Dariusz Adamczyk (Hannover):
Zwischen Irakkrieg und
Energiesicherheit
Einige Aspekte der polnischen USA- und
Russlandpolitik 2003-2007
„Die Ostmitteleuropäer haben die große Chance
verpasst zu schweigen“ – diese Rüge des französischen Präsidenten Jacques Chirac
hat in der polnischen Öffentlichkeit Unverständnis, Empörung, ja Entsetzen
hervorgerufen. Das „alte Europa“ verstehe nicht die Ostmitteleuropäer, ihr
Bedürfnis nach Sicherheit, Stabilität und Freiheit, so die Reaktionen in Polen.
Die polnische Amerika-Faszination und die proamerikanische Haltung der
polnischen Außenpolitik riefen wiederum bei vielen Westeuropäern Verwunderung
und auch Verärgerung hervor. In die Umgangssprache ging das französische Wort
von Polen als dem Trojanischen Pferd, oder wie manche hämisch sagten, „Esel“
Amerikas innerhalb der Europäischen Union ein. Auch die Entsendung polnischer
Spezialeinheiten ins Kampfgebiet provozierte scharfe Strafpredigten einiger
europäischer Partner Polens. Inoffiziell warf man dem polnischen Bündnispartner
vor, ein blinder Vasall Washingtons zu sein, der sich einer Vertiefung der
gemeinsamen europäischen Sicherheitsarchitektur widersetze. In Berlin fragte man
sich, ob für die polnische Seite die bilaterale Interessengemeinschaft nur dazu
diene, polnische Finanzforderungen gegenüber der EU durchzusetzen. Hinzu kamen
erhebliche Kommunikationsprobleme zwischen Warschau, Berlin und Paris, was ein
Vorfall vom Oktober 2003 deutlich zeigt, als die polnische Armee den Fund
hochmoderner französischer Raketen im Irak vermeldete und damit andeutete, dass
Frankreich unmittelbar vor dem Irakkrieg das UN-Embargo umgangen und Waffen an
Saddam geliefert haben könnte.
Dabei ist zu unterscheiden zwischen einer stark
proamerikanischen Haltung der polnischen Regierungen bzw. der polnischen
Präsidenten wie auch großer Teile der Massenmedien einerseits und einer
skeptischen Position der Öffentlichkeit in Polen andererseits. Denn die Mehrheit
der Bevölkerung war z.B. gegen einen Irakkrieg ohne klares UN-Mandat. In den
Umfragen sprachen sich Anfang April 2003 etwa drei Viertel gegen den Krieg aus.
Die kritischen Worte des Papstes verstärkten noch die Skepsis vieler Polen.
Tadeusz Mazowiecki empfahl gar, ohne ein klares UN-Mandat die Schutzzone im Irak
nicht zu übernehmen. Kritische Stimmen kamen auch von Janusz Reiter, Adam
Krzemiński und Aleksander Smolar. In Polen war also, wie in Spanien, Italien und
Großbritannien, eine starke Meinungsdiskrepanz zwischen der Regierung und weiten
Teilen der Bevölkerung zu beobachten – mit dem Unterschied allerdings, dass in
Polen keine amerikakritischen, geschweige denn amerikafeindlichen
Demonstrationen stattgefunden haben. Dennoch haben die polnische Regierung und
der polnische Präsident Aleksander Kwaśniewski eine dezidierte proamerikanische
Haltung eingenommen. Nicht nur, dass sie sich für den US-amerikanischen Angriff
auf den Irak aussprachen und die Regierung den „Brief der Acht“ unterzeichnete.
Sie schickten auch die polnischen Spezialeinheiten in den Irak und nahmen das
Angebot der Washingtoner Regierung an, eine der Schutzzonen südlich von Bagdad
zu übernehmen. Die konservative Kaczyński-Regierung setzte diesen Kurs fort, was
sich beispielsweise in der geplanten Stationierung US-amerikanischer
Raketenabwehrsysteme in Polen widerspiegelt. Zugleich trug unter anderem diese
proamerikanische Haltung zu einer Verschlechterung der polnisch-russischen
Beziehungen (insbesondere unter den Konservativen) bei. Auf der anderen Seite
bleibt Polen weiterhin von russischen Gas- und Rohöleinfuhren abhängig. In
diesem Zusammenhang tauchen einige Fragen auf: Warum ist die polnische Position
so amerikafreundlich? Welchen Einfluss übt diese Haltung auf das
polnisch-russische Verhältnis aus? Worin ist die Verschlechterung der schon
ohnehin angespannten polnisch-russischen Beziehungen unter der konservativen
Regierung begründet?
Warum setzen weite Teile der
politischen Klasse in Polen auf die USA?
Dass die Vereinigten Staaten ihre Position als
einzige Supermacht erringen, halten und festigen konnten, wird von kaum einer
polnischen Regierung als Bedrohung empfunden. Wenn die Welthegemonie der USA
Freiheit und Demokratie bedeutet, muss man sie nicht fürchten, sondern
unterstützen gegen diejenigen, die der Welt ein anderes Wertsystem aufzwingen
wollen – so die Denkweise der polnischen Elite. Zu diesen anderen gehören
Terroristen, Fundamentalisten und Fanatiker, aggressive Despoten und Führer von
„Schurkenstaaten“, insbesondere wenn sie über die Massenvernichtungswaffen
verfügen. Polen strebt nicht eine bipolare oder multilaterale Ordnung an, denn
es will nicht unter unerwünschte Dominanz geraten. Für Länder an der Außengrenze
des NATO-Bündnisses, die instabile oder gelegentlich feindselige Nachbarn haben,
spielt die militärische Sicherheit eine wesentlich größere Rolle als für
Kernländer, die von Bündnispartnern umgeben sind. Aus diesem Grund bringen
außenpolitische Vereinbarungen zwischen Berlin, Paris und Moskau von der
polnischen Warte aus ernste Gefahren mit sich, die zur Schwächung Polens im
internationalen System führen könnten, und erfordern die Festigung des
Bündnisses mit den USA. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang das
historische Gedächtnis der Polen, die Erinnerungen an die
preußisch/deutsch-russisch/sowjetische Zusammenarbeit seit dem 18.
Jahrhundert, aber insbesondere in den Jahren 1939-1945, die auf Kosten Polens zu
Stande gekommen ist. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Westeuropäer, in erster
Linie Franzosen, 1939 Polen angesichts des deutschen Angriffs allein ließen –
die in Paris ausgesprochenen Worte: „Wir wollen nicht für Danzig sterben“
klangen für die meisten Polen als Hohn und Verrat an der so gepriesenen
polnisch-französischen Freundschaft. Die Achse Berlin-Paris-Moskau hat bei den
Polen alte Komplexe geweckt und das Gefühl, dass nur ein starkes Amerika ihre
Sicherheit garantieren könne, vertieft. Präsident Kwaśniewski hat die
rhetorische Frage gestellt, ob im Falle einer eventuellen Bedrohung eher die USA
oder das Weimarer Dreieck Polen verteidigen würden?
Außerdem habe die Schwäche der EU-Politik vor dem Hintergrund des Zerfalls
Jugoslawiens deutlich gezeigt, dass nur ein möglichst enges Verhältnis zu den
USA die Möglichkeit eines erfolgreichen militärischen Eingreifens zur
Verhinderung oder Beendigung von Konflikten und Bedrohungen garantiert.
Nicht nur die Frage, wie man auf Bedrohungen
reagieren soll, hat einen Graben zwischen einigen westeuropäischen Staaten und
Polen aufgerissen. Genauso umstritten ist auch, wie die gemeinsamen
transatlantischen Werte ausgelegt und verwirklicht werden sollen. Das führt in
vielen Fällen zu Streitigkeiten, etwa um das Klimaschutzabkommen von Kyoto, den
Internationalen Strafgerichtshof, die Legitimität der Todesstrafe oder die
Frage der in Polen und der Tschechei geplanten Raketenabwehrsysteme. Die
Westeuropäer unterstützen Kyoto und den Internationalen Strafgerichtshof. Die
europäischen Intellektuellen empören sich mit Recht immer wieder über die
Hinrichtungen in einzelnen amerikanischen Bundesstaaten. Im „neuen Europa“ sind
das aber keine Themen, die auf der Tagesordnung stehen. Umweltfragen
interessieren die polnische Öffentlichkeit nur bedingt. Der Internationale
Strafgerichtshof existiert im Bewusstsein der Gesellschaft nur rudimentär; und
was die Todesstrafe anbelangt, zeigen die meisten Polen (laut Umfragen 74
Prozent)
viel mehr Verständnis für die Haltung der Amerikaner (und übrigens auch Russen)
als für die liberal gesinnten Westeuropäer. Ebenso die Frage der
Raketenabwehrsysteme bleibt in Deutschland oder Frankreich umstritten.
Nicht von der Hand zu weisen ist auch das
innenpolitische Argument, dass die polnische Regierung sich insbesondere in der
Irakfrage an der Seite der USA so intensiv engagierte, um von den
innenpolitischen Problemen – also von den zahlreichen Korruptionsaffären, von
der hohen Arbeitslosigkeit, von den mit dem EU-Beitritt verbundenen
Schwierigkeiten, von der desolaten Lage der sozialen Sicherungssysteme sowie von
den zahlreichen Streiks und Demonstrationen – abzulenken, indem sie Polen als
souveränen und von den USA respektierten Staat präsentierte. Dies ging mit der
Enttäuschung über die Europäische Union und Deutschland und der
Desillusionierung über die EU-Verfassung.
Die Einschätzung Polens bezüglich der gemeinsamen
europäischen Sicherheitsarchitektur schien in Berlin und Paris bestätigt, als
sich die Polen im Frühjahr 2003 für den Kauf amerikanischer Kampfflugzeuge
entschieden. Die amerikanische Seite verpflichtete sich zu Investitionen in Höhe
von sechs Milliarden US-Dollar nicht nur in militärische, sondern auch in zivile
Zweige der polnischen Industrie.
Für den in einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise stehenden polnischen Staat
erscheint das amerikanische Angebot günstig. Die Konditionen (Vorzugszinsen und
Aufschub der Abzahlungen) würden zur Sicherung des finanziellen
Handlungsspielraum Polens in den ersten Jahren der EU-Mitgliedschaft beitragen.
Ein wichtiges wirtschaftliches Motiv, eine der Besatzungszonen im Irak zu
übernehmen, stellten auch die vermeintlichen lukrativen Wiederaufbau-Verträge
dar. Vom „goldenen Sand“ und von Milliarden, die zu verdienen sind, war die
Rede. Außenminister Włodzimierz Cimoszewicz sprach sogar vom direkten Zugang zu
den irakischen Ölquellen als „finalem Ziel“ der Mission (was Präsident
Kwaśniewski jedoch dementierte).
Ein wichtiges Motiv aus der Sicht der politischen
Klasse Polens dürfte die Tatsache sein, dass die US-amerikanische Nation in der
polnischen Bevölkerung sehr beliebt ist. Acht bis elf Mio. Menschen polnischer
Abstammung leben in den USA. Nicht zuletzt wegen der engen transatlantischen
Familienbande durch die bis heute anhaltende Emigration fühlen sich viele Polen
den USA wie keinem anderen Land verbunden. Umfragen zufolge sind die
US-Amerikaner in Polen seit Jahren das mit Abstand beliebteste Volk.
Fortschrittlich, selbstständig, zukunftsorientiert, demokratisch, aktiv,
optimistisch und arbeitsam sind denn auch die Eigenschaften, die den US-Bürgern
in Polen zugeschrieben werden.
Zu den psychologisch-mentalen Faktoren gehört die
ausgeprägte polnische Sehnsucht nach Freiheit. In den USA spiegeln sich die
unerfüllten Träume der Polen wider. In Polen hat man erkannt, dass nach dem
Zweiten Weltkrieg die Teile Europas, in denen die US-Armee stationiert war, zur
freien Welt gehörten. Manche älteren Polen erinnern sich bis heute an die
Lebensmittelpakete mit der stilisierten amerikanischen Flagge darauf. Viele
sind davon überzeugt, dass der durch Stalin erzwungene Verzicht auf die
Teilnahme am Marschall-Plan, der den Startschuss für den Wiederaufbau und die
Entwicklung Westeuropas gab, für Polen katastrophale Auswirkungen hatte. Ein
polnischer Journalist behauptet gar, Existenz und Stärke der amerikanischen
Militärmacht seien Sinnbild der Hoffnung auf eine Eindämmung der
kommunistischen Expansion und Dominanz gewesen.
Die Protestbewegung des Jahres 1968, die in Westeuropa erheblich zur
Herausbildung der Mentalität einer Generation beitrug, die heute eine zentrale
Rolle in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft spielt, war in Polen nicht
antikapitalistisch oder antiamerikanisch geprägt, sondern antikommunistisch und
antisowjetisch. Polnische Studenten protestierten nicht gegen den Vietnamkrieg
oder gegen den amerikanischen Imperialismus. Sie lehnten sich gegen die
sozialistische Diktatur und gegen den Einfluss des sowjetischen Imperiums auf
Polen auf. Der Dritte Weg Westeuropas sollte vom Kapitalismus wegführen,
wohingegen die Polen auf diesem Weg den Monopolsozialismus hinter sich lassen
wollten.
Schließlich, sagt man in Polen, waren es auch die USA, die den Kalten Krieg
gewannen und Polen auf diese Weise den Weg zu Freiheit und Demokratie
ermöglichten. Im Gegensatz zu der uneinheitlichen Haltung mancher europäischen
Regierungen habe sich die amerikanische Regierung gegenüber der
Jaruzelski-Diktatur eindeutig und entschieden verhalten.
Das Beispiel Irakkonflikt:
Wie stichhaltig waren die Argumente für den Krieg?
Der Irakkrieg hat schonungslos offen gelegt, wie
uneinig sich Europas Regierungen sowohl in der Analyse der Bedrohungen als auch
bei deren Bekämpfung waren. Die polnische Regierung wie auch der polnische
Präsident haben die US-amerikanische Argumentation nahezu vollständig
übernommen. Zur Erinnerung nochmals die Rechtfertigungen der Washingtoner
Administration in Bezug auf den Irakkrieg, die abhängig von der Person, die sie
äußerte, oder vom Zeitpunkt der Entwicklung, wie folgt lauteten:
-
Saddam Hussein muss entwaffnet werden, weil er
über die Massenvernichtungswaffen verfüge, die er einsetzen oder an
Terroristen weiter verkaufen könne;
-
Saddam Hussein muss entwaffnet und gestürzt
werden, weil er Verbindungen zur Al Qaida unterhalte und möglicherweise beim
Anschlag auf das WTC mitgewirkt habe;
-
Saddam Hussein muss gestürzt werden, weil er die
Menschenrechte verletze;
-
Saddam Hussein muss gestürzt werden, weil der
Irak und folglich die gesamte Region sonst nicht würden demokratisiert werden
können.
In Polen brachten die proamerikanischen Politiker
vor allem das Bedrohungsargument ins Spiel, also dass der Irak eine Gefahr für
den Weltfrieden darstelle, weil er die Massenvernichtungswaffen besitze und
Kontakte zu den islamistischen, international agierenden Terroristen
unterhalten solle. Bislang wurden jedoch keine überzeugenden Beweise gefunden,
dass der Irak in den Jahren 2002-2003 über die Massenvernichtungswaffen
verfügte. Die These, dass er innerhalb einer kurzen Zeit Atomwaffen entwickeln
könne, hat sich nicht bewahrheitet. Es ist sogar nicht auszuschließen, dass
Saddam den Eindruck hat erwecken wollen, dass er doch noch über die Reste
chemischer und biologischer Waffen verfüge, um den Angriff auf das Land
abzuwehren (nach dem Prinzip der Abschreckung: Wenn ein Staat gefährliche Waffen
besitzt, werden auch die USA es nicht wagen, ihn anzugreifen). Außerdem: Selbst
wenn Saddam die Massenvernichtungswaffen besessen hätte, heißt das noch lange
nicht, dass er sie an Terroristen weiter verkauft hätte. Denn zum einen hat
Saddam die islamistischen Fundamentalisten a la Bin Laden verfolgt. Zum anderen
war er sich der Tatsache bewusst, dass er der Washingtoner-Regierung den Vorwand
zum Krieg gegen den Irak schlechthin liefern würde, wenn er z.B. Biowaffen
einsetzte oder an Terroristen weiter verkaufte, die sie wiederum einsetzten.
Nur am Rande bleibt zu erwähnen, dass die USA ca. 50 Prozent sämtlicher
militärischen Ausgaben weltweit tätigen. Vor diesem Hintergrund erscheint die
Behauptung, dass der Irak eine Bedrohung für die Welt gewesen sei, deutlich
übertrieben.
Das Argument der Menschenrechte und einer
möglichen Demokratisierung der Region nach dem Sturz von Saddam Hussein hoben
neben der Regierung etliche ehemalige Dissidenten hervor. Saddam Hussein sei ein
grauenvoller Diktator, der Tausende Šiiten, Kurden und Oppositionelle auf dem
Gewissen habe. Als stellvertretend für diese Position kann Adam Michnik gelten,
der in einem Interview mit dem Wochenmagazin „Die Zeit“ sich hierzu
folgendermaßen äußerte: „Dies war ein Kampf gegen einen totalitären Despoten.
Ich wüßte nicht, wie ich dem meine Unterstützung hätte versagen können ... Die
französische Politik bedeutete de facto die Verlängerung der Herrschaft Saddam
Husseins. Ich sehe diese Angelegenheit aus der Perspektive eines politischen
Gefangenen in Bagdad, Basra oder Kirkuk. Und da wäre es mir wirklich egal, ob
ich aus diesem Gefängnis mit oder ohne Genehmigung des Sicherheitsrates befreit
werde.“
Wie Michnik mit seinem Argument auch recht haben mag, es ist dagegen dreierlei
einzuwenden:
-
Erstens hat Saddam seine größten Verbrechen in
den 80er Jahren begangen. Damals hat der Westen keine Kritik an ihm geübt,
weil der Irak ein Verbündeter, sozusagen ein „guter Schurke“, und ein Freund
der US-amerikanischen Regierung war, der im Kampf gegen Iran gebraucht wurde.
Der Einsatz von chemischen Waffen gegen die Kurden und im Krieg gegen Iran
weckten deshalb in der Washingtoner Administration keine derart emotionalen
Reaktionen.
-
Zweitens wimmelt es weltweit nur von
grauenhaften Despoten und Diktatoren, von denen einige ganz gute Freunde des
Westens sind. Zugegeben: Das ist noch kein gutes Argument, diesen Zustand zu
akzeptieren. Wenn die Weltöffentlichkeit sich aber einig ist, dass die
Menschenrechtsverletzungen weltweit geahndet werden sollen, muss man sich auch
darauf einigen, dass dies systematisch erfolgt, konsequent für alle gilt und
unter internationaler Aufsicht (sprich: UNO) stattfindet. Ausgerechnet die
USA sind es aber, die (bislang) das Internationale Strafgericht ablehnen.
-
Drittens, wenn man die Argumentation Michniks
konsequent zu Ende denkt, müsste man davon ausgehen, dass die Polen in jeder
Phase der kommunistischen Diktatur eine befreiende Intervention von außen
hätten befürworten sollen – selbst wenn solche einen Bombenkrieg und zivile
Opfer zur Folge gehabt hätte. Daher ist auch Skepsis angebracht, dass z. B. in
den 80er Jahren – kurz nach der Ausrufung des Kriegsrechts – selbst die dem
Staat sehr kritisch eingestellten Teile der polnischen Bevölkerung, um die
„verhasste“ kommunistische Diktatur loszuwerden, einen Krieg, einschließlich
Bombardierungen Warschaus, in Kauf genommen hätten – auch wenn die
Bombardierungen von einer der polnischen Bevölkerung noch so wohlgesinnten
Nation und mit den sogenannten Präzisionswaffen hätten durchgeführt worden
wären. Dabei geht es nicht darum, die Diktatur Saddam Husseins mit der von
Jaruzelski gleichzusetzen, sondern um Prinzip und um die Frage, wie man mit
Diktaturen in Zukunft umgehen soll.
In diesem Zusammenhang ist dem geschäftsführenden
Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Kenneth Roth,
zuzustimmen, der den Irakkrieg keinesfalls als eine humanitäre Intervention
betrachtet: „Damit aber das Instrument der humanitären Aktion gegen
Massentötungen sich weiter der Unterstützung der Weltöffentlichkeit erfreut,
sollte Washington aufhören, den Irak als einen Anwendungsfall dieses Mittels zu
bezeichnen“.
Wenn die polnischen Regierungen ihre
proamerikanische Haltung mit „harten“ nationalen Interessen verteidigen, ist
nach den realen Bedrohungen Polens und nach dem Nutzen aus der intensiven
polnisch-amerikanischen Annäherung zu fragen. Wer oder was gefährdet Polens
Sicherheit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten? Ist das die Instabilität in
Osteuropa, also in Russland, Weißrussland und der Ukraine oder vor allem die
Wiedergeburt einer imperialistischen, aggressiven Außenpolitik in Moskau?
Es kann keinen Zweifel geben, dass für Polen seitens Russlands keine ernsthafte
militärische Gefahr besteht. Außerdem ist Polen seit 1999 Mitglied der NATO und
durch den Beitritt zur EU 2004 fest in die europäischen Strukturen eingebunden,
was eine passable Sicherheitsgarantie darstellen dürfte. Dem russischen
Politologen Dimitri Trenin vom Moskauer Carnegie Center zufolge zähle für
Moskau allein das „Auf und Ab der Energiepreise, nicht atomare Sprengköpfe“.
Massenvernichtungswaffen in Händen von Schurken,
Diktatoren und Terroristen werden des Öfteren als die Bedrohung schlechthin für
den Weltfrieden dargelegt. Zweifellos muss Polen in dieser Frage zu einer
gemeinsamen europäischen Sicherheitspolitik – neben Deutschland, Frankreich,
Großbritannien und anderen Staaten – beitragen. Es ist allerdings illusorisch
anzunehmen, dass Polen über das notwendige politische, militärische und
ökonomische Potenzial verfügt, als „Juniorpartner“ der USA in der Weltpolitik
mitzumischen, sich also um Nordkoreas, Irans, Pakistans oder Indiens Atomwaffen
bzw. Atomwaffenprogramme „kümmern“ soll – wie das die USA, Russland, China, aber
auch Frankreich, Großbritannien und Deutschland tun. Polen ist keine Weltmacht,
hat keine weltweiten Interessen und kann sich genauso wenig auf die
Weltmachttraditionen in den letzten 300 Jahren berufen. Aus diesem Grund
rechtfertigt die intensive polnisch-amerikanische Freundschaft, die ihren
Höhepunkt in der Entsendung polnischer Truppen in den Irak erreicht hat,
keineswegs die Verschlechterung der Beziehungen Polens zu seinen europäischen
Partnern, allen voran Deutschland und Frankreich, die bislang die Antriebskraft
der europäischen Einigung waren. Vor dem Hintergrund der polnischen
Mitgliedschaft in der EU ist davon auszugehen, dass Polens Zukunft sich in
Europa entscheiden wird, vor allem in der Frage, ob es der politischen Klasse
gelingt, das Land in die EU-Strukturen erfolgreich zu integrieren,
also es wirtschaftlich zu modernisieren, die Klientelwirtschaft zu beseitigen
und die Seilschaften aus Politik, Wirtschaft und zum Teil Unterwelt auf lokaler
Ebene (wie in Starachowice) zu zerschlagen.
Denn soziale Probleme, Korruption sowie ökonomische Rückständigkeit im Verein
mit politischem Chaos,
scheinen die wichtigsten Bedrohungen für die Stabilität Polens zu sein.
In den Regierungskreisen wie in den Massenmedien
ist zeitweilig zu hören, dass die Stellung Polens im internationalen System
durch das Engagement im Irak stärker geworden sei und dass Polen und die USA
›special relationships‹ verbänden; dass Polen ein ostmitteleuropäisches
Britannien werden und notfalls zwischen den amerikakritischen Regierungen
Deutschlands und Frankreichs einerseits und Washington andererseits vermitteln
könne. Aus zwei Gründen wird diese Politik nur schwerlich funktionieren: Zum
einen möchte Großbritannien die ›special relationships‹ mit den USA sich selbst
vorbehalten und nicht mit Polen teilen. Zum anderen sind Polens politische
Kapazitäten, die internationale Autorität viel zu gering, um in eine so wichtige
Rolle schlüpfen zu können. Konnte Polen also einen Nutzen aus dem engen Bündnis
mit Washington ziehen? Diese Frage ist meiner Ansicht nach zu verneinen: Weder
ist Polen sicherer und stabiler
noch seine Position in der EU stärker.
Auf der anderen Seite z. B. ist es der polnischen Regierung genauso wenig
gelungen, die Visumpflicht für die polnischen Bürger zu erleichtern und
demütigende und willkürliche Einreiseverweigerungen in die USA zu beheben.
Dessen ungeachtet bleiben die USA für Polen weiterhin ein wichtiger Verbündeter,
deren Interessen jedoch von polnischer Seite nicht kritiklos und unreflektiert
übernommen werden sollten.
In der Irakkrise und in der Bewertung der
transatlantischen Beziehungen sowie neulich in der Debatte um die europäische
Verfassung hat sich innerhalb Europas eine Kluft aufgetan. Die unterschiedlichen
Perspektiven in Polen einerseits und Deutschland oder Frankreich andererseits
haben zu einer Entfremdung beigetragen, die die bereits vorhandene Motivation
einiger Länder zu einem „Kern-Europa“ noch verstärken kann. Die aus deutschen
und polnischen Experten bestehende Kopernikus-Gruppe sah bereits im Jahr 2004
den Ausweg in einem neuen sicherheitspolitischen Dialog im Rahmen des Weimarer
Dreiecks. Für die Politik wird es demzufolge wichtig sein herauszufinden, „ ...
wo Chancen für Annäherungen im Dialog bestehen und wo gegensätzliche Standpunkte
akzeptiert werden müssen, ohne dass es zu einer dauerhaften Entfremdung
zwischen Deutschland, [Frankreich]
und Polen kommt“.
Warum nicht Russland oder:
Worauf gehen die polnischen Russland-Phobien zurück?
Das Verhältnis zu Russland stellt die Kehrseite
derselben amerikafreundlichen Medaille dar. Für Polen sind vor allem die
wirtschaftlichen Beziehungen zu seinem flächenmäßig größten Nachbarn von
zentraler Bedeutung: Zwar betrugen Russlands Einfuhren 2005 nur 7,3 % der
polnischen Gesamtimporte und die Exporte nach Russland etwa 4 % der polnischen
Ausfuhren, dennoch wird die Rolle dieses Handels daran deutlich, dass Polen ca.
96 % des benötigten Rohöls und ca. 70 % des benötigten Gases aus Russland
bezieht.
Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, wie instabil die politischen
Kontakte zwischen beiden Staaten sind. Zunächst einmal ist auf eine Reihe von
Problemen hinzuweisen, die keineswegs aus unterschiedlichen Interessen
resultieren: das Verbot der polnischen Fleischimporte nach Russland und die
polnische Blockade bei der Unterzeichnung des Partnerschaftsabkommens zwischen
Russland und der EU; die Transitgebühren von den russischen Häfen ins russische
Hinterland, die günstiger – was die polnische Regierung moniert – als über die
Ukraine und Weißrussland sind;
die Ankündigungen einiger prominenter polnischer Politiker, Denkmäler aus
sowjetischer Zeit entfernen zu wollen.
Hinzu kommen Probleme strategischer Natur: der
geplante Bau der Ostseepipeline zwischen Russland und Deutschland und neulich
die Frage des Raketenabwehrschildes in Polen. Die kräftige Unterstützung der
„orangenen Revolution“ in der Ukraine durch den polnischen Präsidenten
Aleksander Kwaśniewski, die Versuche polnischer Regierungen, in Weißrussland
demokratische Gruppierungen zu fördern sowie die Ankündigungen des polnischen
Präsidenten Kaczyński, das NATO-Bündnis um die Ukraine wie einige kaukasische
Staaten (langfristig auch Weißrussland) erweitern zu wollen, unterstreichen das
Ziel, Russland durch prowestliche und amerikafreundliche Länder „einzukreisen“.
Dies dürfte die Beziehungen zwischen Polen und Russland genauso wie die
geplanten Raketenschilder belastet haben. Lassen sich aber diese Differenzen
ausschließlich durch unterschiedliche geostrategische Interessen erklären, die
von polnischer Warte aus in erster Linie darin bestehen, eine starke
US-amerikanische Präsenz in Ostmitteleuropa, dem Kaukasus und Zentralasien zu
unterstützen?
Allgemein bekannt sind die Differenzen zwischen
Polen und Russland bezüglich der Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte. Die
Liste der polnischen „Allergien“ gegen Russland und Russen ist lang: die
Aufstände bzw. die Kriege gegen Russland 1792, 1794 (Kościuszko-Aufstand),
1830/1831 (November-Aufstand), 1863/1864 (Januar-Aufstand), 1920/1921; die
Politik der Sowjetunion in den Jahren 1939-1944 (Hitler-Stalin-Pakt, Ermordung
polnischer Intelligenz und Offiziere in Katyń; das Stillhalten der Roten Armee
während des Warschauer Aufstands 1944); und last but not least die Einbeziehung
Polens in die sowjetische Einflusssphäre 1944-1945 und der Verlust der früheren
polnischen Ostgebiete – um nur die wichtigsten zu nennen.
Diese Erklärung scheint jedoch zu kurz zu greifen.
Der Schlüssel zum besseren Verständnis liegt in der romantischen Tradition. Die
polnische Intelligenz begreift sich als „westlich“ seit dem Übertritt zum
Christentum lateinischer Prägung 966, dem im 12. und 13. Jahrhundert eine
intensive Integration in den „Westen“ folgte (trotz der Orientalisierung des
adeligen Lebensstils im 16.-17. Jahrhundert). In der Zeit der Teilungen im 19.
Jahrhundert erfolgte eine Moralisierung der Politik, die sich gegen alle
Teilungsmächte richtete, insbesondere aber gegen Russland. Der polnische Dichter
Z. Krasiński z. B. hasste Russland aus ganzer Seele – als Verkörperung
asiatischen Barbarentums und mongolischer Grausamkeit. Den Kern des Feindbildes
lieferte eine Gegenüberstellung: Europa bedeute Zivilisation, Russland hingegen
Mangel an Kultur, Rohheit, Wildheit, Räubertum. Das polnische Selbstverständnis
zeichnet sich seitdem durch ein kulturelles Überlegenheitsgefühl gegenüber dem
Moskowiter aus.
Da Polen besonderes Leid und Unrecht hinzugefügt wurde und weil Gott es zum
Opfer erwählt hatte – für andere sündhafte Völker –, kommt dem polnischen Volk
eine besondere Rolle zu, die sich in dem Begriff „Messianismus“ widerspiegelt.
Maria Janion spricht von der Angelisierung Polens: „Die Anbetung Polens als
unschuldiges Opfer musste zur Satanisierung seiner Verfolger führen. Im 19. Jh.
verkörperte vor allem Russland den Satan, den politischen Satan, wie Mickiewicz
zu sagen pflegte; diese Überzeugung sollte vom bolschewistischen Russland
bestätigt werden. Solche Vorstellungen unterschieden sich nicht sehr vom „Reich
des Bösen“ eines Ronald Reagan.“
Messianische, katholisch-sarmatische Überzeugungen über die moralische
Überlegenheit der Polen und ihre angeborene Unschuld haben sich tief in das
Nationalbewusstsein eingegraben und auch heute ihre Bedeutung (besonders in
konservativen Kreisen) nicht verloren.
Die polnische Ostpolitik muss demnach einen
zentralen Widerspruch lösen, der darin besteht, dass Polen auf der einen Seite
auf Russlands Rohstoffe angewiesen ist und von ihm die Energiesicherheit
verlangt, andererseits es von Europa „fernhalten“ will. Teile der polnischen
Elite fassen Russland als „asiatisch“ auf (was bereits negative Konnotationen
beinhaltet), und nahezu sämtliche politischen Kräfte unterstützen die Präsenz
der USA in seinen Nachbarstaaten im Westen und Süden. Dennoch: Um eine
schlüssige Ostpolitik, die in eine EU-Russlandpolitik eingebettet sein müsste,
wird die politische Klasse nicht umhinkommen. Sie sollte ihre, sicherlich
vorhandenen Kenntnisse Osteuropas
sinnvoll nutzen und zur Formulierung einer gemeinsamen EU-Ostpolitik beitragen
– zumal spätestens nach dem Zudrehen des Gashahns für die Ukraine auch in den
westeuropäischen Hauptstädten die Erkenntnis reift, dass die Union im Hinblick
auf ihre energetische Abhängigkeit von Russland mit einer Stimme sprechen muss.
Es scheint zudem, dass Moskau die künftigen Beziehungen zum Westen durch den
Grad der ökonomischen Verflechtung definieren wird. Eine redliche und die
Interessen beider Partner objektiv einschätzende Ostpolitik
bedürfe daher eines Umdenkens der kritiklosen Haltung weiter Teile der
politischen Klasse Polens gegenüber den USA sowie einer Neugewichtung der
Beziehungen zu Moskau.
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Kontext
Das polnisch-amerikanische
Bündnis: Eine Bilanz
Warum nicht Russland oder:
Worauf gehen die polnischen Russland-Phobien zurück?
Anmerkungen
Buchausgabe:
Lothar Nettelmann, Hrsg.: Europäische Umbrüche in
deutsch-polnischer Perspektive. Reflexionen zur
Entwicklungsdynamik in Mitteleuropa. Beiträge des
Symposions »Politik und Wirtschaft in Polen – ein
Beitrag zur politischen Bildung« der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. und
der Niedersächsischen Landeszentrale für Politische
Bildung im April 1999. Schriftenreihe des
UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V. [ISSN 0945-1536]:
Sonderheft 1 / 2001. Texte aus der Arbeit der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V.
Hannover 2001, 104 S., A 4, kart.
Buchausgabe vergriffen. [ISBN 3-930307-11-1]
Internetpublikation:
Dariusz Adamczyk (Hannover): Zwischen Irakkrieg
und Energiesicherheit
– Einige Aspekte der polnischen USA- und
Russlandpolitik 2003-2007
-
Durchgesehen Fassung. Alle Rechte vorbehalten.
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Überarbeitet Juli 2009