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Bericht von unserer
Studienfahrt nach Sankt Petersburg
Studienfahrt 11.10.
– 18.10.1998
Am
Sonntag, 18. Oktober 1998, morgens um halb neun, traf die Reisegruppe aus sieben
Schülerinnen und drei Schülern der Bismarckschule Hannover und zwei
Begleitpersonen von ihrer einwöchigen Rußlandstudienfahrt mit dem Flug Z8 633
der »Pulkowo Aviation Enterprises«, einer aus der »Aeroflot«
ausgegliederten Regionalfluggesellschaft, aus Sankt Petersburg kommend,
gesund, erfüllt von einer erlebnisreichen Woche, aber doch recht müde auf dem
Flughafen Hannover-Langenhagen ein. Um gleich ein erstes Résumé
voranzustellen: die Studienfahrt ist so verlaufen, wie es sich Lehrerinnen und
Lehrer in optimistischen Stunden erhoffen – ohne ernsthaften Probleme,
Erkrankungen oder Unfälle, dafür aber inhaltlich ergiebig und von einem
dichten und abwechslungsreichen Programm gestaltet. Dazu eine Schülergruppe,
die durchweg interessiert, begeisterungsfähig und diszipliniert aktiv
teilgenommen hat. Von Lehrerseite her gesehen war diese Fahrt somit ein voller
Erfolg, von dem erste Eindrücke im Folgenden kurz anskizziert werden sollen.
Aber nach meinem Eindruck sind auch die Schülerinnen und Schüler zufrieden und
erfüllt von dieser Reise zurückgekehrt; von den Eindrücken und Erfahrungen
werden sie schulisch wie privat sicherlich profitieren können.
Warum eine Studienfahrt nach
Rußland? Von den vorbereitenden Fachbezügen her, Politik und Erdkunde, ist das
Interesse an Rußland nach dem eher ideologisch und systemlegitimatorisch
geprägten Interesse an den »Ostblockstaaten« vor allem im »Vergleich« zwischen
Rußland und den USA in der Zeit der West-Ost-Auseinandersetzung und der
globalen »Blockbildungen« von 1990, wie es sich in den damaligen
Rahmenrichtlinien für diese Fächer niedergeschlagen hat, eher noch gewachsen
und letztlich in Fragestellung und Themenbezügen offener und spannender
geworden. Verfolgt man täglich in den Medien die Berichte über die
sozioökonomische wie politische »Krise« in Rußland und rezipiert parallel dazu
die wissenschaftlichen Ansätze, Transformationsprozesse und ökonomische
Inkorporationstendenzen in den »Semiperipherien« zu analysieren, entstehen
eine Fülle von Fragestellungen, die dazu reizen, dieses Land in seiner
Umbruchsituation selbst kennen zu lernen und mit Schülerinnen und Schüler
»vor Ort« arbeiten und beobachten zu können. Ich habe bei dieser
Studienfahrtvorbereitung vieles an inhaltlichen Konkretisierungen offen
lassen müssen, nicht nur weil es auch für mich die erste Reise nach Rußland war
– meine Arbeitsschwerpunkte liegen bekannterweise vor allem in Südosteuropa,
der Türkei und der islamischen Welt, dazu noch mit einem weiteren intensiven
Beschäftigungsfeld in Polen: vieles an den dort entwickelten Fragestellungen
und analytischen Konzepten ist dann doch auch für das Thema Rußland verwendbar
–, sondern weil die Lage in Rußland selbst und die Möglichkeiten einer
inhaltlichen Näherung unübersichtlich und offen war und ist. Umso mehr setzte
ich auf meine eigene Neugier und die Neugier der Reisegruppe, und ich wurde
mit diesem Ansatz nicht enttäuscht, was auch, wie noch darzustellen sein wird,
mit der besonderen personellen Zusammensetzung der Gruppe zu tun hat. Fachlich
fügt sich damit die Studienfahrt in die Kursthematiken meiner Politik- und
Erdkunde-Kurse in diesem Semester ein: »Transformationsprobleme in Ost- und
Südosteuropa« und »Transformationsräume und Semiperipherien«.
Aber es gibt noch einen
zweiten, mindestens ebenso bedeutsamen Begründungszusammenhang, der sich auf die
besondere Situation der Bismarckschule Hannover beziehen läßt. Die Schule hat
als UNESCO-Projekt-Schule und als Schule mit einem Unterrichtsangebot im Fach
Russisch eine besondere pädagogische Affinität und Aufgabe zum Thema
Osteuropa und Rußland, was durch die große Zahl der aus dem Gebiet der
ehemaligen Sowjetunion sowie anderen ost- und südosteuropäischen Ländern
stammenden Schülerinnen und Schülern, unabhängig davon, aus welchen Gründen und
auf welcher Rechtsgrundlage sie als »Deutsche« oder »Ausländer« in die
Bundesrepublik Deutschland gekommen sind, noch verstärkt und mit persönlichen,
menschlichen Dimensionen versehen wird. In unserer Arbeit hat dabei der direkte
Kontakt zu Rußland bisher eine untergeordnete Rolle gespielt. Das ist durchaus
verständlich, wenn man die früher eher politisch-organisatorischen, später und
bis heute dann eher reisepraktischen und finanziellen Hindernisse betrachtet,
die solche Studienfahrten in Vorbereitung und Durchführung aufwendig und
anstrengend machen. Es ist für uns dann von Vorteil gewesen, daß sich in den
letzten Jahren auch in Hannover kleinere russische Reisebüros etabliert haben
und mit der »Pulkowo« Luftfahrtgesellschaft auch der Direktflug nach Sankt
Petersburg möglich wurde. Doch zeigte die einjährige Vorbereitungsdauer,
daß sich differenziertere Reiseplanungen,
z.B.
eine Busfahrt über das Baltikum,
dann trotz Reisebüroangeboten aus verschiedenen Gründen
nicht realisieren ließen.
Studienfahrtschwerpunkte im genannten thematischen Rahmen waren
für die Bismarckschule im letzten Jahrzehnt daher vor allem
– verbunden mit einer Schulpartnerschaft in Pozna½
– Polen und Ungarn – letzteres gestützt auf unsere guten Kontakte zum
wirtschaftsgeographischen Lehrstuhl der Eötvös Lóránd Universität in
Budapest und dem Lehrstuhlinhaber Professor Zoltán Antal
–, sowie – über die
Partnerschaft mit der
¤stanbul
Lisesi – die Türkei. Somit war der
diesjährige Plan, Sankt Petersburg zu
besuchen,
für unsere Schule
eine, wenn auch erwartbare und nahe liegende, Novität. Und der
Erfolg gab diesem Vorhaben in mehrfacher Hinsicht recht.
Die organisatorische
Grundlage dieser Studienfahrt war auch im Vergleich zu anderen Studienfahrten
unserer Schule recht einfach: die Buchung einer pauschalen einwöchigen
Städtetour beim auf Osteuropareisen spezialisierten Reiseveranstalter »Olympia
Reisen«, Direktflug nach und von Sankt Petersburg sowie Unterbringung im »Drei-Sterne«-Hotel Moskwa. Um uns aber nicht die Konzeption der ganzen Fahrt pauschal aus
der Hand nehmen zu lassen, verzichteten wir auf die auch mögliche Buchung eines
sogenannten Programmpaketes und haben unseren Aufenthalt in Sankt Petersburg
selbst gestaltet.
Die fachlich-didaktischen
Rahmenvorgaben der Studienfahrt sind von der Schule, das heißt von den
Fachlehrern eines Studienfahrtangebotes, zu verantworten und in die Reiseplanung
einzubringen. Die konkreten Programmstrukturen wurden mit den Teilnehmerinnen
und Teilnehmern in der Vorbereitungsphase erörtert und abgestimmt. Im
konkreten Falle wurde der Programmentwurf aber von der Teilnehmerin Marina
Oustenko, die aus Sankt Petersburg stammt und noch immer enge und familiäre
Beziehungen zu dieser Stadt unterhält, in Zusammenarbeit mit der Begleiterin,
Frau StRef’ Dehmel, die als Slawistin aus der einige Jahre zurück
liegenden Zeit ihres Studiums in Rußland nicht nur intensive Landeskenntnisse
sondern auch eigene Kenntnisse von Sankt Petersburg einbringen konnte,
vorgelegt und als überzeugend von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern
akzeptiert.
Doch war die
Gesamtvorbereitung nicht ganz so schlicht, wie es hier erscheint, da die ersten
Überlegungen für dieses Studienfahrtangebot schon ein gutes Jahr zurück liegen
und zunächst auch andere Reisealternativen einbezogen. Der erste Plan sah eine
zweiwöchige Busreise über Polen, Königsberg und das Baltikum vor. Mit einem
erfahrenen Busunternehmen, Albert Grund aus Lehrte, der für unsere Schule schon
viele Studienfahrten durchgeführt hat, und zwei konkurrierenden auf Ostreisen
spezialisierten Reisebüros, Ideal-Reisen und Partner-Reisen in Hannover,
wurden dabei schon sehr konkrete Pläne vorgelegt und erörtert.
Letztlich wurde dann aber
sowohl durch die zögerliche Reaktion der Schülerinnen und Schüler und z.T. auch
ihrer Eltern als auch wegen der Bedenken der beratend hinzugezogenen Kolleginnen
und Kollegen dieser Plan aufgegeben, vor allem wegen der langen Dauer der
Busfahrten und der zeitlichen Imponderabilien der mehrfachen Grenzübergänge.
Die Alternative der Flugpauschalreise engte zwar die Vielfalt der thematischen
Programmaspekte ein, ermöglichte damit aber eine Intensivierung der
Programmgestaltung zum Thema Sankt Petersburg. Aber auch so war das
Reiseangebot mit Kosten von über 1000,-- DM pro Person aus dem Rahmen
herausfallend teuer, was seine Akzeptanz in der Schülerschaft sicherlich
beeinträchtig hat. Leider haben auch die intensiven
Vorbereitungsbemühungen keine preisgünstigere Reisealternative nach
Rußland erschlossen. Berücksichtigt man, daß wir in den letzten Jahren im
Rahmen unserer Schulpartnerschaft mit der
¤stanbul
Lisesi für den gleichen Preis siebzehntägige Türkei-Aufenthalte mit
Busrundreise durch die Westtürkei haben anbieten können, zeigt sich eine
grundsätzliche organisatorische Problematik unserer
Osteuropaaktivitäten, wo im Gegensatz zu Türkei derzeit ein »spontanes
Reisen« mit Hotelwahl und Busanmietung »vor Ort« noch nicht möglich ist und ein
spezialisiertes Reisebüro eingeschaltet werden muß. In Polen und Ungarn
dagegen kann diese Klippe durch unsere persönlichen Kontakte und Freundschaften
im Lande selbst umschifft werden.
Der letztlich so gewählte
Reiseplan hatte dann aber auch den Vorteil, nicht von einer
Mindestteilnehmerzahl abhängig zu sein, ist doch die Zahl von zehn
Schülerinnen und Schüler für eine Studienfahrt zwar vor Ort recht angenehm für
ein intensives, problemloses Arbeiten, bezogen auf die schulische Situation und
Wirkung jedoch eigentlich unter der Grenze des Zumutbaren, wenn die intensiven
Arbeitsbelastungen in der Vorbereitung durch die Fachlehrerinnen und -lehrer
und der organisatorische Arbeitsaufwand einer offiziellen Studienfahrtdekade
für die Schulleitung und die Kolleginnen und Kollegen dagegengehalten werden.
So ist gründlich zu überlegen, wie einmal das Programm der fachlich
differenzierten Studienfahrten in der Sekundarstufe II optimiert werden kann
und zum anderen, wie durch frühzeitige, möglichst noch vor dem Eintritt in die
Kursstufe beginnenden innerschulischen Diskurse die pädagogische und fachliche
Bedeutung von Studienfahrten auch den Schülerinnen und Schülern deutlicher
gemacht werden kann. Sehr aufmerksam sind dabei die gewandelten sozialen
Bezüge der Schülerinnen und Schüler zu beobachten, die oft zu einer deutlichen,
sozial und ökonomisch bedingten Verschiebung der Lebensmittelpunkte von der
Schule weg führen. Gerade die auf Dauer vorauszusetzende Heterogenität unserer
Schülerschaft läßt die frühere Selbstverständlichkeit einer
»bildungsbürgerlichen« Begründung von aufwendigeren pädagogischen Angeboten wie
den Studienfahrten anachronistisch werden. Sehr viel gezielter müssen in diese
Planungen daher die biographischen Anknüpfungspunkte und die
Inwertsetzungespotentiale einer stärker individualisierte Lebensplanung mit
einbezogen werden, wie es mit dem spezialisierten Angebot der Studienfahrt
nach Sankt Petersburg ja schon ansatzweise versucht worden ist.
Dennoch sollte der
Ausgangspunkt unserer Überlegungen für die Zukunft die Einsicht bleiben, daß
Studienfahrten eine überragende fachliche und pädagogische Bedeutung haben und
daß es eigentlich unser Ziel sein sollte, daß alle Schülerinnen und Schüler der Kursstufe an einer Studienfahrt teilnehmen sollten. Daneben müssen
aber aus dem Selbstverständnis einer UNESCO-Projekt-Schule heraus die
eingeführten und erfolgreichen Schulpartnerschaften und Kontakte zu Polen und
zur Türkei in jahrgangsunabhängiger Form voll aufrecht erhalten bleiben und
wohl auch wieder durch eigene Initiativen neu aktiviert werden. Der Nutzen
sowohl eines didaktisch differenzierten und planmäßig strukturierten
Studienfahrtangebotes wie der auch öffentlichen Betonung unserer
internationalen Kontakte und Partnerschaften für unsere auch interkulturell
akzentuierte Profilbildung der Weltläufigkeit der Ausbildung an der
Bismarckschule Hannover ist kaum zu überschätzen.
Bevor versucht werden soll,
durch einige Stichworte den möglichen fachlichen Interpretationsrahmen
abzustecken, möchte ich zunächst einige persönliche, subjektive Eindrücke und
Erfahrungen mitteilen, die mich während der Studienfahrt berührt haben. Der
erste und der letzte Eindruck von Sankt Petersburg waren durch die Busfahrt beim
Transfer vom Flughafen Pulkowo zum Hotel Moskwa bzw. zurück zum Flughafen
gegeben. Die Fahrt ging durch zersiedelte Vorstädte und Industrieregionen. Und
hier zeigte sich die große Übereinstimmung der städtischen Peripherien der Groß-
und Millionenstädte vor allem außerhalb der heutigen ökonomischen Zentren. Ob
ich nach ¤stanbul
über die Londra Straße, nach Ankara über die nordwestliche Einfahrt vom Paß von
Bolu her, ob ich nach Damaskus von Homs aus oder ob ich nach Kairo auf der
›Agricultural Road‹ vom Nildelta her hereinfahre, überall begegnen mir die
ungestalteten, ja häßlichen und lebensfeindlichen Wohnblockcluster, bei denen
die eine Seite noch nicht fertig gebaut, während die andere Seite schon wieder
den Zerfall anheim gegeben ist, begegnen mir squatter-Siedlungen,
heruntergekommene Gewerbe- und Industriestandorte und schließlich eine
Infrastruktur, die sich auf einige überbreite Straßenzüge konzentriert, auf
denen der Verkehr eher einem Rennen der hell drivers, als einem
geordneten Straßenverkehr gleicht, während daneben höchstens staubige oder
sumpfige Wege und Fahrspuren die Siedlungen erschließen: Gebiete also, die
die Bevölkerungsmassen der überall vorhandenen Landflucht auffangen, ohne
ihnen auch nur ansatzweise städtische Lebensmöglichkeiten zu bieten.
Doch einige bezeichnende
Unterschiede sind in Sankt Petersburg doch zu beobachten. So fehlen die in den
anderen Städten im letzten Jahrzehnt auffälliger gewordenen, privat oder
genossenschaftlich finanzierten spekulativen Wohnsiedlungen, die in
unterschiedlicher Bauqualität nicht nur auf die traditionelle stadtperiphere
Bevölkerung der mittellosen Unterschichten zielen, sondern eher als
Immobilienvermögen kalkuliert sind und daher oft jahrelang leer stehen. Auf der
anderen Seite fehlen in Sankt Petersburg auch die vielen kleinen und kleinsten
Gewerbeaktivitäten und niedrigen Dienstleistungen, die sich erst zögerlich in
der Innenstadt etablieren, in den Großstädten der Semiperipherien aber beinahe
ubiquitär geworden sind. Dagegen machen die eigentlichen Industriegelände einen
noch trostloseren, oft verlassenen Eindruck als in
¤stanbul
oder in Kairo. Diese Beobachtungen lassen Schlußfolgerungen auf die spezifische
wirtschaftliche Krisensituation in Sankt Petersburg zu, die nicht primär durch
Zugehörigkeit zu einer semiperipheren Region, trotz offensichtlicher
Peripherisierungsprozesse, zu erklären ist, sondern besondere Züge der
Systemtransformation typisch werden läßt. Sichtbar wird an den mitgeteilten
Befunden einmal die katastrophale Lage der Industrie, die in Rußland fast
völlig zusammengebrochen ist, ferner aber auch der durch das bisherige
ökonomisch-politische System blockierte Zugang zu kleingewerblichen
wirtschaftlichen Strukturen und Initiativen, der sich erst langsam in den
Innenstädten öffnet, aber dann auch eher semiperiphere sozioökonomische
Strukturen als tatsächliche industriestaatliche und staatsgesellschaftliche
Auswege aus der Krise erschließt.
Interessant wenn nicht
gar erschreckend ist jedoch der Blick in die Gesichter der Passanten in Sankt
Petersburg, ist der Blick auf das alltägliche Verhalten auf den Straßen. Leere,
abgehärmte, unfrohe Gesichter dominieren; kaum je ein spontanes Lächeln. Sorge
und Frustrationen scheinen die Stimmung zu bestimmen. Dann die zögernde
Verwunderung, lächelt man als Tourist einmal eine Verkäuferin, eine
Restaurantkellnerin oder eine Aufseherin im Museum an, auch als Anerkennung und
als mitmenschliche Teilnahme; das ist völlig unüblich und unerwartet. Daneben
aber auch auf der Straße, in den Geschäften, vor allem aber in den öffentlichen
Verkehrsmitteln eine unbeschreibliche Rücksichtslosigkeit, eine Nichtachtung
jeglicher auf den öffentlichen Raum bezogenen Höflichkeit und Rücksichtnahme.
Beide Beobachtungen zusammen, die eine durchgängige Distanz zum öffentlichen
Raum als Sozial- und Lebensraum erkennen lassen, könnten Anlaß zu einer
zivilisationstheoretischen Interpretation sein, die Defizite in der
Herausbildung der uns gewohnten »westlichen« Staatsgesellschaft vermuten
lassen. Schlußfolgerungen auf daraus resultierende Sozialprobleme von
Migranten oder auf didaktische Interpretationsmöglichkeiten sollten hier
nicht gezogen werden; sie müßten in größerem, vergleichenden Rahmen der
Interpretation von Zivilisationsdifferentialen und Fremdheitserfahrungen
erfolgen.
Die hier erkennbaren
Peripherisierungsprozesse der russischen Gesellschaft finden ihre materielle
Bestätigung in dem voranschreitenden, im Straßenbild deutlich erkennbaren
Wachsen sozialer Disparitäten. Ist die Zahl der Obdachlosen, Bettler und
verwahrlosten Kinder erschreckend groß (geworden), trifft man im Straßenbild
auffällig auf die Anzeichen wachsenden Reichtums anderer Schichten: gut,
qualitätvoll und schick gekleidete Frauen – doch die Gesichter entsprechen auch
hier meist der allgemeinen depressiven Fassade –, daneben zwischen
verrosteten Trolleybussen und klapprigen Kleinwagen eine steigende Zahl gut
gepflegter Mittel- und Oberklassenkraftfahrzeuge. Der silberne oder schwarze
Mercedes ist keine Seltenheit. Warum werden diese Fahrzeuge auffällig oft von
der allgegenwärtigen, sonst aber selten aktiv werdenden Verkehrspolizei
angehalten und verwarnt?
Dieser Einstieg in den
Kurzbericht von der Studienfahrt nach Sankt Petersburg war sicherlich erst recht
feuilletonistisch. Das ist aber sinnvoll und verständlich, macht man sich die
Grenzen der fachlichen Erschließung deutlich, die einmal durch die räumliche
Beschränkung auf eine, und dann auch für das gesamte Rußland eher
herausfallende – in Sankt Petersburg selbst wird auch gesagt: untypische –
Stadt, zum anderen durch die kurze Dauer des Besuchs und den Mangel an
Kontinuität der Beobachtung gegeben ist. Das sieht bei unseren langfristigen
Kontakten zu Polen oder in die Türkei ja durchaus anders aus, wo langjährige
Kontakte und regelmäßige Besuche eine große und wachsende Vergleichs- und
Urteilsbasis geschaffen haben, von der aus über die schulinterne Auswertung und
Multiplikatorenfunktion hinaus wissenschaftliche Auswertungen und Publikationen
entstanden sind. Ob in späteren Jahren, was für die Bismarckschule Hannover
ihrer Situation entsprechend durchaus sinnvoll wäre, auch zum Thema Rußland ein
ähnlich breites Erfahrungswissen angesammelt werden kann, sei dahingestellt.
Die fachliche
gesellschaftswissenschaftliche oder geographische Beschäftigung mit Rußland
unter dem thematischen Rahmen der Untersuchung der osteuropäischen
Transformationsräume stellt sinnvollerweise den Prozeßcharakter, die zeitliche
Dimension in den Vordergrund. Nur punktuell erschließen sich uns während einer
Studienfahrt die Symptome der wachsenden sozioökonomischen Disparitäten und der
damit verbundenen Strukturveränderungen. Indirekte Schlußfolgerungen sind hier
durch internationale Vergleiche möglich, wie wir sie ansatzweise mit unseren
Beobachtungen zum Strukturwandel der städtischen Peripherien anzudeuten
versucht haben.
Die fehlende zeitliche
Dimension des Erlebnisses und der Erfahrung muß durch ein bewußt
exemplarisches Vorgehen ersetzt werden, zu dem der fachliche und soziale
Erfahrungs- und Orientierungsrahmen beiträgt. Drei inhaltliche Problemfelder
treten in einer solchen Studienfahrtkonzeption in den Vordergrund: die Frage
nach Wesen und Ausprägung der allgemeinen urbanistischen Aspekte unter dem
Gesichtspunkt der exemplarischen Konkretisierbarkeit durch und in Sankt
Petersburg; dazu die soziale Dimension, soziologische und sozialstrukturelle
Fragestellungen, bei denen eine Konkretisierung vor allem durch die
unmittelbare Erfahrung der menschlichen Existenzprobleme am Ort erfolgen muß,
was bei aller sozialphilosophischer Problematik zunächst einmal die Fähigkeit
der, analytisch distanzierten und kontrollierten Empathie ebenso verlangt, wie
die Fähigkeit zur wahrnehmenden sozialen Sensibilität; letztlich überklammert
diese inhaltlichen Fragestellungen die jeder Pädagogik zu Grunde liegende
Rezeptionsproblematik, das heißt, die Frage, wie in unseren Köpfen Realität
entsteht und was sie für uns bedeutet.
Was bedeutet die Stadt Sankt
Petersburg? Was wir sehen ist eine Folge davon, wie wir sehen. Die Realität
erschließt sich für den einigermaßen informierten Besucher über Images, über
Vorstellungen und vorhandene Urteilskategorien. Gerade für eine Stadt, die sich
selbst so stark aus ihrer Geschichte heraus definiert, in deren Geschichte
Widersprüchlichkeiten und Brüche ein »einfaches Leben« kaum je möglich werden
ließen, Stadt Peter des Großen und dann Hauptstadt eines immer stärker
degenerierten und anachronistischen Zarenregimes, Petrograd im Ersten Weltkrieg,
Leningrad in der bolschewistischen Zeit, obwohl gerade zwischen Lenin und dieser
Stadt nur die geringsten Affinitäten bestanden, 900 Tage Hungerblockade durch
die deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg, nur wenig Positives in der
Nachkriegszeit, 1990 dann wieder Rückkehr zum alten Namen Sankt Petersburg,
aber kaum zum Glanz einer Metropole..., gerade für solch eine Stadt sind
Erinnerungen und Bilder oft wichtiger als die Tagesrealität.
Die Bilder von Sankt
Petersburg sind immer widersprüchlich, seltsam gebrochen, wie die Biographien
der Dichter und der Intelligenzia des 19. Jahrhunderts, die von Sankt Petersburg
nicht weg kamen, denen Sankt Petersburg den Nährboden für ihre geistigen
Leistungen und ihre ätzende Kritik an den Zuständen bot, die Sankt Petersburg
oft von Herzen gehaßt haben, aber nur in Zeiten der Verbannung verlassen
konnten...
Ein topos zieht
durch alle diese Bilder von Sankt Petersburg: das Bild der Fassade. Es ist ein
Sankt Petersburg der Fassaden, seit es von Peter I. für das Auge der Untertanen
wie des Auslandes und für die Demonstration der Macht geplant und gebaut und von
den Nachfolgern, vor allem von Zarin Elisabeth I. mit ihrem Hofarchitekten
Rastrelli – der Sankt Petersburg mit spätbarocken blau-weißen Fassaden überzog
–, von Katharina der Großen mit ihrem Architekten Quarenghi – der der Stadt ihr
klassizistisches Gepräge und eine Flut von Adelspalästen hinterließ – und von
Zar Alexander I., dem Sieger über Napoleon, mit seinem Hofarchitekten Carlo
Rossi – der mit seinen gelben Gebäuden und den weißen vorgesetzten Säulen die
letzten Lücken der Prospekte schloß – zum späteren architektonischen
»Gesamtkunstwerk« vollendet. Doch hinter den Prospekten, Palästen und
Fassaden wucherten schon im 18. und 19. Jahrhundert die Elendsgebiete
Raskolnikows, stehen jetzt die alten Frauen, die ihr letztes Habe verkaufen
müssen, an den Zäunen der Wladimirkirche, die wohl auch durch die derzeitigen
Straßenbau- und Asphaltierungsarbeiten rund um die Metro-Stationen
Wladimirskaja und Dostojewskaja nichts von ihrem Elend verlieren werden, sammeln
sich Fixer und Kleinkriminelle um den Heumarkt...
An die Menschen haben die
großen Stadtbaumeister und Architekten ebensowenig gedacht wie ihre
Auftraggeber, die Zarinnen und Zaren. Es ist für uns eine zwiespältige
Fragestellung während einer Studienfahrt nach Sankt Petersburg, wie weit wir
uns primär auf die kulturell überragende städtebauliche Bedeutung, die zu Recht
als Stadtbild als »kulturelles Erbe der Menschheit« unter dem Schutz der UNESCO
steht und für das nicht erst seit der politischen Wende 1990 der russische oder
vordem der sowjetische Staat aktive und finanzielle Verantwortung übernommen
haben, einlassen, oder in wie weit wir die politisch-soziale Problemdimension in
den Vordergrund unserer Aufmerksamkeit rücken. Sehr plakativ könnte man
sagen, daß hier zwei Städte um Aufmerksamkeit konkurrieren: Sankt Petersburg und
Leningrad, sind doch die Oktoberrevolution und die Regierungszeit Lenins und
der spätere Sowjetstaat historisch nur vor dem Hintergrund der Sozialkatastrophe
der Zarenzeit und ihrer anachronistischen Unfähigkeit zur Modernisierung und
Konfliktlösung zu verstehen – also vor dem Herrschaftsprinzip, das sich in den
städtbaulichen wie sozialen Fassaden Sankt Petersburgs ausdrückte. Aber auch
Leningrad war kein Erfolg; neue Fassaden lösten die alten ab. Und in diesem
Sinne ist Leningrad heute Vergangenheit, nicht mehr im Bewußtsein vorfindbar,
Objekt höchstens bewußter »Spurensuche«. Doch angesichts der sozioökonomischen
und politischen Krise in Sankt Petersburg wie in Rußland allgemein erscheint
eine solche Spurensuche notwendig, aufklärerisch – aber letztlich auch eine
Aufgabe der Bewohner von Sankt Petersburg selbst. Für uns kurzfristigen Besucher
gilt aber immer deutlicher: Was wir sehen ist eine Folge davon, wie wir sehen.
Hier bietet sich ein Exkurs
in die Kritik der üblichen urbanistischen und stadtgeographischen Konzeptionen
an. Sankt Petersburg zeigt nur zu deutlich, daß eine allein strukturorientierte
Betrachtungsweise den Problemen und Entwicklungspotentialen der Stadt nicht
hinreichend gerecht wird. Die Stadt
als solche ist keine vorfindbare Entität sondern ein gesellschaftliches
kulturelles Konstrukt, das sich in einem permanenten Entwicklungs- und
Veränderungsprozeß befindet, so lange wie das Denken über die Stadt anhält und
in das der Betrachter, ob Tourist oder Wissenschaftler, mehr oder weniger
intensiv einbezogen ist.
Erforderlich ist daher
eine diskursorientierte Urbanistik, die von Rezeptionserfahrungen, d.h. von der
»Lesbarkeit der Stadt«, von den Erfahrungseindrücken und der Entwicklung der
Stadtimages ausgeht.
Dabei ist aus gesellschaftswissenschaftlicher Sicht zu betonen, daß diese
Kriterien der »Lesbarkeit«, die Bedeutungen der Orte, nicht durch die Stadt
selbst gegeben, sondern Bestandteil der kulturellen Tradition sind und als
solche in den gesellschaftlichen Diskursen vermittelt und interpretiert werden.
Der soziologische Ansatz des Symbolischen Interaktionismus
vertieft dabei die kulturwissenschaftliche und semiologische Analyse, daß
unsere Alltagswelt, unsere Lebenswelt, durch kulturelle Symbolsysteme bestimmt
und erfahrbar wird. Studienfahrten sollen daher unter gesellschafts- wie
raumwissenschaftlichen Aspekten dazu beitragen, zu erlernen, Städte zu
dechiffrieren, ihre symbolische Bedeutung zu verstehen und zu erkennen, um
dadurch auch ansatzweise besser verstehen zu lernen, in welcher eigenen
Umwelt der Fremde lebt. Ethnographisch sind diese Ansätze schon in den
klassischen französischen Arbeiten von Leiris oder Lévi-Strauß angerissen
worden, die für den Didaktiker wesentliche Denkanstöße vermitteln können.
Stadtgeographie ist damit
letztlich auch »Affektgeographie«. Affektiv besetzte Stadtvorstellungen
bestimmen das Verhalten der Einwohner zu ihrer Stadt und zum Fremden,
bestimmen aber auch die Erwartungen, mit denen der Tourist eine Stadt
besucht.
Wie sich diese Affekte nun konkret in Vorstellungen und Wertbeurteilungen
umsetzen, ist ein hochkomplexer und differenzierter Vorgang. Letztlich ist
die Basis der Vorstellungen die Vorerfahrung des Beobachters. Bei einer
schulischen Studienfahrtgruppe ist damit durchaus nicht davon auszugehen, daß
der Erwartungshorizont von Lehrern und Schülern zur Deckung gebracht werden
kann. Um eine Bemerkung wieder aufzugreifen: maßgeblich ist, daß das, was
gesehen wird, davon abhängt, wie gesehen wird – und das ist
durchaus unterschiedlich.
Wie weit unsere
Vorstellungen durch affektiv besetzte Stereotypen bestimmt werden, zeigt unser
mitteleuropäischer, deutscher Umgang mit der Vorstellung »Rußland«: Es
dominieren distanzierte, angstbesetzte und oft pejorative, abwertende
Vorstellungen von Rußland, von »Russen«, die tief in unser Alltagsverhalten
eingegraben sind, völlig unabhängig von unseren eigenen persönlichen
Erfahrungen. Da diese Vorstellungen inhaltlich über Jahrhunderte stabil
geblieben sind, wird es deutlich, daß die angebliche Rückführung auf
Kriegserlebnisse der älteren Generation in Rußland oder auch auf die für die
Betroffenen grausame Zeit des Stalinismus und den »Ost-West-Konflikt«, die den
älteren deutschen Antikommunismus neu legitimieren konnten, im Kern doch nur
nachträgliche Rationalisierungen und »Bestätigungen« vorhandener
Vorurteilsstrukturen sind. Gerade der unmittelbare Kontakt mit Rußland, aber
auch intensivere wissenschaftliche Information, zeigen sehr deutlich, daß die
inhaltliche Füllung dieser deutschen Vorurteile im Hemmnis für eine adäquate
Realitätswahrnehmung sind und den Blick auf die tatsächlichen
hochdifferenten sozialen, ökonomischen und politischen Problemlagen in
Rußland in der Zeit der Systemtransformation und einer notwendigen
staatlichen und gesellschaftlichen Modernisierungsphase nur verstellen.
Aber auch der »wohlwollende« Blick auf Rußland ist oft ebenso stereotyp, wenn
er, gerade bei Intellektuellen, entweder an eine parallel in unserer Kultur
vorhandene alten Slawophilie und »Russenfreundschaft« anknüpft, die oft
nur die gleichen Vorurteile transportiert wie die »Russenangst«, nämlich das
Bild vom affektiv dominierten, gläubigen, einfachen (oder im
gegenteiligen Kontext: rückständigen und dummen) Russen, oder das
jeweilige Herrschaftssystem – Zarenregime oder Vorreiter der Weltrevolution –
affirmativ als Realität nimmt und nicht aus der geschichtlichen Realität
Rußlands heraus zu verstehen sucht. Jedesmal wird Rußland für eigene
Ideologieproduktion und gesellschaftliche Legitimationsstrategien
funktionalisiert. Wie bei jedem Vorurteil gilt das eigentliche Interesse gar
nicht dem Gegenstand selbst; daher bleiben vor allem »nationale« Vorurteile
immer ambivalent und können in einer positiven oder einer negativen
Affektbesetzung auftreten. Es ist durchaus notwendig, diese Vorurteile an- und
auszusprechen, um sie von sich selbst zu distanzieren und den Blick auf eine
viel komplexere und interessantere Realität freizulegen. Sich diesen
Themenkomplex sehr gründlich vor Augen zu führen und selbstbezüglich zu
durchdenken, ist gerade für die Schule und ihre Didaktik ausgesprochen
wichtig, gerade auch, wenn wie bei uns in der Bismarckschule Hannover eine
große Zahl von Schülerinnen und Schülern aus Osteuropa und dem Gebiet der
ehemaligen Sowjetunion stammen. Ich möchte hier aus eigener kritischer
Beobachtung behaupten, daß in der oft undifferenzierten, nivellierenden
Einschätzung dieser Schülerinnen und Schüler durch unser Kollegium und in der
Abneigung, diese pädagogische Herausforderung eher als interkulturelle Chance
denn als unterrichtliches Problem wahrzunehmen, ungewollt und unbewußt vieles
von den genannten eigenen Nationstereotypen durchschlägt und in belastender
Form verhaltensbestimmend wirkt.
Auch für die Planung
einer Studienfahrt ist daher dieses Thema wichtig. Stereotype Wahrnehmungen
führen zur Beeinflussung der Wahrnehmung der konkreten Realitäten. Ist die
Schülergruppe in sich noch heterogen, wird eine Vielzahl von Erfahrungen und
Beurteilungen zu erwarten sein. Nehmen wir das Kriterium der Herkunft von
Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer Reisegruppe und ihren damit verbundenen
Erfahrungen. Städte werden an Städten gemessen, gesellschaftliches Verhalten
wiederum an gesellschaftlichem Verhalten. Ist die Vorerfahrung geprägt von
westeuropäischen Großstädten, von urbanen Staatsgesellschaften, wird in Sankt
Petersburg zunächst eine Distanz- und Differenzerfahrung, wohl auch eine
Defizitwahrnehmung stehen. Sekundär wird die stärkere Geschichtsorientierung,
das Auseinanderklaffen von städtischem Image und sozialer Realität
wahrgenommen. Sind demgegenüber die eigenen biographischen Erfahrungen
durch semiperiphere Städte und Gesellschaften oder durch unmittelbare
Lebenserfahrung in binnenperipheren Gebieten der Transformationsstaaten
geprägt, vielleicht aber auch überprägt durch zusätzliche
Akkulturationserfahrungen in Westeuropa, so wird an die Stelle der
Distanz- und Differenzerfahrung eine in sich differenziertere, »verstehende«
Wahrnehmung mit deutlicherer Prozeß- und Veränderungssensibilität treten, was
andererseits aber wieder bei mangelnder sachlicher Reflexion und Kenntnis die
Gefahr einer Überdeckung der Wahrnehmung der materiellen Widersprüche dieser
Gesellschaft bergen kann.
Sankt Petersburg wird es
dem Betrachter nicht leicht machen, emotionale, affektive Beziehungen zu dieser
Stadt aufzubauen, es sei denn Faszination und eine kulturhistorisch verwurzelte
Anziehungskraft, die die Distanzbarrieren nicht immer überbrücken kann. Ein
Ausweg ist dann das Museum. In der Eremitage ist die Kunst der Welt
versammelt, man tritt aus Sankt Petersburg kommend ein in die Globalität einer
Weltkultur – und vergißt dabei nur zu leicht, daß auch dies nur ein Rekurs auf
einen symbolisch-kulturellen topos der eigenen europäischen Kultur ist,
zutiefst eurozentrisch auch beim Blick auf die Exponate der außereuropäischen
Kulturen. Und merkwürdigerweise zutiefst befriedigend: ein affirmatives
Glücksgefühl für den Museumsbesucher.
Was können diese kurzen
Bemerkungen für das urbanistische Denken und Arbeiten bedeuten? Wiederum stellt
sich die Frage nach dem Charakter und der Bedeutung von Sankt Petersburg. Doch
diesmal mit dem Willen, die affektiv-symbolische Bedeutung von Städten stärker
analytisch zu fassen, aus ihnen ansatzweise auch Kategorien zu bilden.
Es ist deutlich geworden,
in welch hohem Maße Sankt Petersburg gerade mit seinen und durch seine Images
und Vorstellungswelten existiert, wie eigentlich jede für den aufgeklärten und
neugierigen Reisenden anziehende und reizvolle Stadt. Vielleicht ist das, am
Rande bemerkt, ja gerade das Problem von Hannover, das durchaus nicht aus
rationalen oder materiellen Gründen als »unattraktiv« erscheint, ganz im
Gegenteil!, auch nicht durch die stereotyp wiederholte angebliche
»Provinzialität« – Heidelberg wäre dabei um ein vielfaches provinzieller und
weniger weltoffen –, sondern in seinem Mangel an symbolischer Befrachtung
begründet liegt, was sicherlich mit seiner Geschichte, der Zeit der
monarchischen Personalunion mit Großbritannien und seiner peripheren Rolle in
Preußen, zu tun hat und damit, wie wenig symbolträchtige Aktion in seinen
Mauern gesehen wurde.
Es wäre ein urbanistisch
weiterführender Ansatz, Städte und städtische Lebenswelten nicht nur
stadtgeographisch, soziologisch oder sozialpsychologisch auf ihre Images hin zu
untersuchen und zu klassifizieren, sondern unterschiedliche Typen der
affektiven Besetzung der Stadtimages zu unterscheiden, um aus ihnen Kriterien
der sozialhistorischen Bedeutung ableiten zu können. Versuchshalber sollte ein
solcher Klassifizierungsversuch skizziert werden, um von ihm aus Sankt
Petersburg besser verstehen und einordnen zu können.
Wir unterscheiden im
Folgenden idealtypisch integrative und desintegrative Stadtimages.
Dabei bezieht sich die Begrifflichkeit auf die Vorstellungswelt und nicht auf
die realen gesellschaftlichen Homogenisierungspotentiale, die eine Funktion
herrschaftlicher Zentralisierungs- und Machtdurchsetzungsprozesse sind.
Integrative
Stadtimages überhöhen die Vorstellung von der Bedeutung des Ortes und seiner
Bewohner; sie sind bei alten Städten oft religiös fundiert. Diese Städte
verleihen ihrer Einwohnerschaft Bedeutung und scheinbare Überlegenheit
gegenüber den Nichtbewohnern – gegenüber der Landbevölkerung entwickelt die
städtische Lebensform durch die Herausbildung spezifischer
Zivilisationsdifferentiale
ohnehin ein abschließendes und ausschließendes Überlegenheitsbewußtsein, auf dem
sicherlich ein wesentlicher Teil der europäischen Vorstellungen eigener
Kulturhegemonie aufbaut – , im »Idealfall« entstehen »Heilige Städte«,
die ihre Herausgehobenheit auf das Numinose oder seine materielle Symbolik
zurückführen. Das kann einmal durch eine unmittelbare religiöse Funktion
ausgedrückt werden wie in Mekka als Ort der islamischen Ha��,
aber auch im Rahmen einer bewußten religiös-symbolischen – auch
architektonischen – Setzung wie in Esfahan
oder im Laufe einer besonderen kulturhistorischen Entwicklung wie in Širaz,
der »Stadt der Rosen, der Dichter, der Nachtigallen und des Weines«.
Zunächst wird man bei der Kategorie »Heilige Städte« jedoch in unserem
Kulturkreis an Jerusalem denken. Doch ist dies nicht nur eine
»Heilige Stadt«, sondern wird diese Carakteristik von verschiedenen Gruppen, die
diese spezifische Integrationsfunktion erleben, beansprucht. Dadurch
wird wiederum das Faktum erklärlich, daß integrative Stadtimages in der
Realität oft mit realen sozialen Konflikten oder gar ritualisierter
Gewaltausübung einher gehen.
Diese Ambivalenz ist, wie wir schon an anderer Stelle ausgeführt haben,
typisch für in den kulturellen Symbolinventaren der Gesellschaft verankerte
Deutungsmuster der Realität und affektbesetzte Handlungsoptionen des
Alltags.
Desintegrative
Stadtimages sind gleichermaßen faszinierend, stilbildend und kulturell
verankert. In ihnen drückt sich die Herrschaftslegitimation der Sozialen
Ungleichheit aus. Sankt Petersburg ist ein archetypisches Beispiel einer
Herrschaftsstadt, die auch im Selbstbild nicht integrativ, sondern
beeindruckend, einschüchternd, gefährlich wirkt. Die typische mentale Haltung
zu einer Herrschaftsstadt ist das »Leiden an der Heimat«.
Besonders faszinierend wirkt sie aber auf die Bildungsschichten in ihrer »Haßliebe« zur Macht, in ihrer Ambivalenz von Opportunismus und Auflehnung. Oft
bringen diese Städte die großartigsten kulturellen Leistungen hervor: sie
werden wie Sankt Petersburg zum »Kulturellen Welterbe« – Orte die oft
gerade diejenigen Intellektuellen, denen sie ihre Bedeutung verdanken,
gnadenlos im Interesse der Herrschaft verfolgen.
In Deutschland ist Berlin eine solche Stadt, die ebensoviel Bewunderung wie
Abneigung auf sich zieht. Paris und Peking sind wohl ebensolche
Musterbeispiele von Herrschaftsstädten, die durch den Hof den
Zivilisations- und Staatenbildungsprozeß ganzer Völker steuern konnten, wie
es Norbert Elias in klassischer
Form dargestellt hat. Durch die tatsächliche Begründung der desintegrativen
Stereotypen solcher Herrschaftsstädte in tatsächlichem
Herrschaftswillen ist die Kongruenz der Realgeschichte mit den
Vorstellungsinhalten weit deutlicher und weniger ambivalent als in den
»Heiligen Städten«. Doch auch hier entwickelt sich im Sinne von Prozessen
der self-fulfilling prophecy das Agens der Stereotypen. Das Symbol
der Herrschaftsstadt ist die Fassade. Sie sind kulturgeschichtlich
selbst aber auch Symbole für das distanzierte Realitätsverständnis der
Fassadenhaftigkeit und Uneigentlichkeit des Seins und des Leidens an der
Existenz.
Es fehlt hier nur noch eine
Reflexion der Problematik des didaktischen Zugangs zu dieser differenzierten
thematischen Studienfahrtkonzeption und ihrer fachlichen Auswertung. Hier ist
jedoch nicht der geeignete Ort, dieses umfangreiche Problem ausführlicher und
intensiver zu erörtern. Es muß hier genügen, den Blick zu lenken auf die
Grundtatsache, daß unter wissenschaftlich-didaktischer Perspektive sich die
Rezeptionsstruktur von dem einfachen »bipolaren Gegenüber« von fachlich
arbeitendem Rezipienten zu seinem Gegenstand, dem Ort, der Struktur und der
Bedeutung des bereisten und untersuchten Raumes, zu einer »tripolaren
Rezeptionsstruktur« ausweitet, in der die Aufmerksamkeit in gleicher Weise
dem Gegenstand wie dem Mitrezipienten, das heißt im Falle einer Studienfahrt
mit Schülerinnen und Schülern der schulischen Reisegruppe zu gelten hat. Ein
Rezeptionsvorgang letztlich nicht abschließbarer gegenseitiger Rekurse und
intellektueller Distanzierungen wird dadurch entstehen müssen.
Gerade unter der
philosophischen Problematik, daß die der Pädagogik zu Grunde liegende
Empathieforderung erkenntnistheoretisch »frag-würdig« ist, so wie
behavioristische Denkansätze diese Möglichkeit ja grundsätzlich bestreiten,
kann eine sozialpsychologisch-pragmatische Denktradition versuchen, in einem
Distanz und Selbstdistanz erzeugenden Rekursmodell eine theoretische Abbildung
dessen zu sehen, was gemeinhin als »Verständnis« bezeichnet wird.
Folgt hieraus die nahe
liegende Übertragung auf das banale Rezeptionsmodell des
Fachwissenschaftlers, wie es eingangs postuliert wurde, wird sich durch die
bewußte Einführung selbstreferentieller Distanzierungen ein ebenfalls
höherkomplexes Rezeptionsmodell entwickeln können, das zumindest die
Fragestellung nach Verständnis und Bedeutung des Gegenstandes
über die materielle Beschreibung hinaus – vielleicht auch nur als
Arbeitshypothese – denkbar erscheinen läßt. Somit kann didaktisch
orientiertes fachliches Arbeiten in einem Referenzprozeß Einwirkungen auf
die allgemeine Grundlegung auch fachwissenschaftlichen Arbeitens
nehmen, was die Didaktik von einer der Fachwissenschaft nachgeordneten
Umsetzungswissenschaft zu einem notwendigen und sinnvollen Teil allgemeiner
fachwissenschaftlicher Methodik macht und Distanz, Komplexität und damit
Gültigkeit in »Mehrschichtenmodellen« der Realitätserschließung erst
ermöglicht.
Aber sicherlich
interessiert es jetzt abschließend noch, was wir in Sankt Petersburg nun
tatsächlich getan haben. Daher soll hier noch ein tabellarischer Programmplan
angefügt werden, der dann später noch durch die Tagesprotokolle und Aufsätze der
Schülerinnen und Schüler im Abschlußbericht der Gruppe konkretisiert, erläutert
und ausgefüllt werden soll. Das Programm war dicht und inhaltsreich, wurde aber
gemeinsam entwickelt und beschlossen, so daß während der ganzen Fahrt keine
Probleme auftraten und alle Schülerinnen und Schüler an den einzelnen
gemeinsamen Programmpunkten beteiligt waren. Dabei war es eine Grundidee, die
Reise mit der allgemeinen Übersicht wie Stadtrundgang und Stadtrundfahrt zur
Orientierung beginnen zu lassen, dann die wesentlichen inhaltlichen
Programmpunkte folgen zu lassen, wobei durchaus absichtlich im Laufe der Woche
mehr Zeit für eigene Unternehmungen und für Freizeit vorgesehen wurde; auch
dies wurde intensiv genutzt und hat zum Erfolg der Studienfahrt beigetragen.
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So.
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11.10.98
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Flug Hannover – St. Petersburg
Ankunft gegen 13.30. Transfer zum Hotel Moskwa
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Erster Stadtrundgang: Mit der Metro bis Newskij Prospekt
bzw. Gostini Dwor. Durch die Sadowaja ul. vorbei am Russischen Museum zum
Sommergarten und zur Newa; entlang der Newa zum Winterpalast, dann über
den Schloßplatz (Dworzowaja Pl.) zum Newskij Prospekt zurück
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Mo.
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12.10.98
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Stadtrundfahrt durch das Reisebüro: Smolny Kloster,
Taurisches Palais, Preobraschenski-Kathedrale (Besichtigung),
Erlöserkirche, Schloßplatz, Newa-Ufer bis zum »Ehernen Reiter« und zur
Isaaks-Kathedrale. Wir steigen aus am Newskij Prospekt und machen einen
kleinen Rundgang durch das Zentrum zurück zur Erlöserkirche und besuchen
nach einer Mittagspause das Russische Museum
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Di.
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13.10.98
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Unter der Führung von Marina: Peter-Paul-Festung und
alles, was ihr nahe liegt: Panzerkreuzer »Aurora« (Besichtigung), Häuschen
von Peter I., Moschee...
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Mi.
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14.10.98
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Eremitage (wichtigstes Museum in Sankt Petersburg);
anschließend zum Sterbehaus von Puschkin an der Moika; Besuch des
Wachsfigurenkabinetts der Zarenfamilie im Stroganow-Palast am
Newskij-Prospekt
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Ablauf und Prpgramm der Reise
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Do.
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15.10.98
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Ausflug nach Petershof (ganztägig). Abends Besuch eines
russischen Folkloreabends im »Palast der Arbeit« (Pl. Truda)
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Fr.
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16.10.98
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Frei („schopping“ etc., nach Vereinbarung). In
einzelnen Gruppen z.B.: Isaak-Kathedrale (guter Rundblick über die
Stadt); Zentrales Kriegsmarinemuseum an der »Strelka«,
Alexander-Newskij-Kloster mit dem Tichwiner Friedhof
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Sa.
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17.10.98
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Ausflug nach Pawlowsk (ganztägig) [Ein eigentlich
vorgesehener zusätzlicher Besuch in Puschkin/Zarskoje Selo war zeitlich
nicht mehr möglich]. Für eine Gruppe: Besuch des Balletts »Schwanensee«
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So.
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18.10.98
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Rückflug nach Hannover
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Zum Abschluß noch einige
»nackte Daten« über unsere Studienfahrt, die die organisatorische Konzeption
verdeutlichen und eventuell hilfreich für nachfolgende Studienfahrten nach Sankt
Petersburg sein könnten.
Reisebüro: EUROTOURS Reise GmbH. Sextrostraße 14 a. D 30169
Hannover
Tel. 0511-988-6786 / Fax 0511-988-6787
Ansprechpartnerin: Frau Elizarowa
Reiseveranstalter: OLYMPIA Reisen. Siegburger Straße 49. D 53229 Bonn
Tel.
0228-40003-0 / Fax 0228-466932
oder D 30669
Hannover-Flughafen, Abflughalle A, Raum 3/327
Tel.
0511-9772-772 / Fax 0511-9772-777
Fluggesellschaft: PULKOVO Aviation
Enterprise
RUS 196210.
Pilotov uliza 18/4. Sankt Petersburg
Tel. ...
812-104-3817 / Fax ... 812-104-3702
Hinflug Z8 664
ab Hannover (HAJ) 09.35 Uhr am So., 11.10.98
Rückflug Z8
663 ab Sankt Petersburg 07.50 Uhr am So., 18.10.98
jeweils mit
Tupolew Tu 154
Hotel: Hotel Moskwa,
Ploschtschad Alexandra Newskiego 2, Sankt Petersburg
Tel. ...
812-2743002 / Fax ... 812-2742007
Grundkosten: Flug / Hotel /
Halbpension 903,--
DM
Visum für deutsche
Teilnehmer 70,-- DM
Versicherung
33,26 DM
Programmkosten und Nebenkosten
(pragmatisch gerundet) 100,00 DM
=
Gesamtkosten pro Person ca. 1.100,-- DM
Wie geht es jetzt weiter?
Drei Perspektiven sind dabei zu verfolgen: Einmal die konkrete Nachbereitung
der Reise für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst, dann die
»Multiplikatorenfunktion« der Reise für die Schule und die Frage, wie die
– positiven – Erfahrungen und Ergebnisse in den innerschulischen Diskursen
wirksam gemacht werden können; und letztlich: welche weiteren
Studienfahrtangebote könnten auf Grund unserer differenzierten und
vielfältigen internationalen Erfahrungen in den nächsten Jahren als Angebote
noch reizvoll sein.
Die ersten beiden Punkte
sind eng miteinander verflochten. Für den Monat November ist es vorgesehen,
ein nachmittägliches oder abendliches Abschlußtreffen der Teilnehmerinnen und
Teilnehmer der Studienfahrt zu veranstalten, in dem die Ergebnisse, Erlebnisse
und Erfahrungen ausgetauscht, Bilder gezeigt und Diapositive vorgeführt werden
können. Daraus soll sich aber schon der Gedanke entwickeln, einen weiteren
solchen Berichtabend im Rahmen des Programmes des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., für die
Schulöffentlichkeit z.B. in Form eines »russischen Vorweihnachtsfestes« zu
organisieren. Zu diesem Zeitpunkt ist dann auch das Berichtheftchen mit den
inhaltlichen Vorbereitungspapieren zum Thema Sankt Petersburg, die von den
Teilnehmerinnen und Teilnehmern angefertigt worden sind, und mit den
Tagesprotokollen fertig und kann als neues Heft in der Schriftenreihe des
UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.
publiziert werden. Gleichzeitig sollte gemeinsam in der Reisegruppe ein
Abschlußrésumé für die Schulzeitung erarbeitet werden. Auch von meinen eigenen
exkursorischen Ausführungen erhoffe ich mir Anregungen für die Diskussion über
die weiteren Studienfahrtprogramme in unserer Schule.
Ganz kurz aber zu den
möglichen weiteren Studienfahrtangeboten. Neben dem sinnvollen erneuten Angebot
bewährter Studienfahrten nach Ungarn oder in die Tschechische Republik, wo in
den letzten Jahren schon eine größere Zahl von Kolleginnen und Kollegen haben
praktische Erfahrungen sammeln können, was auch den Schülerinnen und Schüler als
Vorteil deutlich gemacht werden könnte, wäre es sinnvoll, in den kommenden
Jahren den in unserer diesjährigen Planung aufgegebenen Programmteil Baltikum
einmal als Busreise bis Riga separat anzubieten. Neben den Fachbezügen Politik
und Erdkunde könnte ich mir hier eine Zusammenarbeit mit dem »baltic sea
project«, an dem unsere Schule als UNESCO-Projekt-Schule aktiv mitwirkt, gut
vorstellen.
Aus den Erfahrungen mit
Transformationsprozessen und der Wirkung von Geschichte auf die Prozesse der
Staatenbildung in Ost- und Ostmitteleuropa und der damit verbundenen
differenzierten Ethnogenese würde es sinnvoll sein, auch den
polnisch-ukrainischen Grenzraum einmal durch eine Studienfahrt untersuchen zu
können, z.B. durch eine Busfahrt über Kraków nach Lemberg und Kiew. Vor allem
auch den Spuren der untergegangenen, richtiger: gewaltsam vernichteten
jüdischen Kultur Galiziens sollte hier nachgegangen werden.
Aber auch unserem
mediterranen Arbeitsschwerpunkt könnte, wie ich im Augenblick ventiliere,
durch weitere Reiseangebote Gewicht gegeben werden. Vielleicht biete ich bei
ausreichendem Interesse in den nächsten Sommerferien eine etwa vierwöchige
Fahrt auf die Iberische Halbinsel mit einem »Sprung« nach Marokko – Ziel
Casablanca und Marrakesch – an.
Zuletzt ein Dank an alle,
die uns bei der Vorbereitung und Durchführung unserer Studienfahrt geholfen und
unterstützt haben, Frau StRef’ Dehmel, die jederzeit bereit war, zum Gelingen
unseres Aufenthalts durch ihre Landes- und Sprachkenntnisse und ihr
unermüdliches Engagement beizutragen, besonders aber auch an meine Schülerin
Marina Oustenko, die ihre Herkunft aus Sankt Petersburg nutzte, uns bei der
Gestaltung eines anspruchsvollen Programms und der Durchführung unserer
Tagesprogramme inhaltlich und praktisch zu helfen, um so die Fahrt erst zu
ermöglichen; vor allem aber auch an die mitreisenden Schülerinnen und Schüler,
die in jeder Hinsicht eine angenehme und verläßliche Reisegruppe bildeten. Wie
das auch nach außen wirkte, sei mit dem abschließenden Zitat der anerkennenden
Bemerkung unserer offiziellen Reisebürobetreuerin in Sankt Petersburg, Tatjana
von Olympia Reisen, bekräftigt, als am Abreisetag um 5.40 Uhr morgens in der
Hotelhalle alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer pünktlich zur Abfahrt mit dem
Flughafenbus eingetroffen waren, alle ihre Hotel-Zimmerschlüssel-Magnetkarten
zur Abgabe bereit hatten und auch alle noch nicht abgefahrenen Metro-Karten an
Marina, die sie uns durch ihre Verwandten hatte besorgen lassen, zurück gegeben
waren: „Sie haben Ihre Schüler aber gut dressiert...“ – und mir nur zu sagen
übrig blieb: „Das war gar nicht nötig, sie sind immer so...“
In diesem Sinne
Gerhard Voigt
Hannover, 26. Oktober 1998
Vgl. am türkischen Beispiel exemplifiziert: Hans-Peter
Waldhoff: Fremde und Zivilisierung. Frankfurt am Main 1995.
Top
Impressum für diese Seite
Erstellt im Rahmen des
Unterrichts an der Bismarckschule Hannover. An der Bismarckschule 5. D 30173
Hannover. Leistungskurs Politik Schuljahr 1998/1999 / Lehrer: OStR Gerhard
Voigt.
Veröffentlicht vom
UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.
Autor: Gerhard Voigt, OStR
i.R.
Bismarckschule.Voigt@gmx.de
http://www.Bismarckschule.de
Textfassung: November 1998
Erstveröffentlicht
im Internet im April 2002 unter
http://www.unesco-club-bismarckschule.de .
Alle Urheberrechte
vorbehalten. Freie Verwendung für Zwecke der Bildung und Ausbildung in Schulen
und Hochschule ist zugestanden.
IV/02/Voigt
Internetpublikation revidiert
am 20.07.2009 |
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