 6,7% an die zweite Stelle aller
schiffsexportierenden Länder auf.
Tabelle 1:
Entwicklung des Schiffbaus in Polen, der
Bundesrepublik Deutschland und in Japan
|
Jahr |
Fertiggestellte
Schiffe |
Auftragsbestände
|
|
|
Polen |
BRD |
|
|
Japan |
|
|
Polen |
|
BRD |
|
Japan |
|
|
|
1000 BRT |
% |
Rang |
1000
BRT |
% |
Rang |
1000 BRT |
% |
Rang |
1000
BRT |
+/- % |
1000 BRT |
+/- % |
1000
BRT |
+/- % |
|
|
|
1970 |
414 |
2,0 |
7 |
1317 |
6,3 |
4 |
10100 |
48,1 |
1 |
. |
. |
. |
. |
. |
. |
|
1975 |
735 |
2,1 |
7 |
2499 |
7,3 |
2 |
16991 |
49,7 |
1 |
. |
. |
. |
. |
. |
. |
|
1978 |
702 |
3,9 |
7 |
845 |
4,6 |
5 |
6307 |
34,7 |
1 |
. |
. |
. |
. |
. |
. |
|
1979 |
462 |
3,2 |
7 |
437 |
3,1 |
9 |
4697 |
32,9 |
1 |
1750 |
. |
813 |
. |
9331 |
. |
|
1980 |
362 |
2,8 |
8 |
376 |
2,9 |
7 |
6094 |
46,5 |
1 |
1555 |
–11,1 |
864 |
+6,3 |
13072 |
+40,1 |
|
1981 |
283 |
1,7 |
8 |
703 |
4,2 |
4 |
8400 |
49,6 |
1 |
1429 |
–8,1 |
939 |
+8,7 |
12655 |
–3,2 |
|
1982 |
298 |
1,8 |
6 |
615 |
3,7 |
3 |
8163 |
48,5 |
1 |
1265 |
–11,5 |
886 |
–5,6 |
10067 |
–20,5 |
|
1985 |
360 |
2,0 |
7 |
562 |
3,1 |
3 |
9502 |
52,3 |
1 |
1030 |
–18,6 |
723 |
–18,4 |
9729 |
–3,4 |
|
1986 |
375 |
2,2 |
7 |
515 |
3,1 |
3 |
8177 |
48,6 |
1 |
842 |
–18,3 |
499 |
–31,0 |
6568 |
–32,5 |
|
1987 |
288 |
2,4 |
8 |
343 |
2,8 |
4 |
5707 |
46,9 |
1 |
979 |
+16,2 |
783 |
+56,9 |
5038 |
-23,3 |
Quellen: Bremer Ausschuss für Wirtschaftsforschung,
Wirtschaftsdaten 1984, Bremen 1984 (7.20) nach: Lloyd's Register of
Shipping / Verband der deutschen Schiffbauindustrie 1985-87: Verband für
Schiffbau und Meerestechnik e.V., Jahresbericht 1987, Hamburg 1988 (für
die Angaben 1985-1987)
Die Diskrepanz zwischen absoluter, prozentualer und
Rangplatzentwicklung zeigt sehr deutlich:
-
dass es sich bei der Schiffbaukrise um
weltweite Krisenerscheinungen handelt und
-
dass diese Krise nicht in
üblicherweise eine Konjunkturzyklenkrise ist, sondern dass sich in ihr
grundlegende Umschichtungen und Umstrukturierungen im Weltschiffbau
vollziehen, wobei alte Disparitäten von neuen Ungleichgewichten abgelöst
werden.
Die Rechtsstreitigkeiten zwischen der Werft „Pariser
Commune“ in Gdynia mit der schwedischen Stena-Line um Ablieferung und
Bezahlung eines Neubaus einer Ostsee-Autofähre zeigt die schwächer
werdende ökonomische Stellung der Werften ganz deutlich, die von den
wenigen finanzstarken internationalen Auftraggebern erpressbar werden.
Auf Landesebene zeigt sich die Raumwirksamkeit
der polnischen Werftindustrie vor allem durch die Verflechtung mit
Zulieferbetrieben. Da 20% der auf der Werft nicht selbst hergestellten
Elemente aus dem Westen importiert werden, ist hier auch noch ein
Zwischenbereich zur Verflechtung im Weltmaßstab gegeben. Das System
der Zulieferung ist in Polen starrer und damit räumlich fester zu verorten
als in der Bundesrepublik, wo relativ schnell zwischen konkurrierenden
Zulieferern gewechselt wird, bei spezialisierten Bauelementen, vor allem
im Ausrüstungsbereich, auch nach den spezifizierten Wünschen des
jeweiligen Auftraggebers. Dies ist übrigens auch bei internationalen
Aufträgen an polnische Werften üblich. Zu den größten Zulieferern gehören
die Maschinenbetriebe „Cegielski“ in Poznan (Posen) und „Zgoda“ in
Swietochlowice im Oberschlesischen Industrierevier (GOP). 20 bis 30% der
Lieferungen an die Werften stammen von Firmen des „Inneren Kreises“ (ISB
und ISR, siehe oben). Für diese Betriebe spielt die Schiffbauindustrie die
Rolle einer Innovationsquelle. Einige Betriebe entstanden bzw.
entwickelten sich nur aufgrund von Werftaufträgen.
Raumwirksamkeiten im Regionalmaßstab sind in
Polen besonders hervorzuheben. Ausgangspunkt ist das traditionelle
Ungleichgewicht zwischen dem stärker agglomerierten, rohstoffreichen
Südpolen mit dem Oberschlesischen Industrierevier (GOP) und der ökonomisch
wenig entwickelten Küstenregion oder insgesamt dem strukturschwächeren
Nordpolen, in dem die „Dreistadt“ Gdansk/Sopot/Gdynia bzw. im Westen an
der Grenze zur DDR Szczecin eher isolierte Agglomerationskerne und
Wirtschaftsstandorte darstellen. Diese ökonomischen Disproportionen, die
sich auch in den Lebensverhältnissen der Menschen widerspiegeln, sind eine
der großen wirtschafts- und strukturpolitischen Aufgaben des polnischen
Staates.
Die besondere Bedeutung, die die erst nach dem Kriege
ausgebauten Verkehrs-, d.h. vor allem: Eisenbahnlinien in der für
Nachkriegspolen strukturell entscheidenden vorher unterentwickelten
Süd-Nord-Richtung haben, ist die Folge dieser räumlichen Disparität. Aus
ihr erklärt sich auch die ökonomische Abhängigkeit vom reibungslosen
Funktionieren der Nord-Süd-Magistrale und die unmittelbar folgenden
Versorgungsprobleme bei einer Störung wie in der Krisensituation 1981.
Die planmäßige Weiterentwicklung des Verhältnisses
zwischen Großwerft und Zulieferbetrieb erfolgt in Polen unter der Prämisse
einer Nordverschiebung der Investitionsschwerpunkte und
Standortentwicklung (KUROWSKI 1980, LIJEWSKI 1976). Die Abb. 2 zeigt, dass
1983 eine große Anzahl von Zulieferbetrieben für die Werften in den
nördlichen Wojewodschaften zwischen Olsztyn (Allenstein) und Gorzòw
Wielkopolski angesiedelt worden sind. Die Grundlagen wurden schon in den
Jahren 1950-1960 gelegt, als in Folge der zentralen Planungsentscheidungen
viele Betriebe in Nordpolen ihr Produktionsprofil geändert und auf die
Zulieferung zu den Großwerften hin orientiert haben. Danach wuchsen diese
Betriebe sehr schnell. Dank der Schiffbauindustrie konnten kleine Firmen
in dezentralen Standorten sich in große Exportunternehmen umgestalten.
Nicht geklärt ist bei einer solchen Politik jedoch, inwieweit das bewusste
Abgehen von der Nutzung der Agglomerationsvorteile der zentralen
Industrieregionen den Investitionsaufwand in einer Weise erhöht hat, dass
die Produktion letztlich im internationalen Maßstab unrentabel bleiben
muß. Die intensiven Fördermaßnahmen des Staates zur Standortentwicklungen
sind ein Hinweis auf diese Problematik (KULINSKI/NAJGRAKOWSKI 1980).
Dieser Widerspruch zwischen Wachstumspolitik unter Ausnutzung von
Agglomerationsvorteilen und industrieller Dezentralisierung zur
gleichmäßigen Entwicklung des gesamten Landes prägt durch immer wechselnde
Prioritätensetzungen die Wirtschaftspolitik der Volksrepublik Polen seit
1948 (NETTELMANN/VOIGT 1986, S. 216 ff.).
Die Raumwirksamkeiten im lokalen Maßstab entsprechen
in Vielem der Situation in anderen Hafenstädten in aller Welt. Die Werften
wurden in Handelshäfen errichtet (Abb. 3). Danzig als alte Hafen- und
Werftstadt ist weiterhin der zentrale Schiffbauort für Polen. Die großen
Flächen der Lenin-Werft und der anderen schon erwähnten Werftbetriebe
dominieren jedoch heute in der gesamten Flächennutzung der Agglomeration
längst nicht mehr. Danzig ist als entwickelte Agglomeration nicht
monofunktional an seine Werften gebunden; zusätzliche Industrieflächen,
vor allem aber auch die Handelsfunktionen (Hafenumschlag, Im- und Export)
und Wachstum der Wohngebiete bestimmen das Bild. Dennoch ist die
ökonomische Bedeutung der Werften und vor allem der Lenin-Werft in Danzig
als Arbeitgeber, als Verursacher von Verkehrsaufkommen und in seiner
Verflechtung mit lokalen Zulieferbetrieben größer als die lokale
ökonomische und wirtschaftsgeographische Bedeutung der Werften in Bremen
oder in Kiel, die in Stadtstruktur und Größe noch am besten mit der Gdansk
zu vergleichen sind.
Stärker noch tritt die ökonomische Bedeutung der
Werften in Gdynia zutage. Dies ist vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund
zu verstehen, da die Anlage von Werften und Hafen in dem kleinen
Küstenstreifen des polnischen Korridors vor dem Zweiten Weltkrieg den
Versuch markiert, von dem unter deut- scher Dominanz stehenden Hafen der
„Freien Stadt Danzig“ unabhängig zu werden. Die Entwicklung der Werften
induziert einen entsprechenden Ausbau der Infrastrukturanlagen. Da nach
dem Zweiten Weltkrieg die auch wirtschaftsgeographisch unsinnige
Abschottung von Danzig von seinem Hinterland aufgehoben wurde und auch die
politische Konkurrenz zwischen Gdansk und Gdynia wegfiel, konnten beide
Agglomerationskerne über das Danziger Nebenzentrum Sopot (Zoppot) zur
Gesamtagglomeration der so genannten „Dreistadt“ zusammenwachsen. Durch
planerische Entscheidungen wurde eine Aufgabenteilung und Koordination der
Angebote zwischen den Werftindustrien der Agglomeration vorgenommen. Die
Infrastruktur wurde miteinander verknüpft, ohne dass dabei schon ein
Optimum erreicht worden wäre.
3. Die Situation der Werften in der
Bundesrepublik
Die deutsche Schiffbauindustrie gehörte in der
zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, vor allem wenn man an das
Flottenbauprogramm Kaiser Wilhelm II. denkt, zu den wichtigsten
Industriezweigen der norddeutschen Küstenstandorte. Da abgesehen von den
kaiserlichen Kriegsmarinewerften vor allem in Wilhelmshaven und Kiel – die
historische Entwicklung in Gebieten, die heute nicht zur BRD gehören,
bleibt hier unberücksichtigt – die Werftindustrie vor allem durch private
Investitionen aufgebaut wurde, ist die starke Standortstreuung und die
sehr uneinheitliche Situation der deutschen Werften bis heute zu erklären.
Bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Werften und der ihnen zuliefernde
Maschinenbau in Kiel, Hamburg, Bremen und Wilhelmshaven der wichtigste
industrielle Arbeitgeber. In allen diesen Städten füllen Werftgelände
jeweils ganze Stadtteile und nehmen beste Hafenlagen ein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, gefördert durch einen
technisch modernen Wiederaufbau, konnte die deutsche Werftindustrie noch
einmal Weltrang erringen und die Bundesrepublik an die Spitze der
Schiffbaunationen treiben. Doch in den sechziger Jahren bereitete sich der
Umschwung vor, der in die allgemeine Werftkrise mündete und zu einem
stufenweisen Abbau von Werftkapazitäten in den letzten Jahren führte.
Wesentliches Gewicht innerhalb der lokalen Ökonomie hat der Schiffbau wohl
nur noch in den beiden mittelgroßen Großstädten Kiel und Bremen, die
kommunalpolitisch daher besonders von der Werftkrise betroffen sind.
1986 lieferten die deutschen Seeschiffwerften 1985
nur 136 Schiffe mit einer Tonnage von 646.000 BRZ im Werte von 2,8 Mrd. DM
ab. Damit liegen die Neubauumsätze etwa auf Vorjahresniveau; durch die
etwa 10% höher liegende Zahl der geleisteten Fertigungsstunden (22 Mio.)
gegenüber 1984 konnten die Kurzarbeitszeiten vermindert werden, was jedoch
auch zu einem stärkeren Abbau der Auftragsbestände führte, dessen Folgen
1986 deutlich werden. 75% der Ablieferungen erfolgte für deutsche Rechnung
und nur noch 16 Schiffe wurden ins Ausland geliefert, und zwar
ausschließlich in Länder der Dritten Welt, was auf die Vergabe von
Hermes-Krediten und Kreditgarantien durch die Bundesregierung
zurückzuführen ist. Damit wird die abnehmende Raumwirksamkeit der
deutschen Schiffbauindustrie im weltweiten Maßstab deutlich.
Tabelle 2:
Schiffbau in den einzelnen Bundesländern der
Bundesrepublik Deutschland
|
Bundesland |
Abgelieferte Seeschiffe 1985/1987 |
Auftragseingänge 1985/1987 |
Beschäftigte in 1000 |
|
|
Anzahl |
1000 BRZ1 |
% |
Anzahl |
1000 BRZ1 |
% |
Insges. |
Industrie² |
Sb.³ |
|
|
|
85 |
87 |
85 |
87 |
85 |
87 |
85 |
87 |
85 |
87 |
85 |
87 |
1985 |
1985 |
1987 |
|
|
Schleswig–Holstein |
43 |
18 |
264 |
106 |
40,8 |
30,9 |
39 |
18 |
226 |
174 |
30,1 |
38,3 |
703 |
220 |
15,5 |
|
|
Bremen |
27 |
9 |
206 |
120 |
31,9 |
34,9 |
22 |
13 |
292 |
185 |
39,0 |
40,6 |
297 |
89 |
14,1 |
|
|
Niedersachsen |
41 |
22 |
100 |
82 |
15,5 |
23,8 |
38 |
16 |
173 |
43 |
23,2 |
9,6 |
2.100 |
783 |
10,8 |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
nur Hamburg: |
|
|
Hamburg und übrige
Länder |
25 |
18 |
75 |
35 |
11,8 |
10,4 |
27 |
13 |
57 |
52 |
7,7 |
11,5 |
748 |
170 |
14,2 |
|
|
Insgesamt |
136 |
67 |
646 |
344 |
100.0 |
100,0 |
126 |
60 |
750 |
455 |
100,0 |
100,0 |
. |
. |
. |
|
|
Bundesgebiet |
. |
. |
. |
. |
. |
. |
. |
. |
. |
. |
. |
. |
20.388 |
8.208 |
57,5 |
|
1 Bruttoregisterzahl
² Beschäftigte im Industriellen
Sektor
³ Beschäftigte im Schiffbau
Quellen: Vgl. Tabellen 1 und 2
Der Krisenablauf in der BRD zeigt eine ganz
eigene, differenzierte Dynamik. Schon in der Vorphase der eigentlichen
Werftkrise, Anfang der siebziger Jahre, wurde der Umstrukturierungsprozess
in Hamburg eingeleitet. Auslöser waren der Zusammenbruch der
Schlieker-Werft und der Stülcken-Werft, die wohl vor allem auf
Managementfehler zurückzuführen waren. Es folgte eine
Kapazitätsumschichtung einmal durch die Zusammenlegung der Howaldt-Werke
Hamburg und der Deutschen Werft in Kiel, der ehemaligen Kriegsmarinewerft,
zur HDW unter Führung des Kapitaleigners, des bundeseigenen
Salzgitter-Konzerns. Im Hamburger Betriebszweig konzentriert sich seither
fast ausschließlich das Reparaturgeschäft bei gleichzeitiger deutlicher
Kapazitätseinschränkung und entsprechendem Personalabbau. Das Kieler Werk
konzentriert sich wieder stärker auf Kriegsschiffbau, wenngleich vor allem
Containerschiffe der „dritten Generation“ (z.B. die „Express“-Serie für
Hapag-Lloyd) und Gastanker immer noch einen beträchtlichen Teil des
Umsatzes ausmachen. Die traditionsreiche Hamburger Großwerft Blohm & Voß
ist heute fast ausschließlich im Kriegsschiffbau tätig. So waren die
traditionellen Hamburger Werftkapizitäten bis auf einige mittelständische
Betriebe wie Sietas schon Mitte der siebziger Jahre abgebaut. Die
eigentliche Werftkrise traf Hamburg erst nach schon erfolgter
Umstrukturierungsphase und daher – angesichts der generellen
Konjunkturlage – längst nicht so gravierend wie Bremen.
Der nächste Krisenschub traf jetzt Bremen, das mit
zwei Großwerften, der AG Weser und dem Bremer Vulkan in Bremen-Vegesack,
und einer Reihe mittelgroßer Werften, vor allem auch in Bremerhaven, zum
wichtigsten Werftstandort Deutschlands aufgerückt war und wo die immer
deutlicher werdenden Überkapazitäten Ende der siebziger und Anfang der
achtziger Jahre zur Schließung der AG Weser und zur planmäßigen großen
Werftfusion der mittelgroßen Werften führten.
Die derzeitige Werftkrise, die zwar zu katastrophalen
Auftragseinbußen bei fast allen Werften geführt hat, bedingt derzeit die
gravierendsten Auswirkungen bei den Werften mittlerer Größe in
Schleswig-Holstein, auf die wir schon in der Einleitung hingewiesen haben.
4. Raumwirksamkeitsprobleme
Raumwirksamkeiten sind vor dem Hintergrund der
Standortbedingungen und der Standortentwicklung der Werftindustrie zu
sehen. An den spezifischen lokalen Ausprägungen der Krise wird erkennbar,
dass mit einer rationalen ökonomischen Standorttheorie die Lage der
Seeschiffwerften nicht hinreichend erklärbar ist. Neben historischen
Standortentscheidungen, deren Gunstfaktoren heute nicht mehr gültig sind
(Emden, Papenburg), sind es vor allem auch politische Gründe,
Seeschiffwerften im eigenen Land zu entwickeln, auch wenn die
Standortsituation nicht günstig ist (Gdynia vor dem 2. WK, Budapest mit
Seeschiffbau an der Donau). Auch zufällige Standortwahlen (Heimatort des
Firmengründers) können eine wichtige Rolle spielen (Sürken und Meyer in
Papenburg, Hitzler in Lauenburg oder Brand in Oldenburg). In diesen Fällen
steht nicht die optimierte Standortwahl für ein bestimmtes
Produktionsprogramm im Vordergrund, sondern die Anpassung der Produktion
an die Standortvoraussetzungen. Das hat natürlich sehr differenzierte
ökonomische Folgen im Falle der Werftkrise.
dass Werften mit ungünstigem Seezugang ökonomisch
erfolgreich operieren können, zeigt die Wirksamkeit weiterer
Standortfaktoren, wie vor allem das Vorhandensein qualifizierter
Facharbeiterschaft, durch Infrastruktur erschlossene Lage, entwickelte
Beziehung zu Zulieferbetrieben. Die Problematik eines Standortes ist dann
oft erst eine Folge veränderter Rahmenbedingungen, zum Beispiel das
Größerwerden der Schiffseinheiten, der ökonomische Niedergang einer
Großregion (z.B. Ostfriesland) und die wachsende Notwendigkeit für alle
Werften, für einen weltweiten Markt zu produzieren.
Wie wir schon am Beispiel Polens etwas intensiver
erörtert haben, birgt die Analyse der Raumwirksamkeit der Werftindustrie
größere Probleme. Allein schon der Begriff Wirksamkeit ist methodisch
schwer zu fassen, wenn er nicht nur qualitativ beschreibend benutzt werden
soll. Hier sind sicherlich Parallelen zur Untersuchung der
Hafenabhängigkeit von Städten zu ziehen, die von DANNEMANN (1978) am
Beispiel Bremens untersucht worden sind. Auf die Werftabhängigkeit
übertragen, lautet die Leitfrage im Sinne DANNEMANNS dann: welche
wirtschaftlichen Strukturen würden sich in welcher Weise ändern, wenn der
Werftstandort nicht existieren würde oder aufgegeben würde. Dabei müssen
Hafen- und Werftabhängigkeit getrennt werden. Da beide Wirtschaftszweige
jedoch regelhaft gemeinsam auftreten, ist eine quantifizierende Separation
kaum möglich. In der BRD dürfte, dem Anschein nach, von den größeren
Hafenstädten Bremen die größte Werftabhängigkeit haben bzw. gehabt haben.
Die Werftkrise Anfang der 80er-Jahre mit der Schließung der „AG Weser“ und
dem „Sanierungskonzept ’81“ trafen Arbeitsmarkt und lokale
Wirtschaftskraft sehr stark. In aktuellen Berichten wurde das damals
folgendermaßen charakterisiert: „dass die Bonner Parlamentarier das
`Werftproblem' für weniger bedeutsam halten als die betroffenen
Küstenländer, mag daran liegen, dass der Anteil der Werftindustrie an
Umsatz und Beschäftigung in der Gesamtindustrie der Bundesrepublik unter
einem Prozent liegt. Doch weil allein in Bremen jeder fünfte Erwerbstätige
im Schiffbau arbeitet, wird der Wunsch der Landesregierung nach einem
vernünftigem Konzept für ‚ihre‘ Werften verständlich“ (KÖHNE, 26.3.82 in
„DIE ZEIT“). Bremen und Bremerhaven liegen auch heute in der
Arbeitslosenstatistik noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt.
Die Politik des bremischen Senats versucht parallel
verschiedene Krisenlösungswege, die letztlich jedoch eher oberflächliche
Wirkungen zeigen, da sie die überregionalen und internationalen Ursachen
der Krise nicht berühren:
-
Direkte Einwirkung auf die Werften in
Aufsichtsräten und durch Mitbesitz (1981 übernahm die landeseigene
Hanseatische Industrie-Beteiligungen GmbH „Vulkan“-Aktien im Wert von 23
Mio. DM vom bisherigen Großaktionär Thyssen-Bornemisza, die 1986 an der
Börse an einen bisher unbekannt gebliebenen neuen Anteilseigner wieder
veräußert wurden).
-
Beteiligung an regionalen Sanierungskonzepten der
Küstenländer Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen z.B. im
„Küstenplan ’81“ oder, zusammen mit der Bundesregierung, bei den
Krisengesprächen 1986 und der neuen Förderungskonzeption 1988.
-
Wirtschaftsförderungsmaßnahmen zur Ansiedlung
hafen- und werftunabhängiger Wirtschaftszweige. (Größter Erfolg war
dabei die Errichtung eines Daimler-Benz-Montagewerkes (für den „kleinen
Mercedes“), der mit erheblichen öffentlichen Vorleistungen im
Infrastrukturbereich und mit Steuersubventionen erkauft wurde; Kritiker
sprechen von 4 Mrd. DM Kosten für die Hansestadt. Der BAW, ein
Befürworter dieser Ansiedlung, kommt jedoch in einer
volkswirtschaftlichen Gegenrechnung zu positiven Gesamtwirkungen für die
bremische Wirtschaft.)
-
Arbeitsförderungsmaßnahmen (ABM), bei
denen die Stadt Arbeitslosen direkt zeitlich begrenzte Arbeitsplätze
beschafft. (Vor allem im Bereich der kommunalen Dienstleistungen bis hin
zur Bemalung von Bunkern aus dem 2. Weltkrieg durch Not leidende
Künstler.)
Der unmittelbaren wirtschaftlichen Aktivität Bremens
sind jedoch durch die hohe Verschuldung des Bundeslandes enge Grenzen
gesetzt. Die Angaben zeigen jedoch zumindest qualitativ, dass bis vor
kurzem für Bremen noch eine eindeutige dominante Werftabhängigkeit
bestand, die erst durch Strukturmaßnahmen zurückgedrängt wird. Andere
Bundesländer haben nach dem Zweiten Weltkrieg diese starke
Werftabhängigkeit nicht gekannt. Die regionale Raumwirksamkeit geht also
kontinuierlich zurück.
5. Ursachen der Krise
a.
Die Spaltung des Wirtschaftszweiges als Folge der Konzentration:
Auf internationaler Ebene exerziert die
Werftindustrie einen Prozess vor, der aus der nationalen kapitalistischen
Ökonomie gut bekannt ist: Konzentration, Überakkumulation und Zerfall des
Wirtschaftszweiges in Oligopolisten und daneben nur noch
mittelständisch-manufakturelle „Nischenexistenzen“. Es soll uns hier nicht
interessieren, welche Initialzündung den japanischen Aufschwung seit den
50er-Jahren bewirkt hat – wirtschaftspolitische Entscheidungen,
Schutzzollpolitik, Verzicht auf Militärausgaben, politische Übereinkunft
mit den USA einschließlich eines umfangreichen Technologietransfers,
Wachstumspolitik auf Kosten der sozialen Entwicklung usf. –, es ist aber
festzuhalten, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt in den sechziger Jahren
durch staatliche Unterstützung (MTI) und binnenwirtschaftliche
Kapitalkonzentration auf wenige große (Familien-) Konzerne in einem
ökonomisch-politischen Oligopol für den Ausbau der Großindustrie und damit
auch für Investitionen im Schiffbau fast unbegrenzte, staatlicherseits
abgesicherte Investitionsmittel zur Verfügung standen. Der Aufbau der
Werftkapazitäten, die heute bei ökonomisch optimaler Auslastung über 50%
des Weltschiffbaubedarfs, bei ökonomischer Anstrengung aber auch
wesentlich mehr, decken können, erfolgte nicht aus den Erträgen heraus
sondern durch einen planmäßigen Investitionsfluss als Vorleistung, der
über Jahre hin nicht auf eine aktuelle Kapitalrendite angewiesen war.
Allein die Größe dieser Investitionen verschafft heute Japan
Marktvorteile, die den Prozess der Konzentration weiter vorantreiben, wenn
er von Japan nicht durch politische Rücksichtnahmen bei etwa 50%
Weltmarktanteil stabilisiert wird:
-
Rationelle Fertigung durch Rationalisierung der
Produktion; Spezialisierung am Werftstandort bei umfassender
Angebotspalette auf Konzernebene; Verringerung der Personalkosten durch
Automatisierung der Zulieferbetriebe und der Komponentenfertigung und
Einsatz von Fabrikrobotern; Zulieferung von Ausrüstungen z.B. im
Elektrik-, Elektronik- und Maschinenbereich aus dem Konzernverbund
(vertikale Konzentration): insgesamt also ein durchkalkuliertes
preisgünstiges Angebot, das heute längst nicht mehr mit Mitteln des
Dumping oder der Niedriglohnkalkulation durchgesetzt werden muß. Japan
produziert heute preisgünstiger als die BRD.
-
Möglichkeiten, jeden gewünschten Schiffstyp in
technisch einwandfreier Qualität liefern zu können, da genügend
spezialisierte Bauorte vorhanden sind.
-
Keine Wartezeiten bis zur Kiellegung eines
georderten Schiffes; feste Ablieferungstermine, kurze Bauzeiten: daher
schnellerer Einsatz des bestellten Schiffes, schnellere Rendite für den
Reeder, schnellere Rückzahlung der üblichen Vorfinanzierungskredite
durch die Werft, die in Japan u.U. bis zu 100% des Baupreises betragen.
-
Absatz auch für stornierte oder auf Vorrat gebaute
Schiffe.
Mit diesen Vorteilen kann weltweit keine andere
Schiffbaunation mehr konkurrieren. Andere Länder haben nur noch folgende
Chancen:
-
als Billiglohnländer Schiffsaufträge zu erhalten,
die den japanischen Werften nicht die erwartete Rendite versprechen
(low-standard technology; Tanker, Bulk-Carrier z. B. aus Süd-Korea oder
Taiwan. – Doch ist es interessant zu beobachten, dass, nachdem die
japanischen Preis- und Qualitätsstandards sich zunehmend der der alten
Industrienationen angenähert haben, gerade diese „Schwellenländer“ ihren
temporären Lohnkostenvorteil dazu nutzen wollen, das japanische Vorbild
auch hinsichtlich staatlicher Industrieförderung, Kapitalkonzentration
und Technologietransfer nachzuexerzieren; was das schließlich für die
weltweiten Werftkapazitäten bedeuten wird: ruinöser
Verdrängungswettbewerb oder forcierte industrielle Diversifikation, ist
noch nicht abzusehen; Japans Klagen über die „Billiglohnkonkurrenz“ in
Südkorea ähnelt jedenfalls schon verblüffend den ständigen Klagen
deutscher Werften über die japanische Konkurrenz!) –,
-
im Spezialschiffbau, bei dem der konstruktive
Aufwand im Verhältnis zum Ablieferungspreis zu hoch ist für eine
industrielle Fertigung (z.B. Forschungsschiffe, Chemikalientanker,
Kreuzfahrtschiffe, Viehtransporter aus der BRD),
-
beim Bau von kleinen Schiffseinheiten, bei denen
die Nähe des Einsatzgebietes längere und teure Überführungsfahrten
überflüssig macht oder bei denen solche Fahrten nach der Klassifikation
problematisch wären (KüMos, Fischereifahrzeuge, Hilfsschiffe,
Einsatzfahrzeuge, Off-Shore-Technik), – durch die Spezialisierung auf
den Kriegsschiffbau, der tatsächlich für einige Schiffbauländer heute
der letzte „Rettungsanker“ für eine eigene Produktion geworden ist (z.B.
für die USA), da diese „sensiblen“ Aufträge nicht freihändig an
ausländische Werften vergeben werden können.
Bringen wir die Überlegungen auf einen – sicherlich
verkürzenden – Nenner, so können wir in der japanischen Werftindustrie das
einzige erfolgreiche Beispiel für den technologischen und ökonomischen
Übergang zur modernen großindustriellen Fertigung sehen, während die
anderen Schiffbaunationen in den Arbeitsabläufen und ihrer
Unterkapitalisierung weitgehend bei der handwerklichen bis
frühindustriellen Fertigung stehen geblieben sind – was natürlich für das
Produkt kein Qualitätseinwand ist und in Bezug auf die
Angebotsflexibilität auch einige Vorteile bringen kann. Die begrenzten
Absatzperspektiven machen es dann auch unmöglich und wirtschaftlich
sinnlos, den Investitionsvorsprung Japans aufholen zu wollen.
Nichtjapanische Werften werden – einmal von der noch unsicheren
Perspektive der Entwicklung in den „Schwellenländern“ abgesehen – durchweg
auf manufakturelle „Nischenexistenz“ verwiesen bleiben.
b.
Grenzen des Wachstums auf dem Weltmarkt:
Der Wachstumsoptimismus der sechziger Jahre ist
verflogen. Die Rohstoffmärkte stagnieren – aus ökologischer Sicht und in
Hinblick auf mögliche Ressourcenerschöpfung eine durchaus wünschenswerte
Entwicklung! –, wobei das Ende des Ölbooms 1972/73 in der ersten
„Erdölkrise“ das Ende des ungebremsten Ausbaus der Tankerkapazitäten
einleitete. Auch dem Wachstum der Schiffsgrößen wurde damit eine Grenze
gesetzt, so dass heute die Mehrzahl der Schiffsneubauten wieder deutlich
unter 100.000 BRT/BRZ liegt. Auch das Wachstum der Märkte der „Dritten
Welt“ entspricht nicht den Vorhersagen der siebziger Jahre; die
ökonomische Krise der Entwicklungsländer ist krasser denn je zuvor und
reduziert sogar noch bisher vorhandene Warenströme. Beide Faktoren,
Stagnation der Rohstoffmärkte und Wirtschaftskrise in der „Dritten Welt“,
führen zusammen mit den ökonomischen Krisenerscheinungen in den
Industrieländern (die ein sehr differenziertes Bild ergeben) zum
Zusammenbruch der Frachtraten und damit zu Überkapazitäten im Schiffsraum.
Ob die leichte Erholung des Welthandels und der Frachtraten 1988/89 eine
längerfristige, positive Tendenzwende einleiten wird, ist noch nicht
abzusehen. In der BRD ist als kostensenkende Gegenreaktion der Reeder vor
allem das so genannte „Ausflaggen“ zu beobachten.
Dringend geboten ist es sicher, dass die
Verhandlungen über eine neue Weltwirtschaftsordnung auch von den
Industrieländern, auch gegen ihre ideologisch begründeten Vorbehalte,
ernsthaft geführt werden; gerade das Problem des Ausflaggens könnte durch
die von der UNCTAD und der Seerechtskonferenz geforderten Quotierung
(meist nach dem Muster der Drittelparität) des Transportaufkommens der
bilateralen Frachtströme besser kontrolliert werden. Gleichzeitig muß eine
Reform der Weltwirtschaft das Verschuldungsproblem nicht nur der Länder
der „Dritten Welt“ sondern auch z.B. der Volksrepublik Polen langfristig
und dauerhaft lösen.
c.
Die besonderen Probleme der RGW-Ökonomien:
Hatte die volkswirtschaftliche Orientierung des
Wirtschaftsverhaltens von Werften und Reedereien lange Zeit auch einen
stabilisierenden Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung in den
RGW-Staaten, so überwiegen heute doch die ökonomischen Probleme durch die
mangelnde Berücksichtigung der betriebswirtschaftlichen
Strukturdisparitäten in den Bereichen der:
-
Ressourcenverschwendung,
-
unökonomischen Arbeitsorganisation,
-
mangelnden Flexibilität auf den internationalen
Märkten,
-
zu geringen Innovationsimpulsen.
Über die Diskussion der ökonomischen Reformen in der
VR Polen braucht an dieser Stelle nichts ausgesagt zu werden, zu
vielfältig und auch widersprüchlich sind die aktuellen Berichte über diese
Diskussion, die noch im Fluss ist. Eine Einführung in den Problemkreis
findet sich bei NETTELMANN/ VOIGT (1986). Das Problem der
nicht-konvertierbaren Währun- gen kommt auf dem Weltmarkt noch belastend
hinzu, wenn RGW- Betriebe mit kapitalistischen Ökonomien konkurrieren.
d.
Rationalisierung des Transportsektors:
Die ökonomische Krise fördert den Versuch der
technologischen Umstellung der bisherigen Transportsysteme. Diese
Innovationen, das soll hier deutlich herausgestellt werden, wurden nicht
von der Schiffbauindustrie initiiert, sondern von den Auftraggebern
gefordert, spezifiziert und entwickelt und meist zunächst im
binnenländischen Konzernbereich realisiert – also ohne dass die Werften in
der Lage gewesen wären, technologische Impulse zu liefern. Genannt seien
vor allem:
-
Containerisierung (als allgemeines technisches
Prinzip heute ubiquitär, im konkreten Fall der Standardcontainer
(20'/40') für den Ferntransport von der US-Armee im Korea-Krieg über den
durch den Staat kontrollierten Carrier „Sea-Land“ durchgesetzt),
-
EDV-konzentrierte Systemplanung und Logistik, die
Transportwege vom Versender bis zum Empfänger als einen optimierten
„path“ strukturiert und den Seetransport nicht mehr als eigenständiges
System erscheinen lässt,
-
multifunktionale Transportsysteme mit konkreten
Aufgabenspezifikationen; im Seeverkehr z.B. die modernen OBO-Carrier
(„Oil, Bulk, Ore“), die einen äußerst flexiblen Materialeinsatz
ermöglichen, oder „Lash-“ („lighter aboard ship"-) und „Baco-“
(„barge-container"-) Schiffe, die speziell für den Einsatz im Handel mit
technisch unzureichend ausgerüsteten Dritt-Welt-Häfen gebaut worden
sind.
Schiffe werden nach detaillierten Spezifikationen
durch die Eigner bzw. Frachtversender gebaut, die ökonomisch gegenüber der
Werft eine dominante Rolle einnehmen und die für kurzfristige Aufträge
einen schnellen und kompetenten industriellen Anbieter, z.B. eine
japanische Werft, bevorzugen. Doch gerade bei der Entwicklung der
genannten spezialisierten Schiffe haben auch deutsche Werften einen
respektablen Beitrag geleistet; so wurden die „Baco-Liner“ von den Thyssen
Nordseewerken in Emden entwickelt. Doch insgesamt gilt, dass industrielle
Fertigung und großtechnische Transportsysteme sich gegenseitig bedingen
und stützen und damit die Bedeutung der europäischen Schiffbauindustrie
weiter zurücktreten lassen.
6. Der Wandel der gesamtwirtschaftlichen
Bedeutung der Werftindustrie
Das Bild, das unsere Untersuchung ergibt, ist nicht
einheitlich und vor allem mit den verfügbaren Daten nicht immer
hinreichend abzusichern. Typische Unterschiede, die der Vergleich der
Situation in der BRD und in der VR Polen ergibt, können, dennoch erkennen
lassen, dass es typisierungsfähige Leitlinien der Entwicklung gibt.
Zunächst, zusammenfassend, einige Stichworte zu den
genannten Fragestellungen. Dabei ist der heute noch verbreitete Glauben an
die „Schlüsselindustrie“ Schiffbau deutlich zu relativieren. In der
Gründungszeit der deutschen Werften Ende des 19. Jh. war die
Schiffbauindustrie ein dominanter Faktor der sich stürmisch entwickelnden
Schwerindustrie. Man kann von einer Konjunktur- und
Wachstumsinterdependenz sprechen. Ähnliches gilt für Polen kurz vor der
deutschen Okkupation mit dem Aufbau der Werft in Gdynia und dann in der
ersten Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Verflechtungen
sind eng, die Abhängigkeiten kaum zu überschätzen.
Vom Ersten Weltkrieg bis in die 60er-Jahre zeichnet
die konjunkturelle Entwicklung der Werftindustrie in Deutschland den
Konjunkturverlauf der Binnenwirtschaft nach. Der Schiffbau ist hier als
„Indikatorindustrie“ anzusprechen. Mit der verstärkten internationalen
Verflechtung der deutschen Wirtschaft bis zur Mitte der 70er-Jahre
verlagert sich die „Indikatorfunktion“ auf die Weltwirtschaft: die
europäischen Werften zeichnen von 1965 bis etwa 1975 sehr exakt die
Entwicklung des Welthandels, die qualitativen und quantitativen
Umschichtungen (Rohstoffmärkte, Dritte-Welt-Handel etc.) und den
technologischen Wandel nach.
Nach der Spaltung der internationalen Werftindustrie
in das kapitalintensiv-industriell operierende Japan einerseits und die
geringer kapitalisierte, manufakturell operierende Schiffbauindustrie der
übrigen Länder andererseits, wird diese internationale Indikatorfunktion
nur noch von Japan ausgefüllt; die Nischenexistenz der europäischen
Werften spiegelt sich in regionalen, betrieblichen und nationalen
Sondertendenzen, aber auch in der überproportionalen wirtschaftlichen
Gefährdung durch Nachfrageschwankungen auf Teilmärkten. Die polnische
Werftindustrie reagiert durch den RGW-Rahmen und die staatliche
Wirtschaftsplanung etwas weniger elastisch; die Werften der BRD könnten
dagegen heute als marginalisierte ökonomische Sektoren angesprochen
werden, während in der VR Polen noch etwas stärker ein Rückzug auf die
nationale Indikatorfunktion feststellbar ist. Das entspricht auch der noch
immer vorhandenen überregionalen, nationalen Raumwirksamkeit der Werften
in Polen.
Die gesamtwirtschaftliche Sekundärwirkung
wirtschaftspolitischer Maßnahmen in der Werftindustrie wird durch das Maß
der Elastizität gekennzeichnet. In der Aufstiegsphase der Werften ist ein
fördernder Impuls (Investitionen, Schiffbauprogramme) verbunden mit einer
wesentlich gesteigerten Beschäftigungsnachfrage und starken Rückwirkungen
auf die Zulieferindustrie. Mit technologischer Innovation und höherer
Arbeitsproduktivität vermindert sich die Sekundärwirksamkeit dieser
damaligen „Schlüsselindustrien“ (heute sind solche Schlüsselindustrien der
zeitlichen Folge nach die Automobilindustrie, die Bauindustrie, die
Elektroindustrie und die EDV-Technik).
In der letzten Phase ist eine regelhafte
Konjunkturelastizität nicht mehr festzustellen. Es kommt zu einer
sektoralen bis punktuellen Abhängigkeit von Sonderfaktoren wie der
gesamtkonjunkturell nicht integrierten Nachfrage nach Sonderschiffen für
staatliche Rechnung, Kriegsschiffe, Forschungsschiffe und Spezialfrachtern
in Einzelfertigung. Dies ist der schon angesprochene sektorale
Marginalisierungsprozess, der in der BRD deutlich zu beobachten ist.
7. Wie kann es weiter gehen?
Ohne tief greifenden Strukturwandel wird eine
Anpassung der deutschen wie der polnischen Werften an die internationale
Marktlage nicht vollzogen werden können. In der VR Polen bestehen z.T.
abweichend vom bundesdeutschen Sanierungskonzept eher Tendenzen zur
Dekonzentration und zur Aufteilung großer Werftbetriebe in relativ
unabhängige Betriebszweige. Das korrespondiert mit den
wirtschaftspolitischen Reformvorstellungen, die auf eine größere
Betriebsautonomie und eine Planerstellung „von unten“ hin ausgerichtet
sind, deren Realisierung jedoch noch nicht abgeschlossen ist und auf
einige Widerstände stößt. Dieses Konzept greift, solange das
Wirtschaftssystem die schleichende Unterkapitalisierung einer wenig Gewinn
einbringenden Krisenbranche durch wirtschaftspolitische Umverteilung
verhindern kann. In der BRD war dies in der Vergangenheit nicht möglich.
Zwei Konsequenzen lassen sich als
Krisenlösungsstrategien bisher ablesen:
-
Abbau von Produktionsanlagen durch
Betriebsstillegungen und Betriebszusammenlegungen, in letzter Zeit auch
durch Konkurse. Der Staat subventioniert dabei Anpassungsinvestitionen
und stützt Sozialpläne für entlassene Werftarbeiter; im Sanierungs- und
Fusionsprogramm für die Bremer Werften hat sich der Bremer Senat als
Mitbesitzer, Aufsichtsratsmitglied und Verhandlungsmoderator in
besonders aktiver Form beteiligt. Der Versuch, werftunabhängige
Ersatzindustrien am Standort anzusiedeln, ist Hauptziel der kommunalen
Wirtschaftsförderung, die immer mehr zu einem Clinch zwischen den
einzelnen regionalen und kommunalen Gebietskörperschaften ausartet. Für
die Wirtschaftsförderung werden in den Hafenstädten eigene Förderungs-
und Beratungsfirmen gegründet, die in privatrechtlicher
Gesellschaftsform unabhängiger vom kommunalen Haushaltsrecht operieren
können.
-
Diversifizierung. Der Verband der
Deutschen Schiffbauindustrie, der bezeichnenderweise 1987 fusioniert ist
zum Verband für Schiffbau und Meerestechnologie, legt besonderen Wert
auf die Feststellung von Diversifizierungserfolgen. „Die Umsätze der
Werften in schiffbaufremden Fertigungen und Schiffbaunebenfertigungen
betrugen 1980 rund 1 Mrd. DM. Darin sind Diversifikationsproduktionen
außerhalb der Werften in Tochtergesellschaften nicht enthalten. Unter
Einschluss dieser Fertigungen hat der Anteil dieses
Unternehmensbereiches 1980 bereits rund 25% der Gesamtumsätze betragen,
verglichen mit rund 10% im Jahre 1975.“ (Deutsche Schiffsneubauten
1980.) Doch ist ein klares Diversifizierungskonzept noch nicht zu
erkennen. Bei einigen Werften ist die Nebenproduktion sogar wieder etwas
zurück gegangen.
Dabei stellt sich auch die Frage nach der
Nützlichkeit von Fusionen als primärem Werftsanierungskonzept. Die bislang
unbefriedigende Lösungssuche in der Werftkrise mit Vorrang von
„Schrumpfung“ vor „Struktursanierung und Innovation“ entspricht zwar
kurzfristiger Orientierung an der bislang mangelhaften Kapitalrendite,
nicht aber unternehmerischem Denken auf längere Sicht hin; diese
Konzeptionslosigkeit sollte daher auch nicht alleiniger
Orientierungsrahmen für staatliche Wirtschaftspolitik sein, die
gesamtvolkswirtschaftlich und wirtschaftsstrukturell planen muß. dass das
Vertrauen auf die Management vor allem bei den Großbetrieben unberechtigt
ist, zeigt schon die Krisenanalyse der ersten Bremer Werftkrise 1980/81,
wo eindeutige Fehlentscheidungen im Investitionsprogramm und in der
Produktionsausrichtung zur Zuspitzung der wirtschaftlichen Lage der
Krupp-Werft „AG Weser“ geführt haben.
Auch hier wie bei anderen Betriebsstillegungen waren
die gravierendsten Fehlbeurteilungen zu sehen in der Konzentration auf
Massenschiffbau und Tanker statt auf innovative Technologien, übergroße
Fertigungsanlagen zu Lasten flexibler kleinerer Schiffbauorte,
unübersichtliche bürokratische Entscheidungsstrukturen im Konzernbereich,
Fehlen einer langfristigen Betriebsperspektive, geringe Beteiligung der
fachkundigen Betriebsleitungen vor Ort und der Beschäftigten an der
Firmenpolitik und die mangelnde Qualifikation der kaufmännischen
Leitungen. Die staatliche Subventionspolitik hat hier nicht gegengesteuert
sondern mit ihren Hilfen oft nur die Konzernbilanzen verbessert, ohne
Einfluss auf die maroden Strukturen nehmen zu können (oder zu wollen). So
wurde vor allem die Konzentration und der Arbeitsplatzabbau
subventioniert. Vorschläge unabhängiger Gutachter zur Lösung der
Werftkrise zielen auf ein „integriertes Strukturprogramm“, in dem die
Rolle und ökonomische Bedeutung der Schiffbauindustrie neu zu definieren
ist und bei dem die Arbeitsplatzsicherung höherrangiges Ziel als bei den
traditionellen Krisenplänen ist:
-
Neubestimmung des
Branchenselbstverständnisses „Werftindustrie“ zu einem auf Sonder- und
Einzelfertigungen hohen technologischen Standards ausgerichteter sowohl
manufakturell als auch industriell operierender Stahl- und
Anlagenbaufirmenkonzept.
-
Förderung des System-, Service- und Consult-Sektors
im Bereich Anlagenbau, Großtransporttechnologie und Umwelttechnik;
staatliche Hilfen für diesbezügliche firmenübergreifende
Forschungskonzepte und Entwicklungsschwerpunkte.
-
Dezentralisierung der Produktionsentscheidungen und
Mittelstandsförderung, um damit dem unbeweglichen Fusionskonzept der
Vergangenheit zu entkommen; Gründung von staatlich gestützten
Technologiezentren im Küstenbereich in Zusammenarbeit mit den
Hochschulen und den Gewerkschaften, um eine optimale Erschließung
vorhandener Kreativitätspotentiale zu erreichen.
-
Aufstellen eines wirtschaftlichen
Standortentwicklungsplanes über die Länder- und Kommunegrenzen hinweg,
um der bisherigen konkurrierenden Wirtschaftsförderung der regionalen
Körperschaften zu begegnen. Dabei ist ein Prioritätenkatalog zu
erstellen, der neben dem Steueraufkommen und der lokalen
Wirtschaftskraft gleichberechtigt den Abbau der Massenarbeitslosigkeit
wie auch die Berücksichtigung von ökologischen Rahmenbedingungen
berücksichtigt.
-
Eine Projektkommission der beteiligten
Gebietskörperschaften wie der Wirtschaft und der Gewerkschaften hat
einen mittelfristigen „Küstenplan“ zu entwickeln und laufend
fortzuschreiben. Die Bindungswirksamkeit dieser Planungen ist durch
Vereinbarungen zu sichern.
-
Mit diesen Vorschlägen greifen wir der
heutigen Situation voraus; doch ergeben die pessimistisch stimmenden
Analysen der Werftkrise kaum andere Handlungsperspektiven, als
grundlegende Strukturreform. Letztlich gilt das für beide verglichenen
Länder: Wir hatten auch für die VR Polen darauf hingewiesen, in wie
starkem Maße die Chance einer Bewältigung der Werftkrise vom
erfolgreichen Verlauf der derzeit diskutierten ökonomischen
Reformbestrebungen abhängt. Trotz aller struktureller Unterschiede
scheint eine Konvergenz der Krisenlösungskonzeptionen zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen festzustellen
sein.
Einige positive Beispiele seien hier kurz zitiert
(nach M.M. Metzner: „Lieber Barhocker zimmern als Stempelgeld kassieren“,
in: FR vom 30.12.86, und anderen Quellen):
- Die Flender-Werke Lübeck setzen ihre
Werfttischlerei für den Innenausbau von Läden, Gaststätten und
Messeständen ein,
- in der Hitzler-Werft in Lauenburg werden ebenso wie
beim Bremer Vulkan Rauschgasentschwefelungsanlagen gebaut, – die
Lindenau-Werft in Kiel baut schwimmende Spezialanlagen zur Wiederbelebung
sauerstoffarmer Gewässer und Sedimente in Flüssen, Seen und
Tiefengewässern. Dabei zeigen sich gerade kleine Betriebe oft
risikofreudiger und innovativer (wie ja auch im klassischen
Schiffbaubereich technische Neuerungen vor allem von mittelständischen
Betrieben wie Meyer/Papenburg oder Heinrich Brand/Oldenburg ausgehen, die
dadurch Standorthandicaps ausgleichen können). Bei Großwerften stoßen
innovative Diversifikationsbestrebungen, vor allem wenn sie nicht aus den
oberen Konzernetagen angeordnet werden, auf Skepsis und hinhaltenden
Widerstand, wie M.M.Metzner am Beispiel einer Arbeitsgruppe bei der Firma
Krupp MaK Maschinenbau in Kiel, einem der wichtigsten Lieferanten von
Schiffsantrieben neben MAN und Daimler-Benz, aufzeigt. „Wie wenig diese
Mühen in Vorstandsetagen gewürdigt wurden, zeigt die kalte Reaktion der
Geschäftsführung auf die Anfrage, ob der Arbeitskreis überhaupt ernst
genommen würde. ‚Der selbsternannte Arbeitskreis ist kein Gesprächspartner
der MaK und keine von unseren Einrichtungen‘“. Es sind ja vor allem
fachkundige Betriebsräte, Gewerkschaftler und Techniker, die sich in
diesem Arbeitskreis zusammengefunden haben, um im Rahmen der Anstöße der
IG Metall für einen positiven Strukturwandel der Werftindustrie, der
Arbeitsplätze sichern hilft, eigene Anstöße zu entwickeln. dass später
dennoch MaK und MAN gemeinsam ähnlich einigen der Vorschläge des
Arbeitskreises ein Blockheizkraftwerk auf Helgoland errichtet haben, ohne
im Bereich der umweltfreundlichen Energietechnik tatsächlich einen neuen
Produktionsschwerpunkt aufzubauen, zeigt sowohl den öffentlichen Druck auf
die recht unbeweglichen Firmenleitungen der Großbetriebe im Konzernverbund
wie die oft sachfremden persönlichen Entscheidungsmotive von Vorständen in
der Großindustrie. Dabei stellt sich auch die Frage nach der Nützlichkeit
von Fusionen als primärem Werftsanierungskonzept. Die bislang
unbefriedigende Lösungssuche in der Werftkrise mit Vorrang von
„Schrumpfung“ vor „Struktursanierung und Innovation“ entspricht zwar
kurzfristiger Orientierung an der bislang mangelhaften Kapitalrendite,
nicht aber unternehmerischem Denken auf längere Sicht hin; diese
Konzeptionslosigkeit sollte daher auch nicht alleiniger
Orientierungsrahmen für staatliche Wirtschaftspolitik sein, die
gesamtvolkswirtschaftlich und wirtschaftsstrukturell (und das heißt auch:
wirtschaftsgeographisch) argumentieren und planen muß. dass das Vertrauen
auf die Management vor allem bei den Großbetrieben unberechtigt ist, zeigt
schon die Krisenanalyse der ersten Bremer Werftkrise 1980/81, wo
eindeutige Fehlentscheidungen im Investitionsprogramm und in der
Produktionsausrichtung zur Zuspitzung der wirtschaftlichen Lage der
Krupp-Werft „AG Weser“ geführt haben, die schließlich zur Schließung der
Werft führten. (Vgl. N.N.v.Haken: „...kostet kaum Köpfe im Management“,
in: VORWÄRTS vom 1.7.1982.) Häufig sind in den letzten beiden Jahrzehnten
vor allem folgende Fehlentwicklungen gewesen: Fehlbeurteilung der
Nachfrageentwicklung, Konzentration auf Massenschiffbau und Tanker statt
auf innovative Technologien, übergroße Fertigungsanlagen zu Lasten
flexibler kleinerer Schiffbauorte, unübersichtliche bürokratische
Entscheidungsstrukturen im Konzernbereich, häufig wechselnde
Besitzverhältnisse, Fehlen einer langfristigen Betriebsperspektive,
geringe Beteiligung der fachkundigen Betriebsleitungen vor Ort und der
Beschäftigten an der Firmenpolitik, mangelnde Qualifikation der
kaufmännischen Leitungen für die Besonderheiten des internationalen
Schiffbaugeschäftes und oft auch eine bewusste „Austrocknung“ des
Investitionsbedarfs der Werften mit dem Ziel der späteren Schließung. Die
staatliche Subventionspolitik hat hier nicht gegengesteuert sondern mit
ihren Hilfen oft nur die Konzernbilanzen verbessert, ohne Einfluß auf die
maroden Strukturen nehmen zu können (oder zu wollen). So wurde vor allem
die Konzentration und der Arbeitsplatzabbau subventioniert. Dies
zusammengenommen, lässt keinen positiven Ausblick für die deutsche
Werftindustrie zu. Das vorläufig letzte Sanierungskonzept vom Herbst 1986
(vom Kieler Wirtschaftswissenschaftlichen Institut und der Firma
Treuarbeit im Auftrag der Küstenländer vorbereitet und in einer
Krisensitzung zwischen Bund und Ländern formuliert) legt wieder nur
vergleichbare Schwerpunkte (Pressemeldungen aus dem BMWi vom 15.10.1986):
–
Abbau der Kapazitäten und der Arbeitsplätze um ca. 30%,
–
Schließung von Klein- und Mittelbetrieben und Konzentration der
Großwerften,
–
staatliche Hilfen aus den laufenden Haushalten von 1987 bis 1988:
Bund: ca. 200 Mio. DM
Schleswig-Holstein: ca. 105 Mio. DM
Bremen: 75 Mio. DM
Niedersachsen und Hamburg je 60 Mio. DM
= insgesamt: ca. 440 Mio. DM
–
dazu sollen aus den Länderhaushalten noch insgesamt 105 Mio. DM für
Infrastrukturmaßnahmen aufgebracht werden
–
und Bund und Länder zusammen werden bis 1989 rd. 340 Mio. DM für
Ersatzarbeitsplätze (Wirtschaftsförderung) bereitstellen.
Um dieses Konzept durchführen zu können, werden den
beiden Krisenländern Bremen (Werftkrise) und Nordrhein-Westfalen (Kohle-
und Stahlkrise) noch je 175 Mio. DM aus dem Länderfinanzausgleich
nachgezahlt. Weiterführende Vorschläge unabhängiger Gutachter z.B. im
Auftrage der IG Metall – in deren Konzept sich auch die erwähnte
MaK-Arbeitsgruppe einfügt – oder der „alternativen Wirtschaftsgutachter“
(die Gegengutachten zu den „offiziellen“ Jahresgutachten der
Bundesregierung ausarbeiten) zielen auf ein „integriertes
Strukturprogramm“, in dem die Rolle und ökonomische Bedeutung der
Schiffbauindustrie neu zu definieren ist und bei dem die
Arbeitsplatzsicherung höherrangiges Ziel als bei den traditionellen
Krisenplänen ist. Einige, wenn auch noch sehr allgemeine Stichworte zu dem
integrierten Strukturprogramm sollen das Konzept verdeutlichen, ohne dass
im Rahmen eines Überblicks mit wirtschaftsgeographischem Schwerpunkt hier
eine endgültige Bewertung dieser Vorschläge vorgenommen werden könnte:
-
Neubestimmung des
Branchenselbstverständnisses „Werftindustrie“ zu einem auf Sonder- und
Einzelfertigungen hohen technologischen Standards ausgerichteter sowohl
manufakturell als auch industriell operierender Stahl- und
Anlagenbaufirmenkonzept.
-
Förderung des System-, Service- und Consult-Sektors
im Bereich Anlagenbau, Großtransporttechnologie und Umwelttechnik;
staatliche Hilfen für diesbezügliche firmenübergreifende
Forschungskonzepte und Entwicklungsschwerpunkte.
-
Dezentralisierung der Produktionsentscheidungen und
Mittelstandsförderung, um damit dem unbeweglichen Fusionskonzept der
Vergangenheit zu entkommen; Gründung von staatlich gestützten
Technologiezentren im Küstenbereich in Zusammenarbeit mit den
Hochschulen und den Gewerkschaften, um eine optimale Erschließung
vorhandener Kreativitätspotentiale zu erreichen.
-
Aufstellen eines wirtschaftlichen
Standortentwicklungsplanes über die Länder- und Kommunegrenzen hinweg,
um der bisherigen konkurrierenden Wirtschaftsförderung der regionalen
Körperschaften zu begegnen.
Dabei ist ein Prioritätenkatalog zu erstellen, der
neben dem Steueraufkommen und der lokalen Wirtschaftskraft
gleichberechtigt den Abbau der Massenarbeitslosigkeit wie auch die
Berücksichtigung von ökologischen Rahmenbedingungen berücksichtigt. e.
Eine Projektkommission der beteiligten Gebietskörperschaften wie der
Wirtschaft und der Gewerkschaften hat einen mittelfristigen „Küstenplan“
zu entwickeln und laufend fortzuschreiben. Die Bindungswirksamkeit dieser
Planungen ist durch Vereinbarungen zu sichern. Mit diesen Vorschlägen
greifen wir der heutigen Situation voraus; doch ergeben die pessimistisch
stimmenden Analysen der Werftkrise kaum andere Handlungsperspektiven, als
grundlegende Strukturreform. Letztlich gilt das für beide verglichenen
Länder: Wir hatten auch für die VR Polen darauf hingewiesen, in wie
starkem Maße die Chance einer Bewältigung der Werftkrise vom erfolgreichen
Verlauf der derzeit diskutierten ökonomischen Reformbestrebungen abhängt.
Trotz aller struktureller Unterschiede scheint eine Konvergenz der
Krisenlösungskonzeptionen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der
Volksrepublik Polen festzustellen sein.
Daneben die Analysen aus der Bremer Zeitschrift
für Wirtschaftspolitik des Bremer Ausschuß für Wirtschaftsforschung,
Materialien und Geschäftsberichte der deutschen Werften und die
Berichterstattung in der aktuellen deutschen und polnischen Publizistik;
Zitierungen sind im Text selbst nachgewiesen.
Anmerkung:
1 Indiz dafür ist z.B., dass der BAW eine groß
angelegte Analyse und Bestandsaufnahme des Weltschiffbaus, deren erster
Teil 1982 veröffentlicht wurde, nicht mehr fortgeführt und, wie
ursprünglich angekündigt, zu einer mittelfristigen Prognose ausgebaut hat
(„da die vorausberechneten Daten schon während der Arbeit von der Realität
widerlegt wurden“, wie dem Vf. mündlich erklärt wurde).
Abkürzungen:
BAW
Bremer Ausschuss für Wirtschaftsforschung
BMWi
Bundesministerium für Wirtschaft
BRD
Bundesrepublik Deutschland
BRT/BRZ
Bruttoregistertonne/Bruttoregisterzahl
DGB
Deutscher Gewerkschaftsbund
DPA
Deutsche Presse-Agentur
EDV
Elektronische Datenverarbeitung
FR
Frankfurter Rundschau
GOP
Oberschlesisches Industrierevier
HAZ
Hannoversche Allgemeine Zeitung
HDW
Howaldtswerke/Deutsche Werft AG Hamburg/Kiel
IG Metall
Industriegewerkschaft Metall im DGB
KüMo
Küstenmotorschiff
MTI
Japanisches Industrie-/Außenhandelsministerium
OBO
Carrier Frachter für „Oil, Bulk, Ore“
RGW Rat
für gegenseitige Wirtschaftshilfe
UNCTAD
United Nations Conference on Trade and Developement
VR Polen
Volksrepublik Polen
VWD
Vereinigte Wirtschafts-Dienste
WK (1.
bzw. 2.) Weltkrieg
Quellen:
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Gerhard Voigt: Bremen – Krise in Schiffahrt und
Schiffbau. In: Wirtschaftskrise. Fallstudien aus Deutschland im Spiegel
der Presse. P.U.Aktuell. Hg. vom Verband der Politiklehrer. Hannover 1983
Lothar Nettelmann/Gerhard Voigt: Polen – Nation ohne
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Freie Hansestadt Bremen: Die bremischen Häfen.
Zahlenspiegel. Jährlich bis 1988. Freie Hansestadt Bremen: Grundsätze zur
Stadtentwicklung. Bremen 1975
Hugo Heeckt: Handbuch der europäischen Seehäfen.
Hamburg 1968
Max Biehl: Dynamisches Japan. Frankfurt 1982 Japanese
shipbuilders. In: The Japan Economic Journal. Sept. 6, 1986, p. 8 f.
Scharrer, Hesse, Krügenau: Japans
Wirtschaftsentwicklung. Hamburg 1982
Daneben die Analysen aus der Bremer Zeitschrift für
Wirtschaftspolitik des Bremer Ausschuß für Wirtschaftsforschung,
Materialien und Geschäftsberichte der deutschen Werften und die
Berichterstattung in der aktuellen deutschen und polnischen Publizistik;
Zitierungen sind im Text selbst nachgewiesen.
Impressum für diese Seite:
Gekürzt und überarbeitet aus: Voigt, Gerhard / Dutkowski, Marek, 1992:
Die Danziger Werft: Symbol der Krise und der Erneuerung. Praxis
Geographie, Jahrgang 22, Heft 4, April 1992: 26-31.
Internetpublikation 20.08.2011 |
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