Lothar Nettelmann / Gerhard
Voigt:
Grundlagen der Deutsch-Polnischen
Versöhnungsarbeit
Transformationsprozesse in
Mitteleuropa
Die Grundlage: ein
gesellschaftlicher Paradigmenwechsel seit den 70er Jahren
Die „Deutsch-Polnische Versöhnungsarbeit“
war ein bestimmender Teil der Aufbruchbewegung im Europa der sechziger bis
achtziger Jahre. Bestimmendes Motiv war die Erfahrung der letztlich nicht
politisch beherrschbaren und eingrenzbaren Aggression des „West-Ost-Konfliktes“,
der außenpolitisch eine permanente Friedensbedrohung bedeutete und innen- und
gesellschaftspolitisch eine Dominanz von Feindbildern, Stereotypen und
Ausgrenzung kritischer Bewusstseinsbildung nach sich zog, die als auch „innere
Bedrohung“ erlebt wurde.
Sehr deutlich wurde dies durch bis heute nicht
aufgearbeitete und bewältigte Fixierungen auf Wahrnehmungsstereotype der
Fremdenfeindlichkeit, die in der Figuration der herrschenden politischen
Ordnung ein dominantes politisch-ideologisches Konstrukt wurde. Dieses Denk- und
Wahrnehmungsmuster beschränkte sich dann aber auch nicht auf die machtpolitisch
gewollten „Blockstereotypien“, sondern durchziehen – teilweise anknüpfend an
Denkmuster des 19. Jahrhunderts und auch der Nazi-Zeit – das öffentliche
Bewusstsein im Sinne einer Xenophobie, einer Tabuisierung der kritischen
Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und der zunehmenden
Unfähigkeit, außen- und weltpolitisch angemessen auf sich ändernde globale
Verhältnisse zu reagieren.
In Bezug auf die „Deutsch-Polnische
Versöhnungsarbeit“ laufen drei politische und gesellschaftliche Prozesse
parallel, die in ihrer gegenseitigen Beeinflussung letztlich zu einem
Paradigmenwechsel in Europa und schließlich zu den globalen Umbrüchen Anfang
der 90er-Jahre geführt haben:
1. Umbruch- und Widerstandsphasen in den
ost-mitteleuropäischen Ländern, z.T. evoziert durch die Hoffnungen, die sich –
letztlich fälschlicher Weise – an den XX. Parteitag der KPdSU und die dort
proklamierte „Entstalinisierung“ knüpften. Vor allem in Polen und Ungarn fand in
dieser Zeit tatsächlich schrittweise ein gesellschaftlicher Umbruch statt, der
die Vertreter des „alten Regimes“ zunehmend in die Defensive drängte und das
Ungenügen des sozio-ökonomischen Systems und seine mangelnde
Leistungsfähigkeit – die ausgehend von der Sowjetunion Ende der achtziger Jahre
zum faktischen Staatsbankrott führte – immer deutlicher werden ließ. Der Wunsch
nach Kontakten und Gedankenaustausch mit Reformkräften im „Westen“ wurde in
Ostmitteleuropa immer stärker und setzte sich gegen die abwehrende Haltung der
„Betonköpfe“ zunehmend durch.
2. In Westdeutschland entsteht eine neue kritische
Oppositionsbewegung, die sich mit den verhärteten Strukturen des status quo
sowohl innen- und gesellschaftspolitisch („mehr Demokratie wagen!) als auch
außen- und blockpolitisch „Wandel durch Annäherung“) nicht mehr abfinden will.
Dies ist auch zu verstehen als Generationenwechsel in den bürgerlichen Eliten
und der daraus entstehenden Einsicht, dass das Beharren in den „bewährten
Strukturen“ der Nachkriegszeit letztlich Rückschritt in der gesellschaftlichen
Problemlösungskompetenz, in der Entwicklung von Zukunftsfähigkeit als auch in
den persönlichen Zukunftschancen vor allem in den Bildungsschichten bedeutet. Es
ist daher kein Zufall, dass sich dieser gesellschaftliche Aufbruch vor allem
auch in Reformbestrebungen im Schul- und Bildungswesen artikuliert („Bildung ist
Bürgerrecht“, Gesamtschulkonzeptionen, Reform der gymnasialen Oberstufe,
Hochschulreform).
3. Zunehmend wird auch nach den Ursachen der
gesellschaftlichen Stagnation in Westdeutschland gefragt. Dabei ist das
Verharren im Blockdenken und den fest gefügten Ost-West-Feindbildern nur die
äußere Fassade, die das Unvermögen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration
kaschiert, sich mit der eigenen NS-Vergangenheit kritisch und selbstbezüglich
auseinanderzusetzen. Was in der DDR als formalisierter und ritualisierter
„Antifaschismus“ (der aus einer inhaltlich ernst genommenen marxistischen
Geschichtsanalyse durchaus glaubhafter und ehrlicher hätte entwickelt werden
können) ebenso eine reale Aufarbeitung der Zeitgeschichte verhinderte, konnte
kein Vorbild für die westdeutsche Konfrontation mit den Ursachen des NS in
Deutschland werden. So bekam das deutsch-polnische Verhältnis eine doppelte
Bedeutung: einmal als Ansatzpunkt einer von beiden Seiten gewollten Überwindung
der Ost-West-Blockstereotypien, andererseits als kritische Vergegenwärtigung
der Nazi-Verbrechen im Gebiet des heutigen Polens, symbolisch festgemacht an
Auschwitz, Stutthof, Majdanek und den anderen Orten der NS-Lagertopographie,
aber auch den vielen anderen Orten, die mit dem Geschehen deutscher Verbrechen
verbunden waren und sind (Westerplatte, Ghettoaufstand in Warschau, Warschauer
Aufstand, um hier nur einige Stichworte in Erinnerung zu rufen). Für viele
Reisende nach Polen bedeuteten die Wahrnehmungen an diesen Orten eine
erstmalige Konfrontation sowie eine wirkliche, nachhaltige Bewusstwerdung der
geschehenen Taten.
Zu diesem letzten Stichwort können vor allem aus
der Generation der Verfasser dieses Aufsatzes – geboren im letzten Kriegsjahr
bzw. unmittelbar nach Kriegsende vielfache persönliche Erinnerungen und
biographisch bedeutsame Orientierungen verbunden. So sei hier von einem
schulischen Projekt berichtet, das dem Verfasser (G.V.) letztlich zu einem
Schlüsselerlebnis wurde. Es wird Mitte der siebziger Jahre gewesen sein, als in
Niedersachsen stellenweise mit viel Elan neue Unterrichtsprojekte auch in der
Oberstufe des Gymnasiums erprobt wurden. An der Bismarckschule Hannover, einer
der ersten Schulen der Region, die eine reformierte „Kursstufe“ eingeführt
hatten und mit ihr experimentierten, war das Fach „Gemeinschaftskunde“ (heute
Politik) zu einem didaktisch wie methodisch besonders innovativen Element der
Reform geworden. Aus der Erfahrung heraus, dass immer noch im Fach Geschichte
der Unterricht („sinnvoller Weise“) bei Bismarck endete und die
„Gemeinschaftskunde“ aus ihrer Fundierung in der „Heimatkunde“ der fünfziger
Jahre affirmative und strukturkundliche Charakterzüge tradierte, versuchten wir
ganz bewusst eine neue Fundierung der Politik und der gesellschaftlichen
Probleme in ihrer Verwurzelung in der Zeitgeschichte zu finden und dabei das
Thema „Nationalsozialismus“ zum Ausgangspunkt einer Revision des
Geschichtsbildes und des gesellschaftlichen Selbstverständnisses zu machen.
Ein Kurs von ca. fünfzehn Schülerinnen und
Schülern der dreizehnten Klasse beschloss, die damals neu erprobte
Pflichtleistung einer „Facharbeit“ durch eine – in dieser Form mögliche –
Ersatzleistung zu erfüllen, indem sie in Hannover eine „Polnische Woche“
konzipierte und gestaltete.
In Zusammenarbeit mit dem „Freizeitheim Linden“
der Landeshauptstadt Hannover – das sich ohnehin mit innovativen und
zeitkritischen Veranstaltung einen Namen gemacht hatte und vor allem für
links-sozialdemokratische Gruppen zu einer „Heimat“ geworden war – wurde von den
Schülerinnen und Schülern ein Programm gestaltet, das aus einer Ausstellung –
Polen im Zweiten Weltkrieg und der Okkupationszeit und Polen heute – und einem
täglichen Programm von Abendveranstaltungen – Diavorträge, polnische Filme
(„Asche und Diamant“), Vorträge über die deutsch-polnische Geschichte und eine
Podiumsdiskussion über die Probleme der deutsch-polnischen Beziehungen –
bestand, über die in den lokalen Medien positiv und ausführlich berichtet
wurde, aber auch demonstrative Proteste der „Ewig-Gestrigen“ vor allem aus den
Vertriebenenverbänden provozierte.
Der Lernerfolg für die beteiligten Schülerinnen
und Schüler dürfte kaum zu überschätzen sein, aber vor allem mir als Lehrer
bedeutete diese gelungene Veranstaltung tatsächlich eine erste Begegnung mit
dem Thema Polen, das für mich vorher kaum wahrgenommen worden war, dann aber
eine zunehmende Bedeutung bis heute erlangt hat.
Aus diesem – exemplarischen – Beispiel heraus ist
deutlich zu machen, dass die personelle Basis als Opposition zur herrschenden
Situationsdefinition der Nachkriegsrestauration eng verbunden ist mit einem
Generationswechsel. War die Generation des „Aufbaus“ und des
„Wirtschaftswunders“ – um hier die zentralen Begriffe eines Selbstkonzeptes
einer Generation wie auch einer Selbststereotypisierung zu zitieren – durch
biographische Prägungen in engem Sinne gegenwartsorientiert und durch
Denkverbote und Tabus daran gehindert, die eigene Generationserfahrung bewusst
aufzuarbeiten, machte die folgende Generation in einem selbst und bewusst
erfahrenen Konflikt zu den Lebenskonzepten der Elterngeneration diese
verantwortlich für die Blockierung von dringend erforderlichen
Zukunftsperspektiven. Damit wurde die versteinerte Realitätsdefinition der
antagonistischen „Blöcke“ weltpolitisch nicht mehr als Sicherung durch ein
„Gleichgewicht des Schreckens“ – sicherlich auch ein Erbe der bellizistischen
Erfahrungen, den Gewalt-Eskalationen im Zweiten Weltkrieg, die auf beiden
Seiten des „Eisernen Vorhangs“ wahrgenommen worden sind –, sondern in seiner
bedrohlichen Labilität als zu überwindendes Schreckensszenario verstanden. Die
subjektive Motivation eines politischen Paradigmenwandels lautete damit:
Friedenssicherung durch Abbau von Feindbildern und eine offeneres Verhältnis zu
den geschichtlichen Ursachen des Konfliktdenkens und damit die Überwindung
ideologischer Legitimationen des Kalten Krieges.
Der Abbau des »Kalten Krieges« und des
Bedrohungskonstruktes war damit in Teilen auch: Aufarbeitung der eigenen
Vergangenheit, der Nazizeit mit den historischen Folgen von Krieg (und
Okkupation weiter Teile Osteuropas, insbesondere auch Polens) und des
Menschheitsverbrechens des Holocaust. Die verdrängenden und verharmlosenden
Definitionen der Restaurationszeit in den 50er Jahren galt es zu überwinden –
was vor allem auch als ganz persönliche Bewusstseinsänderung einer Generation
und nicht nur als äußere politische Zielvorgabe verstanden wurde: Wir müssen
uns ändern, um die Welt zu verändern.
Die Zielvorstellung eines Beitritts Polens zur EU
(EWG/EG) und der NATO spielte in diesem Bewusstseins- und Zielwandel für
Westdeutsche keine Rolle und wäre eher als Einengung der offenen Konzeption
verstanden worden. Diese spätere Veränderung der politischen Ziele auf beiden
Seiten
ist erst vor dem später offensichtlich gewordenen politisch-ökonomischen
Zusammenbruchs (des „Konkurses“) der Staaten des RGW und der Warschauer Pakt
Organisation (WPO) und vor allem der Sowjetunion selbst in den Vordergrund
getreten. In den siebziger Jahren ging es noch nicht um die „Auflösung“ des
einen weltpolitischen „Blocks“ zu Gunsten eines „Sieges“ des „Westens“ – den
Fukuyama als „Ende der Geschichte“ proklamierte
und damit als Sieg eines USA-dominierten „Westens“ verstand –, sondern um die
Überwindung des bellizistischen Blockdenkens und der ideologischen
Konfrontationen an sich.
Es erfolgte konkrete Arbeit in zunächst
oppositionellen Gruppen, die die offiziellen Änderungs-Versuche der Politik
»neue Ostpolitik«, Demokratisierungs-Forderungen in Ost und West nutzen konnte,
um in ein etabliertes liberales Bürgertum vorzustoßen. Eine zentrale Rolle
spielte dabei die Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesrepublik
Deutschland, die zur „sozial-liberalen Koalition“ führten und als ein Barometer
für die generationsbedingten Akzentverschiebungen in der Politischen Kultur
der Bundesrepublik Deutschland verstanden werden konnten. Eine zentrale Rolle
als Identifikationsfigur ebenso wie als Initiator von innovativen Bewegungen
spielte Willy Brandt und die von ihm vertretene „neue Ostpolitik“, die
1970 ihren Höhepunkt erlebte
und damit die vielfältigen bisher eher oppositionellen Initiativen zum
Bestandteil der Politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland machte.
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Auf intellektueller Ebene zeigte sich der
Paradigmenwechsel in einer Neudefinition der politischen und
gesellschaftlichen Zielsetzung, die den Abbau der „Grenzen“ in den Köpfen
intendierte. Dieses „Neues Denken“ bedeutete neue Selbst- und
Situationsdefinitionen in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.
Spiegelbildlich dazu fanden sich Bewegungen ähnlicher Zielsetzungen auch in
Polen und Ungarn – zu diesem Zeitpunkt aber noch kaum in der Sowjetunion, die
erst Ende der 80er Jahre unter Gorbatschow mit der „Perestrojka“ und
„Glasnost“ diesem letztlich in globalen Kontexten stehenden
Paradigmenwechsel nachvollzog. In der DDR waren gegen diese Entwicklung
erhebliche Widerstände zu verzeichnen, die es erst 1989 ermöglichten, von
einer „Aufbruchstimmung“ zu sprechen.
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Auf organisatorischer Ebene konkretisierte sich
der politische Wandel in der Bildung von Vereinigungen, Vereinen und
Gesellschaften. Im konkreten Fall der deutsch-polnischen Beziehungen wurden
überall in Deutschland Deutsch-Polnische Gesellschaften gegründet, die sowohl
nach innen wirkten durch ein vielfältiges Informations- und
Veranstaltungsprogramm und durch das Angebot von Reisen auch und gerade für
Schülerinnen und Schüler nach Polen. Auch hier fallen wieder die Parallelen
zur Bildungspolitik auf, indem zum Beispiel der Verband der Politiklehrer in
Hannover aktive Bildungspolitik auch gegen kultusministerielles
Beharrungsstreben betrieb und einen didaktischen Paradigmenwandel im schon
geschilderten Versuch unternahm, die Auseinandersetzung mit der
nationalsozialistischen Zeitgeschichte Deutschlands zum Schlüssel der
politischen Potentiale der Gegenwart zu machen.
Um wieder am konkreten Beispiel zu argumentieren,
sollte die im deutsch-polnischen Versöhnungsprozess besonders aktive und
erfolgreiche Deutsch-Polnische Gesellschaft Hannover als Beispiel thematisiert
werden. Zunächst war in den siebziger Jahren eine Abgrenzung zu der
ursprünglichen polnisch-regierungsnahen Deutsch-Polnischen Gesellschaft der
BRD
notwendig, um als eigenständige politische Kraft wirken zu können und wie in
Deutschland sich auch in Polen von der im „Blockdenken“ verfangenen
„Betonfraktion“ absetzen zu können.
Da diese „alte“ Deutsch-Polnische Gesellschaft in
ihrer personellen Besetzung und institutionellen Einbindung in Polen durchaus
heterogen und uneinheitlich in ihren Aktivitäten war, schwankte sie zwischen
Propagandainstrument und Ansätzen von durchaus ernsthaften
Annäherungszielen. Mit vielen einzelnen Persönlichkeiten in der polnischen
Botschaft in Köln und in Polen selbst war eine konstruktive Arbeit möglich und
die Übereinstimmung in den grundlegenden politischen Zielen evident. Dennoch
wurde viel Aktivität notwendig, Widerstände in Deutschland wie in Polen zu
überwinden und ein „neues Denken“ in praktische Projekte zu überführen.
Arbeitsschwerpunkte der Deutsch-Polnischen
Gesellschaft Hannover waren die Organisation von Begegnungen in Hannover durch
Vorträge und andere Veranstaltungen als auch in Polen, was eine Vielzahl von
Reisen bedingte – und letztlich zum kontinuierlichen Aufbau von persönlichem
Vertrauensverhältnis und auch zu Freundschaften, die bis heute andauern,
geführt hat.
Ein besonderes Interesse lag auf der gegenseitigen
Aufarbeitung der Geschichtsbücher, was schwer-punktmäßig durch die
Deutsch-Polnische Schulbuchkommission am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig
konzentriert war, in Polen selbst aber zu einem aktuellen Thema im Prozess der
Selbstfindung in den folgenden Verhandlungen der Solidarność wurde. Der Beginn
der Entwicklung der Reformprozesse in Polen ist eng verbunden mit der Arbeit
der im gegenseitigen Einvernehmen besetzten Geschichtskommissionen.
Parallel dazu ist zu konstatieren, dass die schon erwähnte Deutsch-Polnische
Schulbucharbeit des Georg-Eckert-Instituts als wichtiger Teil der deutschen
Reformpolitik anzusehen ist. Seit dieser Zeit ist die Rolle der gemeinnützigen
Stiftungen und teilweise auch der Gewerkschaften immer stärker in den
Vordergrund getreten und markiert einen wesentlichen Wandel der Politischen
Kultur in der Bundesrepublik Deutschland, die die bisherige dominierende
Staatszentrierung in der Definition politischer Leitideen durch eine
Verbreiterung des Politikbegriffes zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe
bei gleichzeitiger stärkerer Differenzierung und letztlich auch
Fragmentarisierung der politischen Eliten und der an sie gebundenen politischen
Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse abgelöst hat – wenn auch gegen
erbitterten Widerstand der etablierten politischen Führungsschichten.
Reisen, Tagungen und Schüleraustausche standen im
Vordergrund der praktischen Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover.
Der Blick auf die Politische Bildung im schulischen Bereich hatte einerseits
grundsätzlichen und programmatischen Charakter, um die deutsch-polnische
Versöhnungsarbeit grundsätzlich zu sichern und so gestaltenden Einfluss auf die
Fortentwicklung der Politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland zu
gewinnen.
Andererseits war die Konzentration auf die Arbeit
mit Schülerinnen und Schülern aber auch personell verankert dadurch, dass die
Keimzellen der Deutsch-Polnischen Gesellschaften, zumindest in Hannover, in
einem Kreis von Lehrerinnen und Lehrern zu suchen waren, bei denen gerade die
Bismarckschule Hannover eine besondere und herausgehobene Rolle spiele. Mit die
ersten Reisen mit Schülerinnen und Schülern nach Polen, damals noch verbunden
mit enormen Zeitaufwand in der Vorbereitungen und mit teilweise schikanösen –
und in der Regel als irrational und dysfunktional beurteilten – bürokratischen
Hürden bei der Visa-Erteilung, aber auch Unverständnis und Ängsten auf deutscher
Seite in der Elternschaft und der lokalen Öffentlichkeit, wurden von der
Bismarckschule Hannover organisiert und die Gründung der Deutsch-Polnischen
Gesellschaft in Hannover wäre wohl ohne die Aktivität von Kolleginnen und
Kollegen der Bismarckschule Hannover in dieser Form nicht denkbar gewesen. Zu
der Organisation der „Deutsch-Polnischen Woche“ in Hannover zu Beginn unserer
Polen-Aktivitäten wurde ja schon einiges berichtet. Die folgenden Reisen und
das Konzept des Schüleraustauschs wurden in einer Reihe von Publikationen
dokumentiert,
die auch in einer Buchreihe der Schule aufgenommen worden sind. Darüber hinaus
erschienen einige Aufsätze in Fachzeitschriften und Publikationen, die über den
schulischen Anlass hinaus gingen und sich grundsätzlicher mit den
deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzten.
Besonders hervorzuheben ist die Rolle des damaligen Schulleiters der
Bismarckschule Hannover, OStD Ulrich Bauermeister, der 2004 nach langer
Krankheit verstorben ist, dessen Werk in Bezug auf die deutsch-polnischen
Kontakte aber unvergessen bleibt.
Ein weiterer Einschnitt in der zeitgeschichtlichen
Chronologie war die Hilfe, die durch viele deutsche Institutionen während der
Zeit des Kriegsrechtes in Polen geleistet werden konnte und an der wiederum die
Deutsch-Polnische Gesellschaft Hannover mit engen Kontakten zur Partnerstadt
Hannovers in Polen – Poznań – besonders aktiv und nachhaltig beteiligt war. Die
Bismarckschule – und andere Gymnasien der Region Hannover übernahmen mit
tatkräftiger Unterstützung von Schüler- und Elternseite unter dem Dach der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover unter deren Vorsitzenden Albrecht
Riechers eine Patenschaft für an Leukämie erkrankte Kinder in der Kinderklinik
in Poznań, die sonst wohl kaum adäquat hätten behandelt werden können.
Es ist rückblickend beurteilt deutlich geworden, dass gerade diese praktische
und andauernde Hilfe für die einzelnen Menschen in Polen in einer schwierigen
und risikoreichen politischen und ökonomischen Umbruchsituation viel zum Abbau
noch vorhandener Vorbehalte zwischen Deutschen und Polen auf beiden Seiten hat
beitragen können und damit persönliche Kontakte und Freundschaften aufbauen und
erhalten konnte.
Parallel dazu entwickelten sich, von uns ganz
bewusst gepflegt, auch akademische Kontakte zu Hochschulangehörigen in Polen. Es
war dabei gemeinsamer Wunsch und gemeinsames Ziel, inhaltliche
Intellektualisierungsprozesse in Gang setzen. Auf das akademische Leben in Polen
insgesamt gesehen doch letztlich in nur sehr begrenzt erfolgreicher Weise, oft
stehen geblieben auf der rein persönlichen Freundschafts- und Kontaktebene.
Mit dem Stichwort der
„Intellektualisierungsprozesse“ wird ein Ansatz angesprochen, der in der
sozialwissenschaftlichen Diskussion noch relativ selten in seinen Potentialen
hinreichend erkannt worden ist. In der Semiperipherie-Forschung der historischen
Soziologie haben Gleichmann,
Waldhoff
oder Kürşat
den Ansatz der „Figurationstheorie“ von Norbert Elias
angewandt auf die gesellschaftlichen Figurationen zum Beispiel der Türkei
zwischen Osmanischem Reich und Türkischer Republik, deren Wandlungen an Hand
von Intellektualisierungsprozessen beschrieben werden. Besonders fruchtbar ist
die Doppelgesichtigkeit dieses Konzeptes, das damit dem Figurationsmodell
entspricht, indem gleichzeitig interdependent Wandlungen der sozialen Rolle der
Intelligenzschicht durch Verschiebungen der Machtgleichgewichte beschrieben als
auch die damit verbundenen Veränderungen der Inhalte des intellektuellen
Prozesses, der Gesellschaftsbilder und der Selbstkonzepte erklärbar gemacht
werden.
Im deutsch-polnischen Verhältnis wäre eine
bewusstere Anwendung der analytischen Modelle von Norbert Elias und der
historischen Soziologie besonders fruchtbar, da hieraus Ansätze
interkulturellen Verständnisses gewonnen werden können.
Die Situation hat sich seit Beginn der 90er Jahre
grundlegend geändert und lässt eine ungebrochene Kontinuität der
deutsch-polnischen Versöhnungsarbeit unmöglich erscheinen. Die äußeren
Rahmenbedingungen haben sich offensichtlich durch den „Konkurs des RGW und der
WPO“ grundlegend geändert. Der Wandel vollzieht sich vor allem auf
organisatorisch-staatlicher Ebene auf der Basis ökonomischer Ziele und der
Vereinnahmungen des politischen Handelns und Denkens durch die
ökonomisch-politischen Steuerungssysteme. Ideologisch ist dies als
»Demokratisierung« und »Einführung der marktwirtschaftlichen Ordnung«
verstanden worden.
Der Begriff der „Wende“ ist jedoch irreführend und
aktualistisch gedacht. Die vorher stattgefundenen Prozesse konnten das in
Polen und Ungarn in gewisser Weise in eine zeitgeschichtliche Kontinuität
einbinden.
Sowohl ökonomisch wie politisch waren neue Steuerungsmodelle vorgedacht worden,
so dass in wesentlichen Ansätzen, insbesondere in Polen, Ungarn und der
Tschechoslowakei, von einem sich langsam vorbereitenden Paradigmenwandel in
Politik und Ökonomie gesprochen werden kann. War dies gerade zum Zeitpunkt 1990
für die Menschen erlebbar geworden, entwickelte sich eine nur wenig von einer
zutreffenden Realitätssicht geprägten Euphorie, die im Zusammenhang mit
Fukuyamas „Ende der Geschichte“ – was nur noch ironisch zitiert werden kann
– schon angesprochen wurde. Umso bedrückender veränderte sich weit verbreitet
die subjektive Befindlichkeit, als sich die Euphorie nicht in greifbare
Realität umsetzen ließ und die Aufmerksamkeit sich auf die scheinbar unlösbaren
Probleme der Transformationsprozesse und ihrer sozioökonomischen Folgen
richtete. Die Realität wurde und wird als „Krise“
erlebt, auch wenn dieser Begriff zur Beschreibung der Realitäten letztlich
keineswegs taugt.
Heutige Perspektiven der politischen Arbeit müssen
sich daher gerade mit diesen inadäquaten Modellen der gesellschaftlichen
Realität auseinandersetzen, die längst stereotypen Charakter angenommen haben.
Alte Konzeptionen haben keine Basis mehr. An die Stelle der Auseinandersetzung
mit Blockstereotypen und Realitätsmodellen, die von System- und
Ideologiekonkurrenz ausgegangen sind, tritt eine neue Aufgabe: die
Krisenstereotypen und die Bilder vom „Sieg der westlichen Ordnung“ in den
eigenen Köpfen kritisch anzugehen und ihre internationalen korrespondierenden
Strukturen aufzuspüren und in einem neuen Ansatz interkultureller Kommunikation
zu thematisieren.
Für die gegenwärtige und zukünftige Arbeit ist das
bisherige Konzept der deutsch-polnischen Versöhnungsarbeit obsolet geworden.
Die Gründe dafür sind schon charakterisiert worden und liegen sowohl an den
weltpolitischen Veränderungen als auch an dem innergesellschaftlichen
Paradigmenwechsel.
Dennoch ist es nicht zwingend, den inhaltlichen
Kern der Ziele dieser langfristig angelegten Bewusstseinsarbeit und politischen
Perspektiven gleichermaßen aufzugeben und sich affirmativ bzw. opportunistisch
dem gewandelten „öffentlichen Bewusstsein“ anzupassen. Das Grundziel der
Widerständigkeit gegen als falsch oder gefährlich erkannte gesellschaftliche
Situationen und Veränderungen ist und bleibt die Basis einer nachhaltigen
Politischen Bildung.
Für unseren thematischen Zusammenhang ist es
wichtig, sich noch einmal die Mehrschichtigkeit der politischen und
gesellschaftlichen Zielvorstellungen in der Zeit des Aufbaus und der
Entwicklung der deutsch-polnischen Versöhnungsarbeit vor Augen zu führen.
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Die versteinerte politische Nachkriegssituation
sollte aufgebrochen und gestalterischem Einfluss geöffnet werden;
„Friedenspolitik“ war das zentrale Motiv dieser Aktivitäten.
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Das „Blockdenken“ in Feindbildern und
Stereotypen und die Fixierung von ideologischen Realitätsdeutungsreduktionen
sollte überwunden werden mit dem Ziel einer diskursiven, auf Annäherung und
Veränderung gerichteten Politik.
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Innergesellschaftlich sollte das Gewicht auf
Liberalisierung, Offenheit, Anti-Diskrimierung und kulturelle Öffnung gelegt
werden; die restaurative Struktur der Politischen Kultur galt es aufzubrechen.
Wenn wir davon ausgehen, dass die Kerne dieser
politischen Zielsetzungen durchaus aktuell und zukunftsweisend sind und dass
sich das gesellschaftliche Umfeld grundlegend gewandelt hat – dass also
politische Veränderung in neuen gesellschaftlichen Figurationen stattzufinden
hat –, sind die inhaltlichen Konkretisierungen neu zu überprüfen und die
veränderte Repräsentation von stereotypen Strukturen und verfestigten Elementen
der herrschenden Politischen Kultur wahrzunehmen und auf Parallelen zur
Situation der sechziger und siebziger Jahre hin abzuklopfen.
Es ist dabei sicherlich festzustellen, dass Polen
in Zeitgeschichte und Gegenwart nicht mehr die Brisanz aber auch nicht mehr die
exemplarische Bedeutung für eine kritische Überprüfung der eigenen Politischen
Kultur einnimmt oder einnehmen kann. Diese als positiv anerkannte Funktion ist
in hohem Maße erfüllt. Die institutionalisierte Polenarbeit der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft mit Reisen, Seminaren, Colloquien und
Publikationen hat weitgehend ihre Bedeutung verloren, da durch die Integration
des heutigen Polens nach Mitteleuropa durch Beitritt in die NATO und die EU,
sowie durch die Einbeziehung in die allgemeinen politisch-ökonomischen
Globalisierungs-Prozesse die deutsch-polnischen Alltagsbeziehungen einen Grad
an „Normalität“ gewonnen haben, der durch den Generationenwechsel in Polen
selbst nur unterstützt wird. Als erfreulich für das neue deutsch-polnische
Verhältnis festzustellen ist, dass Deutschland für Polen gegenüber dem Westen
sowie Polen für Deutschland gegenüber dem Osten eine Brücken- bzw.
Mittlerfunktion hat.
Die Beschäftigung mit Polen und Osteuropa trifft
dabei auf neue Problemfelder, die in neuer und geeigneter Weise thematisiert
werden müssen und die zumindest teilweise ihre Ursache in der nicht nur
westeuropäischen „Krisenbefindlichkeit“ haben. Die antiquierten anti-polnischen
Stereotype aus dem 19. Jahrhundert, die einerseits der älteren polnischen
Freiheitsgeschichte, andererseits der Blockideologie der Zeit nach dem Zweiten
Weltkrieg geschuldet sind und den Charakter von Feindbildern angenommen hatten,
werden durch die sozio-ökonomischen „Konkurrenz-Wahrnehmungen“ verdrängt oder
teilweise auch nur überlagert, die sich konkretisieren in Ängsten vor billiger
Arbeitskonkurrenz, Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Osteuropa und
Verdrängung „heimischer Produkte“ durch osteuropäische „Billigerzeugnisse“. Die
hoch emotionalisierte Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland über die
neue „Dienstleistungs-Richtlinie“ der EU ist ein geeignetes Beispiel, diesen
Realitätsbereich mehrdimensional und mehrschichtig zu untersuchen, um
differenziertere Diskurse anzustoßen.
Die Aufgabe der deutsch-polnischen
Versöhnungsarbeit wird daher zunehmend einfließen in eine kritische
sozio-ökonomische Perspektive der innereuropäischen Veränderungen im Rahmen der
aktuellen Globalisierungsprozesse. Hier sind ebenso aktuelle und brisante
Aufgaben und Auseinandersetzungen mit Vorurteilen und Stereotypen auf beiden
Seiten zu bewältigen, wie es die deutsch-polnischen Nachkriegsbeziehungen in den
sechziger und siebziger Jahren waren.
Vergleichbar mit der Problem-Situation zwischen
Ost und West in den 60er und 70er Jahren, sind heute die Widersprüche in
politischen Perspektiven und in der kulturellen Wahrnehmung von Europa im Sinne
der in der EU integrierten zentralen ökonomischen und politischen Mächte wie
auch Russland und auch Europa und der Türkei zu erkennen. Dabei stehen Russland
und die Türkei letztlich für die Integrationsbemühungen gegenüber
Transformationsländern in Europa und im Mittelmeergebiet, aber auch in globaler
Perspektive mit den Semiperipherie ganz allgemein als beispielhaft verstanden
werden können.
Die Konflikt-Struktur ist zwar konkret gesehen neu
und aktuell und repräsentiert sich in politischen Konflikten wie dem um den
EU-Beitritt der Türkei, aber auch der Diskussion darüber, wie nahe an die
Ukraine oder Russland die EU treten können. Dass auch hier wieder auf beiden
Seiten „Betonkopf-Fraktionen“ den Status quo erhalten wollen und
spezifisch Interessierte eine restriktive Abgrenzungspolitik in den Köpfen
der Menschen betreiben, zeigen die aktuellen und emotionalisierten
Auseinandersetzungen zum Beispiel in der Frage der Visa-Erteilung nach
dem „Vollmer-Erlass“ in Kiew, die ganz pauschal (und an den Realitäten gemessen
übertrieben) als eine „Einladung an Schlepper, Kriminelle, Prostituierte und
Schwarzarbeiter“ verstanden werden soll. Diese Gleichsetzungen zeigen
bereits den ideologisch-stereotypen Charakter dieser politischen Diskussion
– politisch bewertet wird, zeigt aber auch die offensichtliche strukturelle
Parallele zum Blockdenken zwischen Ost und West in den fünfziger und
sechziger Jahren, das zu Anlass und Motiv der deutsch-polnischen
Versöhnungsarbeit wurde. Hier wird deutlich, dass der Inhalt dieser Arbeit zwar
neue regionale und zeitgeschichtliche Konkretisierungen finden muss, dass aber
die kulturelle Dimension des Abbaus von Verfestigungen und Feindbildern im
Interesse der eigenen Politischen Kultur unvermindert aktuell geblieben ist
und als vordringliche Aufgabe der politischen Arbeit zu verstehen ist.
Auch hier sollten zunächst konkretistische
Zukunftsvorstellungen wie der EU-Beitritt keine entscheidende Rolle
spielen, die politisch-kulturell eher eine Integration hemmend wirken würden
und die eine falsche Diskursebene evozieren. Es geht auch hier wie damals um
»Mauern und Gräben« in den Köpfen.
Ziel und Organisation neuer vielleicht ebenso
institutionalisierbarer Kontakte mit Russland oder der Türkei sind daher
durchaus vergleichbar mit der deutsch-polnischen Annäherung der 80er Jahre. Auch
hier sollte ein Schwergewicht wieder auf die pädagogisch-didaktische Arbeit und
Auswertung gelegt werden. Die ostdeutschen, osteuropäischen und
südosteuropäischen Handlungsfelder und Perspektiven verlangen vordringlich
eine Entwicklung und Umsetzung von Vermittlungskonzepten für Schule, Hochschule
und öffentliche Bildungsarbeit.
Es bleiben bei der Entwicklung konkreter
Handlungsperspektiven eine Reihe von Problemfeldern noch unangesprochen und
unbeantwortet und sollten einer kritische Diskussion zugeführt werden.
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Die Zusammenführung bisheriger Arbeits- und
Organisationsschwerpunkte der deutsch-polnischen Versöhnungsarbeit mit den
neuen regionalen und politischen Arbeitsfeldern scheint sinnvoll und notwendig
zu sein. Es wäre verhängnisvoll, das was in den Deutsch-Polnischen
Gesellschaften an idealistischem Elan und konkreter politischer Arbeit, vor
allem aber auch an menschlichen Kontakten und Freundschaften vorhanden ist,
aufzugeben und durch neue Aktivitäten ersetzen zu wollen.
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Das Deutsch-Polnische Jugendwerk ist ebenso
weiter auszubauen wie die Deutsch-Polnische Kulturstiftung, konkrete Programme
der Denkmalpflege und der „Wissensarchäologie“ der gemeinsamen
deutsch-polnischen Geschichte im Rahmen Europas – wobei gerade auch der
Anteil der jüdischen Kultur
viel stärker herauszuarbeiten ist – sind weiterhin für die Politische Kultur
Mitteleuropas unverzichtbar und dürfen nicht aufgegeben werden. Die genannte
und geforderte Zusammenführung bedeutet letztlich die Forderung nach einer
kulturell, materiell und personell verbreiterten „Versöhnungsarbeit“.
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In diesen Zusammenhang sind erhebliche
innergesellschaftliche Probleme gegeben und Verhinderungsmechanismen
erkennbar. Materielle Initiativen im kulturellen und internationalen
Bereich sind trotz einiger positiver Beispiele von Mäzenatentum und
gemeinnützigen Stiftungsaktivitäten noch viel zu knapp ausgestattet und
werden von staatlicher Seite zunehmend ignoriert. Zudem werden dafür weniger
Steuergelder zur Verfügung gestellt. Dabei ist die Knappheit der
finanziellen Ressourcen an sich letztlich weniger hinderlich für kulturellen
Wandel als die zunehmende Dominanz ökonomistischen Denkens und der Subsumption
politischer Ziele unter ökonomisch definierten „Nutzen“-Überlegungen. Unsere
mitteleuropäische Kultur ist an einem grundsätzlichem Bruch angelangt, der
ihre Wert-Traditionen in Frage stellt, wenn politischer Erfolg nach den
Maßstäben eines shareholder values der Interessengruppen, Staaten und
Nationen gemessen wird. Dem ist grundsätzlich entgegenzusteuern, was wiederum
den Blick auf die pädagogisch-didaktische Perspektive und Umsetzung lenkt.
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Das bisherige Bild einer
institutionalisierten Professionalisierung der Arbeit im Bereich der
Reformen in der Politischen Kultur, zu denen die deutsch-polnische
Versöhnungsarbeit ebenso zählt wie andere neue Schwerpunkte zum Beispiel in
Hinblick auf die Beziehungen zu Osteuropa oder der Türkei, ist als Leitbild
und Ziel nicht mehr umzusetzen. Nahezu alle inhaltlich agierenden Vereine und
Verbände stehen heute vor der personellen und materiellen Auszehrung – wie
auch Gewerkschaften und politische Parteien. Die Lebenskonzepte der
Bevölkerung verschieben sich deutlich. Zwar ist das Aufrechterhalten stabiler
Organisationsformen auch heute noch wichtig als Hilfe bei Programm der
»Ehrenamtlichkeit«. Doch ersetzen sie nicht notwendige neue personale
Konzepte, Ehrenamtlichkeit anzusprechen. Durch Anbieten von
institutioneller Bindung und öffentlicher Akzeptanz ist dies nicht mehr
möglich.
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Die Bereitschaft ehrenamtliche Vorstandsarbeit
in Vereinigungen und Verbänden zu leisten oder gar die Perspektive,
Verbandsvorsitzender werden und zudem immer mehr belastende organisatorische
Arbeit zu leisten, ist eher abschreckend denn als positive Lebensperspektive
zu erfahren. Hinzu kommt, dass Vereinigungen, die auf eine kollektive
Zusammenarbeit ihrer Mitglieder angelegt sind, auf das gesellschaftliche
Miteinander – und dazu gehören gemeinsame Gesprächsabende, gemeinsame
Begegnungen mit kulturellem Hintergrund, das gemeinsame Essen – eines extrem
hohen organisatorischen Aufwands bedürfen. Insgesamt ist es dabei
unabdingbar, dass in Einzelpositionen abweichende Meinungen respektiert
werden, das Arbeiten in unterschiedlichen Betätigungsfeldern, die alle dem
gemeinsamen Ziel dienen, nicht nur toleriert werden, sondern als der
gemeinsamen Sinngebung entsprechend aus Überzeugung insgesamt angenommen
werden.
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Die Ansprache zur Ehrenamtlichkeit muss in
möglichst frühem Lebensalter über die Entwicklung intrinsischer Motivationen
erfolgen, nämlich der Freude daran, sich mit fremden Menschen, Kulturen und
Regionen auseinandersetzen zu können und dabei mehr über sich selbst zu
lernen, das heißt also: aktive Perspektiven zu gewinnen, um eigene
Lebenskonzepte entwickeln zu können. Damit ist wiederum die Bedeutung eines
Paradigmenwandels der politischen Bildung und der Ziele der Schulpädagogik
angesprochen, die durchaus konträr zu den aktuellen Konzepten der
Bildungspolitik, die wie das Kaninchen hypnotisiert auf die Schlange „PISA“
starrt, ausgerichtet sein muss.
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Letztlich ist es auch noch ein Desiderat, dass
sich die Gesellschaftswissenschaften verstärkt dieser Problematik annehmen
und weitaus deutlicher als im akademischen Selbstverständnis bisher üblich,
die „reine Lehre“ von der diskursiven „Didaktik“ zu integrieren suchen und dem
im Kulturbereich tätigen Praktiker und Pädagogen reflektierte Handreichungen
zur Verfügung stellen. Auf einer solchen sich klärenden intellektuellen Basis
können die zum Beispiel in der deutsch-polnischen Versöhnungsarbeit gewonnenen
persönlichen Kontakte, Verdichtungen der Kontakterfahrungen und die
mittelfristigen Strukturen der Verständigung zu einer gemeinsamen und ebenso
selbstbezüglichen Aufarbeitung der Geschichte von Trennung und Gemeinsamkeit
führen. Einige konkrete Wünsche an die zeitgeschichtliche Forschung sollen
unsere Überlegungen abschließen und offen für eine inhaltliche Weiterführung
halten:
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konkrete Veränderungen in den Gesellschaften
in Deutschland und in Polen in den 50er/60er/70er/80er/90er Jahren sollen
als Entwicklungsschritte und Phasen im gesamteuropäischen Paradigmenwandel
verstanden und regional verglichen werden;
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parallel dazu ist die Entwicklung auf
politischer Ebene (D/EWG/EG/EU; NATO – RGW/WPO) zu thematisieren und als
Figurationsproblem zu begreifen, zu definieren und erläuternd publik zu
machen;
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dabei sind Beispiele für die Verzahnung
ökonomisch-politischer und ethisch-politischer Interessen zu benennen und
auf ihre Wirksamkeit auf die Entwicklung der Politischen Kultur in Polen wie
in der Bundesrepublik Deutschland zu untersuchen.
Diese letzte Problemdiskussion führt in den
Bereich der politischen Philosophie, der gerade bei Kulturvergleichen eine
besondere Rolle spielt und bei der Vergrößerung der kulturellen Distanz, wie es
die Themen der heutigen Kulturkonflikte als Charakteristikum involvieren, zu
einer grundsätzlichen Reflektion über scheinbar „politikfreie“
ethisch-religiöse Beweggründe führen. Wie stark diese Ideologie der
Kulturkonflikte politisch brisant und wirksam werden, zeigt die derzeitige,
überaus unsachlich und emotional geführte Diskussion über den Islam, die ein
zentrales Motiv für neue Ansätze zum Beispiel einer „deutsch-türkischen
Versöhnungsarbeit“, wie wir sie fordern, sein wird.
Als Politiklehrer – um diese persönliche
Perspektive ans Ende zu stellen – ziehen wir daraus die Konsequenz, dass ein
grundsätzlicher Paradigmenwandel des Politik- (und Erdkunde- und Geschichts-)
Unterrichts zu fordern und auch durch die Politiklehrerschaft selbst zu
konzipieren und zu gestalten ist. Eine konkrete Möglichkeit ist es dabei,
entsprechend der Entwicklung von Schulpartnerschaften mit Polen und dem Angebot
von Polenreisen in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in den
siebziger und achtziger Jahren, heute entsprechende Programme mit den
osteuropäischen Ländern, mit Südosteuropa, der Türkei und – dort wo es politisch
möglich ist – mit den semiperipheren Regionen im östlichen und südlichen
Mittelmeer-Bereich, vor allem also hier mit Ländern der Islamischen Welt, zu
entwickeln und in die Schulpraxis zu überführen, wohl wissend, dass die
Bedenken und Widerstände nicht kleiner sein werden, als sie es bei den ersten
tastenden Versuchen der Deutsch-Polnischen Versöhnungsarbeit gewesen sind.
Es liegt nahe, von einem »Ende des Idealismus« zu
sprechen. Gemeint ist in diesen Zusammenhang, dass die bisherige Tätigkeit,
die aus moralischem ideenorientierten Handeln bestand, aus verschiedenen
Gründen an Bedeutung verlor und der »Idealismus« seine handlungsleitenden
Funktionen einbüßte.
Der Prozess einer verstärkt einsetzenden
Orientierung in Richtung Deutschland verlief in Polen ab 1990 zunächst recht
euphorisch. Es wurden in mehreren Städten Polnisch-Deutsche Gesellschaften
gegründet; in Warschau zwei und in Posen sogar drei nebeneinander. Bald gab es
aber nur noch jeweils eine mit gesunkener Mitgliederzahl, da sich kaum konkrete
Handlungsfelder herausgebildet hatten und zunächst entstandene Rivalitäten in
den Hintergrund getreten waren.
In Warschau wurde eine Dachgesellschaft, der
Dachverband Polnisch-Deutscher Gesellschaften gegründet, die sehr gut mit der
deutschen Dachgesellschaft, dem Bundesverband Deutsch-Polnischer Gesellschaften
zusammenarbeitete. Der Bekanntheitsgrad und ihre Einflussmöglichkeiten sind
nicht sehr erheblich. Die Rivalitäten innerhalb der Gesellschaften nahmen bald
nach den Gründungen zu. Sie entsprachen in gewisser Weise den
innergesellschaftlichen Machtkämpfen, die sich z.B. in der Dynamik von
Gründung und Zerfall politischer Gruppen und Parteien zeigten. Insbesondere am
Anfang war es für manche Journalisten und Wissenschaftler interessant, sich aus
beruflichen Gründen einer Polnisch-Deutschen Gesellschaft anzuschließen, oftmals
aber ohne sich dort besonders zu engagieren.
In Polen wie in Deutschland gibt es zweifellos
zunehmend das Problem der Bewusstwerdung der real sinkenden politischen und
gesellschaftlichen Bedeutung.
Es ist nicht gelungen, aufmerksamkeitsrelevante
Themenfelder in der deutschen wie der polnischen Gesellschaft zu besetzen und
z.B. in den Medien zu präsentieren. Das spiegelt die Tatsache wieder, dass die
emotional wie politisch brisanten Konflikte zwischen Polen und Deutschland aus
dem Erlebnis der Zeitgeschichte seit den neunziger Jahren in der politischen
Kultur zurückgeblieben sind gegenüber allgemeinen europäischen und
ökonomischen Orientierungen.
Die Deutsch-Polnischen Gesellschaften böten sich
zu einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung an, um bestimmte
gruppendynamische Prozesse beim Zerfall der Außenwirksamkeit ursprünglich
vertretene ethisch-politischer Zielsetzungen genau zu untersuchen.
Dies kann in diesem Rahmen nicht erfolgen, obwohl
der Bericht über den realen Bedeutungsverlust der institutionalisierten
„Deutsch-Polnischen Versöhnungsarbeit“ erst dadurch eine erhöhte
Plausibilität erhält.
Wenn z.B. kontroverse Auffassungen, die das
Gemeinsame an sich befruchten, nicht mehr zusammengeführt werden können und
nicht integriert werden können, so dass sich beide verstanden und eingebunden
fühlen, setzt die nicht mehr umkehrbare Erosion an den Rändern ein. Es erfolgt
der vielfache Austritt.
Gerade wenn man die Vielfalt der persönlichen
Verletzungen der über Jahrzehnte aktiven Mitglieder gegenüber den als
schädlich und widersinnig erlebten persönlichen Konflikten berücksichtigt, wird
deutlich, dass sich die überkommenen Organisations- und Handlungsmuster
überlebt haben und eine gesellschaftliche Neubestimmung der Themen der
Deutsch-Polnischen Beziehungen notwendig sind. Dazu sollen die Folgen einiger
Perspektiven aufgezeigt werden.
Für an gesellschaftlicher Bedeutung und
Aufmerksamkeit verlierende Institutionen, wie die Deutsch-Polnischen
Gesellschaften, ist es eine reale und z.T. eingetretene Gefahr, zur
„Spielwiese“ persönlicher Ranküne und Eitelkeiten einiger Mitglieder zu werden,
denen der Problemdruck gemeinsam zu bewältigender Aufgaben und die soziale
Kontrolle durch die Öffentlichkeit nicht mehr entgegensteht. Kompetente und
sachorientierte Mitglieder werden dabei zunehmend an den Rand gedrückt, ein
Prozess, der generell in eigentlich allen politischen Vereinen und Verbänden
aber auch in Parteiorganisationen und Gewerkschaften zu beobachten ist.
Wenn in Vereinigungen die eigentlichen und zudem
ethisch dominanten Ziele verschwinden, sie dadurch an Wert verlieren, sich
devaluieren, nehmen gruppendynamische Prozesse zu, die den Charakter von
Prestige-Kämpfen annehmen, in denen dann der Zwang zur Loyalität abhanden
gekommen ist.
Was bedeutet „Zerstörung“? Zweifellos die des
„Bestehenden“! Dazu gehört die „gewachsene“ Struktur, d.h. das in mühevoller und
engagierter vielfältiger Kleinarbeit aufgebaute geschlossene Geflecht von
Einzelleistungen, das zu einem geistigen Gebilde menschlichen Vertrauens
geworden ist. Es sind die menschlichen Beziehungen gegenseitigen Vertrauens,
die zerschnitten worden sind. Zu Engagement bereiten, gewillten und befähigten
Menschen werden vor den Kopf gestoßen. Sie werden durch aggressives, gar
primitives Verhalten vergrault. Diese Menschen sind nicht mehr bereit,
großsprecherisches Gehabe, blinden Aktionismus – letztlich auch als Ausdruck von
Inkompetenz – zu ertragen. „Das tue ich mir nicht mehr an!“ so der mehrfache
gehörte Ausspruch. Die auf diese Weise erzeugten Gefühle äußern sich nicht mehr
sichtbar im „Wegbleiben“, im „Schweigen“ und im „Austritt!“
Sind die Wirkenden Idealisten? Der
»Idealismus-Begriff« ist sicherlich unspezifisch und definitionsabhängig. Diese
Frage kann nicht generell verneint werden. Die abnehmende Bedeutungsrelevanz
vergleichbarer Vereinigungen ist kollektiv wie individuell zu konstatieren.
In Deutschland haben Verantwortungsgefühl,
Bewältigungswunsch und Neugierverhalten gegenüber Polen abgenommen. Zugleich
ergab sich zunehmend die Gefahr der Instrumentalisierung durch zunächst
randständige Personen a) wegen beruflicher Interessen und Belastungen oder b)
einer „Imageorientierung“ von Menschen, die Gelegenheiten suchen, sich zu
exponieren. Es ist nicht auszuschließen, dass subjektiv-egoistische Motive eine
Rolle spielen und dass Einzelpersonen dadurch ihre Komplexe, Unzulänglichkeiten
und eigenen Fehleinschätzungen zu kompensieren trachteten.
Zu Divergenzen tendierende gruppendynamische
Prozesse sind generell und damit in allen Organisationen zu beobachten.
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Biographische
Dimensionen des Generationswechsels
Die Umsetzung in der
deutsch-polnischen Annäherung
Die heutige
Situation – Bestimmt durch Prozesse der Herrschaftsstabilisierung
Perspektiven neuer
Aufgaben und politischer Schwerpunkte
Neue Problemfelder in
Hinblick auf die Beziehungen zu Osteuropa
Neue regionale Aufgaben
Ergänzende
Perspektiven und Problemfelder
Das Ende des Idealismus
Anmerkungen
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