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Gerhard Voigt:
Schulpartnerschaften –
Konzeption und Durchführung
Beispiel:
UNESCO-Partnerschaft
Bismarckschule Hannover – 5. Liceum, Poznań, Polen
Vorbemerkungen
Polen - Struktur- und Transformationskrise im
geographischen und historischen Zusammenhang
Polen ist wie alle ehemaligen RGW-Länder mit einer
tief greifenden Transformationskrise konfrontiert, die alle Bereiche des
politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Lebens berührt, daneben
aber auch vorhandene soziale und räumlich Disparitäten neu in Erscheinung
treten lässt und teilweise auch verstärkte. Soziale und regionale
Marginalisierungsprozesse drohen trotz der erstaunlich positiven
Entwicklung, die die wirtschaftlichen Globaldaten für die polnische
Volkswirtschaft – durchaus auch für die Wirtschaftswissenschaft
überraschend – zeigen.
Der Krisenbegriff selbst muss daher einer
eingehenderen Untersuchung unterzogen und stärker differenziert werden.
Dabei werden die Stärken und Schwächen der polnischen
Krisenlösungskompetenz deutlicher hervortreten und typische Abweichungen
vom z.B. deutschen Umgang mit gesellschaftlichen und ökonomischen Krisen
erweisen. Dies wird erst vor dem Hintergrund der polnischen Geschichte,
den Zeiten der Fremdherrschaft und den grundlegenden räumlichen
Verschiebungen der Lage Polens, verständlich. Der Umgang mit Krisen,
gekennzeichnet durch »Alltagsanarchismus«, Staatsferne aber auch der
Gefahr mafiöser Verhaltensformen, ist Teil der Politischen Kultur als
bewahrte kollektive Erfahrungen. Dies soll an einigen konkreten Beispielen
erläutert und in einen historischen Begründungszusammenhang gestellt
werden.
Nur in Kenntnis der »polnischen Besonderheiten« lässt
sich ein friedliches, auf Verständnis und gegenseitiger Achtung fußendes
europäisches Zusammenleben nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes aufbauen,
zu dem der Geographieunterricht, Studienreise, Schulpartnerschaften und
Schüleraustausch mit unserem östlichen Nachbarn beitragen müssen.
Möglichkeiten und Perspektiven einer solchen schulischen Begegnung mit
Polen sollen abschließend mit den Teilnehmern erörtert werden, wobei
besonders auf den konkreten und praktischen Erfahrungsaustausch Wert
gelegt werden soll.
1. Das Konzept der
UNESCO-Projekt-Schule
Die Bismarckschule Hannover hat sich schon in den
50er Jahren der internationalen Organisation der „UNESCO-Modell-(Projekt-)Schulen“
angeschlossen. Um den Stellenwert der Schulpartnerschaft der
Bismarckschule Hannover mit dem V. Liceum in Poznań/Posen einschätzen zu
können und um die besonderen didaktischen Konsequenzen zu begründen, die
über das Partnerschaftsprojekt hinaus für ein Curriculum des
„Interkulturellen Lernens“ zu ziehen sind, soll einleitend das
UNESCO-Projektschul-Programm erläutert werden. Die UNESCO-Projekt-Schulen
finden sich in einem freiwilligen Zusammenschluss von Schulen aller
Schulformen und Schulstufen in vielen Ländern der Welt zusammen, die sich
den interkulturellen, auf friedlichen kulturellen Austausch bedachten
Zielen der UNESCO verpflichtet wissen und dies zu einem Schwerpunkt ihrer
pädagogischen Arbeit machen wollen.
Dabei haben sich die Aktivitäten im Laufe der
Jahrzehnte durchaus verändert. Standen Anfangs die Erfahrungen der
Nazidiktatur und des Zweiten Weltkrieges im Vordergrund, aus denen
Programme der Jugendbegegnung entwickelt wurden, musste die UNESCO-Arbeit
im Laufe der Zeit stärker inhaltlich konkretisiert und an den brennenden
politischen Problemen der Zeit – Ost-West-Konflikt,
Dritte-Welt-Problematik, Flüchtlinge und globale Migrationen, Entstehen
multikultureller Gesellschaften – orientiert werden.[1]
In der Zeit der grundlegenden schulpolitischen
Umorientierungen in den siebziger Jahren trat das
UNESCO-Projektschul-Programm in den Hintergrund; das Neuaufleben in den
achtziger Jahren ist eng verbunden mit der deutlichen außenpolitischen
Neuorientierung der deutschen Politik, die sich als „neue Ostpolitik“,
Entspannungspolitik und daneben auch verstärkt Friedenspolitik in der
»Einen Welt« artikulierte. Schulpartnerschaften wurden jetzt vorzugsweise
mit osteuropäischen Staaten vereinbart, vor allem um Feindbilder abzubauen
und konkrete menschliche Kontakte zur Unterstützung der Entspannung [im
Sinne von „Wandel durch Annäherung“] zu knüpfen.
2. Arbeitsformen der
UNESCO-Projektschulen
UNESCO-Projektschulen nutzen für ihren freiwillig
gewählten internationalen Erziehungsauftrag verschiedene pädagogische
Mittel. Immer ist aber die gegenseitige Berichterstattung, der
Erfahrungsaustausch über die schulischen Projekte und Aktivitäten, die
Multiplikatorenwirkung durch Veröffentlichungen und Berichte in den
lokalen Medien ein zentraler Bestandteil der Arbeit: UNESCO-Projektschulen
zielen auf das „exemplarische Erproben“ neuer Inhalte und Arbeitsformen
und übernehmen damit eine pädagogische Vorreiterfunktion, die durchaus
nicht als Anspruch auf Exklusivität missverstanden werden darf.
Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist es, die
Gemeinsamkeiten und Besonderheiten der Beschäftigung mit zentralen
internationalen und interkulturellen Themen in den verschiedenen Schulen
und Schulformen zu erkennen und auszuwerten. Das geschah vor allem durch
gemeinsame Projektprogramme („Kinder in unserer Welt“, „Ausländer in
unserer Stadt“, „Islam“), durch fördernden Erfahrungsaustausch über
Schulpartnerschafts- und Schüleraustauschprogramme in Tagungen und
Publikationen und durch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, z.T. in
Zusammenarbeit mit Institutionen der Lehrerfortbildung und der
außerschulischen Politischen Bildung, woran sich die Bismarckschule
Hannover aktiv beteiligt hat. In diesen übergeordneten pädagogischen
Rahmen, der heute mit dem Ziel des interkulturellen Lernens zu
charakterisieren ist, stellt sich das Schulpartnerschaftsprogramm mit dem
5. Liceum in Posen.[2]
3. Zum Aufbau der Schulpartnerschaft
mit Poznań/Posen
Das Thema „Polen“ wurde Ende der siebziger Jahre zu
einem aktuellen und umstrittenen Thema der deutschen Politik mit
erheblichen Auswirkungen auch für die politischen Orientierungen in der
deutschen Gesellschaft selbst. Neben die „Versöhnung“ mit den
westeuropäischen Nachbarn im Rahmen der NATO und der europäischen
Einigungsbestrebung, z.T. deutlich geprägt von einer gemeinsamen
Feindbilddefinition im Rahmen des „kalten Krieges“, sollte jetzt in einer
Phase der Entspannung der Blick auf eine neue Annäherung an die östlichen
Nachbarn und die Einsicht treten, dass Europa nicht an der Elbe endet.
Dass dies für das „Weltbild“ der deutschen Bevölkerung erhebliche
Auswirkungen hatte, ist nur zu deutlich zu verzeichnen. Eine breite
Zustimmung in der hannoverschen Bevölkerung ermöglichte eine Vielzahl von
Begegnungen und Kontakten auch von der Basis her. In Zusammenarbeit mit
der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover und im Rahmen der
Städtepartnerschaft Hannover/Posen, die beide ihr Entstehen und ihre
Entwicklung dieser politischen Neuorientierung verdanken, konnte die
Bismarckschule, gegen den hinhaltenden Widerstand konservativer
politischer Kräfte in beiden Ländern, schon Anfang der 80er Jahre als eine
der ersten Schulen in der Bundesrepublik eine von allen Stellen offiziell
bestätigte formelle Schulpartnerschaft eingehen, die bis heute mit Leben
gefüllt und durch jährlichen Schüleraustausch und zusätzliche
Studienfahrten nach Polen fortgeführt werden konnte.
Schon Ende der siebziger Jahre veranstalteten Schüler
der Bismarckschule in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der
Landeshauptstadt Hannover in einem städtischen Freizeitheim eine
„Polnische Woche“ mit einer Dokumentarausstellung zur deutsch-polnischen
Geschichte, mit Vortrags- und Filmveranstaltungen und einer abschließenden
Podiumsdiskussion, auf der die Notwendigkeit einer neuen Öffnung nach
Osten artikuliert wurde.
Der Aufbruch in diese neue Phase der UNESCO-Arbeit
bedeutete einen gewissen Einschnitt in das Schulleben. Die
Deutsch-Polnische Gesellschaft Hannover wurde vor allem auch durch und
mit Lehrerinnen und Lehrern der Bismarckschule Hannover gegründet. So
entstand eine breite Basis für die Entwicklung unserer Polenkontakte. Doch
war die Zustimmung nie einhellig. Eine Minderheit konservativer
Fachkolleginnen und Kollegen ist schon mit der über die Fachvermittlung
hinausgehenden pädagogischen Zielbestimmung nicht einverstanden und nimmt
vor allem die Irritationen und „Störungen“ des Unterrichtsalltags wahr.
Hier stoßen z.T. unvereinbare pädagogische Grundorientierungen
aufeinander, die auch bei Projekten des Interkulturellen Lernens in
anderen Schulen berücksichtigt werden müssen. Bedenklich ist es, wenn bei
Auseinandersetzungen im schulpolitischen Bereich oder mit der Schulleitung
nahezu einhellig immer die Projekte des Interkulturellen Lernens als
angeblich „zusätzliche und freiwillige“ Leistungen des Kollegiums zur
Disposition gestellt oder als Druckmittel in der Auseinandersetzung
benutzt werden. Hier dürfte ein grundlegendes Missverständnis über die
pädagogischen Aufgaben und Pflichten und aus meiner Sicht eine falsche
Prioritätensetzung in Erscheinung treten.
Auch äußerlich durch die politischen Abläufe war
unsere Schulpartnerschaft gravierenden Belastungen ausgesetzt. Nach den
politischen Widerständen, dem zu überwindenden Misstrauen der Anfangsphase
folgte in der Solidarność- und der Kriegszustandszeit ein Phase der
Belastungen durch die primäre Beanspruchung unserer Freunde und
Ansprechpartner in Polen durch die eigenen, schwieriger werdende
Lebensumstände. Neben Kontakt tritt jetzt die konkrete und praktische
Hilfe. So haben sich die Inhalte unserer Polenkontakte, entsprechend den
politischen und gesellschaftlichen Wandlungen, im Laufe des letzten
Jahrzehnts verschoben. War der Ausgangspunkt in dem Ziel zu sehen, der
neuen Ostpolitik der Bundesrepublik Deutschland, die sich im Warschauer
Vertrag und in den Bemühungen Willy Brandts ausdrückten, die Versöhnung
zwischen den Nachbarvölkern – in klarem Bewusstsein des
zeitgeschichtlichen Unrechts, das Polen durch das Deutsche Reich zugefügt
worden ist – mit unmittelbaren Kontakten und mit der Aufarbeitung der
eigenen Vergangenheit eine tragfähige gesellschaftliche Basis zu
schaffen, kamen mit den Besuchen und angebahnten Freundschaften in Polen
weitere Ziele und Aufgaben hinzu: in der Identifikation mit den
innerpolnischen Umbruchprozessen, der mit Spannung und Zuwendung
verfolgten Kämpfe der Solidarność und schließlich mit der Solidarität mit
unseren polnischen Freunden in der Zeit des Kriegsrechtes und des
ökonomischen Zusammenbruchs. In dieser Zeit übernahm die Bismarckschule,
auf Bitten aus Posen hin, die mehrjährige finanzielle Garantie für die
Behandlung einer Gruppe leukämiekranker Kinder in der dortigen
Kinderklinik. Dass spontan und aus gegebenem Anlass andere Formen der
direkten Hilfe auch gegenüber unserer Partnerschule gefunden wurden,
braucht hier nicht näher ausgeführt werden. So konnte im Laufe der Zeit
ein tatsächliches vertrauensvolles Miteinander entstehen, das alte
Vorbehalte und nationale Stereotypen belanglos macht. Das hat seinen
Niederschlag gefunden auch in einer enger werdenden Zusammenarbeit mit
polnischen Universitäten, aus der eine Reihe von gemeinsamen
Seminarveranstaltungen[3]
und Publikationen[4]
hervorgegangen sind.
4. Curriculare und didaktische
Konsequenzen
Das Thema Polen konnte seither zu einem didaktischen
Schwerpunkt bis hinein in den Fachunterricht vor allem der Geographie,
Geschichte und Gemeinschaftskunde gemacht werden. Doch auch hier sind zur
Begründung der didaktischen Entscheidungen über die Einbindung in das
UNESCO-Programm hinaus einige grundsätzliche Überlegungen zum Thema
Polen anzustellen, die hier nur kurz gestreift werden können:
Polen ist wie alle ehemaligen RGW-Länder mit einer
tief greifenden Transformationskrise konfrontiert, die alle Bereiche des
politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Lebens berührt, daneben
aber auch vorhandene soziale und räumliche Disparitäten neu in Erscheinung
treten lässt und teilweise auch verstärkte. Soziale und regionale
Marginalisierungsprozesse drohen trotz der erstaunlich positiven
Entwicklung, die die wirtschaftlichen Globaldaten für die polnische
Volkswirtschaft – durchaus auch für die Wirtschaftswissenschaft
überraschend – zeigen.
Der Krisenbegriff selbst muss daher einer
eingehenderen Untersuchung unterzogen und stärker differenziert werden.
Dabei werden die Stärken und Schwächen der polnischen
Krisenlösungskompetenz deutlicher hervortreten und typische Abweichungen
vom z.B. deutschen Umgang mit gesellschaftlichen und ökonomischen Krisen
erwiesen. Dies wird erst vor dem Hintergrund der polnischen Geschichte,
den Zeiten der Fremdherrschaft und den grundlegenden räumlichen
Verschiebungen der Lage Polens, verständlich.
In Polen hat sich eine besondere Politische Kultur
entwickelt, die sich in der individuellen wie der gesellschaftlichen
Reaktion auf Krisen und Konfliktlagen ablesen lässt. Vor allem die Rolle
des Staates und seiner Institutionen ist in Polen anders zu bewerten als
in Westeuropa, was spezifisch polnische Wege der Krisenbewältigung
notwendig macht. Der polnische Staat ist traditionell schwach; die
nationalstaatliche Identifikation mit zentralen Staatsinstitutionen hat
sich in Polen nicht in dem Maße herausbilden können, wie in den Gebieten
Westeuropas, deren politische Geschichte sich seit dem Mittelalter auf
Staatskonsolidierung und militärische Staatsraison konzentriert hatte
(fränkische Grafschaftsordnung, imperiale Reichsidee, später Absolutismus
und bürgerlicher Nationalstaat). In Polen erfolgte eine nicht-etatistische
Gesellschaftsentwicklung vom freien Bauerntum über das Wahlkönigtum und
die Szlachtagesellschaft (Adelsrepublik) mit ihren Freiheitsrechten des
Liberum Veto und des Konföderationsrechtes. Die sich daraus
entwickelnde Politische Kultur Polens steht jeder staatlichen Machtfülle
skeptisch bis ablehnend gegenüber, was sich in der Identifikation mit
Gegenmacht repräsentierenden Gruppen ausdrückt (Kirche, Familie,
Klientel). Staatsgewalt wird in der neueren Geschichte vor allem als
Oktroi fremder Interessen erlebt (Polnische Teilungen, preußische
Polenpolitik, russische Unterdrückung, nazideutsche Okkupation,
stalinistische Abhängigkeit der Volksrepublik von der Sowjetunion); das
bestätigt und verfestigt die ohnehin vorhandene Staatsferne der
Politischen Kultur.[5]
Polen erlitt im Laufe seiner Geschichte mehrfach
fundamentale räumliche Verschiebungen nach Osten bzw. nach Westen. Dabei
war Ostverschiebung meist mit einer politischen Option für die westlichen
Kontakte, Westverschiebung mit der Option für östliche politische
Integration verbunden (nach Jerzykiewicz-Jagemann[6]:
„Jagiellonische vs. Piastische Staatskonzeption“). Die räumlichen
Verschiebungen drücken sich in strukturellen Deformationen und
Disparitäten aus, die unmittelbar hemmenden Einfluss auf die
wirtschaftliche Entwicklung haben (defizitäre Infrastruktur, labile
außenwirtschaftliche Verflechtungen).
Der Umgang mit Krisen, gekennzeichnet durch
„Alltagsanarchismus“, Staatsferne aber auch der Gefahr mafiöser
Verhaltensformen, ist Teil der Politischen Kultur als bewahrte kollektive
Erfahrungen. Dies kann an vielen konkreten Beispielen erläutert und muss
in einen historischen Begründungszusammenhang gestellt werden; dies macht
die planmäßige Entwicklung von Schulkontakten und institutionalisierten
Beziehungen schwierig und verlangt ein über das normale Maß hinausgehendes
Einfühlungsvermögen. Auf der anderen Seite haben die besonderen
politischen Verhältnisse in Polen Kontakte z.B. im Vergleich zur DDR
erheblich begünstigt, denn das Verhältnis der polnischen Gesellschaft
einschließlich ihrer politischen Eliten zur kommunistischen Regierung nach
dem zweiten Weltkrieg war immer problematisch und vielschichtig; das
Regierungssystem war niemals so einfach als „Gewaltherrschaft“ zu
beschreiben, wie es für die Nachbarstaaten DDR und CSSR heute oft üblich
geworden ist.[7]
In Dezennien aufeinander folgende Unruhen und – letztlich gescheiterte –
Reformansätze kennzeichnen die polnische Nachkriegsgeschichte. Damit wurde
Polen – neben Ungarn – seit der Gründung der unabhängigen
Gewerkschaftsbewegung Solidarność und den „Danziger Verträgen“ von 1980,
aber unterbrochen von der Zeit des Kriegsrechts unter Jaruzelski 1981 –
1989, zu einem wichtigen Faktor in dem Prozess der sozioökonomischen und
politischen Umgestaltung Ost- und Südosteuropas. Auf der menschlichen
Ebene haben die vielfältigen Kontakte diese Entwicklung begünstigt und
getragen.
Mit diesen knappen Anmerkungen lässt sich zeigen,
dass das Thema Polen, vertieft und konkretisiert durch die unmittelbaren
Erfahrungen mit den Kontakten der Schulpartnerschaft, nicht nur die
traditionelle didaktische Funktion einnimmt, Wissen über den staatlichen
und kulturellen Nachbarn zu erwerben, sondern dass im Rahmen einer
umfassenderen europäischen Perspektive gerade die
historisch-geographischen und gesellschaftlichen Besonderheiten zu
Kristallisationspunkten einer grundlegenden Diskussion der Alternativen in
der zukünftigen Entwicklung Europas werden können: Alternativen zur
traditionellen etatistischen Vergesellschaftung und Staatsraison,
Alternativen auch im Umgang mit gesellschaftlichen Krisen. Vergleichende
Ansätze auch im Fach Geographie müssen einer erweiterten Fachperspektive
genügen, die nicht nur vordergründig aktualitätsorientierte politische
Bildung vermittelt, sondern in den Bereich der Zivilisationsprozesse und
der heute wirksamen Politischen Kultur vorstößt. Interdisziplinäre
Unterrichtsprojekte sind hier wohl sinnvoll und fügen sich damit in das
Interkulturelle Lernen im Rahmen der UNESCO-Projekte ein.
5. Perspektiven der
Schulpartnerschaft
Unter welchen Vorzeichen steht nun heute die
Entwicklung der Schulpartnerschaft mit Poznań/Posen im Rahmen der
UNESCO-Schularbeit? Zum einen ist die Situation in Polen selbst ein großes
Problem. Die besondere Krisendynamik, die sich in Polen beobachten lässt –
Verelendungsprozesse, mangelnde Staatsakzeptanz, Zerfall staatlicher
Institutionen, Entwicklung eines mafiösen Untergrundes – und die atypisch
polnischen Reaktionen auf die Krise lassen sich nur vor dem Hintergrund
der besonderen polnischen Gesellschaftsform verstehen, die Produkt der
wechselvollen und von den westeuropäischen Nationen abweichenden
Nationalgeschichte Polens ist. Doch kommen neue Elemente hinzu, die in
Polen selbst Rat- und Orientierungslosigkeit hervorrufen und zu einer
grundlegenden Verunsicherung der Schule über ihre Ziele und Möglichkeiten
führt. Die aktuelle Krise unterscheidet sich für Polen von früheren
sozioökonomischen Krisen dadurch, dass die traditionellen
Krisenlösungskonzepte sich plötzlich als ungeeignet zur Krisenlösung
erweisen und Verarmung, Verelendung und Machtlosigkeit nicht abwenden; die
traditionellen Verhaltensweisen sind gekennzeichnet durch das Unterlaufen
staatlicher Maßnahmen, privatistische Überlebensstrategien, Verhalten im
Untergrund, Basisloyalitäten, was gegenüber der Universalisierungstendenz
der Krisenerscheinungen und ihrer internationalen staatlichen Verfestigung
zum Anachronismus wird. Die daraus folgende subjektive Perspektivlosigkeit
ist eine neue Erfahrung für Polen, die zu Resignation oder Aggression
führt. Eine Entfremdung von der eigenen Geschichte wird als
Orientierungslosigkeit erlebt, was gemeinsame staatliche Krisenlösungen
noch erschwert.[8]
Nur in Kenntnis der „polnischen Besonderheiten“ lässt
sich ein friedliches, auf Verständnis und gegenseitiger Achtung fußendes
europäisches Zusammenleben nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes aufbauen,
zu dem der Geographieunterricht, Studienreise, Schulpartnerschaften und
Schüleraustausch mit unserem östlichen Nachbarn beitragen müssen.
Möglichkeiten und Perspektiven einer solchen schulischen Begegnung mit
Polen sollen abschließend mit den Teilnehmern erörtert werden, wobei
besonders auf den konkreten und praktischen Erfahrungsaustausch Wert
gelegt werden soll.
Besonders wichtig ist es, Themen des Interkulturellen
Lernens aus der Situation der Lerngruppe heraus zu entwickeln und zu
strukturieren, um dabei die Voraussetzungen, kulturellen Hintergründe,
Erfahrungen und Prägungen der Schülerinnen und Schüler aufgreifen zu
können und im gemeinsamen Lern- und Kommunikationsprozess fruchtbar zu
machen. Hier hat die Bismarckschule eine besondere Chance. Durch das
Angebot von Russischunterricht wurde die Bismarckschule zu einer der
beiden hannoverschen Schulen, die den größten Teil der nach Hannover
gekommenen Aussiedlerkinder aus Polen und den Ländern der ehemaligen UdSSR
betreuen. Das stellt in Bezug auf die zu erbringenden
Akkulturationsleistungen ganz besondere Anforderungen, da viele dieser
Kinder schon mit einer ambivalenten oder unsicheren Enkulturation
(zwischen polnischer/russischer und deutscher Identität) nach Deutschland
gekommen sind. Gerade diese Schülergruppe versuchen wir bewusst in unsere
aktiven Polenkontakte mit einzubeziehen und ihnen dadurch zu einer
verstärkten Rollendistanz und Ambiguitätstoleranz (Treuheit, Krappmann[9])
zu verhelfen.
Doch muss eine Schule sich Ihren pädagogischen
Standard immer wieder neu erarbeiten. Stillstand bedeutet im
Generationenwechsel in der Schülerschaft Vergessen und Aufgabe. Gerade in
Bezug auf das interkulturelle Lernen entstehen hier neue, teilweise noch
ungelöste Probleme, die aus der innergesellschaftlichen Situation in
Deutschland herrühren. Jugendpsychologische Befunde wie „neuer
Hedonismus“, „Verengung des Realitätsbezuges“ oder „Verlust gewaltfreier
Sozialkompetenz“ spielen dabei zwar eine entscheidende Rolle, sind aber in
diesem, zur Geographie hin orientierten Diskussionsrahmen nicht adäquat zu
behandeln. Doch die auf die Nationalstaatlichkeit abhebende Problemlage
muss hier angesprochen werden. Das Problembewusstsein bei den Schülern
wird deutlich selbstbezogener, bis hin zur nationalen Perspektivverengung
– was sicher auch mit einer ähnlich eingeengten Problemsicht der derzeit
regierenden konservativen politischen Eliten zu tun hat, die, das möchte
ich hier ausdrücklich wertend betonen, kaum das für die heutige
internationale Problemlage erforderliche Bewusstsein entwickelt haben und
zu kurzschrittigen und perspektivlosen Krisenlösungskonzepten tendieren.
Inhaltliches Interesse oder gar solidarisches Miterleben gegenüber den
östlichen Nachbarländern wird immer seltener, was sich an abnehmendem
Interesse an der Beteiligung an den UNESCO-Aktivitäten und
Schulpartnerschaftsprogrammen ablesen lässt.
Als UNESCO-Projekt-Schule einer internationalen
Perspektive verpflichtet, sieht die Bismarckschule ihre Aufgabe darin, in
ihren Erziehungszielen den heutigen verengten Perspektiven bewußt
gegenzusteuern und für das interkulturelle Lernen Öffentlichkeit zu
schaffen. Das Polenprogramm wird daher seit einigen Jahren durch einen
ebenfalls funktionierenden Schüleraustausch innerhalb einer
Schulpartnerschaft mit der İstanbul Lisesi in der Türkei und durch ein
Patenschaftsprogramm mit Bolivien ergänzt. Als Träger außerschulischer
UNESCO-Aktivitäten wurde von Lehrern und Schülern der gemeinnützige
UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., gegründet, der mit Publikationen, Ausstellungen und Studienreisen in
den Ferien auch nach Polen und in die Türkei die unterrichtliche
Konzeption des interkulturellen Lernens ergänzt.
Anmerkungen
Zur Person: Gerhard Voigt, Oberstudienrat [Geographie, Politik,
Geschichte] an der Bismarckschule Hannover [An der Bismarckschule 5,
30173 Hannover]. – Arbeitsschwerpunkte und Veröffentlichungen zu den
Themen Polen, Ungarn, Naher Osten, Islam und Geographiedidaktik (v.a.
Studienfahrten/Projektunterricht). – Studienreisen mit Schülern nach
Polen, Ungarn, Türkei, Iran, Naher Osten und Nordafrika. –
Vorsitzender des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover. –
Regelmäßige Mitarbeit in der niedersächsischen Lehrerfortbildung und
bei der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung
(Stand 1993).
Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt, Hrsg.: Internationale
Herausforderungen. Die Bismarckschule stellt ihre UNESCO-Arbeit vor.
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., Hannover 1992
Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt, Hrsg.: Junge Deutsche und Polen
begegnen sich. Schüleraustausch und Studienreisen.
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., Hannover 1990
vgl. z.B. die Vortragstexte über Polen in: Die Wandlungsprozesse in
Osteuropa am Beispiel Polens. Studien und Berichte. Politik Unterricht
Aktuell. Informationen aus dem Verband der Politiklehrer, Hannover
1/1993
Marek Dutkowski und Gerhard Voigt: Werftkrise: Krisendynamik und
Raumwirksamkeit. Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie. Jg.33, Heft 3,
1989, S. 136-150. – Gerhard Voigt und Marek Dutkowski: Die Danziger
Werft: Symbol der Krise und der Erneuerung. Praxis Geographie 4/92, S.
26-30. – Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt: Polen – Nation ohne
Ausweg? Eine Einführung in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur
und Umwelt (Geschichte und Staat Band 274). München 1986 (Olzog)
Enno Meyer: Grundzüge der Geschichte Polens. Darmstadt 19903
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft). – Gotthold Rhode: Geschichte
Polens. Ein Überblick. Darmstadt 19803 (Wissenschaftliche
Buchgesellschaft). – Hans Roos: Geschichte der polnischen Nation
1918-1985. Stuttgart 1986 (Klett)
F.E.O. Jerzykiewicz-Jagemann: Der Untergang Polens und seine
Erneuerung. Studien zum Geschichtsbild, Heft 22. Göttingen 1967
(Ranke Gesellschaft). – Vgl. dazu [vom gleichen Autor!]: Feo Jernsson:
Polen im Widerspruch. Eine geistig-politische Landschaftsbeschreibung.
München 1987 (Olzog)
Lothar Nettelmann: Zur Abwehrhaltung der Menschen in Polen gegenüber
dem Sozialismus. In: Politik Unterricht Aktuell 1/93, a.a.O., S.
31-56. – Zu den theoretischen Hintergründen der Politischen Kultur
vgl. u.a. die Zivilisationstheorie von Norbert Elias [„Über den Prozeß
der Zivilisation“] und Krippendorff [„Staat und Krieg“] und J.J.
Smolicz: Verinnerlichte Werte und kulturelle Identität. In: Volker
Nitzschke, Multikulturelle Gesellschaft – multikulturelle Erziehung?
Stuttgart 1982 (Metzler)
Gerhard Voigt und Lothar Nettelmann: Die Arbeit einer UNESCO-Schule:
z.B. Schulpartnerschaften mit Polen und der Türkei. Oldenburger
Vor-Drucke, Heft 98/90. Oldenburg 1990. – Gerhard Voigt: Schülerreisen
nach Polen. Praxis Geographie 4/92, S. 44 f. – derselbe: Die Praxis
des Schüleraustauschs mit Polen im Rahmen der interkulturellen
Erziehung. Politik Unterricht Aktuell. Mitteilungen aus dem Verband
der Politiklehrer e.V., Hannover 1992, Heft 2/92. – derselbe:
Erfahrungen aus der Praxis des Schüleraustausches mit Polen. In:
Politik Unterricht Aktuell 1/93, a.a.O., S. 20-30
Werner Treuheit: Interkulturelles Lernen im politischen Unterricht als
Akkulturationshilfe. In: Interkulturelles Lernen. Eine Antwort der
Didaktik der Gesellschaftswissenschaften auf den Realitätsverlust der
politischen Kultur Mitteleuropas. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für
die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Hannover
1993. – Werner Treuheit und Hendrik Otten: Akkulturation junger
Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland. Opladen 1986 (Leske +
Budrich). – L. Krappmann: Soziologische Dimensionen der Identität.
Stuttgart 19733. – derselbe: Neuere Rollenkonzepte als
Erklärungsmöglichkeit für Sozialisationsprozesse. In: b:e Redaktion,
Hrsg.: Familienerziehung, Sozialschicht und Schulerfolg. Weinheim 1971
Inhalt
Vorbemerkungen
1. Das Konzept der UNESCO-Projekt-Schule
2. Arbeitsformen der UNESCO-Projektschulen
3. Zum Aufbau der Schulpartnerschaft mit Poznań/Posen
4. Curriculare und didaktische Konsequenzen
5. Perspektiven der Schulpartnerschaft
Anmerkungen
Dokument Information
Vortrag
auf dem 49. Deutschen Geographentag Bochum. Textfassung des Referates zum
Thema »Schulpartnerschaften
- Konzeption und Durchführung. Beispiel: UNESCO-Partnerschaft
Bismarckschule Hannover - 5. Liceum, Poznań,
Polen«
gehalten am Mi., 6.10.93, in
der Fachsitzung 4.6
Internetpublikation auf
http://www.polen-didaktik.de
und http://www.voigt-bismarckschule.de
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20,
30952 Ronnenberg / Region Hannover.
bismarckschule.voigt@gmx.de
In der Fassung vom 03.01.2012 |
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