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Lothar Nettelmann
Transformation in Osteuropa
Die folgende Gedankenskizze ist gedacht für
Kursteilnehmer/innen des 13. Jahrgangs, Themenbereich [Internationales/Transformation
in Osteuropa/Globalisierung]. Ausgehend vom Transformations-Begriff
soll überlegt werden, in wie weit man von einer Transformation i.S.
einer Überlagerung von einem System in ein anderes sprechen kann, was der
Begriff selbst ausdrückt. Dies soll u.a. durch Vergleiche prinzipieller
Ansätze in den früheren östlichen Ländern (überwiegend am polnischen
Beispiel) erfolgen. Dazu bietet es sich an, die Prinzipien des (wie es in
früherer Diktion formuliert wurde) »ökonomischen und gesellschaftlichen
Systems im Sozialismus« daraufhin zu hinterfragen, ob und in wie weit
diese Systeme tatsächlich einer Transformation unterliegen.
Die Frage ist bezüglich des politischen Systems
relativ leicht zu beantworten. Die (formale) Herrschaft einer
Staatspartei als große soziale Bewegung (in Selbstdarstellung), die
faktisch durch eine kleine für Außenstehende nicht nur begrenzt ortbare
Machtelite ,beherrscht‘ wurde, stellt(e) eine Diktatur dar. Diese
wurde umgestoßen und dadurch der Weg freigegeben für die Einrichtung der
Demokratie. Entsprechendes gilt für die – für eine Demokratie
unabdingbare – Einrichtung eines Rechtsstaates, von
gesellschaftlichen Kontrollmechanismen sowie einer grundlegenden Garantie
der Menschenrechte.
So oder ähnlich würde man in der
politisch-journalistischen Sprache die Situation deskriptiv erfassen.
Dazu gehört selbstverständlich auch die Zergliederung der
unwirtschaftlichen und multifunktionalen großen Kombinate und LPGs.
Bei ersteren ist kaum jemand stutzig geworden, war doch in der
kapitalistischen Welt der Fusionsprozess in den übermächtigen ,Multis‘
längst im Gange. Worin besteht überhaupt der Unterschied? Dass die LPGs in
ihrer Konzeption tendenziell durchaus den Vorstellungen der
EU-Agrar-Bürokratie entsprachen, lässt hier die Frage naheliegend
werden: Warum sollten funktionierende Großeinheiten nach der Wende
zerschlagen werden? Dies alles kann doch nicht Ziel und Antrieb für die
Transformation gewesen sein. Nun soll diese Frage so, d.h. auf den
erwähnten Ebenen, nicht beantwortet werden. Es gilt aber, die
Problembereiche aufzuschlüsseln und anhand dessen die Frage nach der
Transformation erneut zu stellen.
Seit einem Jahrzehnt etabliert sich der Begriff
Transformation. Er steht im Zusammenhang mit dem in der
journalistischen wie politischen Sprache bevorzugten Reform-Begriff.
Letzter ist seit dem Ende der 80er Jahre in hohem Maße funktionalisiert
worden. Er diente wesentlich dazu, am Ende der West-Ost-Spannungsbeziehung
eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem zu Ende gehenden System des
,Staatssozialismus‘ zu führen und zugleich die Diskussion um ursprünglich
angestrebte und auf breiter Basis als sinnvoll oder gar notwendig
erachtete Veränderungen in den westlich-kapitalistischen Systemen
abzublocken. Im gg. Zusammenhang sind folgende Ansätze zu diskutieren.
Zum einen ist der Reform-Gedanken bezogen auf
Reformen im bzw. des Sozialismus.
Es handelt sich dabei um Ansätze von aus dem ,östlichen‘ Sozialismus
stammenden Intellektuellen der 60er und 70er Jahre, bevor sie dessen
Unrealisierbarkeit bzw. Illusionismus erkannten.
Zweitens entstammt der Begriff dem linken
kapitalismus‑kritischen Milieu Westeuropas und ist zweifellos Ausdruck
erneuter Rezeption der Revisionismus-Debatten der sozialistischen
Bewegungen seit der vorletzten Jahrhundertwende. Der ,neue‘ Begriff stand
auch im Zusammenhang mit dem Theorem des ,Dritten Weges‘ (zwischen
Kapitalismus und Sozialismus).
Gegen Ende der 80er Jahre bildete sich die
Umwertung des Reform-Begriffes in Westeuropa i.S. einer
unkritisch-unreflektierte Abschaffung des (sozialistischen) Systems
heraus. Gemeint waren dabei mehr und mehr westliche, d.h.
marktwirtschaftliche und zunehmend neoliberale Strukturen und Muster. Man
kann durchaus von einer Umfunktionierung des der Linken entstammenden
Reform-Gedankens sprechen.
Der Begriff der Transformation bezieht
sich somit auf den Systemübergang von ,sozialistischen‘, d.h
zentralistisch organisierten Planungs-Systemen zur
liberal-kapitalistischen Ordnung.
Das erste Problem setzt ein bei einer zeitlich
differenzierten Betrachtung. Zunächst ist festzustellen, dass eine
Fixierung auf die Jahre 1989/90 für den Beginn der Transformation
als adäquat erscheint. Das Problem liegt darin begründet, dass es keinen
klar bestimmbaren Zeitpunkt dieses Beginns gibt.
Zum Einen sind Übergangsphänomene zur
liberal-kapitalistischen Ordnung z.B. in Ungarn bereits lange
zurückliegend in den 70er Jahren erfolgt. Sie waren geknüpft an
Kooperationen (in der Regel durch Lizenznahmen). Ähnliches gilt für Polen;
dort bestanden zusätzlich erhebliche ›graue‹ Wirtschaftsbereiche. In der
nach damaligem Recht irregulären Praxis in der Ökonomie (die Begriffe
illegal oder illegitim sind zu vermeiden) handelte es sich um
privat organisierte Ansätze des Wirtschaftens, die später als
marktwirtschaftliche Vorformen definiert und anerkannt worden sind.
Hieraus entstanden bald funktionierende oder gar erfolgreiche und
dominierende Handelsketten (bzw. Händlerringe) bis in die östlichen
Regionen der ehemaligen UdSSR hinein. Zudem verfügten insbesondere die
westlichen Länder des früheren RGW über nennenswerte ,Restbereiche‘
privater Wirtschaftsorganisation. Insgesamt sind Langzeitveränderungen
zu konstatieren, die ebenfalls die Suggestion eines ,abrupten Wechsels‘
widerlegen.
Ein weiterer Gedanke betrifft überstaatliche
Organisationen im ,Westen‘. Diese Thematik soll aber ausgeklammert
werden.
Man kann nicht von ,dem‘ oder ,einem‘
staatssozialistischen
System ausgehen, das dann ab 1990 transformiert werden sollte. Dabei wird
zumeist außer Acht gelassen, ob es in der Sprachregelung des Westens
enthalten ist, ob sich ,die Systeme‘ selbst transformieren sollten und
würden oder ob dies unter indirektem oder ggf. beratendem Einfluss aus dem
Westen, ‘von selbst‘ bzw. über die dominierenden Systeme des Westens mit
deren ,Hilfe‘ oder ob dies unter mehr oder weniger hohem ,Einfluss‘ zu
geschehen habe.
Das Problem liegt u.a. darin, dass es über den als
Transformation beschriebenen Prozess keine substanziellen und
grundlegenden Theorien gab und gibt und keine konkreten theoretischen oder
planerisch-praktischen Ansätze existierten bzw. diese niemals entwickelt
worden sind. Es wäre ein sicherlich interessanter, letzlich aber wohl
eher als historische Ironie zu wertender Gedanke, würde man die
Theorien des Übergangs aus den 60er und 70er Jahren sozusagen im
umgekehrten Sinne zum Vergleich heranziehen. Die Theorien der
Übergangsgesellschaften sowie des Dritten Weges haben nie
ernsthafte Resonanz in politisch relevanten und ökonomischen
Bereichen gefunden. Dies liegt nicht am geringen wissenschaftlichen
Wert oder der mangelnden Reflexionsfähigkeit dieser eher der Linken
zuzuordnenden Wissenschaftssparten und den diese Theorien entwickelnden
und diskutierenden Intellektuellen, sondern wesentlich an den
entsprechenden unterschiedlichen Zugängen zur Durchsetzung von
Entscheidungen, d.h. letztlich und eindeutig über die Verfügung der
Macht selbst.
Die östlichen Systeme beinhalteten Modelle von
Planung, Lenkung und Verteilung der Produktion, die wiederum einst in
kapitalistisch hochentwickelten Staaten entstanden waren. Dieses ist
wiederum als Ausdruck einer sich in hohem ökonomischen Entwicklungszustand
befindlichen Staatsgesellschaft zu werten. In diesen Gesellschaften ist
diese Wirtschaftsform in Krisen- oder Kriegszeiten als
Kriegswirtschaft unter substanziellen Zwängen effizient praktiziert
worden bis zum Zusammenbruch einer der gegnerischen Seiten auf Grund der
Übermacht der anderen. Der Erste und insbesondere der Zweite Weltkrieg
hätten ohne diese Praxis seitens Deutschlands (und Japans) nicht solange
logistisch geführt werden können.
Den Modellen von Kriegswirtschaften ähnliche oder
identische Wirtschaftsformen bestehen z.B. in den Bereichen Post und
öffentlichen Verkehrs-Systemen, der Elektrizitäts-Wirtschaft sowie den
Infrastruktur-Maßnahmen im Eisenbahn- und Straßenbau. Erst in jüngster
Zeit erfolgt in West-Europa nach und nach ein Umbau in Richtung
Privatisierung dieser Bereiche. Worum es im gg. Zusammenhang geht:
Diese Beispiele stellen keinen Gegensatz zu denen der früheren östlichen
Systeme dar, sondern eher zeitabhängige Varianten. Diese Varianten
beziehen sich dabei z.T. auf abweichende Finanzierungsmodelle
(einschließlich der Einnahmeseite) und auf die Einkommenssituation der
Beschäftigten. Es hat zwar Erstarrungen im Verbleiben in staatlich
gelenkten Ökonomien gegeben, nicht aber in der Substanz originär eigene
Modell-Konstrukte.
Wenn man die umfangreichen Subventions-Systeme
(Schiffs- und Flugzeugbau, die Schwer- und Elektronik-Industrie über die
militärisch-industriellen Komplexe, die gesamte Agrarwirtschaft)
kapitalistischer Länder hinzurechnet und die Staatsquoten in Westeuropa
die von ≈ 40% bis
≈
50% Prozent liegen oder lagen, dann ist der Begriff der
Transformation unter diesen Aspekten nicht mehr haltbar und inadäquat,
da er eine generelle oder weit gehende Veränderung suggeriert.
Ein weiterer Vergleichsansatz sind die oftmals als
Sozialstaat bezeichneten Versorgungs-Systeme westeuropäischer
Staaten. Sie sind in der Regel nur formal z.T. ,staatlich‘ und werden
abschwächend als gesetzliche Pflichtversicherungen oder soziale
Sicherungssysteme benannt. Sie unterliegen klaren rechtlichen, d.h.
staatlichen Regelungen und Einflüssen. Sie sind faktisch
staatlich-ökonomischen Bereichen zuzuordnen und sind somit letztlich
Bestandteil und Ausdruck von Staatsorganisation selbst.
Die ehemals östlichen Modelle der dortigen Sozial-
und Gesundheitsversorgungs-Systeme sind allesamt zweifellos dringend
verbesserungsbedürftig gewesen. Es bestand eine dringende
Reform-Notwendigkeit – dieses aber unter dem Mainstream
Transformation zu subsumieren, ist alles andere als eine geglückte
Wahl der Formulierung.
In Westeuropa anhängige Diskussionen über
Reformen im Gesundheitswesen, die drohende (oder bereits bestehende)
sog. »Zwei-Klassen-Medizin«, die jahrelangen Diskussionen über
(überfällige) Reformen im Gesundheitswesen durch
Privatisierungen, gibt es in Osteuropa längst in der Praxis auf Grund des
Zusammenbruchs der Gesundheitsversorgungs-Systeme seit dem Ende der 80er
Jahre. Entsprechendes gilt leider auch für die Bildungs-Systeme,
wenngleich letzteres in Westeuropa nicht in entsprechendem Maße
bekannt und bewusst ist.
Dies alles ist nicht Ausdruck von System-Transformation
sondern könnte als Ausdruck ,kollektiver Konkursverschleppung‘ großer
Figurationen und gigantischer Ökonomie-Einheiten angesehen werden.
Andererseits ist ein Bereich in der westeuropäischen Betrachtung
ausgenommen, der m.E. in erheblichen Maße eine kurzfristig notwendige
radikale Veränderung durch unabdingbare Anpassung und nicht diskutable
Übernahme von Verhaltensmustern und -praxen erfordert. Es handelt sich
wesentlich um den Wandel vom ›Homo sovieticus‹ zum ›Homo ökonomicus‹.
Die dafür erforderlichen tiefgreifenden Veränderungen sind leider kaum
erforscht. Östliche Wissenschaftler sind dazu unwillens. Im Westen wird
die Notwendigkeit zur Erforschung nicht gesehen. Ein Grund mag sein, dass
die frühere Ost-West-Spannungsbeziehung aufgehoben ist und die Motivation,
das bis dato Gegensätzliche zu erforschen, allein dadurch gegenstandslos
geworden ist. Vielleicht besteht auch dort kein Interesse, da es durchaus
vergleichbare und partiell kongruente Bereiche gibt. Man denke z.B. an das
,Gimme [„give me“]-Syndrom‘, die ,Versorgungs-‘ wie die
,Beamten-Mentalität‘, d.h. an sehr weitgehende (staatliche oder staatlich
beeinflusste) Versorgungs‑Systeme sowie die damit verbundenen
Habitus-Entwicklungen, Dinge also, die im Westen eher als politische
Dispute in Wahlkämpfen ausgetragen werden. Instrumentalisierung statt
Diskussion? Dazu gehören auch die Bereiche Partizipation durch
Verteilungsgerechtigkeit. Auch diese dem Theorie-Denken des
Sozialismus entstammenden Ansätze können nur anskizziert werden.
In der westlichen ,
politisch-journalistischen Sprache wurde Transformation mit der
,Einführung‘ bzw. ,Übernahme‘
des westlichen Demokratie-Modells gleichgesetzt. Dies ist zunächst auch
erfreulich, sinnvoll und als vielversprechend anzusehen.
Das Problem besteht nun darin, dass man in West‑
wie Osteuropa seitens der jeweiligen Machteliten über die
Transformation zu Demokratie und Rechtsstaat zu
gelangen gedachte und dieses zumeist über ökonomische Reformen,
d.h. wiederum über die Übernahme des westlich-kapitalistischen Modells zu
erreichen trachtete. Dass dieses zugleich einen Einstieg in einen hoch
dynamischen und komplexen Veränderungsprozess bedeutete, den seit den
80er Jahren begonnenen Prozess der Globalisierung, verbunden mit
den bereits seit Jahrzehnten anhaltenden
Internationalisierungs-Vorgängen, war zu Beginn der
Transformations-Phase kaum jemandem bewusst.
Kann der Rechtsstaat noch über anerkannte
und tradierte – man kann durchaus aus Überzeugung sagen – ,bewährte‘
Prinzipien
beschrieben werden, so ist die Zuwendung zum Demokratie-Prinzip
deutlich schwieriger.
Es kann an dieser Stelle nicht vertieft werden und
soll nur anskizziert werden. Als Selbstverständlichkeiten wurden freie
und geheime Wahlen einschließlich des freien Zugangs zum aktiven und
passiven Wahlrecht in den Transformations-Ländern beschlossen und
durchgeführt. Es wurde in Polen ein Zweikammer-System eingerichtet, wobei
das Parlament nach dem Verhältniswahl-System gewählt wurde und der
Senat nach dem Mehrheitswahl-System. Die Macht des Staatspräsidenten
wurde auf Betreiben des damaligen Amtsinhabers Lech Wałęsa und seiner
Berater gestärkt. Das Paradoxon bestand darin, dass die Solidarność
zuvor die Fülle der Macht des Präsidenten kritisiert hatte. Jetzt aber,
nach erfolgter Machtübernahme und Besetzung der Position mit der ,Gallionsfigur‘
der Umwandlung, mit Lech Wałęsa selbst, begründete man die
Verfassungsänderung damit, dass „man nun ja selbst die Macht habe.“ Es
handelt sich dabei nicht nur um einen Trugschluss, sondern vermutlich die
gewollte Ausblendung respektive Verhinderung eines
gesamtgesellschaftlichen Diskurses über die Inhalte und Formen des
Demokratie-Begriffes und anhand dessen über den Weg zur Demokratie
selbst.
Das Rechtsstaats-Postulat scheint weniger
problembelastet zu sein. Es wird in Ost-Mitteleuropa in den
intellektuellen Milieus und den sie tragenden Mittelschichten als
notwendig und längst überfällig angesehen, Rechtsstaats-Prinzipen
(wieder) einzuführen um Rechtssicherheit und dadurch legitimierte
Ordnungssicherheit zu gewährleiten. Dies ist unzweifelhaft auch
gut so. Rechtssicherheit, Ordnungssicherheit und und
Transparenz bei Verwaltungsentscheidungen sind die gewünschten Folgen
und gelten als unabdingbar anzustreben.
Dazu gehört auch, dass allein in Polen rd. 10.000
Gesetze, Verordnungen, Verwaltungsvorschriften und andere Bestimmungen
den EU- Normen anzupassen waren und sind. In den Medien sprach man von
einem ,Fließbandverfahren‘. Die Vorgänge selbst wurden nicht kritisiert.
Im Gegenteil, bei ansonsten oft scharfer Kritik an der
parlamentarischen Praxis wurden diese Mühen positiv bewertet – abgesehen
von demagogisch operierenden Gruppen und Presseorganen, die die
anti-europäische Stimmung instrumentalisierten. Diese Arbeit wurde
insbesondere in der Legislaturperiode von 1997-2001 geleistet, in der
die aus der Solidarność hervorgegangene AWS mit Jerzy Buzek den
Ministerpräsidenten stellte und das Links-Bündnis (SLD), das im Oktober
2001 Wahlsieger wurde, die Opposition bildete. Aktiv beteiligt waren
insbesondere die früheren Berater der Solidarność, die der zur
Liberal-demokratischen Partei zusammengeschlossenen bürgerlichen Mitte
angehören, numerisch und politisch aber zwischen den Linken und den
konservativen wie bäuerlichen Gruppen inzwischen zur kleinen Minderheit
geschrumpft sind. Es handelt sich dabei um in Westeuropa hoch geschätzte
Politiker wie z.B Tadeusz Mazowiecki, Bronisław Geremek und Władysław
Bartoszewski. Die Einführung des Rechtsstaates kann als
abgeschlossen betrachtet werden.
Eine andere Ebene stellt die Akzeptanz in der
Bevölkerung dar. Dieses Phänomen ist aber eher unter dem Primat der
Distanz zum Staat generell zu sehen. Es ist eingebunden in die
Fragestellung zur Staatsgesellschaft.
Ein gesellschaftlicher Konsens im Übergang zum
Demokratie-Prinzip ist noch nicht gegeben. Der diesbezüglich
beobachtbare Prozess kann im gg. Zusammenhang nicht differenziert
betrachtet werden. Seine Probleme sind in wesentlichem Maße auch im
Kontext mit der begrenzten Akzeptanz des Staates zu sehen, mit der
kritischen Sicht der Rolle des Staates bezüglich der Gewährung von
Ordnungssicherheit. Das Entscheidende scheint aber nicht nur das
prinzipielle Misstrauen in der Gesellschaft gegenüber dem Staat zu sein,
sondern ebenfalls die hochgradige Verunsicherung die durch vielfältige
negative Erscheinungen seit der ,Wende‘ die große Mehrheit der
Bevölkerung getroffen haben. Obwohl es deutliche positive
Entwicklungsansätze gegeben hat und ein großer Teil der Bevölkerung sich
gegenüber den 80er Jahren (objektiv) zweifellos in einer deutlich
besseren Situation befindet, ist jedoch die Selbsteinschätzung zu den
,Verlierern‘ (zumindet zu den Nichtpartizipienten am Erfolg) zu gehören,
recht groß.
Es scheint, dass das subjektive Gefühl, nämlich dass die eigene,
individuelle Situation sich in absehbarer Zeit über und durch den
Staat nicht verbessern lässt, dominiert.
Letzteres ist nicht von der Hand zu weisen. Große
Bevölkerungsteile der Transformations-Länder leiden unter dem
Zusammenbruch des Gesundheits- und Bildungswesens, sie
spüren die zunehmende Diskrepanz zwischen sich steigernden Wünschen
(Aspirationen) und der nüchternen Einschätzung von Realisierbarkeit, was
an sich nach erfolgten Euphorien einen Regelfall darstellt. Menschen
machen die Erfahrung, dass sie durchaus ihre persönliche Situation,
ihren Lebensstandard, verbessern können z.B. durch erhöhten
Arbeitseinsatz, d.h. in der Regel durch Überstunden oder den ,zweiten
Job‘, ggf. in Bereichen der grauen Wirtschaft oder auch duch
Geldverdienen in Westeuropa oder den USA.
Sie fühlen sich dann darin subjektiv bestätigt,
dass das zusätzlich erhöhte Einkommen jeweils durch ihre eigene Tätigkeit
bewirkt wird fern oder trotz staatlicher Regelungen.
Diese negativen Eindrücke werden (nicht
abnehmend!) durch Berichte in den Medien oder anderweitig transponierte
Erfahrungen bestärkt, die über Schlagworte wie ,Korruption‘,
,Schmiergelder‘ oder gar ,Ausplünderung‘ durch ,die da oben‘
gekennzeichnet sind. Entsprechende Strafverfahren sind anhängig. Dieses
sind aber sozialpathologische Erscheinungen, die man mit dem
vergangenen System assoziierte und zunächst überwunden glaubte.
Die daraus entstandenen Gefühle von Frustration
und Ohnmacht sowie Misstrauen gegenüber Jedermann sind die Folgen von
enttäuschten Hoffnungen, von erwarteten Chancen, von einem geglaubten
besseren Leben, aber auch dem erfahrenen Misserfolg, dem erlittenen
Unrecht durch Betrügereien, nicht eingehaltene Versprechungen etc.
Auch die Übernahme von Rechtsstaats-Prinzipien
darf nicht überbewertet werden. Auch auf die Gefahr hin, der Polemik
verdächtigt zu werden, zum Vergleich: Der Rechtsstaat wurde in der
Nachkriegszeit in Westdeutschland mit Juristen vollzogen, die allesamt
als Beamte, Richter, Hochschullehrer, Anwälte oder in der Industrie
und Verwaltung tätige Juristen dem NS-Staat ,treu‘ gedient hatten.
Ein heikles Thema ist die Entfernung des
wissenschaftlichen Personals aus ihren Funktionen in den Universitäten in
den Jahren 1990/91, die formal eine Nichtübernahme in die ,neu
gegründeten‘ Universitäten nach neu erfolgten Stellen-Ausschreibungen
und veränderten Anforderungs‑Bedingungen waren und in den neuen
Bundesländern zu erheblichem Unmut wegen der Bevorzugung westdeutscher
Nachwuchs-Wissenschaftler führte. In Polen dagegen gab es diese
Problematik – aus naheliegenden pragmatischen Gründen, aber auch auf
Grund der dort anders eingeschätzten Qualifizierungen – nicht.
Dieses ist aber wesentlich ein Problem des
wiedervereinígten Deutschlands. Übrigens wird es tunlichst vermieden, den
Transformations-Begriff auf die fünf neuen Bundesländer anzuwenden!
Die einzelnen Beispiele sollen kurz dargestellt
werden. Die ,Sozialistischen Länder‘ haben seit den 70er Jahren eine
Investitionspolitik betrieben, um eine Stabilisierung der dortigen
Volkswirtschaften durch Modernisierung herbeizuführen. Das
bedeutete konkret den letztlich vergeblichen aber zunächst Erfolg
versprechenden Versuch, den technologischen Entwicklungs-Rückstand, der
nahezu alle Bereiche der Technik und Wissenschaft umfasste, (außer
partielle Bereiche des Rüstungssektores der UdSSR) auszugleichen. Diese
Kompensation sollte überwiegend durch kreditfinanzierte Lizenznahmen
erfolgen.
Vom ,Einholen des Westens‘, von dem noch Nikita
Chrustschow gesprochen hatte, war schon lange nicht mehr die Rede. Unser
Problem stellt sich folgendermaßen dar: Ist die Lizenznahme im
PKW-Bereich [PL: Polski-Fiat, SU: Fiat-Lada, RO: Renault-Dacia, Y: VW-
und Fiat-Lizenzen] schon Ausdruck einer Anpassung der Produktionsweisen
und damit des ,Anderen‘, also des in gegenüber den ,kapitalistischen
Ländern‘ befindlichen und als solcher bezeichneter Systemkonkurrenz? Sind
sie somit höchstens im Sinne der »Konvergenz-Theorie«
vergleichbar?
Wenn letzteres der Fall ist, dann ist die Frage
der Transformation keine prinzipiell-strukturelle Frage mehr,
sondern eine tendenzielle, charakterisiert durch Strukturdefizite – also
keine Frage ,der Systeme‘ an sich.
Ähnliches wie für Polen gilt für Ungarn. Dort gab
es langjährige Kooperationen im Bereich der Busse: Ikarus/MAN/Volvo. Ein
Prinzip marktwirtschaftlicher Ökonomie galt auch für die
Lizenzprodukte: Sie wurden auch auf westlichen Märkten angeboten und
mehr oder weniger erfolgreich verkauft. Der letztliche Misserfolg
dieses planerischen Ansatzes offenbarte alle komplexen
Strukturdefizite der RGW-Regionen. Dass das angestrebte Prinzip also
ambivalent war, liegt auf anderer Ebene. Die östlichen Produkte waren
ausschließlich aufgrund von Preisdumping ,absatzfähig‘, sie waren aber
generell auf freien Märkten nicht ,konkurrenzfähig‘.
Die Prinzipien: Man stellte sich (formal) dem
Weltmarkt. Die negativen Seiten der sozialistischen Ökonomie:
unzureichende Qualität, ineffiziente Organisation,
Rationalisierungs-Rückstand, mangelnde Produktivität sind nicht mehr zu
kaschieren. Die genannten Gesichtspunkte sind zwar gravierend und für den
System-Zusammenbruch mit ausschlaggebend, sie belegen aber nicht das
prinzipielle ,Anderssein‘ im System.
Schwer zu beantworten ist die Frage, ob die
östlichen Zentralplanungs-Systeme sich prinzipiell oder graduell vom
Management kapitalistischer Konzerne unterschieden. Auch für sie galt die
längerfristige planende Organisation von Arbeitsabläufen an
Fließbändern, der Zuführung von Vorprodukten, der Entwicklungsplanung
eines technischen Produktes. Die begrenzte Innovationsfähigkeit liegt auf
anderer Ebene, ist zweifellos mit dem System verbunden, ist zwar eine
,erhebliche‘ aber keine ,prinzipielle‘ Frage.
Nowa Huta hat als im Standard der 50er Jahre
moderne Hüttenstadt gut funktioniert, solide produziert und und war
volkswirtschaftlich gesehen keine grundsätzliche Fehlentscheidung,
wenngleich auch die Standortwahl dem »Primat der Politik« entsprach. Aber
in welchem Land zentralistischer oder föderalistischer Struktur
geschehen substanzielle Investitionsentscheidungen in erster Linie nach
,ökonomischen‘ Kriterien?
Die Betroffenheit im Zugang zur weltweiten
Stahlkrise zur Mitte der 70er Jahre ist nicht dem System anzulasten. Die
Neukonzeption der Huta Katowice weist charakteristische Kriterien des
kommunistischen Staates auf: Prestige-Denken, gravierende
Fehleinschätzungen bezüglich der Absatzplanung und Realisierbarkeit
politischer Vorgaben bezüglich Qualität und Quantität, politische
Einflussnahmen unqualifizierter Funktionsträger.
Das Fehlerhafte ist insofern für das System
charakteristisch, als es nicht korrigierbar war. Die Ursache hat
politische, d.h. machtspezifische Gründe: Die faktisch ausgeschlossene
Kontrolle seitens der Beherrschten gegenüber den Regierenden.
Der Verbleib des Machtmonopols in den Händen weniger, die ihrerseits die
freie Beschaffung und den Austausch von Informationen und damit die
Übernahme neuen Wissens durch die vorhandenen Machtapparate verhinderten.
Die freie Entfaltung der Persönlichkeit war äußerst erschwert. Positive
Effekte zur Entwicklung der bzw. in der
Gesellschaft waren extrem gehindert. Die Folge ist das, was Rudolf Bahro
die »Kollektive Verantwortungslosigkeit« nannte. Dieses ist aber
allen Einherrschaften oder Diktaturen immanent, unabhängig davon in wie
weit sie ihre Legitimation dogmatisch, d.h. von monopolisierbaren
Lehrmeinungen und Glaubensdoktrinen ableiten. Aus der genannten
Problematik resultiert der hohe Anpassungsdruck im Prozess der (nennen
wir sie weiterhin:) Transformation.
Andererseits: Welche Fehler in kapitalistischen
Unternehmen wurden ,rechtzeitig‘ korrigiert und welche Folgen derselben
sind nicht in letzter Konsequenz von der gesamten Gesellschaft getragen
worden.
Vom Systemgegensatz verbleiben letztlich schwer
korrigierbare psychosoziale Fehlentwicklungen. Zu deren Umlenkung bedarf
es möglicherweise mehr als einer Generation. Aber genau diese
Problematiken werden aus der Alltagsdiskussion ausgeblendet. Der
politische wie der wissenschaftliche Diskurs leiden unter der Dominanz
der Instrumentalisierbarkeit von Problembereichen in den jeweils
tagespolitischen Auseinandersetzungen, in den immerwährenden
Machtkämpfen. In wie weit die Funktionalisierbarkeit als dominantes
Prinzip eine Rolle spielt, kann aus dem gg. Zusammenhang nur vermutend
abgeleitet werden. Es gibt aber gute Gründe zu dieser eher für die
Politische Kultur pessimistischen Einschätzung. Über Relativierungen
ergeben sich Differenzen – aber liegen die Prinzipien über ihre
Negativfolgen so weit auseinander?
Ein weiterer Bereich ist (bzw. war) die
Einbeziehung der industriellen Produktion (Textilindustrie, Chemische
Industrie, Herstellung von Vorprodukten ) in die kapitalistischen
Weltmärkte. Es handelt sich dabei um ein Phänomen, das in der Zeit
globalisierter Marktbeziehungen zur Undurchschaubarkeit vieler Produkte
führt. Man vermag bei kaum einem Produkt noch alle Wege nachzeichnen bis
zu dem Moment, in dem es der Kunde erwirbt. Dies ist heutzutage selbst bei
einem Joghurt-Becher unmöglich geworden.
Für die jahreszeitbezogenen SSV und WSV in
Westeuropa produzierten Güter (die zudem oft kurzfristig dem dortigen
,Markt‘ entzogen worden waren und dadurch der eigenen Bevölkerung
vorenthalten wurden) war der Preis der angebotenen Ware das
entscheidenden Kriterium, nicht der Produktionsort: Ł ódź,
Plauen, Pakistan oder Portugal.
Die Frage der Arbeitsbedingungen ist graduell,
wenngleich die soziale Absicherung in der DDR oder Polen prinzipiell und
deutlich besser war als in Ländern der Semiperipherie.
Von Ländern wie der
ČSSR und Ungarn wurde in der
Wendezeit berichtet, dass es in der Ökonomie und anderen Bereichen der
Wissenschaft, aber auch in den Planungsinstitutionen Vorbereitungen zur
Umstellung der Produktion nach betriebswirtschaftlichen Kriterien (in der
sicheren Erwartung von bevorstehenden qualitativen Veränderungen?)
gegeben hat.
Die relativ schnellen Umstellungen auf die neuen
Anforderungen, das schnelle Erlernen neuer Inhalte, hat für jüngere
Experten oftmals nur wenige Wochen oder Monate bedurft. Auch dieses kann
als Beleg für das nachholende und kompensatorische Lernen des bis dato
Unbekannten, den Ausgleich von Modernitätsdefiziten gelten.
Junge russische, polnischen, tschechische,
ungarische etc. Wissenschaftler und Experten haben z.B. sehr schnell Fuß
gefasst im Einstieg in die neuen Technologien (IT-Bereich). Dies mag
durchaus daran liegen, dass die mathematisch-naturwissenschaftliche
Ausbildung in den östlichen Ländern sehr gut war. Den Sozialismus
als etwas prinzipiell bzw. substanziell ,Anderes‘ hat es nur in der
Vorstellungswelt der Dogmatiker gegeben.
All das lässt den Transformations-Begriff
im Lichte von partieller Rückständigkeit sowie von Struktur-Disparitäten
erscheinen von nachzuholendem Know-how, insgesamt von nachzuholenden
strukturellen Veränderungen.
Transformation bedeutet im
gesellschaftlich-ökonomischen Bereich nicht die Einführung von etwas
völlig ,Neuem‘.
Der Text wurde verfasst im Anschluss an eine
Studienfahrt eines Leistungskurses (Erdkunde) und eines Grundkurses
(Politik) nach Polen. Nach Vorbereitungen im Unterricht und Diskussionen
mit Experten auf der Reise stelle sich der Bedarf zu einer
Gesamt-Darstellung des Vorgangs der Transformation heraus. Der
vorliegende Aufsatz stellt den Versuch dar, auf der Basis von
Deskriptionen und möglichen Definitionen einschließlich eines
semantischen Zugangs zur Begrifflichkeit in einer möglichst
,schülerfreundlichen Sprache‘ zur Problematik hinzuführen. Das seit
längerer Zeit sich ergebende Phänomen, seitens der Schülerinnen und
Schüler längere Texte nur widerwillig zu lesen, komplizierte
Satzbildungen nicht durchdringen zu wollen und Fremdwörter möglichst nicht
in ihrer Tragweite erfassen zu wollen oder nicht nachzulesen, auch
unreflektiert dem Wust von Angeboten des Internets nachzugeben und nach
Zufallskriterien fragwürdige Textdarstellungen zu entnehmen. Dem
Mainstream zu kurzen vereinfachten und ggf. bruchstückhaften Gedanken und
ihren entsprechenden Urteilsbildungen soll ebenfalls entgegengewirkt
werden.
Insgesamt stellt der Text den Versuch dar, den
tradierten Ansatz der Politikdidaktik, problemorientiert in den
entsprechenden Ebenen in komplexe Zusammenhänge einzudringen und diese
über ihre zeitgeschichtlichen Zusammenhäng zu bearbeiten und als
längerfristige Prozesse zu begreifen. Das neue (universalistische)
Problem, der vereinfachenden journalistisch - politischen Sprache in den
Medien wie der aktuellen Politik, den zunehmend – je nach dem –
euphemistischen Darstellungen oder überzeichnenden Negativdarstellungen
und Verzerrungen wie Simplifizierungen muss entgegengewirkt werden.
Wir müssen uns dem Gratwandel stellen,
einerseits auf der Basis der Schülersprache und ihrem Verständnis zu
arbeiten – und dies angesichts oftmals unzureichender Vorbereitung durch
die Sekundarstufe I – und andererseits den Ansprüchen eines
entsprechenden Reflexionsgrades zu entsprechen.
Anmerkungen :
Top
Dokument
Information:
Veröffentlicht
in politik unterricht aktuell
Heft 1-2 /
2001,
»Verändern und Verbinden«
Hannover, 2001. 132 S., A 5, kart.,
vergriffen
Herausgeber:
Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Potsdamer Straße 20, D 30952 Ronnenberg
/ Region Hannover
eMail:
bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de
Internetseite / politik unterricht aktuell 1-1/2001 /
Lothar Nettelmann:
Transformation in Osteuropa
27.04.01/01.06.02 Version 3, P101-N1.DOC.
/ P101-N1.htm. Internetpublikation
www.pu-aktuell.de 01.06.02 / Aktualisierung 01.07.2003
Letzte Änderungen: 10.08.2004
Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im
Schul- und Bildungsbereich zugestanden. Jede weitere Verwendung nur mit
ausdrücklicher Zustimmung des Herausgebers, Verband der Politiklehrer,
Hannover, e.V., Vorsitzender und
verantwortlich für die Internet-Publikation: Gerhard Voigt, OStR i.R.
eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de.
http://www.voigt-bismarckschule.de
Durchsicht und Übernahme in www.Polen-Didaktik.de
28.07.2009
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