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Dariusz Adamczyk
Einige Bemerkungen zu historischen
und zeitgenössischen Aspekten der Integration Polens in die Europäische Union
Fragestellung
Auf dem Symposion der Deutsch-Polnischen
Gesellschaft Hannover ›Zur Frage einer Nationalkultur in Polen‹ sind einige für
das polnische Selbstverständnis zentrale Fragestellungen entwickelt worden. Im
Mittelpunkt der Diskussion stand die Problematik der Bestimmung und des
Einflusses der aus der Szlachta-Gesellschaft und der Literatur des Romantismus
tradierten Verhaltensnormen, Wertesysteme und Denkweisen auf die politische
Kultur Polens, die die Integration der polnischen Gesellschaft in die
Europäische Union, also ihre Anpassung an die dort herrschenden Standards,
erschweren könnten. Dabei gewinnt die Debatte über den ›polnischen Sonderweg‹,
über die vermeintlich von Westeuropa abweichenden Entwicklungsstrukturen um
so mehr an Bedeutung, je näher die EU-Integration Polens rückt.
In der sozialwissenschaftlichen
Literatur begegnen uns etliche, in der polnischen Geschichte wurzelnde
›Modernisierungshemmnisse‹ soziopolitischer Natur,
die wie folgt zusammengefasst werden:
-
misslungener Prozess der modernen
Staatenbildung, der geprägt durch die rechtlich garantierten Strukturen des ›liberum
veto‹ und des Konföderationsrechts in Anarchie und Chaos
gipfelte und die Ausbildung einer absolutistischen Regierungsform
verhinderte;
-
eine bestimmende Rolle der aus der romantischen
Tradition tradierten Irrationalität (statt Rationalismus), die schließlich zu
einer Nichtakzeptanz von industriegesellschaftlich bestimmten Denkweisen und
Verhaltensnormen führte;
-
paradigmatische Funktion von Messianismus und
Romantismus, die sich im Heldentum und im Kult des Leidens (Opferrolle)
widerspiegeln;
-
kommunistische Hinterlassenschaft, die in
,acht Paradoxien‘
zum Ausdruck kommt.
Wenn die These zutrifft, dass die
in der Szlachta-Gesellschaft geprägten und in der Teilungszeit verstärkten Denk-
und Verhaltensweisen bis heute wirken und die Integration der polnischen
Gesellschaft negativ beeinflussen oder sogar verhindern, ist die Frage zu
beantworten, ob die politische Kultur der Adelsrepublik tatsächlich als
rückständig bezeichnet werden kann? Im folgenden soll in knapper Form zunächst
auf den zentralen Aspekt der oben skizzierten Thematik – das berühmt-berüchtigte
›liberum
veto‹ – eingegangen werden, dann auf die Frage der
romantischen Tradition.
Geschichte und Gegenwart der politischen Kultur
in Polen
Bereits im 19. Jahrhundert wurde die
Adelsrepublik als ein Staat dargestellt, der heillos zerrüttet und als
Wahl-Königtum (seit 1572) politisch ohnmächtig war. Das ›liberum
veto‹ bezeichnete man als einen Verfassungsdefekt und
Quintessenz der Adelsanarchie, das noch verstärkt durch die für Wirren sorgenden
Konföderationen, zum Sturz des politischen Systems der Adelsrepublik führte.
Interessant ist, dass dieses Bild sich nicht nur in Deutschland durchsetzte (das
den Polen gegenüber nicht immer wohl gesonnen war), sondern auch unter den
polnischen Historikern selbst, die sich als ›Aufklärer‹
begriffen, die mit der Mythologisierung der polnischen Geschichte aufzuräumen
gedachten. Der Adelsrepublik hat man als Gegenmodell die absolute Monarchie
gegenübergestellt. Folglich ist die Überzeugung entstanden, alles, was “...
keine Tendenz zur ›Modernisierung‹ in bezug auf die Vorherrschaft des Staates
über die Gesellschaft zeigt,”
sei als rückständig, anachronistisch und gar anarchisch zu bewerten.
Bei genauem Hinsehen kommt man
allerdings zu einem differenzierteren Bild. Im 16. Jahrhundert hat sich im
polnischen Parlament zwar formal kein Mehrheitsprinzip durchsetzen können, in
Wirklichkeit aber wurden Mehrheitsentscheidungen getroffen, die sich über
Einsprüche der Minderheit hinwegsetzten. Diese Mehrheitsentscheidungen
ermöglichte die geschickte Zusammenarbeit des Königs mit der
Abgeordnetenkammer, in der Reformanhänger die Oberhand behielten. Nach der
polnisch-litauischen Union 1569 und dem Aussterben der Jagiellonen-Dynastie 1572
begann der Adel einen immer größeren Druck auf die Einstimmigkeit der
Beschlüsse auszuüben, um wirkliche bzw. vermeintliche
Absolutismus-Bestrebungen der Zentralgewalt zu verhindern. Die
Funktionsfähigkeit der Reichstage blieb nichtsdestotrotz bis Mitte des 17.
Jahrhunderts intakt, nicht zuletzt weil eine breite Adelsöffentlichkeit gegen
den Verfall des Reichstages auftrat und Wege zur Durchsetzung von Beschlüssen
gefunden hat. Das Polen des 16.-18. Jahrhunderts kann demnach als ein
republikanisches System mit einem – freilich nur für die Szlachta –
demokratischen Charakter bezeichnet werden. Dieses System, in dem Prinzipien
direkter Demokratie – Provinziallandtage, Konföderationen, Königswahlen –
praktiziert wurden, beruhte auf Adelsfreiheit, Gleichheit und Bürgerrechten,
wobei sie nur für etwa 8-10% der Bevölkerung galten. Norman Davies hat die
politische Konzeption Henry Thoreaus mit den Werten der Szlachta-Gesellschaft
verglichen und darauf verwiesen, dass die letzteren auf größeres Verständnis
im polnischen Sejm gestoßen wären als in jedem anderen europäischen Parlament.
Thoreaus Motto, die beste Regierung ist solche, die am wenigstens regiert,
hätte als Quintessenz der Überzeugung der Adelsopposition, die sich gegen die
Stärkung der Zentralgewalt richtete, breite Zustimmung auf allen
Provinziallandtagen gefunden.
“Das ›liberum
veto‹ hingegen, das zum ersten Mal 1652 zur Geltung kam, ”...
ist weniger eine Verkörperung der Adelsanarchie als vielmehr ein untaugliches
politisches Instrument in den Händen der sich bekämpfenden
Magnatenfraktionen, die weder einzeln für sich noch mit Hilfe des Königs
eine Vormachtstellung zu erlangen vermochten.”
Das ›liberum
veto‹ war Ausdruck eines übertriebenen Legalismus, der die
Rechte eines einzigen Abgeordneten schützte.
Nur am Rande sei erwähnt, dass 1652 die Adelsrepublik sich in einer Krise
befand, deren sichtbarstes Symptom der bereits seit 1648 andauernde
Kosaken-Aufstand war. Die im späten 18. Jahrhundert vorgenommenen Reformen des
Staates – u.a. die Abschaffung des ›liberum
veto‹ und des Konföderationsrechts – zeigen, dass das
politische System der Adelsrepublik durchaus wandlungsfähig war. Das am 3. Mai
1791 beschlossene Grundgesetz stellte die erste Verfassung Europas dar.
In der Zeit der Teilungen hat ein
Großteil des Adels nie den Gedanken aufgegeben, die Unabhängigkeit
wiederzuerlangen. Die gescheiterten Aufstände, vor allem im 19. Jahrhundert,
führten dazu, dass die Polen als Rebellen und Romantiker wahrgenommen wurden,
die sich durch das ausgeprägte militärische Engagement und Heldentum sowie die
damit verbundene Fehleinschätzung gegenüber den Teilungsmächten auszeichnen.
Die polnische, vorzüglich durch die romantische Literatur des 19. Jahrhunderts
verstärkte Tradition sollte der Satz von H. Sienkiewicz widerspiegeln:
“Unglücklich das Land, das keine Helden hat.” Dem wird der Satz von B. Brecht
gegenübergestellt: “Unglücklich das Land, das keine Helden nötig hat.”
Die Tradition der Aufstände, des aktiven Kampfes dürfte sicherlich auf einen
Teil der polnischen Nation, vor allem den Adel, zugetroffen haben. Dennoch: Es
gab auch die Tradition der Verständigung, die aus der Notwendigkeit erwuchs,
einen tragfähigen Kompromiss zwischen den gegensätzlichen Lagern des
Loyalismus und des Widerstands zu schaffen. Vertreter dieser Position
unterschieden sich von den Loyalisten durch die Überzeugung, dass die nationalen
Traditionen sich in politischen Organisationen und Institutionen
niederzuschlagen haben, von den Widerständlern hingegen dadurch, dass sie das
bestehende Regime akzeptierten. Hier sei u.a. auf die Gestalten F. K.
Drucki-Lubecki und A. Wielopolski
verwiesen.
Spätestens nach dem gescheiterten
Januaraufstand 1863/64 hat man erkannt, dass der militärische Widerstand unter
den herrschenden Umständen nicht viel taugt. Kritik übten die sog. ›Warschauer
Positivisten‹, für welche die kulturellen und wirtschaftlichen Ressourcen der
polnischen Nation noch nicht genug entwickelt waren, um einen unabhängigen
Staat zu bauen und dann zu erhalten. Sie gingen davon aus, dass man in den
polnischen Provinzen zuerst Handel und Gewerbe verbessern, Städte und
Eisenbahnen aufbauen sowie das Bildungsniveau und das Nationalbewusstsein der
polnischen Bevölkerung heben müsse. Ihr Motto lautete: “Wir brauchen keine
eigenen Soldaten, Minister und Parlamente, um bequem und glücklich zu leben. Uns
genügen die handels-industriellen Eroberungen sowie zivilisatorische
Errungenschaften.”
Diese Positionen wurden in dem nach 1918 bereits unabhängigen Polen von Roman
Dmowski
und seinen Anhängern vertreten: Die Zweite Republik (so bezeichnete man den
1918 gegründeten polnischen Staat) sei kein Wert an sich, wenn sie nicht auf
soliden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fundamenten beruhen wird.
Eine pauschale Gleichsetzung der
Szlachta-Gesellschaft mit Anarchie, Chaos und politischer Unfähigkeit zeigt also
die Vergangenheit Polens genauso eindimensional wie die Ableitung der
Verhaltensweisen und -normen der Polen ausschließlich aus der romantischen
Tradition. Auch in der gegenwärtigen polnischen Gesellschaft lassen sich zwei
grundsätzlich konträre Auffassungen des nationalen Selbstverständnisses
unterscheiden. Während die sog. Traditionalisten die nationalen Werte
hervorheben, sehen die ›Modernisierer‹ oder ›Revisionisten‹ in der
EU-Integration den wichtigsten Faktor für die Modernisierung Polens und für
den zivilisatorischen Aufstieg der Gesellschaft. Die Letzteren glauben, mit
nationalen Geschichtsmythen aufräumen zu können, was am ausdrücklichsten die
Worte einer Schriftstellerin widerspiegeln, sie dürfe “endlich in ihrer Prosa
ihre Orgasmen zählen und nicht mehr nur die Toten.”
Wie verhält es sich mit der
politischen Kultur Polens nach 1989? In dem vom Warschauer Büro der
Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführten EU-Monitoring-Projekt werden Chancen
und Grenzen der Integration Polens in europäische Strukturen dargelegt. Aus der
Studie geht hervor, dass die Leistungsfähigkeit des Staates und der öffentlichen
Verwaltung ein Hemmnis für langfristige und strategische Ziele wie die
europäische Integration ist. Der formale Staatsaufbau wecke zwar keine Zweifel,
aber die praktische Umsetzung im Bereich der verfassungsmäßigen Ordnung bleibe
ein Problem. Es wird auf die Tatsache hingewiesen, dass in Polen das Recht
politisch instrumentalisiert wird. Das System von Interessenrepräsentation in
Polen stellten Autoren des Berichts als inkohärente Verbindung von
Klientelwirtschaft und Korporatismus dar, wobei die Tendenz zur
Klientelwirtschaft an Intensität gewinnt.
Ähnlich kritisch beurteilt die Lage Wiktor Osiaty½ski,
demzufolge die politische Elite Polens den Staat als potentielle Beute
wahrnimmt. Im polnischen Wertesystem existiert weder ein Rechtsbewusstsein noch
ein Wirtschaftsverständnis, was der
Autor auf die langfristigen
Folgen der Teilungen zurückführt. Da sich in Polen keine Zivilgesellschaft
herausgebildet hat, sind die Bürger nicht imstande, sich gegen die Allmacht
des Staates zu wehren.
Während Osiaty½ski
für eine Privatisierung des Staates plädiert, geht die Soziologin Jadwiga
Staniszkis davon aus, dass seine vorschnelle Privatisierung zur Entstehung von
Machtstrukturen führte, die sich erheblich von denen des Hobbeschen Staates
unterscheiden. Der polnische Staat hat sich nach Staniszkis in den letzten vier
Jahren aus den zentralen Lebensbereichen zurückgezogen und das Feld der
Kommerzialisierung sowie suspekten Klientelsystemen überlassen.
Korruption, fehlende
Rechtsstaatlichkeit, Populismus oder die schwache Leistungsfähigkeit des
Staates können allerdings in keiner Weise als ‘typisch‘ polnisches Phänomen
betrachtet werden, dem die Tradition der Szlachta-Gesellschaft zugrunde liegt.
Ein vordemokratisches Politikverständnis begegnet uns nicht nur in Ost- und
Ostmitteleuropa. Das Beispiel Italiens mit Silvio Berlusconi, der die
Gewaltenteilung verachtet, seine Kritiker für Feinde hält und als Kommunisten
– die übelste Beschimpfung aus seinem Mund – denunziert, zeigt das Gegenteil.
In diesem Zusammenhang ist auch auf die ‚Schwarzen Kassen‘ der
Christdemokraten in der BDR hinzuweisen, die deutlich zeigen, wie ,europäisch‘
dieses Problem ist. Auch das Phänomen des Populismus, dessen Paradebeispiel
in Polen der selbst ernannte Bauernvertreter Andrzej Lepper darstellt, ist im
europäischen Kontext zu sehen. Einen beachtenswerten Ansatz liefert
diesbezüglich der italienische Schriftsteller und Journalist Dante Andrea
Franzetti. Er versucht das Phänomen des Populismus in Europa mit der
Ausbreitung eines ›Homo oeconomicus‹ zu erklären, der den ,politisch denkenden
Menschen‘ ersetzt. Franzetti sieht die Politik nicht einfach als Verwaltung
oder Managment, sondern Gestaltung und Vision, nach denen sich die Menschen
sehnen, die immer ein Bedürfnis nach idealen Zielsetzungen haben werden. Da die
Politik aber das Bedürfnis nicht zu befriedigen vermag, wird dieses Feld von
Extremisten, Utopisten und Vereinfachern besetzt. Franzetti zufolge sind
paradoxerweise die Blochers, Haiders, Bertinottis, aber auch Leppers, “die
einzigen verbliebenen echten Politiker, indem sie der Politik – allerdings in
perverser Weise – ihre ideale Sphäre zurückgeben.”
Tradition des sozioökonomischen Rückstands
Dass die Integration Polens in westeuropäische
Strukturen dennoch mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist, muss
festgehalten werden. Sie sind allerdings nicht in erster Linie auf die
politische Sphäre zurückzuführen – zumal Polen die wichtigsten Bedingungen
der EU im Hinblick auf die Einführung des parlamentarischen Systems, die
Achtung der Menschenrechte sowie den Schutz der Minderheiten längst erfüllt hat
–, sondern auf die sozioökonomische Entwicklung, die ich als Tradition des
Rückstands bezeichnen möchte.
Im überregionalen
Wirtschaftssystem nahm Polen bereits seit der Frühen Neuzeit eine semiperiphere
Stellung
ein, die sich in den durch die Leibeigenschaft und Gutswirtschaft dominierten
Agrarstrukturen, einer geringen wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung der
Städte und des Bürgertums sowie in den Exporten von Rohstoffen niederschlug.
Diese Strukturen wirkten sich hemmend auf den Industrialisierungsprozess aus,
der noch zusätzlich durch die Teilungen Polens erschwert wurde. Die
Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1918 und die seit den 20er Jahren forcierte
Integration in die Weltwirtschaft vermochten nicht die Überbleibsel des
Feudalismus zu beseitigen. Die Gutsbesitzer verfügten weiterhin über große
Anbauflächen, und die überwiegend auf dem Land lebende Bevölkerung – etwa
70-75 % – war sehr arm. Da viele Bauernwirtschaften zu klein waren, um alle
Familienmitglieder beschäftigen zu können, gab es auf dem Land einen
erheblichen Überschuss an Arbeitskräften, die von der Industrie nicht
aufgesogen werden konnten. Demzufolge fiel die verdeckte Arbeitslosigkeit sehr
hoch aus. Die Einführung des Monopolsozialismus in Polen kann vor diesem
Hintergrund auch als ein Versuch betrachtet werden, die Modernisierung von
Wirtschaft und Gesellschaft nachzuholen. Dieser Versuch hat zwar zur
Verstärkung des Rückstands Polens im internationalen System beigetragen, war
aber für ihn nicht allein verantwortlich.
Diese historisch bedingte
Rückständigkeit lässt sich in einem Bündel von Indikatoren erfassen, von denen
drei in knapper Form besprochen werden sollen. Die langfristigen Folgen des
Rückstands Polens zeigen sich vor allem am Beispiel der Agrarstrukturen. Knapp
25 % der Bevölkerung leben heute von der Landwirtschaft, und viele Bauernhöfe
betreiben Subsistenzwirtschaft. Während in weiten Teilen Westeuropas die
Landbevölkerung bereits im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts –
übrigens in einem langen und schmerzhaften Prozess – von Industrie, Bauwesen
und Dienstleistungen aufgesogen wurde, gelang es in Polen die Modernisierung
der Landwirtschaft und die Industrialisierung des Landes nur unzulänglich. Der
Urbanisierungsgrad z.B. hat die 50-Prozent-Marke erst um 1970 überschritten.
Nach 1989 kehrten viele Arbeiter, die von den benachbarten Betrieben – Werften,
Berg- und Hüttenwerken – entlassen wurden, in die Dörfer zurück. Die ohnehin
hohe Zahl der Beschäftigten auf dem Lande erhöhte sich deutlich, und die
verdeckte Arbeitslosigkeit schwankt dort um 1 Mio.
Man schätzt, dass womöglich nur 400.000, also ca. 20 % der etwa 2 Mio. Höfe, die
Aufnahme Polens in die EU überleben werden.
Von den Investitionen profitieren vor allem größere Städte wie Warschau, Posen,
Danzig oder Krakau, und die landwirtschaftlich geprägten Regionen geraten in
einen immer größeren Rückstand, was sich auch in erheblichen
Einkommensunterschieden niederschlägt. Ein dramatischer Konflikt zwischen
Stadt und Land ist vor diesem Hintergrund nicht auszuschließen.
Die Stellung Polens in der
internationalen Arbeitsteilung besteht in erster Linie in Ausfuhren von
Halbfabrikaten und Rohstoffen. 1997 exportierte Polen vor allem Güter aus dem
primären und sekundären Sektor: Kohle, Kupfer, Holzmöbel und Textilien. Die
Tatsache, dass in den letzten Jahren auch Konsumgüter und technologieintensive
Industrieprodukte ins Ausland verkauft werden, ist nicht auf eine
Innovationsstärke der polnischen Unternehmen zurückzuführen, sondern auf die
ausländischen Investitionen, denn mehr als die Hälfte aller Ausfuhren Polens
werden von transationalen Unternehmen (vorneweg die Automobilindustrie)
bestritten. Hier zeigt sich auch, dass Polen für die westlichen Unternehmen auf
Grund billiger Arbeitskräfte und interessanten Absatzmarktes attraktiv ist.
Im Zusammenhang mit der Struktur des polnischen Außenhandels ist auch auf das
hohe und weiter ansteigende Handelsdefizit und folglich das
Leistungsbilanzdefizit hinzuweisen, das seit 1999 die von den internationalen
Finanzorganisationen als ›Gefahrenzone‹ definierte Marke von 6 % des
Bruttoinlandsprodukts überschreitet. Die Hauptursache für die Ungleichgewichte
in den Außenwirtschaftsbeziehungen sei laut dem wirtschaftswissenschaftlichen
Beratungsgremium des Ministerrates die ungenügende Wettbewerbsfähigkeit der
Betriebe sowohl auf den Exportmärkten als auch gegenüber der Importkonkurrenz
im Inland. Die wiederum geht u.a. auf die ungenügende Kapitalausstattung und
die Startbedingungen der Transformation an der Wende 1989/1990 zurück.
Die rückständigen
Wirtschaftsstrukturen schlagen sich im Bruttoinlandsprodukt nieder. In Polen
erreichte es pro Kopf, umgerechnet mit Kaufkraftparitäten, im Jahr 2000 41
Prozentpunkte des EU-Durchschnitts (100). Deutschland z.B. wies 106
Prozentpunkte vor, und Griechenland, das EU-Schlusslicht ist, 67. Vor Polen
liegen nicht nur alle EU-Mitglieder, sondern auch einige der anderen
ostmitteleuropäischen EU-Kandidaten: Slowenien mit 73, Tschechische Republik
mit 59, Ungarn mit 53 und die Slowakei mit 49.
Der sozioökonomische Rückstand
erschwert also die Integration Polens in die EU, die ihn aber zugleich zu
beheben helfen soll.
Ausblick: Polens auf dem Wege zur EU
Die Gleichzeitigkeit der Prozesse der
sozioökonomischen Modernisierung und der politischen Demokratisierung kann
zumindest auf kurze Sicht zu einem Widerspruch führen und den Staat
destabilisieren. Denn auf der einen Seite wird erwartet, dass die polnische
Gesellschaft Armut, Arbeitslosigkeit und die fehlende soziale Sicherheit unter
Zukunftserwartung in Kauf nimmt. Andererseits kann die ‚soziale Schieflage‘
Bürgeraktivitäten und die Demokratisierung der Gesellschaft kaum fördern.
Sicherlich wird die politische
Entwicklung Polens in erster Linie vom weiteren Verlauf der wirtschaftlichen
Entwicklung abhängen. Es geht dabei nicht nur um die bereits erwähnte
Agrarfrage, sondern auch um die Problematik struktureller Veränderungen wie die
Privatisierung der großen Staatsbetriebe samt ihren sozialen und politischen
Folgen. Die internationalen Rahmenbedingungen sind aber für den sog.
Transformationsprozess Polens nicht gerade günstig.
Die westlichen Länder, allen voran Deutschland, haben zwar ein großes Interesse,
dass Polens Integration in die EU erfolgreich verläuft – und das aus Gründen der
politischen Stabilität wie auch der eigenen Exportmöglichkeiten für
Investitions- und Konsumgüter. Das ,Fitmachen‘ soll aber nicht dazu führen,
dass in Ostmitteleuropa potentielle Konkurrenten für westeuropäische
Produzenten entstehen. Auf der anderen Seite widerspricht es den polnischen
Interessen, in den Branchen, in denen die (Land)-Wirtschaft Polens
konkurrenzfähig ist, Beschränkungen der eigenen Produktion zu akzeptieren, um
die nicht konkurrenzfähigen Sektoren in einem EU-Land zu schonen. Man befürchtet
ferner, dass etliche Betriebe in Polen die verschärfte Konkurrenz mit
westeuropäischen Unternehmen nicht werden überleben können. Die Auffassung also,
dass große Teile der Wirtschaft Polens innerhalb der EU zu einem Reservoir für
billige Arbeitskräfte und zu einem Absatzmarkt für westliche Erzeugnisse
degradiert werden, ist nicht von der Hand zu weisen.
Gibt es aber Alternativen zur EU?
Hans-Heinrich Nolte hat 1995 vorgeschlagen, östlich der Oder – in einem
Großraum von der Ostsee zum Pazifik – eine eurasiatische Wirtschaftsunion zu
schaffen, die einen sinnvollen Schutz eigener Industrien gegen Westeuropa,
Japan und die USA bieten würde.
Diese Möglichkeit ist in Polen nie ernsthaft diskutiert worden. Es liegt auf
der Hand, dass eine stärkere Hinwendung zum Osten für die politischen Eliten der
ostmitteleuropäischen Länder keine reelle Alternative darstellt, selbst wenn
solch eine Union wirtschaftlich vernünftig wäre. Die politischen und
psychologischen Gründe sind dabei entscheidend: Laut Umfragen würden nur 11 %
der Befragten eine stärkere und politische Zusammenarbeit Polens mit Russland
befürworten. Das entspricht etwa der Gruppe derjenigen (13 %), die die
wirtschaftlichen und politischen Beziehungen mit den USA vertiefen würde. 43 %
der polnischen Bevölkerung sprechen sich hingegen eindeutig für die europäische
Integration aus.
Die meisten Anhänger stärkerer Anbindung Polens an die EU rechnen allerdings
nicht damit, dass ihre wirtschaftliche Lage sich nach dem Beitritt deutlich
verbessern wird. Dies zeigt, dass weite Teile der polnischen Bevölkerung die
ökonomische Entwicklung ihrer Heimat nach der Aufnahme in die EU durchaus
realistischer einschätzen können als das oft in Deutschland angenommen wird.
Die Umfragen zeigen außerdem, dass viele Polen – ihren politischen Eliten (mit
Ausnahmen) folgend – der Auffassung sind, dass es für die Zukunft ihres Landes
keine vernünftige Alternative zur EU-Integration geben kann. Es bleibt nur die
Frage, ob beide Seiten – sowohl Polen wie auch die EU – für diesen Schritt reif
sind?
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Anmerkungen
Impressum zu dieser Seite:

Aus: Lothar Nettelmann / Dariusz
Adamczyk, Hrsg.:
Zur Frage einer
polnischen Nationalkultur - Index - Polen in Europa: Vergangenheit, Gegenwart,
Zukunft.
Beiträge der Tagung »Zur Frage einer
Polnischen Nationalkultur« der Deutsch-polnische Gesellschaft Hannover e.V. im
Oktober 2001.
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [ISSN 0945-1536],
Sonderheft 1 / 2002. Texte aus der Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft
Hannover e.V. –
Buchausgaben vergriffen.
[ISBN 3-93030307-10-3] –
Index – Durchgesehen
Fassung. Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Schul- und Bildungsbereich
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Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. –
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Revidierte
Neupublikation: letzte Durchsicht 19.02.2011
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