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Denn alle Überlegungen, das Beitrittsgebiet zu einer Sonderwirtschaftszone zu erklären, Grenzen erst nach Schon- und Übergangsfristen abbauen zu wollen, damit den Eindruck zu erwecken, die Deutschen in der DDR seien Bürger zweiter Klasse, war innenpolitisch untragbar und außenpolitisch prekär abgesehen. Im Rahmen der Vereinigung der beiden deutschen Staaten wurde es notwendig, die Sozialrechtsordnung der Bundesrepublik auf das Gebiet der ehemaligen DDR zu übertragen und zu finanzieren. Im Bereich der Arbeitsbeziehungen schlug die Vermögensbildung zu Buche. An die Stelle der Einheitssozialversicherung trat ein gegliedertes System mit getrennten Renten-, Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherungen. Bei den Renten wurde vorgesehen, mit der Angleichung der Löhne und Gehälter in Ostdeutschland an das Niveau in den alten Bundesländern auch die Renten entsprechend anzupassen, das heißt zu erhöhen. Die Bundesrepublik erklärte sich hier zu einer vorübergehenden ,Anschubfinanzierung‘ bereit, solange die Beiträge und Staatszuschüsse die Ausgaben für die erhöhten Leistungen der Rentenversicherung nicht deckten. Entsprechendes galt für die Arbeitslosenversicherung, die rasch zu einem Problem wurde, weil der Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft zu einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit führte, dessen soziale Folgen von der Bundesregierung abzufangen waren. Trotz der Probleme, die mit dem tiefgreifenden sozialen Wandel nach der Wende von 1989 für die DDR und die ostdeutsche Gesellschaft unvermeidlich verbunden waren, trug diese Ausdehnung des sozialen Netzes der alten Bundesrepublik auf die neuen Länder wesentlich dazu bei, die negativen Auswirkungen des Umbruchs für die betroffenen Menschen in Grenzen zu halten. Anders als in den anderen Staaten des sowjetischen Hegemonialbereichs die nicht an westlichen Ressourcen partizipieren konnten, vollzogen sich die Veränderungen in Ostdeutschland immerhin auf gesicherter Grundlage.5 4. EU-Fördermittel für das Gebiet der ehemaligen DDRNicht nur in Bonn saß ein ,reicher Onkel‘ sondern auch in Brüssel, denn angesichts der zahlreichen Probleme bei der Umstellung von einer zentralen Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft beschloss die EG im Sinne ihrer eigenen Förderkriterien für rückständige Regionen für die nun neuen Länder der Bundesrepublik Deutschland ein besonderes integratives Förderprogramm, das der anwachsenden Arbeitslosigkeit, der mangelhaften Infrastruktur und dem Zusammenbruch der Landwirtschaft (!) begegnen sollte. In Zahlen stellte sich die Lage so da, dass das BIP je Einwohner der neuen Bundesländer bei 35% des Gemeinschaftsdurchschnitt lag (Griechenland 50%, Portugal 60%, alte Bundesländer 122%)
Die Anpassung der Landwirtschaft stieß auf erhebliche Probleme. Zu DDR-Zeiten lagen die Erzeugerpreise 50% über dem europäischen Durchschnitt und wurden mit 32 Mrd. DDR-Mark subventioniert. Mit der Öffnung der Märkte kam es zu einem Stellenabbau von 800000 in der Landwirtschaft beschäftigten auf 180.000. Obwohl die Betriebsgrößen von 150 bis 400 ha im Gegensatz zu 30 ha in den alten Bundesländern Kostenvorteile hätten erbringen können, lag die Produktivität 50% unter dem EU-Niveau. Weitere Schwierigkeiten ergaben sich bezüglich: der Eigentumsverhältnisse der kollektivierten Flächen der hohen Verschuldung und deshalb geringen Kreditfähigkeit der Verseuchung der Böden der ungenügenden technischen Ausstattung Die Einbeziehung der neuen Bundesländer sollte möglichst ohne Übergangsfristen erfolgen, deswegen galten folgende Übergangsregelungen bis nur 1991: alte Produktionsmengen bei z.B. Milch und Getreide alte Qualitätskriterien oder Verkauf nur in neuen Ländern Sonderregeln bei Flächenstilllegungen höhere Beihilfen bei Investitionen größere Anbauflächen bei Getreide und Ölsaaten über 1991 hinaus Auch für die Industrie galten Übergangsregeln meist bis 1993 bei technischen Normen, Produkten der Pharmaindustrie und der Chemieindustrie, im Rahmen laufender Verträge mit RGW-Staaten. Besonders im Bereich der Privatisierung der Stahl- und Schiffbauindustrie mussten für die von der Treuhand eingesetzten Milliardenbeträge Sondergenehmigungen in Brüssel eingeholt werden, da diese Subventionen gegen das Wettbewerbsrecht der EG verstießen. Die EG verlangte allerdings im Gegenzug die Herstellung der Wettbewerbsfähigkeit und die Begrenzung der Kapazitäten, was mit einem erheblichen Personalabbau einherging.6 5. Das Verhältnis zum reichen Onkel: eine soziale BilanzierungAllerdings dürfen die öffentlichen Finanztransfers auch relativiert werden. Die steuerliche Umlagefinanzierung in Form des Solidaritätsbeitrages wird von allen Bundesbürgern aufgebracht. Kindergeld wird z.B. als Transferleistung gerechnet, auch die Einrichtung von Bundeswehrstandorten usw. Auch dürfe nicht verkannt werden, dass die Vereinigung einen Boom im Westen hervorgebracht habe. Erheblich sei auch der Rücktransfer von Kapital, das in den neuen Bundesländern erwirtschaftet wird, so der ehemalige Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, M. Gabriel, in einem Interview.7 Er konstatiert in selbigem Interview eine weitverbreitete passive Grundhaltung der Menschen in der ehemaligen DDR, die mit ,schlechter Laune‘ einhergehe. Auch wenn die Wohltaten des reichen Onkels zurückgerechnet werden müssten, so sei der ,Jammer-Ossi‘ dennoch eine unübersehbare Erscheinung in den neuen Bundesländern. Da der Umbruch trotz der eingebauten sozialen Sicherungen von vielen als schmerzhaft empfunden wurde – vor allem wegen der früher unbekannten Arbeitslosigkeit – lag dies nicht zuletzt an den ,Mentalitätsunterschieden‘, die in vierzig Jahren DDR entstanden waren. Solche Mentalitätsunterschiede versucht Macków zu erklären. Seiner Ansicht nach gab es keinen Staat im ehemaligen sowjetkommunistischen Machtbereich, der weitergehend sowjetisiert war, als die ehemalige DDR. Die DDR habe ein höheres Maß an Anpassung erzwingen können, weil Gegeneliten ausgegrenzt werden konnten. Dass sie nicht wirksam werden konnten, lag natürlich auch an den strategischen Interessen UDSSR, die in keinem anderen Staat Ihres Machtbereichs in Mitteleuropa mehr Militärpersonal unterhielt. Im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Staaten seien eine Vielzahl der nach der Wende aus dem Arbeitsprozess ausgegliederte Menschen von der einen sowjetkommunistischen Versorgungsideologie in die andere des westdeutschen Sozialstaates geraten, dessen Versorgungsleistung allerdings ein entscheidend höheres Niveau behauptet. Sie seien Sowjetmenschen im Wohlfahrtsstaat geblieben. Ein marktwirtschaftliches Bewusstsein habe sich nie einstellen können. Für viele lohne es sich nicht aufgrund der geringen Einkommensabstände, eine entlohnte Arbeit aufzunehmen oder gar wirtschaftlich aktiv zu werden. Seine Überlegungen leitet er wie folgt ein: „Miese Stimmung, hohe Arbeitslosigkeit, rechte Gewalt und Mutlosigkeit, wohin man blickt – das ist die Lage des deutschen Ostens im zwölften Jahr der Einheit. (...) Es ist die beispiellose sozialstaatliche Abfederung des Vereinigungsprozesses, die es Ostdeutschen erlaubt, in sowjetsozialistischer Mentalität zu verharren. (...) Beinahe zwei Billionen Mark haben die 16 Millionen Ostdeutschen in einem Jahrzehnt als Transferleistungen vom Westen erhalten. Das ist gut zweimal so viel wie das jährliche Bruttoinlandsprodukt von Weißrussland, der Ukraine, Polen, Tschechien, Ungarn, der Slowakei, Slowenien, Litauen, Lettland und Estland zusammen genommen – in diesen Ländern leben 130 Millionen Menschen. Auf die einmalige Herausforderung der postkommunistischen Umwandlung innerhalb eines Wohlstandsstaates reagierte die Bundesrepublik also mit den größten Finanzhilfen, die einer Gesellschaft je zur Verfügung gestellt wurden. Je mehr Geld von außen, desto günstiger die gesellschaftliche Entwicklung: Wäre diese Gleichung mehr als ein Mythos, müsste Ostdeutschlandheute ausschließlich von Engeln bewohnt sein. (...) Wo der marktwirtschaftliche Umbruch ausgeblieben ist, haben sich autoritäre politische Systeme etabliert, und die wirtschaftliche Katastrophe wurde zum Dauerzustand. Dort hat sich zudem der Homo sovieticus als am beständigsten erwiesen. Wo hingegen der Markt Fuß gefasst hat, bedeutet seine unsichtbare Hand den wichtigsten Erzieher, imstande, die postkommunistischen Gesellschaften mental umzuformen. (...) In Ostdeutschland wurde die positive erzieherische Wirkung des Marktes eingeschränkt. Die Politik setzte seine Mechanismen auf dem Währungs- und Lohnsektor außer Kraft, um eine schnelle Angleichung der Einkommen an das Westniveau zu erreichen. Zugleich aber ließ man den Markt dort wüten, wo die künstlich hoch gesetzten Löhne drastisch höher waren als die Arbeitsproduktivität – mit extremer Arbeitslosigkeit als Folge. Obendrauf hat man den über alle Maßen ausgebauten Sozialstaat der alten Bundesrepublik gesetzt, der vielen Arbeitslosen die Suche nach Beschäftigung ganz irrational erscheinen lässt. Die Lage der Ostdeutschen ist besonders. Viele von ihnen, unter die Fittiche des Sozialstaates geraten, sind zu Verlierern geworden, obwohl sie – gemessen am DDR-Standard – in zuvor nichtgekanntem Wohlstand leben. Das Gefühl, den eigenen Unterhalt nicht selbst bestreiten zu können, fördert bekanntlich Frustrationen. Es gibt aber auch Frustrierte unter denjenigen, die sich am Arbeitsmarkt durchgesetzt haben oder von den neuen (westdeutschen) Betriebs- und Behördenleitungen übernommen wurden. Die meisten dieser Menschen können sich in der neuen Ordnung nicht so gut behaupten wie die Westdeutschen. Die geringere Arbeitseffizienz der Ostdeutschen zeugt von einem selbstverständlichen Nachholbedarf, den auch andere postkommunistische Gesellschaften kennen.“8 Macków ist ohne Frage hervorragend platziert, um aus vergleichender Perspektive zu veranschaulichen, dass der Transformationsprozess vom Sozialismus à la DDR zum sozialstaatlich gebremsten Kapitalismus der BRD ein entscheidender Erklärungsansatz für die besonderen Probleme Deutschlands sein kann. Dies um so mehr, als Macków die ›Selbsttäuschung des reichen Onkels im Westen‹, der da glaubte, bruchlos an die Wiederaufbaumentalität aus den 50er Jahren anknüpften zu können, denunziert. In der Hoffnung, den ,tüchtigen Deutschen‘ aus der Zeit des Wirtschaftswunder zu finden, sei ihm die postkommunistische Realität nicht in den Blick gekommen. Parallel dazu seien die Transformationsprozesse in Polen und anderer postkommunistischen Gesellschaften ohne reichen Onkel im Westen eingeleitet worden. Dabei habe man sich erst die Einrichtungen der sozialen Versorgung mühsam Schritt für Schritt auf parlamentarischer Grundlage erarbeiten müssen. Die Menschen hätten sich der erzieherischen Wirkung des Marktes zur Selbstverantwortung in viel stärkerem Maße aussetzen müssen. Kritisch nachzufragen ist allerdings, ob Macków die Rolle des Marktes in Ostdeutschland nicht unterschätzt und für Polen angesichts des nach wie vor bestehenden breiten staatlichen Sektors und der abgehängten Landwirtschaft überschätzt. Zur Frage steht auch, ›ob nicht die EU gegenüber Polen die Rolle des reichen Onkels im Westen mit wachsender Intensität annimmt‹, wenn auch zeitverschoben. 6. Einbindung der Transformation in den europäischen ProzessWenig beachtet in der Tranformationsdiskussion bleibt die politische Rolle der EU bei der Wiedervereinigung der Deutschen. Diese war niemals ein rein deutsches Problem, sondern ein europäisches, also auch ein polnisches. Wie sehr die Wiedervereinigung an den Nerv der Franzosen ging, zeigen die Interventionsversuche des verstorbenen Präsidenten Frankreichs François Mitterand, der mit seinen Äußerungen Konstellationen von 1914 wachrief. So sei ein wiedervereinigtes, eigenständiges, unkontrolliertes Deutschland unerträglich für Europa. Zu befürchten sei eine wirtschaftliche und politische Hegemonie. Ähnliche dachte die britische Premierministerin Maggie Thatcher, die eine Vereinnahmung der EG durch ein wiedervereinigtes Deutschland erwartete. Nicht die militärische aber die wirtschaftliche Dominanz eines 80 Millionen Volkes zerstöre die ,Balance of power‘ auf dem Kontinent. Wenig akzeptabel war für sie auch, dass ganz Europa für die Hochzinspolitik der Bundesbank zur Finanzierung der Einheit zahlen würde. Während die europäischen Nachbarstaaten gegen die Wiederveinigung ein aus historischen und ökonomischen Argumenten bestehende Bedrohungsszenario entwarfen, setzten die Amerikaner auf die NATO und die EG. Die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands müsse seine weitere Einbindung in die NATO und die EG gewährleisten. Damit erhielt die EG eine entscheidende politische Rolle, die Frankreich schließlich bereit war anzunehmen, als Deutschland eine Intensivierung der europäischen Integration als europäische Komponente der nationalen Einheit zum Programm erhob. Dies war durchaus nicht nur ein nach Westen gerichtetes Versprechen. Denn es war im genuinen deutschen Interesse, auf diesem Wege die Entstehung einer antideutschen Koalition zu verhindern. Hier darf man den Ausgangspunkt für die forcierten Bemühungen zur Verwirklichung der EU auf der Grundlage des Vertrages von Maastricht im Jahre 1992 und der Entscheidung für eine gemeinsamen europäischen Währung vermuten. England ging allerdings weiter davon aus, dass sich mit Maastricht die deutsche Vorherrschaft eher verstärke. Aber nicht nur im Westen war die Beunruhigung über die baldige Wiedervereinigung stark, sondern auch im Osten. Dazu hatten politische Äußerungen, die die Oder-Neiße-Grenze zur Disposition stellen wollten aber auch die Weigerung Kohls, eine Erklärung zum Recht der Polen, in sicheren Grenzen zu leben, auszusprechen oder einen deutsch-polnischen Grenzvertrag abzuschließen, beigetragen. Zwar gab es dazu Erklärungen seitens der Bundesregierung und eine weitere Resolution des Bundestages, aber kein klärendes Wort von Kanzler Kohl, auch nicht auf einer Polenreise. Er zog sich auf die Rechtsposition zurück, dass ein solcher Grenzvertrag erst nach der Wiederveinigung möglich sei. Vor dem Hintergrund der positiven Prognosen über den Ausgang der Wahlen zur Volkskammer der DDR, gelang es ihm, sich in Paris und Brüssel mit dieser Position durchzusetzen, obwohl Mitterand vorher gegenüber Jaruzelski und dem Premierminister Mazowiecki erklärt hatte, dass es keine Wiedervereinigung gebe ohne einen solchen Grenzvertrag. Die Frage, warum der Kanzler in dieser prekären Situation eine Stellungnahme nachdrücklich vermied, wird mit Zugewinnen der ,Republikaner‘ bei den Europawahlen und Kommunalwahlen in Westberlin begründet, die zu Lasten der CDU gingen. Wollte der Kanzler den rechten Flügel seiner Partei bei der Stange halten oder steckte mehr dahinter? Für den Gegenstand und die Politisierung der EG soll unterstrichen sein, dass der Kanzler den Präsidenten der europäischen Kommission Delors in die Auseinandersetzung einbezog. Doch scheint damit auch die Grenze der Politikfähigkeit der EG im Sinne einer wirksamen und vertrauensbildenden Machtkontrolle Deutschlands angezeigt zu sein. Denn, so ist zu vermuten, hat erst die quasi Garantieerklärung der USA für ein Polen in sicheren Grenzen, die Mazowiecki am 19. März 1990, einen Tag nach den Wahlen zur Volkskammer der DDR, in Washington gegeben wurde, die Situation entspannt. Das Ergebnis dieser Wahlen bestätigte Kohls Politik der Beschleunigung des Wiedervereinigungsprozesses vollends und überzeugte die beteiligten Mächte, dass die Wiedervereinigung der Deutschen nicht aufzuhalten war. Frankreich plädierte nunmehr für eine schnelle Integration, der ostdeutschen Länder in die Bundesrepublik und bestand nicht auf einem langwierigen Aufnahmeverfahren in die EG, wie man aus früheren Verlautbarungen hätte vermuten können. 7. Die Orchestrierung der Transformation durch die EUWenn hier durch den Begriff ,Orchestrierung‘ ein Bild nahegelegt wird, in dem dominante und subalterne Rollen ins Spiel kommen, dann sind auch Annahmen Mackóws im Visier, die diese Rollenverteilung nur für den Transformationsprozess in Ostdeutschland behaupten. Denn unbestreitbar unterliegt die Beitrittsintention einer Anpassungserwartung seitens der EU bis ins Detail. Schon 1989 begann die EG diplomatische Beziehungen zu den MOE-Staaten ( Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Slowenien) herzustellen. In der Folge wurden Importquoten für eine Reihe von Produkten abgeschafft, Handelsvorteile eingeräumt, Handels- und Kooperationsabkommen abgeschlossen. Auch das sich in den folgenden Jahren zum weltweit größten Hilfsprogramm für Mitteleuropa entwickelnde PHARE-Programm wurde schon 1989 aufgelegt. Mit den Europa-Abkommen leitet die EG ab 1991 Assoziierungsabkommen mit den MOE-Staaten in die Wege. Sie umfassen den politischen Dialog, Anpassung an die EU-Bestimmungen in den Bereichen Kapitalverkehr, Wettbewerbsbestimmungen, Autorenrechte, öffentliche Auftragsvergabe, Kooperation in den Bereichen Industrie, Umwelt, Verkehr, Zoll, schrittweise Einrichtung einer Freihandelszone (dabei liberalisiert die EG den Zugang zu ihren Märkten schneller). Polen unterzeichnet schon 1991. In Kraft trat das Abkommen 1994 und soll sich bis zur Vollendung auf 10 Jahre erstrecken. Die MOE-Staaten stellen ab 1994 Anträge auf Mitgliedschaft. Besonders Polen und Ungarn wird ein hohes gegenseitiges Interesse versichert. Von deutscher Seite erklärt man gegenüber Polen eine ›moralische Verpflichtung‹ aufgrund des während der nationalsozialistischen Okkupation begangenen Unrechts. Dass auch noch die Schuld für Jalta und die Spaltung Europas auf sich genommen wird, verweist auf ein eigenartiges Bekennertum einiger Deutscher. Man darf es aber der deutschen Seite schon aus Gründen der politischen Logik abnehmen, wenn mit der Wiedervereinigung Deutschlands das Versprechen gegeben ist, die Spaltung Europas zu überwinden. Zusätzlich kann in Deutschland niemand den Beitrag der Polen im Kampf gegen das Sowjetsystem und ignorieren. Auch hieraus ergibt sich eine politisch-moralische Verpflichtung. Die vielen bilateralen Initiativen zeugen davon. Dennoch scheint inzwischen klar geworden zu sein, dass die harten Fakten der Ökonomie ihr eigenes Gewicht haben. Polen hat möglicherweise vor der europäischen Öffentlichkeit gute Argumente, es ist aber nicht erkennbar, dass die EU bislang irgendwelche Sonderkonditionen eingeräumt hätte. Im Gegenteil, die deutsche und österreichische Forderung, den Zugang zum jeweiligen Arbeitsmarkt erst nach einer Übergangsfrist von 7 Jahren zu gestatten, ist inzwischen durch Brüssel sanktioniert. Den Antrag auf Mitgliedschaft stellte Polen und andere MOE-Staaten in Kenntnis der Kopenhagener Beitrittskriterien von 1993, die 1995 und 1999 spezifiziert und erweitert wurden. So gelten gemäß Kopenhagen folgende Kriterien: Stabilität der Institutionen Demokratie Rechtstaatlichkeit Minderheitenschutz wettbewerbsfähige Marktwirtschaft Fähigkeit zur Übernahme von Pflichten aus der Mitgliedschaft Einverständnis mit den Zielen einer politischen Union und Währungsunion Anpassung der Verwaltungsstruktur Übernahme der Gesetzgebung der EU in die nationale Gesetzgebung Schaffung der notwendigen Rechtsicherheit in diesem Zusammenhang Anerkennung hoher Standards nuklearer Anlagen Inzwischen war die Europäische Kommission aufgefordert, die beitrittswilligen Länder in Bezug auf die Erfüllung der Kriterien zu überprüfen und den Finanzbedarf der EU für den Beitrittsprozess zu prognostizieren. Die Europäische Kommission empfahl 1997 Beitrittsverhandlungen mit Estland, Polen, der Tschechischen Republik, Ungarn, Slowenien und Zypern zu eröffnen. In den Beitrittsverhandlungen geht es um 31 Kapitel, des sogenannten Acquis Communautaire, die in einem Verfahren des Abgleichens (screening) und der Berichterstattung (monitoring) zum Gegenstand der Verhandlung gemacht werden. Die Kapitel können provisorisch abgeschlossen werden und je nach Stand der Entwicklung erneut auf die Tagesordnung kommen. Gemäß einer Veröffentlichung der Kommission sollen 8 – 11 Kapitel Anfang 2000 vorläufig geschlossen worden sein, während alle anderen inzwischen verhandelt werden. Insgesamt stehen folgende Kapitel zur Verhandlung:
(Erweiterung – Die Europäische Union – Erweiterung, eine historische Gelegenheit, hrsg. v. Europäische Kommission, Brüssel 2000, ). Dabei geht die EU davon aus, dass die beitrittswilligen Staaten ihr gegenüber in der Pflicht stehen, entsprechende Fortschritte im Bereich des Acquis zu machen. Die o.g. Publikation lässt daran keinen Zweifel. Dies klingt insofern befremdlich, als in der polnischen Öffentlichkeit die Beitrittsentscheidung als offen diskutiert wird. Angesichts der mit den Beitrittsanträgen ab 1994 eingeleiteten Heranführungs- maßnahmen und finanziellen Aufwendungen dürfte allerdings deutlich werden, dass das Beitrittsverfahren ein unumkehrbarer Prozess geworden ist. Die Heranführungsmaßnahmen oder im EU-Jargon ,Heranführungsstrategien‘ basieren für die MOE-Staaten auf den Europa-Abkommen, den Beitrittspartnerschaften für die Übernahme des Acquis, den Vor-Beitrittshilfen: - das Phare-Programm,
- die Hilfen für Investitionen im Umwelt – und
Verkehrsbereich - die Hilfen für Landwirtschaft (SAPARD) 520 Mio Euro jährlich, - internationale Co-Finanzierung, die Öffnung der Europäischen Gemeinschaftsprogramme und –agenturen. Über das Europa-Abkommen wurde schon berichtet. Die ›Beitrittspartnerschaften‹ sollen nach einer vereinbarten Prioritätenliste Polen und ein entsprechendes Partnerland z.B. Spanien für die Umstrukturierung und Privatisierung der polnischen Kohle- und Stahlindustrie zusammenführen und helfen, den Acquis zu realisieren. Das Partnerland stellt Experten und entsendet EU-Beamte in die verantwortlich zeichnenden polnischen Behörden. Die Partnerschaften sind ausdrücklich langfristig angelegt. Für das Phare-Programm sowie ISPA und SAPARD standen ab dem Jahr 2000 und werden bis zum Jahr 2006 über den o.g. Betrag hinaus jährlich 3.120 Mio Euro für die MOE-Staaten zu Verfügung stehen. Es geht darum in den Beitrittsländern Verwaltungen aufzubauen, die in den Beitrittsländern die Umsetzung und Anwendung der EU-Richtlinien sicherstellen. Das schließt die Ausbildung und Anwerbung von Managern, Inspektoren, Juristen, Statistikern usw. ein. Hierfür sind 30% der Phare-Mittel vorgesehen. 70% gehen in die Investitionsfinanzierung zur Übernahme der Acquis wie Umweltschutz, nukleare Sicherheit, Verkehrssicherheit, Verbraucherschutz aber auch Großprojekte zur Verbesserung der Infrastruktur. Für Darlehensaktivitäten der EIB (Europäische Investitionsbank) stehen inzwischen 7.000 Mio Euro zur Verfügung. In formeller Kooperation mit anderen internationalen Finanzinstitutionen (z.B. der Weltbank, der EBWE, Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung u.a.) werden Mittel aus dem Phare-Programm und Eigenmittel des Beitrittslandes aufgestockt. Jeder Euro aus dem Phare-Programm zog 5 bis 8 Euro nach sich. Die ›Öffnung der Programme und Agenturen‹ meint die Teilnahmemöglichkeit von Bewerbern aus den MOE-Staaten an den bestens bekannten Programmen wie Sokrates, Leonardo da Vinci, Comenius, Erasmus die sich zur Aufgabe machen, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Allerdings zahlen die Beitrittsländer Beiträge zur Finanzierung der Programme.9
8. Stand des Transformationsprozesses gemäß
der Berichterstattung
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BIP pro Kopf |
Wachstum |
Konvergenzzahl EU=10010 |
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Slowenien |
68 |
4,5 |
71,5 |
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Polen |
39 |
4,6 |
60,7 |
|
Bulgarien |
23 |
3,3 |
53,7 |
Zu berücksichtigen ist der Ausgangspunkt des Wachstums, sodass die Stetigkeit des Wachstums verlässlicher Auskunft gibt. Hier erreicht Polen im Durchschnitt 8%. Ab 1993 begannen die marktwirtschaftlichen Reformen bei einem anfänglichen Wachstum von 6%. Polen kann mit Recht als kleiner Tiger bezeichnet werden. Das Wachstum ist zuerst Ursache des Zustroms von ausländischem Kapital, wobei die BRD auf Platz 1 und Frankreich auf Platz 2 stand.
Folgende Beispiele saldieren Erfolge und Defizite:
Z.B.: Rentenreform, Gesundheitsreform, Schulreform wurden unter erheblichen Anstrengungen und begleitet von massiver Kritik schließlich durchgesetzt.
Z.B.: Verwaltungsreform: Gebietskörperschaften: Kreise und Kreisfreie Städte durchgesetzt
Z.B.: Die Geldwertstabilität ist durch die Bindung an die DM behauptet. Die Inflationsrate liegt bei 9% (!).
Z.B.: Privatisierung der Schlüsselindustrien: 400 000 Bergleute sollen mit 22 000 Z³ entsprechend 88 000 DM in Kaufkraft gemessen, abgefunden werden.
Z.B.: Landwirtschaft: 20% der Beschäftigten. Die EU-Norm ist 6%. Die EU erwartet eine Angleichung. Die Probleme bestehen u.a. in der durchschnittlichen Größe der Höfe von 4 – 6 h und der Überalterung. Der Bestand von 1/3 der Höfe ist sicher gefährdet. Liegt eine Chance in der Naturpflege, dem Tourismus, dem Ökobau?
Z.B.: Infrastruktur: Polen erhält Mittel aus dem Phare-Programm der EU. Sie sollen u.a. im Autobahnbau Verwendung finden.
Z.B.: Umweltpolitik: Polen hat erhebliche Schwierigkeiten Städte mit Kläranlagen auszustatten. Die EU verlangt eine Kläranlage für Gemeinden mit 2000 Einw. Auf 15 Jahre sind 15 Mrd. Euro vorgesehen.
Z.B.: Sicherung der Ostgrenze: Bei der EU bestehen Zweifel an dem politischen Willen, die Ostgrenze Polens entsprechend der Forderungen der EU gegen unberechtigte Übertritte zu sichern. Polen muss auch die Interessen von polnischen Minderheiten in der Ukraine, Weißrussland und Litauen in Rechnung stellen. Die Schattenwirtschaft an den Grenzen ist außerdem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.11
Z.B.: Kampf gegen die Korruption: Polen ist weiterhin im Spitzenbereich des internationalen Korruptionsindex.12
Erhebliche Probleme veranlassen zu bemerkenswerten Anstrengungen (z.B.: die 4 Reformen), die zu bemerkenswerten Erfolgen führen. Das schließe Rückschläge in beitrittssensiblen Sektoren nicht aus. Hier werde neu verhandelt werden müssen. Dennoch sei mittelfristig (in 6 – 8 Jahren) ein erfolgreicher Beitritt möglich.
In der ZEIT verfällt eine Journalistin im Zusammenhang mit der polnischen Landwirtschaft auf die bemerkenswerte Prognose:
„Wenn die Höfe überleben sollen, müssen sie schnellstens die Produktivität vervielfachen. Das werden womöglich 400000 der etwa 2 Mill Höfe schaffen (...). Die EU-Agrarpolitik wird somit erreichen, was Polens kommunistischen Regierungen in viereinhalb Jahrzehnten nicht gelungen ist: die privaten Kleinbauern zum Aufgeben zu bringen. Erfolgreich hatten sie sich gegen die Kollektivierung zur Wehr gesetzt, jetzt sollen sie in wenigen Jahren einen Strukturwandel durchziehen, der in Deutschland seit den sechziger Jahren andauert.“
Der Blick auf EU-Agrarpolitik allerdings zeigt, dass in diesem Bereich EU-Strukturen selbst in die schwerwiegendste Legitimationskrise seit 1957 geraten sind. Eines dürfte allerdings sicher sein, schon die Maßnahme, den Agrarhaushalt auf 1,09 % des BSP der 15 Mitgliedstaaten zu beschränken, wird viele Bauern der alten EU-Staaten in Schwierigkeiten bringen. Unklar ist das weitere Schicksal der Agrarsubventionen überhaupt, da sie vom Ausgang der Verhandlungen der WTO (Welthandelsorganisation) abhängen. Aber selbst wenn alles so bliebe, gilt für alle Bauern in West und Ost, dass Agrarreform der EU und Osterweiterung weniger Mittel auf mehr Bauern verteilen werden. Das allerdings wird die polnischen Landwirte auf einem prekären Niveau treffen.
Der Bericht der Europäischen Kommission beschreibt den Zustand der polnischen Landwirtschaft wie folgt:
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Landbevölkerung |
38 % |
|
Fläche |
93 % |
|
In der Landwirtschaft Beschäftigte * |
18 % |
|
durchschnittliche Betriebsgröße |
7,7 ha |
|
56% der Betriebe haben |
bis 5 ha |
|
0,4 % der Betriebe haben |
50 ha |
|
Von 2.000.000 Betrieben produzieren |
|
|
überwiegend für den Markt |
47 % |
|
überwiegend für den Eigenbedarf |
37 % |
|
um zu subsidieren |
13 % |
|
Rückgang der Agrarproduktion |
3,7 % |
|
Rückgang der Pflanzenproduktion |
11,50 % |
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Rückgang der Tierproduktion |
1,50 % |
|
Ausbildungsstand der Landbevölkerung |
|
|
Hochschulabschluss |
2 % |
|
Abitur |
15 % |
|
Grundschule |
43 % |
|
Ohne |
11 % |
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* Polen hatte 27% angenommen. Also alle, einschließlich die, die als Landwirte ausgewiesen waren, aber ihr Einkommen nicht aus der Landwirtschaft bezogen. EU-Durchschnitt 6% |
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(Auszug aus Pressematerialien der Europäischen Kommission, Fortschrittsbericht Polen 2000).
In der Liste bestehender Defizite für den ländlichen Raum insgesamt wird auf die mangelnde Infrastruktur hingewiesen: Versorgung mit Telefon, fließendem Wasser, Kanalisation, Mülldeponien. Für die einzelnen Betriebe wird notiert, die mangelnde Hygiene, die geringe Spezialisierung, dass die geringen Betriebsgößen kaum Produktion mit moderner Technik oder große Viehbestände erlauben. Ferner fehle es an einer modernen Vermarktung: z.B.: Agrargroßhandel und Produzentenverbände seien erst im Entstehen.
Eine entsprechende Bestandsaufnahme der polnischen Regierung hat zu einem sogenannten ,Pakt für die Landwirtschaft‘ geführt. Es ist die Einsicht gewachsen, dass es nicht nur um die Modernisierung und entschiedene Produktivitätserhöhung der landwirtschaftlichen Betriebe gehen kann, sondern um die Verbesserungen der Lebensverhältnisse der ländlichen Bevölkerung insgesamt. Dazu hat die EU-Mittel aus dem SAPARD-Programm zur Verfügung gestellt. Allerdings haben Versäumnisse auf welcher Seite auch immer dazugeführt, dass die EU-Mittel für 2000 nicht abgerufen werden konnten. Die polnische Zahlungsagentur, die diese Gelder verwalten soll, war in Brüssel nicht rechtzeitig akkreditiert worden. Die SAPRAD-Mittel werden durch Kredite der Weltbank und öffentliche Mittel aus dem Haushalt aufgestockt. Insgesamt will die Regierung rund 1,9 Milliarden Euro im Jahr 2001 im Rahmen des ,Paktes für die Landwirtschaft‘ einsetzen.
Unterdessen verhandelt die EU der Fünfzehn und Polen um Produktionsquoten und Direktbeihilfen für die polnischen Bauern für die Zeit nach Polens Beitritt zur EU. Direktzahlungen an die Bauern der Kandidatenländer sind allerdings im Haushalt der EU bis 2006 ohnehin nicht vorgesehen. Aber selbst dann, wenn in der EU alles so bliebe wie bisher und Polen in die Gemeinsame Agrarpolitik einbezogen würde, hätte das Heer der polnischen Kleinbauern ohnehin nur ,Kleckerbeträge‘ zu erwarten, die sie wirtschaftlich kaum nach vorn bringen würden. Auch würden nur Höfe mit mehr als 3 ha berücksichtigt. Nach Schätzungen kämen deswegen 1/3 der polnischen Landwirte nicht in Betracht.
Dennoch erachtet Polen die Direktbeihilfe für einen Akt der Gerechtigkeit. Besonders in Deutschland, dem größten ,Nettozahler‘ in der Agrarpolitik, erregt die Forderung nach Direkthilfen Kritik. Die Europäische Kommission ermittelte Kosten für die Direkthilfe in Höhe von 7000 Mio Euro. Polen geht von 3000 – 4000 Mio Euro jährlich aus und erwartet nochmals 8000 Mio aus den Strukturfonds. 1999 standen der EU für Strukturpolitik überhaupt ca. 30.000 Mio Euro zur Verfügung.13
Auch für Hilfen zum Strukturwandel im Rahmen des ,Paktes‘, die aus Mitteln des SAPARD-Programms sowie anderen öffentlichen Geldern gespeist werden, wurden Einstiegshürden in Gestalt bestimmter Anforderungen an die Höhe der bisherigen Produktion aufgerichtet. Die Kleinen werden dadurch von diesen Fördermittel abgeschnitten. Hinzu kommt, daß die Antragsteller erhebliche Eigenmittel aufbringen müssen und dass eine Doppelsubventionierung durch den polnischen Staat unzulässig ist.
Der Bauer mit zwei Kühen im Stall hat demnach so oder so wenig Aussichten, ein moderner Landwirt zu werden. Es sei denn, Modernität würde anders definiert und im Rahmen der Agrarpolitik der EU besonders und breit gefördert, etwa als biologischer Anbau, und wenn ökologische Produkte einen großen Markt hätten.
Polen, wo die Armut vieler Bauern dazu geführt hat, dass wenig Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger eingesetzt wurden und deshalb die Ackerkrume im Vergleich zu westlichen Ländern weniger mit Schadstoffen belastet ist, hätte dann gute Voraussetzungen, sich auf den biologischen Anbau zu spezialisieren.
Polnische Bauern, einst privatwirtschaftliche Inseln im sozialistischen. Mangelsystem, die nun vom Sturm der Marktwirtschaft umbraust werden, sind da offenbar skeptischer. Viele sehen das wirtschaftliche Ende herannahen, wenn das Land Mitglied in der EU wird, die heute schon den Markt mit hochsubventionierten Produkten überschwemmt. Das lässt sich auch aus Umfragen folgern, in denen nur 13 Prozent der Befragten ihren Kindern raten würden, auf dem Land zu bleiben und den Betrieb weiterzuführen. (M. Ludwig in FAZ 264 v.13.11.2000 S. 20 Länderbericht)
Allerdings dürfte sich eine andere Entwicklung nicht nur im Bereich der Landwirtschaft verstärken. Expandierende landwirtschaftliche Betriebe, die in Deutschland ihre Fläche nicht vergrößern können, dennoch aber die Einbußen aus der Agrarreform auffangen müssen, interessieren sich für Investitionen in Polen. Gute Kreditbedingungen (5,5 % Zinsen) in Deutschland und geringe Produktionskosten: 75 % der Kosten bei Saatgut, Pflanzenschutz und Düngemittel und 50 % bei Diesel, Pacht, Lohn, Grundsteuer begründen das Interesse. Dazu kommt ein über 5 DM höherer Verkaufspreis pro dz bei Weizen. Trotzdem hält sich offenbar die Begeisterung in Grenzen. Die Rechtslage ist nach wie vor unsicher. Es bedarf einer Agencja (Zuschlag) seitens der polnischen Treuhand und einer Erlaubnis des Innenministeriums. Diese bekommt nur, wer im Sinne des alten ,joint venture‘ einen polnischen Partner hat, der die Mehrheit im gemeinsamen Unternehmen besitzt.14
Nicht nur die mangelnde Infrastruktur des ländlichen Raumes, sondern auch die Tatsache, dass die polnische Regierung beim Landkauf, Ausländern eine Sperre von 18 Jahren in Aussicht stellt und diese Frist als Übergangsfrist in den Beitrittsverhandlungen einfordert, bremsen ausländische Investoren. Hier handelt die Regierung in Übereinstimmung mit der polnischen Bevölkerung. Nach einer Umfragen stimmen 80% dafür, dass Ausländer und hier kommen fast ausschließlich Deutsche in den Sinn, kein Land in Polen erwerben dürfen. Bislang wurden erst 2800 Genehmigungen erteilt (Die HAZ, Nr. 211, 9. 9. 2000. Bauen). Die meisten im Bereich Handel und Gewerbe, nicht in der Landwirtschaft.
Die Verlierer des Beitritts zur EU sind mit den mehr als 2/3 Hofstellen, die die Anpassungsleistung an den EU-Standard nicht erbringen werden, ausgemacht. Wie werden sie reagieren? Ins Gewicht fallen können durchaus außerparlamentarische Proteste, die denen, zu denen die französischen Bauern fähig sind, in nichts nachzustehen brauchen, denn es ist kaum zu vermuten, dass die polnische Regierung ausreichend Mittel aufbringen wird, um die die Betroffenen sozial ausreichend abzusichern. An dieser Stelle sei an Macków und den von ihm vorgenommenen Vergleich zwischen der Transformation auf dem Gebiet der ehemaligen DDR und Polen erinnert: In Deutschland die Übertragung eines hoch leistungsfähigen Sozialsystems, in Polen bislang weitgehend nur die Selbsthilfe. Hier scheint Macków recht zu behalten. Für viele wird die reine Subsistenzwirtschaft die einzige Existenzgrundlage bleiben. Da der ländliche Raum abgehängt ist, werden sich kaum Alternativen anbieten.
Eine andere Gruppe von Verlieren könnten die Bergarbeiter, die Arbeiter in der Schwerindustrie, anderen nicht konkurrenzfähigen Unternehmen und, besonders sensibel, im Schiffbau sein. Wie werden sie reagieren? Offenbar gibt es relativ effiziente Sozialpläne für den Bergbau und die Stahlindustrie, will man dem o.g. Wilkiewicz glauben schenken. Werden sie wie ihre deutschen Kollegen die soziale Deklassierung gegen Kasse maulend hinnehmen? Das muss nicht sein angesichts der polnischen Tradition der Arbeiterproteste. Schlimmstenfalls werden sich Arbeiter und Bauern und andere Beitrittsgegner zu einer kritischen Masse vereinen. Sie könnten aber auch nur mit ihrem Nein zu einem Beitritt das Referendum zu Fall bringen und damit den Beitritt verzögern. Dies wäre zudem nur ein Nein gegen eine bestehende De-facto-Mitgliedschaft.
Inwieweit der durch die EU ausgeübten Anpassungs- und Modernisierungsdruck in Polen als Entmündigung und Entfremdung erfahren wird, um neben der sozialen Zurücksetzung eine mentale zu erzeugen, ähnlich der, die Macków in Ostdeutschland ausgemacht hat, mag man aus Texten nicht nur nationalkatholischer Parteigänger und Beitrittsgegener ermitteln. Auch in Pressetexten derjenigen Organe, die einen Beitritt befürworten, ist der Begriff der Selbstbehauptung, des ,nationalen Prestige‘ gängiges Indiz.
„Der Kampf am Samstag in Nizza, um zwei Stimmen mehr für Polen im Rat der Europäischen Union zeigte, dass obwohl wir noch nicht in der Union sind, so haben wir doch schon Einfluss auf ihre Entscheidungen und wir sind zu einem wichtigen europäischen Partner geworden. ... Das war nicht nur ein Prestigekampf. Diese zwei Stimmen mehr erlauben Polen sich im Unionsspiel der Bündnisse gleichzustellen mit den stärksten Europaländern.“15
Überhaupt spricht die Presseberichterstattung in Polen Bände, wenn man in der marginalen (!) Frage der Sitzverteilung im Europäischen Rat, die Kommentare führender Zeitungen in der Bundesrepublik betrachtet. Hier wurde eher die proeuropäische Haltung der Belgier und der Bundesregierung nach Ihrem Verzicht auf höhere Anteile an Sitzen gemäß der Bevölkerungszahl gelobt.
Eine ähnliche Frage des Prestige scheint die Realisierung eines frühen Beitritts zu sein. Allerdings dürften in dieser Frage auch Probleme der Legitimationsverlustes der Regierung eine Rolle spielen. Wenn noch im Jahr 2000 von polnischer Seite 2002 vor den Präsidentschaftswahlen und 2003 vor Nizza ins Auge gefasst wurde, so änderte sich die Prognose nach dem Kanzlerbesuch im Dezember, da der Kanzler kein Datum nannte und dafür in der polnischen Presse heftige Schelte bezog.
„Billiger Mut ... Hat die Ansprache des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder im Parlament, uns der Union nähergebracht? ... Die polnische Verhandlungskommission hat noch bis gestern geglaubt, dass der Gipfel in Nizza unsere Chancen des Beitritts in die Europäische Union im Jahr 2003 nicht durchgestrichen hat. Die letzte Hoffnung haben sie im deutschen Kanzler gehegt, der einen Tag vor dem Treffen der Führer der Länder der Fünfzehn nach Warschau gekommen ist. Aber Schröder hat nichts über das Datum, an dem die Verhandlungen beendet werden, gesagt. In der Ansprache im Parlament wiederholte er nur: »Die Aufgabe der kommenden Sitzung des Europäischen Rats in Nizza ist die Schaffung der Voraussetzungen für den Beitritt weiterer Mitglieder in die Europäische Union am Anfang des Jahres 2003«. Diese Deklaration befriedigte die polnische Verhandlungskommission nicht. (...) Ein Eimer kaltes Wasser für die Eurobegeisterten (...)“.16
Aber schon im Mai 2000 hatte die polnische Verhandlungskommission bei der EU erkennen müssen, dass weder bei den Direkthilfen für polnische Landwirte noch in anderen Fragen (Gesetzgebung für den europäischen Binnenmarkt, Ostgrenze) schnelle Ergebnisse vorgelegt werden können. In ihren Reihen fiel das Datum 2005.17 Dieses Datum nähert sich Vorstellungen an, die in Deutschland und Frankreich aus den Parteizentralen kommen. In Frankreich und Deutschland wird 2002 gewählt, sodass weder Chirac seinen Bauern noch Schröder den Gewerkschaften Anlass zur Sorge geben möchte. Aber auch die Schwierigkeiten der Beitrittskandidaten, die Forderungen der EU zu erfüllen, zählen. Entscheidend scheint in Deutschland und Frankreich ein anderer Grund zu sein, nämlich Zeit zu gewinnen, um die anstehenden Verteilungsreformen der EU zu realisieren, bevor die Beitritte wirksam werden.18
1P. Borowsky, Deutschland 1970 - 1976, Fackelträgerverlag 1980, S.139 f.
2G. Heydemann, Entwicklung der DDR bis Ende der 80er Jahre, in Informationen zur politischen Bildung, Heft 270/2001 S. 26.
3G. Heydemann, Entwicklung der DDR bis Ende der 80er Jahre, in Informationen zur politischen Bildung, Heft 270/2001 S. 27.
4M. Görtemaker, Probleme der inneren Einigung, in Informationen zur politischen Bildung, Heft 250/1996 S. 48f.
5 M. Görtemaker, Probleme der inneren Einigung, in Informationen zur politischen Bildung, Heft 250/1996 S. 52f.
6 G. Renner, Herausforderung an die größere Union, in Informationen zur politischen Bildung, Heft 213/1995 S. 50f.
7 DIE ZEIT Nr 16 vom 11.4.01, Politik S. 5.
8 DIE ZEIT Nr 16 v. 22.03.2001 S. 13. Politik / Essay.
9 Erweiterung - Die Europäische Union - Erweiterung, eine historische Gelegenheit, hrsg. v. Europäische Kommission, Brüssel 2000.
10 Auszug aus Pressematerialien der Europäischen Kommission 2000. Die Berechnung der Konvergenzzahl ist nicht augewiesen.
11 M. Ludwig, Elastische Grenzen, in FAZ v. 30.11.00.
12 M. Ludwig, Korruption ist in Polen ein Volkssport, in FAZ v. 12.04.99.
13 J. F. Vannahme in DIE ZEIT Nr.19 v. 03.05.01 Wirtschaft S. 27 und Informationen zur politischen Bildung Nr.213 1995, S. 15.
14 T. Busse in DIE ZEIT Nr.19 v. 03.05.01 Wirtschaft S. 27.
15 Gazeta Wyborcza v. 11.12. 2000.
16 Życie v. 7.12.00.
17 H. Bünde, in FAZ v. 15.5.00.
18 H. Friederich, Keine EU-Beitritte vor 2005 oder 2006 in FAZ v. 8.7.2000.
Dokument Information / Impressum dieser Seite:
politik unterricht aktuelL, Heft 1-2/2001: Verändern und Verbinden.
Hannover, 2001. 132 S., A 5, kart.
Buchausgabe vergriffen [ISBN 3-9807714-2-3]
Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover. Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R.
eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de
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Internetausgabe: - Letzte Überarbeitung: Internetseite / politik unterricht aktuell 1-1/2001 / S. 34-43 / Wolf Dieckmann: Der ‚reiche Onkel‘ im Westen / Text. 27.04.01/01.06.02 Version 4, P101-D2.DOC. / P101-D2.htm. - Internetpublikation 01.06.02 / Aktualisierung 01.07.2003 / auf http://www.polen-didaktik.de eingestellt am 20.02.2011
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