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Jerzy Kozłowski:

Die Einführung der preußischen Verwaltung im Großherzogtum Posen 1815-1830

Die preußischen Annexionen der polnischen Gebiete begannen in der Zeit der Teilungen Polens 1772, 1793 und 1795. Schon nach der ersten (1772) und der zweiten (1793) Teilung wurde die preußi­sche Ver­waltung in der eroberten polnischen Provinz Wielkopolska (Groß­polen) mit der Hauptstadt Poznań (Posen) eingeführt. Doch in der Zeit des napoleonischen Über­gewichts kehrte hier die polni­sche Verwaltung, nach französischen Mus­tern reor­gani­siert, im Rahmen des so­genannten Herzog­tums Warschau (Księstwo Warszawskie 1807-1815) zurück. Erst in der Wiener Schlussakte vom 9. Juni 1815 erhielt Preußen einen Teil seiner ehemaligen Gebiete des Erwerbs von l772 und 1793 bis an die Prosna und den Gopło-See als „Großherzogtum Posen“ (Wielkie Księstwo Poznańskie) zurück. In den Ein­zelverträ­gen der Mächte war auch hier von den Rechten der polni­schen Nationali­tät die Rede. Doch nach der Besetzung durch die preußischen Truppen (1815) wurde im Großher­zogtum Posen die polnische Verwaltung ab­gesetzt und die preußische Ver­waltung einge­führt. Die deutsch-preußi­sche Verwal­tung dauerte im Posener Lande von 1815 bis 1919. Die Entscheidung des Wiener Kon­gresses war also praktisch eine Vierte Teilung Polens. Die neuen und auch zum Teil vorgefundenen Beamten wurden im Namen des preußi­schen Königs in Eid und Pflicht genommen: „Ich erkenne Seine Maje­stät den König von Preußen als den einzi­gen rechtmäßi­gen Souverain dieses Landes und den Anteil von Polen, welcher durch den Kongress von Wien dem Königlichem Preußi­schen Hause wieder zugefallen ist, als mein Vaterland an, das ich gegen jede Macht und gegen Jeder­mann, wer es auch sei, unter allen Umständen und Verhältnissen mit meinem Blute zu ver­teidigen verpflichtet und bereit bin“.1

Das Großherzogtum Posen, der Hauptteil der ehemaligen „südpreußischen Gebiete, welche durch den Wiener Kongress wieder Preußen zugeschlagen wurden, zugleich der Kern des historischen »Großpolen«, bildete ein Gebiet von knapp 30.000 km² mit 776.000 Einwoh­nern (1815). Als 1815 die preußische Herr­schaft in Groß­po­len wieder einkehrte, hat sie hier, als Er­gebnis der früheren Besiedlung, eine Vermi­schung der polnischen mit der deut­schen Be­völkerung angetroffen, meistens Protestanten, die oft hier seit einigen Generationen ihrer deutschen Abstammung bewusst lebten. Die Deutschen bildeten die Mehrheiten in den west­lichen und nördli­chen Kreisen wie Meseritz (Międzyrzecz), Birnbaum (Międzychód), Fraustadt (Wschowa), Czarnikau (Czarnków), Chodziesen (Chodzież), Wirsitz (Wyrzysk), Bromberg (Bydgoszcz) und auch in den meisten größeren Städten neben der noch nicht emanzipierten jüdischen Bevölkerung. Die nationalbewussten Polen bildeten kompakte Mehrheiten in den mittleren, östlichen und südlichen Kreisen. Nach der Konfessionssta­tistik 1825 (eine Sprachen- und Natio­nalitätenzählung gibt es für die erste Hälfte des 19. Jahrhun­derts nicht) befanden sich hier 65,6 % Katholiken, 28,1 % Protestanten (in der Mehrheit Deutsche) und 6,3 % Juden2. Die Deutschen im Großherzogtum Posen bil­deten durchaus keine Einheit und standen den Polen nicht etwa schroff und feindlich gegenüber. Auch die Gren­zen zwischen beiden Natio­nalitäten waren noch fließend und es gibt zahlreiche Bei­spiele von germanisierten Polen und solche polonisierter Deutscher.

Doch beginnend mit dem Jahr 1815 hat die preußische Herrschaft den Zustrom der deut­schen Bevölkerung in dieses Gebiet unterstützt und war bemüht den deutschen Besitzstand zu kräfti­gen. Das ging aus dem Hauptziel der preußischen Politik hervor: die volle Integra­tion des Pose­ner Landes im Rahmen der Hohenzol­lernmonarchie zu sichern. Gleichzeitig hat man jegliche Wiederaufbautendenzen des Polnischen Staates bekämpft. Das Augen­merk auf das Hauptziel ge­richtet, hat die preußische Regierung in den ein­zelnen Zeitab­schnitten ihrer Herrschaft, nur die Methoden ihrer Nationalpolitik geändert, die als Polenpolitik bezeichnet wurde.

In der Zeitspanne der ›stillen Jahren‹ 1815-1830 (auch ›Versöhnungszeit‹ genannt), versuch­ten der König Fried­rich Wilhelm III., sein Kanzler Karl August von Hardenberg und ein großer Teil der preußischen Beam­tenschaft die polnische Bevölkerung, vor allem den Adel, für den preußischen Staat zu gewinnen. In seinem ›Aufruf‹ vom 15. Mai 1815 hat der König den Polen zugesagt, dass sie ihre Nationalität nicht ver­leugnen dürften, dass die polnische Sprache neben der deutschen Amts­sprache sein wird und dass „jedem unter Euch nach Maßgabe seiner Fähig­keiten der Zutritt zu den öffentlichen Ämtern“ im ganzen Staat offen­stehen soll.3 Das Großherzog­tum erhielt einen eigenen Statthalter aus polnischem Hochadel, Fürst Antoni Henryk Radziwiłł, der durch seine Ehe mit Prin­zessin Luise (die Tochter des Bruders Friedrichs II.) zu­gleich dem Königshaus nahestand. Er sollte den preußischen König als Großherzog vertreten.

Der stark preußenfreundlich orientierte Fürst Radziwiłł meinte, dass in engen politischen Be­ziehun­gen mit Preu­ßen das Großherzogtum eine Autonomie erreichen könnte. Jedoch waren seine Kompe­tenzen durch die Instruk­tion des Kanzlers vom 16. Mai 1815 und durch die könig­liche Kabinet-Order vom14.Juni 1816 stark begrenzt, und er hatte keine wirkliche Macht. Als ein Strohmann ohne jegliche Befugnisse hatte er nur reprä­sentative Pflichten und beratende Funktion in Sachen der Polenpolitik. Er konnte gegen Verordnungen der provin­zio­nellen Behörden protestieren, aber es gelang ihm nicht diese zu verändern. Bald fand er ,hinter den Kulissen‘ Wege, auf die Entwicklung mildernden Ein­fluss zu nehmen. Viele Leute aller Stände und Konfes­sionen suchten nach und nach mit Erfolg seine Unterstützung. Residierend wechselnd in Berlin und Posen, aber auch immer lange Wochen auf sei­nen Landsitzen sich vergrabend, war er „gar nicht zu konsequenter Mitarbeit an den Aufgaben der Verwaltung fähig“ (so Manfred Laubert) und widmete sich mit Vorliebe hauptsächlich dem gesell­schaftlichen Leben. Er organisierte Bälle und Hofempfänge, Musikabende und Theaterveranstaltun­gen. So hatte er auch manche Verdienste für die Entwicklung der Kultur als Mäzen und ist bekannt als Komponist von Goethes Faust. Seine Frau, Prinzessin Luise, war durch ihre rege philantrophi­sche Tätigkeit sehr bekannt und unter den polni­schen niede­ren Ständen beliebt. Nach Ausbruch des polni­schen Novem­beraufstands in Warschau (1830) wurde der Statthalter als persona non grata durch den König stillschwei­gend sus­pendiert. Die offizielle Entbindung von seinem Amt erfolgte erst durch Königliche Order von 27. Januar 1833 und damit wurde dieses Amt faktisch liquidiert. Bald darauf, am 7. April 1833, ist der Fürst gestorben.4

Tatsächlich wurde die Verwaltung des Großherzogtums schon am 15. Mai 1815 vom König in die Hände eines preußischen Beamten mit dem Titel Oberpräsident gelegt, und erworbe­nes Territorium war ab diesem Datum als eine preußische Provinz zu betrachten. Die Pro­vinz Posen, nach der Hauptstadt Großpolens, Posen (polnisch Poznań) benannt, wurde ver­waltungsmäßig nach preußi­schem Vorbild in zwei Gebiete, so genannte Regierungs­be­zirke (regencje, rejencje) geteilt, deren Grenzen den Departements aus der Zeit des Herzog­tums Warschau entsprachen. Das waren: der Regierungsbezirk Bromberg (11.459 km²) und der Regierungsbezirk Posen (17.524 km²).5 Sehr schnell, am 1. März 1817, erfolgte hier die Ein­führung des preußischen Land­rechts und des Ge­richtswesens. Der Oberpräsident (naczelny prezes) der Provinz, vom preußischen König berufen, war das Voll­streckungsor­gan des Ministeriums in Berlin, und für seine Tätigkeit war er vor dem Kanzler und dem ent­spre­chendem Minister verantwortlich. Für jedes Jahr sollte er einen Bericht in Berlin vorle­gen, beson­ders dem Minis­ter der Inneren An­gelegenheiten. Zu dieser Stellung in der Provinz Posen (wie in allen anderen preußischen Pro­vinzen) war immer, solange die preußische Herr­schaft (bis 1918) dauerte, ein Deutscher beru­fen. Der Oberpräsi­dent war der Vorsit­zende des Oberpräsidiums, welches in Preußen in den Jahren 1806-1809 im Rahmen der Reformen des Freiherrn Karl vom Stein und Fürst Karl von Harden­berg eingeführt wurde (früher gab es stattdes­sen die sogenannte ›Kriegs-ökonomische Kam­mer‹).

Nach der Instruktion für die Oberpräsidenten vom 23. Oktober 1817 und deren endgültigen Be­stäti­gungen in den Jahren 1824-25 waren die erweiterten Befugnisse der Oberpräsidenten wie folgt:6

  1. Die Verwaltung aller ständischen Angelegenheiten, aller öffentlichen Institute und Si­cherheits­an­stal­ten der Provinz, die Verhandlungen mit den kommandierenden Generälen, die Aufsicht über die Tätigkeit der Katho­lischen Kirche („die Wahrnehmung des juris circa sacra catholicorum“) und die Aufsicht über die Zensur.

  2. Die Oberaufsicht über die Verwaltung der Regierungen (in Posen und Bromberg), der Landes­kul­tu­rämter und der Provinzial-Steuerdirektionen sowie die Aufsicht über die Dienst­führung und Lauterkeit der Beam­ten der untergebenen Behörden.

  3. Die Stellvertretung der obersten Staatsbehörden im besonderen Auftrage und bei außeror­dent­li­cher Veran­lassung (zum Beispiel bei Kriegsgefahr – Übernahme der gesamten Zi­vilver­waltung).

  4. Die Weiterleitung der mit eigenen Bemerkungen versehenen Berichte der Regierungen, Provin­zial-Steuer-Direktionen und General-Kommissionen an die Ministerien sowie die Ver­teilung der von dort erhalte­nen Bescheide an die unterstellten Behörden.

  5. Die Prüfung und Erledigung der Beschwerden über Verfügungen der Regierungen.

  6. Der Vorsitz und die Leitung der Konsistorien (evangelische Kirche), Schul- und Medizi­nal­kolle­gien.

  7. Die angemessene Mitwirkung bei großen Anschaffungen in der Militärverwaltung.

  8. Die nächste Instanz bei Konflikten der Regierungen unter sich und mit den Sonderbehör­den zu sein.

  9. Verschiedene Einzelzuständigkeiten, zum Beispiel Bewilligung von Märkten, Genehmi­gung von öffentli­chen Kollekten (Spendensammlungen), Erteilung von Schauspielkon­zessio­nen usw.

Diese Befugnisse gaben dem Oberpräsidenten die wirkliche Leitung der Verwaltung der Provinz im politi­schen Sinne und auch die oberste Aufsicht und Kontrolle über alle Beam­ten in der Provinz. Der Ober­präsident sollte sich um gesetzmäßige, schnelle und genaue Er­ledi­gung der Angelegenheiten kümmern. Er konnte die schlecht arbeitenden Beamten bestra­fen und abberufen und seine amtlichen Reisen in die Pro­vinz als Inspekti­onsreisen betrach­ten. Man muss unter­streichen, dass er zugleich das Amt des Präsidenten des Regierungsbe­zirks Posen bekleidete und ihn mit Hilfe des Vizepräsidenten verwaltete, während der Präsi­dent des Regie­rungsbezirks Bromberg seinen Bezirk unter seiner Auf­sicht verwaltete. In diesem Fall übte praktisch der Vizepräsident der Provinz Posen die Funktion des Präsiden­ten der Regierung aus, und auf An­trag des Ober­präsidenten hatte er diesen in Abwesenheits- oder Krankheitsfällen zu vertreten und war somit als der zweit­höchste Verwaltungsbe­amte der Pro­vinz zu betrachten.7

Die Instruktion von 1817 und die Verordnung vom 31. Dezember 1825 versicherte den Ober­präsi­den­ten in allen preußischen Provinzen die Stellung, die sie bis 1932 behielten. Der Ober­präsident war dem Staatsminis­terium und jedem einzelnen Minister in dessen Wir­kungskreis untergeordnet und verpflichtet. Es war ihm untersagt, in die Detailverwaltung der Berliner Zentrale einzugreifen.

Der erste in der Reihe der Oberpräsidenten in der Provinz Posen war Joseph von Zerboni di Sposetti (1766-1831). Er entstammte einer aus Italien nach Breslau (Wrocław) eingewander­ten und hier ger­ma­ni­sier­ten Kauf­manns­familie. Er war schon in südpreußischer Verwaltung (bis 1807) als Kriegs- und Domänenrat tätig und kaufte damals ein Landgut bei Kempen (Kępno). Seit 1810 war er mit dem Titel ›Wirklicher Geheimer Rat‹ als preußischer Unter­händler in Warschau tätig, wodurch er sich Hardenbergs Gunst erwarb und vom Kanzler dem König empfohlen wurde. Als liberaler Guts­besitzer in der Provinz war Zerboni di Spo­setti des Polnischen mäch­tig und bekannte sich zum auf­geklärten Katholizismus. Deshalb war er den re­aktionären Ministern, insbesondere Schuckmann und Bülow, stark verdächtig. Nach dem Tode seines Gönners, des Kanzlers Hardenbergs, wurde durch Königliche Order vom 8. November 1824 seine Entlassung, nach der amtlichen Verlautbarung aus Gesund­heitsgründen, aus­gesprochen. Am 12. Januar 1825 trat Zerboni mit 2500 Talern jährlicher Pension und „von einem Teil seiner Mitarbeiter aufrichtig betrauert“, in das Privatleben zu­rück. Er verlebte die letzten Jahre auf seinem Gut Rąbczyn bei Wongrowitz (Wągrowiec), wo er am 27. Mai 1831 einem Schlaganfall erlag.8

Zerboni di Sposetti, mit breiten Befugnissen von Hardenberg ausgestattet, hat erfolgreich die neue preußische Verwaltung in der Provinz eingeführt. Zerboni passte nicht gut in den Rahmen der „schablonenhaften Berliner Bürokratie“, war gedankenreich und stürmisch, aber auch vor­schnell im Urteil und änderte seine Ansichten oft von heute auf morgen.9 Schon am 28. Mai 1815 traf er in Posen ein und am 31. Mai übernahm er als Ober­präsi­dent die Verwaltungs­geschäfte in der Provinz. Nach seiner Verordnung vom 4. Juni sollten die bis­herigen Ver­waltungsbehörden bis zum Erlass neuer Verfügungen respektiert wer­den. Doch bald, in Folge seiner Bekanntma­chung vom 30. Juni, wurden an die Stelle der bisheri­gen Prä­fektu­ren, Schatz­direktionen und Ver­waltung der Domänen und For­sten für jedes Departe­ment (in Posen vom 17. Juli und in Bromberg vom 1. Juli) die Regie­rungs­kommis­sionen eingesetzt. Alle amtlichen und privaten Schreiben sowie Gesuche waren an sie zu richten und alle Verordnungen, Befehle und Antwort auf Gesuche dieser Zentralinstanzen muss­ten in beiden Sprachen (d.h. im Deutschen und Polnischen) ergehen. Die Regierungs­kommissio­nen wur­den als inte­rimistische Ver­wal­tungsinstanzen betrachtet und schon vom 1. Januar 1816 wurden sie in Ämter (der) Regie­rungen umbenannt. Das beendete den Wech­sel der Verwal­tungsbehörden, die innerhalb weni­ger Jahr­zehnte erst polnisch, dann preu­ßisch, dann pol­nisch-französisch und nun wie­der preu­ßisch waren. Alle diese Verän­derrun­gen hatten viele Ver­wirrungen gebracht, ganz abgesehen von den Kriegsfolgen im Lande. An der Spitze der Regierung stand der Regierungspräsident. In Posen gehörte diese Stelle dem Oberpräsiden­ten (Zerboni di Sposetti), doch – wie oben gesagt – hat dieses Amt in den Jahren von 1816 bis 1825 faktisch der Vizepräsident von Colomb über­nommen. Colomb, (geboren 1768 in Berlin, gestorben 1841) war seit 1791 ein Beamter sehr er­fahren im preu­ßischen Dienst und dann im Her­zogtum Warschau; Zerboni hat ihn hoch­ge­schätzt.10

Der erste in der Reihe der Regierungspräsidenten in Bromberg war der ehemalige Königs­berger Poli­zeipräsi­dent von Stein, welcher schon ab 17. Mai 1816 als Chefpräsident der Regierungs­kommission die Geschäfte führte. Früher hatte er 26 Jahre in polnischen Dien­sten als Beamter gestanden und obgleich er aus dem polni­schen Adelsgeschlecht von Ka­mieński stammte, war er sehr deutsch gesinnt. Der Statthalter Radziwiłł hat ihn sogar polenfeindlich genannt, weil er die polnischen Beamten aus den Ämtern verdrängte. In Wirk­lichkeit aber wollte er nur „keine un­brauchbaren Staatsdiener“ um sich dulden; seine Maß­nahmen waren streng, aber gerecht. 1821 schied von Stein, nach seinem 40-jährigen Dienstjubiläum, wegen schlechter Gesundheit aus dem Amt. Die nächsten vier Jahre war es schwer, einen Nachfolger zu finden. Deshalb leiteten die Regie­rungsgeschäfte in Bromberg der Vizepräsident von Kozierowski und der Regierungs­direktor Wilhelm von Leipziger. Erst am 25. Februar 1825 wurde der Vizepräsident aus Posen, von Colomb, nach Bromberg als neuer Regie­rungschef ver­setzt.11

Der Oberpräsident Zerboni di Sposetti organisierte schon in den ersten Jahren seiner Amts­füh­rung das Ober­prä­sidium der Provinz Posen. Das neue Amt, welches ihm unterlag, hatte sei­nen Sitz an der Gołębia-Straße (Taubenstraße) in Posen im Gebäude des ehemaligen Jesuiten­kollegiums.12 Hier befand sich auch das Amt der Regierung Posen. Die Beam­ten­schaft in diesen beiden Kollegien­ämtern war nicht zahlreich (zum Bei­spiel in der Kanzlei und im Büro des Ober­präsidiums arbeiteten 18-19 Personen, in dem Amt der Regierung ungefähr 100 Personen) und aus Sparsamkeitsgründen außerordentlich knapp besoldet. Es wurde mit so geringem Per­sonal (besonders subalternem Personal in Büros) gearbeitet, dass die Beamten ihre Aufgaben nur bei ununter­brochener äußerster Anspan­nung erfüllen konn­ten.13 Die Verwaltung brauchte quali­fizierte Staatsdiener und es gab nicht viele, besonders unter den Polen, von denen man vor allem gute Kenntnisse der deutschen Spra­che ver­langte. Für höhere Stellen waren schon im voraus mehrere nach ihrer Vergan­genheit besonders geeig­nete Personen aus­gewählt worden, in erster Linie solche, die nie antipreußisch waren. Es ist zu betonen, dass vielfach damals wie später die Bereitschaft zu einer Tätigkeit in der Verwal­tung der Provinz Posen sowohl unter Polen wie auch unter Deutschen äußerst gering war und man mit großer Anti­pathie zu kämpfen hatte.14

Die beiden Ämter der Regierungskollegien (Posen und Bromberg) waren in zwei Abteilun­gen geteilt nach der Art der Geschäfte, die sie geführt hatten. Die I. Abteilung, Abteilung des Innern benannt, beschäf­tigte sich mit:

  1. Inneren Angelegenheiten der Landeshoheit wie: Ständische, Verfassungs-, Landes-, Grenz-, Hul­di­gungs-, Abfahrts-und Abschoss –Sachen, Zensur und Publikation der Gesetze durch das Amts­blatt.

  2. der Landespolizei als: Polizei der allgemeinen Sicherheit, der Lebensmittel und anderer Gegen­stände, Auf­sicht über das Armenwesen, Vorsorge zur Abwendung allgemeiner Be­schädigungen, Aufsicht über Besse­rungshäu­ser (Besserungsanstalten), milde (karitative) Stiftungen, Kommu­nen und Korporatio­nen (Vereine), die keinen gewerbli­chen Zweck hatten.

  3. Militärsachen, bei denen Einwirkung der Zivilverwaltung stattfindet wie: Rekrutierung, Ver­ab­schie­dung, Mobilmachung, Verpflegung, Märsche, Servis, Festungsbau. Dazu künftig:

  4. Kirchen-und Schulkommission, Sanitätskommission.

Die zweite Abteilung, in drei Unterabteilungen gegliedert, beschäftigte sich mit:

  1. dem gesamten Staatseinkommen des Regierungsbezirkes, [insofern sie nicht für beson­dere Be­hörden aus­drücklich bestellt sind (wie z.B. Bergwerks- und Salzangelegen­hei­ten), also Domänen, säkulari­sierte Güter, Forsten, Steuern, Regalien, Akzise und Zölle.

  2. der Gewerbepolizei in Bezug auf Handel, Fabriken, Handwerk und gewerbliche Korpora­tionen.

  3. dem Bauwesen im Land sowie Wasserbau.15

  4. Seit 1826, nach der Instruktion vom 31. Dezember 1825 an die Abteilung II., gehörten nur direkte Steu­ern zum Aufgabenkreis, während indirekte Steuern dem Provinzial­steuer­di­rektor, der direkt dem Finanzmi­nis­te­rium in Berlin unterlag, zugewiesen wurden. Der erste Provinzialsteuerdirektor in der Provinz Posen war der Oberrat Loeffler. Die Steuern wurden 1820 in der ganzen Monar­chie unifiziert.16

Seit 1816 wurden durch die Regierungs-Kollegien die amtlichen Wochenblätter herausgege­ben: in Bromberg »Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Bromberg« und in Posen »Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Posen« mit einem Anhang unter dem Titel: »Öffentlicher Anzeiger« (»Publiczny Donosiciel«). In den Amts­blät­tern wurden Verord­nun­gen, Bekanntmachungen der Verwaltung, der Polizei und der Gerichte in Pol­nisch und Deutsch veröffentlicht.

Die Regierungsbezirke wurden in Kreise (powiaty) geteilt. Die Zahl und Begrenzungen der einzel­nen Kreis­be­zirke wurden (im Vergleich zu der Ver­waltung des Her­zogtums War­schau) im Allgemeinen nicht viel geändert und den neuen Grenzen der Provinz angepasst. Von 1817 bis 1887 zählte die Provinz Posen 26 Kreise. Der Regierungsbezirk Posen bestand aus den l7 Kreisen: Meseritz (Międzyrzecz), Birnbaum (Międzychód), Bomst (Babimost), Samter (Szamotuły), Buk (Buk), Kosten (Kościan), Posen (Poznań), Obornik (Oborniki), Schroda (Środa), Schrimm (Śrem), Wreschen (Września), Pleschen (Pleszew), Fraustadt (Wschowa), Kröben (Krobia), Kro­toschin (Krotoszyn), Adelnau (Odolanów) und Schildberg (Ostrzeszów). Der Regierungsbezirk Bromberg bestand aus neun Kreisen: Czarnikau (Czarnków), Chodziesen (Chodzież), Wirsitz (Wyrzysk), Bromberg (Byd­goszcz), Schubin (Szubin),Wongrowiec (Wągrowiec), Gnesen (Gniezno), Mogilno (Mogilno) und Inowraclaw (Inowrocław, später Hohensalza).

In jedem Kreise entstanden Landratsämter mit einem Landrat (polnisch: radca ziemiański, auch: ›starosta‹ genannt) als leitendem Beamten. Zur Zeit des Herzogtums Warschau stan­den an der Spitze der Kreise nach fran­zösischem Muster so genannte Unterpräfekten. Man­che von ihnen wurden in den ersten Jahren der preußi­schen Verwaltung in ihren Posten pro­visorisch bestätigt. In dem Regierungs­bezirk Bromberg waren schon am 1. Januar 1818 als Landräte amtlich be­stätigt: Grabowski in Brom­berg, Bukowiecki in Wirsitz, von Stosch in Chodzie­sen, Zawadzki (Deutscher) in Czarnikau, Klocz­kiewicz in Schubin, Cylwikowski in Mogilno, Nieży­chowski in Won­growiec, Nowacki in Gnesen, Tadeusz Wolański in Ino­wroc­ław. Viele Landräte waren bis 1830 polnische Guts­besitzer. Doch schon im Laufe der drei­ßiger Jahre finden wir fast aus­nahmslos Landräte deutscher Herkunft und evangelischer Kon­fession. Begründet war dieses darin, dass polnische Gutsbesitzer oder ihre Söhne einer­seits überhaupt den Eintritt in die preußische Verwaltung mie­den, andererseits sich aber unloyal verhielten. „Vielleicht war das ein Fehler in der Verwaltungspolitik, weil man die polnischen Gutsbe­sitzer damit grundsätzlich aus der Verwaltung und in die Opposition drängte.“17

In den Landratsämtern wie in den übrigen Unterbehörden herrschte anfangs große Verwir­rung: man verwal­tete teils nach alten Vorschriften, teils nach neuen, teils gar nicht. Doch bald, schon um 1816, wurde der Geschäfts­kreis der landrätlichen Ämter bekannt. Die Land­räte, welche dienstlich dem Prä­sident der Regie­rung unterstan­den und ihm die Berichte abgeben sollten, er­hielten zur Führung und Leitung:

  1. Alle polizeilichen Angelegenheiten in den Städten und auf dem platten Lande (sie waren vor­ge­setzte Behörde aller Ortspolizei und Kommunalbehörden).

  2. Sämtliche Militär-, Marsch-, Verpflegungs- und Aushebungsangelegenheiten.

  3. Die Aufsicht über die karitativen Stiftungen, sowie über die geistlichen und Schulangelegen­heiten, insoweit diese von der Regierung abhingen.

  4. Die Aufsicht über die Kreis- und sonstigen Kassen, die ihre Hebung an die Kreiskasse ab­lieferten.

  5. Die Besorgung aller von der Regierung besonders aufgetragenen Geschäfte (als örtliche „Kommission der Regierung“).

Die Stellung der Landräte war in vieler Hinsicht schwierig. Als oberste Verwaltungsbeamte standen sie den Krei­sen vor, und die Kreise erforderten mit der Zunahme an Einwohnern eine ständig anwach­sende Verwal­tungsar­beit. In den Kreisstädten gab es keine eigenen Land­rats­ämter. Die Landräte mussten zur Miete woh­nen und hat­ten in einem Mietslokal das Büro der Kreisverwaltung eingerich­tet. Das Jahresgehalt eines Landrats war nicht hoch und betrug ge­wöhnlich 800 bis 1000 Taler.18

Nach einer Kabinettsorder von 1820 sollten die Landräte wie die Ortspolizeibehörden in den Städten Gen­darme­rie zu ihrer Unterstützung erhalten. Es gab in der Regel nur einige Gen­darmen im Kreise, es fehlte an Leuten, und sie wurden schlecht behandelt und bezahlt. Die Magistrate in den Städten sollten sich mit ihren Ange­legenhei­ten in der Regel auch an die Landratsämter wenden, nicht an die Regierung.

Das Landratsamt bestand aus dem Landrat, dem Kreissekretär, dem Kreiskassenrendanten, manch­mal einem Steuereintreiber, dem Schreiber oder Kanzelisten und dem Kreisboten. Die Anzahl der Kanzeli­sten und Boten wurde nach der Größe des Kreises bestimmt.19 In der Provinz Posen beschäftigte man in jedem Kreise auch einen Dolmetscher, der der deutschen wie der polnischen Sprache mächtig sein sollte. Auch die Kreissekretäre waren fast aus­schließlich deutscher Herkunft. Der gro­ßen Arbeitsbelastung wegen erlitten viele Beamte schwere Krank­heiten und mussten oft auf längere Zeit beurlaubt werden.

Die Landräte wurden nach den Regeln der preußischen Verwaltung von der Regierung und dem Ober­präsi­dium dem Innenministerium vorgeschlagen, das selbst eine geeignete Persön­lichkeit bestimmte. Jeder Landrat über­nahm sein Amt zunächst kommissarisch. Nach eini­gen Monaten wurde er von einem höheren Regie­rungsbeam­ten, meist vom Regierungspräsi­denten selbst, an Ort und Stelle der Geschäftsführung überprüft. Erst auf den darauffolgen­den Bericht hin reichte der Innenmini­s­ter im Einvernehmen mit dem Finanzminister den betreffenden kommissarischen Landratsamtsverwal­ter beim König zur Ernennung ein.20

Als die höchste Behörde in jedem Kreise war der Landrat Königlicher Beamter in einem ganz bestimmten staats­politischen Sinne, doch er war nicht nur Verwaltungsbeamter im techno­kratischen Sinne, sondern hatte als sicht­bare ,Spitze‘ seines Kreises auch gesellschaft­lichen Ver­pflichtungen nachzukommen. Er sollte auch das Vertrauen der Kreiseinwohner haben. Länger als in den übrigen preußischen Provinzen trug das Landratsamt in der Provinz Posen ständisch-repräsentative Züge. In der Instruktion aus dem Jahr 1816 hieß es, dass der Landrat mit Be­leh­rung, Aufmunterung und gutem Rate den Landleuten an die Hand zu gehen und die Gesin­nung für König und Vaterland zu heben habe. Er sollte für gute gesell­schaftliche Beziehungen mit den ständi­schen Repräsentanten den Einwohnern sorgen, beson­ders mit den adligen polnischen und deutschen Fami­lien.21

Während der zehnjährigen Verwaltung der Provinz Posen schuf Zerboni di Sposetti hier die Grundla­gen der dreistufigen preußischen Verwaltung (Oberpräsident, Regierungspräsident, Landrat), ent­sprechend der terri­toria­len Verteilung (Provinz, Regierungsbezirken, Krei­se). Die ganze Verwaltung der Provinz war streng der Zentrale in Berlin untergeordnet, d.h. dem Ministerium und dem König. Das hat sich bis Ende der preußischen Herrschaft im Jahre 1919 gehalten. Es wurde nur eine Innova­tion eingeführt. Im Jahre 1836 waren die Kreise in so ge­nannte Distrikte (Distriktsbezirke), mit einem Distriktskommissar an der Spitze, der als ein Helfer des Landrats betrach­tet wurde, geteilt. In dieser Zeit wurden auf den Dörfern Woytämter, die dem Landrat unter­geordnet waren, aufgehoben. Diese Ände­rung wurde nicht in den anderen preußischen Provinzen eingeführt und sollte den Ein­fluss der polni­schen Adeligen auf die Bauern einschränken.22

Als Nachfolger Zerbonis di Sposettis wurde Anfang 1825 Johann Friedrich Theodor Bau­mann zum Oberprä­si­denten der Provinz Posen ernannt. Geboren 1767 in Bodenteich, seit 1818 bis 1824 Präsi­dent der Regierung in Königsberg, war er auch (wie Zerboni di Sposetti) der polnischen Sprache mächtig und nicht feindlich gegenüber den Polen gesinnt. Jedoch als typisch preußischer Bürokrat („vom Gottesgnadentum der preußi­schen Büreau­kratie innigst überzeugte Mann“ – so Manfred Lau­bert) und dazu noch sehr ehrgeizig, gelang es ihm nicht, gute Be­ziehungen und Verbindungen mit den polnischen wie mit den deutschen Ein­wohnern der Provinz anzuknüp­fen. Hinsichtlich der Juden­frage sah er das Hauptziel darin, sie zu Christen zu machen.23

Baumann sorgte sich als Oberpräsident (1825-1830) besonders um die Vermehrung der deut­schen Beamten und der deutschen Lehrer in der Provinz. In dieser Zeit erfolgte eine erhebliche Beschrän­kung der polnischen Sprache in der Verwaltung, dem Gerichtswesen und dem Schul­we­sen.24 Die Leitung des Schulwesens in der Provinz übernahm schon im Jahre 1824 der Schulrat August Ludwig Jacob (1789-1862), der hier das Provin­zial-Schul-Kollegium bei dem Ober­präsidium in Posen organisierte. Das Provin­zial-Schul-Kollegium hatte die Aufsicht über alle Elementarschulen in den Dörfern und Städten der Provinz (Volks­schulen), über alle höheren Schulen (Gymnasien) und über die Lehranstalten für die Bildung der Leh­rer. Das Schul-Kollegium beaufsich­tigte und kontrol­lierte den ganzen Lehr- und Bildungsprozess sowie die Schul­handbücher und die Lehrer und hatte auch über die Lehrer manche disziplinarische Befug­nis. Als Zivilbe­hörde begrenzte das Schul-Kollegium den Einfluss der Kirche und des polnischen Klerus auf das Schulwe­sen, obgleich der noch stark blieb. Der Schulrat Jacob forderte auch die deutsche Sprache in dem Posener Schulwe­sen und wurde bald den Polen „ein Dorn im Auge” (so Manfred Laubert).25 Die Polen meinten, er wolle die Schule als Germanisations­instrument be­nutzen; und in Wirklich­keit waren das die ersten Versuche, das Unmögliche zu realisieren.

Mitte der zwanziger Jahre entschied sich der König Friedrich Wilhelm III., einen so genann­ten Pro­vin­zialland­tag in der Provinz Posen zu berufen, und übertrug dem Oberpräsi­denten von Bau­mann als Kommis­sar die Leitung der Wahl der Abgeordneten für dieses Organ. Der erste Land­tag wurde auf Grund des spe­ziellen Gesetzes für die Provinz Posen vom 27. März 1824, als letzter unter allen im Königreich Preußen,26 am 21. Oktober 1827 eröffnet. Der Provinziallandtag des Großherzogtums Posen war ein feudales Organ beschränkter Selbst­verwal­tung. Er bestand aus 24 Repräsentanten (Deputierten) des Adels (Ritterstand), 16 Repräsentanten der Städte (Bürgertum) und 8 der Dorfge­meinden (Bauerntum). Bedingung der Wählbarkeit war in allen Kurien ein 10-jäh­riger Grundbesitz, die Zu­gehörigkeit zu einer der christlichen Kirchen, un­be­scholtener Ruf, Vollendung des 30. Le­bensjah­res, und preußi­sches Untertanenverhältnis. Die Zugehörigkeit zum Ersten Stand war auf die Besitzer von Rittergütern beschränkt. Die Wahlzeit (Amtszeit) betrug 6 Jahre und alle 3 Jahre schied die Hälfte der De­putierten aus, (das erste Mal nach dem Los). Die nächsten Provinzi­alland­tage ver­sammelten sich in Posen (Stadt) in den Jahren 1830, 1834, 1837, 1841, 1843 und 1845. Die pol­ni­schen Deputierten hatten die überwie­gende Mehrheit im Ritterstand, nur wenige waren in der Repräsenta­tion der Städte vertreten, und im Bauernstand hat­ten die Polen niemals mehr als zwei Deputierte. Das war die Folge der sozio-ökonomischen und rechtlichen Ver­hältnisse: die meisten polnischen Bauern hatten noch keine Eigen­tums­rechte.27 Deshalb wurden durchweg, sogar in überwiegend polni­schen Gegen­den, zu­meist deut­sche Wahlmänner entsandt und folglich die Deputierten des Deutschen Bauerntums zum Landtag gewählt, weil nur sie die gesetzlichen Anforderungen (d. h.: Besitztitel) erfüllten.

Die Befugnisse des Landtags blieben auf die Begutachtung vorgelegter Gesetzentwürfe und Bitten über die Pro­vinz betreffende Gegenstände beschränkt. In den 40er Jahren kam es oft zu Kompromissen zwi­schen pol­nischen und deutschen Deputierten des Landtags: die Deut­schen unterstützten die ›völkischen‹ Ziele der pol­nischen Partei und erkauften damit deren Beistand für ihre ›demo­kra­ti­schen‹ Pläne wie in Ver­fassungsfragen. Doch im allgemeinen überwog in den Landtags­ver­sammlun­gen die Stimmung des Loyalis­mus und Konserva­tis­mus, obgleich die Polen viele Petitionen zur Ver­teidigung der polnischen Sprache und zur Sonderstellung des Groß­herzogtums Posen vorgelegt haben. In der Regel wurden diese Peti­tionen vom König, mit der Zustimmung der provinzialen Ver­waltung, abgelehnt.28 Als Aus­nahme kann man die Be­willi­gung im Jahre 1829 betrachten, als die Edelleute drei Kandi­da­ten für die vakante Stellung des Landrats beantragen konn­ten.29 Diese Bewil­ligung wurde niemals realisiert, und schon im Jahre 1833 haben sich die Behörden zurück­gezogen.

Der Oberpräsident Baumann ist nach langer Krankheit am 4. Oktober 1830 in Posen gestor­ben. Sein Nachfol­ger, Eduard Heinrich Flottwell, begann den neuen Kurs der polnischen Politik in der Provinz. Seine Haupt­aufgabe in Anbetracht des polnischen November-Auf­stands in Warschau war, die preußi­sche Herrschaft, Sicherheit und Ruhe zu sichern. Er erhielt nicht nur spezielle Befugnisse vom König, sondern auch die fast volle Unterstützung der preußischen Verwaltung in der Provinz (um nicht von hier stationierten preußi­schen Heere­struppen und Garni­sonen zu sprechen).

Die Einführung und der Aufbau der modernen preußischen Verwaltung in der Provinz Po­sen in den Jahren 1815-1830, welche besonders dem Oberpräsidenten Zerboni di Sposetti und seinem milden Kurs in der Polen­politik zu verdanken ist, schuf die Grundlagen für eine stabile Ent­wicklung ohne große Veränderun­gen bis 1919. Die Ver­waltung war von Anfang eine deutsche, wie es der Charakter der preußischen Monar­chie mit sich brachte. Nach der „Programmatischen Denkschrift des Oberprä­sidenten Grafen Arnim für den König“ vom 30. Juni 184130 „muss es ...ein Grundsatz der Verwaltung in der Provinz Posen sein und bleiben: die vor­handene pol­nische Nationalität mit der dem Gange der geschichtlichen Begebenhei­ten, dem gege­benen Zustande und dem Unglücke gebührenden Achtung, so lange sie und wo sie besteht, zu schonen, und auf sie bei allen Schritten der Admini­stration wahr­haft wohl­­wollende und milde Rücksicht zu nehmen, daneben aber das in der Natur der Dinge, im wohl­verstandenen Interesse der Provinz und in der Nothwen­digkeit für die Sicherheit und Ruhe des Staates lie­gende Eindringen deutscher Cultur und deutscher Gesin­nung überall zu unterstützen und als endliches Ziel zu fördern.“ Graf Arnim, der liberaler Nachfolger Flott­wells in den Jahren 1841-1842 war, hat auch vor den Fehlern der preußischen Verwaltung in der Provinz gewarnt. „Solche Fehler wären Zwang, Härte, Ungerechtig­keit gegen die Po­len.“ Und solche Fehler waren der preußi­schen Verwal­tung gewöhnlich nicht fremd und haben, wie auch die Polenpolitik, später zur Entstehung gegenseitiger Feindlichkeiten beige­tragen.

Anmerkungen

1 Eidesformel für das Großherzogtum Posen, zitiert nach: Irene Berger: Die preußische Verwaltung des Regierungs­bezirks Bromberg (1815-1847), Köln und Berlin l966, S. 21.

2 Rhode, Gotthold: Geschichte Polens. Ein Überblick, Darmstadt 1980, S. 374-375.

3 Laubert, Manfred: Die Verwaltung der Provinz Posen 1815-47, Breslau 1923, S. 7. Nach M. Laubert „die Interpre­tation ließ zudem keinen Zweifel daran, daß die neue Provinz als integrierender Bestandteil Preu­ßen einverleibt war.“

4 Ibidem, S. 31-37; Adam Galos, Alina Nowak-Romanowicz: Radziwiłł Antoni Henryk (1775-1833), in: Polski Słownik Biograficzny, Band XXX, S. 156-160; Jan Wąsicki, Ziemie polskie pod zaborem pruskim, Wielkie Księstwo Poznańskie 1815-1848, Warszawa- Poznań 1980, S. 82-86.

5 Im Widerspruch zu den früheren königlichen Zusagen wurden von dem Bromberger Departement die Kreise Thorn (Toruń), Kulm (Chełmno) und Michelau (Michałowo) abgeschnitten und der Provinz Westpreußen eingegliedert. Die versprochene Zuordnung der Kreise Deutsch-Krone (Wałcz) und Kamin (Kamień Krajeński) aus Westpreußen ist nie realisiert worden.

6 Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten, Berlin 1826, S.1 ff.; Horst Kube, Die geschichtli­che Ent­wicklung der Stellung des preußischen Oberpräsidenten, Würzburg 1939, S. 23 f.; Klaus Helmut Rehfeld, Die preußi­sche Verwaltung des Regierungsbezirks Bromberg (1848-1871), Köln und Berlin 1968, S. 31-32.

7 Klaus Helmut Rehfeld. op. cit., S. 32.

8 Manfred Laubert, op. cit. S. 43-44.

9  Irene Berger, Die preußische Verwaltung des Regierungsbezirks Bromberg (1815-1847), Köln und Ber­lin 1966, S. 70.

10 Irene Berger, op.cit., S. 22; Manfred Laubert, op. cit., S. 42-43. Der Beamte Colomb ist nicht identisch mit dem 1843-1848 in Posen kommandierenden General Friedrich August von Colomb.

11 Irene Berger, op. cit, S. 74-75. Colomb besetzte diese Stelle in Bromberg bis zu seiner Pensio­nie­rung am 31. Oktober 1831.

12 In der Zeit des Herzogtums Warschau gab es hier das Amt des Präfekten des Posenschen Departements. Zerboni di Sposetti hat in diesem Gebäude auch die Residenz für den Statthalter eingerichtet.

13 Manfred Laubert, op. cit., S. 62-63. Er schreibt u. a.: „Normalgehalt bezogen nur wenige Männer. Das System der per­sönlichen Zulagen und Gratifikationen war selbst bei den höchsten Stellen nicht zu umge­hen und dadurch wurde nur von Fall zu Fall der dringendsten Not abgeholfen. Außerdem wirkte dieses Verfahren naturgemäß ungünstig auf die Bewegungsfreiheit und rückhaltlose Meinungsäußerung gegen­über den Vorgesetzten.“

14 Manfred Laubert, op. cit., S. 45.

15 Irene Berger, op. cit.,S.24-25.

16 Ibidem, S. 109-110. Die wichtigsten Steuern in Preußen waren: die Klassensteuer, die Gewerbe­steuer und die Grund­steuer.

17 Irene Berger, op. cit., S. 33; Klaus Helmut Rehfeld, op. cit., S. 52. Da es an geeigneten Persönlichkeiten fehlte, hatte sich die Praxis ausgebildet, dass meistens Regierungsassessoren diese Ämter übernahmen.

18 Klaus Helmut Rehfeld, op. cit., S. 52-53.

19 Irene Berger, op. cit., S. 34.

20 Thomas Gey, Die preußische Verwaltung des Regierungsbezirks Bromberg 1871-1920, Köln und Berlin 1975, S. 44-45.

21 Ibidem, S. 45-46.

22 Manfred Laubert, op. cit. S. 153-154; Irene Berger, op. cit. S. 40-48.

23 Manfred Laubert,op. cit., S. 50-52; Irene Berger, op. cit., S. 70-71.

24 Bolesław Grześ, Jerzy Kozłowski, Aleksander Kramski, Niemcy w Poznańskiem wobec polityki germa­nizacyjnej 1815-1920, Poznań 1976, S. 36-38 (Jerzy Kozłowski).

25 Manfred Laubert, op. cit., S. 241.

26 Gesetz-Sammlung 1824, S. 141 ff.

27 Der Prozess der landwirtschaftlichen Reformen (die Regulierung) in der Provinz Posen begann 1823 und dauerte fast bis 1850; er wurde von der General-Kommission durchgeführt nach dem „Gesetz wegen Regulierung der guts­herrli­chen und bäuerlichen Verhältnisse im Großherzogtum Posen, den mit Westpreußen wiederver­einigten Distrik­ten... Vom 8. April 1823 (Gesetz Sammlung 1823, S. 49-73).

28 Antipolnisch gesinnt kommentiert Manfred Laubert die Tätigkeit der Provinziallandtage in Posen wie folgt (M. Lau­bert, op. cit., S. 78): „In Wirklichkeit waren die Landtage für die polnischen Edelleute nur das legale Instrument zu ihren oft geradezu heuchlerischen Beschwerden und eine Reklame vor dem Volk“.

29 Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Posen 1829, auch dasselbe zu Bromberg.

30 Gedruckt in: Manfred Laubert, op. cit., Anex E.

Buchausgabe: Lothar Nettelmann, Hrsg.: Europäische Umbrüche in deutsch-polnischer Perspektive. Reflexionen zur Entwicklungsdynamik in Mitteleuropa. Beiträge des Symposions »Politik und Wirtschaft in Polen – ein Beitrag zur politischen Bildung« der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. und der Niedersächsischen Landeszentrale für Politische Bildung im April 1999. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [ISSN 0945-1536]: Son­der­heft 1 / 2001. Texte aus der Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. Hannover 2001, 104 S., A 4, kart.
Buchausgabe vergriffen [ISBN 3-930307-11-1]

Internetpublikation:

Jerzy Kozłowski: Die Einführung der preußischen Verwaltung im Großherzogtum Posen 1815-1830 Durchgesehen Fassung. Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Schul- und Bildungsbereich zugestanden. Jede weitere Verwendung nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Autoren und des Herausgebers, UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. – Verantwortlich für die Internet-Publikation: Gerhard Voigt, eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de.

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Überarbeitet Juli 2009

   
   

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