Stefan Samerski
Der Beitrag der Katholischen Kirche für die kulturell-nationale
Identität Polens im 20. Jahrhundert
Zwischen dem ausgehenden 18. und der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Polens staatliche und nationale
Existenz durch die totalen territorialen Aufteilungen, die die Nachbarmächte
bis 1945 durchführten, in einer Radikalität in Frage gestellt worden wie sonst
in keiner anderen Geschichtsepoche. Die in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhundert verstärkte Identifikation des Polentums mit dem Katholizismus,
um durch das religiöse Bekenntnis und die konfessionell gebundene Praxis das
eigene national-kulturelle Selbstverständnis zu bewahren, bildet die an sich
plausible Antwort auf das äußere politische Geschehen. In diesem Klima der
staatlichen Unterdrückung gedieh der Gedanke des polnischen Messianismus, der
die Bedeutung der realen Situation auf den Kopf stellte, indem er den
besonderen Sendungsauftrag des polnischen Volkes propagierte: Die Leiden des
polnischen Volkes wurden nach dem blutigen Aufstand von 1830/31 theologisch
gedeutet und heilsgeschichtlich überhöht. Damit gewänne die polnische Nation
Anteil am Erlösungswerk Christi am Kreuz, der sich analog zu den Polen
unschuldig und freiwillig für die Völker geopfert und damit schließlich seine
Gegner besiegt habe.
Vor diesem politisch hochbrisanten und theologisch überfrachteten Kontext
sollen an dieser Stelle für das 20. Jahrhundert einige kirchenhistorische
Aspekte herausgegriffen werden, die bei aller notwendigen Einschränkung der
Betrachtungsweise das wechselseitige Abhängigkeitsverhältnis von
Katholizismus und nationaler Identität verdeutlichen.
Die zentrale Bedeutung
des konfessionellen Bekenntnisses erklärt sich zunächst aus dem geopolitischen
Umfeld, “weil durch diesen [katholischen] Glauben ein Pole sich von einem
Russen oder westlichen Ungläubigen unterscheidet.”
Damit findet in der religiös-konfessionellen Differenzierung die
staatspolitische eine Analogie. Nicht umsonst gelten als Orte nationaler
Identität und Selbstvergewisserung zwei Wallfahrtsorte mit
mythisch-patriotischem Charakter: Jasna Góra mit dem wundertätigen
Muttergottesbild von Tschenstochau und Wilna mit dem ebenfalls mirakulösen
Marienbild Muttergottes an der Ostra Brama. Die national-politische Funktion der
beiden Marienkultstätten wird im Nationalpoem Herr Thaddäus des berühmtesten polnischen Dichters Adam
Mickiewiczs (1798-1855) greifbar - ein Lied, das noch heute in den Lehrplan
jeder Schule gehört: “Heilige Jungfrau, die Du das helle Tschenstochau verteidigst
und im Spitzen Tor zu Wilna leuchtest!”
Das konfessionelle Bekenntnis ist damit wesentlich bipolar marianisch als
offensives politisches Fanal qualifiziert; entsprechend war die wichtigste
Funktion der Muttergottes von Tschenstochau und Wilna die ›Sache Polens‹. Nach
dem siegreichen nationalen Abwehrkampf gegen die Schweden hatte bekanntlich
der polnische König Jan II. Kazimirz (1648-1668) am 1. April 1656 die
Muttergottes zur Königin Polens proklamiert;
seit jenem Tag trägt Maria den offiziellen Titel »Königin der polnischen
Krone«. Als solche wird sie noch in der Gegenwart bei Invokationen im Gottesdienst
angerufen, beispielsweise in der Lauretanischen Litanei, obgleich Polen seit
1918 Republik ist.
Zu der
wesentlich politischen Aussagekraft des konfessionellen Bekenntnisses, das
sich gegen das angrenzende mehrheitlich protestantische Deutschtum im Westen
sowie gegen das orthodoxe Russland im Osten richtete, trat verstärkend das Moment
der kriegerischen Auseinandersetzung.
Bereits Mickiewiczs ›Große Litanei‹ aus den ›Büchern der polnischen
Pilgerfahrt‹ bittet in einer theologisch gewagten Anrufung ›Um den allgemeinen
Krieg‹, auf die die Gemeinde antwortet: “Bitten wir Dich!”
Denn von einem solchen Weltkrieg erhoffte sich der Dichter nationale
Selbstbestimmung. Damit schälen sich zwei konstitutive Momente für die religiös
kontaminierte national-kulturelle Identität heraus: marianisch geprägter
Katholizismus mit messianischem Gedankengut und die Idee von der kriegerischen
Auseinandersetzung zur Verteidigung bzw. Durchsetzung der eigenen staatlichen
Existenz als großpolnisch-jagiellonisch verstandener Nationalstaat.
Nach der
Wiederherstellung Polens nach 1918, die sowohl die polnische als auch die
deutsche katholische Geschichtsschreibung als einen ›Akt der geschichtlichen
Gerechtigkeit‹ und einen ›Aktivposten für die katholische Kirche‹
verbucht, einte die ›nationale Pflicht‹ die beiden zeitweise konträren Partner
Kirche und Staat.
Dabei zeigte sich nicht nur das restlose Eintreten der Polen für die Belange
der Kirche in seiner
Ausrichtung auf den Staat, sondern auch die national-patriotische Identität
als Regulativ für die Qualität und Quantität von Kirchentreue und katholischer
Praxis. Damit wurde auch das religiös-missionarische Wirken zum Dienst am Staat
ebenso wie Patriotismus und die Ausbreitung der politischen Herrschaft der
Verbreitung der Katholischen Kirche dienlich war. In einer solchen religiös-politischen
Ideenwelt liefen nichtpolnische Katholiken leicht Gefahr, selbst als
Glaubensgenossen diskreditiert, d.h. nicht als vollwertige Katholiken
anerkannt zu werden. Die selbst gern hervorgekehrte Einheit des polnischen
Katholizismus mit der römischen Kirche sah dementsprechend in der Realität
päpstlicher Ein- und Widersprüche gerade im 20. Jahrhundert ganz anders aus.
Gerade die jeweiligen Nachkriegsereignisse lassen dies exemplarisch deutlich
werden.
Bekanntlich enttäuschte
die alliierte Grenzziehung von 1919 die politisch federführenden Nationaldemokraten
herb.
Marschall Józef Pisudski (1867-1935) verfocht bereits ab Januar 1919 mit
militärischen Mitteln seine jagiellonische, romantisch-historische Konzeption
von einem polnischen Staat als föderatives Gemeinwesen von Polen, Ukrainern,
Litauern und Weißrussen.
Rasch und energisch stieß er nach Kiev vor, wo er im Verein mit dem
national-ukrainischen General Petljura die Ukraine vom Bolschewismus befreien
und diese dann dem polnischen Staat anschließen wollte. Die sowjetrussischen
Truppen vereitelten jedoch solche Pläne, trieben die Polen aus der Ukraine und
standen im August 1920 vor Warschau. Hier ereignete sich dann am
Himmelfahrtstag Mariens (15.8.) das legendäre ›Wunder an der Weichsel‹, das die
Russen in die Defensive brachte und die militärische Situation vollständig
auf den Kopf stellte. Polnische Kriegsfreiwillige gingen mit dem Kreuz in der
Hand in den Abwehrkampf mit der Überzeugung, nicht nur fürs Vaterland sondern
auch für den katholischen Glauben zu fallen.
Der vollständige Sieg über Sowjetrussland, den der Friede von Riga am 18. März
1921 besiegelte, qualifizierte Polen wie bereits im 17. Jahrhundert gegen die
Schweden und 1683 gegen die Türken als ›Vormauer des Abendlandes‹.
Marianisch geprägter Katholizismus, offensive militärische Auseinandersetzung
und messianisches Sendungsbewusstsein zur Rettung Europas lassen sich bei
diesen Ereignissen als identitätsstiftende Momente herausfiltern. Sogar der
Hl. Stuhl spielte mit: Der erste Nuntius im Nachkriegspolen, Achille Ratti,
war nahezu der einzige auswärtige Diplomat, der in der Krisensituation von 1920
in der polnischen Hauptstadt ausharrte, zum Widerstand aufrief und schließlich
ein Tedeum für die Befreiung
Warschaus anstimmte.
Der rasch erworbene Prestigegewinn Rattis in Polen war jedoch abhängig von
seiner Interessenkongruenz mit national-polnischen Zielen der Polen, wie sich
bald zeigen wird.
Jagiellonischen
Vorstellungen folgend, besetzten polnische Truppen das zu etwa 50% von Polen
und Weißruthenen besiedelte Gebiet von Wilna, nachdem sich die bürgerlich
orientierte Regierung der Republik Litauen Anfang 1919 unter dem Druck der
Roten Armee nach Kaunas zurückgezogen hatte. Aber schon Ende Februar 1919
wurde dort durch den Vormarsch der Russen die ›Vereinigte Sozialistische
Räterepublik Litauens und Weißrusslands‹ in Wilna unter kommunistischer Führung
ausgerufen und die polnischen Selbstschutzkräfte aus der Stadt verdrängt. Die
polnische Offensive ließ nicht lange auf sich warten und erreichte bis zum
Sommer des Jahres Minsk und Bobrujsk, wobei Pisudski um die Gunst der Bevölkerung warb, indem er den
Einwohnern des ehemaligen Großfürstentums Litauen die “Lösung der nationalen
und konfessionellen Fragen” zusagte.
Durch diese Militäraktion kam das religiös-kultische Zentrum Wilna mit seinem
bedeutenden Marienwallfahrtsort mit kurzer Unterbrechung bis zum Zweiten
Weltkrieg an Polen. Das wurde dadurch sanktioniert, dass der Warschauer
Nuntius Ratti in seiner Funktion als Apostolischer Visitator für die
ehemaligen russischen Gebiete im Januar 1920 die Stadt mit militärischen Ehren
und der Anwesenheit der höchsten staatlichen Vertreter besuchte und dadurch
die austauschbar religiös bzw. nationalpolitische Bedeutung Wilnas für
Polen heraushob. In das Besuchsprogramm war selbstverständlich auch das
dortige Marienheiligtum integriert.
In einer solch militärisch und politisch brisanten Situation ist die
institutionelle Unterscheidung zwischen Nuntius und Visitator marginal - noch
dazu, da sich die päpstliche Kurie auch in Zukunft mit polnischen Interessen
identifizierte: Rattis
Besuch in Wilna muss als Punktgewinn für Polen und seine national-religiösen
Ziele gewertet werden. Wilna kam zwar durch das litauisch-polnische Abkommen
von Suwalki vom 7. Oktober 1920 erneut an Litauen, wurde aber kurz darauf von
polnischen Truppen erneut besetzt, polonisiert und schließlich der Republik
Polen angeschlossen.
Das polnische Konkordat vom Februar 1925 zementierte dann auch
kirchlich-jurisdiktionell diese neue politisch-militärische Situation: Das
viergeteilte Bistum Wilna - der zu Litauen und zu Sowjetrussland gehörige Teil war
dem Oberhirten unzugänglich - wurde durch den Kirchenvertrag zur Erzdiözese
erhoben und durch die beiden polnischen Suffraganbistümer Lomza und Pinsk in
die Kirche Polens integriert; außerdem glich Rom die Bistums- an die
Landesgrenzen an. Als treibende Kraft lässt sich eindeutig die Warschauer Regierung erkennen,
die aus innen- und außenpolitischen Gründen an einem raschen
Vertragsabschluss mit dem Hl. Stuhl interessiert war: Bereits Ende August 1918 wurden erste Sondierungen zwischen Ratti einerseits
sowie politischen und kirchlichen Vertretern Polens andererseits aufgenommen.
Der Hl. Stuhl blockierte zunächst offizielle Verhandlungen, da die Grenzen
Polens noch bis 1923 nicht politisch und völkerrechtlich geklärt waren. Als
dann substantielle Verhandlungen in Rom einsetzten, verlangte Polen das
vollständige Eintreten in die kirchlichen Rechte der Vorgängerstaaten, was bei
zahlreichen Vertragspunkten auch gelang, vor allem bei der Wilna-Frage. Die
zu erwartende Reaktion Litauens erfolgte unmittelbar: Die Regierung des
neuentstandenen baltischen Staates brach im Sommer 1925 wegen des Konkordats
ihre diplomatischen Beziehungen zum Hl. Stuhl brüsk ab. Um den Preis eines solchen Eklats wurde dieser bedeutende kultische und
national-relevante östliche Außenposten Polens staatspolitisch und kirchlich
fest an den polnischen Staatsverband angeschlossen. Kirche und Nation hatten
sich kooperativ und gewaltsam durchgesetzt.
Bei einer fundierten
Analyse der sowjetrussischen Kirchenverfolgung der zwanziger Jahre stößt man
unvermutet auf polnisches missionarisch-nationales Gedankengut. Denn nicht nur
das katholische Kirchenvolk in Sowjetrussland bestand zu einem Großteil aus
Polen, sondern ebenso die kirchliche Führungsschicht.
Der polnisch gesinnte, geschickt taktierende Eduard Freiherr von der Ropp
wirkte auch nach der russischen Suspendierung vom Amt des Erzbischofs von Wilna
(1907) - vor allem nach 1917 - im Sinne der Ausbreitung des Katholizismus, die
er mit polnischem Sendungsbewusstsein in Verbindung brachte.
Auch als Rom von der Ropp 1917 zum Erzbischof von Mohilev, also zum Leiter der
Katholischen Kirche in Sowjetrussland, ernannt hatte, konnte dieser nur bis
1919 amtieren, da er von den Boschewiki verhaftet und im November nach Warschau
abgeschoben wurde, von wo er seine Tätigkeit fortzusetzen gedachte.
Ropps ›Plan einer systematischen Missionierung Russlands‹ schloss nämlich
auch die Forderung nach Entsendung von polnischen Geistlichen ein - ein Recht
gegenüber der Sowjetmacht, das er auch in seinem Warschauer Exil lebhaft
verfocht.
Das
isolierte Russland, das nach außenpolitischer Anerkennung strebte, schien
Ende des Jahres 1921 kurzfristig sogar ›Missionaren‹ das Recht auf Einreise
gewähren zu wollen - wenn diese sich jeder politischen Propaganda enthalten
würden.
Trotz solchen taktischen Entgegenkommens kam es bald zu scharfen
Auseinandersetzungen der Bolschewiki mit der Katholischen Kirche, die abgesehen
vom ideologischen Hintergrund auch im militärischen und politischen Konflikt
zwischen Polen und Russland wurzelten. Das russische Misstrauen gegenüber
einer polnischen Infiltration wurde durch von der Ropps Stellvertreter in
Mohilev, Weihbischof Jan Cieplak und Generalvikar Konstanty Budkiewicz, weiter
geschürt, die aus ihrer Verbindung zur polnischen Republik keinen Hehl
machten. Dies wurde
ihnen und zahlreichen weiteren Geistlichen in Petrograd zum Verhängnis: Wegen
ihres Widerstandes gegen die staatliche Beschlagnahmung von kirchlichem
Eigentum wurden 14 Geistliche und ein Laie im März 1923 verhaftet und zu einem
Schauprozess
nach Moskau
transportiert. Bei der Abreise aus Petrograd waren Tausende von Polen zum
Bahnhof gekommen und sangen bezeichnenderweise am Bahnsteig “Unter Deinen
Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesgebärerin.
Das Todesurteil gegen Cieplak wurde auf vatikanische Intervention in schwere
Einzelhaft verwandelt, während die über Budkiewicz verhängte Todesstrafe am
31. März vollstreckt wurde. Tatsächlich war das Material über die politische
Tätigkeit Budkiewiczs so erdrückend, dass selbst der Papst ein feierliches
Requiem im Vatikan aus diplomatisch-politischen Gründen ablehnte.
Budkiewicz hatte sogar die polnische Regierung brieflich gebeten, gegen die
sowjetischen Religionsgesetze zu intervenieren.
Tschitscherin hatte sogar nach der
Urteilsverkündung in Rom und Warschau versichern lassen, dass die Todesstrafe
nicht vollstreckt werde, wenn die Kurie und die Polen ruhig bleiben würden.
Dessen ungeachtet hatte der polnische Ministerpräsident Sikorski eine fast
drohende Parlamentsrede gegen Russland gehalten.
An dieser Stelle wird ganz deutlich, dass prominente polnische Vertreter
aufgrund des besonderen Sendungsauftrags des polnischen Volkes auch
religiös-konfessionell offensiv vorgingen und eine Art Protektorenfunktion für
den Katholizismus im Ausland übernahmen.
Der politische und ideologische Gegensatz lieferte weiteres Konfliktmaterial,
das in die Verfolgungsmaßnahmen gegen die Katholische Kirche im sowjetischen
Machtbereich einfloss. In der Sorge um die Cura
animarum steuerte der Vatikan einen anderen Kurs: Um weitere Verhaftungen
von Priestern und Gläubigen zu vermeiden, verzichtete die römische Kurie auf
jede Konfrontation mit Moskau und arbeitete sogar noch in den nächsten Jahren
an einer möglichen Übereinkunft, um die kirchliche Praxis rechtlich zu sichern.
Im Gegensatz zum Vatikan, der nicht an eine rasche Änderung der inneren
Verhältnisse Russlands glaubte,
verfocht von der Ropp als vermeintliches Sprachrohr der russischen Katholiken
eine rigorose Linie der Wiederherstellung des Status quo ante, also der vollständigen Herausgabe des
beschlagnahmten Kirchengutes.
Unterstützung erhielt er vom einflussreichen Jesuitengeneral in Rom, dem Polen
Wlodzimierz Ledochowski.
Moskau konnte dem polnischen Drängen schon deswegen nicht nachgeben, weil die
sowjetische Regierung katholische Einrichtungen als polnische Institute
geschlossen hatte.
Auch der Hl. Stuhl erkannte deutlich diesen politischen Zusammenhang und isolierte
in Rom polnische Einflussnahme. Damit kam es in der Russlandpolitik zu einer
deutlichen Differenzierung von polnischen und päpstlichen Optionen.
Unter den Plebisziten, die die
Entscheidungsgrundlage für die polnisch-deutsche Grenzfrage nach dem Ersten
Weltkrieg bilden sollten, war die Volksabstimmung im oberschlesischen Gebiet
vom 20. März 1921 die heftigst umkämpfte und nationalistisch aufgeladenste -
ging es doch hier auch um bedeutende wirtschaftliche Fragen.
Bereits Ende November 1918 notierte ein führendes Mitglied des deutschen Generalstabs:
“Fest steht, dass in Oberschlesien wild für Polen agitiert wird, und dass ein
großer Teil der katholischen Geistlichkeit die Agitation unterstützt [...]. Da
die Oberschlesier, besonders die Frauen, zum großen Teil leichtgläubig und
streng kirchlich sind, spielt der Klerus dort eine entsprechende Rolle.”
Die nationale Konfrontation nahm schon im August 1919 derartige Ausmaße an,
dass nach polnischen Ausschreitungen in zahlreichen oberschlesischen Kreisen
der Belagerungszustand verhängt wurde. Die drei polnischen Volksaufstände
zwischen August 1919 und Mai 1921, die von Truppenkontingenten und Freiwilligen
aus der ganzen Republik Polen unterstützt wurden, versuchten eine territoriale
Entscheidung gewaltsam herbeizuführen.
Der Kampf um Oberschlesien wurde damit eindeutig zur nationalen Sache, an der
die Kirche Polens in vorderster Linie teilnahm. Auf polnischer Seite wurde der
einheimische Wojciech Korfanty zur nationalen Symbolfigur, der durch
unermüdliche Agitation bereits Anfang des Jahrhunderts die preußische Germanisierungspolitik
Schlesiens
stoppen und
eine nationalpolnische Gesinnung entfachen konnte.
Korfanty setzte für die
patriotische Agitation vordringlich politisierende Geistliche ein, durch deren
Prestige in ihren Pfarrgemeinden er breite Bevölkerungskreise erreichte. Geschätzt
werden etwa 5 % nationalpolnische Geistliche aus Oberschlesien, die sich von
Korfanty für dessen politisch-patriotische Ziele instrumentalisieren ließen.
Diese zwar sehr kleine Gruppe war agitatorisch jedoch sehr aktiv und wurde
zudem von auswärtigen Klerikern tatkräftig unterstützt. Beispielsweise nahm der
aus dem Wartheland stammende junge Priesteramtskandidat Andrzej Wronka, der
später eine bedeutsame Rolle beim Wiederaufbau der Katholischen Kirche in
Polen spielen sollte, für fünf Monate (1920) an den Abstimmungskämpfen in Oberschlesien
teil.
Bischöfliche Mahnungen
gegen die Beteiligung der Geistlichen an nationalistischen Agitationen blieben
erfolglos. So hatte beispielsweise der Breslauer Oberhirte Adolf Kardinal
Bertram im Sommer 1919 mehrfach versucht, einen leidenschaftlichen
national-politischen Bruderstreit in seiner Diözese, zu der das oberschlesische
Abstimmungsgebiet gehörte, zu verhindern und seinen Klerus zur Mäßigung zu
bewegen. Vor allem ging es ihm darum, auswärtige Geistliche aus den Kämpfen
herauszuhalten, was aber selbst dann nicht gelang, als die Lokalverwaltung Oberschlesiens
am 11. Februar 1920 von der Interalliierten Regierungs- und Plebiszitkommission
übernommen wurde.
Auf polnischen Wunsch hin wurde der beliebte Warschauer Nuntius Ratti als
›unparteiischer Abstimmungskommissar‹ der Interalliierten Kommission beigegeben,
um die Situation zu beobachten und die Freiheit der Abstimmung zu
bewährleisten. Auf
deutscher Seite hatte sich lediglich Kardinal Bertram zugunsten dieser
Nomination ausgesprochen; Berliner Regierungsstellen lehnten diese
entschieden ab, da sie Rattis Unabhängigkeit anzweifelten.
Zunächst versuchte der Hl. Stuhl, deutsche Ressentiments dadurch auszuräumen,
dass er Ratti anwies, sich möglichst lange im oberschlesischen Abstimmungsgebiet
aufzuhalten, um einseitiger politischer Einflussnahme vorzubeugen. Es war aber
gerade die notwendigerweise unparteiische und versöhnliche Haltung Rattis in
der aufgeheizten Situation patriotischer Begehrlichkeiten, die den päpstlichen
Vertreter bei beiden Seiten diskreditieren musste: Sowohl Deutschland als auch
Polen versuchten nämlich Ratti für ihre eigenen nationalen Interessen zu
instrumentalisieren.
Der schwelende Konflikt kam im Juni 1920 offen zum Ausbruch, als die Interalliierte
Kommission Bertram daran hinderte, das Abstimmungsgebiet - also Teile seiner
eigenen Diözese - zu betreten, um eine Firmreise durchzuführen. Diesen
Eingriff in genuin kirchliche Rechte konnte Bertram nicht hinnehmen, zumal er
auf der anderen Seite polnische Priester ungehindert in der Öffentlichkeit
agieren sah. Außerdem versuchten polnische Regierungsstellen immer wieder, die
kirchliche Jurisdiktion über Oberschlesien vom Fürstbistum Breslau abzulösen,
um jede deutsche Einflussnahme auszuräumen. Obwohl der Hl. Stuhl diesen polnischen
Bestrebungen energisch entgegentrat und Ratti damit in eine schwierige Situation
brachte, übte der Papst bis Oktober keinen Einfluss auf die Interalliierte
Kommission aus, um kirchliche Rechte zu verteidigen, und brüskierte damit
Bertram und die deutsche Seite.
Während die deutsche
Seite weiterhin den Vorwurf der Befangenheit Rattis aufrecht erhielt, nahm Polen
ihm sein Einschreiten gegen nationalistische Agitationen von Priestern übel.
Warschau warf dem päpstlichen Diplomaten sogar Untätigkeit und Konspiration
mit Deutschland vor und verlangte von ihm die Absetzung deutscher Pfarrer
sowie die Segnung polnischer Fahnen.
Aus dem allseits beliebten Ratti war in Polen in wenigen Wochen eine
politische persona non grata
geworden! Als Bertram am 21. November 1920 jede nationale Propaganda des Klerus
mit der Strafe der Suspension vom geistlichen Amt ahndete – und zwar mit
päpstlicher Billigung –, richtete sich der Unmut der polnischen Behörden
gegen Ratti so heftig, dass man in Warschau die Abtrennung Oberschlesiens vom
Breslauer Fürstbistum und die Abberufung des Nuntius offen betrieb. Die polnische
Zeitung »Gazeta Poranna« warf Ratti Ende des Jahres sogar vollständigen Mangel
an Orientierungsgabe vor, so dass signifikanterweise sein Name “nicht mit goldenen
Buchstaben in das neu aufgeschlagene Buch der polnischen Nation”
eingetragen sei. Die politische Relevanz des katholischen Vertreters wird hier
deutlich greifbar! In einer veritablen Nacht- und Nebelaktion reiste Ratti am
2. Dezember aus Polen ab und kehrte erst im Mai 1921 für nur wenige Tage nach
Warschau zur offiziellen Verabschiedung zurück.
Die großen Sympathien der Polen für Ratti waren in blanke Ablehnung umgeschlagen,
als plötzlich neue nationalpolitische Implikationen ins Spiel kamen. Hier
folgte die Katholizität und Kirchentreue nationalen Leitvorstellungen, wobei
es schwierig ist, zwischen beiden zu trennen. Diese unreflektierte Blindheit
diskreditierte sogar päpstliche Neutralitätsverpflichtung.
Trotz der definitiven
alliierten Grenzfestsetzung vom 15. Juli 1922, die besonders in Deutschland
große Unzufriedenheit hervorrief,
setzten sich die nationalen Differenzen bis 1925 fort - vor allem auf kirchlichem
Gebiet. Denn nach der völkerrechtlich relevanten Teilung Oberschlesiens von
1922 war der Weg frei für die Neuordnung der Jurisdiktion. Unmittelbar nach
der Entscheidung des Völkerbundrates vom 12. Oktober 1921 über die Teilung
des Landes forderte Warschau vom Hl. Stuhl die Errichtung eines Bistums für
Ostoberschlesien. Der Papst lehnte dies ab und bildete aus dem fraglichen
Landesteil unter Hinzunahme eines polnisch gewordenen Teils des Kommissariats
Teschen die Apostolische Administratur Kattowitz, die sich institutionell als
Provisorium verstand und direkt Rom unterstellt wurde.
Die polnischen Konkordatsverhandlungen, die substantiell erst 1924 einsetzten,
gaben dann Warschau neue Möglichkeiten, Ostoberschlesien noch enger in die polnische
Kirche einzubinden: Bereits Anfang Dezember 1924 sickerten in der internationalen
Presse deutliche Umrisse von der neuen kirchlichen Zirkumskription Polens
durch.
Im März 1925 hatte man dann Gewissheit: Die Administratur Kattowitz wurde zur
Diözese erhoben und dem Metropolitanverband Krakau eingegliedert; außerdem
sollte das neue Suffraganbistum laut Konkordatstext den Namen ›Schlesien‹
erhalten. Auf der sensibilisierten deutschen Seite erhob sich ein veritabler
Sturm der Entrüstung, der die Berliner Ministerialbürokratie bis hinauf zum
Reichskanzler zu scharfen Protesten beim Vatikan veranlasste.
Man wandte sich vehement gegen die Bistumsbezeichnung ›Schlesien‹, die nach
Ansicht der deutschen Ministerien “die Anwartschaft der Polen auf das weitere
Gebiet der deutschen Provinz Schlesien”
zum Ausdruck bringen solle.
Ähnlich wie Wilna wurde
auch Ostoberschlesien seit 1925 vollständig in die Katholische Kirche Polens
integriert. Damit glaubte man, sowohl gegenüber dem orthodoxen Russland als
auch gegenüber dem protestantischen Deutschland als akatholische, polenfeindliche
Kräfte – selbst wenn die Situation in der Realität viel differenzierter aussah
– institutionell unüberwindbare Barrieren aufgerichtet zu haben. Ganz deutlich
ist dabei die Methode Warschaus zu erkennen, über kirchliche Organisationsstrukturen
auch politische und damit nationalkulturelle zu verfestigen: Die Ausbreitung
des Polentums diente der Ausdehnung des Katholizismus und umgekehrt. Wie rasch
und effektiv - selbst gegen vatikanische Widerstände - politische und
kirchliche Integration ineinandergriffen, überrascht nur den, der den Katholizismus
nicht als wesentlichen Faktor für die kulturelle und politische Identität des
polnischen Volkes würdigt. Gerade die militärisch-politische Umbruchsituation
nach dem Ersten Weltkrieg lässt deutlich werden, wie eminent wichtig die Rolle
der Katholischen Kirche bei der politischen Integration in den polnischen
Nationalstaat war, so dass widrigenfalls sogar ein anfangs hochwillkommener
päpstlicher Vertreter in wenigen Monaten zur persona non grata erklärt werden konnte. Katholische Kirche als
theologische Größe war damit eine höchst ambivalente Einrichtung, als politische
dagegen hochwillkommen.
Die Situation
von 1945 bis 1949
Für die Beurteilung der ersten fünf
Nachkriegsjahre ist sowohl das Auseinandertreten von polnischem Staat und
polnischer Führung durch die Errichtung eines kommunistischen Regimes von
Bedeutung wie auch die relative Schwäche der Moskau-hörigen Regierung in
Warschau - stellt man den Vergleich mit anderen Ostblockstaaten an.
Die Historiker sind sich weitgehend einig darüber, dass der polnischen Führung
weitgehend die Verankerung im eigenen Land fehlte; die Regierung strebte
daher auch über 1950 hinaus nach einer Legitimierung durch andere
gesellschaftliche Kräfte,
wobei die Kirche traditionell immer noch die prominenteste darstellte. Das
Traditionsmotiv wurde in seiner Intensität noch dadurch verstärkt, dass die Katholische
Kirche Polens jegliche Kollaboration mit den beiden Besatzungsmächten
Deutschland und Sowjetrussland im Weltkrieg abgelehnt und als Preis dafür mehr
als 3000 ermordete Priester und Ordensleute aufzuweisen hatte.
Die Kirche Polens als Hort nationaler Identität erhielt in der Situation, als
die Gesellschaft des Landes das Regierungssystem und seine Vertreter als
fremdes Transplantat - noch dazu als ein vom Erzfeind Russland eingesetztes -
abstieß,
besondere
politische Bedeutung. In dieser Funktion wurde die Kirche, die bereits in
Zeiten nationaler Unterwerfung sowohl gesellschaftliche Zufluchtstätte als
auch wichtigste Erziehungsanstalt und Hort der familiären, sozialen und
nationalen Kultur gewesen war, in ganz besonderer und umfassender Intensität
in Anspruch genommen.
Nur so ist es zu erklären, dass das neue politische System der selbstbewussten
Kirche Polens in den ersten Nachkriegsjahren in der Öffentlichkeit breiten
Raum einräumte: Noch im Jahre 1948 erschienen im ganzen Land 26 katholische
Blätter; etwa eine halbe Million Polen waren in katholischen Vereinigungen
unterschiedlichster Art organisiert.
Hinzu kam, dass sich zahlreiche Kommunisten gerne als katholikenfreundlich
gerierten und sich an der religiösen Praxis beteiligten.
Zunächst unverständlich
ist dabei jedoch die Haltung führender kirchlicher Vertreter. Hatte die Kirche
vor 1945 den Bolschewismus radikal abgelehnt, so verhandelte der polnische
Primas Augustyn Kardinal Hlond, der im Juli 1945 aus dem Exil zurückgekehrt
war, ausgerechnet mit jener Partei, die er noch 1936 als die größte Gefahr für
die Menschenwürde und die katholische Ethik bezeichnet hatte.
Diese Kompromissbereitschaft gegenüber dem Regime lässt sich nur auf eine als
widersprüchlich zu bezeichnende Grundeinstellung zurückführen, nach der die aus
Polen gebildete Regierung aus nationaler Perspektive zwar eine gewisse
Legitimität aufwies, die neue politische Kultur des Landes jedoch ganz
unpolnisch war. Um dieses Dilemma aufzubrechen, versuchten ausgerechnet zwei
Priester im Herbst 1946 erfolglos, eine katholische Gegenpartei zu den
Kommunisten ins Leben zu rufen, nachdem die christlich orientierte Arbeitspartei
kurz nach ihrer Gründung gespalten und gleichgeschaltet worden war.
Dass die bevorstehenden Sejmwahlen vom Januar 1947 nur eine Farce sein würden,
die nicht den Mehrheitswillen des Volkes widerspiegeln konnten, war dem
Episkopat bereits im Vorfeld bewusst. Deshalb gaben die Bischöfe auch keine
eindeutigen Wahlempfehlungen ab, sondern legten den Wählern die katholische
Morallehre als Entscheidungsmaßstab vor.
Die Kirche Polens und ihre Vertreter nahmen hier ihre vorrangige Verantwortung
für die nationale und staatliche Identität wahr, suchten die Diskrepanz
zwischen Nation und Staat zu überbrücken und im Zweifelsfall zu kooperieren.
Ganz deutlich und
unzweifelhaft zeigte sich das bei solch nationalpolitisch brisanten Fragen wie
die Integration der deutschen Ostgebiete in den polnischen Staatskörper,
als Kirche und Staat ohne Einschränkungen an einem Strang zogen - galt es doch
für die Kirche, ehemals mehrheitlich protestantische Gebiete für den
Katholizismus ›zurückzugewinnen‹. Kardinal Hlond hatte in diesem Zusammenhang
1948 sogar von der ›Stunde der Abrechnung von Jahrhunderten‹
gesprochen. Noch Stefan
Wyszyński erklärte 1950: “Die Wiederherstellung des Katholizismus
im deutschen Osten ist ein Akt der Gerechtigkeit Gottes, des Herrn der Geschichte.”
Der konstruktive Beitrag der Kirche Polens innerhalb dieses Integrationsprozesses
ist sowohl in der deutschen als auch in der polnischen Historiographie ein
unbestrittenes Faktum. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass bereits
die zweite Plenarkonferenz des polnischen Episkopats vom Mai 1946 künftig
alles vermeiden wollte, was als eine Bestätigung der Regierungspolitik‹
hätte gedeutet werden können. Ausgenommen blieb jedoch die Kirchenpolitik
Deutschlands. Hier hatten die Bischöfe nach eigenen Worten eine ›patriotisch-nationale‹
Linie zu vertreten, die man nicht anders als vor dem Hintergrund der
Messianismusidee und der Vorstellung von Kirche als dem wichtigsten
nationalen Kulturträger Polens verstehen kann. Es verwundert daher nicht, dass
bereits kurz nach dem Weltkrieg marianische Elemente in der Nationalidentität
und im gottesdienstlichen Bereich starke Förderung erfuhren: Noch bevor in
Tschenstochau vor einer Million Pilger das ganze Land der Gottesmutter Maria
geweiht wurde (8. September 1946),
führte man vor allem in den ehemals deutschen Ostgebieten, beispielsweise am
20. Februar 1946 in der Diözese Danzig, das Fest der Jungfrau Maria als Königin
Polens mit Messformular und Brevierlesung ein; am 15. August desselben Jahres
weihte der Danziger Apostolische Administrator Wronka die Diözese an der
Weichselmündung der Gottesmutter.
Trotz dieser selbst
kultischen Integration der neuen polnischen Gebiete hatte sich der Hl. Stuhl
bis in die siebziger Jahre geweigert, die von Polen immer wieder betriebene
Neuordnung der kirchlichen Jurisdiktion durchzuführen und aus polnischen
Gebietsteilen deutscher Bistümer selbständige Diözesen zu errichten.
Darüber hinaus hatte Pius XII. in einem offenen Brief im März 1948 seine
Zuneigung für die vertriebenen Deutschen geäußert und damit eine Protestwelle
der polnischen Regierung ausgelöst.
Auch in anderen
Bereichen verweigerte sich die Katholische Kirche Polens aufgrund ihrer
selbstauferlegten Verantwortung jeglicher Ghetto- und Untergrundsituation, die
für die Zeit der staatlichen Fremdherrschaft typisch gewesen war. Selbst als
das kommunistische Regime kirchenfeindliche Maßnahmen versuchte, den Einfluss
des polnischen Katholizismus zu brechen oder zumindest zu reduzieren, arbeitete
die Kirche am Aufbau einer “progressive[n] Tradition [...], um auf diese Weise
die Integration der Kirche in den sozialistischen Staat zu betreiben.”
Eine Trennung in ein Polen der Marxisten und ein Polen der Gläubigen kam damit
für die Kirche nicht in Frage,
ohne Verrat an ihrem Auftrag als einheitsstiftende nationale und kulturelle
Sammelstätte zu begehen.
Bedeutsam für die
vorsichtige Kompromissbereitschaft der polnischen Kirche gegenüber dem Regime
war aber noch ein ganz anderes Moment. Viel stärker als die von den Historikern
immer wieder angenommene Furcht vor dem angeblich unbesiegbaren Stalinismus
wirkte sich die streng patriotische Gesinnung vieler Kirchenführer auf das
innenpolitische Verhalten des Episkopats aus. Gerade vor dem Hintergrund einer
solch romantisch verklärten Gedankenwelt, die polnische Nation und
Katholizismus als unauflösliches Gewebe verknüpfte, war eine Fundamentalopposition
gegen den Staat gar nicht denkbar, zumal dieser als polnischer qualifiziert
werden musste. Beispielsweise hatte sich der erste Apostolische Administrator
von Danzig, der bereits erwähnte Andrzej Wronka (1945-1951), mehrere Monate als
polnischer Patriot im oberschlesischen Abstimmungskampf betätigt. Von ihm
durfte man im polnisch gewordenen Weichselgebiet national-zuverlässige
Maßnahmen erwarten. Sein Amtskollege in Landsberg/Warthe, Edmund Nowicki,
hatte Anfang des Zweiten Weltkriegs Berichte über die Kirche in Polen verbreitet
und damit sein Leben riskiert. Schon Anfang Oktober 1939 wurde er verhaftet und
im Mai 1940 in das Konzentrationslager Dachau verlegt. Damit stand also auch
seine patriotische Ausrichtung nicht in Zweifel. Auch der bis in die 50er
Jahre amtierende Kattowitzer Bischof Stanislaw Adamski, der unter der nationalsozialistischen Okkupation
gelitten hatte, ohne jedoch sein Amt aufgeben zu müssen, hatte an den
Aufständen in Oberschlesien 1919/21 teilgenommen.
Im Jahre 1950 scheint
dann der Gipfelpunkt einer kirchlich-staatlichen Zusammenarbeit erreicht worden
zu sein, wobei die Kirche eindeutig den schwächeren Part gewählt hat. Die
erste, 1948 einsetzende Verfolgungswelle gegen den Katholizismus und der Tod
des Primas Hlond führten zu stärkerer Kooperationsbereitschaft der Kirche
gegenüber dem Staat. Der neue Primas Stefan Wyszynski bot der Regierung im Februar 1949 die Bildung einer
Gemischten Kommission - gebildet aus kirchlichen und staatlichen Vertretern -
zur Beilegung der schwelenden Streitpunkte an. Damit erkannte der Primas nicht
nur die Legalität des kommunistischen Regimes an, er stufte es darüber hinaus
auch als verlässlichen Vertragspartner ein.
Die darauffolgenden Verhandlungen waren von gezielter staatlicher Polemik
und restriktiven Maßnahmen gegen das kirchliche Leben wie der Verstaatlichung
der Caritas, der Beschlagnahmung von Kirchengut und der Auflösung katholischer
Vereine begleitet.
Trotz dieser staatlichen Drohgebärden und kirchenfeindlichen Aktionen fand
sich der Episkopat am 14. April 1950 zu einem Abkommen mit der Regierung
bereit, um den rechtsfreien Raum zu verlassen, der durch die Kündigung des
Polenkonkordats durch die Regierung entstanden war.
Der erste der insgesamt 19 Artikel verpflichtete die Kirche, die “Achtung vor
dem Gesetz und der Autorität des Staates” zu lehren. Sogar auf dem Gebiet der
Volksfrömmigkeit wurde keine staatsfeindliche Tendenz geduldet (Art. 7).
Ferner sollten sich die polnischen Bischöfe in Rom zugunsten einer dauerhaften
Einbindung der ehemaligen deutschen Ostgebiete in die Kirche Polens verwenden
(Art. 3). Dafür erhielt der Episkopat allgemeine Garantieerklärungen für die
kirchliche Praxis im Ausbildungssektor, im caritativ-katechetischen Bereich
sowie im Vereins- und Ordenswesen.
Das Abkommen gewährte
der Kirche nur eine sehr kurze Erholung; schon in den Jahren 1951 bis 1953
erlebte der gesamte polnische Katholizismus die schwersten Verfolgungen
innerhalb der kommunistischen Ära.
Kritik am Vertrag setzte innerhalb Polens aber bereits während der
Verhandlungen ein; nach der Unterzeichnung des Vertrags sprach das päpstliche
Staatssekretariat von der ›politischen Naivität‹ des Episkopats, die nur
Misserfolg und Niederlage bewirken könne.
Wie immer man den Vertrag auch wertet: als Kapitulation der Kirche, als
Versuch, die kirchliche Praxis rechtlich zu sichern oder als Mentalitätswandel
im Umgang mit den staatlichen Organen
– richtig ist, dass keine der beiden Seiten ernsthaft annehmen durfte, dass der
jeweils andere sich präzise an den Wortlaut des Abkommens halten würde und
konnte. Viel mehr bestätigt der Vertrag sowohl durch seinen faktischen
Abschluss wie auch durch seinen konkreten Inhalt die symbiotische Beziehung
von polnischer Kirche und Staat, selbst wenn dieser sich kirchenfeindlich
gerierte.
Zusammenfassend lässt
sich also festhalten: Dem Katholizismus billigte der polnische Staat und seine
gesellschaftlichen Kräfte breite Relevanz für die kulturelle und nationale
Identität zu. Die Kirche nahm diese Rolle aktiv und kooperativ wahr, solange
die staatliche Integrität gewährleistet war. Selbst gegenüber einem sich
aggressiv kirchenfeindlich verhaltenden Regime zog sich die Kirche Polens nicht
auf subalterne, untergrundähnliche Positionen zurück, da sie sich als Repräsentant
des nationalen Willens und der nationalen Sendung fühlte. Kirche und Nation
wurden damit in zahlreichen Punkten deckungsgleich, selbst bei äußerer
(vatikanischer) Kritik. Die spezifisch marianisch geprägte Frömmigkeit trug
dabei Züge eines Staatskultes, der sich in seiner Protektorfunktion gegen die
übermächtigen nichtkatholischen Nachbarn Russland und Deutschland wandte.
Nicht zufällig liegen die beiden prominenten marianischen Zentren Tschenstochau
und Wilna in den Grenzgebieten zum konfessionellen Gegner.
Bahlcke, Joachim, 2000: Die Geschichte
der schlesischen Territorien von den Anfängen bis zum Ausbruch des Zweiten
Weltkrieges, in: ders. (Hg.), Schlesien und die Schlesier, München, S. 13-154.
Bihlmeyer, Karl/Tüchle, Hermann, 1961:
Kirchengeschichte, Bd. 3: Die Neuzeit und die neueste Zeit, Paderborn.
Broszat, Martin, 1972: Zweihundert Jahre
deutsche Polenpolitik, Frankfurt/M.
Brzoska, Emil, 1964: Das christliche
Oberschlesien, Bonn.
Fattorini,
Emma, 1992: Germania e Santa Sede. Le nunziature di Pacelli tra la Grande
guerra e la Repubblica di Weimar, Bologna.
Friszke,
Andrzej, 1996: Jakim państwem byńa Polska po 1956 r.?
in: Wiść 1939 (1996) Nr. 2, S
31-146.
Holzer, Jerzy, 1998: Die Kirche und die
nationale Identität, in: Lobkowicz, Nikolaus/Luks, Leonid (Hrsg.), Der
polnische Katholizismus vor und nach 1989. Von der totalitären zur
demokratischen Herausforderung, Köln/Weimar/Wien, S. 67-73.
Kersten, Krystyna, 1996: Bilans zamknicia, in: Spór o PRL, Krakau 1996, S. 17-27.
Kopiec, Jan, 1999: Polen, in: Kirche und
Katholizismus seit 1945, Bd. 2: Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa, Paderborn
u.a., S. 95-131.
Kondziela, Jan, 1986: Die katholische
Kirche, in: Hans-Georg Wehling (Hg.), Polen, Stuttgart, 130-142.
Luks, Leonid, 1993: Katholizismus und
politische Macht im kommunistischen Polen 1945-1989. Die Anatomie einer
Befreiung, Köln/Weimar/Wien.
Luks, Leonid, 2001: Polen als
Satellitenstaat (1944-1956). Zum Charakter eines Abhängigkeitsverhältnisses,
in: Hans-Jürgen Karp/Joachim Köhler (Hg.), Katholische Kirche unter
nationalsozialistischer und kommunistischer Diktatur. Deutschland und Polen
(1939-1989), Köln/Weimar/Wien, 75-92.
Majka, Jerzy, 1980:
Historyczno-kulturowe uwarunkowania katolicyzmu polskiego, in: Chrzeńcijanin w świecie 10 (1980), S. 29-44.
Manthey, Franz, 1965: Polnische
Kirchengeschichte, Hildesheim.
Marschall, Werner, 1980: Geschichte des
Bistums Breslau, Stuttgart.
McCullagh, Francis, 1926: Die Verfolgung
des Christentums durch die Bolschewiki, Paderborn.
Meysztowicz,
Walerian, 1969: La nunziatura di Achille Ratti in Polonia, in: Pio XI nel
trentesimo della morte (1939-1969). Raccolta di studi e memorie, Mailand,
177-201.
Nasarski, Geri, 1982: Noch ist Polen
nicht verloren. Die Tragödie einer stolzen Nation, Wien u.a.
Pańyga, Edward J., 1988: Polsko-watykańskie stosunki dyplomatyczne, Warschau.
Prizel,
Ilya, 1998: National Identity and foreign Policy. Nationalism and leadership in
Poland, Russia and Ukraine, Cambridge.
Raina,
Peter, 1994: Końcięw
PRL.
Końcięl katolicki a państwo w swietle dokumentów
1945-1989, Bd. 1: 1945-1959, Posen.
Rhode, Gotthold, 1965: Kleine Geschichte
Polens, Darmstadt.
Rood, Wim, 1993: Rom und Moskau. Der
heilige Stuhl und Russland vzw. die Sowjetunion von der Oktoberrevolution
1917 bis zum 1. Dezember 1989, Altenberge.
Roos, Hans, 1986: Geschichte der
polnischen Nation 1918-1985. Von der Staatsgründung im Ersten Weltkrieg bis
zur Gegenwart, Stuttgart u.a.
Samerski, Stefan, 1999: Ostdeutscher
Katholizismus im Brennpunkt. Der deutsche Osten im Spannungsfeld von Kirche
und Staat nach dem Ersten Weltkrieg, Bonn.
Schmidlin, Josef, 1939: Papstgeschichte
der neuesten Zeit, Bd. 4: Papsttum und Päpste im XX. Jahrhundert: Pius XI.
(1922-1939), München.
Scholz, Franz, 1989: Zwischen
Staatsräson und Evangelium. Kardinal Hlond und die Tragödie der ostdeutschen
Diözesen. Tatsachen, Hintergründe, Anfragen, Frankfurt/M.
Schwaiger, Georg, 1999: Papsttum und
Päpste im 20. Jahrhundert. Von Leo XIII. zu Johannes Paul II., München.
Siedlarz, Jan, 1996: Kirche und Staat im
kommunistischen Polen 1945-1989, Paderborn u.a.
Stehle, Hansjakob, 1993:
Geheimdiplomatie im Vatikan. Die Päpste und die Kommunisten, Zürich.
Stehlin,
Stewart A., 1983: Weimar and the Vatican. German-Vatican Diplomatic Relations
in the Interwar Years, Princeton.
Strobel, Georg W., 2001: Die Kirche
Polens, das gesellschaftliche Deutschensyndrom und bei der Rolle bei der Sowjetisierung
Polens, in: Hans-Jürgen Karp / Joachim Köhler (Hrsg.), Katholische Kirche
unter nationalsozialistischer und kommunistischer Diktatur. Deutschland und
Polen (1939-1989), Köln/Weimar/Wien, S. 75-92.
Suttner, Ernst Chr., 1992: Die
katholische Kirche in der Sowjetunion, Würzburg.
Wirpsza, Witold, 1983: Pole wer bist
Du?, München/Luzern.
Anmerkungen
[1]
Holzer 1998, 68.
[2] Scholz 1989, 149-157.
Heilsgeschichtlich optiert das Polentum damit für eine Position als Miterlöser
der Welt in der universalen Heilsordnung Gottes; vgl. ebd., 150.
[3]
Manthey 1965, 297.
[4]
Zitiert nach: Wirpsza
1983, 23. Dazu auch: Manthey 1965, 307.
[5]
Siedlarz 1996, 29.
[6]
Vgl. dazu: Wirpsza 1983,
23-26.
[7]
Siedlarz 1996, 30-31;
Holzer 1998, 68.
[8]
Zitiert nach: Scholz 1989,
150. Vgl. auch: Manthey 1965, 250.
[9]
Bihlmeyer/Tüchle, 1961,
507.
[10]
Holzer 1998, 68-69.
[11]
Manthey 1965, 304.
[12] Broszat 1972, 203-207.
[13]
Roos 1986, 52-54; Prizel
1998, 56-57.
[14]
Manthey 1965, 252.
[15]
Dazu: Roos 1986, 75-89;
Rhode 1965, 471-472.
[16]
Meysztowicz 1969, 193-195;
Samerski 1999, 30.
[17]
Roos 1986, 38, 63-75; Rhode
1965, 467.
[18]
Schmidlin 1939, 15;
Meysztowicz 1969, 190-191; Schwaiger 1999, 204.
[19] Festgehalten werden muß,
dass sich die Kurie bereits vor 1918 für die Wiedererrichtung Polens offen ausgesprochen hatte; dagegen wurde die zu drei Vierteln von Katholiken
bewohnte Republik Litauen erst 1922 von Rom anerkannt. Im November 1922 empfahl
Kardinalstaatssekretär Gasparri Litauen, ein freundschaftliches Verhältnis zu
Polen aufzubauen, was in Litauen Verbitterung auslöste; Schmidlin 1939, 137.
[20] Roos 1986, 94-99; Rhode
1965, 472-473.
[21]
Payga 1988, 104. Originaltext bei: Acta Apostolicae Sedis 17, Rom 1925,
273-287.
[22]
Auch zum folgenden: Payga 1988, 91-98; Samerski 1999, 93-96.
[23]
Schmidlin 1939, 138.
[24]
Die etwa 1,6 Mio.
Katholiken des lateinischen Ritus in Sowjetrußland waren polnischer Abstammung
und Sprache: Stehle, 1993, 19.
[25]
Ebd., 17, 29,
[26]
Ebd., 19, 25-29.
[27]
Ebd., 34.
[28]
Ebd., 33.
[29]
Ebd., 15, 53.
Beispielsweise waren die Protokolle der Priester-Zusammmenkünfte in Petrograd
auf Polnisch abgefaßt worden: McCullagh, 1926, 193.
[30]
Übersetzung der
Anklageschrift: McCullagh, 1926, 190-220.
[31]
Rood 1993, 69. Vgl. auch:
Suttner, 1992, 23-24.
[32]
Rood 1993, 71; Stehle,
1993, 54.
[33]
Stehle 1993, 53.
[34] Ebd.
[35]
Der römische
Botschaftskonsultor Steinmann sprach 1922 nach Erörterungen mit dem Moskauer
Vertreter Worowski von Polen, “das sich als Schutzherr der katholischen Kirche
Russlands aufspielt”: zitiert nach: ebd., 34.
[36]
Ebd., 54.
[37] Ebd., 34.
[38]
Vor allem ging es den
beiden polnischen Kirchenmännern darum, jegliche Anerkennung des Sowjetregimes
durch den Vatikan zu verhindern; Rood 1993, 65; Stehle 1993, 55.
[39] So Worowski 1922: Stehle
1993, 34.
[40]
Dazu: Broszat 1972,
201-213; Bahlcke 2000, 121-133.
[41]
Bahlcke 2000, 124.
[42]
Roos 1986, 91-92; Bahlcke
2000, 126-129.
[43]
Brzoska 1964, 54.
[44]
Roos 1986, 90.
[45]
Brzoska 1964, 54-55.
[46]
Ebd., 55.
[47]
Samerski 1999, 30.
[48]
Fattorini 1992, 236.
[49] Stehlin 1983, 110-111;
Samerski 1999, 30-31.
[50]
Samerski 1999, 31.
[51] Marschall 1980, 157;
Stehlin 1983, 114-116.
[52]
Schmidlin 1939, 15 Anm. 24.
[53]
Zitiert nach: ebd., 16 Anm.
26.
[54]
Ebd., 16.
[55]
Broszat 1972, 211-213.
[56]
Samerski 1999, 88.
[57]
Ebd., 95.
[58]
Ebd., 96-99.
[59]
Deutsche Botschaft Vatikan
am 22. August 1925: zitiert nach: ebd., 99.
[60]
Luks 2001, 85-86.
[61]
Ebd., 90; Raina, 1994,
232-235; Kersten, 1996, 23-24.
[62]
Luks 1993, 11; Siedlarz, 1996,
31; Holzer, 69.
[63]
Friszke 1996, 138.
[64]
Siedlarz 1996, 31; Majka
1980, 31.
[65]
Luks 1993, 11.
[66]
Holzer 1998, 69.
[67]
Luks 1993, 10.
[68]
Luks 1993, 15-16.
[69]
Luks 1993, 17.
[70]
Holzer 1998, 70; Kopiec
1999, 102-104.
[71] Botschaft Hlonds an die
neubesetzten polnischen Westgebiete vom 24. Mai 1948: Archiv für Schlesische
Kirchengeschichte 39 (1981), 76-82, Zitat: 77.
[72]
Zu dieser Frage vgl.
jüngst: Strobel 2001, 118-128.
[73]
Siedlarz 1996, 81 Anm. 163.
[74]
Strobel 2001, 124.
[75]
Kopiec 1999, 105.
[76]
Siedlarz 1996, 47;
Kondziela 1986, 135-136.
[77]
Siedlarz 1996, 68.
[78]
Nasarski 1982, 118-119.
[79]
Siedlarz 1996, 53.
[80]
Luks 1993, 20-21.
[81]
Strobel 2001, 130.
[82]
Siedlarz 1996, 72.
[83]
Ebd., 73-76; Kopiec 1999,
108.
[84]
Siedlarz 1996, 77-80;
Kopiec 1999, 109.
[85]
Siedlarz 1996, 79; Kopiec
1999, 110-111.
[86]
Unterstaatssekretär Tardini
an den polnischen Episkopat vom 4. Mai 1950. Vgl. auch: Kopiec 1999, 109.
[87]
Luks 1993, 19-21.