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Krzysztof Ruchniewicz (Wrocław):

Deutsche und Polen nach der Wende   zwischen Versöhnungsrhetorik und realer Interessengemeinschaft

Die Wende des 20. und 21. Jahrhunderts hat gravierende Unterschiede in den Verhältnissen zwischen Polen und Deutschland zutage gebracht. Auf die Beziehungen in dieser Periode übten nicht nur internationale Ereignisse, sondern auch die innere Lage jedes der beiden Staaten einen großen Einfluss aus. Die deutsch-polnischen Differenzen haben sich nach der Unterstützung Polens für die Intervention der USA im Irak offenbart. Die deutsche Seite hat Warschau das Aufgeben der Idee der europäischen Integration zugunsten intensiverer Kontakte mit den USA vorgeworfen. Einer der Journalisten der viel gelesenen deutschen Tageszeitung „Frankfurter All­gemeine Zeitung“ hat Polen spöttisch als „trojanischen Esel“ Europas bezeichnet. Seiner Meinung nach waren polnische Vorstellungen von der Partnerschaft mit den USA Hirngespinst, und die angebliche Annäherung zwischen beiden Staaten war für Europa gefährlich. Zu einem neuen Grund des Streites wurde auch die polnische Einstellung gegenüber der europäischen Ver­fassung, wo man in der Präambel zu diesem Dokument u.a. den so genannten „Gottesbezug“, einen Hin­weis auf die christlichen Traditionen Europas forderte. Die Regierung Gerhard Schröders, unter­stützt von den französischen Partnern, widersetzte sich entschieden dieser Lösung. Polen wurde als ein ultrarechtes und rückständiges Land angesehen. Die Ergebnisse der letzten Wahlen haben die westlichen Beobachter in dieser Meinung befestigt. In diesem Zu­sammenhang spielte die Tatsache keine Rolle, dass der Verfassungsentwurf gar nicht wegen des Widerspruches der Polen durch­gefallen ist, sondern durch die Gesellschaften zweier der Gründungsstaaten der europäischen Gemeinschaft. Die Liste der polnisch-deutschen Missver­ständnisse auf der inter­nationalen Arena in den letzten Jahren könnte man lange fortsetzen.

Dennoch hat nichts die Verschlimmerung der Atmosphäre in den gegenseitigen bilateralen Ver­hältnissen so sehr beeinflusst wie die Idee zur Gründung eines Zentrums gegen Vertreibungen und das Streben eines Teils der Vertriebenen nach der Rückgabe des im Osten verlorenen Ver­mögens. Plötzlich erwies sich, dass nicht politische Probleme oder die Wirtschaftsschwierig­keiten führend sind, sondern eben die Vergangenheit. Zwar wurde die Idee zur Gründung des Zentrums Ende der 90er Jahre geboren, doch verkündete sie nicht gleich einen bedeutsamen Sturm in den Wechselbeziehungen. Doch der Beginn der Diskussion in der Bundesrepublik über die Deutschen als Opfer des Bombenkrieges und hinterher der Vertreibungen, hat dieser Initiative eine gänzlich neue Bedeutung, zumindest in der Rezeption der Polen, gegeben. Zur Aufnahme dieser gemeindeutschen Debatte trugen zwei Veröffentlichungen eines bekannten deutschen Historikers, Jörg Friedrich, („Der Brand“) und des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass („Im Krebsgang“) ohne Zweifel viel bei. Am Rande sei anzumerken, dass im Unterschied zu Jörg Friedrichs Buch, das in Polen fast unbemerkt geblieben ist, der Essay von Günter Grass rezipiert, schnell übersetzt und lebhaft kommentiert wurde. Nach jahrelangem Schweigen über diese Probleme übernahm die sog. 1968er Generation die Initiative, die – die Haltungen der Deutschen während der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges kritisierend – ihre Leiden über­ging, sie als unwerte Erinnerungen, nicht diskussionsfähig betrachtete. Die Publizierung dieser Bücher hat in der Bundesrepublik eine sehr wichtige Debatte hervorgerufen, die – mit einer größeren oder kleinen Anspannung – bis heute andauert. Zum ersten Mal wurde die Aufmerk­samkeit auf individuelle Schicksale gelenkt, man zeigte die Komplexität der Lage, in der sich die Deutschen während des Krieges und kurz danach eingefunden haben.

In diesem Zusammenhang konnte die Idee zur Gründung des Zentrums gegen Vertreibungen, also einer Institution – zumindest einen solchen Eindruck konnte man anfänglich gewinnen –, die einzig und allein die Leiden der Deutschen ins Zentrum setzen will, die von den okkupierten Völkern, allen voran Polen und Tschechien zugefügt wurden, nicht ohne die Reaktion in Polen und der Tschechischen Republik bleiben. Ein ausreichender Grund war schon die Tatsache, dass der Initiator der Bund der Vertriebenen war, der jahrzehntelang in der kommunistischen Propaganda als eine gegenüber Polen feindlich und revanchistisch eingestellte Organisation be­zeichnet wurde. An der Weichsel fing man an, Alarm zu schlagen. Unseren westlichen Nachbarn wurde der geschichtliche Revisionismus, der Versuch des Umschreibens der Geschichte und des Zweiten Weltkrieges insbesondere, von Neuem vorgeworfen. Überraschen kann die Tatsache, dass dieses Problem die polnischen Medien in den folgenden Monaten beherrscht hat, einen ge­wissen Höhepunkt konnte man zur Jahreswende 2003/2004 beobachten. Dagegen wurde die Frage der Lösung der Ansprüche der polnischen Zwangsarbeiter auf die lange Bank geschoben und rief keine Kommentare und Kontroversen mehr hervor. Und doch war das der beste Beweis, wie die Bundesrepublik die schwierigen Fragen in der eigenen Geschichte behandelt. Zusätzlich hat die Entstehung der Preußischen Treuhand und die Formulierung der ersten Vermögens­ansprüche an Polen Öl ins Feuer gegossen. Unter dem Eindruck dieser Forderungen und trotz der Distanzierung Berlins ihnen gegenüber hat Warschau beschlossen, dieses Problem nicht nur in bilateralen Beziehungen zu lösen; an der Weichsel fing man im Parlament an, über das Aus­stellen von Rechnungen für die unbezahlten Reparationen zu sprechen und die Personen- und Sachschäden während des Zweiten Weltkrieges erneut zu zählen. Den Polen haben die Ver­sicherungen seitens westdeutscher Politiker bezüglich einer unveränderlichen negativen Ein­stellung gegenüber der Gründung des Zentrums gegen Vertreibungen und in den Fragen der Vermögensansprüche nicht genügt, Warschaus überzeugte auch nicht die Schaffung eines inter­nationalen Netzes „Erinnerung und Solidarität“, dessen Ziel die Schaffung einer Alternative zum Zentrum gegen Vertreibungen war. Zwar nahm es an seiner Arbeit von Anfang an teil, doch wegen Nicht Aufnahme konkreter Handlungen nach seiner Bildung hat Polen zu einer Stagnation beigetragen. Seine Aktivitäten wurden auf die deutsche Seite beschränkt. Vor einigen Monaten hat die Stadt Warschau eine Dokumentation über die polnischen Verluste während des Zweiten Weltkrieges veröffentlicht, und am 1. Sep­tember d. J. wurde das bekannt gegeben. Zusätzlich verkomplizierten die Wahlen 2005 die Lage in den polnisch-deutschen Beziehungen, zu den alten Problemen kamen neue hinzu, wie z.B. die Frage der Ostseepipeline, Zwischenfälle an der polnisch-deutschen Grenze, die Frage der deutschen Minderheit in Polen und eine anti­deutsche Rhetorik seitens der Kaczyński-Brüdern.

Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Vergangenheit den Stand der deutsch-polnischen Be­ziehungen nach wie vor beeinflusst, und nicht die Gegenwart oder die Zukunft. Gleichzeitig soll daran erinnert werden, dass – abgesehen von heutigen Missverständnissen, Irritationen – der Stand dieser Beziehungen nach dem Fall des Kommunismus und der Vereinigung Deutschlands gegenwärtig so gut ist wie nie im 20. Jahrhundert. Die Erinnerung an die Mäander in der Ent­wicklung der deutsch-polnischen Beziehungen nach 1945 Jahr kann diese Feststellung zusätzlich bekräftigen.

Der Abschluss des Zweiten Weltkrieges brachte für Polen zwar die Beseitigung der deutschen Ge­fahr, bedeutete aber zugleich nicht die Aufnahme freundschaftlicher oder korrekter Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Die alten Konflikte und Vorurteile überlagerten die neuen. Die Greuel der deutschen Okkupation während des ganzen Weltkrieges lasteten auf dem Bewusstsein der polnischen Bevölkerung in den anschließenden Jahrzehnten, und die ältere Generation der Polen sieht immer noch die Deutschen durch das Prisma dieser Ereignisse, doch für über 20% der Polen sind sie noch immer eine persönliche Erfahrung. „Die gespürten Folgen des Zweiten Weltkrieges zwingen uns immer zum Denken und Sprechen über diese Jahre“, so der Historiker Tomasz Szarota. „Im Bildungs- und Erziehungssystem wird besonderer Wert auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Okkupation gelegt. Die Ereignisse und die mit ihnen zusammenhängenden Personen sind immer im Fernsehen, Radio und der Presse präsent. (...) Vielleicht werden in keinem Land die mit dem Zweiten Weltkrieg verbundenen Jahrestage so oft und feierlich ab­gehalten. (...) Während der Jahrestage beleben sich die Stätten des nationalen Gedenkens, sie werden wieder zum Element der lebendigen Geschichte – Blumen, die brennenden Kerzen, weiß-roten Fähnchen weisen unsere Gedanken auf die Vergangenheit hin. Wer nicht an Aller­heiligen auf dem Warschauer Militärfriedhof in Powązki [hier sind u.a. die gefallenen Auf­ständischen von 1944 begraben, K.R.] war, ist nicht imstande zu begreifen, was es bedeutet, mit der Geschichte zu leben.“1

In den Jahren 1965, 1977 und 1988 wurden Personen mit höherer Ausbildung nach den glor­reichsten Ereignissen der 1000-jährigen Geschichte Polens befragt. Immer wurde an erster Stelle der Zweite Weltkrieg genannt. Heute würde eine ähnliche Befragung kaum anders ausfallen. Der Großteil der Polen, wie wir aus den Ergebnissen der Meinungsforschung folgern können, hat nach wie vor ein emotionales Verhältnis zu diesen Ereignissen, und das gilt für die Jungen wie die Alten: 73% sind der Meinung, dass diese Vergangenheit lebendig und erinnerungswürdig ist.2 Die Jahrestage 2004 und 2005 verstärkten zusätzlich diese Überzeugung. Diese Tatsache ist mit der polenzentrierten Darstellung des Bildes dieses Krieges zu erklären: Es wird stets betont, dass sich Polen als erstes Land Hitler widersetzte, dass es keine Quislinge gab, es nicht nur eine Opposition besaß, sondern einen Untergrundstaat (Polskie Panstwo Podziemne) geschaffen hat, und schließlich, dass die Polen proportional die größten menschlichen Verluste zu verzeichnen hatten.

Interessant ist, dass die militärischen Ereignisse auf polnischem Boden insgesamt nur eine zweit­rangige Rolle spielen. Aber die Polen stellten laut einer 1994 durchgeführten Erhebung die Ver­teidigung Warschaus 1939 und den Kampf um Monte Cassino der Schlacht bei Stalingrad und der Landung der Alliierten in der Normandie voran. Szarota ist zuzustimmen, wenn er behauptet, dass diese Bevorzugung der mit Polen verbundenen Ereignisse nicht die Bedeutung der Kriegs­erfahrungen für die heutigen Polen, sondern ihre Suche nach einem Allheilmittel für ihre Komplexe widerspiegelt: „Die Maßlosigkeit der eigenen Martyrologie überdeckt uns das Leiden der anderen Nationen.“3 Diese Wertschätzung des eigenen Martyriums nahm nach 1989 noch zu, nachdem man über die Repressionen nach der Besetzung der polnischen Ostgebiete durch die UdSSR am 17. September 1939 offen zu sprechen begann. Das Leiden der Polen während des Krieges wurde in der öffentlichen Meinung noch größer, neue Namen von Märtyrern und neue Gedenkorte an einstigen Hinrichtungsstätten kamen hinzu. Dieser Stolz mischt sich jedoch mit der Bitterkeit über die Vergeblichkeit dieser Opfer, die sich in ihrer ganzen Breite bereits un­mittelbar nach 1945 gezeigt hat. Diese Sichtweise passt gut zum Kult der Niederlage und des Stolzes auf die moralischen Siege bei gleichzeitigem Fehlen militärischer und politischer Erfolge. Es scheint, dass sich die monumentalen Feierlichkeiten zum 60. Jahres­tag des Warschauer Aufstandes sowie die Eröffnung des Museums zur Erinnerung an dieses Er­eignis in eben diese Strömung gut eingeschrieben hat. Mit Genugtuung haben die Polen während der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes die Huldigungen durch die Ver­treter Deutschlands und der Anti-Hitlerkoalition entgegengenommen. Es fehlte nur die An­wesenheit des Präsidenten der Russischen Föderation bzw. seines Bevollmächtigten.

In 2005 Jahr weckte die Art des Ehrens des Kriegsendes durch Russland (mit großem Schwung), mit der Teilnahme von Vertretern der Mehrheit der Staaten der Welt, Unzufriedenheit und Be­unruhigung. Polen und die vom Kommunismus geschädigten Völker im Jahre 1945 bemühten sich zu manifestieren, dass diese Zäsur für einen Teil Europas keineswegs das Ende der Unter­jochung und Gewalt bedeutete. Diese Stimme hat sich gegen das Lob für die stalinistische UdSSR, den Besieger Hitlers, nicht durchgesetzt. Das Bewusstsein, dass Stalin zu den Riesen­erfolgen des Dritten Reiches in den Jahren 1939-1941 enorm beigetragen hat, blieb eine Spezialität Osteuropas.

In der Einstellung der Deutschen gegenüber Polen wirkte sich vor allem die Westverschiebung Polens und die Aussiedlung der dort lebenden Bevölkerung belastend aus.

Die neue territoriale Ausgestaltung Polens, das seit 1943 umgebaut wurde, ist während der Konferenz der vier Siegermächte in Potsdam beschlossen worden (Juli-August 1945). Polen verlor endgültig die Ostgebiete (ca. 180 000 qkm), um im Westen – wie man sich ausdrückte „unter polnischer Verwaltung“ – die deutschen Ostgebiete östlich von Oder und Neiße (ca. 102 000 qkm) zu bekommen. Man muss anmerken, dass die Mehrheit der Polen diese neuen Grenzen im Westen als Entschädigung für die Kriegsschäden und den Verlust der polnischen Ostgebiete betrachtete. Diese radikalen Gebietsveränderungen hatten bisher unbekannte Massenaussiedlungen der Deutschen und Polen von Osten nach Westen verursacht. Sie begannen mit der teilweise organisierten, aber in Wirklichkeit panikartigen Flucht der deutschen Bevölkerung vor der kommenden russischen Armee (Winter 1944-45). Diese Flucht verursachte große Verluste unter der zivilen Bevölkerung. Die Aussiedlung der Deutschen, die vor dem Abschluss der Potsdamer Konferenz (so genannte wilde Aussiedlungen) stattfand, bewirkte viel Unrecht und Leid, über das in Polen über Jahrzehnte lang geschwiegen wurde. „Der Hauptvorwurf, der der polnischen wissen­schaftlichen Literatur zu machen ist“ – schrieb einer der polnischen Forscher – „betrifft die Ent­humanisierung des Bildes der Aussiedlungen. In der polnischen Geschichtsschreibung schrumpft das dramatische Leiden von Millionen von Menschen auf die Dimensionen eines schwierigen organisatorisch-logistischen Unterneh­mens, das zwar gewisse Mängel aufwies, alles in allem aber doch ein Erfolg war.“4 In der letzten Zeit unternahm man in Polen Versuche, das Bewusst­sein der polnischen Bevölkerung über das Schicksal der deutschen Bevölkerung in Polen zu verändern. Es wird viel über die Zwangsarbeit der Deutschen in den Gruben, über ihre Deportation in die UdSSR, über die Arbeit in den Lagern Lamsdorf, Potulitz, Schwientochlowitz und die Frage der nationalen Verifizierung sowie über die Lage der deutschen Bevölkerung unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, um nur einige Probleme zu nennen, gesprochen. In diesem Zu­sammenhang muss man auch erwähnen, dass in der polnischen Geschichtsschreibung und polnischen Publizistik die Tragödie der polnischen Bevölkerung, verbunden mit Deportationen und später mit der Aus­siedlung aus Ostpolen, die die UdSSR verursachte, lange nicht angesprochen blieb. Dieses Problem ist auch wenig bekannt in Deutschland. In den letzten Wochen erschien in der deutschen Über­setzung eine Quellenedition unter der Redaktion von Stanisław Ciesielski, in der zum ersten Mal die Komplexität der Frage des Verlassens der Ostgebiete durch die polnische Be­völkerung in den Jahren 1944-1947 gezeigt wurde.

Die Angabe genauer Zahlen im Fall der Massenaussiedlungen ist nicht einfach. Ich nenne sie nach der polnischen Historikerin Krystyna Kersten, die sagt, dass „... nach dem 2. Weltkrieg über 20% der Deutschen und über 10% der Polen (wobei das Jahr 1939 als Ausgangspunkt für diese Ein­schätzung angenommen wird) ihre Heimat – nationale (staatliche) oder lokale verloren hat.“5 Die in Polen gebliebene deutsche Bevölkerung reiste entweder Mitte der 50er und der 70er Jahre im Rahmen der sog. Familienzusammenführung in die Bundesrepublik Deutschland oder in die DDR aus oder blieb nach wie vor in Polen. Diese letzte Gruppe wird heute als deutsche Minderheit in Polen anerkannt.

Das deutsch-polnische Verhältnis wurde zusätzlich komplizierter durch die in der zweiten Hälfte der 40er Jahre zunehmende Auseinandersetzung zwischen der UdSSR und der westlichen Welt. Die Folge war die Teilung Europas sowie die Teilung Deutschlands in zwei feindliche Lager. Die Bundesrepublik, die dem westlichen Lager angehörte, erkannte weder die Grenzbeschlüsse von Potsdam noch die Gründung des zweiten deutschen Staates an. Wegen ihrer politischen Stellung wurde die DDR von der polnischen kommunistischen Regierung als Bruderstaat betrachtet. Der Sieg der kommunistischen Ideologie in Polen aber auch in den anderen Staaten Ost- und Mittel­europas erschwerte auf diese Weise die komplizierten Probleme der deutsch-polnischen Be­ziehungen. In ihrem Lichte betrachtete man die internationalen Beziehungen durch das Prisma der Auseinandersetzung zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus. Die Bundesrepublik wurde allmählich zum negativen Haupthelden der kommunistischen Propaganda. Diese negative Ein­stellung drückte sehr treffend ein polnischer Journalist aus, der in der zweiten Hälfte der 50er Jahre folgendes schrieb: „Wenn man sich ein Bild von Westdeutschland machen wollte aufgrund dessen, was man neuerdings über diesen Staat geschrieben hat, würde dieses wie folgt aussehen: In den Kellern sitzen beim traditionellen Bier die Revanchisten mit dem Hakenkreuz auf dem Arm. Außen sind nur Ruinen zu sehen. Hinter diesen Ruinen stehen die großen Waffenfabriken von Krupp. Vor den Toren der Stadt marschieren die Wehrmachtstruppen.“ 6

Aufgrund der Abhängigkeit von der UdSSR hörte Polen auf, eine selbständige Außenpolitik zu führen. Die ganze Aktivität der polnischen Diplomatie konzentrierte sich seither auf die Be­ziehungen mit den sozialistischen Ländern. Man hielt die Unterzeichnung des Vertrages mit der DDR im Juni 1950, der die Grenze an der Oder und Neiße als die polnische und deutsche Grenze anerkannte, für einen Erfolg. Außerdem wurden auch Verträge über die Zusammenarbeit in ver­schiedenen Bereichen geschlossen. Jedoch trugen diese Verträge nicht zur Aufnahme normaler freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden Staaten bei. An dieser Stelle möchte ich die Meinung eines Oppositionellen in der damaligen DDR, Ludwig Mehlhorn, zitieren, der Anfang der 90er Jahre folgendes dazu sagte: „Zu der angeblichen Freundschaft zwischen Polen und der DDR kam es nie. Die beiderseitigen Freundschaftsbekundungen unterlagen der politischen Konjunktur und wurden bei Bedarf zur Disposition gestellt. Nicht obwohl, vielmehr weil die Freundschaft angeordnet war, ließ sie sich auch wieder verbieten. Das lässt sich an den teilweise hysterischen Reaktionen der DDR auf die in immer kürzeren Abständen auftretenden ‚polnischen Krisen‛ ab­lesen. Immer dann, wenn die Polen einen neuen Anlauf zu mehr innerer Liberalität nahmen oder die Umklammerung durch die Sowjetunion zu lockern versuchten, drängten sich die Funktionäre der DDR in die Rolle des Musterschülers der Sowjetführung. So war es 1956, 1968, 1970 und 1976.“ 7 Erst in den 60er und 70er Jahren entstanden in der DDR unabhängige Initiativen, die nach einer wirklichen deutsch-polnischen Verständigung strebten (Aktion Sühnezeichen in der DDR, Anna Morawska-Seminar u.a.), die jedoch für die DDR-Regierung verdächtig waren.

Eine gewisse Wende in der Wahrnehmung der polnischen Belange durch die Bundesrepublik Deutschland waren die Oktober-Ereignisse im Jahre 1956. Man sah in der polnischen Entwicklung einen Versuch, die große Abhängigkeit Polens von der UdSSR etwas zu lockern. In dieser Zeit kam es zur Aktivierung der polnischen Diplomatie; in dieser Zeit machte sie einige Versuche zur Auf­nahme diplomatischer Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland. Es ist ihr jedoch nur ge­lungen, eine außerdiplomatische Sphäre der gemeinsamen Beziehungen, vor allem im Bereich des Kultur- und Wirtschaftsaustauschs, zu beleben. Polen trat darüber hinaus mit dem Vorschlag zur Durchführung der Familien­zusammenführung auf, der die Ausreise von 500 000 Personen, auch Polen, in beide Teile Deutschlands ermöglichte. Der Aufnahme der Beziehungen stand die sog. Hallstein-Doktrin im Wege. Sie besagte, dass die Bundesrepublik Deutschland keine Beziehungen mit diesen Staaten aufnehmen darf, die die DDR anerkannt haben. Bundeskanzler Adenauer glaubte darüber hinaus nicht an die Aufhebung der Abhängigkeit Polens von der UdSSR, und die deutsche Gesellschaft war zu diesem Zeitpunkt nicht bereit, die Oder-Neiße Grenze als Grenze zwischen den beiden Staaten anzuerkennen (die sog. Vertriebenenverbände hatten nach wie vor einen großen politischen Einfluss). Auch die polnische Regierung, vor allem der polnische Erstsekretär, Władysław Gomułka, betrachtete die Bundesrepublik misstrauisch und lehnte alle Ersatzlösungen, wie z.B. die Gründung der Handelsmissionen, ab. Viele Diskussionen rief auch eine andere polnische Initiative hervor, die die beiden deutschen Staaten betraf. Es handelt sich um den auf dem Forum der UNO am 2. Oktober 1957 vorgestellten Plan zur Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa, den sog. Rapacki-Plan.

Erste Zeichen der Veränderung in der Einstellung der Bevölkerung beider Länder konnte man erst Mitte der 60er Jahre feststellen. Die Hauptrolle spielten hier nicht die Regierungen, sondern die Kirchen in beiden Ländern, die evangelische in der Bundesrepublik und die katholische in Polen. Die Evangelische Kirche Deutschlands veröffentlichte im Jahre 1965 eine Denkschrift: „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“. Im selben Jahr richteten die polnischen Bischöfe eine Botschaft an ihre deutschen Amtsbrüder. Es ist in diesem Zusammenhang betonenswert, dass die Integration der deutschen Vertriebenen in der Bundesrepublik erfolgreich verlief, was allmählich die Negativeinstellung dieser Gruppe gegenüber Polen verändert hat. Auch die Polen, die in den „wiedergewonnenen Gebieten“ lebten, festigten die Grundlagen ihrer Existenz, sie fühlten sich von Seiten der Bundesrepublik nicht mehr bedroht. Ein Fanal für den Neubeginn auch im deutsch-polnischen Verhältnis war der Machtverlust der CDU/CSU (1965) und die Übernahme der Macht durch eine FDP/SPD-Koalition (1969), ver­bunden mit der Ankündigung einer neuen Ostpolitik. Als Folge kam es zur Belebung der west­deutschen Diplomatie am Ende der Regierung Gomułkas. Ein Paar Tage vor seinem Rücktritt, am 7. Dezember 1970, wurde ein „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volks­republik Polen über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehungen“ ge­schlossen, in dem die beiden Staaten „die Unverletzlichkeit ihrer bestehenden Grenzen jetzt und in der Zukunft“ bekräftigten und „sich gegenseitig zur uneingeschränkten Achtung ihrer territorialen Integrität“ verpflichteten. Zum Symbol für die zukünftigen deutsch-polnischen Beziehungen wurde der Kniefall des deutschen Kanzlers Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Ghetto-Auf­standes. In Warschau wurde die deutsche Botschaft eröffnet und in Köln die polnische. Es kam zu den Staatsbesuchen Brandts und Schmidts in Polen sowie Giereks in der Bundesrepublik. Dieser Vertrag trug zur Intensivierung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit bei, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet (Erteilung deutscher Kredite usw.). Es kam zur Gründung der ersten Städtepartnerschaften. In der Bundesrepublik begannen die deutsch-polnischen Gesellschaften zu arbeiten. Es kam zur Intensivierung des Tourismus. Immer mehr Polen besuchten die Bundes­republik und erzählten nach der Rückkehr über dieses Land, über seine Entwicklung usw. Aus dieser Zeit stammt die falsche Vorstellung der Polen von der Bundesrepublik als von einem Schlaraffenland. Nach der Unterzeichnung des Vertrages kam es auch zur Gründung der deutsch-polnischen Schulbuchkommission (1972), die sich mit der Revision der Darstellungsweise der deutsch-polnischen Beziehungen in beiden Ländern beschäftigte. In der Regierungszeit Giereks kam es darüber hinaus zur nächsten Welle der Ausreise der polnischen Bürger deutscher Ab­stammung in die Bundesrepublik.

Einen großen Eindruck auf die beiden Staaten, obwohl aus verschiedenen Gründen, machte die Gründung und die Entwicklung der Massenbewegung „Solidarność“ in Polen im Jahre 1980. Die Regierung der DDR reagierte auf die Ereignisse in Polen sehr allergisch – ähnlich wie im Jahre 1956. Es ist erst jetzt bekannt geworden, dass der erste Parteisekretär der SED, Erich Honecker, die militärische Intervention des Warschauer Paktes im Dezember 1980 befürwortete und andere sozialistische Staaten in dieser Richtung ermutigte. Die Einführung des Kriegszustandes (13. Dezember 1981) und die Zerschlagung von „Solidarność“ begrüßte er mit Befriedigung.

Die Reaktion der Regierung der Bundesrepublik auf die Gründung der ersten freien Gewerkschaft in den sozialistischen Ländern war sehr zurückhaltend. Manche deutschen Historiker behaupten, dass die Bundesrepublik den Abbruch des Entspannungsprozesses und eine Verschlechterung der sehr erfolgreichen deutsch-polnischen Beziehungen befürchtete. Jedoch zog die Einführung des Kriegszustandes eine eindeutige Verurteilung der polnischen Regierung nach sich und führte zur Verhängung wirtschaftlicher Sanktionen. Gleichzeitig wurde den polnischen Emigranten eine um­fangreiche Hilfe angeboten, und ihre Organisationen konnten sich frei entfalten. Die westdeutsche Gesellschaft reagierte auf die Erstickung der Solidarność-Bewegung sehr lebhaft. Den Polen, die als Vorkämpfer um die Unabhängigkeit eines eigenen Staates betrachtet wurden, wurde eine karitative Hilfe angeboten. Nach Polen kamen in den 80er Jahren viele Transporte mit Lebensmitteln, Kleidern und Arzneien. An dieser Aktion nahmen viele Tausende von Bundesdeutschen freiwillig teil. Die deutsche Hilfe hatte für Polen eine sehr große psychologische Rolle gespielt, vor allem für die Kriegsgeneration der Polen. „Am späten Abend“ – erinnerte sich an diese Zeit eine Polin – „kamen wir mit meinem Mann zu unserer Kirche. Vor der Kirche stand ein großer LKW mit dem deutschen Schild. Am Wagen machten sich die Deutschen mit dem Ausladen der Pakete zu schaffen. Das Gefühl der Zufriedenheit, dass jemand an uns denkt, dass wir nicht allein sind, stellte sich ein. Die Menschen gehen Risiken ein, wenn sie mit der Hilfe zu uns kommen. Das hat mich sehr be­rührt. Ich begrüßte diese Leute. Es kam auf uns ein Deutscher zu – klein, mit Bart, mit einer großen Wollmütze und drückte uns ein Paket in die Hand. Dieses Paket stammte von den Schülern der Martin Buber-Schule. Dann erinnerte ich mich an einen eleganten SS-Offizier, der unsere Tür­schwelle am September-Nachmittag (1939) übertreten hat. (...). Ich lernte die Menschen kennen, die in unserer Stadt gewohnt haben. Es stört mir nicht, wenn sie statt Wrocław Breslau sagen. Ich weiß, dass sie an dieser Stadt hängen. Ich fühle mich in Wrocław sehr heimisch und weiß, dass es ein Teil meiner Heimat ist.“ 8

Die polnische politische Opposition, die ihre Arbeit nach dem 13. Dezember 1981 im Untergrund fortgesetzt hat, diskutierte über die Stellung Polens im zukünftigen Europa nach dem Fall des Kommunismus. Sie reflektierte darüber hinaus das Problem der deutsch-polnischen Beziehungen, u.a. auch die Chancen für die Wiedervereinigung Deutschlands. Einer der polnischen Oppositionellen, Artur Hajnicz, erinnert sich wie folgt: „Erstens. Es ging vor allem um die Be­freiung Polens von der sowjetischen Umzingelung. Polen war ein Innenstaat im Satellitensystem. Ohne die Einheit Deutschlands konnte man diese Umzingelung, diesen Käfig, nicht aufbrechen. Zweitens ging es um eine geographische Annäherung an den Westen, an seine wirtschaftliche und militärische Struktur. (...) Eine grundlegende Verbesserung der Beziehungen zu Deutschland war also immer ein Teil und eine Vorbedingung der neuen Politik der okzidentalen Wahl.“9 Außerdem wurden die ersten Arbeiten veröffentlicht, die sich mit der Geschichte der deutsch-polnischen Be­ziehungen kritisch auseinandergesetzt haben. J. J. Lipski gab in seinem berühmt gewordenen Essay: „Zwei Vaterländer, zwei Patriotismen“ zum ersten Mal zu, dass ein Teil der Polen für das Leiden der Deutschen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich war, und stellte fest: „Den Polen scheint eine solche Darstellung der Dinge unerträglich – und das ist auch unschwer zu ver­stehen, denn die Proportionen sind absolut unvergleichlich. Man darf sich aber nicht mit einer Bagatellisierung der eigenen Schuld abfinden, selbst dann nicht, wenn sie unvergleichlich viel geringer ist als die fremde.“10 Der Zusammenbruch des kommunistischen Systems trug auch zur Ent­stehung eines Versöhnungsprozesses zwischen den Polen und ihren Nachbarn bei. Zum Symbol des Neuanfangs in den deutsch-polnischen Beziehungen wurde die Versöhnungsmesse auf dem Gut Kreisau/Schlesien, an der der polnische Premierminister T. Mazowiecki und der deutsche Bundes­kanzler H. Kohl am 12. November 1989 teilnahmen. Zur selben Zeit kamen die Ost-Berliner auf die Straßen und begannen die Berliner Mauer zu beseitigen, die zum Symbol der deutschen Teilung und der Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg geworden war. In den nächsten Tagen löste sich das Regime in der DDR auf, der Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands war frei. Die Ver­einigung der beiden deutschen Staaten stellte die polnische und deutsche Diplomatie vor neue Auf­gaben. Die Frage der Oder-Neiße-Grenze war wieder aktuell. Jedoch wurde sie im Grenzvertrag vom 14. November 1990 von den beiden Staaten als endgültig bestätigt. Der nächste Schritt war die Unterzeichnung des Vertrages über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit vom 17. Juni 1991, der die Rahmen für die Zusammenarbeit in nachfolgenden Jahren bestimmte (und bis heute bestimmt). Er regelte das Problem der Rechte der deutschen Minderheit, belebte den Austausch auf jedem Feld und hat Konditionen für die aktive Unterstützung durch Deutschland für europäische Aspirationen Polens geschaffen.

Ein kurzer Streifzug durch die wichtigsten Ereignisse der deutsch-polnischen Beziehungen nach 1945 zeigt deutlich, welchen Weg beide Völker durchgemacht haben, um die Annäherung durch den Dialog über die Grenzen hinweg zu erlangen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass das ein großer Erfolg ist, obgleich gegenwärtig sehr oft unterschätzt wird. An ihm nahmen nicht nur Staaten und Institutionen teil, sondern auch Massen der Bürger. In der kurzen Zeit wurde die Bundesrepublik zum Haupthandelspartner Polens. Polnische Studenten gehören zu den zahl­reichsten nationalen Gruppen an den deutschen Hochschulen, immer mehr deutsche Studenten besuchen polnische Universitäten. Es entwickelt sich der Wissenschaftleraustausch. In den Grenzregionen knüpfte man eine ganze Reihe von verschiedenen Kontakten an. Allerdings be­deutet das nicht, dass wir kritische Stimmen überhören sollen, nicht alle haben einen un­begründeten und populistischen Charakter. Die internationalen Kontakte bleiben nach wie vor mehr eine Aufgabe als etwas Fertiges, Erreichtes. Wie geht es denn weiter? Die historischen Fragen beiseite lassend – was wollen wir in unseren weiteren Kontakten erlangen? Was fällt uns bezüglich der polnisch-deutschen Nachbarschaft in Europa ein? Was für Ziele wollen wir ab­stecken? Die politische Mitarbeit in vorhergehenden Jahren war fruchtbringend. Die Aufnahme Polens in die NATO oder in die Europäische Union kann sie nicht enden. Zu den alten Aufgaben kommen neue hinzu. Die Mitgliedschaft Polens in integrativen Organisationen hat die Hand­lungsmöglichkeiten Warschaus vergrößert, sie hat die Entwicklung seiner Außenpolitik nicht be­grenzt. Es scheint, dass die Bundesrepublik fernerhin ein wichtiger Partner für Polen bleiben wird. Doch nach der sich gut entwickelnden wirtschaftlichen Zusammenarbeit sollte in der kurzen Zeit die politische folgen. Damit sich diese verwirklichen könnte, müssen sich beide Seiten an den Tisch setzen und bisherige Erfolge wie Misserfolge zusammenfassen, gemeinsame Ziele für die Zukunft abstecken. Sicherlich erstellen sie bei dieser Gelegenheit ein Differenz­protokoll. Das kann ein guter Ausgangspunkt zur Annäherung der Stellungnahmen in der Zu­kunft sein. An die deutsch-polnischen Beziehungen sollte man kurz- und langfristig denken. In den nächsten Monaten soll der sinnlose pseudohistorische Streit beendet sein, der einen Mangel an Ideen für die gegenseitige Nachbarschaft eher zeigt. Ein wichtiges Problem ist auch die Reflexion über eine gemeinsame Energie- (der Bau der Ostseepipeline und eventuelle polnische Teilnahme daran) und Ostpolitik gegenüber den Nachbarn Polens wie Weißrussland und die Ukraine. In dieser letzten Frage hat Polen in der Vergangenheit eine wichtige Rolle gespielt, in der letzten Zeit lässt das Interesse jedoch deutlich nach. Es scheint, dass man den deutsch-polnischen Dialog der Jahre 90er Jahre und die während dieses Dialogs gemachten Erfahrungen auf die Ukraine und die anderen Staaten, die die Mitgliedschaft in der Europäischen Union an­streben, mit Erfolg anwenden kann. Von langfristigen Projekten bleibt die Frage nach der Zu­kunft der Europäischen Union und die Notwendigkeit zur Verwirklichung ihrer grundsätzlichen Reform. Ein guter Anlass zur Aufnahme dieser Frage war die Übernahme der Präsidentschaft in der EU durch die Bundesrepublik und die Erneuerung der Versuche des Beschließens der Ver­fassung für Europa. An dem Reformprozess sollte Polen aktiv teilnehmen, es sollte nicht nur verbal, sondern konzeptionell seine Teilnahme deutlich machen. Die Bundesrepublik, also ein Staat mit bedeutenden EU-Erfahrungen sollte dabei als natürlicher Bundesgenosse betrachtet werden und nicht als Konkurrenz oder Feind. Allerdings fordert das von der polnischen Seite, vor allem von der polnischen Führung, die Definierung des Platzes Polens innerhalb der Unions­strukturen, und damit hat sie nach wie vor große Schwierigkeiten. Das Einreden den Bürgern, dass die EU einerseits eine großzügige Kasse und andererseits ein gefährliches übernationales Gebilde ist, kann endgültig schlimm enden. Es würde auch nützen, damit Deutschland begreift, dass seine Wirtschafts- und Gesellschaftsprobleme mangels innerer Reformen entstanden sind und nicht aus dem Zu­fluss illegaler Arbeiter zu erklären sind. Man muss darüber hinaus einen neuen Zugang zu den Gesellschaften beider Länder finden. Sowohl die schönsten auf­klärerischen Visionen als auch die freundschaftlich eingestellten Eliten der beiden Länder helfen nicht, wenn sie den Platz den Vertretern der populistischen Gruppierungen freiwillig einräumen.

Die Ergebnisse der letzten Meinungsumfragen in Polen zeigen, dass die Polen – für deren Groß­teil der letzte Weltkrieg weder eine persönliche Erinnerung noch eine Erfahrung ihrer Eltern dar­stellt – den Glauben an die Möglichkeit der Versöhnung mit dem westlichen Nachbarn wieder gewinnen, Fragen nach der gegenseitigen Vergangenheit traten also in den Hintergrund. Das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft. Man sollte – obgleich dies im Kontext der eingangs er­wähnten Schwierigkeit in gegenseitigen Beziehungen paradox klingen mag – eine gute Kon­junktur ausnutzen, welche Polen in der Bundesrepublik hat. „Obgleich das Bild Polens und der Polen – schrieben Lena Kolabinska-Bobińska und Mateusz Fałkowski auf Grund der in Polen und Deutschland durchgeführten Meinungsforschungen in den Jahren 2005-2006 – in der deutschen Gesellschaft weiterhin viele negative Elemente ausweist, überraschen deutlich positive Änderungen. Sechs Jahre vorher wurde Polen als ein fernes und rückständiges Land ge­sehen. Dieses Element des Bildes, obschon nach wie vor aktuell, verliert an Bedeutung. Immer mehr setzt sich im Bewusstsein der Deutschen durch, das Polen zu den sich dynamisch ent­wickelnden Ländern gehört. Der Prozentsatz der Gefragten, die die Polen als rückständig be­zeichnet haben, sank vom 44% im Jahre 2000 auf 32% im Jahre 2006. Die Deutschen zeigen immer öfter auf die Arbeitsamkeit der Polen. Bei den Deutschen nimmt das Bewusstsein der Veränderungen in Polen, die nach 1989 zustande gekommen sind, ständig zu.“ Nach Meinung der Forscher war der Grund für die Veränderung dieses Bildes die Tatsache, dass Polen der EU beitretend, sich in den Grenzen des Westens wieder gefunden hat. Zum Schluss stellten sie fest: „Diese Wahrnehmung der Dynamik der Änderungen in Polen durch die deutsche Gesellschaft und die wachsende Akzeptanz für Polen verursacht, dass mit einer größeren Wahrscheinlichkeit polnische Politiker von den Deutschen die Anerkennung der Subjektivität Polens als einen gleichwertigen politischen Partner in der EU erwarten können.“ Man soll einen Wunsch zum Ausdruck bringen, dass dieser Trend sich wie am längsten hält und Polen, auch in den Augen eines durchschnittlichen Deutschen, zu einem wichtigen, soliden und vertrauenswerten Partner in der EU würde, seine Komplexe loswerden würde und mit der ständigen Berufung auf historische Fragen aufhörte, die angesichts des Aussterbens der letzten Zeugen der tragischen deutsch-polnischen Geschichte immer unverständlicher werden. Das bedeutet nicht die Beerdigung der Bedeutung der Geschichte, sie sollte jedoch keinen Vorwand zur Instrumentalisierung, Manipulierung bilden. Die Erinnerung an sie sollte eher ein gemeinsamer Prozess sein. Das er­fordert auch von den Deutschen ein größeres Interesse an der Erfahrung der Polen, die heute auf die Vernichtung der polnischen Juden und die Tragödie des Warschauer Aufstandes sehr oft reduziert wird.

Anmerkungen

1 Tomasz Szarota, Wojna na pocieszenie (Der Krieg für den Trost), in: Gazeta Wyborcza vom 6.9.1996.

2 Vgl. Raport Centrum Badania Opinii Publicznej: Opinie o stosunkach polsko-niemieckich i reparacjach wojennych. Komunikat z badan z października 2004 r. (Bericht des Zentrums für die Erforschung der Meinung der Gesellschaft: Meinungen über die deutsch-polnischen Beziehungen und die Kriegsreparationen, Oktober 2004).

3 Vgl. Fußnote 6.

4 Zit. nach E. Dmitrów, Flucht-Vertreibung-Zwangsaus­siedlung, in: Deutsche und Polen. 100 Schlüsselbegriffe, hrsg. E. Kobylińska, A. Lawaty und R. Stephan, München 1992, S. 424-425.

5 Zit. nach K. Kersten, Przymusowe przemieszczenia ludności - próba typologii, (Zwangsweise Bevölkerungsverschiebungen - Versuch einer Typologie), in: Utracona ojczyzna. Przymusowe wysiedlenia, deportacje i przesiedlenia jako wspólne doświadczenie (Verlorene Heimat. Zwangsweise Aussiedlungen, Deportationen und Übersiedlungen als gemeinsame Erfahrung), hrsg. von H. Orłowski und A. Sakson, Poznan 1996, S. 29.

6 Zit. nach J. Ambroziewicz, E. Gonczarski, Polska-NRF (Polen-BRD), in:“Po prostu“, Nr 26 vom 30.VI.1957.

7 Zit. nach L. Mehlhorn, Die Sprachlosigkeit zwischen Polen und der DDR: Eine Hypothek, in: Deutschen und Polen. 100 Schlüsselbegriffe, hrsg. von E. Kobylińska, A. Lawyty und R. Stephan, München 1992, s. 523.

8 Zit. nach Erinnerungen von Hanna Jagodzińska, in: Materialien aus dem Wettbewerb der Stiftung Kreisau: „Rapatriierte - die polnische Ansiedlung im Westen und Norden Polens“, Ossolineum-Bibliothek, Wrocław o.J., S. 5.

9 Zit. nach Deutschlandpolitik, innerdeutsche Beziehungen und internationale Rahmen­bedingun­gen. Materialien der Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur in Deutschland, Bd. V/1, Frankfurt/M. 1995, s. 206.

10 Zit. nach: J. J. Lipski, Zwei Vaterländer – zwei Patriotismen. Mit einer Einführung von Gotthold Rhode, in: „Kontinent“, Nr. 22, Juli 1982, S. 13.

 

Buchausgabe: Lothar Nettelmann, Hrsg.: Europäische Umbrüche in deutsch-polnischer Perspektive. Reflexionen zur Entwicklungsdynamik in Mitteleuropa. Beiträge des Symposions »Politik und Wirtschaft in Polen – ein Beitrag zur politischen Bildung« der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. und der Niedersächsischen Landeszentrale für Politische Bildung im April 1999. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [ISSN 0945-1536]: Son­der­heft 1 / 2001. Texte aus der Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. Hannover 2001, 104 S., A 4, kart.
[ISBN 3-930307-11-1]

Internetpublikation:

Krzysztof Ruchniewicz (Wrocław): Deutsche und Polen nach der Wende – zwischen Versöhnungsrhetorik und realer Interessengemeinschaft

 - Durchgesehen Fassung. Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Schul- und Bildungsbereich zugestanden. Jede weitere Verwendung nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Autoren und des Herausgebers, UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. – Verantwortlich für die Internet-Publikation: Gerhard Voigt, eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de.

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Überarbeitet Juli 2009

   
   

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