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Leszek Ziatkowski

Die Adelsrepublik - zur Entstehung einer spezifischen politischen Kultur in Polen

Man kann die Geschichte Polens in der Neuzeit nicht richtig verstehen, wenn man die hier im Mittelalter eingetretenen Änderungen nicht genauer analysiert. Dort muss man nach den Ur­sa­chen der Unterschiede in der Staatsordnung suchen, durch die sich Polen im 17. und 18. Jh. so bedeu­tend von den anderen Ländern Europas abhob. Ausgangs­punkt dieser Analyse soll die Ent­stehung der Standesordnung in die­ser Region sein. Des­wegen beginnen polnische Ge­schichts­forscher ihre Vorträge zu diesem Thema mit der Regierungszeit Kasimirs des Großen (1333-1370). Eu­ropa erlebte damals seine schweren Zeiten: der Hundertjährige Krieg, die Schwä­chung der Macht des Kaisers in Deutschland, der Niedergang der päpstlichen Au­torität und schließlich die katastrophale Epidemie des schwarzen Todes, die die demogra­fische Struktur des Kontinents erschüttert und die Wirt­schaft desorganisiert hat. Auf diesem Hintergrund stellten die ,jun­gen Monarchien‘ Mitteleuropas – Po­len, Böh­men, Ungarn und der Kreuz­rit­ter­staat – Oasen der Ruhe, des Wohlstands und Fort­schritts dar. Das Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung wurde sehr schnell ange­glichen, die Institutionen und gesellschaftliche Strukturen näherten sich den Vor­bil­dern aus Westeuropa an. Es ergibt sich aber die Frage, ob der Unifizie­rungsprozess völlig zu Ende gebracht wurde, ob die Gesellschaft und der institutio­nelle Rahmen, in dem diese leben musste, tatsächlich ähnlich waren?

Im Polen des 14. Jh. haben wir es mit der endgültigen Gestaltung der Standes­gesell­schaft zu tun. Die Patrimonialmonarchie der ersten Piasten übertrug während und infolge der feudalen Zer­splitterung des polnischen Staates (1138 – 1320) einen wesentlichen Teil ihrer Macht an die Gesellschaft und verlieh den einzelnen Bevöl­kerungsgruppen ökono­mische und Gerichtsbar­keitsrechte. Das haben die Herrscher aber gar nicht uneigennützig getan, nur um die augen­blickliche politische Unterstüt­zung zu gewinnen. Die Stände übernahmen somit von der Zen­tralverwaltung eine ganze Reihe von lästigen und bisher schlecht erfüllten Pflichten und Schul­digkeiten. Es scheint, dass sowohl Vor-, als auch Nachteile gleich unter dem Herrscher und den Untertanen geteilt wurden. Es waren übri­gens Prozesse, die etwas früher fast identisch in den westeuropäischen Gesellschaften verliefen. Polnische Herrscher übergaben einen Teil ihres Eigentums dem Adel, weshalb er in die Wehr­pflicht ein­be­zogen wurde. Der von Boden und Menschen eingebrachte Gewinn sollte die ,Kampf­­be­reit­schaft‘ vergüten. Gleichzeitig verlief der Prozess der Ver­leihung der Ge­richts­immu­ni­tät und die Übernahme der Lehngüter als Eigentum durch die Ritterschaft. Oft war es eine Be­lohnung für den treuen Dienst für den Monarchen im Militär oder in der Verwal­tung.

Ähnliche Änderungen traten in den kirchlichen Gütern ein. Zu den Aufgaben dieser Schicht gehörten aber vor allem die Seelsorge und – was oft vergessen wird – wichtige Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie das Schul- und Gesundheits­we­sen sowie die Fürsorge für die Armen. Dass der Umfang dieser Leistungen damals unvergleichbar klei­ner war als in den späte­ren historischen Epochen, ist selbst­verständlich, die Entwick­lung der Produktionskräfte der damaligen Gesell­schaft war aber auch unvergleichbar niedriger. Es konnten also viel kleinere Pro­duk­tionsüberschüsse zur Verfügung gestellt werden, die nach der Be­frie­di­gung der wichtigsten Bedürf­nisse der Lebensunterhaltung und Reproduktion übrig blieben.

Der dritte wichtige Stand, der sich zu dieser Zeit zu formen begann, war das Bürger­tum. Der Prozess der Anlegung der Städte nach dem deutschen Recht war mehrere Jahre hindurch von vielen polnischen Geschichtsforschern zu Unrecht als ein Element des deut­schen ›Dranges nach Osten‹ und der Germanisierung slawischer Gebiete betrachtet. Deutsche Historiker sahen dagegen darin einen Zivi­lisie­rungsprozess der ,barbarischen Ostländer‘. Gegenwärtige Wissen­schafts-dis­kussio­nen weisen diese nationalistischen As­pek­te nicht mehr auf und scheinen viel sachli­cher zu sein. Eine unbestreitbare Tatsache bleibt es, dass der Prozess der Städte­anle­gung von Herrschern aus der Piastendynastie ini­tiiert wurde. Die Ein-füh-rung des neuen Rechts ging mit dem Verzicht des Herrschers auf einen Teil seiner Gerichts­barkeits- und Steu­ereinnahmekompe­tenzen sowie mit der Ablösung der Natural- gegen die Geldleis­tungen einher.

Dies war aber aus mehreren Gründen nützlich. Zum einen erhielt der Machtha­ber Bar­geld, was ihm am meisten fehlte; zum anderen kam es zur Intensi­vierung des wirt­schaftlichen Lebens dank dem Dreifeldersystem. Früher dominierte das Zwei­fel­dersystem und auf den weniger entwickelten Gebieten noch Reste der Brennwirt­schaft. Aus einer ein­fachen Berechnung geht hervor, dass der Übergang zur Dreifel­derwirtschaft dank einer besseren Ausnutzung des Ackerbodens und einer Verringe­rung der Brachfeld­fläche einen Zu­wachs am Gewinn von ca. 20% brachte. Verän­dert wurde die gesamte ökonomische Ord­nung, in der die Stadt und das Bürgertum konkrete Rollen und Aufga­ben erhielten. Die Tren­nung der Land­wirtschaft, des Handwerks und des Handels – zusammen mit der not­wendigen Ein­beziehung des Bauerntums in die Geld-Waren-Wirt­schaft – verursachte eine Be­schleuni­gung der wirtschaftlichen Entwicklung. In fernerer Perspektive konnten höhere ,Steuern‘ erhoben werden. Absichtlich habe ich in diesem Satz das Objekt weg­ge­lassen – das heißt: nicht gesagt, wer davon profitiert hat –, weil ich schon früher erwähnt habe, dass die Herrscher einen Teil ihrer Verpflichtungen gegen das teilweise Steuer­erhe­bungsrecht auf andere Stände übertra­gen haben.

Um das Bild zu ergänzen, muss man noch ein Mal die Rolle der Städte und des Bür­gertums in diesem System betonen. Der Besitzer eines neu angelegten Dorfes erhielt, ab­gesehen von bestimmten Arbeits- und Naturleistungen, das Entgeld für die Benutzung des Bodens in bar (was man heute als Pachtzins bezeichnen könnte). Das zwang die Bauern, mehr zu produ­zie­ren und diesen Überschuss in der Stadt zu ver­kaufen, um sich auf diese Weise Bargeld für den Pachtzins zu verschaffen. Die Stadt kaufte ihnen diese Produk­tion ab und bot zugleich Hand­werks­produkte an. Das richtige Funktionieren dieses Sy­s­tems garantierte eine Reihe von Vor­schrif­ten, Geboten und Monopolen; es schien sogar, dass sie manchmal nur dazu geschaf­fen wurden, um die freie Konkurrenz zu unterdrücken. Das war jedoch nicht das Ziel der dama­li­gen Gesetzgeber, sondern das Vermeiden einer solchen Situation, in der sich die Wirt­schaft autark bleibt. In der Stadt sollte Handel betrieben werden, was für den Herrscher zugleich bessere Möglich­kei­ten bewirkte, Steuern aufzuerlegen und einzunehmen oder Gerichts- und Verwaltungs­an­gele­gen­heiten zu regeln. Insge­samt erleichterte es die Bildung geschlossener staatlicher Struk­turen.

Diese etwas zu lange Beschreibung von Tatsachen, die für Geschichtsforscher selbstver­ständ­lich und allgemein bekannt sind, soll zum Verständnis der Prozesse verhel­fen, die in Polen etwas anders als in Westeuropa verlaufen sind. Der Prozess der Anlegung von Städten und Dör­fern fing in Schlesien bekanntlich gegen das Ende des 12. Jh. an und erfuhr eine wesentliche Beschleunigung erst in den näch­sten Jahr­hun­derten. Langsam breitete er sich in Richtung Osten aus und umfasste Groß­polen und Kleinpolen, Pom­mern, Kujawien, die Gegend um Sieradz, Leczyca und Lublin. Schließlich erfasste er im 15. und 16. Jh. Ruthenien und Masowien.

Wenn wir in Schlesien von einer endgültigen Tren­nung der Aufgaben zwischen der Stadt und dem Land sprechen können, dann hat sich dieser Prozess in anderen Regionen nicht ganz vollzogen. In Schlesien entstand ein dichtes Netz von Klein­städten, die üblich­er­weise 10-15 km weit voneinander entfernt waren. Dies ermög­lichte den Dorfbewohnern einen fast tägli­chen Kontakt mit dem Markt und Teil­nahme am wirt­schaftlichen Leben. Ebenso dicht war das Netz von rechtlich geneh­migten Märkten und Jahrmärkten, die eine not­wendige Voraussetzung zur Bildung von Handels­über­schüs­sen und zur Kapital­ku­mu­la­tionen waren. Leider blieb diese am besten entwickelte Provinz trotz Bemühungen von Wla­dislaus Lokietek und Kasimir dem Gro­ßen außerhalb des Gebietes des neuvereinigten pol­nischen Staa­tes.

Möglicherweise war das nicht nur eine Folge der damaligen politischen Situa­tion, sondern auch der Tatsache, dass sich diese Region deutlich von den anderen des wieder vereinigten Königtums abho­b. Böhmen war viel besser entwickelt und im Hinblick auf gesellschaftlich-wirtschaft­liche Strukturen in größerem Maße Schle­sien ähnlich. Der Entwicklungsstand der Anle­gungsprozesse in anderen Regionen Polens war dagegen sehr differenziert. Wenn das Netz der Städte in Großpo­len und im Westen Kleinpolens relativ gut ausgebaut war, gab es in den Gebieten östlich der Weichsel wesentlich weniger Städte. Die Ähnlichkeiten in der Entwicklung zwi­schen den klein- oder großpolnischen und den schlesischen Städ­ten waren jedoch nur partiell. Oft hatten sie einen halblandwirt­schaftlichen Charak­ter mit wenig her­aus­kristallisierten Handwerks- und Handels­funktio­nen. Man weiß bis heute nicht genau, warum sich diese Tendenz entwickelt hat. Die His­toriker erwar­ten vielleicht noch eine mühselige Analyse von Bedingungen in den Anle­gungsur­kunden sowie eine Analyse von späteren, für die Vollendung des Bildungs­prozes­ses von mittelalterlichen Standesstrukturen sehr wichtigen Stadtprivilegien. Tatsache ist, dass ein Teil der Land­wirtschaft in Großpolen und im Westen Klein­polens außer­halb der Waren-Geld-Wirt­schaft blieb. Je weiter in Richtung Osten, desto schlim­mer war es.

In dieser Situation kann man zwei Erscheinungen beobachten, die im Hinblick auf den Aufbau der neuzeitlichen Monarchien von ausschlaggebender Bedeutung waren: die Schwäche des Bürgertums und unterschiedliche Stellung des Ritter­standes (Adel), der sich in viel größerem Maße in den Landadel umgeformt hat. In Po­len haben wir es nicht mit einer charakteristischen Auswanderung des Adels in die Städ­te oder Höfe zu tun, was in einigen europäischen Ländern (z.B. in Italien) vor­kam und dort zum beinahe völligen Verschwinden des Adels aus den Dör­fern führte.

Zu den Schwächen des polnischen Bürgertums gehörte auch seine religiöse Dif­fe­renzierung. Man darf nämlich die in der frühen Neuzeit immer größer wer­dende jüdische Minderheit nicht übersehen. In den westeuropäischen Ländern – vor allem in Deutschland – nimmt die Zahl von Judenpogromen zu und die Vergabe von Privile­gien „de judeos non tole­randis”. Das Hauptvorrecht für Juden, von Kasimir dem Großen verliehen, führte zu massen­haften Einwanderungen mo­sai­scher Bevöl­ke­rung nach Polen. Das sowieso schwache Bürger­tum hemmte zu­sätz­lich die Tei­lung in zwei getrennte, au­tonome und oft miteinander konkur­rierende Gruppen.

Die Emanzipation der polnischen Gesellschaft beginnt erst mit dem Aussterben der Pias­tendy­nastie. Die einheitliche und unumstrittene königliche Macht wird allmählich aufgelöst, wobei die ersten Anzeichen dafür schon früher bemerkt werden konnten als Ge­wissheit herrschte, dass Kasimir der Große ohne einen männ­lichen Nachfolgen stirbt. Das Problem bestand jedoch darin, dass die rechtlichen Ver­pflichtungen des Vaters – nach dem allgemeinen Verständnis – automatisch auf sei­nen Sohn übertragen wurden. Sollte diese Kontinuität gebrochen werden, konnte der neue König einige früher einge­räumte Vorrechte, die oft nur auf mündlichen Ver­trägen beruhten, in Frage stellen oder gar nicht anerkennen. Das Wahlkönigtum wurde also zur Voraussetzung des Sicherheits­gefühls, zur Sicherung des Vertrags zwi­schen dem Herrscher und seinen Untertanen. Ihre Einwilligung für den Regie­rungsantritt wurde durch die Verpflich­tung des Wahlkönigs bedingt, bestimmte Bedingungen der sozialen Vereinbarung zu beachten.

Kasimir der Große hatte nur zwei Töchter, die nach der polnischen Dynastie-Tra­di­tion keine Erbfolgerechte hatten. Deswegen begann man nach einem männli­chen Thron­kandi­daten zu suchen. Die größten Chancen hatte von Anfang an der Neffe des Königs Ludwig d’Anjou, der in Ungarn herrschte. Während eines gemein­samen polnisch-ungari­schen Kriegszuges im Jahre 1351, als König Kasimir plötzlich erkrankte, legten die Wür­denträ­ger der Krone einen Schwur vor Ludwig ab. Da im Lager auch Vertreter der Ritter­schaft anwesend waren, haben sie den Würdig­keits­schwur bestätigt. Ähnlich erging es im Ver­trag von Buda aus dem Jahre 1355, wo die Befugnisse der polnischen Seite genannt wer­den.

Nachdem Ludwig den polnischen Thron bestiegen hatte, stand er vor einem ähnli­chen Dilemma wie Kasimir. Auch er hatte zwei Töchter, und es benötigte einen speziellen Konsens, damit sie auf den Thron erhoben werden konnten. Der Vertrag von Kosice aus dem Jahre 1374 sah zwar vor, dass auch Frauen den polni­schen Thron besteigen durften, der König hatte aber das Recht, die Standesprivile­gien zu bestätigen und auszudehnen. Es scheint, dass der Vertrag von Kosice von den Stän­den der polnischen Krone als unent­behrlich gesehen wurde nicht nur des­wegen, weil eine Frau den Thron besteigen sollte. Nicht weniger wichtig war die Gefahr, dass die Macht von einem Kind übernommen wird: die beiden Mädchen waren minder­jährig. Diese Si­tuation war rechtlich beun­ruhi­gend, zumal sie zum Zeitpunkt der Thron­übernahme nicht im Stande waren, die bishe­rigen Privilegien mit einem Eid zu bestätigen. Die Erfahrungen der Regierungszeit Kasimirs des Großen zeigten aber, dass der Herrscher die Privilegien der Ritterschaft angreifen konnte. Kasimir führte nämlich eine Zurücknahme von vielen königlichen Gü­tern durch, deren neue Besit­zer keine schriftlichen Eigentumsbestätigungen besaßen. Ähnlich wie den Vertrag mit der Ritterschaft aus dem Jahre 1374 schloss Ludwig einen Vertrag mit der Geist­­lichkeit im Jahre 1381.

Nachdem die Polen die Art und Weise der Verhandlungen mit dem Thronprä­tenden­ten gründ­lich kennengelernt hatten, konnten sie sie in Gesprächen mit Wla­dis­laus Jagiello anwenden. Er regierte Polen nicht nur kraft seiner Ehe mit Kö­nigin Hedwig [Jadwiga], son­dern auch weil er 1386 in Lublin zum König ausgerufen wurde. Zu dieser Zeit kann aber von einem Wahlkönigtum in Po­len noch keine Rede sein. Erst der frühe Tod Hed­wigs stellt diese Auffassung in Frage. Die Tatsa­che, dass König Wladislaus auch nach dem Tod sei­ner Gemahlin auf dem Thron geblie­ben ist, beweist, dass die Überlegenheit des Wahl- über dem Erbfolgerecht allge­mein anerkannt wurde. In den kommenden Jahr­zehn­ten wird dieser Trend nur noch verstärkt, und es etabliert sich die Tradition, über die Wahl des Herrschers zu ent­scheiden. In dieser Situation sollen die ständigen neuen Gene­ral­privile­gien für den Adel nicht als eine durchdachte Kampagne gesehen werden, son­dern als ein Ele­ment eines spezifischen ,rechtlichen Sicherheitssystems‘ vor rechts­wi­drigen Ent­scheidungen der ,zufälligen‘ Wahlkönige.

Nicht nur die Wählbarkeit des polnischen Throns, sondern auch die Rechte und die Ge­setzgebung unterschieden die ›Adelsrepublik‹ Polen von anderen Ländern in der Neuzeit. Die Grundlagen wurden im 14. und 15. Jh. geschaffen in einem Kodi­fi­zie­­rungsprozess, der mit dem Vertrag von Kosice begann und mit der Par­la­ments­ver­­fassung ›Nihil novi‹ aus dem Jahre 1505 endete. Die Verfas­sung übergab die Ge­setzgebung in die Hände der Landtagsstände, d.h. des Abgeordne­ten­hau­ses, des Se­nates und des Königs. Spätere Ge­setze änderten praktisch nichts an dieser Ord­nung. Zu den Bestandteilen des Rechtssys­tems der Republik Polen gehörten die oben genannten Rechte, individuelle Immunitäten und Stan­desprivilegien (vor allem des Adels) für ein­zelne Regionen. Die größte Bedeu­tung für die Rechtsordnung und ihre Kontinuität hatte die allgemeine Bestätigung der im Land gültigen Rechte durch den König. Dass sie sich nicht nur auf den Adel bezog, beweist die Zurück­weisung der Einführung von Privilegien­beschrän­kun­gen für ›königliche Städte‹ durch Sigis­mund I., den Alten, auf dem Landtag im Jahre 1543. Der König schob als Vorwand seinen Eid vor, die alten Privilegien zu beachten.

Bezeichnungen wie ›Adelsstaat‹ oder ›Adelsrepublik‹ bringen mit sich Asso­ziatio­nen wie mangelndes Denken in den Kategorien der Staatsräson und des Ge­meinwohls. Das scheint aber höchst ungerecht. Konsequent forderte man von den Herrschern, dass sie die territoriale Unan­tastbarkeit des Landes erhalten und verlo­rene Gebiete zurück gewinnen sollten. Wichtige Stel­len wie z.B. der Starosten durften nur von Polen bekleidet werden, was unmittelbar mit der Staatssicherheit verbunden war. Einen großen Wert legte man auf die Besetzung der Landäm­ter: Wojewoden, Kastellanen oder Landrichter. Vor allem sollten sie in der Gegend ansässig sein, wo sie ihr Amt ausübten. Diesen Anforde­rungen, die im 16. Jh. von der sog. Exekutions­bewegung in Frage gestellt wurden, ver­dank­ten nicht nur Ade­lige, sondern die ganze Gesell­schaft das Sicherheitsgefühl.

Die Exekutionsbewegung, die im politischen Leben Polens im 16. Jh. domi­nierte, war durchaus staatsbildend und nicht mit dem Standesegoismus des Adels gleichzusetzen, auch wenn manche Geschichtsforscher ihren Sieg als Ursache des späteren Untergangs und der Anarchie in der Republik sehen. Das Ziel der Bewe­gung war ein sicherer, gut regierter und verwalteter Staat. Dazu waren ein richtiges Funktionieren der Verwaltung, Beachtung der Rechtsvorschriften und Kontrolle über die einzelnen Elemente der Macht­struk­tur notwendig.

Dabei konnte die Verwaltung nur dann effektiv sein, wenn die Beamten das Recht kannten, gut belohnt wurden und über ausreichende Mittel verfügten, um die beauftragten Aufgaben zu rea­lisieren. Die erste Bedingung konnte nach der damali­gen Auffassung dann erfüllt werden, wenn der Beamte aus derselben Region kam, die er verwaltete. Die Kosten des Amtes sollte dage­gen der Herrscher tragen, der sie aus den königlichen Gü­tern bestreiten sollte. Die Verkleine­rung des königli­chen Vermögens machte sich aber schon zu der Regierungszeit des Königs Wladis­laus III. bemerkbar, der sich oft gegen Pfän­dung der königlichen Güter verschuldete. Das führte zur Schaffung einer Reihe von Geset­zen, die diese Praxis verboten.

Eine schlechte Verwaltung der königlichen Güter verband sich mit der Not­wen­dig­­keit die Be­völkerung mit neuen Steuern zu belasten, was jedoch vom Adels­stand einge­willigt werden musste. Viele Geschichtsforscher vertreten die Ansicht, dass die Befreiung des Adels von der Steuerpflicht im Vertrag von Kosice eine Abschwächung der Zen­tral­verwaltung und der Effektivität des Staates zur Folge hatte. Bei dieser Inter­pretation übersieht man leider die allgemein im mittel­alter­lichen Eu­ropa angewandte Regel des Justinianischen Rechts: „das, was alle Unter­tanen betrifft, soll von ihnen akzeptiert wer­den”. In der Praxis bezog sich dieser Spruch auf Steuern. Solche Interpretation dieser Regel wurde mit der Autorität der Kirche unterstützt und schuf die Praxis, sich an die Stände zu wenden, um Steuern ein­­zu­führen, „weil Steuern im Mittelalter für etwas Au­ßerordentliches gehalten wur­den, für einen Rettungsring für den Kö­nig in Notsituationen bzw. für ein Resultat einer schlech­ten Regierung und despotischen Drucks. Außer tradi­tionellen Abga­ben hat der Kö­nig Steuern entweder erbeten oder erzwun­gen.” Ähnlich betrachtete man in Europa die Regel von der Unantastbarkeit der könig­lichen Domäne, die in Frank­reich, Deutsch­land, Böhmen und Ungarn eine fun­damentale Bedeutung hatte. Der hl. Thomas behaup­tete: „deswegen wurden Einkommen aus königlichen Gütern fest­gelegt, damit die Könige damit ihre Ausgaben decken können und sich der Aus­beutung der Untertanen enthalten.” Diese Regel wurde auch in der Neu­zeit beach­tet, daher mussten paral­lel zur der Entwick­lung der Gesell­schaft neue Steuern ein­geführt werden.

In Frankreich versuchte man zur Regierungszeit Karl VII. diese Regel zu beach­ten, indem man die Steuer la taille (1439) eingeführt hat. Diese Steuer, die die Kos­ten des Krieges gegen England bestreiten sollte, wurde nur vom Plebejertum bezahlt. Der Adels­stand wurde von der Steuer befreit, weil sie eine Art Loskauf vom Militärdienst war.

In Polen, ähnlich wie in ganz Europa, hatte der Adel seine Herkunft im Ritter­stand und war somit für die Sicherheit des Landes verantwortlich. Die Steuerbelas­tung des Adels würde eine Abschwächung der Kampfbereitschaft bedeuten, deswe­gen betrachtete man solche Schritte als Ausnahmen. Eine ähnliche Auffassung der Rechte des Adelsstan­des kommt noch in der Neu­zeit vor. Aus diesem Grunde pfleg­te der Adel den Mythos von der Nutzbarkeit der Adelsarmee und widersetzte sich der Gründung einer großen regulä­ren Armee. Es lag andererseits auf der Hand, dass die Adelsarmee nicht in der Lage war, die ständig von Tataren bedrohte Süd­ost­grenze zu schützen. Der König forderte die Verab­schiedung von Steuer­gesetzen, was zwar meistens in Erfüllung ging, führte aber nicht zur Einführung einer regel­mäßigen Steuer.

Der polnische Adels wählte dabei eine andere Lösung als in anderen europäi­schen Ländern. Es boten sich nämlich zwei Möglichkeiten: entweder den Gewinn aus den könig­lichen Domänen und Regalien zu steigern oder regelmäßige Steuern einzuwilligen. Die Exekutionsbewegung wollte nach Finanzierungsmöglichkeiten in den Domänen suchen, die als staatliches Gut betrachtet wurden. Diese Meinung war unter polnischen Um­ständen gerechtfertigt, weil die königlichen Güter ca. 30% der Landesfläche umfass­ten.

Wir sind zum zweiten Mal zum Problem der Domänen zurückgekehrt. Im staatsbil­denden Ge­danken des Adels hatte es eine vorrangige Bedeutung, weil es nicht nur die Be­lastungen redu­zieren konnte, sondern auch das bestehende Staats­ordnungsmodell schützte. Die Monarchien der Neuzeit griffen außer der Einkom­menssteuer zu indirekten Steu­ern. In Preußen brachte die Akzise im 18. Jh. erheb­lich mehr Geld in den Staats­schatz als die Direktsteuer. Die Akzise war auch in Polen bekannt, es scheint aber, dass sie eine viel geringere Rolle spielte, vor allem wegen der Schwierigkeiten bei ihrer Ein­treibung. Gründe dafür sind in dem nicht vollendeten Anlegungs­prozess, in mangelnden Ver­bin­dungen zwischen der Stadt und der Landwirtschaft sowie in ihrer Autarkie zu suchen.

Es gab übrigens mehrere Probleme bezüglich der Steuern. Zu den Grundforde­rungen des Adels gehörte im 16. Jh. eine volle Integration des polnisch-litauischen Staa­tes. Der Adel forderte eine volle Unifikation, weil die Personalunion mit dem Her­zogtum Litauen angeblich zu locker war. Man ging davon aus, dass die Gesetze und Rechte alle gleich betref­fen sollten. Dabei waren die Unterschiede erheblich. Der Adel in Polen bildete eine geschlos­sene Schicht und war in Litauen immer noch nicht ganz konstitu­iert. Die dortigen Landstände mussten zuerst Boden zu eigen erhalten anstatt als Lehen. Darüber hinaus mussten sie über die gleichen Rechte verfügen, und es mussten analoge Staatsinstitutionen gegründet werden.

Aber auch dies hätte eine vollkommene Integration nicht garantieren können. Die Steu­erbe­lastungen konnten nur dann gerecht verteilt werden, wenn die ver­wen­de­ten Maßstäbe vergleichbar gewesen wären. Es handelt sich dabei nicht um die Wäh­rung. Das Steuergesetz belas­tete den Plebejer­stand, d.h. Bauern auf dem Lande und die Bürger in den Städten. Der Bauer ent­richtete die Steuer jedoch nicht indi­vi­du­ell, sondern je nach der Fläche seiner Land­wirt­schaft. In der Krone benutzte man den Maßstab von 1 Hufe, weil sie die durch­schnittliche Größe einer Landwirtschaft zur Zeit der Anle­gung nach deutschem Recht war. In Litauen setzte aber der Anle­gungs­pro­zess noch gar nicht ein, ja es herrschte dort sogar das Zweifelder­system vor. Um das Land zu vereinigen, musste man also zuerst die Agrarreform durch­führen.

Entsprechend große Probleme verblieben in den Städten, die rückständig waren. Es fehlte ein ausgebautes Netz von Kleinstädten, was die Waren-Geld-Wirt­schaft wesentlich beschränkte. Um die Probleme zu veran­schaulichen, mit de­nen sich der Staat damals auseinanderzusetzen hatte, kann man ein aktuelles Bei­spiel neh­men. Wäre es denn möglich die Mehrwertsteuer ohne Rechner und ohne einen aus­ge­bau­ten Verwaltungsapparat einzuführen? Beim Ein­satz von Techniken aus dem 19. Jh. bräuchte man dafür so viele Beam­ten, dass die Kosten bei weitem den Gewinn über­tref­fen würden. Auch im Falle der Postulate des Adelsstandes im 16. Jh. und ihrer Reali­sie­rung bemerken wir häufig Fehler, deren Konse­quenz ein feh­lerhaftes Funktionieren von eilig eingeführten Mechanismen war. Darin verbarg sich viel­leicht eine der Ursachen für Anar­chisierung des Lebens in Polen im 18. Jh. und für den Untergang des polnischen Staates.

Übersetzung: Tomasz Szczytynski

Literaturliste

Dowiat, Jerzy, 1968: Polska – Panstwem Sredniowiecznej Europy, Warszawa.

Gieysztor, Aleksander (Hrsg.), 1972: Polska dzielnicowa i zjednoczona. Panstwo-Spoleczenstwo-Kultura, Warszawa.

Kuczynski, K.S. (Hrsg.), 1981/82: Spoleczenstwo Polski Sredniowiecznej, Bd. 1-2 Warszawa.

Maciszewski, Jarema, 1987: Szlachta polska i jej panstwo, Warszawa.

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Tazbir, Janusz, (Hrsg.), 1974: Polska XVII wieku, Panstwo-Spoleczenstwo-Kultura, Warszawa.

Wyczanski, Andrzej, (Hrsg.): Polska w epoce Odrodzenia. Panstwo-Spole­czenstwo-Kultura, Warszawa.

Zientara, Benedykt, 1975: Henryk Brodaty i jego czasy, Warszawa.

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Aus: Lothar Nettelmann / Dariusz Adamczyk, Hrsg.: Zur Frage einer polnischen Nationalkultur - Index - Polen in Europa: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.
Beiträge der Tagung »Zur Frage einer Polnischen Nationalkultur« der Deutsch-polnische Gesellschaft Hannover e.V. im Oktober 2001.

Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [ISSN 0945-1536], Sonderheft 1 / 2002. Texte aus der Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. –
Buchausgaben vergriffen. [ISBN 3-93030307-10-3] –

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