Lothar Nettelmann:
Die Ereignisse in Polen im Sommer
1980
Welche Ursachen und Hintergründe
haben sie
Fünfundzwanzig Jahre ist es her, als Menschen aus der
ganzen Welt – und in besonderem Maße wir Deutsche – auf Polen blickten. Dort war
es vor allem eine Person: der unbekannte Elektriker auf der Lenin-Werft in
Danzig, Lech Wałęsa.
Kaum jemand konnte seinen Namen richtig aussprechen. Viele
Leute in Westeuropa merkten erst jetzt, dass die Polen eine eigene Sprache haben
mit eigenen Lauten und nicht nur die berühmten Zischlaute. Vorher war Polen für
die meisten Menschen, die nicht von dort kamen oder die nie zuvor in diesem
schönen Land gewesen waren, eine weiße Landkarte ohne Geschichte. Und kaum
jemand hatte sich für die Menschen dort interessiert. Es ist leider so. Polen
war für die meisten Deutschen ein „Nichts“ bezüglich seiner Geschichte, seines
Raumes und seiner Menschen.
Dabei gibt es in den in allen Weltsprachen erschienenen
bzw. in diese übersetzten Büchern vieles Interessante zu lesen. Es sind auch die
Bilder, die als Stereotype in die Vorstellungen der Deutschen Eingang gefunden
haben: „Die schöne Polin,“ so Heinrich Heine, „mit der man wohl
ausgehen darf, die man aber tunlichst nicht heiraten solle.“ Die Franzosen
besingen gar den schönen Popo der Polin „Madame promène son cul sur les
remparts de Varsovie...“. Dies über die lustige Seite der Medaille. Daneben
gibt es die unschönen – beiderseitigen – z.T. sehr bösartigen Stereotype, aber
die sind jetzt nicht das Thema.
Auf der anderen Seite war für uns Deutsche Polen mit
„gefühlter Eiseskälte“ verbunden. Man ordnete es kurz vor dem russischen Bären
ein, dessen Pranken als „Warschauer Pakt“ gleich hinter Helmstedt lagen.
Und nun dieser Theaterdonner in Danzig, der sich in
Wirklichkeit als der Beginn eines Erdbebens herausstellte, das nicht nur Europa
sondern die ganze Welt erschüttern sollte. Das größte bisher da gewesene
Machtimperium brach in seiner Folge zusammen, es implodierte.
Jetzt waren die Medien, die Zeitungs- und Fernsehreporter
vor Ort. Alle Welt kannte plötzlich das Gesicht und den Namen des ‚kleinen‛
Elektrikers, den man später in Polen den ‚großen‛ nannte, allerdings nur
ironisch.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten sich dem Thema zu
nähern. Man kann den Ablauf der Ereignisse nachzeichnen, die Geschichte der
Solidarność von ihrer Gründung am 1. September 1980 bis zu ihrer Suspendierung
durch Ausrufung des Kriegszustands am 13. Dezember 1981 durch General
Jaruzelski.
Der Kriegszustand ist ein düsteres Kapitel für sich. Es
folgte die verlorene Zeit der Agonie bis 1989. Dann der Sieg der Solidarność
durch die Machtübernahme von den Kommunisten mit der Wahl von Tadeusz Mazowiecki
als ersten frei gewählten Ministerpräsidenten (nach der kurzen Episode ab 1919,
die dann in die autoritäre Herrschaft Piłsudskis mündete). Dann die Spaltung und
der Zerfall dieser Gewerkschaft, die zu den berühmten unserer Zeit gehört, gar
der Missbrauch ihres Namens für Geschäftemacher. Aber soweit sind wir noch
nicht. Alles sind für sich abendfüllende Themen oder gut für Wochenendseminare
geeignet.
Ich möchte mich der Frage widmen, warum dieses alles
geschah und dabei die in meinen Augen wichtigen Gedanken aufnehmen.
Dazu werde ich einen Ansatz wählen, der in der Wissenschaft
als Gesellschaftsgeschichte oder Historische Soziologie
eingeordnet wird. Er bezieht sich wesentlich auf das Verhalten von Menschen in
ihrer Lebenswelt und die in ihrem Bezug zu zurückliegende Zeiten. Dieser Ansatz
ist verbunden mit der Weltsystemtheorie, die u. a. am Historischen
Seminar der Uni Hannover gelehrt wird. Mein Ansatz basiert auf der Theorie des
in Breslau geborenen Norbert Elias, die bei den Sozialwissenschaftlern in hohem
Ansehen steht. Die Theorie ist von Elias in den dreißiger Jahren entwickelt
worden und hat ihre Bestätigung und Verbreitung vor allem seit den achtziger
Jahren gefunden. Ich werde aber nicht zuviel theoretisieren.
Zur Erklärung der weltgeschichtlich bedeutenden Phänomene
des Jahres 1980 muss man als eine wesentliche Voraussetzung die historische
Dimension sehen. Konkret heißt das: man muss die Geschichte der Polnischen
Nation betrachten. Dieses ist verbunden mit folgenden Gedanken:
-
der Besonderheiten in der Geschichte der Polnischen
Nation;
-
der Frage: was bedeutet eigentlich die Polnische Nation?
-
was charakterisiert ihr Handeln und
-
welches Handeln der Polnischen Nation ist in der
Gegenwart gesellschaftspolitisch von Bedeutung?
Die Grundlagen liegen in ihren Wurzeln wesentlich begründet
ca. 300 bis 400 Jahre zurück, sie reichen bis zur Renaissance-Zeit.
Die Polnische Nation ist nicht nach dem Muster des
französischen oder deutschen Nationsbegriffes beschreibbar. Sie wird wesentlich
bestimmt über den Adel (die Szlachta) in ihrer Abstufung von den Magnaten bis
zum (verarmten) Kleinadel. Zu ihr zählen sich bis zu 15 Prozent oder mehr der
Bevölkerung. Der Adel hatte auf der Basis von Landbesitz in der Geschichte
eigene Machtfülle. Man hat die eigene Verfügungsgewalt nicht von der Macht des
Königs abgeleitet. Dieser wurde von allen wahlberechtigten Adligen als einer
ihresgleichen gewählt. [Wahlberechtigt war im 18. Jahrhundert ein höherer Anteil
der Bevölkerung als in England.] Symbol war, dass es keine Titel gab. Die Anrede
war Herr (pln.: pan). Es gab keinen vom Kaiser ernannten Fürsten
oder Baron.
Man tat das, was man für opportun, richtig oder
durchsetzbar hielt. Man verbündete sich mit anderen gegen Dritte, ggf. auch
gegen den König. Dieses wurde nicht als ehrenrührig angesehen. Man bildete
deshalb auch kein Loyalitätsbewusstsein gegenüber dem König oder anderen
Nationsangehörigen heraus. Von Bedeutung ist das „Liberum Veto“, in dem einem
Einzelnen zugestanden wurde – auch zum Nachteil aller anderen – einen Beschluss
zu verhindern.
Die negative Konsequenz war: Man hat niemals einen
funktionierenden Staat aufgebaut. Die Bildung dessen wurde im Gegenteil
verhindert. Die Wesenselemente eines Staates, das Steuermonopol und das
Gewaltmonopol (d.h. die Verfügung über das Militär und die Polizei) wurde dem
König bzw. der Rzeczpospolita Polska versagt. Anders ausgedrückt: Man akzeptiert
in der polnischen Gesellschaft keinen Staat und seine Organe (Polizei,
Verwaltung). Im Gegenteil: Man reproduziert eine grundsätzliche Abwehrhaltung.
Dieses Verhalten prägt das Freiheitsbewusstsein, damit auch
die Haltung zur Demokratie. Man kann sagen: bis heute!
Die nachteiligen Folgen sind: Die Adelsrepublik, die
Rzeczpospolita Polska war im 18. Jahrhundert so schwach, dass sie praktisch
ohne Gegenwehr von den Nachbarn, von Russland, Preußen und Österreich
einverleibt wurde. Die Teilungszeit dauerte fast 125 Jahre bis 1919.
Aber – und das ist ebenfalls charakteristisch: Die
Polnische Nation hat sich immer gewehrt. Die Menschen haben für die Existenz
ihrer Nation gekämpft – und das immerwährend. Wesentlich bei dieser polnischen
Widerstandsgeschichte ist, dass die Aufstände als moralisch hoch bewertet
werden. Es gibt deshalb in der Nation die innere Pflicht, am Kampf um den Erhalt
der Nation teilzunehmen, also am Kampf gegen die fremde Nation: den
Fremdherrscher, den Okkupanten, denjenigen, der die Freiheit und Unabhängigkeit
geraubt hat, der die Nation beherrscht, unterdrückt oder gar in ihrer Existenz
bedroht.
Zuerst richtete es sich gegen die Russen: Man denke an die
Aufstände 1794 (Kośćiuszko), 1830 (November), 1861 (Januar). In diesem
Zusammenhang ist auch die letztlich wirkungslos erfolgte opfervolle Beteiligung
polnischer Soldaten in den Napoleonischen Kriegszügen zu sehen.
Gegen die Preußen (Germanisierungspolitik) entwickelte man
intelligente Widerstandsformen (Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft – Radcziński
und Cegielski in Posen!). Alle Aufstände – bis hin zu 1944 (Warschau) [im
Ghetto-Aufstand im April 1943 wehrten sich die Juden erbittert] waren von
vornherein militärisch aussichtslos – aber nicht sinnlos! Es ist dabei
unerheblich und nachrangig, dass sie im Grunde genommen sämtlich von vornherein
zum Scheitern verurteilt waren. Die Aufständischen waren machtpolitisch
chancenlos. Aber, die Erhebungen waren nicht widersinnig sondern für den
Erhalt und damit die Existenz der Nation notwendig. Und darin lag ihre
Sinngebung. Sie waren für das Selbstbewusstsein der Menschen tragend.
Dazu zwei Aspekte, die jetzt nicht ausgeführt werden
können:
-
Die besonders tragende Rolle der katholischen Kirche,
die sozusagen ideologisch die Existenz der Nation verkörpert: „Pole gleich
Katholik“; das bedeutet, dass die Zugehörigkeit zur Polnischen Nation über
den römisch-katholischen Glauben definiert wurde. Diese besondere Rolle hat
die Kirche – vor allem getragen von niederen Klerus – in der Zeit der
Teilungen, der Okkupation und der sowjetischen Machtdominanz von 1945 bis
Gorbatschow innegehabt.
-
Die
besondere Rolle der Frau in Polen ist wesentlich eine Folge des
politischen Niedergangs am Ende des 18. Jahrhunderts. Dieser stellte
innerhalb der polnischen Gesellschaft eine Machtverringerung der Männer dar
und erhöhte dadurch gleichzeitig die Macht der Frauen (in der Familie). Die
Männer waren nach und nach ihrer wesentlichen Machtquellen beraubt worden, was
auch zur Verringerung ihrer psychischen Macht führte. Hierin hat die
Entwicklung des Matriarchats in der polnischen Gesellschaft seine Ursache.
Man denke in diesem Zusammenhang an die so bedeutende Rolle von Frauen im
Widerstand während der Okkupationszeit und ebenfalls an den hohen Anteil in
den Auseinandersetzungen von 1980, die als Ereignisse von Danzig in die
Geschichte eingegangen sind.
Die in direktem Zusammenhang zu den Ereignissen von 1980
stehenden Ursachen sind zeitgeschichtlich einzuordnen. Sie liegen in der
gesamten Nachkriegsgeschichte begründet, die mit dem Einfluss der sowjetischen
Herrschaft in Osteuropa verbunden ist. Dabei ist es nicht unerheblich, dass es
auch eine gewisse nach Gründung der VR Polen anwachsende Akzeptanz im neuen
System gab.
Man kann nicht die gesamte Nachkriegsgeschichte aufrollen;
aber die wichtigsten Aspekte müssen genannt werden:
-
Im Bewusstsein der Bevölkerung war die UdSSR durchaus der
Befreier von der schlimmsten Besatzung des II. WK, die bekanntlich sechs
Millionen polnischen Staatsbürgern das Leben gekostet hat, darunter drei
Millionen Juden.
-
Dieses wurde permanent in den Schulen gelehrt und in den
Medien vorgestellt und reproduziert (z.B. durch die Pfadfinderserie vom
„Panzer und dem Hund“).
-
Mit Hilfe der UdSSR wurde die Industrie aufgebaut und
dieses war sichtbar, z.B. in Nowa Huta.
Dass man den Aufbau bewerkstelligte auf der Basis der
immensen Anstrengungen der Zwischenkriegszeit (Stalowa wola, Gdynia) sowie den
nach 1945 aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten übernommenen (Schlesien,
Stettin) wurde „vergessen“. Alle Betriebe in Polen wurden während der Okkupation
in die deutsche Rüstungsindustrie einbezogen – mit deutschen Besitzern!
Als positiv wurde in der VR Polen erfahren:
-
die Lebenssicherheit, die Ordnungssicherheit;
-
der Aufbau eines gebührenfreien Bildungs- und
Ausbildungssystems;
-
und: man sah durchaus den Aufbau in den 50er und 60er
Jahren.
Die Folge war: Man fügte sich in das Unabwendbare, das
nicht Beeinflussbare, man arrangierte sich so gut es ging. Man arbeitete, tat
das Verlangte – mehr oder weniger gut; mehr oder weniger willig. Man hoffte auf
bessere Zeiten, die einzutreten, damals eher unwahrscheinlich schienen. Man
entwickelte deshalb spezifische Formen des Überlebens. Man war findig im
Improvisieren und Entdecken neuer Verhaltenstechniken. Dass dabei die
Überlebenstechniken der Nation, die diese – man kann sagen Jahrhunderte lang
eingeübt und praktiziert hatte – von Nutzen waren und zur Anwendung kamen, sei
ausdrücklich erwähnt.
Dass diese Wahrnehmungen der Bevölkerung z.T.
propagandistisch initiiert worden sind und man Vergleichsmöglichkeiten wegen der
nahezu totalen Abschottung nicht hatte, ist in diesem Zusammenhang nachrangig.
Der vergleichende und vor allem unabhängige Blick war nicht vorhanden. Die
freie Gestaltung des Lebens, die politische Unabhängigkeit war nicht gegeben.
Und dieses alles rächte sich 1980. Man nahm aber vorher schon nicht alles
widerspruchslos hin – im Gegenteil!
Es hat nicht nur den 17. Juni 1953 der DDR gegeben, wo die
Arbeiter durch Streiks und Demonstrationen ihre Rechte von den herrschenden
Kommunisten einforderten. Die brutale Niederschlagung durch sowjetische Panzer
und die darauf folgende stalinistische Verfolgungswelle der DDR-Justiz sind
bekannt.
Der stalinistische Terror war in Polen nicht so brutal, wie
in den anderen damaligen Ostblockstaaten. Es gab in Polen keine vollstreckten
Todesurteile aus politischen Gründen.
Es hat in Polen im Juni 1956 den Posener
Arbeiter-Aufstand gegeben. Hier sind qualifizierte Mitarbeiter eines
erfolgreichen Industrieunternehmens mit Tradition (Cegielski) auf die Straße
gegangen mit Unterstützung nahezu der gesamten Bevölkerung der Stadt. Es hat
mehrere hundert Tote gegeben als der Demonstrationszug für bessere Bezahlung und
Versorgung von der Polizei zusammengeschossen wurde. Erst dadurch wurde er
nachträglich – zu Recht (!) – zum Posener Arbeiter-Aufstand.
Die kommunistischen Staaten haben über speziell
ausgerüstete Polizeitruppen verfügt, die besser bezahlt und versorgt wurden als
die übrigen Werktätigen. Sie rekrutierten sich weitgehend aus einer
randständigen Stadtbevölkerung.
Im Spätsommer/Frühherbst 1956 gab es dann den Aufstand in
Ungarn mit Tausenden von Opfern beim brutalen Niederschlagen durch die
Sowjetische Armee, die in ein Land einmarschierte, aus dem sie sich zuvor
zurückgezogen hatte und das seine Unabhängigkeit gegenüber der UdSSR erklärt
hatte.
Es hatte in Polen im Herbst ’56 ebenfalls Unruhen gegeben;
man befürchtete ein „zweites Ungarn“. Dieses wollte Chrustschow aber
offensichtlich nicht riskieren. Von polnischen Historikern habe ich (die nicht
belegte) Information erhalten, dass die Chinesen (Mao) den Russen für diesen
Fall militärisch gedroht haben sollen.
Dies alles ist ein geopolitischer Rahmen, aber man muss ihn
vor Augen haben als Ausdruck rücksichtsloser militärischer Gewaltausübung. Und
dessen war man sich in Polen im Sommer 1980 bewusst. Die damals vorliegende
„Manöverlage“ der WPO-Truppen einschließlich der Landungsoperationen sei in
diesem Zusammenhang erwähnt. Die systematischen Drohungen mit Gewaltakten waren
gegenwärtig.
Der Kampf ging weiter. In den 60er Jahren gab es an den
Universitäten Unruhen; d.h. nicht nur in den USA und Westeuropa, sondern auch
massiv in Warschau! Hier wurden die Studentenunruhen von der Polizei
niedergeknüppelt. Studenten wurden relegiert und auch Dozenten von den
Universitäten entfernt. Es war die Zeit, in der viele Intellektuelle, die bis
dato dem sozialistischen System verbunden waren bzw. der marxistischen Lehre
anhingen, zumindest dieser positiv verbunden waren, sich nach und nach
abwandten. Sie hatten Fehler, Irrtümer und Irrwege erkannt: Dazu gehören z.B.
Geremek, Kuron und Michnik, Holzer und viel andere. Aus diesem Kreis kamen
später viele Intellektuelle der Solidarność-Bewegung. Geistige Väter wie der
Philosoph Leszek Kołakowski oder der Soziologe Zygmunt Baumann waren nach
England gegangen. Mit diesen und anderen Emigranten (Kultura in Paris) stand man
in gutem Kontakt, d.h. irregulär, illegal oder als Ausdruck von
Untergrundarbeit. In dieser Zeit bildete sich ein zweites inoffizielles
informatives und zugleich hoch effizientes Bildungssystem heraus. Ein
überzeugter Trotzkist, der mehrfach aus politischen Gründen in Gefängnissen
gesessen hatte, scharte in einem Café in der Krakowskie Przedmeiście Studenten
um sich. Auch dieses war in Warschau möglich. Diese „zweite Ebene“ der Bildung
führte eine Tradition aus der Zeit der Fremdherrschaft und Okkupation fort.
Die Einleitung dessen, was dann im Sommer 1980 kumulierte,
erfolgte in dieser Phase – dieses aber allein auf der Ebene der Intellektuellen.
Die Arbeiter (Werktätigen) standen 1968 abseits.
Zwei Jahre später, im Spätherbst 1970 gab es dann die
Arbeitsniederlegungen in den Werften. Die Polizei schoss auf die Arbeiter, die
zur Frühschicht über die Eisenbahnbrücke in Gdynia gingen. Die gesamte Tragik,
die Legendenbildung sei jetzt aber ausgeblendet.
1956 waren die an Moskau orientierten Kommunisten durch den
Nationalkommunisten Gomułka ersetzt worden. Er versprach eine Verbesserung der
Lebensbedingungen und mehr Freiheit. Nach einem halben Jahr wurden die
Lockerungen wieder zurückgenommen als die Kommunisten wieder fest im Sattel
saßen.
Im Dezember 1970 kam Gierek an die Macht als technokratisch
orientierter Reformer. Wenige Tage zuvor, am 7. Dezember 1970, war der
Warschauer Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik
Polen abgeschlossen worden, der noch von seiner Vorgänger-Regierung
ausgehandelt worden war. Auf diesen Vertrag richtete sich die Hoffnung vieler
Menschen in Deutschland und Polen.
Gierek verkündete das Ziel, die Wirtschaft reformieren und
modernisieren zu wollen. Dies sollte mit westlicher Hilfe geschehen. Er bat um
Vertrauen. Die Bevölkerung glaubte ihm bis auf Weiteres. Die Arbeiter und die
Intellektuellen hielten still, zumal sich die Lebenssituation der
Durchschnittsbevölkerung deutlich verbesserte. Es gab eine positiv erfahrbare
Entwicklung bis 1975; dann begann der Rückschlag.
Man gab zwar vor, weiterhin wirtschaftliche Erfolge zu
haben. Diese beruhten aber wesentlich auf der Basis westlicher Kredite und der
Propaganda, verbunden mit der Verschleierung realer Daten. Die Investitionen
waren zwar vorhanden, man hatte aber auf die Schwerindustrie gesetzt und diese
geriet in den Sog der weltweiten Stahlkrise. Dazu muss man feststellen, dass ca.
ein Drittel der Kredite für den Import von Konsumgütern verwendet worden waren
und ebenfalls ca. Drittel flossen in die Korruption – so sagt man.
Die Gierek-Regierung versuchte gegenzusteuern, hatte aber
Bedürfnisse geweckt – und zwar in jeder Hinsicht! Die Folge: Arbeiter der
Stahl-Industrie streikten 1976. Die sog. Rädelsführer wurden entlassen. Viel
kamen in Gefängnisse, aber nicht lange! So schwach war der kommunistische Staat
bereits geworden, dass er seine Gegner nicht mehr wirksam einschüchtern konnte.
Sie ließen sich nicht mehr beeindrucken. Sie sahen ihre Chance für gravierende
Veränderungen heranreifen. Wissenschaftler, Juristen und Journalisten sahen die
Zeit gekommen: Sie bildeten Geheimorganisationen (KOR) und schulten
Betriebsangehörige und entlassene Arbeiter zur Vorbereitung des Tages ‚X‛.
Aus diesem Kreis kamen
die späteren „Berater“ und ab 1989/90 die Politiker und Wirtschaftler.
Auf die vielfältigen Probleme der Landwirtschaft, die
Unterversorgung mit Konsumgütern (die wesentlich ein Verteilungsproblem war),
die mangelnde Qualität der Waren, die Wohnungsnot dieser schnell wachsenden
Bevölkerung als Ursache bzw. auslösendes Element soll nicht näher eingegangen
werden. Ein Aspekt erscheint aber besonders wichtig:
Die Reformpolitik Giereks hatte zur Folge; dass immer mehr
westliche Ausländer ins Land kamen: Firmenvertreter und Touristen, darunter
viele Heimatbesucher. Umgekehrt reisten die Polen ins westliche Ausland:
Experten, Touristen, Studenten und gegen Ende der 70er Jahre immer mehr
Privatleute „ohne Arbeitserlaubnis“. Sie alle hatten die Forderungen deutscher
Politiker nach Reiseerleichterungen in die Tat umgesetzt. Alle brachten etwas
nach Hause mit: Devisen, hochwertige (z.T. gebrauchte) Güter und vor allem
mündliche und schriftliche Informationen.
Man mag darüber streiten, welches der Hauptgrund für das
Scheitern des Gierek’schen System des Reformsozialismus in Polen war. Der
Reformsozialismus selbst ist übrigens nie mehr erforscht worden, er wurde
einfach „vergessen“. Zu den Gründen des Scheiterns gehören:
-
die Freiheitsaspekte des Reisens, das Lesen, Schreiben
und Diskutieren – die Polen haben sie nie einschüchtern lassen;
-
die Kreditfalle [die nicht mehr zahlbaren Zinsen wurden
ab 1976/77 auf die Kreditsumme aufgeschlagen], die dann Ende 1979 eingestanden
werden musste. Sie war zuvor im Untergrund von Experten auf der Basis
geheimer Daten veröffentlicht worden [die DiP-Studie];
-
die sich ab 1979 extrem verschlechternde Versorgungslage
– in jeder Hinsicht
-
und insgesamt die Strukturdefizite und Fehler des
Sozialistischen Systems.
Die Folge war auf jeden Fall die umfassende Krise [besser
wäre der kapitalistische Ausdruck: schwerwiegende Depression]. Sie
schloss die totale psychische Krise in der Gesellschaft ein. Niemand glaubte
mehr der Regierung, der Partei, dem Staat. Das System war wirklich am Ende. In
dieser Phase begannen im Frühsommer 1980 die ersten Streiks. Die ersten Anlässe
mögen sich spontan ergeben haben; insgesamt war die Streikbewegung aber perfekt
vorbereitet worden.
So schwach war die Regierung, dass man alle gestellten
Forderungen erfüllte: Wiedereinstellung von Lech Wałęsa und Frau Walentynowicz.
[Ich habe sie nicht interviewen können, sie schimpfte 1992 gegenüber den
studentischen Interviewern die ihr die Fragebogen vorlegten, nur noch auf die
Geschäftemacher aus der ehemaligen Solidarność und besonders auf ihren früheren
Mitstreiter Lech Wałęsa, der nahezu den gesamten Ruhm auf sich vereinigte.]
Weiterhin versprach man im Sommer 1980 Lohnerhöhungen und eine bessere
Versorgung mit Lebensmitteln und Wohnungen. Als die Belegschaften der übrigen
Betriebe dieses erfuhren, erhoben sie die gleichen Forderungen und begannen
ebenfalls zu streiken. Wie ein Flächenbrand entwickelte sich die Streikbewegung
im Sommer 1980 – zuerst langsam dann immer schneller. Sie erfasste das ganze
Land und alle Branchen. Im August 1980 hatte sie den Höhepunkt erreicht. Die
Streiks verliefen allesamt sehr diszipliniert; notwendige Arbeiten wurden
erledigt und Dienstleistungen erbracht.
Es ist jetzt interessant zu fragen, welche Antworten die
Arbeiter selbst auf die Frage nach dem „Warum“ gegeben haben.
Hierbei richtet sich die Fragestellung:
-
auf historische Zusammenhänge, genauer: auf das ggf.
anzuwendende historische Wissen,
-
auf Vorbilder,
-
den Bezug zur Kirche und zum Glauben,
-
zum Ausland (Ost wie West),
-
und auf die damals aktuelle Situation.
Die Antworten wurden systematisch ausgewertet.
Interessanter Weise gab es viele Zusatzbemerkungen, die separat ausgewertet
worden sind.
Weiterhin wurden Einzelpersonen von mir befragt. Dazu
gehörten (ehem.) Aktivisten der Solidarność, Personen, die damals politisch auf
der Seite der Partei [PVAP/PZPR] gestanden haben, dann Personen, die als neutral
einzustufen waren, aber der Bewegung verbunden waren, mit mehr oder weniger
Distanz.
Alle Befragten bekamen den gleichen Fragenkatalog
vorgelegt. Auf Grund der längeren Zeitspanne der Befragung ergaben sich
individuelle Ergänzungen. Die Fragen wurden individuell unterschiedlich
aufgenommen.
Vor allem zu Beginn (1991) verliefen die Befragungen
problemlos und ergiebig. Später nahm die Neigung, klare und deutliche Antworten
zu geben ab. Inzwischen bekleideten einige der Befragten hohe Ämter. Als sehr
unschön und enttäuschend empfand ich es, dass Bielecki nach mehrfachen Zusagen
sich ohne Absage weigerte; er wollte sich nicht mehr offenbaren. Er „kniff“
einfach. Man kann daraus schließen, dass das Interesse an einer Aufarbeitung
dieser Weichenstellung in der Geschichte Polens von einigen Personen nicht so
sehr erwünscht war.
Ein in den westlichen Medien damals stark in den
Vordergrund gerückter Aspekt – alles was mit der Religion, dem Glauben und der
Kirche zusammenhängt – hatte eine geringere Bedeutung als im Westen vermutet.
Bei einem Mittelwert [MW: 2.06] in der Skala von 1 (zutreffend) bis 5 (nicht
zutreffend) in den schriftlichen Befragungen der ehemaligen Werftarbeiter ist
z.B. die Rolle Marias z. T. als sehr hoch, bei wenigen aber als sehr niedrig
eingeschätzt worden. Dies verdeutlicht die relativ hohe Religiosität der
polnischen Industriearbeiter. Sie entstammten einer ländlichen Bevölkerung mit
traditionalen Lebensformen. Die Standard-Abweichungen sind dann relativ hoch.
Die Rolle des Heiligen Vaters wird sehr hoch, die der
Priester und Bischöfe weniger hoch eingeschätzt.
Als wesentliches Ziel galt die Veränderung der
gesellschaftlichen Machtverhältnisse und die Methode der Machtausübung; auch das
Eintreten für die Pressefreiheit und die Freilassung der inhaftierten Kollegen.
Arbeitsbedingungen, Löhne, Versorgung und niedrige Renten
haben einen geringeren Stellenwert. An diesen Beispielen lässt sich tendenziell
die Einflussnahme der Intellektuellen verdeutlichen, sowie die Schulung durch
die Berater in den Jahren zuvor.
Als historische Vorbilder sehen die Arbeiter die
traditionellen nationalen Helden an; nicht die kommunistischen (bzw.
sozialistischen), die in der Propaganda und im allgemeinen Bildungssystem einen
hohen Stellenwert hatten. Es handelt sich zumeist um gefühlsbetonte historisch
ableitbare Einstellungen, sowohl pro als auch ablehnend.
In der Frage, für wen sie gestreikt haben, kommt eine
deutliche Pro-Haltung gegenüber der eigenen Gruppe und eine Anti-Haltung
gegenüber staatlich Beschäftigten (Verwaltung, Polizei etc.) zum Ausdruck.
Gegenüber Bauern und dem Dienstleistungssektor (Post/Bahn) gibt es ambivalentes
Verhalten.
Sozialethische und politische Ziele weisen eine hohe
Zustimmung auf.
Unterstützung hat man von der Kirche, der Familie und engen
Freunden erfahren sowie von den Beratern. Die Distanz zu den offiziellen
Gewerkschaften ist hoch.
Insgesamt erfolgen Vertrauensbezüge im engen überschaubaren
Bereich; Ablehnung und Misstrauen im ferneren Bereich.
Ein Bedrohungsgefühl bzw. Angst vor einer Intervention
durch WPO-Truppen ist durchaus vorhanden; ebenfalls aber ein gewisses
Schutzgefühl in religiösem Bezug: der Priester auf der Werft, das Madonnenbild
am Werkszaun.
Insgesamt vermitteln die Arbeiter einen zurückhaltenden
aber eindeutig selbstbewussten Eindruck. Dieser lässt sich u. a. aus der
Einschätzung der Qualität der Produkte bzw. der geleisteten Arbeit ableiten.
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