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Gerhard Voigt:
Polen. Eine didaktische
Herausforderung
Transformationsprozesse in der europäischen
Semiperipherie Politische und wirtschaftliche Wandlungen
1. Didaktische Situationsbeschreibung
Die Situation in Polen hat sich in der zweiten Hälfte
der 90er Jahre im Rahmen der politischen und sozioökonomischen
Transformationsprozesse in Europa dramatisch verändert. Zentrale
Entwicklungsdeterminanten, die auch für eine geographische Analyse des
Landes entscheidend sind, verbinden sich mit der Neuorientierung von
Wirtschaft und Gesellschaft hin zur Europäischen Union (EU) und zur
NATO im Rahmen umfassender Globalisierungsprozesse. Die
Stellung Polens in diesen Prozessen führt zu einer Neubewertung der
zentral-peripheren Disparitäten in einem ›größeren Europa‹ nach der
geplanten Osterweiterung der westeuropäischen Bündnisse und der in
nuce befindlichen ›Sicherheitspartnerschaft‹ mit den Nachfolgestaaten
der SU.
Bis zum Ende der 80er Jahre waren zentrale Probleme
für den Unterricht zum Thema Polen und für seine didaktische
Strukturierung
-
der spezifische Umgang der Polen mit
sozioökonomischen und politischen Krisen,
-
die Herleitung einer spezifischen polnischen
Alltagskultur aus den Besonderheiten der polnischen Geschichte
(Szlachta-Gesellschaft, Polnische Teilungen, verspätete Herausbildung
einer Staatsgesellschaft im Vergleich zu den westeuropäischen
Nationalstaaten,
-
die ›besonderen Beziehungen‹ der Nachbarn Polen und
Deutschland, die ihr ethisches Gewicht durch die Okkupation Polens im
Zweiten Weltkrieg und die ›eliminatorische Besatzungspolitik‹ der
Deutschen in Polen erhält.
Die »Entdeckung« des »Nachbarn Polen« Ende der 70-er
Jahre vollzog sich nicht nur in der »Neuen Ostpolitik« und in den
Entspannungsbemühungen auf staatlicher Ebene, sondern fand ungeahnte,
ungeplante und oft begeisterte Resonanz in Schulen, Kirchen und
Jugendgruppen. Erste vorsichtige Begegnungen und Reisen wurden bald
durch den Wunsch nach fester institutionalisierten
Schulpartnerschaften ergänzt.
Eine gewisse »Polen-Euphorie« – deren
Reichweite in der Bevölkerung, wie sich dann später herausstellte,
durchaus nicht so groß war, wie es damals den »Aktivisten« erschien – war
doppelt motiviert: einmal in der Aufbruchstimmung, die die
Verkrustungen des im Ost-West-Konfliktes erstarrten Nachkriegseuropas mit
all ihren Bedrohungen durch Wettrüsten und Feindbildprojektionen
aufzubrechen versuchte, zum andern in dem bewussten Aufgreifen der
Konfrontation mit der Zeitgeschichte, mit der schrecklichen
Vergangenheit des deutsch-polnischen Verhältnisses mit der »Begegnung
mit Auschwitz«. Das Eine war ohne das Andere nicht denkbar, und beide
Motive waren primär moralisch begründet und in hohem Maße
emotional getragen.
Eine Begegnung mit Polen – sei es in
Unterrichtssequenzen, sei es in Studienfahrten oder in
Schulpartnerschaften –, die allein durch die Versöhnungs- und
Begegnungsthematik motiviert ist, kann es auch deshalb heute nicht
mehr erfolgreich geben, weil sich in Polen selbst die Bedingungen
grundlegend gewandelt haben. Auch hier sind nach der politischen Wende,
nach Liberalisierung und Öffnung internationale Kontakte und Reisen nach
Deutschland nichts mehr Besonderes, haben auch nur noch in der älteren
Generation etwas mit der zeitgeschichtlichen Vergangenheit zu tun. Die
Alltäglichkeit der Begegnung lässt utilitaristische und
jugendtypische hedonistische Motive – Sprachen lernen, Beziehungen
knüpfen, Spaß haben – in den Vordergrund treten. Und das auf beiden
Seiten: die Universalisierung der Lebensstile gerade in der
jüngeren Generation ist im deutsch-polnischen Vergleich evident.
Im Vordergrund der didaktischen Überlegungen muss ein
klares Verständnis für die dynamischen Veränderungsprozesse in Europa
stehen. Der allgemeine politische Wandel vom West-Ost-Konflikt zur
Auflösung von WPO und RWG und zum Beitrittsprozess Polens zu NATO und EU
steht neben dem damit interdependent verbundenen gesellschaftlichen und
ökonomischen Wandel sowohl in den so genannten »Transformationsländern«
wie auch im »Westen«. Erst vor diesem Hintergrund kann erneut die
Frage nach der Motivation und der didaktischen Neubestimmung
der schulischen Begegnung mit Polen gestellt werden. Vor allem
vordergründig moralisierende Konzeptionen dürften heute eher das Gegenteil
von dem bewirken, was sie intendieren. Zeitgeschichtlich sind diese
Problemstellungen sicher auch heute noch interessant und können vor allem
an den beiden Phasen des Umbruchsprozesses 1980/81 und 1989/90 in
Hinblick auf den polnischen Sonderweg der politisch-ökonomischen
Transformation und seine politischen und geschichtlichen Hintergründe im
Politikunterricht thematisiert werden.
Für den Geographieunterricht erscheint es aber
sinnvoller, aktuell auszugehen von der Wahrnehmung der polnischen
Situation durch unsere Schülerinnen und Schüler und von den
gesamteuropäischen Wandlungsprozessen, aus denen die spezifisch
polnische Situation auszudifferenzieren ist.
Dabei sollte berücksichtigt werden, dass heute in
allen Schulbüchern das Thema Polen im Sinne der Grundinformationen
über die Regionalstruktur, die wirtschaftsgeographische Situation – im
Zusammenspiel mit dem eingeführten Schulatlas – und die
zeitgeschichtlichen Hintergründe hinreichend und akzeptabel behandelt
wird, so dass diese Informationen hier nicht noch einmal zusammengestellt
werden brauchen.
Auf unseren Kontext lassen sich in Anlehnung an
Giesecke didaktischen
Leitfragen formulieren:
-
Welche Problemfelder zwischen jungen Deutschen und
Polen liegen vor?
-
Welche gemeinsamen oder unterschiedlichen Ursachen
und Bedingungen für Konflikte liegen vor?
-
Welche Tabubereiche gibt es?
-
Inwieweit liegen identische oder verschiedene
Interessen vor?
-
Welche Handlungsstrategien bieten sich an?
-
Welche Folgen können aus ihrer Umsetzung
resultieren?
-
Inwieweit kann Orientierungswissen gemeinsam
erarbeitet werden?
-
Welche rechtlichen oder anderen Rahmenbedingungen
liegen vor?
Ich denke, daß die Frage nach den Handlungs- und
Orientierungszusammenhängen die Leitschnur für den gemeinsamen Bildungs-
und Erziehungsauftrag darstellen werden und müssen.
Darüber hinausgehende problemorientierte
didaktische Zugänge verfolgen einen kontextuellen aktuellen
Ansatz, der die traditionellen Ansätze erweitert und vertieft mit
Fragestellungen, die die Betroffenheit deutscher Schülerinnen und Schüler
von der Thematik ›Polen‹ mit einbeziehen:
-
Wie entstehen und wirken gegenseitige
Situationswahrnehmungen („Nationalstereotypen“) und Vorurteile?
Wie hindern sie gegebenenfalls bei unseren Schülerinnen und Schüler
einen sachgerechten Zugang zum Thema ›Polen‹?
-
Welche sozioökonomischen Determinanten bestimmen
die Chancen und Risiken der angestrebten EU-Integration Polens und wie
wirkt sich dieser Prozess ökonomisch und wirtschaftsgeographisch auf
Polen aus?
-
Inwieweit wird die polnische Entwicklung durch die
Einbeziehung in Globalisierungs- und Universalisierungsprozesse
bestimmt?
Stärker als zuvor wird auch der Geographieunterricht
weniger das Individuell-Typische der Raumeinheiten herauszuarbeiten
haben, als die kontextuelle Einbindung raumwirksamer Prozesse
in Integrations- und Peripherisierungsprozesse, die durch die
internationalen ökonomischen und politischen Machtbalancen des Weltsystems
vorgezeichnet sind.
Dabei sind wichtige methodische Ansätze zu gewinnen,
gerade bei der geographischen Arbeit über die ost- und südosteuropäischen
Staaten, durch vergleichendes Vorgehen mit den Transformationsprozessen in
den neuen Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland.
2. Exkurs: Vorurteile und Stereotypen
Ansätze, die sich im Unterricht mit Vorurteilen und
Stereotypen befassen, sind bislang vor allem Domäne des
Politikunterrichtes. Ein zeitgemäßer Erdkundeunterricht wird jedoch aus
mehreren Gründen nicht an diesem Themenkomplex – wie auch an anderen
gesellschaftswissenschaftlichen Problemstellungen – vorbeigehen können:
-
Erdkunde gehört zu den
gesellschaftswissenschaftlichen Fächern der Schule – und
schwerpunktmäßig heute auch in der Universität –, die daher die
Einheit der gesellschaftlichen Umwelt und ihrer Wahrnehmung, Wertung
und Nutzung zu thematisieren hat.
-
Länderkundliche Thematiken als reines
Grundwissen zu strukturieren, greift zu kurz. Ansatzpunkt muss die
Wahrnehmung der länderkundlichen sozioökonomischen und politischen
Realitäten durch die Schule und durch die Schülerinnen und Schüler
sein.
-
Vorurteile und Stereotypen strukturieren in
umfassender Weise gesellschaftliche Wahrnehmungen und politische und
soziale Handlungspotentiale; ihre umfassende Thematisierung ist
fächerübergreifende Erziehungsaufgabe der Schule und hier hat gerade ein
moderner Geographieunterricht die Chance, über sachgerechte
länderkundliche Themenzugänge – z.B. zu den Themen Polen, Russland,
Türkei oder Dritte Welt – aufklärerisch zu wirken und Schülerinnen und
Schüler zu vorurteilsloser Begegnung mit dem Fremden oder dem
Ausländer zu befähigen.
Die große Ernüchterung in der heutigen
Begegnung mit Polen zeigt, dass die alten Konzepte und Motive nicht mehr
tragen. Das, was üblicherweise als Normalisierung des
deutsch-polnischen Verhältnisses verstanden wird – vielleicht sogar als
Ergebnis des aktiven Polenengagements der achtziger Jahre – äußert sich
konkret im in Deutschland heute dominierenden Desinteresse an
Polen, wenn es nicht gerade um ökonomische Interessen geht, aber auch im
beängstigenden Wiederaufleben abwertender und aggressiver
Nationalstereotypen. Diese sind nicht mehr wie bei der Kriegs- und
Fluchtgeneration geprägt vom persönlichen Erleben im Zweiten Weltkrieg,
sondern formieren sich heuten um die Vorstellungen von polnischer
Kriminalität, Autoschieberbanden, mafiöser Gewalt und Schwarzarbeit. Diese
negativen Prägungen werden verstärkt durch das durch die ausgrenzende und
rigide Ausländerpolitik und das Betonen der Thematik der
»Inneren Sicherheit« durch die derzeitigen Bundes- und
Landesregierungen, die ein Klima der Abwehr, der Fremdenfeindlichkeit, der
nationalen Feindbilder erzeugt haben.
3. Fachdidaktische Reflexionen
Das Thema Polen ist in allen Bundesländern
Pflichtthema in Rahmenrichtlinien der Fächer Erdkunde/Geographie und
Sozialkunde/Gemeinschaftskunde/Politik geworden. Das lässt sich sinnvoll
begründen
-
durch die regionale, nachbarschaftliche Nähe
und die wachsende ökonomische Verflechtung der Länder Polen und
Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der ›Osterweiterung‹ der
Europäischen Union (EU),
-
und durch die problembeladene Geschichte der
Nachbarschaft, die sozialpsychologisch und soziokulturell auch dann
noch weiter wirksam bleibt, wenn die Generation, die Krieg und
Okkupation noch aktiv miterlebt hat, ausstirbt. Heutige gegenseitige
Stereotype können immer wieder an diese zeitgeschichtlichen Erfahrungen
anknüpfen – und können auch im politischen Interesse aggressiv
funktionalisiert werden.
So allgemeinverständlich eine solche curriculare
Fundierung auch sein mag, reicht sie jedoch auf Dauer nicht aus,
schwerpunktmäßige Pflichtthemen zu legitimieren, erst recht nicht reicht
sie aus, daraus didaktische Konkretisierungen für den Erdkundeunterricht
ziehen zu können.
Es stellt sich am Rande die grundsätzliche Frage, die
gerade am Thema Polen aktualisiert werden kann, inwieweit curriculare
Begründungen überhaupt relevant sind für die tägliche unterrichtliche
Schulpraxis, die ja durch die Vorgaben der Rahmenrichtlinien strukturiert
werden soll.
Ein grundsätzlicher, vor allem politikdidaktischer
Dissens, der deutlich in die Didaktik der so genannten »Wertfächer«
hinweist, kann hier nicht hinreichend diskutiert, sollte aber als Problem
angesprochen werden. Auf der einen Seite steht die Vorstellung von z.B.
Sutor und Gagel, dass dieser »mündige, demokratischen Werten
verpflichtete« junge Mensch durch einen inhaltlich beschreibbaren
»Wertekanon« bzw. »Wertekonsens« bestimmt und erzogen werden
kann; auf der anderen Seite stehen die eher methodisch oder diskursiv
argumentierenden Autoren wie Hilligen, Claußen oder Voigt,
die sich einer inhaltlichen Wertdefinition weitgehend verweigern
und statt dessen Befähigungen und methodische Fähigkeiten,
aber auch die diskursive Einbindung in das »Projekt der Aufklärung«
in den Mittelpunkt ihrer didaktischen Konzeptionen stellen.
Sicher sind gerade auch in der internationalen
Thematik solide kognitive Grundlagen im Bereich des Orientierungswissens
notwendig. Es ist aber notwendig, sich über die schülerseitigen
Rezeptionsbedingungen für dieses Wissen pädagogische Gedanken zu
machen. Dabei wird gerade unter dem Gesichtspunkt des Motivationswandels
in der Jugendkultur sichtbar, dass herkömmliche repetitive und
»lernorientierte« Vermittlungsstrategien an Bedeutung und
Wirkungseffizienz verloren haben. Es ist sinnvoll, fachorientierte und
projektorientierte Unterrichtsmethoden zu überprüfen, wie sie in
Reformkonzepten vor allem wieder seit den 70-er Jahren entwickelt
worden sind.
4. Handlungsorientierte Unterrichtskonzepte
zum Thema Polen
Das Thema »Polen« ist bei Geographen recht
beliebt, da gerade wirtschafts- und sozialgeographische Grundtatsachen am
Beispiel Polens gut entwickelt werden können (Stadtrekonstruktion nach dem
Zweiten Weltkrieg; GOP; Ostseehäfen). Da das Thema in allen
Geographie-Rahmenrichtlinien verbindlich vorgeschrieben ist, findet sich
eine Fülle von Unterrichtseinheiten, die jedoch durch ihre starke
fachliche Einengung selten zur Vorbereitung von direkten Kontakten mit
dem Nachbarland, einer der wichtigsten Zugänge zu einem die Vorurteile
aufbrechenden Zugang zu unserem Nachbarland geeignet sind. Eine positive
Ausnahme macht das Themenheft Polen der Zeitschrift Praxis
Geographie, 4/1992, in dem auch Vorschläge für Schülerreisen zu
finden sind.
Für länderkundliche Themen ist die Geographie
sicherlich die zentrale unterrichtliche Bezugswissenschaft. Auch für die
häufigen und engen Kontakte deutscher Schulen in Schulpartnerschaften und
Schüleraustauschprogrammen gilt länderkundliches Orientierungswissen als
notwendige Voraussetzung für das Verständnis des Lebens in einem fremden
Land. Doch ist die Didaktik der Geographie noch nicht besonders gut darauf
vorbereitet, diese Aufgabe kritisch und das eigene Denken und Urteilen
der Schülerinnen und Schüler fördernd zu übernehmen; zu sehr ist gerade
die Schulgeographie noch alten didaktischen Paradigmen verhaftet. In
jedem Falle können geographische Themenzugänge durch ihre materielle
Konkretheit und eine gewisse »untheoretische« Nüchternheit dazu
beitragen, Polen als sachliches und interessantes Thema zu begreifen und
daraus sehr konkrete Lern- und Arbeitsaufträge zu entwickeln, die den
Bezug zu handlungsorientierten didaktischen Konzeptionen
erleichtern. In der wissenschaftlichen Didaktik des Faches gibt es mehre
innovative Ansätze, deren Verankerung in der Schulgeographie wäre. Da ist
einmal das Konzept der Geographie als politische Bildung, das sein
thematisch umfassendes unterrichtspraktisches Résumé in Metzlers
Handbuch für den Geographieunterricht (HGU) gefunden hat, und zum
andern in der Praktischen Geographie, die Neukirch in Gießen
entwickelt und vielfach publiziert hat. Etwas schwierig ist es für die
Unterrichtspraxis, dass handlungsorientierte geographische
Unterrichtsmodelle sich vor allem auf den Nahraum orientieren,
in dem Schülerinnen und Schüler im Gelände arbeiten können. Im
Rahmen eines Schulpartnerschaftsprogrammes oder von Studienfahrten kommen
aus der Sicht der Geographie vor allem drei praxisorientierte
unterrichtliche Konzeptionen in Frage:
-
Einbindung in eine allgemeinere geographische
Thematik – orientiert an den verbindlichen Schlüsselproblemen –, u.U.
interdisziplinär verbunden mit anderen Fächern wie der Biologie
im Baltic Sea Project, wobei projektorganisierte
Vorbereitungsarbeit am Schulort und die zentrale Empirik (Messung,
Kartierung, lokale Quellenarbeit) während des Aufenthalts in Polen
geleistet wird.
-
Organisation eines geographisch-empirischen
Vergleichs von räumlichen Strukturproblemen und -entwicklungen, bei
denen die empirische Arbeit zwischen den Partnerschulen geteilt und die
Auswertung und der eigentliche Vergleich bei einem Besuch oder einem
wechselseitigen Besuchsturnus gemeinsam erfolgt. Hier wären vor allem
Themen wie Modernisierung und Marktorientierung der Landwirtschaft,
Stadtsanierung, Verkehrsprobleme etc. denkbar. Um einer fachlichen
Einseitigkeit vorzubeugen, sind hier sicherlich ganz bewusst
interdisziplinäre, gesellschaftswissenschaftliche oder historische
Fachphasen mit einzubauen.
-
Arbeit unter Einbeziehung der »Neuen Medien«
mit der Chance, deutsch-polnische Beziehungen in größere internationale
Kontexte einzubeziehen. Sehr schnell werden hier aber engere
geographische Fachbezüge zu überschreiten sein, wenn man hier
zwangsläufig auf Probleme der Globalisierung und der
Universalisierung auch der Lebensformen in den behandelten Ländern
stößt.
In jedem Falle wird hier eine sorgfältige
Projektplanung, die entsprechende didaktisch-methodische Kompetenzen
der beteiligten Lehrerinnen und Lehrer voraussetzt, notwendig sein. Leider
ist der didaktische Diskurs über die Projektarbeit gerade durch die
modisch gewordenen unverbindlichen Projektwochen in den Schulen
weitgehend eingeschlafen, obwohl auch auf kultusministerieller Ebene Ende
der 70-er Jahre hier interessante und pädagogisch anspruchsvolle Konzepte
auch für die Sekundarstufe II – in der sich diese Arbeitsform, die von
vielen Gymnasiallehrern als »pädagogische Mätzchen« abqualifiziert
wird, noch am wenigsten durchgesetzt hat – entwickelt und publiziert
worden sind.
5. Zur Handlungsorientierung
Handlungsorientierung ist zunächst einmal eine sehr
allgemeine Zielvorstellung und ein offenes pädagogisches Konzept, dass
seine fachlichen, unterrichtlichen und didaktischen Konkretisierungen noch
erfahren muss.
Vor allem erscheint uns das Konzept der
Handlungsorientierung geeignet, eine praktische und pragmatische
Verständigungsbasis mit den polnischen Kolleginnen und Kollegen zu
begründen, ohne in problematische theoretische Klärungen und Diskurse
einzutreten, vor allem wo es ganz praktisch um die Vorbereitung, Betreuung
und Auswertung von Reisen nach Polen geht. Handlungsorientierung in diesem
Zusammenhang bedeutet also zunächst einmal nur, von den vorhandenen
schulischen Strukturen und den Fachtraditionen ausgehend
Interaktionsformen des Unterrichts zu entwickeln, die das eigene, ziel-
und erfolgsgerichtete Arbeiten der Schülerinnen und Schüler an den Themen
und Probleme des Partnerlandes und allgemeiner der deutsch-polnischen
Beziehungen möglich macht. Vor allem sollen auch Arbeitsformen gefunden
werden, in denen deutsche und polnische Schülerinnen und Schüler trotz
aller Sprachprobleme gemeinsame Fragestellungen und Beobachtungen finden
können.
Handlungsorientierung führt letztlich bei seiner
Verfeinerung und Weiterentwicklung zum projektorientierten Lernen. Daher
könnten bestimmte Charakteristiken der Handlungsorientierung auch aus den
Charakteristiken des Projektarbeitens abgeleitet werden. Zu nennen wären
dabei vor allem die Kriterien: Gemeinsam entwickelte, aus der Realität
abgeleitete Aufgabenstellungen, Offenheit des Arbeitsergebnisses,
(unterstützte) Selbstorganisation und Ergebnisüberprüfung des
Arbeitsprozesses in Arbeitsgruppen, Auswertung der Arbeitsergebnisse,
»Produktorientierung«, d.h. Anstreben eines kommunizierbaren Ergebnisses
(Bericht, Ausstellung, Veröffentlichung). Aber während sich in der
Konsequenz Projekte als Alternativen zum »traditionellen
Lernunterricht« verstehen, ist Handlungsorientierung ein
ergänzendes und erweiterndes, d.h. auch: belebendes und motivierendes
Attribut, das den herkömmlichen Unterrichtskontexten und Fachcurricula
zugeordnet wird.
Handlungsorientierung bedeutet aber immer die Öffnung
des Lernens für nicht vorhergesehene Ergebnisse und Einsichten, das
Hereinholen von Informationen und aktuellen Kommunikationsmitteln, die
noch nicht didaktisch prästrukturiert sind, und die Nutzung
außerschulischer Kommunikationsbeziehungen und Lernorte. Das erfordert und
fördert rein höheres Maß an Selbsttätigkeit bei den Schülerinnen und
Schülern; von den Lehrerinnen und Lehrern verlangt es, sich wenigsten
ansatzweise für fachfremde und fächerübergreifende Fragestellungen und
Perspektiven zu öffnen.
6. Vorschlag für eine Unterrichtseinheit zum
Thema Polen
-
Sammeln und Auswerten von subjektiven Urteilen
über Polen (Stereotypen). Entwickeln einer Fragestellung, wie es zu
diesen Stereotypen kommen konnte.
-
Material- und Atlasarbeit: Planung einer (fiktiven)
Polenreise: Was muss alles berücksichtigt werden (Reisebüro
einschalten), was werden wir sehen (Reiseführer), wie werden wir
empfangen werden (Reiseberichte, z.B. auch von Schülerreisen auswerten).
-
Wie sind die heutigen Lebensbedingungen in Polen
(Gruppenarbeit): Ökonomische Situation (Zeitungsberichte, Informationen
z.B. von der Bank), Diskussion EU-Beitritt (im Schulbuch und in
Nachschlagewerken das Grundwissen erarbeiten).
-
Wo werden wir in Polen mit der Vergangenheit
konfrontiert werden und wie werden wir sie selbst erleben? (1918, 1939,
1945, 1970, 1980 ...)
-
Abschlussdiskussion (oder Vorlage eines
entsprechenden Berichtes): Welche Chancen haben die deutsch-polnischen
Beziehungen heute?
Basismaterialien für die Unterrichtseinheit
Zu Abschnitt 1: Deutsche Vorurteile
gegenüber Polen
a.
Eine Klage
Doch bei jungen Deutschen ist das Interesse an einer
Beschäftigung mit den östlichen Nachbarn nicht sehr ausgeprägt. Das
berichtete Professor Konstanty Kalinowski aus Pozńan, der verblüfft
registrierte, dass immer weniger deutsche Studenten an polnischen
Universitäten studieren. Auch deutsche Jugendliche lassen sich kaum noch
für Reisen nach Polen begeistern, wie eine hessische Lehrerin berichtete.
„Polen ist für deutsche Schüler kein interessantes Land mehr“, sagte die
junge Frau und vermutet als Grund: „Polen ist arm. Die Deutschen fühlen
sich den Polen überlegen.“
b.
Ein Schülerbericht
„Kaum gestohlen, schon in Polen?“ – Wer sich vor Ort
umschaut, baut Vorurteile ab. Wenn man das Wort Polen hört, denkt man
zuerst an die vielen Vorurteile, die man überall schon einmal gehört hat.
Fast täglich wird man mit Witzen über Polen konfrontiert. Viele glauben,
dass sie angeblich kein Geld haben, faul seien, und daß alle ärmlich
gekleidet seien. Durch den täglichen Umgang mit solchen Vorurteilen wird
die einseitige Meinung bei vielen Deutschen gefestigt. Wieso ist das so?
Erkennt man denn einen Polen schon an der „Nasenspitze“?
Wir wurden von dem Gegenteil überzeugt. Deutsche und
Polen lassen sich vom Äußeren und vom Charakter nicht voneinander
unterscheiden. Besonders die Mädchen und Frauen achten auf ein gepflegtes
Aussehen.
Überall wird gearbeitet: Städte, Parks und Dörfer
werden renoviert und aufgebaut. Viele Familien, besonders in den
Großstädten, haben denselben Lebensstandard wie wir auch. Computer,
Fernseher, Videorecorder und Markenkleidung gehörten dort, wie bei uns,
zum täglichen Leben. Lebensmittel, Kosmetikartikel (von der Drogeriekette
Rossmann), sind mit unseren „westlichen“ Produkten identisch. Auch haben
polnische Familien die gleichen Urlaubsziele wie wir: Von den
einheimischen Bergen über Italien bis nach Amerika.
Dem positiven Eindruck, den wir vom Leben in Warschau
gewonnen haben, steht die langsame Entwicklung auf dem Land gegenüber.
Schülerbericht aus der IGS Langenhagen bei Hannover
(Hannoversche Allgemeine Zeitung)
Zu Abschnitt 2: Wir machen eine Reise nach
Polen
a.
In polnischen Schulen
Wenn wir in Polen eine Partnerschule besuchen, werden
wir viele Gemeinsamkeiten mit unseren Schulen, aber auch einige wichtige
Unterschiede feststellen, über die es sich lohnt nachzudenken. Polnische
Schülerinnen und Schüler lachen, spielen und toben genauso gerne wie wir.
Auf dem Schulhof in den großen Pausen ist es oft noch lauter als bei uns,
denn die Schulhöfe sind oft kleiner, haben keine Spielgeräte und sind
asphaltiert.
Überhaupt sehen viele polnische Schulen ärmer und
einfacher aus als unsere Schulen. Das liegt daran, dass Polen insgesamt
ein ärmeres Land ist als Deutschland.
Wir werden, wenn wir uns über die Geschichte Polens
informieren, Gründe für diese Armut finden. Auch nach der »politischen
Wende« in Polen 1989/91, als die kommunistische Regierung zu Ende war und
erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg freie Wahlen in Polen stattfanden –
wir kennen das aus unsrer eigenen Geschichte, wenn wir das Ende der DDR
und die Probleme der »neuen Bundesländer« ansehen – konnten die
wirtschaftlichen Probleme nicht gelöst werden. Polen möchte seine
Wirtschaft wieder aufbauen in enger Zusammenarbeit mit der Europäischen
Union (EU) und dem westlichen Nachbarn Deutschland.
Nicht nur Rentner und Arbeitslose wissen oft nicht,
wie sie genügend Zloty zum Leben bekommen können. Auch die Lehrerinnen an
den polnischen Schulen verdienen sehr wenig, teilweise weniger als ein
Fabrikarbeiter, umgerechnet so etwas 300,-- DM im Monat. Dass dabei in der
Familie alle mitarbeiten und Geld verdienen müssen, ist in Polen üblich.
Viel Geld für die Schulen ist nicht da, noch viel
weniger als bei uns. In den vierzig Jahren nach dem Krieg – Polens
Bevölkerung wächst noch immer recht schnell und es gibt viele Kinder, die
eingeschult werden müssen – wurden viele neue Schulen schnell und einfach
errichtet; die Ausstattung umfasst nur das Nötigste, Arbeitsplätze für den
naturwissenschaftlichen Unterricht findet man selten und erst recht keine
»Sprachlabors« oder gut ausgestattete Medienräume.
Die Klassen sind groß und die Lehrerinnen müssen so
viele Stunden unterrichten, daß sie oft mit ihren Kräften am Ende sind.
Daher wird noch viel mehr Wert auf Disziplin und Ordnung im Unterricht
gelegt als bei uns. Wenn die Lehrerin eintritt, stehen die Schülerinnen
und Schüler auf und begrüßen sie laut.
Aber auch sonst sind die Umgangsformen in Polen oft
viel höflicher als bei uns in Deutschland. Besonders Gäste werden umsorgt
und verwöhnt.
-
Was kann sich in Eurer Schule ändern, wenn Ihr eine
Schulpartnerschaft eingeht? (Denkt dabei auch an die Einladung der
polnischen Gäste in Eure Familien und ihre Teilnahme an Eurem
Unterricht!)
-
Was kann sich in Deutschland und in Polen ändern,
wenn möglichst viele Schulpartnerschaften vereinbart werden? (Denkt
dabei auch an die Vergangenheit der beiden Völker miteinander!)
-
Welche Einwände könntet ihr bei älteren Personen
hören, wenn ihr nach Polen reisen und eine polnische Partnerschule
besuchen wollt? (Denkt dabei auch an die leidvollen Erfahrungen, die in
der Generation Eurer Großeltern die aus Schlesien oder Pommern und
Danzig geflohenen und vertriebenen Menschen am Ende des Zweiten
Weltkrieges gemacht haben!)
b.
Ratschläge für Polenreisen
Adressen von Partnerschulen in Polen erhaltet Ihr,
wenn Ihr nicht selbst Freunde oder Bekannte in Polen habt, durch die
Schulabteilungen der Kultusministerien, durch die Landeszentralen für
Politische Bildung, durch Eure Heimatgemeinde, wenn sie – was oft der Fall
ist – eine polnische Partnerstadt hat oder durch das
Deutsch-polnische Jugendwerk (DPJW). Schreibt doch einmal hin!
Polenreisen kosten Geld. Überlegt, wie Ihr Eure Planungen finanzieren
könnt. Vielleicht helfen der Schulträger, die Stadt oder die Gemeinde,
oder auch Geschäfte am Ort?
Die polnischen Schülerinnen und Schüler haben es aber
mit dem Gegenbesuch noch viel schwerer, da sie meist viel weniger Geld
haben als Ihr. Hier hilft das DPJW! Bringt die Gäste aber unbedingt in
Euren Familien unter.
Zu Abschnitt 3: Lebensbedingungen im
heutigen Polen
a.
Allgemeine Wirtschaftsdaten
|
|
1994 |
1995* |
1996* |
|
reales BIP (Veränderung in %) |
5,0 |
5,8 |
4,8 |
|
Inflation der Verbraucherpreise
(Jahresdurchschnitt, in %) |
32,2 |
30,0 |
23,5 |
|
Exporte (in Mio. $) |
16.950,0 |
18.391,0 |
19.777,0 |
|
Importe (in Mio. $) |
18.700,0 |
20.607,0 |
22.833,0 |
|
Handelsbilanz (in Mio. $) |
1.750,0 |
2.216,0 |
3.056,0 |
|
Leistungsbilanz (in Mio. $) |
1.650,0 |
2.031,0 |
2.920,0 |
|
Gesamtschulden (in Mio. $) |
44.033,0 |
44.983,0 |
47.168,0 |
|
Wechselkurs (Durchschnitt, Zł:$) |
2,3 |
2,4 |
2,6 |
* = Hochrechnung
b.
Wie sieht die Wirtschaft die Lage in Polen?
Im laufenden Jahr wird Polen zum vierten Mal in Folge
ein beeindruckendes BIP-Wachstum erzielen. Offizielle Schätzungen sprechen
für dieses Jahr von 7 %, das tatsächliche Wachstum dürfte angesichts der
umfangreichen Schattenwirtschaft aber weit höher liegen.
Investitionen und Produktionsboom sind die treibenden
Kräfte des Wachstums. Die Industrieproduktion stieg in der ersten
Jahreshälfte um 12,8 %; dabei handelt es sich um das beste Ergebnis seit
Jahrzehnten, sogar das Niveau aus dem Jahr 1990 wurde übertroffen. Am
besten schnitten die Chemie, die Metallurgie, der Maschinenbau, die
Automobilindustrie sowie die Branchen Möbel, Papier und Zellstoff ab. Der
Anteil der High-Tech-Sektoren steigt langsam, aber beständig. Mit einem
Plus von 11 % erzielte der Bausektor (Gewerbe- und Industriebauten) den
höchsten Zuwachs seit zehn Jahren. Der Anteil der Firmen, die Nettogewinne
erwirtschafteten, stieg von 49,8 auf 55,8 %.
Endlich werden die makroökonomischen Erfolge auch für
die Bevölkerung spürbar. Die Arbeitslosenrate ist rückläufig (trotz des
kurzfristigen, von den Schulabgängern verursachten Anstiegs im Juni); sie
beträgt 15 %, worin allerdings die umfangreichen Aktivitäten in der
Schattenwirtschaft nicht berücksichtigt sind. Die Reallöhne in der
Industrie zogen im ersten Halbjahr um 1,7 % an (im Vorjahr gab es ein Plus
von 4,2 %). Die Bediensteten des öffentlichen Sektors mussten aber
Einbußen hinnehmen, ihr Einkommen liegt bei nur noch 83 % des
Durchschnittlohns in der Industrie. Die Rentner gehören im statistischen
Durchschnitt nicht zu den Verlierern der Reform, weil ihre Bezüge von
48 % des Durchschnittlohns (1989) auf 63 % (1993) gestiegen sind (der
Durchschnittslohn beträgt 550 Zloty netto, etwa 222 Dollar). Die
Mindestrente reicht ohne Zusatzeinkommen trotzdem kaum zum Überleben.
c.
Das zentrale Problem: Die Arbeitslosigkeit
Besorgniserregende Arbeitslosigkeit: Die
Arbeitslosigkeit bleibt trotz der Konjunkturverbesserung hoch. Sie stieg
von 13,6 % der erwerbstätigen Bevölkerung Ende 1992 auf 15,7 % Ende 1993
und erreichte im Februar 1994 sogar 16,1 % der erwerbstätigen Bevölkerung
(2.972.800 Arbeitslose).
Die Struktur der Arbeitslosigkeit ist ebenfalls
beunruhigend: bei 70 % der Arbeitslosen übersteigt die Dauer der
Arbeitslosigkeit 6 Monate; die Arbeitslosigkeit betrifft in erster Linie
Jugendliche, und die regionalen Unterschiede sind so groß, dass manche
Regionen im Norden (Koszalin) und Nordosten (Suwalki) Arbeitslosenquoten
von knapp 30% verzeichnen.
-
Untersucht auf der Karte und mit Hilfe des Atlas,
welche Rohstoffe und Industrien sich im Oberschlesischen Industrierevier
finden.
-
Beschreibt die Lage und Struktur der Städte und
Verkehrswege und überlegt, wie sich das Alltagsleben im Industrierevier
wohl abspielt. Vergleicht die Ergebnisse eurer Überlegungen mit den
Lebensverhältnissen an eurem eigenen Heimatort!
Zu Abschnitt 4: Die polnische Krise in
Geschichte und Gegenwart
So sind zwei Seiten dieser „materiellen Krise“
gegenüber zu stellen: die Systemkrise des ökonomischen Systems der
Volksrepublik, die zu einer Transformationskrise des heutigen Polens
geworden ist und die sowohl durch die marktwirtschaftliche Eigendynamik
als auch durch die – wenn auch wechselnde und in ihren Zielen nicht
durchweg konsistente – Wirtschaftspolitik überwunden werden kann und schon
überwunden wird, und die soziale Krise des Erlebens täglicher Probleme und
mangelnder Zukunftsperspektiven für die „Verlierer des sozioökonomischen
Wandels“.
Der umfassende Begriff „Krise“ greift zu kurz und
differenziert die gesellschaftliche Situation zu wenig. Es sind zu
unterscheiden: Transformationskrisen: Krisenerscheinungen, die sich aus
der instabilen Lage beim Übergang von einer zu einer anderen Wirtschafts-
und Staatsordnung ergeben; Systemkrisen: Krisenerscheinungen, die sich
aus „Fehlern“ im Steuerungsmodell eines Wirtschafts- oder Staatssystems
ergeben (rechtliche und ökonomische Unvereinbarkeiten,
Kommunikationsbarrieren, konkurrierende Eliten: solche Systemkrisen treten
regelmäßig in allen Gesellschaftsordnungen auf); Strukturkrisen:
Deformationen, Disproportionen und Brüche in der räumlichen und sozialen
Struktur einer Gesellschaft, die die Brüche und Krisen der erlebten und
erlittenen Geschichte widerspiegeln.
Wirtschafts- und sozialgeographisch treten in Polen
diese Strukturdisparitäten sehr deutlich in den Vordergrund und spiegeln
in gewisser Weise die polnische Geschichte, die Teilungszeiten und die
Grenzverschiebungen im 20. Jh. In der Arbeitslosigkeit ist ein deutliches
Süd-Nord-Gefälle vom Oberschlesischen Industrierevier (GOP) zur
Ostseeküste, im marktwirtschaftlichen und infrastrukturellen
Entwicklungsstand dagegen ein West-Ost-Gefälle und damit zusammengefasst
in der Beurteilung der ökonomischen Perspektiven der einzelnen
Wojewodschaften ein Südwest-Nordostgefälle zu erkennen, das von den
üblichen zentral-peripheren Disparitäten der städtischen und ländlichen
Regionen überlagert wird. Polen erlitt im Laufe seiner Geschichte
mehrfach fundamentale räumliche Verschiebungen nach Osten bzw. nach
Westen. Dabei war Ostverschiebung meist mit einer politischen Option für
die westlichen Kontakte, Westverschiebung mit der Option für östliche
politische Integration verbunden. Die räumlichen Verschiebungen drücken
sich in strukturellen Deformationen und Disparitäten aus, die unmittelbar
hemmenden Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung haben (defizitäre
Infrastruktur, labile außenwirtschaftliche Verflechtungen). Eine
Wirtschafts- und Sozialanalyse darf somit nicht auf den Daten für
Gesamtpolen stehen bleiben, sondern muss feiner differenzieren und
regionalisieren und kann dann erst konkretere Perspektiven für die
Entwicklung Polens erarbeiten. [J. Szlachta 1991, Matykowski,
Stryakiewicz 1991, Statistische Jahrbücher 1975-1992, GUS, Warszawa:
verwendet nach B. Kortus, Wirtschaftlich-räumliche
Wandlungsprozesse in Polen. In: Politik Unterricht Aktuell. Informationen
aus dem Verband der Politiklehrer e.V., Hannover, 1/93 (April), S. 11-16].
Hier bietet sich ein erster Vergleich der
Wandlungsprozesse in Polen und in den neuen Bundesländern in der
Bundesrepublik Deutschland an. Die Transformationsaufgabe ist in Polen um
ein vielfaches schwieriger und problematischer, da einerseits die massive
materielle Hilfe aus Bundeshaushalt und EU-Fonds fehlt – wobei hier das
Problem der sozialen und politischen Vereinnahmung als Hauptelement der
subjektiven Krisenwahrnehmung noch ausgeklammert bleiben soll – und
andererseits im Gegensatz zu Deutschland die Republik Polen ihre gesamte
ökonomische und politische Stellung in Europa neu definieren, alle
zwischenstaatlichen Verträge und die Rechtswirksamkeit der Grenzen zu den
Nachbarn neu aushandeln muss: ist doch kein unmittelbarer Nachbar Polens
völkerrechtlich bzw. in seinem politisch-gesellschaftlichen Grundsystem
identisch geblieben [Russland, Litauen, Weißrussland, Ukraine, Slowakei,
Tschechin und die Bundesrepublik Deutschland sind die neuen Nachbarn
Polens].
-
Beschreibe die Erfahrungen, die die Polen in den
letzten hundert Jahren mit ihren deutschen Nachbarn gemacht haben und
überlege, warum die ältere Generation, wie der Direktor der Schule im
letzten Text sagte, noch immer etwas misstrauisch ist und vielleicht
auch Vorurteile gegen Deutschland hat.
-
Erläutere aus den Lebensgeschichten von
Schülerfamilien heraus, welche Erfahrungen in der polnischen
Gesellschaft und mit dem polnischen Staat zur politischen Wende
geführt haben und wie sie erkämpft worden ist.
-
Überlege, was die Schüler und Schülerinnen in Polen
und in Deutschland von einer gemeinsamen Zukunft in Europa erwarten
können und was sie für ein friedliches Zusammenleben tun können.
-
Gruppenarbeit: Befragt bei Euch in der Familie und
in der Verwandtschaft ältere Menschen nach ihren Erinnerungen an den
Krieg und die Nachkriegszeit und vergleicht diese Erlebnisse mit denen
der polnischen Menschen in dieser Zeit. Kennt ihr jemanden, der selbst
aus Polen kommt oder als Deutscher aus heute polnischen Gebieten nach
Westdeutschland kam? Befragt bitte auch diese Personen!
Quellen:
1. a: „Zeitung in der Schule (ZiS)“: Dzien dobry –
„Wenn einer eine Reise tut...“. Schülerinnen und Schüler der IGS
Langenhagen berichten von einer Polenreise. Hannoversche Allgemeine
Zeitung, Nr. 153, Donnerstag, 3. Juli 1997, S. 22..
1. b: Neue Presse [Hannover] vom 6.6.95.
2. a/b: Vorentwürfe von G. Voigt für „Das IGL-Buch“,
Bd. 2. © für die Endfassung: Klett-Verlag Stuttgart.
3. a: Crédit Lyonnais International: Wirtschaftliche
Verhältnisse. Länderbericht Polen. CLI Informationen für international
tätige Unternehmen. Nr. 3 / 1994. S. 28/29.
3. b/c: OstWirtschaftsReport: Polen: Boomende
Wirtschaft aber hartnäckige Inflation. OWR Nr. 20 vom 29.9.1985, S.
283-285. {Durch BfG Bank AG Hannover.}.
4.: Gerhard Voigt:
Polen und Deutsche – Eine schwierige Nachbarschaft?
Texte zur Politischen Bildung Heft 25. Rosa-Luxemburg-Verein, Leipzig
1997.
Literaturhinweise
Gut geeignet als Ergänzung zu den geographischen und
wirtschaftsgeographische Materialien (Atlas, Schulbuch) sind:
Skorupski, Jan Stanisaw,
1991: ...um die Polen zu Verstehen. Texte zur Zeit. Aufbau
Taschenbuch 42. Berlin.
Hahn, Hans Henning, u.a., 1995: Polen und
Deutschland. Nachbarn in Europa. Niedersächsische Landeszentrale für
politische Bildung, Hannover.
Urban, Thomas, 1993: Deutsch in Polen.
Geschichte und Gegenwart einer Minderheit. Beck’sche Reihe 1012.
München.
Atlaskarten:
Unsere Welt. Mensch und Raum: 84 (Mitteleuropa:
Physische Karte), 85 (Mitteleuropa: Wirtschaftskarte)
Alexander Weltatlas: 26/27 (Mitteleuropa.
Grundkarte/Wirtschaft)
Diercke Weltatlas: 14/15 (Mitteleuropa,
physisch-geographisch), 96/97 (West- und Mitteleuropa – Wirtschaft), 98
Polen (Warschau, GOP)
Anmerkungen
Dieser Aufsatz wurde unter Verwendung gemeinsamer
Konzepte in Zusammenarbeit mit Lothar Nettelmann verfasst, dem ich für
seine Mitwirkung zu Dank verpflichtet bin.
Zur Problematik des Krisenbegriffes vgl. Nettelmann,
Lothar und Gerhard Voigt: Reflexionen zum Begriff der Krise. In:
politik unterricht aktuell (Verband der Politiklehrer e.V., Hannover)
Heft 1-2/1996: 19-38.
Dies wird eingehend reflektiert u.a. bei Jernsson,
Feo: Polen. Gesellschaft, Wirtschaft und Staat im Wandel. München
1971: 17-19, 53-62; Jernsson, Feo: Polen im Widerspruch. Eine
geistig-politische Landschaftsbeschreibung. München 1987: 11-33;
Nettelmann, Lothar und Gerhard Voigt: Polen – Nation ohne Ausweg?
München 1986: 58-75, 136-139, 163-172.
Vgl. Nettelmann, Lothar, 1997: Polnische
Intellektuelle und Arbeiter 1980/81. politik unterricht aktuell
(Verband der Politiklehrer e.V., Hannover), Sonderheft 1/1997.
Giesecke, Hermann: Kleine Didaktik des politischen
Unterrichts. Schwalbach/Ts 1997.
Vgl. dazu Ansätze der Weltsystemtheorie nach
Wallerstein, Immanuel: The Modern World-System. New York 1974.
Zusammenfassende Darstellung und Rezension bei Krippendorf,
Ekkehart: Jeder Entstehung des internationalen Systems. In: Neue
Politische Literatur XXII/1 (1977): 36-48.
Voigt, Gerhard: Rechtsextremismus und
Ausländerinnen und Ausländer im Unterricht. Ausgewählte Aspekte der
Methodik und Didaktik. Politik–Wissenschaft–Bildung Heft 12. Hamburg
1993.
Vgl. die Kontroverse um die »Westbindung« bzw. die »katastrophenphobiehafter
West-Orientierung« in den Zeitschriften »Politische Bildung« und
»politik unterricht aktuell« zwischen Gagel, Wellie und
Claußen [PoBi 2/94, PUA 1-2/96, PUA 1-2/97, PUA 1/98] und den
Aufsatz über die Widerständigkeit als Gültigkeitsproblem der
Politischen Bildung [Voigt, Gerhard, 2001: Widerständigkeit als
Gültigkeitsproblem Politischer Bildung zwischen
Universalisierungsanspruch und Nationfixierung. In: Claußen, Bernhard
/ Donner, Wolfgang / Voigt, Gerhard, Hrsg., 2001: Krise der Politik –
Politische Bildung in der Krise? Diskussionsbeiträge aus der Arbeit
der Akademie für Politik, Wirtschaft und Kultur in
Mecklenburg-Vorpommern in Zusammenarbeit mit dem Verband der
Politiklehrer. Demokratie und Aufklärung: Kritische
Sozialwissenschaften und Politische Bildung im Diskurs – Materialien,
Band 1. Glienicke / Cambridge/Mass.]
Voigt, Gerhard: Schülerreisen nach Polen. Praxis
Geographie, Heft 4, 1992. S. 44-46. Vgl. im gleichen Heft: Voigt,
Gerhard / Dutkowski, Marek: Die Danziger Werft: Symbol der
Krise und der Erneuerung. Praxis Geographie, Heft 4, 1992. S. 26-31.
In diesem Aufsatz wird bewußt versucht, über die geographischen
Fachbegrenzungen hinweg auf die Wahrnehmung des gesellschaftlichen
Wandels zu blicken.
Vgl. Gerhard Voigt: Geographische Grundpositionen im
Widerstreit. Zeitschrift für den Erdkundeunterricht, 46. Jg., Heft
11, 1994, S. 436-440.
Z.B. in Niedersachsen in den Erdkundekursen Voigt,
Gerhard / Günter Fuchs / Wilfried Eilers: Sozioökologie.
Gesellschaftliche Probleme in einer sich wandelnden Umwelt.
Handreichungen für den Sekundarbereich II. Hrsg. vom Niedersächsischen
Kultusminister, Hannover, Folge B 4, Band 1, 1978: 89-209; Behr, A.
/ Friebe, G. / Voigt, G.: Wirtschafts- und sozialgeographische
Feldstudien. Handreichungen für den Sekundarbereich II. Hrsg. vom
Niedersächsischen Kultusminister, Hannover, Folge B 3, 1976. In diesem
Kursentwurf findet sich auch der Versuch, Projektarbeit als graphisch
darzustellenden Programmablauf zu beschreiben und zu rationalisieren.
Dokument Information
Aus dem Manuskript veröffentlicht und revidiert.
Vorgesehen für die „Zeitschrift für den Erdkundeunterricht“ 1994. –
Zusammenstellung der Unterrichtsmaterialien revidiert (X/2011)
Fassung: 28.10.2007 / 18.10.2011
Internet Publikation für den Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20,
30952 Ronnenberg / Region Hannover
Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)
auf
http://www.voigt-bismarckschule.de und
http://www.polen-didaktik.de
am 18.10.2011 |
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