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Gerhard Voigt:
›Grenzen‹ und ›Blöcke‹: Nationalstereotypen und
symbolisches Alltagsverhalten in Europa
Mit Schülern im Ausland: Blockdenken,
Transformationsprozesse
und Zivilgesellschaft im unmittelbaren Erleben:
Beispiele aus der DDR, aus Polen und aus Ungarn
Die Perspektive des
‚kalten Krieges‘ war das
‚Blockdenken‘, das die
differenzierten gesellschaftlichen und historischen Realitäten überdeckte und
verschleierte. Doch diese
‚Blöcke‘ waren nie in dem
Sinne
‚monolithisch‘ wie es die
politischen Herrschaftseliten auf beiden Seiten für ihre jeweilige Seite
wünschten und behaupteten und von der Gegenseite befürchteten.[]
Andererseits aber waren diese Machtprozesse vor allem im osteuropäischen
Bereich durchaus der Versuch einer integrativen
Homogenisierungspolitik,
um die gesellschaftlichen Figurationen im Sinne der Herrschaft und ihrer
kommunistischen Legitimierung zu verändern.
Letztlich scheiterte dieser Versuch schon sehr
früh, wie die Widersprüchlichkeiten der Integrationsbemühungen schon der
stalinistischen Herrschaft deutlich werden ließen. Daß die Oktoberrevolution in
Rußland und die Gründung der Sowjetunion einen singulären historischen
Stellenwert in der Gesellschafts- und Zivilisationsentwicklung Rußlands
einnimmt, steht außer Frage. Der Grundwiderspruch bestand in darin, daß die
Revolution einerseits durchaus autochthon aus den gesellschaftlichen und
sozioökonomischen Konfliktlagen Rußlands hervorging, die sich schon im 19.
Jahrhundert aufgebaut hatten und strukturell den heutigen Konflikten und
Disparitäten in semiperipheren Regionen entsprachen, andererseits aber durch
ihre marxistische Prägung und Motivierung als
‚sozialistische Revolution‘
ideologisch-immanent anachronistisch-verfrüht war. Diese ideologische
Vereinseitigung des Verständnisses der historisch-gesellschaftlichen
Realität beeinträchtigte das letztlich inadäquate Selbstverständnis und die auf
Dauer mangelnden Problembewältigungspotentiale der KPdSU und der sowjetischen
Herrschaft.
Die andere Seite der Widersprüchlichkeit der
Implantation des marxistisch-kommunistischen Systems in Osteuropa ist, daß
durch die russisch-sowjetische Präformierung eine primär hegemonialpolitisch
und nicht autochthon-gesellschaftlich fundierte Übertragung auf die übrigen,
auf anderer zivilisationsgeschichtlicher Entwicklungsstufe stehenden und
untereinander durch erhebliche Disparitäten zu kennzeichnenden ost- und
südosteuropäischen Gesellschaften nach 1945 letztlich historisch inadäquat war
und nicht nur zu offensichtlichen gesellschaftlichen Widersprüchen, sondern zur
Definition paralleler Realitäten führte (vgl. dazu die Arbeiten von
Engler über die DDR und die
zivilisatorischen Widersprüche des Transformationsprozesses![]).
Der
Terror der stalinistischen
Herrschaft war eben nicht als Zeichen für einen starken, im Sinne der
marxistisch-leninistischen Leitvorstellungen zentralistischen und
sozialistischen Staat []
zu werten, sondern war Symptom von Schwäche und dem drohenden Zerfall durch
permanente zentrifugale gesellschaftliche Tendenzen. []
Einige Historiker vor allem in Frankreich
haben schon in den späten sechziger bis siebziger Jahren nach Reisen durch
Polen und Ungarn sehr dezidiert beobachtet, daß diese Länder kulturell und
gesellschaftlich durchaus
nicht in einen ‚Block‘ integriert
waren, sondern ihre
eigene nationale ‚Identität‘
tradierten und sogar betonten. []
Die kommunistische Herrschaft versuchte sich
schon seit den fünfziger Jahren in einer Doppelstrategie, die dieser doppelten
Realitätswahrnehmung entsprach. Einerseits wurde im Bereich von
(kollektivierter) Landwirtschaft und Industrie das sowjetische Arbeitsmodell
oktroyiert. []
Andererseits wurde eine
traditionalistisch-folkloristische Kulturpolitik betrieben, die sowohl den
kleinbürgerlichen Kulturvorstellungen
der Herrschaftseliten entsprach, als auch die tatsächlichen revolutionären
Potentiale der
kommunistischen Avantgarde
der frühen Sowjetzeit nach der Oktoberrevolution in Rußland anathematisierte,
durch Zensur und Terror neutralisierte oder auch mit tödlicher Konsequenz
verfolgte. Durch Emigration gingen der Sowjetunion wichtige Voraussetzungen
einer echten zivilisatorisch-kulturellen revolutionären Entwicklung verloren.
[]
Dadurch entsteht die scheinbar absurde
Situation, daß
‚der Westen‘ kulturell von
der
kommunistischen Avantgarde
profitierte und sie in die eigene kulturelle Entwicklung integrieren konnte
[],
und daß im kommunistischen Machtbereich folkloristische Tänze [],
regionale Liedkultur und banale „volkstümliche“ schriftstellerische Ergüsse für
die offizielle Kulturpolitik kennzeichnend waren, wie durchweg an
zeitgenössischen Wochenschauen, touristischen und propagandistischen
Materialien und länderkundlichen Arbeiten bis hinein in die achtziger Jahre
belegen läßt.
Das Widersinnige dieses Versuchs einer gewaltsamen
‚kommunistischen Homogenisierung‘
liegt zum einen in ihrem sozio-ökonomischen Anachronismus und zum anderen in
der Tatsache, daß die eingesetzten Mittel letztlich kontraproduktiv waren und
das System von innen heraus zerstörten.
Nicht die Gewaltsamkeit der
Homogenisierungspolitik als
solche ist überraschend [],
sondern ihre doppelte Dissynchronität mit der gesellschaftlichen Entwicklung in
den betroffenen Ländern.
In Rußland entstand auch in der Wahrnehmung der
Bevölkerung eine Dissonanz zwischen den notwendigen sozio-ökonomischen
Basisinnovationen und den für eine entwickeltere Industriegesellschaft
konzipierten kommunistischen Leitideologie, die die zur Verfügung stehenden
ökonomischen und wirtschaftspolitischen Mittel inadäquat präformierte. Das
entstehende ökonomische System war somit in sich widersprüchlich und in
Teilbereichen dysfunktional, wie die schweren Versorgungskrisen, die die
Geschichte der Sowjetunion begleitet haben, beweisen.
Diese strukturelle Instabilität mit ihren
zentrifugalen Gefährdungen wurde letztlich durch direkte Machtpolitik, durch den
Einsatz des Terrors, in einem labilen Gleichgewicht gehalten. Die Machtbalance
der
‚Spitze‘ spiegelte und
reproduzierte sich in den einzelnen Regionen (Republiken, autonomen Gebieten,
hegemonial einbezogene
‚Bruderländer‘)
[],
was die sozio-ökonomische Grundlage für den späteren raschen Zerfall des
Zentralstaates und die Machtfülle der sogenannten
‚Oligarchen‘ in Rußland und
den übrigen Ländern des ehemaligen sowjetischen Machtblocks erklärt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses
Herrschaftssystem unmittelbar durch die sowjetische Siegermacht auf die Staaten
und Gesellschaften ihres Einflußbereiches übertragen. Nachdem der integrative
Effekt einer gewissen
‚Befreiungseuphorie‘
überwunden war [],
wurde in Polen, Ungarn und der CSSR mit ihren weitaus entwickelteren Ökonomien
die Unangemessenheit und Dissynchronität des sowjetisch-stalinistischen System
sehr schnell und unmittelbar erlebbar.
Wie konnten diese Staaten damit umgehen? Bis
zum Tode Stalins wurde der Terror als wesentliches politisches Mittel
präferiert. Die Fülle der
Schauprozesse mit ihrer
absurden Inszenierung versuchte den Terror symbolisch in der Bevölkerung wie
in der politischen Elite erlebbar zu machen und zur
Fügsamkeit zu erziehen.
[]
Die gesellschaftlichen Widersprüche hatten
gerade durch die Spannung zwischen ideologischem Anspruch und
Realitätserfahrung im Alltag eine immanente Tendenz zur Selbstverstärkung, die
mit einer permanenten Verstärkung der Terrorherrschaft nicht länger zu
bewältigen war. So knüpften die Regierungen an traditionelle
Identifikationsangebote an, was durch die affirmative Funktionalisierung des
überkommenen Volks- und Nationenbegriffes auf eine oft recht künstlich wirkende
‚Wiederbelebung‘
volkstümlicher Traditionen und fiktiver
‚Volkskulturen‘ hinauslief.
[]
Auch hier wurde der Unterschied zur
kulturpolitischen Entwicklung in der DDR evident, die im Rahmen einer in der
Folge der zeitgeschichtlichen Belastungen durch Nationalsozialismus und
Angriffskrieg als im Charakter als negativ einzuschätzenden Volks- und
Nationalkultur nicht in gleicher Naivität an eine fiktionale Folklore und
Tradition anzuknüpfen wagte. Diese Vorsicht galt bezeichnender Weise aber nicht
für die slawischen Minderheiten z.B. der Sorben, die wie in den Nachbarländern
durch Betonung eigener Volkstumstraditionen integriert werden sollten, was aber
gerade eine anachronistische aber überdauernde
Ethnifizierung des
gesellschaftlichen Bewußtseins sowohl auf sorbischer wie auf ‚deutscher‘ Seite
evozierte. []
Die DDR entwickelte daher ein abweichendes
geschichtsbezogenes Legitimationsmuster, indem in der deutschen
Kulturgeschichte, d.h. in der Hochkultur, die fortschrittlichen und
revolutionären Wurzeln einer eigenen DDR-Tradition und -Identität gesucht
wurden. Einerseits sind dadurch die DDR überdauernde Ansätze, traditionelle
Wahrnehmungsbarrieren aufzubrechen und bewahrenswerte Akzente der
Kulturrezeption zu setzen, gefunden worden, andererseits war das entstehende
Kultur- und Geschichtsbild in einer solch affirmativen Weise vereinseitigt und
restringiert, daß von einem offenen und verantwortlichen Umgang mit der
Geschichte sicher nicht die Rede sein konnte.
Daß mit dieser einseitigen Betonung lokaler
‚Kulturen‘ der
internationalistisch-revolutionäre Anspruch des Marxismus fundamental
konterkariert und letztlich zum absurden Etikett degradiert wurde, ist
evident. Die Staaten, die sich zunehmend aus ihrer eigenen, wenn auch
uminterpretierten Geschichte und ihrer oft fiktionalen
‚Volkskultur‘ heraus
legitimieren mußten, reagierten mehr oder weniger offensichtlich in doppelter
Weise:
– einmal in einem in der Bevölkerung verbreiteten
in der Führung aber verdeckten (wenn auch vorhandenen)
‚Antisowjetismus‘, der
offiziell als
‚eigener Weg zum Sozialismus‘
deklariert, bald aber als
antirussischer Affekt
ethnifiziert und an ohnehin vorhandene Volkstumsstereotype angeknüpft wurde,
– und zum anderen in einer fortschreitenden
allgemeinen, am Volkstumspostulat orientierten allgemeinen
Ethnifizierung des
gesellschaftlichen Bewußtseins, das umso dominanter wurde, als in der
Vorkriegssituation der Länder noch deutliche semiperiphere Strukturen durch die
Industrialisierung noch nicht überwunden waren, wie vor allem in Südosteuropa
oder in den Peripherien der Sowjetunion.
Beide Prozesse verstärkten nun wieder die
Unterschiede nicht nur zwischen dem Machtzentrum in der Sowjetunion und den
peripheren politischen Systemen im Bereich des Rates für wirtschaftliche
Zusammenarbeit (RGW) und der Warschauer Pakt Organisation (WPO), die zunächst
noch als Folge der Hegemonialpolitik verstanden werden konnte, sondern auch die
Unterschiede und Disparitäten zwischen diesen Staaten selbst, bei denen in
Ostmitteleuropa entgegen den übergeordneten Hegemonialstrukturen im
zivilisatorisch-ökonomischen Bereich sich das zentral-periphere Gefälle
umkehrte, während sich ein zusätzliches Zentrum-Peripherie-Verhältnis zwischen
der DDR und ihren Nachbarländern wie zwischen Ostmitteleuropa und Südosteuropa
definierte. Die Probleme der regionalen Binnenperipherien überlagern diese
disparaten Großstrukturen, perpetuieren Modernisierungsrückstände und regionale
Desintegration und bereiten letztlich den Zerfall des Systems vor.
Die
Blockideologie kam jetzt aus
dem Interesse der Hegemonialmacht Sowjetunion heraus eine doppelte Funktion
zu: die von innenpolitischer Instabilität und von zentrifugalen Tendenzen
bedrohte staatliche Einheit der UdSSR zu anathematisieren und eine zwangsweise
Homogenisierung als Herrschaftsmittel zu etablieren, wo der unmittelbare Terror
mit dem Tode Stalins an die Grenze seiner Wirksamkeit und Funktionalität
gestoßen war und zunehmend absurde Wirkungen hervorrief, und eine
Loyalitätsforderung gegenüber den abhängigen Verbündeten durch Betonung der
gemeinsamen Bedrohungssituation glaubhaft zu machen.
Das labile Gleichgewicht aufrecht zu erhalten
zwischen
Blockloyalität und sich
nationaler wie ethnischer Stereotype bedienender
Dezentralisierungstendenzen
mußte bei sich ändernden globalen Rahmenbedingungen schließlich scheitern.
Nur für den in die Ideologieproduktion der
kommunistischen Länder nicht involvierten
‚westlichen Beobachter‘ kam
daher der rapide und definitive Zusammenbruch des
‚östlichen Herrschaftssystems‘
überraschend: er war historisch und strukturell notwendig geworden und hat
seine Wurzeln in den sich über Jahrzehnte hinweg verstärkenden Widersprüchen
und Disparitäten im sowjetischen Machtbereich. Daß damit kein
‚Sieg‘ des
‚westlichen Systems‘ und
erst recht kein
‚Ende der Geschichte‘
bezeichnet werden kann, ist offensichtlich und zeigt sich an der immanenten
Strukturkrise der gegenwärtigen Globalisierungsprozesse. Daß Autoren wie
Fukuyama []
„Das Ende der Geschichte“ postulieren konnten, zeigt entgegen ihrem
Selbstverständnis ihre fundamentale Involviertheit in das
Blockdenken, das die
globalen Realitäten als
Systemkonkurrenzen
begreift und damit immanente Entwicklungs- und Zerfallsprozesse aus dem
Bewußtsein ausblendet. Der affirmative Kern dieser Weltbilder ist, daß damit
auch für das eigene System
Systemkrisen oder
Systementwicklungen, die
mit Veränderungen der Macht- und Herrschaftsverhältnisse einhergehen, aus dem
Bewußtsein verbannt werden und das eigene System als moralisch und historisch
legitimiert definiert werden kann.
Interessant ist es, unter dieser Perspektive
gerade auch als
‚westlicher Beobachter‘
die tatsächlichen Reiseerfahrungen in den damaligen RGW-Ländern zu erinnern und
die Wahrnehmung und die eigene Resonanz im Rückblick zu thematisieren, um sie
vor dem Hintergrund der entwickelten Problemstellungen neu zu interpretieren.
Das ist ein Beitrag zur Aufarbeitung eigener stereotyper Realitätsdeutungen aus
dieser Zeit, die durch die Allgegenwart des Blockdenkens auch auf westlicher
Seite geprägt waren, auch wenn Widerspruch gegen gerade diese Blockstereotypien
– nicht nur für die Minderheit der Kommunisten im Westen, die letztlich aber nur
die
‚östlichen Blockstereotypien‘
rezipierten und reproduzierten und somit keine grundsätzlich kritische Position
vertraten – bis hinein in die politischen Eliten zunehmend nicht nur
verschlüsselt und verdeckt geäußert werden konnten und geäußert wurden,
sondern im Laufe der innergesellschaftlichen Modernisierung der späten
sechziger und der siebziger Jahre zum Leitbild eines offiziellen
Politikwechsels wurde und die
‚Neue Ostpolitik‘
begründete.
Demgegenüber wurde das osteuropäische
Gesellschaftssystem zunehmend durch Modernisierungsdefizite und die
dargestellten inneren Widersprüchlichkeiten gekennzeichnet, die nicht
zugestanden wurden und die Wahrnehmungsmuster der (meist gefürchteten)
gegenseitigen Begegnung formierten. Für die
‚westliche Realitätswahrnehmung‘
ergab sich dadurch und durch die unmittelbare Erfahrung einer
Nachkriegsstabilität der eigenen staatlichen Konstitution und der
kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung, deren mögliche
Verletzbarkeit bis in die achtziger Jahre hinein offiziell nicht thematisiert
worden ist, eine Ideologie der grundsätzlichen
sozio-ökonomischen Systemüberlegenheit,
die zunächst auch als moralische Überlegenheit etikettiert wurde. Daß die
marxistische Realitätssicht letztlich die gleichen Stereotypen nutzte, diese
aber weitaus geringer in den Lebensalltag der Gesellschaften implantieren
konnte, begründet die gegenseitige Interdependenz der Weltdeutungen zwischen
den beiden
‚Blöcken‘ und das gemeinsame
Festhalten am stabilisierenden
‚Blockdenken‘.
2. Ungarn: In einem Land, in dem der gescheiterte
gesellschaftliche Aufstand zur Basis gesellschaftlicher Modernisierung wurde
1964, acht Jahre nach dem
‚Volksaufstand‘, war Ungarn
noch nicht im Sinne der
‚Blockintegration‘
ausreichend konsolidiert, so daß die sowjetische Militärpräsenz den Alltag
ebenso bestimmte wie kleinliche polizeistaatliche Regularien. []
1964 besuchte ich mit einer Studentengruppe des
Geographischen Instituts der TU Hannover zum ersten Mal Ungarn. Auf dem Programm
stand neben einem kurzen eher touristisch geprägten Besuch Budapest eine
Begegnung mit den Geographen der Technischen Hochschule Miskolc.
Dies war im Vergleich zu anderen ‚Ostblockstaaten‘
etwas Besonderes, da nicht politisch sondern fachlich motivierte Begegnungen
zwischen Studentinnen und Studenten ebenso mißtrauisch beachtet wurden wie
fachlicher Austausch zwischen den Universitätsinstituten. So deutete sich schon
1964 die offenere Politik Ungarns an.
Auf deutscher Seite war, wenn staatliche
finanzielle Unterstützung erwartet wurde, die Situation auch nicht
unproblematisch. Unser Dozent entschied sich für eine Zusammenarbeit mit der
„Deutschen Jugend des Ostens (DJO)“,
die als Jugendorganisation der Vertriebenenverbände eine entsprechende gerade
im Ost-West-Verhältnis nicht unproblematische Position einnahm. Die Folge davon
war, daß uns vor der Einreise nach Ungarn ein politisches Seminar im
Europa-Haus in Wien angeboten wurde. Hier war es interessant zu sehen, daß
unsere Referenten durchaus prominent und liberal waren und der Emigrant
György Sebestyien als
renommierter Journalist das Gegenteil eines Revanchisten war.
Dieses Seminar (ob das die DJO wußte?)
indoktrinierte nun keineswegs, sondern belegte schon hier die Besonderheit des
ungarischen Weges und der gegenüber dem gleichzeitigen deutsch-polnischen
Verhältnisses weitgehend unproblematische Beziehungen Ungarns
‚Westen‘. Das ist aber
doppeldeutig, beinhaltet es doch einerseits die Chance einer offenen politischen
Entwicklung, die ja auch realisiert wurde, andererseits ist es aber auch
Ausdruck eines inadäquaten ungarischen Separatismus, der historisch seine
Wurzeln in der Großungarn-Ideologie vor dem Zweiten Weltkrieg hat.
In Ungarn selbst erlebten wird
Widersprüchlichkeiten. Die Alltagskontakte auf universitärer Ebene waren offen,
unkontrolliert und kritischem Austausch gegenüber positiv eingestellt. Die
Freizügigkeit im Lande war jedoch stark eingeschränkt, ein für
Industriegeographen interessanter Besuch des Stahlkombinats Miskolc war nicht
möglich; die Ausdehnung und Struktur des Werkes konnten wir eher subversiv von
einem Waldweg am Berghang her anschauen und (verbotenerweise)
photographieren. Daß dies aber ohne Kontrollen und in Anwesenheit ungarischer
Dozenten und des Busfahrers möglich war, wäre z.B. in der DDR kaum denkbar
gewesen.
Auf dem Rückweg fuhren wir durch die Puszta und
die Donauniederung nach Dunaújváros (Donauneustadt), das als ‚sozialistische
Stadt‘ mit einem großen Stahlkombinat in den fünfziger Jahren als
‚Sztálinváros‘ neu gegründet war. Die Querung der Donau auf der einzigen
kombinierten Straßen- und Eisenbahnbrücke fand unter strikter Polizeiaufsicht
und mit rigidem Photographierverbot statt. Auch hier konnten wir nicht in das
Industrieviertel einfahren, sondern mußten uns mit der Donaufront und der
kritischen Ansicht der Arbeiter-Plattensiedlungen am Rande des Stadtkernes
begnügen.
Doch war es interessant, auch hier recht
detaillierte Informationen zu unseren eher spärlichen direkten Eindrücken zu
erhalten, die sich in späteren Jahrzehnten im freundschaftlichen Kontakt mit
ungarischen Geographen als gute Basis für ein differenzierteres Verständnis
der ökonomisch-industriellen Entwicklung Ungarns dem Zweiten Weltkrieg
erwiesen.
Der grundlegende Eindruck war schon hier der einer
offensichtlichen Doppelrealität zwischen kritisch-offenem persönlichen
Verhalten und rigider öffentlicher Kontrolle. Wir wissen, daß sich in den
folgenden Jahren, unter dem gesellschaftlichen ‚Minimalkonsens‘ der Regierung
Kádár die offen-kritische Sonderrolle Ungarns durchgesetzt hat.
3. „Wir sind doch hier nicht in der DDR!“
Erlebnisse bei Reisen nach Ungarn in den siebziger und achtziger Jahren
Die Vielzahl der Reisen nach Ungarn birgt einen
fast unüberschaubaren Schatz eigener Erfahrungen und Erlebnisse, die oft
anekdotischen Charakter haben. Der Beginn der häufigen und regelmäßigen Kontakte
und auch der Reisen mit Schülern liegt in der Zeit gegen Ende der siebziger
Jahre. Der Rückblick verdeutlicht den tiefgreifenden Wandel, den Ungarn in
dieser Zeit durchgemacht hat. Dominierte anfangs noch der aus anderen
‚Ostblockländern‘ bekannte
Eindruck
‚sozialistischer Tristesse‘,
so wurde der ungarische
‚Sonderweg‘ von Mal zu Mal
deutlicher und bestimmte dann auch das äußere Erscheinungsbild der Hauptstadt.
Doch sollen diese
‚Anmutungen‘ nur den Rahmen
geben für einige Berichte von Gesprächen und Kontakten in Ungarn als Hinweis
auf die vermittelte Stimmung, in der diese Begegnungen stattfanden und die
damit für die eigentliche Erlebnisdimension von einiger Bedeutung sind.
Die privaten Ungarnreisen waren immer in
einer Weise unspektakulär-angenehm, daß sie zum Thema unserer Überlegungen
recht wenig beitragen. Wichtigere Einsichten vermittelten Studienreisen mit
Schülern, bei denen systematische Kontakte und Besichtigungen konstituierend
waren. Schülerreisen mußten, um erfolgreich durchgeführt werden zu können,
durch zugelassene Reisebüros organisiert werden, sonst wäre Unterbringung und
vor allem inhaltliches Programm nicht zu realisieren gewesen. Private
Ungarnreisen konnten während der ganzen Zeit individuell ohne Reisebüro
durchgeführt werden, Transitvisa wurden sogar direkt an der Grenze erteilt.
[]
Neben einer Reise mit einem deutschen
Reisebüro organisierten wir die meisten Studienfahrten []
über das Reisebüro
‚Expresz‘ in Budapest.
Dieses Reisbüro gehörte der Jugendorganisation der ungarischen Arbeiterpartei,
KISZ, und war bereit, auch
sehr dezidierte Reise- und Gesprächswünsche zu realisieren. Die vermittelten
Reiseleiter waren, im Gegensatz zur DDR, niemals
‚Aufpasser‘, sondern
nahmen ihre Servicefunktion sehr ernst und waren recht gut qualifiziert.
Nach der
‚politischen Wende‘
[]
und dem Ende der Jugendorganisation haben wir die folgenden Studienfahrten
weitgehend selbst organisiert und nahmen sehr dankbar die unermüdliche Hilfe
unseres Freundes und Fachkollegen, Prof. Zoltan Antal, vom
Wirtschaftsgeographischen Lehrstuhl der Éötvös-Lorand-Universität Budapest in
Anspruch. Dieser sich über das Jahrzehnt hinaus ziehende Kontakt war für das
Erkennen der ökonomischen und politischen Transformationsprobleme Ungarns
[]
von ausschlaggebender Bedeutung und bildet nun die Basis der Reflexion früherer
Erinnerungen und Eindrücke.
Schon in den siebziger und achtziger Jahren waren
die im vorherigen Abschnitt geschilderten
Kontakt- und Spionageängste
in Ungarn überwunden und selbst belächelte Geschichte – ganz im Gegensatz zur
DDR. Durch Vermittlung des genannten Jugendreisebüros – natürlich reagierend
auf dezidierte Wünsche und Programmvorstellungen unsererseits, die aber
sichtlich gerne bearbeitet und erfüllt wurden, da sie von den üblichen
touristischen Wünschen jugendlicher Reisegruppen deutlich abwichen – konnten
wir wesentliche Einblicke in den ungarischen ‚sozialistischen‘ Alltag nehmen
und erhielten interessante Gesprächspartner.
So besuchten von mir begleitete Schülergruppen
verschiedene landwirtschaftliche Großbetriebe, wie die Cooperative
Ungarisch-Sowjetische Freundschaft
in Keczkemét und ein staatliches Weingut in den Sandgebieten der großen
Ungarischen Tiefebene, dem Alföld. Später kamen noch in Begleitung von Prof.
Antal Betriebe im Osten und Nordosten des Landes und in der Region Pécs in
Südungarn dazu, bei denen vor allem die nachsozialistischen
Transformationsprozesse studiert werden konnten.
Im industriellen Bereich konnten vor allem
Betriebsbesichtigungen bei der Autobusfabrik
Ikarus in Budapest
wesentliche Einblicke vermitteln, aber auch ein Besuch der Bekleidungsmanufaktur
Élegánt. In der
‚Nachwendezeit‘ kamen weitere Betriebe hinzu, so im schwerindustriellen Bereich
privatisierte Nachfolgebetriebe des Stahlkombinats auf der Czepel-Insel in
Budapest. In einer dankbar angenommenen Fachexkursion, die Prof. Antal
leitete, konnte ich auch noch einiges über das Altindustriegebiet Nordungarn
mit der Glasindustrie in Sálgotarjan und der absterbenden Eisenindustrie von
Ózd an Ort und Stelle erfahren und in die Vorbereitung der nächsten
Studienfahrten mit Schülerinnen und Schülern einfließen lassen.
Was fiel unseren Schülerinnen und Schüler zunächst
bei
Ikarus auf? Das Werk – in
Budapest ist das Zweigwerk des Stammwerkes in Székesfehérvár
[Stuhlweißenburg] –, damals beinahe noch der Monopolbetrieb für den ganzen RGW
im Bereich der Herstellung von Stadt- und Regionalverkehrsbusse, machte auf den
ersten Blick einen beinahe chaotischen, veralteten Eindruck, wie man sich eben
einen
‚sozialistischen Staatsbetrieb‘
vorstellt. Arbeitsschutzvorschriften schienen grundsätzlich mißachtet zu
werden – kein individueller Lärmschutz (obwohl entsprechende Schilder aufgehängt
waren), nur wenige Arbeiterinnen und Arbeiter in den Produktionshallen, in
denen schwebende Lasten durchaus an der Tagesordnung waren, trugen Schutzhelme,
Sicherheitsstiefel schienen ebenso unbekannt gewesen zu sein, die Drehbänke und
sonstigen Arbeitsplätze, an denen vor allem Frauen arbeiteten, waren heimelig
mit Blumentöpfen geschmückt –, doch herrschte, wieder im Gegensatz zu
Eindrücken in anderen RGW-Ländern, der Eindruck intensiver Geschäftigkeit und
durchaus effektiven Arbeitens vor. Diese Eindrücke sind zwar zunächst subjektiv,
stehen aber in einem kommunikativen Wahrnehmungsprozeß, in den beide
einbezogen sind, und der damit auf beachtliche soziale Realitäten verweist und
durchaus objektiven Unterschiede zwischen den
‚Ostblockländern‘ aufzeigt –
das Thema unseres Aufsatzes.
Sehr schnell fiel unser Blick auch darauf, daß die
Produktionspalette sehr differenziert war, wenn man sich erst einmal von dem
überwältigenden Eindruck Hunderter immer gleicher Stadtbusse, wie man sie ja
aus beinahe allen osteuropäischen Städten kennt, in der riesigen
Produktionshalle lösen konnte. Daneben standen dabei
‚superluxuriöser‘
Überlandbusse mit Schlafsitzen, Küche, in den Plätzen integrierten TV-Schirmen
der Marke
Volvo – wie? Ja doch, das
kleine Produktionsschild an der Fahrertür sagte eindeutig: Made in Hungary.
Ikarus Budapest. Zudem die Achsen und Getriebe: Marke
Rábá, Györ, einem
ungarischen Traditionsbetrieb mit Weltruf. Warum stand aber auf den völlig
gleichen Achsen für die Exportfahrzeuge
MAN? Auch das ist zu klären:
Rábá war (und ist)
Lizenznehmer und osteuropäischer Produktionspartner von MAN.
Was für den Beobachter vielleicht überraschend
war, ist die schon Ende der siebziger Jahre auf betrieblicher Ebene in Ungarn
mögliche und forcierte internationale Kooperation und Integration, die über
die RGW-Rahmenbedingungen weit hinaus ging und marktwirtschaftlichen Strukturen
folgte. Wichtig in weltpolitischer (blockpolitischer) Hinsicht war hierbei, daß
diese Kooperationen nicht demonstrativ durch Staatsverträge publik gemacht,
sondern aus jeweils gegebenem ökonomischen Bedürfnis heraus dezentral mit
Billigung der staatlichen Außenhandelsorganisation vereinbart wurde.
So war es nur halb überraschend, in Istanbul fast
ausschließlich, oft recht alte,
Ikarus-Stadtbusse zu sehen,
die in ihrer einfachen Technik den Bedürfnissen der Türkei gut angepaßt und vor
allem finanzierbar waren. Doch ein zweiter Blick irritiert auch hier: Als
Markenname firmieren diese Busse als
MAN, ihre Produktion:
OtoMAN, der türkischen
Tochterfirma von MAN. Hier sieht man schon in den siebziger Jahren beginnend
eine technisch-ökonomische Verflechtung, die weit über einzelne Lizenzverträge
hinaus ging und heute eigentlich nahtlos in die aktuellen
Globalisierungsprozesse überführt worden ist.
Für Ungarn ist diese früh angelegte internationale
Kooperation heute ein ökonomischer Standortvorteil, sich durch
technisch-ökonomische Innovation in der Globalisierung zu positionieren, um
damit Startvorteile in der angestrebten EU-Mitgliedschaft zu gewinnen.
Zurück nach Budapest, in das
Ikarus-Werk. Daß auch
Prototypen von Standard-Stadtbussen nach westdeutscher Norm gefertigt wurden,
versteht sich von selbst. Doch fanden sie nicht den Weg auf den westdeutschen
Markt. Einerseits wird von massiver Einflußnahme von MAN und Mercedes bei der
Ausschreibung kommunaler Aufträge berichtet (was in Zukunft nach
EU-Richtlininen schwerer fallen wird), andererseits denke ich, daß gerade die
funktionierende internationale Kooperation von
Ikarus mit westeuropäischen
Automobilfirmen die ungarische Firma zu Zurückhaltung auf dem westdeutschen
Markt veranlaßte.
Aber noch etwas war uns ganz konkret aufgefallen:
In der selben Produktionslinie von Standard-Überlandbussen für den RGW-Markt
waren Unterschiede in der Verarbeitungsqualität und -sorgfalt offensichtlich.
In einigen Fahrzeugen wurden die Fußböden über den Kofferräumen sorgfältig
geglättet und mit Abdeckplatten von unten sorgfältig befestigt, bei anderen
Fahrzeugen wurden einfach ein paar lange Schrauben von oben durch das Blech
gejagt, die dann zentimetertief in den Kofferraum hineinragten – eine
Horrorvorstellung für Kofferbesitzer. Warum also dieser Pfusch? Sehr gerne
wurde uns darauf sicherlich nicht geantwortet, aber schließlich konnte man doch
erfahren: die sorgfältig gefertigten Fahrzeuge gingen an ungarische Besteller,
z.B.
Volán, der Pfusch wurde in
die Sowjetunion geliefert... Soviel zur brüderlichen Freundschaft im
‚Ostblock‘.
Ja, und was hat es mit der
Ungarisch-Sowjetischen Freundschaft
in der Kooperative in Keczkemét auf sich? Diese Frage stellten Schülerinnen
und Schüler sofort bei unserem ersten Besuch auf einem genossenschaftlichen Gut,
das so groß war wie ein Landkreis in Deutschland. Die Antwort, noch Ende der
siebziger Jahre, war zunächst einmal herzliches Lachen. Und dann kamen einige
recht despektierliche Äußerungen, von denen die Aussage
„hier ist noch kein Russe gewesen“,
die harmloseste war. Antisowjetische und antirussische Affekte wurden nur allzu
deutlich und bestätigen damit die Aussage, daß herkömmliche und
zeitgeschichtlich verstärkte politische und Volkstums-Stereotypien stärker waren
als jede
‚Blockpropaganda‘ oder gar
ein nicht vorhandener
sozialistischer Internationalismus.
Das demgegenüber ebenso realitätsfremde Positivstereotypien gegenüber
Westeuropa und Westdeutschland gepflegt wurden, zeigt nur zu deutlich das
Scheitern der kommunistischen Identitätsstiftung und Blocklegitimation, die
offizieller Bestandteil der staatlichen Leitideologie waren.
Warum dann der Name der Kooperative? In der
stalinistischen Zeit bei der erzwungenen Gründung der Genossenschaft übernahm
die Massenorganisation
‚Gesellschaft für Ungarisch-Sowjetische
Freundschaft‘ die
Patenschaft über die
Kooperative, was mit der bevorzugten Nutzung der genossenschaftlichen
Infrastruktur des Betriebes für die Mitglieder der Massenorganisation verbunden
sein sollte, praktisch aber dann kaum eine Rolle spielte.
Als Exkurs sollte hier auf die besondere
institutionelle und ökonomische Struktur und Funktion der ungarischen
Kooperativen hingewiesen werden, die sie deutlich von den Landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaften in der DDR wie auch von den Kolchosen der
Sowjetunion abhoben. Das ungarische Modell war im Rahmen der sozialistischen
Bedingungen und der RGW-Einbindung ein
Erfolgsmodell, das vor allem
auf eine größere ökonomische Unabhängigkeit und eine andere Rechtsstellung der
Eigentümer zurückzuführen ist.
In der Kollektivierungsphase in Ungarn
wurden einmal die adligen Großgrundbesitzer enteignet und expatriiert. Ihre
Güter wurden zu Staatsgütern, ihr Streubesitz zum Kollektiveigentum der neuen
Kooperativen. Ländlicher Kleinbesitz war in Ungarn zwar vorhanden, aber
bildete keine sozial abzugrenzende Institution wie in Polen. So konnten bei
der Kollektivierung für die
‚Kleinbauern‘, die in einer
traditionsreichen konservativen politischen Partei doch ein politischer
Machtfaktor waren, der, da die Kleinbauern als sozial deprivierte Schicht nicht
als
Klassenfeind zu definieren
waren, ein privilegierter Status innerhalb der Kooperativen ausgestaltet
werden, der mit dem formalen Behalt eines Eigentumstitels an Land und Gebäuden
verbunden war. []
So entstand im genossenschaftlichen Sektor eine
gemischte Besitzform, in der
genossenschaftliche Arbeit
auf den großen Flächeneinheiten neben
privatbäuerlicher Feldwirtschaft
eine recht lukrative Verbindung eingehen, der sich eine ökonomische
Diversifizierung zuordnete, indem Infrastruktur, Reparatur, Service und
technische Betriebsteile und Handel mit landwirtschaftlichen Produkten sich –
man würde heute sagen: in dezentralen
‚profit centers‘ –
verselbständigten. Die Einkommensverhältnisse waren über Jahrzehnte in Ungarn
auf dem Lande besser als in den industriellen Agglomerationen, in denen nach und
nach die gemischtwirtschaftlichen Produktionsformen der landwirtschaftlichen
Kooperativen ebenso nachgeahmt wurden wie in den Staatsgütern, was die
gesamtwirtschaftliche Produktion verbesserte und die internationale
Verflechtung Ungarns förderte.
Das Selbstbild Ungarns von diesen
politisch-ökonomischen Erfolgen sehr stark geprägt. Abwehrende und abgrenzende
Stereotypen gegenüber den anderen RGW-Nachbarn, vor allem aber gegenüber der
DDR waren an der Tagesordnung. In den achtziger Jahren konnten wir ein
aufschlußreiches Gespräch mit einem Spitzenfunktionär der kommunistischen
Jugendorganisation
KISZ und
Parlamentsabgeordneten führen, dessen Standardformulierung uns aus anderen
Gesprächen schon vertraut war:
„Wir sind doch hier nicht in der DDR!“
Sein Bild von der Jugendorganisation in Ungarn war
lieber klein und fein (vielleicht sogar
elitär) als groß und unbeweglich (vielleicht sogar nur dem sozialen Druck
gedankt). Negativbild, von dem es sich anzusetzen galt, war
eindeutig die FDJ der DDR, die als politisch völlig ungeeignet und letztlich
schädlich für die Durchsetzung sozialistischer Überzeugungen eingeschätzt
wurde,
weil sie in der Bevölkerung nicht glaubwürdig
war.
Auf der gleichen Reise wurde in einem Jugendlager
des Jugendreisebüros
Expresz am nördlichen
Ufer des Balaton in der Nähe von
Tihanyi die alltägliche
Konsequenz dieser negativen Einschätzung (ungewollt) sichtbar gemacht. Unsere
Schülergruppe kam in recht wohnlichen Vierbett-Blockhütten unter; das Essen im
Strandpavillon war gut, ungarisch und reichhaltig, der Service hotelähnlich und
überaus freundlich und zuvorkommend.
Beim Mittagessen hörten wir von einer
anderen, sehr viel ungüstiger plazierten Gruppe in deutscher Sprache lautstarke
Klagen über ‚schlechtes Essen, unbequeme Zelte, unmögliche Bedienung etc. etc.‘.
Versuche, mit der Gruppenleiterin und den Jugendlichen in Kontakt zu treten,
wurden brüsk zurückgewiesen. Die Gruppe kam erkennbar aus Sachsen und wurde von
der FDJ betreut. Auf unsere Fragen bei unserem ungarischen Reisebegleiter
Péter Rill, der ein
Musterbeispiel an Kompetenz und Zuvorkommenheit war [],
wurde eine zweite Dimension des Konfliktes über die mentale Ebene hinaus
deutlich: Zwischen
KISZ und
FDJ bestand ein
Austauschvertrag, der von den deutschen Jugendlichen, die damit die einmalige
Chance eines Auslandsaufenthalts bekamen, gerne in Anspruch genommen wurde, von
den jungen Ungarn jedoch herzlich wenig, den ein Interesse an der DDR bestand
hier überhaupt nicht. So mußte die ungarische Seite ständig zuzahlen, wenn die
Gäste aus der DDR kamen, denn eine finanzielle Verrechnung in Devisen gab es
nicht.
So wurden die Gäste aus der Bundesrepublik
Deutschland sichtlich (gegen DM) bevorzugt und umsorgt, während man an den
DDR-Gästen sparte. Das verstärkte aber negative Urteile in der DDR gegen Ungarn
oder andere als
‚feindlich eingestellt‘
erlebte Ausländer, und erst recht gegenüber den
‚privilegierten Westlern‘.
So war es sicherlich nicht nur politisch motiviert, daß eine Kontaktaufnahme
mit unseren Schülerinnen und Schülern von der DDR-Gruppe, die ohnehin schon
frustriert war, brüsk zurückgewiesen wurde. Interessant wird die Interpretation
dieser Konflikte, die ja überdauernde Bewußtseinsspuren hinterlassen haben,
durch die offensichtlichen sich gegenseitig verstärkenden Wechselwirkungen, die
die verschiedenen Bedeutungsebenen untereinander aufweisen, wobei Prozesse der
self-fulfilling prophecies
ebenso eine Rolle spielen, wie zivilisationsgeschichtliche
Wahrnehmungsdissonanzen.
Der Vergleich der Lebensverhältnisse und der
Lebenswirklichkeiten in den Ländern, die offiziell einer
Blockideologie des RGW und
der WPO unter der Hegemonie der Sowjetunion untergeordnet waren, ist durch
systemtheoretische Ansätze nicht hinreichend auszudifferenzieren.
Lebenswirklichkeiten werden vor allem durch
Bewußseinsinhalte geprägt, wahrgenommen und bewertet, also vor allem durch die
alltäglichen Symbolwelten. Daß diese zunächst immer stereotypen Charakter
tragen, ist evident. Daher ist auch der traditionelle
aufklärerisch-pädagogische Ansatz,
vorurteilsfreie Realitätssichten
herzustellen durch
Ideologiekritik und
Aufklärung über Vorurteile
zwar ethisch nachvollziehbar, in der sozialen Realität aber zum Scheitern
verurteilt.
Im Ansatz ist daher der marxistisch-kommunistische
Ideologiebegriff, der mit der Möglichkeit einer von der sozialen Perspektive
bestimmten gesellschaftlichen Realitätserfahrung gleich gesetzt wird,
sozialphilosophisch sinnvoll, aber in seiner affirmativen Konsequenz, daß eben
diese Realitätssicht, wenn sie den
richtigen Interessen dient,
damit schon
eo ipso gut und richtig ist,
nicht hinreichend.
Dieser normativ-kategoriale Realitätsbegriff ist
zu ersetzen durch diskursive Realitätssichten. Grundlage eines didaktischen
Diskurses kann auch hier der Rückgriff auf Erfahrungen,
oral history und
Alltagerzählungen sein, in denen gerade anekdotische Zuspitzungen viel über die
kulturellen Selbstverständnisse aussagen. Kontrastive Ansätze ergeben sich,
wenn diese Symbolwelten in verschiedenen Ländern verglichen werden.
In unserem Kontext bieten sich einige pointierte
Erzählungen aus Ungarn und aus Polen an, die den Verfasser nachdenklich gemacht
haben. Kann aus Anekdoten und Erzählungen etwas über ungarische historische
Selbstbilder erfahren werden und können diese aufklärerisch und nicht
Stereotypen verfestigend gelesen werden?
Ein ungarischer Emigrant kommt nach New York. Das
einzige was er mitgebracht hatte, war ein Bündel ungarischer Forint. Auf Rat
eines Leidensgenossen will er doch versuchen, sich neu einzukleiden, um bessere
Chancen bei der Jobsuche zu haben und geht zu einem kleinen Schneiderladen,
eher ein Trödler, der selbst Immigrant ist und den Ruf hat, dem Kunden
angemessene Preise zu verlangen. „Was hast Du denn für Geld?“ fragt er den
ungarischen Einwanderer. „Nur ein paar Forint. Es ist zwar ein ordentlicher
Stapel, aber der Wert...“ – „Laß einmal sehen? Wer sind denn die Männer auf
diesen Scheinen? Sind das eure Präsidenten, wie bei uns auf den Dollarnoten?“ –
„Nein, sie sind viel mehr, es sind unsere Volkshelden!“ Die Augen des Ungarn
leuchten vor Begeisterung. „Das ist Lajos Kossuth, der 1848 den Aufstand gegen
die Habsburger anführte!“ – „Und er wurde nach dem Erfolg des Freiheitskampfes
euer Präsident?“ – „Nein, leider nicht, der Aufstand hatte keinen Erfolg und
Kossuth starb im Exil.“ – „Und wer ist dieser großartige Mann?“ – „Unser
Nationaldichter Pétöfi!“ – „Und wo lebte er?“ – „Er wurde im Befreiungskampf
erschossen und verscharrt. Sein Grab ist bis heute unbekannt.“ – Die nächsten
Geldscheine. „Das ist Graf Széchenyi, der die Modernisierung und
Industrialisierung Ungarns durchgeführt hat und die Kettenbrücke in Budapest
bauen ließ...“ – „Und er ist dabei reich und glücklich geworden?“ – „Nein, er
starb verarmt durch Selbstmord in einer österreichischen Irrenanstalt.“ – „Oh
Gott! Welch ein Schicksal! Aber das hier ist doch ein gekrönter König?“ – „Na
ja, das ist der Freiheitskämpfer György Dószá. Die Fürsten rösteten ihn auf
einem glühenden Eisenthron und krönten ihn mit einer glühenden Eisenkrone.
Sein Mitkämpfer mußten vor ihrer Hinrichtung sein Fleisch essen...“ – „Aber gibt
es nicht hier zuletzt doch noch einen glückreichen Helden?“ – „Das ist der
größte moderne Komponist Ungarns, Bélá Bartók; er starb völlig verarmt im Exil
in New York nach dem Zweiten Weltkrieg...“ – „Und du kommst jetzt auch nach New
York, mit diesem Geld, mit diesen Helden? Nein, dir kann ich für deinen Anzug
kein Geld abnehmen, sei mein Gast...“
Die Interpretation dieser gut erfundenen Anekdote
ändert sich, je nachdem Erzähler. Ich habe sie in Ungarn gehört und zwar voller
Selbstironie. Doch dieser ironische Pessimismus ist durchaus ambivalent und kann
sich auch über Selbstmitleid in Aggression umwandeln. Hier verbinden sich
Opfermythos mit
heroischen Selbstbildern,
die weit in die Geschichte zurückreichen und ihre Wurzeln sicher schon in der
Zeit der Landnahme und ihrer stereotypen Tradierung haben.
Erzählt es ein Nicht-Ungar – also in der Anekdote
die
‚Schneiderperspektive‘ –, so
changiert die affektive Komponente der Erzählung zwischen Mitleid und
Überheblichkeit: Unser Bild vom Helden ist die des erfolgreichen Siegers. Zwei
Heldentumskonzepte stoßen hier aufeinander und öffnen damit den Blick auf
unterschiedliche kollektive Erfahrungen von Völkern und auf eine
unterschiedliche Geschichtsrezeption. Die ungarische Perspektive ist hier die
des
‚underdog‘, der in
Konfliktsituationen zu selbstmörderischem Heldentum über sich hinaus wächst und
zur kollektiven Symbolfigur wird. Für die Perspektive der Politischen Bildung
ist es hier wichtig, daß diese Selbstbilder und kollektiven
Identifikationsmuster Teil des Verhaltensrepertoires auch in Alltagssituationen
wird und damit heutige Realitäten prägen kann.
Der Volksaufstand der Ungarn 1956 ist ein
vergleichbares Ereignis: Aus eher banalem Anlaß von Sympathiedemonstrationen
für die rebellischen Polen, die nach dem Tode des Stalinisten Bierut den blutig
niedergeworfenen Posener Aufstand vom 28. Juni erlebten, dann aber eine
schrittweise Entstalinisierung ihres Staates und die Einsetzung des
Nationalkommunisten Gomu»ka
durchsetzen konnten, eskalierte eine gewalttätige
„heldenhafte“
Fundamentalopposition, die erst durch das Eingreifen sowjetischer Truppen
niedergeschlagen werden konnte.
*
„Die Magyaren machten sich wie die anderen Stämme
der Völkerwanderung auf den Weg, wenn auch mit einer kleinen Verspätung, um im
sonnigen Italien zu siedeln und Rom zu erobern – dann merkten sie zu ihrer
Überraschung, daß Andere schon vor ihnen angekommen waren. Nun – dann blieben
sie eben in Ungarn und gründeten statt dessen Buda. Aber erst später merkten
sie, daß sie ihre Hauptstadt am Tor zur Hölle erbaut hatten“, erzählt uns ein
ungarischer Historiker. Ist das „Tor zur Hölle“ nun der Ort der heißen Quellen
und endlosen Höhlen im Kalkgestein – oder ist es der Ort der Belagerungen,
Eroberungen, des Verrats und des Mordes? Die Ironie und Selbstironie ist
ambivalent und damit typisch für ein auf den ersten Blick pessimistisches
nationales Selbstbild.
In traditionellen Geschichtsbüchern wird das Bild
der Ungarn als der Beschützer Europas vor der türkischen Gefahr beschworen oder
zumindest aus zeitgenössischen Quellen zitiert [MacCartney,
1971;
Dienes, 1977;
Hanák, Hg., 1988]. Die
wahren Helden Ungarns die Märtyrer, die sich in auswegloser Lage für Ungarn
opfern, wie der
‚Held von Szigetvár‘, Miklós
Zrinyi, oder die Verteidiger von Eger gegen die Osmanen. Heutige Historiker [Lázár,
1990] stehen dieser Geschichtsdeutung skeptisch gegenüber.
Für wen opfern sich diese
‚Helden‘? Die ungarische
Nation bezeichnete damals
ausschließlich eine kleine Schicht hoher
Adliger und Magnaten, deren feudale Kohäsion keinerlei
Identifikation mit einem
Volk oder gar der
unfreien Bauernschaft
implizierte. Dieses Heldentum ist so feudal wie der
ritterliche Ehrenkodex im
westeuropäischen Mittelalter.
Wer kämpfte gegen die
‚Türken‘? Archäologische
Untersuchungen der
Schlachtfelder und
kritische Quellenanalysen ergeben, daß die adligen
Kriegsherren von
Söldnertruppen unterschiedlichster Herkunft umgeben waren und daß sich die
Heere der
‚christlichen Ungarn‘ von
denen der
‚islamischen Osmanen‘ in
keinerlei Hinsicht unterschieden [Lázár,
1990]. []
Welches Europa wurde vom
‚Bollwerk Ungarn‘ beschützt?
Ein zutiefst von Fehden und Kriegen zerrissener Kontinent, der den Ungarn nur
dann
zu Hilfe kam, wenn es
eigenen Herrschaftsinterressen nützte. Sogar in Ungarn selbst war die
gesellschaftliche und feudale Unterstützung der
‚Helden‘ eher die Ausnahmen
– aber war für den Frieden und eine nachhaltigere Entwicklung des Raumes nicht
die auf Kompromisse abzielende Haltung des ungarischen Königs, der, in Buda
regierend, den Osmanen tributpflichtig blieb, wie auch der auf eigene
Interessen bedachte Haltung Siebenbürgens nachhaltiger als die
Heldentaten der ungarischen Volkshelden?
Warum beschäftigen wir uns mit diesen
nationalen Selbstbildern,
warum üben sie bis heute eine große Faszination aus? Weil sie im
gesellschaftlichen Alltag Wert- und Verhaltensoptionen bereit stellen und damit
Realitäten verändern und prägen. Für uns ist die Beschäftigung mit dieser
Realitätsdimension im Rahmen der Politischen Bildung heute wichtig, weil wir
offensichtlich im Rahmen der Globalisierungs- und Universalisierungsprozesse an
einer Schnittstelle zwischen alten und noch undeutlichen neuen Verhaltens- und
Wertrepertoires stehen, deren Trennlinien unübersichtlich sowohl in regionalen,
sozialer und intergenerationeller Hinsicht verlaufen. Sicherheit, daß
traditionelle stereotype Verhaltensoptionen nicht jederzeit wieder
funktionalisierbar und verfügbar sind, besteht nicht, wie die
Renationalisierung und Reethnifizierung von gesellschaftlich-politischen
Konflikten sowohl in den Transformationsländern als auch in den semiperipheren
Regionen erweisen.
Politische Bildung muß daher mehrere funktionale,
zeitliche und wertbesetzte Realitätsebenen gleichzeitig im Auge behalten und
deren Interdependenzen ergründen. So stellt sich
historisch-sozialwissenschaftlich die Frage nach Herkunft und Funktion
stereotyper Selbstbilder. Schlüssige Erklärungsmodelle sind hier noch selten
(vgl. dazu
Smolicz, 1983), so daß hier
nur einige begründete Thesen mit einer gewissen historischen
Wahrscheinlichkeit aufgestellt werden können, um Diskurse der Politischen
Bildung zu diesem Thema anzustoßen.
Ungarn, darauf rekurriert die stereotype
Aktualisierbarkeit des
Landnahmemythos, der die
viel komplexere tatsächliche Herausbildung eines magyarischen
Herrschaftsraumes auf wenige ideologische Grundmuster reduziert [],
folgt im 10. bis 11. Jahrhundert dem
Migrationsmuster einer kriegerischen Überschichtung einheimischer
Bevölkerungen durch ein asiatisches Reitervolk mit dessen gesellschaftlicher
Strukturierung in
gentes und
Klientele (die elf Stämme
der Magyaren in der Überlieferung). Die Zahl der Migranten dürfte klein und
dennoch nicht einmal homogen gewesen sein. Die ökonomische Existenzbasis waren
Raub und Eroberung und Beherrschung einer in die Unfreiheit gedrängten
einheimischen bzw. aus früheren Migrationswellen stammenden
landwirtschaftlichen Bevölkerung. []
*
Auf den ersten Blick weisen die Heldenmythen der
Ungarn viele Parallelen zu polnischen Selbstbilder auf. Doch bei genauerer
Analyse fallen doch grundlegende historische und bedeutungs-funktionale
Divergenzen auf.
Gerade in der Neuzeit seit den
Polnischen Teilungen
kultiviert Polen ein ausgesprochenes
Opferbewußtsein, das durch
die objektive neuzeitliche Geschichte auch immer wieder bestätigt wird.
Polnische Teilungen, Nazi-Okkupation im Zweiten Weltkrieg, Westverschiebung und
stalinistischer Oktroy bestärken einerseits die
Opfermythologie und
andererseits das Bewußtsein, im
Staat den aufgezwungenen
Herrscher zu erfahren. Soweit eine Parallele zum ungarischen Selbstverständnis.
Auch ihre in Irreale zielende Überhöhung im 19. Jahrhundert im
Sendungsbewußtsein des
Messianismus
[]
und im elitären Eskapismus des
Sarmatismus eines Teils des
Magnatentums findet Parallelen in der ungarischen Geschichte und ist
Kennzeichen für die Modernisierungswiderstände und sozioökonomischen
Entwicklungsrückstände in beiden Ländern.
Wenn diese Parallele jedoch der
Nationalstereotypen weiter verfolgt wird, trifft man sehr häufig auf die
polnischen
„Helden“ des Weltkrieges,
die als Kavallerie anrückende Panzerformationen angegriffen haben sollen. Doch
ist hier, auch wenn sich die Parallele zum ungarischen heldenhaften Märtyrertod
aufdrängt, Vorsicht angebracht. Dieser Mythos dürfte unabhängig von jeder
realen Kriegsbegebenheit, eine pejorative Fremdstereotype sein, um Polen als
rückständig und dumm zu diffamieren, wobei das
„Heldenetikett“ die gleiche
bösartige Absicht verfolgt wie die tödliche Krönung von György Dószá durch seine
fürstlichen Feinde. Auf der gleichen Ebene liegt das Fremdbild von der
Polnischen Wirtschaft, das
zwar historisch-ökonomischer
Beweise nicht mangelt, aber
gar nicht darauf abzielt, eine tatsächliche Realität zu verstehen, sondern einen
Fremden aggressiv negativ zu etikettieren.
So kommen wir zu einigen historisch aufzudeckenden
Unterscheidungen im Stereotyp- und Mythologierepertoire dieser beiden Länder.
Polnische Stereotypien in der heute vorzugsweise vorzufindenden Ausgestaltung
sind historisch jüngeren Ursprungs und reflektieren vor allem die Geschichte
seit den Polnischen Teilungen. Sie sind zudem weitaus stärker von
Fremdstereotypen oft in sehr aggressiver, feindlicher Form überlagert, als es in
Ungarn der Fall war und ist. Das hängt auch damit zusammen, daß für die
Nachbarn zwar sowohl Polen wie Ungarn Konfliktgegner und Objekte von Eroberungen
gewesen sind, Ungarn aber für diese Hegemonialmächte keineswegs
existenzbedrohlich, sondern eher Aufmarschgebiet und Glacis zwischen
verfeindeten Großmächten gewesen ist. Polen selbst, im Mittelalter eine große
europäische Macht, war politisch und gesellschaftlich für seine Nachbarn
gefährlich. Polnische Entwicklungen und politische Selbstverständnisse wurden
von Rußland, Preußen wie vom Habsburgerreich als bedrohlich, existentiell
destabilisierend wahrgenommen. So kam es schließlich zu den Polnischen
Teilungen, in Ungarn aber letztlich zum
Ausgleich und zur
k.u.k.-Doppelmonarchie.
Nachdem wir versucht haben, ungarische
Nationalstereotype auf gesellschaftliche Erfahrungen in früheren geschichtlichen
Phasen zurückzuführen, sie dies exkursorisch auch für Polen angedeutet. Hier
werden dann wichtige Unterschiede deutlich.
Die westslawische Einwanderung entsprach
nicht dem Überschichtungsmuster der kriegerischen Reitervölker, denen wir unsere
Aufmerksamkeit gewidmet hatten. Das langsame Vordringen der Slawen in diesem
Raum war landwirtschaftlich fundiert. Es entwickelte sich spätestens im
Frühmittelalter eine freie bäuerliche Kultur, die in ökonomischer Fundierung wie
im Selbstverständnis sehr deutlich zu unterscheiden ist von der gleichzeitigen
fränkisch-germanischen Herrschaftsnahme in der Zeit der Völkerwanderung in
Mittel- und Westeuropa, die dem Muster der Überschichtung durch eine
Kriegerkaste entsprach. []
Zu den stereotypen Folgen und
Alltagsüberzeugungen, die aus dieser frühen Prädisposition folgern, gehört ein
spezifisches, bodengebundenes Freiheitsgefühl, das sich Herrschaftsansprüchen
grundsätzlich sperrt. Da Völkerwanderung und Mittelalter diesem westslawischen
Siedlungsbereich eine dauerhafte Integration in kriegerische Herrschafts- und
Überschichtungssysteme ersparten, konnte sich eine auf dem
freien Bauerntum basierende
Freiheitsideologie in Polen entwickeln. Die Freiheit der
‚Polonitas‘ als Vorläufer
einer
polnischen Nation war
zunächst eine rurale Volksfreiheit, die sich nur teilweise
ökonomisch-machtstrukturell im Laufe des Mittelalters und der frühen Neuzeit
ausdifferenzierte in privilegierte
Magnaten, eine im
europäischen Vergleich sehr große Adelsschicht, der
Szlachta, die in der frühen
Neuzeit noch bis zu einem Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachte und legitimer
sozialer Nachfolger des freien Bauerntums war, und schließlich der in die
‚Polonitas‘ nicht integrierten
ländlichen Unterschichten und Unfreien und aller,
‚die arbeiten mußten‘, wo
sich die im Mittelalter in ganz Europa herrschende Geringschätzung der Arbeit
perpetuierte.
Die
ungarische Freiheitsideologie
war demgegenüber die Freiheit der adligen Oberschicht, die für sich die
ungarische Nation in
Anspruch nahmen. So ist es zu verstehen, daß in beiden Ländern die
sozio-ökonomische Modernisierung durch das neuzeitliche Bürgertum, nach dem
Vorbild von Frankreich oder Großbritannien, nur gegen große Schwierigkeiten
stattfinden konnte. In Polen war der soziale Träger der Modernisierung ein
städtisches Bürgertum, das einen hohen Anteil westeuropäischer Einwanderer
enthielt, und das sich emanzipierende Judentum. Letzteres spielte auch in Ungarn
eine große Rolle. Daneben entstand eine bürgerliche Reformbewegung in Ungarn
aber eher im Kontakt mit bestimmen adligen Kreisen wie den Grafen Széchenyi
(Vater und Sohn), die motiviert durch den Kampf gegen die Habsburger Herrschaft
eine Öffnung der privilegierten ungarischen Adelsschicht hin zu einer neuen
Intelligenzschicht und der wachsenden städtischen Bevölkerung vor allem in
Budapest betrieben. Die rurale Gesellschaft blieb aber bis zur Gründung der
Volksrepublik weitgehend in alten feudalen Abhängigkeiten befangen. Dies
erklärt den eklatanten Unterschied des ökonomischen Erfolges und der
gesellschaftlichen Akzeptanz der sozialistischen Kollektivierung von Grund und
Boden, der in Polen
im nicht überbrückbaren Widerspruch
zur traditionellen ruralen Freiheit und
Bodenideologie stand und
daher letztlich nicht durchsetzbar war, in Ungarn aber einen deutlichen
sozio-ökonomischen Fortschritt bedeutete und daher bessere Ergebnisse brachte
als in allen anderen RGW-Ländern.
*
Es ist angemessen, nun auch für Polen abschließend
noch einmal die anekdotische und die erlebnisorientierte Berichtsform
einzuführen. Ganz allgemein wird Polen in der Geschichte mit
Freiheit identifiziert,
wobei Fremd- und Selbstbild tendenziell zur Deckung kommen, die Bewertung aber
grundlegend unterschiedlich ist.
Polnische Freiheit wurde in
den Nachbarländern immer als bedrohlich und destabilisierend empfunden und als
revolutionäres Chaos
diffamiert. Polnische Freiheitskämpfer waren als Kombattanden in allen
europäischen Revolutionen und Freiheitskämpfen zu finden,
Monte Cassino ist zu einem
polnischen Nationalmythos geworden:
„Wir kämpfen für die Freiheit der Welt um für
die Freiheit Polens zu kämpfen.“
Daß in der polnischen Geschichte ein Bogen
von der ruralen Freiheitsideologie zur Ambivalenz im Alltag zwischen
prinzipieller Insubordination
und hochritualisiertem Alltags- und Sprachverhalten und letztlich zum
topos des
‚liberum veto‘ der
Adelsrepublik zu schlagen ist, würde eine eigene grundlegende historische
Abhandlung verlangen, die hier nicht zu erbringen ist. []
Versuchen wir einen anderen Bogen zu spannen in
unseren Überlegungen, den Bogen zu der
Inakzeptanz der Blockideologie
und des
sowjetisch-stalinistischen Hegemonialoktroys,
von deren Problematik wir ausgegangen sind. Daher zunächst einige Erzählungen
und Beobachtungen aus der Zeit der Volksrepublik, die ihr
Nichtfunktionieren deutlich
machen und die ein auch symbolisch zu verstehendes Alltagsverhalten aufdecken,
das in unseren historischen Kontext eingebunden werden kann. Daß diese
Erzählungen anekdotischen Charakter haben, macht sie als Symptom von
Alltagsüberzeugungen wertvoll, ohne daß ihr realer Hintergrund hier kritisch zu
überprüfen wäre.
Gdynia, 70er Jahre: Mitten in einem neuen
Wohngebiet, monotone Plattenbauten natürlich, steht die Betonfabrik, die diese
Platten herstellt. Große Sattelschlepper fahren mit den Betonteilen Tag für
Tag Zentimeter von den Balkonen der Wohnhäuser vorbei. Falls auf den Straßen
einmal Asphalt gewesen ist, sieht man davon nichts mehr. Lärm, Staub, die Kinder
können nicht vor die Tür gelassen werden... Nun soll die Fabrik in ein neues
Baugebiet verlegt werden. Die Umzugsanordnung der staatlichen
Planungsbehörde ist längst eingetroffen, das Geld für den Umzug wurde
überwiesen. Nichts geschieht. Der Direktor der Firma ist leitender Funktionär
der PVAP. Nichts geschieht. Wo ist das Geld geblieben? Nichts geschieht. Vage
Ausflüchte, der Umzug dauert zu lange, die Produktion müßte unterbrochen
werden... Nichts geschieht. Eine Pointe der Geschichte fehlt...
Nur einige Stichpunkte und Fragen zur
Interpretation: In diesem anekdotischen Beispiel wird der Grundwiderspruch
zwischen ‚sozialistischer Ethik‘ und polnischem Alltagsverhalten deutlich. Der
aktive Betriebsleiter ist Teil der kommunistischen Staatshierarchie,
konterkariert diese aber durch traditionelles polnisches
Klientelverhalten, das in
modernen Gesellschaften als
korrupt uminterpretiert
wird. Noch deutlicher wird die Dominanz dieses traditionalen Alltagsverhaltens,
das eine Orientierung an einem nur abstrakt zu bestimmenden
Gemeinwohl oder einer
Staatsraison nicht kennt,
wenn man die Stellung und das Verhalten der katholischen Kirche im Polen der
Volksrepublik mit berücksichtigt: gegen das Veto eines Klerikers konnten
staatliche Maßnahmen selten durchgesetzt werden, uns erscheint die jeweilige
Lösung eines solchen Konfliktes als
ausgekungelt, im
katholischen Sinne als
subsidär geregelt. Ein
weiteres Fallbeispiel mit anekdotischem Charakter aus dem gleichen Ort, etwas
pointiert erzählt, das ebenso den an
vormodernen gesellschaftlichen Mustern
orientierten Verhaltenskodex exemplifiziert:
Gdynia, 70er Jahre: Die Stadt, zwischen den
Weltkriegen von Polen als
polnische Hafen- und Werftstadt
in Konkurrenz zur
‚Freien Stadt Danzig‘
ausgebaut, liegt recht ungünstig auf einem schmalen Küstenstreifen, der
landeinwärts von einem steilen Moränenhügelzug beengt wird. Nur ein breites Tal
zieht sich relativ sanft von der Hochfläche hinunter zur Danziger Bucht und ist
der einzige Raum, der für notwendig gewordenen Hafenerweiterungen noch zur
Verfügung stand. Die Stadtverwaltung hat dies frühzeitig erkannt und die Flächen
von Bebauung frei gehalten. Zwei große Brücken für die Eisenbahn und die
Autobahn überspannten schon den zukünftigen Hafenbereich. Als nun mit den
Ausschachtungs- und Bauarbeiten begonnen werden sollte, stellten die Firmen
fest, daß das gesamte Gebiet dicht mit Eigenheimen besetzt war. Natürlich
illegal gebaut. Auf den Stadtplänen war das Gebiet nicht existent, die
Stadtverwaltung hatte angeblich zwanzig Jahre lang nichts von der illegalen
Siedlungstätigkeit mitbekommen, obwohl die kommunale Infrastruktur, d.h.
Straßen, Strom- und Wasserversorgung, Postzustellung etc. reibungslos (was eben
in der Volksrepublik Polen reibungslos genannt wurde) funktionierte. In anderen
Ländern hätte man nun die Planierraupen anrücken lassen. Hier wurde in mühsamen
Verhandlungen individuelle finanzielle und Umsiedlungslösungen
ausgekungelt. Nach etwa zehn
Jahren konnte dann die Hafenerweiterung tatsächlich gebaut werden...
Auch hier Stichpunkte zur Interpretation:
Staatsloyalität wird nicht als Wert akzeptiert, Individual- und Gruppenrechte
sind grundsätzlich höherrangig als das abstrakte
Gemeinwohl (das man ohnehin
nicht direkt erfahren kann). Staatsferne und
Alltagsanarchie verlangen
nach Lösungen zwischen den unmittelbar Beteiligten, was einerseits Parallelen
zur modernen Diskussion um den Kommunitarismus aufscheinen läßt, andrerseits
aber ein Leben von Provisorium zu Provisorium notwendig macht, das modernen
Vorstellungen von Effizienz und
shareholder value dimetral
entgegengesetzt ist.
Welchen Problemen Polen auf dem Weg in die relativ
zentralistisch denkende und auf allgemeine Regelungen und
Harmonisierungen abhebende
EU ausgesetzt ist, wird deutlich. Ebenso läßt sich aber gerade im Rahmen der
Politischen Bildung auch die gegenläufige Argumentation verfolgen, in wie weit
Basisnähe,
Subsidarität und das Prinzip
des
Fallweisen Aushandelns von Konflikten
prinzipielle demokratische Vorzüge gegenüber
staatlichem Zentralismus und
staatsgesellschaftlicher Homogenisierung
birgt. Die Frage scheint mir nicht abschließen geklärt zu sein, vor allem, wen
im Prozeß des interkulturellen Kontaktes und Austauschs, der durch die
herrschenden Globalisierungsbedingungen unabwendbar ist, zunehmend
semiperiphere Regionen gleichberechtigt und ökonomisch erfolgreich in die
Weltgesellschaft einbezogen
werden, die den staatsgesellschaftlichen Zivilisationsprozeß nach mittel- und
westeuropäischem Muster nicht vollzogen und seine gesellschaftlichen
Konsequenzen nicht in die eigenen Alltagsverhaltensrepertoires integriert haben.
Eine EU-Integration Polens kann somit gerade für Westeuropa zum hilfreichen
Testfall werden, mit nicht staatsgesellschaftlich fixierten Staaten
Lösungen auszuhandeln.
Daß in Polen auch deutliche Änderungen
stattfinden, liegt natürlich auch an einem Generationenwechsel mit und seit der
politischen Wende, durch die zunehmend eine kritische Haltung gegenüber den
jetzt als
dysfunktional erlebten alten
polnischen Verhaltensweisen dominiert und sich eine Orientierung an
ökonomisierten Welt- und Verhaltensmustern durchgesetzt. []
Nehmen wir als vertiefenden
Interpretationsanlaß []
noch ein Beispiel aus dem Wohnungsbau in Danzig.
Im Danziger Vorort Oliwa befindet sich eine der
größten Plattenbau-Wohnanlagen Nordpolens, in der vor allem Werftarbeiter
der
Danziger Werft, ehemals
Lenin-Werft, untergebracht sind. Auch Lech
Walesa
lebte hier mit seiner Familie jahrelang. Dieses Neubauviertel mit durchaus
unterschiedlichen Wohneinheiten galt zunächst – ähnlich wie das Märkische
Viertel in Westberlin oder Bijlmermeer bei Amsterdam – als besonders
fortschrittliches architektonisches Konzept des sozialen Wohnungsbau und
einer neuen, preiswerten Wohnkultur. Daß sich hier, auch in Oliwa, seither die
Beurteilungen, Maßstäbe und Wertungen geändert haben, ist allgemein bekannt.
Doch nicht das ist unser Thema. Verwunderlich erscheint es dem fachlich
interessierten Besucher, daß in den Bauplänen einige Hausblöcke an anderer
Stelle gezeichnet und geplant wurden, als sie tatsächlich gebaut worden sind,
und daß genau bei diesen Blocks die Straßenverkehrsführung einige umständliche
Umwege aufweist. Nun wäre es zu einfach, das Schlagwort der „polnischen
Wirtschaft“ hier anzuwenden. Die Gründe liegen woanders: In der
ursprünglichen Planung gab es Probleme mit dem Anschluß der Fernheizung; einige
Heißwassertrassen waren einfach zu lang bzw. in ungünstiger Lage, so daß
große Wärmeverluste zu erwarten waren. Auf der Baustelle wurde dann diese
Planung unmittelbar vor Ort korrigiert; die befürchteten Mängel konnten durch
eine veränderte Anordnung der Wohnblocks vermieden werden; doch der Straßenbau
wurde bei dieser Korrektur nicht hinreichend informiert, so daß in einer
späteren Ausbauphase in der Trassenführung improvisiert werden mußte.
Wo liegt jetzt das der Politischen Kultur
entsprechende „typisch Polnische“ in diesem Beispiel? Sicher nicht in den
erkannten Planungsmängeln und auch nicht in dem Versuch, diese möglichst
sinnvoll zu korrigieren. Typisch und von üblichen Lösungen in Deutschland
abweichend war es jedoch, daß die zentrale Planungsbehörde, die
Genehmigungsbehörde – also der Staat –, nicht informiert und in die Korrektur
nicht mit einbezogen wurde. Ich interpretiere dies mit dem, meist durchaus
berechtigten Mißtrauen der fachlich kompetenten Bauleiter vor Ort, ob die
Veränderungsvorschläge in der Planungsbürokratie überhaupt verstanden,
sinnvoll umgesetzt und jemals rechtzeitig an die Baustellen zurück gegeben
worden wären. Kennzeichen des polnischen Verhaltens: Mut zur eigenen
Initiative, Improvisationstalent und Ablehnung bürokratischer
Genehmigungsverfahren. Problem dieses Vorgehens: nicht beteiligte Interessen,
wie der Straßenbau, die durchaus auch Aspekte des Gemeinwohls repräsentieren,
werden nicht beteiligt und in der nächsten Handlungsrunde selbst wieder zur
Improvisation gezwungen. Das Endergebnis wirtschaftlichen und planerischen
Vorgehens ist in Polen, verallgemeinert man dieses Beispiel, weitaus weniger
vorhersehbar als in Deutschland; merkwürdigerweise funktioniert es aber
doch, oft besser als Großprojekte bei uns.
Nun könnte – sicher zu recht – eingewendet werden,
daß es sich hier um drei Beispiele aus der Zeit der Volksrepublik Polen
handelt, folglich um Beispiele „sozialistischer Korruption und
Planwirtschaft“. Dies trifft aber nicht den Kern des Sachverhaltes. Einerseits
sind bei genauem Hinschauen die repräsentierten Verhaltensformen durchaus nicht
typisch für die Fehlentwicklungen des ehedem „real existierenden“ Sozialismus
(vielleicht bis auf das zweite Beispiel aus Kreisen der „Nomenklatura“),
sondern sie zeigen gerade das Gegenteil: individuelle Zivilcourage und
Staatsferne; und sie zeigen, daß der polnische Staat – gezwungenermaßen? oder
aus eigener Überzeugung? – diese Verhaltensformen einnahm und als
selbstverständlich akzeptierte. Andererseits finden sich in Polen
vergleichbare Verhaltensweisen in der Zeit der polnischen Teilungen oder im
existenzbedrohten politischen Untergrund in der Okkupationszeit ebenfalls. Die
Beispiele zeigen daher nicht in Polen aktuell entwickelte
Verhaltensweisen gegenüber der ungeliebten Volksrepublik, sondern historisch
verwurzelte Verhaltensweisen gegenüber dem Staat als solchem. Und das
unterscheidet die polnische politische Alltagskultur deutlich von den
etatistisch vergesellschafteten mitteleuropäischen Staatsnationen.
Unsere Erlebnisse in Polen sollen noch mit einer
persönlichen Erinnerung abgerundet werden, die mich in ambivalenter Weise sehr
berührt hat. Zeit des
‚Kriegszustandes‘ Ende
der achtziger Jahre unter Präsident General Wojciech Jaruzelski. Gründonnerstag
in Warschau. Wir erfahren von Freunden von einem Trauergottesdienst für Pater
Popiełuszko
in seiner ehemaligen Pfarrkirche und beschließen, an dem Gottesdienst
teilzunehmen. Pater Popiełuszko war als Mitglied und propagandistischer
Vorkämpfer der unabhängigen und zu diesem Zeitpunkt verbotenen Gewerkschaft
Solidarność?
während einer Autofahrt von
polnischen Geheimdienstlern ermordet worden. Dies hatte großes Aufsehen und
Empörung in Polen wie international hervorgerufen. Beteiligte an diesem Mord
sind später gerichtlich zur Verantwortung gezogen worden, doch blieben die
politischen Hintergründe recht unklar. Auch die Person von Pater Popiełuszko
war auch in der katholischen Kirche nicht unumstritten, so Extrem,
undiplomatisch und aggressiv war sein politisches Wirken gewesen. Doch zurück
zum Gründonnerstag. Wir erfuhren, daß der Gottesdienst eigentlich
staatlicherseits als politische Demonstration verboten war. Als wir zur Kirche
kamen, war der gesamte Platz bis in die Nebenstraßen hinein von zehntausenden
von Menschen gefüllt, die Straßen waren für den Verkehr gesperrt und Warschauer
Polizisten regelten den Verkehr. In den Seitenstraßen parkten hunderte von
Reise- und Linienbussen aus allen Teilen des Landes, mit denen staatliche
Busunternehmen die Teilnehmer einer verbotenen staatsfeindlichen Demonstration
herangebracht hatten. Die Kirche war über und über geschmückt mit Fahnen der
verbotenen Gewerkschaft
Solidarność?
– wie wir später sahen auch der
Innenraum und sogar der Altarraum! – und der Gottesdienst wurde mit
Lautsprechern nach draußen übertragen. Wir waren mitten in der Menge eingekeilt.
Der Gottesdienst dauerte mehrere Stunden und gegen Ende sang die gesamte Menge
mit zum V-Zeichen ausgestreckten Händen das Lied von
Maria, der Königin von Polen
– mit allen Strophen. Der Eindruck war überwältigend und in seiner kollektiven
Emotionalität auch beängstigend. Anschließend wurden Grußadressen von
hunderten von Betrieben verlesen und dann begann das Defilée der Zehntausend
durch den Kirchenraum, am Altar vorbei (Kreuzschlagen und andächtige Kniebeuge
eingeschlossen) zum Kirchhof, wo unter einem Blumenberg das Grab von Pater
Popiełuszko
nur Sekunden des Totengedenkens ermöglichte. Alles ging ruhig und geordnet unter
der Leitung von hunderten von Ordnern, die sich durch
Solidarność?-Armbinden
und Foto-Namenschilder der
Solidarność
legitimierten.
Der Staat trat nicht auf, das Verbot war unwirksam gewesen – und wenig später
folgte dann die politische Wende in Polen...
Kehren wir zurück zu unserer Ausgangsthematik, der
Blockideologie. Wir konnten,
gestützt auf die Interpretation von Erfahrungen und Erlebnissen, feststellen,
daß das
Blockdenken ein Ideologem
war, das die gesellschaftlichen und politischen Realitäten nicht adäquat
repräsentieren konnte und zu grundlegenden Widersprüchlichkeiten in der
politischen Realität führten mußte.
Das Blockdenken war auf östlicher Seite der
gescheiterte Versuch einer
gesellschaftlichen Homogenisierung []
auf der Basis des ideologischen Konstrukts des proletarischen
Internationalismus, auf der westlichen Seite der
erfolgreichere Versuch,
eine westeuropäische Nachkriegsordnung unter der Hegemonie der USA zu schaffen,
in der das negative Erbe des Nationalsozialismus nicht aufgearbeitet worden ist
[].
Die Grundlage des größeren Stabilität des westeuropäischen Blockdenkens war zu
kennzeichnen durch folgende Fakten:
-
höherer Grad der Übereinstimmung des
gesellschaftlich-ökonomischen Entwicklungszustandes,
-
weitgehende Durchsetzung
staatsgesellschaftlicher Strukturen vor Beginn der Blockintegration in
Westeuropa und den USA, []
-
maßgebliche Kontinuität älterer und neuerer
politischer und gesellschaftlicher Eliten ohne große Veränderungen ihrer
ökonomischen Basis,
-
Restauration des traditionellen Staatensystems und
seiner immanenten Legitimität,
-
Zurücktreten ideologischer Legitimierungsansprüche
des Herrschaftssystems gegenüber materiellen Identifikationsangeboten, was sich
in einer größeren inneren Systemflexibilität und geringeren Dissonanzen zwischen
Ansprüchen und Wirklichkeiten äußerte.
Da sich im
»Westen« außer einer
Verschiebung des Hegemonialschwerpunktes hin zur USA bei Auflösung der
traditionellen weltpolitischen Zentren der Kolonialreiche von Großbritannien
und Frankreich als Folge des Zweiten Weltkrieges wenig gegenüber der
Vorkriegszeit änderte, waren die
psychischen Anforderungen an
die Bevölkerung, der im Osten dominierende
Veränderungsstreß, relativ
gering; die Kräfte konnten in der Aufarbeitung der materiellen Kriegsfolgen
absorbiert werden. Ein großer Teil des
Erfolges des
»westlichen Modells« liegt
darin, daß gesellschaftliche Struktur- und Legitimationsprobleme nicht als
gesellschaftlich und historisch bedingt
zu definiert werden brauchten, sondern als
materielle Kriegsfolgen zu
begreifen waren. Diese materiellen Folgen wurden schnell beseitigt und das
Erlebnis des
»Wirtschaftswunders«, daß in
allen Staaten des
»Westens« früher oder später
dominierend wurde, wurde zur Legitimationsgrundlage des politischen und
gesellschaftlichen Systems.
Diese Legitimierung blieb dem
»Ostblock« verschlossen.
Eine Reihe von grundlegenden Strukturproblemen und inneren regionalen wie
gesellschaftlichen Disparitäten konnten nicht real bewältigt werden, im
Gegenteil, sie verschärften sich bis hin zu unlösbaren gesellschaftlichen
Fragmentierungen, die reale auch ökonomische Entwicklungshindernisse
darstellten. Die in den stalinistischen Schauprozessen aufscheinenden
psychotischen Ängste vor der innerparteilichen
»Fraktionierung« spiegelt
einen symbolischen Umgang mit der realen Segmentierung der gesellschaftlichen
Realität, die im Widerspruch zur eigenen sozialistischen Realitätsdefinition
stand. Wir haben schon angeführt, in wie politisch hilfloser und
dysfunktionaler Form diesen Segmentierungen durch Rückgriff auf
(quasi )traditionelle
Volkstraditionen und
Volkskulturen aufgegriffen
und neutralisiert werden sollte, wenn der unmittelbare Terror, der vor allem auf
die Eliten zielte, als Basis einer Homogenisierung des
»Blocks« nicht ausreichte.
Je weniger eine Bewältigung der politischen
und gesellschaftlichen Krisen in den von der Sowjetunion dominierten Ländern
gelang, je weniger der
»Blockideologie« eine
tatsächliche
Blockloyalität oder die
Akzeptanz einer gemeinsamen sozialistischen
Gesellschaftsordnung gegenüber stand, desto mehr zog sich die
Politik auf die Durchsetzung von Herrschaftssymbolen und die Durchsetzung
symbolischen Alltagsverhaltens zurück, mit der Folge, daß in der Bevölkerung
diese Symbolik immer weniger ernst genommen wurde und sich ein
»kommunistisches Doppelbewußtsein«,
eine Duplizität der alltäglichen Realitätsdefinitionen durchsetzte. Für Polen
und Ungarn war das relativ leicht, da ihre Geschichte, wie wir schon
auseinandergesetzt haben, ein Repertoire der
Widerständigkeit, der
Staatsferne, des
Alltagsanarchismus []
und der
Doppelrealität, in der die
Parallelmacht der katholischen Kirche eine bedeutende Rolle spielte, bereit
hielt. In der staatsgesellschaftlich geprägten, im gesellschaftlichen Kern
staats-protestantischen DDR war die Gewöhnung an die stalinistischen Realitäten
schwieriger und forderte grundsätzlichere Einstellungsentscheidungen heraus.
[]
Die DDR war zudem unmittelbar in den
Systemvergleich und die Systemkonkurrenz mit der Bundesrepublik Deutschland
zwangsläufig einbezogen. So mußte sie das deutsche nationalstaatliche
Symbolrepertoir auch für sich reklamieren und sich als die
bessere deutsche Nation
profilieren. Das geschah in zuweilen irreal zwanghaftem Symbolverhalten, das
zwar in der Bundesrepublik Deutschland auch noch vorhanden, aber mit der Zeit an
Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Bedeutung herabgestuft war. Die
Modernisierungsphase in der Bundesrepublik Deutschland in den siebziger Jahren
ließ letztlich die unmittelbare Staatssymbolik aus dem Alltag verschwinden. Der
Staat wurde zunehmend
funktional als
Dienstleistungsunternehmen
für die Bürgerinnen und Bürger verstanden und seine Qualität an der Qualität
seiner unmittelbar erfahrbaren Dienste im Alltag gemessen. Militarismus,
Staatssymbolik und Staatsrituale wurden zunehmend als anachronistisch und damit
als lächerlich empfunden. Ist es mehr als Nostalgie, wenn heute Teile der
Bevölkerung wieder nach einer stärkeren Ritualisierung der Gesellschaft
verlangen? []
Die DDR hat diesen Prozeß der Alltagsumgestaltung
und Entritualisierung nicht mitgemacht. Im Gegenteil, je stärker ihr politisches
System sich innergesellschaftlich wie international als Anachronismus
präsentierte, desto mehr war ihre Machtdurchsetzung auf symbolische Akte
konzentriert und reduziert. Die Bedeutung dieser Alltagssymbolik für das Leben
in der DDR zu erinnern und zu interpretieren ist für die Politische Bildung
genauso wichtig, wie die Inanspruchnahme des Ritualrepertoires in der
Systemkonkurrenz im Weltbild des
Blockdenkens kritisch zu
durchleuchten. Diejenigen, die den Verkehr zwischen DDR und Bundesrepublik
Deutschland noch bewußt miterlebt haben, wissen, daß zu dieser Zeit
unabhängig von den eigenen politischen
Optionen eine kritische und objektive Distanz zu der
Konfrontation mit staatlichem Symbolverhalten nicht möglich war: Symbolische
Rituale sind unabhängig von der Intentionalität politisch und psychisch
wirkungsmächtig. Dies zu erkennen und kritischer Distanz für die Politische
Bildung zu erschließen soll ein abschließendes Erlebnis an der DDR-Grenze zu
Beginn der achtziger Jahre dienen.
Das Alltagsverhalten der DDR-Grenzorgane und der
Volkspolizisten war bewußt distanziert und autoritär, auf staatsfixierte
Einschüchterung gerade gegenüber uns Ausländern gerichtet. Das dieses durchaus
bewußt eintrainierte Verhalten mehrschichtige Gründe hatte und wie jedes
symbolisch überhöhte Autoritätsverhalten kompensatorischen Charakter,
Schwächen und ungeklärte bzw. strittige Realitätsdefinitionen zu überdecken,
trug, wurde uns ‚Westreisenden‘ kaum bewußt, da die unmittelbare psychische
Reaktion, Angst, Beklommenheit, verhaltene Wut und Wunsch, diese als
Aggression empfundene Behandlung in irgend einer Weise heimzuzahlen,
dominierte und wenig Raum für distanzierende Reflexion ließ.
Gerade daher sind solche Überlegungen aus der
Erinnerung und der zeitlichen Distanz heraus heute nicht nur möglich, sondern
auch notwendig, um das eigene auch affektiv geladene Verhältnis zur erlebten
Zeitgeschichte zu klären.
Besonders hart traf diese Reaktion natürlich
diejenigen, die beruflich immer wieder mit den
DDR-Grenzern und
VoPos zu tun hatten, wie
Berufskraftfahrer oder besonders auch Reisebusfahrer, die in einem
Beobachtungsverhältnis von zwei Seiten her, dem der Grenzorgane und der
Reisegruppe standen.
Wie bei diesem
‚Kleinkrieg‘ auf den
Transitstrecken Autoritäten unterminiert und Symbolverhalten sehr zur Freude
der Busreisenden demontiert werden konnten, zeigt ein Beispiel, das den
Beteiligten in der Erinnerung geblieben ist, das aber ebenso gut in
soziologischer und politischer Perspektive zu interpretieren und auszuwerten
ist.
Anfang der achtziger Jahre, als einerseits
durch die Entspannungspolitik
‚Ostreisen‘ nach Polen
oder auch in die DDR für Westdeutsche eine neue Normalität erhielten, damit
aber auch die Forderung nach einer
‚normalen Behandlung‘ auf
den Transitstrecken und eine
‚normale Grenzabfertigung‘
nach westeuropäischem Vorbild bei den Reisenden und den Berufskraftfahrern
nicht mehr als so
‚absurd‘ wie in den Zeiten
des sehr unmittelbar empfundenen und erlebten
‚Kalten Krieges‘
[]
wurde, fanden die ersten Polenreisen mit Schülerinnen und Schülern und
Kolleginnen und Kollegen der Bismarckschule Hannover statt, die dann in eine
lange stabil gebliebene Schulpartnerschaft mit Pozna½
mündete.
Bei meiner ersten solchen Fahrt nach Südpolen,
Warszawa und Poznań
hatten wir das Glück, daß unser Busfahrer ein ‚alter Hase‘ in Osteuropa, mit
der norddeutsche Pionier für Fahrten nach Polen war. Es war eine seiner letzten
Fahrten, die er als Chef seines Busunternehmens noch selbst gefahren ist. Auf
der Rückfahrt, als nach der Fahrt über den für den internationalen Transit
ausgeschilderten Berliner Ring eine Ruhepause fällig wurde und wir schon auf
der Autobahn Berlin-Hannover waren, sagte er zu uns Mitreisenden: „Wir fahren
jetzt auf diesen ‚normalen‘ Parkplatz, der für den Berlin-Transit nicht
genehmigt ist. Paßt auf, in weniger als drei Minuten ist die Autobahnpolizei
hier. Seid ruhig und bleibt auf euren Plätzen, dann könnt ihr was erleben!“
Keine zwei Minuten später kam ein Wagen der
Volkspolizei auf den Autobahnparkplätze und heil schräg links vor uns. Die
beiden Polizisten stiegen aus, was bei dem regnerischen und kühl-stürmischen
Wetter und dem matschigen Parkplatz gerade kein Vergnügen war und ihre Laune
sicher nicht gehoben hat.
Ohne weitere Kommentare gingen sie um den Bus
herum, photographierten ihn von hinten so, daß das Kennzeichen und der Wagentyp
ebenso erkennbar war wie der Ort auf dem Parkplatz: ein sicheres Beweismittel.
Ein Protokoll wurde geschrieben... alles in allem mindestens sechs bis acht
Minuten im immer stärker werdenden Regen. Völlig verbiestert, mit
steinern-autoritärem Gesicht trat der höherrangige VoPo an die Fahrerseite und
klopfte an das Fenster.
Wir alle hatten ruhig und gespannt der Vorführung
zugesehen. Unser Busfahrer öffnete wortlos das Fenster. Darauf der
Amtsträger: „Ich muß Sie darüber belehren, daß Sie einen Verstoß gegen das
Transitabkommen begangen haben. Sie werden hiermit belehrt und gebührenpflichtig
verwarnt. Geben Sie uns Ihren Paß, Führerschein und die Wagenpapiere.“
Busfahrer, indem er die schon bereit liegenden
Papiere herausgab: „Wieso denn? Können Sie das begründen?“
Nach mehreren Minuten schweigender Durchsicht der
Papiere, also auch des Reisepasses mit dem Transitvisum der DDR für die
Durchreise in die Volksrepublik Polen (ohne daß ihn das stutzig gemacht
hätte), noch mehr genervt und unhöflich: „Sie wissen als Busfahrer genau, daß
Sie auf der Transitautobahn nur die dafür gekennzeichneten Rastplätze anfahren
dürfen. Dieser Parkplatz ist ausschließlich für Bürger der DDR.“
„Das stimmt so nicht. Im internationalen Transit
dürfen die speziellen Rastplätze nach dem Transitabkommen zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik nicht
benutzt werden.“
„Woher wissen Sie das? Die Rastplätze sind für
alle Transitreisenden.“
„Ich habe mich nach einer Auseinandersetzung mit
einem Ihrer Kollegen bei der ständigen Vertretung der DDR in Bonn erkundigt und
habe eine schriftliche Bestätigung mit einer Entschuldigung für den Ärger, den
ich bei meinem Polentransit mit Ihrem Kollegen hatte, erhalten. Wollen Sie das
Schreiben sehen?“
„Nein. Ich erteile Ihnen hiermit die schriftliche
Verwarnung und fordere Sie auf, den Betrag in DM zu zahlen.“
„Das werde ich nicht tun. Erkundigen Sie sich bei
Ihren Vorgesetzten.“
Wütend gingen die beiden Polizisten zu einer
Diensttelefon-Säule am Rande des Parkplatzes – wiederum ohne jeden Regenschutz –
und
tätigten den Anruf bei ihrer Dienststelle.
Es war interessant zu beobachten und bezeichnend, wie die Gesichter immer länger
und bedrückter wurden. Die ganze Körperhaltung deutete eine
‚Hab’ acht‘-Stellung an und
das Ende war ein mimisches Salutieren. Schnellen Schritts trat der
Rangniedrigere an das Busfahrerfenster und knurrte mit eisigem Gesicht: „Gute
Weiterreise“ (daß er innerlich genau das Gegenteil wünschte, war seinem Gesicht
nur zu gut anzusehen).
Beide sprangen in ihren Wagen und beschleunigten
mit quietschenden und durchdrehenden Räder in einer Wolke aufgeschleudertem
nassen Schlamm und Kies zur Parkplatzausfahrt.
Wo die eine Seite nur zu deutlich ihre Niederlage
als Autoritätsverlust registrierte und Wut und Demütigung empfand, erfuhren die
formal ‚machtschwächeren‘ eine ‚Siegeseuphorie‘, welche die vorher deutliche
emotionale Beklemmung in einem befreienden Gelächter auflöste.
Soweit decken sich diese Erlebnisse mit denen
vieler anderer Reisenden: der Transit wurde nach den herrschenden
Realitätsbildern und ihrer alltäglichen Symbolisierung als eine Art „Krieg“
wahrgenommen, der Sieger und Besiegte kennt und letztlich auch zur Sicherung der
Realitätsdefinitionen fordert. Es war das Gegenteil einer funktionalen und
sachgemäßen Regelung von Reiseverkehr und im weiteren Sinne Straßenverkehr, die
nun sicherlich völlig emotionslos Regelungen und deren Überwachung
erforderlich machen. Die Realität zwischen Ost und West war eine andere und im
Sinne des Alltagspragmatismus geradezu dysfunktional. Gerade das ist im Hinblick
auf seine zivilisatorische und habituelle Dimension und Brisanz zu untersuchen
und kann heute aus größerer zeitlicher wie persönlicher Distanz aufgearbeitet
werden.
6. Ethnographie der Grenzen in Mitteleuropa?
[]
Abschließend scheint es sinnvoll zu sein, der
unmittelbaren, wenn auch distanziert-kritischen Erlebnisperspektive einige
fachlich Reflexionen zur Auswertung der eigenen Erfahrungen folgen zu lassen.
Es geht dabei nicht um eine wiederholte Analyse der ökonomischen,
gesellschaftlichen und systemischen Umbrüche im Zusammenhang mit dem Prozeß
der deutschen Einheit und der (Selbst-)Auflösung des
„Ostblocks“. Das Thema
‚Transformationsländer‘
gehört mittlerweile vor allem im Problemkreis der
Osterweiterung der Europäischen Union
zu den Pflichtstoffen der Schulfächer Geographie und Politik.
Für eine distanzierte Untersuchung ergibt sich ein
erkenntnistheoretisches Problem, daß diese
Betrachtungsweise scheinbar
eine
objektive Dimension für das
Verständnis der
Umgestaltungen in Europa
bereit stellt – vielleicht noch eingebunden in die Prozesse der
Globalisierung und Universalisierung –, daß aber wesentliche Ebenen des
Verständnisses ausgespart bleiben.
Es geht nicht nur um ein mögliches Fehlen der
subjektiven Perspektive, der
Wertungen und der
offensichtlichen
Normenkonflikte und das
verbreitete offensichtliche
„Unbehagen an der Einheit“
sondern um die wenig verbreitete Option, diskursiv zu
Mehrebenenmodellen der Realität
vorzustoßen. Auf
erlebnisorientierte Berichte
über den Vereinigungsprozeß und die unterschiedlichen Lebenswelten in Ost und
West, mehr oder weniger seriös oder auch nur anekdotisch oder biographisch,
kann jeder Autor, angereichert durch seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen,
leicht zurückgreifen. Diese tragen jedoch zur Erhellung der figurativen und
mentalitätsgeschichtlichen
Unter- und Gegenströmungen
der Systemtransformation nur wenig bei und verstärken potentiell oft
irrationale, undistanzierte und reduktive Vorurteile und Antihaltungen.
Diese
subjektive Perspektive muß
als
diskursiv zu erschließendes Erlebnis
und darauf aufbauend als
gesellschaftlich relevante (kollektive)
Erfahrung mit
sozialem Eigensinn
verstanden werden. Das bedeutet die Einführung einer
ethnologischen Perspektive
zur Beschreibung und Beurteilung der Transformationsproblematik, die in der
Lage ist, Symbolverhalten und Rituale zu erkennen und in ihrer geschichtlichen
Tiefe auszuloten, und zum anderen über die enge Fixierung der analytischen
Aufmerksamkeit auf die beiden Teile Deutschlands hinaus die europäische
Dimension mit einzubeziehen. Der
Vergleich der Erfahrungen in und mit der DDR
mit denen in der Volksrepublik Polen oder Ungarns, die dem
Argumentationskonzept der bisherigen Ausführungen entspricht, soll
allgemeingültigere Aufschlüsse über gesellschaftliche und zivilisatorische
Veränderungen und Fundierungen zu gewinnen, die auch für den heutigen Vergleich
der Transitionsgesellschaften fruchtbar gemacht werden können.
Diese Einbeziehung verschiedener
Distanzebenen, die gleichwohl vor einer kritischen aber unmittelbaren
Einbeziehung sehr persönlicher Erlebnisse und die Reflexion über die eigenen
Reaktionen auf eben diese Erlebnisse nicht zurückschrecken darf [],
ermöglicht einen
diskursiven Distanzaufbau,
der in seinem Wesen didaktischer Natur ist.
Die differenzierten Berichte über Erfahrungen in
Ungarn, Polen und der DDR, über Erfahrungen an den Grenzen zwischen
‚Ost‘ und
‚West‘, zeigen verschiedene
Bedeutungs- und Reflexionsebenen:
-
Die persönliche, gefühlsmäßige Reaktion auf die Konfrontation mit der
Staatsmacht der DDR oder der Volksrepublik Polen in allen ihren
Unterschieden, wie sie der Reisende aus der Bundesrepublik Deutschland bei
Besuchen oder der Transitreise bis 1990 erfahren hat, bedarf nicht nur der
eigenen individualpsychologischen Verarbeitung, sondern schuf eine
eigensinnige gesellschaftliche Realität, die auch heute noch politisch und
pädagogisch aufzuarbeiten ist.
-
Die staatliche Existenz der beiden deutschen Staaten bis 1990 repräsentierte
nicht nur real-politische Konflikte und Systemkonkurrenzen, sondern evozierte
damit auch konkurrierende Zivilisierungsprozesse, die bis in den existentiellen
Kern hinein von symbolischem Verhalten konstituiert waren.
-
Das Auftreten der Staatsgewalt z.B. in den militärischen Feindbildern oder an
den diversen Grenzübergängen war weder nur Ausdruck des Gewaltmonopols des
modernen Nationalstaates noch legitime Reaktion auf tatsächliche oder
geglaubte Bedrohungen, sondern vielmehr
hochritualisiertes Verhalten
darstellte, das die
Ambivalenz zum Ausdruck
brachte
-
zwischen der Unsicherheit der neuen Nachkriegs-Machteliten, adäquate
gesellschaftliche Situationsdefinitionen und Verhaltensstandards zu finden, da
die
Selbstverständlichkeit der
intergenerationellen Traditionsvermittlung abgerissen war
[],
-
und der angestrebten
Sinngebung von Herrschaft,
die sich ebensowenig auf tradierte und allgemein akzeptierte
Selbstverständlichkeiten
stützen konnte und die mit der Krise des Nationalstaates, ausgedrückt im
Vorwurf des
Staatsversagens, zunehmend
zum grundlegenden Problem wurde [],
das in Westdeutschland durch die Generationenaufgabe der europäischen
Integration und die Abgabe von staatlichen Souveränitätsrechten weniger
evident war als in den osteuropäischen Staaten.
In der Nachkriegszeit fand in Mitteleuropa sowohl
im Westen wie im Osten erstmalig in der Gesellschaftsgeschichte eine
grundlegende Entkoppelung von Alltagsverhalten und tradierter
Selbstverständlichkeit statt, die zu neuen Formen von Zivilisierungsprozessen
führen mußte und die grundlegenden gesellschaftlichen Figurationen gravierend
veränderte.
Die Transformations- und Einheitsproblematik ist
damit weder vom theoretischen Konzept her noch von der Erklärungsmächtigkeit
sozialwissenschaftlicher Empirik adäquat
deduktiv zu erschließen,
sondern, den pädagogischen Implikationen des Themas folgend,
induktiv-erfahrungsorientiert
zu strukturieren, wobei der diskursive Anspruch die sachlich wie didaktisch
notwendige Distanzebene schaffen soll.
Diese Überlegungen verstehen sich als ein erster
und weitere Reflexionen anstoßender Beitrag zu einer
Kulturgeschichte der Transformationsprozesse,
die vor allem
Grenzerfahrungen fokussiert.
Besondere Bedeutung haben die realen
Erfahrungen an den Staatsgrenzen
[],
die auch sozial-psychologisch
Grenzbereiche konstituieren.
Im symbolischen Kontext sind diese Erfahrungen jedoch einer philosophisch
tiefer gründenden
Grenzerfahrung
zuzuordnen, die erst
Bewußtsein bedingt
[].
Für eine
Ethnographie Mitteleuropas
in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird der leitende
topos sicherlich der der
Grenze und ihrer Bewältigung
oder Überwindung in psychologischer, kultureller und politischer Hinsicht
sein. Und diese Ethnographie wäre notwendig im Kern einer
diskursive,
pädagogischen Ethnologie
verpflichtet.
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11.01.94, S. 10; Forum Humanwissenschaften
Top
Anmerkungen
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Inhalt:
-
Gedanken zur zivilisationsgeschichtlichen Funktion des
Blockdenkens und seines Scheiterns
-
Ungarn: In einem Land, in dem der gescheiterte
gesellschaftliche Aufstand zur Basis gesellschaftlicher Modernisierung wurde
-
„Wir sind doch hier nicht in der DDR!“ Erlebnisse bei Reisen
nach Ungarn in den siebziger und achtziger Jahren
-
Symbolisches Verhalten und kulturelle
Selbstbilder
-
Symbolische Kriege auf dem DDR-Transit
-
Ethnographie der Grenzen in Mitteleuropa?
Literatur
Anmerkungen
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Impressum zu
diesem Text
Veröffentlicht
in politik unterricht aktuell
Heft 1-2 / 2000
Druckausgabe vergriffen
[ISSN
0945-1544 -
ISBN
3-9807714-0-7]
Herausgeber:
Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: OStR
i.R. Gerhard Voigt, Potsdamer Str. 20, 30952 Ronnenberg
eMail:
bismarckschule.voigt@gmx.de,
http://www.voigt-bismarckschule.de
politik unterricht aktuell 1-2/2000 / Voigt, "Grenzen" und
"Blöcke": Nationalstereotype und symbolisches Alltagsverhalten in
Europa / Text. 27.04.01, Version 5,
P100-V2.DOC. Internetpublikation 11.11.02. in
http://www.pu-aktuell.de/pua2000/P100-v2.htm
Letzte Überarbeitung: 28.07.2009 / auf diese WebSite übernommen und
durchgesehen am 21.02.2011
URL: http://www.polen-didaktik.de//Fachaufsaetze/Transformation/Grenzen.htm |