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Agnes Tys-Majtler:

Frauenbewegung in Polen

Schülerreferat im Politik-Grundkurs  der  Klassenstufe 13, Schuljahr 2001/2002, Bismarckschule Hannover, zur Vorbereitung einer Studienfahrt nach Ostpolen / Kraków im Herbst 2001

1. Allgemeines zur Frauenbewegung

1.1 Einführung

Frauenbewegung ist eine zusammenfassende Bezeichnung für soziales und politisches Engagement von Frauen für ihre Gleichberechtigung in der Gesellschaft und im Staat sowie die Emanzipation unabhängig von den männlichen Wertmaßstäben. Die Frauenbewegung entstand im Rahmen der allgemeinen Emanzipationstendenzen des 19.Jahrhunderts mit dem Ziel der politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gleichstellung von Mann und Frau. Neben der Anstrebung von Selbstständigkeit und Mündigkeit für Frauen sowie dem Recht auf Bildung und Arbeit, forderte die Frauenbewegung Industrie- und Handelsschulen für Mädchen, Arbeiterinnenschutz, Mutterschutz, Chancengleichheit im Beruf, gleichen Lohn für gleiche Arbeit und das Frauenwahlrecht.

Zu den gleichen Rechten, denen dieser Kampf galt und noch immer gilt, gehören außerdem die Verfügungsgewalt über den persönlichen Besitz, Legalisierung der Abtreibung und sexuelle Freiheit. 

In der jüngsten Zeit sind vor allem zwei Bereiche ins Blickfeld öffentlichen Interesses gerückt: Die Vergewaltigung in der Ehe, die seit 1996 in Deutschland Straftatbestand ist, sowie sexuelle Belästigung, insbesondere am Arbeitsplatz.

Die Frauenrechtsbewegung konnte bereits viele Erfolge verbuchen. In mehr als 90 Prozent aller Länder können Frauen wählen und öffentliche Ämter bekleiden. Unterstützt von der United Nations Commission on the Status of Women, des Frauenrats der UNO (1946), sind Frauenrechte in vielen Ländern gesetzlich festgeschrieben, die Bildungschancen und beruflichen Möglichkeiten haben sich verbessert.  

1.2 Anfänge

Das Zeitalter der Aufklärung mit der Betonung politischer Gleichheit und die industrielle Revolution, die enorme wirtschaftliche und soziale Umwälzungen mit sich brachte, boten im späten 18. Jahrhundert die Voraussetzungen für die Entstehung von Frauenrechtsbewegungen. Während der Französischen Revolution plädierten republikanische Frauenklubs dafür, dass die Ziele Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle gelten sollten, unabhängig vom Geschlecht.

Die industrielle Revolution ließ Frauen der unteren Schichten, von denen die meisten unbezahlte Handwerks- und Hausarbeiten ausgeführt hatten, zu Lohnempfängerinnen  in den neuen Fabriken werden. Dies war ihr Beginn der ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken waren gefährlich und die Frauenlöhne lagen weit unter denen der Männer. Zur selben Zeit setzte sich im Bürgerturm ein neues Frauenbild durch; Frauen wurden auf die Rolle einer Hausmutter reduziert. Die einzige andere Möglichkeit für respektable Frauen von Stand war beispielsweise die Arbeit als Gouvernante, Lehrerin oder weibliche Büroangestellte. Es bilden sich feministische Gruppierungen, denen es doch an Stärke fehlte. Die römisch-katholische Kirche bekämpfte die Frauenbewegung von Anfang an, mit der Begründung, sie zerstöre die traditionell geprägte Familienstruktur.

Die römisch-katholische Kirche hatte nämlich die Befürchtung, dass Frauen ihre durch Tradition bestimmten Rollen als ,,Hausfrau” und ,,Mutter” vernachlässigen würden.

Im überwiegend protestantischen Großbritannien, wo die Industrialisierung rasch voranschritt, und in den Vereinten Staaten war der Feminismus erfolgreicher. Seine Anführerinnen waren meist gebildete, auf Reformen drängende Frauen der Mittelschicht.

Die deutsche Frauenbewegung bildete sich vor dem Hintergrund der bürgerlichen Revolution von 1848/49.Die industrielle Revolution  in Deutschland im 19. Jahrhundert führte zur sozialen Not unter den Arbeiterinnen und Dienstmädchen. Berufsmöglichkeiten für unverheiratete Frauen des Mittelstands existierten kaum. Frauen organisierten sich erstmals 1865 im Allgemeinen Deutschen Frauenverein, einem Verbund von Frauenbildungs- und -erwerbsvereinen. Gemäßigte Frauenführerinnen forderten die Reform der Mädchenschule und der Lehrerinnenausbildung und strebten verbesserte Bedingungen für das Studium von Frauen an den Hochschulen an. Radikale Gruppierungen setzten sich für die Gleichstellung lediger Mütter und nichtehelicher Kinder ein und problematisierten Themenbereiche, wie die herrschende sexuelle Doppelmoral oder die Prostitution. Sie riefen 1888 den Verein Frauenwohl ins Leben, der sich als erste Organisation in Deutschland für das Frauenwahlrecht einsetzte.

2. Hauptteil: Frauenemanzipation in Polen

2.1 Historischer Überblick

Die polnischen Frauen hatten unter den ersten in Europa das Wahlrecht(1919).

Außerdem hatten sie auch unter den ersten in Europa eine allgemein gesellschaftlich anerkannte politische Funktion: die Mutter Polin (Matka Polka) Rolle. In der Zeit der polnischen Teilung, 123 Jahre lang, waren sie zwar auf Heim und Herd festgelegt, da es aber keine für polnische Männer offenstehende politische Öffentlichkeit gab, waren Heim und Herd gleichzeitig der Ort politisch-nationaler Kulturbewegung. Um die Identität der Nation unter der Fremdherrschaft zu erhalten, mussten staatliche Aufgaben wie die Erziehung der nachfolgenden Generationen und die Weitergabe der kulturellen Eigenschaften im nicht kontrollierbaren privaten Rahmen von den Familien übernommen werden. Da die Männer zu der Zeit sich meistens außerhalb des Hauses aufhielten, um an den vielen Aufständen gegen die Besatzungsmächte teilzunehmen, fiel diese bedeutungsvolle Aufgabe den Frauen zu. In Abwesenheit des Mannes war es die Aufgabe der Frau, den gesamten Haushalt zu führen, die Kinder im nationalen Geist zu erziehen und die polnische Sprache vor der fremdherrschaftlichen Überfremdung zu schützen, damit die polnischen Nachfolgegenerationen keinen Identitätsverlust erleiden und dass die Hoffnung auf die Wiederherstellung des polnischen Nationalstaats gemäß der kulturellen Werte gesichert ist. Die Frau sorgte für mehr als nur für die eigene Familie, denn sie fühlte sich nämlich verpflichtet Verantwortung für das Überleben der Nation zu übernehmen.

Somit waren polnische Frauen in Erziehung, Kunst, Musik und Literatur, aber auch in den zahlreichen Kämpfen bei Neugründung des Staates allseits bekannte Mitgründerinnen des neuen Polen.

Im Realsozialistischen Polen waren Frauen und Männer, wenn sie nicht Parteimitglieder waren, gleichermaßen von den politischen Bereichen ausgeschlossen. Zu der Zeit arbeiteten bereits Frauen in den produktiven Bereichen, jedoch fast nirgends auf Führungsebene, immer niedriger entlohnt und zusätzlich mit der Hausarbeit beglückt.

Schließlich waren es Frauen, die an herausragender Stelle in den sozialen Kämpfen gegen das realsozialistische Regime eingriffen. Neben den berühmten Werftarbeitern von Danzig 1970 waren es die Textilarbeiterinnen von Lodz, die Parteisekretär Gierek ein kollektives Nein entgegneten, als er vorschlug: Ihr werdet gut arbeiten und wir werden gut regieren.

Die Solidarnosc selbst hatte 1980/1981 etwa zehn Millionen Mitglieder, davon waren die Hälfte Frauen. Es war kein Zufall, dass sich die Solidarnosc von einer oppositionellen Gewerkschaft, die Forderungen an den Staat richtete, zu einer breiten gesellschaftlichen Bewegung, die in Eigenverantwortung und Selbstverwaltung die Regierung ersetzen wollte, genau dann wandelte, als Frauen auf Kochtöpfe schlagend durch die Straßen der Städte zogen und Hungermärsche veranstalteten.

2.2 Emanzipation der polnischen Frauen

In Polen begann der aufwendige Kampf um die Emanzipation der Frauen im 19. Jahrhundert, der jedoch bis heute in Konflikte mit der polnischen Tradition und Mentalität gerät und aufgrund dessen von begrenzten Erfolgen bestimmt ist. Die traditionelle Rollenverteilung der Frauen, die sie auf ,,Hausfrau” und ,,Mutter” Rolle reduziert, ist so stark in der polnischen Mentalität ausgeprägt, dass sie die Emanzipation äußerst erschwert und sogar in ländlichen Regionen hemmt. Deshalb bilden die polnischen Frauen z.T. bis heute die mindere Gruppe in der Gesellschaft, da sie aufgrund fehlender Anerkennung und fehlendem Respekt von den Männern untergeordnet werden. Der historische Überblick weist zwar daraufhin, dass Frauen im Kampf um die Unabhängigkeit des Vaterlandes unter einer wichtigen Rolle miteinbezogen waren, die jedoch nur auf dem häuslichen Bereich basierte und nur durch Hochschätzung und Dominanz im häuslichen Bereich belohnt wurde. Aufgrund dessen stellten Frauen notwendige Instrumente für nationale Ziele dar und wurden gemäß der ihnen zugeteilten traditionellen Rollen im Dienste der Nation eingesetzt. Hierbei handelte es sich um die Rolle der Mutter Polin, die neben der Zuständigkeit für das Haus, mit der nationalen Erziehung der künftigen Generation den Erhalt der nationalen Identität sichern musste. Somit ergab sich eine Ausgangslage für die Emanzipation der Frauen in Polen durch ,,erste Frauenbewegungen”, die neben dem Streben nach Anerkennung, Gleichberechtigung von Frau und Mann sowie Berufs- und Bildungsmöglichkeiten, die nationale Unabhängigkeit anstrebte. Die Wiederherstellung des polnischen Nationalstaats war nämlich die Voraussetzung für das dauerhafte Bestehen und Existieren der polnischen Nation sowohl im privaten wie vor allem im öffentlichen Leben und zugleich die Basis für den Kampf um die Rechte der Frauen. Deshalb handelten die polnischen Frauen im nationalen Bewusstsein, indem sie die Bewahrung und Förderung nationaler polnischer Interessen in dem Kampf um die Realisierung ihrer Ziele berücksichtigten. Dies hatte jedoch zu Folge, dass der Prozess der Emanzipation der polnischen Frauen sich nicht unabhängig und frei entwickeln konnte, sondern eingeschränkt war durch die Abhängigkeit von dem nationalen polnischen Interesse. An erster Stelle stand der Wiederaufbau des polnischen Nationalstaats und somit auch die Rolle der Mutter Polin, die mit bedeutungsvollen Aufgaben geprägt war. Dementsprechend konnten/wollten die Frauen ihren gesetzten Zielen nicht direkt entgegenarbeiten, da sie dem Wohlergehen der Nation einen größeren Stellenwert zugeschrieben haben als dem persönlichen. Außerdem hat es bei vielen Frauen an Selbstbewusstsein und Mut gemangelt, um ihre Wünsche und Bedürfnisse frei zu äußern, da sie die Abhängigkeit von dem Mann und die Unterordnung der Frau unter den Mann als selbstverständlich ansahen und sich mit der Situation abgefunden haben. Viele Frauen waren finanziell von ihren Männern abhängig, weil sie nicht berufstätig waren, und deswegen gingen sie gehorsam ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter nach ohne jegliche Einwände.  

Durch die materielle und geistige Abhängigkeit der Frauen von den Männern waren sie ebenfalls in der Ehe den Männern unterlegen. Da der Mann als die berufstätige Person die Familie versorgte und somit ihre Existenz sicherte, nahm er einen bedeutenden Stellenwert ein, während die Aufgaben der Frau auf den häuslichen Bereich und die Erziehung der Kinder bestimmt waren. Außerdem übte die katholische Kirche mit der strengen gläubigen katholischen Erziehung  einen hemmenden Einfluss auf die Emanzipation der Frauen, indem sie das traditionelle Familienbild unterstützte und stets hervorhob. Die katholischen Wertvorstellungen verpflichteten Frauen zur ,,Aufopferung” gegenüber dem Mann und der Familie, wobei die Pflicht darin bestand volle Rücksicht und Aufmerksamkeit den beiden Faktoren zu schenken. Hierbei kamen die eigenen Bedürfnisse und Wünsche der polnischen Frauen nicht zum Vorschein, da sie als bedeutungslos und nebensächlich angesehen wurden.

In Polen war eine frühzeitige Eheschließung ausgeprägt, die als Folge bereits im jungen Alter der Frauen die Geburt von Kindern bewirkte und damit eine gewisse Bindung an das Familienleben. Die katholische Kirche verbot nämlich strengstens die Anwendung von Verhütungsmitteln. Außerdem fehlte es in der Gesellschaft an Aufklärung, die in der Öffentlichkeit lange Zeit ein Tabuthema war. Somit blieben die Frauen eine lange Zeit von Bildung und der Teilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Erst als sie im Jahr 1919 das Wahlrecht erhielten, welches als Anerkennung für ihre Verdienste im Kampf um die Unabhängigkeit der Nation betrachtet wurde, war der ,,erste” Schritt zur Emanzipation der polnischen Frauen getan. Jedoch änderte sich an den Geschlechterverhältnissen kaum etwas, bis auf die Tatsache, dass Frauen nun als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen anerkannt wurden. Sie waren nach wie vor diskriminierenden Bestimmungen sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Leben ausgesetzt. Dies machte sich deutlich bemerkbar, indem die Minderheit der Frauen, die sich mit einem geringen Fortschritt in das Berufsleben zu integrieren versuchte, sich mit einem unterqualifizierten und schlecht bezahlten Beruf wie Schneiderin oder Verkäuferin begnügen musste. Bei der Mehrheit der Frauen blieb jedoch das Lebensziel in dem traditionellen Familienmodell ausgeprägt, das bereits seit Generationen bestehen blieb und jeweils von einer Generation auf die andere übertragen wurde.

Der zweite Schritt zur Emanzipation der Frauen erfolgte erst nach dem zweiten Weltkrieg, als sowohl die Gleichberechtigung von Frau und Mann wie auch das Verbot der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts in die polnische Verfassung aufgenommen wurde.

Dementsprechend wurde den Frauen die Ausübung verschiedener Berufe angenehmer gemacht. Zusätzlich ist es den Frauen gelungen die liberalen Abtreibungsregelungen durchzusetzen. Jedoch wurden die Rechte einerseits von einem Teil der Bevölkerung als selbstverständlich angesehen, andererseits aber von der älteren Generation und der katholischen Kirche kritisiert und abgelehnt. Aufgrund dessen stellte sich für viele Frauen eine wichtige Entscheidung im Bezug auf die Veränderung der bisherigen, traditionell geprägten Lebensform, die sich fast ausschließlich auf den häuslichen Bereich beschränkte. Die Frauen hatten sich nun zu entscheiden, ob sie ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter gerecht bleiben wollen oder ob sie bereit sind die Bewältigung der doppelten Belastung durch Haushalt und Beruf auf sich zu nehmen.

Der Durchbruch der ,,zweiten Welle” der Frauenbewegung im Jahr 1989, der von vielen intellektuellen Persönlichkeiten vertreten wurde, rückten Bereiche ins Blickfeld, die vorher nicht oder kaum beachtet wurden, wie die Gesundheitssituation von Frauen und ihre Sexualität, Gewalt gegen Frauen in der Ehe sowie bezahlter Schwangerschaftsurlaub.

Die Aktualisierung solcher Themen erleichterte den Frauen oftmals die Entscheidung bezüglich ihrer Zukunft. Hinzu kommt noch der Einfluss aus den westeuropäischen Ländern, in denen Frauen ein erfolgreiches Berufsleben gegenüber der Gründung einer Familie bevorzugen. Dadurch gewannen die polnischen Frauen am Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, das zur langsamen Überwindung der bestehenden Rollenverteilung führte und die Verwirklichung der eigenen Wünsche bezüglich der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit im öffentlichen Leben immer mehr anstrebte. Somit nimmt in der heutigen Zeit bei immer mehr emanzipierten Frauen die Bildung und die berufliche Karriere einen immer größeren Stellenwert ein und schiebt den Wunsch nach einer Familie an die zweite Stelle. Durch das Ende des Realsozialismus und die Umstrukturierung und Modernisierung der Wirtschaft wurden den polnischen Frauen im geringen Fortschritt mehr vielseitige und attraktive Möglichkeiten geboten zur Realisierung der neu gesetzten Lebensziele bezüglich des öffentlichen Lebens. 

3. Schlussteil: Zusammenfassung und Bewertung

Meiner Meinung nach sollte man bei dem Prozess der Emanzipation der Frauen ganz besonders alle weiblichen Persönlichkeiten hervorheben und schätzen, die zu Beginn der Frauenemanzipation den öffentlichen Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung aufnahmen trotz ausgeprägter Diskriminierungen der Frauen zu der damaligen Zeit. Insbesondere möchte ich die Polin Marie Curie-Sklodowska(1867-1934) hervorheben, die den Durchbruch zu einer angesehenen und bedeutenden Persönlichkeit schaffte und sogar als erste Frau mit dem Nobelpreis für ihre besonderen Leistungen in Physik und Chemie ausgezeichnet wurde. Aufgrund dessen gilt sie bis heute als Vorbild für viele Frauen weltweit.

Aus eigenen Beobachtungen und Erfahrungen kann ich bestätigen, dass der Kampf um die Emanzipation der Frauen bis heute andauert und trotz vieler erreichter Erfolge,  erhebliche Disparitäten zwischen den ,,städtischen” und ,,ländlichen” Frauen aufweist. Zum besseren Verständnis möchte ich ein Beispiel zu der Lebensform meiner Oma und meiner Mutter anführen, das die unterschiedliche Empfindung und Aufnahme der Emanzipation verdeutlichen soll. Meine Oma wurde vor 63 Jahren in einer ländlichen Region geboren und verbrachte dort die ersten 25 Jahre ihres Lebens. Wie es die Tradition besagte, heiratete sie mit 18 Jahren meinen Opa und war bereits mit 19 eine ,,stolze” Mutter einer Tochter und mit 22 eines Sohnes. Neben den häuslichen Aktivitäten und der Erziehung ihrer Kinder, wurde sie zusätzlich mit der Arbeit auf dem Feld belastet. Sie stellte keine hohen Ansprüche an ihr Leben, ihre Lebensziele waren darauf beschränkt, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein, die stets um das Wohlergehen ihres Mannes und ihrer Kinder bemüht war. Es schien damals unmöglich für sie zu sein auch nur an ein Berufsleben zu denken, da sie streng nach dem traditionellen Muster erzogen wurde und somit nur die Bewältigung der Hausarbeit und die Kindererziehung als eine Art ,,Arbeit” für Frauen ansah. Es fehlte ihr auch an Bildung, weil sie direkt nach dem Abschluss der Grundschule (acht Klassen) in die Haus- und Feldarbeit miteinbezogen wurde, ohne dass eine Weiterbildung für sie nicht in Frage kam.

Außerdem hat sie es als ,,selbstverständlich” angesehen als mein Opa sie durch Beschimpfungen erniedrigte und ihm gelegentlich die Hand ausrutschte. Sie wehrte sich gegen diese Demütigungen nicht schon allein aus Angst von ihm verlassen zu werden. Sie wusste nämlich, dass sie materiell zu sehr abhängig von ihm war und somit bei einer Trennung die Existenz ihrer Kinder nicht sichern könnte. Hinzu kam noch, dass Scheidungen als unmoralisch galten und dass alleinstehende Mütter in der Gesellschaft furchtbar abgewertet und gedemütigt wurden. Somit blieb meiner Oma keine andere Wahl als unterwürfig und gehorsam ihrem Mann gegenüber zu sein und sich völlig ihrer Familie zu opfern, unabhängig davon wie grausam und mühsam ihr Leben war.

Diese Situation ist zum Teil noch bis heute in vielen ländlichen und armen Gebieten zu beobachten und wird nach wie vor durch die traditionelle Rollenverteilung und die streng katholische Erziehung untermauert, die in den Dörfern bis in die heutige Zeit stark ausgeprägt ist. Aufgrund dessen ist in diesen Regionen die Frauenemanzipation ein Fremdbegriff, der noch einen langen Prozess zur Einführung und Durchsetzung Durchlaufen müssen. Meine Mutter stattdessen, die seit ihrem sechsten Lebensjahr in der Stadt aufgewachsen ist, schloss eine erweiterte schulische Bildung ab und war anschließend als Buchhalterin in einer Bank tätig. Als sie meinen Vater kennen lernte, war sie bereits berufstätig, so dass sie nicht materiell abhängig von ihm war. Erst nachdem beide vier Jahre zusammengelebt und gemeinsam eine Grundlage der materiellen Absicherung erarbeitet haben, beschloss meine Mutter im Alter von 24 meinen Vater zu heiraten. Knapp ein Jahr später wurde sie auch Mutter und brach für drei Jahre ihren Beruf ab, um sich völlig auf meine Erziehung zu konzentrieren. Dieses Verhalten weist auf Züge einer emanzipierten Frau hin, die neben einem Wunsch nach einem glücklichen und geregelten Familienleben, ihre beruflichen Wünsche wenigstens eine Zeit lang auszuleben wusste.

Außerdem konnte sich meine Mutter stets bei Konfrontationen mit meinem Vater durch selbstbewusstes Auftreten behaupten und ließ sich keineswegs von ihm schlecht behandeln. Dieses Verhalten zeigt, dass die Frauenemanzipation mittlerweile bei den jüngeren Generationen zu größten Teil in den Städten erfolgreiche Ergebnisse erzielt hat und dass ein Großteil der Frauen das Selbstbewusstsein besitzt, um sich den Männern zu widersetzen und um ihre Rechte zu kämpfen, wenn dies notwendig ist. 

Abschließend möchte ich erwähnen, dass sichtbare Veränderungen in der Position und Rolle der Frauen bereits aufgetreten sind, diese sich jedoch noch stabilisieren und auf die Frauen vom Lande ausprägen müssen. Hierbei spielt ebenfalls der Wohlstand eine bedeutende Rolle, der die Position der Frau beeinflusst. Da Polen sich aber an der Schwelle zum Beitritt in die Europäische Union befindet, sollten sich in Zukunft die Lebensbedingungen wirtschaftlich und ökonomisch betrachtet, verbessern. Heutzutage suchen immer mehr Frauen bewusst nach Entfaltungsmöglichkeit im beruflichen Leben und rufen damit eine Teilung der Arbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung hervor. Außerdem wehren sie sich gegen Diskriminierungen des weiblichen Geschlechts und fordern sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Leben  solidarischere und ganzheitliche Zusammenarbeit von den Männern.

Allgemein lässt sich feststellen, dass sich die polnischen Frauen auf dem richtigen Weg der Emanzipation befinden, der aber noch durch einen tiefgründigen Durchbruch aus der zum Teil immer noch von den Männern dominierenden Welt untermauert werden muss. Durch die Erfahrungen der letzten Jahre haben die polnischen Frauen erkannt, dass eine wirkliche Veränderung bestehender Strukturen nur dann erreicht werden kann, wenn sie ihre Bedürfnisse, Fähigkeiten und Kenntnisse noch stärker zusammenbündeln und gemeinsam durch selbstbewusstes Auftreten öffentliche Auseinandersetzungen um ihre Rechte führen.

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Inhalt

1. Allgemeines zur Frauenbewegung

1.1 Einführung

1.2 Anfänge

2. Hauptteil: Frauenemanzipation in Polen

2.1 Historischer Überblick

2.2 Emanzipation der polnischen Frauen

3. Schlussteil: Zusammenfassung und Bewertung

Redaktionelle Anmerkung:

In der Vorbereitung der Studienfahrt nach Kraków/Polen wurden mehrere Referate zur Geographie und Geschichte des ost- und ostmitteleuropäischen Raumes gehalten, deren Texte hier veröffentlicht werden. Für die inhaltliche Gestaltung sind die jeweiligen Referentinnen und Referenten verantwortlich.

Die Vorbereitung und Auswertung der Studienfahrt erfolgte im Rahmen des »Arbeitsschwerpunktes Polen« zum Thema »Länderübergreifende elektronische Partnerschaften / Begegnung mit Polen« im Projekt InfoSCHUL II-2 im Schulverbund Hannover / gefördert durch das BMB+F

Impressum für diese Seite

Erstellt im Rahmen des Unterrichts an der Bismarckschule Hannover. An der Bismarckschule 5. D 30173 Hannover. Leistungskurs Erdkunde Schuljahr 2001/2002 / Lehrer: OStR Gerhard Voigt.

Referat zum Rahmenthema „Transformationsländer“. Studienfahrt nach Kraków, Herbst 2001.

Autorin: Agnes Tys-Majtler.  

Veröffentlicht im Internet im April 2002 unter

http://www.unesco-club-hannover.de .

Vergleiche auch:

http://www.Bismarckschule.de .

Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R.

Bismarckschule.Voigt@gmx.de.

http://www.voigt-bismarckschule.de - Vgl. Impressum

Alle Urheberrechte vorbehalten. Freie Verwendung für Zwecke der Bildung und Ausbildung in Schulen und Hochschule ist zugestanden.

IV/02/Voigt

Internetpublikation revidiert am 20.07.2009

   
   

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Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

   
   

 

     
   

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