http://www.Polen-Didaktik.de

Home Inhalt In memoriam Grundlegende Schriften Nation ohne Ausweg? Polen und Deutsche Jernsson: Historismus Polen 1980/81 Fachaufsätze Didaktische Praxis Impressum

 

Zur Seitennavigation
Anmerkungen
Inhalt
Dokument Information

   
   

 

     
 

Gerhard Voigt:

Die Grenzen des „Identitätskonzeptes“: Widersprüche, Ideologien[1]

Zusammenfassung

Es ist sinnvoll und notwendig, sich sowohl mit dem wissenschaftlichen Begriff der „Identität“ als auch mit dessen teil­weise „inflationären“ Inanspruchnahme in der Publizistik wie in politi­schen Diskursen kritisch auseinander zu setzen.

Im nachfolgenden Aufsatz soll gezeigt werden, dass das „Identitäts-Konzept“ eine längere philosophische „Vorge­schichte“ hat und zu einer zentralen Kategorie der Individualpsychologie mit weit reichenden Folgen für das Menschen­bild und die Begründung pädagogischer Anthropo­logien hat, dass aber die Bedeutungsunsicherheit der Kategorie einen alltäglichen Gebrauch we­nig sinnvoll erscheinen lässt – gerade auch in der Pädagogik.

Die daraus übertragenen vielfältigen und mehrdeutigen Konzepte einer „kollektiven Identi­tät“ sind grundsätzlich als Ideologeme zurück zu weisen. Im heutigen Sprachgebrauch ersetzen sie oft im Sinne einer falsch verstandenen „politi­cal correctness“ eine eigentlich gemeinte posi­tive Bewertung von „Nationalismus“ oder „Nationalbewusstsein“, aber auch die Abwehr inte­grativer und auf Kommunikation zielender Ansätze interkulturellen Lebens und Lernens. »Kol­lektive Identität«  im internationalen Kontext ist ein Kampfbegriff um Gruppen - und Herr­schaftsinteressen zu legitimieren und durchzusetzen.

Das wissenschaftliche Interesse der Soziologie und allgemein der Sozialwissenschaften richtet sich weniger auf die Begriffsinhalte von „Identität“ bzw. »Kollektive Identität« selbst als auf den Prozess ihrer gesellschaftlichen Inan­spruchnahme und Funktionalisierung. Es ist zu fra­gen, in welchen gesellschaftlichen Kontexten eine bewusste oder immanente Bezugnahme auf Identitätskonzepte als Erfolg versprechend erscheint und als Agens der gesellschaftlichen Kohä­sion verstanden wird. Auch im historischen Zusammenhang ist die Frage zu stellen, seit wann, d.h. auch seit wel­chen gesellschaftlich-zivilisatorischen Entwicklungsprozessen es sinnvoll und nicht anachronis­tisch erscheint, Grup­penkohäsion mit Kategorien einer »Kollektiven Identität« zu beschreiben oder diese als „Selbstkonzepte“ dieser Grup­pen vorzufinden.

Die Kohäsion gesellschaftlicher Gruppen in ruralen Gesellschaften, wie wirst sie heute noch in den Randbereichen auch semiperipherer Regionen wie z.B. in Ostanatolien und Teilen des Nahen Ostens vor­finden können, beruht auf traditio­nalen Verhaltenkodices und der Einbindung in feste, aber nicht staatlich institutionalisierte „Netzwerke“ persönlicher Beziehungen und Ab­hängigkeiten, die als Hauswirtschaft, Großfamilie, Klientel oder Gentes (Clan etc.) benannt wer­den können, aber kaum ein internalisiertes abstraktes „Gruppenbewusstsein“, das als „kollektive Identität“ verstandet werden könnte, herauszubilden in der Lage sind. Die Formen der sozialen Kommunikation, die die Gruppenkohäsion ausmachen, erlauben Mehr- und Uneindeutigkeiten der Loyalitätsbeziehungen - vor allem je größer die Gruppe ist, die hier im Sinn von Elias als „Überlebenseinheit“ angesprochen werden kann - im Rahmen traditionaler Regeln auch Wechsel und Ver­schiebung. Untypisch und als Beschreibung nicht adäquat wäre es, hier den für die mo­derne Gesell­schaft typischen Antagonismus Individuum (Individualisierung) - Gesellschaft (Staat, Nation) zu vermuten und zu su­chen: dieser ist hier nicht existent. Daher ist es auch so schwierig, Konflikte bei und mit Angehörigen dieser ruralen Gesellschaften mit Bezug auf „Staatsnormen“ einerseits und „Individualrechten“ anderer­seits zu lösen oder überhaupt nur als Konfliktstruktur sichtbar zu machen.

Auch die antiken Herrschaftsgebilde sind ebenso wenig im modernen Sinne als Staaten zu bezeichnen noch werden sie von „Völkern“ im heutigen Sinne getragen; zumindest haben sie für diese Dimension kein Bewusstsein entwickelt. Sogar das relativ modern anmutende römische Imperium war im Kern eine Klientel-Gesellschaft, in der die „gentes“ die Machtdifferenziale unter sich ausmachten. Auch die „pax romana“ war ein Rechts- und Herrschaftskonzept und kein Rekurs auf eine römische integrative Kultur.

So werden wir darauf verwiesen, den Ursprung von Konzepten einer »Kollektive Identität« als Funktion und Folge der neuzeitlich Prozesse des „nation building“ in Europa zu verstehen, im Sinne der Zivilisationstheorie von Norbert Elias als Teil der Psychogenese der entstehenden Staatsgesellschaft (vgl. Voigt 2002b).

Die Durchsetzung von Volkstums- und National-Bewusstsein, die geforderte innere Identi­fizierung mit Gruppen und damit das Verständnis, Teil einer »Kollektiven Identität« zu sein, ist Teil der zu dieser Zeit eingeleiteten „Homogenie­rungsprozesse“, die auch durch die Entwicklung einheitlicher Hochsprachen zur Überwindung der regionale und loka­len Differenzierung und Vielfältigkeit der Feudalzeit beitragen, die der notwendig werdenden ökonomisch-recht­lichen Einheitlichkeit und Sicherheit wie der staatlichen Zentralisierungstendenzen zuwider liefen. Auf dieser Basis entwickelt sich das neuzeitliche Staats- und Völkerrecht (vgl. Hugo Grotius).

Im Prozess der Dekolonisierung im 20. Jahrhundert übernehmen Anti-kolonistische Befrei­ungsbewegungen das Macht- und Durchsetzungs­instrumentarium der westlichen Kolonialmächte und wenden es gegen diese.

Die Forderung nach eigener nationaler Repräsentation ist letztlich der Kern des Antikoloni­alismus gewesen und führt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur rechtlichen Homogeni­sierung der Partizipationschancen von Gruppen auf der „internationalen Ebene“ z.B. in der UNO, die abhängig werden von einer staatlichen (= nationalen) Organisation und Artikulation.

Der Widerspruch dieses Prozesses ergibt sich aus der Tatsache, dass hier „nation building“ ohne korrespondierende kulturelle und sprach­liche Homogenisierung einen „personalen Träger“ vermissen lässt. Nur durch Gewalt wird ver­sucht, im Interesse konkurrierender Macht­eliten in den Staaten, die als „Kunstprodukte“ aus dem Erbe des Kolonialis­mus herausgelöst worden sind, die zufällig dort lebende Bevölkerung zu „Völkern“ zu machen. Aber gerade dieses Konzept der Ethnifizierung ist unspezifisch und kann auch im Interesse jeder Teilgruppe in der Hand opposi­tioneller Machtgruppen zum Mittel der Desintegration des jeweiligen „Staates“ werden.

Da ein von partikularen Machtinteressen unabhängiger historischer Anlass zur Nationenbil­dung sichtlich fehlt, sind Bürgerkriege und Zerfallsprozesse eher das übliche als die Ausnahme. Das Beispiel des missglückten Staatenbildungs­prozesses in Jugoslawien zeigt das sogar noch im europäischen Raum. Erst anhaltender ethnifizierter Bürgerkrieg wie im Nahen Osten evozieren die Durchsetzung aggressiver auf Feindbilder und Angststrukturen gründender „Wir-Konzepte“, die letztlich eine gefährliche Form eines „Identitätskonzeptes“ annehmen Sonnen. Gruppenkon­flikte dieser Struktur (Palästinenser-Israeli, Türken-Kurden) erzeugen die „Völker“ erst, deren Interesse sie wahrzunehmen postulie­ren. Für eine europäische Politik ist es daher gefährlich, durch ethnische Parteinahme das zu Grunde liegende Kon­fliktmuster der Ethnifizierung sozialer Disparitäten zu akzeptieren und damit den Konflikt zu perpetuieren.

Sowohl im individuellen interkulturellen Kontakt wie im politischen Umgang mit ethnifi­zierten Konflikten ist es not­wendig, unzulässige Rechtsbegriffe und politische Parteinahme durch Konzepte der Mediation und diskursiver Kom­munikation aufzulösen. Hier liegt auch Ziel und Chance einer kritischen Beschäftigung mit Identitäts-Konzepten für die Pädagogik und die Interkulturelle Bildung.

1. Die gesellschaftliche Bedeutung des Identitäts-Begriffes

Die Kategorie „Identität“ begegnet uns derzeit in den Medien, in der politischen Öffentlichkeit und in der sozialwissen­schaftlichen Literatur sehr häufig – und zwar in widersprüchlichen Kon­texten und mit unterschiedlichen Bedeutungsin­halten verknüpft. Auch in der pädagogischen Li­teratur finden wir eine heftige Auseinandersetzung darüber, ob das Identitätskonzept als Be­schreibung des Subjektes pädagogischer Lernprozesse unter individualpsychologischen Ge­sichtspunkten noch sinnvoll ist, wie es von einer funktionalistischen Richtung, die sich an Luh­mann orientiert, grund­sätzlich bestritten wird (Lenzen 1997) und die an deren Stelle Konzepte der „Multiidentitäten“ und der „Flickwerk-Biographien“ stellt, oder ob ganz im Gegenteil dazu „Identität“ im Sinne einer idealistischen „Pädagogik“ der unverän­derliche Kern der Person ist, den zu entwickeln und freizulegen Aufgabe pädagogischen Bemühens ist. Einen kritischen und weiterführenden Beitrag zu dieser Kontroverse liefert Bernhard Claußen (2001: 235 passim), bei dem einmal deutlich wird, dass die Pädagogik nicht auf individualitätsbezogene Identitätskon­zepte verzichten kann, dass andererseits die soziale Dimension als Diskurs in dieser Kontroverse ver­nachlässigt wird.

Mit der Uneindeutigkeit des Begriffes der „Identität“ teilt diese Kategorie das „Schicksal“ vieler zentraler Begriffe, die teilweise einen historischen oder einen definierten fachsprachlichen Ursprung haben, aber in der Begriffsgeschichte in andere gesellschaftliche und umgangssprach­liche Bereiche diffundiert sind und dabei Eindeutig­keit und ihr konsensuelles semantisches Um­feld verloren haben. In den Sozialwissenschaften selbst gehören neben fundamentalen Katego­rien wie „Gesellschaft“ und „Gemeinschaft“ –  deren Gebrauch kaum noch distinktive Inhalte zu kennzeichnen in der Lage ist – vor allem Begriffe wie „Gruppe“, „Schicht“, „Klasse“, „Rolle“ oder „System“ und „Funktion“. Zu diesen Begriffen, deren Gebrauch dennoch unverzichtbar ist, existiert eine reichhaltige Fachliteratur, die eine kritische Be­schäftigung mit den widersprüchli­chen und sich wandelnden Realitätsbezügen und -definitionen ergiebig macht, von deren aufklä­rerischen Potentialen aber eigentlich nichts in den alltäglichen Umgang mit diesen Begriffen eingedrungen ist.

Typisch für diese „offenen Begriffskategorien“ ist nicht nur ihre Unbestimmtheit und das Changieren ihrer Kontexte, sondern auch ihre jeweils aktuelle Funktionalisierbarkeit, die eine – mit an Machtdurch­setzungen und ‑interessen ge­knüpfte – „politische Besetzung“ – und damit interessengeleitete Bedeutungseinschränkung – und Funktionalisierung ermöglicht, wenn nicht nahe legt.

Damit eignen sich „offene Begriffskategorien“ als politische „Kampfbegriffe“ in der tages­politischen Auseinanderset­zung. Für alle genannten Begriffsbeispiele lassen sich hinreichende Beispiele und Belege finden, die den Ideologem-Charakter verdeutlichen. Bas wissenschaftliche, soziologische Interesse an diesen Begriffen knüpft daher heute weniger an den ursprünglichen und definierten Bedeutungsinhalten an – hier sollte eher eine große Zurückhaltung gegenüber dem Gebrauch dieser Begriffe vorherrschen –, sondern gerade an dem Phänomen ihrer Kontin­genz und Funktionalisier­barkeit, also an der gesellschaftlichen Funktion ihrer Verweildung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts sind zunehmend auch Begrifflichkeiten aus dem Bereich der (Indivi­dual-) Psychologie und der Psychoanalyse in den umgangssprachlichen Bereich wie in die sozi­alwissenschaftliche Fachterminologie übernommen worden.

Diese „Grenzgänger“ zwischen Psychologie bzw. Psychoanalyse und Soziologie wie Reich und Adorno erschließen den Gesellschaftswissen­schaften neue, aufklärerische Potentiale und be­gründen damit die „Kritische Theorie“.

Abgesehen von dieser wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung, die selbst wieder in politi­sche Auseinandersetzungen einbezogen wurde, hat die Verbindung von psychologischen und so­ziologischen Frage­stellungen eine weit reichende und notwendige Anwendungsperspektive. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Sozialisationsforschung, deren Bedeutung in den aktuellen Dis­kursen über gesellschaftliche Gewalt, Jugenddelinquenz wie auch allgemein für die Fundierung der Politik­didaktik nicht unterschätzt werden darf.

Dass hier auch im Kontext der Gesellschaftswissenschaften nicht entscheidbare philosophi­sche Probleme hereinspielen, ist bei der Thematik, die in existenzieller Weise das Entstehen des menschlichen Wesens und des Bewusstseins behan­delt, selbstverständlich, kann aber an dieser Stelle nicht vertieft werden. Es genügt hier der Hinweis auf die Diskurse der „science wars“ über den Wirklichkeitsbegriff aus naturwissenschaftlicher wie aus historisch-soziologischer Per­spek­tive. Die Gesellschaftswissenschaften tendieren dabei heute zu einer Affinität zum philosophi­schen Pragmatismus, wie ihn in typischer Weise Rorty (2000) vertritt.

Diese ausführlichen und verallgemeinernden Vorbemerkungen scheinen notwendig, um zum Thema der „Identität“ hinzuführen und eine kritisch­distanzierte Sicht aufzubauen. Auch die sowohl gängige als auch vieldeutige Kategorie der „Identität“, mehr noch der hier primär in Frage stehenden »Kollektiven Identität« als häufig anzutreffendem politischen Leitbegriff, gehört zu den „offenen Kategorien“, die von der Individual- und Entwicklungspsychologie über die So­ziali­sations-Forschung in den alltäglichen Sprachgebrauch und in die Sozialwissen­schaften dif­fundiert sind. Aber selbst die Psychologie hat den Begriff der „Identität“ übernommen aus dem philosophischen Sprach­gebrauch. Der Begriff hat also eine alte Tradition und eine in unter­schiedlichen fachlichen Kontexten wechselvolle semantische Entwicklung durch­gemacht. Nach einigen einleitenden allgemeinen Überlegungen werden wir uns dann vor allem einer kritischen Be­trachtung des Begriffs der »Kollektive Identität« zuwenden, um diesen aus einer ganzen Reihe von Gründen grundsätz­lich zurück zu weisen. „Identität“ wird heute in der öffentlichen Diskus­sion in widersprüch­licher Weise verwendet. Mit „Identität“ bzw. „Identitätsproblemen“ werden sowohl individuelle Verhaltensmuster in der Gesellschaft begründet (Delinquenz, Sozia­lisations­defizite, Akkulturationsprobleme, Gewaltproblematik), individuelle psychische Störun­gen ge­kennzeichnet (multiple Persönlichkeiten, psychotische Angstsyndrome etc.), als auch auf gesell­schaftliche Gruppen bezogene „Identifikationen“ und „Wir-Ideale“ beschrieben, insbeson­dere, wenn es um die Erklärung von Nationalis­mus, Ethnizität oder gewalttätigen Gruppenstrate­gien geht. Dabei ist offen, inwieweit der Terminus „Identität“ aus „Identifi­kationsprozessen“ ab­ge­leitet oder als schon vorher bestehende »Kollektive Identität« verstanden wird.

In allen diesen Fällen bleibt die Ambiguität bestehen, inwieweit „Identität“ als Ergebnis eines Prozesses bzw. Ziel einer Entwicklung zu verstehen ist oder als zumindest potentiell von Anfang an existierender Wesenskern, also als Entität angenommen wird. Diese Überlegung führt zu einem anderen Gebrauch des Begriffes der „Identität“ hin, der individual bezogen für die Pä­dagogik wichtig geworden ist, gruppen- bzw. „volkstumsbezogen“ die Diskussion um staatliche Partizipationsrechte seit dem Prozess der Dekolonisierung bestimmt: Identität als normative Wertkategorie zur Be­stimmung von individuellen und kollektiven Entwicklungszielen und ihrer Legitimation. Die Vorstellung von einer „intakten Persönlich­keit“ oder eines „souveränen Vol­kes“ wird in diesem Kontext als Ausprägung seiner Identität po­stuliert. Dieser Identitätskern ist aber nur schwer zu bestimmen und zu beschreiben. Im individuell-pädagogischen Be­reich muss die Philosophie des Bewusstseins und des „Ich-Subjektes“ einspringen, für Gruppen und Völker werden sprachliche, kulturelle, ethnische und historisch-politisch (z.B. einen antikolonialen Be­freiungskampf evozierende) sowie mythische (Herkunftslegenden, Nationalmythen, Gruppen­symbole) „Basiserfahrungen“ bemüht, um die „Gruppenidentität“ im Bewusstsein einer „Wir-Er­fahrung“ zu verankern.

Dass hier schon Norbert Elias mit seinem Konzept der „Überlebensein­heiten“ begrifflich-konzeptuell weiter war und Konzepte der »Kollektiven Identität« schlicht obsolet werden lässt, sei hier schon angedacht. Der Identitätsbegriff ist in seiner staatlich-gesellschaftlichen Verwen­dung äu­ßerst kritisch zu be­urteilen und selbst in gewissem Sinne ein auf Ge­fühlen aufgebau­tes verschleierndes Ideolo­gem[2].

Kehrt man zum ursprünglichen individuellen Identitätskonzept zurück, lassen sich wesentli­che und wissenschaftlich sinnvolle, weiterführende Aspekte mit einer sehr einleuchtenden Überlegung von Schmücker und He­ring belegen:

„Identität ist die Ein­heit von Unterscheidbarem: die Gleichheit von etwas mit etwas ande­rem. Als per­so­nale oder Ich-Identität kann man folglich die projektive Einheit eines indi­vi­duel­len Subjekts be­zeichnen, das sich zu unter­schiedli­chen Zeitpunkten als es selbst identifiziert. Jür­gen Habermas hat diese personale Identität vor zwei Jahrzehnten als ‚Fähigkeit sprach- und handlungs­fähiger Subjekte‘ definiert, ‚auch noch in tief greifenden Verände­run­gen der Persönlich­keitsstruktur ... mit sich iden­tisch zu bleiben‘? Für eine normale Lebensführung ist diese Fä­higkeit ganz unabding­bar: Wenn sie fehlt oder verloren geht, sind see­li­sche Krankhei­ten re­gelmäßig die Folge. Darüber hinaus be­sitzt die perso­nale Identität je­doch auch eine fo­rensi­sche Bedeutung, auf die schon John Locke aufmerksam gemacht hat: Wenn ich derje­nige bin, der in der Vergangen­heit in be­stimmter Weise ge­handelt hat, dann bin ich für die Kon­se­quenzen die­ses Handelns verantwortlich. Die Identität eines individu­ellen Sub­jekts hat allerdings nicht nur diese durch seine Selbstwahrneh­mung be­stimmte In­nenseite, sondern auch eine Außenseite, die von der Fremd­wahrnehmung ab­hän­gig ist. Sie kann sich mit meiner Ich-Identität decken, muss es aber nicht. Analog dazu lässt sich einer Gruppe oder Gesell­schaft eine kollek­tive Identität zuschrei­ben“ [Her­vor­he­bung G.V.].

Die abschließende Übertragung des Individualkonzeptes auf eine angenommene „kollektive Identität“ muss jedoch grundsätzlich in Frage gestellt werden.

2.   Bedeutungsebenen des Identitätsbegriffes

2.1 Die philosophische Dimension

Der philosophische Diskurs über die personale Identität kann hier ebenso wenig vertieft werden wie das Problem der axiomatischen Identität von Größen und Entitäten. Die Kategorie der „Identität“ entspricht hier dem ersten Axiom der klassischen Zahlentheorie, der Identität einer Größe (der Einheit) mit sich selbst. Dass diese auf dem euklidischen Weltbild fußende Zahlen­theorie, die u.a. Bertrand Rüssel zur Vollendung geführt hat, in sich nicht widerspruchsfrei sein kann, hat Anfang der 30er Jahre Gödel mathematisch belegt, indem er die Logik der Booleschen Algebra zur Aufde­ckung der immanenten Paradoxien in der Russel'schen Zahlentheorie verwen­dete. Philosophische Bedeutung hat dieser Diskurs, weil er in gleicher Weise die immanente Pa­radoxie der jeglicher Hermeneutik zu Grunde liegende Annahme einer mit sich selbst identi­schen Letztbegründung erweist. Konstruktivistische und relativistische Philosophiebegrün­dun­gen verzichten daher ganz auf einen solchen „archimedischen Punkt“ eines identischen Wahr­heitsbegriffes und damit auf die These der Identität als einer philosophischen Entität.

Die schon genannte Affinität sozialwissenschaftlichen Denkens zur relativistischen oder pragmatischen philosophischen Fundierung steht in diesem Erklärungszusammenhang.

Im Bereich der Ethik ist ein (pragmatisches) Identitätskonzept in so fern wohl unverzicht­bar, als es das „Ich“, die „per­sona“ als persistierendes, denkendes und reflektierendes „Subjekt“ ethischer Orien­tierungen voraus setzt. Doch wird hier die Grenze zur psychologischen Dimen­sion des Identitätskonzeptes erreicht.

2.2 Die psychologische Dimension

Zur Bestimmung des Gegenstandes der Psychologie („die menschliche Psyche“), um sie von der medizinisch-naturwissenschaftlichen Anthro­pologie abzusetzen, benötigt diese Wissenschaft die These von einer zumindest potentiell mit sich selbst persistent, d.h. über längere Zeitabschnitte „identischen Person“. Dies ist eine „Metakategorie“, die letztlich holistischen Denkansätzen folgt. Der Charakter der „Person“ als Entität ist ein Bewusstseinskonstrukt und keine analytisch-deterministisch begründbare „Tatsache“. In so fern unter­liegt das „Wesen der Person“ und damit seine „Identität“ dem Kontingenz-Postulat.

Identität kann als Selbstkonzept; und als Zuschreibung verstanden werden. Beides steht in interdependentem Zusammenhang und wird zwangsläufig die Thematik einer Selbst-Umwelt-Dichotomie, psycho-analytisch als „Ich-Entstehung“ ansprechbar, behavioristisch aber nur als input-output-System einer „black box“ zu beschreiben. Sozial-psychologisch erschließt sich die­ser Zusammenhang im Forschungs­bereich der Sozialisationstheorie.

Die Ethische und die politische Dimension dieser Ansätze wird sofort deutlich, wenn wir uns die Problematik der „Fremdheitserfahrung“ und ihre emotionalen Ambivalenzen und imma­nenten Konfliktpotentiale vor Augen führen.

Ein zentrales philosophisch-psychologisches Problem wird dadurch angeschnitten: die Frage nach dem Bewusstsein. Die Vielzahl der Bemühungen um diese Kategorie bis hin zur mo­dernen Gehirn-Forschung kann hier nicht referiert werden.

Doch bleibt eine Konsequenz in unserem Zusammenhang von großer Bedeutung: Bewusst­sein – wie wir es unserem Alltag verstehen (müssen) – setzt Erinnerung voraus und die Erwar­tung einer wie auch immer strukturierten Zukunft, die etwas mit der gegenwärtigen Situation ebenso zu tun hat wie mit der erinnerten Vergangenheit.

Und zunächst einmal sieht sich das »Ich« in eben dieser Vergangenheit – als Beobachter oder Akteur – wie in der antezipierten Zukunft teilhaftig. Damit liegt hier notwendigerweise ein personales Erfahrungskonzept zu Grunde, das der Begriffskategorie der Identität der Person ent­spricht – wohlgemerkt als subjektives Selbstbild oder Selbstkonzept – dessen intersubjektive Di­mension erst in der Konfrontation mit der sozialen Umwelt zu Tage tritt, ohne die es sich aber erst gar nicht entwickeln kann. Bewusstsein ist in diesem Zusammenhang also (auch) eine sozi­ale Kategorie.

2.3  Die juridische Dimension

Für juridisches Denken ist die Kategorie der Identität notwendig und grundlegend. Recht ist von seiner Konzeption her zeitlich dimensioniert.[3] Rechtsetzung, zu normierendes Verhalten und Recht­sprechung sind eine zeitliche Trias, die als Konstrukt der Zeit Struktur und Kontinuität verleihen soll.

Die Objekte der Norm, die Menschen oder „Täter“, müssen nach dieser zeitlichen Trias konzipiert sein, ihre Identität ist die Fiktion, dass der „Täter“ einmal die vor der „Tat“ liegende Rechtsnorm erfahren und verinnerlicht haben konnte und nach der „Tat“ als „identische Per­son“ für die Tat verantwortlich gemacht werden kann.[4]

Ohne diese Fiktion einer gegebenen Identität der Person wäre juristisches Denken ebenso unsinnig und unmöglich wie das Richten und Sanktionieren.

Die Legitimität behavioristischer Rechtssysteme, die nicht nach Identitäten fragen, würde sich auf die statistische Erfolgskontrolle erprobter Reaktionen auf rechtliches Handeln im Sinne der Individual- und Generalprävention bezogen auf weitere Straftaten beschränken: Wenn die Kriminalitätsrate sinkt, waren die rechtlichen Maßnahmen – Strafen, Sanktionen, Erziehungs­maßnahmen – in Ordnung und ausreichend.

Die ethische Kategorie der „Schuld“ setzt personale Schuldfähigkeit, d.h. das Bewusstsein einer personalen Identität voraus.

Die reale Rechtsprechung und Rechtsetzung in unserer Gesellschaft schwankt zwischen die­sen Konzepten, indem einmal die Kategorie der „Schuldfähigkeit“ rechtsrelevant die Prüfung der Fähigkeit des Täters auf Schuldeinsicht und seine Anerkenntnis der untrennbaren Verbin­dung seiner Person mit seiner Tat voraussetzt und damit letztlich die Identitätsvermutung des Täters zum Urteilskriterium macht, auch was seine Erinnerung an die Tat angeht, andererseits aber die Forderung der Gesellschaft nach Rechtsfrieden den Gesichtspunkt der Sühne der Tat zwingend einfordert. Für die Öffentlichkeit nur schwer zu begreifen und erst recht vom Opfer kaum nachzuvollziehen ist die immer wieder notwendige Trennung der sühnenden Verurteilung der Tat und der festgestellten Nichtschuldfähigkeit des Täters, bei dem die vorausgesetzt Identi­tätsvermutung nicht zu bestätigen ist.

Ohne weiter auf diese rechtsphilosophische Dimension eingehen zu wollen, die aber für eine politikdidaktische Reflexion maßgebliche Bedeutung hat, und auf die daraus resultierende Entscheidungsunsicherheit des Rechts einzugehen, wird ganz allgemein zu sagen sein, dass die Forderung nach „Verantwortung“ und „Haftung“ die Konzeptualisierung von Identitätsvorstel­lungen notwendig nach sich zieht.

Hervorzuheben ist hier der Aspekt, dass die rechtliche „Verantwortungsvorstellung“ eng mit der Konzeptualisierung des Begriffs des „Identitätsbewusstseins“ verknüpft ist. Die recht­li­che Beurteilung hat sich auf Taten „identischer Personen, Individuen“ zu beziehen und rechtli­che Verantwortung kann nur eine rechtsfähige Person als identisches Individuum übernehmen.

Hier wird die schon angesprochene Ambivalenz und Problematik des Begriffes einer „kol­lektiven Identität“ sehr augenfällig und unmittelbar rechtsrelevant. In der juristischen Perspek­tive hat das Konzept einer „kollektiven Identität“ seine stärkste Stütze, wenn – in der Rechts­wirklichkeit notwendigerweise und unwidersprochen – nichtpersonale Institutionen und Men­schengruppen haftbar und verantwortlich für Fehlverhalten gemacht werden, ohne dass notwen­digerweise individuelle „Schuldige“ auszumachen sind. Wichtig und begrifflich abgrenzend ist hieraus folgend aber, dass diese Haftung und Verantwortung rechtlich und rechtsphilosophisch keineswegs gleichgesetzt werden kann mit „Schuld“. Kollektives Fehlverhalten zieht Haftung, aber keine Sühne nach sich, so schwer dies dann auch wieder die Opfer zum Beispiel staatlicher Verbrechen trifft.

3.   Geschichte und Gruppenkohäsion: Unterschiedliche Identitätskonzepte

3.1  Von der traditionalen Gesellschaft zum nation building

Wir können mit dieser Überlegung das neuzeitliche Konzept einer „kollektiven Identität“ in einen historisch-soziologischen Kontext stellen, auf den wir noch zurückkommen müssen: die Funktion der Identität von Kollektiven und Institutionen als Mittel der gesellschaftlichen Homo­genisierung im Prozess des „nation building“.

So können wir in der historischen Perspektive zwei unterschiedliche Funktionstypen einer „ko­llektiven Identität“ unterscheiden:

a. Die „undistanzierte“ Identität der ruralen Gesellschaft

Die „undistanzierte“ (mythische[5]) Identität wird als solche nicht selbst wahrgenommen, sondern dient aus heutiger Sicht zur Kategorisierung historische Gruppenkohäsion und besieht sich auf vielfältige traditionale Gruppenverbände der Vergangenheit. Angewendet wird diese Kategorie auch auf heute noch existierende gesellschaftliche Residualformen in den Peripherien und den Binnenperipherien der semiperipheren Regionen wie der Türkei.

Diese Identität beschreibt stabilisierende Verhaltenskonzepte der familialen und an Klientelen orientierten Vergesellschaftung, in der, nach Elias, kollektive „Überlebenseinheiten“ her­ausgebildet werden, die erst im weiteren historischen Prozess als Stämme, Völker, Sprach- und Religionseinheiten oder Ethnien „rationalisiert“, d.h. aber meist: mythologisch als Abstam­mungsgemeinschaften legitimiert werden. Von ausschlaggebender Bedeutung ist dabei, dass die historischen Abläufe zum Beispiel der „Ethnogenese“ gegenüber dem selbst geglaubten „Ab­stam­mungs­sachverhalt“ eine vollständige Umkehrung bedeuten, die Kohäsion der Gruppe also auf ein mythisches Ideologem zurückgeführt wird.

Von einer Identität in psychologischer Analogie kann hier sicher nicht die Rede sein, der ju­ridische Aspekt kommt aber durch die Gruppennormen, die sich meist in patriarchalischer Re­präsentation ausdrücken, zu Tragen. Individualrechte sind nur sehr begrenzt wenn überhaupt de­finiert und sicherlich nicht gegen die Ansprüche des Kollektivs geschützt. Hier erweist sich der Doppelcharakter dieser „Identität“: als „Überlebenseinheit“ ist der Rechtliche Bezug von Ver­antwortung und Haftung auf das Kollektiv insgesamt von existenzieller Bedeutung und sichert dem Einzelnen seine Überlebenschancen; als Herrschaftsordnung festigt sie patriarchalische Vorrechte und strukturelle unauflösliche Ungleichheit für die einzelnen Binnengruppen des Kollektivs. Dieser zweite Aspekt macht verständlich, warum diese „undistanzierten Identitäten“ im Modernisierungsprozess ihre mangelnde Eignung erweisen und immer stärker nur als ana­chronistische Residualformen aufgefasst werden können, auch wenn gerade der Modernisie­rungskonflikt zu erschreckenden Gewalt- und Destruktionspotentialen auf der Basis mythischer Selbstkonzepte führt.[6]

Ganz deutlich ist hier der Inhalt der auf das Kollektiv durch Tradition und Enkulturation projizierten „Selbstkonzepte“ und „Wir-Ideale“ und ihrer undifferenziert-mythischen Begrün­dung zu unterscheiden von der rationalen und historischen Begründung der Entstehung dieser sozialen Gruppenkohäsion im Vergesellschaftungsprozess. Weder sind hier die kulturellen Ein­heiten oder ethnischen Differenzierungen als reale Ursachen einer „Identitätsstiftung“ anzuse­hen, noch kann bei der oft großen inneren Differenzierung und Heterogenität tatsächlich von persistenten gesellschaftlichen Einheiten gesprochen werden. Verlangt ist hier ein grundsätzlich prozessuales Vorgehen, das gesellschaftliche Selbstverständnisse als Phasen von Veränderungs­prozessen begreift.

Daher ist es auch notwendig, sich der Frage zu stellen, in wie fern eine Kategorisierung vormoderner, ruraler oder peripherer Gesellschaften unter das Konzept »Kollektiver Identitäten« überhaupt zu sinnvollen Erkenntnissen führt. Auch hier führt erst eine historisch-soziologische Metaebene der Erklärung zu brauchbaren Einsichten. Nicht die Kategorie einer »Kollektiven Identität« beschreibt eine historische Identität, sondern diese Kategorie ist ein reales historisches Agens, das in mehrschichtiger Weise im Prozess des nation building in Wert gesetzt wird.

Einerseits diente diese »Kollektive Identität« in ihren Ausprägungen als Nationalismus und Staatsbewusstsein der notwendigen gesellschaftlichen Homogenisierung als Voraussetzung der sich ausweitenden Aktionsräume der ökonomischen Entwicklung, der Frühformen einer Globali­sierung des Handels und der Erschließung der Märkte für die beginnende Industrialisierung, an­dererseits verschleierte sie die Brutalität der Durchsetzung neuer Herrschafts- und Ausbeutungs­formen, indem sie einen scheinbaren Rückgriff auf bewährte traditionale Verhaltens- und Be­wusstseinsformen ermöglichte und innere Konflikte auf neu entstehende oder wieder aktuali­sierte äußere Feinde projizieren ließ.

In der Gegenwart verschärft sich unter dem Gesichtspunkt der globalen Durchsetzung von industriegesellschaftlichen Modernitätsvorstellungen und Lebenskonzepten, die unumkehrbar und daher historisch als notwendig zu bezeichnen ist, als Denk- und Orientierungsmuster der re­alen Modernisierungs- und Globalisierungsverlierer, die im Rückgriff auf vormodernen (klientele und familiale) Ordnungs- und Handlungsvorstellungen – ohne diese in der Realität wieder beleben zu können, da sie für heutige Konfliktlagen keine Lösungsperspektive anzubieten haben – eine Kampf „gegen die Moderne“ führen. Die geglaubten Überlebenseinheiten werden als Ethnien begriffen und legitimiert, wobei niemals ins aktuelle Bewusstsein gedrungen ist, dass es sich bei diesen aggressiv verteidigten Ethnien keineswegs um persistente Völker sondern um zeitgeschichtlich sehr junge Artefakte handelt.

An den „Ethnien“ bzw. den „Völkern“ der Kurden oder der Palästinenser zeigt sich augen­fällig, dass vor Ausbruch der politischen Konflikte, die mit der weltpolitisch gefügten Bildung der Staaten Türkische Republik und Israel[7] zusammenhängen, Kurden oder  Palästinenser als Gruppen oder gar Völker nicht in Erscheinung getreten sind und erst recht kein entsprechendes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben.

Die ethnischen Konflikte der Gegenwart berufen sich also sicherlich zu Unrecht auf alte „Rechte von Völkern“ – wie übrigens gleichermaßen die europäischen Nationalstaaten keines­wegs auf vorher eindeutig zu definierende und abzugrenzende Volkstums- oder Kulturgruppen zurück zu führen sind[8] – sondern sind Ergebnis von Machtprozessen und bewusster Herrschaftsle­gitimierung. Das entstehende Gefühl einer »Kollektiven Identität« verselbständigt und verfestigt sich dann jedoch und wird zu einem Faktor der internationalen Konflikttopogra­phie.

b. Die »Kollektive Identität« der modernen Staats-Gesellschaft

Die Konzeptualisierung einer Kategorie der »Kollektiven Identität« in Europa beginnt mit dem Beginn der Neuzeit und ist Bestandteil der von Norbert Elias beschriebenen Zivilisationspro­zesse. Zivilisatorische Verhaltensstandards werden durchgesetzt – wie das Gewalt- und das Steuermonopol des Staates – im Interesse der Machtdurchsetzung einer neuen institutionalisier­ten Staatsherrschaft.

Verhaltensstandards sind nicht Selbstzweck sondern historisch-prozessuale Funktionen eines Wandels gesellschaftlicher Figurationen. Dabei sind diese Zivilisationsstandards weder widerspruchsfrei, noch konsistent und auch nicht in gleichsinniger und gleichzeitiger Weise in den sozialen Gruppen des „Staates“ und der „Staatsbürgerschaft“ präsent und wirksam.

Zivilisatorische Verhaltensstandards werden durchgesetzt, sowie das Gewalt- und Steuermonopol des Staates, im Interesse der Machtdurchsetzung einer neuen institutionalisierten Staatsherrschaft. Dies war nicht Selbstzweck, sondern historisch-prozessuale Funktion eines Wandels gesellschaftlicher Figurationen. Daher sind diese Zivilisationsstandards weder widerspruchsfrei, noch konsistent und auch nicht gleichmäßig weit in den sozialen Gruppen des „Staates“ und in der „Staatsbürgerschaft“ präsent und wirksam.[9]

Ein labiles, veränderliches Gleichgewicht von Verhaltensoptionen und Verhaltenspoten­tialen beschreibt die Politische Kultur der Gesellschaft.[10] Dieses differenzierte Bild des Verhaltens im historischen Wandel lässt die These einer persistenten »Kollektiven Identität« als obsolet erscheinen.

Erst recht wird dies deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass der Zivilisationsprozess keineswegs eindimensional und unwidersprüchlich zu beschreiben ist. Der Machtprozess wird in ambivalenten und wandelbaren Codierungen eines kulturellen Zeichenprozesses wahrgenommen und umgesetzt (Voigt 2002b, Kostjukovic 1987).

Traditionale Symbolik und Codierungen, die zurückweisen auf vorstaatliche Kom­mu­ni­ka­tions­figurationen, werden in der Durchsetzung des Nationalismuspostulates im 19. Jahrhundert in Mittel- und Westeuropa als Funktion problematischer Homogenisierungs­bestre­bun­gen des ent­stehenden Nationalstaates ganz bewusst im Interesse der Herrschaftsdurchsetzung ein­gesetzt und konstituiert.

Gleichzeitig entsteht innerhalb der gleichen historischen Situation und Politischen Kultur eine starke, bis heute wirksame Unterströmung einer Kultur der Widerständigkeit (Voigt 2001a: 208f., 226f.), die zu dem Wertvollsten gehört, was die europäische Kultur hervorgebracht hat und and die auch die Menschen- und Grundrechte und der Versuch ihrer Durchsetzung anknüpfen. So ist die dauernde Konkurrenz affirmativer und widerständiger Verhaltensoptionen Merkmal der europäischen Kultur und Agens ihrer historischen Dynamik und globalen Wirksamkeit. Mit der These einer konstituierten „kollektiven Identität“ ist dieser Befund jedenfalls nicht zu vereinbaren; die Kategorie selbst wird damit zu einem Kampfbegriff der affirmativen Machtinteressen.

Es mag daher widersprüchlich erscheinen, dass im Prozess des Antikolonialismus und der politischen Partizipationsforderungen nichtstaatlicher Gruppen der Rekurs auf den Identitätsbegriff eine zentrale und für die Herrschenden gefährliche Rolle spielt, da sie deren eigene Identitätsmodelle, die in einem Prozess der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols durchzusetzen versucht wurden, konterkariert mit Widerstand gegen die damit verbundene Homogenisierungszumutung. Auf der anderen Seite imitiert jedoch die separatistische Gruppe eben die gleichen Machtprozesse nach innen, die sie nach außen hin bekämpft. Der Rekurs auf eine eigene Gruppenidentität konstituiert meist erst die Gruppe, die den neuen Herrschaftsverband ausmachen soll. So entstehen im Prozess des Antikolonialismus tatsächlich „neue Völker“,[11] die sich in der Verinnerlichung der Werte und Erfahrungen des antikolonialistischen Kampfes zunehmend als „Überlebenseinheiten“ verstehen und auch verstehen können. Dies erklärt die teilweise mit Erstaunen aufgenommene Beobachtung, dass „revolutionäre Befreiungsbewegungen“ nach ihrem Erfolg in den neu konzipierten Staaten als autoritäre Staatsparteien gerieren und unter einer revolutionären Terminologie konservative, machtzentrierte Ideologien bis hin zum zentralistischen Personenkult um den „verehrten Führer der Revolution“ entwickeln.[12]

Damit wird aber die machtfixierte Bedeutung des Konzeptes der »Kollektiven Identität« nur befestigt: Es geht um den Aufbau einer kollektiven, in sich aber affirmativ-homogenisierenden wirksamen Machtsicherung und letztlich um das Ziel einer politischen Auseinandersetzung mit der Realitätsperspektive der Herrschenden.

Die innere Struktur von Gruppen, die ihre Ansprüche auf die These einer »Kollektiven Identität« stützen, ob sie nun konkret ethnische, kulturelle oder historische Begründungen in den Vordergrund stellen – wobei der Charakter dieser Kategorien als Artefakte verdrängt in irrationaler Weise anathematisiert wird –, zeigt in der Regel ein Übermaß an Gruppenzwängen und Homogenisierungsforderungen.

Beispiele aus jüngster Zeit sind die bewusst herbei geführten Ethnifizierungen und ihre pseudohistorische, mythenorientierte Fundierung in den Nachfolgekriegen des zerfallenen Bundesstaates Jugoslawien. Ebenso zu nennen ist der insgesamt in „double-bind“-Verstrickungen

Literatur:

Esposito, Helena, 2002: Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft. Mit einem Nachwort von Jan Assmann. suhrkamp taschenbuch Wissenschaft stw 1557, Frankfurt am Main.

Kostjukovic, Elena, 1987: Der unbegrenzte Zeichenprozeß als Grundlage der Kultur (1982). In: Burkhart Kroeber (Hrsg.), Zeichen in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. München 1987 (Hanser).

Voigt, Gerhard, 2001a: Widerständigkeit als Gültigkeitsproblem der Politischen Bildung. Krisen und Konfliktfelder zwischen Universalisierungsanspruch und Nationfixierung. In: Clau­ßen, Bernhard / Donner, Wolfgang / Voigt, Gerhard, Hrsg., 2001: Krise der Politik – Politi­sche Bil­dung in der Krise? Diskurse im Kontext von Globalisierung und Ost-West-Perspektiven. Materialien aus der Zusammenarbeit zwischen der Akademie für Wirt­schaft, Politik und Kul­tur Mecklenburg-Vorpom­mern und dem Ver­band der Politik­lehrenden. De­mokratie und Aufklärung: Kritische Sozialwissen­schaften und Politi­sche Bildung im Dis­kurs – Materialien –, Band 1. Galda + Wilch Verlag. Glie­nicke/Berlin / Cam­bridge/Mas­sa­chu­setts: 207-234.

Voigt, Gerhard, 2002a: Zur Begriffsbestimmung von „Staat“ und „Staatsgesellschaft“. Anmer­kungen zur begrifflichen Differenzierung. In: Voigt, Gerhard, Hrsg., 2001: „Staatsgesellschaft“. Histo­risch-sozialwissenschaftliche Beiträge zur Diskussion von Entwick­lungen, Problemen und Perspek­tiven. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

Voigt, Gerhard, 2002b: Aspekte von Kultur und Zivilisation: Die kulturelle Dimension des Trans­for­ma­tions­pro­zesses. Dimensionen und Probleme eines sozialwissenschaftlichen Paradigmas als Pro­pä­deu­tikum zum Vergleich der Polnischen Zivilisationsgeschichte und der Gesellschaft der »Se­mi­pe­ri­pherien«. In: Nettelmann, Lothar / Adamczyk, Dariusz, Hrsg., 2002: Zur Frage einer pol­ni­schen Nationalkultur. Polen in Europa: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Beiträge der Tagung »Zur Frage einer Polnischen Nationalkultur« der Deutsch-polnischen Gesellschaft Hannover, e.V. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Han­nover, e.V. Sonderheft 1 /2002: Texte aus der Arbeit der Deutsch-polnische Gesellschaft Hannover, e.V. Hannover: 109-150.

Anmerkungen

[1]         Der folgende Text beruht auf einem Vortrag des Verfassers „Die Grenzen des ‚Identitätskonzeptes‘: Widersprü­che, Ideologien“ auf dem Politischen Colloquium „Tod, Haß und Ehre: Zur gesellschaftlichen Punktion mörderischer Selbstkonzepte“ im Soziologischen Institut der Universität Hannover am 30. Juli 2002. In einer dem Anlass entspre­chenden Überarbeitung wurde dieser Vortrag auch am 6. Dezember 2002 in einer Mitarbeitertagung des Landesverban­des der Volkshochschulen Niedersachsen in Hannover vorgetragen.
Die nachfolgende Textfassung führt in erweiterter Form beide Vortragsmanuskripte zusammen.
Dem Anlass entsprechend versteht sich diese Arbeit als Beitrag zur Politischen Bildung und wendet sich an Mul­tipli­katoren und Praktiker vor allem aus dem Bereich der interkulturellen pädagogischen Arbeit, nicht aber an die wissen­schaftlichen Fachkollegen. Daher erfolgt auch keine intensivere Auseinandersetzung mit der zu Grunde liegenden Lite­ratur; Quellen- und Autorenverweise dienen in erster Linie als Anregung zur inhaltli­chen Vertiefung im Sinne der pä­dagogischen Praxis.
Streckenweise folgen die Überlegungen auch einem Vortrag des Verfassers zum Thema „Aspekte von Kultur und Zivi­lisation: Die kulturelle Dimension des Transformationsprozesses“, das dieser auf der Tagung „Zur Frage einer Polni­schen Nationalkultur“ der Deutsch­polnischen Gesellschaft Hannover e.V. am 27. Oktober 2001 in der Heimvolkshoch­schule Hustedt bei Gelle gehalten hat. Dieser Text ist zuerst im Druck erschienen in dem gleichnamigen Heft, das von Lothar Nettelmann und Dariusz Adamczyk als Sonderheft 2 der „Schrif­tenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover“ (Hannover, 2002: 109-190) herausgegeben wurde; eine Internet-Ver­öffentlichung erfolgte gleichzeitig unter Gerhard Voigt Aspekte von Kultur und Zivilisation: Die kulturelle Dimension des Transformationsprozesses auf dieser Web-Site.

[2]         Hier verstanden als nicht konsistent einzubeziehender Bestandteil einer Legitimationsideologie. Vgl. dazu Voigt 2001c.

[3]         Zur didaktischen Problematik, rechtliche Normen zu verstehen und zu lehren, vgl. Voigt, 2002.

[4]         Die philosophische Problematik sowohl in Hinblick auf die Person wie auf die Umwelt ist schon Gegenstand der vorsokratischen Philosophie, wenn es bei Heraklit hei��t: Niemand steigt zweimal in den gleichen Fluss. Das panta rhei – alles fließt – ist ein Bild für die zeitliche Nichtidentität alles Seienden.

[5]         Vgl. dazu die Studie von Esposito, Helena, 2002, die dieses „mythische“ Erinnern am Beispiel des antiken Griechentums ausführt.

[6]         Vgl. Gholamasad 2002.

[7]         Weltweit könnte die Liste dieser Fallbeispiele noch erheblich verlängert werden, wenn das nation building einen „neuen“, meist postkolonialen Nationalstaates, der sein Staatsvolk erst konzipieren muss, mit sozialen, ökonomischen und regionalen Abgrenzungs- und Verteilungskonflikten einher geht, in deren Folge sich als benachteiligt empfindende Gruppen als zusammengehörige Ethnien und Völker zu verstehen beginnen, auch wenn in der älteren Geschichte nicht die geringsten Ansätze einer »Kollektiven Identität« dieser Menschen­gruppen aufzuweisen sind.

[8]         Sonst wären ja auch die schmerzhaften Homogenisierungszwänge durch die Herrschaft und die herrschenden Eliten überflüssig gewesen: mit dieser Machtdurchsetzung entstanden die späteren Nationen und Völker erst als Artefakte des nation building.

[9]         Vgl. Voigt 2002a.

[10]        Vgl. Voigt, Gerhard, 2002b.

[11]        Beispiele dafür sind die Algerier, die Palästinenser oder die Kurden. Die Unsicherheit der Gruppenaffinitäten führte im letzten halben Jahrhundert aber dazu, dass in keinem Falle eine stabile Staatskonzeption entwickelt und durchgesetzt werden konnte, sondern dass die postulierte kollektive Identität nur unter den Bedingungen einer äußeren Bedrohung, also im Kriegszustand, einigermaßen stabile Gruppenkohäsion ermöglichte. Algerien bricht unter den inneren Spannungen beim Fehlen äußerer Feinde nahezu auseinander, ein Prozess des nation building ist nicht zum Abschluss zu bringen. Der kurdische Widerstand ist mehr als fragmentiert und zerfällt in feindliche Gruppen, was nicht dem Geschick oder auch nur dem tatsächlichen Ziel der – untereinander eher verfeindeten – bekämpften etablierten Nationen zuzuschreiben ist. Die Gruppenidentität der Palästinenser ist kaum zu umreißen; gemeinsame Feindbilder dienen weit eher der Sicherung personaler Macht der kleinen politischen, z.T. auch konkurrierenden Eliten, als der effektiven Interessendurchsetzung.

[12]        Man denke dabei an das Indonesien Sukarnos, an Kenia unter Kenyatta oder an das Jugoslawien Titos. Letztlich ist dies das gemeinsame Schicksal der Staaten, die sich in der Bandung-Konferenz zur Gruppe der Blockfreien zusammengeschlossen hatten, und auf die sich weltweit viele dann enttäuschte Hoffnungen nach einem „Dritten Weg“ gerichtet hatten.

Inhalt

Zusammenfassung
1. Die gesellschaftliche Bedeutung des Identitäts-Begriffes
2. Bedeutungsebenen des Identitätsbegriffes
2.1 Die philosophische Dimension
2.2 Die psychologische Dimension
2.3  Die juridische Dimension
3. Geschichte und Gruppenkohäsion: Unterschiedliche Identitätskonzepte
3.1  Von der traditionalen Gesellschaft zum nation building
a. Die „undistanzierte“ Identität der ruralen Gesellschaft
b. Die »Kollektive Identität« der modernen Staats-Gesellschaft
Literatur
Anmerkungen

Dokument-Information

Manuskript 22.04.2003
Internet-Publikation 13.09.2011
auch auf http://www.pu-aktuell.de unter Gerhard Voigt: Die Grenzen des »Identitätskonzeptes«: Widersprüche, Ideologien

 

 
   

Verantwortlich für diese Seite

Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand:22.04.2003.

Letzte Bearbeitung:13.09.2011

   
   

 

     
   

top

   

Navigation:

Übergeordnete Ebene: Polnische Nationalkultur ] Polen Facetten ] Politische Kultur ] Wandlungsprozesse ] Voigt/Dutkowski: Werften ] Voigt/Dutkowski: Werftkrise ] Voigt/Dutkowski: Leninwerft ] Transformation in Osteuropa ] Nettelmann: Die ökonomische Krise ] Die polnische Rosskur 1990 ] Nettelmann: Oppositionelles Verhalten ] Nettelmann: Zivilisationsprozesse ] Nettelmann: PVAP ] Nettelmann/Voigt: Thesen zur Wende ] Deutsch-polnische Umbrüche ] Grenzen und Blöcke ]

Gleiche Ebene: Home ] Nach oben ] Einleitung ] Adelsrepublik ] Literatur ] Katholische Kirche ] Kulturraum Schlesien ] Historisches Denken ] Politische Kultur nach der Wende ] Polens Integration in  die EU ] Kultur und Zivilisation ] [ Identitätskonzepte ] Rückblick ]

Untergeordnete Ebene: