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Krzysztof Ruchniewicz

Das historische Denken der Polen

Die Kenntnisse der eigenen Vergangenheit spielte im Leben der Polen eine große Rolle als das Wichtigste neben Sprache, Konfession und Kulturelementen, die das nationale Identitätsgefühl schaffen und verstär­ken. Die polnische Nation im moder­nen Sinne bil­dete sich im 19. Jahrhundert heraus, also in der Zeit der Teilun­gen, des Fehlens eigener Staatlich­keit, der Unterordnung meistens durch Repressionen, cha­rakterisierten die Politik der deut­schen, russischen und weniger österreichischen Regierungen. Diese Tatsachen übten ei­nen bestimmten Einfluss auf die Herausbil­dung der Vorstellung von Geschichte, auf den Zustand des histori­schen Bewusst­seins der Polen aus. Zu den wichtigsten The­men gehör­ten seitdem die Fragen des Unabhän­gigkeitskampfes und seine martyrologische Kompo­nente. Solche Einstel­lung zur eigenen Vergangenheit ist auch heute am Beispiel der Feier der nationalen Feiertage, des festlichen Erinnerns an diese Feiertage und der­gleichen festzuma­chen. Der wichtigste Staatsfeiertag des heutigen Polens, der Jahrestag der Unab­hängigkeit Polens, der am 11. November gefeiert wird, besitzt vor allem marty­ro­logische, fei­erliche (pod­niosle) und sehr primäre Akzente. Diese Tatsache ist u.a. dar­auf zurückzuführen, dass der Weg der Polen zu ihrem unab­hängigen Staat aus blutigen und verlorenen Kämpfen bestand, denen die Re­pressalien folgten. So erklärt sich der Kult der gefallenen Helden, verlorenen Führer und wiederholten Niederlagen. Sogar wenn einer der Helden im Kampf um Unabhängigkeit überlebte, musste er in der Volksüberlie­ferung (legenda) sterben. Ein solches Schicksal traf den Helden des berühmt gewordenen Ge­dichtes von dem großen polni­schen Romantiker Adam Mickiewicz, unter dem Titel ›Redoute Ordona‹, in dem der Dichter Ordon wider die historische Wahrheit, aber in Übereinstimmung mit dem verbreiteten Stereotyp trotz der Übermacht der angrei­fenden Russen die Redoute in die Luft jagen ließ, wobei er dabei sterben musste. Dieses Gedicht gehört nach wie vor zur Pflichtlektüre der polnischen Schüler.

Die im Jahre 1918 errungene Unabhängigkeit dauerte nur 20 Jahre und wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbro­chen. Das hat zur Folge, dass der Erfolg des Novembers 1918 durch das Prisma des Septembers 1939 gesehen wird. Die Zeit der staatlichen Un­abhän­gigkeit war zu kurz, um am bisherigen Bild etwas zu ändern. Die Tradition des Kampfes um die Unabhängig­keit, zusammen mit den Kämpfen in den Jahren 1914–1920, betrachtete man als eines der wichtigsten Ele­mente der patriotischen Erziehung. Wie erfolgreich sie war, zeigte am besten die Haltung der polnischen Jugendlichen während des 2. Weltkrieges. Polen gehörte zu den Staaten, die von Anfang an das III. Reich be­kämpften und dabei sehr hohe Verluste zu ver­zeichnen hatten. Es gehörte auch zu den Sie­gerstaaten des Zweiten Weltkrieges. Allerdings verlor Polen nach 1945 entgegen sei­nem Willen Teile sei­nes Territoriums und geriet in die Einflusssphäre der UdSSR. Die polni­schen Kommunisten über­nahmen mit Hilfe der UdSSR die Macht in Polen. Dass die Po­len mit dieser Situa­tion nicht einverstanden waren, zeugten die erneuten Versuche, die fremde Herr­schaft abzu­schütteln. So war es 1939, 1944, 1956, 1970 und 1981. Diese Daten schrieben sich auf eine natürliche Weise in eine Reihe der Aufstände der Polen gegen die Teilungsmächte im 19. Jahr­hundert ein (1794, 1830, 1864). Auf diese Weise entstand eine Kontinuität zwischen den letztgenannten und den Ereignissen des Zweiten Welt­krieges (der Verteidigungskrieg, der Warschauer Aufstand) sowie den Aktionen gegen die kommunistische Regierung.

Ein solches Bild der Vergangenheit zeigte Polen in der Rolle eines unschuldi­gen Op­fers, das von den ande­ren Nationen überfallen war. In der polnischen Romantik ent­stand sogar die Bezeichnung ›Polen – Christus der Nationen‹. Ein anderes Merkmal des polni­schen Bil­des von der Vergangenheit ist seine Bildung in Oppo­sition zur Macht, zum Staat. Die offizielle Geschichte, die auf den Schulen während der Teilungszeit bzw. wäh­rend der Zeit des kommunistischen Polens unterrichtet wurde, wurde der inoffiziellen Ge­schichte entge­gengestellt durch die Familie, in im zweiten Umlauf gedruckten Büchern bzw. Zeitschriften, den geheim gehaltenen Unterricht (in den ›fliegenden Universitäten‹) vermittelt wurde und war zweifels­ohne als unwahr, verlogen betrachtet. Der Begriff der ,weißen Flecken in der Ge­schichte‘, der sich in Polen in der zweiten Hälfte der 80er und Anfang der 90er Jahre einer großer Popu­larität erfreute, betraf vor allem die Lücken, Auslas­sungen und die Fehler in der offiziellen Darstel­lungs­weise der Geschichte.

Diese beiden Arten von Geschichte deckten sich nur kurze Zeit. So war es in den Jahren 1918–1939 und in der Zeit nach 1989. Das Schicksal der Polen in den letzten zwei Jahrhunder­ten hatte darüber hinaus zur Folge, dass die Geschichte vor allem eine inte­grierende Funktion besaß. Dis­kus­sionen über die Vergangen­heit, die z.B. in die Kritik der Nation mündeten, waren unpopulär, weil sie zum Streit unter den Polen führten, ihre Ein­heit­lichkeit abschwächten und den Gegnern Argumente lieferten. ›Nicht-Schwärung der Wunden‹ (›niejatrzenie ran‹), ›Erbauung des Her­zens‹ (›pokrzepienie serc‹) gehörten zu den wichtigsten Parolen der Zeit der Unab­hängig­keit. Allerdings bedeutet das nicht, dass keine Debatten geführt wurden, aber sie drangen nur in kleine­rem Ausmaße in das gesell­schaftliche Bewusstsein durch. Aus diesem Grund ist der heutige Verlauf solcher Diskus­sio­nen sehr schwierig und emotionsgeladen, obwohl sich die Polen mit dem kritischen Blick auf die eigene Ge­schichte etwas abgefunden haben, vor allem in Bezug auf die Be­ziehungen zwi­schen Polen und anderen Nationen bzw. Nationalitäten.

Eine bekannte polnische Soziologin, Barbara Szacka, definierte das historische Den­ken wie folgt: „eine bewusste Anwesenheit der Vergangenheit in der Gegen­wart, alle Ri­tuale und Handlungen, die die Bilder und Ereignisse aus der Vergan­genheit aktualisie­ren.” Nun entsteht die Frage, welches Denken? Kol­lekti­ves, gemeinsames oder indivi­duelles, unwiderholbares (niepowtarzalne) Denken? Der bekannte polni­sche Ideenhistori­ker Jerzy Jedlicki sprach sich für das zweite Ver­ständnis der Denkweise aus, wobei er eine bedeu­tende Rolle der persönlichen Er­fahrung betont hat: “Die autobiographische Erinne­rung hängt ja von den Erfah­run­gen und Erlebnissen ab, durch die das Schicksal des betreffenden Menschen, unter Beihilfe seiner eigenen Entscheidungen, geführt hat und davon, an welchem Ort und auf welche Weise ihm die Begegnung mit dem reißenden Strom der Ge­schichte widerfahren ist. Die menschlichen Erinnerungen können nicht ad­diert wer­den, sie bilden keine kollektive Summe, sondern sie führen öfters untereinander einen Streit.”

Man muss zugeben, dass diese Last der Vergangenheit in Polen immer noch stark zu spüren ist. Es wurden sogar Ängste wach, dass die Polen eine Nation sind, die nur in die Geschichte schaut und an das alte Unrecht ständig erinnert, was ihnen die Öffnung in die Zukunft und die künftige Entwicklung erschweren kann. Dies waren jedoch zu weitge­hende Befürch­tungen und zu oberflächlich. Ähnlich muss man die ausgesprochene Be­fürch­tung beur­teilen, dass die Polen zu schnell die Ver­gangenheit vergessen, vor allem die jüngste und sogar dazu neigen, sie zu idealisie­ren. So verhält sich ein Großteil der älteren Generation der Polen, die in der Zeit der Volksrepublik aufwuchs und nun von den Erfahrungen der Transformationsver­änderungen öfters schmerzlich betroffen wurde. Die Jugendli­chen drücken öfters ein fehlendes Interesse an der Ver­gan­genheit aus, vor allem an den politischen Dis­kre­panzen, deren Resultat sie sind. Für viele ältere Polen wirkten die nach den letzten Präsidentschaftswahlen 1995 veröffentlichten Angaben zu den abgegebenen Stim­men für den postkommunistischen Kandidaten, Aleksander Kwas­niewski, von seiten der Jugendlichen wie ein Schock. Wie groß dieser Schock war, zeu­gen die ein Jahr früher ausge­sprochenen Worte des bekannten Exilpolen, Jan Nowak-Jezioranski, der vor einer Evolution von der 3. Republik zur 2. Volksrepublik mahnte.

Dies betraf nicht nur Polen, sondern auch andere Länder Mitteleuropas, in denen nach den demokrati­schen Wahlen die Postkommunisten die Macht übernah­men. Zur Enttäuschung vor allem der rechtsorien­tierten politischen Gruppierungen spielen die Ar­gumente aus der Vergangenheit, die die Rechte der Post­kommu­nisten zur Ausübung der Macht in Frage stellen, für viele Wähler keine Rolle mehr. Es zählt haupt­sächlich der Zustand des Staates sowie die Beurteilung der nachfolgen­den Regierungen der Koalition. Außerdem stellte es sich heraus, dass die Polen, die an ihren Bannern die Parolen der Freiheit immer groß­geschrieben haben, Pro­bleme gerade mit dieser Freiheit haben, vor ihr Angst haben, sie nicht verstehen, sie nicht nut­zen oder sogar missbrauchen. Sie lernen erst jetzt eine bürgerliche Gesell­schaft (spo»ecze½stwo obywa­telskie) zu sein, und es wird wahrscheinlich noch eine Zeit dauern, bis sie es wirklich lernen.

Die polnischen Politiker an der Weichsel wussten sicherlich vor zehn Jahren davon noch nicht, dass sie dabei auf so große Probleme stoßen würden. Deshalb üben die Erfah­rungen der Gegenwart einen Einfluss auf die Vorstellungen über die Vergan­genheit aus. Die Fehler, die Verbrechen des alten politischen Systems ver­blassen im Zusammen­stoß mit den Gefahren des Lebens im neuen System. „Wir allein inter­pretieren und rein­terpre­tie­ren ständig unser eigenes Leben – schrieb der westdeutsche Soziologe Peter Ber­ger. Wenn wir an unsere Vergangenheit denken, rekonstruieren wir sie in Übereinstim­mung mit unseren jetzigen Vorstellungen dar­über, was wichtig, und was unwichtig ist”. So sind die Revisionen der eigenen Bio­graphien, die manche Leuten heute vorneh­men, zu erklä­ren. „Man sucht also die alten Kombatanten­ausweise heraus, ergänzt die Erinnerun­gen und die Nekrologe, erinnert an die mutigen Proteste gegen die Diktatur, wobei gleichzei­tig die falschen (niew­las­ciwe) Ausweise, Abzeichen, Publikationen, Rela­tionen und Unterschriften tief versteckt wer­den.”

Auf diese Weise wird die Autolustration durchgeführt. Eine allgemeine Lustra­tion ist jedoch kein Traum für alle, aber heute, 10 Jahre nach der Niederlage des Kommunismus sieht man in ihr hauptsächlich die politi­schen Auseinandersetzun­gen, das Streben nach der Unruhestiftung in der Gesell­schaft. Haben wir in die­sem Zu­sammenhang nicht den anfangs dargelegten Versuch, die Wunden der Ver­gan­gen­heit nicht aufzureißen und die daraus resultierende Konsequenz, auf die Mühe des Überdenkens der Hal­tung der eige­nen Na­tion zu verzichten? Dieses Problem hängt mit dem wichtigen Komplex von Fra­gen, Urtei­len, Diskussio­nen zusammen, die die Bilanz der Volksrepublik Polen betreffen. Ein so gestelltes Problem ist mit der Ausein­andersetzung der Nach­kriegs­geschichte Polens eng verbunden.

Es ist leicht vorauszusehen, dass es in dieser Frage keine Übereinstimmung gibt und die Ant­wort öfters von der politischen Wahl der Personen abhängt, die gerade an ihr arbeiten. Diesen Einfluss der Poli­tik spü­ren auch die Historiker. Die mehrmo­natigen Probleme mit dem Beginn der Arbeit des Instituts für das Na­tionale Den­ken/Erinnern (Instytut Pamieci Narodowej), das polnische Pendant der Gauck-Be­hörde, sind dafür das beste Beispiel. Die politischen Auseinandersetzungen um die Person des zukünftigen Leiters die­ses Instituts, das eine von dem Standpunkt unse­rer Diskussion heute aus eine große Rolle spielt, verur­sach­ten den Rückzug der sich um diesen Posten bewerbenden bekannten polnischen Historiker. Die Ge­sell­schaft, vor allem jedoch die politischen Eli­ten, erwarten von den Historikern wer­tende Meinun­gen bzw. Urteile über die Personen und Ereignisse aus der Vergan­genheit. Man kann den Eindruck gewin­nen, dass die His­to­riker eine totale Verge­bung oder eine totale Anklage erteilen sollen. Sie sollten nach Jed­­licki die Rolle des ,Ober­buch­halters‘, des ‚Richters beim Tribunal der Geschichte‘ sowie des ‚Agenten der histori­schen Gerechtigkeit‘ spielen.

Manche von ihnen unterliegen diesem Druck, und die Ergebnisse ihrer Ar­beit werden für den Gebrauch der laufenden Politik ausgenutzt. Ein anderer Teil der His­toriker vertritt die Meinung, wobei sie sich mit dem Vorwurf des Relativierens der ,historischen Wahr­heit‘ konfrontiert fühlen müssen, dass Ruhe, Abstand und vor allem gründ­li­che und um­fang­reiche Archivstudien notwendig sind. „Man muss der Meinung zustim­men – schrieb die Befürworterin dieser Einstellung, die bekannte polni­sche Historikerin Kry­styna Ker­sten –, dass die Rolle des Historikers die Suche und Vorstellung der docu­ments in the case – der Nach­weise in der Sache – ist; ich habe immer wieder betont, dass ich als Geschichtsforscherin zu wertenden Urteilen nicht befugt bin.”

Welche Probleme sollten diese Nachweise betreffen? Erstens betreffen sie die Frage des Charakters der Veränderungen in Polen in den Jahren 1944–1945: Wel­che Ausmaße nahmen die Repressionen ein? Wel­ches Verhältnis hatte die Gesell­schaft zur kommuni­stischen Regierung und zu den von ihr eingeführten gesell­schaftlich-wirtschaftlichen Veränderun­gen? Die Frage der gesellschaftlichen Zu­stimmung und/oder ihrer Fehler ist für die ganze Nachkriegszeit aktuell. Zweitens ist das eine Frage des Urteils über die Wirt­­schaft, die Modernisierungsprozesse. Drit­tens ist das Problem auch mit dem Cha­rakter des Staates verbunden: mit den totali­tären Erscheinungen in sei­nem Wirken. Aller­dings ist der Weg von den histo­rischen Abhandlungen zum gesellschaftlichen Bewusst­sein oftmals sehr lang. Aus diesem Grund übten während der letzten Jahr­zehnte vor allem familiäre Erzählun­gen, eigene Erfahrungen, die Mas­senmedien einen großen Einfluss auf das Bild der Polen aus; auf die jüngsten Generationen dann die Schule.

Eine einfache Konsequenz aus dieser Vielfältigkeit und Subjektivität der Quel­len des Wissens und der Vor­stellung von der Vergangenheit sind die Kontroversen und das Feh­len eines einheitlichen Bildes dieser Ver­gangenheit. Um das Problem zu vereinfachen, kann man feststellen, dass es eine schwarze und eine goldene Legende von der Volks­republik Polen gibt. Auf folgende Weise hat der bekannte polnische Soziologe Jerzy Szacki die beiden Einstellungen Mitte der 90er Jahre charakteri­siert: „eine Neigung in der Be­handlung der Zeit der Volksrepublik Polen als eines Loches in der polnischen Geschichte oder höchstens eines Kapi­tels in der martyro­logischen Geschichte der polni­schen Nation (…) – also der Zeitpe­riode, nach der nur die Grä­ber und Denkmäler bleiben –, gesehen hat. Und selbstver­ständlich die morali­schen Verwüstungen – fuhr Szacki fort –, nach denen viele Po­len diesen Standpunkt nicht übernehmen wollen. Ich vertrete auch nicht diese Mei­nung. Aller­dings vertrete ich auch nicht die andere Meinung, nach der die Zeit der Volks­repu­blik eine normale Epoche unserer Geschichte, und vielleicht etwas besse­res auf Grund des damals erreichten Fortschrittes als die anderen ist, also des Fort­schrittes, des­sen Früchte seit fünf Jah­ren verschwendet worden sind. Nach Befür­wortern die­ser Meinung (…) war der Kommunismus nicht so schlimm, weil zu die­ser Zeit z.B. keine Arbeitslosig­keit herrschte und unterschiedliche für die Bevöl­ke­rung günstige Ein­richtungen vor­handen waren.” Eine Nostalgie nach der Volksre­publik Polen, zu­sammen­gefasst in einer Parole „Kommunismus kehre zurück!” wird nicht nur von den ehemaligen Funktionären der kommunisti­schen Par­tei ver­treten, von denen nur ein Teil sich in der neuen politi­schen und wirtschaftlichen Wirklichkeit wieder­finden konnte. Sie stellt eine breitere Erscheinung dar, die die in der kommunistischen Zeit von der Opposition ver­tretene Meinung über die klare und dauerhafte Einteilung der Gesell­schaft und der Macht, in ,wir‘ und ‚die da oben‘ zerstörte. Auch in diesem Fall kehrt die Frage der gesellschaft­li­chen Zu­stim­mung für die kommunistischen Machthaber in den Nach­kriegsjahren zurück. Da­durch dass die Deut­schen immer noch mit ihrer braunen Ver­gangenheit ringen, müsste die Feststellung arrogant klin­gen, dass wir nur in ein paar Jahren mit der gan­zen Hinterlassenschaft des Kommu­nismus fertig werden, die auf dem Bewusst­sein der polni­schen Gesellschaft lastet.

Das Bild der Vergangenheit der eigenen Nation projiziert nicht nur die inneren Ver­hältnisse im Staat, son­dern auch die Relationen mit anderen Nationen. Eine ent­schei­den-de Bedeutung hat das Erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Für über 20% der Polen ist das immer noch eine persönliche Erfahrung. „Die gespürten Folgen des Zweiten Weltkrieges zwingen uns immer zum Denken und Sprechen über diese Jahre – schrieb 1996 der bekannte polnische Historiker dieser Zeit, Tomasz Sza­rota, sie zuvergessen; sie zu ver­gessen erlaubt der Prozess der So­ziali­sation nicht, an dem neben der Schule auch das Familienhaus, unterschiedliche Organi­satio­nen, Armee teilnehmen. In dem Bildungs- und Erziehungssy­stem wird ein besonderer Wert auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Okkupation gelegt. Die Ereig­nisse und die mit ihnen zusammen­hän­genden Personen sind immer im Fern­sehen, Radio und der Presse präsent. Dieses Thema wird wiederholt aufge­griffen durch die Lite­ratur, Wissenschaft, Film, Theater und Kunst. Ganz zu schweigen von unter­schiedli­chen politischen Grup­pierungen, die diese Problematik oft erwähnen. Viel­leicht werden in keinem Land die mit dem Zweiten Weltkrieg verbundenen Jahres­tage so oft und feierlich abgehalten”. Dieser Historiker un­terstreicht vor allem die An­wesenheit der mit dem Kampf und Martyrium während des Krieges verbundenen Ele­mente auf den polnischen Straßen, in den Kirchen und auf den Friedhöfen. „Während der Jahres­tage – fügt Szarota weiter hinzu – werden die Stätten des nationalen Gedenkens wieder lebendig, sie werden wieder zum Element der leben­digen Geschichte – die Blu­men, die brennenden Kerzen, weiß-rote Fähnchen len­ken unsere Gedanken auf die Ver­gangenheit.

Wer auf dem Warschauer Militärfriedhof in Powaski [hier sind u.a. die gefalle­nen Aufstän­dischen von 1944 begraben – Anm. des Verf.] an Allerheiligen nicht war, ist nicht imstande zu be­greifen, was es bedeutet mit der Geschichte zu leben.” In den Jahren 1965, 1977 und 1988 wurden Per­sonen mit höherer Ausbildung nach den glorreichsten Ereig­nis­sen der 1000-jährigen Geschichte Polens befragt. In jedem Fall wurde an erster Stelle der Zweite Weltkrieg platziert. Heute würde eine ähnliche Befra­gung wahrscheinlich auch nicht anders ausfallen. Diese Tatsache ist u.a. aus der polonozentrierten Dar­stel­lung des Bildes dieses Krieges zu erklären. Es wird bei dieser Gelegenheit betont, dass Polen sich als erstes Land Hitler wider­setzte, es keine Quislinge hatte, es nicht nur eine Oppo­sition besaß, sondern einen Untergrundstaat (Polskie Panstwo Podziemne) geschaf­fen hat, und schließlich dass die Polen proportional die größten menschlichen Verluste zu ver­zeichnen hatten. Es ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben, dass die militä­rischen Ereignisse zu dieser Zeit auf polnischem Boden eine zweitrangige Rolle spielen. Die Polen stellten laut der Ergebnisse der 1994 durchgeführten Meinungs­um­fragen dem Kampf um Stalingrad und der Landung der Alliierten in der Normandie die Vertei­digung War­schaus 1939 und den Kampf um Monte Cassino voran.

Es scheint, dass man die Meinung des schon erwähnten Szarota teilen muss, dass diese Bevorzugung der mit Polen verbun­denen Ereignisse nicht die Bedeutung der Erfah­rungen des Krieges für die heutigen Po­len, sondern ihre Megalomanie und Suche in die­sen Ereignissen nach einem Panazee (Mittel, L.N.1) für ihre Komplexe widerspiegelt. „Die Maßlosig­keit eigener Martyrologie überdeckt das Leiden der anderen Nationen” – schrieb Sza­rota. Diese Wertschätzung des eigenen Martyri­ums nahm noch an Kraft nach 1989 zu, nach­dem man über die Repressionen nach der Besetzung durch die UdSSR der polni­schen Ostgebiete am 17. September 1939 of­fen zu sprechen begann. Das Leiden der Po­len während des Krieges wurde in der allge­meinen öffentli­chen Meinung noch größer, neue Namen der Märtyrer und neue Hinrichtungsstätten kamen hinzu. Dieser Stolz auf die Kriegskarte mischt sich je­doch mit der Bitterkeit über die Vergeblichkeit dieser Opfer, die sich in ihrer gan­zen Breite unmittelbar nach 1945 gezeigt hat (Unterdrückung Polens durch die UdSSR, die Durchsetzung des Kommunismus in Polen). Diese Sicht­weise passt sehr gut zu dem schon erwähnten Kult der Niederlage und des Stolzes auf die morali­schen Siege bei gleichzeitigem Fehlen der militäri­schen und politischen Er­folge.

Das Erinnern an den Krieg besitzt eine große Bedeutung für das Bild der Rela­tionen mit anderen Nationen. Die Zeit der Volksrepublik Polen begünstigte die Be­schäftigung mit diesen Fragen nicht. Es herrschte eine bestimmte Sichtweise der deutsch-polnischen und polnischen-sowjetischen Beziehungen. Jede von ihnen war mit einem gewissen Tabu belastet. In den Relationen mit Deutschland dominierte die Unterstreichung der Feind­schaft des westlichen Nachbarn, wobei die Erfahrun­gen des Krieges viele Bei­spiele zur Unter­mauerung dieser Meinung lieferten. Man kann sogar die Feststellung wagen, dass die Polen sich nicht zur Um­wertung in die­ser Frage gezwungen fühlten und von der Ver­ände­rung dieses einheitlich negativen Bildes nicht überzeugt waren.

Heute wird sehr oft der bekannte Brief der polnischen Bischöfe an ihre Amts­brüder von 1965 in Erinnerung gerufen, in dem der wichtige Satz “Wir vergeben und bitten um Vergebung” zum ersten Mal öffentlich aus­gesprochen wurde. Aller­dings zeigte die Reak­tion der Gesellschaft, dass er noch verfrüht war und ihre Zu­stimmung der nicht bewirkt hat. Man muss anmerken, dass im katholischen Polen diese Bitte für die Mehrheit der Polen unverständlich war. Wie kann man die Na­tion Hitlers, des Dr. Men­gele und des Generalgouverneurs Frank um Vergebung bitten? Haben die Polen gegen­über den Deut­schen über­haupt eine Schuld? Diese Reflexion erschien ziemlich spät, eigentlich erst in den letzten Jahren. Sie betrifft vor allem die Frage der Art und Weise der Aussiedlung der Deutschen aus den an Polen abgetre­tenen Ost­gebiete. Es ist beto­nenswert, dass sie nicht den Sinn dieser Entschei­dung betrifft, sondern die unterschied­liche Beurteilung der ver­wendeten Methoden wäh­rend der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus den polni­schen Grenzen. Als den Be­ginn dieser Re­flexion sollte ein bekanntes Essay des Angehö­rigen der Unter­grundarmee und polnischen Op­positionellen, Jan Jozef Lipski, unter dem Titel ›Zwei Vaterländer, zwei Patriotismen‹ vom Anfang der 80er Jahre gelten. “Wir haben uns daran betei­ligt, Millio­nen Menschen ihrer Heimat zu berau­ben, von denen sich die einen sicherlich schuldig gemacht haben, indem sie Hitler unterstütz­ten, die ande­ren, indem sie seine Verbrechen tatenlos geschehen ließen, andere nur dadurch, dass sie sich nicht zu dem Heroismus eines Kampfes gegen die furchtbare Ma­schi­ne­rie aufraffen konnten, und das in einer Lage, als ihr Staat Krieg führte. Das uns angetane Böse, auch das größte, ist aber keine Rechtfertigung und darf auch keine sein für das Böse, das wir selbst anderen zugefügt haben. Die Aussied­lung der Men­schen aus ihrer Hei­mat kann bestenfalls ein kleineres Übel sein, nie­mals eine gute Tat. Sicherlich wäre es ungerecht, wenn ein Volk, überfallen von zwei Räu­bern, zu­sätz­­lich noch alle Kosten da­für zahlen sollte. Die Wahl eines Aus­wegs, der, wie es scheint, eine geringere Unge­rech­tigkeit ist, die Wahl des kleine­ren Übels darf den­noch nicht un­emp­findlich machen gegen sittliche Probleme. Das Böse ist Böses und nicht Gutes, selbst wenn es ein geringe­res und nicht zu vermei­dendes Böses ist.”

Solche Dis­kussion konnte nur bei der Unterstützung der freien und unbegrenz­ten historischen Forschung zustande kommen, und diese Situation trat in Polen erst in der zwei­ten Hälfte der 80er Jahre ein. In diesem Zusam­menhang muss man zuge­ben, dass die polni­schen Histo­riker dieser Frage ,sine ira et studio‘ nachgegangen sind. Die Ergebnisse ihrer Forschung liegen inzwischen in Form von Artikeln und Monographien vor. Mit der Frage der Vertreibung beschäftigte sich auch die Presse, was zur Popularisierung der his­torischen For­schung beigetragen und eine Möglich­keit zur Diskus­sion für die Nicht-Historiker gegeben hat. Die Ergeb­nisse dieser interessanten Diskussion wurden in einem Buch veröffentlicht, das auch in Deutsch­land zugänglich ist.2 Gleichzeitig wurde das große Interesse der Polen, die in den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands wohnen, für ihre Geschichte vor 1945 geweckt. Und auch in diesem Fall ist die Liste unter­schiedlicher Publikationen in­zwischen sehr umfang­reich; außer­dem sind viele historische Initiativen ,von unten‘, die sich mit der ‚deutschen Geschichte‘ beschäftigen, zu vermerken. Aus diesem Grund ist es ver­ständlich zu sagen, dass das Bild der Vergangenheit zu die­sem Aspekt verändert und ergänzt wurde. Die­ses neue Bild trägt zur Bildung der neuen Identi­tät der in den ehe­mals deutschen Ostgebieten lebenden polnischen Be­völke­rung bei.

Die Polen sind sich bewusst, dass sie – wenn es sich um die deutsch-polnischen Be­ziehungen handelt, sehr viel getan haben. So ist es auch verständ­lich, dass der Appell der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebe­nen, Erika Steinbach, in Polen mit Befrem­den re­gistriert wurde. In späteren Kommentaren wurde sogar nüchtern vermerkt, dass die polni­sche Reaktion zu emotional war und dem Rang nicht ent­sprach, welcher Bedeutung die­ser Appell in Deutschland zugemessen wurde. Für einen Teil der polnischen Bevölke­rung nahm das Gefühl der wirtschaftlichen Über­macht der Deutschen, das noch in der Tei­lungszeit und im rück­sichtslosen Kampf um Boden und Spra­che entstanden war, heute die Gestalt einer Angst ,von den Deut­schen aufgekauft zu werden‘ an.

Im Falle der polnischen-russischen Beziehungen gab es immer eine Kluft zwi­schen der offiziellen Geschichte und der kollektiven Erinnerung (pamiec spo­lecz­na), die den Mord an den polnischen Offi­zieren in Katyn sym­bolisiert. Im Bewusst­sein der Polen existierte eine klare Kontinuitätslinie zwischen der Politik des zaristischen Russlands und der UdSSR gegenüber Polen. Solcher Meinung schliesst sich das von dem Grossteil der pol­nischen Gesellschaft gehegte Gefühl der Über­legenheit im Verhältnis zu den Rus­sen sowie den anderen öst­lichen Slawen an. Das Stereotyp des ›polnischen Herren‹, das in Polen präsent ist, stört die Polen nicht, son­dern berührt ihre Eitelkeit und das Gefühl ihres grösseren Wertes. Aus diesen Wur­zeln wächst unser Ver­hältnis gegenüber den Ukrainern. Das Stereotyp des Ukrainers, das teilweise durch tragische histori­sche Erfah­rungen ge­prägt war, stellt ihn als einen revoltierenden, grauenhaften Bau­ern dar, der ein Messer im Mund bereit hält, um die Polen zu schlachten.

In welchem Masse diese Vorstellung nach wie vor virulent ist, bezeugen die immer wieder zu Tage treten­den Konflikte im süd­ östlichen Teil Polens, die nicht nur die histo­rischen Fra­gen betreffen, sondern auch die zeitgenössischen, konfes­sio­nellen usw. (z.B. der Streit um die Katedrale in Przemysl) geworden. Zum laten­ten Unruheherd ist auch die Frage der Renovierung des Friedhofes in Lemberg (des sog. ›Adler-Friedhofes‹) gewor­den, wo die polnischen Aufständischen, die um das polni­sche Lemberg gekämpft haben, begraben sind, und in der die polnische Seite sehr selten ukrainische Gegenar­gu­mente berücksich­tigt. Wie würden sich die Polen ver­halten, wenn die Deutschen für ihre für ,das deutsche Schle­sien‘ gefalle­nen Sol­da­ten, die um Annaberg in Oberschlesien gekämpft haben, Denkmäler erneuern bzw. neue bauen wollten?

Allmählich kann man jedoch auch in dieser Hinsicht bestimmte Veränderungs­ansätze finden. Der Dialog zwischen den Historikern, obwohl er nicht so lebhaft und direkt ist, wie es im Fall der deutsch-polnischen Kontakte auf wissenschaftli­cher Ebene war, geht langsam voran. Das gesell­schaftliche Wissen in Polen über die Gründe und den Verlauf der ›Aktion Weichsel‹, also der Aussiedlung der ukraini­schen Be­völkerung aus den süd­-östlichen Teilen Polens nach Masuren, Pommern und Schle­sien, wird immer grö­ßer. Das neueste Beispiel liefert der Film ›Mit Feuer und Schwert‹, der nach dem polni­schen Roman von Henryk Sienki­ewicz gedreht wurde und von dem polnisch-ukrainischen Konflikt in der Mitte des 17. Jahr­hun­derts han­delt. Allerdings folgt der Film der Hand­lung des Buches nicht getreu, son­dern zeigt die polnisch-ukrainischen Beziehungen dieser Zeit und die Aspira­tionen der Kosa­ken nach dem heutigen Stand des Wissens.

Noch mit einer anderen Nation waren die Beziehungen nicht einfach, den Ju­den. Dies übte ei­nen großen Einfluss auf das Bild der Vergangenheit aus. Ich möchte dabei den ganzen Komplex der Frage, in wie weit es einen polnischen Anti­semitis­mus gab, an dieser Stelle auslas­sen, weil das ein Thema für eine andere Dis­kussion ist. In Bezug auf die Juden möchte ich nur darauf hinwei­sen, dass das Be­wusstsein um die jahr­hun­derte­lange Koexistenz der Polen mit den Juden sowohl auf der polni­schen als auch auf der jüdi­schen Seite sehr gering ist. Die Juden sehen unser Land nur durch das Prisma des Holocausts. Die Polen stören sich an den latenten Vorwür­fen sowie der Ausklammerung der polni­schen Hilfe für die Juden während des Zwei­ten Weltkrieges. Diese Frage ist darüber hin­aus eng mit der Ge­genwart ver­bunden, um nur das Problem des jüdischen Ei­gentums in Polen zu nen­nen.

In der gegenwärtigen Situation Polens ist auch der europäische Kontext aktuell. Als einer der wich­tigsten Vorwürfe gegen die Integration in die EU wird der Ver­lust des nationalen Be­wusstseins durch die Polen angesehen und die Degra­dierung ihrer Sprache und schliess­lich der Verlust ihrer staatlichen Souveränität formuliert. Sol­che Vorwürfe sind gegenstands­los, wenn man sich vergegenwärtigt, dass keiner der Mitgliedsstaaten der EU seine natio­nale Identität aufgeben musste. Diese Vor­würfe basieren auf Ängsten und manchmal auf unterschiedlichen Vorurtei­len sowie Stereo­typen, die ihre Befürworter noch haben. Auch hier kann man die Reste der histori­schen Erfahrung der Polen festma­chen, die bei den Nachbarländern die Rea­lisierung der eigenen Interes­sen auf Kosten Polens vermuten lässt. So wird das au­ßerhalb Polens liegende Machtzentrum Brüssel, von dem aus Polen angeblich regiert werden soll, mit einigem Misstrauen beobachtet. Auf der anderen Seite ist die Überzeu­gung von der historischen, politischen, religiösen und kultu­relle Ge­meinschaft Polens mit dem Westen sehr ver­breitet. Die Teilnahme an dem euro­päi­schen Integrationswerk unter den partnerschaftlichen Be­dingungen würde für Po­len die Tradition der vielen Niederlagen beenden und eine neue Chance für weitere Entwick­lung des Landes in der Zukunft geben. Die Polen in der Rolle von norma­len, durch­schnittli­chen Europä­ern, mit einer durchschnittlichen Zahl von Vor- und Nachteilen, stellt sicher­lich eine verloc­kende Perspek­tive dar.

Zum Schluss meiner Ausführungen, die die dargelegten Probleme nur verkürzt be­rühren konnten, ist es überlegenswert, ob diese unterschiedliche Bagage des his­torischen Erinnerns, in dem die negativen, trau­matischen Erfahrungen überragen, eine gute Ausstat­tung für eine Nation ist, die in eine neue, bessere Zu­kunft schrei­ten will. Sicherlich nein, aber es scheint, dass sich die Einstellungen der Polen gegen­über der eigenen Geschichte allmählich wandeln. Sehr treffend drückt das eine Ka­rikatur3 aus: Die das Feld nach der wieder verlorenen Schlacht verlassenden zwei polnischen Ritter drücken ihr Unbehagen mit den Worten aus, dass sie die Er­fah­rungen der ausschliess­lichen moralischen Siege schon satt haben, mit Worten, die Helden nicht zustehen. Immer wieder werden Stimmen laut, dass man mit der Wei­tervermittlung der heroischen Helden aufhö­ren und an ihrer Stelle die Helden des politischen und wirtschaftlichen Alltags propagieren sollte. Auch sol­che gab es in der polnischen Geschichte, und sie bauten das Land nach den verlorenen Krie­gen, die von den romantischen Soldaten der Freiheit ausgerufen wurden, wieder auf. Zwar haben die Dichter ihre Taten nicht verewigt, aber diese Personen passen bes­ser zur heuti­gen Wirklichkeit Polens. Die Polen brauchen eine neue Sichtweise des Patriotismus. Da­bei könnte aber die Vision von J. Jedlicki das Gegenteil bewir­ken, wenn sie verwirk­licht wird. „Diese Archäologie wird bald keinen mehr inter­essie­ren. Im Internet gibt es keinen Platz dafür. In einer technizistischen Zivilisation ver­schwindet die historische Dimension und damit auch die archaische Schwierig­keit mit Gedächtnis, Erbe und Gerechtigkeit.” 4

Literatur 5

Bachmann, Klaus/Kranz, Jerzy, Hrsg., 1998: Verlorene Heimat. Die Vertreibungs­debatte in Polen, Bonn.

Lipski, Jan Józef, 1982: Zwei Vaterländer – zwei Patriotismen, Kontinent 22 Magazin, Verlag Ullstein. Berlin.

Sienkiewicz, Henryk, Jahr: Mit Feuer und Schwert, Berlin (o.J.)

Anmerkungen

1  Anmerkung des Buchherausgebers Lothar Nettelmann.

2  Przeprosic za wypedzenie? Wypowiedzi oficjalne oraz debata prasowa o wysied­leniu Niemców po II wojnie swiatowej, pod red. Klausa Bachmanna i Jerzego Kranza, Kraków 1997. [Verlorene Hei­mat. Die Vertreibungsdebatte in Polen, hrsg. von Klaus Bachmann und Jerzy Kranz, Bonn 1998.]

3  S. Anhang S. 8. Die Karikatur stammt von Andrzej Mleczko. Der Künstler betreibt eine Galerie in der Altstadt von Krakau. Ein besuch ist empfehlenswert. [L.N.]

4  Die im Text enthaltenen Zitate wurden der ›Gazeta wyborcza‹ entnommen.

5  Die Romane von Autoren der polnischen Nationalliteratur, wie Adam Mickiewicz, Henryk Sienkiewicz, Boleslaw Prus, Stefan Zeromski u.a., wurden bereits vor dem Ersten Weltkrieg ins Deutsche übersetzt. Sie sind später in überarbeiteten Übersetzungen erschienen.

Impressum zu dieser Seite:

Aus: Lothar Nettelmann / Dariusz Adamczyk, Hrsg.: Zur Frage einer polnischen Nationalkultur - Index - Polen in Europa: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.
Beiträge der Tagung »Zur Frage einer Polnischen Nationalkultur« der Deutsch-polnische Gesellschaft Hannover e.V. im Oktober 2001.

Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [ISSN 0945-1536], Sonderheft 1 / 2002. Texte aus der Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. –
Buchausgaben vergriffen. [ISBN 3-93030307-10-3] –

Index – Durchgesehen Fassung. Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Schul- und Bildungsbereich zugestanden. Jede weitere Verwendung nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Autoren beziehungsweise des Herausgebers, UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. –

Verantwortlich für die Internet-Publikation: Gerhard Voigt, OStR i.R.

Revidierte Neupublikation: letzte Durchsicht 19.02.2011

   
   

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Bearbeitungsstand: 2001 / 2002

Letzte Bearbeitung: 19.02.2011

   
   

 

     
   

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