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Lothar Nettelmann:

Oppositionelles Verhalten von Deutschen und Polen
zwischen Anpassung, Arrangement und Widerstand

Das vorliegende Referat stellt eine überarbeitete Fassung des Manuskriptes eines Vortrages dar, der am 24.04.1998 im Polnischen Institut in Leipzig gehalten wurde. Grundlage ist eine gesellschaftshistorische Betrachtung, die zivilisationstheoretische Ansätze sowie Fragen des Prozesses der Staatsbildung einbezieht. Der Vortrag knüpfte an das Referat von Wodzimierz Bartodziej zum Thema ‚Die DDR-Stasi im befreundeten Nachbarland‘ an. Zunächst wird an zwei Aussagen in Bartodziejs Vortrag Bezug genommen.

-    „In Polen gab es ca. 24.000 Mitarbeiter des Geheimdienstes.“

-    „Alle Maßnahmen der Stasi haben letztlich nichts bewirkt.“ [1]

Es konnte angeknüpft werden mit der Feststellung, dass, wenn man die Zahl der Geheimdienstmitarbeiter in der DDR und der VR Polen vergleicht und in Beziehung setzt zur Bevölkerungszahl, man auf etwa ein Verhältnis von etwa 10 : 1 kommt. Das bedeutet, dass die DDR einen entsprechend erheblich höheren finanziellen Aufwand beim Einsatz des entsprechenden Personals gehabt hat. Vergleichbare Zahlen für diesen Irrwitz können nur vermutet werden. Ziel des vorliegenden Referates soll es u.a. sein, eine Antwort darauf zu erhalten, warum die langjährigen Versuche der Stasi in der polnischen Gesellschaft kaum Resonanz gefunden haben.

Es fällt schwer, angemessene Begriffe für die ‚Opposition‘ zu finden um – ja, was eigentlich zu beschreiben? Die DDR betreffend ist der Begriff überhöht und unspezifisch. Wenn, dann müßten Personengruppen – gar als Widerstandsgruppen – abgegrenzt und definiert werden. Dieses scheint kaum möglich. Auch der Dissidenten-Begriff passt nicht. Er möge den tschechischen, ungarischen und russischen Intellektuellen vorbehalten sein. Die polnische Opposition hebt sich in ihrem Verhalten erheblich von dem der UdSSR, der CSSR und Ungarns ab.

Man kann sich bei diesen Betrachtungen, die die DDR betreffen, nicht auf wenige Gedanken beschränken. Es zeigt sich, dass man die DDR nicht herausgelöst von der gesamten deutschen Gesellschaftsgeschichte betrachten kann. Der Weg der deutschen Gesellschaft hat sich nur kurzzeitig geteilt. Man muss zunächst feststellen, dass in Polen die Oppositionsbewegung (1980) einen Großteil der polnischen Gesellschaft umfasste.[2] In der DDR war im Gegensatz dazu die große Mehrheit der Bevölkerung gegenüber dem Staat und seinem System weitgehend loyal.[3] Der große Umschwung kam erst nach der Maueröffnung am Abend des 9. November 1989, dann aber binnen weniger Tage oder auch nur Stunden, als sowohl die zuvor geglaubten propagandistisch vermittelten Negativstereotype zusammenbrachen und eine Desillusionierung betreffend der realen sozio-ökonomischen Situation erfolgte.

Dieses soll nicht die Bedeutung von Friedens-Gebeten[4] schmälern, aber auch nicht die der nicht im ‚mainstream‘ der SED liegenden, machtärmeren Angehörigen der DDR-Intelligenz. Die Fragestellung muss umgekehrt lauten: Warum haben die Menschen in der DDR so lange funktioniert, so lange loyal und pflichtbewußt gehandelt? Es muss mit dem zusammenhängen, was man als den ‚Nationalcharakter[5] der Deutschen‘ bezeichnet.

Der Schlüssel liegt im Zivilisationsprozess dieser westmitteleuropäischen Figuration.[6] Es handelt sich um einen historischen Prozess, der zunächst betreffend die Oberschichten, den Adel und das Bürgertums, das den Habitus des Adels nachahmte, beschrieben werden kann.[7] Der Preis war die Aufgabe einer eigenständigen intellektuellen Entwicklung der DDR-Gesellschaft. Man denke zum Vergleich an das Versagen des deutschen Bürgertums in der Phase nach 1848, das abrupte Entfernen von den zuvor definierten ‚Idealen‘ ‚Freiheit‘ und ‚Demokratie‘. Derartige Postulate sind oftmals zu Phrasen verkommen und Ausübungsmechanismen von Macht bzw. Herrschaft zuzuordnen, wie letztlich auch die Ideale der französischen Revolution: ‚Freiheit‘, ‚Gleichheit‘ und ‚Brüderlichkeit‘.[8]

Es gibt in Deutschland keine nachhaltige Tradition geistig oppositionellen Verhaltens. Man denke z. B. an die aggressive Abwehrhaltung der etablierten Macht- und Funktionseliten im Bürgertum Westdeutschlands seit der frühen Nachkriegszeit, der ‚politischen Klasse‘, wie man sie seit einiger Zeit nennt, gegenüber nicht-konformen politischen Verhaltensweisen.[9] Wie können dann diejenigen opponieren, die in proletarischen (oder besser: kleinbürgerlichen) Milieus und ihrer Traditionen stehen?

Man hat akklamiert und demonstriert im östlichen deutschen Staat und ist ‚wie angeordnet‘ solidarisch gewesen mit Chile, Kuba, Nicaragua und den arabischen Ländern. ‚Helft Ägypten‘ steht auf einer Briefmarke, die ich noch aus meiner Kindheit besitze. Es war ein Symbol der 1956 verordneten Kehrtwendung von der Unterstützung Israels zu der der Araber. Nein, Deutsche mucken nicht auf, sie folgen eher den entsprechenden Weisungen ‚von oben‘ und reproduzieren verinnerlichte Wahrnehmungsmuster.[10]

In der DDR lebten eben die ‚deutscheren‘ Deutschen, sie war die ‚Republik der Preußen und Sachsen‘, wie Charles de Gaulle es einmal formulierte. Vermutlich hängen die Verhaltensweisen der Deutschen dieses ehemaligen geistig weltabgeschlossenen untergegangenen (Gysi) ‚Insel-Staates‘ wesentlich damit zusammen, dass von 1945 bis 1989 ca. 3,5 Millionen Menschen aus der SBZ/DDR nach Westdeutschland emigriert sind. Die Basis einer potentiellen gegen das herrschende System opponierenden Bevölkerungsgruppe war aufgrund ihrer Emigration zu sehr geschwächt worden. Sie bildete andererseits in der BRD den insbesondere in der CDU/CSU hoch einflußreichen ‚Verband der Sowjetzonenflüchtlinge‘.

Soziale Aufsteiger mehrerer Stufen sind in der Regel loyal. Die Funktionseliten der DDR bildeten sich zwangsläufig aus ihnen mehrfach nach, bis in den siebziger Jahren eine Erstarrung eintrat. Die notwendigen Anregungen z.B. zu an Widerspruch orientiertem (kritischen) Denken und umfassender Intellektualität waren dadurch eingeschränkt.

Andererseits gab es seit der sozialliberalen Koalition 1969 – bereits vorbereitet durch die große Koalition 1966 – die völkerrechtliche Anerkennung einleitende und faktisch vollziehenden Vertragswerke mit der DDR, die auch eine Stabilisierung der DDR zur Folge und zum Ziel hatten, mit dem Endpunkt des Staatsbesuches Erich Honeckers im Herbst 1987: ein Besuch einschließlich aller völkerrechtlichen Attribute. Die FDP hatte bereits 1968 die Anerkennung der Staatsbürgerschaft der DDR gefordert. Man hatte in der BRD ein klares Interesse an der Fortexistenz einer stabilen DDR. Alles andere wäre zu einem Gutteil Heuchelei gewesen. Es stünde damit in der Tradition der kollektiven Heuchelei der Adenauer-Ära, also in einer langen Phase der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Zumindest könnte man die Mechanismen der Machtinteressen in diesem Tenor skizzieren.

Es existierte faktisch niemand, der gewillt war, eine Oppositionsbewegung zu initiieren, zu stabilisieren und zu unterstützen, nicht in der BRD und schon gar nicht in der DDR. Weder die westdeutschen Parteien noch die (bis zuletzt faktisch gesamtdeutsche) evangelische Kirche und auch nicht die universelle katholische Kirche waren dazu in der Lage. Diese hat zudem andere Aufgaben und (längerfristig orientierte) Ziele.

In Polen war alles anders. Die Opposition war das Volk. Die polnische tradierte Elite war seit der Teilungszeit nie vollständig eliminiert, höchstens geschwächt worden. Sie hatte in vielen Generationen spezifische individuelle wie kollektive Überlebenstechniken entwickelt und war fähig zur Reproduktion ihrer selbst sowie einer eigenen spezifischen Intellektualität.[11]

Die polnische Nation hat historische Überlebensmechanismen entwickelt, die sich z.B. durch generelle Illoyalität gegenüber dem Staat auszeichnen, die wohl partielle wie temporäre pragmatische Anpassungsmechanismen bedeuteten, niemals aber die Selbstaufgabe und Selbstverleugnung der Nation gegenüber einer fremden Macht.[12]

Die polnische Gesellschaft ist in höherem Maße ‚universell‘. Sie ist interdependent verbunden mit einer Kirche, die sich ebenfalls traditionell in Antihaltung gegenüber dem Staat befand und wohl nie (oder kaum) korrumpiert worden ist –etwas, was wesentlich von ihrer eigenen Machtstärke sowie ihrem umfassenden Machtanspruch abhängt.[13]

In der VR Polen war die katholische Kirchen nicht loyal –gleichwohl hat sie auf mehreren Ebenen hervorragend mit dem ‚kommunistischen‘ Staat zusammengearbeitet –nicht mit dem System allgemein.[14] Nur allzu gern werden die Legenden von der generellen Antihaltung und Opferrolle gestrickt und reproduziert. Dennoch hat sie eine intensive, effektive und letztlich erfolgreiche Oppositionswirkung gehabt. Die Schwierigkeit besteht in der für Angehörige der polnischen Nation zu geringen Distanzierungsfähigkeit zu ihrer Kirche. Das hat nachvollziehbare Gründe. Die Rolle der Kirche darf aber nicht überbewertet und auch nicht herabgemindert werden.[15]

Man sieht, wir sprechen nicht über die DDR oder die BRD und Polen.

Welches sind nun die Kerngedanken, die paradigmatische Funktion? Dazu ein Einschub: In Westdeutschland waren die ‚Intellektuellen sprachlos‘ angesichts des Geschehens ab 1989/90 in Ostmitteleuropa, wie es z.B. Oskar Negt, Sozialphilosoph in Hannover formulierte. Man muss es korrigieren: Die westlichen Linksintellektuellen waren sprachlos. Das große Geschehen lag jenseits ihrer Wahrnehmungs- und Vorstellungsfähigkeit. Dies war auch die Folge ihrer selbstgewählten geistigen Isolierung und damit Verengung im Denken.

Die Fragestellung muss ausgehend vom Gegensatz der DDR-Gesellschaft zur polnischen Gesellschaft erfolgen. Polen ist ein Land der Semiperipherie. Das bedeutet, in der Gesellschaft werden tradierte Mechanismen semiperipherer Gesellschaften reproduziert. Dazu gehört ein spezifisches Untergrundverhalten.[16] Loyalitäten erfolgen primär auf anderen, zumeist nicht-familialen und nicht-staatlichen Ebenen. Die DDR ist dabei der abgetrennte Teil einer frühen Zentrumsregion, die in hohem Maße Elemente einer Staatsgesellschaft ausgebildet hatte und es auf die eigene Weise forttat.

Alle kommunistisch regierten Länder des früheren WPO/RGW-Bereiches haben die autoritäre Komponente einer Staatsgesellschaft ausgebildet wie Polizei- und Überwachungsapparate. Kontrollmechanismen dringen in kleinere Einheiten der Gesellschaft vor und werden durch Elemente der Verinnerlichung und Verdrängung bewusst nicht mehr wahrgenommen.[17] Im Rahmen einer Etablierten/Außenseiter-Beziehung  [18] werden sie seitens der Ersteren, der im ›mainstream‹ sich bewegenden ‚Angepassten‘ nicht im Sinne eigener negativer Betroffenheit (also als Opfer oder Täter) wahrgenommen und eingeschätzt. Man glaubt und fühlt sich im Ordnungssicherheit gewährenden Staat ‚geborgen‘. Der politische Häftling wird nicht als Opfer der eigenen Gruppe angesehen. Gruppenzwänge überlagern dieses: „Wir müssen zusammenhalten, zusammenstehen, … das ‚Kollektiv‘ muss funktionieren.“ Dies führt zugleich bis hin zur Leugnung von Gewalt- und anderen Unrechtstaten und ist zugleich Ausdruck restringierter Fähigkeit zur Selbstdistanzierung.

Die Werktätigen in den Betrieben für Druckerzeugnisse dürfen im Sommer 1980 nicht streiken, sonst können die Schulkinder am 1. September nicht zur Schule gehen, weil sie wegen Mangels an Schulheften nicht schreiben könnten.“[19] So oder ähnlich werden die Gedanken, die Ausreden, die eigenen Verdrängungen gesellschaftlich-ökonomischer Realitäten auch in der eigenen Figuration artikuliert. Etablierte, also Angehörige der Macht - wie Funktionseliten -, akzeptieren niemals die Legitimität eines Streiks, der gegen sie selbst gerichtet ist. In Polen hätte das niemand in dieser Weise formuliert. Eine Propaganda-Sendung wäre auf keinerlei Resonanz gestoßen. Die jahrzehntelange Wirkung von indoktrinativer Sozialisation einer unreflektiven Ich/Wir-Gruppenbezogenheit, war nicht gegeben. Dort gab es nicht die systematische und substantielle Zerstörung der politischen Kultur und ihrer Funktionalisierung im oktroyierten Herrschaftssystem. In diesem Kontext findet sich nahezu der gesamte Erklärungsansatz dieses Problemkomplexes.

In Polen bestritten die Regierungsvertreter in den Verhandlungen in der Lenin-Werft, jetzt Danziger-Werft, bis zuletzt, dass es politische Häftlinge gäbe. In den Vereinbarungen von Danzig mussten sie dazu gezwungen werden – allerdings, um die Fassade zu wahren – nur indirekt. Das Verbot in der DDR, diese von polnischen Werktätigen erstrittenen ‚Vereinbarungen‘ zu veröffentlichen, drückt symbolisch die Schwäche und beginnende sozio-ökonomische Agonie der DDR aus. Als kleines Symbol dafür mag gelten: Es durfte kein Nachfolgemodell mehr für den Trabbi in Serie gebaut werden. Günther Mittag soll entsprechende Vorschläge der zuständigen Entwicklungsabteilung seit den siebziger Jahren untersagt haben. Ist die Selbstbehinderung von Entwicklung schon als Selbsteingeständnis entsprechenden Unvermögens zu werten?

Inwieweit die oktroyierten und vielfach geglaubten Solidaritätsgefühle in der DDR-Gesellschaft substanzlos waren und ihnen ein nennenswertes Denunziatonsverhalten gegenübersteht, kann hier nicht abgeschätzt werden. Es ist zu vermuten. Der abgestufte Überwachungsapparat („IM“ etc.) hätte sonst sicherlich nicht funktionieren können.[20] Die Apparate waren so wirksam, weil die Gesellschaft so gut ‚funktionierte‘, also Menschen ohne wesentliche Hemmschwellen mitgespielt haben, anderen Unbill zuzufügen. Es ist die deutsche Gesellschaft, die sich bis heute schwer tut, z.B. Desertion moralisch nicht zu diskreditieren.[21]

Die „zivilisatorische Lücke“ zeigt sich z.B. heute nach wie vor im unterschiedlichen Verhalten junger Männer, ‚zum Bund‘ zu gehen. Dieser saloppe Begriff verdrängt langsam den Begriff ‚zur Armee‘ des DDR-Alltags. In Polen war die Diskussion über einen Zivildienst vor 1980 weitgehend tabu – dort aber Ausdruck dafür, dass die „WP“ (die Polnische Armee) als Ausdruck nationaler Unabhängigkeit in der polnischen Gesellschaft akzeptiert ist und eine nicht in Frage zu stellende mentale Klammer der gesamten Nation darstellt. Ein wesentlicher Aspekt der „zivilisatorischen Lücke“ ist die verengte Entwicklung von Intellektualität in der DDR.[22]

In Polen, als einem Land der Semiperipherie ist ‚eben alles anders‘. Die Gesellschaft war und ist zu charakterisieren als eine „Doppelgesellschaft“[23] oder auch als ein System von ‚Halbheiten‘.[24] Eine Anekdote soll dieses beschreiben: Die Deutsch-Polnische Gesellschaft Hannover e.V. hatte 1983 auf Empfehlung der Botschaft der VR Polen den Minister Kakol zu einem Vortrag eingeladen. Wir hatten zunächst Bedenken, da sich viele emigrierte Solidarnosc-Aktivisten in Hannover aufhielten. Man befürchtete Ärger, da Kakol als Religionsminister von ihnen als Provokation hätte empfunden werden können. Nichts dergleichen: Alle waren in der Diskussion sehr höflich zu ihm. Am Ende standen sie in der Reihe vor dem Eingang und begrüßten ihn. Er ermahnte sie, recht fleißig zu sein und ihr Studium fortzusetzen. Sie skandierten „Jawohl, Herr Professor!“ Kakol zu uns: „Es sind doch alles meine ehemaligen Studenten und ich habe sie nur begrüßt und mich nach ihrem Wohlergehen erkundigt.“

In der DDR wäre auch folgendes Beispiel unmöglich gewesen: Der Journalist K. bei Interpress [PAI] war bis zum Kriegszustand überzeugter Kommunist gewesen. Seine Frau war praktizierende Katholikin und Mitarbeiterin einer Solidarnosc-Zeitschrift. Sein Sohn wurde überzeugter Anti-Kommunist. K. hat die Loyalitäts- bzw. ‚Unterwerfungserklärung‘ nicht unterschrieben und wurde entlassen.[25] Im Jahre 1982, so berichtete er mir später, habe ihn einmal der für ihn zuständige Geheimdienstbeamte angerufen und ihm mitgeteilt: „Hör zu, ich muss dich demnächst zwei Wochen lang abhören. Also, pass auf! Denk aber daran, dass ich auch etwas schreiben muss!“ Man arrangierte sich.

Das Beispiel deutsch-deutscher Tragik und Verstrickung,[26] sind die Tötungsvorgänge an Mauer und Stacheldraht, an der innerdeutschen Grenze, wie es im westdeutschen Amtsdeutsch hieß, bzw. an der Staatsgrenze der DDR, durch Grenzorgane eines permanent um Anerkennung und Reputation heischenden Staates, der sowohl Tendenzen zum Militär- wie Operettenstaat aufwies und seit 1990 zum ›Unstaat‹ mit dem Ziel des historischen Vergessens herabgewürdigt wird.[27] Die Befehlsgebenden hat man bisher nicht klar ausgemacht. Strafverfolger müssen nachforschen und finden sie nicht so recht. Traditionell arbeitende Historiographen werden noch weiterhin Schwierigkeiten bei der Erforschung dieser Frage haben. Das zentrale Problem ist dabei: Die politisch relevanten Stasi-Akten bleiben geschlossen, also geheim. Das Staatsinteresse dominiert über Gerechtigkeit und Demokratieprinzip und Strafverfolgungs  wie Sühneanspruch. In Polen ist es nicht so. In einigen intellektuellen, vor allem nationalistisch-konservativen Kreisen wird nach wie vor eine Aufdeckung und Bestrafung gefordert. Das Staatsinteresse wird nicht höher eingestuft, sondern letztlich temporären Machtkämpfen untergeordnet.

Folgender Gesichtspunkt ist dabei zu berücksichtigen. In Warschau wurde am ‚Runden Tisch‘ (mündlich) vereinbart, Akten nach Möglichkeit – d.h. abgesehen vom Vorliegen eindeutiger Straftatbestände – nicht aufzudecken. Man wollte die ‚falschen‘ Patrioten (der Linken), denen man die ‚lässige Sünde‘ vergibt, nicht strafen. Es ist charakteristisch für die Polnische Nation, Kompromisse, Absprachen etc. konsensual auf informeller Ebene [28] herbeizuführen. Man hält sich in der Regel auch daran. Wenn nicht, dann liegt ein hohes innergesellschaftliches Spannungsniveau vor. Dieses Verhalten kann als Ausdruck der Spannungsbeziehungen zwischen prinzipieller Staatsablehnung und dominanter nationsbezogener Loyalitäten gewertet werden. In Polen wird es nur von einigen machtarmen Grüppchen nicht aus dem innergesellschaftlichen Machtkampf herausgehalten. Die Attacken und Instrumentalisierungsversuche der Rechten sind als verbale Kampagne oder gar Wichtigtuerei zu verstehen.

Das Stasi-Phänomen wird in ‚typisch deutscher Weise‘ angegangen. Dieses zu erklären, ist nicht immer leicht möglich. Adam Krzeminski berichtete mir 1984, dass er in Thorn/Torun große Schwierigkeiten hatte, seinen Studenten und Studentinnen der Germanistik/Landeskunde an der Kopernikus-Universität zu erklären, dass ihre Kommilitonen/innen in der DDR tatsächlich daran glaubten, was sie sagten bzw. was sie schriftlich und mündlich vorgesetzt bekämen. Die Reaktionen der polnischen Studenten/innen waren entsprechend.

Ein polnischer Grenzsoldat hätte wahrscheinlich nicht auf einen Landsmann geschossen, der ‚illegal‘ über die Grenze ‚abhauen‘ wollte. Für ihn gab es diesbezüglich das Gefühl, die Einschätzung und Wertung des Begriffes des ‚Illegalen‘ gar nicht. Die polnischen Grenzpolizisten wünschten „Auf Wiedersehen“ und „Bringt viele gute Sachen mit!“ Sie wussten, etwas fiel sicherlich dabei für sie ab. Es war zwar vielen Emigranten verwehrt, zurückzukommen, sie hatten aber mit Hilfe kleiner Tricks ausreisen können. Seitens der deutsch-polnischen Gesellschaften war man in manchen Fällen behilflich, ‚organisatorische‘ Probleme zu lösen und Folgeprobleme zu mildern.

Eine Begebenheit in Krakau im September 1980: Ein M/L-Student aus der DDR (KMU) erzählte im Studentenclub, dass man von ihm erwarte, Mitglied der SED zu sein und dass man von ihm als Soziologie-Studenten auch eine Identifizierung mit dem System erwarte. Er nutze dann jede Gelegenheit, nach Polen zu fahren. Man durfte dieses allerdings bald darauf nicht mehr ungenehmigt tun. Stattdessen produzierte die DDR-Propaganda fleißig neue antipolnische Negativstereotype. Sie knüpfte dabei an ‚bewährte‘ (und berüchtigte) alte an. Polnische Freunde berichteten sehr deprimiert darüber. Im gegebenen Zusammenhang kann nicht weiter darauf eingegangen werden.[29]

Ich meine, der Widerspruch zwischen ‚Friedensliebe‘ als Staatsdoktrin und innerer wie äußerer Militarisierung der DDR wird kaum abschließend erforscht werden. Niemand hat so recht ein Interesse daran, es sei denn, dass ein kurzfristiges Interesse zur Instrumentalisierung besteht. Deutlich sind andererseits die Parallentwicklungen zur BRD.[30]

Es ist die in fast zweihundert Jahren gewachsene Habitusentwicklung, das geistige Milieu in der polnischen Nation, das anders ist – bei denen, die dieses definiert: die Oberschicht, die wesentlich aus der Szlachta resultiert, sowie denjenigen, die sich hinzurechnen. Darüber wird nur unzureichend geforscht. Gerade deshalb ist es wichtig, darüber nachzudenken und dieses zu diskutieren.

Am Ende der siebziger Jahre erfolgte der Abbau der (zur Verinnerlichung verordneten) äußeren Bedrohungsempfindung der polnischen Nation aufgrund sich verändernder gesellschaftspolitischer, ökonomischer und individuell-subjektiver Erfahrungen bezüglich Westdeutschlands und des Kapitalismus. Andererseits ist der Sachverhalt verbunden mit dem 1980 anschwellenden Bedrohungsempfinden gegenüber den beiden Militärstaaten an der West- wie auch Ostgrenze Polens. Im kollektiven Gedächtnis der polnischen Nation wurde die neue Bedrohung verknüpft mit der Existenzbedrohung und begonnener Zerstörung 1939 durch Hitler-Deutschland und Stalins Sowjetunion. Dieser Zusammenhang hat entscheidend zur Motivation der Streikbewegung im Sommer 1980 beigetragen.[31]

Zu beachten sind auch quantitative Aspekte, die eine gewisse Relativierung oder Einschränkung bewirken. Die große Mehrheit einer Bevölkerung arbeitet politisch unbeteiligt; z.T. möglicherweise resignierend oder sich in ihr Schicksal fügend weiter. Man betrachte in diesem Zusammenhang auch machttheoretisch die Funktion von religiösen oder anderen Glaubenslehren bzw. Überzeugungen und deren Produzenten wie Trägern. Man/frau stellt sich in der Regel auf neue Situationen ein. Seit 1945 gab es viele erhebliche Probleme – stalinistisch-kommunistischer Druck war in der Wahrnehmung für die Mehrheit der Bevölkerung nachrangig. Es gibt zweifellos neue Aufstiegs- und andere Machtkämpfe, die Übernahme neuer Ideologien und Dogmen – oder ihre Ablehnung.[32]

Nun zu einigen Motiven in der Phase der Ereignisse bzw. der Erneuerung:

-   Es gab generell keine dominanten religiösen Motive, weder bei Intellektuellen noch bei Arbeitern; wenn dann sind sie nachrangig. Andererseits distanzierten sich Intellektuelle partiell davon.

-   Die Streikbewegungen erfolgten im wesentlichen nicht aufgrund wahrgenommener oder erduldeter politischer Unterdrückung.

-   Es erfolgte kein konkreter zielgerichteter und programmatisch orientierter Machtkampf. Die Auseinandersetzungen sind wesentlich als dichotomisches Verhalten zu kennzeichnen.

-   Man begreift die Situation eher als einen Prozess einer zu Ende gehenden Herrschaft, in dem individuell wie kollektiv die Chancen schwinden, am sozialen Aufstieg zu partizipieren und zu prosperieren.

Dies erklärt andererseits auch den Druck in der DDR (seitens des Kollektivs) gegenüber individuellem, ‚abweichlerischem‘ Verhalten. Der Druck für den Erhalt des Erreichten ist verknüpft mit der Überzeugung an das erfolgreiche ‚im Kollektiv arbeiten‘, den kollektiven Zusammenhalt. Die Grundvoraussetzung dafür ist die jeweils unterschiedlich ausgebildete Staatsgesellschaft –und diese ist in Polen in spezifischer Weise gegeben.

Zur Rolle der Krise

Man spürte physisch wie psychisch und materiell den sozio-ökonomischen Niedergang. Die umfassende Krise[33] war allgegenwärtig. Parolen des Zusammenstehens unter der Führung der Partei waren substanzlos und frustrierend. Unverhohlene Drohungen Giereks in zwei Reden in den kritischen Tagen Ende August 1980 bewirkten nur das Gegenteil des Intendierten. Er verfügte dabei nicht mehr über die physische Macht, entsprechende Zwänge auszuüben. Die Kommunisten waren von den machtärmeren, um Funktionen konkurrierenden Intellektuellen als die ‚Dummen‘ abqualifiziert, wie es Wladyslaw Bartoszewski einmal in Hannover formulierte.[34]

Man war in Polen strukturell, sozusagen ‚systemimmanent‘ seit langem gezwungen, individualistisch Lösungsstrategien zu entwickeln –für von Prinzipien des Sozialismus Überzeugte ein Widersinn. Für viele Menschen, die gesellschaftspolitische oder sozio-ökonomische Überzeugungen gewonnen hatten bedeutete es, Fähigkeiten zur Selbstdistanzierung zu entwickeln.

Die in Staat, Partei und Ideologie Involvierten in der DDR wie in Polen bauten tradierte Legenden auf: beliebt sind die ‚Agententheorie‘, die ‚Finanzierung durch das Ausland‘ oder gar ‚Geheimdienste‘ etc. Wenn, dann waren es sicherlich geringere Summen als die, die Lenin 1917 zur Verfügung standen, um seine revolutionären Arbeiter zu bezahlen. Die Verfügung über Geld-Kapital ist eine entscheidende Machtquelle, man nutzt in Machtkämpfen alle Ressourcen, die verfügbar sind.

Die in Polen vom System zu verantwortenden sozio-ökonomischen Entwicklungen führten zu Ablehnung und Ignoranz, im Konfliktfall zur kollektiven Auflehnung, ähnlich wie in Frankreich mit der im dortigen kollektiven Gedächtnis als positiv definierte Revolution.

Kerngedanke ist, dass die deutsche Staatsgesellschaft über den Prozess der Staatenbildung geprägt ist, die durch prinzipielle Akzeptanz gekennzeichnet ist und sich in der polnischen Gesellschaft, einer Nationsgesellschaft, eine generell antistaatliche Haltung mit entsprechenden Verhaltensformen herausgebildet hat.

Die Folge ist, dass die polnische Funktionselite und noch mehr die junge aspirativ geprägte intellektuelle Elite die temporäre Loyalität aufhoben, als ihnen die sozioökonomische Negativentwicklung nach sichtbaren Alltagsveränderungen in den siebziger Jahren endgültig aufgrund entsprechender Veröffentlichungen vergegenwärtigt und bewusst wurde mit der Konsequenz, dass eine Besserung i.S. von gesicherten oder auch nur hinreichenden individuellen Aufstiegschancen oder auch nur dem kollektiven Erhalt der Situation ungesichert bis aussichtslos erschien. Dieses steht zweifellos im Kontext mit der zunehmenden Kenntnis wie auch der eigenen Realerfahrung der sozio-ökonomisch höher entwickelteren Situation in den sog. kapitalistischen Ländern, insbesondere der Bundesrepublik Deutschland und andererseits der lang anhaltenden Stagnation bzw. Negativentwicklung im eigenen Land. Die Aussichtslosigkeit, immanent, also systemkonform, aus der Situation herauszukommen, wurde für jede Bürgerin und jeden Bürger deutlich erkennbar. Neben diesen augenscheinlich-objektiven Wahrnehmungen stand die zunehmende Demaskierung der politischen Glaubenspostulate der etablierten Staatsdoktrin als populistische bis demagogische Phrasen kommunistischer Herrschaft im ‚Realsozialismus‘.[35] Zu den bisher eingeübten Verdrängungen in der Wahrnehmung der politischen Parolen kam die sich zunächst langsam, dann anschwellende Bewusstwerdung eigener Stärke des ‚my‘ (wir) gegenüber ‚oni‘ (denen/die da oben).

Abschließende Wertung

Die Verhinderung des Wissens seitens der Machtverfügenden der SED darüber, was jenseits der selbst gezogenen Zäune geschah, war eine existenz-immanente und äußerst kostspielige Staatsaufgabe. Den entscheidenden Anstoß zur Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze im Sommer 1989 war der Widerstand von Ökonomen und Politikern in Budapest, die ‚notwendige‘ Erneuerung der ‚Stacheldraht-Zäune‘ nicht durchzuführen und diesen Irrsinn zu beenden – entgegen den vehementen Protesten aus der DDR. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass bisher keine realistische Schätzung veröffentlicht worden sind für die Kosten dieser sog. Grenzsicherungs-Anlagen aus teurem, z.T. aus der BRD importierten Spezial-Draht bis 1989, also fast auf den Tag genau vierzig Jahre, bis zum faktisch vollständigem Selbstverzicht auf Ausübung physischer Gewalt am 8./9. Oktober 1989 und damit seiner entscheidenden Machtquelle.

Man muss dabei klar sehen, dass eine als ethisch-moralisch, politisch-verantwortlich oder zivil-couragiert zu bezeichnende Ebene zweifellos ebenfalls gegeben ist, aber bezogen auf das konkrete Handeln eindeutig eine Hintergrundfunktion hat. Im Unterschied zur DDR-Gesellschaft entwickelte sich in Polen eine gegen die etablierte Macht gerichtete Bewegung, die historisches Untergrund- und Widerstandsverhalten reproduzierte und evozierte.

In der DDR dagegen zerfiel das ‚Kartenhaus‘, nachdem sich herausstellte, dass es keine äußeren Stützbalken und Träger mehr gab und die eigenen inneren zu schwach wurden bzw. sich nach der Entblätterung als substanzlos herausstellten. Man erahnte wohl die gesamtgesellschaftliche Krankheit, den sozio ökonomischen Konkurs. Die Umsetzung dessen als kollektive Erkenntnis sozusagen ‚in toto‘ erfolgte erst einige Tage nach dem Mauerfall. Insofern erübrigen sich Spekulationen um Legenden betreffend des Verdienstes einiger machtverfügender Angehöriger des inneren Machtzirkels der DDR bzw. der höheren Funktionselite. Die DDR befand sich in einer Art ‚Konkurssituation‘. Das wussten in ihrer Gesamtheit außer Mittag und Schalk-Golodkowski offensichtlich nur wenige – wahrscheinlich Mielke und Krenz. Die Mehrheit der ‚Gerontokraten‘ war vermutlich intellektuell überfordert.[36] Konkret: die auf Warenaustausch beruhenden Beziehungen des RGW hatten sich aufgehoben und bezüglich notwendiger Importe auf Devisenbasis war die DDR zahlungsunfähig. Dies alles wurde noch im November 1989 publik. Vermutlich hat deshalb der innere Machtzirkel der SED am 9. Oktober nicht schießen lassen. Man wollte offensichtlich für den ‚Tag danach‘ die völlige völkerrechtliche Ächtung vermeiden und sich möglicherweise auch vor späterer Strafverfolgung zu schützen.[37] In Westdeutschland hat man sich (bis heute) kaum Gedanken gemacht. Das Wissen um diesen ungeliebten Nachbarstaat war gering, das Interesse in der Bevölkerung praktisch gleich null. Insgesamt eine traurige bis tragische Situation, aus der heraus sich wiederum westliche Überheblichkeit und verletzende Arroganz aber auch eine in hohem Maße existenzvernichtende Praxis seit 1990 resultieren.

Die alles überlagernde Frage ist aber noch nicht vollständig beantwortet: Warum sich die Bevölkerung im nicht hinreichenden und sicherlich möglichen Maße getraut hat, über den Zaum zu schauen, sich stattdessen bis zuletzt den Zwängen der Nichtwahrnehmung, des fortwährenden Mitmachens zu unterwerfen und keine Umsetzung in entsprechendes gesellschaftspolitisches Handeln erfolgt ist. Die Polen haben gesellschaftlich-politisch, die Tschechen intellektuell und die Ungarn ökonomisch anders gehandelt, die Jugoslawen bereits in den vierziger Jahren politisch-ökonomisch.

Zusammenfassend ist festzustellen: Der Zivilisations Prozess zur (deutschen) Staatsgesellschaft einerseits, die Genese der polnischen Nation über die polnische Adelsgesellschaft und der Herausbildung und Reproduktion der polnischen ›Inteligencja‹ in spezifischer Weise andererseits, insgesamt eine Ausprägung als Untergrund-, Widerstands- oder als Doppelgesellschaft sind Hintergrund und Basis für unterschiedliches Verhalten, damit auch für historische Tragik.

Die Frage also, warum die intellektuellen Eliten der DDR wesentlich nicht so gehandelt haben, warum es keine nennenswerte und wirksame Opposition gegeben hat, die der Bezeichnung entspräche und es auch keine relevante intellektuelle Dissidentenbewegung gegeben hat, bleibt unvollständig gelöst, will man über historiographische Betrachtungen hinausgehen. Ob und inwieweit es relativ dem ‚mainstream‘ von kommunistischer Herrschaft entgegengerichtete immanente Strömungen gab, bleibt noch in seinen Tiefen zu erforschen.[38]

Es ist noch einmal zu betonen, die entscheidenden Geheimakten bleiben weiterhin geheim. Auch die sog. Gauck-Behörde arbeitet als politische Institution sektoral. Man ignoriert seitens einiger Intellektueller den politischen Charakter dieser Behörde. Ihr zweifellos anerkannt sinnvolles Wirken darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wesentliche oder gar entscheidende Geheimakten weiterhin geheim bleiben. In neueren Publikationen wird gar der Vorwurf erhoben, dass wichtige Begebenheiten verschwiegen werden.[39]

Literatur:

Elias, Norbert / Scotson, John I., 1993: Etablierte und Außenseiter. Frankfurt am Main.

Elias, Norbert, 1987: Über die Begriffe der Figuration und der sozialen Prozesse. Einführende Bemerkungen. Diskussionsbeiträge, Berlin.

Elias, Norbert, 1995: Menschen in Figurationen. Ein Lesebuch zur Einführung in die Prozeß- und Figurationssoziologie von Norbert Elias. Opladen.

Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Bd. I. Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes, Suhrkamp stw 158, Frankfurt/M. 1988.

Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Bd. II. Wandlungen der Gesellschaft; Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation Suhrkamp, Frankfurt/M. 1990.

Engler, Wolfgang, 1992: Die zivilisatorische Lücke. Frankfurt/M. Suhrkamp.

Engler, Wolfgang, 1993: Jenseits des Machtprinzips. In: Die Zeit Nr. 15 v. 09.04.1993.

Fuchs, Jürgen, 1998: Magdalena. MfS. Memfisblues. Stasi. Die Firma. VEB Horch & Gauck. Ein Roman. Berlin.

Herzinger, Richard, 1998: VEB Horch & Gauck. Die Gauck-Behörde behindert die Aufdeckung von Stasi-Verbrechen. In: Die Zeit Nr. 13 v. 19.03.1998, S. 45f

Müller, Maria Elisabeth, 1997: Zwischen Ritual und Alltag: der Traum von einer sozialistischen Persönlichkeit, Frankfurt / N.Y.

Nettelmann, Lothar / Voigt, Gerhard, 1996: Reflexionen über den Begriff der Krise. In: politik unterricht aktuell Heft 1-2, 1996: 19-38.

Nettelmann, Lothar / Voigt, Gerhard, 2001: Thesen zur „Wende“. Probleme der Wahrnehmung, Bewertung und Bewältigung sozio-ökonomischer Transformationsprozesse. politik unterricht aktuell Heft 1/2, 2000.

Nettelmann, Lothar, 1997: Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81. Hannover.

Schäfers, Bernhard, 1986: Grundbegriffe der Soziologie. Leverkusen.

Siberski, Elias, 1967: Untergrund und offene Gesellschaft. Stuttgart.

Siedlarz, Jan, 1996: Kirche und Staat im kommunistischen Polen 1945 –1989. Paderborn, München, Wien, Zürich.

Wagner, Helmut, 1981: Die Doppelgesellschaft: Systemwandel in Polen, Berlin.

Anmerkungen

[1]       Vgl.: Wodzimierz Bartodziej: Die DDR-Stasi im befreundeten Nachbarland; unveröff. Manuskript S. 1 und S. 8.

[2]       Sie rekurriert zunehmend auf den ‚Nations-Begriff‘ und sprach gar den mit der Macht (‚wadza‘) verbundenen tendenziell ab, zur Nation zu gehören. 

[3]      Die Frage, ob sie die Loyalität gegenüber dem Staat aus der Akzeptanz seines Staatsdogmas, des ‚wissenschaftlichen Sozialismus‘, ableitete oder die Akzeptanz des Systems aus der Loyalität gegenüber dem Staat, der Herrschaft, soll nicht weiter reflektiert werden. Es ist aber innerhalb dieser Wechselbeziehung der zweite Gedanke zu präferieren, er entspricht tradierter Machtlogik. 

[4]      Man übersehe nicht, dass Friedensgebete in Kirchen nicht zur generellen Praxis von Kirchenmitgliedern und schon gar nicht zu von der Amtskirche gern gesehenen oder gar geförderten Aktionen gehörten. Ihre gesellschaftspolitische Relevanz wurde zudem oftmals erst im Nachhinein erkennbar – dann aber zugleich in hohem Maße unter gleichzeitiger Funktionalisierung.

[v]         ‚Nationalcharakter‘ ist nicht als eine anthropogene Konstante zu verstehen, sondern als Ausdruck einer langfristigen Habitusentwicklung. Fremdzuweisungen wie z.B. ‚Faulheit‘ etc. oder Selbstzuordnungen wie z.B. ‚Fleiß‘ sind in der Regel Ausdruck von Funktionalisierungen im Zusammenhang von Machtkämpfen und ggf. Folge von gezielten Abgrenzungen mit der Methode negativer Stereotypisierung. Sie sind oftmals eingebunden in Etablierten/Außenseiter-Beziehungen. [vgl. Elias / Scotson, 1993] Man ordnet Polen gegenwärtig im Zusammenhang mit der Integration in die EU zunehmend positive Stereotype wie ‚Leistungsfähigkeit‘ und ‚hohe Leistungsbereitschaft‘ zu. Dies korreliert mit dem Wandel von der negativen Konnotation der DDR-Bürger/innen in Westdeutschland, „Sie können nicht richtig arbeiten“ zu tradierten positiven: „Die emsigen Sachsen“. Man beachte auch im vorliegenden Zusammenhang die erhebliche, z.T. durch den Staat (Partei/System) initiierte und gesteuerte Bildung von Negativstereotypen gegenüber den östlichen Nachbarn, den ‚Brudervölkern‘ in ihrer Funktion zur Machtstabilisierung in der DDR.

[6]         ‚Figuration‘, als ein von Norbert Elias geprägter Begriff, kann für Teilbereiche einer Gesellschaft einschließlich ihrer Spannungsbeziehungen verstanden werden; vgl.: Figurationen, in: Schäfers, Bernhard: Grundbegriffe der Soziologie. Leverkusen 1986; S. 88 ff.; Elias, Norbert: Über die Begriffe der Figuration und der sozialen Prozesse. Einführende Bemerkungen. Diskussionsbeiträge, Berlin 1987.

[7]      Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Bd. I. Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes, Suhrkamp stw 158, Frankfurt/M. 1988; Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Bd. II. Wandlungen der Gesellschaft; Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation Suhrkamp, Frankfurt/M. 1990

[8]     In der Regel ist eine Funktionalisierung erfolgt. Man denke z.B. an die Jakobiner und die Herrschaft Napoleons. Ähnliches gilt zweifellos auch für zentrale Glaubensinhalte wie die ‚Nächstenliebe‘ der ‚institutionalisierten Christenheit‘ und die ‚Toleranz‘ der Machtapparate im Islam.

[9]      Als Beispiele mögen gelten: Die Auseinandersetzungen um ‚Grohnde‘, ‚Gorleben‘, ‚Brokdorf‘ und ‚Wackersdorf‘, um die ‚Startbahn-West‘ oder die ‚Castor-Transporte‘.

[10]       Das Elias’sche Fremdzwang-/Selbstzwangmuster bietet sich zur Interpretation an.

[11]      Die nichtkommunistische Elite differenzierte in der Regel nicht zwischen Kommunisten und Sozialisten. Eine Germanistin in Poznan verwechselte z.B. die politische Zugehörigkeit der (Sozialistin) Maria Koszutska, die 1937 in der Sowjetunion von den Kommunisten umgebracht worden war. Ihr eigener mentaler Abstand war viel zu groß. Es war andererseits für sie kein Problem bei Austauschprogrammen in der DDR Gruppen zu betreuen und höflich die propagandistischen Begrüßungsreden in der Universität Halle anzuhören. Sie hatte in ihrer Wahrnehmung spezifische Verdrängungsmechanismen entwickelt.

[12]      Zur Problematisierung des Nations-Begriffes vgl.: Nettelmann, Lothar: Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81. Hannover 1997; S. 59 ff und S. 70 ff.

[13]     Man vergleiche z.B. die Rolle des Protestantismus in Deutschland, Großbritannien und Skandinavien; der Orthodoxie in Russland oder Serbien, des Katholizismus in der KuK-Monarchie, sowie im 20. Jahrhundert in Spanien, in Kroatien und der Slowakei, also deren intensive Zusammenarbeit mit faschistischen oder Militärdiktaturen oder auch dem kommunistischen Regime in der CSSR. Auch der deutsche Faschismus ist nicht ohne die stabilisierende Wirkung des Protestantismus wie des Katholizismus in der Phase der ‚Machtergreifung und  stabilisierung‘ denkbar. Für den Austrofaschismus gilt entsprechendes. Leider wird dieses heute zu oft verdrängt und zu wenig erforscht.

[14]     Man thematisiert in der Regel dieses Problem nicht. Es erfolgt keine Analyse oder Wertung. Stattdessen werden diese heiklen Elemente in die Ebene von Anekdoten verlagert. Es wird z.B. von einem Priester berichtet, der sich 1981 weigerte, der Aufforderung seines Bischofs Folge zu leisten, den Regime-Gegner Jacek Kuron in seiner Kirche auftreten zu lassen. Er hatte zuvor die Zusage des Parteisekretärs erhalten, dass das Dach der Kirche neu gedeckt würde. Auf Vorhaltungen einer Journalistin antwortete er: „Dann soll doch bitte der Bischof auch das Dach unserer Kirche reparieren.“ – Eine weitere Ebene ist die der politischen Werte.

[15]     Kaum etwas ist aber schwieriger, als diesen Komplex mit wissenschaftlicher Distanz zu begegnen. Die Kirche hat mehr als eine Rahmenfunktion, sie ist aber nicht der Motor. Wenn, dann ist sie zugleich auch Bremse! Viele Beispiele aus der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts belegen dieses; vgl.: Nettelmann 1997, S. 176 ff. Eine neuere Untersuchung über die Rolle der polnischen katholischen Kirche tabuisiert wesentliche politisch relevante Fragestellungen. Sie ist auch Ausdruck von nicht erfolgender Selbstdistanzierung eines Involvierten; vgl.: Siedlarz, Jan: Kirche und Staat im kommunistischen Polen 1945 – 1989. Paderborn, München, Wien, Zürich 1996.

[16]     vgl.: Siberski, Elias: Untergrund und offene Gesellschaft. Stuttgart 1967. Siberski entstammt selbst dem polnisch-jüdischen Milieu in Lód. Seine Studie beruht auf der profunden Kenntnis der polnischen Nationsgeschichte.

[17]    vgl.: Engler, Wolfgang: Die zivilisatorische Lücke. Frankfurt/M. Suhrkamp, 1992, S. 26 ff.

[18]    vgl.: Elias, Norbert /Scotson, John I.: Etablierte und Außenseiter, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1993.

[19]         Originalton eines Propagandisten in Radio DDR im September 1980; vom Verfasser aufgenommen auf der ‚Transitstrecke‘ bei einer Rückreise aus Polen.

[20]     Zum Vergleich: Der (kriegsbedingt erheblich kleinere) Überwachungs- und Terrorapparat der Gestapo hat wesentlich über briefliche und telefonische, sehr oft anonyme ‚Anschwärzungen‘ gewirkt. Die übereifrigen Blockwarte – die deutschen Kleinbürger – haben funktioniert!

[21]     In Westdeutschland hat es sich z.B. nur sehr mühsam durchgesetzt, Wehrdienstverweigerung innergesellschaftlich moralisch zu akzeptieren. Firmeninhaber hatten noch in den siebziger Jahren Mitarbeiter oftmals nur dann eingestellt, wenn sie ihren Wehrdienst abgeleistet hatten. Zivildienstleistende wurden oftmals abgelehnt. Erst nach und nach setzte sich der Eindruck durch, dass das Motiv zur Kriegsdienstverweigerung oft korrelierte mit selbständigem, bewußten und kreativem Handeln – und solche Mitarbeiter benötigt eine Firma im Leistungswettbewerb. Der Wandel erfolgte wesentlich über die kollektive Wahrnehmung der ›Zivis‹ in unangenehmen Kranken- und Altenpflegebereichen. Erleichtert wurde die Verweigerung, als die regulären Arbeitsverhältnisse im Sozialsystem nicht mehr finanzierbar waren und man auf die ‚kostenlosen Zivis‘ gern zurückgriff. Jetzt erst waren sie keine ‚Drückeberger‘ mehr.

[22]    vgl. auch: Engler, Wolfgang: Jenseits des Machtprinzips. In: Die Zeit Nr. 15 v. 09.04.1993. Dies ist keineswegs zu verwechseln mit etwaiger begrenzter Ausbildung von Intelligenz, von unintelligentem Verhalten o.ä.! Eine Begebenheit soll andererseits das Problem skizzieren: Im November 1987 fand in Hannover im Rahmen der Städtepartnerschaft Hannover-Leipzig eine Diskussion statt mit dem damaligen Oberbürgermeister Leipzigs, sowie einem weiteren Vertreter der Delegation, einem Professor der Karl-Marx-Universität. Letzterer antwortete auf die Frage eines Zuhörers nach den Schüssen an der Grenze der DDR etwa, „das seien ganz normale Grenzsicherungsmaßnahmen und im übrigen habe die DDR für ihre Grenzorgane Dienstanweisungen, die bezüglich des Schusswaffengebrauchs denen der BRD entsprächen.“ Letzterem kann formal nicht widersprochen werden. Das Problem bestand nur darin, dass seitens der DDR das Menschenrecht auf Freizügigkeit eingeschränkt worden und seine Inanspruchnahme als illegal definiert worden war. Seitens eines Intellektuellen dieses ignorieren zu müssen – und es auch zu tun – ist die große Tragik.

[23]  Wagner, Helmut: Die Doppelgesellschaft: Systemwandel in Polen, Berlin 1981; vgl. auch: Müller, Maria Elisabeth: Zwischen Ritual und Alltag: der Traum von einer sozialistischen Persönlichkeit, Frankfurt / N.Y. 1997.

[24]    In öffentlicher wie wissenschaftlicher Diskussion war es durchaus üblich, diesen deskriptiven Begriff zu verwenden; so z.B. der Politologe Kakol im Oktober 1983 in Hannover, kurz nach der Suspendierung des Kriegszustandes.

[25]    Die Formulierung lautete verkürzt: „Bist du für die Reformen des Generals Jaruzelski?“ Die Kirche hatte K. wieder aufgenommen. Das bedeutete für ihn aber Buße und Unterordnung. Er musste viel ‚auf den Knien rutschen‘. Der Mann ist seitdem gebrochen – man lernt dabei nicht den ‚aufrechten Gang‘. Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin der UAM in Poznan fragte mich, was die erzwungene Formulierung inhaltlich bedeute und welche Reformen denn gemeint seien oder ob das eine der üblichen Phrasen sei. Sie hatte es unterschrieben, ohne weitere Gedanken auf den Text zu verschwenden.

[26]    Eine Begegnung vor dem Fahrstuhl eines Warschauer Hotels im Herbst 1984: Ich begrüsste eine deutsch sprechende Reisegruppe mit den Worten: „Es ist ja schön, Landsleute zu treffen“ o.ä.. Sie gingen einfach weiter; der letzte aus der Gruppe gab die Antwort ohne weiteren Gruß: „Wir sind aus der DDR!“ Daraufhin sagte mein polnischer Freund zu mir: „Eigentlich haben wir ja ein Interesse daran, dass ihr euch nicht mögt, aber im Grunde solltet ihr euch schämen.“ Ein Beispiel für fremdzwangdominiertes Verhalten? Ein weiteres Beispiel ist das Nichterwidern des Grußes bundesdeutscher Marineeinheiten auf hoher See in der Ostsee, so Pressemitteilungen. Die polnischen Matrosen haben die Anweisung, nicht zu grüßen, zumeist ignoriert.

[27i]   Der durch die NVA verkörperte spezifische (nach innen gerichtete) Militarismus der DDR-Gesellschaft wurde weitgehend ‚unkritisch‘ aufgenommen. Die Herausbildung zur ‚Kritikfähigkeit‘, zu ‚kritischem Verhalten‘, ist Ausdruck der emanzipatorischen Ansätze und Ziele insbesondere von Intellektuellengruppen in westlichen Zivil-Gesellschaften.

[28]   Zum Vermächtnis von Norbert Elias gehört übrigens der Hinweis, eben diese informelle Ebene sozialwissenschaftlich zu erforschen.

[29]    Die Wahrnehmung der erstmalig aus Polen kommenden DDR-Besucher, die den Krieg aus eigener Erfahrung oder den vielfältigen Bild- und Tonmaterialien kannten, war geprägt durch die Uniformen wie auch das Gehabe von ‚Grenzorganen‘, die allzu sehr an die deutschen Wehrmachtssoldaten in der Okkupationszeit erinnerten.

[30]    Die Bundeswehr war nur symbolisch (nur äußerlich ?) zivilisiert worden. Abgeschafft worden waren zwar Stechschritt, das Bajonett und öffentliche Paraden. Bis in die sechziger Jahre hinein haben bestimmte Bevölkerungsgruppen von ‚Alten Herren‘ noch das ‚Ostzonen-Fernsehen‘ (wie sie sagten) eingeschaltet, um am 1. Mai einmal ‚richtig marschierende Soldaten‘ zu sehen. „Ihr seid dagegen doch nur Waschlappen“, sagte einmal 1966 jemand zu mir; ich war gerade Rekrut beim ‚Bund‘ geworden. Die ‚Innere Führung‘ als Preis zur sozialdemokratischen Zustimmung 1955 zur ‚Wiederbewaffnung‘ Westdeutschlands ist kaum so richtig wahrgenommen und nur in kleinen Ansätzen (als Alibi-Funktion?) realisiert worden. Adenauer konnte, wie er sagte, „keine Achtzehnjährigen zu Generalen machen“.

[31]    In den (westlichen) Medien wurden Abbildungen veröffentlicht, in denen die dargestellten Panzer ihre Kanonen aus der DDR und der Sowjetunion auf Polen gerichtet hatten. Jedem Menschen in Polen war es dadurch ebenfalls gegenwärtig.

[32]   Zum Vergleich: etwa drei Prozent der Bevölkerung in Polen spürte direkt den Verfolgungsdruck während der Okkupation i.S. direkter Betroffenheit. Als Beispiel kann auch die Verfolgung sowie die Résistance im besetzten Westeuropa angeführt werden: die allerwenigsten Bürgerinnen und Bürger waren aktiv in die Gegnerschaft involviert. Die Kommunisten mussten um des Überlebens Willen kämpfen, weil sie verfolgt worden sind und sich zwangsläufig in verteidigender Gegnerschaft befanden; die Juden, weil sie unter Verfolgungs- und Vernichtungsdruck standen. Die bürgerlichen Eliten der französischen Gesellschaft, der ‚Grande Nation‘, haben sich in hohem Maße angepasst. Man denke an die kaum aufgearbeitete und gar nicht bewältigte Vichy-Vergangenheit. In Teilen der französischen intellektuellen Eliten gab es nach der Niederlage Frankreichs 1940 Tendenzen, sich am deutschen Nationalsozialismus zu orientieren, da das parlamentarische System, die Republik, zum Niedergang geführt habe – so der Tenor. Aus diesem Milieu bildet sich vor allem der Front National. Sie mussten die erlittenen psychischen Deformationen ertragen und kompensieren, z.T. durch Hinwendung zu faschistischem Denken. Es gab eine funktionierende Rüstungsindustrie in den besetzten Ländern; Freiwillige wurden für die SS in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Dänemark und Norwegen rekrutiert. Faschistische Parteien und Gruppierungen entstanden, vor allem in Flandern, den Niederlanden und Norwegen. Die Rüstungsindustrie hat z.B. in dem in der Nazi-Sprache genannten ‚Böhmen/Mähren‘ sowie in der katholisch-faschistischen Slowakei hervorragend funktioniert. Nach der Eroberung, Befreiung und erneuter Okkupation durch die ›Rote Armee‹ produzierte man in der CSR deutsche Waffen weiter, die die UdSSR z.B. an Israel lieferte. Viele weitere Beispiele bieten sich an. Die Gefahr einer Relativierung ist dabei grundsätzlich zu beachten.

[33]   Zur Problematisierung des Krisen-Begriffes vgl.: Nettelmann, Lothar / Voigt, Gerhard: Reflexionen über den Begriff der Krise. In: politik unterricht aktuell, 1/2-1996, S. 19 – 38.

[34] Sein Vortrag fand übrigens an einem historischen Datum statt, dem Abend des 9. November 1989. Man distanzierte sich beizeiten. So war denn auch der Zeitpunkt des Austritts aus der PVAP wichtig, etwas das durchaus zu Spannungen geführt hat und zur Waffe in den Umorientierungen und Machtkämpfen der Nachwendezeit in Polen wurde. Für einige wurde der Parteiaustritt 1980 als ‚zu früh‘ angesehen, für andere war es dann 1982 schon ‚zu spät‘.

[35]   Die Genese dieses Begriffes ›Realsozialismus‹ als Kampfbegriff der DDR formuliert gegenüber dem neuen Sozialismus-Begriff der (linken) Sozialdemokraten in der Ära Brandt, ist nicht außerachtzulassen.

[36]         Zumindest wurde dieser Eindruck in den westdeutschen Medien bereits lange vor der Wende vermittelt. In Polen war er ein Negativstereotyp der oppositionellen Volksbewegung etwa gegen Ende der der siebziger Jahre.

[37] Erich Krenz hat jahrelang in jeder öffentlichen Diskussion, Talkshows und vor Gerichten seinen Anteil am Nichtschießen in den letzten Tagen der (relativ) selbstständigen DDR betont, also am Nichteinsatz eben der physischen Gewaltmittel sowjetischer Bauart, auf deren Existenz dieser Staat beruhte und aus denen er letztlich seine primäre Legitimation bezog. In wieweit spätere Historiker diese entscheidende Phase erforschen und beurteilen, bleibt abzuwarten.

[38]      In der sich anschließenden Diskussion kann der an vielfache Diskussionen in westlichen Milieus erfahrene Beobachter zwei charakteristische Beobachtungen machen. Es ist die Neigung von Intellektuellen der ehemaligen DDR zu erkennen, soziologischen Fragestellungen auszuweichen, die die eigene Identität bzw. das eigene Milieu betreffen. Eine beliebte Methode ist es, sich auf die Ebene von Anekdoten zu begeben. Weiterhin kann eine recht unkritische – gar affirmative – Haltung von Wissenschaftler/innen festgestellt werden gegenüber heutigen, zwar rechtsstaatlich legitimierten, aber dennoch ‚politischen‘ Institutionen, wie z.B. der sog. Gauck-Behörde. Eine Nichtwahrnehmung von Funktionalisierung ist durchaus erkennbar. Man befindet sich auf psycho-sozialer Ebene offenkundig noch recht weit entfernt von ‚Bewältigung‘ oder wirklicher ‚Aufarbeitung‘ der Vergangenheit.

[39] Fuchs, Jürgen: Magdalena. MfS. Memfisblues. Stasi. Die Firma. VEB Horch & Gauck. Ein Roman. Berlin 1998; vgl. auch: Herzinger, Richard: VEB Horch & Gauck. Die Gauck-Behörde behindert die Aufdeckung von Stasi-Verbrechen. In: Die Zeit Nr. 13 v. 19.03.1998, S. 45f.

Dokument Information / Impressum dieser Seite:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell 1-2/2000
Globalisierung und Ost-West-Perspektiven / S. 3-13.
Hannover, 2002. A 5, kart.

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt OStR i.R.
Druckausgabe vergriffen [ISSN 0945-1544 / ISBN 3-9807714-3-1]

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe: Letzte Überarbeitung: 1.8.2004 / auf http://polen-didaktik.de.aufgenommen und durchgesehen am 21.02.2011 

   
   

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Bearbeitungsstand: 2002 / 2004

Letzte Bearbeitung: 21.02.2011

   
   

 

     
   

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