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Tomasz Markiewicz
Die politische Kultur der Polen
nach der Wende 1989
Definition der politischen Kultur
Der Amerikaner Gabriel A. Almond hat 1956
die heute geläufige Definition der politischen Kultur formuliert als “die
Gesamtheit der individuellen Einstellungen und Orientierungen der Teilnehmer
des jeweiligen Systems. Es ist eine subjektive Sphäre, die den politischen
Handlungen zugrunde liegt und diesen eine Bedeutung verleiht.”
Der polnische Soziologe Jan Garlicki
definiert die politische Kultur als eine zeitlich variable, durch historische
Tradition und Strukturen der politischen Institutionen und Grundsätze des
Funktionierens eines Systems geprägte Gesamtheit der Orientierungen einer
Gesellschaft, der sozialen Gruppen und Individuen in Bezug auf die Politik.
Die politische Kultur der Polen – historische
Traditionen
Die allgemeine Meinung über die Polen nennt als
ihre Nationaleigenschaften u.a. die Freiheitsliebe. Durch eine unglückliche
Schicksalsfügung hatten die Polen, 123 für die Entwicklung moderner
Gesellschaften in Europa wichtige Jahre lang, d.h. von 1795 bis 1918, keinen
eigenen Staat und somit keine Möglichkeit, ihr eigenes Modell einer Demokratie
zu entwickeln. Seit dem 16. Jahrhundert galt in Polen das System der ›Adelsdemokratie‹,
die aus demokratischen Strukturen für die privilegierte Klasse – die ›Szlachta‹
– bestand, und zwar in Form eines Parlaments für die gesamte Republik – des ›Sejm‹
– und der Kreisparlamente – der ›Sejmiki‹.
Die Könige wurden ebenfalls von der ›Szlachta‹
gewählt. Seit Anfang des 15. Jahrhunderts gab es keine erbliche Thronfolge. Die
›Adelsdemokratie‹
der Ersten Republik endete mit Anarchie und einem verspäteten, wenn auch
fortschrittlichen Versuch, die Staatsordnung in Anlehnung an die Ideale der
Aufklärung zu reformieren, in Form der ersten Verfassung in Europa und der
zweiten in der Welt, die am 3. Mai 1791 in Warschau verabschiedet wurde. Vier
Jahre später besiegelte die ›Dritte
Teilung‹ das Verschwinden Polens von der Landkarte Europas.
Eine neue Episode der – diesmal zeitgenössischen und modernen – Demokratie
folgte in den Jahren 1918-1939. Sie wurde unterbrochen durch den Krieg und
danach die Einrichtung des Kommunismus. Erst seit 1989 leben die Polen wieder
in einem demokratischen Staat.
Die erwähnte Verfassung vom 3. Mai 1791 hat in das
damalige politische Leben Polens neue Lösungen eingeführt, die die politischen
Rechte der Staatsbürger festgeschrieben, die Willkür der ›Szlachta‹
eingeschränkt, darunter den Grundsatz des ›Liberum
veto‹, d.h. der vorgeschriebenen Einstimmigkeit, die es einem
adligen
Sejm-Abgeordneten
ermöglichte, die Sitzung des Parlaments abzubrechen, wenn diese nicht nach
seinen Vorstellungen verlief. Dieser im 18. Jahrhundert missbrauchte Grundsatz
war einer der Gründe für die Krise, die Lähmung und den Sturz des Systems.
Darüber hinaus hat die Verfassung die Grundlagen für die Entstehung eines
modernen Staates geschaffen, in dem politische Rechte nicht nur der ›Szlachta‹,
sondern auch dem Mittelstand, d.h. dem Bürgertum zustanden. Die Verfassung
formulierte die Vorbilder der politischen Kultur und der Gestalt des Staates,
aus denen die kommenden Generationen der polnischen Politiker schöpften; sie war
ebenfalls eine Inspiration für die polnischen Politiker im Jahre 1918, als sie
die wiedergeborene Zweite Republik aufbauten.
Die politische Kultur der Polen hat ihre Wurzeln
in der Epoche der Aufklärung und des vorher herausgebildeten Systems der ›Adelsdemokratie‹.
Diese Tradition und die europäischen Vorbilder beeinflussen die Ansichten der
Polen im 19. und 20. Jahrhundert.
Die politische Kultur in der Volksrepublik Polen
In der Zeit 1944-1989 war die polnische
Gesellschaft in ihren Überzeugungen und Aktivitäten nicht homogen. Die
Tradition des Pluralismus in Polen wurzelt in der Epoche der ›Adelsdemokratie‹,
als das ›Königreich
Polen‹, in der Union mit dem Großherzogtum Litauen, ein
multinationaler Staat war. Im 17. und 18. Jahrhundert lebten neben der
polnischen Bevölkerung, die knapp die Hälfte aller Einwohner ausmachte,
Litauer, Ukrainer, Weißrussen, Deutsche, Juden sowie kleinere ethnische Gruppen
wie Tataren oder Armenier in Polen. Es dominierte die römisch-katholische
Konfession. Religionsfreiheit nahmen allerdings auch Lutheraner,
Calvinisten, Anabaptisten, griechische Katholiken, Orthodoxe, Moslems und
Juden in Anspruch. Die ›Adelsdemokratie‹
wurde endgültig durch die ›Dritte
Teilung‹ Polens im Jahre 1795 vernichtet, die Tradition der
Unabhängigkeit und des Ungehorsams blieb jedoch im Bewusstsein der Polen das
ganze 19. Jahrhundert hindurch verwurzelt und half dabei, die Zeit der
Unfreiheit zu überstehen und das nationale Bewusstsein trotz mangelnden Staates
sowie der Germanisierungs- und Russifizierungsprozesse wachzuhalten. Nach
der Erlangung der Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg im Jahre 1918 hat
sich in Polen ein System der pluralistischen Demokratie etabliert. Es
existierte ungestört von 1918 bis 1926. Die Tradition des Pluralismus und das
polyzentrische Modell des Staates hatten bis 1939 Bestand.
In der zweiten Hälfte der 40er Jahre, nach
Kriegsende, nach der Änderung der Grenzen und der Gründung eines neuen Staates –
der Volksrepublik Polen – hat die Gesellschaftsordnung eine Monostruktur
angenommen, was ein Merkmal des kommunistischen und totalitären Systems war.
Infolge des Krieges gab es keinen Vielvölkerstaat mehr – bedingt durch die
Änderung der Grenzen, den Holocaust sowie die Aussiedlung der Deutschen aus den
neu erworbenen Gebieten und der Ukrainer und Lemken aus den südöstlichen
Gebieten. Zum ersten Mal in seiner Geschichte wurde Polen zum Land einer Nation,
einer Ideologie, einer Religion, zentralistisch regiert. Außerdem war es,
anders als in der Zwischenkriegszeit, ein Staat mit beschränkter Souveränität,
abhängig von der Sowjetunion. Bald tauchten Widersprüche auf. Die
kommunistische Ideologie war mit der römisch-katholischen Religion nicht zu
vereinbaren. Die nationalen Minderheiten blieben erhalten, obwohl sie einen
geringen Anteil der Gesellschaft darstellten. Auch der kulturelle Pluralismus
blieb erhalten. In den ersten drei Jahren nach dem Krieg kam es zu Versuchen,
neue Organisationen zu gründen sowie eine legale Oppositionstätigkeit zu
führen. Die Einrichtung des Stalinismus im Jahre 1948 hatte diese Versuche
brutal unterbrochen, aber nach der ersten Entstalinisierung von 1956 führten
das nationale Bewusstsein und die politische Kultur der polnischen
Gesellschaft zu Versuchen, demokratische Werte zu bewahren und demokratische
politische Ansichten in das monozentrische System einzufügen. Diese Werte lagen
Protestbewegungen zugrunde und fanden sich in den Programmen der
Oppositionsgruppen. Die Aufgabe, die Werte der polnischen politischen Kultur
zu bewahren, wurde zu einem wichtigen Bestandteil des Ethos der polnischen
Intelligenz. Ideen und Ansichten zur Organisierung des Gesellschaftslebens,
die aus diesen Kreisen hervorgingen, haben mehrmals zu Veränderungen und
Reformen im Nachkriegspolen geführt.
Nach Jan Garlicki wurde die politische
Kultur der polnischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Zeit der
Volksrepublik Polen, durch zwei Faktoren geprägt. Erstens waren es Muster aus
der Vergangenheit, zweitens der Monozentrismus des Systems des real
existierenden Sozialismus.
Der Monozentrismus drückte sich in der
Eliminierung oder zumindest in einer Einschränkung der Aktivitäten der Bürger
in alternativen institutionellen Strukturen aus. Diese Aktivität wurde
reglementiert; die Möglichkeit, Parteien und quasi politische Organisationen
zu gründen, die Alternativen zu der regierenden kommunistischen Partei
vorschlugen, wurde eingeschränkt. Die sozialen Verhaltensweisen wurden von
einem politischen Entscheidungszentrum reguliert, das selbst keiner
gesellschaftlichen Kontrolle unterlag. Die vorherrschende Rolle im System
hatte die kommunistische
Polnische Vereinigte Arbeiterpartei
(PVAP), die von zwei ›Satellitenparteien‹ unterstützt wurde: der Vereinigten
Bauernpartei (ZSL) und der
Demokratischen Partei (SD), in der das Gewerbe und die
Kleinunternehmer vertreten waren. Der erwähnte G.A. Almond hat die
Voraussetzungen für die Gestaltung der politischen Kultur im real existierenden
Sozialismus in den Ländern Ostmitteleuropas trefflich charakterisiert und
festgestellt, dass Regierungen und insbesondere die Führungen der
kommunistischen Parteien “die Bestimmung des Organisationsmonopols und des
Monopols der Massenmedien anstrebten. Der ideologische Konformismus wurde
belohnt und die Abweichung streng bestraft. Die örtlichen und
nachbarschaftlichen Gemeinschaften wurden von Parteiaktivisten beaufsichtigt.
Kinder und Jugendliche wurden in parteitreuen Formationen organisiert, und in
den Schulprogrammen wurde Nachdruck auf linientreue ideologische
Indoktrinierung gelegt.”
Gegen den Monozentrismus des politischen Systems
wurde jedoch eine Abhilfe gefunden. Das Leben des Durchschnittspolen verlief in
zwei Wirklichkeiten – einer offiziellen und einer privaten. Dieses Phänomen
wurde von Czesław Miłosz in seinem 1953 im Exil erschienenen Buch ›Das
verführte Denken‹ als ‚Ketman‘ geschildert. Im offiziellen Leben verhielt sich
der Bürger entsprechend der Erwartungen der Obrigkeit und versteckte seine
eigentlichen Ansichten, während er im privaten Leben die Muster der
politischen Kultur aus der Vergangenheit beibehielt und das sagte, was er
wirklich dachte. Folglich glaubte vor der Wende 1989 nur ein Bruchteil der
Menschen an die herrschende Ideologie; ein seit 1948 allgemeines Phänomen war
die Flucht von der Politik in das Familien- und gesellschaftliche Leben. Diese
Tendenz nahm insbesondere in der Zeit des Stalinismus (1948–1956) und dann im
Kriegszustand (nach dem 13.12.1981) zu; sie wurde in Polen als ›innere
Emigration‹ bezeichnet.
In der ganzen Epoche der Volksrepublik Polen
entstanden allerdings legale Organisationen, die die Beteiligung derjenigen
ermöglichten, die sich mit dem sozialistischen System nicht identifizierten –
verschiedene Klubs, Organisationen, Vereine. Eine wichtige Rolle spielte die
katholische Kirche – eine Institution, die eine Erweiterung des Monopols der
komunistischen Partei auf die gesamte Gesellschaft erschwerte, die in das
politische Leben eingriff und in deren Umfeld verschiedene Organisationen
entstanden.
Die Wende 1980 in Richtung Systemwechsel
Die Welle der Arbeiterproteste im August 1980 und
die Entstehung der unabhängigen Gewerkschaft ›Solidarność‹,
die zu einer sozialen Massenbewegung von knapp 10 Millionen Polen wurde, hat
zur Beschleunigung der Systemreform beigetragen. Es war gleichzeitig ein
Ausdruck des Vertrauensverlustes breiter Kreise der Gesellschaft gegenüber den
Kommunisten, die die Versprechen einer besseren Zukunft nach der blutigen
Niederschlagung der Streiks im Dezember 1970 nicht einzuhalten imstande waren,
gegenüber einer totalen wirtschaftlichen Ineffizienz des Systems, die seit
Mitte der 70er Jahre spürbar war. Die Explosion der Unzufriedenheit wurde
unmittelbar durch die Verschlechterung der Lebensbedingungen und die
Einschränkung der Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit sowie durch die
Verlogenheit der Obrigkeit verursacht, die in den Medien eine
Erfolgspropaganda betrieb, während die Misere der Wirklichkeit ganz
offensichtlich war.
Die politische Kultur der regierenden Eliten war
nicht homogen. Ein Teil von ihnen war sich des Reformbedürfnisses bewusst,
daher war jedes dritte PVAP-Mitglied auch ein Mitglied der ›Solidarność‹.
Die Reformbewegung wurde durch den am 13.12.1981 verhängten Kriegszustand
gestoppt.
Während des Jahreswechsels 1988/89 reifte unter
den Machteliten das Konzept zur Aufnahme der Verhandlungen mit der illegalen,
aber immer noch aktiven Opposition. Im März 1989 kam es zu Gesprächen am ›Runden
Tisch‹ zwischen den Machthabern und den Vertretern der
oppositionellen Gruppierungen, insbesondere der ›Solidarność‹.
Die katholische Kirche hat als Vermittlerin bei den Verhandlungen eine große
Rolle gespielt. Diese aktive Rolle der Kirche im politischen Leben bildet ein
festes Element der politischen Kultur in Polen und ist historisch bedingt. Die
Kirche war im 19. Jahrhundert ein Substitut des Staates, unter dem Kommunismus
wurde sie zu einem Substitut der legalen politischen Opposition.
Die Gespräche am ›Runden
Tisch‹ führten zur Wiederzulassung der ›Solidarność‹
sowie zur Beteiligung der bisher illegalen Opposition an der noch nicht völlig
demokratischen Parlamentswahl (35 % der Sitze im Sejm und 100 % im Senat
sollten demokratisch gewählt werden, die übrigen standen den
Regierungsparteien PVAP, ZSL, SD sowie konzessionierten Gruppen wie PAX, PZKS
und UChS zu). Gebrochen wurde das Machtmonopol in den Massenmedien – es
entstand u.a. als erste oppositionelle Tageszeitung seit 1948, die
Gazeta
Wyborcza.
Der ›Runde
Tisch‹ lässt sich als ein Ausdruck der politischen Kultur der
Machthaber und der Opposition auslegen. Die beiden Parteien haben von ihren
jeweiligen Interessen abgesehen und einen Kompromiss erreicht, indem sie die
Staatsraison und die Zukunft des Staates in den Vordergrund stellten. Die
Parlamentswahlen im Juni 1989 haben über die Richtung der weiteren Reformen in
Polen entschieden. Sie haben zur Gründung der ersten nichtkommunistischen
Regierung in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg geführt. In der Zwischenzeit
bildete sich das Bürgerkomitee, in dem politische Gruppen wirken konnten, die
früher im Untergrund waren. Aus dem Bürgerkomitee gingen Gruppen hervor, die
sich allmählich in politische Parteien verwandelten. Die politischen Ereignisse
von 1989 haben die Kulturlandschaft verändert: vom beinahe totalem
Verschwinden der Überreste der marxistischen Ideologie bis hin zum Auftauchen
von christdemokratischen, nationalen und extrem rechten Ideologien. Manche von
ihnen haben es bis heute geschafft, sich zu institutionalisieren, indem sie zu
Parteien wurden und Tages- und Wochenzeitungen, Hörfunksender usw.
gründeten. Mit der formellen Öffnung des Landes und einer massiven Verbreitung
der neuen Medienanstalten kam es ebenfalls zu einer Invasion von
Kulturbotschaften aus dem Westen.
1991 fand die erste wirklich demokratische
Parlamentswahl statt, an der sich 60 Parteien und Gruppierungen beteiligten.
Im Sejm waren dann 29 Parteien vertreten, die im Senat 17 parlamentarische Klubs
bildeten (es war eine Verhältniswahl, allerdings ohne eine Sperrklausel).
Dies war ein Ausdruck des Pluralismus der polnischen Gesellschaft und zugleich
eines seit Jahrhunderten charakteristischen Merkmals der polnischen
politischen Kultur, d.h. der Zersplitterung der politischen Szene.
Die politische Kultur in der Dritten Republik
Die Wiederherstellung des pluralistischen Modells
der polnischen politischen Szene führte zur Belebung der öffentlichen
Aktivitäten der Bürger. Es kam zur Herausbildung neuer Muster von Beteiligungen
am politischen Leben des demokratischen Staates. Die Aktivitäten der Bürger
konzentrierten sich vor allem auf die Wirtschaft. Angesichts der Einführung (am
1.1.1990) der Grundsätze der Marktwirtschaft (auch mit offiziell eingeführter
Arbeitslosigkeit, die früher doch latent existierte, aber nicht von Staat und
Partei aus ideologischen Gründen annerkannt worden war) wurde die Verbesserung
der wirtschaftlichen Lage bzw. Beibehaltung des bisherigen materiellen Status
zur Priorität. Die meisten Menschen widmeten sich dem täglichen
Existenzkampf, dagegen sank nach der gesellschaftlichen Mobilisierung von
1989 - 1991 das Interesse am öffentlichen Leben, darunter an der Politik.
Am Anfang der 90er Jahre haben die Bürger ihre
Lebensprioritäten neu formuliert. Traditionell haben die Polen die
Familie
an den ersten Platz gestellt, einen größeren Wert als früher legten sie aber
auf die berufliche
Karriere und den
materiellen Status als auf
allgemein-gesellschaftliche Fragen
und die
politische Freiheit.
Eine Verdeutlichung dieser Veränderungen sind die
Ergebnisse einer Umfrage unter 1000 Studenten der Warschauer Universität im
Jahre 1993 über die Bürgerrechte und -freiheiten, die in einem demokratischen
System beachtet werden sollten.
Tabelle 1: Die Meinung der jungen Polen zum Thema
Rechte und Freiheiten der Bürger, die in einem demokratischen System
respektiert werden sollten
(Angaben von 1993, in Prozent)
Rechte und Freiheiten (Unwichtig/weniger
wichtig/sehr wichtig/Am wichtigsten)
-
Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz
(0,5/3,3/32,3/60,7)
-
Recht auf Menschenwürde (0,2/2,8/37,3/57,3)
-
Recht auf Leben in Sicherheit
(0,4/4,0/40,0/53,1)
-
Meinungsfreiheit (0,6/5,7/47,3/44,0)
-
Recht auf Ausbildung (1,2/6,6/45,9/43,5)
-
Glaubensfreiheit (1,1/8,7/45,6/40,9)
-
Gewissensfreiheit (1,9/12,3/44,2/38,5)
-
Redefreiheit (0,2/5,5/53,2/38,4)
-
Recht auf Gehör vor unabhängigem Gericht
(1,1/10,7/48,1/36,2)
-
Recht auf Arbeit (3,2/15,9/44,7/33,5)
-
Recht auf Gesundheitsschutz
(1,6/11,8/52,8/30,4)
-
Recht auf Meinungs-Äußerung (0,7/10,7/55,3/30,1)
-
Eigentumsrecht (1,1/15,9/50,2/29,5)
-
Recht auf Verteidigung der Interessen des
Individuums (2,7/22,8/49,3/22,7)
-
Wahlrecht (3,9/19,5/51,7/21,4)
-
Recht auf Kontrolle der Behörden
(3,6/18,5/53,4/21,2)
-
Recht auf Durchsetzung der Pflichten der
Behörden (3,7/21,3/50,5/20,5)
-
Recht auf konfessionelle Feiertage und
Praktiken (2,5/23,8/51,0/19,9)
-
Recht auf Selbstverwaltung
(3,3/23,1/52,2/17,8)
-
Recht auf Sozialversicherung
(4,2/27,2/50,3/15,2)
-
Vereinigungsrecht (4,0/34,4/47,0/11,5)
-
Versammlungsrecht (4,9/44,4/39,2/8,7)
-
Recht auf Verteidigung der Gruppeninteressen
(4,5/36,1/48,0/7,9)
N=1267
Quelle: Garlicki 1995, S. 142
Aus diesen Untersuchungen folgt, dass junge
Polen damals folgende Rechte und Pflichten als die wichtigsten befanden:
-
Gleichheit vor dem Gesetz 60,7 %
-
Recht auf Menschenwürde und persönliche
Unantastbarkeit 57,3 %
-
Recht auf Leben in Sicherheit 53,1 %
-
Meinungsfreiheit 44,0 %
-
Recht auf Ausbildung 43,5 %
-
Religionsfreiheit 40,9 %
Weniger wichtig erschienen Rechte wie:
Am Ende der 90er Jahre dominiert in der
politischen Kultur der Polen wieder, wie in der Volksrepublik Polen, ein
passives Unterordnungs- und Beteiligungsmodell. Es bedeutet jedoch nicht, dass
keinerlei Veränderungen im Vergleich zur Epoche des real existierenden
Sozialismus eintraten. Heute stellt das monozentrische System kein Hindernis
mehr für eine aktive Beteiligung der Bürger am politischen Leben dar. Das
politische System ist demokratisch und pluralistisch. Eine Barriere bildete
aber ein großes Engagement der Bürger in der materiellen Sphäre. Es kam auch
zur Enttäuschung eines Teils der Gesellschaft über die Mechanismen der
Demokratie. Das Gefühl von Einflussnahmen der Bürger auf politische
Entscheidungen nahm nicht zu. Die große Anzahl der Parteien machte es den mit
dem Alltag beschäftigten Polen schwer, sich mit dem jeweiligen Programm zu
identifizieren.
Tabelle 2: Das Gefühl der Einflussnahme auf das
öffentliche Geschehen; eine Untersuchung des CBOS vom Ende 1999 an einer
Stichprobe der erwachsenen Polen (%)
Ihrer Meinung nach haben Menschen wie Sie
Einfluss auf die Probleme:
Ja - Nein - Schwer zu sagen
des Staates:
16
- 82 -2
der
Wojewodschaft, in der sie wohnen: 17 - 80 - 3
des Kreises
und der Gemeinde, in der sie wohnen: 31 - 67 - 2
der
Kirchengemeinde, der sie angehören: 36 - 56 - 8
der Ortschaft
oder Siedlung, in der sie wohnen: 43 - 54 - 3
des
Betriebes, wo sie arbeiten: 47 - 49 - 4
N= 1521
Quelle: CBOS 1999
Mehr als 80 % der Polen sind der Meinung, dass sie
keinerlei Einfluss auf das Geschehen im Lande haben. Dies ist ein Ergebnis des
allgemeinen Phänomens der Distanzierung von der Politik, das leider an die
Verhaltensweisen aus der Zeit der Volksrepublik Polen denken lässt.
Dieses Phänomen kommt ebenfalls in einer relativ
niedrigen Beteiligung an Parlaments- und Kommunalwahlen zum Ausdruck (bei der
letzten Parlamentswahl am 23.09.2001 lag die Beteiligung bei 46 %; die
vergleichbaren Zahlen betrugen 1998 in Deutschland 82,2 %, in Tschechien
73,8 %, in Ungarn 57 % – Angaben nach
Gazeta Wyborcza vom
25.09.2001).
Die aufeinanderfolgenden Wahlen von 1993, 1997 und
2001 haben die politische Szene stabilisiert, die Wahlordnung hat eine
Sperrklausel von 5 % vorgesehen, was die politische Zersplitterung einschränkte.
Heute sind im Parlament 7 Parteien vertreten.
Kennzeichnend für die zeitgenössische politische
Kultur der Polen ist die schwankende politische Unterstützung. Die Regierenden
verlieren die Unterstützung zugunsten ihrer Kritiker. Der Wahlkampf erfolgt
nicht im Bereich der Programme; die Wähler wählen nach dem Prinzip der
Negation, es geht nicht um das Programm der jeweiligen Partei, sondern um den
Wechsel konkreter Akteure der politischen Szene.
Damit lässt sich u.a. die vernichtende Niederlage
des rechten
Post-SolidarnoÑ?-Blocks
AWS und seines dreijährigen Koalitionspartners – der
Freiheits-Union erklären (abgesehen von zahlreichen
politischen Fehlern, die während der Regierungszeit von beiden Parteien
gemacht wurden).
Ein weiteres Merkmal ist die Bildung neuer
politischer Formationen, um den gegenwärtig kompromittierten
Aushängeschildern zu entfliehen. Die sinkende Popularität der Regierung wird
meistens von der Tendenz zu Spaltungen und zum Wechseln der Abgeordneten zu
anderen bzw. neuen Gruppierungen begleitet.
Konditionen und Perspektiven der
Bürgergesellschaft
Nach allgemeinen Vorstellungen besteht in einem
totalitären Staat keine Bürgergesellschaft. Zwischen dem Individuum (Familie)
und dem Staat gibt es keine vermittelnden Institutionen, oder sie werden total
kontrolliert durch den Staat. Verbot und Kontrolle sollten zur Eliminierung der
Konkurrenz und des Konflikts in der öffentlichen Sphäre führen. Und obwohl in
der Praxis der nicht öffentliche Konflikt und die Konkurrenz doch präsent waren,
so wurden sie allerdings von der politischen Szene total beseitigt zugunsten
der Ideologie einer ganz ungestörten Zusammenarbeit und Harmonie. Mehr als 40
Jahre lang wurden die Konflikte durch das kommunistische Regime versteckt oder
unterdrückt. Den Bürgern wurde weisgemacht, dass das Wesen des
Gesellschaftslebens im Ausbleiben von Konflikten bestehe, wofür die
Zentralplanung, Verwaltungsentscheidungen und eine von oben oktroyierte
Verteilung des Sozialprodukts sorgen würden.
Die Eliminierung der Konkurrenz und des Konflikts
aus der öffentlichen Szene hinterließ dauerhafte Spuren im Bewusstsein der
Gesellschaft. Meinungsverschiedenheit, Streit, Konkurrenz und Konflikt – so
charakteristisch für den öffentlichen Diskurs und für die Demokratie – finden
bei einem beachtlichen Teil der Polen kein Verständnis und keine Anerkennung. Es
erweist sich als schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass
Streit,
Konkurrenz und
Konflikt im neuen
politischen System etwas Normales, ja Erwünschtes sind. 1995, also nach 6 Jahren
des Bestehens von demokratischen Spielregeln, stimmten 73 % der Polen der
Meinung zu, dass “Streitigkeiten zwischen politischen Parteien etwas Normales
sind”, jeder fünfte (19 %) hieß aber diese Meinung nicht gut und fand,
Demokratie sei vor allem Durcheinander und Chaos. Es kann gesagt werden, dass
nach 6-jährigen Erfahrungen drei Viertel der Polen die grundsätzliche
strukturelle Bedingung der Funktion der Demokratie und der Bürgergesellschaft –
Konkurrenz und Konflikt – akzeptierten, während jeder fünfte sie immer noch
ablehnte.
Die spontane Selbstorganisierung steht im
Widerspruch zum Wesen des totalitären Staates. In Polen nach 1956 war es
allerdings nicht so eindeutig. Es entstanden mehrere Vereine, es wurden mehrere
Organisationen mit einem hohen Grad der Autonomie reaktiviert. In fast allen
Organisationen war die Mitgliedschaft freiwillig. Die Bedeutung jener
Freiwilligkeit war allerdings anders als in demokratischen Ländern. Sie wurde
durch die Motivation entstellt. Der kommunistischen Partei trat man vor allem
wegen der beruflichen Karriere bei. Freiwilligkeit lässt sich jedoch nicht
ausschließen im Falle von Berufsorganisationen, wissenschaftlichen
Gesellschaften, Sportklubs oder der Pfadfinderbewegung.
Nach 1956 bildet das Jahr 1976 eine weitere Zäsur
– die Entstehung einer offenen, im Gegensatz zur heimlichen und
institutionalisierten Opposition (Komitee
zur Verteidigung der Arbeiter KOR sowie politische Parteien,
z.B.
Konföderation für Unabhängiges Polen KPN, Fliegende
Universitäten, Freie Gewerkschaften), die ununterbrochen über eine längere Zeit
wirkte – ein im damaligen Osteuropa völlig neues Phänomen. 1980-1981 wurde die ›SolidarnoÑ?‹
zu einer Schule der Demokratie und der Selbstorganisierung. In Gegenreaktion
auf das Fassadenhafte der offiziellen Institutionen und Organisationen und die
Fiktion ihrer Verfahren wurden bei der ›SolidarnoÑ?‹
die demokratischen Verfahren zur Wahl der Organe von Betriebsorganisationen
bis hin zu den höchsten Organen der Gesellschaft genau beachtet.
In der zweiten Hälfte der 90er Jahre hat die
öffentliche Aktivität der Bürger eher in verschiedenen Vereinen, Klubs, lokalen
Organisationen, Komitees, Selbstverwaltungseinheiten als in politischen
Organisationen zugenommen.
Tabelle 3: Die Aktivität der Polen in
verschiedenen Bewegungen, Vereinen und gesellschaftlichen Organisationen nach
CBOS
(Dezember 1999)
Prozentanteil
der bejahenden Antworten der Befragten (in %)
(Februar
1998/Dezember 1999)
-
Organisationen im Bildungs- und Schulwesen z.B.
Elternausschuss, -rat, Schul-, Hochschulstiftung, Bildungsverein usw.
(4,5/5,5)
-
Gewerkschaften (3,2/4,8)
-
Religions- und Kirchenorganisationen und bewegungen,
Gemeindegemeinschaften (3,6/4,8)
-
Sportorganisationen (Verbände, Klubs und
Vereine) (2,2/3,1)
-
Vereine und Verbände der Schrebergärtner,
Züchter, Angler, Jäger (2,4/3,1)
-
Wohltätigkeitsorganisationen zum Nutze der
hilfsbedürftiger Kinder (1,2/2,9)
-
Wohltätigkeitsorganisationen für hilfebedürftige
Menschen – Alte, Arme, Obdachlose, Kranke, Behinderte, Opfer der
Naturkatastrophen, Kriegsopfer usw. (1,5/2,8)
-
Jugendorganisationen z.B. Pfadfinder,
Jugendklubs, Studentenverbände und -vereine (1,5/2,0)
-
Touristische Organisationen und Vereine
(1,6/2,0)
-
Freiwillige Feuerwehr, Freiwilliger
Bergrettungsdienst usw. (3,0/2,0)
-
Künstlerorganisationen und -vereine z.B. Chor,
Orchester, Tanz-, und Theatergruppen usw. (0,9/1,8)
-
Umweltschutzorganisationen (0,9/1,5)
-
Frauenorganisationen, z.B. Landfrauenzirkel
(1,0/1,5)
-
Wissenschaftliche Vereine (0,6/1,4)
-
Rentner- und Seniorenorganisationen (1,4/1,4)
-
Kombattanten- und Veteranenorganisationen,
Kriegsopferorganisationen (1,4/1,3)
-
Gemeindeselbstverwaltungen (1,1/1,3)
-
Bezirks- und Siedlungsselbstverwaltungen, z.B.
Einwohnerräte, Hausbewohnerkomitees usw. (1,0/1,2)
-
Organisationen, die die gesundheitlichen Stellen
unterstützen (0,7/1,2)
-
Komitees für eine bestimmte Angelegenheit (z.B.
Beantragung des Parkplatzes), Protestgruppen (0,5/1,2)
-
Tierschutzvereine (1,1/1,1)
-
Selbsthilfe z.B. Behindertenvereine, der
alleinstehenden Väter, der ›Anonymen Alkoholiker‹, der Arbeitslosen usw.
(1,1/0,6)
-
Parteien und politische Vereine (0,3/0,8)
-
Berufsvereine und -Selbstverwaltungen (0,7/0,8)
-
Fördervereine der Stadt, der Region, die sich
mit dem Denkmalschutz, der Entwicklung der regionalen Kultur beschäftigen
usw. (0,7/0,8)
-
Freundschaftsgesellschaften mit anderen Ländern
und Völkern (0,1/0,7)
-
Sammler- und Hobbyvereine und klubs (0,5/0,7)
-
Wojewodschafts- und Kreisselbstverwaltungen
(-/0,4)
N (Dezember 1999) = 1522
Quelle: CBOS
Auf Grund dieser Ergebnisse kann festgestellt
werden, dass die öffentliche Aktivität der Polen nicht besonders groß ist, wenn
auch eine leicht steigende Tendenz nachzuweisen ist.
Indizien, die den Zustand der
Bürgergesellschaft in Polen nach 1989 beschreiben, sind jedoch nicht
optimistisch. Die Beteiligung an Parlaments- und Präsidentschaftswahlen
schwankt zwischen 42 % und 68 % und ist im Schnitt um etwa 20 Prozentpunkte
niedriger als in Westeuropa. Am besten sind die Polen in Gewerkschaften
organisiert (etwa 2,6 Mio.), was dem Durchschnittswert für die westlichen Länder
entspricht. Überraschend groß erscheint das Engagement der Eltern in
Schulorganisationen und die Zusammenarbeit mit der Schule – 1,6 Mio. Relativ
gering – angesichts der gut ausgebauten Infrastruktur der katholischen Kirche
– ist hingegen die Beteiligung an Organisationen, Gruppen und Bewegungen im
Umfeld der Kirche. In die Aktivität dieser Art engagieren sich etwa 1 Mio.
Personen, d.h. jeder fünfzehnte praktizierende Katholik. Unter den neuen
Bewegungen und gesellschaftlichen Organisationen haben die
Umweltorganisationen recht viele Mitglieder (über 300.000), eines
geringeren Interesses erfreuen sich dagegen Frauenorganisationen (etwa
200.000 Mitglieder), die politischen Parteien schließlich, ein Pfeiler des
demokratischen Systems, zählen nur ungefähr 360.000 Mitglieder, d.h. 1,3 % der
Bevölkerung, während z.B. in Großbritannien diese Quote 5 % beträgt und in der
Bundesrepublik vor der Vereinigung 8 %.
Lediglich jeder dritte Pole war 1995 Mitglied
mindestens einer Organisation, zwei Drittel der Polen engagierten sich nicht,
damit belegt Polen einen der letzten Plätze unter den entwickelten Ländern.
Quantitativ gesehen ist das Bild der polnischen
Bürgergesellschaft nicht optimistisch. Einerseits ist das allgemeine Niveau
der Beteiligung an freiwilligen Vereinen vor dem Hintergrund der entwickelten
Länder sehr niedrig, es ist aber beinahe vergleichbar mit derart stabilen
Demokratien wie Frankreich, Italien oder Japan. Andererseits ist das Engagement
in den für die demokratische Ordnung besonders wichtigen Vereinen in Polen
vielfach niedriger (abgesehen von der Mitgliedschaft in Gewerkschaften) im
Vergleich mit den entwickelten Demokratien des Westens.
Perspektiven der polnischen Demokratie
Nach zwölf Jahren der jungen polnischen Demokratie
kann festgestellt werden, dass die formell-rechtlichen Grundlagen der
polnischen Demokratie und ihre europäischen Standards befestigt wurden. Seit
1997 gilt eine neue Verfassung, dreimal wurde die Regierung durch eine
demokratische Wahl ausgewechselt (1993 wurde das
Post-Solidarność-Lager,
von den Post-Kommunisten abgelöst, diese verloren die Macht bei der Wahl 1997
zugunsten des
Post-Solidarność-Lagers,
um sie infolge der Wahl 2001 wiederzugewinnen). Es bestehen Chancen zur
Entwicklung der Bürgergesellschaft und dem Erreichen eines Niveaus der
politischen Kultur, das mit dem Westen vergleichbar wäre. Angesichts der Mängel,
die sich aus der Geschichte und aus zivilisatorischen Gründen ergeben, ist
diese Entwicklung von der Zivilisations- und Wirtschaftentwicklung Polens
abhängig, die in jüngster Zeit leider langsamer wird.
Zwölf Jahre lang dauert die bürgerliche Bildung
der Polen unter den Bedingungen einer Demokratie. Es wird notwendig, eine
massive Verbreitung der Ausbildung zu ermöglichen sowie Voraussetzungen für
die Entwicklung und Sicherung der Existenz für die gesellschaftlichen Gruppen
zu schaffen, die heute jene ,schweigende Mehrheit‘ darstellen, die größten
Verlierer der Wende von 1989 sind und die Teilnahme an den demokratischen
Spielregeln, und an Entscheidungsprozessen ablehnen oder populistische,
radikale und europafeindliche Gruppierungen unterstützen und sich nach der
Volksrepublik Polen sehnen (es geht vor allem um von der Arbeitslosigkeit
schwer betroffene Gruppen wie ehemalige Arbeiter der Volkseigenen Güter,
Kleinbauern, Arbeiter der verfallenden Industriebranchen, insbesondere der
Bergbau- und Schwerindustrie).
Bei der Wiederherstellung der Demokratie in Polen
sind meines Erachtens einige Fehler gemacht worden, durch die eine Krise des
Staates und eine politische Krise bedingt sind, deren Folge eine steigende
Unterstützung für populistische und radikale Parteien ist; einen Beleg dafür
bildet die letzte Parlamentswahl. Erstens, es sind Lösungen der kontinentalen,
insbesondere der französischen Demokratie adoptiert, mit einem Verhältnis- und
Mehrheitssystem, einer Sperrklausel, Landeslisten etc. (die Landeslisten wurden
erst bei den letzten Parlamentswahlen abgeschafft). Es scheint, dass für den
Aufbau der Demokratie von Grund auf in einer in bürgerlicher Hinsicht unreifen
Gesellschaft ein System nach dem britischen Vorbild wünschenswerter wäre, mit
Einmandatwahlkreisen und einer Mehrheits-Wahlordnung, wo also nicht für
Parteien, sondern für Namen gestimmt wird. Ein wichtiges Hindernis bei der
Entwicklung der Bürgergesellschaft ist ebenfalls die allzu große Rolle der
Parteien in kommunalen Selbstverwaltungen, bedingt durch die Einführung einer
Wahlordnung, die die Mehrheitswahl nur in Gemeinden bis 20.000 Einwohner
zulässt, in den anderen hingegen nur ein Verhältnissystem mit Sperrklauseln,
was eigentlich eine unabhängige Vertretung der Einwohner in Räten von
größeren Gemeinden und Kreisen ausschließt und die gesellschaftliche
Kontrolle über die Aktivität der Kommunalorgane wesentlich einschränkt. Folge
ist eine Vertiefung der sozialen Frustration und Demokratie-Verdrossenheit.
In diesem Jahr sind bürokratische Vorschriften in Bezug auf die Eintragung von
Firmen, wirtschaftlichen Organisationen und Vereinen in Kraft getreten. Ihre
Folge ist eine Verlangsamung der Verfahren; sie könnten auch die Bürger zur
Vereinsgründung und zur Entwicklung des Unternehmertums negativ motivieren.
Zu einem Merkmal der polnischen Demokratie wurde
eine Blockade der Entwicklung von Eliten. Die gleichzeitige Ausübung des
Mandats eines Abgeordneten und einer Funktion in der Regierung bzw. im Stadt-
oder Gemeinderat wurde zur Regel. Erst in diesem Jahr ist ein Verbot der
Kombinierung der Funktion des Abgeordneten mit der eines Ratsmitglieds oder
eines Beamten in der Kommunalverwaltung in Kraft getreten. Die Parlaments- und
Kommunalwahlordnungen haben zur Entstehung einer recht schmalen politischen
Klasse geführt. Die siegreiche Koalition von heute ist bei der Wahl mit dem
Schlagwort angetreten, den Staat zu sanieren. Die Forderung, die staatliche
Verwaltung einzuschränken und die sog. ›Zielfonds‹
abzuschaffen, der Regierung damit die Kontrolle über beachtliche Budgetmittel
zu entziehen, die eine Quelle der Korruption unter den Politikern sind, ist
durchaus berechtigt. Es hat allerdings die Ankündigung gefehlt,
demokratischere Wahlordnungen zu schaffen und Vorschriften zu verabschieden,
die das Interesse der Bürger an der Politik steigern ließen, die polnische
politische Szene sanieren und den Sektor der NGOs, also einen wichtigen
Bestandteil der Bürgergesellschaft, erweitern und stärken würden.
Der von vielen Polen so erwünschte Beitritt Polens
zur Europäischen Union wird mit Sicherheit zur Beschleunigung der Entwicklung
der polnischen Demokratie und des bürgerlichen Bewusststeins beitragen, damit
diese mit den Standards der entwickelten westlichen Länder Schritt halten
können.
Almond, Gabriel A., 1956: Comparative Political
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Mi»osz,
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Impressum zu dieser Seite:

Aus: Lothar Nettelmann / Dariusz
Adamczyk, Hrsg.:
Zur Frage einer
polnischen Nationalkultur - Index - Polen in Europa: Vergangenheit, Gegenwart,
Zukunft.
Beiträge der Tagung »Zur Frage einer
Polnischen Nationalkultur« der Deutsch-polnische Gesellschaft Hannover e.V. im
Oktober 2001.
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [ISSN 0945-1536],
Sonderheft 1 / 2002. Texte aus der Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft
Hannover e.V. –
Buchausgaben vergriffen.
[ISBN 3-93030307-10-3] –
Index – Durchgesehen
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